Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Zurückhaltung statt Elternstolz

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Endlich traut sich das Kind – kein Wunder, dass es die Begeisterung der Eltern live mitbekommen will.

Unsere Tochter hat das Seepferdchen gemacht – mitten in der Corona-Zeit. Wir hatten mit etwas Mühe in der Nachbarstadt eine Schwimmschule gefunden. Die Eltern mussten draußen bleiben, denn das Hygienekonzept wurde preußisch genau eingehalten, und das in Bayern. Aber das soll gar nicht das Thema sein.

Es war zu Beginn der letzten Kursstunde. Der Schwimmlehrer rief Eltern und Kinder zusammen. Zur großen Überraschung bekamen unsere Tochter und ein weiteres Kind eine Urkunde und das Seepferdchen überreicht. Ich war sprachlos. Nein, mehr als das, ich war vor lauter Stolz den Tränen nah. Vor allem, weil unsere Tochter vorher kein einziges Wort darüber verloren hatte, denn die Schwimmprüfung musste sie ja schon in der Vorwoche abgelegt haben. Sie hatte dichtgehalten, um uns zu überraschen. Ich musste mein Glück mit jemandem teilen und tat das dann auch: Ruckzuck war ein Foto von dem stolzen Kind mit Seepferdchen auf dem Weg zu meiner Frau. Auch die war baff und glücklich, wie ich an den Emojis in ihrer Antwort las.

Nach der Schwimmstunde saßen wir im Auto. Ich vorne links, Tina hinten rechts. Wir hörten Musik, wahrscheinlich war es „Supergirl“ von Suli Puschban oder irgendwas von Anna und Elsa. Wir wippten und summten vergnügt mit. Tina hielt ihr kleines orangenes Seepferdchen-Abzeichen die ganze Zeit in der Hand. „Du, Papa?“ sagte sie plötzlich. „Ja, was ist denn?“ fragte ich mit einem Blick in den Rückspiegel. „Ich will Mama selbst sagen, dass ich das Seepferdchen geschafft habe. Okay?“ Stille. „Äh … ja, okay.“ Aber das war es nicht. Natürlich möchte das Kind das selber erzählen, ärgerte ich mich. Und natürlich hätte ich als aufrichtiger Vater sofort zugeben sollen, dass ihre Mutter das leider schon weiß, weil ich ihr das über das Handy schon mitgeteilt habe, weil ich vor lauter Freude und Stolz nicht nachgedacht habe, verdammt. Aber das tat ich nicht. Stattdessen schrieb ich halsbrecherisch und höchst illegal beim Autofahren eine Nachricht an meine Frau. „Tina möchte Dir das mit dem Seepferdchen selber sagen. Du weißt von nichts.“

Wenige Minuten später waren wir zu Hause. Tina stieg aus dem Auto, schritt Richtung Haustür und klingelte. Ich holte ihre Schwimmsachen aus dem Kofferraum, als die Tür aufging. Ihr Bruder drückte sie voller Freude an sich und rief: „Tina, Du hast das Seepferdchen! Du kannst schwimmen. Super!“ Alle Freude war verflogen. Die Fünfjährige drehte sich um, blickte mich entsetzt an und klagte: „Papa, ich wollte das sagen. Warum hast du es doch schon gesagt?“ Dann brach sie in Tränen aus. Verräter, dachte ich. Idiot, Lügner. Da wollte ich doch nur …

Ich versuchte zu erklären, warum ich ihrer Mutter das Bild geschickt hatte, aber es war zwecklos. Das Mädchen war sauer und enttäuscht. Wahrscheinlich hatte sie sich ausgemalt, wie sehr sich ihre Mama freuen würde. Kurz darauf erschien meine Frau. Sie sagte zerknirscht: „Entschuldige, ich habe deine Nachricht erst gerade gelesen. Ich war in einer Telefonkonferenz.“

Nach dieser blöden Erfahrung stellten meine Frau und ich unser Verhalten auf den Prüfstand. Wie kriegen wir unsere „Mitteileritis“ in den Griff? Es war nämlich nicht das erste Mal. So musste unser Sohn Theo mehrfach feststellen, dass seine Mutter schon wusste, wie viele Tore er bei einem Fußballspiel geschossen hatte, obwohl sie gar nicht dabei war. Papa hatte schon eine WhatsApp geschickt. Wir nehmen den Kindern so die Möglichkeit, eigene Erlebnisse selbst zu schildern und echte Reaktionen darauf zu erleben. Wie wichtig das ist, verdeutlichte mir meine Schwester, als ich ihr den Vorfall schilderte. Sie ist Diplom-Pädagogin, arbeitet mit Kindern und hat selbst zwei Söhne.

„So etwas wie das Seepferdchen ist ein kleiner Meilenstein für ein Kind. So bedeutend wie die ersten Schritte oder Fahrradfahren“, sagte sie. „Diese Momente erlebt man nur einmal im Leben. Die Kinder wissen das. Sie sind stolz. Sie sagen: ‚Ich habe das geschafft und ich verbreite selber, dass ich es geschafft habe.’“ Wenn dann jemand anderes ihre Leistung vorher ausplappert, sei das „wie eine Ohrfeige“.

Mit Smartphones sei das eh so eine Sache, sagt meine Pädagogen-Schwester und nennt ein anderes Beispiel. Jeder kenne das: Ein Elternteil ist zu Hause, das andere unterwegs. Wegen irgendetwas gibt es Ärger mit einem Kind. Um sich Luft zu machen, greift man zum Handy und teilt seinen Frust mit dem Partner. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Für das Kind kann das aber doppeltes Leid bedeuten. Denn der Konflikt komme zweimal auf den Tisch: Einmal mit Elternteil eins und zum zweiten Mal, wenn Elternteil zwei nach Hause kommt. „Für die Kinder bedeutet das Stress“, erklärt mir meine Schwester. „Versetz dich seine Lage: Mit der Mutter ist die Sache aus der Welt. Aber dann kommt der Vater nach Hause und das gleiche Thema kommt noch einmal auf den Tisch.“ Aus Sicht des Kindes seien Smartphones einfach unfair. Denn im Gegensatz zu den Eltern habe das Kind keine Möglichkeit, seinen Frust mit jemandem zu teilen.  

Meine Frau und ich haben uns jetzt darauf verständigt, Handys aus dem Spiel zu lassen. Die Kinder entscheiden, ob wir Erlebnisse mit dem anderen Elternteil teilen dürfen oder ob sie selber berichten wollen. Bei Streitereien ist zunächst einmal derjenige gefragt, der unmittelbar beteiligt ist. Wenn es keine Lösung gibt, wird der andere hinzugeholt. Bis jetzt funktioniert das. Es lebe das gute, alte Gespräch.

Für Tinas Seepferdchen kam diese Erkenntnis zu spät. Das durften das Kind und ich nach dem Schwimmkurs noch einmal deutlich spüren: Am nächsten Tag brachte ich sie in die Kita. Sie war voller Vorfreude. Gleich würde sie ihren Freundinnen und Erziehern die Neuigkeit erzählen. Am Eingang wartete schon ein Empfangskomitee, bestehend aus drei Gleichaltrigen und einem Erzieher. „Ich kann schwimmen, ich habe das Seepferdchen!“ rief Tina stolz. Sofort antwortete ihre Freundin Sarah: „Ach ja, das hat mir Mama schon erzählt. Sie hat mir ein Foto von dir gezeigt.“ Wumms, die nächste Ohrfeige. „Papa! Du sollst das doch nicht…“ Riesige Kinderaugen voller Kummer und Tränen und wieder dieses Versagergefühl bei mir. Meine Frau hatte das Bild in ihren WhatsApp-Status gestellt.


2 Lesermeinungen

  1. CNehring sagt:

    In Tränen ausbrechen
    Botschaft ist klug, allerdings deswegen in Tränen auszubrechen dürfte dem Kind sicherlich nicht das beste Gefühl vermittelt haben- erst plappert Papa und dann ist mei Wunsch auch noch Schuld fürs Weinen. War Mist von mir – hätte es wohl auch getan

  2. dc-3 sagt:

    Tja, das sind halt die Schattenseiten...
    …der dauernden Whatsapperei!

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