Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Ein letztes Mal mit Christkind

| 19 Lesermeinungen

O Tannenbaum, wer hat die Geschenke hier abgelegt?

Verplappert hatte ich mich, aber volles Programm. Mein Sohn und ich waren unterwegs in der Fränkischen Schweiz. Wandern, picknicken und reden. Über Fußball, Schule und über meine Kindheit. Ich erzählte Theo zum x-ten Mal, dass mein Vater früher einen Handwerksbetrieb hatte.

„Haben viele Leute für Opa gearbeitet?“ fragte er.

„Na ja, so gut zwanzig waren es schon“, antwortete ich.

„So viele? Hat Opa ganz viel Geld verdient?“

„Es ging uns ganz gut. Aber denk dran, er musste auch seine Leute bezahlen. Denn auch die brauchten Geld, um ihre Wohnungen zu bezahlen, um etwas zu essen zu kaufen oder auch Weihnachtsgeschenke…“

So ein Mist.

Theo runzelte die Stirn und sah mich an. Ich wollte möglichst unaufgeregt das Thema wechseln, aber er war schneller.

„Alles klar, Papa, Weihnachtsgeschenke kaufen. Ihr besorgt uns die Geschenke und nicht das Christkind.“

Ich saß in der Klemme, blieb aber für meine Verhältnisse ruhig: „Ja? Habe ich Weihnachtsgeschenke gesagt? Ich meinte Geburtstagsgeschenke. Das tut mir leid. Ich habe gerade vorher an Weihnachten gedacht.“

Kurzes Nachdenken: „Nee, Papa, ihr macht das alles und nicht das Christkind. Wenn wir in die Kirche gehen und dann wieder nach Hause, läuft immer einer von euch vor.“

„Na, einer muss ja die Kerzen anzünden.“

Dann kam die alles entscheidende Frage: „Papa, hast du das Christkind, als du ein Kind warst, wirklich gesehen?“

„Ja, das habe ich.“

Wir sahen uns in die Augen.

Nach dieser Wanderung kam ich ins Grübeln. Wäre es nicht bequemer, dem Jungen, der vor ein paar Tagen acht Jahre alt geworden ist, einfach die Wahrheit zu sagen, als ihm etwas vorzuflunkern?

Diese Frage hat sich vor knapp zwei Jahren ein Kollege in diesem Blog schon einmal gestellt. Seine Töchter hatten sehr unterschiedlich auf die prosaische Wahrheit reagiert. Die Ältere hatte damit keine Probleme, die Jüngere dagegen war tief enttäuscht. Für mich ist die Sache klar: Mein Junge bekommt in diesem Jahr noch einmal das volle Weihnachtsprogramm, samt Nikolaus und Christkind.

Ich habe keine Erinnerung an den Moment, in dem ich erfuhr, dass nicht das Christkind, sondern meine Eltern die Geschenke besorgen. Allerdings weiß ich genau, dass ich nicht enttäuscht war. Im Gegenteil: Auf einmal gehörte ich zu den Eingeweihten, wie bei einem Zaubertrick. Ich wusste mehr als andere Kinder. Das war toll. Für meine drei Jahre jüngere Schwester machte ich den Zauber mit und hielt dicht.

Es war ein großer Moment für mich, zum ersten Mal selbst Geschenke zu besorgen. Mit 20 Mark zog ich los. An einem Nachmittag ergatterte ich in den vier Geschäften in unserem Ort stolze sieben Geschenke. Es lag dann sehr viel Seife unter dem Weihnachtsbaum.

Zurück zu meinem Sohn, dem Zweifler: Wenn ich sehe, wie er es genießt, wenn wir ihm und seiner Schwester Bücher wie „Weihnachten bei den Zwergen“, „Tomte Tummetott“ oder „Knecht Ruprecht“ (immer die Originalversion mit Rute) vorlesen, dann soll er das jetzt bitte noch einmal genießen. Ich habe irgendwo gelesen, dass es für kleine Jungen – und zu denen zähle ich Theo noch – nur eine kurze Phase gibt, in der sie traurig und weich sein dürfen. Ab der weiterführenden Schule soll der Wind demnach wieder rauer blasen und Jungen werden auf Härte getrimmt. Das wäre für Theo in anderthalb Jahren.

Wir sind mitten in der Corona-Zeit. Hier in Bayern gilt in einigen Städten wieder Ausgangssperre. Der Junge hat in diesem Jahr drei Monate Lockdown und unzählige Stunden Homeschooling hinter sich. Von März bis September hat er die Hälfte seiner Klasse nicht gesehen. Den Teufel werde ich tun und Theo die Vorstellung vom Christkind nehmen. Nicht in diesem Jahr, das hat Zeit bis Ende 2021. Und bis dahin habe wahrscheinlich nicht ich das Geheimnis gelüftet, sondern irgendein Freund in der Schule oder beim Fußball. Am Heiligen Abend wird es keine Kirche geben. Wir werden einen Spaziergang machen und in dieser Zeit wird ein Nachbar die Kerzen anzünden und die Geschenke unter den Baum legen. Das ist nur eine Frage der Planung.

Meine erste Weihnachtserinnerung ist eine Wanderung. An Heiligabend stapfe ich als Fünfjähriger mit meinen Großeltern durch den verschneiten Teutoburger Wald. In der Dämmerung kommen wir durchgefroren zu Hause an. In der Küche gibt es Tee und Plätzchen. Dann steht meine Mutter auf, zeigt Richtung Wohnzimmer und flüstert mir zu: „Ich glaube, das Christkind kommt.“ Sie steht auf und macht sich auf leisen Sohlen auf den Weg. Als sie die Tür schließen möchte, dreht sie sich noch einmal zu mir um: „Du darfst nicht hineinkommen, sonst verschwindet es sofort. Das Christkind ist sehr scheu.“ Ich nicke stumm. Sie verschwindet. Ich bleibe vor der Tür stehen. Sie ist aus geschliffenem Glas, man kann nicht richtig hindurchschauen. Das Einzige, was ich sehe und mir stockt der Atem, ist ein goldenes, warmes Licht, was sich langsam bewegt. Was soll das anderes gewesen sein als das Christkind?


19 Lesermeinungen

  1. Schlophie sagt:

    Das Christkind ist tot
    Es wurde vor 2000 Jahren zum Tod verurteilt und hingerichtet.

    Steht so in der Bibel, müsste man bis jetzt so langsam wissen.

  2. BGrabe02 sagt:

    Man sollte bei der Wahrheit bleiben....
    damit meine ich nicht gezielt leugnen, was bereits aus dem „Sack“ ist.
    Denn das untergräbt letztlich nur das Vertrauensverhältnis.
    Ein 8-jähriger ist zu alt, um nicht die Lüge über kurz oder lang zu entdecken, vor allem wenn er schon fast selbst erkannt hat was Sache ist.
    Der größte Fehler der in unserer Erziehung weit verbreitet ist, ist Kinder nicht altersgemäß für voll zu nehmen. Das rächt sich immer.
    Und die meisten Brüche zwischen den Generationen gehen darauf zurück.
    Es ist ein zweischneidiges Schwert Kinder schützen zu wollen, man muss Erkenntnis nicht forcieren, aber wenn sie da ist auch unterstützen.

    • mariliv sagt:

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      Dito, wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Auch wenn die Erkenntnis dazu bei unserer jüngeren Tochter mit damals gerade 5 Jahren kam und die Ältere versucht hat (damals 7), sie zu überzeugen….

  3. Helge_Koopmann sagt:

    Niemals den Zauber lüften!
    Ich habe mich an Heiligabend mit den Kindern in eines ihrer Zimmer verkrochen, dort mußten alle Rolläden runter – denn man darf nicht sehen, wenn das Christkind mit dem Schlitten landet und die Mutter ihm beim Ausladen der Geschenke hilft. Sonst kommt es niemals wieder. Natürlich kommen sie irgendwann von alleine drauf, daß das nicht stimmt. Dann kann man immer noch schlaue Fragen stellen, warum sie sich denn da so sicher seien. Oder die anderen, die das behaupten. Regt das Denken an und läßt etwas von dem Zauber, ohne den wir alle nicht können. Die das meinen, tun mir jedenfalls leid.

  4. UlrikeMoser sagt:

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    Kein Gottesbeweis, aber ein unschlagbarer Beweis für die Existenz des Weihnachtsmannes:
    Die Tochter, 4. Klasse: „Es gibt gar keinen Weihnachtsmann!“
    Der Sohn, 1. Klasse: „Den gibt es wohl! Unsere Eltern würden niemals so viel Geld für Geschenke für uns ausgeben!“

    • Lola40 sagt:

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      Genial!

    • Rupprecht1972 sagt:

      Genau
      Genauso läuft es bei uns.
      Wir haben 5 Kinder (jetzt von 21 bis bald 9 Jahre), der Jüngste hat schon so seine Zweifel, allerdings halten auch die älteren auch noch dicht. Wesentliches Argument für ihn: wer kann sich so viele Geschenke für so viele Kinder leisten…hat er neulich zur Freude seines Lehrers in der Schule im Brutton der Überzeugung verkündet.

  5. MarieCurie1991 sagt:

    Geheimnisse
    Solche Geheimnisse sollte man gar nicht lüften. Es genügt, immer nur diese Antwort zu geben: “das Christkind (Osterhase, Nikolaus) hat viele Helfer, egal ob gross oder klein, jeder kann ein Helfer sein.”
    Damit ist alles gesagt, und jedes Kind lernt allmählich, dem Guten und Schönen in dieser Welt ein Helfer zu werden. Dann will es solche Fragen gar nicht mehr stellen, weil es Teil der Antwort geworden ist.

  6. Rother sagt:

    Warum überhaupt damit anfangen?
    Weihnachten als Schenk- und Fressfest funktioniert doch ganz prima ohne ohne eine mystische Figur, und das ist nicht im mindesten zynisch gemeint. Wenn man Kindern klar macht, dass eine Menge Anstrengung dahintersteckt, es zuhause weihnachtlich hübsch zu haben, Geschenke zu verteilen und einen Festtagsbraten auf dem Tisch zu haben – und das zum ersten nichts davon selbstverständlich ist und zum zweiten man sich diese Mühe auch nur für die Menschen macht, die einem viel bedeuten – dann hat das schon seinen ganz eigenen Zauber.

    Ich weiß nicht mehr, wie ich mich gefühlt habe, als der Weihnachtsmann aufgeflogen ist, vermutlich ist das irgendwann über den Sommer passiert. Ich weiß aber noch ganz gut, dass das Fest für mich dadurch nichts von seinem Zauber verloren hat. Die richtige Entzauberung kam erst mit dem Erwachsenwerden, als das Zusammensein mit den Eltern nicht mehr selbstverständlich war, sondern eine bewusste Entscheidung verlangt hat.

  7. Chti sagt:

    Zauber
    Ich bin ganz mit der Verfasserin einig. Wie sie habe ich das Geheimnis mit 10 oder so gelüftet und für die anderen dicht gehalten. Selbst jetzt liegt für mich ein besonderer Zauber in diesem Gedanken. Ich denke, man sollte den Kindern diese wunderbaren Momente so lang wie möglich erhalten. Sie werden nicht enttäuscht sein sondern es einfach wie Märchen sehen…..

  8. mariliv sagt:

    Zauber
    Seien Sie entspannt, Ihr Sohn ahnt es wahrscheinlich schon länger und hat bestenfalls aus Rücksicht auf Sie keine weitere Klärung gebraucht – oder weil der Zauber doch schön ist.
    Jungs auf hart zu trimmen halte ich für die Vorbereitung eines großen Unterganges, die auf hart getrimmten Jungs jedenfalls, die ich kenne, zerstören ganze Exixtenzen und finden sich dabei toll. Nehmen Sie ihn, so wie offensichtlich bisher weiter so wunderbar liebevoll an, wie er ist – trocken und realistisch sowie bodenständig scheint er ja zu sein, und festen Boden unter en Füßen hat er offensichtlich auch. Toll!

  9. Maytaja sagt:

    ..jeder Jeck ist anders...
    Es hängt sicher vom Kind und den elterlichen Traditionen ab, ob und wie lange man diese Tradition des Christkindes (auf)leben lässt. Mir spricht Hr. Heinrich aus der Seele! Mein Sohn ist gerade 8 geworden. Natürlich zweifelt er daran, ob es das Christkind gibt. Wir sind insgesamt Heiligabend mehrere Erwachsene und auch erwachsene Kinder, die immer wieder gerne diese wunderschöne Tradition mitmachen. Wer kann, spielt ein Instrument und dann verstecken sich alle auf der Treppe und einer lässt das „Christkind“ rein. Mein Sohn ist auf der Grundschule und ich bin mir bewusst, dass er schon eingeweiht worden ist. Aber ein Restzweifel bleibt. Ausserdem… er liebt dieses Ritual – und wir anderen auch. Eine sachliche Diskussion führen wir darüber nicht. Wenn er ernsthaft fragt, lügen wir nicht. Er machte es auch nicht, obwohl er den „Braten riecht“.. Solange es sich gut anfühlt, halten diesen Zauber am Leben. Wer es anders machen möchte, ist frei. Für meine Familie ist dies eine Be

  10. Glanzpansch sagt:

    Peinlich
    … das intelligente Wesen (Kinder) für so dumm verkauft werden und das ganze oft auch noch damit begründet wird, die Kinder „wollten das so“.
    So schafft man wundergläubige und zutiefst misstrauische („Du lügst mich doch an, Papa“) Menschen. Und mit denen ist ein solidarisches und insbesondere demokratisches Gemeinwesen bekanntermaßen schwerlich hinzukriegen.

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