Schlaflos

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Auch ich habe Bedürfnisse

| 8 Lesermeinungen

Wenn das Kind seinen Willen nicht bekommt, muss es mit seinen Gefühlen trotzdem nicht alleingelassen werden.
Wenn das Kind seinen Willen nicht bekommt, muss es mit seinen Gefühlen trotzdem nicht alleingelassen werden.

„Vielleicht braucht Max einfach mehr Mama“, sagt meine Freundin mitleidig, nachdem ich ihr erzählt habe, dass unser Zweijähriger seit Monaten schlimme Einschlafprobleme hat. Ich spüre, wie Tränen bei mir aufsteigen. Bin ich also an den Problemen schuld, weil wir Max an fünf Tagen in der Woche in die Kita bringen, seit er ein Jahr alt ist? Weil ich arbeite und wir erst ab nachmittags zusammen unsere Zeit verbringen? Weil er zwar von mir in den Schlaf begleitet wird, danach aber in seinem eigenen Bett weiterschlafen soll?

„Nein“, sage ich, vielleicht etwas heftiger als beabsichtigt und wische die Tränen zornig weg. „Diesen Schuh ziehe ich mir nicht an.“ Max war ein absolutes Wunschkind. Ich habe gerne und sehr intensiv über ein Jahr lang gestillt, noch länger getragen, stundenlang abends mit ihm einen Weg gesucht, wie er friedlich einschlafen kann. Ich habe von Anfang an sehr aufmerksam auf Max’ Bedürfnisse geachtet, ihn nicht absichtlich weinen lassen und ich würde ihn auch nicht abends allein in seinem Bett schreien lassen, damit er das Einschlafen vielleicht doch noch lernt. Eine gute Bindung und Beziehung zu meinem Kind steht für mich an oberster Stelle. Und doch möchte ich auch weiterhin meinem Job nachgehen und meine Nächte ohne Kinderfüße im Gesicht verbringen.

Und ich möchte meine Tage ohne schlechtes Gewissen verbringen, meinem Kind nicht genug Mama zu sein. Und dazu gehört auch, mich nicht weiter vom vor allem in sozialen Medien propagierten Schlagwort der bindungs- oder bedürfnisorientierten Erziehung (Attachement Parenting) unter Druck setzen zu lassen. Dieser Erziehungsstil, der in sieben Kategorien sehr genaue und vor allem sehr enge Empfehlungen in Bezug auf Stillen, Schlafen oder Tragen gibt, die Frauen mitunter bis zur Selbstaufgabe Verschiedenes abverlangen, geht ursprünglich auf einen evangelikalen Kinderarzt aus den USA zurück.

Anhänger der Ideologie lassen die Kinder entscheiden, wann sie sich selbst abstillen, den Weg aus dem Elternbett oder dem Tragetuch suchen. Daran ist nichts auszusetzen, solange das für beide Seiten in Ordnung ist. Doch häufig ist es das eben nicht (mehr), und ich lese täglich auf Instagram, wie sich Mütter allein für ihre Wünsche geißeln, irgendwann einmal wieder eine Nacht durchschlafen oder die Dreijährige langsam abstillen zu wollen.

Es überrascht nicht, dass einige der Anhänger der Ideologie eine bedenkliche Nähe zu Impfskeptikern, Schulpflichtkritikern und rechten Kreisen aufweisen, wie im vergangenen Jahr bekannt wurde. Auch ich habe das in den Debatten bemerkt. Genauso wie mir inzwischen auffällt, dass die Aufforderungen „Lasst die Leute reden, die euch sagen, euer Kind sei zu groß für die Brust oder muss alleine schlafen lernen“ auch gleichzeitig enormen Druck für die Frauen aufbaut, die– aus welchen Gründen auch immer – nicht oder nur kurz stillen wollen oder der nächtlichen Ruhe wegen die Kinder ungern dauerhaft im eigenen Bett schlafen lassen möchten.

Ich brauchte den Rat einer befreundeten Psychologin, der mir die Augen öffnete. „Auch die Mutter hat Bedürfnisse“, sagte sie. Und: „Allen Konflikten mit dem Kind immer nur aus dem Weg zu gehen und immer nachzugeben, führt dazu, dass das Kind sich bald gar nicht mehr orientieren kann.“ Sie nannte Beispiele von Familien, die nur noch am Boden essen, weil die Mutter es nicht über sich brachte, Nein zu sagen. Von Müttern, die es über Monate nicht schafften abzustillen, weil sie Angst hatten, die Mutter-Kind-Beziehung zu beschädigen.  

Seit sie bei uns war, gibt es bei uns häufiger mal einen (auch lauten) Konflikt mit unserem Zweijährigen. Wenn wir nicht wollen, dass er die Spielzeugkiste umkippt, halten wir sie fest – und ertragen mit ihm zusammen einen Zornausbruch de luxe. Doch das wirkt (zumindest bei uns) oft wirklich wie ein reinigendes Gewitter. Danach kann sich Max häufig plötzlich wieder auf das konzentrieren, was eigentlich wirklich sein Bedürfnis ist (mit Mama spielen, essen, schlafen oder ein Buch ansehen). Ich bin von der passiven in die aktive Rolle gerutscht und habe mein Kind durch diese Situation begleitet – und dennoch mein Bedürfnis befriedigt, die Kiste später nicht noch ein weiteres Mal aufräumen zu müssen.

Eine Leserin hat mir vor einiger Zeit auf einen meiner Texte hier geschrieben: „Jedes Kind hat das recht auf eine ausgeschlafene Mutter“. Dieser Satz hat mich lange beschäftigt, denn ich fand, sie hat recht, wusste aber nicht, wie ich dort hinkommen sollte. Mit den Konflikten, die wir inzwischen anders angehen, hat sich auch das Einschlafthema schlagartig verändert. Wir begleiten Max auch weiterhin, haben aber einige Regeln aufgestellt, die wir strikt befolgen: Kein Herumrennen, kein Bettenwechsel, kein Spielzeug im Bett. Die Ausbrüche waren laut und emotional, doch inzwischen geben die Regeln uns allen dreien Struktur. Und unsere Beziehung ist dadurch nicht nur intensiver geworden, sondern hat auch eine Leichtigkeit (zurück)gewonnen, die ich bei all der Bedürfnisorientierung vermisst habe.


8 Lesermeinungen

  1. schnes sagt:

    In der Beratungspraxis hilft mir immer dieses Gleichnis:
    Sind Sie mal geflogen, Frau Schmucker? Da gibt es ja die Sicherheitshinweise vor dem Take-Off. Unter anderem werden da die Sauerstoffmasken bei Druckabfall vorgeführt. Was meinen Sie, wie lautet die Anweisung in der Bordbroschüre für Erwachsene, die neben Kindern sitzen? Wer soll als Erstes die Maske bekommen?

    Viele Mütter antworten sofort: Das Kind!

    Es ist aber der oder die Erwachsene. Die Begründung lautet: Wenn der Erwachsene das Bewusstsein verliert, während er dem Kind die Maske aufsetzt; wer setzt dann dem Kind die Maske auf?

    Wenn man die eigenen Bedürfnisse zu lange ignoriert, kann man meist irgendwann die Anderer nicht mehr erfüllen. Denn dann fällt man um.

    Gratulation zur Selbstbefreiung!

  2. j6w5 sagt:

    Vielleicht sollten Sie Ihre (a)soziale Medienblase wechseln ...
    … wenn Sie dort schlimmen Meinungsmüll finden. Umso mehr Respekt dafür, dass Sie die Kurve gekriegt haben.

  3. Volontaer4 sagt:

    Auch ich habe Bedürfnisse
    Gut, dass Sie rechtzeitig aufgewacht sind, Frau Schmucker. Aber Sie tun ja nicht nur sich selbst etwas Gutes. Auch unsere Kinder waren Dreh- und Angelpunkt der Familie, nicht nur aber v.a. als sie noch klein waren. Erst das Lernen und Leben von Regeln und auch die Akzeptanz von Rechten der Eltern und Geschwister wird den Kindern später das Zusammensein mit anderen in Schule, Ausbildung, Partnerschaft und Gesellschaft erleichtern. Und das wird dabei helfen, von Freunden und Kollegen angenommen zu werden.

  4. dschaber sagt:

    Völlig korrekt: auch Eltern haben Bedürfnisse
    Kindliche Bedürfnisse sind auch in unserer Familie hoch angesiedelt. Irgendwann muß man jedoch die kindlichen Bedürfnisse wieder in Balance mit den eigenen Bedürfnissen bringen, die man im Kleinkindalter hintenanstellt. Auch den Kindern ist damit geholfen, denn es bewahrt sie davor, sich selbst und ihre Bedürfnisse als Zentrum der Welt zu definieren, anstatt sich in einem Beziehungsgeflecht zu verorten, in dem die eigene Freiheit ihre Grenzen an der Freiheit anderer findet.
    Wir alle lieben unsere Kinder – aber wir können nur gute Eltern sein, wenn auch unsere Bedürfnisse berücksichtigt und erfüllt werden. Also, Mütter und Väter: macht euch los, fahrt wieder Fahrrad, Motorrad, genehmigt euch kinderfreie (Wochenend-)Auszeiten! Die Kinder werden’s euch danken – weil ihr entspannter und selbst erfüllter sein werdet.

  5. superfuchs sagt:

    Gestörte Erziehung - gestörte Kinder
    Ich muss sagen, dass ich einigermaßen erschrocken bin, über die Ausführungen der Autorin. Dass sie Hilfe einer Psychologin benötigt, um zu einer mit gesundem Menschenverstand betrachtet normalen Verhältnis zu ihrem Kind zu kommen spricht für einen unguten Druck, unter dem Mütter heute stehen, oder den sie zumindest empfinden. Sein schlechtes dazu tun sicherlich auch die sog. sozialen Medien. Welch kaputte Beziehungen zwischen Eltern und Kindern die Autorin beschreibt erinnert mich an vo knapp 40 Jahren, als die antiautoritäre Erziehung ähnliche gestörte Beziehungen hervorbrachte. Die so erzogenen, freundlich gesagt verhaltensgestörten Kinder mussten sich dann während der Schulzeit (oder falls auf der Waldorfschule auch danach) erst sozialisieren und erkennen, dass sich nicht die ganze Welt um sie dreht.

  6. StephanVoigt sagt:

    Eltern sollten den Rahmen und die Struktur geben
    …und sich nicht auf den Rahmen und die Struktur des Kindes einlassen, Kinder haben nämlich keinen. Und wenn Kinder von klein auf lernen, dass ihre Bedürfnisse grundsätzlich befriedigt werden und im Vordergrund stehen, dann werden sie auf dem weiteren Lebensweg mit der selben Erwartungshaltung ihrem Umfeld entgegentreten. Kinder leben ihren von Natur aus angelegten Egoismus aus, so dass viele vermeintlich von Erwachsenen hineininterpretierte Bedürfnisse gar keine sind. Aber offensichtlich haben Sie die Erfahrung schon gemacht: Bestimmtheit und feste Strukturen helfen dem Kind und auch den Eltern.

  7. EMeinsX sagt:

    Die Zahl der Kommentare spricht Bände zum Stellenwert der Kindererziehung
    Liebe „Chiara Schmucker“,
    ich habe ihren Text gelesen, und fand Ihre durch Erfahrung gewonnenen Erkenntnisse zur Erziehung von Max sehr interessant und bedenkenswert. Ich wollte ursprünglich darauf antworten und habe abgewartet, welches Echo Ihr Text haben würde. Leider bis heute kein einziger Kommentar, das ist ernüchternd, denn ich hätte ein gewisses Interesse erwartet. Ich habe heute meine Gedanken niedergeschrieben, aber leider sind daraus über 7500 Zeichen geworden, länger als Ihr ursprünglicher Text, und daher nicht übermittelbar. Leider habe ich auch keine Mailadresse gefunden. Falls Sie Interesse haben, es zu lesen, machen Sie eine entsprechende Notiz im Antwortbereich, wo ich meine Mail hinschicken kann, ansonsten weiterhin alles Gute mit Max.

  8. VaniB83 sagt:

    "bedürfnisorientierte Erziehung" wurde von der Autorin falsch verstanden.
    Damit sind auch die Bedürfnisse der Eltern gemeint. z.B. Stillen solange Mutter und Kind dies möchten.

    Und hierzu:
    „dass einige der Anhänger der Ideologie eine bedenkliche Nähe zu Impfskeptikern, Schulpflichtkritikern und rechten Kreisen aufweisen“

    Kritiker statt Nichtselbstdenker zu sein ist erstmal positiv. Nach meinen Erfahrung ist die politische Einstellung von Eltern die bedürfnisorientiert erziehen aber äußerst divers, von links, grün, konservativ bis rechts alles dabei wie bei allen anderen Eltern auch. Ich halte es als eine Ausrede, nicht auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen, nur weil manch einer das tut , der rechtsradikal sein könnte.

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