Schlaflos

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Elterntaxis: Auf dem Highway ist die Hölle los

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„Auf dem Highway ist die Hölle los“ (im amerikanischen Original „Cannonball Run“) ist ein klamaukiger Actionstreifen aus den frühen Achtzigern. Als Kind habe ich ihn geliebt. Es geht um ein sinnloses Autorennen mit irren Verfolgungsjagden, durchbrochenen Polizeisperren, jeder Menge zerstörtem Blech und noch mehr zotigen Sprüchen. Möglich, dass man ihn als Vorgänger von „The Fast and The Furious“ betrachten könnte. Ich habe keine Ahnung, von denen habe ich keinen gesehen. Die Stärke von „Auf dem Highway ist die Hölle los“ ist seine Besetzung: Die Darsteller reißen ihr eigenes Image vom Sockel. Dean Martin gibt einen trunksüchtigen Pfarrer, Roger Moore spielt sich selbst als Pseudo-Bond mit heilloser Selbstüberschätzung, Jackie Chan einen kampfwütigen Ninja-Raser und der wunderbare Burt Reynolds ist wie sooft die fleischgewordene Selbstironie.

Der Fürther Weg ist eine ganz normale Straße in unserem Städtchen. Er hat nicht einmal einen Mittelstreifen, dafür ist er nicht breit genug. Mehr als 23 Stunden am Tag geht es auf dem Fürther Weg ausgesprochen ruhig zu. Wenn jemand auf die Idee käme, hier einen Film zu drehen, dann sicher kein Actionstreifen. Eher etwas mit Bjarne Mädel, der auf einer Mofa mit Tempo 15 durch die einsame Gegend tuckert.

Am Morgen allerdings, zwischen halb acht und acht Uhr, würde Bjarne Mädel mit seiner Mofa das Weite suchen oder sich wünschen, sein Bock könnte fünfzig fahren, damit er schnell von hier wegkäme. Morgens zwischen halb acht und acht verwandelt sich der Fürther Weg in einen proppevollen Highway – nicht „to Hell“, sondern „zur Schule“. Aber die Hölle ist hier trotzdem los. Stoßstange an Stoßstange schieben Autos den Berg hinauf. Am Fürther Weg liegt das Schulzentrum. Realschule, Grundschule und Gymnasium – rund zweitausend Schüler kommen allmorgendlich hierher, aus der Stadt und den umliegenden Siedlungen. Bevor jemand fragt: Ja, es gibt Busse, reichlich sogar. Sternförmig fahren sie den Hügel zum Schulzentrum hinauf. Trotzdem stauen sich die Elterntaxis jeden Morgen auf dem Fürther Weg.

Der Schulweg zu Fuß hat seine Tücken. Die meisten heißen Autos.
Der Schulweg zu Fuß hat seine Tücken. Die meisten heißen Autos.

Jeden Morgen bringe ich unsere Tochter Frida bis zur Schulpforte. Das hat sich zu einem Ritual entwickelt. Der Weg ist nicht weit. Von unserer Haustür bis zur Schule sind es ein paar hundert Meter. Dabei müssen wir einmal über den Fürther Weg, also den Highway. Wenn Frida, die in die zweite Klasse geht, alleine drüber müsste, würde sie jeden Morgen zu spät kommen. Es braucht oft elterliche Energie, gestählt durch sechs Jahren im Berliner Großstadtdschungel, um über die Straße zu kommen. Allein möchte ich das dem Kind nicht zumuten. Es gibt zwar Schülerlotsen, die die Kinder über die Straße leiten. Aber die stehen Hunderte Meter weiter hinten vor dem Gymnasium und nicht an der Grundschule, wo es sinnvoller wäre.

Wir gehen morgens gegen Viertel vor acht los. Um fünf vor acht geht der letzte Gong, um acht ist Unterrichtsbeginn. Jeden Morgen frage ich mich mit Blick auf den Stau, warum sich die Leute das antun. Hinter den Windschutzscheiben schaue ich in gestresste Gesichter. Der nächste Termin, der nächste Call, der nächste Kunde oder Chef, sitzt den Vätern und Müttern schon im Nacken. Und auf den Rückbänken müde Kinder, die sich dem allmorgendlichen Stress schon ergeben haben. Manchmal sehen die Fahrerinnen und Fahrer, dass wir die Straße überqueren wollen, ignorieren uns und drängeln weiter im Schneckentempo nach vorne, wenigstens eine Autolänge. Nicht boshaft, sondern automatisch.

Warum das alles? Warum lassen Eltern die Kinder nicht einfach mit dem Bus fahren? Oder, wenn die Kinder schon gebracht werden müssen, warum können sie nicht wenigstens die letzten zweihundert Meter zu Fuß gehen? Als würde jemand auf dem überfüllten Schulparkplatz mit einem Siegerkranz warten und sagen: „Respekt! Auch heute hast du es wieder bis hierher geschafft.“ Nur steht da niemand auf dem Parkplatz, ich gehe jeden Morgen daran vorbei.

Es klingt unfassbar banal, aber in den Antworten auf diese Fragen verbergen sich – um es im modernen Wirtschafts-Sprech zu formulieren – klassische Win-Win-Situationen. Kinder, die mit dem Bus fahren, sind schneller selbständig. Sie müssen pünktlich sein, weil sonst der Bus weg ist. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Wir sind als Fünfjährige schon ohne Eltern mit dem Bus zur Vorschule gefahren, aber das nur am Rande.

Schüler, die mit dem Rad oder zu Fuß kommen, wären sicherer, weil sie keine Angst um ihr Leben haben müssten, wenn sie den Highway überqueren. Und natürlich wären Eltern viel entspannter, weil sie ab dem Moment ihr eigenes Ding machen könnten, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Von den positiven Auswirkungen auf die Umwelt ganz zu schweigen.

Es hat übrigens mal funktioniert. Im Frühjahr war der Fürther Weg für mehrere Wochen wegen Bauarbeiten gesperrt. In der Zeit ist auch jedes Kind zur Schule gekommen, ganz ohne verstopften Highway. Möglicherweise hat diese Sperrung bei so manchem Elternteil für eine Sinnkrise geführt, keine Ahnung. Zum Glück war der Spuk nach einigen Wochen vorbei und der Fürther Weg wieder frei.

Wir machen uns keine Illusionen. Es wird so weitergehen. Daran kann kein Filmheld etwas ändern. Neulich hat aber ein Busfahrer einen kleinen Helden-Move vollführt. Es war wieder absolute Rushhour auf dem Schul-Highway. Mein Nachbar und ich standen mit unseren drei Grundschülern am Straßenrand auf der Suche nach einer Lücke im Blechgetümmel. Da hat der Busfahrer einfach einen Schlenker gemacht, mit einer Bewegung seines Lenkrads die komplette Fahrbahn gesperrt und ist vor uns stehen geblieben. Er sah in unsere dankbaren Gesichter und breitete seine Hände aus: Bitte sehr. Im Film hätte sich ein braungebrannter Burt Reynolds dazu eine Zigarre zwischen die schneeweißen Zähne gesteckt und gegrinst. Und Bjarne Mädel hätte eine Stulle ausgepackt und stoisch hineingebissen.


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