Schlaflos

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Tigermom trifft auf Hippie-Dad: Wie viel Hilfe braucht das Kind?

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Zwischen Sommerferien und Herbstferien liegen in Hessen in diesem Schuljahr exakt sieben Wochen Unterrichtszeit. Dann heißt es für die Schüler*innen noch mal siebeneinhalb Wochen ackern, bevor die Weihnachtsferien losgehen, und schließlich noch vier Wochen Unterricht im neuen Jahr. Schon ist das erste Halbjahr rum. Ich weiß das so genau, weil ich mir diese Zeit strategisch einteilen muss, um dem Lernerfolg unseres Ältesten auf die Sprünge zu helfen.

Mein Wunscherziehungskonzept ist sehr nah an dem der Tigermom, aber mein Durchhaltevermögen reicht leider nicht aus. Außerdem gibt es in meiner Erziehung noch Einflüsse des kürzlich verstorbenen dänischen Familientherapeuten Jesper Juul und gewaltfreier Kommunikation, beides torpediert irgendwie das Durchziehen strenger Konsequenzen meinerseits, wie Tigermoms es schaffen. Mein Mann Basti spielt erziehungstechnisch eher so in den Teams Hippie und Laissez-faire.

Unser Erstgeborener, der elfjährige Amir, reagiert auf die Ansätze von Tigermom und Hippie genauso wie auf die Ansätze von Juul und Co.: Er sitzt sie aus. Amir lässt sich nicht davon abhalten, die Schule als Grundübel anzusehen. Schule scheint für ihn – positiv gesehen – der Ort zu sein, an dem er seine Verabredungen für den Nachmittag macht. Und realistisch betrachtet der Ort, an dem er sich a) langweilt, b) nicht weiß, was zu tun ist, und c) Misserfolge sammelt.

Im vergangenen Schuljahr haben wir es mit dosierter Strenge versucht und nahezu alle Hilfsangebote sowohl der Schule, als auch extern in Anspruch genommen. Montags gab es 90 Minuten Mathe mit Raoul, mittwochs Deutsch und Englisch bei Mandy, Dienstag und Donnerstag haben wir für Verabredungen freigehalten. Freitags ging es zum Turnen.

Beim Wäschezusammenlegen kann so mancher Kompromiss gefunden werden.

Die genannten Zeiträume zwischen den Ferien sind in meinem Kopf noch mal eingeteilt in Phasen, in denen ich bzw. wir – wenn ich meinen Mann dafür gewinne – mit Amir für die einzelnen Fächer lernen. Verstehen Sie mich nicht falsch, liebe Leserin, lieber Leser: Bevor ich Online-Portale wie Sofatutor und unterschiedliche Nachhilfeformate gefunden habe, dachte ich auch, unser Kind könnte einfach in die Schule gehen, zu Hause seine Hausaufgaben machen und die Schule so irgendwie hinter sich bringen. Im besten Fall hat Amir dort Spaß und das Lernen bereitet ihm Freude, andernfalls zieht er einfach durch. So unsere naive Vorstellung von Schule aus Elternperspektive. Leider gestaltet sich das nicht so einfach. Amir hasst Lernen, hasst Schule und hat dort auch keine gute Zeit. Punkt. Kurz vor den Arbeiten dämmert aber auch ihm, dass die Lücken sehr groß sind. Er sieht die Zeit davonrennen, findet keinen Zugang zum Lernstoff und ist so gestresst, dass er kaum schlafen kann. Sitzenbleiben, Schule wechseln? Alles keine Option, ein Leben ohne seine jetzigen Klassenkameraden als Klassenkameraden sieht er als Super-GAU.

Der Stress, den Amirs schulisches Sein und mein dazugehöriges Engagement in unser Leben bringt, ruft meinen Mann auf den Plan.

„Der muss nur mal ordentlich auf die Nase fallen, lass ihn doch mal alles alleine machen“, fängt Basti aus dem Nichts das Gespräch an und setzt sich zu mir auf die Couch. Ich schiebe den Wäschekorb zu ihm, suche Samras zweiten Peppa-Wutz-Socken und versuche Zeit zu schinden, in dem ich den Socken fragend hochhalte. „Ihm fehlt die richtige Struktur zum Lernen“ antworte ich, wohl wissend, dass Schule für Kinder aus unterschiedlichen Gründen nicht gut läuft.

Basti schaut kurz auf und hat den Strumpf direkt gefunden. „Also, als ich klein war, musste mir meine Mutter nie helfen. Ich habe alleine Hausaufgaben gemacht, meistens in der Schule“, kontert er und hält mir seinerseits einen schwarzen Socken hin. „Echt jetzt?“, denke ich. „Wie soll ich hier einen schwarzen Socken finden? Und willst du wirklich, dass unser Sohn seine Hausaufgaben in der Pause macht?“ Ich sage aber: „Da hast du eben andere Voraussetzungen. Dir ist das Alleine-Lernen gelungen, aber Amir braucht offensichtlich Hilfe.“ So drehen wir uns bestimmt eine Stunde lang verbal im Kreis. Eine Lösung ist nicht in Sicht, dafür der Boden des Wäschekorbs. Wir einigen uns auf einen neuen Versuch mit einem neuen Nachhilfelehrer oder einer Nachhilfelehrerin. Während ich die Wäsche in die Schränke einräume, frage ich mich, wann ich eigentlich zu dieser Über-Mami mutiert bin. Seit wann kenne ich Wörter wie Verstärkersystem, Wochenplan, bedürfnisorientierte Kommunikation? Nichts an diesen Worten und Konzepten ist falsch. Doch dass ich mit meinem Engagement dem Kind auch viel Druck mache, kann ich nicht leugnen. Egal, wie gut ich es meine.

Ich komme mit dem zweiten Wäschekorb und einer kleinen Schale Nüsse zu meinem Mann auf die Couch zurück. Zwischen gerösteten Cashews und löchrigen Jeans versucht mich Basti zu beruhigen: „Das gibt sich von selbst, du bist für Amirs Schulerfolg nicht verantwortlich.“ Boah, dieser Mann bringt die ätzende Wahrheit so auf den Punkt, rumort es in meinem Bauch. „Und warum fühlt es sich dann so an?“, frage ich erschöpft. Dass ich die Verantwortung bei mir sehe, liegt nicht nur an der wirkmächtigen gesellschaftlichen Zuschreibung, die mich qua Geschlecht und Rolle als Hauptschuldige sieht, wenn das Kind in der Schule nicht mitkommt.

Zu meiner Schulzeit konnten mir meine Eltern nicht bei den Aufgaben helfen. Zum einen fehlten ihnen die Deutschkenntnisse, zum anderen hatte ich schnell viel mehr schulische Bildung genossen, als es meinen Eltern je zu Teil wurde. Meine Mutter hat erst in Deutschland das lateinische Alphabet gelernt, ich komme aus einer sogenannten bildungsfernen Familie. Dennoch wurde ich immer dazu angehalten, in der Schule gut zu sein. Perspektivisch war Erfolg in der Schule der einzige Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe. Einer meiner Strategien, mit Rassismus zurechtzukommen, war schulischer Erfolg und Bildung. Nach dem Motto: Bist du gut in der Schule, sieht man eher über dein Schwarzsein hinweg.

Basti ist in einem Vorort Wiesbadens aufgewachsen, seine Teilhabe an der Gesellschaft stand nie zur Debatte. Natürlich gehört er dazu. Und natürlich war es seine Mutter, die nicht mit ihm Lernen musste.

Bastis Bild von Amirs Zukunft ist geprägt von einem Urvertrauen: Das wird schon. Der Junge fällt auf die Füße. Ich hingegen bin hin- und hergerissen. In meinem Kopf weiß ich, dass Amir auf die Füße fallen wird. Ich weiß, dass wir die sozialen Spielregeln kennen, wir die Mittel haben, ihn zu unterstützen und dass safe seiner Teilhabe an der Gesellschaft nichts im Wege steht.

Mein Herz mahnt zur Vorsicht und erinnert an Studien über fehlende Bildungsgerechtigkeit hinsichtlich Kindern mit Migrationshintergrund oder daran, wie es ist, als Schwarzer Mensch in Deutschland eine Wohnung zu suchen.

Puh, wenn doch alles so einfach wäre wie die Sache hier mit den Klamotten. Ich bin gefangen zwischen dem, was ich erlebt habe, und dem, was ich geworden bin. Denn die Zeit, in denen ich als Kind ohnmächtig dem Rassismus der Achtziger- und Neunzigerjahre in Deutschland ausgesetzt war, ist vorbei. Wir haben 2022. „Black Lives Matter“ hat auch unser Land bewegt, der laute Ruf nach Diversität genau so, mit Aminata Touré gibt es die erste schwarze Ministerin in Deutschland. Weggucken ist nicht mehr so einfach. Ich bin zwar immer noch Schwarz, aber ich kann mich anders wehren. Und Amir bestimmt erst recht.


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