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Das Blog zum Bier

Oktoberfest interkulturell: Egal, es gibt Bier!

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Wer in München war, hat noch gar nichts gesehen: Rund um die Welt wird mit Bier, Braten und Musi gefeiert. Zwei Festzeltbesuche in Kanazawa und St. Louis.

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Ich gehe gerne aufs Oktoberfest, allerdings war ich noch nie auf dem in München. Dafür war ich auf einem in Japan und einem in den Vereinigten Staaten und das kam so: Letztes Jahr war ich zwei Wochen in Japan, und zwar im einsamen Westen der Insel, dort, wo sich nur wenige Touristen hinverirren. Eine unserer Zwischenstationen war Kanazawa, eine Stadt, die wie die meisten japanischen Städte vor allem aus abwaschbaren Klotzhäusern besteht, jedoch auch einen der schönsten Gärten Japans vorweisen kann, was die wenigen Touristen erklärt, die sich dann doch dort hinverirren.

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Ich reiste mit einem Grüppchen Amerikaner, und wir saßen gerade vor unseren abendlichen Udonnudeln, als ich sagte: Nach dem Abendessen gehe ich aufs Oktoberfest! Die Amerikaner waren skeptisch und der uns begleitende Japaner erst recht, ich aber war fest entschlossen, mir anzuschauen, wie man in Japan Oktoberfest feiert, zumal ich das Original nicht kenne. Wir gingen also hinüber in den von abwaschbaren Klotzhäusern umstandenen Stadtpark, denn dort waren bereits seit dem Mittag die Stände, die Bühne und das große Bierzelt aufgebaut. Man hatte mir dort Biergutscheine in die Hand gedrückt und einen großen Werbezettel, deshalb war ich auf die Veranstaltung aufmerksam geworden.

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Aus den Boxen schallte nun „Skandal im Sperrbezirk“ von der Spider Murphy Gang, dessen grobe Bedeutung ich den Mitreisenden zu übersetzen versuchte („That’s a song about a prostitute in Munich who works in some kind of restricted area, and, well …“), aber scheiterte. Es klang fröhlich, und Kinderlein tanzten um Bäume. Auch die Amerikaner waren nun Feuer und Flamme und sehr begeistert von der sehr multikulturellen Idee, mit einer Deutschen auf ein japanisches Oktoberfest zu gehen. Sie fragten, welches Bier ich empfehlen könne, aber ich kannte keine der angebotenen Marken. Freundliche Mädchen in Dirndln waren dazu abgestellt, die Speisekarte zu erklären, aber leider sprachen sie kein englisch. Ich sagte „Guten Tag“ und „lecker“, denn für mehr reichte mein Japanisch nicht und man kommt damit in der Regel auch erstaunlich weit.

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Das Oktoberfest war eine recht geordnete Angelegenheit. Familiengrüppchen und Kollegenverbände saßen zusammen und aßen in aller Öffentlichkeit Fleischbrocken mit Kraut, aus Stäbchengründen waren alle Fleischportionen etwas zerlegter, als man das aus Deutschland kennt.  Man hatte auch eine deutsche Band eingeflogen, ein Trio älterer Herren in Krachledernen, die deutlich Spaß dabei hatten, ihre Polkas zu spielen, während die Kleinstadtjugend vor der Bühne stand und die japanische Version eines headbangenden Moshpits aufführte. Das sah ungefähr aus wie bei uns, aber ein bisschen strukturierter. Zwischen den Reihen standen junge Menschen in Seppelhüten und offiziellen Oktoberfest-T-Shirts und animierten die Menge zu oktoberfestüblicher Schunkelei.

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Schilder mit leicht verständlichen Piktogrammen wiesen darauf hin, sich bitte nicht zu übergeben. Alles war ein harmloser, sauberer Spaß für die ganze Familie, und am nächsten Tag gingen wir in den Schloßgarten, der dank einer verrenteten Freiwilligenarmee ebenso sauber und geregelt war.

Auch St. Louis in Missouri verfügt über sehr saubere und geregelte Parks, in denen allerdings Autos herumfahren dürfen. Da in St. Louis Autos das Hauptverkehrsmittel für alles und alle sind, ist das verständlich, für Europäer jedoch gewöhnungsbedürftig. Denn in St. Louis besteht zwar der Hauptteil der Bevölkerung aus deutschstämmigen Zuwanderern, die sind jedoch schon sehr, sehr lange hier, und daher wurde ihnen europäisches Verhalten wie etwa Benutzung der Füße gründlich ausgetrieben. Wir wollen allerdings nicht mit dem Auto zum Oktoberfest fahren, dann dürften wir ja kein Bier trinken, deshalb uberten wir dorthin. Wer kein Auto hat, hat eine Uber-App auf dem Telefon. Wer ein Auto hat und wenig Geld, der bietet seine Fahrdienste an.

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Wir, das waren zwei Deutsche, ein griechischer Altphilologe, eine slowenische Lyrikerin und ein amerikanisches Pärchen mit Deutschkenntnissen und Auslandserfahrung. Wir Deutschen waren natürlich am besten vorbereitet: Wir hatten bereits Tage zuvor unsere Steins bei der Brauerei bekommen, ohne die man kein Bier bekommt, weil sie da zwei Dollar billiger waren als auf dem Fest. Stein ist amerikanisch für Bierkrug, und in diesem Fall waren die Steins zwei große, gläserne Maßkrüge, in die man sich für acht Dollar eine Auswahl an Bieren füllen lassen konnte.

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Ich höre Euch schon, wäh, amerikanisches Bier, aber nein: Gastgeber des Oktoberfestes zu St. Louis, Missouri, ist die Urban Chestnut Brewing Company, geführt von Florian Kuplent,  gebürtig aus Mühldorf am Inn, ausgebildet als Brauer in Weihenstephan. Den hat es eines Tages der Liebe wegen nach Amerika verschlagen, er arbeitete dann eine Weile bei Anheuser-Busch und entwickelte Biere in der Zentrale in St. Louis. Mit einem Partner machte er sich 2010 selbstständig, gründete Urban Chestnut, entwickelte Biere nach Herzenslust, eröffnete ein Brauereilokal, in dem man anständige Bratwürste und anständiges Sauerkraut bekommt und schenkt beim Oktoberfest nun ein Festbier aus, das sich ebenso sehen und trinken lassen kann wie das dunkle Dorfbier. Neben den Klassikern gibt es aber auch Experimente mit Kastanien, wie der Name der Brauerei ja schon andeutet.

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Gutes Bier ist also die Basis des Oktoberfestes in St. Louis, und das ist nicht die schlechteste. Denn das Essen ist eher dürftig: Es gibt den heillos versalzenen Versuch, Laugenbrezen zu produzieren, es gibt eine Currywurst, die im Ganzen daherkommt, mit süßlichem Curryketchup bestrichen ist und zwischen zwei ebenso süße, weiße, weiche Brötchenhälften geklemmt wird. Kulturell fragwürdig ist der Pork Kebab, ein Schweinefleischspieß, wie ihn Türken vermutlich auch nicht essen würden, selbst wenn sie Schweinefleisch äßen. Egal! Es gibt Bier. Dazu eine Band, die kein Wort deutsch spricht, aber belederhost und bedirndelt auf der Bühne herumsteht, Polkas spielt und englische Texte dazu singt. Egal! Es gibt Bier.

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Die heiße Sonne des amerikanischen Mittleren Westen brennt uns auf die Hirne, die Zelte sind längst zu klein, die Schirme im Biergarten rar, deshalb drängelt sich alles im klimatisierten Pub. Amerikaner drängeln sich selbst bei milden Abendtemperaturen, wenn unsereins in Biergarten oder Gaddewertschaft ausweicht, im klimatisierten, brachial lauten Pub und brüllen sich bei fünfzehn Grad in die Ohren. Egal! Es gibt Bier. Außerdem gibt es ein „foosball“. Die beiden deutschsprachigen Amerikaner klären ihre erstaunten Landsleute auf, dass der Kicker in Deutschland gar nicht foosball heißt, was diese verwundert. Aber soccer hieße auf deutsch doch foosball? Aber das hier heißt Kicker, mischt sich ein Mannheimer Armykind ein, und damit ist die Sache besiegelt, dem Armybub glauben alle, der ist schließlich da aufgewachsen.

Für die St. Louisianer hat ein Oktoberfest nicht ganz den gleichen Exotikfaktor wie für die Bewohner Kanazawas. Während man in Japan importierte Dirndl in Vollausstattung sieht, dominieren in St. Louis schlechtsitzende Billiglederhosen. Während in Japan die Dorfjugend spätnachts im Rudel abgeht, sitzt man hier eher am frühen Abend und überlegt dann, danach noch irgendwo hinzugehen, wo es schön klimatisiert und laut ist. In Japan ist das Essen eine Hauptattraktion, in St. Louis eher minderqualitativer Seitenaspekt, aber egal, es gibt ja Bier! Und, dank des bayerischen Braumeisters, sogar ganz hervorragendes, das müssen auch wir Europäer neidlos zugestehen.

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6 Lesermeinungen

  1. O'zapft is in Denver/Colorado
    Oktoberfest in den USA ist schon lustig. Vor einigen Jahren in Denver/ Colorado. Dort wo die Coors Brewery zu Hause ist. Der Versuch, so richtig bayrisch zu feiern. Mit Bändchen am Arm bekam man(n) und Frau die Maß. Hauptsache anschließend richtig stramm. Dazu japanische Touristinnen die irgendwie heftig zur Musi klatschten.

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  3. Gibt es Bier?
    “ es gibt ja Bier! Und, dank des bayerischen Braumeisters, sogar ganz hervorragendes, das müssen auch wir Europäer neidlos zugestehen.“

    Das sind wahrscheinlich „Europäer“, die auch Investorenjauche, von Schörghuber, Inbev, Oetker & Consorten als „Bier“ bezeichnen …

    • Lieber Herr Siepenkoetter, ich bin mir nicht ganz sicher, worauf Sie ihre Vermutung stützen. Wissen Sie mehr über das Chestnut-Bier als ich? Dann diskutiere ich gerne mit einem fachkundigen Biertrinker, ob es nicht doch besser ist als „Investorenjauche“. Des weiteren wüßte ich gerne, weshalb sie „Europäer“ in Anführungszeichen setzen. (Den Unterschied zwischen Ressentiment und Kritik muß ich Ihnen ja sicher nicht erklären. Falls doch, tu ich das gern.) Mit freundlichen Grüßen, Andrea Diener

  4. Beer
    In St. Louis habe ich mal eine Brauereibesichtigung durchgemacht. Der Braumeister war so stolz darauf, wie die Reismaische mit Hickory Chips „geflawored“ wurde.
    Gesundheitsschädlich wird es wohl nicht sein, dieses Brew.
    Aber mit dem Bier, daß man so in Bayern braut, hat es gar nichts mehr zu tun!
    Insoweit sei dem Reinheitsgebot Dank!
    ——–
    OT Frage an die Fachfrau: gibt es auch US Äppelwoi?

    • Es gibt Cider. Der schmeckt etwas anders. (Schließlich ist nichts auf der Welt vergleichbar mit Frankfurter Ebbelwoi!)

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