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Hopfenernte in der Hallertau

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Die Hallertau ist das größte zusammenhängende Hopfenanbaugebiet der Welt. Hier gedeihen 30 Prozent des benötigten Bierrohstoffs. Während der Ernte herrscht Ausnahmezustand, aber es duftet großartig. Ein Besuch bei Eugen Kirzinger.

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Video: Hopfenernte in der Hallertau / von Daniel Blum und Uwe Ebbinghaus

Steigt man die Stahltreppe zum sogenannten Hopfenhimmel in Elsendorf empor, einem Aussichtsturm inmitten der Hopfengärten von Eugen Kirzinger, in denen auch unser Video beginnt, fängt es auf etwa sechs Metern Höhe dezent, aber gleichmäßig nach Humulus zu riechen an. Der Hopfen selbst, an dessen Ranken wir vorbeiklettern, kann es nicht sein, er verbirgt sein Aroma unter den Doldenblättern. Die Erklärung für den Duft hier oben ist ganz einfach: Ein Lüftchen weht von der nahegelegenen Darre, der Trocknungsanalage des Hopfenhofs Kirzinger herüber, wobei es nicht nach Hopfen allein riecht, sondern auch ein wenig grasig, blättrig.

Oben auf der Plattform des Hopfenhimmels angelangt, erstreckt sich, die Kirche von Elsendorf im Hintergrund, ein herrliches Panorama über weite Hopfengärten. Der bayerische Himmel oberhalb des Hopfenhimmels ist wolkenlos, man hört nur in der Ferne einen jener kleinen Erntetraktoren, später dann in regelmäßigen Abständen das sirenenartige Geräusch des Abfallgebläses eines benachbarten Hopfenhofs. Gearbeitet wird während der Hopfenernte mit wenigen Erntehelfern außerordentlich effektiv. Die Maschinen machen die Hauptarbeit.

Es ist nicht überall in der Hallertau so schön wie hier, das muss man ehrlicherweise hinzufügen. Die Durchdringung der kleinen und großen Ortschaften mit vorgartengeschotterten Neubauten ist für bayerische Verhältnis enorm hoch; die Anzahl der Gewerbebetriebe an den Ortsrändern ist erstaunlich. Mit Tourismus hält man sich in der Hallertau nicht groß auf, hat es den Eindruck. Hotels, Pensionen und selbst Gasthäuser sind nicht allzu reich gesät. Für die Radwanderer, die auf größeren Routen durch die Hallertau kommen, betrachtet man sich nur als Durchgangsstation, das sagt die freundliche Gastgeberin der blitzsauberen Pension, in der wir untergekommen sind.

hhallertau4© Daniel BlumEine Hopfenreihe verschwindet in Minutenschnelle auf dem Anhänger des Erntetraktors.

Die Hallertauer gelten als fleißig, ja sogar als „leidensfähig“, wie Florian Weingart sagt, Hopfeneinkäufer bei Joh. Barth & Sohn und selbst Hallertauer mit Humuluswurzeln. Diese Leidensfähigkeit brauche der Hopfenpflanzer gerade im Mai, sagt er weiter, wenn das „Anleiten“ der Hopfentriebe an die Rankdrähte anstehe. Für eine gute Hopfenernte braucht man ansonsten noch ausreichend Regen, gerne auch im Sommer, und tiefe Böden, denn Hopfen gründet mit seinen Wurzeln genauso tief wie er hoch wächst: ungefähr sieben Meter.

Für das Jahr 2016 rechnen die Hopfenpflanzer inzwischen nur noch mit einer durchschnittlichen Ernte. Nach dem verregneten Sommer war man zunächst sehr optimistisch, doch die Trockenheit der letzten Tage, die das ganze Land erfreute, hat vor allem den späten Sorten zugesetzt. Für die Pflanzer war das echtes Pech.

Fünf Arten Hopfenduft

Nachdem wir vom Hopfenhimmel hinabgestiegen und in die eigentümliche Stimmung zwischen den schattenspendenden Ranken eingetreten sind, treffen wir auf Eugen Kinzinger, der uns an diesem geradezu perfekten Tag mit einer sonderbaren Aussage begrüßt. Es sei „Weltuntergangsstimmung“, sagt der Hopfenpflanzer, und auf die Frage, was er damit meine an so einem schönen Flecken, rupft er einige vertrocknete Triebe ab und bemängelt die Trockenheit. Dann setzt er noch hinzu: „Und viele Ernten werde ich auch nicht mehr erleben“, was uns aus dem Mund dieses drahtigen, topfit aussehenden Mannes dann doch einen einigermaßen anrührenden Moment und zugleich einen Einblick in die Belastung beschert, der Hopfenpflanzer während der Erntezeit ausgesetzt sind. In diesen drei bis vier Wochen, in denen von morgens fünf Uhr bis in die Morgenstunden hinein gearbeitet wird, muss alles reibungslos klappen. Nach der Ernte sind die grünen Gärten, die seit dem Frühjahr langsam empor wuchsen, plötzlich auf einen Schlag kahl. Einem naturverbundenen Menschen geht das irgendwie gegen den Strich.

Eugen Kirzinger führt uns die wenigen Schritte zu seinem Hof hinüber, auf dem wir im Lauf der folgenden zwei Stunden wenigstens fünf Arten Hopfenduft wahrnehmen. Der zweitbeste ist der in der Halle mit den Pflückmaschinen. Auf den Bändern, die den Hopfen auf die Darre befördern, liegt dick und klebrig eine Schicht mit goldgelbem Lupulin. Und unter der Maschine ist es sogar noch besser. Dort hat sich der harzig-ölige Blütenstaub, der dem Weiterverarbeitungsprozess entwischt ist, auf mehr als einen Millimeter aufgeschichtet. Er bleibt an den Fingern kleben und riecht großartig

img_1945© uwebDer ölige Blüntenstaub, der sich unter der Pflückmaschine absetzt, ist ein stark duftendes Hopfenkonzentrat.

Hinter der Halle schichtet ein Gebläse die Häckselreste der Pflanze zu einem riesigen Haufen, hier riecht es eher grasig. Tritt man nach draußen, versinkt man schuhtief in kleinen Pflanzenteilen, die durch die Luft fliegen und im Hemdkragen ein unangenehmes Jucken verursachen. Das künstliche Schauspiel hat dennoch etwas Naturereignishaftes; der allgegenwärtige Hopfenduft wird noch am nächsten Tag an Schuhen und Kleidung wahrzunehmen sein.

Überraschend schwach ist der Hopfengeruch beim sogenannten „Einleeren“ auf der Darre. Hier, unter dem Dach, wird dem Hopfen ein Großteil seiner Feuchtigkeit entzogen, was zu Beginn eher Strohdüfte freisetzt. Erst als wir auf Leitern hinab in die Verpackungshalle steigen, atmen wir den reinsten Hopfengeruch des Tages ein, den wir zunächst aber nicht zuordnen können. Aus den aufeinandergestapelten 60 Kilogramm schweren Rechteckballen, von denen wir umringt sind, kann er nicht stammen, denn diese geben keinen Geruch ab. Allerdings wird jedes siebte Paket seit dem Hopfensiegelgesetz von 1929 aus Gründen der Qualitätskontrolle mit einem großen Hohlbohrer geöffnet, und die entnommene Probe wird auf Sortenreinheit und Wasssergehalt hin analysiert. Hier sind wir ganz nah am Duft des Biers.

img_1944© uwebDeutschen Hopfenpflanzern freundschaftlich verbunden: „Samuel Adams“ aus Boston

Beeindruckend ist auch die Galerie mit Wimpeln und Plakaten, die Eugen Kirzinger in der Lagerhalle aufgehängt hat. Die polnische Brauerei Tyskie gehört ebenso zu seinen Kunden wie die japanischen Konzerne Kirin und Asahi. Und selbst die Boston Beer Company, berühmt für ihr Lager-Bier „Samuel Adams“, die vor der Haustür auch keinen schlechten Hopfen hat, kauft hier seit fast dreißig Jahren ein.

Getroffen haben wir uns in Elsendorf auch mit Marc Rauschmann von Braufactum (dem Craftbeer-Zweig von Radeberger), der ebenfalls Kunde bei Kirzinger ist und mit dem wir die Harvest-Edition seines India Pale Ale namens Progusta kosten. Über Braufactum werden wir später noch in einem eigenen Beitrag berichten; die Progusta-Probe am Ende des Tages jedenfalls zeigte, wie dicht ein Bier an die Düfte seines Hopfengartens heranreichen kann. Dieses Erlebnis vergisst man so schnell nicht.

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2 Lesermeinungen

  1. Pingback: Blog | Reinheitsgebot: Hopfenernte in der Hallertau « Boussac, Toulx Sainte-Croix, Creuse !!

  2. Hier gedeihen 30 Prozent des Bierbedarfs.
    Macht die Hopfenernte so durstig?

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