Reinheitsgebot

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Das Blog zum Bier

Was kann das Cassava-Bier?

In Afrika wird Bier aus Maniok seit Jahrhunderten gebraut. Zwei internationale Getränkeriesen mischen seit 2011 mit. Jetzt hat das Cassava-Bier seinen Weg in einen deutschen Kessel gefunden. Wir haben es probiert.

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Cassava-Wurzeln trocknen in der Sonne

Wer schon einmal auf Kuba oder anderswo einen Kartoffelsalat ohne Kartoffeln, aber mit gekochten Maniok-Scheiben gegessen hat, weiß, was in dieser Wurzel, die auch Cassava genannt wird, alles steckt. Die Maniok-Pflanze ist ein vielseitiges Gewächs, die Fasern werden inzwischen sogar, mit Bindemittel versetzt, beim Hausbau verwendet.

Wer hingegen in Afrika, Thailand oder Südamerika schon einmal traditionelles Cassava-Bier getrunken hat, wird möglicherweise nicht sogleich ins Schwärmen über die Segnungen dieser Pflanze als Stärkespender für bierartige Getränke geraten. Cassava-Bier wird traditionell von Heimbrauern in ganz unterschiedlicher Form, oft aber als trübe Flüssigkeit ohne Schaum angeboten. Nicht selten ist die Konsistenz stückig und erinnert an sehr flüssiges Müsli.

SAB Miller ließ sich davon nicht abschrecken und nahm sich im Jahr 2011 des gegorenen Maniok-Saftes an. Gebraut bei Cervejas de Moçambique, brachte das Unternehmen das erste kommerzielle Cassava-Bier unter dem Namen „Impala“ in Afrika auf den Markt. Das deutsche Reinheitsgebot wurde dabei von den Südafrikanern, die inzwischen zur brasilianisch-belgischen Inbev-Gruppe gehören, geflissentlich übersehen, statt Gersten- oder Weizenmalz kommen 70 Prozent pulverisierte Maniok-Stärke und 30 Prozent Gerste zum Einsatz – der Weg von der Maniok-Wurzel zum Bier wird in dem folgenden Video beschrieben, nicht ohne, wie es bei dieser Sorte Bier üblich zu sein scheint, den Nutzen für die regionale Landwirtschaft Afrikas herauszustellen.

Das mit untergäriger Hefe erzeugte Maniok-Bier – der Getränkekonzern Diageo bietet in Ghana seite 2013 ein ähnliches Produkt unter dem Namen „Ruut extra“ an – sieht im Glas wie ein handelsübliches Lager-Bier aus, weiße Schaumkrone inklusive. Da Cassava-Bier wegen seiner regionalen Rohstoffe steuerlich vergünstigt angeboten wird, ist es in Afrika rund dreißig Prozent billiger als die großen Mainstream-Biere. Afrikanische Regierungen unterstützen Cassava-Bier dabei nicht nur, um die Landwirtschaft zu stärken, sondern auch, weil das heimgebraute Äquivalent als unsicheres Getränk gilt – was damit zusammenhängt, dass bei unsachgemäßer Behandlung von Maniok Cyanid freigesetzt wird.

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Auf der diesjährigen Drinktec-Messe in München war nun erstmals ein Cassava-Bier aus einem deutschen Kessel zu probieren. Bei der Entwicklung hatte sich das dänische Biotechnologieunternehmen Novozymes mit der Nachhaltigkeitsabteilung des weltgrößten Hopfenhändlers, Barth-Haas, zusammengetan. Gebraut wurde das erste deutsche Cassava-Bier schließlich in der von Andreas Gahr geleiteten, zu Barth-Haas gehörendenVersuchsbrauerei St. Johann.

Andreas Gahr, einer der vielseitigsten deutsche Brauer, hat normalerweise das Problem, dass er über seine Kreationen, die oft im Auftrag von großen Brauereien entstehen, nicht sprechen zu dürfen. Er darf noch nicht einmal aufzählen, welche Biere auf seine Entwicklung zurückgehen. Beim Cassava-Bier ist das nun anders. Mit ihm soll zum einen die Craft-Szene inspiriert werden, zum anderen könnte sich Romeo Markovic von Novozymes vorstellen, auf der Grundlage des Rezepts mit afrikanischen Regierungen im Rahmen von Strukturprogrammen zusammenzuarbeiten.

Cassava-Bier ist zudem glutenfrei, könnte in Deutschland also gut das etwas begrenzte Bier-Angebot für Allergiker bereichern, dürfte dann aber wohl nicht „Bier“ heißen.

Wie genau schmeckt es nun, dieses Bier, das seine Paten, wohl weil Andreas Gahr bereits Erfahrung mit Cassava gesammelt hatte, bereits beim dritten Sud überzeugte?

Zunächst gefällt die appetitliche gelb-fruchtige, leicht trübe Farbe im Glas, der Schaum ist feinporig und langlebig, verdankt diese letzte Eigenschaft allerdings einem Stabilisator, dessen Einsatz im internationalen Vergleich allerdings nicht ungewöhnlich ist. In die Nase dringt, was an einem Messestand von Barth-Haas nicht weiter verwundert, ein feiner, vertrauter Geruch der Hopfensorten Taurus, Saphir und Hallertauer Tradition. Mit etwa 5,5 Prozent Alkohol ist das Cassava aus St. Johann etwas leichter als die kommerziellen afrikanischen Varianten, die es auf mehr als 6 Prozent bringen. Es ist hochvergoren, hat mit 11 IBU wenig Bittere, schmeckt anfangs wie ein schwach gewürztes Witbier, bei längerem Stehen ein wenig wie Cider.

Es ist dabei ein Bier, das sofort Lust auf ein zweites Glas macht und an sommerliche Temperaturen denken lässt. Es regt aber auch sonst zum Nachdenken an. Ist ein hopfenbetontes Bier mit künstlicher Schaumkrone wirklich das Richtige für den nach Regionalität und Unabhängigkeit strebenden afrikanischen Markt?

Geschmacklich jedenfalls ist das Cassava aus St. Johann eine durchweg positive Überraschung, ein sympathisches, kein Bluffer-Bier. Es soll auch schon eine Variante mit obergäriger Hefe geben, die wirklich ungewöhnliche Geschmackswege einschlägt. Man wird sehen, was die Bierwelt noch alles aus der Maniok-Wurzel herausholt.

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