Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Warme Herzen, kalte Häuser

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„Tür zu“, brülle ich meinem Sohn hinterher, als er vom Wohnzimmer ins Treppenhaus schlüpft, um in seinem Spielzimmer weiter zu puzzeln. „Und dreh dir oben die Heizung auf 5 und setz dich auf den Teppich.“ Ich lausche, tapp, tapp, tapp auf der Treppe. „Hast du die Heizung an?“, rufe ich. „Jaaa“, kommt es von oben. „Guhut! Dann mach die Zimmertür zu, damit es warm bleibt.“

Unterhalte ich mich gerade wirklich mit einem Vierjährigen übers Energiesparen? Könnte man meinen. Es geht aber vor allem um seine Gesundheit. In diesem Winter ist es in unserem Haus nämlich in vielen Zimmern so kalt, dass man sich leicht erkälten könnte, wenn man sich länger dort aufhält. Wir heizen nur noch das Wohn- und Esszimmer, das ist für uns jetzt die Bauernstube geworden. Hier steht unser Kamin und auch der Herd mit Backofen, der nach dem Backen noch schön viel Restwärme abstrahlt. In den anderen Zimmern ist es oft so frisch, dass an den Scheiben Kondenswasser steht, das ich mit sorgenvoller Miene jeden Morgen abwische.

Mit Handschuhen und Mütze auf dem Sofa: eine Option für die ganze Familie?
Mit Handschuhen und Mütze auf dem Sofa: eine Option für die ganze Familie?

Dieser Winter hat es in sich – für uns alle. Wir als Familie haben unseren Energieschreck schon im Oktober erlebt, als unsere Vermieterin mit der Nebenkostenabrechnung vor der Tür stand. „Eigentlich wollte ich euch Weingummi mitbringen, weil es wirklich schlimm ist, was ich euch jetzt mitteilen muss“, sagte sie. 1500 Euro Nachzahlung für die Gasheizung, ein gestiegener Abschlag um 250 Euro im Monat. Wir kippten fast hinten über. Klar, wir haben seit vergangenem Jahr ein weiteres Baby im Haus, saßen fast das ganze Jahr im Homeoffice, und die Energiepreise sind seit dem Angriff auf die Ukraine explodiert. Aber so krass? Und das war ja noch die Rechnung für 2021. Nach dem ersten Schock sah ich mir die Zusammenstellung in Ruhe an und stellte fest, dass unsere Vermieterin sich verrechnet hatte. Aber der Schreck sitzt tief. Das Gefühl, auf einmal mehrere Tausend Euro mehr für Energie bereithalten zu müssen, bleibt ja bestehen. Wenn nicht mit dieser, so vielleicht mit der nächsten Abrechnung. Wir haben es oft genug in den Medien gehört.

Seither sparen wir Energie – und in unserem Haus ist es kalt geworden.

„Kältewinter“ nenne ich diese Monate missmutig, auch wenn mir klar ist, dass im tatsächlichen Kältewinter 1946/47, besser bekannt als: Hungerwinter, ganz andere Verhältnisse in Deutschland herrschten. Auch die Situation in der Ukraine, wo die Menschen gerade ohne Heizung und Strom frieren, ist nicht zu vergleichen.

Wir könnten ja die Heizung höher drehen – aber wir wollen nicht. Aus Solidarität und schon auch aus finanziellen Gründen. Dennoch sind für uns 19 Grad im Wohn- und Arbeitszimmer gewöhnungsbedürftig. Ich kann mich nicht erinnern, jemals zuvor in Deutschland in einem Haus gefroren zu haben.

„Willkommen in Paris, jetzt bist du eine von uns“, hatte mir vor einigen Jahren ein Freund fröhlich zugerufen, als ich beim Sprachkurs erzählte, wie sehr ich in meiner Wohnung im 10. Arrondissement mit den undichten Fenstern fror – und wie ich mich dennoch scheute, den kleinen elektrischen Heizkörper anzuwerfen. Heizen mit Strom? Für mich als Schwäbin und Tochter zweier Grünen-Wähler undenkbar.

In diesem Winter sparen wir so energisch, dass ich in meinem eigenen Haus in Decken gehüllt in der Telefonkonferenz sitze, eine Wärmflasche an den Füßen, in den Händen eine Tasse Tee. Von meinen Schwiegereltern habe ich Hausschuhe mit Daunenfütterung zu Weihnachten bekommen. Wir haben nach drei Jahren, die wir nun im Haus wohnen, endlich die Vorhänge aufgehängt und den Fensterbauer die Fenster nachziehen lassen. Wir gefriertrocknen die nasse Wäsche bei Minusgraden draußen, duschen nur wenige Minuten, bügeln auf Alufolie (Doppelhitze, halber Energieaufwand), kochen mit Restwärme und heizen den Ofen nicht mehr vor. Klingt alles spießig? Macht auch keinen Spaß.

Und ist zugegebenermaßen mit zwei Kleinkindern oft auch gar nicht so leicht umzusetzen, vor allem der Dreiklang aus Heizung abdrehen, Licht ausschalten, Tür zu. Neulich habe ich Herzrasen bekommen, als mir auffiel, dass über Nacht im Dachgeschoss das Licht gebrannt hatte (böse Halogenstrahler), weil mein älterer Sohn dort noch gespielt hatte. Ständig schließe ich irgendwelche Türen, treibe die Kinder zur Eile an, nicht im Hauseingang rumzutrödeln, und schalte vergessene Lichter aus. Unsere Erziehungsmethoden sind dabei ein bisschen autokratisch, will heißen: unverhandelbar. Beim Händewaschen das Wasser auszuschalten, ist ja noch vermittelbar – „das braucht der Bauer für seine Kühe, wenn wir es hier so lange laufen lassen, fehlt ihm das und die Kühe haben Durst“. Dass ein Zimmer bei offener Tür auskühlt? Auch klar. Und meistens denkt unser Großer auch schon wirklich toll dran. Aber beim Strom? Das ist irgendwie so schwer greifbar. Ich glaube hier hilft nur: wiederholen, wiederholen, wiederholen. Erinnern, erinnern, erinnern. Und im schlimmsten Fall selbst machen.

Beim Badezimmer, das außen den kleinen rot leuchtenden Lichtschalter hat, denkt unser Vierjähriger schon fast immer von allein dran – oder läuft sonst brav auch noch einmal zurück, wenn wir ihn erinnern. Eben habe ich ihn mal gefragt, ob er eigentlich weiß, warum er das Licht immer ausmachen soll. „Ja“, sagte er und sah mich an wie ein Schulkind beim Vokabelabfragen. „Weil wir Strom sparen.“ Manchmal bin ich baff, wie klug schon Kindergartenkinder sind. Ob sie das im Kindergarten auch machen, fragte ich ihn. „Nein, da machen das nur die Erzieher.“

Erinnere ich mich an meine eigene Kindheit, verstehe ich immer mehr, dass meine Eltern und Großeltern ihre Häuser so praktisch einrichteten – dicke Teppiche in allen Zimmern, Türen zum Treppenhaus, Flure mit Windfang. Ich verstehe, warum das Licht im Keller meiner Oma einen eingebauten Zeitsensor hatte (meine größte Angst war immer, dass es ausgehen könnte, wenn ich im hintersten Winkel des Kellers vor dem Marmeladenregal stehe), warum sie oft gleich zwei Essen auf einmal kochte und Wollsocken strickte. Ich lerne all das auch gerade, einiges davon ist praktisch, zum Beispiel das Doppelkochen, mit zwei übereinander stehenden Töpfen.

Nur in einer Hinsicht gingen bei meinen Eltern die warmen Herzen über das Energiesparen: Das Radio lief den ganzen Tag in der Küche, selbst wenn niemand da war. Das war früher immer schön beim Nachhausekommen. In unserem Haus ist es immer still und dunkel, wenn wir nicht gerade im Wohnzimmer sitzen. Ein trauriger Zustand.

Sich woanders aufzuwärmen ist zur Zeit ja auch nicht so einfach. 19 Grad in der Turnhalle der Kinder, 20 Grad im Kindergarten. In den Häusern unserer Freunde ist es oft noch kälter als bei uns, ich nehme immer schon dicke Socken für alle mit. Die Kinderbecken der Hallenbäder sind so kalt, dass die Kinder es selbst in kurzen Neoprenanzügen nicht länger als 20 Minuten aushalten. Von der Umgebungstemperatur in den Umkleidekabinen nicht zu sprechen. Gerade schlug die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft Alarm – nach zwei Coronawintern ist das jetzt der dritte, in dem Kinder nicht mehr schwimmen lernen. Auch wir haben unsere wöchentlichen Besuche im Schwimmbad eingestellt und vermissen es schmerzlich.

Einige Wochen lang sind wir regelmäßig nachmittags in die Bibliothek gegangen. Hier ist es warm, kuschelig und gemütlich, mit Teppichboden und sogar Kaffeemaschine. Ein sicherer Ort für entspannte Lesestunden für uns. Jetzt hat die Bücherei die ganzen Weihnachtsferien geschlossen, „um Energie zu sparen“. Dann bis nächstes Jahr.


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