Home
Reinheitsgebot

Reinheitsgebot

Das Blog zum Bier

Wie kam das Bier ins Weinglas?

| 5 Lesermeinungen

Bier im hochstieligen Kelch, mit Kennerblick in der Bar beschnuppert, ist zum Klischee geworden. Wie kam es zu diesem Kulturbruch? Spurensuche bei Budweiser und bei Braufactum in Frankfurt.

***

bud1„It’s not brewed to be fussed over“ heißt es in einem Budweiser-Werbevideo aus dem Jahr 2015 zur Abschreckung.

So überrumpelnd machohaft und unsachlich sie auch über den Bildschirm flimmerte, lachen musste man trotzdem über die Super-Bowl-Werbung von Budweiser aus dem Jahr 2015. Das Craft-Beer stand damals gerade auf seinem medialen Zenit, und die Dünnbierproduzenten aus St. Louis brüsteten sich in ihrer Werbung als Macro-Brewer, machten sich lustig über haarige Hipster, die nachdenklich an ihrem Bier im Weinglas riechen oder weihevoll zu einer Verkostung aus kleinen buckligen Gläsern schreiten. Budweisers Kampfansage: „Let them sip their Pumpkin Peach Ale, we’ll be brewing us some golden suds“. Hier das Video in voller Länge:

Naja, gut gebrüllt war das wohl, aber was soll’s? Ein Jahr später folgte beim Super Bowl dann abermals eine Anti-Craft-Beer-Werbung von Budweiser, die schon fast etwas manisch wirkte, für unsere Leitfrage „Wie kam das Bier ins Weinglas?“ aber keine weiteren Aufschlüsse gewährt. Entscheidend ist für uns die Tatsache, dass in den Vereinigten Staaten des Jahres 2015 Craft-Bier in Weingläsern zum ersten Mal einen Wiedererkennungswert bei einem der größten Mainstream-Ereignisse überhaupt beanspruchen konnte. Ist der von Budweiser belächelte Gläsertausch eine amerikanische Erfindung?

Blicken wir, bevor wir diese Frage beantworten, nach Deutschland, auf ein gerade erschienenes, sehr informatives Buch über „Bayerns Klöster und ihre Brauereien“. Dort finden sich im Inneren viele Biergläser, bauchige Halbliterpokale, sogar Literkrüge aus Ton, im letzten Kapitel aber werden zwei neu kreierte Klosterbiere vorgestellt – und in welchen Gläsern werden sie präsentiert? In weinglasartigen Biergläsern, hier ist das Beweisfoto:

phot02a26475

Natürlich haben sich die hier gezeigten Gläser auch in Deutschland längst in „wertigen“ Zusammenhängen oder bei Bierproben durchgesetzt, doch dieser Schnappschuss ist bemerkenswert vor allem, weil er zeigt, dass das Weinglas selbst in so unschlagbar traditionellen Kontexten wie einer Klosterbrauerei Einzug gehalten hat. Oder ist das Bier im Weinglas eine mönchische Erfindung?

Marc Rauschmann, promovierter Brauwissenschaftler und Geschäftsführer bei Braufactum, der Craft-Beer-Tochter von Macro-Brauer Radeberger (das sind die mit den schwarzen Kühlschränken im Supermarkt), erzählt bei unserem Treffen in der Radeberger-Zentrale in Frankfurt-Sachsenhausen die Geschichte des Wein-Bierglases zunächst andersherum, unter besonderer Berücksichtigung der Flaschenfrage: „Viele Erfindungen wie die Kältemaschine wurden zuerst beim Bier ausgereift. Und als zum Beispiel der Champagner erfunden wurde, gab es bereits Flaschen für kohlensäurehaltige Getränke, Bierflaschen nämlich, auf die man zurückgreifen konnte. Und da kohlensäurehaltiges Bier sicher älter ist als kohlensäurehaltiger Wein, kann man sagen, dass der Sekt in die Bierflasche kam, die schon so konstruiert war, dass sie erheblichen Druck aushalten konnte.“ Rauschmann weiter: „In Deutschland wird diese Flaschenform heute nicht mehr mit Bier assoziiert, in Belgien aber ist sie etwa bei den Geuze- und Lambic-Bieren nach wie vor gebräuchlich. Und die Belgier haben ja auch eine Vielfalt von Gläsern für ihr Bier, die sich oft dem Weinglas annähern.“

Als die Craft-Beer-Bewegung aufkam, entdeckte man die großen Flaschen auch außerhalb von Belgien wieder, so Rauschmann. Damit habe die Szene wohl demonstrieren wollen, dass die gewünschte Art, Bier zu genießen, sich am Wein orientieren soll, „dass man nicht nur trinkt“, so Rauschmann, sondern sich dem Getränk mit allen Sinnen nähert: „Da war der Wein dem Bier eindeutig voraus.“ Auch die Erfindung des Weinglases können die Brauer nicht für sich beanspruchen.

Das Bierglas aus dem Weinland

rausch© uwebMarc Rauschmann bei der Flaschenkunde in der Frankfurter Radeberger-Zentrale

Als Rauschmann im Jahr 2010 bei Radeberger, das ja zu Oetker gehört, die Craft-Beer-Mission übernahm – in Amerika war die Bewegung da schon mehr als zwei Jahrzehnte alt, in Deutschland hingegen galt es noch, Neuland zu betreten -, war für ihn klar, dass er seine Biere in großen Weinflaschen, zusammen mit hochstieligen Biergläsern anbieten würde, schon um Aufmerksamkeit zu erregen. „Wir wollten zeigen, dass Bier mehr kann als man es damals in Deutschland für möglich hielt, wir wollten das Ansehen des Biers steigern.“ Auch mit dem Einzelflaschenverkauf versuchte sich Braufactum bewusst vom Denken in Bierkisten-Kategorien zu unterscheiden. Das Unternehmen begann mit neun Biersorten, die in den beiden oben zu sehenden Flaschen verkauft wurden, einer Bierflaschenform aus Italien, entworfen von einer Glashütte, die vorwiegend Weinflaschen herstellt.

progu© BraufactumBier-Werbung von Braufactum für die Sorte „Progusta“

Und auch die Form des dazu passenden Glases kam aus Italien, das für seinen experimentellen Umgang mit dem spät entdeckten Gerstensaft bekannt ist. So war das von Braufactum ursprünglich vertriebene Glas, der Teku-Pokal, von Teo Musso von der Brauerei Baladin entworfen worden – inzwischen ist man bei Braufactum umgestiegen auf eine weniger bauchige, noch mehr einem Weißweinglas ähnelnde Form (siehe rechts), in der das Bier wegen der geringeren Oberfläche langsamer seine Kohlensäure verliert. Es war also Braufactum, welches das „Weinglas fürs Bier“ auf dem deutschen Markt einführte. 2010 gab es diese Form von Biergläsern sonst nur in Italien und, mit Abstrichen, in Belgien. Marc Rauschmann sagt: „Es ist wohl kein Zufall, dass diese Idee von einem Bierglas ausgerechnet aus einem Weinland kommt.“

Wie das Stielglas dann in die Craft-Szene der Vereinigten Staaten überschwappte, wo es um das Jahr 2010, so Rauschmann, noch nicht verwendet wurde – hier weist die Überlieferung Lücken auf. Da die Craft-Szene allerdings international überaus gut vernetzt ist und sich auf Veranstaltungen regelmäßig austauscht, lässt sich ein schnell überspringender Funke in der Bierglasmode leicht ausmalen.

Wie entscheidend ist Tradition?

Zu den Bieren von Braufactum ist ansonsten zu sagen, dass sie, ob Brown Ale („The Brale“), Scotch Ale („Clan“) oder IPA („Progusta“), alle hervorragend sind – wobei in dem breiten Angebot die vielen britisch-inspirierten Sorten hervorzuheben sind, die man sonst nur schwer in Deutschland über ein verlässliches Vertriebsnetz bekommt.

Vorbildlich verzeichnet Braufactum, das seine Biere an den Radeberger-Standorten Frankfurt – hier in einer Versuchsbrauerei -, in Augsburg und im Allgäu herstellt, auf dem Etikett die verwendeten Hopfen- und Malzsorten und skizziert dort auch das Geschmacks- und Geruchsbild, wobei so schöne Umschreibungen verwendet werden wie: „Überraschender Auftakt mit Aromen von Eichenholz, hinter denen ein Mix aus Honig, Orangenlimo und Kräuter wie Waldmeister auftauchen.“ Diese Etikettierung sollte bei Bieren, die sich ihrer Zutaten rühmen können, Standard werden. Allerdings schnellt hierdurch auch der Preis in die Höhe. Braufactum-Biere kosten leicht mal 7 Euro auf den Liter gesehen.

In der unbehausten Radeberger-Zentrale in Frankfurt-Sachsenhausen lässt sich aber noch eine andere Beobachtung machen: wie schwierig es für Craft-Brauer ist, selbst wenn sie unter so privilegierten Bedingungen wie bei Radeberger arbeiten, eine eigene authentische Bier-Geschichte zu erzählen. Das Fehlen einer echten, gewachsenen Tradition macht sich schon in den von Braufactum verwendeten phantasievollen Bier-Namen bemerkbar, die man sich schwer merken und nur mit Mühe auseinanderhalten kann. Man kann dieses Manko aber auch konstruktiv im Sinne der neuen Biermarken wenden und bemängeln, dass beim Bier in Deutschland der Traditionsaspekt vielleicht noch immer eine zu große Rolle vor dem alles entscheidenden Geschmack spielt.

Davon abgesehen, munden viele Biere noch immer am besten aus Gläsern, die Weingefäßen auch nicht im geringsten ähneln.

***

Kennen Sie noch frühere Beispiele für Bier-im-Weinglas? Benutzen Sie für sachdienliche Hinweise die Leserkommentare.

8

5 Lesermeinungen

  1. Spanien
    Auch ein Blick nach Spanien lohnt, im Norden zumindest wird das Bier auch in recht dünnwandigen, allerdings eher zylindrisch geformten Gläsern (0,5l) ausgeschenkt. Durchaus lecker, kann man meiner Ansicht auch durrchaus mit traditionellen Pilsenern und Export-Bieren aus D. probieren.

  2. Preisstellung
    In den USA sind Micro Brewery IPA usw. eine wohltuende und inzwischen verbreitete Alternative zum dem Macro Schrott drüben. Allerdings zu normalen Preisen, und nicht wie bei uns zu ausbeuterischen Wucherpreisen.

  3. Dünnwandig
    Bier wurde früher schon aus weinglasähnlichen Gläsern getrunken. Z. B. gabs ein Köpi immer nur so. Außerdem, je dünnwandiger das Glas, umso besser schmeckts. Man probiere mal einen edlen Wein aus einer Mass. Nicht wahr!

  4. Belgien
    Auch ein Blick nach Belgien ist da sehr aufschlussreich. Dort wird das Bier auch seit sehr langer Zeit aus Weinglasähnlichen Pokalen genossen.
    Am bekanntesten ist da wohl das Leffe aber auch viele andere Sorten (wie Kriek von Lindemanns etc.). Im Buch „Bier International“ von Michael Jackson sind auch diverse Abbildungen von Weinglasähnlichen Biergläsern. Diverse Stouts werden z.B. schon lange aus solchen genossen.

  5. Biertulpen
    Auch die Biertulpen der 60er waren schon ganz hübsch tailliert und mit 0,2 l zumindest für den Süden sehr klein und von der Form recht nahe den hier vorgestellten Gläsern, obwohl sie mit den damals üblichen Weingläsern nicht viel zu tun hatten….
    Auch um 1990 versuchten manche Brauereien, ihre Premium-Marken in Pokalen auschenken zu lassen, die an die Gläser des damals sehr beliebten „Französischen Landweines“ erinnerten.
    Ganz so neu ist die Orientierung an den Weingläsern vielleicht doch nicht.

Hinterlasse eine Antwort

Angemeldet als GAST





Noch Zeichen frei

Richtlinien für Lesermeinungen