Home
Reinheitsgebot

Reinheitsgebot

Das Blog zum Bier

Luther und das Bier (1)

| 10 Lesermeinungen

Luther liebte das Bier, verteufelte es aber in seinen Predigten. Welche Rolle spielte der alkoholische Gerstensaft in seiner Zeit und seinem Alltag? Ein Gespräch mit dem Autor Bruno Preisendörfer.

***

OLYMPUS DIGITAL CAMERA© EinbeckerEinbecker, eines von Luthers Lieblingsbieren, wirbt mit dem Reformator auf vielen Kanälen – und darf als einziges Bier die offizielle Jubiläums-Vignette verwenden.

***

(Widersprüchliche) Bier-Zitate von Luther

„Bier ist Menschenwerk, Wein aber ist von Gott.“

 „Torgauer Bier ist viel besser als Wein.“ (Tischreden)

 „Gestern musste ich daran denken, dass ich ein sehr gutes Bier daheim habe und dazu eine schöne Frau (oder sollte ich sagen Herren). Und du tätest wohl, dass du mir den ganzen Keller meines Weins herüber schicktest, und eine Flasche deines Biers.“ (an Katharina aus Dessau, 1534)

„Ich sitze hier und trinke mein gutes Wittenbergisch Bier und das Reich Gottes kommt von ganz alleine“

***

F.A.Z.: Von Luther gibt es ja die unterschiedlichsten Aussagen zum Thema „Bier“ – positive, negative und solche, bei denen er Wein den Vorzug vor dem Bier gibt. Sie haben in Ihrem neuen Buch „Als unser Deutsch erfunden wurde“ eine Reise in die Luther-Zeit unternommen. Welche Rolle spielte Bier damals?

Bruno Preisendörfer, Berliner Autor# Bruno Preisendörfer, Autor, Schriftsteller und ehemaliger Redakteur des Stadtmagazins "zitty" am 20.7.09 in seiner Wohnung in Berlin-Neukölln. © Mike Wolff | Verwendung weltweit© dpaBruno Preisendörfer

Bruno Preisendörfer: Es war ein Nahrungsmittel und kein Genussmittel. Eigentlich überall wurde damals „Kofent“ gebraut, ein Dünnbier mit wenig Alkohol – vor allem, weil man ja das Wasser kaum trinken konnte. Man trank Bier, bei dem der Sud erhitzt wird, wodurch das Infektionsrisiko minimiert wird.

Mit Luthers Thesen, die in diesem Jahr 500 Jahre alt werden, befinden wir uns im Jahr Eins nach dem Erlass des deutschen Reinheitsgebots. Wobei durch Luther der Blick auf die norddeutsche Biertradition gelenkt wird – während die Jubiläumsfeiern des Reinheitsgebots 2016 stark von Bayern okkupiert wurden.

Ja, die Biere in Hamburg, Bremen und Lübeck waren die Meisterbiere der damaligen Zeit. Mit Bayern hat man das Bier damals kaum in Verbindung gebracht. Das Reinheitsgebot, das auf eine Textpassage in einem Erlass aus dem April 1516 zurückgeführt wird – es betrifft eigentlich einen Bereich von „alternativen Fakten“. In der betreffenden, von den Bayerischen Herzögen verabschiedeten Landesverordnung geht es eigentlich vor allem um andere, wichtigere Dinge.

Wie deutsch war Bier in dieser Zeit?

Sofern man zu dieser Zeit von Deutschland als nationales Gebilde sprechen kann, waren die Deutschen berüchtigt für ihren Bierkonsum. Darauf geht Luther auch in seinen Predigten ein, in denen er vor der Trunksucht warnt.

Welche Rolle spielte Bier tatsächlich in Luthers Leben?

Luther hat gerne und auch viel Bier getrunken, das kann man aufgrund der Quellenlage sagen. Sicher hat er mehr Bier als Wein getrunken, denn Wein war damals eher eine Kostbarkeit, zumindest in Wittenberg und Umgebung.

Von 1532 an durfte Luther selbst Bier brauen – wie kam es dazu?

Luther erhielt zu seiner Hochzeit zunächst das Nutzungsrecht für das frühere Augustinerkloster in Wittenberg, 1532 wurde es ihm geschenkt. Damit war er Hausbesitzer und hatte Braurecht. Dieses war damals nämlich an das Bürgerrecht gebunden, welches wiederum den Hausbesitz voraussetzte. Bürger haben für den eigenen Bedarf gebraut, durften Bier aber auch verkaufen.

Katharina von Bora/ 1526, Cranach d.Ae. Bora, Katharina von, Ehefrau Martin Luthers, Lippendorf (Sachsen) 29.1.1499 - Torgau 20.12.1552. - Portraet. - Gemaelde, 1526, von Lucas Cranach d.Ae. (1472-1553). E: Katharina von Bora / Cranach / 1526 Bora, Katharina von, wife of Martin Luther, Lippendorf (Saxony) 29/1/149999 - Torgau 20/12/1552. - Portrait. - Painting, 1526, by Lucas Cranach the Elder (1472-1553). F: Bora, Katharina von , epouse de Martin L Bora, Katharina von , epouse de Martin Luther , Lippendorf (Saxe) 29.1.1499 - Torgau 20.12.1552.-Portrait. - Peinture, 1526, de Lucas Cranach l'Ancien (1472- 1553). |© dpaLuthers Frau: Katharina von Bora, 1526 porträtiert von Cranach dem Älteren

Bei den Luthers braute, wie zu dieser Zeit üblich, die Hausherrin, also Katharina von Bora. Ist etwas über Mengen und Rezepte bekannt? Zeitweise sollen ja mehr als 40 Leute bei den Luthers am Tisch gesessen haben.

Katharina von Bora, eine frühere Nonne, hat wohl nicht selbst gebraut, Bierbrauen war zwar Frauensache zur damaligen Zeit, aber sie hatte dafür sicher Hausbedienstete, die sie anleitete. Am Anfang hat sie Braukessel, Schöpfkelle, alles, was man zum Brauen benötigt, von der Stadt ausgeliehen. Mit der Zeit hat sie sich eine eigene Brauerei aufgebaut, die ja heute noch im Lutherhaus zu sehen ist. Es wurde dort nicht nur Dünnbier gebraut, es waren auch kräftigere Biere dabei. Je nach Konjunktur hatten die Luthers bis zu 20 einwohnende Studenten im Haus, hinzu kam das Personal, Verwandte, Gäste, Gelehrte auf Reisen. Das Bier wurde da schon in großen Fässern aufbewahrt – und in Kannen serviert.

Einer verwischten Überlieferung nach wurde Luther 1521 auf dem Reichstag zu Worms zur Stärkung von dem Herzog von Braunschweig eine silberne Kanne überreicht, die gefüllt war mit Starkbier aus Einbeck, das es ja heute noch gibt. Darauf soll er gesagt haben: „Der beste Trank, den einer kennt, wird Ainpöckisch Bier genennt“. Das klingt irgendwie nach Pausenwerbung beim Super Bowl. Halten Sie für möglich, dass er das tatsächlich gesagt hat?

Das halte ich für eine Legende. Der bekannte Ausspruch „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ ist ja so auch nicht gesagt worden. Menschen lieben es, Geschichte in Anekdoten aufzulösen.

Luther, Martin; Reformator; 1483–1546. “Luther in Worms”. (Auf dem Reichstag zu Worms vor Kaiser Karl V. u. Kurfürsten, 17./18. 4.1521). Holzstich, 1877, von Friedrich Hottenroth (geb. 1840). Aus: W. Zimmermann, Geschichte des dt. Volkes, Bd. 3, Stuttgart 1877. Spätere Kolorierung. |© dpaMit Bier vor dem Kaiser? “Luther auf dem Reichstag zu Worms, vor Karl V. und den Kurfürsten – Holzstich aus dem 19. Jahrhundert

Zu seiner Hochzeit im Jahr 1525 gab es, historisch verbürgt, Einbecker Bier, gesponsert vom Rat der Stadt Wittenberg, außerdem wurde Torgauer Bier ausgeschenkt, das damals ebenfalls als besonders gut galt. Welche Biere trank Luther sonst noch?

Auch Naumburger Bier hat Luther gerne getrunken, nicht zuletzt wegen seiner – dokumentierten – Verstopfungsprobleme. Das scheint sehr abführend gewirkt zu haben. Zwickauer Bier erwähnt er auch, das galt aber als schlecht. Das Torgauer war wohl ein ordentliches Standardbier, das in der Region sehr verbreitet war.

Das von Mönchen kultivierte Getränk „Bier“ gilt ja eher als katholisch, während der Protestantismus  eher für die Warnung vor übertriebenem Alkoholkonsum steht – auch von Luther sind einige entsprechende  Äußerungen überliefert. Wie konnte Luther trotzdem zu einer Art deutschem Bierbotschafter werden, sein Gesicht prangt inzwischen ja landauf, landab auf zahlreichen Bier-Etiketten?

Luther,M./Reformatorengruppe n.Cranach Luther, Martin, Reformator, 1483-1546. - Reformatorengruppe (v.li.Johannes Forster, Georg Spalatin, Martin Luther, Johannes Bugenhagen, Erasmus von Rotter- dam, Justus Jonas, Caspar Cruciger und Philipp Melanchthon). - Kopie nach dem Meienburgischen Epitaph von Lucas Cranach d.J. (ehem. Nordhau- sen, St.Blasius-Kirche). Wittenberg, Lutherhalle. E: Luther / Reformers / after Cranach Luther, Martin, Reformer, 1483-1546. - Reformers (from left: Johannes Forster, Georg Spalatin, Martin Luther, Johannes Bugenhagen, Erasmus of Rotter- dam, Justus Jonas, Caspar Cruciger and Philipp Melanchthon). - Copy after the Meienburg epitaph by Lucas Cranach t.Y. (formerly Nordhausen, St.Blasius Church). Wittenberg, Lutherhalle. F: Luther, Martin , reformateur religieux a Luther, Martin , reformateur religieux allemand , 1483-1546. - Groupe de reformateurs (de g. a d., Johannes Forster, Georg Spalatin, Martin Luther, Johannes Bugenhagen, Erasme de Rotterdam, Justus Jonas, Caspar Cruciger et Philipp Melanchthon). - Copie d'ap. l'epitaphe du bourgmestre Meyenburg de Lucas Cranach le Jeune ( Wittenberg, Lutherhalle. |© dpaLuther in einer Gruppe von eher asketischen Reformatoren und Humanisten wie Erasmus von Rotterdam und Philipp Melanchthon – Epitaph von Lucas Cranach dem Jüngeren.

Ich denke nicht, dass ihm dadurch großes Unrecht geschieht. Luther hat gerne Bier getrunken. Außerdem stand Luther in vielem noch mit einem Bein im Mittelalter. Im Herzen war er viel katholischer als der durchschnittliche Katholik heute. Die damalige Glaubenswelt war anschaulicher und konkreter als heute. Das Sündigen und das Genießen gehörten dazu. Luther sagte sinngemäß einmal, der Gläubige müsse ab und zu auch mal über die Stränge schlagen und ein Krüglein zu viel trinken, um dem Teufel zu zeigen, dass wir uns nicht von ihm gewissensmäßig erpressen lassen. Es ist interessant, dass Luther, der als Religionstribun äußerst maßlos argumentierte, in Alltagsdingen immer ein Mann des Mittelmaßes war. Der zornige Prediger war im Alltag eher ausgleichend.

Kann man sagen, dass Luther einen neuen Trinker-Typus verkörpert – zwischen, grob gesagt, Katholizismus und Protestantismus? Steht Luther für den vernünftigen, gerade noch akzeptablen bejahenden Bierkonsum?

Ja, das kann man sagen, denke ich. Wobei wir diese Denkfigur vielleicht in die damalige Zeit hineinprojizieren.

Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

***

Haben Sie weitere quellennahe Informationen zum Thema „Luther und das Bier“? Dann schicken Sie uns bitte Hinweise in den Leserkommentaren. In Kürze werden wir uns einer Reihe von Luther-Bieren ausführlicher widmen.

10

10 Lesermeinungen

  1. Luther Bier-Lebensweisheiten
    „Iss, was gar ist, trink, was klar ist, red’ was wahr ist.“

  2. Bier als Grundnahrungsmittel
    Wichtig war dabei auch, dass Bier während der Fastenzeit nicht verboten war, also auch als Fastenspeise erlaubt war.

  3. Luther war katholisch
    Luther wurda ja katholisch sozialisiert und wollte keine Spaltung der Kirche. Deshalb vielleicht auche seine Freude an Bier. Der moralisierende und lustfeindliche Protestantismus wurde ja eher von den übereifrigen Mitläufer entwickelt.

  4. bitte auch berücksichtigen,
    dass Wasser zur damaligen Zeit besser zum Waschen als zum Trinken geeignet war.
    .
    Bier, oder noch besser, Wein, zu trinken kann zu dieser Zeit auch als Prophylaxe gegen Typhus und Cholera aufgefasst werden.
    .
    Das eigentlich wirtschaftsgeschichtlich Interessante ist, dass spezielle, wohl etwas stärker eingesottene Biere wie das Einbecker, über grosse Entfernungen transportiert wurden, bei den damaligen Wegeverhältnissen sehr beachtlich.

  5. Reformator
    Mit der Bildunterschrift wird der Eindruck erweckt, Erasmus sei ein Reformator im Sinne der Reformation, also Protestant gewesen. Diese Vereinnahmung tut ihm Unrecht, vielmehr sollte man sich mehr auf ihn als das besinnen, was er war: Humanist, da mangelt es in der heutigen Zeit ohnehin an Vorbildern.

  6. Darauf ein Bier!
    Schoenes, lesenswertes Interview mit interessanten Details und vor allem: einem reflektierten Geschichtsbewusstsein, für das ich Deutschland (ganz allgemein gesprochen) – auch aus der Ferne – nur lieben kann!
    Darauf ein Tsingtao!

  7. Titel eingeben
    „Bier ist der Beweiss dass Gott die Menschen liebt.“
    Ausspruch von Benjamin Franklin

  8. "Prostestantismus"
    Letzte Frage des Interviews:
    Kann man sagen, dass Luther einen neuen Trinker-Typus verkörpert – zwischen, grob gesagt, Katholizismus und Prostestantismus? Steht Luther für den vernünftigen, gerade noch akzeptablen bejahenden Bierkonsum?

    Eine naheliegende freudsche Fehlleistung: Interviewer und möglicherweise auch der Befragte sehnen sich nach dem Ende des Gesprächs – und nach einem Bier.

    Im Übrigen: Eine interessante Perspektive für die Ökumene.

Kommentare sind deaktiviert.