Reinheitsgebot

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Das Blog zum Bier

Bamberg bringt den Kunden zum Bier

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In der Fastenzeit lohnt ein Blick auf die Welt-Bierhauptstadt. Wie geht die fränkische Idylle mit dem Verzicht um? Wie hat sich die Bierkultur in den letzten 25 Jahren verändert? Gespräch mit einem Insider.

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© Werner KohnAn der Unteren Brücke in Bamberg

Unser Interviewpartner Ekkehard Arnetzl war sechs Jahre lang Stadtheimatpfleger in Bamberg. Für die im Erich Weiß Verlag erschienene Veröffentlichung „Bierstadt Bamberg: Drei Schobbn – zwa Seidla – a U“ mit Aufnahmen aus den neunziger Jahren hat er ein lesenswertes bierphilosophisches Vorwort geschrieben. Sämtliche Fotos in diesem Blogbeitrag stammen aus diesem Buch.

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F.A.Z.: Herr Arnetzl, als Kunsthistoriker sind Sie weitgereist – was halten Sie von der These, dass Bamberg die Welt-Bierhauptstadt ist? Die Brauereidichte auf die Einwohnerzahl gerechnet ist ja unschlagbar hoch.

Ekkehard Arnetzl: Ja, das ist schon gerechtfertigt, auf 70.000 Einwohner kommen in Bamberg immer noch um die zehn Brauereien, nur in der Stadt. Wir haben mal 65 unterschiedliche Biersorten gezählt, die im Lauf des Jahres von den städtischen Brauereien erzeugt werden, darunter Biere, die für den auswärtigen Gaumen mitunter etwas merkwürdig schmecken. Durch die vielen Craft-Brauereien sind es wahrscheinlich noch ein paar mehr geworden.

Eine Verständnisfrage zu dem Buch „Drei Schobbn – zwa Seidla – a U“. Wovon ist die Rede? Ein Seidla kennt man, aber was ist beim Bier ein „Schobbn“, was ist ein „U“?

© Erich WeißJudenstraßenfest

Die meisten kennen den Schoppen als Gebinde beim Weintrinken. Beim Bier liegt es etwas anders. In Bamberg gibt es in manchen Brauereien heute noch den Schnitt, da zahlt man für ein halbes Seidla, bekommt aber mehr als einen Viertelliter eingeschenkt. Es ist ein Benefit des Brauers für das letzte Bier am Abend. Was der Schnitt beim Seidla ist, war früher der Schobbn beim Maßkrug. Die Bürger, meistens schickten sie ihre Kinder, holten sich ihr Feierabendbier vom Brauereiausschank und bestellten drei Schobbn und erhielten einen Liter. Die Bezeichnung ist aber nicht mehr gebräuchlich. Und „a U“ ist ein ungespundetes Bier, ein Bier, das in einem Fass mit offenen Spundloch gelagert wird und daher relativ wenig Kohlensäure hat.

Wenn man die im Buch versammelten historischen Aufnahmen aus den Jahren 1993 bis 1998 rund um das Bier anschaut, hat man das Gefühl, die Bamberger kommen aus dem Feiern nicht heraus. Gleich nach der Sandkirchweih kommt das Judenstraßenfest, es gibt das Königstraßenfest, das Kutscherfest, das Gärtner- und Häckerfest, die Wunderburger Kerwa, die Laurenzikerwa. Hinzu kommen noch die unterschiedlichen Bockbieranstiche.

Die gibt es leider nicht mehr alle, zum Beispiel das Judenstraßenfest, das war das kleinste, aber schönste von allen. Sie müssen sich das mit den vielen Festen so vorstellen: Die Stadt Bamberg ist im Grunde ein Zusammenschluss vieler kleiner Ortschaften, die dörflichen Stadtteile hatten in der Regel eine eigene Kirche und damit auch eine eigene Kerwa, also Kirchweih. Diese Veranstaltungen werden von einer Bamberger Spezialität getragen: den sehr lebendigen Bürgervereinen, die zum Teil mehr als hundert Jahre alt sind.

Stark gewandelt haben sich die Bockbieranstiche. Das sind Event-Veranstaltungen mit Security vor der Tür geworden, es gibt sogar einen eigenen Bockbieranstich-Kalender. Das ist ein richtiger Auflauf geworden. Das war früher anders. Man ging hin, wenn man Bockbier mochte, hat ein oder zwei getrunken und ging wieder.

© Werner KohnAuf der Sandkerwa

Was ist das für ein Umzug bei der Sandkirchweih? Das sieht im Buch so aus wie Bacchus-Umzug.

Das haben wir leider nicht herausgebracht. Das ist ein Spaß einiger Personen.

Wie viele der im Buch dargestellten Brauereien gibt es nicht mehr?

Sicher bin ich mir bei Maisel-Bräu. Die Brauerei gibt es nicht mehr. Ein Großteil dessen, was eine Brauerei ausgibt, habe ich mal gelesen, wird in die Werbung gesteckt. Die Bamberger Brauereien geben überhaupt nichts für Werbung aus. Die Kundenbindung ist einfach so stark, sie brauchen das nicht.

Fahren die Pferdekutschen noch durch Bamberg?

Leider nicht, seit etwa drei bis vier Jahren nicht mehr. Da ist glaube ich schlicht der Kutscher von Mahrs-Bräu in den Ruhestand gegangen. Man muss aber dazu sagen, diese Kutsche war nicht seit mehreren hundert Jahren unterwegs. Seit fünfundzwanzig Jahren hatten die wieder eine Kutsche.

© Werner KohnFloßfahrt mit Fass auf der Sandkerwa – Aufnahme von 1997

Trinken die Studenten anders?

Ich habe in den achtziger und neunziger Jahren hier studiert. Bei uns war es eine Selbstverständlichkeit, im Sommer auf den Keller zu gehen. Das hat sich geändert, vielleicht liegt es an den neuen Zeitplänen für Studierende. Denn es kommt hinzu: In Bamberg schließen die Brauereien mit Ausschank spätestens um 23 Uhr. Dafür kann man morgens um 10 Uhr schon sein Bier bekommen, beim Schlenkerla sitzen um diese Uhrzeit auch schon einige. Abends ist es so: Die meisten Brauereien haben keine Zapfanalgen, die Zapfen direkt vom Fass. Wenn der Schenker dann zu später Stunde nur noch wenige Gäste hat, sagt er unter Umständen „Für euch schlage ich kein neues Fass an“. Auswärtigen kommt das provinziell vor, wirtschaftlich macht das aber Sinn. Der Schenker sagt sich: „Drei Leute für zehn Gäste beschäftigen, von denen jeder noch ein Bier trinkt, und den Rest vom Fass wegschütten? – Das lohnt sich nicht.“ Ich kann damit leben.

Wie hat sich das Trinken in der Öffentlichkeit verändert?

Das ist viel stärker geworden in den letzten zehn Jahren. Ich mache auch Stadtführungen, mittlerweile habe ich es mir verbeten, dass einige, gerade junge Leute dabei mit Bierflasche unterwegs sind. Das wandelt sich aber bundesweit. Ich erkläre es mir damit, dass hier eine Coffee-to-go-Mentalität aufs Bier übertragen wurde.

© Werner KohnBierpilger vor dem Schlenkerla in Bamberg

Gibt es den Wirtshausnachwuchs?

Ja, eigentlich schon. Das Wirtshaus ist immer noch ein sozialer Treffpunkt. Man sieht auch immer wieder Jüngere an den Stammtischen von Älteren dabeisitzen. In Bamberg müssen Sie entweder früh dran sein, lange warten können oder reservieren. In den Wirtshäusern gibt es keine Probleme mit der Auslastung.

Was ändert sich in der Fastenzeit in Bamberg, gilt die Devise: „Das Flüssige bricht das Fasten nicht“?

Es gibt einige, die verzichten auf Süßes oder Fleisch, ich habe aber noch niemanden in Bamberg getroffen, bei dem das Fasten so weit geht, dass er auf sein Bier verzichtet, wenn er nicht gerade Alkohol-Fasten betreibt.

Sie schreiben in Ihrem Buch-Vorwort dass das Bamberger Konzept im Grunde genial ist, das Bier muss nicht zum Kunden gebracht werden, sondern umgekehrt.

Das hat sich in den letzten Jahren tatsächlich zu einem eigenen Segment entwickelt. Es gibt offensichtlich so viele Menschen, die so sehr am Bier interessiert sind, dass sie es fast schon wissenschaftlich angehen und mit dem Bierführer unter dem Arm die verschiedenen Brauereien besuchen und die entsprechenden Biere durchdiskutieren. Das geht in Ordnung. Schlechte Erfahrungen gab es mit den Junggesellenabschieden. Das begann vor fünfzehn Jahren und nahm irgendwann Ausmaße an. Das hat nach einem tragischen Unfall aber nachgelassen. Die Brauerein schreiben auch teilweise auf Schilder, dass Junggesellenabschiede unerwünscht sind.

Was ist Ihr Lieblings-Bierort in Bamberg?

Der Spezial-Keller. Der hat einmal gutes Bier – und dann eine gigantische Sicht über die Stadt. Das ist zauberhaft.

© Werner KohnSperrstundenzeremonie bei der Sandkerwa
© Erich WeissKühlschiff in der Brauerei Greifenklau – so etwas gibt es heute nur noch selten, zum Beispiel beim Uerige in Düsseldorf
© Erich WeißBrotzeitpause in einem klassisch unaufgeräumten Schalander, Brauerei Fässla
© Werner KohnJahrhunderte alte Stollenanlage zur Bierlagerung, Stephansberg
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1 Lesermeinung

  1. Bamberg bringt den Kunden zum Bier
    Fasten kann so schön sein!

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