Reinheitsgebot

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Das Blog zum Bier

Die späte Rache der Craftbrauer

| 22 Lesermeinungen

Alkoholfreies Bier boomt. Das beste wird von Craftbrauern erzeugt und ist zuweilen so gut, dass es den Biermarkt nachhaltig verändern könnte.

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Der Anteil an alkoholfreiem Bier nimmt in Deutschland stetig zu.

Lange Zeit wurde die sogenannte Craftbier-Bewegung von herkömmlichen Brauern belächelt oder gönnerhaft wegen ihrer Verdienste für „die Wertigkeit des Biers“ gelobt. Im Grunde hielt man die Crafties aber für Wirrköpfe, die das Reinheitsgebot kaputtmachen, nicht mit Geld umgehen können und aus Mangel an Know-How und professionellen Gerätschaften den Liter für sechs Euro aufwärts verkaufen müssen. Welches Zukunftspotential das meist hopfenbetonte Bier der Underground-Brauer in sich trägt, zeigt sich erst jetzt, mit einer ihrer jüngsten Innovationen, dem alkoholfreien Bier, das fast so gut wie echtes schmeckt.

Biere mit wenig Alkohol gibt es schon seit Jahrhunderten, eigentlich seit dem Neolithikum. Auch das Alltagsbier der Mönche war nur schwach, und in Kriegen musste allein aus Rohstoffknappheit Dünnbier produziert werden. Frühe Versuche mit der gestoppten Gärung gehen auf das 19. Jahrhundert zurück, das erste im großen Stil erzeugte alkoholfreie Bier auf deutschem Boden war 1972 das in der DDR erfundene Autofahrerbier „Aubi“. Clausthaler gelang es dann in den achtziger Jahren mit erheblichem Werbeaufwand, dem „Alkoholfreien“, also Bier mit weniger als 0,5 Volumenprozent Alkohol, ein wenig gesellschaftlichen Glanz zu verleihen.

Doch geschmacklich war das alles keine Freude. Alkoholfreies Pils schmeckt von wenigen Ausnahmen abgesehen metallisch oder es ist derart süß, dass es mit dem echten Pils nicht mehr viel gemeinsam hat. Süffiger wurde es vor einigen Jahren mit den alkoholfreien Weizenbieren. Sie schmecken wegen ihrer naturgemäßen Fruchtigkeit besser als ihre Pilspendants, wirken aber insgesamt doch etwas getreidig. Noch fruchtiger wurde es mit dem Aufstieg des alkoholfreien Radlers, wobei sich besonders mit den Geschmacksnoten „Grapefruit“ und „Kräuter“ schon kreative Elemente der Craftbrauer bemerkbar machten. Heraus kamen zum Teil ansprechende Erfrischungsgetränke, die man unter dem Isotonie-Label verkaufen kann, die mit zunehmender Temperatur aber doch auch eine unangenehme Süße aufweisen, selbst wenn sie immer noch deutlich weniger Kalorien haben als Vollbier. Inzwischen ist alkoholfreies Bier das am stärksten wachsende Segment auf dem Biermarkt, allein in den letzten zehn Jahren hat sich der Ausstoß verdoppelt.

Fast schon eine Pointe

Neuen Schwung erhält dieser Trend nun durch eine Art Sprunginnovation, die vor zwei Jahren den Craft-Tüftlern der Kehrwieder Kreativbrauerei und des Brauhauses Nittenau gelang. Ausgehend von den unter Craftbrauern beliebten, aus England stammenden stark gehopften Sorten Pale Ale und India Pale Ale (IPA) entwickelten sie, wie vorher schon BrewDog in Schottland, ein alkoholfreies Bier, das fruchtig und bierig zugleich schmeckt und außerdem noch eine enorme Schaumkrone aufweist.

Wobei man diesen letzten Entwicklungsschritt des alkoholfreien Biers fast schon als Pointe auffassen kann: Erst wurde der Biertrinkergaumen durch die Craftpioniere an die Schönheit ausgeprägter Hopfenaromen gewöhnt, jetzt zeigt sich, dass der hopfenstarke Geschmack in Kombination mit besonderen Hefen den fehlenden Alkohol fast vergessen lässt, indem er jegliche Fadheit überdeckt.

Und plötzlich, seit einigen Wochen, quillen die Getränkemärkte über vor alkoholfreien Spezialbieren, wobei die mit Abstand besten von Craftlern stammen. Das sind dann Brauerzeugnisse, die nicht nur so schmecken wie Bier, sondern gleich an aromatisches Spitzenbier erinnern, preislich aber, gerade bei den Spezialbier-Großerzeugern wie Störtebeker oder Maisel & Friends, noch im Rahmen bleiben. Wer sich gerne unter dem Vorwand, er liebe den Geschmack von Bier, mit Durchschnittspils einen antrinkt, wird in Zukunft in Erklärungsnöte geraten. Das ist die späte, wahrscheinlich ungewollte Rache der Craftbrauer an all ihren Verächtern.

Wenn sie jetzt noch schönere Etiketten, ganz ohne Light-Botschaften drucken, steht dem Bier zum Mittagessen und dem Autokorso nach der Sperrstunde nichts mehr im Weg. Wird das Bier mit einem Alkoholgehalt von fünf Prozent in vielen seiner Domänen aus der Mode kommen?


22 Lesermeinungen

  1. Flusskiesel sagt:

    Dünnbier
    Eine ganz klitzekleine Korrektur:
    Dünnbier war im Mittelalter überhaupt das Alltagsgetränk (nicht nur für Mönche!). Es wurde meist zu Hause gebraut. Für das stärkere Schankbier gab es sogar in einigen Städten Vorschriften, ab welcher Uhrzeit man es ausschenken durfte, damit die Leute sich nicht bereits am Tag betranken.

    Nach den alkoholfreien Craftbieren werde ich nun auch mal Ausschau halten. 🙂

  2. Saftschupse sagt:

    Schon seit Jahren
    Habe ich bei mir im Sortiment BRLO Naked ein Alkoholfreies überhopftes Bier das tatsächlich aufgrund der intensiven Hopfennote den Laschen Grundgeschmack angenehm übertüncht… Leider sehr teuer mit 35€ der 24*33c Kasten aber läuft trotzdem wie geschnitten Brot

  3. Lienhard sagt:

    Vielfalt
    Craftbiere müssen nicht hopfenbetont sein – auch wenn das eine Richtung ist, die einen großen Unterschied zum Mainstream zeigt. Ich empfehle eine craft beer Messe zu besuchen – im Herbst zb. in Stuttgart oder Mainz. Da zeigt sich eine große Vielfalt. Und es gibt mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr gut trinkbare Biere, die nicht hopfenbetont sind und auch nach dem 3 plus x-ten noch prima schmeckt.

  4. axpet sagt:

    Bestes alkoholfreies
    Ich trinke seit fast einem Jahr Jever fun und habe kein anderes Bier mehr
    angefasst. Hoch gehopft , aber lecker.Ich brauche nichts anderes.

  5. Alex sagt:

    Freibier
    Das Störtebeker “Freibier” ist mir schon seit etwa 1 Jahr bekannt und meiner Meinung eines der besten alkoholfreihen Alternativen. War mir gar nicht bewusst, dass dies der Craftbierszene zuzuordnen ist.

  6. Julian sagt:

    Biersorten
    Können Sie konkrete alkoholfreie Biere benennen, die empfehlenswert sind? Zwischen den Zeilen lese ich Störtebeker und Maisels & Friends heraus, gibt es weitere?

    • Uwe Ebbinghaus sagt:

      Das wären tatsächlich meine Empfehlungen, bei Störtebeker ist das Atlantik Pale Ale alkoholfrei herausragend. Immer wieder gut finde ich das alkoholfreie Pils von Hachenburger, das ist schon länger auf dem Markt und ein angenehm aromatischer Durstlöscher.

    • Nordlichtbrauer sagt:

      überNormalNull
      das ü.NN von der Kehrwieder Kreativbrauerei aus Hamburg

  7. Karl Feinlein sagt:

    Craftbiere
    Ich habe in den letzten Jahren immer wieder Craftbiere probiert. Wie Sie schreiben sind diese meist vollkommen überhopft. Wenn ich ein Bier trinke möchte ich aber Bier schmecken und nicht ausschließlich Hopfen.
    Selbst bei sorten die nicht übermäßig gehopft sind erschlägt gleich ein anderes hervorstechendes Aroma.
    Es sollte eigentlich nicht zuviel verlangt sein mal ein ausgewogenes Bier zu produzieren. Leider scheinen vor Allem Craftbrauer nicht in der Lage trinkbare Biere zu produzieren. Craftbiere sind toll zum probieren, aber trinkbar ist ein Bier wenn auch das dritte Glas noch schmeckt. Dies fehlt leider sämtlichen Craftbieren die ich bisher probiert habe, immer war eine Geschmacksnuance komplett überbetont.

    • Ole sagt:

      Einspruch!
      Welcher Whisky-, Wein-, Rumtrinker würde denn bitte sagen, es müsse auch nach dem dritten Glas noch schmecken. Klar, würde ich kein IPA fürs Wirkungstrinken beim Vorglühen nehmen. Das wird auch zu teuer! Aber wenn es im Restaurant zu einem guten Essen mal ein gutes Getränk sein soll, kann ich derzeit nur zwischen Warsteiner und Erdinger wählen. Das ist arm! Da will ich was besonderes haben!

    • rkdigital1 sagt:

      drei Bier
      Wenn die Qualität eines Bieres danach bemessen wird, dass das dritte Bier auch noch schmeckt, zeugt das von übermäßigem Alkoholgenuss und ignoriert den Erfolg der Craftbiere.
      Handgemachte Biere sind geschmacklich viel intensiver als herkömmliches Bier. Die genießt man Schluck für Schluck.
      Von einem Eiswein trinkt man auch keine Flasche, sondern ein Gläschen. Erst die Kombination mit etwas Süßem erschließt die Geschmacksvielfalt.
      Wenn jemand Bier gegen den Durst trinkt, sollte er bei den Otto-Normal-Bieren bleiben. Die Crafties werden sich freuen, wenn ihnen die Otties das Bier nicht wegtrinken

    • Craft Bier Fan sagt:

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      Es ist eben Geschmacksache! Zum Glück unterscheiden sich diese Biere von den konventionellen und Hopfen ist eben auch ein Merkmal dafür.

  8. Lothar Gräwe sagt:

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    Das Reinheitsgebot wurde ergänzt,technische Hilfsmittel und Filterhilfsstoffe
    sind erlaubt

    zB PVPP ein Kunststoffpulver das nach Aussage von großen Brauereien
    wieder heraus gefiltert wird

  9. Gast sagt:

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    Ist den garnichts mehr heilig?

    • Suppenkoch sagt:

      Heilig?
      Normalen Industriebrauern ist doch Bier auch nicht heilig, das angebliche Reinheitsgebot eigentlich nur Folklore und Werbeslogan. Craftbrauer achten aber wenigstens noch auf guten Geschmack.

  10. Huller Siegfried sagt:

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    Die meisten mir bekannten und getesteten alkoholfreien ‘Normalbiere’ schmecken widerlich.
    Ihre genannten Marken werde ich deshalb umgehend nachfragen und probieren.
    Danke für die Anregung.

    • Dörte sagt:

      Atlantik Ale alkolfrei!
      Mein Lieblingsbier seit einigen Wochen: Atlantik Ale alkoholfrei von Störtebecker. Ich behaupte, das beste alkoholfreie Bier auf dem Markt.

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