Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Herrschaftswissen des frühen 21. und 14. Jahrhunderts

Ja, die Zeiten sind schlecht. Ja, wir stehen am Rande eines Abgrunds. Ja, die Wirtschaft droht alles zu vernichten. Es ist gerade nicht besonders lustig. Aber bevor Sie jetzt in den Garten gehen und versuchen, Omas Silberbesteck unter dem Apfelbaum und die Asche Ihrer Schweizer Kontoauszüge im Kompost zu vergraben, würde ich Ihnen doch raten, noch etwas zu warten - denn im Garten vergraben, erlauben Sie, das macht jeder Depp. Kenner dagegen - bitte hier lang.

Dafür aber war Sinowij Borissowitsch in seinem Kellergewölbe so gut untergebracht, dass es ohne Hilfe seiner Frau und ihres Liebhabers keinem je gelungen wäre, ihn aufzufinden bis zum Tage der Auferstehung.
Nikolai Ljesskow, Lady Macbeth aus Mzensk

 

Es gibt eine gute Nachricht in diesen tristen Tagen: Ein englisches Ehepaar muss nicht mehr mit dem Wohnmobil meine Alpenpässe verstopfen, sondern kann sich dank meiner Generosität einen Billigflug in die Berge leisten. Etwas mehr als 200 Euro habe ich bezahlt, um ihnen die Mittel für eine würdige Anreise zu stellen, und im Gegenzug habe ich sie von etwas altem Plunder befreit und das hier erhalten:

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Eine britische Silberkanne, mit 1,5 Litern Fassungsvermögen und 600 Gramm Silbergewicht. Auf der Insel trinkt man heute eher Kaffee zwei Geh, wenn man Glück hat, und die eigenen Tränen, wenn man sich mit der Lage des Finanzsektors und des dafür zahlenden Staates auseinandersetzt. Tee ist da nur eine Erinnerung an eine Epoche, da man missratene Söhne noch den Kolonien und Eingeborenen zumuten konnte, und man deren Konsequenzen noch nicht selbst ausbaden musste. Die Kolonien von damals sind heute der Finanzplatz London, und das Volk bekommt durch Ausplünderung und Milliardenboni für Bankversager einen guten Eindruck davon, welche Stimmung 1773 in Boston zur Teeparty und vor dem Boxeraufstand von 1900 in China geherrscht haben dürfte.

Bei uns, das wissen wir durch die geldsichernden Worte unserer geliebten Kanzlerin, ist das alles natürlich ganz anders. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir eines Tages im Süden der Republik mit, sagen wir es deutlich, retardierten nordnigerianischen Stämmen leben müssen, die uns in einer schweren Wirtschaftskrise aufgrund von archaischen Stammesriten und undemokratischen Absprachen einen unfähigen Wirtschaftsminister nach dem nächsten aufzwingen. Auch würde man vor uns nicht Geheimpapiere verstecken, mit denen die Minister der EU das wahre Ausmass der Probleme diskutieren: Wenn sie etwa die Gesamtmenge der abschreibungsgefährdeten Papiere der europäischen Banken bei 18 Billionen Euro (siehe URL, im Beitrag wurde die Zahl gelöscht, ein Schelm, wer Böses…) veranschlagen würden, was uns bei nur 10% Wertberichtigung nach unten gesamtwirtschaftlich in die unschöne Rolle des Koyoten versetzte, der bei der Jagd auf den Roadrunner einen Moment innehält, zu seinem Bedauern realisiert, dass unter seinen Füssen nur noch der Abgrund ist und dann, wie immer, der Schwerkraft seinen Tribut zollt. In solchen Zeiten würden wahrscheinlich auch die Auktionen für 6 Milliarden Euro formidabler 10jähriger Staatsanleihen  – dieses erstklassige Instrument, mit dem der Staat seine Bürger verschuldet, um den Banken zu geben – auf zu geringes Marktinteresse in Höhe von nur 4,962 Milliarden stossen, womit der Staat letztlich nur 4,209 Milliarden zuteilen könnte. Aber darüber würden man ohnehin kaum einen Medienbericht finden – das Thema ist nämlich kein Analystenpapier, das man einfach abschreiben kann. Ihr bevorzugtes Onlinemedium jedoch würde in diesen hochgradig unwahrscheinlichen Zeiten mit Leitartikeln mit der Überschrift “Die große Verschwendung” aufwarten. Das wären die Tage, an denen ihnen befreundete Bankenpräsidenten, Riesterwerber und andere Schönwetterprediger zuflüsterten:

 Kauf Gold und vergrab es im Garten.

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Es ist nicht nur reine Panikmache, dergleichen zu empfehlen: Es ist auch ein Zeichen dafür, dass die Finanzmarktelite weder über Tradition noch Wissen verfügt. Gold hatte schon immer den Nachteil, dass man im täglichen Gebrauch kaum jemand fand, der einem darauf herausgeben konnte. Deshalb war das normale Geld in Silber geprägt. In der Zeit der Edelmetalldeckung von Geld bedeutete das: Allein für das Material der obigen Kanne konnte man im 18. Jahrhundert 12 Monate normal schlecht leben, und Schiller musste dafür als Geschichtsprofessor 3 Monate arbeiten. Erfahrungsgemäss entspricht das dem sehr beständigen Kurs von Silber in Finanzsystemen, die kein Papiergeld kennen, oder deren Papiergeld nicht mehr erarbeitet, sondern ohne Gegenwert erdruckt wird, wie man es aus exotischen Simbabwe kennt, dessen Führung zu dumm ist, dieses Vorgehen unter dem Begriff “Quantitave Easing” dem Volke schmackhaft zu machen.

Silber also ist das Gebot der wahrscheinlich nie kommenden Stunde. Wie Sie aber an der obigen bayerischen Münze unschwer erkennen, ist sie nicht nur durch das Gesicht des sogenannten “blauen Kurfürsten” hässlich (ein sehr moderner Mann im übrigen, der gegen die Muslime focht, grössenwahnsinnig wurde, sein Volk in den Ruin führte, und heute als Berufswunsch vermutlich republikanischer US-Präsident angäbe). Die Münze ist hässlich, weil sie längere Zeit im feuchten Erdreich war. Als ich sie fand, war sie grün und schwarz angelaufen, und besser kann man sie nicht reinigen. Das Erdreich ist auch sonst vollkommen ungeeignet: Man muss zu später Stunde Löcher im Garten graben, was natürlich auffällt, man muss sie zu später Stunde öffnen, um Silbermittel zu entnehmen, was auch auffällt, man muss viele Löcher graben, wenn man den Ort nicht mehr findet, was ebenfalls auffällt, und man kann sich die Mühe sparen, wenn der Nachbar den Zweck der Übung erkannt hat und die Gelegenheit des nächsten Schwarzmarktbesuches nutzt, sein Wissen gewinnbringend umzusetzen. Obendrein ist so ein Garten kaum zu verteidigen, wenn der Nachbar seine Familie mitbringt. Ansonsten sind die Museen voll mit den Werten, die Idioten irgendwo vergruben und nicht mehr fanden. Und warum? Weil sie schlechte Ratgeber hatten, die keine Tradition und Stammhäuser haben. Löcher graben ist nur was für Hunnen, Ostgoten und andere Neureiche, die sich ausserhalb der Städte ansiedeln.

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Meine Familie dagegen wohnt seit über 160 Jahren in einem angenehmen Anwesen in einer reizenden Provinzstadt mit Mauer; von aussen betrachtet ist es ein ehemaliges Jesuitenseminar, das in der späten Renaissance recht imposant gewirkt haben muss, und auch heute noch mit Gesindehaus und 50+x Räumen – ich habe sie nie alle gezählt – eine feine Anlage ist. Allerdings beliess es die Gesellschaft Jesu im Jahr 1600 dabei, drei mittelalterliche Patrizierhäuser zusammenzufassen und nur deren Fassaden einheitlich zu gestalten, weshalb im Hausgang die Seccomalerei des 15. Jahrhunderts zu finden ist – und darunter der Keller. Ein richtiger Keller, der mal wieder aufgeräumt werden musste, aber anhand diverser Flaschenfunde aus dem 19. Jahrhundert erscheint es mir als Familientradition, ihn so zu lassen. Das Gewölbe wurde aus Jurabruchsteinen gemauert, die 60 Kilo wiegen und aus 40, 50 Kilometer Entfernung angeliefert wurden, was um 1350 keine geringe Leistung war. Der Raum war absolut bombensicher, wie die Amerikaner knapp 700 Jahre später dann auch bewiesen. Hier unten waren die Brunnen, von denen manche noch durch Mauereinfassugen erkennbar sind, und exakt hier würde ich mein Silber verstecken: Einfach in einem der alten, ausgetrockneten Brunnen, und danach legte ich einen der alten Grabsteine darauf, die irgendein Vorfahr aus unbekannten Gründen hier einlagerte. Hier unten ist so viel Schrott, dass Besuchern, die sich nicht vorgestellt haben, auch kein Metalldetektor helfen könnte. Überflüssig zu sagen, dass von aussen kein Mensch mitbekommt, was ich da unten treibe.

Neureiche in den Vorstädten haben dagegen keine Bruchsteinkeller mit gestampftem Boden. Sie haben viele Keller, und alle stecken sie in einer massiven Betonwanne. Da kann man kein Loch graben, ohne sich das Grundwasser einzuladen. Da bleibt dann wirklich nur der Garten. Zu dumm, wenn in solchen Zeiten, da man die Teekannen zerschneidet, auch noch die Versorgung zusammenbricht; ich stelle mir das Heizen in alleinstehenden Häusern weniger angenehm vor, als in der dicht bebauten Stadt, und wenn der Strom abgeschaltet wird, wie man das schon aus Kabul und Kalifornien kennt, hilft keine Alarmanlage gegen die praktische Anwendung des Sozialneides niedriger Klassen auf Landspaziergang.

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Das allerdings ist ein Problem, dessen man sich im 14. Jahrhundert gewärtig war, als Volksaufstände und Pest das Leben abwechslungsreich gestalteten, und bayerische Erbfolgekriege noch nicht innerhalb der CSU ausgetragen wurden. Auch die Gesellschaft Jesu war nicht unumstritten, und hätte der Schwede 1632 die Stadt genommen, hätten sie Gebrauch von einer sinnvollen Einrichtung des Mittelalters gemacht, die sie, ebenso klug wie heimtückisch, beim Umbau nicht veränderten: So verfüge ich noch über zwei nur leicht zugemauerte, jederzeit wieder verwendbare Schiessscharten hinter einer sehr dicken Mauer zur Strasse.

Aber soweit wird es vermutlich doch nicht kommen; eher wird sich die Kanzlerin erneut hinstellen und sagen, das Geld sei sicher, und plündern wird nicht die Unterschicht, sondern über Inflation, Steuer und Umverteilung nur das Klientel eben jener Neoliberalalas, die politische Grundlagen für die Krise schufen. Sollte es aber dennoch schlimm und die Gärten umgepflügt werden, werde ich hoffentlich noch die ein oder andere Silberkanne zum Zerschneiden im sicheren Keller haben, und, auch das ist angewandtes Herrschaftswissen des 14. Jahrhunderts, Bedarf an Personal, das Holz herbeischleppt und niedere Tätigkeiten vollbringt – noch im 19. Jahrhundert brauchten wir fünf Bedienstete, um das Haus am Laufen zu halten. Ich nehme dafür eventuell sogar gepflegte Banker (aber bitte keine Startupper), denn dafür haben wir ja noch ein Waschhaus und das Gesindehaus aus einer Epoche, die mit der Leibeigenschaft 800 Jahre stabile soziale Verhältnisse zeitigte, und, seien wir ehrlich, kein moderner Irrweg wie der Finanzkapitalismus mit den Konsumsklaven und der Pleite nur 12 Jahre nach der Erfindung der Credit Default Swaps war.

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Begleitmusik: Im Zweifelsfall werde ich natürlich als Freund der Aufklärung ein mildes Regime führen, als wäre es der Garten Candides und nicht die Jesuitenreduktion. Als Voltaire der Musik galt im 18. Jahrhundert der kreolische Komponist Monsieur de Saint-George, der seinen Reichtum den Spekulationen seines Vaters verdankte, und dessen angenehm eingängige Musik auch sieben halbwegs gebildete Banker aufführen können, wenn ich mit einer philosophischen Therese im Boudoir speise (und wenn Sie das alles verstanden haben, sind Sie als Kammerzofe von Madame qualifiziert, wenn nicht: Können Sie wenigstens Holz hacken?). Solange allerdings behelfe ich mir mit der vorzüglichen Einspielung seiner Violinkonzerte von “Les Archets de Paris”, zu erwerben für ein paar Groschen beim Label Calliope.