Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Die Renaissance der Apanage. Ein Krisenidyll.

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Was tut man, wenn das Kind arbeitslos wird? Früher hätte man gesagt: Such Dir eine neue Stelle. Im Moment ist das aber nicht so einfach, die Arbeitsagenturen sind auch nicht gerade der Ort, an denen man die Tochter sehen möchte, und nur so ist es zu erklären, warum bessere Eltern heute wieselflink alte Traditionen und Einstellungen ändern, und eigentlich ganz reizend sind. Sehr zum Ärger der Sozialneider.

Nun sitz ich hier als Beute
Gewissenloser Leute
Mit breitem Unterleib
Erich Mühsam, Rendezvous

Hatte sie bisher ihre wenig bejubelten Auftritte nur als vermögenfressendes Untier in den Depots der Eltern meiner Freunde, so debütiert die Krise gerade in der Rolle als Vollstrecker, und hat nun auch ein reales Opfer gesucht und gefunden. Das Opfer ist Mitte Dreißig, weiblich, gerade wieder alleinstehend, sehr adrett und gepflegt, wurde jäh und unerwartet zu Fall gebracht, und hat es noch gar nicht so richtig verstanden, wie ihr da geschah. Ihr Beruf galt als sicherster aller sicheren Bankberufe, fast schon Beamtentum, deutsches Beamtentum, nur besser bezahlt und Kunst an den Bürowänden. Ich habe nie verstanden, was genau sie da getan hat, außer auf die Pensionierung zu warten und hin und wieder eine Praktikantin zu halten. Sie störte nicht und wurde erst entdeckt, als ein Konzernumbau tiefe Schneisen in die Firmenstruktur riss.

Besagte junge Dame, Frau L., wurde also eines wenig schönen Tages zu einer Besprechung gebeten, und dort eröffnete man ihr, dass sie die Summe, die sie der Bank wegen des Erwerbs einer Immobilie noch schuldete, jetzt und sofort haben könnte, wenn sie nur bereit sei, ihr Büro auszuräumen und in Zukunft ihre Wohnung mehr nutze. Ansonsten sei man leider gezwungen, ihr fristgerecht zu kündigen. L. gelang es noch, den Betrag um 20.000 Euro nach oben zu handeln, ging in ihr Büro, erledigte noch ein paar Dinge, verabschiedete sich, rief ihre Eltern an, die sie in München abholten. Auf der Heimfahrt übergab sie sich nur zwei mal.

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20.000 Euro sind nun nicht viel Geld, wenn man gewisse Bedürfnisse an das Leben hat. München ist eine teure Stadt, selbst wenn man eine Wohnung hat; Auto, Nebenkosten, Putzfrau, Konzertbesuche und Essen kosten Geld, und die Zeit, L. früher in Bank verbrachte, kann sie auch schlecht daheim sitzen und die Wand anstarren. Ein paar Arbeiten wie Steuern und Wäsche blieben übrig, aber die sind nach ein paar Wochen auch erledigt. Die Suche nach einer neuen Arbeit gestaltet sich gerade in ihrem Bereich schwierig, denn überall werden Banker entlassen. Die Krise jedoch macht nicht den Anschein, als wollte sie ihr Drama enden, bevor L. sich beim normalen Lauf der Dinge mit Themen wie ALG II oder der HartzIV-Gesetzgebung konfrontiert sehen würde.

Natürlich könnte L. über ihren Vater, ein Herr mit gewissem Einfluss in meiner Heimatstadt, versuchen, hier eine Stelle zu finden. Schwer wäre das nicht, denn bei uns gibt es noch immer keine Krise, und die Beziehungen von Herrn L. reichen weit. Das Problem aber ist, dass L. selbst wenig Neigung verspürt, immer in der Provinz zu bleiben, und Herr L. nicht garantieren kann, einen gleichwertigen und ähnlich gut bezahlten Beruf zu finden. Wahrscheinlich müsste sich L. mit weniger bescheiden, einen Rückschritt in der Karriere hinnehmen und in eine Branche wechseln, aus der ein Entkommen nach dem Ende der Krise kaum möglich ist. Und obwohl Familie L. sehr sittenstreng ist, ja geradezu ein Hort strikter bürgerlicher Arbeitsethik, beschlossen sie also, die Tochter für das erste so zu belassen, wie sie ist, und sie reichlich mit einer Apanage zu versehen, bis sich die Umstände wieder bessern.

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Das ist im Übrigen etwas, das ich allenthalben höre: Eltern, die früher Sprüche wie “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen” predigten, oder “meinst Du, ich hau mir wegen Dir das Maul ans Tischeck hin” sagten, oder auch beklagten, sie kämen wegen des Nachwuchses “von Federn auf Stroh”, all diese gnadenlosen Vertreter eines liberalen Arbeitsmarktes und des Leistungsprinzips haben im Moment nichts anderes im Sinn, als ihre beruflich gefährdeten Kinder über den Stand der Finanzmittel in Kenntnis zu setzen. Es sei genug da, sie müssten keine Angst haben, es reiche für alle, Arbeit sei nicht so wichtig. Eine neue Phase der Großzügigkeit hat das Westviertel erreicht, alte Strenge verschwindet, Familien rücken zusammen und überhaupt macht es den Anschein, als könnte auch der schlimmste Niedergang niemanden wirklich treffen.

Ich, der ich das alles von Frau L. Senior gehört habe, weiß natürlich um den Sozialneid, der auf solche Eröffnungen zwangsläufig folgt: Die einen werden sanft von der Familie abgefedert, widmen sich ein, zwei Jahre der Kunst oder familiären Aufgaben, und werden beizeiten wieder für den Arbeitsmarkt reaktiviert, während andere diretissime in den Orkus deutscher Unsozialgesetze rauschen und dort in hässlichen Ämtern demütige Fragen über sich ergehen lassen müssen. Die einen werden später sagen können, sie hätten sich später eine Auszeit genommen, die anderen werden weniger angenehme Geschichten vortragen, und natürlich ist es ungerecht, weil jeder Personaler lieber das blühende, in der Provence entspannte Leben nimmt, als jene, die vom Überlebenskampf gebeutelt sind. Nach der Krise wird man keine Krise mehr sehen wollen, und da ist die Apanage und ein angenehmes Leben mehr als nur ein kleiner Startvorteil.

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Das schnelle Gerechtigkeitsempfinden wünscht sich natürlich, daß es allen gleich schlecht gehen möchte, daß wir alle das gleiche Schicksal erleiden und so die Krise ein gemeinschaftlich durchlittener Schock ist, auf daß wir uns bessern und wieder mehr auf Ausgleich bedacht sind. Nicht wenige würde L. in der Produktion sehen wollen, mit einer Schürze an einem Stanzgerät, und sehen sich nun Dank der Prinzipienlosigkeit meiner Klasse um dieses Vergnügen gebracht. Ihr Leiden wird nicht kleiner, wenn ich erzähle, dass es L. schon wieder prächtig geht und sie jetzt erst mal Urlaub machen möchte, und sollte ich sie in Rom oder Arezzo treffen, wird sie nicht im Mindesten wie ein Opfer der Krise wirken, wenn sie mit ihrer Einkaufstüte in einem Cafe ihrer Bestimmung entspricht. Die Apanage für bessere Kinder ist ungerecht. Auf den ersten Blick.

Nur, realistisch betrachtet ist es doch so: Bessere Familien können sich kaum sozialverträglicher verhalten. Einerseits ersparen sie dem Sozialsystem des Landes mit der Apanage hohe Kosten. Ihre Töchter nehmen nicht dem Beamten die Zeit weg, die er für die Beratung derer verwenden kann, denen es auch nichts bringt. Ihre Söhne müssen nicht Zukunftsängste erdulden, die Krise bekommen und vielleicht noch eine teure Trennung von ihrer Freundin durchleiden. Keiner verlangt vom Staat Geld, streitet sich um Mindestsätze oder spricht übermäßig dem Alkohol zu. Niemand bekommt mit der Apanage psychische Probleme oder wird gemütskrank. Eine Apanage für Kinder ist kein Luxus, sondern eine versteckte Subvention der Reichen für das Sozialsystem. Je weniger die Reichen vom Staat verlangen, desto mehr bleibt für die wirklich Bedürftigen.

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Und nehmen wir an, Herr L. würde wirklich nicht mehr vermögen, als seine Tochter an die Stanzmaschine zu schicken, wo sie Lederteile für Schaltknäufe fertigt und sich dumme Sprüche ihrer Kollegen anhören muss: Die Arbeit in Deutschland ist begrenzt. Es wird tendenziell weniger Arbeit geben. Mit jedem Kind reicher Eltern, das sich weiter unten einordnen und arbeiten muss, verliert ein anderer seinen Arbeitsplatz. L. würde sicher fallen, aber was würde aus der Person, die den Arbeitsplatz notwendiger bräuchte, und nicht genommen wird? Warum sollte L. etwas tun, was sie hasst, während eine alleinerziehende Mutter keine Arbeit bekommt? Natürlich gäbe es für das Problem die ultimative Lösung nach dem DDR-Gassenhauer “dann steigt aus den Trümmern der alten Gesellschaft die sozialistische Weltrepublik”. Dafür aber wird auch das Momentum der aktuellen Krise nicht ausreichen, und selbst im Idealfall kommunistischer Hoffnungen wäre das Resultat nicht so, als daß die Schuhverkäuferin von Arezzo und Herr L. und, das muss ich gestehen, auch ich dem vorbehaltlos zustimmen könnten.

Die Apanage also, die wieder fröhliche Urstände feiert, ist mehr als nur eine freundliche Haltung von nachsichtig und familiensozial gewordenen Eltern: Es ist auch eine Stützung der besten aller möglichen Welten, in der wir leben. Sie ist ein Phänomen einer bestimmten Schicht, aber sie lindert die Probleme durch alle Schichten; sie wirkt elitär und ist im Rahmen unserer Klassengesellschaft hochgradig sozial. Und systemerhaltend, natürlich. Mir ist klar, daß diese Analyse neuer bürgerlicher Tugend für niemanden allzu befriedigend sein kann, kleinliche Rachsucht würde L. wegen ihrer Mitverantwortung für die Krise als kleinstes Rädchen auf der Strasse sehen wollen, im Unglück und in Tränen, keinesfalls aber mit einem feinen Strohhut in einem Cafe an einer Piazza zu Zeiten, da andere zur zunehmend schlecht bezahlten Arbeit fahren, wenn sie überhaupt noch dürfen – gerecht ist das alles natürlich nicht, aber die Krise macht absolute Begriffe opak und gelbstichig, und ich denke, die junge L. wird sich bei all dem ganz vorzüglich zu betragen wissen, und keinem Menschen dabei weh tun. Das ist schon einiges, in Zeiten wie diesen.

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Begleitmusik: Ein anderes Beispiel für sozialen Ausgleich von oben findet man akustisch auf der CD “Musik der Hamburger Pfeffersäcke” bei Raumklang. Auch in Hamburg war man im 18. Jahrhundert reich und konnte es sich leisten, einen Komponisten zu halten, deren Werke uns auch heute noch erfreuen. Darunter waren Größen dieser Zeit wie der eingängige Telemann (Pfeffersäcke eben), Händel und Reinhard Keiser, die hier vereint und vom Orchester Elbipolis zusammen mit der Sopranistin Yeree Suh eingespielt wurden.