Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Garnelen, Buddha und Abwracken als deutsche Stilikonen

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Mitunter weiss ich nicht, ob ich die anderen bedauern soll, oder einfach nur zufrieden sein sollte, weil sie mich und meinesgleichen mit ihren Eigenheiten in Frieden lassen. Denn manchmal findet deren Realität auch zu mir, und ich kann mich nur wundern, oder, wie hier, meinem Befremden ob eines Möbelprospekts Ausdruck geben.

Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen
Göthe, Faust II

Möchte ich, dass jeder wie ich lebt? Wünsche ich mir Millionen Konkurrenten beim Erwerb victorianischer Möbel, soll jeder so erzogen sein wie ich, wünsche ich mir, alle, wirklich alle in der Orgelmatinee zu sehen und wäre es wünschenswert, jeder kaufte seine Torten bei meinen Lieferanten? Ich denke, die Antwort ist klar: Nein. Ich bin kein zwingender Befürworter eben jener Klassengesellschaft, deren Nutzniesser ich am Ende der gesellschaftlichen Fressordnung ich bin, aber es ist doch auch ganz nett, dass unter meinem Stuck nur ich auf meinen Sofas mit ihrer einzigartigen Vorgeschichte in der Wäscheabteilung eines bekannten Münchner Damenmodengeschäfts ruhe.

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Meine Sofas waren für mich kostenlos; ich habe sie dank einiger Beziehungen und Bekanntschaften bekommen, als sie bei der Neudekorierung des Geschäftes übrig blieben. Sie sind von erlesener Qualität, deutsche Wertarbeit, und teurer als das meiste, was es in regulären Einrichtungshäusern gibt. Ich schlafe oft darauf ein, so bequem sind sie. Wenn ich so auf meinem Sofa liege und hinaufschaue an die Decke, frage ich mich manchmal, wie das so sein mag, wenn es nicht so ist, wie es ist. Wie ist das bei anderen, die man nicht kennt, und die keinen kennen, der ihnen so etwas vorbeibringen lässt? Nun – sie müssen wohl mit den erfolgreichen Möbelhäusern vorlieb nehmen.

Jene Handelsunternehmen, deren Prospekte gross, bunt und mit vielen überdeutlichen Zahlen versehen sind. Normalerweise werfe ich das weg, aber wenn ich mich mal wieder frage, wie andere so leben mögen, nehme ich diese Prospekte zur Hand. Die Leute kaufen das ja. Wären alle wie ich, gäbe es keine Prospekte und keinen schwedischen Milliardär in der Schweiz, dessen Firmen Lizenzgebühren steuermindernd in Steuerparadiese überweisen. Von diesen Prospekten geht eine normative Kraft des Faktischen aus, die wie eine Planierraupe durch meine Lebenswirklichkeit walzt.

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Nun, würde ich dem folgen, müsste ich alles rauswerfen. Alles hier ist bestenfalls das, was man in diesen Kreisen als “alt bezeichnet”, also älter als ein paar Jahre. Hier stehen genug Altertümer, um einige Familien glücklich zu machen, die diesem Aufruf folgen möchten. Haltet ein, möchte man den Beteiligten zurufen, alte Möbel verursachen  keine Emissionen, sie überdauern Jahrhunderte – aber vielleicht meinen sie auch nur jene Stücke, die vor ein paar Jahren aus eben jenen Hallen getragen wurden. Deutschland – ein Land wrackt ab. Erfindet sich mit neuen Opels und neuen Garnituren neu.

Was mich, der ich nicht betroffen bin und anderen überhaupt keine Vorschriften machen möchte, daran ein wenig stört, ist die damit implizierte Behauptung, das Existierende sei allein schon durch seine Existenz minderwertig, Müll, Schrott. Ich will das bei gewissen Möbeln und Bundeszensurpolitikern gar nicht bestreiten, auch gibt es einfach Produkte, deren Lebenszyklus begrenzt ist, aber diese Lust am Zerstören des Alten zugunsten einer Konsumwelt, die kaum für sich in Anspruch nehmen kann, irgendwie besser zu sein, ist doch erstaunlich. Zumal man am Ende doch wieder das grösste Problem mit sich herumschleppt: Sich selbst.

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Natürlich kann man sich davon auch ablenken. Die anderen, entnehme ich den Katalogen, greifen durchaus wieder zu Holz, wenn auch als Imitat, und zu Leder, wenngleich auch aus einer möglicherweise chinesischen Herkunft, die, nun ja, sagen wir mal, nicht angenehme Gerüche verströmt. In den der Masse zugänglichen Möbelhäusern riecht es ohnehin schlecht, selbst wenn die Lüftung auf Hochtouren läuft, den Eigengeruch wird man erst merken, wenn es schon so hübsch im Raum steht, raumgreifend gegenüber der Glotze, damit auch grössere Gruppen, etwa zum Videoabend eingeladene Freunde, sich am Gerät und dem Sitzmöbel erfreuen können.

Ich vermute, es ist auch nicht mehr wirklich neu, Zimmer mittig vollzustellen. Früher war das anders, man stellte alles an die Seiten, und noch früher trug man gar die Möbel von Raum zu Raum, von Haus zu Haus. Das muss man heute nicht mehr tun, und vielleicht ist es die Angst vor der Leere des Daseins, wenn man die Räume so zustellt. Dagegen, wie auf dem Bild zu sehen, helfen diesen Leuten italienisch anmutende Knabberdinge, die schlimmer bröseln als der Käseigel all jener Armen, die schon in den 60er Jahren keine Buffets mehr fertigen konnten. Sowie diese langstieligen, nur viertelvollen Weingläser, die jeder hat, der Kennerschaft vortäuschen möchte. Dazu das Erstbuch. Damit noch etwas Drang zum Höheren da ist.

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Der Prospekt, so schreiend bunt er auch sein mag, berichtet mir zudem von gestiegenen Ansprüchen bei der Ernährung; der dortige Käufer scheint von der Bockwurst, heimisch und fett, auf den asiatischen Garnelen umgestiegen zu sein, Umweltzerstörung und widerliche Zuchtbedingungen zum gleichen globalisierten Preis, dazu Basilikum und Nudeln, die unter solchen Leuten immer nur Pasta heissen. Ich kann mir das richtig gut vorstellen, diese Gutscheineinlöser, die am Montag von den Garnelen schwärmen, die man sich leisten kann. Neben der Garnitur für ein Drittel, und überhaupt, das sei ein schönes Wochenende gewesen.

Zu gerne würde ich glauben, dass ihnen irgendwann einmal die Nichtswürdigkeit dieses Betragens auffallen würde, dass sie begreifen, dass sie nur eine schnell verderbliche Gegenwart zu hohen Preisen mieten und, erschlafft von all dem Anpassungsdruck von der Bockwurst über die Garnelen bis zum bald kommenden Möbelhaussushi für 2,99, vielleicht sogar begreifen, dass nun ein wenig von der inneren Leere und Verzweiflung angebracht wäre, die in meinen Kreisen manche ab und an in Selbstmord, Depression oder Mesalliancen treiben – aber da habe ich die Rechnung ohne die sinnstiftende Kraft des Möbelhauses gemacht:

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Über den Betten, auf denen man allein und ungeliebt solchen schicksalshadernden Gedanken nachgeht, ist kein Stuck prunksüchtiger Vorfahren und ihrer Mätressen und kein mit schweren Gedanken befülltes Bücherregal, sondern eine auf alt gemachte Statue eines fetten Buddha, der grinsend die Mentalität aller Zufriedenen und zufrieden Einkaufenden verkörpert. Ich könnte das schlimm finden, aber es ist wohl nur banal und üblich, demnächst werden andere Trends kommen, und so stehe ich auf, gehe in die Küche, in der meine Sammlung alter Imariteller zu finden ist, koche Tee und werfe den Katalog zum Altpapier, selbst wenn mir keiner dafür eine Abwrackprämie für neuen Müll, sagen wir mal, das Bundesgesetzblatt mit den kranken Einfällen der Bundesfamilienministerin, anbietet. Fette Zahlen, Scampi und gefälschter Chinakitsch, man gebe denen die Insignien des Stils, des Aufstiegs und der Herzensbildung, die sie wollen, und lasse mich in Ruhe. Eigentlich muss ich froh sein, dass es solche Prospekte, Möbel, und Konsumanbieter gibt. Die besten Klassengrenzen sind immer noch die, hinter denen sich die anderen selbst verbarrikadieren.

Begleitmusik: Als Kompagnon durch nachdenkliche Stunden weiss ich gerade kaum etwas Besseres als einen sehr ausgefallenen Tonträger – Paolo Pandolfo spielt auf der Viola da Gamba Stücke des Komponisten Carl Friedrich Abel. Die Fenster müssen offen stehen, der Tag erlischt, ein paar Vögel vielleicht und etwas Geplapper auf der sommerlichen Strasse, dazu eben jene komplexe und nicht jedem verständliche Musik; das hilft gegen das Nichts der anderen und trägt dem Vergessen bei, auf dass man nicht träumt, auf einer Sonderangebotswohnlandschaft von einem aufgedunsenen Buddha mit billigen Shrimps zwangserwährt zu werden, während in der Glotze Frau von der Leyen erklärt, warum wir in Sachen Informationsfreiheit Teheran und Peking nacheifern müssen.