Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Die Klassengesellschaft im Biergarten

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Früher war man allgemein recht froh, den niederen Schichten und ihren ärmlichen Gebräuchen entronnen zu sein. Heute ist man dagegen gern bereit, für Scheinauthentizität ein paar Euro mehr auszugeben, auch wenn das die Volksbelustigungen nicht erhält, sondern umbringt, und nicht mehr als eine Maskerade übrig lässt.

Bier her, Bier her, oda i foi um.
(trad.)

Vielleicht hat der Klassenkampf von Unten an Strahlkraft verloren, weil er immer die gleichen Rituale und Ansagen verwendet. Man trifft sich am 1. Mai, hört Parolen, es gibt die üblichen Appelle bei den Armutsberichten und Klagen über den Raubtierkapitalismus – ansonsten kauft man billigste Kleider aus Bangladesh und bleiverseuchtes Spielzeug aus China, und bei Lebensmitteln zählt allein der Preis. Klassenkampf von Oben kennt dagegen viele Gesichter und Wirkungsweisen, hält sich nicht bei Forderungen auf, und macht gleich die Wünsche in der Realität fest. Nehmen wir nur mal diesen entzückenden Pfad über eine Wiese, über den wir rollen:

Bild zu: Die Klassengesellschaft im Biergarten

Am Ende dieses Pfades ist ein Damm. Der Damm steht hier, weil wir uns im Überflutungsgebiet der Donau befinden. Früher war hier Urwald, später “morastige Eselswiesen”, und dann ein Schiessplatz, denn alles andere wäre zu gefährdet gewesen. Später kamen ein paar Wochenendgrundstücke dazu, und daraus entstand vor ein paar Jahrzehnten, als der Fluss reguliert und mit Staustufen versehen wurde, ein Wohnviertel. Nicht irgendeines. Das Westviertel der Stadt, aufgeteilt in zwei Areale, und dazwischen diese Wiese mit dem Pfad und dem Damm. Der wurde 2001 schnell und nach neuesten Erkenntnissen angelegt, nachdem sich die Donau 1999 als doch nicht so leicht regulierbar erwies. Damals war diese Wiese ein See, und im Westviertel zerriss das Grundwassser Fundamente, flutete Schwimmbecken und Keller, und erinnerte die Bewohner an die Richtigkeit des Ratschlusses ihrer Vorfahren, das bessere Viertel der Altstadt nicht im Sumpf “bei der Schleifmühl”, sondern auf dem Hochufer anzulegen. Als die Donau 2002 und 2005 schon wieder neue “Jahrhunderthochwasser” zeitigte, sass man im Westviertel hinter dem biotopverschönten Luxusdamm auf dem Trockenen. Niemand muss hier fallende Immobilienpreise befürchten.

Klassenkampf von Oben hat viele Gesichter, und stets wird etwas Kleines, Unscheinbares, scheinbar Unwichtiges gefordert, angeeignet und genommen. Am Tegernsee verkaufen sie an die Superreichen, und manche heften ein Schild mit der Aufschrift “Privatstrasse” an die Laternen. Andernorts, wie hier weiter vorne, werden Anliegerzonen ausgewiesen und Verkehrsflüsse umgeleitet, es darf vielleicht noch jeder hinein, aber so richtig öffentlich ist der Raum nicht mehr. Mal ist es Verordnungen oder Subventionen, die Reiche bevorzugen, mal sind es Preise, die Arme ausschliessen. Die einen radeln entlang der Hauptverkehrsstrassen in die Stadt, die anderen auf Brücken darüber hinweg und durch den Park.

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Worin sich ein alter Befestigungsgraben befindet, darüber ein Steg, und daran wiederum ein Hinweis auf den nahe liegenden Biergarten am Wasser. Und dort steht – neben erfreulicher Preisgestaltung der angebotenen Speisen und Getränke – geschrieben: “Essen darf mitgebracht werden!” Ganz gross, auf leuchtend orangem Grund. Nicht “Exquisite Lage und exklusiv zu hart gekochte Nudeln an irgendwelchem importierten Zeug, das hier niemand richtig aussprechen kann, aber in den Kochsendungen wird so viel davon geredet”, oder “Heizpilze im Winter, Klimaanlage im Sommer und Frankfurter Preise das ganze Jahr”, oder “Top Location mit Event Charakter, Abend Afterwork Chillen mit DJ Deus Ex Machina”. Nein, hier steht “Essen darf mitgebracht werden!” Mit Ausrufezeichen.

Früher war das immer so. Historisch gesehen sind Biergärten kühlende Kastanienanpflanzungen über Bierkellern, an denen das Getränk billig und ohne Aufwand ausgeschenkt wurde. Die sonstigen Einrichtungen sind bis heute eher rudimentär, ein paar Tische und Bänke aus Holz in langen Reihen, eine eher begrenzte Gastronomie, und daher eher “öffentlicher Raum” denn “Wirtschaft”. Irgendwo zwischen Zivilisation und Natur, kein Picknick mehr, aber auch noch kein Restaurant, trinken muss man, aber essen darf man, was man will. So steht es in der Bayerischen Biergartenverordnung, so sagt es die Tradition, und eigentlich ist es gar keine schlechte Idee für diese unsere Gegenwart, in der man mit Wurstsalat, Schweinshaxn, Steckerlfisch und Leberkäs grössere Teile der Bevölkerung eher abschrecken und verjagen kann: Eine gesellige Veranstaltung soll es sein, für Reich und Arm, und wer nicht zufrieden ist, kann sich eben seine eigenen Dinge beim Molekularkoch um die Ecke in eine handlackierte Bento Box packen lassen und mitnehmen. Hier zumindest.

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Trotz der Nähe zur besten Wohnlage. Andernorts bekommen die Bedienungen enormen Druck, wenn sie nicht auf die Gäste Druck machen, dort das Essen mitsamt dem Bier zu bestellen. Denn der Biergarten geht in allen besseren Lagen den Weg aller einfacher Freuden, die zum Lebensgefühl, zum Stil, zum unverzichtbaren Erlebnis umgewandelt werden. Auf den Spuren der Eselswiesen vor der Stadt, der Armenspeisen von Austern und Krebsen, der vormaligen Unkräuter Rucola und Bärlauch, der Unterschichtenverblödung der Volksfeste wandeln die Kastaniengärten in München und am Starnberger See, es gibt zugeparkte Wege, astronomische Preise für mediokre Massenware und eine Bedienung so pampig und dreist wie in Berlin, Extrakosten für die Toilettenbenutzung und massenhaft Besserverdienende, die einfaches Volk, Bauern und Gaudiburschen in Pseudotracht vortäuschen. Zusammen mit einer scheinbaren Gleichheit auf Holzbänken, die aufgrund der Preise und des Bestelldrucks schon lange nicht mehr von normalen Menschen frequentiert werden. Klassenkampf von Oben sagt auch: Biergarten muss man sich dort erst mal leisten können. Berufspartymacher sind willkommen. Der 52-jährige Lastwagenfahrer wird sich dagegen in etwa so wohl fühlen, wie bei der scheinegalitären Strandbar in Berlin Mitte.

Hier ist das noch anders. Es mag der umliegenden Bevölkerung geschuldet sein, die nicht unbedingt den scheinbar heimatverbundenen Bayern geben muss. Das ist hier nichts besonderes, man wird als Bayer geboren und lebt damit, wie andere mit anderen Behinderungen leben. Man muss nicht vortäuschen, was man ist, man muss dafür nicht spezielle Lokale aufsuchen, um als Bayer aufzufallen und als solcher respektiert zu werden. Seit gut 30 Jahren komme ich hier vorbei, und war nicht öfters als ein paar Dutzend mal in diesem Biergarten, der hübsch und lauschig ist, aber halt auch nur ein Biergarten. Es is, wias is, sagt man hier bei uns. Es ist nicht, wie es war, lernt man dagegen an allen Orten, wo Menschen glauben, auf eine Art sein zu müssen, wie sie nicht sind. Aber immer findet sich jemand, der bereit ist, damit Geld zu verdienen und ihnen einzureden, dass sie nun dazu gehören – zu was auch immer: Gruppe, Klasse, Elite, zu den Richtigen eben.

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Träge rollt der Bierwagen durch den Park, vorbei an Rentnern und Schülern, fährt hinab zum Graben der alten Befestigung, wo man am Wasser sitzen und aggressive Bremsen totschlagen kann, die vom ordinären Schweiss angelockt werden. Die Luft vibriert und lebt von Getier, von Schmeissfliegen genauso wie von Schnaken, Bienen und Libellen, und dadurch sirren im wahren Klassenkampf von Oben die Schwalben und töten sie alle ohne Unterschied. Es ist heiss, auch am Wasser, man bestellt vielleicht noch eine Mass ohne Essen, gerade bei der Hitze, und wartet auf die Kühle des Abends, wenn man etwas Zeit hat. Es gibt schlechtere Orte, den Sommer zu verleben, und die erkennt man daran, dass sie Kastanien haben, einen Zwang, etwas zu bestellen, und eine Gesellschaft, die nicht wirklich gut ist.