Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Das vergessene Löcherl

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Manchmal sind es die kleinen Dinge, an denen sich die grossen Konflikte entzünden., die jahrelang unbeachtet und vergessen vor sich hinschwelten, bis sich eben Zunder bietet. Das muss kein Bürgerkrieg sein, oder der Hass der Ethnien aufeinander; es reicht schon eine normale Geschäftsbeziehung, die vorbei geht. Und Raum für schnelle Gewinne in letzter Sekunde lässt.

Sieh nämlich Menschen wie in einer unterirdischen, höhlenartigen Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat.
Platon, das Höhlengleichnis

Seit Jahren mühen sich Anlageberater ab, Menschen das Investieren in Immobilien auszureden. So ein  Haus liesse sich nicht einfach verkaufen, man wisse nie, wie sich die Lage entwickle, es bedeute viel Aufwand und Pflege, so ein Haus könnte auch hohe Kosten verursachen, wenn das Dach undicht wird, oder die Heizung einen Schaden hat. Ich kenne kaum eine Berechnung eines Vermögensverwalters, der einem normalen Haus eine gute Rendite bescheinigt. Statt dessen wird gemeinhin geraten, den Ärger irgendwelchen Dummköpfen zu überlassen, die einem ein schönes haus vermieten, und das Ersparte lieber in ihre sehr sicheren und lukrativen Anlagen zu stecken. Von den Kickbacks, die sie dafür erhalten, sagen sie natürlich nichts, denn im Gegensatz zum Makler wehrt man sich in dieser Branche noch gegen Offenlegungen. Aber natürlich haben diese Herren des schnellen Ertrags und der Provisionen in manchen Punkten recht: Häuser bedeuten Arbeit, und vermietete Häuser bedeuten Mehrarbeit für andere.

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In anderen Punkten… natürlich ist der Mensch nicht durchgehend rational, aber ein Mieter wird sich trotz aller tollen Anlagen immer irgendwie unterlegen fühlen, wenn er sich mit Hausbesitzern vergleicht. Nehmen wir an, zwei Menschen verdienen nicht ganz schlechte 4000 Euro netto, der eine hat Anlagen und mietet für 1000 Euro, der andere besitzt eine Wohnung: Beim Mieter geht immer zuerst die Miete vom Gehalt weg, beim Wohnungseigentümer bleiben sie erhalten. Hat der Wohnungsbesitzer vielleicht noch eine Wohnung, die er für 500 Euro vermietet, liegt der Unterschied  schon bei 1500 Euro im Monat. Irgendwann lindern die Anlagen vielleicht manchen Schmerz und Neid, aber im Ergebnis versuchen enorm viele Mieter, Hausbesitzer zu werden, Und nur wenige Hausbesitzer verkaufen, um endlich wieder sorgenfrei zu mieten. Nicht nur wegen des angenehmen Gefühls, dass die Rendite monatlich auf die Konten sprudelt. Als Hausbesitzer weiss man auch, wie wenig angenehm es sein kann, im Eigentum anderer Leute zu leben.

Denn kein Mietverhältnis währt ewig, irgendwann kommt der Moment, da die Geschäftsbeziehung unwiderruflich endet, und keine Seite von der anderen noch etwas zu erwarten hat. Jede Freundlichkeit, jede Rücksichtnahme, jede Nachsicht ist nicht mehr monetären Interessen geschuldet; ganz im Gegenteil, kapitalistisch betrachtet geht es nun für beide Seiten darum, den Profit noch schnell zu maximieren. Der Vermieter möchte eine schöne, saubere, am besten besser als neue Wohnung wiederhaben, der Mieter, der in aller Regel den Umzugsaufwand unterschätzt hat, will endlich seine Ruhe und nicht noch einen Monat mieten, um dann in der Wohnung eines anderen zu schuften. Idealerweise bringt er einen Nachmieter, der einfach alles übernimmt und hofft, dereinst auch einen Nachmieter zu finden, was auch dem Vermieter das Liebste ist – kein Ärger, kein Streit, Kontinuität und Rendite, und die Flecke fallen eh keinem auf. Im schlimmsten Fall…

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Es ist an dieser Stelle kurz abzuwägen, ob man als Mensch mit Vermieterblut öffentlich darüber reden sollte – eigentlich, so ist die feste Überzeugung, verschweigt man das besser. Denn auf der einen Seite sorgen solche Geschichten natürlich für Verbitterung und Vorsicht bei Mietern, die sich in Misstrauen  offen zeigen. Das kann den Fortgang des Geschäfts natürlich beeinträchtigen. Nur ist dann auf der anderen Seite die Frage, wo die Mieter sonst hin sollen? Irgendwo müssen sie mieten. Dann zahlen sie also weiter, wenngleich auch mit Angst. Oder sie wollen eine Immobilie kaufen. Das treibt den Wert der Häuser nach oben. So oder so: Man gewinnt. Man verliert nur, wenn sie sich einen hässlichen Toskanabunker in die bevorzugte Wanderregion setzen.

Der schlimmste Fall ist nach vielen anderen schlimmen Fällen der letzten Woche – religiös engagierte Zwischenmieter erpressen sich über religiöse Stiftungensvorstände in Wohnungen, deren Mieter gar nicht abtreten wollen, Vermieter vermieten doppelt, Facebook wird zur Spionage nach nicht genehmigten Herrenbesuchen benutzt – in einem nicht ganz so guten Viertel der kleinen, dummen Stadt an der Donau passiert. Dort endeten die Geschäfte durch eine Eigenbedarfskündigung zugunsten des Sohnes der Hausabesitzerfamilie, was für sich gesehen völlig rechtens ist. Die Mieter hingen nicht besonders am Haus und fanden ohne allzu grosse Probleme, wenngleich auch nicht ohne Eile und Hektik, eine neue, nicht schlechtere Bleibe. Dann brachten sie das Haus in Ordnung, sahen durch, ob alles passte, und übergaben die Schlüssel. Und hatten wohl, möglicherweise, irgendwo ein Löcherl in der Wand übersehen.

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Nun ist das eine Standardsituation des Mietrechts, die eine der Wurzeln der Arbeitsüberlastung deutscher Gerichte darstellt. Mieter sagen dann meist, die durchgefaulten Decken hätten nichts mit ihrer übergelaufenen Waschmaschine zu tun, und Vermieter möchten für einen Fleck am Küchenboden am liebsten neu fliessen lassen. Es ist das kleine Beirut des deutschen, bürgerlichen Klassenkampfes, bei dem bis zum letzten Cent gestritten wird. Nur wurde diesmal nicht nur die Hälfte der Kaution wegen des Löcherls einbehalten – das Löcherl wurde auch entfernt. Mit allem, was sonst im Haus war. Denn das Haus wurde so umgebaut, entkernt, verändert und erweitert, dass es vollumfänglich den Renditehoffnungen dieser aufstrebenden Wirtschaftsregion ohne Sprayer, Arbeitslose und andere Berliner Internetfeunde entgegen kam. Hätte die Mieterin anstelle des Löcherl Opas Sammlung von Tretminen aus dem 2, Weltkrieg im Haus vergessen, hätte es für die verbliebene Bausubstanz auch keinen Unterschied gemacht.

Der Umbau jedoch geschah, ohne dass man den Mietern Zutritt noch gestattet hätte, um zu beweisen, dass das Löcherl mitsamt den Hausinnereien verschwunden war. Es folgten hektische Gespräche, Anwälte wurden ob des Löcherls bemüht, Indiskretionen machten die Runde, Informationen über den Fortschritt am Bau wurden erschlichen, und überhaupt war das kleine Löcherl eine Riesengaudi im grossen Sommerloch, das hier dieses Jahr mit unterdurchschnittlich wenigen Scheidungen ohnehin übergross war. Am Ende sprach das Gericht, und es meinte, dass man für ein Löcherl, das man mitsamt Hausinnereien ohnehin entfernen werde, nicht anderen Leuten die halbe Kaution abknöpfen kann. So aber kann es dem Mieter allein ergehen, denn, und das kann ich als Mensch mit Vermieterblut seit Generationen hier deutlich sagen: So, wie sich für jede Antiquität in einem alten Haus immer ein Fleckerl findet, findet sich beim Mieterwechsel auch ein Löcherl. Das, aber auch das sei hier vermerkt, dem neuen Mieter meist erst auffällt, wenn er schon eine Weile darin wohnt. Ausserdem, was bringen einem schon ein paar Euro Kaution, wenn man Gegenstand der altstädtischen Belustigung ist. Also gipst man schnell selbst drüber, im Wandschrank ist genug Farbe, und es ist besser so, als Angst zu haben vor dem nächsten Wirtschaftscrash, oder dem Besuch der Staatsanwaltschaft bei einem Anlageberater. Hatten wir hier dieses Jahr noch nicht. Es wird Zeit.

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Ohnehin, der Sommer geht und der November ist schon da, es schwillt die Donau und leckt an den schönen, aber zu tief angelegten Uferwegen, und allgemein fürchtet man sich, flussauf, flussab, gerade wieder mehr vor dem Hochwasser, denn vor dem Raubmieter. Irgendetwas bedroht immer den Besitz, solange man ihn hat, und manchmal wüsste ich, wenn ich Türen streiche und Böden wische, nur zu gerne, was einem dieser Ruach, wie man in Bayern sagt, letztlich bringt. Nichts, vermutlich.