Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Überprivilegiert

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Vom Barockgemälde über die Scheidung bis zur Mirabellenmarmelade: Die kleinen Selbstverständlichkeiten, die man sich:nebenbei leistet, sind der wahre Vorteil des Lebens in Wohlstand.

Fuchs Du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her,
sonst wird Dich der Jäger holen mit dem Schiessgewehr.

Die N. ist so fasziniert vom Ziegenkäseangebot, dass sie mich nicht bemerkt. Das macht nichts, dann habe ich Zeit, sie anzuschauen, und froh zu sein, dass ihre, sagen wir mal, markante Nase, oder besser, leicht italienische Nase nicht dem Messer eines Schönheitschirurgen zum Opfer gefallen ist. Die N. war gerade zwischen Abitur und Studium, da sie auf die Idee verfiel, unter der nicht linealgeraden Nase psychisch leiden zu müssen, nachdem es sonst keine Anlässe gab, unter fehlenden Rollern, Autos, Konzertreisen, Geigenunterricht, Reitunterricht, Surfbrettern und sonstigen Dingen zu leiden, die andere vielleicht nicht bekamen. Die N. bekam alles. Nur nicht die Nase, die sie wollte. Ihre Eltern sagten wie immer zu, aber andere, die wussten, wie schlimm so etwas enden konnte, redeten ihr es aus. Man könnte sagen: Die Nase gehört der N., aber die Eigenwilligkeit ist mein Beitrag.

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Es waren wilde Zeitem, damals. Manche hielt man davon ab, sich behandeln zu lassen, andere brachte man auf den letzten, allerletzten Drücker durch die Münchner Nacht hoch nach Nürnberg, wo sich ein Termin zur Schwangerschaftsvermeidung fand, und wieder andere, da wusste man nicht, was man tun sollte, weil die Ursache der schlechten körperlichen Verfassung Drogenmissbrauch war. Da war es gut, dass viele im Freundeskreis Medizin studiert hatten und wussten, dass bei nicht ganz so schlimmen Fällen juristisch kaum etwas zu befürchten war. Die Nase der N. jedoch war, rückblickend betrachtet, nur eine kleine Fingerübung der Überzeugungskunst, nichts Ernstes, und dass sie jetzt unbegleitet und allein überlegt, welchen Ziegenkäse sie will, und dabei für ihr Alter vielleicht doch etwas zu jugendliche lila Schuhe mit vielen Blumen, fast ein Gewächshaus an den Füssen trägt – das hat mit der Nase nichts zu tun. Der Mann floh aus anderen Gründen, die ich ihm auch vorher hätte erklären können, wie die Risiken so einer Operation. Aber er wollte unbedingt. Da kann man nichts machen. Und es war auch kein Drama, es war genug auf beiden Seiten vorhanden.

An ihrem Hals schimmert dagegen eine unschuldig weisse Perlenkette, Perlen hängen auch an ihren Ohren, gut schaut sie aus, denke ich mir noch, und das merkt sie, dreht sich um, und dann reden wir ein wenig. Wie es den Eltern geht, was man so treibt, und dass es ein Zufall ist, dass wir uns hier treffen: Wo ich doch heute eigentlich am Tegernsee sein wollte, und sie wohnt etwas ausserhalb. Allerdings überlegt sie sich, jetzt auch umzuziehen, wie das so viele machen, und sich in der Innenstadt etwas zu kaufen, aber es ist nicht so leicht. Sie klagt etwas über die Preisentwicklung, zahlt nebenbei für etwas Käse einen Betrag, von dem man in Berlin zwei Wochen Döner essen könnte, und kommt zum Schluss, dass sie es trotzdem angehen muss: Das Geld muss irgendwohin. Aber nicht, würgt sie mein übliches Lob auf barocke Stadtpaläste ab, in so einen Altbau vor 1700, in den ich sie trotzdem einlade.

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Denn das, was sie alle und die N. über Risse und krumme Mauern sagen, stimmt zwar, aber man kann es billig und schön wieder herrichten. Dazu muss man sich gar nicht von einem Innenarchitekten mit Full Service Specialist Connection ausbeuten lassen. Bei mir in der Wohnung ist eine mit rohen Brettern verfüllte Tür: Ich habe darüber gemalt (30 Euro), eine Leiste stuckatiert (80 Euro) und ein monströses Barockgemälde davorg ehängt, Faun verführt nackerte Nymphe, 110 mal 90, mit Neubarockrahmen. In Gold. Man könnte daneben eine Atombombe aufstellen, sie würde kaum auffallen, ganz zu schweigen von den Rissen. Das ist wie mit ihrer – in meinen Augen wirklich hübschen – Nase. Eine charakterliche Eigenheit, die im Gesamtkonzept passt, sich einfügt und untergeht. Und so verweise ich auf die Gelegenheiten, die sich hier im Bereich der unrestaurierten Immobilien noch finden. Und natürlich auf die üblichen Fahrten nach Pfaffenhofen, wo jetzt die Franzosen in Mengen jene Gemälde offerieren, die man in Frankreich unter der sozialistischen Regierung nicht mehr so einfach kaufen würde.

Ich finde die N. sehr attraktiv, gar keine Frage, aber attraktiv ist auch die Mirabellenmarmelade am Stand daneben. Die ist dort nicht ganz zufällig, ganz im Gegenteil: Seit nunmehr einem Jahr liege ich der dort verkaufenden Frau M. in den Ohren, sie sollte doch einmal Mirabellen pur versuchen. Begonnen hat alles mit einer Mischung aus Kirsche und jenen gelbgoldenen Früchten meiner Heimat, die im Zuge der grünen Bolschewikisierung der besseren Kreise vor einer Renaissance stehen. Die Mirabelle ist so etwas wie der Bärlauch unter der Früchten, lange Zeit fielen die reifen Kugeln unbeachtet ins Gras, aber heute will man das wieder. Bergpfirsiche aus Griechenland dagegen sind, seitdem es sie auch bei L*** geben soll, auf dem Rückzug. Letztes Jahr bin ich für Mirabellenmarmelade noch extra, gut halbextra bis nach Innsbruck und bei der Gelegenheit weiter nach Südtirol gefahren, aber zum Glück kann ich das auch hier anfordern, und speziell für mich fertigen lassen. Ich spare mir damit eine Reise, und die Bedürftigen in Berlin, Frankfurt und Hamburg, die von Mirabellenkuchen träumen, bekommen ein Glas: Auch damit kann man Kuchen machen. Und so verabschiede ich mich von der N., meine Einladung in das alte Gemäuer und zu den Franzosen wiederholend, und wende mich meiner Auftragsproduktion zu.

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Es ist ein kleiner Sieg über die EU und die sicherlich existierenden Verordnungen für Marmelade und die aus Massenproduktion stammenden Früchte, der hier errungen wird, denn den Baum, von dem die Mirabellen stammen, kenne ich persönlich, und immerhin auch die 3. Generation nach der Frau, die den Baum gepflanzt hat. Keine Chemie, kein Spritzen, keine wie auch immer gearteten Hilfsmittel zur Mengensteigerung: Ein Baum, eine Leiter, ein Mann, der hinaufsteigt und eine Frau und ihre Schwester, die entkernen und einkochen. Der Vertrieb läuft über gebrauchte Gläser, die die Kunden wieder zurückbringen. Kein Abfall, keine Vertriebsplanung, kein globaler Konzern und keine Regeln, welche Mirabellenart heute noch im Sortenbuch steht. Ein kleiner, runder Handel in einer kleinen, angenehmen Stadt, ohne Globalisierung. Das bedeutete im letzten Jahr zwar, dass es keine Mirabellenmarmelade gab – die Ernte war zu gering – aber dieses Jahr gibt es Unmengen. Ich denke sogleich an die M. und den B. und die andere M. und den H. und die K. und die P. und nehme gleich etwas mehr mit, so viel halt da ist. Ein wenig bayerisches Sonnengold im Paket für wenig goldene Regionen. Als die anderen im Norden Moos ansetzten, hatten wir hier famoses Wetter, und das merkt man auch beim Einkochen: 2012 braucht Frau M. weniger Zucker als sonst.

Nur heute hat es kurz geregnet, ein paar Tropfen, weshalb auf dem Wochenmarkt nicht so viel los ist wie sonst, mutmasse ich. Schliesslich habe ich um 12 noch ein Olivenciabatta bekommen, und auch den vorletzten Paprikafrischkäse, und Mozarella. Für Spätaufsteher ist der Wochenmarkt am Samstag im Sommer mitunter so, wie ich mir Einkaufen in Nordkorea vorstelle, Trüffel, Pfifferlinge, Steinpilze, alles weg und geplündert, und vorher gab es auch einen Versorgungsengpass beim Rehrücken, hörte ich. Nein, belehrt mich Frau M., das liegt daran, dass heute der 5. Samstag im Monat ist. Dann ist immer weniger los, das wissen die Händler: Viele Kunden kalkulieren mit 4 Samstagen, beim fünften Termin sitzt dann das Geld nicht mehr so locker. Man merke das auch schon am vierten Samstag deutlich, wohingegen am Monatsanfang wieder massiv gekauft werde. In meinem immer noch übermüdeten Hirn formulieren sich unbewusst Fragen wie „Was hat das denn mit dem Monat zu tun” und „Was ändert sich denn dem 1.”, aber intuitiv ist mir durchaus bewusst, was das bedeutet: Manche, viele, wahrscheinlich sogar die meisten Menschen schauen aufs Geld, teilen es sich ein und überlegen, wie sie durchkommen. Dann ist der Wochenmarkt mit fünf Terminen eben zu teuer.

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Solange ich mir nicht denke „Vielleicht sind vier Wochen an der Donau auch einfach zu lang und alle sind an den Tegernsee gefahren, zumal sie in der ZEIT gelesen haben, dass sich die dortigen Feuilleton-Mitarbeiter das neidvoll nicht leisten können, die Armen, aber das ist gut für die Bildungsstruktur am See”, stimmt mein realitätsnahes Klassendenken noch. Aber dafür bedarf es mitunter der Erinnerung an die Normalität. Weil man zwischen Ziegenkäse, FlipFlops aus Paris, Immobiliensuche, Innenarchitekten, Gemäldekauf und Mirabellenmarmelade irgendwie weiss, dass es gerade eine Krise gibt, und sich damit beschäftigt, indem man der Klasse angemessene Antworten findet, aber darüber vergisst, wie das andernorts ist. Manchmal sind die anderen so nett, das einen in heiligem Zorn vergessen zu lassen – wenn man jemandem zur Vermeidung betrügerischer Schrauber ein Rad repariert und das dann trotzdem zur Caritas gegeben wird, weil ein neues Schrottrad aus China im Supermarkt nur 300 Euro kostet, und bei H&M kommen sie auch gleich noch vorbei. Aber manchmal wird es auch etwas einsamer, etwa auf dem Wochenmarkt, und der Umstand, dass noch ein Schachterl biologischer Creme Fraiche französischer Weidekühe für 2,50 Euro da ist, ist um 12.30 Uhr ein Glück, weil man dann nicht in den Supermarkt muss. Aber auch eine Erinnerung daran, wie selbst diese im Weltmaßstab unermesslich reiche Nation aufgeteilt, gespalten und in sich mit Abgründen durchzogen ist.

Ja. Das ist also so. Und dann gehe ich heim und topfe neuen Biosalbei auf meiner Dachterrasse ein, und rühme mich, wenn die N. kommt, meines natürlichen, einfachen Daseins.