Stützen der Gesellschaft

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Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Die Kosten von Luxus und Niedergang

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Der Herbst ist die beste Zeit für den Nebenkostenschock: Für Reich und Arm wird alles teurer. Aber während die einen für gute Substanz bezahlen, werden die anderen für Vernachlässigung zur Kasse gebeten.

s’Glump is zwoamoi deia.
Meine Grussmutter (wie immer Recht habend)

Ich habe Berlin in Etappen verlassen, und irgendwann im Jahr 2007 kam in unserem alten Büro aufgrund eines Zustellungsfehlers die Hausabrechnung von 2005 an. Ich rauschte also zu einem Termin über die ausbleibende Zukunft des Journalismus in den Reichshauptslum, und stopfte die Unterlagen in den Koffer auf meinem Heckgepäckträger. Der Koffer begleitete mich auf einigen Reisen, und im Sommer 2008 erlebte der Koffer auf dem Träger kurz vor Innsbruck einen sintflutartigen Regensturz, der mich davon abhielt, die Silvretta Classics in der Schweiz zu besuchen. Alles wurde nass, Wasser drang durch alle Dichtungen, ich kehrte um, stellte den Koffer am Tegernsee zum Trocknen in den Keller, und reiste dann mit einem anderen. Weil ich Koffer selten nicht aufräume – wenn man erst mal Adapter und Tabletten anderweitig einräumt, vergisst man sie garantiert – ist dort auch noch meine alte Abrechnung. Und so finde ich sie jetzt auch wieder. So hält man Ordnung, nicht allgemein in meinen Kreisen, sehr wohl aber in dieser Generation.

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Aber ich will Sie jetzt gar nicht mit Geschichten über vergessene Meldefristen, illegale Aufenthalte, namenlose Konten und die Geschäftsgrundlage all der neuen Steuerberater belästigen; wichtiger ist das, was in meiner Abrechnung geschrieben steht. Nämlich, dass damals schon in Berlin die Nebenkosten reichlich hoch waren; nämlich so hoch, wie sie am Tegernsee, nach Quadratmetern aufgeschlüsselt, auch heute noch sind. Nun habe ich in Berlin in einer Anlage gewohnt, deren Verwaltung unter dem strengen Regiment einer Frau aus Landshut stammt, und wer Hausfrauen aus Niederbayern kennt, weiss um die Bedeutung: Da ging es akkurat zu, da wurde kontrolliert und geschaut, und wenn mal ein typischer Berliner seine mangelhaften Schreibfähigkeiten mit der Spraydose praktizierte, war das am nächsten Tag wieder weg. Drogenmissbrauch, Bordellbetriebe und Schusswaffenbenutzung wären dort durchaus negativ aufgefallen. Und dennoch, der Hausgang war zwar sauber im Sinne von Abwesenheit von Dreck, aber trotzdem war er mir zutiefst unangenehm.

Es war nicht Patina, die das Auge als Ausdruck von Geschichte schön finden kann. Er war durch mangelnde Beachtung abgewohnt. Ich wurde dort einmal Zeuge einer Wohnungsumgestaltung; vor meinem Fenster stürzten Möbel, darunter auch ein lila Pornobett, das heute in Berlin vielleicht wieder schick wäre, auf die Grünanlage. Solche Menchen gingen da durch. Man sah dem Gang an, dass vor der niederbayerischen Zucht jahrzehntelang wenig getan wurde. Zumindest von den Vermietern; die Mieter hatten so einiges getrieben, und das hatte Spuren hinterlassen. Der Gang hatte auch nach dem Putzen einen säuerlichen Geruch, die Fenster waren billig und verbraucht, das Licht erinnerte immer an einen Gruselfilm, und alles war eng, dunkel und unsympathisch. Man tat, was man konnte, auch wenn es die Mieter belastete: Die Sauberkeit allein hat wenig geholfen, obwohl viel geputzt wurde. Eigentlich jeden dritten Tag. Das war nötig. Daher war es auch so teuer.

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In Berlin jedoch gab es keine Blumenkübel vor dem Hauseingang, die zu jeder Jahreszeit passend bepflanzt werden; am Tegernsee schon. Jetzt im Spätsommer sind sie weg, und bald werden sie wieder Kränze mit roten Schleifen an die Türen hängen; auch das gab es nicht in Berlin. Letzte Woche war ein Zettel in meinem Briefkasten, man werde den Hausgang jetzt neu streichen, und entschuldige sich für die Behinderungen. Ich bin nicht erstaunt, dass hier jemand mitdenkt, aus dem Tal zur Anlage fährt und die Bewohner vorsorglich auf das Kommende hinweist; das betrachte ich schon eher als typisch für diese Region. Was mich dann aber doch erstaunt hat, ist der Vorgang an sich: Der Hausgang war vor dem Streichen ohne jede erkennbare Beschädigung, und danach auch nicht weisser. Er roch lediglich nach frischer Farbe. Das wäre aber nicht nötig gewesen – so in etwa müsste man sich dafür bedanken. Es hatte sich auch niemand beklagt. Man macht das hier einfach turnusmässig, alle paar Jahre wird das Gemeinsame neu gestrichen. Fehlt eigentlich nur noch, dass jemand frisches Blattgold auf die kleinen Kugeln im Geländer aufbringt.

Und das alles zum Berliner Preis von vor 7 Jahren. Eigentlich müsste ich dankbar sein, aber diese Perfektion und Effektivität ist dann doch – man denke an meinen Koffer – auch ein wenig beschämend. Mir geht es dann so wie einer alten Tante, die selber nicht Ordnung halten kann und froh ist, wenn sie etwas findet, das ihre schwarz angestellte Polin übersehen hat: Bei uns im Keller sind die altmodischen Stromzähler. Kunstsammler wissen, dass die Rahmenoberkante immer gern übersehen wird, und staubig ist. Also strich ich über meine Zähler: Kein Staub. Nichts. Auch dort alles sauber. Irgendwer muss einmal in der Woche zu tagschlafender Zeit kommen und wissen, dass auch solche Ecken nicht zu übersehen sind. Einmal feucht abwischen, fertig. In Berlin brauchte man eine Taschenlampe, um die Zahlen durch all den Staub und heruntergefallen Mörtel im Keller ablesen zu können.

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Die mittelfristige Folge in Berlin war übrigens eine für den Besitzer enorm teure und nervenaufreibende Angelegenheit, die man in linken Kreisen vielleicht als „Luxussanierung” bezeichnen würde: Bestehenden Mietern mussten in der Zwischenzeit andere Wohnungen überlassen werden, es gab teure Um- und Einzüge, und weil es eh schon egal war, wurden auch die Treppenhäuser freundlich, hell und luxuriös gestaltet, und mit dauerhaftem Marmor belegt, der im Gegensatz zu Linoleum auch nach Jahrhunderten noch schön aussieht, wenn man ihn richtig pflegt. Aber das geht natürlich auch auf die Mietpreise. Und wenn dann wieder die gleichen Rabauken die Wände verramschen, hält das auch nicht lange, und die Nebenkosten der Erhaltung werden steigen. Wenn man Berlin nach bayerischen Vorstellungen erhalten will, wird es enorm teuer. Am exklusiven Tegernsee, wo vollkommen unabhängig von der umgebenden Schneehöhe mein Autostellplatz stets trocken und eisfrei ist, läuft das alles von alleine. Der Bestand ist gut, die Pflege ist ordentlich, da kann nicht viel an unvorhersehbaren Zusatzkosten kommen. Und vielleicht hat es auch etwas damit zu tun, dass man der Tant’Theres ihren Hochzeitskleiderschrank etwas vorsichtiger hochträgt, als neu gekauften Wohnmüll aus Schweden. Und dass man Wohnungen nicht zum warmen Gang, sondern nach draussen entlüftet.

Man mag die Goldkügelchen im Geländer possierlich und die Streicharbeiten als überflüssig erachten, und natürlich ist das auch Luxus: Allein, es kostet im Ergebnis nicht mehr. Viel höre ich gerade über die Unverschämtheit der „Zweiten Miete” und den „Hausabrechnungsschock”, der so manchen Berliner finanziell in Bedrängnis bringt: Das ist wohl wirklich so. Da entstehen Kosten durch den Niedergang und die Misshandlung, die an alle weitergereicht werden. Leider steht nirgendwo geschrieben, dass nur Luxus teuer sein muss, und Niedergang billig sein darf: Die Verelendung der Massen, die viele Linke und junge Menschen bei HartzIV erkennen können, und deren Folgekosten sie bemängeln, entstehen nicht weniger in den ramponierten Hauseingängen, deren Fussabstreifer im Übrigen auch eine Funktion haben, und nicht nur zur Zierde dort liegen. Am Ende wird immer eine Rechnung präsentiert, und man hat die Wahl: Will man überflüssiges Streichen oder Totalsanierung?

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Als ich vor vier Tagen auf den Berg gestiegen bin, kam ich durch Gasse, ein kleines Dorf oberhalb des Tegernsees, und in einem der Gärten fegte eine Familie das Laub zusammen. Nicht weit entfernt steht auch die tausendjährige Linde, ein Ungetüm von einem Baum auf öffentlichem Grund, und eine Frau von jenem Anwesen machte auch hier noch schnell das Laub weg. Einfach so. Keiner sagte Danke, niemand musste sie dazu auffordern, einfach so. Mit diesem Hof und dem riesigen Garten hätte die Frau das auch nicht nötig, aber sie hat es trotzdem gemacht. So werden Linden tausend Jahre alt. Und es ist keine Frage des Geldes, der Nebenkosten oder der richtigen Wohnlagen. Kosten entstehen nicht aus dem Nichts, und Verantwortungsgefühl kommt nicht von Nichts. Wir zahlen die gleichen Preise, aber für unterschiedliche Ergebnisse. Luxus und Niedergang muss man sich erst mal leisten können.

Ich sollte wirklich mal den alten Koffer ausräumen und die Sachen sortieren.