Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Gewinner, Sieger und andere Verlierer

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Es liegt nur am Marketing: Pferdefleisch und Wuchermieten müssen besser vermittelt werden, um dem Konsumenten weiterhin das angenehme Gefühl der Bevorzugung zu geben.

Die Naturen, welche die besten zu sein glauben, bedürfen am meisten der Zügelung.
Xenophon

Wir, die wir hier im Tegernseer Tal leben, bemerken trotz unserer bevorzugten Lage, dass es im Rest der Welt nicht ganz so fein zugeht. Ich sehe es eigentlich jeden Tag, wenn ich bei der alteingesessenen Bäckerei bin und dort Kuchen kaufe. Ach so, und Brot natürlich auch. Neben der Kasse sind dort auch Zeitungen. Nicht alle sind fein und so, dass man sie hier ohne Ansehensverlust herumliegen lassen könnte, und von den Schlagzeilen aus erfährt man, was Menschen so umtreibt, wenn sie nicht hier leben und wirklich normal sind, und nicht nur normale Kleinmillionäre. Zum Beispiel die hohen, viel zu hohen Mieten, die wir eigentlich immer angemessen oder als zu niedrig begreifen – das ist so ein Thema, da kommt es ganz darauf an, von welcher Seite des Grundbuchamtes man es betrachten möchte. Oder der Pferdefleischskandal.

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Da ist nämlich die Zeitung mit der bundesweit grössten Auflage und oben, auf der ersten Seite, gleich diese Anzeige. 400 Gramm Hackfleisch von Rind und Schwein für 1,59 Euro. Sicher werden sich da viele gedacht haben: Das ist ein Lockangebot ohne Gewinn oder gar mit Verlust, das ist so billig, damit wir in den Laden gehen, dafür ist manches dann eben entsprechend teurer, aber man wäre doch dumm, wenn man das nicht mitnehmen würde, 400 Gramm, das ist echt viel Fleisch, und normal wäre es sicher teurer. Aber wenn man, wie jetzt im Fall des Skandalpferdefleisches, den Weg solcher Waren über Zwischenhändler und Subunternehmer aus ganz Europa kennt, könnte man sich schon Gedanken machen, ob das Fleisch nicht von besonders billigen Schweinen und Rindern kommt. Und der Handelskonzern trotz des Preises nicht auch noch Gewinn macht.

Jedenfalls, so eine Anzeige auf der ersten Seite dieser Zeitung ist nicht billig, und man darf davon ausgehen, dass dieses Angebote von 4 Euro für ein Kilo dessen, was sie als Fleisch bezeichnen, ausreichend Breitenwirkung zur Refinanzierung hat. Man muss unterstellen, dass die Kunden das so wollen. Der Geschmack – Rind und Schwein sind nicht identisch – ist da wohl eher zweitranging, und es ist da auch nicht so wie bei jedem besseren Metzger, der vor den Augen der Kundschaft echtes Fleisch, das keine Schlachtnebenprodukte enthält, durch den Fleischwolf dreht. Beschaffung, Qualität und Wille der Kundschaft machen es möglich. Dass dann etwas hineinrutscht, das die Gewinnspanne erhöht: So ist der Kapitalismus. Mit welchen Methoden Tiere zur Schlachtreife gebracht werden, die solche Preise erlauben – diese Frage nicht zu stellen, ist auch der Kapitalismus auf Seiten der Kunden. Ich sehe da keinen Verbrecher und kein Opfer. Ich sehe da nur Spiessgesellen, die für sich das Beste herausholen wollen.

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Nun wissen wir, die wir hier am Tegernsee leben, dass das Beste für Alle nicht möglich ist: Hier leben 20.000 am See und über 80 Millionen tun es in diesem Land nicht. „Das Beste” definiert sich dadurch, dass es auch vieles gibt, das weniger gut ist, oder schlecht, oder widerlich, oder das Wohnraumäquivalent für ein Kilo Hackfleisch für 4 Euro. Die Ungleichheit, die Grundlage unserer Gesellschaft und generell aller Gesellschaften dieser Erde ist, teilt die Menschen in Gewinner und Verlierer ein, die einen leben auf 300 Quadratmeter am See und die anderen quetschen sich in WGs auf 12 Quadratmeter und sorgen dafür, dass bei uns die Lasagne nicht aus dem Kühlregal kommt, sondern liebevoll mit viel Zeit von Hand gemacht wird, mit Zutaten, die penibel ausgesucht wurden. Die Waren aus dem Kühlregal jedoch werden unter dem freundlichen Wort „convenience Food” vermarktet, also angenehmes und bequemes Essen. Nicht „der letzte zusammengekochte Dreck, den man überhaupt nicht mit Don Alphonsos Familienrezepten vergleichen kann”, sondern eben bequem und zeitsparend in der Zubereitung. Und das ist der Trick des Kapitalismus und seiner niedrigen Anhänger: Schlecht ist nicht mehr schlecht, sondern einfach nur anders gut.

Und so kommt es eben, dass kleine, aber regional verantwortungsbewusst arbeitende Metzger und Bäcker um die Ecke schliessen müssen, weil sie die EU-Vorgaben zum angeblichen Verbraucherschutz in ihren kleinen Räumen nicht mehr umsetzen können. Und eine Backfabrik, in der es Mäusekot und andere, ähnliche Zutaten gibt, mit von Spezialisten durchgerechneten Filialen und billigem Personal weiterhin Waren verkauft, die nicht wirklich so sind, wie es die schönen Werbephotos vermitteln: Mit Landschaft im Hintergrund, grünen Wiesen und einem Leben, das so heil zu sein scheint, wie es vielleicht noch bei uns ist, aber ganz sicher nicht in den Ballungszentren. Wer einen derartigen Ausblick wirklich vor der Terrasse hat, ist ein Gewinner. Wer die Bilder im Outlet eines Nahrungsvertriebs hat, fühlt sich trotzdem nicht als Verlierer, und die Musik dudelt jeden Zweifel weg. Oh, und: In der Metzgerei heute Sonderangebot, 400 Gramm feinstes Hackfleisch für nur… Schnell hin! So sehen Sieger aus.

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Sicher, es ist ein Skandal, wenn man Rindfleischreste kaufen will und dafür Pferdefleischreste bekommt. Hier ist eine Grenzüberschreitung, die das Gesetz berührt. Aber wenn man einmal die juristischen Argumente beiseite lässt, ist es nur ein Aspekt eines Systems, das immer jedem vermitteln will, zu den Siegern zu gehören. Niemand sagt heute: Du arme Sau musst jeden Tag zwei Stunden mit schrecklichen Leuten pendeln, es heisst statt desssen „bester Anschluss an die U-Bahn” – ein Sieger! Niemand sagt heute: Sechs Tage im Monat schuftest Du für Deinen Blechhaufen, mit dem Du nur im Stau stehst, und für den es keinen Parkplatz gibt; statt dessen: Alcantara-Leder, 420 PS und viel Exklusivität für nur 120.000 Euro – ein Sieger! Niemand sagt heute, das Mobiltelefon wirst Du in einem Jahr wegwerfen, und das neue Modell, das Dir der Konzern gibt, wirst Du anderweitig voll gezahlt haben; man sagt, dass man das heute haben muss, um vorne mit dabei zu sein – ein Sieger! Und wenn sie dann am Wochenende über die Mangfallbrücke im Urlauberstau genervt nach Süden zockeln, vor ihnen 420 PS und 14 GB Pr0neaux und Popmusik auf dem Telefon, dann sehen sie vielleicht mich, zu Fuss, auf dem Heimweg mit einer Jutetüte und geben richtig Gas, damit ich es nicht wage, die Strasse vor ihnen zu überqueren – Sieger eben.

Oder eben ein notwendiges Übel, denn irgendwer muss ja die Wirtschaft am Laufen halten. Wir hier im Tegernseer Tal sind ja recht autonom und könnten uns oft selbst versorgen, aber der Kapitalismus wird nicht fett, wenn wir immer nur zum neuen Hofladen in Gasse spazieren und den Käse auf dem Rückweg von der Radeltour bei der Naturkäserei erwerben. Firmen wie Foxconn und jeder Geflügelzüchter brauchen die anderen, kaufwütigen und an der Entstehung desinteressierten Kunden, Ikea wäre nichts ohne das Bedurfnis, bei jedem flexiblen Umzug für das Wohl des Arbeitgebers den Wohnraum neu zu erwerben. Sicher, man könnte den Konsumenten nun auseinandersetzen, dass Firmen, die mit ihren Mitarbeitern, Subunternehmen und Tieren so umgehen, vielleicht auch nicht zimperlich beim Hintergehen ihrer Kundschaft sind, und dass die ganze Debatte um Wuchermieten nur davon ablenkt, dass sie immer, jederzeit, überall, maximal ausgenommen werden, so weit es der Markt und die Werbung eben erlauben.

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Man könnte erklären, dass der sogenannte Skandal gar keiner ist, sondern nur die Normalität, die gerade kein gutes Marketing hat, und nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass Verlierer nun mal nicht andere Sieger sind, sondern Verlierer. Deshalb bin ich mir auch sicher, dass wir bald noch bessere Kontrollen zum Verbraucherschutz haben werden, die noch mehr kleine Familienbetriebe ruiniert. Wir werden Gesetze sehen, die den Besitz von Mietimmobilien für normale Menschen unattraktiver machen, um die „Spekulation” zu beenden und das ganze System wieder in die Hände der Finanzwirtschaft zu legen, denen andere Geschäftsfeldet – Libor-Manipulation, kommunale Abzocksysteme, CDOs, CO2-Zertifikate – abhanden kommen. Wir werden neue Gewinner haben, und allen wird dabei vermittelt, dass sie Sieger sind. Und sich das System rührend um sie, ihr Kilo Fleisch für 4 Euro und das Werbephoto von der Natur über der Tiefkühltheke bemüht.