Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Sterben ohne alteingesessenen Einzelhandel

Online soll es billiger sein, und die grossen Ketten haben angeblich die beste Auswahl - aber wenn ein kleines Teil zwischen Leben und Tod auf den Alpenstrassen entscheidet, bringt das kleine Fachgeschäft die Rettung.

Getreu’ster Bruder, merkst du Tropf nun Betrug?
Fafner, Rheingold

Der Marktplatz in Sterzing beginnt direkt vor meinem Hotel, und das ist kein Zufall, wie der Käsehändler aus Meran sofort erlebt, als ich an der Reihe bin, und begierig auf einen bestimmten Räucherkäse deute.

„Wieviel Wacholderkäse aus Algund haben Sie denn?“

„Das sind 450 Gramm.“

„Pardon, ich meinte nicht einen Laib, sondern wieviele Laibe.“

„Äh.“ Er beginnt in den Tiefen seines Standes zu kramen, findet eine Menge und es sollte bis Januar reichen, vorausgesetzt, ich fange nicht wieder an, diese Spezialität an Freunde zu verschicken. Aber weil ich das meistens doch tue, nehme ich auch noch alles, was an Trüffelkäse da ist und gehe dann weiter zu dem Herrn, der sogar viertelte Wildschweine verkauft. Denn je mehr Wurst ich nach Berlin schicke, desto mehr Käse kann ich behalten.

Danach besuche ich den Sockenhändler für Kniestrümpfe, Prenn für den Apfelstrudel und Häusler für das Focaccia, bei Huterer hole ich Hüttenschuhe und ganz hinten im Haushaltsgeschäft noch ein Speckmesser und zwei Lavendelkissen, und selbst mit Versand und Strafzöllen wäre es vermutlich nicht wesentlich teurer, wenn ich das alles in China bestellen würde. Man sollte darüber nicht lachen, die Globalisierung bringt es mit sich, dass sogar so banale Dinge wie Backmischungen um die halbe Welt transportiert werden. Und natürlich könnte ein grosser Supermarkt auch all meine Wünsche bedienen, und ich würde deshalb nicht sterben. Denn der alteingesessene Einzelhandel ist, wie mein Einkaufs- und Bevorratungsverhalten, ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten und überhaupt nicht super, sondern eher teuer. Volkswirtschaftler würden ganze Kantineninhalte – massengehaltener Sauerbraten für 4,70 mit kleinem, in Dressing ersäuften Labbersalat – durch den Mund der Toilette überantworten, wenn sie ein Modell mit meinem Kaufverhalten entwickeln müssten, so irrational gebe ich scheinbar mein Geld aus.

Und ich gebe damit sogar noch an, denn natürlich spielt die Psychologie eine grosse Rolle. So wird man zu unter Neonlicht gekauften Socken oder Hüttenschuhen nie auch nur ansatzweise das Verhältnis entwickeln, das beim Kauf unter der Sonne Südtirols entsteht. Ja, es gibt einen Versender im Netz, der exakt jene Hüttenschuhe mit Versand 2 Euro billiger im Programm hat, und würde ich in einen Schuhmegastore gehen, könnte ich sie auch dort probieren. Aber meine Hüttenschuhe kommen jetzt nun mal aus Sterzing und ich werde mich immer an diesen sonnendurchfluteten Tag im Frühherbst erinnern. Und wärmer fühlen, als mir eigentlich ist. Das wiederum spart Heizkosten, und das integrieren Volkswirtschaftler natürlich nicht in ihre Modelle.

Nun bin ich ja generell auch nicht mehr ganz jung und komme langsam nicht nur in das Alter, in dem man über eine Viertimmobilie in Meran nachdenkt, damit wieder mehr Platz für Bilder ist, und ausserdem ein Anlass für weitere Hüttenschuhe mit Hirschmotiv. Ich komme – wie die meisten in meinen Kreisen – auch in jenes Alter, da man dem räuberischen Staat nicht mehr so wenig wie möglich gibt, sondern der Solidargemeinschaft so viel wie möglich nimmt. Lebte ich nicht eh schon am Tegernsee, könnte ich glatt versucht sein, mir dort eine sinnlose Kur verschreiben zu lassen, und warum sollte ich nicht genauso selbstgerecht wie ähnlich nutzlose Gleichstellungsbeauftragte, Genderforscherinnen oder feministische Apparatschiks der protestantischen Ketz Kirche sein. Die besagten Volkswirtschaftler könnten nun natürlich ihre Modelle formschöner machen, indem sie einmal nachrechnen, was die Gesellschaft davon hätte, wenn einer wie ich unter Hinterlassung seines Vermögens einfach verschwindet, und was soll ich sagen: Das kann immer mal passieren.

Zum Beispiel bin ich am Tag vor dem grossen Herbsteinkauf den Jaufenpass zu Trainingszwecken mit dem Rad hoch. Das ist per se schon eine gewisse Anstrengung, bei der man aus dem letzten Loch pfeift, dazu kommen noch rasende Autos und Motorräder, gelegentliche Schneefälle. Nebelwolken, Abgründe, sehr, sehr fette Sahnetorten und in diesem speziellen Fall auch eine antiquierte Technik, denn das Rad ist von 1967 und bremst ähnlich gut, wie ich Argumente für den Solidaritätszuschlag nachempfinden kann. Erstaunlicherweise war es dann aber nicht die Bremse, die mein Unheil fast besiegelt hätte, sondern der frisch eingebaute Steuersatz, der sich wohl noch etwas setzte. Normalerweise zieht man in so einem Fall einfach die oberen Muttern nach, aber die waren schon maximal hineingedreht. So etwas führt zu einer wackligen und klappernden Lenkung, die dann auch blockieren kann, wenn die Lager durch das ständige Rütteln ausgeschlagen sind. Angesichts von ein paar hundert Kurven und 1148 Höhenmetern zwischen der Torte auf dem Jaufenpass und den Schlutzkrapfen in Sterzing ist das, zusammen mit den Bremsen, nur so mittelerfreulich und dazu kommt auch noch, dass mit diesem Rad am kommenden Sonntag 135 Kilometer auf toskanischem Geröll zu bewältigen sind. Das ist ohne Lenkung nicht ganz einfach.

Kurz, ich brauche einen weiteren Distanzring für einen Stronglight A9 Steuersatz aus den späten 70er Jahren, um den Steuersatz zu kontern. Das ist ein Pfennigartikel, aber den muss man erst mal haben. Ich hatte ein ähnliches Problem einmal mit einem Steuersatz eines einstmals 7000 Mark teuren Votec: Auch da brauchte ich nur eine Lagerschale, und mit diesem Wunsch bin ich in den XXL-Radmegastore gegangen, der vor 30 Jahren noch eine schummrige, nach Öl riechende Höhle in der Altstadt war, und deren Mechaniker kleine Arbeiten für eine Spende in die Kaffeekasse erledigte. Dort trug ich im üblichen Fachchinesisch dem überforderten Verkäufer mit Corporate-Identity-Weste mein Verlangen vor, und der kaum dem Knabenalter entwachsene Kundenkönig-Untertan sagte: „1 Zoll und Walzenlager? Nä, da muss ich gar nicht schauen. Wir haben da diese 200 Euro für Ihre alte Mühle Aktion, wenn Sie ein neues Rad kaufen.“ Schliesslich sei das Rad schon (!) über 10 Jahre alt aber bitte, wenn ich meinte, dann könnte ich es auch vorbei bringen und ein anderer, dem Teletubbiealter gerade entwachsener Schnösel würde eine kostenpflichtige Checkliste machen und schauen, ob da etwas geht; Termine wären wieder in zwei Wochen frei.

So ist das im Megastore mit Dreifachkasse und 100 Mitarbeitern und unendlicher Auswahl zwischen Marken, die alle beim gleichen chinesischen Billighersteller produzieren lassen. In Sterzing gibt es gleich beim Hotel noch einen alten, höhlenartigen Radladen eines Herrn Walter Bauer mit dem schönen Namen Radlklinik, und dort habe ich mein Problem erklärt. Der Besitzer verschwand kurz in seiner Werkstatt und brachte einen Kasten voller alter Distanzringe mit, die offensichtlich bei Reparaturen angefallen sind, und säuberlich aufgehoben wurden. Dort konnte ich mir den Ring aussuchen, den ich brauchte, und gekostet hat er: Ein Dankeschön. Das ist wirklich sehr wenig angesichts des Umstands, dass dieser Ring den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen kann. Daheim im Megastore hätte man mich einfach weitergeschickt, soll er doch schauen, in welchem Abgrund er mit seinem alten Plunder bleibt, wenn er kein neues Rad kaufen will, wegen eines einzigen kleinen Metallringes. Und ich bin mir sicher, Volkswirtschaftlern würde das gefallen, denn es sind renitente Kunden wie ich, die dem Trachten nach Skalierungsgewinnen und Verschleisszyklusprofiten mit Hilfe von diesen kleinen, guten Fachhändlern und dem passenden Ring neben dem Steuersatz auch ein wenig ihren Gierschlund zuschrauben.

Und so gleicht sich das alles wieder aus. Es geht oft etwas billiger, aber um den Preis von Qualität und teurer Instandhaltung. Man soll ganze Produktwelten kaufen, und jedes Jahr das neueste Modell, idealerweise ohne Zwischenhändler, denn der könnte auf die Idee kommen, auch seinem Kunden verbunden zu sein, und nicht nur dem Profit der Marke. Aber ich kann frohgemut weiter nach Gaiole in Chianti, wo ich mit 5600 anderen Freunden des Altmetalls über staubige Pisten rasen werde. Jeder dort weiss, wie wichtig es ist, einen verlässlichen Fachhändler in so einer Höhle zu haben, der, wenn man es braucht, die richtige Kiste holt, und einen nicht wegschickt, wenn man nicht den Forderungen der angeblichen Wunderwelt des Kapitalismus entspricht.

Nun, alles läuft wieder, und die Volkswirtschaftler werden sich auch weiterhin ihre Opfer unter den Freunden von iPhone und Nespresso suchen müssen.

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