Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Elitäre Eizellen einfrieren mit dem neuesten iPad

Das perfekte Kind zum perfekten Zeitpunkt: Nur morsche Eliten können sich über Social Freezing aufregen - die junge Generation hat längst begriffen, dass im Stickstoff neue Herren reifen.

Eisgekühlter Bommerlundahh, Bommerlunda eisgekühült

Flüssiger Stickstoff, den man zum Einfrieren von Eizellen benötigt, ist mit 196 Grad unter Null sehr kalt. Dafür geben amerikanische Firmen wie Facebook und Apple fünfstellige Beträge aus, wenn es denn eine Mitarbeiterin so haben will. Um das in Relation zu setzen: Als die Agentur R** *** in München im frühen Winter vor einem Dutzend Jahren kein Geld mehr hatte, um Strom und Heizung zu bezahlen, lag die Temperatur am Morgen in ihren Räumlichkeiten bei knapp über Null und stieg dann im Laufe des Tages, gewärmt von panischen Menschen, deutlich an. Denn der Mensch sondert, sofern er halbwegs normal genährt ist und die Kreditkarte noch etwas ausspuckt, eine Wärmeleistung von bis zu 100 Watt ab. Wenn aber eine Person nichts mehr essen kann, etwa, weil sie als Chefin einer Redaktion eines Startups vorsteht, dessen Gründer es gerade vor die Wand fahren, und einer dieser Entrepreneure schiebt ihr nach einer Besprechung über ihre Ängste eine Packung Psychopharmaka rüber und sagt, die soll sie nehmen, dann wird das schon – dann sind wir nicht nur in der New Economy angelangt, sondern am absoluten, menschlichen Tiefpunkt. Dagegen ist flüssiger Stickstoff flauschig.

Das ist, wie gesagt, inzwischen über eine Dekade her, spielte mitten in diesem schönen Land, keiner hat sich aufgeregt, und das meiste hat sich wieder eingerenkt – der Pillenrüberschieber zum Beispiel gibt heute den bodenständigen Unternehmer und Erben, und zeigt politische Ambitionen, allerdings nicht im Bereich Drogenpolitik. Aus Chefredakteurinnen von Startups wurden Kirchenverlagsangestellte, und die ehemaligen Mitarbeiter dieser eiskalten Agentur hatten sogar noch Glück, dass es sie recht früh erwischte. Denn der Internetprovider, über den ich diesen Text schicke, ist voll mit diesen alten Bekannten, die nun die Vorzüge des behördennahen Wirtschaftens erkannt haben. Heute neigt man dazu, das alles lustig zu finden. Auch wenn man genau weiss, wie wenig erfreulich es war, wenn eine Jungmanagerin einen Mietvertrag für standesgemässe 90m² für zwei Jahre unterschrieb und vier Wochen später eine mittellose Arbeitslose mit abgebrochenem Studium wurde.

Das sind die eher unerquicklichen Szenarien der neuen Arbeitswelt, und dagegen sind grosszügig übernommene Kosten für Familienplanung und bewusst gesteuerte Karriere in einem langfristig denkenden Konzern keine schlechte Sache. Apple und Facebook bieten das als weiteres Incentive an, als Vorteil, als Belohnung. Vertriebler bei Firmen der Samwer-Brüder können da auch heute noch ganz andere Geschichten erzählen, wenn sie nicht die gewünschten Leistungen bringen. Die Argumentation für das Einfrieren lautet offiziell nicht. „Quäl Dich und komm ja nicht auf die Idee ein Kind in die Welt zu setzen, das unsere Arbeit und Planung behindert.“ Das kommt ganz freundlich daher: „Schau, Honey, in 10 Jahren kannst Du Dir ein Haus leisten und hast vorher auch noch genug Zeit, den richtigen Mr. Right zu finden – und wir sorgen dann dafür, dass es für Dein bestes Familienglück die beste Eizellen gibt. Du willst alles – Du kriegst alles.“

Es geht da also nicht um eine Benachteiligung, die Frauen in ein bestimmtes, von der Firma gewünschtes Verhalten zwingt. Dieser Druck ist ohnehin schon da, und er hat phantastische Mittel, sich in einem Lebensstil ohne Trennung zwischen Arbeit und Privatleben durchzusetzen. Die Entwicklung tragfähiger Beziehungen braucht gemeinhin Zeit, die leitende Mitarbeiter nicht haben, und eine gute Auswahl an Partnern, die mehr als nur ihre Karriere im Kopf haben. Vor dem Hintergrund der unsicheren Wirtschaftslage entscheiden sich Frauen und Familien ganz von allein gegen Kinder. Das Angebot der Firmen ist vor diesem Hintergrund ein sehr amerikanisches Privileg – an den Rahmenbedingungen kann und will man nichts machen, also geht man die Folgen an und argumentiert mit der persönlichen Freiheit. Für die Eindämmung des Islamischen Staates hat man Bomben, für die Bankenkrise die Druckerpresse und für die Fortpflanzung der Managerin den Stickstoff. Das Einfrieren ist auch nur eine Art des Pursuit of Happyness. Und den Nachwuchs holen sich solche Firmen ohnehin nicht aus mit ihnen traditionell verbundenen Regionen, sondern überall, wo man flexibel wie flüssiger Stickstoff ist.

Der Zufall wollte es, dass Apple einen Tag nach dem Aufschrei über Social Freezing in deutschen Medien neue Elektronikprodukte vorstellte. Und es war ganz wunderbar zu beobachten, wie schizophren diese unsere Gesellschaft mitsamt ihren Sprachrohren da trennen kann. Das neue Tablet ist nur noch 6,1 Millimeter dünn, das ist doch phantastisch. Und es gibt bald Apple Pay, dann wird globales Zahlen einfacher, für einen kleinen Profit, von dem ein kleiner Teil in Stickstoff geht. Und für alle, die international unterwegs sind und dauernd zwischen den Mobilfunkanbietern wechseln müssen, um Dokumente im Hotel herunterzuladen und Präsentationen zu bearbeiten, gibt es eine eingebaute SIM-Karte für den schnellen Wechsel zwischen den Providern. Und es kommt ein 27-Zoll Bildschirm mit einer Auflösung wie die Realität. Das ist ja phantastisch, wer braucht da noch Liebe, Freundschaft, Partnerschaft, zumal die neueste App auch sofort ausprobiert werden muss? Genau das ist die Welt, in der man auch optimale Eizellen für den optimalen Zeitpunkt einfriert, der irgendwann sein wird, aber jetzt sicher nicht ist – und das iPAd mini hat einen neuen Bildschirm.

Keine der ansonsten so wortgewalttätigen Feministinnen hat, soweit ich das erleben konnte, jetzt ihre entsprechenden Produkte dieser Firma aus Protest entsorgt. Beim nächsten Barcamp Frau wird wieder überall der angebissene Apfel auftauchen, ein Symbol, das andere eher mit der Darstellung des Sündenfalls im Paradies verbinden. Wer wirklich nicht ohne das neueste iPhone leben kann, weil ständig überprüft werden mus, was bei Facebook gerade passiert, sollte sich über die logischen Konsequenzen nicht wundern: Die Entstehung eines Menschen, der genau das tut, was ihm gerade passt, und sie nicht an alte Strukturen bindet. Das fängt mit dem Mobiltelefon an, weitet sich über Streamingportale aus und endet, logisch weiter gedacht, im Stickstoffbad. Gleich nebenan ist übrigens Google, die mit 23andme ein Startup zur DNA-Analyse haben, was bei der Partnerwahl oh pardon eisgekühlten Eizellenbefruchtungswahl ebenfalls beste Resultate verspricht. Darauf einen eisgekühlten Bommerlunder, let’s schwapp it hin under.

Ahhhhhhh.

Ja, also, da entsteht also eine neue Elite für ein neues Zeitalter, solange die Beteiligten nur brav verhüten, oder am besten gar keinen Sex haben und sich ihre Phantasien auf dem 27-Zoll-Display erfüllen lassen. Dagegen kann man unsere reichlich unachtsamen bayerischen Zwangswunschheiraten unter lokalen Oligarchen fast schon als Verbrechen an der nachfolgenden Generation betrachten, wer kann da schon sagen, ob da nicht irgendwann ein halber Ochs in der Vorfahrenlinie gewesen ist, sowas kreuzt sich nach der Kirchweih schnell mal ein. Aus dem Stickstoffbad wird und dann die neue Aristokratie geschaffen, aber ohne Nebenwirkungen wie Habsburgerlippe und Erbkrankheit. Und sie kommt genau so zur Welt, dass die Eltern 20 Jahre danach das beste Studium zahlen können, das man für Geld kaufen kann. Soziale Durchlässigkeit ist erwünscht? Hier bitte, das Silicon Valley zeigt dem faulen, verlotterten Grossbürgertum in Deutschland, das sich an Häuser und alte Photoalben klammert und keine Studiengebühren will, wie man sie nach drei Generationen genetisch zum Reinigungspersonal degradiert.

Solange zumindest der Stickstoff schön kalt bleibt und die Internetfirma nicht die Überweisung vergisst. Sowas soll ja ab und zu mal vorkommen, Facebook zum Beispiel sieht ein wenig wie Geocities und Altavista aus, und auch Apple hatte schon mal schlechte Zeiten. Oh und wie ist das eigentlich, wenn eine Managerin die Firma wechselt? Oder vielleicht später auch gar nicht so viel verdient und sogar auf dem absteigenden Ast ist, weil man in 20 Jahren das überaltete Middle Management der Internetkonzerne durch künstliche Intelligenz und junge Absolventen ersetzt hat?

Fragen über Fragen. Vielleicht hat Apple ja noch ein 27,9-Zoll-Display und Facebook kauft Twitter, dann kümmern sich die Betroffenen wieder um die wirklich wichtigen Dinge des Tages und wie am schönen Tegernsee haben morgen Kirchweih. Der eine schaut zu tief ins Glas und der andere steckt zu tief im Stickstoff, und wie es letztlich ausgeht, das können sie im Silicon Valley mit Modellen berechnen und in Bayern sagt man, das nix gwies is.

Schon gar nicht die Sache mit den Ochsen und ob das nicht doch ab und zu für den Genpool. zumindest im Vergleich zum lichscheien Nerd, seine Vorteile hat.

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