Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Möchten Sie einen Schäuble aus Marmor im Wohnzimmer?

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Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.
Das Testament nach Matthäus

Möchten Sie so eine Statue? Die Frage muss gestellt werden. Die Politik der Bundesregierung bekommt hierzulande Zustimmungsraten, die trotz oder gerade wegen einer ostblöckisch anmutenden Fragestellung enorm gut sind. Das Land ist weitgehend mit dem, was Schäuble der griechischen Regierung an Zwangsmassnahmen aufgedrückt hat, zufrieden, und ich entnehme Zeitungen, dass man ihn für den listenreichsten Menschen seit Odysseus halten sollte, selbst wenn ich glaube, dass die lange Nacht von Brüssel für Europas langfristig so klug wie die Niederschlagung des Prager Frühlings durch Breschnew und den Ostblock ist. Also, ich will ganz sicher keinen denkenden Schäuble in Marmor in meiner Wohnung, der über den Verbleib eines Schwarzgelds sinniert, aber Sie vielleicht? Ich frage das, weil mein Schreibtisch nämlich ganz unabhängig von der Krise so aussieht.

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Dort stehen vier Gemälde, und sie stehen da nicht zufällig. Ganz links ist ein sehr dreist und selbstbewusst dreinschauender, geharnischter Holländer aus der Zeit der Erhebung gegen die Spanier, der mich daran erinnert, dass die Rechte des Bürgertums nicht einfach nur da sind, sondern stets aufs Neue gegen den missbrauchten Staat und seine Schergen erkämpft werden müssen. Ganz rechts ist eine junge, lächelnde Biedermeierdame aus Bad Tölz, die ich immer anschaue, wenn die die Texte redigiere, denn ihr möchte ich kein Unrecht tun. Zum Beispiel stand vorher hier diesem Text drinnen, dass Schäuble auf Zustimmungswerte kommt, die im Rest des von uns in Leibeigenschaft gehaltenen Europas allenfalls Freibier und die sofortige Einführung des Morgenthau-Plans in Deutschland erhalten. Das habe ich gelöscht, denn die hübsche Tölzerin hat viel zu feine Hände für die Feldarbeit und würde das nur ungern hören, und ausserdem kann sie nichts dafür. Was im Übrigen ja auch ein Leitmotiv der Deutschen ist, wenn es dann schief gegangen ist.

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In der Mitte jedoch sind zwei eindeutig griechische Motive. Einmal eine recht freizügige, pornographische Darstellung des angehenden Geschlechtsverkehrs zwischen Hera und Zeus. Das Original hat Annibale Carracci in Rom für die Galeria Farnese gemalt. Das hier ist eine barocke Kopie, und man hat sie ganz klein gemalt, weil man solche Szenen kaum aufhängen konnte, wenn man kein römischer Kardinal war, der anderen für solche Freizügigkeiten den Inquisitor an den Hals hetzte. Dieses Bild sagt mir, dass jedes Mittel recht ist, die Leser rumzukriegen und jedes Schamgefühl, wie eben auch unter Zeus in Griechenland, falsch empfunden wäre. Für normalen Porno, Sex und Ausschweifungen waren in der europäischen Kunstgeschichte nun mal die Griechen mit ihrer üppigen Sagenwelt zuständig, nachdem die christlichen Leitbilder meist keinen Sex hatten und brutal umgebracht wurden. Griechen sind für den geschichtsbewussten Bildungsbürger der klassische Zugang zu den Lebensfreuden, und so erklärt sich auch das Bild. Es ist der gängige Mythos, der allen geistreichen Menschen bekannt ist, und der sich langfristig durchgesetzt hat – ausser auf gewissen Plakaten in Kreuzberg, Iran und Afghanistan.

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Daneben ist eine junge Dame mit Fez und Mandoline, die sich an Marmor lehnt und den Betrachter anschmachtet. Selbst wenn man die Ruine des Tempels oben rechts übersehen würde, so ist doch klar, dass wir hier ein typisches Motiv des Philhellenismus oder auch der Graecophilie sehen: Das Gemälde stammt aus dem Biedermeier metternichscher Prägung, als der Freiheitskampf der Griechen vielen Bürgern bei uns als Symbol für den Anspruch auf Selbstbestimmung galt. Man hatte ja sonst nichts, ausser Spitzeln und Pressezensur, und deshalb ist auch diese junge, sicher von Liebe und Freiheit singende Griechin für mich weiterhin ein bildungsbürgerliches Ideal. Ich bin zwar nicht mehr so hübsch, aber so freundlich, so schön meine ich aus Tradition singen zu wollen.

Ich habe bewusst die junge Griechin hier auf dem Schreibtisch, und nicht den grossen Türken aus Istanbul. Oder Hermann Josef Abs, Metternich, Bismarck, Hindenburg oder was es sonst noch so als deutsch-österreichische Ideale vergangener Zeiten gibt. Ich darf hier übrigens noch anmerken, dass die beiden griechischen Motive, auf den Fläche bezogen, die teuersten Stücke in der ganzen Wohnung sind, ganze Wagenladungen an Brüning-Büsten hätte man dafür bekommen: Götterporno und Philhellenismus sind immer noch Garanten für freudig abgeräumte Konten. Die Konkurrenz derer, die sich so eine Tradition in die Wohnung hängen wollen, ist ansonsten nur noch bei Rokokoportraits junger, hübscher Damen ähnlich gross. Hässliche, verkniffene Pfaffen, Theologenmütter, Winterlandschaften, Bankenvorstände, Staatsbeamte und röhrende Hirsche dagegen sind günstig zu bekommen, und da sind wir wieder bei der Eingangsfrage, ob nicht vielleicht doch jemand die neue Tradition Europas, die neue Heldengestalt haben will – eben einen Schäuble in Marmor?

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Ich frage das, weil ich allenthalben Texte lese, die den Deutschen ihren Philhellenismus streitig machen wollen. Man sollte sich doch, so meinen Autoren etwa der Springerpresse, die sich wie Karikaturen der feinen Germanenportraits aus „Asterix und die Goten“ benehmen, Schluss machen mit den überkommenen Vorstellungen und die Griechen so nüchtern betrachten wie ein Bilanzbuchhalter nach 27 Jahren Dienst in der Abrechnungsstelle C/7a. So, wie der Grieche endlich arbeiten soll, soll der Bildungsbürger ihm endlich jede Tradition absprechen und froh sein, in Deutschland zu leben, wo man – leider zwangsweise wegen Weltkrieg und Wehrmachtsbordellen – auch ohne Zeusmythen und Freiheitskampf die Gegenwart und ihre Herausforderungen beherrscht. Ausserdem werden Feministinnen zustimmen, die Sagenwelt und die griechische Antike sind die reinste Rape Culture. Griechenland, wird mir zu verstehen gegeben, ist nicht untrennbar mit der Geschichte verbunden. Also auf zu neuen Ufern, her mit einer Wirtschaftsregierung, mehr Integration, dann sind wir für die Herausforderung der Zukunft besser gerüstet. Und Porno kommt heute ohnehin vor allem aus den USA.

Diese Haltung berührt mich seltsam. Nicht, weil sie ganz falsch wäre – tatsächlich ist Kultur viel zu komplex, um sie an „den Griechen“ festzumachen, die ihre heute hoch geschätzte Vasenkunst als arme Schlucker im Töpferviertel Kerameikos im Akkord mit Göttersexszenen erpinselten. Die Haltung berührt mich seltsam, weil wir das in Europa auch schon mal erlebt haben, dieses Versprechen einer besseren Zukunft durch Abschied von bildungsbürgerlichen Idealen und Traditionen: Im Ostblock nämlich. Ich habe zufälligerweise im Nebenfach Klassische Archäologie studiert und kenne die Vorworte, die sich Wissenschaftler im Osten damals abringen mussten: Da wurde mit dem historischen Materialismus argumentiert und weinerlich begründet, warum man sich hier mit dieser Sklavenhaltergesellschaft nach Marx auseinander setzt. Nicht wegen dem Porno. Sondern nur, um zu erkennen, wie gut es doch heute unter dem Sozialismus ist. Ich fand solche geknechteten, unterjochten Wissenschaftler immer ganz schlimm, aber so waren eben die Vorgaben der Partei: Die Ideologie erklärte, wie man die Geschichte einzuordnen, zu kritisieren und zu verdammen hatte. Wäre ja noch schöner, wenn es da eine Alternative zum bestehenden System gäbe.

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Das Abhacken, Verachten und Verhöhnen von Traditionslinien, und mögen sie noch so fragwürdig sein, das Umdeuten der Geschichte, die Vernichtung der Herkunft, ist ein Leitmotiv totalitärer Strukturen. Der Islamische Staat zerstört nicht zufällig jene Museen, auf die die eroberten Landstriche stolz waren. Bei uns benutzt man abgewandelte Beispiele der griechischen Kultur, um sie zu verhöhnen. Es ist schon erstaunlich, wie viel Arbeit, Eifer, Boshaftigkeit und Wut gerade auch bei uns in das Abarbeiten an der Geschichte geht, und an jenen, denen man die Rolle der Kulturträger nicht zugestehen möchte. Das Grosse und das Menschliche, es darf keinesfalls stören, das muss alles ganz klein und unbedeutend werden vor der wahren historischen Mission, die man im untrennbaren Europa durchführen will.

Deshalb frage ich, ob man nicht vielleicht eine Schäublestatuenproduktion aufmachen will, am besten mit Gussmarmor und Hohlformen. Unter Bismarck war das ein profitables Geschäft bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, und es könnte sich unideologisch langfristig lohnen, denn auch vom Einmarsch in Prag bis zum Fall des Ostblocks gab es dort keinen Mangel bei der Nachfrage nach Leninstatuen. Und nachdem unsere Sache, wie ich lese, so viel besser ist und der böse Herr Krugman einfach nur einen Hass auf den guten Herrn Schäuble hat, wird der Westblock auch ohne Blick auf die Geschichte alles besser, noch richtiger und alternativloser machen. Also, schauen Sie sich ruhig einmal um, ob Sie nicht auch Platz für so eine Statue haben, die Ihre richtige Einstellung dokumentiert. In Zeiten der Vorratsdatenspeicherung gibt es dann sicher auch ein Luxusmodell mit der formschön eingebauter Überwachungsinfrastruktur. Nicht dass wir sie bräuchten., wo wir doch alles richtig machen – aber es ist gut, sie zu haben. Fragen Sie dann nicht. Kaufen Sie einfach.