Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Die privilegierte Kunst des Nichtzuhörens

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In the Islamic government all people have complete freedom to have any kind of opinion.
Ayatollah Khomeini

Zuhören ist Teil der standesgemäßen Erziehung. Nicht, weil man zu schweigen hat, wenn Ältere etwas sagen, oder weil man nur spricht, wenn das Wort an einen gerichtet wird. So war das zwar noch im Königreich Bayern, aber in meiner Kindheit wurde dieses Benehmen nicht mehr im normalen Alltag erwartet, sondern nur bei wenigen, sehr repräsentativen Anlassen. Zuhören ist mehr eine höfliche Defensive. Viele Menschen hören sich gern reden, und das gibt einem genug Zeit, sich eine wirklich schön klingende, freundliche Ablehnung ihrer Begehrlichkeiten einfallen zu lassen. In einer Welt, da jeder das Wort an einen richten kann, ohne die immer noch vorhandenen Standesgrenzen zu beachten, wirkt das Zuhören nicht nur generös, es erleichtert auch die Abweisung übergriffiger Frechheiten Niedrigunwohlgeborener bei Wahrung der einzig richtigen, sprich unserer Form. Man muss mich nicht dazu auffordern, anderen zuzuhören. Ich weiss, was sich gehört, und was mir weiterhin gehören wird, wenn ich zugehört und abgelehnt habe.

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Ungeachtet dessen wird momentan viel Zuhören eingefordert. Die typischen Forderungssteller sind sehr engagierte Aktivisten, die ihre Unart im Duktus der moralischen Überlegenheit feiern. Sie implizieren damit, dass vor ihrer Forderung bislang gemeinerweise niemand zugehört hätte, und nun soll man mal den Mund halten, weil die anderen dran sind: Die Marginalisierten, die Benachteiligten, die Unterprivilegierten und natürlich auch sie selbst, die sich zu ihrem Sprachrohr in den Medien machen. Höret also die Geschichten der Frauen, die an gläserne Decken stoßen, der Mieter, die für ihr Geld ein Zimmer mehr wollen und sich nicht darum scheren, dass in Zeiten knappen Wohnraums andere darunter leiden, höret die schrecklichen Erlebnisse der Nigerianer, die sie als Eritreer erdulden mussten, höret die Vergewaltigungsfühlenden, die mit Klagen drohen, sollte ein Medium es wagen, die Sichtweise des von ihnen Verfolgten darzustellen. „Listen and believe“ nennt sich das amerikanische Prinzip, das momentan auch in Deutschland von denen propagiert wird, die sich irgendwie benachteiligt oder als Vertreter von legitimen Ansprüchen fühlen. Menschen, denen pornöses Verlangen nach Quote, Enteignung, Selbstbezichtigung, Beichte und Strafzahlung bei Nichtaufnahme von Flüchtlingen aus den Zeilen trieft. Höre, altes Europa, und unterwerfe Dich der Welt und ihren Problemen und Problembewussten.

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Ich habe damit auch nach langem Zuhören ein grundsätzliches Problem: Weil dieses Verlangen vor dem Einsetzen der Weltrevolution nichts bringt. Man wird vor diesem Ereignis selbst im realsozialistischen Nachfolgestaat der BRD eher selten durch Winseln privilegiert. Mir ist natürlich voll bewusst, dass es gar nicht um das Zuhören geht, sondern um das Akzeptieren der anderen Standpunkte, und um das Anerkennen der Ansprüche. Aber die nun zum Schweigen aufgeforderten „Kinder des Abendlandes“ haben in früheren Epochen dauernd dieses „Audite“ hören müssen, um fromme Stiftungen zu bezahlen, in der Kirche auf Knien zu rutschen, Angst vor dem Höllenfeuer zu haben, und um ja nicht auf den Gedanken zu kommen, dass es auch noch andere Möglichkeiten gäbe, das Leben sinnvoll, freudenreich und ohne Unterdrückung durch moralische Instanzen zu gestalten. Den Vorgang, moralischen Instanzen nur noch seine Verachtung zu zeigen, nennt man Aufklärung, und deshalb finde ich es einfach angemessen, wenn man einem Günstling dieser Entwicklung und nicht den modernen, nicht normschönen Wiedergänger_Innen verkniffener Lustfeindlichkeit lauscht. Ich bin so ein Günstling und darf sie zu einem Ort entführen, privilegiert wie sonst kaum einer in Europa.

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Das ist die Villa Pisani. Erbaut wurde sie im Spätbarock als Landsitz der schwerreichen Adelsfamilie Pisani aus Venedig, die sich hier an der Brenta einen sehr repräsentativen Bau leistete. Die Villa ist kein banales Landhaus mehr, sondern ein ausgewachsener Palast. Der eigentliche Bauherr war der Doge Alvise Pisani, der als Inbegriff der spätvenezianischen Dekadenz gelten kann. Venedig war als Handelsstadt im Niedergang begriffen, florierte aber immer noch als Rotlichtviertel der Welt, in dem man alles bekommen konnte, für das einen andernorts die Inquisition auf den Scheiterhaufen oder der Sultan auf den Richtblock werfen konnte: Sexuelle Ausschweifungen, verbotene Bücher, obszöne Drucke, verfemte Wissenschaft, gemeingefährliche Philosophie – Venedig lebte prächtig vom Ruf, dass hier mit ausreichendem Vermögen keinem Herrn ein Wunsch verwehrt wurde. Und auch ein konservativer Politiker wie Pisani ließ es sich nicht nehmen, sich persönlich an den Lustbarkeiten zu beteiligen. Der lockere Lebenswandel wird dann auch – mythologisch verbrämt – sehr bunt gefeiert.

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Es ist seit der Renaissance eine alteuropäische Tradition, die körperlichen Freuden im Kleid der antiken Sagenwelt auf Mauern zu malen. In jenen Tagen, da diese Nackten entstanden, war das vollkommen akzeptiert: Gut dreihundert Jahre lang war die Kenntnis der Antike für die besseren Kreise unabdingbar, weshalb immer die Ausrede vorgebracht werden konnte, man ergötze sich hier gar nicht an nackten Frauen, sondern am Bildungskanon, der nun mal gewisse freizügige Aspekte enthalte. Selbstverständlich war das keine Pornographie, sondern ein humanistisches Ideal. Es hatte sich damals eine Bildtradition entwickelt, an die man sich so gewöhnt hat, wie man heute private TV-Sender als Lebensschule der gewöhnlichen Stände akzeptiert. Zumindest war das so unter den Reichen und Gebildeten – man war sich damals durchaus einig, dass derartige Bildungsfreuden Sache der Oberschicht bleiben sollten.

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Der Pöbel sollte besser Drucke von Heiligen und Päpsten kaufen, und keinesfalls hier für einen kleinen Obolus Zutritt bekommen, wie es heute der Fall ist. Es ist jene Epoche, in der der Herr immer noch bestimmen kann, welche seiner Untertanen heiraten können, und so amüsant und frei das Leben auf den Bildern auch sein mag: Als Doge versperrte sich Pisani grundsätzlich allen Versuchen, die normale Bevölkerung von Venedig auch nur ansatzweise politisch zu beteiligen. Dreihundert Jahre sind die Bildtraditionen bei der Entstehung der Fresken alt, aber Venedig ist damals wie immer und unverändert ein Ort, in dem die Oligarchen mit Bestechungen Ämter kaufen und den Staat nutzen, um die eigene Familie zu bereichern, und das auch allen Gästen schamlos zu zeigen. Die Renaissance hat den Menschen neu erfunden, das Rokoko lebt ihn in der Oberschicht aus.

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Und so kommt es dann nicht als Revolution, sondern auf leisen Sohlen, wie ein Dieb in der Nacht: Es schleicht sich, ganz vorsichtig, auch in der Villa Pisani die neue Epoche der Aufklärung ein. Denn nicht alles ist antike Sage; in einem anderen Raum entfällt der fadenscheinige Mantel der Bildung, und man sieht etwas, das damals und in weiten Teilen der Erde noch heute als Pornographie gilt. Sittenlosigkeit als reiner Selbstzweck, ohne Rücksicht auf zarte Befindlichkeiten psychisch deformierter Aufschrei-Blog Betschwestern.

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Es ist nicht bunt, es ist kontrastarme Grisaillemalerei, und das ist kein Zufall: In voller Farbe, gewissermaßen lebensecht, wäre es sogar für die Privaträume einer bestimmenden Familie einer Bordellstadt zu viel gewesen. Man findet solche Darstellungen schon mal auf Gemälden, die man notfalls abhängen kann, man findet Geliebte als antike Göttinnen und Ausschweifungen als Thema von Grotesken. Aber das hier, auf ewig an die Wand gemalt, betrunken, halbnackt, geil, kurz vor dem Übergang zum Geschlechtsverkehr, unter ganz normalen Menschen, in einem repräsentativen Umfeld: Das ist ausgesprochen gewagt. Und deshalb verzichten Auftraggeber und Maler auf die Farbe echten Fleisches. Ein Zugeständnis. Eine Ausflucht. Eine kleine Rücksichtnahme auf die geltende Moral, die hier auch nur für die Reichsten und Mächtigsten aufgehoben wurde.

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Es ist schemenhaft, aber für diese Zeit war es ein unglaubliches Privileg, sich so ein Sujet leisten zu können. Heute, im Westen, besonders in Westdeutschland, könnte man das Geschehen daheim mit aufblasbaren Gummipuppen oder Plastikschlümpfen nachstellen, und es würde niemanden kümmern. Man könnte das Treiben nachspielen, und niemand würde einen deshalb in die Bleikammern werfen. Drei Jahrhunderte der Aufklärung hat es gedauert, viele Rückschläge waren zu verkraften, viele Freigeister haben ihr Leben riskiert, damit man das heute in Deutschland und ein paar anderen Ländern dieser Welt ohne Risiko tun darf. Das ist Aufklärung, das ist Menschenrecht. Wir sind da sehr weit gekommen, und haben bei uns all jene Ideologien, die diese Dekadenz bekämpften, deutlich in die Schranken gewiesen: Nazis und Stalinisten, Jesuiten und Inquisition, Adenauermoral und Zwang, einen Rosenkranz dabei zu haben, Sittenpolizei und Ehebruchgesetze. Wir sind sehr weit gekommen. Wir haben Privilegien errungen, die nicht einmal der Doge von Venedig besaß.

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Und deshalb finde ich, dass man diese Bilder ruhig einmal anderen zeigen sollte, deren Ideologien oder Kulturen von Kreuzberg bis Mossul noch nicht so weit sind, und sagen: Schau. Dafür haben Voltaire und Heine geschrieben. Die Freiheit, das zu tun, ist die Grundlage unserer Gegenwart. Wenn es dir nicht passt, wenn du solche Malereien nicht möchtest, wenn du deinen Kindern die Freiheit nehmen willst oder denkst, wir müssten uns in der Sache auch mal andere Standpunkte anhören, geben wir dir die Freiheit, genau das zu artikulieren. Aber mehr nicht. Deine Meinungsfreiheit ist Teil unserer Aufklärung, auch das haben wir erkämpft, auch davon gehen wir nicht ab, aber eine Umsetzungsfreiheit auf anderer Leute Kosten gibt es nicht.

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Das, was andere für Dekadenz halten, ist der Quell der Freiheit und deines Privilegs, sie anzunehmen oder abzulehnen. Es geht uns auch gar nicht darum, dass jeder das so treiben muss: Es geht allein um das Recht, es tun zu können. Du musst nicht mitmachen. Aber wenn du versuchen solltest, anderen dieses Recht zu nehmen, gibt es auf dieser Welt weitaus schönere Plätze für dich, wo man deinem Anliegen gern lauscht und nachdenklich Bärte und Sprengstoffgürtel streichelt. Übrigens hat uns deshalb noch kein Gott dafür mit Pech und Schwefel überschüttet, nur der iranische Präsident spammt Twitter mit Ansagen voll, dass ihm das zu viel ist. Es tut keinem weh, es ist die Freiheit des privilegierten Menschen, und da sind wir hier recht weit gekommen.

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In der Villa Pisani kann man sehen, wie weit wir inzwischen gekommen sind. Das ist eine wirklich hübsche Perspektive der Selbstermächtigung, und ich finde, dass andere da auch mal zuhören sollten, statt ihre Weltperspektiven zu erläutern. Ich halte die westliche Kultur und Zivilisation vielleicht nicht für überlegen, aber es fällt schon auf, dass die Aktivisten, die hier das Zuhören für die Probleme anderer Menschen verlangen, selbst lieber in Deutschland bleiben, als dorthin umzuziehen, wo man ihre Probleme mit unserer Kultur voll versteht: Kritik an der westlichen Dekadenz ist schließlich die Lingua Franca der europakritischen Bewegungen von Boko Haram in Nigeria bis zu den Koranschulen Pakistans, da sind Kronzeugen herzlich willkommen. Sie bekämen dort viel Unterstützung für ihre Kritik an der eingebildeten, dekadenten Überflussgesellschaft, und Ärger über Relikte dieser Einstellung – wie die Villa Pisani – vermeidet man mit Sprengstoff. Die Villa versprach der Familie im Deckengemälde von Tiepolo eine phantastische, aber heute als fragwürdig geltende Zukunft.

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Wenn ich, wie Ende November, ganz allein durch diesen Palast streife und an die Decke schaue, wo unter nackten Brüsten herabgelächelt wird – dann lächle ich trotzdem über drei Jahrhunderte zurück. Wir Privilegierten verstehen uns, ohne dass wir uns zuhören müssten. Es wäre also sehr nett, wenn die Amateure der Selbstermächtigung uns geistigen Erben des Dogen Pisani anstelle von a priori abgelehnten Forderungen vielleicht den nicht schuldigen, aber doch höflichen Respekt entgegen bringen könnten. Das würden wir dann auch huldvoll anhören.