Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Glockentürme und Geldtürme

Die Gastautorin meldet sich zu Wort und erzählt ein wenig von ihrer Heimatstadt: Frankfurt, wo die Geldtürme die Kirchtürme überragen. Hier geht man mit Religion – anders als im katholischen Bayern – sehr pragmatisch um, denn auf keinen Fall hat das Heilige dem Handel im Weg zu stehen.

“Ich weiß nicht genau, wohin ich fahren soll, und der Taxifahrer sieht mich mit seinem halb nach hinten gedrehten Kopf so dämlich an, also sage ich schnell, ich möchte zum Hotel Frankfurter Hof, und der Taxifahrer nickt jetzt verständnisvoll, weil er ja nun weiß, daß ich ein ehrenwerter Gast seiner schönen Stadt bin und hier viel Geld ausgeben werde, was ja ihm auch wieder irgendwie zugute kommen wird, und er denkt an seinen Bausparvertrag und an seinen Traum vom S-Klasse-Mercedes-Taxi, und dann fahren wir los.”
Christian Kracht, Faserland

 

[von Andrea Diener] Da stehn sie, die hohen Häuser, überragt nur von den Kränen, die neue hohe Häuser bauen. Das ist das Frankfurt, das alle kennen, weil es dauernd in den Nachrichten gezeigt wird als Symbol für Geldverkehr. Eine Skyline hat Frankfurt aber schon lange. Wer von weither gesehen werden will, der baut einen Turm: Früher waren das die Kirchtürme, heute sind das die Banken. Beide haben keinen strategischen Nutzen (wie etwa die Wehrtürme, die es ja auch gibt) sondern spießen einfach in den Himmel und demonstrieren Macht, wahlweise weltliche oder geistliche.

Bild zu: Glockentürme und Geldtürme

Man möchte das ja immer so gern getrennt haben. Ungefähr seit Jesus die Geldwechsler aus dem Tempel warf, gilt Geld dem Christenmenschen als irgendwie pfuibäh, Reichtum gar als Himmelverhinderungsgrund. Ein Gold- und Silberloch sei Frankfurt, so schimpfte Luther. Aber wie sehr man auch schimpft und sich um Abgrenzung bemüht, Gott und Geld lassen sich so einfach nicht trennen, und hier am Main schon gleich gar nicht: Erst wird gebetet, dann werden Geschäfte gemacht. Um die kirchliche Himmelfahrtsmesse herum entstand die kommerzielle Herbstmesse, und bald darauf kam die Fasten- und Frühjahrsmesse hinzu, für deren Besucher der damalige Papst eigens die Fastengebote lockerte. (Das müssen glückliche Zeiten gewesen sein, als diese Katastrophe namens Messecatering noch nicht erfunden war, angesichts derer sich Völlerei von selbst verbietet.)

In kirchlicher Hinsicht ist Frankfurt eine einzige Ansammlung an Ausnahmen und Sonderregelungen. Wir haben hier einen Dom, aber keinen Bischof. Bauherr war damals, also im 14. Jahrhundert, eine eher weltliche Instanz: Der Stadtrat. Der wollte den hier stattfindenden Wahlen der Könige und Kaiser einen halbwegs würdigen Rahmen verpassen und gab daher ein repräsentatives Bauwerk in Auftrag, mit dem die Freie Reichsstadt sich sehen lassen konnte. Mit solchen Argumenten werden heute Fernbahnhöfe oder Konferenzzentren gebaut, Landmark Building nennt man das, damals waren es eben Kathedralen.

Bild zu: Glockentürme und Geldtürme

Die Patrone dieses Doms sind der Heilige Bartholomäus, dessen Hirnschale man zu besitzen glaubt (und um Glauben geht es ja), und Karl der Große. Letzterer ist nicht offiziell heilig, sondern lediglich von Gegenpapst Paschalis III. heiliggesprochen worden. Macht aber nichts, hier in Frankfurt darf er trotzdem Patron sein und Heiliger, Papst oder Gegenpapst, da drückt die Kirche mal ein Auge zu. Es gibt sogar eine Liturgie zur Karlsverehrung: Jedes Jahr am 28. Januar, seinem Todestag, wird in Angedenken seiner das Karlsamt gefeiert, aber nur in Frankfurt und Aachen, sonst nirgends. Und hoch oben im Domturm läutet dazu die Carolusglocke.

Das Domgebäude selbst gehörte dem zugehörigen Stift, der spätgotische Turm allerdings der Stadt, so verliefen die Grundstücksgrenzen innerhalb des Gotteshauses, man machte also Halbe-Halbe. Wobei das noch gar nichts ist gegen die fünf Jahre, als der Dom halb katholisch war und halb lutherisch: Die Katholiken saßen im Chor, die Reformierten im Rest. Man ist hier einigermaßen pragmatisch in solchen Dingen. In der Folge wechselte die Kirche noch viermal die Konfession, seit dem Dreißigjährigen Krieg dann blieb der Dom katholisch und ist es bis heute. Irgendwo mußten die zugewanderten italienischen Kaufmannsfamilien ja beten.

Und die Besitzverhältnisse? Nein, der Dom gehört nicht der Kirche. Keine Innenstadtkirche in Frankfurt gehört der Kirche, die gehören alle der Stadt. Die katholischen seit 1830, die lutherischen Kirchen, denn das war in Frankfurt Staatsreligion, schon seit der Reformation. Die Stadt ist verpflichtet, die Kirchen, die Orgeln und die Glocken in gutem Zustand zu erhalten und für alle Bau- und Renovierungskosten aufzukommen. Und die Pfarrer, die Kantoren? Das waren städtische Beamte.

Sie merken schon, die Stadt ist hier bei weitem die wichtigste Instanz. Die Stadt in ihrer unendlichen Weisheit regelt seit je her alles, wofür andere Städte Fürsten oder Kleriker hatten. Popanz ist ihr fremd. Putten sind ihr fremd. Das Geistliche ist fest in weltlicher Hand, und die läßt nicht los, die Hand. Denn es geschieht alles zum Wohle der Bürger, und die Bürger handelten und wurden reich und ließen einen Turm nach dem anderen erigieren, um gesehen zu werden, und die waren noch viel höher als die der Kirchen. Der Ärger begann eigentlich erst, als die Bürger in den Türmen sich innerlich davon verabschiedeten, vernünftige weltliche Dinge zu tun und sich fortan auf Geschäfte konzentrierten, bei denen eigentlich nur noch Beten hilft.

Bild zu: Glockentürme und Geldtürme

Da stehn sie nun, die hohen Häuser, und werden immer kleiner, schrumpfen zusammen und sind nur noch ein Lichtpunkt am Abendhimmel. Bald sind sie verschwunden in meinem Rückspiegel, irgendwo im Wald hinter Bäumen, wenn ich auf der A3 nach Süden fahre. Erst bis nach Bayern, da lade ich den Hausherrn ein, dann geht es weiter durch das unvermeidliche Österreich und Norditalien bis nach Rom. Und genau das ist der Plan für die nächsten Tage hier, wenn das Blog auf Reisen geht.