Stützen der Gesellschaft

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Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Das stilvolle Überleben der Pandemie IV: Schöner Schweinegrippen mit Vermögenssteuer

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Sterben ist bekanntlich nie das, was man so gemeinhin als schön bezeichnet, und was man so hört, soll Schweinegrippe als Todesform auch nicht gerade angenehm sein - von der unpassenden Benennung mal ganz abgesehen. Besonders übel jedoch wäre es, zu sterben und dabei genug Zeit zu haben, sich über verpasste Gelegenheiten zu ärgern. Diesem tragischen Umstand könnte unser Staat jedoch mit einer mutigen Steuerpolitik abhelfen, denn bislang ist es so, dass Raffgier belohnt und Lebensfreude massiv besteuert wird. Eine saftige Vermögenssteuer könnte meine Schicht zumindest von diesem Übel erlösen.

Im Grunde ist es auch dasselbe, für was man stirbt, wenn nur für etwas Liebes gestorben wird.
Heinrich Heine, Italien

Einen Moment bitte, sage ich, und verweile an der Rezeption. Die Begleiterin, die schon in Richtung Frühstückssaal – leer und von allen anderen, weitaus disziplinierteren Gästen vermutlich schon vor vielen Stunden verlassen – gegangen ist, bleibt stehen, und ich lese, was da in der Zeitung steht.

Nun, fragt die Begleiterin.

Achtzehn Italiener von der Schweinegrippe angesteckt. Und alle kamen sie aus Mallorca. Ich finde ja, man sollte die Krankheit Mallorcaschweinegrippe nennen.

Ach so. Wir nehmen einen Tee und einen Kaffee, instruiert die Begleiterin reichlich desinteressiert den freundlichen Herrn Ober, und schert sich nicht weiter um die 18 Italiener, die sich in der Quarantäne nun vermutlich wünschten, sie wären auch lieber nach Meran gefahren und dort am Pool geblieben.

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Dort nämlich, sagen wir mal, im Palace Hotel oder im Bavaria, könnte man als junger Mann auch seinen Spass haben. Wo sich blühende Parklandschaften um alte Kurarchitektur ausdehnen, wo der Bentley neben der S-Klasse in der Tiefgarage schläft, wo man wohlig zur Kenntnis nimmt, dass im Wirtschaftsteil der F.A.Z, der Mehrwertsteuererhöhung in reichenfreundlicher Weise das sanfte Wort geredet wird, wobei der Autor Clemens Fuest leider vergisst, sich auch ein paar Gedanken über eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer zu machen – dort könnte man mit ein paar klugen Anmerkungen mehr Aufsehen erregen, als mit, sagen wir mal, einer Freundin aus dem schönen Sachsen, flächig tätowiert und mit Piercings dem Emmentaler angenähert, mit blonden Strähnchen und pinkfarbenem T-Shirt mit erkennbar falschem Gucci-Aufdruck, die ihre Füsse mit strassbesetzten Stilettos auf den Tisch legt und das Bier aus der Flasche trinkt. Im fernen Mallorca kann man sich gar nicht so daneben benehmen, dass man damit Aufmerksamkeit erhielte – hier jedoch…

gibt es dazu eine bessere Alternative, und deshalb möchte ich sagen: Ja. Ich bin für Vermögenssteuern. Nicht nur kosmetische Steuern, um bei den Wählern zu punkten. Wirklich heftige Vermögenssteuern, gern progressiv bis zum zweistelligen Prozentbereich, und knappe Freibeträge, und somit für eine Regelung, die so gut wie alle meine Bekannten und erst recht deren Eltern voll treffen würden. Denn dank der Wirtschaftskrise hat Deutschland enorme Schulden aufgehäuft, die man möglichst schnell bezahlen muss, bevor es uns wie England oder den USA geht. Es sind Schulden, die zur Rettung von Banken und grossen Konzernen aufgenommen wurden, und die wiederum gehören auf die ein oder andere Art und Weise meiner Schicht, und sonst niemandem. Sollte es demnächst wieder besser gehen, verdankt man das dem Eingreifen des Staates. Und natürlich ist es nur gerecht, wenn jene, deren Vermögen damit gerettet wurde, den Staat für seine Leistung entschädigen.

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Denn die Ärmeren haben in den letzten Jahren durch die Reallohnverluste schon genug dazu beigetragen, dass die Reicheren den grauen Kapitalmarkt mit seinen sinnlosen Film- und Hotelprojekten und die Schweizer Banken mit ihren Giftpapieren fördern konnten. Die Krise ist ursächlich auch entstanden, weil es bei den Reichen zu viel Geld gab, für das neue Produkte wie CDOs, Filmfonds und Immobilienprojekte erfunden wurden. Die Ärmeren dagegen, die angesichts der Durchleuchtung bei Hartz IV jeden Grund hätten, den Besitz der Sicherheit eines Schweizer Kontos anzuvertrauen, wurden mit der Abwrackprämie zu Opel Astras reingelegt. Manche sogar in Metallicfarben. Ich finde: Die leiden jetzt schon genug. Und ich bin mir sicher, dass die Bentleyfahrer im Palasthotel da auch nicht nein sagen können, wenn sie schon mal von einem Astra am Jaufenpass auf der langen Geraden zum Hospiz von 180 auf 40 ausgebremst wurden.

Wichtiger aber scheint mir das gesellschaftliche Signal zu sein, das mit einer knackigen Vermögenssteuer gesetzt wird. Als man 1997 die Steuer in Deutschland aussetzte, sagte der Staat seinen Reichen: “Nehmt, was ihr könnt, und behaltet es. Niemand wird kommen und es euch nehmen, egal wie viel ihr zusammenrafft.” Es war ein Appell an die Sparsamkeit, an das Einkaufen beim Billigdiscounter, eine Aufforderung, das Vermögen zu vergrössern und es jenen zu geben, die die höchste Rendite versprachen. Und, wie jeder weiss, der heute nur im Palace zu Meran sitzt, statt in seiner inzwischen notverkauften spanischen Villa, nicht gehalten haben.

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Man hat gespart, man hat falschen Formschinken gegessen und sich an Zahlen berauscht, die nur fiktiv waren, man hat Jahre dem Anhäufen hingegeben, und würde es nach Clemens Fuest gehen, müsste man sofort wieder damit anfangen: Denn ohne Vermögenssteuer, aber mit höherer Mehrwertsteuer würde erneut das Raffen belohnt und das Ausgeben bestraft werden. Und dabei ist man alt. Und nicht mehr so gesund. Und da draussen laufen vielleicht noch Hunderte ebenfalls infizierter Italiener rum. Vielleicht arbeiten sie auch in der Wäscherei des Hotels. Vielleicht findet die Pandemie auch hierher. Nicht heute, nicht morgen, aber vielleicht im November, wenn man hier den goldenen Herbst geniesst. So ein junger Südtiroler Bauernbursch steckt die Pandemie weg. Aber die Schweinegrippe ist tödlich für geschwächte Menschen. Rentner. Kränkliche Rentner. Und wo sind mehr kränkliche Rentner als in Kurorten wie Meran?

Da sitzen sie also in ihren *****+-Hotels und Wellness-Ressorts, haben lange gespart und entsagt, und nun kommt die Seuche und rafft sie dahin. Die Vermögenssteuer kann den Tod auch nicht aufhalten, aber sie sagt: Gib Dein Geld lieber jetzt aus, nimm noch die Haselnusstorte im Cafe Imperial und kauf Deiner Gattin jeden Biedermeier-Schmuck bei Frühauf, den sie will, nimm immer gleich die Loge in der Oper, brenn das Geld lieber jetzt durch, lebe heute, bevor es die im November die erbende Verwandtschaft, oder noch schlimmer, am Jahresende der Staat bekommt, und es vielleicht an jene gesträhnte Sächsin mit der Tätowierung, dem Piercing, dem pinken T-Shirt und den Stilettos für eine Ausbildung zur Werbekauffrau in München gibt, wo sie dann deinen Sohn mit dem Eheproblem kennen lernt und…

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Es kommt eben nur darauf an, wie man es meiner Klasse vermittelt. Wirklich einschränken müsste sich dort ohnehin niemand, die elende Rafferei ist allein dem genussfeindlichen Zeitgeist geschuldet. Der Staat tut meiner Schicht etwas Gutes, wenn er Geldvermögen progressiv abschöpft. Er sollte es noch nicht bestrafen, wenn Eltern ihren Kindern zum Studium Wohnungen und kleine Sportwägen bis zu einem Boxster kaufen, aber zugreifen, wenn es nur noch um Anhäufung von Geld und damit Umverteilung der irdischen Güter geht. Das ist gut für den Finanzminister, es reduziert die Schuldenlast, es trifft jene, denen es de facto nichts ausmacht, oder es kurbelt die Wirtschaft an, wenn sie das Geld lieber verprassen. So oder so bleibt für alle mehr übrig, man hätte mehr Opulenz und Grandezza, das Leben wäre angenehmer, die Buffets besser und die Millionäre netter, denn sie würden von ihren Kindern auf der Heimfahrt mehr Parmaschinken aus den Lauben und Bergkäse aus St. Martin im Passeier importieren lassen, und dieses unmögliche Zeug im Supermarkt lassen. Sie könnten dem Tod durch die Schweinegrippe satt und zufrieden begegnen, als echte Oberschicht, die so gelebt hat, wie es sich gehört. Vielleicht mit einer Villa in Obermais, einem rauschenden Sommerfest mit Musikern und langen, weissen Kleidern für die Damen, man könnte all die Herrlichkeit der k.u.k.-Monarchie mit den Vorteilen der Moderne verbinden, alles wäre uns recht, solange es nicht der Staat bekommt – der es natürlich über Umwege durchaus bekäme, aber davor hätte man wenigstens noch seine Freud, wenn wir schon alle krepieren müssen.

Wir würden es schon so drehen, dass wir unter den Freibetrag kommen. Also, her mit der Vermögenssteuer! Erst wenn die Rendite der Champagnerhersteller und Edelwinzer besser ist als bei der Deutschen Bank, und wenn man in den Fluren der noblen Seuchenquartiere nicht mehr erkennen kann, wer in den Leichenstapeln von der Krankheit und wer vom Lebensglück verlöscht wurde, erst dann wird unsereins wieder begriffen haben, was wirklich die Vorteile des Reichtums sind.