Stützen der Gesellschaft

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Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Dem Staat einen Steuerhinterzieher stiften

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Offensichtlich hat die deutsche Politik ein massives Problem, die Sorgen und Nöte der sie besitzenden deuitschen Oberschicht zu verstehen. Es kann und darf absolut nicht darum gehen, irgendwelche Steuerhinterzieher davon kommen zu lassen. Man würde so nur dazu beitragen, dass unsere Dümmsten und Unfähigsten reich bleiben, nicht vorbestraft und damit nicht diskriminiert und geschnitten werden können, und weiterhin hässliche Protzkisten in unsere Viertel bauen. Das geht nicht an. Und wenn schon die Politik nicht tut, was brauchen, müssen wir es eben selbst tun.

Vergessen wird nur wer als Feigling stirbt; dem tapferen Soldaten,
dem wahrhaft Tüchtigen ist die Krone des Ruhmes, der Ehre gewiss!
Francesco Maria Piave, Die Macht des Schicksals

Mal unabhängig von der Frage, ob Herr Schäuble damals von Herrn Schreiber wissen wollte, ob jenes ominöse Geld im Umschlag nicht aus noch ominöseren Quellen stammt, als die Daten deutscher mutmasslicher Steuerhinterzieher, wegen deren Ankauf sich die Koalition gerade so ziert – und auch unabhängig von der Frage, ob nicht doch auch der ein oder andere Hartz-IV-Empfänger mit linken Neigungen aus Angst vor der Verarmung sein Vermögen den Genfern gab, um es den deutschen Sozialbehörden zu entziehen – unabhängig sogar von der Überlegung, warum es eigentlich keinen Straftatbestand der Verharmlosung von Verbrechen gibt, anzuwenden auf jene Politiker, die banale Datenmissbraucher als “Kriminelle” beschimpfen, aber Steuerkriminelle als “Steuersünder” verharmlosen – unabhängig von diesem Klein-Klein der Parteilichkeitspolitik wirft die Frage des Ankaufs von Schweizer Daten über deutsche mutmassliche Steuerhinterzieher eine ganz andere, wichtige und kulturgeschichtlich bedeutende Frage auf. Nämlich: Darf der Staat, der vor allem uns Vermögenden und Wohlsituierten gehört, unseren edelsten Sport kaputt machen? Steuerhinterziehung ist schliesslich nicht nur ein Delikt der Kavaliere, sondern jenseits des schnöden Mammons und der paar Kröten für den Staat, die man auch anders vermeiden könnte, vor allem eines: Nervenkitzel.

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Ist man nämlich erst mal vermögend und gut situiert, fallen viele andere Aufregungen weg: Die geschiedenen Laborbetreibertöchter werden einem von Mama frei Haus geliefert, man fährt unsichere Oldtimer, um dem elenden Gefühl in der S-Klasse zu entgehen, dass man alles überleben würde; man kommt immer irgendwie durch, das Netzwerk hilft schon und irgendein Arzt kennt sogar im schlimmsten aller Fälle jemanden, der den spektakulären Selbstmord aus Langeweile zum banalen Herzstillstand erklärt. Die ganze Welt ist dazu da, einen abzufedern und abzufangen, der Staat ist, von oben betrachtet, eine einzige Knautschzone: Prima, wenn man dahinter sitzt. Davor sitzen sicher auch welche, aber die wurden einem nicht vorgestellt.

Nachdem andere kriminellen Tätigkeiten stets mit Schmutz, echter Arbeit und wenig vorzeigbarer Kleidung verbunden sind, ist die Steuerhinterziehung das ideale Mittel, um diesem Überdruss an Sicherheit und Fürsorgestaat zu entgehen. Natürlich möchte keiner damit aufkommen, niemand mag Besuch von Steuerfahndern, die das Meissengeschirr nicht zu würdigen wissen, auf dem man ihnen Kuchen anbietet. Was man jedoch durchaus schätzt, ist das ständige Gefühl der Bedrohung, dass da draussen ein Staat ist, der einen ruinieren könnte, würde man ihm nicht elegant und geschickt auf der Nase herumtanzen. Es geht nicht um das grosse Konto, sondern um das kleine, süsse Geheimnis, um die Wette mit dem Verderben, um das Wissen, dem Staat ein Schnippchen zu schlagen, besser und klüger zu sein, eine Art Robin Hood und verwegen wie Errol Flynn. Wenn ich etwa in die Schweiz fahre, liegt auf  dem Beifahrersitz immer der Aktenkoffer von Louis Vuitton, in dem ich meine frischen Hemden transportiere, und ein paar Geldscheine schauen heraus. Immer denke ich mir, sie müssten jetzt doch… sie tun es nie. Bin ich dann in Graubünden, muss ich lachen. Es geht, kurz gesagt, um den Spass.

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Echte Steuerhinterzieher brauchen das Gefühl. Daheim sind sie Mittelständler, Firmenvorstände und Zahnärzte, sie müssen brave Reden halten und auf den Perserteppichen die Moral hochhalten. Immer. Jederzeit. Aber an der Grenzkontrolle können sie noch einmal ein Mann sein, Mut beweisen, etwas wagen, eine Ahnung bekommen, wie es war, als sie noch jung, dumm und risikofreudig waren. Wenn Essen der Sex des Alters ist, dann ist Steuerhinterziehung in der Schweiz die wüste Demo des Alters. Wer alt und reich ist, kann nicht “Feuer und Flamme für diesen Staat” rufen und Fenster von Behörden einwerfen; der Schwarze Block der reichen Alten kann aber über die Transferleistungen des Staates und seine Verschwendung schimpfen und gleichzeitig wissen, dass sein Geld in Sicherheit ist. So wirft man Pflastersteine auf eine verhasste Gemeinschaft, wenn man sich nicht mehr bücken kann.

Wer jemals mit Vertretern der Autonomen zu tun hatte, jenen Brüdern im Geiste der Steuerhinterzieher, weiss auch um deren perverse Lust am Rennen, am Tränengas und den Wasserwerfern, von denen sie alle Details wissen. Eine Krawalle ist nur wirklich schön, wenn die Staatsmacht dagegen hält. Der Autonome fühlt sich nicht durch den Steinwurf mutig, sondern durch das Wissen, den Staat zu provozieren und seine Freiheit aufs Spiel zu setzen. Würde man die Autonomen einladen, ihre Krawallen auf einem Schrottplatz bei Vockerode abzuhalten, mit Transfer, Freibier und Zerstöre was Du kannst – es würde ihnen keinen Spass machen. Das elende Gewinsel rechtsliberaler Politiker um etwaige Rechtsprobleme zeigt nur, dass sie nicht verstanden haben, wie das Spiel funktioniert: Steuerhinterziehung macht den grössten Spass, wenn man damit trotz aller Risiken als Einzelner gegen das System durchkommt. Und es statt dessen den Nachbarn, dumm wie er ist, in seiner protzigen Marmorvilla derbröselt. Steuerhinterzieher lieben die Fahnder, wenn sie ein Haus weiter fahren. Das ist der ultimative Kick. Und um den soll man wegen lumpiger zweieinhalb Millionen und Waschweibergewäsch betrogen werden? Meine Klasse siegt an der Schweizer Grenze nicht, weil sie klug und gerissen ist, sondern weil der Staat nach dem Abgang von Finanzminister Steinbrück eine zahnlose, heulende Memme geworden ist, kein Zerberus, dem man im Sportwagen entkommt, sondern ein hechelndes Schossköterchen?

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Es tut keiner Gattung gut, wenn ihr die natürlichen Feinde fehlen. Man wird fett, faul und dumm, man regt sich nicht mehr geistig, und eine Abtrennung der Dummen und Unfähigen findet auch nicht mehr statt, man verfault innerlich und endet vielleicht mit der Tochter eines Schönheitschirurgen vor dem Traualter. Echte Elite kann nur überleben, wenn sie jeden Tag neu bestehen muss und nachgeschliffen wird; und es ist ein Unding, dass der Staat seiner Elite diesen Ausleseprozess verweigert, indem er auf die Verfolgung unserer ungeschickteren Mitglieder verzichtet. Sollte es wirklich so weit kommen, müssen wir eben selbst Sorge tragen, dass unser Stahl nicht rostet: Es sind 1500 Namen und 2,5 Millionen Euro Forderung. Es sollte ein Leichtes sein, eine Stiftung – Liechtenstein vielleicht? – zu gründen, in die jeder, der sich der Qualitätssicherung unserer Klasse verpflichtet fühlt, 1700 Euro einbezahlen kann. Dann kaufen wir das Paket und schenken es unserem Staat. Dazu gibt es ein Denkmal mit Gravur am Grenzübergang Konstanz und eine Website, auf dem jedem Mitglied ein Name zugeordnet wird, etwa so:

Don Alphonso Porcamadonna

 stiftete dem Deutschen Staat 2010

den Steuerkriminellen Dr. Schnoin-Dreiba

 aus Vierharting am See und

1,2 Millionen Einnahmen.

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Sie müssen nachzahlen, damit wir leben können. Und als Elite beweisen wir uns, indem wir es nicht den Büttel tun lassen, sondern selbst Hand anlegen. Danach wäre die Menschenjagd in den Bergen wieder richtig spannend. Ein Sport für echte Männer, die es darauf ankommen lassen. Etwas, von dem man später den Enkeln erzählen kann, wenn es geklappt hat. Oder man kann mit gutem Gefühl von der Welt gehen im Wissen, dass man gewagt und verloren hat, und es immer noch besser beim Staat aufgehoben ist, als bei diesen Erben, die es ohnehin nur für Escada an ihren Frauen verprassen würden. Und nie wissen werden, wie es sich anfühlt, wenn der Zöllner einen Blick auf die Tafelpapiere neben dem Koffer wirft und einen trotzdem durchwinkt, und man, dem elenden Schweizer Tempolimit Hohn sprechend, über Pässe und Kurven Graubündens preschend das Schicksal verlacht.