Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Von Primaten, Menschen und Ekelgrenzen

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Mit offenem Mund essen und das auch noch im Stehen, mit übervollen Backen und fast in den Raum spucken - was für ein Vergnügen wäre es doch, ein ungezogenes Balg dafür zusammenzustauchen, ihm Mores beiszubringen und dafür zu sorgen, dass es sich in Zukunft gefälligst wie ein zivilisierter Mensch benimmt! Und wie unschön, wenn man feststellt, dass auch angebliche, geldschwere Herren der Welt eigentlich eine derartige Behandlung bräuchten, sie, die Totengräber der besseren Gesellschaft, die durch sie nur schlechter werden kann.

So ein gemeiner Hund!
Rudyard Kipling, Die beste Geschichte der Welt

Eine gängige Theorie der Urgeschichte des Menschen besagt, dass er sich vom Tier absetzte, als er lernte, Essen nicht nur in sich hineinzustopfen, sondern es auch zuzubereiten und Dinge, die in ihrer Naturform nicht geniessbar oder durch seine Fähigkeiten erreichbar waren, zu Mahlzeiten zu verarbeiten. Der Mensch entdeckte das Feuer und den Herd, er lernte Ackerbau und Jagd, er entwickelte entsprechende Gerätschaften und Sozialsysteme, die den Erwerb von Nahrung auf Dauer sicher stellten. Frühe Steuern wurden in Nahrungsmitteln erhoben, und an der Grenze zwischen jenen, die hungern mussten, den anderen, die genug hatten und jenen, die um ihre Sättigung einen Kult machen konnten, entstanden die Klassen der Gesellschaft, die bis heute mehr oder weniger gültig sind: Die einen in den schlechteren Vierteln müssen beim Discounter billigste Waren erstehen, die anderen mit Berufen in Banken, Versicherungen und anderen Heimstätten der Erbsenzähler bekommen Massenpampe in der Kantine, die bei wenig Bewegung ausreicht, selbst wenn das Besteck aus Blech und das Tablett aus Plastik ist, und ich serviere während meiner Arbeit dem Gast als dreieinhalbten Gang des Tages mit Schokoflocken bestreute Himbeertörtchen “a la antica”, erinnert die Form doch an die “Frauenbrüste”, die man schon im 18. Jahrhundert servierte – und das alles auf einem Silbertablett von 13 Lot. Anders gesagt, man kann die Oberschicht im – selbst gewählten oder gesellschaftlich verschuldeten – Abstand von den Primaten messen, und dann  auch Klage darüber führen, wie ungerecht es doch zugeht.

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Solange man nicht dieses Video sieht, das dieses Jahr in Davos aufgenommen wurde, jenem überteuerten Schweizer Bergkaff für Steueroptimierer und andere unerfreuliche Zeitgenossen, wo sich Menschen mit Einfluss, Geld oder Beziehungen gegenseitig den Bauch bepinseln und sich als Leader bezeichnen. In Davos, zu jenem Anlass, war auch der in dem Video zu sehende Herr Schwarzman, Stephen A. Schwarzman, Mitgründer und CEO der mittlerweile durch die Finanzkrise gebeutelten Heuschreckenfirma Blackstone. Auf dem Video sieht man ihn, wie er ungeniert einem Gesprächspartner eine geschälte Banane vor den Körper hält, sie mit offenem Mund und vollen Backen kaut, beinahe beim Lachen dieselbe in den Raum sprotzt – kurz, Herr Schwarzman, einer der reichsten Männer der Welt, hat in seinem Verhalten den gesamten Zyklus vom Uraffen bis zum Angehörigen einer Zivilisation  bis zu jenem Punkt durchmessen, an dem er als einer der Weltenführer in Davos zeigt, wie knapp diese Distanz doch sein kann, trotz Anzug, Anspruch und Annehmlichkeiten eines Daseins, das durch jenes Geld versüsst wird, das die Leidtragenden des typischen Heuschreckengeschäfts dann eben nicht mehr haben.

Womit sich natürlich die Frage stellt: Warum ist das bei Menschen mit Hunger oder mit wenig Geld verzeihbar, und warum überkommt mich beim Betrachten dieser Bilder, ganz im Gegensatz zu jenen Szenen, die sich Tag für Tag an Deutschlands Currywurstständen abspielen, jener blanke Hass, jener Abscheu, der mich sagen liesse: Ich würde diesem Herrn nicht vorgestellt werden wollen. Kurz, warum habe ich – und mit mir vermutlich weite Teile der deutschen Oberschicht – diese doppelten Standards bei der Beurteilung von Fehlverhalten, noch dazu in einem Bereich und mit einem Anlass, die eigentlich irrelevant zu sein scheinen.

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Der Grund ist vielleicht in der Kindererziehung – oder besser, dem, was früher Kindererziehung einmal war – zu suchen. Jene Erziehung, die sicher schon ohne Schläge und Prügel auskam, nicht aber ohne Zurechtweisungen, wenn es am Respekt vor den Regeln mangelte. “Benimm Dich nicht wie…” begannen diese Anweisungen, und dann folgten ganz schlimme Wörter wie “ein Barackler”,  was nach dem Krieg auch dem verhassten Flüchtling entsprach, “in der Schleifmühl”, eines der weniger feinen Viertel der Altstadt meiner dummen, kleinen Heimatstadt an der Donau, oder, mit dem Beginn der modernen Architektur “wie einer aus dem Block”. Da wusste man: Nun war es genug, nun hatte man wieder die Regeln zu akzeptieren.

Regeln, die man so unwillkürlich befolgt, dass man das Verhalten jenes Herrn in Davos erst analysieren muss um zu verstehen, warum es so nicht geht: Man führt das Essen zum Mund und nicht den Mund zum Essen. Man isst nicht mit offenem Mund. Man macht die Backen nicht zu voll. Man isst nicht im Stehen, man setzt sich hin. Man hält das Essen nicht in den Raum. Man stopft nicht nebenbei etwas in sich hinein. Man prustet nicht in den Raum, wo andere Menschen sind. Man tut das alles nicht. Es missachtet das Essen, die anderen, und vor allem: Es spricht dem Anspruch meiner Kreise Hohn, dass sich deren Angehörige stets und in allen Situationen um Haltung bemühen. Alles, was man anderen Klassen unterstellt, findet man hier. Keine Steuerhinterziehung, keine Flucht mit dem Geld in die Schweiz würde so viel Ablehnung erzeugen, wie dieses Verhalten.

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Denn die Regeln stehen über allem, egal wie reich jemand ist. Diese Regeln wurden früher in der westlichen Welt durch das Kollektiv durchgesetzt, in einem langen Prozess von  Belobung und Ermahnung, Ausschluss und Akzeptanz. Aber mit dem Kauen mit offenem Mund in Davos zeigt sich, dass neben den Regeln auch das Kollektiv am Verschwinden ist, man kann, das ist evident, so sein, und muss keine Sanktionen fürchten, zumindest nicht, wenn man Chef einer Heuschreckenfirma ist. Man wird dafür nicht geschnitten, in Davos kann man damit leben. Das alte System zeigt keine Risse, es bricht zusammen. Und selbst, wenn in diesem Herrn und diesem Video die ganze moralische  Nichtswürdigkeit dieser reichen Gattung jenseits des verbindlichen Regelgeflechts dessen, was sich als sie bessere Gesellschaft definiert, zum Ausdruck käme: Es wäre für viele dennoch kein Hinderungsgrund, mit so jemandem Geschäfte zu machen, oder sich bei einer Firma mit derartig eklatanten Mängeln an Haltung zu bewerben.

Zumal es sicher leichter ist, sich gehen zu lassen. Manieren sind, wenn sie nicht verinnerlicht sind und automatisch gelebt werden, eine Wissenschaft für sich; wer sie als Kind nicht lernt, muss sich später in Kursen umschulen lassen für jene Momente, da er sie braucht, weil er daheim nur aus dem Topf isst, das Gesicht nur Zentimeter über dessen Rand. Die gleichgültige Antwort auf Davos lautet: Na und? Und gerade diese Gleichgültigkeit, die Banalität des Desinteresses macht es so schwer, damit umzugehen. Elite kann  so sein wie in Davos, sie muss sich nicht um die Bedenken der Westviertel scheren, deren finanzielles Wohl und Wehe längst nicht mehr vom Bankdirektor drei Häuser weiter entschieden wird. Die Globalisierung ist eine Büchse der Pandora, sie überwindet Grenzen wie auch Ekelgrenzen, sie befreit die Märkte und den Affen im Menschen.

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Aber es erleichtert auch die Sache für diesen Menschenschlag, diese neue Form der Elite: Wer schon keine Bedenken hat, andere mit offenem Mund anzukauen, hat sicher auch keine Skrupel, andere auszunehmen und zu optimieren; wer sich nicht mal hinsetzt, hält sicher auch Gier für eine Tugend. Es mag sein, dass die Reichen in den Westvierteln auf ihren Bankkonten die Profiteure der Umverteilung sind, und ein wenig Blackstone ist in allen Transaktionen – aber in dem Moment, da die Beihelfer der Umverteilung ungeniert das Innere ihres Mundes zeigen können, zahlt man für den Zuwachs mit dem Wesenskern, ohne auch nur die Chance zu haben, diese Menschen auszugrenzen. Sie jedoch ignorieren unsere Vorbehalte und machen weiter. Hässlicher als mit dem Bananenschleim im offenen Mund, kann man wohl kaum gesagt bekommen, dass die Zeit der Klasse, wie sie früher war, abgelaufen ist. Wir sind Tote auf Urlaub, denen man Nischen zugesteht und ein paar Groschen abgibt, bevor man sich die nächste Firma, das nächste Land oder den Esslöffel Kaviar ins Maul stopft.