Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Die knallrote Oma und die Orangenhaut

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Es gibt Themen, mit denen man sich keine Freundinnen macht, obwohl sie ihnen doch so wichtig sind: Orangenhaut etwa, oder besser, die Abwesenheit derselben. Man darf nicht das vor keuschen Ohren nennen, was keusche Herzen gut entbehren können, möchte man mit Mephistopheles sagen, aber nachdem ich gestern eine knallrote Oma traf, so rot wie der Beelzebub - versuche ich es einfach. Beschwerden bitte an die Redaktion.

Damit dies Büchlein auch Stoff erhalte
schwärmt er bisweilen sogar für Alte.
Lorenzo da Ponte, Don Giovanni, sog. Registerarie des Leporello

Ich hatte gerade die Spanngurte gelöst, mit denen der Rodel auf dem Gepäckträger befestigt war, als auf der Anhöhe über dem Parkplatz eine knallrote Oma erschien. Sie hatte sich auf der anderen Seite mit ihren Langlaufskiern hochgearbeitet und schob nun kräftig an, um in der gespurten Loipe nach unten zu sausen. Unten, wo die Strasse liegt, über die man nicht einfach mit den Skiern fahren kann. Die knallrote Oma aber sauste weiter, wurde schneller, der Fahrtwind wehte ihre blondierten Haare auf, und vielleicht war einfach die übergrosse Sonnenbrille einer bekannten Marke zu dunkel, um das Unheil des Asphalts zu erkennen. Sie schoss an meinem Wagen vorbei, und erst kurz vor der Strasse versuchte sie einen Bremsschwung. Es sah gar nicht unelegant aus, aber mit den an der Ferse nicht befestigten Langlaufskiern war das keine gute Idee. Die Ski fanden keinen Halt am Bein und auch nicht im Schnee, verschlugen unter der knallroten Oma und schickten sie – Krawumms – in einer pudrigen, weissen Wolke zu Boden.

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Bevor ich auch nur den Rodel abgestellt hatte und ihr zu Hilfe eilen konnte, lachte die Oma im knallroten Skianzug auch schon, rappelte sich auf, und winkte meinem Erbieten ab. Sie habe nur einen Moment vergessen, dass sie keine Alpinski an den Füssen hatte, so sei der Sturz zu erklären, und sie mache das langweilige Langlaufen auch nur, weil es heute schon zu spät für die Fahrt zu einem Skigebiet sei. Ob ich auf die Neureuth gehe? Ja, sagte ich, und so kamen wir ins Plaudern. Ich erklärte ihr dem Weg hinauf, die Tücken der Rodelstrecke und die Bezugsquelle für Leihrodel, und sie erzählte, dass am Wochenende die Enkel kämen, die noch zu klein für das Skifahren seien, und dann würde sie es vielleicht mit dem Schlitten probieren und die Kleinen hinaufziehen. 500 Höhenmeter. Ich habe einige Bekannte in meinem Alter aus Norddeutschland, die vor diesem Berg kapitulierten. Ich sah mir die knallrote Oma und die jenseits von Schal und Brille erkennbaren Falten genauer an: Sie war mindestens Mitte 70.

Gestern, erzählte sie, sei sie noch auf den Hirschberg gegangen, nicht ganz hinauf, aber bis zur Hütte, was auch ein ganz schöner Anstieg ist. Aber für die Enkel sollte es eben etwas Leichteres sein, es sollte nicht so lang dauern, sie ermüden sonst schnell, und sie wollte sie nicht den ganzen Berg hinaufschleppen. Ich gab ihr noch ein paar Empfehlungen zur Küche auf dem Berg mit – Spinatknödel mit Parmesan etwa. Dann machte sie sich wieder auf den Weg, und ich sah sie noch einmal am Hügel über den See, wo sie vor dem Panorama verharrte. Knallrot und ein Schreckensbild.

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Zumindest für die meisten meiner weiblichen Bekannten rund um die 40. Es gibt eine ganze Reihe von Wörtern, die man in ihrer Gegenwart nicht benutzen sollte, und die Meilensteine auf der Entwicklung zur knallroten Oma. Die knallrote Oma ist lässig, aber der Weg dorthin ist schrecklich; man erwähne nur einmal das Wort “Orangenhaut”. Oder “Bindegewebe”. Oder auch nur ganz harmlose “Lachfalten”. Man kann gar nicht deutlich genug nachschieben, dass es einem absolut nichts ausmache, das sei nur Propaganda der Kosmetikindustrie – es tötet jede Stimmung und alle Möglichkeiten, es verkürzt Abende und dreht jeder Hoffnung, die Momente davor noch quietschlebendig wie die knallrote Oma war, den Kragen um.

Nun ist der Kampf um möglichst gutes Aussehen in besseren Kreisen nicht gerade eine neue Entwicklung; Klassenzugehörigkeit suchte sich beim weiblichen Geschlecht immer die Bahnen von Schmuck und Schminke, und man darf annehmen, dass schon die Rötelsteine in neolithischen Siedlungen benutzt wurden, um dem Schönheitsideal nachzuhelfen. Was sich aber mit den neuen Möglichkeiten der Medizin und dem Jugend- und Fitnesskult geändert hat, ist die Zielsetzung derartiger Massnahmen. Die generelle Erscheinung sollte nie so wirken, als sei ein Alter von weniger als 30 Jahren undenkbar. Alles nach 30 geht schon in Richtung der alten Jungfer, die nicht ganz wunschgemässe Karriere liesse sich in so einem Alter nicht mehr sauber und formschön erklären, und dann ist da noch die Konkurrenz der jüngeren Frauen, denen Männer angeblich so gern erliegen.

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Was mit den Berufsjugendlichen – lächerliche Halbglatzen mit Jugendversteherattitüde und Spexsprech  – in gewissen grösseren Ansiedlungen schlechterer Qualität eine Art Mode geworden ist, wird für Frauen mit zunehmendem Alter eine Systemjugendlichkeit, die nach anderen Kriterien gestaltet werden muss: Das Aussehen muss jung sein, aber der Rest, der Beruf, die Einnahmen, die Wohnung, die Erfahrungen, müssen darüber liegen. Zwanghaft jugendliches Benehmen ist bei beiden Geschlechtern nicht eben zwangsweise hübsch anzuschauen, wird aber Männern leichter als Frauen nachgesehen. Der erforderliche Spagat zur Erfüllung der unterschiedlichen Anforderungen, die von niemand härter als von ihnen selbst definiert werden, macht es unmöglich zu überlegen, wie man mit Anstand und Würde so eine knallrote Oma wird. Für all die weiblichen Alleinstehenden der besseren Gesellschaft gibt es für die Zeit zwischen 40 und 70 kein vernünftiges, evolutionäres Rollenmodell, sondern nur die Flucht in die Bewahrung der Jugendlichkeit um jeden Preis, gefolgt von einem zähen Abwehrkampf, den sie nicht gewinnen können.

Einen echten Zweck hat das natürlich nicht, denn wenn es alle tun, sind am Ende die Chancen für alle wieder gleich gut, oder auch gleich schlecht. Aufgeben ist dennoch nicht vorgesehen, das würde sie nur zwingen, sich selbst zu hinterfragen und sich mit Lebensentscheidungen abzufinden, die fast noch schlimmer als Orangenhaut sind. Viel leichter ist es, neue Schuhe zu kaufen oder Wäsche, die so gestaltet ist, dass sich Frauen darin vorstellen können, wie gut sie bei Männern ankäme, in deren Augen sie dann gut aussähen, würde es diese Männer denn geben. Es gibt ein elendes Missverhältnis zwischen den übervollen Wäschekommoden dieser besseren Töchter, und dem unterfüllten Liebesleben. Aber die Illusion funktioniert reibungslos.

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An dieser Stelle nun könnte man einwerfen, dass die natürliche Veränderung doch gar nicht so schlimm sei, dass die Männer auch mitalterten und vor Enttäuschungen nicht gefeit seien. Man könnte sagen, dass all die Anstrengung und der Stress und die Angst im Endeffekt alle Gewinne wieder zunichte machten, dass es doch nur wichtig sei, ein angenehmes Leben zu führen. Und die Diskrepanz zwischen den theoretischen Beuteschemata der besseren Söhne und ihren tatsächlichen Einlassungen beträchtlich sei. Allein, es entspricht nicht dem Ideal der Zeit, in der sich Frauen immer im Konkurrenzkampf sehen, und hinter jeder Beschwichtigung den Verrat, die Lüge oder bestenfalls die Dummheit des Beraters wittern.

Insofern ist es besser, einfach von all dem zu schweigen, als sässe man beim Tee einer Tante, deren Nichte gerade eine Scheidung wegen massiver Ehebrecherei durchmacht. So gering die Chancen für die Frauen auch sein mögen, den Wettlauf gegen die Veränderung zur knallroten Oma zu gewinnen – noch geringer sind die Chancen, hier mit ausgleichenden Worten anzukommen und einen Bewusstseinswandel zu bewirken. Etwas Verwöhnung mag für einen Abend helfen, das Problem zu vergessen, doch schon am nächsten Morgen werden die Stöcke des nordischen Marschierens in den Boden gerammt, zack zack zack, nicht anhalten, nicht pausieren, immer an der Grenze, es gilt, die Form zu wahren. Wie gut hat es dagegen die knallrote Oma, die alles hinter sich hat, und wie gut hat man es selbst, der man auf die Neureuth hochkeucht und anschliessend, wohlig grunzend und viel zu schnell durch Kurven schlitternd, ins Tal hinunterbrennt.

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Weil man ohnehin weiss, dass man nicht vor 95 und lange nach all den gestressten Bekannten mit ihren Zigaretten und der Mangelernährung sterben wird. Man wird nicht unbedingt schön dabei, aber in dem Alter ist dann alles egal. Wobei, vielleicht möchte man in jenem Stadium doch mehr, als mit gefallenen, knallroten Omas nur plaudern. Man wird sehen.