Stützen der Gesellschaft

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Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Die Vuvuzela für den Einiger des Vaterlandes

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Nicht nett, aber deutlich: Mit den Tröten hat der Bundespräsident a.D. einen Abschied bekommen, mit dem Konservative und Fortschrittliche gleichermassen bestens leben können.

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Aus der Ansprache des Souveräns beim Zapfenstreich

Fast wäre das Haus diesen Winter ohne Schaden durchgekommen. Das ist ohnehin nicht selbstverständlich, es hat in der Nachbarschaft ziemlich viele Rohre zerrissen, und so bleibt nur ein kleineres Problem bestehen: Wasser ist offensichtlich über den Kamin eingedrungen, hat sich dann in Ritzen festgesetzt, und ist an einer Stelle, entlang eines haarfeinen Risses, unter die Tapeten im 4. Geschoss gelangt. Das sah nicht ganz undramatisch aus, als ob ein verrostetes Rohr geplatzt wäre, aber im Prinzip ist das nur eine Kleinigkeit: Austrocknen, abschleifen, mit Spezialverputz schliessen, neu streichen, fertig. Das mache ich selbst, und dann ist hoffentlich wieder Ruhe. So sollte es natürlich nicht aussehen.

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Darauf haben Mieter heute ein Anrecht, und würde ich es nicht tun und die Wand fröhlich vor sich hin schimmeln lassen, könnten sie die Miete kürzen. Das war allerdings nicht immer so; vor 100 Jahren hätte sich kaum ein Vermieter dazu herab gelassen, den Mietern so eine Arbeit abzunehmen. Damals war der Vermieter gleich hinter dem Gottvater angesiedelt, und Mieter mussten versuchen, in seiner Gunst zu bleiben: Teuer war das wohnen damals, die Hausbesitzer der Stadt hatten eine Art informelles Kartell, und wer negativ aufgefallen war, hatte ein Problem. Das waren eben noch konservative, auf die Obrigkeit orientierte Zeiten, und Besitz und Macht wurden sehr viel offener als Druckmittel eingesetzt, als wir das heute gewohnt sind. Mieterschutz gab es nicht, und wer meinte, so etwas haben zu wollen, konnte es sich woanders suchen. Es gab ohnehin zu wenig Platz in der Stadt. Insofern konnte man so eine Reparatur auch dem Mieter aufbürden. Oder erwarten, dass der das von sich aus tut, und ihm dafür freundlich begegnen: No, Hupsengruber, dös hom’s sche gmocht, Reschbegt.

Oder… Huldigungen in einer Obrigkeitsgesellschaft können mannigfaltig sein. Solange man an der richtigen Stelle in der Hierarchie sitzt. Meine Position wäre vor 100 Jahren fraglos komfortabler gewesen, was den Fleck an der Wand angeht; allerdings hätte ich die gesparte Zeit vielleicht damit zugebracht, Heil Dir im Siegerkranz auf dem Klavier zu intonieren. Und zweieinhalb Jahre später hätte ich keine andere Wahl gehabt, als den ersten Weltkrieg zu bejubeln. Es gab noch so etwas wie Majestätsbeleidigung, und meine Beiträge wären vermutlich von einem ganz anderen, formalen Ton geprägt gewesen, so ich sie nicht im Zuchthaus geschrieben hätte. So, dass es halt gut in die Obrigkeitsgesellschaft passt. Was der Mieter von mir zu schlucken gehabt hätte, hätte ich von anderen schlucken müssen. Ich denke, eine halbe Stunde verputzen und bemalen ist eine gute Sache, wenn man bedenkt, was ich dafür an Freiheiten habe und wie wenige Kröten ich schlucken muss, weil die konservative Neigung zum Obrigkeitsstaat vorbei ist.

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Also, dachte ich zumindest. Bis ich den Fehler gemacht habe, ein paar eher versöhnliche Kommentare über den Herrn Wulff zu lesen, namentlich aus dem eher konservativen Teil unserer Presselandschaft. Wo man mir mitteilte, dass all das, was sich im Netz gerade entlade an Missgunst, Neid und Borniertheit, ganz schrecklich sei. Man müsste sich eben die Demokratie auch einmal etwas kosten lassen. Das sei nun mal so vorgegeben. Der Politiker brauche Sicherheit, nicht später zu verarmen. Überhaupt sei das alles kleinlich, ja, man sähe die (wirklich nur?) 90%, die laut Abstimmung keinen Zapfenstreich für diese Person wollten, als nicht weit genug denkenden, rachsüchtigen Mob an. Fehlt eigentlich nur eine Klage über das verrohende Internet, aber gut.

Ich weiss ja nicht, wie die konservativen Kreise von Journalisten aussehen – vermutlich andere konservative Journalisten, die das Einstein für ein Cafe und Unter den Linden für bewahrenswert halten – aber ich komme nun nachweislich aus dem Kerngebiet des Konservativismus, so schwarz, dass ausser den Schwarzen keiner einen Bürgermeisterkandidaten aufstellt, und diese 90% findet man hier auf der ganzen Strecke vom Bäcker bis zum erstklassigen Restaurant, das sich als Wirtschaft tarnt. Hier bei uns ist eigentlich keiner, der es nötig hätte, auf einen Absahner in Grossburgwedel neidisch zu sein, die Leute sind auch nicht gerade kleinlich: Sie sind konservativ. Und sie haben im Gegensatz zu diesen politikernahen Journalisten verstanden, dass diese ihre Haltung mitsamt ihren Werten nur zu retten ist, wenn sie ihren ganzen Zorn und ihre Verachtung klar zum Ausdruck bringen.

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Das ist ein Akt der Selbstreinigung. Jede Nachsicht, jede Gnade, jedes Verzeihen, all das Zwangsruhigstellen, dass man es nun einmal gut sein lassen sollte, ist vielleicht in Berlin brauchbar, wo jeder auf den Parties von Schmidt gesoffen und im China Club minderwertige Antiquitäten bewundert hat. Aber die Konservativen in der Provinz, die immer noch in Obrigkeitsstrukturen verhaftet sind, brauchen eine Obrigkeit, an der ihr Glaube nicht zerschellt. Die ganze Causa, die Heimlichtuerei, das Durchlavieren, das Wegducken, das Vertuschen, das Mitnehmen und Einstecken  – damit ist man kein Führer. Das hat kein Format. Dafür lohnt es sich nicht, süss zu sterben, oder einen Marsch zu spielen, oder auch nur den Hut zu lupfen. Wulff hat, ohne es zu wollen, die Frage gestellt: Wollt ihr Euren Präsidenten behalten, oder Eure Überzeugungen? Die Antwort fällt eindeutig aus. Die Entwulffung des Weltbildes rettet die Ideologie der guten Obrigkeit, je brutaler die Ablehnung, desto geringer der Schaden für das Weltbild. Böse Worte aus der Vergangenheit könnten einem da einfallen: Standgericht. Feme. Unehrenhafte Entlassung. Man darf nicht vergessen: Konservativismus hat eine brutale, an Weltkriegen gehärtete Seite. Was die eine Hälfte der 90% zum klicken bringt, verstehen sie vermutlich nur selbst. Sollte es wirklich Hass sein, dann kommt er aus diesem Lager.

Der Rest möchte sich vermutlich einfach nicht in eine neue, letztlich antidemokratische Obrigkeit zwingen lassen. Der Rest glaubt eventuell, Teil des Souveräns zu sein, und würde man ihn fragen, ob er Wulff nochmal ehren würde, sagte er klar nein. Man fragt ja auch im Internet. Da gibt es dann die Antworten. Natürlich dürfen Journalisten auch anderer Meinung sein, aber für einen Souverän ist die Vorstellung schwer zu ertragen, dass sich jemand so wie Wulff verhalten hat, und dennoch von politischen Strukturen so getan wird, als verdiene er weiterhin eine Sonderbehandlung. Dem Souverän krampft sich dabei der Magen zusammen, und zusammen mit dem Obrigkeitsfreund ruft er unisono: Soll er sich sein Essen doch weiterhin von seinen Freunden geben lassen, wenn ihm schon früher das Brot, das wir ihm gaben, nicht gereicht hat. Wulff hat das erstaunliche Kunststück zu Wege gebracht, beide Lager im Bestreben zu versöhnen, ihre vollkommen konträren Vorstellungen von Macht und Gesellschaftsordnung mit gleichem Handeln durchzusetzen. Wulff hat das Land im Wunsch geeinigt, ihn niederzutröten. Er muss weg, wie der Fleck am Kamin weg muss.

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Aber so, wie ich ahne, dass es neue Risse im Kamin geben wird, und dann neues Wasser neue Flecken nach sich zieht, so müssen auch die Konservativen befürchten, dass da eventuell noch mehr kommt. Das muss kein Einzelfall gewesen sein, Filmfonds und Partymacher haben nicht nur Wulff beehrt, und diese Berliner Republik hatte lange Zeit, sich hinzugeben wie ein Flietscherl, wie man bei uns sagt… Wulff ist weggetrötet. Der Verdacht wird bestehen bleiben. Eventuell wird man auch gar keine Obrigkeit mehr bekommen, wie man sie will – das Relativieren der Journalisten lässt Unschönes vermuten – aber vielleicht reicht es wenigstens, der Berliner Republik die Feierlaune auszutreiben. Damit die mehr arbeiten und weniger auf dumme Gedanken kommen, und am Ende auch noch erwarten, dass ihr Vermieter dieser Berliner Immobilien und Büros und Dienstwägen danach brav jeden scheusslichen Fleck neu verputzt. Man macht das nur gerne, wenn man auch Vorteile davon hat. Alles andere beginnt mit Schuhen und endet mit Tröten.