Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Plädoyer für nutzloses Verweilen

| 25 Lesermeinungen

Dort, wo sich Immobilienspekulant und Gewerbeparkentwickler gute Nacht sagen, stehen Züge reglos auf Gleisen und bewegen kein Pendlerschicksal nach Hause. Das ist schlecht für die Hektik, aber gut für das Nachdenken.

Neben dem Bayern am Tegernsee und dem Bayern im Westviertel gibt es auch noch ganz viel anderes Bayern, und nicht überall steht eine S-Klasse oder ein 7er bereit, um die Menschen dorthin zu bringen. Isabella Hilger kennt die Freuden dieser Provinz und des öffentlichen Personennahverkehrs zwischen den funkelnden Mittelhochhäusern Münchens und der adretten Dörflichkeit nur zu gut – weil sie dort oft steht und beim Warten Zeit hat, sich Gastbeiträge wie diesen zu überlegen:

Der größte Unterschied ist das Warten. Nicht fünf Minuten auf den nächsten Bus oder 15 Minuten auf die nächste S-Bahn, bei dem sich zeigt, wie dünnhäutig und hektisch selbst die Speckgürtelpendler sind, dieses wohlständige, wohlanständige Doppelhaushälften-Gschwerl. Es ist das lange Warten, eine Stunde auf den nächsten Zug. Anderthalb Stunden auf den letzten Bus. Und manchmal konspirieren die Götter des öffentlichen Nahverkehrs und man weiß nicht so genau, wie man heute noch nach Hause kommt. Oder der Bahnmitarbeiter hat einen wirklich abstrusen Tag. “Taxi? Eine Übernachtung kann ich Ihnen anbieten, aber 60 km Taxi? Nein.” Dieses Warten in Zeichen des überforderten Personennahverkehrs am hinteren Rande der Provinz. Da, wo es egal ist.

Natürlich, Warten ist an und für sich keine schöne Sache, denn es kann kalt und dreckig sein, und es kostet Akkulaufzeit für die dünne Verbindung zum Internet. Es bietet aber auch eine bemerkenswerte Möglichkeit etwas zu tun, zu dem man sonst selten kommt: Denken und Beobachten. Also richtiges Denken und wirkliches, intensives Beobachten. Auch hier steckt ein gewisses Gruselpotential, keine Frage. Nachdenken, das kann ja zu Dingen führen, furchtbar. Egal, ob man nun über sich selbst oder die anderen, das Leben, das Wohin, die große Philosophie oder den nächsten Tweet grübelt. Kann alles ungut enden. Mit Erkenntnissen.

Andererseits, es ist eben auch Zeit Gedanken aus zu formulieren. Ganze innere Monologe, ach was, Dialoge über Krisen und Streitgespräche, Argumente, Forderungen können in aller Ruhe geführt werden. Wobei, Ruhe ist unter diesen besonderen Umständen so eine Sache. Es gibt schließlich Mitmenschen, die hier die Mitwartenden sind. Der aufgeregte, telefonierende Businessmensch, der seiner Sekretärin am Telefon erklärt wie ER die Bahn und überhaupt alles führen würde und warum alle außer ihm unfähig sind. Er erzählt dann auch, wie er seine Firma rechtzeitig in “trockene Tücher” gebracht hat, warum ihn die Krise nicht erreicht hat und überhaupt, man hätte sich nur früh genug auf die Asiaten einlassen müssen, jedenfalls seine Sekretärin soll doch bitte seine Frau anrufen und sagen, dass er später kommt. Die Sekretärin scheint das nicht zu verwundern, sie fragt offensichtlich gar nicht erst, warum er es nicht selbst tut.

Das geschwätzige Damentrio mit Hermestüchern, Pumps, glänzende Hochsteckfrisuren. Sie sind nicht mehr jung, aber verbringen offensichtlich viel Zeit damit, sich zu restaurieren. Eigentlich vermutet man sie um diese Uhrzeit nicht beim Warten auf einen Zug, aber nur der fährt in ihr Nest in der weiteren Nähe des Chiemsees. Vielleicht hat es finanziell für Starnberg nicht ganz gereicht, vielleicht hat der (erste) Ehemann einfach die Praxis am Ort oder sie stammen sogar selbst aus einem der noch viel kleineren Dörfer in der Nähe. Sie sprechen aber natürlich über ihren stressigen Alltag, über die Wunder, die Yoga vollbringt und mit welchen Ratschlägen sie anderen zur Seite stehen. Die Tochter von der Dings ist ja auch so eine sensible, jetzt ist sie nach Roseneck zum „Erholen“, das liegt auch alles bestimmt nur an dem schwierigen Medizinstudium. Ja, bestimmt. Keineswegs wurde die Tochter von der Dings vom eigenen Vater mit sanftem Druck zum Studium *überredet*. In der Klinik mit Spezialisierung auf Magersucht wird sie sich bestimmt *erholen*.

Die Lehrlingsburschen, jeder ein Bier in der Hand, die halb cool, halb unsicher über die nächste/letzte Party und den Hasen/die Schnitte/die Bitch reden, bei der immer was geht/man nie ran darf/Hopfen und Malz verloren ist, denn bestimmt ist sie eine Lesbe. Immerhin ist das eine Gelegenheit, sich in puncto Jugendsprache auf dem Laufenden zu halten. An dieser Stelle: Auch die teuersten In-Ear-Kopfhörer der Welt halten nicht all das draußen. Selbst wenn man Abstand hält und die Kopfhörer enger zieht, man erfährt mehr, als wann wirklich wissen wollte. Damit muss man umgehen lernen. Aber dafür ist ja Zeit, wenn man eh schon wartet. Selbst für einen Menschenfreund – und ich bin keiner – zerren all diese ungewollten Informationen an der Substanz. Jetzt gilt es durchzuhalten. Ausharren ist nichts für Zartbesaitete. Wer ein Panoptikum aus Wartenden zu schätzen lernen will, muss ein bisschen trainieren. Dann ist es allerdings sehr unterhaltsam.

Eine Folge dieses Trainings, bei dem der durchschnittliche Pendler aus der Randlage schnell dramatische Fortschritte macht, ist der erstaunliche Umstand, dass es die Sehnsucht nach den angeblich einzigartigen und besonders für junge Menschen unsagbar verführerischen Vergnüglichkeiten der Stadt ein wenig, nun, dämpft. Denn auch der extrovertierteste unter uns entwickelt durch regelmäßige Warteeinheiten eine Wertschätzung für Stille und eine überschaubare Anzahl an Menschen in direkter Nähe. Ich weiß es gibt doch auch positive Varianten von zwischenmenschlicher Interaktion, wie das Feierabendbier oder AfterWorkIrgendwas, aber auch der Enthusiasmus dafür kann gegebenenfalls leiden. Nur kann ich dazu nicht mehr Auskunft geben, denn als introvertierter Nerd aus Leidenschaft hielt sich meine Neugier dahingehend immer in Grenzen.

Stattdessen multipliziert die Warterei ein Verlangen nach dem *Zuhause*, nach dem Ankommen. So, wie die Zeit, die man wie auch immer, zwischen Büro und Heimat überbrückt, zum wenig angenehmen Ritual wird, entwickelt man geradezu ein Zeremoniell des Heimkommens. Der Kontrast zwischen dem Dorf und dem mittleren Ring ist schön, man lernt auch die Mofas der katholischen Landjugend im Vergleich zu U-Bahn-Rowdies mit Side Cut zu schätzen. Plötzlich schmeckt der selbst eingeschenkte Wein besser als der in einer Bar, weil man gleichzeitig Wollsocken tragen kann – und das sage ich als Fan von Cocktail Bars und Klaviergeklimper. Und gerade weil die Läden bereits alle geschlossen sind – zur Erinnerung: es geht um Bayern und seine Provinz – wird man zu einem Innehalten bei der eigenen Geschäftigkeit gezwungen. Was manchmal in Form einen leeren Kühlschranks nervt, aber auch hilft, weil niemand etwas gegen unproduktives Rumlungern ohne schlechtes Gewissen sagen kann. Noch so ein Punkt: Wo es einen letzten Zug zu erwischen gibt, erhalten alle Unternehmungen einen Horizont, wodurch ihr Wert steigt. Riskiere ich die letztmögliche S-Bahn zum Bahnhof? Ist es mir das wert? Statt einer Aneinanderreihung von belanglos gesprächigen Momenten werden die verbrachten Feierabendfreuden in der Stadt isoliert und destilliert, bis sie eine Erinnerung sind. Während die regelmäßigen Wartepausen und Fahrzeiten annähernd ereignis-, aber nicht immer erkenntnislos ineinander fließen, stechen bewußt außerhalb dieses Rituals verbrachte Momente heraus.

Ja, man versäumt auch. Diverses. Gerade, wer noch keine Familie sein eigen nennen kann, erlebt eine Art halbtransparenten Vorhang zwischen sich und den coolen Citykids. Sie kennen längst alle Bars, haben Karten für das Konzert am Abend und lassen sich im Zweifelsfall das Essen liefern. Die Münchner Sorte stürzt sich dann am Wochenende ins Umland und belagert Seen, Berge und Wanderwege eben jener Provinz, in die der Zug hoffentlich in der Nacht noch rattert. Sie unterbrechen Ihre Routine auch. Nur ohne warten.

Warum auch? Das Paradox ist ja: Warten nervt. Es schult keineswegs die Geduld und raubst einem kostbare Lebenszeit. Aber wenn ich von heute auf morgen nicht mehr warten müsste woher nähme ich die Zeit für das Nachdenken?


25 Lesermeinungen

  1. Warten auf den Kommentarblog...
    … und bis die FAZ-Softwar wieder normal funktioniert.

    • ich will Isabella nicht zumuten, auf zwei Blogs ohne Zugangsberechtzogung gleichzeitig nach dem Rechten sehen zu müssen.

  2. Ein Stein mir jetzt vom Herzen fällt
    Da dachte ich, die Fünf-nach-halb-Neun-Damen hätten Don Alphonso aus seinem Rokoko-Palais entführt – gefoltert und gemartert. Die Zeit erschien so endlos mir.
    .
    Ich schäme dafür, letztens blöde Sachen gesagt zu haben. Das war falsch. Ich bin in eine blöde Kuh. Eine doofe, blöde Mitschwimmerin ist diese beknackte kinky So!
    Habe mittlerweile zarte Bande darthin geknüpft. Die sind sehr nett!
    Es tut mir leid!

  3. soziale Distanz
    ich möchte Frau Donnerhall zuerst für Ihren Eintrag zum Netzfeminismus danken – folgt dem Link im Namen.
    Anmerken möchte: mei host es schee, Frau Hilger. Sie müssen die Leute nur hören, nicht riechen. Zwischen München und dem Chiemsee sind scheinbar nicht allzu unangenehme Mitreisende unterwegs.

    • Zwischen Dönner und Augustiner
      …gibt es natürlich auch die komplette Geruchs-Palette. Auch, wenn die unangenehmen Momente als Ausnahmen auffallen. Schließlich hat jeder Mittelklassebahnhof mittlerweile eine angeschlossene Fast Food – Beschaffungsstelle. Aber der Hang zur Ungewaschenheit begegnet mir tatsächlich mehr in der Stadt ;-)

    • Essen im Abteil?
      Das ist auch ein besonders unangehmer Teil der Bahnreise. Danach riechen die Reste aus dem Abfall.
      Etwas OT, da Sie über das Verweilen und Warten geschrieben haben.
      Für die Nase gibt es noch keine Kopfhörer. Ob der Don zwischen den Silberkannen mal klassische Riechäpfel auftreiben kann?

  4. Eine
    Melancholie, die sich nicht gehen lässt, jedoch den Rhythmus der Sprache bestimmt, das Warten beschreibt und vieles andere, das nicht aufgeschrieben ist. Der Text hat mir außerordentlich gut gefallen und ich möchte mehr von der Autorin lesen.

  5. Stille Vergnügungen abroad
    Ich bin auch ein Pendler. Zwar mit Bus statt Bahn und in kürzerer Entfernung, aber dennoch. Gottseidank muß ich wenig warten. Ich schätze dafür umso mehr, daß man im Bus lesen kann und seine Zeit nicht unproduktiv beim Glotzen über das Lenkrad verschwendet. Freilich kann man auch im Bus schöne Studien zur menschlichen Natur treiben. Ich neige eher nicht zur Häme. Aber wenn es dann und wann einen BMW-Fahrer-Typen zu uns verschlägt, finde ich es erheiternd. Falsche Tür nehmen, Kleingeld suchen, Wechselgeld fallen lassen, mit der Aktentasche harmlose Passagiere rammen und dann mit hochrotem Kopf auf den Sitz sinken. Tja, in diesem Biotop sind wir dir über, Herr Wichtig. Das lehrt dir ein wenig Demut, wenn es auch nicht lange anhalten wird.

  6. Gehen
    „Dieses Warten in Zeichen des überforderten Personennahverkehrs am hinteren Rande der Provinz. Da, wo es egal ist.“

    Es ist immer egal, auch außerhalb der Provinz. Der öffentliche Personenverkehr ist eine eigene Welt, die mit Logik nicht vollkommen zu erfassen ist. Deswegen heißt es ja auch: nicht ärgern, nur wundern.

    Ich habe mich stets im Einzugsgebiet eines S-Bahn Netzes befunden und da ich, wie jeder andere auch, das Warten nicht leiden kann, hatte ich irgendwann beschlossen mit beidem aufzuhören, mit dem Warten und dem Leiden. Laut Auskunft hatte der nächste Zug 10 Minuten Verspätung. Oder war es der vorige, der ausfiel und bei dem sich die Wartezeit nun auf 30 Minuten aufsummierte … ? Noch unzuverlässiger als die Züge sind die Durchsagen, die einen oftmals in die Irre führen. Man könnte meinen, im Zeitalter von Navis und GPS, Big Data, Überwachungskameras usw. ließe sich das Monitoring der eigenen Flotte bewerkstelligen und brauchbare Prognosen abgeben, aber zu den physichen Unwägbarkeiten des Materials und des Netzes, die man gleichmütig, wie das Schicksal annimmt, kommt auch noch ein Schuss Unfähigkeit hinzu. Wie gesagt, es ist ihnen egal, ganz gleich wo in Deutschland, der Frust der Leute hat keinen Einfluss auf die Preise, die vollkommen autonom vom Kunden immer nur einen Weg kennen, nämlich den nach oben und vor allem: nicht ärgern.

    Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Tag, an dem ich beschloss zu gehen. Zunächst nur bis zur nächsten Station, aber es gab ja auch noch andere Tage. Irgendwann gab es kein Halten mehr. 2 Stunden bis zum nächsten großen Knotenpunkt oder auch mal 3 Stunden bis irgendwohin. Warum nicht? War ich denn verabredet? Das ganze Verkehrssystem konnte zusammenbrechen, der öffentliche Nahverkehr sowieso, die Autos sich gegenseitig die Straßen verstopfen, der Verkehrsinfarkt eintreten, dessen Lösung einst die Bahn sein sollte. Es verliert alles seine Bedeutung, solange man zwei Beine hat und gesund ist. Manche nehmen ihr Faltrad mit. Auch gut. Wissen Sie wie das ist, wenn man an einer völlig verstopften Station steht, wo sich die Leute in einen überfüllten Zug hineindrängen, und dann lachend in die Freiheit hinausläuft?

    Dank GPS kann man auch in der Dunkelheit gehen, vorausgesetzt man überwindet Urängste vor ihr, die Kindern von Monstern erzählt, Erwachsenen von Räubern und Straßenschlägern und Frauen zusätzlich noch von Vergewaltigern, deren Dunkelziffer im Unermesslichen liegt. Bei mir ist diese Angst weitgehend atrophiert; dort wo einst Wildniss war, ist nun elektrifizierte Zivilisation und mitunter vermisse ich die Dunkelheit in ihr.

    • Titel eingeben
      Das mit dem Gehen passt meiner Ansicht nach nur für recht kurze Entfernungen. Ich will nicht jeden Tag 3h lang zum Büro gehen – eine Strecke.

      Aber mein Konzept ist ähnlich: für die ca. 10km quer durch die Stadt brauche ich mit U-Bahn/U-Bahn, U-Bahn/S-Bahn, Auto oder Fahrrad immer ziemlich genau gleich lang. Stau, Umsteigezeiten, Verspätungen, Laufzeit von den Stationen. Züge fahren nach Belieben, morgens kommt man oft gar nicht mehr rein, und vom Fahrstil der autofahrer her ist München offensichtlich voller Holländer, Italiener, Russen, Hanauer, Offenbacher und Forchheimer. Also fahre ich Rad, wann immer das Wetter es zulässt. Daher dauert es am Morgen vielleicht 5Min länger, weil man ja nicht völlig derange ankommen will.

      Es ist auch gesünder, weil man sich viel weniger dem jeweils aktuellen Potpourri von Bazillen und Viren aussetzt. Dank einem Schaden fahre ich zur Zeit Bahn. Was mehrere Heimfahrten mit nassen Haaren bei eisigem Wind nicht vermochten, dort bedurfte es nur zwei Tage und ich bekam die schlimmste und doch meist unterschätzteste aller Krankheiten, die Männererkältung.

    • Opportunismus
      Ich bin einmal die ganze Strecke nach Hause gegangen, was ca. 5 1/2 Stunden gedauert hat. Insofern empfehle ich eine opportunistische Herangehensweise, sofern dies möglich ist. Bei 60 Kilometern würde ich freilich auch kapitulieren, aber ich habe meine Prioritäten auch anders gesetzt. Ich wohne in der Stadt und fahre von dort aus in die Industriegebiete, die ein wenig außerhalb liegen. Diese haben dann ein schönes „Outback“.

      „Es ist auch gesünder, weil man sich viel weniger dem jeweils aktuellen Potpourri von Bazillen und Viren aussetzt.“

      Kann sein, aber nach meiner Erfahrung gibt es da keine Korrelation. Wenn ich, wie gerade jetzt, wieder erkältet bin, so liegt das an einer vorübergehenden Schwäche meines Immunsystems, das zuletzt, im Herbst, recht robust war, als die Leute um mich herum alle in ihre Taschentücher rotzten oder durch die Gegend husteten und prusteten. Bis vor 3 Wochen bin ich wie ein Naturbursche herumgelaufen. Ich bilde mir zwar ein, dass ich meinen Körper gut kenne, aber dies wohl auch nicht immer der Fall. Als ich mich vergangenen Sonntag im Spiegel betrachtete, fiel mir auf, wie blass ich war und wie schlecht ich aussah. Das hätte ich nicht unterschätzen sollen.

  7. Nachdenken gegen Schöne Neue Welt
    Was den oft beklagenswerten technischen Ablauf angeht, wundere ich mich auch immer – nicht unbedingt darüber, daß die Fahrpläne mal wieder nur als Anhaltspunkte dienen, sondern eher darüber, daß es bis heute so viele naive Technikgläubige gibt, die meinen, das wäre mit ein klein wenig mehr Aufwand leicht zu ändern.
    Die auch an die Heilsversprechungen der Autoindustrie glauben, wirklich automatisch fahrende Autos (Gräzisten: Achtung, Tautologie!) wären schon bald verfügbar und wir hätten dann so etwas wie einen individuellen PNV. Wo man dann das Lesen und das Musikhören in Überlautstärke im eigenen Auto machen könnte, ohne die Musik des Sitznachbarn mithören zu müssen. Statt ärgerlich auf die verspätete Bahn zu warten, selig im Nirvana des Internets surfen zu können – so daß man auch bei der Warterei im Stau nicht Denken muß.
    Selbst wenn man die ja schon überall zu beobachtende Bestrebung hin zu Seh- und Hörverhinderten so weiterführen möchte, daß sie sich auch im Auto um nichts Externes mehr kümmern müssen (außer dem virtuellen, natürlich) – es wird nicht funktionieren. Auch die Bahn braucht Lokführer, obwohl die Strecken starr sind, die Überwachung und die Signalisierung lückenlos, die Schnittstellen mit der übrigen Welt durch Schranken gesichert.
    Und selbst wenn es doch ginge – ganz ohne Impulse von außen klappt auch das Nachdenken nicht mehr (die Kommunikation sowieso nicht, aber das ist ja selbsterklärend).

  8. Isabella,
    was Sie über den Netzfeminismus schreiben, fand ich auch gut. Auch wenn ich da nicht sehr bewandert bin, kann ich mir gut vorstellen, was da so vor sich geht. Die Schaulaufen und die Kür der größten Femistininnen aller Zeiten, denke ich. Denn es kann nur eine geben.
    Wohltuend anders sind Sie. Nur das mit dem Fußball hat viel kaputtgemacht, Freundin im Herzen, schönes Wesen auf den grauen Feldern des Novembers.

    • Wenige trauen sich was zu sagen
      Ein gutes Zeichen. Nur die tollpatschige kinky So kann Ihren Mund wieder nicht halten.
      Sehen Sie sich die Views nach e i n e m Tag an. Gut!
      Vielleicht sehen wir bald ein neues, zusätzliches Bild, das den nimmersatten Lebemann flankiert. Zwei richtig gute Frauen wären das dann. Katrin Rönecke und Isabella Hilger. Stützen der Gesellschaft. Lässig wäre das. – Ich rede zu viel.

      (Lässig wäre das.)

  9. Titel eingeben
    „Und gerade weil die Läden bereits alle geschlossen sind –…“ hier erkennt man in der Tat den bayrischen Bahnfahrer, der – wirtschaftshistorsich bedingt – noch im Zentrum des Kaffs abgeladen wird. Die Läden dort sind natürlich jenseits der blauen Stunde schon geschlossen sofern es sie überhaupt noch gibt. Offen wären ja die Kreiselgeschäfte, die an den Zubringern zu den Pendlerschleudern installiert wurden ( lidl,kik,pecco, aldi ), meist bis 20 Uhr. Und das wird auch immer prekärer: meist ist dort ab 19 Uhr nur noch eine Person beschäftigt, die zunehmend und aus gutem Grund Angst vor Überfällen haben müssen, wie mir mal ein EDEKA-Aussendienstler erzählte.

  10. "Pendeln ist die schönste Zeit des Tages",
    sagte ein Pendler auf dem Heimweg zu mir und öffnete eine Dose Bier. „Nicht mehr auf Arbeit und noch nicht zu Hause.“

    ;-)

  11. Patina
    Omas alte Möbel mit der Patina machen das eigene Leben nicht unbedingt authentischer als gekaufte Möbel mit Patinafiktion das können. Die Patina der Wartebank schafft das sicher noch besser als geliehene Patina (Oma) oder gekaufte. Aber die will niemand.
    .
    Anders formuliert: Patina wird erst interessant und egostärkend, wenn man sie nicht ersitzen muss, sondern als Deko bekommt (und seis von Oma).

  12. Sehr schöner Beitrag!
    Ich habe das Pendeln per Straßen- und Regionalbahn nur zwei Jahre lang praktiziert, und in sonderlich angenehmer Erinnerung ist mir diese Fortbewegungsart nicht geblieben. Man arrangiert sich halt irgendwie damit und versucht, sich nicht allzu mies draufbringen zu lassen. Aber ein Erlebnis sticht doch positiv heraus: die Erstbegegnung mit meiner Frau.
    https://mark793.blogger.de/stories/457714/
    Wobei die Moral der Geschichte kein Plädoyer für den ÖPNV ist, denn selbst wenn ich an jenem Tag mit dem Auto oder Fahrrad ins Büro gefahren wäre, wären wir uns ein paar Tage später bei der Arbeit ohnehin begegnet.

    • Über erotische Begegnungen in Bussen
      Die Vereinfachung erotischer Begegnungen in öffentlichen Verkehrsmitteln wurde in der Tat auch schon von den Fahrzeugausstattern erkannt. Ich bin neulich in einen Bus eingestiegen und wunderte mich, dass der Platz, den ich besetzte, gerade für meine eigenen Beine ausreichte, während noch eine mir gegenüberliegende Sitzreihe exitierte. Ich bin 1.78m groß, liege also ziemlich genau im männlichen Durchschnitt, weswegen mir es auffiel. Ebenso war der Zweisitzer eher ein 1 1/2 Sitzer, was einem schlanken Menschen auch rasch auffällt. Es geht also um zwischenmenschliche Begegnungen beiderlei Geschlechts, von jung und alt, hübsch und hässlich, ein wahres humanistisches coming together auf engstem Raume. Großzügigen Platz geschaffen hatte man dagegen für eine große und sichtbar leere Gepäckablage – in einem Bus, der eine Rundtour durch ein Industriegebiet gemacht. Ich überlegte für einen Moment, wie es wohl wäre sich dort hineinzulegen und auszustrecken, aber dafür bin ich dann doch nicht mehr Kind genug.

      Wie gesagt, ich kultiviere meine Low Tech / Dark Age Mobilität und komme so immer seltener in den Genuss neuerer Viehtransporte Personenbeförderung. Ich verpasse immer ein wenig, aber damit habe ich mich bereits abgefunden.

  13. Wunderschön, Danke!
    Wunderschön, danke!

    Ein wenig nostalgisch mutet mich die Schilderung schon an…. Fast möchte man sich mal wieder in die U 6 wünschen, um den Nachwuchs mit Sidecut zu bestaunen. Ich kann mir zwar vorstellen was das ist, aber preise mich glücklich es nicht wirklich zu wissen….
    Wenn ich von hier aus, einem Suburb, in die City will, so dauert es 90 Minuten mit der S-Bahn für die knapp 100km. Kein Fenster, kein Sitz und auch der Boden, sind weder verschmier noch verkratzt, noch schmutzig. Obwohl es keinen einzigen Papierkorb gibt, liegt nirgends auch nur ein Fetzelchen herum. Kein Geschrei, kein Lärm, keine Bierflaschen die geleert werden… Keine Jugendlichen, keine Berufsjugendlichen die ebenfalls meinen die Bahn als Bühne fürs sich-produzieren benutzen zu müssen. Nirgends und niemals! Kein „Smart“phone. Keine Wartezeiten, denn man kann sich darauf verlassen, dass die Bahn auf die Minute pünktlich, und immer alle 10 Minuten. Bei mehr als 90 Sekunden Verspätung kann man den Zugführer bei jedem Halt auf den Bahnsteig treten, sehen und sich übers Mikrofon bei den Fahrgästen entschuldigen… In den letzten sechs Jahren ist mir das einmal passiert.

    Die ist weder ein Wunschtraum, noch ein Märchen… es ist Tokyo… ein nahezu stressfreies Leben, auch wenn man in DE ein ganz anderes Bild von der Stadt hat.

    Ein kleiner Tip für Sie der gegen viele der Widrigkeiten hilft:
    MP3 Player mit Hörbüchern. Man diese in den Münchner Stadtbibliotheken ausleihen mit dem Computer in Sekunden überspielen…

  14. viel Zeit -wenig Z.; was man so mitbekommt.
    Ich versuche ein wenig das Wesen der obigen Beschreibung zu kapieren.
    Pendeln ist ja an sich nichts ungewöhnliches, bis auf die ungeheure Zeitmenge die dabei verloren geht, im Vergleich zu dem wenigen, was zu Hause dann noch übrig bleibt.
    Kürzlich fuhr ich mit dem Zug aus Bologna kommend, via München nach Hessen/wi.
    Mit dabei , nasse, gebrauchte Radkleidung und das Rad selbst.
    So ab Brenner hatte ich zunehmend das Gefühl- der Zug wurde voller- dass Pendler zusteigen.
    Einige kannten sich, holten Laptops raus , erledigten Referate, spielten am Vierertisch Skat o. die Mädels zückten das smartphone zum Musikhören.
    Ich filmte die schönen Streckenabschnitte und unterhielt mich mit dem einen o. anderen über´s Wetter und die Preise.
    Für mich war die nordöstliche Route neu, ebenso das Zugfahren, weil nur Wetterbedingt. Alles war hochinteressant und ich entdeckte den Rosengarten , die neue Olympiaschanze, Office/Businessdressing der Zugestiegenen-alles so nebenbei.
    Und-ich sparte mit der einen Zugfahrt, weil schnell und günstig, 7 Reisetage, sowie körperliche Strapazen usw..
    Dreifach Grenzüberschreitend. It. öSt. de.
    Weiterhin sollte es ab MÜnchen noch möglich werden, mit dem zuvor eingewickelten Rad die letzten 4 Stunden im ice zu fahren, was eigentlich verboten ist.
    Mein Abteilnachbar(ice) machte sich klein, am Laptop eine Messeteilnahme nachbearbeitend,- das Rad passte nicht unter die Bank- und mit einem weiteren Zugestiegenen: „Ich fahre die Strecke jeden Tag“, kam es zur angenehmen Unterhaltung.
    Diese setzte sich dann später mit zweiten, der die Computerarbeit nun ruhen liess, fort.
    Ich erfuhr , dass er sehr lange im Ausland gearbeitet hatte, jetzt -so nebenbei – eine leitende Tätigkeit im Vertrieb hat und früher nur Rad fuhr, Ausbildung, Studium und so.
    Weiterhin brainstormten und reflektierten wir noch ein wenig über die Entwicklung im it- bereich.
    „Wie alles anfing“.
    First steps.
    Dreissig Jahre, schlüssig und wohlformuliert zusammengefasst, Lebensumwelt, ein bisschen Privates.
    Eine Erzählung kann ein Struktur besitzen und diese hier war positiv und verständlich in der Anmutung.
    Das ganze innerhalb anderthalb Stunden Zugfahrt zwischen Mü und Stu..
    Das soll ihm ´mal jemand nachmachen!
    Wir beide hatten rein äusserlich kaum Gemeinsamkeiten, ausser vielleicht der einen im Lebensalltag.
    Es war mein Jahresurlaub und ´sowas ist knapp bemessen- bei meinem Gegenüber die Fahrt zur Familie daheim zwischen zwei Messeterminen-
    ….eigentlich nur ganz wenig Zeit dort.

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