Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Das schlimmste N-Wort

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Du hast ein schönes Mädchen auf dem Schoß.
Ich lach sie an dann ist die Stimmung groß.
Roberto Blanco, Resi bring Bier

Bei „Neger“ muss ich immer an das Wort „Negerkinder“ denken. Gelernt habe ich das sicher in der Schule, bei Frau G., einer alleinstehenden Dame, die sich damals noch nicht mit hochbegabten Kindereltern herumschlagen musste, sondern eher darauf einzuwirken hatte, dass die Nachkommenschaft in diversen, eher ländlichen Gegenden nicht geschlagen wurde. Die Negerkinder wurden uns vorgehalten, falls einer sich etwa erdreistet hat, sein Pausenbrot wegzuwerfen. Das war damals nicht nur verboten, es wurden auch die Abfalleimer kontrolliert und summarisch Strafen verteilt: Alle mussten sich dann anhören, wie doch die armen Negerkinder hungerten und dass man sich versündige. Der S. war dumm genug, sich beim Wegwerfen erwischen zu lassen, und musste sich dann nicht nur die armen Negerkinder anhören, sondern sein Pausenbrot, das aus dem Müll gefischt wurde, vor der Klasse aufessen.

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Dafür gibt es heute sicher keine modernen Lernmodule an Gesamtsonderschulen in NRW, aber so war das in Bayern, und zum Advent gab es dann für die Negerkinder auch kleine Spardosen aus Pappe, in denen gesammelt werden musste. Das Geld hat der Pfarrer K. dann verwendet, um Blumenschmuck für die Kirche zu kaufen und als das herauskam, nicht lang über die armen, hungrigen Negerkinder gesprochen: Natürlich habe er all die schönen Blumen gekauft. Das Gotteshaus soll schön geschmückt sein, für den Herrn. Ich war damals noch sehr klein und habe das nur am Rande miterlebt, aber das Wissen, dass das Geld in die Blumen geht und nicht zu den Negerkindern, hat damals der Spendenbereitschaft keinen Abbruch getan, eher im Gegenteil.

Es war nicht wirklich eine gute Zeit, die RAF mordete und der Strauss hetzte, es gab Ölkrisen und Kriege im Nahen Osten, Flugzeuge wurden entführt und in Vietnam wurde gebombt. Aber immerhin habe ich gelernt, dass man Essen nicht wegwerfen darf, und zwar weniger wegen der Negerkinder, sondern weil ich erlebt habe, wie der unglückliche S. nach der Zwangsernährung während seiner weiteren schulischen Laufbahn der „Mülleimeresser“ geheissen wurde. Insgesamt, das muss ich aber zugeben, war es durchaus im Einklang mit einer Epoche, die Kindern Reime wie „Zehn kleine Negerlein“ beibrachte, Negerküsse verschenkte und ab dem vierten Lebensjahr den Schaum vom Bier kosten liess. Meine eigenen Eltern können mich als vorbildlich vegetarisch antialkoholischen Spross bis heute damit erpressen, dass sie ohne mein Einverständnis ein Bild von mir als Schulknaben mit Masskrug gemacht haben, und es herumzeigen könnten.

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Kurz, es waren schreckliche Zeiten mit Kesselfleisch und Aspik und Sülze und Leberkäs, Veganer gab es noch nicht und weil die Autos nicht so schnell waren, fuhr man nach der dritten Mass immer noch langsam und vorsichtig nach Hause. Bier galt ohnehin nicht als Alkohol, und wenn darin ein Schnapps aufgelöst wurde, merkte das niemand, nur zünftig wurde es. Es ist ein Wunder, dass sich das deutsche Volk damals nicht selbst ausgerottet hat, in jener Epoche der energetisch völlig ungedämmten Häuser und ohne zu ahnen, wie unendlich wichtig der Body Mass Index ist. Man lebte scheinbar recht gut mit dem Gefühl, dass es den Negerkindern wirklich schlecht ging. Man hatte den Krieg überlebt, die Wohnungszwangswirtschaft und die Währungsreform. Es wurde besser. Man stritt sich nicht mehr um den letzten Bissen am heimischen Esstisch, man liess sich im Restaurant „Zur Linde“ das restliche Schnitzel in Staniolpapier einpacken.

Die Linde im Schambachtal gibt es immer noch, der Spielplatz ist immer noch da, und die Rebellen jener Epoche, die studierten und K-Gruppen besuchten, verkehren dort und blicken auf die romantische Juralandschaft, die einem Biedermeiergemälde entsprungen sein könnte. Der zugehörige Landkreis hat jene Vollbeschäftigung, die man in den 70er Jahren gern wieder erreicht hätte, das Benzin ist gefühlt fast so billig wie vor der Ölkrise, die Petersilie auf den Knödeln ist frisch und das Fleisch kommt nicht mehr nur vom nächsten Bauern, sondern ökologisch und nachhaltig aus der Region. Manches war schlimm, aber eine Gaudi war es trotzdem, zu fünft sturzbesoffen im VW Käfer, damals. Heute macht man natürlich vieles nicht mehr, man wurde klüger, aber so klug, dass man nach Berliner Sitte die Kinder zu Dinkelkeksen ohne Zucker verdammt, die sie dann wegwerfen, sobald die Eltern wegschauen – so klug muss es dann doch nicht sein. Es war eine schlimme Zeit, in gewisser Hinsicht, aber man fühlte sich wohl, in dieser Nation.

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Da ist es, das historisch wirklich schlimme Wort, viel schlimmer als Neger: Nation. Es hat sich seitdem viel geändert. Wer bei den K-Gruppen der frühen 70er Jahre Nation sagte, der meinte die Nazis, und an die erinnerte man sich zu gut, die Strassen waren noch voll damit. Wer heute Nation sagt, erreicht nicht mehr viele, die damals in der Wehrmacht waren. Aber sehr viele, die noch wissen, wie es vor der europäischen Einigung war: Gar nicht so schlecht. Und es ist nicht so leicht, gegen dieses über Jahrzehnte aufgebaute Gefühl anzugehen. Es wird durchaus versucht, indem man die Ausgegrenzten und Marginalisierten vorführt, indem man über die Defizite spricht und eine neue, schönere und gerechtere Zukunft verspricht. Man tut das im Rahmen der Prantlhausener Flüchtlingskampagne recht oft, man wendet sich an ein angebliches Gewissen, das andere haben sollen und verlangt die Bereitschaft zu Veränderung. Es ist nur so, dass die grosse Mehrheit der Bevölkerung durchaus gute Erfahrungen mit der nicht laut auftretenden Nation gemacht hat. Jetzt soll Deutschland dagegen wieder führen und den Rest Europas zur globalen Flüchtlingsoffenheit erziehen, weil wir angeblich die Bürgerkriege mit angezettelt haben sollen. Verantwortung vor der Welt wird eingefordert, die man übernehmen soll. Das muss, so hat man es in der alten Nation erlebt, allerdings nicht sein. Man kann ja auch wieder zu einer Nation werden und diesmal wirklich das Geld aus Pappspardosen nach Afrika schicken.

Das Problem der Veränderungswünsche ist der Umstand, dass diese Nation trotz aller Schattenseiten bis heute ziemlich gut läuft und funktioniert. Die Zukunft, das zusammenwachsende Europa, die Weltgemeinschaft, die globale Perspektive, die momentan eingefordert wird – das alles interessiert niemanden, der in der Türkei ein Schlauchboot in Richtung dieser Nation besteigt, es kümmert nicht die bosnische Lehrerin, die hier putzen geht und gern einheiraten würde: Diese Leute haben fraglos eine enorm nationalistische Einstellung gegenüber Deutschland. Hilflos oder putzig wirken dagegen die Versuche, mit Empörungswellen Hinterwäldler zu markieren, die nicht reif für das Neue sind: Es mag sogar stimmen, aber das Alte war nachweislich angenehm, überschaubar und funktionierte prima. Ich wohne in der Altstadt und sehe, was alles auf die Gehwege geworfen wird, obwohl der Abfalleimer daneben steht. So schlecht, so dumm, so ganz falsch war auch die Sache mit dem Mülleimeressen nicht. Das, was uns heute aufrütteln soll, damit wir nicht mehr N-Wörter sagen, sondern die veränderte Welt freudig empfangen, muss erst noch beweisen, dass es ein wünschens- und lebenswerter Ersatz ist, auf den man sich einigen kann. Und meine Einschätzung bei aller Kritik an der schlechten, alten Zeit ist, dass man sich da in den Berliner Redaktionen ein wenig verschätzt: Die Vergangenheit der Nation wird angesichts der real existierenden, postn-wortalen Zukunft mit jedem Tag noch etwas schöner.

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Deutschland ist da – naturgemäss – ein Nachzügler, hier sitzen noch all die überzeugten Europäer, während in anderen Ländern auch linkspopulistische Bewegungen zeigen, dass nationales Bewusstsein und soziale Ideen kein Gegensatz sein müssen, und mit dem Beton der Identität auch prima halten. In Deutschland dagegen kommen bei den N-Wörtern immer der Aufschrei. Dabei sind die Menschen nicht dumm und lernresistent – es dauert nur etwas. Von den jagenden Grossvätern und sicherheitsgurtverweigernden Grossmüttern zu den veganen SUV-Eltern haben wir es dennoch geschafft. Wäre die postn-wortale Vision, die im Moment als freudig zu begrüssende Zwangsherausforderung mit Herrmannhexenverbrennung postuliert wird, so gut geplant und mit Airbags wie ein Cayenne versehen, und ähnlich motorisiert, würden vermutlich mehr Menschen einsteigen.

Bislang jedoch existiert das alles nur auf dem ideologischen Reissbrett grosser Medien, während die Fundamente in der EU schon etwas länger Risse zeigen. Man wendet sich an Leute, die gern eine Gaststätte besuchen, weil der Opa da auch schon war, die pünktlich ihre Versicherung bezahlen und gern heute wissen, was in einem Jahr sein wird – etwas, das die Nation früher durchaus bieten konnte, in ihrem kleinen, solidarischen Rahmen. Unwägbarkeiten hat diese Nation abgefangen und gemindert, so wie die Pappschachteln die zu geringen Blumenspenden für die Kirche des Pfarrers K.. Es war vielleicht nicht sehr moralisch, aber man wusste, woran man war. Heute liest man, man wäre schuld, wenn jemand ein Kind ohne Schwimmweste in ein überfülltes Boot von türkischen Schleusern mitnimmt. Man ist dran. So dran, wie man früher nicht dran war. Dieser Gegensatz zur alten Nation ist nicht schön, und eine Erhöhung der Lautstärke bringt da meines Erachtens so viel wie jede andere – nun, früher hätte man gesagt, Mohrenwäsche, also sagen wir M-Wortwäsche:

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Das Geschrei ändert nichts an den inneren Einstellungen der Menschen, die wissen, welches Leben ihnen passt. Man kann sie heute anschwärzen maximalpigmentieren, aber morgen braucht man sie wieder, wenn die Vision von ihnen mit Geld, Solidarität und Rücksichten bezahlt werden muss.