Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Ein gelber Drache, silberne Teekannen und ein abgerissenes Bein

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Alles muss man dir erklären, weil du wirklich gar nichts weißt.
Die Ärzte

Andere werden hier zu Aktivisten. Ich halte nur drauf.

Die Absperrgitter am Münchner Hauptbahnhof haben nur eine Funktion: Die Wege offen zu halten. Niemand müsste sie respektieren, Menschen umarmen und unterhalten sich darüber hinweg, Kinder werden auch schon mal drüber gereicht, und es ist so viel los, dass es kaum auffallen würde, wenn sich hier jemand abseilt.

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Es tut aber keiner. Freunde stehen auf der anderen Seite, man begrüßt sich, man küsst sich, man redet und verabschiedet sich wieder. Hinten kommt man öfters wieder zusammen, wenn die Freunde und Verwandten selbst genug Platz haben, die Flüchtlinge aufzunehmen. An diesen Privatunterkünften gibt es ein grosses Interesse, denn auch Flüchtlinge wissen sehr wohl, was sie in Deutschland erwartet: Ein ausgesprochen reicher Südwesten und ein wenig erbaulicher Osten, Jubel in München und Obdachlosigkeit in Berlin. Einen Bekannten, einen Freund hier in Bayern zu haben, ist das grosse Los. Eines der grossen Lose steht am Sonntag neben mir, Mitte 20, Studentin, wie aus der Vogue entsprungen, mit einer nicht zur Fendi-Handtasche passender Tüte Chips für eine Schar gerade ankommender junger Männer, die nicht die geringste Lust haben, in Damaskus fürs syrische Vaterland zu sterben. Sie holt sie nachher zusammen mit ihrer Familie raus, verteilt sie, und ich habe keinen Zweifel, dass die Sache gut laufen wird. Ich lächle sie an, finde ihre Brille sehr schick und mache derweilen noch ein Photo von dem Mann mit dem abgesprengten Unterschenkel im Rollstuhl, dessen Beinstumpf aus der Hose ragt, den vielleicht keiner vor den Minen an der Grenze warnte und den hier niemand erwartet, und fahre danach heim an den Tegernsee. Dort, mit Blick auf umwölkte Berge, sortiere ich die Bilder.

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Ich schenke noch einen Tee aus der Silberkanne ein, als ich die fragenden Augen der jungen Mutter bearbeite. Draussen ist es kalt, aber die Heizung läuft und die Nacht ist stürmisch. Ich mag es, wenn der See so wildromantisch ist und nur ein kleiner Fleck beleuchtet ist, während sich die Wohnung mit ihrem Parkett, Stuck, den Kronleuchtern und Perserteppichen in der Dunkelheit verliert. Da sitze ich also und finde dieses Bild, genau an der Grenze zwischen der Hölle auf Erden und dem Beginn eines Lebens. So muss es aussehen und so sah es auch aus. Ich war dabei. Ich war Zeuge.

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Ich habe dieser jungen Familie nicht angeboten, bei mir zu wohnen. Das war nicht nötig, denn der Mann, der sie abgeholt hat, hatte genug Platz. Ich habe auch der syrischen Studentin nicht angeboten, ein paar weitere Jungs bei mir unterzubringen, wenn noch welche kommen. Den Mann mit dem fehlenden Unterschenkel habe ich photographiert und seine Begleiter nicht aufgefordert, zu mir zu kommen. Sie werden irgendwo ankommen, wo jeder vier Quadratmeter, eine frische Matratze und ein Feldbett hat. Es macht gerade den Anschein, als würden die Nächsten diese Annehmlichkeiten nicht mehr erhalten, denn man sammelt auch gebrauchte Schlafsäcke und Isomatten.

Es ist nicht so, dass ich das nicht weiss, wenn ich feuchte Mütteraugen bearbeite, und ich weiss es auch, wenn ich abdrücke. Ich war in den Lagern. Ich weiss, was die Menschen dort erwartet. Es ist das, was angesichts der Stimmung in der Bevölkerung, des politischen Willens, des Raumangebots und des Bildes der Migration möglich ist. Die Italiener haben die Grenze gerade dicht gemacht, deshalb sind in München die Augen der syrischen Mütter. Würden hier Tausende von Eritreern und Somaliern ankommen, wäre es möglicherweise anders.

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Mich geht nur das an, was Thema ist. Nigerianer, die im Moment von Polizisten drüben in Tirol, 40 Kilometer südlich von hier, nach Italien zurückgebracht werden, sind hier nicht das Thema. Mein Thema ist München, 40 Kilometer im Norden, und dass die Heizung geht, dass ich bei Francesco noch eine Pizza bekam und niemand am Bahnhof einen Kratzer in den Roadster gemacht hat. So ist das als Reporter. Man ist hautnah dabei, wenn es sein muss, aber meistens wartet man, dass etwas passiert. Krieg, Erdbeben, Ausschreitungen, Flüchtlinge: Das alles ist für den Reporter schnell wieder vorbei. Ich habe vor zwei Jahren in der einzigen funktionierenden Bar in Concordia sulla Secchia einen Tee getrunken, mit Blick auf eine ansonsten vollkommen unbewohnbare Stadt. Manche glauben vielleicht nicht, dass es geht, vor einem Trümmerfeld zu sitzen und einen Tee zu geniessen. Man müste doch etwas tun. Oder wenigstens deprimiert sein. Sie haben keine Ahnung. Die Wahrheit ist: Anders geht es nicht.

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Das ist ein italienisches Ehepaar in einem Lager bei Reggio Emilia. Ich habe tausende Bilder aus der Erdbebenregion, manchmal war mein Finger auf dem Auslöser, als in der Zona Rossa mal wieder die Erde wankte. Ich bin aus zerfallenen Kirchen gerannt und habe gesehen, wie Bulldozer Lebensträume wegräumten, die weinenden Bewohner daneben – aber dieses Bild des Ehepaars ist in meinem Kopf geblieben. Es gibt dazu eine Geschichte, die damals auch keiner hören wollte, eine Geschichte über Armut in Italien, die nichts mit dem Erdbeben zu tun hat: Die Lage vieler italienischen Rentner ist schon vor dem Erdbeben nicht gut gewesen. Als das Terremoto kam, steckte Italien schon in der Wirtschaftskrise, und wir, die Deutschen, Sie, ich, unsere Regierung, haben eine brutale Sparpolitik erzwungen, die am unteren Ende besonders schlimm war. So schlimm, dass die Menschen aus dem System gefallen sind. So schlimm, dass sich die armen Rentner des Landes überlegen mussten, ob sie nun etwas zum Essen kaufen oder vielleicht doch Versicherungen weiter bezahlen.

Und dann kam eben das Erdbeben, und hat das Haus unbewohnbar gemacht. Reserven gibt es keine. Versicherung auch nicht. Kinder hatten sie nicht. Und so blieben sie im Lager, aus dem die anderen Italiener schnell verschwanden, weil ihre Familien zusammenrückten und sie holten. Das sind die letzten Italiener in einem Lager voll mit obdachlosen Pakistanis, die auch niemanden hatten. Sie sind weit über achtzig und der Mann ist behindert. Es ist heiß. Sie haben alles verloren. Ihr Leben ist vorbei. Sie sehen das Bild, ich sah die Menschen. Das ist der Unterschied. Sie können weiterscrollen und wie ein Politiker des grünen Mitleids nebenher fragen, was man da machen muss. Die Frage ist moralisch einwandfrei.

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Die Antwort ist: Nichts. Das Lager wurde von meinen Freunden betrieben. Sie haben getan, was man halt so tun kann: Prioritäten gesetzt. Und das bedeutet eben, dass eine alte Frau nach all dem Elend ihren behinderten Mann selbst schieben muss und niemand schnell loszieht, um einen Hut zu kaufen. Es gibt keine Hüte in diesem Ort, das Zentrum ist komplett gesperrt, alles ist einsturzgefährdet. Es gibt nur Zelte auf einem heissen Fussballplatz.

Man macht das Bild, fährt heim in das weitgehend verschonte Mantua, sortiert die Bilder in der eigenen Wohnung, und hat eine unfassbar grosse Lebenslust. Die Lebenslust, die Entwicklungshelfer im Kongo in den Bars der Botschaften ausleben, die die Reporter an den Pools von Tel Aviv empfinden, wenn sie raus aus dem Gaza sind. Man macht solche Aufgaben nicht, wenn man das nicht will, man tut nur das, was man kann, und wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Manche haben kein Haus mehr und kein Bein, man selbst hat alles noch. So einfach. Für manche mögen die Szenen am Bahnhof emotional erschütternd sein. Dabei fängt dort für fast alle ein neueres, besseres Dasein an, auf den vier Quadratmetern in einer geräumten Halle in alten Kleidern des reichen Westens, während ich Platz für ein Dutzend Menschen hätte, den Platz selbst bewohne, Tee trinke und Bilder bearbeite, während mich von den Wänden Rokokoprinzessinnen von der Leinwand anschauen. Das ist so in uns drinnen, und in solchen Momenten tritt es offen zu Tage. Das kann hässlich sein, wenn es so nüchtern beschrieben wird, wie es sich anfühlt – aber auch ganz hübsch.

Da, schauen Sie, am nächsten Tag am Bahnhof – das meine ich.

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Dieses Mädchen. Das kommt aus der Hölle. Aus dem Bürgerkrieg, aus dem Lager, aus dem Schlauchboot, über all die Grenzen und durch ein unfreundliches Ungarn. Und dann ist in Österreich ein Aufnahmelager und Spielzeug, und sie denkt nicht über das Trauma nach, über die abgerissenen Beine, über all die Toten und Verbrechen, über die Flucht, den Hunger und Durst, die Hitze und diejenigen, die zurückgelassen und vergessen sind, wie das Ehepaar in Italien.

Sie denkt nur daran, dass sie eine grosse Tüte braucht, um den gelben Drachen und die Teddybären mitzunehmen. Genau so kann man Tee in Concordia trinken und als Flüchtling bei der Kleiderausgabe am Bahnhof nach Schuhen von Nike und Adidas greifen, und weniger schöne Marken liegen lassen. Daher kommt der Geburtenboom in Oberitalien. Es geht weiter, es ist das, was die Menschen die Flucht oder Jahre in Baracken überstehen lässt, und kein Haus wird wieder neu und kein Fuss wächst wieder an, wenn man den gelben Drachen liegen lässt oder den Tee nicht trinkt. Kein Syrer bekommt eine Wohnung, wenn man am Bahnhof Süssigkeiten verschenkt. Der Jubel am Bahnhof macht natürlich mehr Spass, als ein altes Ehepaar in der sengenden Hitze einer unbewohnbaren Stadt stehen zu lassen, oder der Alkoholikerin etwas zu geben, die sich am Aufgang zum Starnberger Flügelbahnhof eine Flasche gönnt, weil sie sich am Kasten einer Boulevardzeitung festhalten kann, von der das grosse Herz der Münchner gefeiert wird. Es macht so lange Spass, bis sie auch Prioritäten werden setzen müssen. Das wird kommen, es wird bitter, und die Bilder werden hässlich sein.

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Deutlich hässlicher als die grossen Ideale von Frau Göring-Eckardt, die zu den Besserverdienern in diesem Land gehört, die im Bundestag und in ihrer grünen Partei für Harz IV geworben hat, und jetzt wegen der Syrer an die Großzügigkeit der Deutschen appelliert. Und vielleicht hofft, dass eine Welle der Solidarität und der privaten Unterkünfte ihrer Partei eine Weile die Verblendung belässt, wir könnten alle locker aufnehmen. Egal ob jemand denkt, Frau Göring-Eckardt wäre mit ihrer Vita die richtige Person für diese moralische Anspruchshaltung, egal ob ich das mache oder nicht: Wir müssen Prioritäten setzen, und wir werden dabei hässliche Entscheidungen treffen. Aber wenigstens bekommen die abgelegten gelbe Drachen viel Liebe, Tee ist genug da, und wir behalten dabei unsere Unterschenkel. Das ist mehr wert als die wohlfeile politische Moral, die man uns jetzt noch freundlich in der Euphorie anbietet, bevor dann die Wohnungszwangswirtschaft kommt, im kalten, deutschen Winter.