Pop-Anthologie

07. Dez. 2019
von Gisela Trahms
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Linkin Park: „Numb“

Dieser Song erzählt eine Geschichte, die jeder kennt: von Erwartungen, die man nicht erfüllen kann oder will. Es ist ein Gezänk, das die Zankenden zermürbt – und viel Anklang in der ganzen Welt gefunden hat.

***

Chester Bennington (1976-2017), Sänger der Rockband Linkin Park

Jeder kann ein Lied davon singen, und dies ist eines über jene Kette, die sich niemals löst, sondern weitergegeben wird von Eltern zu Kindern, vom Lehrer zum Schüler, von der Frau zum Mann und vom Mann zur Frau, kurz: von jedem zu allen und umgekehrt. „Walk in my shoes!“, lautet der Befehl, den zu befolgen anfangs so leicht scheint. Mit angeborenem Nachahmungstalent wackelt der Toddler fröhlich hinter den Eltern her und will werden wie sie.

Aber so bleibt es nicht, die Konflikte beginnen. Was genau erwartet der Vater vom Sohn, der Mächtige vom weniger Mächtigen? Ein Duplikat, ein Spiegelbild? Aber dann muss das Vorbild auch eindeutig und klar erkennbar sein. Selten genug ist das der Fall, weshalb das gepeinigte Ich nicht weiß, wie es sich verhalten soll: „I don’t know what you’re expecting of me“, singt Chester Bennington. Kopie zu sein reicht offenbar nicht, der Spiegel soll zeigen, was und wie der Vater gern geworden wäre. Nicht erfolgloser Durchschnitt, sondern Überflieger. Nicht missachtet, sondern beliebt.

Als kraftvolle Unterströmung („undertow“) überfluten solche Wünsche das zappelnde Opfer, kollidieren mit dessen Neigungen und erzeugen Schmerz auf beiden Seiten. Der Druck nimmt zu, der Absturz droht wie vorhergesagt: „I know I may end up falling too/ But I know you were just like me with someone disappointed in you“. So läuft es und so geht es weiter. Wer die Enttäuschung der anderen spürt, ist von ihnen genauso enttäuscht. Immerhin hat der Unterdrückte das Muster begriffen, das öde Schema von Anspruch und Versagen, in dem die Agierenden gefangen sind und das in der Liebe oder Freundschaft immer neue Fortsetzungen findet: Einer will seine Regeln, sein Verhalten als Norm durchsetzen, der andere soll nachgeben. Sei wie ich!, lautet die Grundformel, oder, genauer: Sei, wie ich dich wünsche! Ein Gezänk, das die Zankenden zermürbt und betäubt („numb“) zurücklässt.

Dabei verlangt das Ich doch nichts Unmögliches: „All I want to do/ Is be more like me and be less like you.“ Bescheiden klingt das, fast wie eine Bitte: erlaube mir doch endlich, ein wenig mehr ich selbst zu sein! Vor zweieinhalb tausend Jahren beantwortete der Dichter Pindar dieses legitime Begehren mit dem Mutmacher-Spruch: „Werde, der du bist!“ Bei den stolzen Griechen standen diese Worte allerdings nicht im Kontext von „tired“, „numb“ und „smothering“, sondern von Kämpfen und Siegen.

Chester Bennington, der sechs Kinder zeugte, fand trotz kalifornischer Sonne und gigantischer Erfolge die innere Helligkeit nicht, er nahm sich im Juli 2017 das Leben. Im Mashup mit Jay-Z klingt seine Stimme, als schwebe er gerade vom Himmel herab wie einst David Bowie. Schmerzvoller Gesang, kein Gebrüll, keine Revolte – alles kaputt, Besserung nicht in Sicht.

Kein Wunder, dass dieser 2003 aus Linkin Parks zweitem Album „Meteora“ ausgekoppelte Song ein Welt-Echo fand und findet: die Hörer begegnen sich selbst. Auch das Video, bei dem Band-Mitglied Joe Hahn Regie führte, erzählt eine Mobbing-Geschichte, wie sie zu Millionen Biographien gehört.

Wer wäre so gemein, sich nicht mit dem armen Mädel zu identifizieren? Weit über eine Milliarde Mal wurde diese Einladung zu Mitleid und Selbstmitleid bei YouTube aufgerufen.

Gedreht in einem künstlich entfärbten, fahlen Prag, rücken die Bilder das Lied in Kafka-Nähe, vor allem die Sequenzen in der Kirche, die gar nicht in Prag aufgenommen wurden, sondern in Los Angeles. Während die Musiker mit monotonem Gegrummel den „undertow“ beschwören, bearbeiten sie die Instrumente wie mit letzter Kraft, um ihre Beherrscher anzuklagen. „Every step that I make is another mistake for you,“ singt Chester, und ist dieser Satz nicht hundertfach bei Kafka zu lesen?

Das neunte Kapitel seines Romans „Der Proceß“ spielt „Im Dom“, wo der Gefängniskaplan dem auf einen Geschäftsfreund wartenden Josef K. die Parabel „Vor dem Gesetz“ erläutert. Zwar ist „Numb“ nicht mit diesem literarisch-theologischen Unergründlichkeitsstück zu vergleichen, da es ganz in dieser Welt bleibt, aber die bedrückende Atmosphäre und die Verzweiflung der in die Kirche stürmenden jungen Frau wären dem Autor Kafka nur allzu vertraut gewesen. Und hat er nicht die berühmteste schriftliche Vater-Anklage verfasst, eine Sohnes-Rechtfertigung im Bewusstsein der Ohnmacht? Wen marterte zeitlebens das Gefühl, nicht bei sich selbst ankommen zu dürfen? Was „pressure“ und „caught“ bedeuten, haben wir von ihm gelernt.

Wie schön wäre es, wenn der grübelnde Jurist und der ausschweifende Rocksänger einander im Jenseits aufspürten, um mit einem tschechischen Bier auf das Eigene anzustoßen! Kafka verfehlte seinen 41. Geburtstag um einen Monat, Bennington überschritt die 41 und ließ den Tod noch bis zum Sommer warten. Auf Erden waren sie grandios.

***

I’m tired of being what you want me to be
Feeling so faithless, lost under the surface
I don’t know what you’re expecting of me
Put under the pressure of walking in your shoes
Caught in the undertow, just caught in the undertow

Every step that I take is another mistake to you
Caught in the undertow, just caught in the undertow

I’ve become so numb, I can’t feel you there
Become so tired, so much more aware
By becoming this all I want to do
Is be more like me and be less like you

Can’t you see that you’re smothering me?
Holding too tightly, afraid to lose control
‚Cause everything that you thought I would be
Has fallen apart right in front of you

Caught in the undertow, just caught in the undertow
Every step that I take is another mistake to you
Caught in the undertow, just caught in the undertow
And every second I waste is more than I can take

I’ve become so numb, I can’t feel you there
Become so tired, so much more aware
By becoming this all I want to do
Is be more like me and be less like you

And I know I may end up failing too
But I know you were just like me with someone disappointed in you

I’ve become so numb, I can’t feel you there
Become so tired, so much more aware
By becoming this all I want to do
Is be more like me and be less like you

I’ve become so numb, I can’t feel you there
I’m tired of being what you want me to be
I’ve become so numb, I can’t feel you there
I’m tired of being what you want me to be

07. Dez. 2019
von Gisela Trahms
18 Lesermeinungen

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23. Nov. 2019
von Oliver Camenzind
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Taxi: „Campari Soda“

Ein Psychiater sitzt im Flugzeug, schaut aus dem Fenster und wird nachdenklich. Dann schreibt er ein Lied darüber, das erst 29 Jahre später berühmt wird.

Dominique Grandjean

***

Im Flugzeug zu sitzen und die Welt immer kleiner werden und schließlich hinter den Wolken verschwinden zu sehen, kann einen leicht ins Sinnieren bringen. Denn so, wie die Häuser und Straßen sich dem Blick des Passagiers langsam, aber sicher entziehen, so entschwindet auch der Passagier selbst der Wahrnehmung der Welt. Steigt auf in nebulöse Sphären, bis er sich ernsthaft fragen kann, ob es zwischen ihm und der diesseitigen Welt noch irgendeine Verbindung gibt. «Es isch als gäbs mich nüme me», sang Dominique Grandjean 1977 in einem Lied über das Fliegen. Die Ballade heißt «Campari Soda», denn kaum ein Getränk würde besser zu solch melancholischen Betrachtungen passen als der tiefrote und bittere italienische Likör.

Noch einen Campari mit Sodawasser und klingelnden Eiswürfeln, noch einen Blick in das sonnenbeschienene, goldene Wolkenmeer in der Tiefe. Dann zurücklehnen und spüren, wie das Flugzeug hin und wieder in leichte Turbulenzen gerät und davon ein bisschen wackelt. Die Turbinen unter den Tragflächen verrichten tonlos ihren Dienst, zu hören ist nur das Summen des Ventilators. Und irgendwann die Durchsage des Co-Piloten: «On your left you can see Málaga through the dust.» Das ist die Szene dieses träumerischen Kultsongs, der selbst mehr zum Träumen einlädt als er eine Handlung hat.

Als Dominique Grandjean «Campari Soda» komponiert, ist er Assistenzarzt in der psychiatrischen Universitätsklinik am Stadtrand von Zürich. In seiner Freizeit schreibt er Lieder, die er bald aufzunehmen beginnt – im Keller von Dieter Meier, der mit Yello ein paar Jahre später internationale Bekanntheit erlangen wird und heute Rindfleisch und Rotwein aus Argentinien vertreibt. Doch Grandjean muss merken, dass ein einziger Mann in einem Keller nicht die Musik produzieren kann, die ihm vorschwebt. Eine Band muss her. Kurzerhand stellt er eine Truppe zusammen und nennt sie Taxi. Die nimmt ein Album auf, von der bald nur noch «Campari Soda» in Erinnerung bleibt.

Die Platte heißt ebenso wie die zitierte Zeile aus «Campari Soda» und ist vollständig in Grandjeans charmanter Zürcher Mundart gehalten. Die elf Nummern erzählen mit großem Sprachwitz kleine Alltagsanekdoten wie die des Spießers Hugo. Auf «Hugo-Hugo» hören wir, wie einer das Missbehagen seiner Jugend gegen einen Stationswagen austauscht, sobald er kann, und auf einem Parcours joggen geht, statt Parkuhren aufzubrechen. Da ist aber auch der «Glückspilz», dessen Leben so langweilig wie geradlinig verläuft, und noch nicht einmal in der «Babalu Bar» passiert viel Nennenswertes. Die Gäste sitzen zusammen und unterhalten sich bei einem Zweier Rotwein über «jenes, dieses, das».

Das sind Lieder aus einer und über eine Stadt, die Ende der siebziger Jahre in bürgerlicher Ruhe und Ordnung vor sich hinschlummert. Die Unruhen von 1968 waren schon beinahe wieder vergessen, und die Demonstranten von damals hatten sich zum größten Teil als «Hugos» herausgestellt, Festanstellung und Stationswagen inklusive. Das Zürcher Schauspielhaus und die städtische Oper genossen hohes Ansehen, aber Jugendkultur gab es noch keine. Dominique Grandjeans Taxi, Dieter Meiers Assholes und eine ganze Reihe von Punkbands (zum Beispiel die in London berühmt gewordenen Kleenex) machten in dieser Hinsicht gerade erst einen Anfang.

Im Unterschied zu ihren Mitstreitern hatten Taxi aber nur wenig Erfolg, die LP «Es isch als gäbs mich nüme me» verkaufte sich als nur gerade 600 Mal. Das heißt, so viele Platten wurden gepresst. Wie viele davon tatsächlich gegen Bares eingetauscht wurden, ist nicht überliefert, es dürften aber deutlich weniger gewesen sein. Etwas besser lief es mit Hertz, der Nachfolgeband von Taxi, die dadaistische Lieder über den Gotthardtunnel, Postbeamte und einen sozialdemokratischen Bundesrat namens Willy Ritschard machte. Peter Fischli vom Künstlerduo Fischli/Weiss gestaltete Plattencover und die Bandmitglieder traten als Kartoffelsäcke verkleidet auf die Bühne und sang nur noch hochdeutsch. Doch auch Hertz schaffte den Durchbruch nicht.

Es war die Schweizer Fluggesellschaft Swiss, die «Campari Soda» zu seinem Kultstatus verhalf. Die Ballade war in einem Werbespot am Fernsehen zu hören. Daraufhin beschloss das Label, den Song als Single zu lancieren. Und auf CD schaffte es das Stück mit dem sehnsüchtigen Tenorsaxofon, dem altmodischen Synthesizersound und Grandjeans dünner Stimme dann auf einmal in die Schweizer Hitparade. Mit 29 Jahren Verspätung. Ob die nachdenkliche Musik dem Verkauf von Flugtickets ebenso zuträglich war?


Musikvideo: „Campari Soda“ von Taxi

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Ich nime no’n Campari Soda
Wit unter mir lit’s Wolkemeer
De Ventilator summet lislig
Es isch als gäbs mich nüme me

Ich gsen durs Feischter zwei Turbine
S’Flugzüg wankt liecht i de Luft
Durs Mikrophon seit de Co-Pilot
«On your left you can see Málaga through the dust»

Ich nime no’n Campari Soda
Wit unter eus lit’s Wolkemeer
De Ventilator summet lislig
Es isch als gäbs mich nüme me

Ich nime no’n Campari Soda
Wit unter mir lit’s Wolkemeer
De Ventilator summet lislig
Es isch als gäbs mich nüme me

23. Nov. 2019
von Oliver Camenzind
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28. Sep. 2019
von Gisela Trahms
19 Lesermeinungen

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Procol Harum: „A Whiter Shade of Pale“

Zwischen Chaucer und Dylan: Über kaum ein Lied ist so viel gerätselt worden wie über Procol Harums „A Whiter Shade of Pale“. Wovon handelt es eigentlich – und wie konnte daraus ein solcher Hit werden?

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Procol Harum 1967
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28. Sep. 2019
von Gisela Trahms
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03. Aug. 2019
von Jens Buchholz
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Oasis: „Cigarettes and Alcohol“

Die Musik der Gallagher-Brüder orientiert sich auf besondere Weise an der langen Ahnenreihe ihrer Vorbilder, die Songtexte sind zuweilen ziemlich lau. Aber das Zusammenspiel bei Oasis ist einzigartig.

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Liam und Noel Gallagher bei einem Konzert in Hamburg
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03. Aug. 2019
von Jens Buchholz
6 Lesermeinungen

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