Deus ex Machina

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Über Gott und die WWWelt

Tante Gu bittet zum Engtanz

Mit seinen neuen Geschäftsbedingungen rückt uns Google in nie gekanntem Ausmaß auf die Pelle. Wer einen Dienst eingeloggt nutzt, ist für alle anderen Anwendungen auch transparent.

Alles bleibt anders: Wie berichtet wird der Internetkonzern Google zum 1. März neue Datenschutzrichtlinien und Nutzungsbestimmungen präsentieren. Damit soll unter anderem der Wildwuchs von über 70 unterschiedlichen Privacy Policies der Vergangenheit angehören. Alles wird einfacher und übersichtlicher – und dem FAZ-Blog „Deus ex Machina” ist es beinahe gelungen, einen noch nicht final redigierten Vorentwurf der neuen Richtlinien zu sehen:

§ Die gute Nachricht zuerst: Wir werden Eure Daten auch weiterhin nicht an Dritte verkaufen (wozu auch, selber verwerten macht fett).

§ Wer sich bei einem unserer Dienste einloggt, macht sich auch für alle anderen Google-Dienste komplett nackig. Kommt damit klar.

§ Wir werden übrigens versuchen, Eure Gedanken zu lesen.

§ Von uns gelesene Gedanken gehören dann auch uns und dienen der effizienteren Werbeplatzierung.

§ Opt-out? Wovon träumt Ihr nachts?

Das wird im Detail sicher noch ein bisschen entschärft und konzilianter getextet, aber in die Richtung dürfte es ungefähr gehen. Natürlich stellt der Suchmaschinenkonzern vor allem den größeren Komfort und die intuitivere Bedienung groß heraus. „Durch das Zusammenspiel eurer Daten über verschiedene Google-Dienste hinweg, können wir euch noch bessere Services bieten: Wir können die Suche verbessern, indem wir herausfinden, wonach ihr wirklich sucht, wenn ihr zum Beispiel mehrdeutige Begriffe wie Jaguar, Golf oder Pink eingebt”, schwärmt Alma Whitten, Director Privacy, Product & Engineering im Google-Produktblog. „Wir können euch daran erinnern, dass ihr für ein Meeting spät dran seid – basierend auf eurem Standort, eurem Kalendereintrag und der Straßenverkehrsinformation in Google Maps”. Kurzum: Google möchte seine verschiedenen Dienste zu einer Art digitalem Daseins-Assistenten zusammenschalten. Und wenn die Trennwände zwischen den unterschiedlichen Diensten wie Gmail, Picasa, Youtube und Android wegfallen, kann Google – man ahnt es bereits – mit Hilfe all dieser Daten auch besser gezielte Werbebotschaften platzieren: „So ist vielleicht trotz guter Neujahrsvorsätze ein Fitnessstudio nicht so euer Ding – entsprechende Anzeigen also auch nicht”, so Alma Whitten.

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Sollte indes diese Form der digitalen Daseinsvorsorge auch nicht unser Ding sein – Pech gehabt. Opt-out ist in dem neuen Regelwerk nämlich nicht vorgesehen, was frei übersetzt aus dem AGB-Chinesischen so viel heißt wie „friss oder stirb!” Wirklich überraschend kommen diese Änderungen freilich nicht. Bei der personalisierten Suche, die seit einigen Wochen auf google.com läuft, beeinflussen auch persönliches Nutzungsverhalten und Inhalte von persönlichen Internetkontakten die Suchergebnisse. Registrierte Benutzer von Youtube und Picasa-Accounts wurden bereits vor einiger Zeit dazu gedrängt, ihre Accounts mit einem Google-Konto zu verknüpfen. Und wer sich jetzt für irgendeinen Google-Dienst anmeldet, kommt an einer Präsenz im Google-Plus-Netzwerk praktisch nicht mehr vorbei.

Anders ausgedrückt: Konnte man es sich früher noch aussuchen, mit welchem Fangarm der Datenkrake man spielt, hat es der Google-Kontoinhaber künftig mit der geballten Saugkraft des Internet-Riesen zu tun: „Wir behandeln den Nutzer als ein- und dieselbe Person, auch wenn er verschiedene Google-Dienste verwendet – das macht die Nutzung unserer Produkte noch unkomplizierter und intuitiver”, frohlockt das Google-Firmenblog. Aber das erste Echo in der Nutzerschaft ist durchaus geteilt: Den Enthusiasten in der Google-Fankurve und den Indifferenten steht eine beträchtliche Anzahl von Skeptikern gegenüber, die sich von der neuen Firmenpolitik ziemlich überfahren fühlen: „Das ist gar nicht ok, denn mit der Zustimmung geht auch eine Verknüpfung mit einem Plus-Account einher. Es ist also nicht mehr möglich, namenlos und geschäftlich neutral Google Analytics oder Android oder Webmaster-Tools zu benützen. Wer das bisher anonym nutzte, wird nun in den Social Media Topf geworfen der sich Google-Plus nennt. Wenn ich aber lediglich Analytics und Webmastertools benutze, habe ich nicht auch noch das Interesse, einen Google+ Account aufgezwungen zu bekommen. Und schon gar nicht mit Klarnamen. Ich wollte nur ein paar Tools benützen, mehr nicht”, schreibt ein Kommentator namens „Frank” auf dem Technikportal t3n.de.

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Das US-Technikblog Gizmodo legt noch ein paar Briketts drauf: Mit den neuen Nutzungsbestimmungen und Datenschutzerklärungen von Google sei „die Linie überschritten”. Der Internetriese habe mit dem Motto „don’t be evil” auf seinen Fahnen jahrelang die Nutzer unter sein Wohlfühl-Zelt gelockt, jetzt werden die Zeltstangen weggezogen. Und entweder man ordnet sich diesen neuen Regeln unter oder man nutzt die kurze Frist, um seine Daten mit Hilfe von Googles „Data Liberation Service” in den Rucksack zu packen und zu verschwinden. Ganz gleich, ob man das Gizmodo-Verdikt „evil” nun unterschreibt oder nicht: Offenkundig geht Google im Verhältnis zu seinen Kunden aufs Ganze und lässt sich nicht mehr so einfach mit vereinzelten Info-Bits in unterschiedlichen Schubladen abspeisen.

In dem nach wie vor schwelenden Pseudonymstreit (Twitter-Suchwort: #nymwars) um das Netzwerk Google plus erweckte der Konzern zwar mehrfach den Eindruck, man würde einlenken und irgendwann auch pseudonyme Accounts ohne öffentliche Klarnamen-Angabe ermöglichen. Aber bewegt hat sich nicht viel, nach derzeitigem Stand kann man sich irgendwelche Spitznamen zusätzlich zum Realnamen verpassen, Google behält sich aber die Forderung nach geeigneten Nachweisen vor. Begründung: Ein auf Klarnamen basierendes Netzwerk sei „stärker” als eines mit Pseudonymen und anonymen Existenzen, und man wolle nun mal das stärkste social network von allen aufbauen, hieß es dazu offiziell von Google-Seite. Bleibt die Frage, worin sich diese Stärke denn messen soll. Oder im Umkehrschluss, welche Schwächung des Netzwerks denn von Mitgliedern wie Don Alphonso, Ennomane oder Mark Siebenneundrei ausgehen soll. Nun mag man anonyme Kommentatoren und Foristen für eine Landplage halten, aber wenn es um die Qualität der Kommentare geht, stehen pseudonyme Nutzer den Klarnamens-Diskutanten praktisch nichts nach, wie eine empirische Studie der Kommentarplattform Disqus belegt. Und es ist ja auch nicht so, dass man in realnamensbasierten Netzwerken wie Xing oder LinkedIn gar nicht mit irgendwelchen Knalltüten konfrontiert wäre.

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Man gewinnt den Eindruck: Google geht es da ums Grundsätzliche. Und seit die Suchmaschinisten verstärkt ihr Glück im Geschäftsbereich des Netzwerk-Platzhirschen Facebook suchen, machen sie sich anscheinend auch dessen Geschäftsprinzip verstärkt zu eigen, den Nutzern die Hosen nicht auf Kniehöhe zu lassen, wenn man das Beinkleid auch ganz bis zu den Knöcheln runterziehen kann. Inzwischen bemüht sich Google nach dem ersten Echo auf die neuen Richtlinien, die Wogen etwas zu glätten. Gegenüber dem „Guardian” ließ eine Sprecherin verlauten: Es blieben noch jede Menge Möglichkeiten, Google-Dienste in Anspruch zu nehmen ohne getrackt zu werden, etwa die anonyme Standard-Suche oder im ausgeloggten Zustand. „Wir unterstützen auch gleichzeitige Log-ins eines Nutzers mit mehreren unterschiedlichen Accounts”, heißt es da. Aber ein klares Bekenntnis, dass die auf diese Weise anfallenden Daten nicht irgendwo an zentraler Stelle doch zusammengeführt werden, steht da leider nicht zu lesen. Beim Engtanz mit Tante Gu muss man also weiterhin auf Klammerblues gefasst sein.