Deus ex Machina

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Über Gott und die WWWelt

Leben und Untergang ohne Internet

Vermutlich kennen Sie alle diese “Ich habe eine Woche mit dem Internet/Facebook/Twitter aufgehört und habe es geschafft“-Texte, mit denen Medien sporadisch aufwarten. Es gibt zu diesem Thema heldenhafte Autoren und clever vermarktete Bücher, denn als Buch macht so ein Versuch finanziell Sinn, wohingegen der Internettext vermutlich kostenlos und mit Werbung aufgewertet von Drückebergern mit Ad-Blockern raubmordgelesen wird. Tatsächlich findet man in den Medien auch Leute, die früher dachten, das Internet gehe schon wieder weg. Und diese Leute glauben heute, dass mit Snapchat das normale Internet vergessen wird, und die Renaissance der Leser ansteht.

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Für solche mittelalterlichen Ansichten lebe ich gerade vorbildlich in der Nähe von Siena. Ich habe ein grosses Apartment mit dicken Festungsmauern, wegen denen mehrere wichtige Mails an die Organisatoren der l’Eroica verschollen sind – es ist einfach unerklärlich. Ich weiss, das es technisch nicht sein kann, aber trotzdem, es ist so. Wir sind den ganzen Tag unterwegs, gestern San Gimignano und Volterra, und während sich die anderen mit Blicken auf ihre Wetter-Apps verunsichern, die für Sonntag schwere Gewitter ansagen, blinzle ich einfach in die Sonne. Ich sitze da und sage mir, dass es auch nicht schlimmer als letzten Herbst werden kann, denn am Sonntag fahre ich 105 Kilometer und 105 Kilometer hat es auch im letzten Herbst geschüttet und gewittert. So schön ist das Leben ohne Internet.

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Ich habe sogar mein Mobiltelephon vergessen, und was soll ich sagen – die noch fehlenden Recken, die über die Schweiz zu uns reisten, brauchten in mir keine ständige Nanny, der sie sagen können, wo sie sind. Irgendwann am Abend, als wir beim zweiten Gang über volle Bäuche stöhnten, kamen die Nachzügler ins Restaurant, denn denn die Festungsherrin hatte ihnen gesagt, wo wir sind. So ist das halt mit Männern, zumal, wenn sie noch vor der digitalen Revolution geboren sind. Sie sterben nicht sofort, wenn man ihnen das Mobiltelephon wegnimmt. Und deshalb bin ich sehr dafür, dass man dem Jugendlichen in der Schule die Flimmerkisten abnimmt. Die sind da so zum Lernen, wie ich für den Genuss in Italien sind. Das Netz braucht da wirklich niemand, und vom chatten, liebe Kinder, wird meine Rente auch nicht bezahlt. Und auch keine Bodenampel, die man baut, damit Handyglotzer unverdienterweise dem segensreichen Wirken der Evolution der Arten entgehen.

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Aber. Vorgestern Nacht habe ich mich auch mit Technik beschäftigt. Mit einer Hinterradnabe des italienischen Hestellers Campagnolo. Campagnolo ist so etwas wie das Apple unter den Fahrradkomponenten, und damit wurden früher Radrennen gewonnen, wie heute Berliner Hipster mit Apple das Vermögen ihrer Eltern in Projekten durchbrennen. Ich fahre gern Campagnolo, ich mag die bombensichere Konstruktion. Campagnolo funktionierte früher technisch schlecht und hält dafür bis heute alles aus, und das ist der Grund, warum wir auch heute noch diese alten Kisten über Schotter heizen und zu Bergsiegen treten können. Manchmal wackelt vielleicht ein Lager, dann kann man es nachstellen. Gestern wollte ich das bei der Hinterradnabe machen, setzte mit zwei Schaubenschlüssel an, und dann bewegten sich die Muttern. Leider jede mit einem Teil der gebrochenen Achse.

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Die Achse ist vermutlich über 40 Jahre alt und eines der Teile am Rad, die die grösste Belastung ertragen. Das passiert hin und wieder. Daheim würde ich das Rad in den Speicher stellen und eines meiner anderen Räder nehmen. Am Abend würde ich dann in Kisten nach einer alten Nabe suchen, die ein verwertbares Ersatzteil enthält. So wäre das daheim. Aber in der Toskana habe ich aufgrund der Transportkapazitäten nur ein einziges Rad dabei. Und morgen ist das Rennen, von dem zwei Auftraggeber Texte haben wollen. Ohne Achse kann ich nicht fahren, und ohne Internet wäre das keine gute Situation. Man kann nicht einfach in einen Radladen gehen und sagen, dass man eine Hinterradnabe braucht, die seit Anfang der 80er Jahre nicht mehr gebaut wird. Kurz, ich stehe effektiv vor einem Debakel, aber ich habe Internet.

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Es gibt im Internet eine Plattform für alten Plunder – hier in Italien heisst sie Subito. Ich öffne den Rechner, gehe auf die Seite, suche nach Rennrädern in der Region Siena – und siehe da, in Poggibonsi, sieben Kilometer von hier, steht ein altes Rennrad komplett mit genau den Naben, die ich auch habe. Ein weiteres Rad findet sich in Monteriggione, ebenfalls in der Nachbarschaft. Es gibt kostenlose Übersetzungsangebote im Netz, in denen ich den Verkäufern meine Wünsche verdeutlichen kann. Ich muss nicht mein letztes Hemd verkaufen, um bei nach langer Suche bei einem Fachhändler vielleicht doch eine Nabe für Sammler zu Mondpreisen kaufen zu dürfen, ich kann mir einfach ein Rad holen, die Achse umschrauben, und das neue Rad später in Deutschland, wenn auch hier das Hinterrad repariert ist, an andere Freunde der Selbstfolterung abgeben.

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Denn in Deutschland habe ich in jenem oft geschmähten Internet viele Leser, und die Erfahrung zeigt auch, dass hinter dem Ah und Oh, das aus Damentastaturen bei alten, polierten Stahlrennern kommt, auch ein reales Interesse steht. Ich kann mich mit dem Internet nicht nur aus einer misslichen Notlage befreien, ich kann auch zusätzlich andere Menschen erfreuen. Denn dem Publikum ist es egal, ob seine Wünsche nach Nostalgie und Vergangenheit nun mit dem Fund im Internet befriedigt werden, oder, wie bei diesem hübschen Damenrad klassisch, durch Jagen und Sammeln bei den Containern der Schrottannahme. Beides ist möglich. Mir macht der Schrottcontainer auch mehr Spass, aber hier nun rettet mich allein das Internet.

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Was ich damit sagen möchte: Wir alle ärgern uns über die Nebenkostenabrechnung beim Wohnen, aber wir gehen selbstverständlich davon aus, dass Wasser aus den Leitungen fliesst. Wir alle regen uns über die Tricks der Landwirtschaft auf, aber genug von uns verlangen nach Qualitätsessen zum Schlachtabfallpreis. Wir sehen im Netz, dass es eine Heimat für alle Irren wurde, und werden überall angeplärrt und dreist angelogen – aber gäbe es das Netz nicht, so könnte ich morgen nicht bei der l’Eroica starten, weil ich kein Rad hätte. Aber mit dem Netz bin ich, ist jeder problemlos in der Lage, ein höchst ausgefallenes Teil einfach zu finden. Früher wäre alles vorbei gewesen. Heute machen wir den Rechner auf und haben eine Lösung. Das ist so phantastisch wie fliessendes Wasser. Also richtig, richtig gut, trotz all der Lügen.

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Apropos Lügen: Natürlich habe ich es dann ganz anders gemacht, denn in Buonconvento gibt es auch einen Teilemarkt, und dort habe ich für 20 Euro eine passende Nabe gekauft, zerlegt und die Achse verbaut. Aber die im Gegensatz zu einem Radkauf gesparten Euro habe ich dann in ein Rennrad von Colnago investiert, das ich beim Suchen ebenfalls entdeckt habe. Das ist ebenso schön wie fliessendes Wasser, hätte aber nicht ganz so gut in den dramatischen Kontext der Geschichte gepasst, und musste daher einem anderen und schöneren Narrativ weichen: Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden, sagen die Italiener, und es ändert auch nichts daran, dass das Netz meine Rettung hätte sein können, und es gut wie fliessendes Wasser ist. Wir vergessen das mitunter. Wir sollten öfters daran denken.

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Denken Sie ein wenig an mich, wenn ich mich dann morgen durch echten Dreck wühle und nicht nur Tweets von Genderistinnen, um Sie dann digital zu unterhalten