Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

30. Okt. 2017
von Don Alphonso
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Auf der Suche nach der verlorenen Gesprächskultur

1934 durfte Karl Radek, Pseudonym “Parabellum”, richtiger Name eigentlich Karol Sobelsohn und aus einer jüdischen Familie im damaligen Österreich-Ungarn stammend, als sowjetischer Kulturfunktionär eine Rede halten. Erlaubt hatte ihm das ein gewisser Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili, der sich damals aber schon Josef Stalin nannte, und das Amt des Generalsekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion bekleidete. 1929 hatte sich der frühere Trotzki-Anhänger Radek Stalin unterworfen und ihm die Treue geschworen, weshalb er als bei der Ersten Konferenz der sowjetischen Schriftsteller seine Meinung vortragen durfte. Über Valentin Louis Georges Eugène Marcel Proust – der nur Pseudonyme verwandte, wenn er selbst Kritiken über seine eigenen Bücher schrieb – sagte Radek also 1934:

In Prousts Seiten liegt die alte Welt wie ein alter, nutzloser Köter sonnenbadend herum und leckt endlos ihre Wunden.

Das war gegenüber Proust und seinen elfenzarten, elquenten Romanfiguren sehr unhöflich.

So also urteilte also Radek im Sinne Stalins über Marcel Proust, den Schriftsteller und Beobachter der Großbourgeoisie, über den asthmatischen Sprössling einer katholisch-jüdischen Familie, der die Erstveröffentlichung seines Romanwerks “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” selbst bezahlte, und über einen verzweifelten Sucher, der nach einem wenigstens finanziell abgesicherten Leben mit unglücklichen Beziehungen zu Männern, Depressionen und chronischen Krankheiten 1922 gestorben war.

1937 ließ dann Stalin seinen Untertan Radek in einem Schauprozess wegen seiner alten Beziehungen zu Trotzki anklagen, ihn einfach so – es war schließlich die Zeit des Stalinismus – von seinem privilegierten Posten absetzen, zu 10 Jahren Arbeitslager verurteilen und nach Sibirien verbannen, wo Radek 1939 ums Leben kam – bis heute ist nicht geklärt, ob der Kommunist von anderen Opfern seiner eigenen Politik im Sinne Stalins oder von Stalins Schergen umgebracht wurde.

Was ich daraus gelernt habe, ist zweierlei: Sozialismus ist noch ungesünder als Asthma. Und es ist gar nicht so schlecht, nach der Meinung Dritter wie ein alter, nutzloser Köter sonnenbadend herum zu liegen und endlos seine Wunden zu lecken, denn man kann auch in Sibirien in einem Arbeitslager jahrelang schuften, bevor man ermordet wird. Langfristig hat sich übrigens auch nicht die Beurteilung durch Radek für Prousts Werk durchsetzen können, Radeks Bücher wie “Die Entwicklung der Weltrevolution und die Taktik der kommunistischen Parteien im Kampfe um die Diktatur des Proletariats” sind heute, um es großbürgerlich höflich zu sagen, allenfalls noch einem kleinen Publikum eingeweihter Kenner ein fester Begriff. Und auch dort ist man, zumindest im sozialistischen Deutschland, vielleicht nicht mehr ganz so gut auf Radek zu sprechen, der zwischenzeitlich auch einmal mit einem Schulterschluss mit völkischen Kreisen gegen das Bürgertum liebäugelte – während man Proust höchsten vorwerfen kann, er habe sich in seinen Chauffeur nicht klassengerecht verliebt.

Ach so, und sein Duell mit einem Kritiker. Und seinen Umgang mit damals ziemlich verrufenen Leuten wie Andre Gide, der später sehr kritisch über die Sowjetunion schreiben sollte. Außerdem, das muss man wohl so sagen; war Proust nicht wirklich an einem sozialen Ausgleich zwischen den Klassen interessiert, und gewisse Aspekte der Dekadenz finden sich tatsächlich in seinem Werk. Also, wenn man ganz ehrlich ist, würde man jetzt nicht zwingend im bürgerlichen Kontext einen Sohn haben wollen, der vollumfänglich und selbstzerstörerisch wie Proust lebt – besser als ein berufsrevolutionärer und menschenverachtend mörderischer Radek ist ein Proust schon, aber die Frage würde sich natürlich stellen, ob ein Sohn seine Extravaganzen nicht ein wenig eingrenzen könnte. Trotzdem, in durchaus bürgerkritischer Buchform ist Proust im Bürgerhaushalt immer willkommen, und einem Schriftsteller verzeiht man in einem Akt kultureller Großzügigkeit vieles, was andernorts für gehobene Augenbrauen sorgen möchte.

Man könnte die Liste derer, die das Bürgertum letztlich mit all ihren Gehässigkeiten freudig übernommen hat, fast grenzenlos erweitern. Norman Mailer. Friedrich Hollaender. Pitigrilli. Stefan Heym. Evelyn Waugh. Lion Feuchtwanger, übrigens trotz seines stalinfreundlichen Werks über Russland. Andre Gide. Heinrich Heine. Kurt Tucholsky. Ludwig Börne. M. G. Lewis. Byron. Diderot. Die Berüchtigten von einst, sofern sie sich wuschen, Villen und Paläste nicht niederbrannten, sondern friedlich bewohnten, und ihre mörderischen Adern soweit im Zaum hielten, als dass sie ihre bösen Instinkte in zitierbare Sätze umleiteten, sie alle waren willkommen. Manche hatten es nicht mit Frauen und Familien, und manche konvertierten später zum Katholizismus. Mit literarischer Verehrung der Germanisten eingespeichelt und später als Schullektüre zerkaut, hat das Bürgertum noch die meisten Kritiker als neue Würze für den jeweils alten Kanon gefressen. Und letztlich nur die Radekknochen den Geiern überlassen, auch wenn Radek im Kontext mit seinem eigenen Schicksal unfreiwillig etwas bürgerlich Zitierbares mit dem Satz über Proust geschrieben hat. Grosso modo aber: Vorne kommen die Fortschrittlichen hinein, hinten fallen die Veralteten und Peinlichen heraus.

Man kann diesen bürgerlichen Geschmacksopportunismus, gepaart mit politisch angemessener Verdrängung früherer Fehler, mit Inbrunst hassen, und auch heute noch sagen, dass diese Welt veraltet ist, zu wenig von der Zukunft annehmen will, und melancholisch-sinnlos auf Vergangenes zurückblickt, während die Insekten sterben und Themen wie Sexismus kaum beachtet werden. Momentan bekommt unsereins das wieder vermehrt ab, weil wir in Verdacht stehen, in den düsteren Ecken des bürgerlichen Kanon habe noch zu viel “Völkisch-Nationalistisches” überlebt, ja das Unerwünschte würde sogar in Form neuer Bücher von der radikalisierten Mitte dazu gebestsellert, was uns dazu triebe, falsche Wahlentscheidungen zu treffen, so wie es der in Deutschland gescheiterte Revolutionär Radek nach den linken Putschversuchen der Weimarer Republik auch gesehen hat. Wir würdigten den Einsatz der tapferen Verteidiger der richtigen Meinungen auf der Buchmesse nicht, und sollten uns so verhalten, dass man wieder mit uns redet, damit wir die richtige Meinung erfahren, übernehmen und dann selbst verkünden. Wir räudige Hunde, die wir am Tegernsee in der Sonne sitzen und nicht damit klarkommen, dass unsere Zeit abgelaufen ist.

Gern übersehen wird natürlich, dass Proust seine Suche der verlorenen Zeit aufnahm, als die beschriebene Epoche schon in den Schützengräben des 1. Weltkriegs untergegangen war, und seine Leser wussten, dass diese Epoche nicht mehr wiederkehren würde. Sie haben, das hat Radek nicht begriffen, in der nichtkommunistischen Welt einfach andere Schlussfolgerungen gezogen, um zu überleben. Der Komintern übernahm Radeks Linie und begnügte sich damit, diese Weltsicht den immer gleichen Anhängern einzureden. Mit den anderen nicht reden, die Sozialdemokraten als Sozialfaschisten zu bezeichnen, den eigenen Willen mit Gewalt durchsetzen, das alles waren keine erfolgreichen Strategien, aber immerhin haben sie dazu geführt, dass man sich auf Seiten der Kommunisten betreffs der Anderen einig war. Wer doch diskutieren wollte, oder nur verdächtigt wurde, andere Meinungen zu hören, wurde gesäubert. Aber, Ironie des Schicksals, dadurch wurden die Verfolgten auch verdaulich für den bürgerlichen Kanon, wie etwa Ilja Ehrenburg. Denn das Bürgertum lächelt nicht nur den eigenen Dissidenten hold zu, sondern auch den Dissidenten der anderen – nie aber deren Linientreuen.

Das Mittel der gesellschaftlichen Säuberung – auch das lernt jeder, der einmal die gesammelten Werke Radeks, das Neue Deutschland und die hamburgisch-antibürgerlich-schlechtgelaunten Publikationen beiseite lässt und Proust oder Gide liest – ist in diesen dominierenden Kreisen immer noch die Nichteinladung anstelle der Ausmerzung. Auch das ist wirksam, und nichts befördert diese Haltung so sehr wie die Verweigerung eines Gesprächs, denn was soll man mit unhöflichen und schlecht erzogenen Leuten reden, die nicht reden wollen. Da entstehen dekadente Salons ohne Überschneidungen, ohne Austausch, ohne Bereitschaft, dem anderen eine geistreiche Bemerkung oder einen funkelnden Gedanken zu gönnen. Zum Ausschluss muss man gar nicht mehr die Tochter der Gastgebers verführen, es genügt, wie im Frankreich der Dreyfus-Affaire, dass man in Verdacht gerät, die falsche Seite nicht falsch genug ´zu finden. Radek hat nicht verstanden, dass der Kommunismus die schlechtesten Seiten der Alten Welt, die Proust beschrieb, auf einer anderen Ebene fortführte. Und 80 Jahre nach der Verurteilung von Radek gibt es immer noch welche, die denken, eine möglichst intensive Beschallung mit der einzigen Wahrheit, an die man präzise zu glauben habe, würde etwas helfen.

So funktioniert Proust nicht, und das Bürgertum auch nicht, zumindest nicht so lange, als man es nicht in einen Gulag sperren kann. Natürlich sieht die Bourgeoise aus wie ein alter Hund in der Sonne, aber der Eindruck täuscht – im Inneren gibt es Bewegungen, Debatten, widerstreitende Ansichten und manchmal auch eine gewisse Bissigkeit, die man solchen Leuten gar nicht zutrauen würde. Dafür weiß der alte Hund augrund seines langen Lebens, was verdaulich ist, und was nicht. Manchmal möchte er gestreichelt werden, manchmal will er seine Ruhe, und manchmal ist er brennend eifersüchtig – etwa, wenn darüber nachgedacht wird, wie man den nächsten Hund gut behandeln will, der da bald aus südlichen Regionen kommen wird. Oder wenn man gar zur Entscheidung kommt, solche alten Hunde seien nicht mehr stubenrein, die könnten weg.

Radek wurde verurteilt und umgebracht, die Schriftsteller, an die er sich wandte, nahmen sich sein Urteil zu Herzen und schrieben für schlechte Privilegien und Hungerlöhne Zeug auf gilbendes Papier, das nach Stalins Tod gesäubert wurde, oder bei uns nach 1989 erhältlich blieb, aber nun mal kaum mehr gelesen wird. Die Dogmatiker verschwinden, aber die Plauderer, die sich seitenweise über ein Kleid an einer schönen Frau freuen können – sie bleiben.

Also, bitte, natürlich muss niemand reden. Ich kann auch schweigend meine Biedermeierdamen bewundern und Proust lesen, und zuschauen, wie das Europa, das wir einmal kannten, wie die alte Sowjetunion zerbricht, weil man öfters mal denkt, man müsste nicht reden, und könnte andere ausgrenzen, entmachten und wegsperren.

30. Okt. 2017
von Don Alphonso
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24. Okt. 2017
von Don Alphonso
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Mit dem Winterrad die Privilegien anderer Gesinnungsterroristen checken

Sportler leben nicht länger, sie sterben nur gesünder.

Während ich das hier schreibe, versucht sich die Pressestelle eines Ministeriums einen Eindruck vom Umfang enes Förderungsdebakels zu machen, betreffs einer heftig finanzierten Organisation, die im Begriff “deutsche Dreckskultur” aus der taz keinerlei Hate Speech erkennen kann. Die neue Sitzungsperiode des Bundestages fängt also schon einmal gut an. Und weil man vermutlich noch eine gewundene Antwort entwirft, die dem Ministerium besser nicht gleich die erste kleine Anfrage einbringen sollte, hatte ich viel Zeit und etwas in meinen Augen Sinnvolles getan: Ich habe ein Rad restauriert.

Restauriert habe ich es nicht, weil ich den nächsten “So kommen Sie mit ihrem Rad durch den Winter“-Beitrag verfasse. Wir sollten hier so ehrlich sein und den Tatsachen ins Auge sehen. Die meisten Leser von Medien, die hierzulande solche Beiträge in diesen Wochen publizieren, leben in Deutschland. In Deutschland ist der Winter kalt und die Tage sind kurz. Jede Mutter, die irgendwie kann, fährt ihre Kinder mit dem Auto zur Schule, weshalb vor meinem Haus jetzt schon täglich der Verkehr zusammen bricht. Im Winter sind die Strassen voll mit Autos, und die 200 Teilnehmer der Critical Mass Raddemo schmelzen auf eine kleine, steinharte, rein männliche Truppe von 25 Helden zusammen, die der Zumutung des Wetters trotzen. Niemand spricht mehr über Fahrverbote. Auf die Frage “wie komme ich mit dem Rad gut durch den deutschen Winter” gibt es nur eine richtige Antwort: Seien Sie privilegiert genug, den Winter in Italien verleben zu können. Da geht das wirklich. In Deutschland ist das nie gut, es ist immer kalt und brutal und und grau und hässlich wie ein Jamaika-Streit um die Versorgung mit Staatssekretärsposten.

In Deutschland, um den nötigen, grundlegenden Serviceteil eines derartigen Heuchlerbeitrags abzuarbeiten, sollten Sie wenigstens so wie ich leben: Mit drei Zimmern zwischen Bett und Arbeitssofa an der warmen Heizung, an einem Empiretisch aus Mahagoni und mit einer silbernen Teekanne darauf. Dann verlassen Sie das Haus nur, wenn das Wetter halbwegs erträglich ist, und können dann auch mal mit dem Rad fahren. Aber bitteschön fahren Sie nicht mit dem guten, neuen Rad: Der Winter setzt Rädern bei uns schlimm zu. Kaufen Sie bei einem Gebrauchtmarkt lieber ein altes Bergrad der Mittelklasse und fahren Sie es runter: Die 50 Euro sind billiger als die Nachwinterinspektion bei den speluncae latronum, wo man alle pfennigguten Verschleißteile erneuert und Ihnen dann einen Betrag abnimmt, für den Sie auch schon ein halbes Neurad oder einen Phototermin mit einem Ex-Minister bekämen.

Das hier ist so ein ideales Winterrad: Ein 22 Jahre altes Scott American von 1995, ein ganz normales Rad der oberen Mittelkasse, das bei uns auf dem Fundamt endete. Ich habe es schneller repariert, als ein Bundesministerium erklären kann, warum mit Geld überschüttete Handlanger des Hauses meinen. “deutsche Dreckskultur” sei keine Hate Speech: Es war also nicht sonderlich schwer oder arbeitsintensiv, und ich musste lediglich Lenker und Vorbau austauschen: Den Lenker, weil er verbogen war, und den Vorbau, damit man bequemer sitzt: Im kalten deutschen Winter muss keine geduckte Rennhaltung sein, denn Fahrtwind vereist den Fahrer.

Ansonsten – Sie merken, wir sind immer noch im öden Serviceteil, und das Veganervorführen kommt noch – ist die Ausstattung so gut wie unzerstörbar:Eine ungefederte Stahlgabel, ein pulverbeschichteter Aluminiumrahmen, der kaum rosten wird, relativ breite und hochwertige Felgen von Mavic, und eine Deore LX mit nur 7 Gängen hinten. Die Reifen sind breit und profiliert, um auch im Schnee voran zu kommen. Eine Scheibenbremse oder gar einen Elektromotor hat es nicht. Es ist völlig unscheinbar, und Diebe klauen dann eher dem kommenden Aussenminister das grüne Rad, der dadurch noch einmal die Nöte jener hier beheimateten Bevölkerung kennen lernt, bevor er um die Welt reist, und sich Sorgen um jene macht, die erst noch kommen, um hier noch nicht so lange zu leben. Wenn der Frühling erwacht, wäscht man das Winterrad ab, stellt es in den Keller, und holt wieder das gute Rad hervor. Das Rad ist einerseits funktional, andererseits aber, gemessen an den Versprechungen der Konsumwelt, ganz, ganz unten. Es ist in Radform so eine Art intersektioneller Feminismus, jede Art der eigenen Benachteiligung lässt sich damit konstruieren, und das ist auch der Grund, warum man wirklich genau so ein Rad haben sollte.

Denn nehmen wir einmal an, jemand möchte einen dazu ermutigen, die Eßgewohnheiten vegan auszurichten. Richtig, sagen Sie dann, es ist furchtbar, was mit den Tieren geschieht – und da geht es ja nicht nur um Massentierhaltung, sondern auch um Umweltschäden durch Benzin, wenn afrikanische Flussdeltas verdreckt werden oder die Fische bei Tankerunglücken sterben, ganz grässlich, man fragt sich, wie Menschen es überhaupt verantworten können, hier nicht die Folgen zu betrachten und zu bedenken, wie viel Tierblut doch im Benzin steckt. Aber Sie, Sie fahren natürlich auch im Winterrad und zwar wirklich umweltbewusst – und hier nun kommt die technische Ausführung aller Details, die Sie bei Ihrem Winterrad bedenken und die anderen sträflich, sträflich übersehen, wenn sie vegan essen, aber tiermassenmordend Auto fahren.

Oder jemand möchte Ihnen erklären, dass wir die Grenzen öffnen müssen, weil der deutsche Raubbau an der Natur für Klimaerwärmung sorgt und das wiederum die Menschen zur Flucht treibt. Sie haben ein 22 Jahre altes Rad gerettet, sagen Sie mit einem liebevoll-nachsichtigen Gesichtsausdrucks eines fastpensionierten Soziologielehrers aus dem schönen Münster, dem ein Schüler gerade erzählt hat, er sei AfD-Erstwähler, und tragen alte Kleider auf, wenn Sie damit durch die Stürme radeln. Sie machen die Klimaveränderung nicht, ihr Tweedsakko ist 10 Jahre alt und mit Cashmere, aber jene, die bei H&M kaufen, und meinen, sie hätten im Winter Anrecht auf neue Garderobe, diese Menschen, die sollten sich mal überlegen, warum sie eigentlich nicht auch die Freuden der sieben Gänge hinten im Winter gegen ihren perversen Luxus eintauschen, denn so eine Kette halte 3000km und es gäbe kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleider und man wäre gern bereit, zur Rettung des Klimas und der Grenzen die Vorteile einer 95er Deore LX zu erklären, als die wären: …

Sie verstehen, was ich meine. Niemand fährt in Deutschland im Winter gern mit dem Rad durch, noch nicht mal ich mache das, wir sind alle mal bequem und faul und suchen uns eine andere Moral, die wir anderen zu unserer eigenen Überhöhung verdeutlichen. Wir tun das mit der charakterlichen Verkomm Vollkommenheit, mit der Cem Özdemir seinem Akku- und Stromrad  nachsagt, es sei „emissionsfrei“. Ein 1995er Scott American, im Winter durchgefahren – man kann das ja einfach behaupten, wenn das Rad zumindest herumsteht – schlägt das alles. Jeder grüne Dienstpedelecminister ist dagegen die reinste Umweltbelastung, die sich fragen lassen muss, wo eigentlich der Strom für das Rad produziert wird, und warum so ein abgehobeneer Luxusradbesitzer sich zu fein zum proletarischen Treten ist. Das Scott ist ein Rad ohne jedes Privileg, und daher ideal geeignet, jeden anderen zum Check seiner Privilegien zu zwingen. Die Flugzeugbenutzer. Die Bahnfahrer, die sich über Verspätungen beschweren. Die Leute, die Bus eine Heizung erwarten. Die Klimaretter, die mehr als 7 Grad in ihrer Wohnung haben. Die Warmduscher und die sozial Gerechten. Die Metoo-Verbreiter mit China-Handies und Atomstrom. Die Leute, die der Meinung sind, dass man mehr vom eigenen perversen Luxus abgeben sollten, und dabei gern bei anderen anfangen. Sie alle kann man darauf hinweisen, dass man selbst.

Im Winter!

In Deutschland!

Bei diesem Wetter!

Konsequent!

Alles!!!

Mit einem 22 Jahre alten Scott American wenn nicht etwa mit einem 6000€ teuren Scott CR1 macht, das man bei der Caritas gekauft und gerettet hat, um seiner Verantwortung im Gegensatz zu Privileg X gerecht zu werden. Man selbst ist nicht nur dabei, man radelt dem Fortschritt voran. Man hat längst für sich selbst die richtigen Konsequenzen gezogen, während andere immer nur reden.

So macht man sich natürlich keine Freunde, denn niemand mag Tugendterroristen, die noch extremer als man selbst sind, und einen dann auch noch eine halbe Stunde lang die Feinstaubreduktion bei Verwendung ihrer alten Coolstop-Beläge im Unterschied zu den neumodischen Scheibenbremsen anderer Leute Pedelecs erklären. Jede billige Chinagabel mit Federung enthält Öl, ja Öl zur Dämpfung und ein weiteres Argument, warum der andere bei einem wahrhaft ganzheitlichen Ansatz nicht aufgepasst hat. Man wird sich hüten, Ihnen gegenüber noch einmal Themen anzuschneiden, die Ihnen die Rolle des entbehrungsreichen Franziskus unter all den fettigen Tartuffes überlassen, die auch nur erzählen, was sie irgendwo über Glyphosat und Raubbau in der Dritten Welt gelesen haben. Denn die Zeiten, in denen die Bigotterie noch mit Kirchenbesuchen, Reliquien, Beichtzetteln und Rosenkranz mühsam erworben wurde, sind vorbei. Die richtige Gesinnung bekommt man billig in den richtigen Tugendmedien. Aber es gibt nun mal zwei Arten Menschen auf dieser Welt, die einen werden von einem ausgebeuteten Lieferanten mit der Prantlhausener Zeitung beliefert, und die anderen haben ein seelenschwarzes Scott American von 1995 und behaupten, es ohne Rücksicht einzusetzen. Auf der Strasse und im Gespräch, mit allen Details, die den Fanatiker ausmachen und Amateure der Bigotterie schnell ermüden.

Man darf halt dann bei Twitter kein Video posten, wie man mit dem SLK einen neuen Rekord nach Mailand in den Asphalt gebrannt hat, mit 18l/100km zur Caravaggio-Ausstellung, und dann weiter an den Comer See. Dieser grosse Verzicht ist der wahre Preis der Tugend. Ansonsten lohnt sich das Scott aber wirklich.

24. Okt. 2017
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22. Okt. 2017
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Die Zeit des Redens ist im Augstein-Berg-Sargnagel-Tunnel vorbei

Civilizations die from suicide, not by murder.
Arnold J. Toynbee

Ich mag Menschen mit Prinzipien, denn ich bin selbst einer, und ich mag Menschen mit Moral, denn ich habe davon mindestens zwei, je nach Bedarf, und diesen Bedarf gibt es in meinem Leben oft. Weil, schauen Sie, bei SPON wird gerade von einer Frau Berg der Schwarze Block der Antifa mitsamt seinen Methoden gegen “Rechts” gelobt, und da kann es natürlich sein, dass auch ich, wenn ich meine Heimatregion verlasse, mir so einen gedruckten Spiegel trotz meiner Ablehnung von Gewalt gut sichtbar hinter die Windschutzscheibe lege. Das ist zwar schlecht für meinen sonst eifrig gepflegten Ruf als Bildungsbürger, aber gut für die Sicherheit bei der Fahrt durch weniger vom Schicksal begünstigte Regionen, die eine Antifa-SPON-Koalition aufweisen. Irgendwann einmal, wenn es wieder nötig sein sollte, mache ich das. Si fueris Romae, Romano vivito more; si fueris alibi, vivito sicut ibi.

Das „wunderbare Buch“ ist diese anarchistische Kampfschrift. Allerdings bin ich für die Verhältnisse meiner echten und adaptierten Heimatregionen sicher näher an der Antifa denn am gesellschaftlichen Grundkonsens, der in vielerlei Hinsicht für mich selbst völlig unwählbar ist: In Bayern haben CSU, AfD und Freie Wähler eine erhebliche Mehrheit. Meine Sieneser Bekannten träumen von einem Großherzogtum Toskana. Die Lombardei und Venetien stimmen heute unter rechter Dominanz über ihre Autonomie ab, Meran liegt in Südtirol und dort herrscht die SVP, und dazwischen muss ich durch Österreich. Ich drehe privat die Hand nicht zwischen ÖVP, SPÖ und FPÖ um, das sind meiner Erachtens alle die Gleichen – aber die öffentliche Meinung meint auch dort einen massiven Rechtsruck zu erkennen. Und schon bei den Wahlen zu den Länderparlamenten in Österreich vernahm ich von deutschen Aktivisten ein Stöhnen und die Ansage, dass sie nun nie mehr in Linz anhalten, sondern immer nur zwischen dem auch nicht mehr so ganz roten München und dem rotgrünen Wien durchfahren würden.

Denn in Wien, da gibt es die Stefanie Sargnagel und den Robert Misik und den Falter und das Tatblatt und den Standard und die Futurezone und man hört FM4 und niemand rückt am Sonntag in Tracht aus, um mit dem Gewehr zur Blasmusik in die Luft zu schiessen. Wien ist wie Berlin, nur halt auf österreichisch und der Kaffee ist besser, und Wien steht für Österreich auch genau so, wie Berlin für Deutschland steht: Überhaupt nicht nämlich, und so erklärt sich auch die Vorliebe deutscher Medien für Protagonisten einer Wiener Kulturkruste, unter der man bei Wahlen öfters mal mit grossem Entsetzen feststellt, dass dort mehr die Krone als das Werk von Frau Sargnagel gelesen wird. Auch ist Österreich in seiner Gänze kein Klagenfurter Vorlesewettbewerb, sondern ein bergiges Land. Wäre es Afghanistan, würde man in Deutschland die Diversität der verschiedenen Stämme loben, aber es ist halt nur Österreich, und dass dort keine Frauen beim Ehebruch gesteinigt werden, und statt Haschisch mehr echte Heumilch produziert wird, hilft im öffentlichen Ansehen auch nicht weiter: In all den Tälern, auf dem hügeligen, flachen und bergigen Land, da haben sie jetzt den Kurz und sogar den Strache gewählt. Obwohl ihnen die Süddeutsche Zeitung deutlich gesagt hat, dass sie das nicht tun sollen.

Und Frau Sargnagel reist umher, tröstet ihre Anhänger und fordert weiter die Abschaffung des Männerwahlrechts. So ist das. Frau Sargnagel wundert sich öffentlich, warum der Stand des Neurechten Götz Kubitschek noch auf der Buchmesse steht, und die Deutschen wundern sich, wie man Kurz und Strache wählen kann, wenn es doch auch so liebreizende, kluge, witzige, charmante, spannende und authentische Stimmen des Volkes wie Frau Sargnagel gibt, die so wunderbare Texte aus dem Leben schreibt. Es ist ein Mysterium der Filterblasen in den immer gleich denkenden Metropolen, die überhaupt nicht verstehen, warum man jenseits der Innenstadtbereiche nicht mehr den wohlmeinenden Empfehlungen zur Handarbeits-Antifa, Aufstehen gegen Rechts, Twittern für Metoo, zu veganem Streetfood und politischen Slogans auf Jutetaschen folgen will. No Borders, No Nations heisst die Devise, und es mag auch sein, dass Migranten in die Innenstädte kommen – aber um die Innenstädte herum, da bilden Regionen mit unerträglichen Einstellungen eine neue, nationalistische Grenze des Grauens.

Weshalb man in Berlin schon nicht mehr in’s verpönte und alles umgebende Brandenburg fährt, sondern “auf’s Land”. Und bis zum letzten Freitag konnte man sich auch in den Zug setzen und nach Prag fahren, was bis dahin auch so eine schöne, beliebte, urbane, kunstsinnige, entspannte Metropole war. Also, wenn man nicht so genau hinschaute und es in Ordnung fand, dass für den Tourismus der Prager so weggentrifiziert wurde, wie der biertrinkende Prolet der DDR auch aus Friedrichshain gen Lichtenberg zu verschwinden hatte, wo man ihm nun Siedlungen für jene Flüchtlinge zugesellt, für die man im multikulturellen Kreuzberg leider, leider keinen Platz hat. Berlin schafft das, mit etwas gutem Willen ging es, und Prag war auch nicht anders, wenn man ignorierte, dass die Prager Lehrerin während der Ferien bei der deutschen Kulturelite putzte, die dafür im touristischen Prag das Wohnen verteuerte – bis Freitag. Jetzt gab es dort Neuwahlen. Sie gingen klar für Kräfte aus, die dem deutschen Primat in Europa nicht folgen, und, schauen Sie, weil auch ein wenig tschechisches Blut in meinen Adern fliesst, möchte ich vielleicht darauf hinweisen, dass es da so ein paar historisch bedingte Vorbehalte gegen deutsche Protektion gibt: Vielleicht schaffen es die deutschen Feuilletons es ja diesmal, die Tschechen und ihren freien Willen so rücksichtsvoll zu behandeln, dass sie nicht wie jüngst die viel gescholtenen Polen auf die Idee kommen, die Frage der Weltkriegsreparationen neu zu eröffnen.

Das wäre wirklich sehr nett. Gerade Bayern hatte wegen der Benes-Dekrete, der uneinsichtigen CSU und ihrer chauvinistischen Flüchtlingsverbände jahrzehntelang ein unnötig miserables Verhältnis zu den Tschechen. Da sollte man nicht hin, wurde einem im kalten Krieg gesagt, so wie jetzt öfters mal zu lesen ist, dass ein anständiger Deutscher auch nicht nach Sachsen fährt. Sachsen ist mit der Wahl in Tschechien jetzt aber auch nur noch der nordwestliche Frontstaat einer politisch unerwünschten und aus Hamburger und Berliner Sicht nicht hinzunehmenden Großregion, die Ostdeutschland (außer Berlin), Polen, Bayern, Tschechien, die Slowakei, die Schweiz, Österreich (außer Wien), Ungarn und Oberitalien umfasst. Ich lebe und ich reise dort, und ich kann schon mal sagen: Der restdeutsche schwarze Block der Antifa, den Frau Berg im SPON beschwört, diese Sturmtruppen des einzig wahren Lichts wären in dieser Zone der Finsternis nicht wohl gelitten. Und als Menschenfreund, der stets bereit ist, beiden Seiten ihre Moral zu belassen, solange man mir meine Privilegien lässt, erkenne ich natürlich das Problem, wenn nun die verbliebenen Städte der Aufklärung Wien und Berlin isoliert in feindlicher Umgebung bleiben müssen. Niemand hat die Absicht, durch Sachsen, Tschechien und Österreich einen neuen Danziger Korridor zu legen.

Und Flugreisen, das hat man in progrünen Wiener Kreisen gerade wieder getestet, sind zwischen Berlin und Wien auch nicht wirklich eine Option, weil es da immer noch ein Problem mit dem Flughafenbau gibt. Was also tun, wenn auf dem Erdenrund andere als die gewünschten Lichter angehen und es für das Ansehen der urbanen Eliten unverzichtbar ist, den Abscheu vor falschem Wählerwillen durch boykottierende Verachtung auszudrücken? Wenn man schon nicht mal mehr nach Prora und Usedom zu den Modernisierungsverweigerern fährt, kann man erst recht nicht über die Höcke-Babis-Strache-Transversale nach Wien. Es muss einen sicheren Fluchtweg zwischen den Metropolen der Erleuchtung geben, damit man sich ungehindert trösten und der einzig richtigen und alternativlosen Einstellung in den richtigen Cafes und staatlich bezuschussten Lesebühnen versichern kann. Ich bin moralisch flexibel, ich würde mir auch den Spiegel bei den Reisen ins Antifaland ins Auto legen, aber man kann natürlich von gefestigten Aufklärern nicht erwarten, dass sie die Verlagsvorschau des Antaiosverlags oder Kopp-Bestseller beim Sachsentransit vorweisen. Ich habe nachgedacht, und weil ich ja dauernd durch die Berge fahre und am Brenner-Basistunnel vorbei komme, auch eine Lösung gefunden:

Wir brauchen einen Augstein-Berg-Sargnagel-Tunnel von Hamburg nach Berlin und weiter nach Wien, in die Frontstadt des neuen, kalten Kriegs in Europa. Der Weg ist, zugegeben, nicht ganz kurz, aber er garantiert wie die Geisterbahnhöfe im Berlin der DDR, dass niemand in Kontakt zu anderen Leuten kommt, die eine abweichende Meinung haben, oder gar auf die Idee kommen, diskutieren zu wollen, und das auch unter der unverschämten Bedingung, dass sie einem am Ende nicht zustimmen und auch nicht drei Metoo-Tweets und eine Spende für das Zentrum für politische Schönheit absetzen müssen. Ich lebe hier in so einer AfD-Hochburg mit 15,1% – Sie glauben gar nicht, was die Leute hier alles so öffentlich sagen, ohne dass man ihnen dafür einen Stand der Kahanestiftung vor die Nase setzt. Der Augstein-Berg-Sargnagel-Tunnel dagegen könnte Intershops einplanen, mit TV-Geräten, die nur drei Staatsfunkprogramme empfangen, und Bücher aus sauber gereinigten Bestsellerlisten. Kurzweil würden nur der Spiegel, Die Zeit, Der Standard, die taz und die Untergrundversion von linksunten.indymedia bieten.

Der Wahrheitsexperte Leo G. Fischer von der Titanic hätte die richtigen Voraussetzungen für die nötigen Säuberungen. Bei der Süddeutschen Zeitumg könnte man eine Abzweigung errichten, und dort einen Zukunftspark Europa 3000 aufbauen, wo alle friedlich und im Konsens zusammen leben, wie auf einem Wandgemälde in Peking. An jedem Kilometer gäbe es ein Notruftelefon, mit dem man beim NDR anrufen und die Fakten auf die richtige Einstellung prüfen lassen kann, und das Gratisinternet dort unten wird von Heiko Maas persönlich handkuratiert. Über den Augstein-Berg-Sargnagel-Tunnel kann man auch schnell die Einsatzkräfte der Antifa verlegen, wenn es nötig ist, und in alle Belüftungsschächte sind natürlich Gedankenfilter aus reinem Globuli eingebaut. Von Hamburg aus geht es dann in die Welt, sofern sie eben noch weit und richtig denkend ist, also momentan noch Schweden, Kanada, Brooklyn, die EU-Kommission in Brüssel und das Silicon Valley.

Dass der Rechtsruck nur eine Phase ist, das hört man über Ungarn nun schon seit Orbans Amtsantritt, und es sieht gerade nicht so aus, als würde sich die als finster wahrgenommene Zone zeitnah verkleinern. Ich befürchte zwar, dass nach BER und Elbphi und den diversen Korruptionsskandalen in Wien der Bau des Augstein-Berg-Sargnagel-Tunnels ebenfalls eine gewisse Weile dauern könnte, und wegen leichter Konstruktionsfehlern auch an Orten herauskommt, die man gar nicht eingeplant hatte, wie etwa Pjönjang, Teheran oder Mogadischu. Aber für das reine Gewissen der urbanen und tonangebenden Eliten, die die richtige Einstellung haben und nur mit ihresgleichen reden wollen, sollte der Gesellschaft kein Preis zu hoch sein.

Was? Die Kosten? Ach was, die sind läppisch, die Kosten für die Untergrundversorgung mit dem staatstragenden Augstein-Berg-Sargnagel-Tunnel kann man gleich mit dem Rundfunkbeitrag einziehen, und den laufenden Betrieb über die oberirdische Autobahnmaut finanzieren, während da unten natürlich jeder zur Erreichung der E-Auto-Quote einen staatlich geförderten Gratis-Tesla bekommt In knallgrün, Sondermodell Göring-Eckardt.

22. Okt. 2017
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19. Okt. 2017
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Berliner Schulpolitik als Fluchtursache in der 3. Welt

Jugend will, daß man ihr befiehlt, damit sie nicht gehorchen muß.
Jean-Paul Sartre

Da, schauen Sie mal, Jamaika! Sind die nicht drollig, die Politiker? Oder da, Österreicher, die nicht verstehen, was sie wählen müssen! Hübsch, nicht? Oh, und ein Sexskandal mit Hashtag! Das müssen Sie alles gelesen haben. Sie müssen doch nicht an so schwere, komplexe Themen wie Schule denken, das sind nur Nachrichten von letzter Woche, da lässt sich jetzt ohnehin nichts mehr ändern und… Ach? Sie sind doch unzufrieden, wütend, enttäuscht, weil die IQB-Studie genau das bestätigt, was Sie schon länger mit ihren Kindern erlebten? Also, wissen Sie, ich habe ja keine Kinder, ich lese nur manchmal Fragen junger Mütter aus Berlin oder Nordrhein-Westfalen, mit wem sie schlafen müssen, damit ihre Töchter auf eine gute Schule kommen. Also gut. Reden wir über den Schulbericht. Aber bitte mit dem richtigen Klassenstandpunkt.

Es sind ja nicht nur meine Bekannten, die in Berlin ein Problem haben, und mehr oder weniger still beim Versuch vor sich hin leiden, eine gute Schule zu finden. “Gute Schule” ist da ein Synonym für “niedriger Anteil an lernproblematischen Kindern mit MiHiGru”, aber das sagt man selten so deutlich. Es gibt manchmal, etwa nach der Bundestagswahl, einen wütenden Beitrag in der Bild über die Zustände in den Toiletten Berliner Schulen, und ich denke, da hat die Bild auch recht – das ist alles in einer Linie mit dem, was ich von sozial bewegten Müttern höre, die eher die taz lesen. Ich dagegen pflege keine Kinder, ich pflege einen wohlgeratenen Zynismus und Vorurteile. Ich sage, dass all die Freiheiten Berlins, die offenen Grenzen, die Spaliere von kommunikationsfreudigen Drogenhändlern, die letzthin in der ZEIT gelobt wurden, das Fehlen der Schlagstock- und Sozialkontrolle (außer bei fehlenden Gendersternchen) und die dort gelebte Seelenerziehung ohne Einflüsse westdeutscher Spießermoral, nun auch unvermeidliche Auswirkungen auf Verwaltung und Schulen haben. Man kann nicht erwarten, dass in so einer gelebten Freiheit Matratzen auf der Strasse entsorgt und Graffiti gemalt werden, und Ämter und Schulen gleichzeitig streng und effektiv die Kinder erziehen, wie ihre Eltern es daheim in Tübingen und Straubing erlebt haben.

Das Ergebnis ist, von der Höhe meines bayerischen Klassenstandpunkts aus betrachtet, dass Kinder, die in Berlin nach der vierten Klasse in die verbliebenen Gymnasien wechseln könnten, beim westdeutschen Bildungs- und erstaunlicherweise auch AfD-Spitzenreiter Bayern in die dritte Klasse zurückgestuft werden müssten, um den bis dahin erberlinerten Rückstand aufzuholen. Dort lernen sie zwar nichts über so wichtige Sozialkompetenzen wie “Puff für Alle” oder homosexuelle Genderorientierung. “Zuhören” ist in Bayern kein Kriterium zur Beurteilung von Schülern, sondern Grundvoraussetzung, wenn der Weg nicht direkt zum qualifizierten Hauptschulabschluss führen soll. Aber wer wirklich, wie so oft geäußert, nur das Beste für das eigene Kind will, müsste sich eigentlich fragen, warum er nicht konsequent ist und dorthin zieht, wo Schulen schon einen neuen Anstrich erhalten, weil die Schlossfarbe ein wenig ausgebleicht ist. So wie bei uns am Tegernsee.

Zugegeben, der Aufmarsch der Kinder in der ersten Klasse mit Dirndl und Lederhosen entlang der einzig bekannten Geschlechtergrenze ist jetzt nicht jedermanns Sache. Aber wenn ich wählen müsste, ob ich meiner Tochter ein rosa Dirndl kaufe oder mit einem Berliner Bildungspolitiker ins Be… also, ich wüsste, was ich dann täte. Ich erkläre das auch immer wieder meinen Berliner Bekannten, und darunter sind auch einige, deren Kompetenzen bei uns gesucht werden, denn wir haben Vollbeschäftigung. Die Antwort ist oft gleichlautend: Berlin sei nun mal billig, da könnte eine Alleinerziehende oder ein Paar auch mit wenig Geld, aber einer günstigen Sozialwohnung zwei Kinder erziehen. Das ist bei uns am Tegernsee – die Mieten liegen hier längst über 10€/m² und wer hier lebt, kauft ohnehin eher – kaum möglich. Früher habe ich das einfach so akzeptiert, aber wegen der neuen Schulstudie habe ich Zweifel, ob das gerechtfertigt ist.

Nehmen wir einfach mal Gmund am Tegernsee, wo diese entzückende Brücke voll mit Kindern über die Mangfall führt. Eine Wohnung, die lediglich durch eine parkartige Alm mit Seeblick von der Grundschule getrennt ist, kostet mit 100m² momentan 1100€. Das sind natürlich 600€ mehr als eine Sozialwohnung in Berlin, aber dafür bekommt das Kind auch eine Spitzenausbildung im deutschen Vergleich. Laut Studie liegen die Kinder in den schlechten Schulstandorten Bremen und Berlin in der vierten Klasse schon ein halbes Jahr zurück. Hat eine Familie zwei Kinder, ergibt sich in vier Jahren Grundschule ein kombinierter Nachholbedarf von einem Jahr. Da kann die Familie einfach zuschauen, und mit den langfristigen Folgen in Form von schlechteren Chancen bei Studium, Arbeitsmarkt und dem gesamten Dasein leben. Oder es steuert dagegen an, und bringt das Kind privat mit selbst geleisteter Nachhilfe auf den nötigen Stand. Bei uns ist die Miete zwar teurer, aber die bessere Schulbildung bekommt das Kind gratis von bayerischen Staat.

Wer bei uns arbeitet und einigermaßen normale Voraussetzungen hat, kommt leicht auf einen Stundenlohn von 20€ netto. Ein Paar erarbeitet die Differenz zur teureren Wohnung also in 30 Stunden pro Monat. Die beiden Berliner Kinder dagegen verlieren im Vergleich zu ihren bayerischen Gegenstücken bei 120 Monatsstunden rund jeweils 15 Stunden Lernleistung pro Monat – eine Lernleistung, die Berliner Eltern theoretisch selbst nachtragen müssten, nur damit ihre Kinder dann nach Berliner Vorstellungen verhasste Streber sind, und durch den Schulhof geprügelt werden. Die günstigere Miete in Berlin wird unter diesen Gesichtspunkten von der Eigenleistung der Eltern für das Schulversagen wieder aufgefressen. Vielleicht ist es auch einfach so, dass Berlin genau das in die kurzfristige Wohnungsförderung steckt, was Bayern in die langfristige Erziehung investiert. Und sage mir bitte keiner, die Grosseltern in der westdeutschen Provinz würden in solchen Heimkehrfällen nicht gern die ein oder andere Wohnung verfügbar machen, oder zumindest mit Geldscheinen diese Einsicht honorieren.

Andere Aspekte sieht so eine Untersuchung erst gar nicht, aber ich möchte darauf verweisen, dass man sich am Tegernsee teure Urlaube in den Bergen sparen kann – man wohnt schließlich schon dort, wo andere sich den Urlaub nicht mehr leisten können. Natürlich entwickeln sich Kinder anders, wenn um sie herum kein Moloch einer Stadt ist, sondern ein Naturschutzgebiet. Natürlich sind Kinder erheblich gesünder, wenn weniger CO2 und Feinstaub in der Luft ist, und natürlich sind sie entspannt, wenn der Spielplatz zum Spielen da ist, und nicht als Lager für zerbrochene Flaschen dient. Außerdem ist die Beziehung zwischen Eltern und Kindern deutlich besser, wenn das unangenehme Lernen in die Schule ausgelagert wird, und die Eltern keine Nachhilfelehrer, sondern nur für die Gaudi da sind. Neigungsgruppe Kajak und ein Schulstrand beim späteren Gymnasium Tegernsee sind zwar nicht so wild wie Sprayerkurse in Berlin, aber es gibt nun mal bestimmte Klagen von Eltern, die ich hier in den Bergen noch nie gehört habe, und aus Berlin dauernd lese.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich besuchte ein bayerisches Elitegymnasium, das schon Ende der 12. Klasse mit dem Abiturstoff mehr oder weniger durch war, und das uns in den MINT-Fächern noch zu Inhalten jenseits des Lehrplans peitschte, die ich nie brauchen sollte. Bei uns konnte man vor versammelter Mannschaft gedemütigt werden, wenn man nur einen Zettel mit Tesa an eine Glastür hängte. Es gab nur Frontalunterricht und teilweise sadistische Lehrer, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Der Drill, den wir damals erlebten, war definitiv zu viel, und ohne die damals übliche Freiheit am Nachmittag wäre das System kaum auszuhalten gewesen. Auch das damalige System hat kleine, brutale Bestien hervorgebracht, die einem von hinten den Hockeyschläger über den Kopf schlugen. Und ich, der ich Sie heute hier beplaudere, war in Deutsch wegen meiner nicht erwünschten literarischen Phantastik ein ausgesprochen schlechter Schüler, weil ich von den Normen abwich. Es ist schon gut, dass es die bayerischen Gymnasien unter Strauss nicht mehr gibt, die Kinder nur betrichterten und kaum in ihren Eigenheiten förderten. Berliner Freiheiten und Unterrichtsausfälle wären bei uns unvorstellbar gewesen.

Aber auf der anderen Seite sieht man jetzt, dass das gegenteilige Extrem mit Schreiben nach Gehör, Abschaffung von Noten, Inklusion und Betrachtung von Schulen als Kostenfaktoren mit gleichzeitiger Sozialisierung der Defizite auch nicht gut ist. Man hätte den Druck, den ich zu spüren bekam, schon damals durch den Wechsel auf eine andere Schule beenden können, und Debatten um gute und schlechte Schulen kenne ich hier auf dem Land nicht: Es gibt hier im Hintergrund ein rigides Kontrollsystem der Schulen, das Berliner Verhältnisse verhindert, lange bevor sie entstehen. Dafür haben wir hier keine Späties und kein Berghain und statt der Volksbühne nur Bergfilmtage. Es ist anders, weil es ein anderes Land ist. Aber wenn ich das Schicksal meiner Kinder wirklich ins Zentrum meiner Bemühungen stellen würde, verstünde ich nicht, wie man denen ein anerkannt und nachweislich schlechtes System zumuten kann, das in einer von Bildung abhängigen Nation wie Deutschland eine lebenslange Benachteiligung zur Folge haben wird. Zumal, wenn es 600km weiter südlich ganz anders ist.

Natürlich importiert man mit Berlinern ein gewisses Risiko, wie Berlin zu werden, weshalb dieser Beitrag bei meinen bayerischen Mitmenschen nicht ungeteilte Zustimmung finden wird. Aber ich habe keine Zweifel, dass nur die wenigsten dem Ruf folgen werden, denn in Berlin regt man sich über die Zumutungen einen Tag lang auf, um die restlichen 364 verächtlich auf Regionen zu schauen, die nicht so frei und aufgeklärt sind, und mit mehr Geld die Berliner Misere beheben sollen. Abweichler fallen schnell der Damnatio Memoriae anheim. Und dann gibt es dort noch all die Privatschulen, die es erlauben, später unbeschwert von persönlicher Erfahrung und verprügelten Kindern darüber zu urteilen, welche Beurteilung von Migration und globaler Fairness jene ist, die man zu vertreten hat, um so im einzig wahren Konsens zu sein.

Die sozialen Methoden der grossen Freiheit in Berlin wirken natürlich nur zufällig wie der ideologische Drill an einem bayerischen Provinzgymnasium unter Strauss.

19. Okt. 2017
von Don Alphonso
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14. Okt. 2017
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Separatismus als Dünger der guten Staaten

No dumb bastard ever won a war by going out and dying for his country.
George S. Patton

Also, wissen Sie, Sie kennen das vermutlich auch. Sie leben gedankenfrei und angenehm in den Tag hinein, die Sonne lacht vom Herbsthimmel, und in der Silberkanne schimmert der Tee. Von der Wand werden Sie angelächelt, von den Schönheiten Ihrer Gemäldegalerie, und eigentlich ist alles in Ordnung.

Sie waren gerade noch in Italien, und die Sexskandale anderer Leute berühren Sie nicht, weil Sie, wie Tucholsky das einmal so schön formuliert hat, alle bekommen, die Sie wollen, weil Sie nur die wollen, die Sie auch kriegen. Viele wollen auch nur einen einzigen Partner und Kinder, und haben es, und sind einigermaßen zufrieden. Sie haben Freunde, eine Unterkunft, fließendes Wasser und sprudelnde Apanagen, Ihre Bäckerin kennt Sie mit Ihrem Namen und der Biergarten, den Sie im milden Wetter mit Ihrer Anwesenheit beehren, erfreute schon Ihre Urgrosseltern. Es passt. Sie sind hier daheim. Glauben Sie. Sie täuschen sich. Und zwar bundesamtlich:

Das hat vor kurzem das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im Internet abgesetzt. Ein Bundesamt, das für Asylbewerber und nicht für Deutsche zuständig ist, und im Zweifelsfall auch mit verantwortlich für die Ausreise bei Ablehnung des Asylverfahrens sein sollte, verwendet das Wort “Geflüchtete”, das ich bis vor 2 Jahren eigentlich nur aus dem Wortschatz des linksextremen Flügels der Piraten mit ihren Neusprechanwandlungen kannte. Härter – und so etwas kenne ich noch nicht einmal von K-Gruppen – ist die Bezeichnung für länger hier lebende Migranten und auch für Angehörige des deutschen Staatsvolkes, die laut Grundgesetz den Souverän und damit auch de Beherrscher dieser Behörde stellen: Beheimatete. Beheimatet ist das faule Miesbacher Fleckvieh im Oberland, der possierliche Bachratz ist in den Kanälen an der Spree beheimatet, und möglicherweise ist auch die ein oder andere betäubungsmittelgesetzwidrige Pflanze nahe des ein oder anderen Bundesamtes beheimatet. Aber so schön kann ein Herbsttag gar nicht sein, dass ich – und viele andere mit mir – gerne von einem Amt mit Flora- und Faunabezug degradiert werde, egal wie die Begründung des Amtes für Neusprech lauten mag. Und ich mag es nicht, selbst wenn das in einer Traditionslinie zum ostdeutschen Diktum “die, die schon länger hier sind” steht. Ich bin deutscher Staatsangehöriger und nicht einfach nur hier “beheimatet” von einer Behörde, die im Ämterchaos der letzten Jahre auch Herrn Amri und seine Tarnidentitäten hier mit beheimatete.

Auch das freundlichst gesonnene Gehirn eines deutschen Staatsbürgers einer kleinen, dummen, oberbayerischen Stadt an der Donau kommt nicht ganz um den kurzen Moment herum, da es einen Gedanken wagt, und der lautet in etwa so: Es ist ein Amt. Theoretisch könnte eine Mehrheit der Wähler zwar Parteien wählen, die das Amt wegen dieser Unverschämtheit auflösen und dafür sorgen, dass die Freunde antideutscher Beleidigungen nie wieder Staatsgeld bekommen. Aber so weit wird es nie kommen, noch nie wurde eine derartige Organisation freiwillig von Abgeordneten aufgelöst, sondern im Falle des Versagens immer nur erweitert, mit teuren Stellen versehen und mit Geld überschüttet. Man wird diese Leute und diese Ämter nicht los, irgendwo in Berlin ist ein Ministerium, ein Staatssekretär, ganz viele Beamte dazwischen, und jede Eingabe würde dort versanden. Wie gesagt, ich war gerade in Italien, einem Land mit starkem Bewusstsein für Region und Nation, wo selbst linke Politiker Schärpen mit Trikolore stolz um die Bäuche tragen: Da würde man sich beleidigt fühlen. In Deutschland muss. man. damit. leben.

Nun könnte man zum Biergarten fahren und das hinunterschwappen und im Bier ersäufen, aber ich bin Antialkoholiker und trinke dort nur Johannesbeerschorle. Ausserdem war ich gerade in Italien, ich habe da gute Bekannte, und da sagen sie einem in der Toskana: Ja, gut, der Luciano war zwar aus Ligurien, aber er war trotzdem einer von uns! Oder in Oberitalien, links vom Po, da sagen einem dunkle Südländerinnen von der Lega Nord mit Funkeln in den mediterran schwarzen Augen, dass sie ja eigentlich, genetisch betrachtet, blonde, weisse Kelten wie die meisten Bayern sind, und daher eigentlich zum Staat Padanien gehören. Ich reiste durch Südtirol, wo Ansichten zur Volkszugehörigkeit an Schulen gelehrt werden, die bei uns einen sofortigen Strafstand der Kahane Stiftung auf dem Pausenhof zur Folge hätten. Dann bin ich auf der Landstrasse zum Brenner hoch, und siehe da: Mitten im grenzenlosen Europa hat man während meiner Abwesenheit über die Strasse nach Tirol ein nagelneues Zöllnerhaus errichtet. Nur wegen der Einreiseversuche der Geflüchteten.

In Tirol wird dieses Wochenende gewählt, und es ist absehbar; dass dort zwei Parteien eine grandiose Mehrheit einfahren werden, die eigentlich verfeindet sind: Denn die Vorgänger der einen waren die Austrofaschisten und die Vorgänger der anderen das, was man in Österreich verschämt als “Drittes Lager” bezeichnet, vulgo die Deutschnationalisten. Es ist herrlich, wieder nach Deutschland zu kommen, wo völkisches Denken bei weitem nicht so ausgeprägt ist, aber zwischen “nicht völkisch” und “bereit, sich beim Twitter einer deutschen Behörde als “Beheimateter” beleidigen zu lassen” ist ein unüberbrückbarer Abgrund. Meine toskanischen Freunde würden da ihr altes Grossherzogtum oder gar Stadtstaaten der Renaissance dagegen halten, meine Mantuaner Bekannten würden sich für das – historisch völlig absurde – Padanien erwärmen, in Südtirol gäbe es einen Volksaufstand und in Tirol würde man darauf hinweisen, dass man als Erzherzogtum ohne das rote Wien auch gut gefahren ist. Kurz, so eine amtliche Arroganz gegenüber den Menschen ist der Funke, der besser vom Pulverfass des Separatismus ferngehalten wird.

Denn der Separatismus sieht den Menschen und Bürger ganz anders. Er kann nur gedeihen, wenn er den Menschen besser behandelt, ihm mehr verspricht und mehr Anerkennung bietet, als eine ferne Zentralregierung. Das wird gemeinhin als Populismus verdammt, ganz im Gegensatz zu Forderungen, Bundesländer in Deutschland oder Staaten in der EU wegen unerwünschter Wahlergebnisse auszuschließen. Aber ich habe da ein wenig nachgedacht und bin als Bayer zu einem anderen Ergebnis als ein Deutscher gekommen. Weil, schaun’S, es ist doch ah so:

Wir haben in Deutschland aus guten Gründen eine Demokratie und eine soziale Marktwirtschaft. Beides ist dazu da, um weder politisch noch gesellschaftlich eine Gruppe zu stark werden zu lassen. Keine Gruppe soll am Bratspiess der anderen enden. Das wurde lange Zeit geglaubt, aber inzwischen gibt es Zweifel, ob es wirklich noch so funktioniert. Die Wirtschaft brummt, die Löhne stagnieren, die Abgaben steigen. Der Staat sagt in Form der Kanzlerin, er könnte die Grenzen nicht schützen, und “jetzt sind sie nun mal da”. Diese Politik ist alternativlos, und sie bleibt alternativlos, wenn in Brüssel eine Kommission, die kein Bürger direkt wählen kann, eine E-Auto-Quote beschließt und eine Vergesellschaftung der Staatsschulden fordert. Ich kann heute zu der einen Bäckerin gehen und morgen zur anderen, ich kann den Biergarten wechseln und – noch – das Auto. Im Bereich der Wirtschaft und Gesellschaft bin ich einigermaßen frei, aber der Staat als ein solcher, mit den Sendern, denen er Zwangsgebühren der Bürger gibt und die ihn stützen, mit seinen Behörden und Ämtern – der ist Monopolist. Und es gibt da auch, so meine Erfahrung der letzten 10, 12 Jahre, keine Chance, etwas zu ändern. Deutschland ist wie das bleierne Österreich, das ich nach all den Jahren der grossen Koalition 1999 kennenlernte: Gelähmt, festgefahren, ein Schlaraffenland für Parteileute, die heute Politiker und morgen Aufsichtsräte bei Gas und Bahn sind, und übermorgen BER und Elbphi in den Sand setzen, und das – im Gegensatz zu den hier lebenden Eliten – auch völlig normal finden.

Eine Konkurrenz zu diesem Staat wäre das, was viele hoch qualifizierte Italiener, Südtiroler und Tiroler übrigens tatsächlich tun: Auswandern. Zumeist nach Deutschland. Wo sie übrigens phantastische Arbeit machen. Für Deutsche allerdings ist es – weil Deutschland nun mal an der Spitze steht – schwer, eine Alternative zu finden, in der es sich ohne grossen Aufwand und Anpassung besser leben lassen würde. Wir sind eine bessere Alternative für all die laut Schengenabkommen unerlaubt Eingereisten, die durch Italien und Österreich kommen, um sich mit einer mobilen Küche von einem Amt verwöhnen zu lassen, das Deutsche als Beheimatete bezeichnet. Die Vorteile, die wir fraglos bieten, gefallen vielen besser als ihre eigenen Staaten. Eine derartige soziale Migration nach Oben ist für Deutsche nicht möglich, außer vielleicht nach Monaco und Liechtenstein, die als erbliche Fürstentümer politisch nur wenig alternativloser als Deutschland sind. Der deutsche Staat kann seine Politik machen, trotz des allgemeinen Unmuts, weil er keine Alternative hat. Er kann mehr Steuern verlangen und Ämter ausbauen und Verbrennungsmotoren verbieten und Katrin Göring-Eckardt zur Ministerin machen, weil selbst das kaum zu einem Massenexodus führen wird.

Wasa bleibt da also sonst noch übrig?

Also, wenn ich ganz ehrlich bin, kommen meine Vorfahren zwar auch aus dem Elsass, Ungarn, Österreich, Franken, Tschcchien und noch einigen anderen Destinationen – aber der mischvölkische Bayer als ein solcher hat ja schon im frühen Mittelalter das durchgemacht, was die Archäologie als Ethnogenese, die Volkswerdung bezeichnet. Da falle ich kaum auf, und wenn die Katalenen ohnehin gerade die Sympathien der einen gewinnen, und andere die Politik von “no borders, no nations” machen und antideutsche Parolen von Amts wegen schwingen: Da stört es doch sicher keinen, wenn man, sagen wir mal, entlang historischer Stammesräume mit gemeinsamen Werten zum Entschluss kommt, man würde ohne diesen Staat, der seine Grenzen nach Eigenbekunden nicht schützen kann, sein eigenes Ding machen. Zumal man die anderen sich von Amts wegen auch jederzeit neue Beheimatete machen können – da stört es nicht, wenn ein paar andere ihre eigenen Grenzen machen. Das geht ganz schnell, ich habe es ja am Brenner gesehen. Eine Baracke in die Strassenmitte, fertig ist die Alternative zu Beheimatetenland, und vorbei ist das untrennbare Zusammenwachsen.

Man muss es nicht zwingend so weit kommen lassen, aber so eine deutliche Autonomiebestrebung stellt eine gewisse Marktwirtschaft in staatlichen Dingen wieder her, wenn die Parteien das nicht mehr vermögen. Der Staat muss dann zeigen, dass er besser als sein Ruf ist, Angebote machen und Nachfrage nach sich erzeugen – und ich darf hier schon verraten, dass mit weiteren Beschimpfungen der Bürger seitens staatsnaher Medien wenig zu holen ist. Dieser Staat hat es geschafft, bis Sri Lanka und Somalia jenes Ziel der Träume zu werden, das er für viele hier nicht mehr ist. Ich denke, das müsste nicht so sein, wenn der Staat nur wollte. Wenn man ihm erklärt, dass man auch selbst diesen besseren Staat in kleineren Räumen machen würde, muss er sich Mühe geben. Die letzte Wahl hat doch recht deutlich gezeigt, dass das Land, in dem wir gut und gerne leben, keines ist, in dem bisherige Regierung und ihre Teilnehmer einfach so weiter machen können. Und wenn der Staat netter zu den Separatisten wird, muss er auch wegen der Gleichheit netter zu allen anderen werden. Was glauben Sie, wie schnell die Transferleistungsempfänger an der Berliner Volksbühne die gemeinsame deutsche Nation wieder loben würden, wenn es einen bayerischen Separatismus mit Steuereinbehaltung nach Südtiroler Vorbild gäbe.

Das ist der Markt und seine Macht. Davor würden wir alle langfristig profitieren, denn er würde für einen Wettbewerb sorgen. Natürlich habe ich nicht wirklich Lust, den Main verminen zu lassen und Passierscheine für Schwaben auszustellen, und allein unter Bayern möchte ich vielleicht auch nicht leben. Aber wer den Mund nicht aufmacht und dreiste Forderungen erhebt, wird nun mal gern überhört, und was den einen ihre Bertelsmannstiftung oder die Initiative Neue Marktwirtschaft, könnte dem Bürger eben seine Abgrenzungstendenz von nur noch Beheimateten sein.

Und falls es doch dazu kommt – nun, Reiche entstehen und zerfallen, Istrien, Österreich. die Schweiz und die Provence gehörten im Mittelalter auch mal zum Vorgängerreich von Deutschland, da beschwert sich heute auch keiner mehr. Immerhin kann das Amt für Migration und Geflüchtete dann am Reichstag die Inschrift zu

Den Beheimateten und wer nun mal hier ist

ändern lassen. Aus dem Stammesherzogtum Bayern kommen sicher keine Einmischungen in die inneren Angelegenheiten der kleinstdeutschen Lösung.

14. Okt. 2017
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10. Okt. 2017
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Wanderungen in der Mark der Anderswählenden

Jedem Besiegten wird es schwer, den Grund seiner Niederlage an der einzig richtigen Stelle, nämlich in sich selbst zu suchen.
Theodor Fontane

 

Die Flüchtlingsfrage. Da haben sie sich also am Wochenende geeinigt, die Unionsparteien. Wenn es nach dem Willen von CDU und CSU geht, soll die sogenannte Netto-Zuwanderung aus humanitären Gründen pro Jahr nicht mehr als 200.000 Menschen betragen. Dazu kommt ein ganzes Paket aus Vorhaben wie Flüchtlingsursachen bekämpfen, illegale Migration reduzieren, Schlepperkriminalität bekämpfen, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Flüchtlingsfrage also, sie steht einmal wieder im Vordergrund der aktuellen politischen Debatten.

Die Flüchtlingsfrage, sie überlagert so vieles. Das dachte ich bereits vor zwei Wochen kurz nach der Bundestagswahl, als ich über einer Landkarte von Brandenburg saß und in Gedanken noch einmal, wie ich das 1998 ganz real tat, durch das Land reiste. Von Berlin aus in den Norden nach Neuruppin und Rheinsberg, dann in den Westen nach Templin, von da aus in den Süden über Eberswalde und Straußberg nach Cottbus und wieder hoch in den Norden über Potsdam und Berlin. Nein, die Sommerreise, die ich mit einer Kollegin unternahm, war kein Urlaub und auch keine Wanderung auf den Spuren Fontanes. Sie diente der Suche nach dem, was sich, ein knappes Jahrzehnt nach der Wende, getan hatte. Wie die Menschen dort leben, was sie denken, was sie fühlen, wie es ihnen ergangen ist.

Warum die Erinnerungen an diese Reise gerade so kurz nach der Bundestagswahl hoch kam? Ganz einfach: Weil gerade das AfD-Ergebnis der Bundestagswahl in Brandenburg mich an etwas erinnerte, was ich bereits 1998 wahrnahm: Dass es nämlich viele Probleme dort gab und dass die sich irgendwann, wenn sie nicht gelöst würden, in nicht allzu gutem Sinne Bahn brechen würden. Und genau das geschah bei der Wahl. Lag die AFD 2013 noch bei 6,0 Prozent, ist sie jetzt dort mit 20,2 Prozent zweitstärkste Kraft. 14,2 Prozentpunkte mehr also und die neuen Stimmen kamen nicht nur von ehemaligen CDU-Wählern und Wählerinnen.

Die Sommerreise also. Eine der wichtigsten Lehren, die ich daraus zog: Vielen ging es in den Gesprächen um ihre ganz eigenen Probleme. Um Arbeitslosigkeit, Abstieg, Armut, aber auch um die  nicht verarbeitete Vergangenheit. Und was auch eine große Rolle spielte: Das Gefühl, vom Westen überrollt worden zu sein.

Wir haben unter anderem mit Landwirten über die Schwierigkeiten geredet, sich eine neue Existenz aufzubauen, genauso wie mit Vertretern einer Arbeitsloseninitiative, deren Mitglieder jeden Montag demonstrierten und die doch wussten, wie sinnlos das ist. Wir waren in der Lausitz in einem kleinen Dorf, in dem viele Bewohner und Bewohnerinnen verzweifelt und doch vergeblich dagegen ankämpften, dass ihre Häuser dem Braunkohleabbau geopfert werden sollten. Der Gang bis hinauf auf höchste europäische Ebene war später erfolglos, der ganze Ort wurde abgerissen, die Menschen umgesiedelt. Sie fühlten sich mit ihren Problemen ganz einfach alleine gelassen.

Wir führten zudem Gespräche in einer Begegnungsstätte, in der Sozialarbeiter versuchten, trotz der damals hohen Arbeitslosenquote eine Perspektive zu bieten. Und sie versuchten das, was schon längst da war, zu bekämpfen: das rechte Gedankengut. Das trat auch bei der Unterhaltung mit den jungen Menschen offen zutage und war für uns Besucherinnen erschreckend. Gleich in der Nachbarschaft lebten viele Vietnamesen, wir sprachen mit einigen von ihnen. Sie fühlten sich nicht direkt bedroht, aber auch nicht willkommen geheißen. Kontakte zu Deutschen gab es kaum, man beäugte sich gegenseitig misstrauisch.

Für mich machte das damals alles den Eindruck einer Ruhe vor dem großen Sturm und die ist uns damals an vielen Orten begegnet. Die stillere latent in vielen Köpfen vorhandene Fremdenfeindlichkeit genauso wie der ganz offen zur Schau gestellter Rechtsextremismus. Nicht nur einmal empfand ich die bevorzugt zu mehreren auftretenden Glatzköpfe als bedrohlich.

Die Ausschreitungen 1991 in Hoyerswerda nahe der brandenburgischen Grenze  gegen Asylbewerber und Vertragsarbeiter und die 1992 im weit entfernten Rostock-Lichtenhagen, die vielen darauffolgenden Angriffe auf Asylbewerber und Asylbewerberheime, hatten ihre Saat bereits überall gelegt und sie war aufgegangen. Die vermeintlich Schuldigen an der eigenen Misere, die Ausländer,  waren gefunden, das sollte so bleiben.

Zurück in München beschloss ich zwar, an den vielen Themen, denen ich begegnet war, dran zu bleiben und nach ein paar Jahren die Fahrt zu wiederholen. Aber es war schließlich doch so, dass ich das aus den Augen verlor. Es gab zu viele neue Themen, zu viele neue Aufgaben, Brandenburg war irgendwann weit weg. Ich habe den Menschen nicht mehr zugehört. Dabei hatte ich durchaus den Eindruck, dass es gerade das ist, was sie brauchen. Ein Ventil, jemanden, der zumindest versucht, sie zu verstehen.

Als AfD und Pegida aufkamen und im Osten gleich sehr stark wurden, habe ich anfangs zwar noch stets gesagt und geschrieben, dass man auf die Leute zugehen müsse, dass noch nicht alles verloren sei. Dass man zwar die Hardliner nicht mehr überzeugen könne, aber vielleicht doch welche von denen, die Pegida zunächst nicht in erster Linie aus Protest gegen eine vermeintliche Islamisierung  zuliefen. Man befasse sich gar nicht erst mit ihren sozialen Alltagsnöten, so lautete mein Vorwurf. Aber da war es bereits zu spät. Eine Mehrheit an Journalisten, Politikern und eine Mehrheit in der Gesellschaft hatten sich bereits dafür entschieden, mit diesen Menschen nicht den Dialog zu suchen, sondern sie zu bekämpfen.

Dumm, zurückgeblieben, frustriert, ungebildet, undankbar ob des Segens der Wiedervereinigung, nicht fähig, die DDR-Vergangenheit zu verarbeiten – nur einige der vielen Negativworte und -wörter über die Protestierer. Dass die das nicht mit einer Umkehr goutierten, sondern darauf mit noch stärkerer Identifikation mit AfD und Pegida reagierten, lag auf der Hand. Was da geschah wollten bloß so viele nicht wahrhaben. Die neue Partei und Pegida taten das, was die sogenannten Etablierten versäumt hatten. Sie boten denen eine politische Heimat, die keine hatten. Das Abwerten und das Belehren, all das, was sie als Arroganz verstanden, war bei den Neuen nicht vorhanden. Dafür zuhören, Verständnis zeigen, sich an Stammtischen austauschen, Netzwerke im Arbeitsbereich bilden. Dass sie bei weitem nicht für alle politischen Probleme eine Lösung haben, fiel unter den Tisch. Zugute kam ihnen noch die sogenannte Flüchtlingskrise ab Herbst 2015. „Für die ist Geld und Aufmerksamkeit da, für uns nicht“, lautete ab spätestens da die Devise.

Apropos „Flüchtlingskrise“. Eine seltsame Allianz gab es die letzten zwei Jahre zudem in vielen Medien, bei vielen Politikern, bei vielen der „Refugees wellcome“-Menschen. Der Grundtenor: „Das schaffen wir schon“. Probleme, die schon längst in der Luft lagen, wurden totgeschwiegen. Wer wie ich und einige andere schon vor ein oder zwei Jahren darauf aufmerksam machte, dass man sich durchaus einmal Gedanken machen sollte wie das alles weitergeht, der wurde rasch in die rechte Ecke gedrängt. Nicht zuhören, verdrängen, das war die Devise. Um nur einige Beispiele zu nennen: Der nötige Ausbau der Infrastruktur, der sich verstärkenden Mangel an bezahlbarem Wohnraum vor allen in Großstädten, wurde kaum benannt. Genauso wenig wie der soziale  Sprengstoff, der in der drohenden Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt im Niedriglohnsektor liegt. Abgetan als Ängste „sozial Abgehängter“.

Nicht nur in Ostdeutschland, sondern im ganzen Bundesgebiet wurde auf diese Ängste in immer größer werdenden Teilen der Bevölkerung nicht eingegangen. Die Quittung dafür gab es am 24. September.

Fazit: Das ganze Geschrei von vielen Seiten gegen die AfD und deren Wählerinnen und Wählerinnen statt einer kritischen Analyse des eigenen Verhaltens hat also in der Tat wenig gebracht. Zu hoffen ist jetzt nur noch, dass es nicht so weiter geht. Dass gerade die Politikerinnen und Politiker wieder verstärkt auf die Menschen vor Ort zugehen, dass  sie zuhören, dass sie aber vor allem handeln.

Und was den Umgang mit den Neuen im Bundestag und in den Medien betrifft, da wäre eine Entmystifizierung ganz angebracht. Vielleicht hilft dabei ja auch der Blick von außen. Wie hieß es in der Neuen Zürcher Zeitung kurz nach der Wahl so schön?

„Deutschland nützt die grosse öffentliche Aufregung … wenig. Wer über den Einzug von voraussichtlich 94 unerfahrenen, teils rüpelhaften, teils rassistischen, teils amateurhaften, teils ganz unauffälligen Abgeordneten der Alternative für Deutschland in den Bundestag schockiert ist, sollte das besser diskret für sich behalten. Denn lautes Lamentieren hilft der auf Skandalisierung und inszenierten Widerstand gegen die Etablierten angewiesenen Protestpartei nur.“

10. Okt. 2017
von Antje-Susan Pukke
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07. Okt. 2017
von Don Alphonso
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Wie der stählerne Individualismus gehärtet wurde

Dieser Beitrag erfüllt nicht die Frauendarstellungsquote nach dem Staatsratbeschluss vom 3. Juni 1963.

Wie soll das Kind denn heißen?
Alphonso.

Also Don Alphonso, sagte der Priester und vermerkte vor 300 Jahren unabänderlich Namen und Geburtsdatum im Taufbuch. Damit war man eine Nummer in der Kirche, auf ewig und ohne Ausweg, und Staaten verfahren heute nicht anders, mal abgesehen davon, dass seine niedrigunwohlgeborenen Büttel einen nicht mehr mit “Don” ansprechen. Versichertennummer, Steuernummer, Aktenzeichen, Hausnummer, Identifikationsnummer, und ab jetzt auch IP-Nummer, wenn man etwas weniger Nettes über den Zensurminister Maas und seine Partnerin, die Ex-Stasi-IM Kahane sagt, und es unter das NetzDG fallen könnte: Nummern will der Staat. Nummern sind das Gängelband, an dem der Bürger durch das Leben geführt wird, und wenigstens im Urlaub möchte man davon seine Ruhe haben.

Meine Aversion gegen Nummern – überflüssig zu sagen, dass meine mathematischen Fähigkeiten noch schlechter als meine Neigung zum Decorum gegenüber weniger sozial Bevorzugten sind, ich würde mich dauernd bei der Zahl meiner Leibeigenen verrechnen, ganz schrecklich – bekam allerdings im schönen Gaiole in Chianti einen Dämpfer, weil dort ein alter, weißer Mann an einem Tisch saß, und Armbinden mit individuellen Startnummern beschrieb. Armbinden sind in ihrer historischen Ableitung auch so eine etwas schwierige Sache, aber man fragte mich, ob ich nicht auch so eine Nummer möchte, schließlich gehöre ich gewissermaßen inzwischen zur Familie, und somit machte man mir ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Ich, Don Alphonso, Startnummer 4275.

Mir liegen Massenveranstaltungen eigentlich nicht. Es macht mir auch überhaupt nichts aus, wenn ich allein auf dem Rad oder zu Fuß unterwegs bin. Mit Beifahrer im Roadster könnte ich auch nicht laut bei der Missa Cellensis mitsingen. Trotzdem bin ich also in Gaiole in Chianti unter 7000 Menschen, die ganz ähnliche Leidenschaften wie ich haben, und lasse mir auch noch eine Nummer an den Arm malen, zusätzlich zu den anderen Nummern, die auf meinem Rücken und am Rad befestigt sind.

Und das letzte Mal, als ich freiwillig eine Nummer bekam, ging es schief: Die SPD, die mir so eine Mitgliedsnummer ausstellte, war mal vor langer Zeit eine liberale Partei des sozialen Ausgleichs. Heute ist diese SPD eine nordwestdeutsche, lustfeindliche Regionalpartei, die für Vorratsdatenspeicherung. Quotenzwang, Netzzensur, Genderzwamg. und den Versuch steht, die Folgen ihres eigenen Versagens in den Regierungen bei der Migrations- und Wohnungspolitik auf die Allgemeinheit und die Vermieter abzuwälzen. Und mit einer, nämlich meiner Mitgliedsnummer, weniger.

Warum also eine Nummer hier, in Gaiole, unter vielen anderen, die ein harmonisch-vorgestriges Bild einer vergangenen Epoche auferstehen lassen? Und warum komme ich nicht einfach so hierher, und fahre die Strecken allein und unabhängig? Weil es anders ist. Ganz anders. Als Journalist war ich auf Parteitagen von Parteien und auf Demonstrationen, auf denen mich Leute mit Megaphonen anstachelten, dumme Reime wie “Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Daten klaut” zu rufen. Ich war bei Veranstaltungen mit Choreographie, die minutiös geplant wurden, damit alles auf einen Höhepunkt zusteuert, der dann mit dem richtigen Applaus bedacht werden muss. Der Delegierte, der empörte Bürger, der für seine Rechte auf die Straße geht: Sie werden zu Teil eines Ganzen, das weit weniger ist als die Summe der einzelnen Teile. Sie werden Deko, Kulisse, Teil eines Kameraschwenks in einem 30-Sekunden- Einspieler einer TV-Station. Da ist so ein Gas-Gerd mit koreanischer Frau im Wahlkampf oder eine Hinwerf-Petry nach der Wahl, egal wie man zu ihren Ansichten steht, wenigstens einmal eine individuelle Abwechslung.

Und so ist das hier in Gaiole auch. Natürlich sitzt jeder auf einem alten Rad, aber alle Räder sind unterschiedlich. Die Marken haben oft längst keine Bedeutung mehr, der Erbauer meines RUFA Sports etwa war ein Herr Rickert und hat längst den Lötkolben abgegeben. Der Hersteller meiner Pedale, in die ich trete, ist vor Jahrzehnten untergegangen, und meinen Sattel zieren kein Markenschilder, sondern nur Dellen und Flecken und Kupfernieten, die von der Radhose blank poliert wurden. Nichts passt an diesem Rad wirklich zusammen, es ist ein bunter Hund – aber es ist mein bunter Hund, und ich bin mittlerweile über viele tausend Höhenmetern, von der Hitze Italiens bis zu den verscheiten Höhen der Südtiroler Pässe mit ihm verwachsen. Mich gibt es hier nur ein einziges Mal.

Und die jungen Amerikanerinnen, die alle das gleiche “Velociraptor”-Trikot, die gleichen karierten Socken und Miniröcke tragen – sie werden schon vom ersten Berg zerblasen zu Einzelkämpferinnen, die jede für sich ihre eigene Geschichte in die weißen Schotterpisten der Toskana schreiben. Das hier ist kein Aufmarschgebiet für Massen. Es sind enge, steile und gefährliche Wege, die den Menschen als Individualisten fordern.

Wir sind hier, wir keuchen laut, wir werden vom Regen eingesaut. Oben Nass und unten Schlamm, wir beissen unsre Zähne zsamm – so könnte man hier rufen, aber nebenan fliegt eine Asiatin singend den Berg hinauf und zeigt, dass jeder mit sich allein ist, mit seinen Stärken und offen zu Tage tretenden Defiziten. Ich beispielsweise hatte diesmal eine Nummer mehr als sonst dabei, aber eine Regenjacke weniger – was ab 25 Kilometer, wie soll ich sagen, einen eklatanten Mangel an Voraussicht offenbarte.

Sehen Sie, es gibt normalerweise immer zwei Arten von Menschen auf dieser Welt, die einen sind oben und die anderen sind unten, aber hier ist jeder mal keuchend oben auf dem Berg, und dann wieder im Tal – die einen behutsam und vorsichtig, weil sie an ihre Knochen denken, und die anderen schnell, weil sie das alles schon kennen und wissen, dass sich das Rad mit hoher Geschwindigkeit auch auf losem Untergrund stabilisiert. Die einen kreischen vor Freude und die anderen lassen ihre Bremsen aus Angst kreischen.

Aus Gründen der Körperstählung war ich übrigens schon am Freitagabend hier oben: Allein beim Sonnenuntergang. Dort wo jetzt Rotkäppchen mit dem candyroten Colnago steht, war nur einsamer Wald.

Und dort, wo eine nackte Steinmauer die Weinberge von Brolio stützt, ist nun ein flinker Herr, der sein möglichstes tut, ein Rad wieder fahrbar zu machen. Denn das Schaltwerk hat den harten Antritt den Berg hinauf nicht überstanden, und so gilt es nun, den Weg mit nur einem Gang zu bewältigen. Ich weiß, wie das ist, ich habe im Frühjahr selbst mein kleines Kettenblatt verloren. Im ersten Moment ist es schrecklich, aber im Abstand von einem halben Jahr – ein Meisterstück der Selbstüberwindung und Stärke.

Hier oben war am Freitag niemand, aber jetzt zieht sich eine bunte Perlenkette hinunter ins Tal. Man sollte denken, man sollte befürchten, dass tausende von Individualisten, manche alt, manche jung, manche lahm, manche blitzschnell und manche beim Versuch, an Rotkäppchen und den amerikanischen Velociraptoren dran zu bleiben – auch so etwas soll es gerüchteweise geben – einander behindern und zu Fall bringen. Aber rücksichtsvoll und dynamisch ist das Chaos, und löst sich zum allgemeinen Wohlbefinden auf.

Allein, ganz ohne Nummer, hat man genug Grund, auf das eigene Keuchen zu hören, und sich dumme Fragen zu stellen wie “schaffe ich das” oder “wie weit ist es noch zum Ristoro”.

Zusammen kann man sich die anderen anschauen, man überholt die einen und wird von anderen überholt, man sieht stramme Wadeln und in Merinowolle gepferchte Bäuche, und Menschen aller Länder und Altersstufen. Sie alle sind irgendwie – schön. Nicht Teil einer Masse, sondern jeder für sich ein Unikat.

Angeblich soll es geregnet haben und heute, vier Tage danach, meine ich mich auch düster erinnern zu können, dass es von oben zwischenzeitlich feucht war, und von unten Dreck nach oben spritzte. Mein Begleiter behauptet auch standhaft, dass ich nicht die 75 Kilometer gefahren bin, sondern aus Bequemlichkeit nur 46 Kilometer gefahren sein soll. Das stimmt natürlich nicht, denn erstens habe ich auf den leicht angeschlagenen Begleiter aufgepasst.

Und zweitens ist es meine Aufgabe als Bildberichterstatter, die schönsten Momente einzufangen, und je mehr Frauen sich unter den Helden tummeln, desto besser ist das nachher für die Auswahl der passenden Photos. Hinter mir war eine junge, pinupartige Dame in Hotpants, und ich habe mir an der Abzweigung zwischen drei Routen gedacht: Folge der Schönheit. Keinesfalls habe ich also geschwächelt oder gar Rücksicht auf meine Gesundheit genommen.

Es war einfach mein individuelles Schicksal, und es hat sich, das kann ich offen sagen, sehr gelohnt. Denn auf dem Weg zum Ristoro der kürzesten Runde trifft man vielleicht nicht die stärksten Muskeln, aber doch die lustigsten Leute.

Sogar ein Vertreter des anderen deutschen Staates, der 1989 meine BRD übernehmen sollte, war mit einem Textima-Hemd anwesend. Der ganze Stolz des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik mitten in der Toskana!

Ob uns der neue Staatsrat mit grüner Staatsfeinstaubsicherheit solche Autoreisen ins Ausland wohl noch erlauben wird? Oder solche Bilder von Frauen, die Männern das Essen reichen?

Immerhin fließt hier der Wein vor der Abfahrt ins Tal noch in Strömen, und beim Essen wird auf hohen Fett- und Zuckergehalt geachtet. Das passt alles so gar nicht in die Anforderungen, die die deutsche Gesellschaft in ihrer Vorstellung von entsagungsreicher Gesundheit pflegt.

Vielleicht aber sehen die Menschen hier vor der Kulisse des Chianti gerade deshalb so, entschuldigen Sie das undeutsche Fremdwort, “zufrieden” aus.

Sie peitschen sich den Berg hoch, keuchen, japsen, geben den Nachzüglern aufmunternde Klapse auf den Hintern, und dann legen sie die Arme umeinander und lächeln sich an.

So ist das hier. Alle haben ein Ziel, aber es gibt unendlich viele Geschichten, mit denen es erreicht wird. Die Nummer prangt nur am Arm, aber im Kopf fährt jeder sein eigenes Rennen. Mit dem Berg muss man sich alleine abkämpfen, aber die Freude hat jeder.

Das Gehirn des Menschen merkt sich das. Wie gesagt, es hat geregnet, es war ein Tag mit schlechtem Wetter zwischen zwei Tagen mit schönstem Sonnenschein, und ich weiß genau, dass ich gefroren habe. Der Mann mit der Nummer 4275 ist nur die kürzeste Runde gefahren.

Aber ich, ich bin im milden Wetter der Toskana Berge hinaus geflogen und in Täler gerast. Ich habe gelacht und gegessen und nicht gebremst, als andere abgestiegen sind, und die Räder vorsichtig den Berg nach unten schoben. Ich habe Oi! Oi! Oi! gerufen, als ich das RUFA durch eine Gruppe aus Lettland eine Rampe hinauf gewuchtet habe.

Und ich habe Bilder vom Begleiter gemacht, wie er mit gefletschten Zähnen die letzte Steigung erklomm, vorbei an anderen, denen hier die Kraft ausgegangen ist. Das bleibt im Gedächtnis. In zwei Wochen werde ich mich nicht einmal mehr daran erinnern, dass ich wirklich in meinem dünnen Hemdchen unterkühlt war, und das hier nach einer fiebrigen Nacht röchelnd im Bett geschrieben habe.

In der Erinnerung werde ich immer neben meinem Begleiter hinauf zum Ziel nach Gaiole fahren, und rechts und links werden Italiener applaudieren. In meiner Erinnerung werde ich die 4725 vergessen und ganz oben auf den Hügeln im Sonnenschein stehen. Das ist das Angebot, das die L’Eroica einem macht, und es ist so ganz anders als die Abnummerierung, die man sonst so im Leben bekommt, damit man sich einfügt, unterordnet und das tut, was für andere, aber nicht für einen selbst das Beste ist.

Kein Mitleid bitte wegen der Grippe. Ich wollte es genau so und was ich wollte, und viel mehr, habe ich auch bekommen.

07. Okt. 2017
von Don Alphonso
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03. Okt. 2017
von Don Alphonso
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Die Freiheit ist ein Fetischismus mit Bunnykostüm

Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach nur verprasst.
George Best

Ich bin vermutlich – wie Sie und alle anderen emotionalen Menschen auch – das, was man mit etwas schlechter Absicht als Fetischisten bezeichnen könnte. Meine letzte Woche war voll mit fetischistisch bedingten Handlungen, denn am Montag ereichte mich ein Gemälde, am Mittwoch zog ich mich fein an, dann besuchte ich ein Konzert mit Triosonaten von Schubert, und in der Pause trank ich einen Orangensaft. Ich habe Leidenschaften und gebe dafür weitaus mehr Geld als der durchschnittliche Mensch aus. Mich dürstet es nach einer bestimmten, teuren, klar definierten Welt der Kultur, die zum Glück weitgehend deckungsgleich mit den Idealen der besseren Gesellschaft ist. Mein Fetisch fällt daher nicht auf.

Würde ich aber erzählen, dass ich mir in der Nacht für ähnliche Unsummen von einem Playboy Bunny Drinks servieren liess, und mit ihm über Hugh Hefners Playboy sprach, gäbe es einige hochgezogene Augenbrauen. Und das, obwohl die Servierkräfte im Theater erheblich schlechter als Damen in Häschenkostümen bezahlt werden. Auf dem Weg zu einem Schuberttrio zerbersten an Musikhochschulen Dutzende von Lebensträumen. Der Fetisch Kultur ist so stark, dass wir Musik genießen, für die viele junge Menschen jahrelang vergeblich übten, nur um an Aufnahmeprüfungen zu scheitern und vielleicht Säfte in der Pause verkaufen. Das nehmen wir für den wohligen Schauer der sich umschmeichelnden und vereinigenden Harmonien in Kauf. Aber der wohlige Schauer, mit einer Frau mit Plüschhäschenohren zu plaudern und sie besser als eine gescheiterte Musikstudentin zu bezahlen – der ist gesellschaftlich nicht akzeptiert, auch wenn man auch dort über Schubert reden könnte.

Die aktuellen Zeiten, in denen Werbung von grünen und roten Politikern wie in der Weimarer Republik verboten und zur Denunziation aufgerufen wird, wenn sie unerwünschte Rollenbilder transportiert, sehen jedenfalls darin eine Herabwürdigung, auch wenn es sich, ähnlich wie Kunst oder Musik, von der Nachfrage her um einen Fetisch handelt, und bei der Befriedigung um ein banales Geschäft. Das Klaviergeklimper der Kinder gibt es umsonst, ins Telefonbuch kann jeder kritzeln und unfreundliche Menschen, die andere anpöbeln, sind zwar in Form der öffentlich rechtlichen Medien sehr teuer, aber im Gegensatz zum netten Bunny vom Konsumenten nicht für die Zuneigung bezahlt. Wobei ich natürlich nicht ausschließen würde, dass solche Medien nicht auch ihre freiwillig zahlenden Kunden finden: Ich bin tolerant, und wieso sollte es nicht Freunde der aus dem sonstigen Programm herausragenden Gesellschaftsserie der Mainzelmännchen geben, wie es auch Liebhaber von Plüschohren auf Frauen gibt?

Ich bin eigentlich gar nicht mehr hier, denn gleich nach dem Konzert stopfte ich meine Reisetasche auf den Beifahrersitz, schnürte mein 1972er RUFA Sport auf den Gepäckträger meines 272PS starken Nichtdiesel-und-deshalb-Umwelt-Roadsters, und machte mich röhrend auf dem Weg in die Toskana. Fetischisten haben bekanntlich ihre Rituale bei ihrem Treiben, und immer Anfang Oktober ist in Gaiole in Chianti die L’Eroica. So, wie es beim Konzert um die Musik geht, und nicht um die gescheiterten, musischen Abiturientinnen, und im Playboy um die guten Interviews und nicht um die nackten Frauen, geht es in der Toskana bei dieser Veranstaltung vordergründig um Sport. Radsport für Jedermann. Es geht darum, auf staubigen Pisten viele Höhenmeter zu fahren. Aber deshalb gibt es noch lange keinen Grund, zwei Tage davor in kurzen, hautengen Lycrahosen, so körpernah wie ein Bunnykostüm, auffälligen Wolltrikots mit Werbeaufschrift, bunten Socken und vorne hasenohrgleich aufgestellten Käppchen in einer toskanischen Kleinstadt die eigenen körperlichen Vorzüge, soweit vorhanden, zu präsentieren.

Was ich und ganz viele Tausende aber getan haben, und ich bin so weit gegangen, dass ich mir ein Leibchen mit dem eigenen Namen habe fertigen lassen, wie so ein Bunny mit Namensschildchen, damit es Besucher gleich wieder erkennen. Bunnies tragen phantasievolle Namen wie Esmeralda oder Claudette, ich heisse laut Aufschrift Don Alphonso, und hätte das Leibchen einen längeren Reissverschluss, würde ich ihn auch weiter öffnen, und mir dabei auf die Unterlippe beissen, wegen der Hitze, Sie verstehen das sicher. So angetan ging ich also in der Toskana umher, und suchte mach Objekten, die mir bei der Fetischisierung meines Urlaubs helfen. Unsereins liebt Chrom und fein gearbeitete Muffen, ziselierte Gabelköpfe und Inschriften wie Boschetti, Patelli und Brev. Campagnolo, die an alte, weisse Männer und ihre Taten erinnern.

Erschwerend kommt natürlich die Bereitschaft dazu, sich auf dem Rad allen Widrigkeiten der Natur, Staub, Regen und Hitze mit Freude und Begeisterung willig hinzugeben. Im Konzert können Frauen noch behaupten, sie brauchen neue Kleider, um gut auszusehen, und niemand wird das verübeln, selbst wenn dabei die gleichen Sexualisierungsstrategien wie beim Playboyhäschen bemüht werden. Hier in Gaiole ist der körperliche Aspekt, getrieben von Adrenalin und Testosteron, schon sehr viel deutlicher ausgeprägt, und weniger von Ritualen begrenzt. Was uns jedoch in unseren hautengen Kleidern vor moralischer Verdammnis bewahrt: Wir sind Männer.

Da ist den Feministinnen die Sexualisierung egal, denn erstens wollen sie uns gar nicht und zweitens haben sie hier keine Gelegenheit, gut aussehenden, klugen und durchaus selbstbewussten Frauen, die genau wissen, was sie für ihr Verhalten verdienen können, ihre ideologisch bedingte Unterdrückungshilfe aufzuzwingen. Dass beim Anblick von mitfahrenden Frauen Männermuskeln platzen und Herzen am Anschlag pumpen, weil 9 alte Trottel und ein Homme de lettres mit Don-Alphonso-Leibchen einem Mädchen in Hotpants gleichzeitig zeigen wollen, wie stark sie von Darwins Gesetz der natürlichen Auslese auch heute noch geprägt sind, findet keinerlei Niederschlag in roten oder grünen Koalitionspapieren – auch wenn es hier sogar pinkfarbene Frauenradschuhe gibt.

Aber wehe, 10 Männer würden mit Geld um die Gunst einer Frau im knappen Hasenkostüm wetteifern, und ein Mann wie Hugh Hefner profitiert davon: Dann wird ihm der Hass und die Verachtung über den Tod hinaus nachgebrüllt. Dabei liegt es in der Natur der Menschen, um Partner zu wetteifern, und es in den jeweiligen Fetischszenen zu kanalisieren: Musiker bewundern das Spiel der Finger auf Hölzern, die für Geigenbauer des Rokoko geschlagen wurden. Radfahrer verstehen es anzubandeln, wenn eine Frau ein candyrotes Colnago zu den Gipfeln peitscht. Manche haben ein Faible für Plüschohren, die ich privat – wir sind hier ja unter uns, nicht wahr – deutlich kleidsamer als Tätowierungen und Piercings und blaue Haare finde. Und sexuell bedürftige Metropolenbewohner gehen freiwillig auf Veranstaltungen des Gunda-Werner-Instituts oder der Friedrich-Ebert-Stiftung, und wollen wissen, was Kopftücher, Judith Butlers Thesen gegen Israel und extremes Übergewicht in Leggins mit der Freiheit der Frau zu tun haben.

Ich finde es auch legitim, wenn jemand mit solchen Tätigkeiten Geld verdient. Die Männer, die jene zwei Rahmen fanden und aufbereiteten, die ich zwanghaft gekauft habe, sollen schließlich auch leben. Ich finde es schön, wenn aus einem im Chiantigestrüpp versteckten Städtchen eine Welthauptstadt voll mit begeisterten Menschen wird, die alle dem gleichen Lebensideal huldigen. Es tut niemandem weh, auch wenn gewiss hier gepredigte, körpersaftige Rollenideale manchen nicht gefallen mögen – das ist bei jedem Kult und bei jeder Lebensvorstellung so. Man tut das, weil man es tun will, und man sich davon für sich selbst Vorteile verspricht. So ist eben der Markt, und viele, die meisten, eigentlich alle, wollen einfach nur gut behandelt und mit ihren Wünschen verstanden werden. Wir verdanken es Menschen wie Hugh Hefner, dass wir das heute divers und frei ausdrücken können, und nicht wie mancher Radstar der 50er Jahre mit Seitenbeziehung oder Religionskritiker in Saudi-Arabien öffentlich fertig gemacht werden. Die Freiheiten unserer hellen und dunklen Leidenschaften können nur in Toleranz ausgelebt werden. Manche, die Hefner jetzt verteufeln, haben vermutlich vergessen, dass ihre eigene Freiheit zur abweichenden Meinung früher genauso verteufelt wurde.

Man muss eigentlich froh um Leute wie Hugh Hefner sein, die die alte Ordnung zerstört haben, nur um in der neuen Ordnung neue Todfeinde zu finden, und dann wieder um die Freiheit kämpfen – und wenn es die Freiheit der Frau ist, für gute Bezahlung im Häschenkostüm Drinks zu servieren, und die Freiheit des Mannes, dafür einen hohen Preis zu bezahlen. Es liegt in der Natur der Sache, dass Freiheit die Unterschiede in ihrer ganzen Breite zu Tage treten lässt, und leider sind die letzten schönen Tage in Gaiole auch die letzten Tage vor dem Inkrafttreten des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes des Zensurministers und SPD-Mitwahlverlierers Heiko Maas, das in Deutschland eine neue, private Zensurinfrastruktur erzwingt. Das ist nicht gut in Zeiten der Empörung, in denen bestimmte linke Fetischgruppen die Vorlieber der anderen als Hate Speech definieren, und sie entsprechend gern zur Löschung melden möchten. Ich verstehe nicht, wie man in so einer Zeit der neuen geistigen Prüderie und Gedankenunfreiheit beim Tode von Hugh Hefner Zufriedenheit ausdrücken kann.

Aber egal, et in Arcadia ego. Natürlich gibt es auch bei uns hier Intoleranz. Manche meinen, italienische Räder müssen italienische Komponenten tragen, und Traditionalisten werden vielleicht die Nase ob meines Hemdes rümpfen. Aber so ist das hier eben, alle kommen zusammen, und am Sonntag fährt jeder sein eigenes Rennen gegen die weissen, staubigen Strassen, und ist auf seinem eigenen Rad die Quelle des Glücks oder des Versagens. Man kann hier nur sich selbst einen Vorwurf machen, wenn man nicht ankommt. Und natürlich fragt man sich in Staub, Hitze oder Regen ab und zu, ob man es bei einem Playboy-Häschen, bei einem Hauskonzert mit Schubert oder einfach nur daheim im warmen Bett nicht weitaus besser hätte. Das zu entscheiden, ist die Freiheit des Menschen. Was man dann trotzdem tut, ist Leidenschaft, Gier, Fetisch, Obsession und Hingabe, und manchmal, wenn man stürzt und blutüberströmt weiter kämpft, ist es in den Augen mancher Betrachter auch fast schon krank.

Aber nur fast.

Jedoch, im grauen Berlin sitzt dann eine Aktivistin an ihrem Rechner, und schreibt eine Anzeige an den Werberat, weil sie irgendwo zu viel Fleisch und Haut auf einem Plakat gesehen hat.

03. Okt. 2017
von Don Alphonso
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25. Sep. 2017
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Die Helden des Flüchtlingssommers als AfD-Schurken

Machn’S a Sondersendung
Horst Seehofer

Laut Frau Özoguz gibt es keine deutsche Leitkultur jenseits der Sprache. Darüber kann man diskutieren, aber bei mir daheim, auf dem Dorfe Gmund am Tegernsee, da gibt es schon eine Leitkultur. Die Trachtenträgerquote liegt am Wahltag bei über 80% und die Quote für die Partei von Frau Özoguz ist so niedrig, dass sie nach der gerupften CSU, der Millionärspartei FDP und der AfD, versehen mit einem befremdlichen Kandidaten, noch dahinter auf Platz 4 liegt. Nur 0,7% bräuchten die Grünen hier, um die nordwestdeutsche Regionalpartei SPD nach dem Verlust jedes 4. Wählers auch noch zu schlagen. Es gibt bei mir im Wahlkreis keine Leitkultur mehr, bei der die SPD von Frau Özoguz als relevanter Teil zu identifizieren wäre. Die SPD wurde hier geschlachtet und weggeputzt.

Und das, obwohl wir hier Übervollbeschäftigung und Reichtum und Bildung haben, und eigentlich überall an der Spitze stehen. So richtig Abgehängte, sei es in Fragen der Kultur oder der Klassen, gibt es hier nicht, oder jedenfalls nicht genug, um das gute AfD-Ergebnis auch nur ansatzweise zu erklären. Man kann der Region viel vorwerfen, aber der Tourismus spielt eine grosse Rolle, und sie ist sehr gastfreundlich. Auch Frauen mit Vollverschleierung werden anstandslos bedient, man hat sich an die Erscheinung der Gäste aus der arabischen Welt schon lange gewöhnt. Flüchtlinge sind im Tegernseer Tal und auch in Südbayern mit dem rigiden Integrationsgesetz seltener geworden. Bei den Gebliebenen gibt es auch phantastisch funktionierende Modellprojekte in der Gastronomie. Trotzdem sind der Alpenrand, das grössere Umland von München, und der Bogen hoch am Inn zur Donau verantwortlich für das Abschneiden der AfD, die hier insgesamt die zweitstärkste Partei nach der CSU ist – und das mit einem im übrigen lausigen Organisationsgrad.

Für die SPD ist der Niedergang in Hamburg vermutlich wichtiger als ihre aufgeriebene Nachhut an den Alpen, und weil die CSU trotzdem jeden einzelnen Wahlkreis in Bayern direkt und überragend gewonnen hat, schlägt sich die Niederlage auch nicht so schlimm im Bundestag nieder. Und trotzdem, dieser schmale Streifen Land und seine seltsam gekleideten Dorfbewohner, die hier der CSU einen Denkzettel verpasst haben: Die werden jetzt wichtig.

Um zu verstehen, was jetzt kommt, muss man hier während der Asylkrise in den Bürgerversammlungen gewesen sein. Normalerweise tritt dann der Bürgermeister auf, erzählt den Bier trinkenden und Tracht tragenden Anwesenden, dass alles bestens ist, mahnt mehr Blumenschmuck an und referiert die blendende Haushaltslage. Ärmere werden mit Einheimischenprogrammen ruhig gestellt, so sie heiraten und Kinder bekommen möchten; man klagt über die Zuganbindung und schüttet Wohltaten über dem Volk aus. Während der Asylkrise war das anders, da mussten auch hochrangige Politiker aus München kommen, weil der Volkszorn auf dem Land brannte. Bei uns hatte kurz vor diesem denkwürdigen Treffen ein polizeibekannter Einzelfall aus einer Turnhalle vorbeifahrende Autos demoliert, und war auf Wachleute und Polizei losgegangen – in der Folge machte auch Bilder vom Zustand der Sanitäranlagen die Runde, und man muss schon sagen, dass die Willkommenskultur danach keine Leitkultur mehr war.

Auch nicht für die CSU. Die Angereisten aus München wurden gefragt, was das soll: Auf der einen Seite sei die Grenze offen, und die Region müsste die Hauptlast der Krise tragen. Wenn Sie, liebe Leser, sich auf der Karte anschauen, wo die AfD in Bayern besonders stark ist: Das sind, vom Sonderfall München einmal abgesehen, die ländlichen Gegenden entlang der Endpunkte der Brenner- und Balkenrouten. Die Gebiete, die damals die Hauptlast bei der Erstversorgung trugen, und denen später nicht sonderlich gedankt wurde. Das „Wir schaffen das“ war bei uns ein „Ihr macht das halt“. Dafür gingen bei den Bürgermeistern wenig verständnisvolle Briefe von Gästen ein, die die Gegenden als Urlaubs- und nicht als Krisenregionen besuchen wollten. München bekam ein Konzert für die grossartige Leistung der Helfer, wir am Tegernsee bekamen, und das war absehbar, ein Raumproblem durch anerkannte Asylbewerber und viele Überstunden für die Gemeindemitarbeiter. Das waren nicht eben die angenehmsten Momente, und die jungen Männer, die erst einmal die Existenz Deutschlands in reichsbürgerlichem Untertone anzweifelten, stellten bei solchen Veranstaltungen das kleinste Problem dar. Das grosse Problem war wirklich die Frage: Wie kann die CSU gegen eine Politik sein, wenn sie gleichzeitig Teil der Regierung ist, die diese Politik macht.

Die Antwort war immer, wenn ich drin saß und Spezi statt Bier trank, die gleiche. Die grosse Koalition sei so gross, dass sie auch ohne CSU problemlos weiter machen könnte. Die CSU könnte natürlich die Fraktionsgemeinschaft verlassen und die Regierung aufkündigen – dann wäre sie eben die einzige Oppositionspartei, während Grüne und Linke sofort bereit wären, den politischen Kurs von Merkel zu stützen. Man würde nichts gewinnen, aber sich alle Möglichkeiten des Einflusses selbst nehmen. In der Regierung könnte die CSU auf eine europäische Lösung zur Begrenzung der Zahlen hinarbeiten, und dann hoffen, dass die Partner anders als Merkel denken. und die Obergrenze via Brüssel käme. Man sei da in guten Gesprächen. Man bitte die Anwesenden um Geduld. Man wisse genau, wo die Probleme liegen. Man erklärte die enormen Herausforderungen bei der Rückführung und zeigte jedes Verständnis für die Sorgen der Betroffenen. Zähn zsambeissn, oweschwobm, woadn, da Seehofa duad, wosa ko. Ausserdem habe man Freunde und wirtschaftlich verbandelte Partner im Balkan, die auch betroffen sind. Ein Austritt aus der Regierung sei wirklich nur das allerletzte – und wenig sinnvolle – Druckmittel.

Letztlich wurde die Balkanroute durch Österreich geschlossen, Merkel protestierte dagegen, und Seehofer war wohl nicht traurig. Aber das kam sehr spät, und die Leute treibt die Angst um. Vorletzte Woche gab es bei mir an der Donau einen Vergewaltigungsversuch mitten in der Stadt durch einen Mann mit dunkler Hautfarbe. Zwei grössere Gruppen Araber und Afrikaner haben sich vor meinem Haus eine Auseinandersetzung geliefert, die weit über dem Rahmen des Gewohnten lag – wir diskutieren über die Sicherheitslage in Afghanistan, aber in jener Nacht war die Sicherheitslage von Kabul vor meinem Haus. Wir haben den Fall der ermordeten Sexarbeiterin in Regensburg – der Täter sollte abgeschoben werden, aber der Staat scheiterte. Es fällt schwer, das alles noch als Einzelfälle abzutun, und dann gibt es hier eben auch Leute, die das überhaupt nicht mehr differenzieren wollen. Das sind gar nicht so wenige.

Mein Eindruck ist, dass man das nicht an der Zurückgebliebenheit einiger bayerischer Regionen festmachen kann, sondern an den Erfahrungen des sog. deutschen Sommermärchens, als die Medien in Berlin feierten und bei uns die meiste Arbeit angefallen ist. Man – ich übrigens auch – hat die Bilder vom Bahnhof gezeigt, wo ein paar hundert, maximal wenige tausend Leute klatschten. Wenn man aber über den Kontext reden wollte, über Risiken und Folgen, die sich buchstäblich vor der Haustür abspielten, verlor man schnell die Freunde in Berlin. Heute machen hier Geschichten die Runde, wie die von dem LKW, dessen Gerettete nach drei Tagen spurlos verschwunden sind. Das Misstrauen, dass es bei diesem System erneut zu einem Staatsversagen an der Grenze und gleichzeitig im Kernland der CSU kommen könnte, ist gross.

Daher kommt vermutlich die Schlappe für die CSU und SPD im südostbayerischen Raum. Daher kommt das gute Ergebnis für die AfD. Aber diesmal ist es anders, die SPD steht für eine grosse Koalition nicht mehr zur Verfügung, und es kann eine Jamaika-Koalition geben. Die wird dann wegen der Grünen sicher nicht die Abschiebungen beschleunigen, Grenzen schützen und Leute ohne Papiere abweisen, oder mehr sichere Drittstaaten ausweisen. Sie wird eher die hier ohnehin schon überfüllten Gemeinden, in denen die eigene Ärmeren kaum Wohnraum finden, mit Familienzusammenführungen belasten. Das ist hier bei uns auch ein soziales Problem: Es gibt keinen Leerstand, den man dafür aktivieren könnte. In Italien warten Hunderttausende, die dort nicht bleiben wollen, und Frau Merkel hat gesagt, man könnte die Grenze nicht schützen. Die einen wählen daher AfD und die anderen immer noch zähneknirschend CSU. Aber die Stimmenverteilung ist im Bundestag so, dass Jamaika nur mit CDU, Grünen und FDP möglich ist, wenn die CSU auch mitmacht. Wenn ein Austritt etwas bringen würde, hieß es damals in den Bürgerversammlungen, dann würden wir das schon versuchen. Jetzt bringt es etwas, und wenn die CSU wieder kneift und wieder nur langsame, aber wenig effektive Ränkespiele macht und hofft, dass die Afrikaner aus Italien ohnehin alle nach Berlin wollen, wie das auch einmal ganz offen gesagt wurde – dann droht 2018 von den Bierbänken bis zu den feinen Cafes eine krachende Niederlage in Bayern.

Die CSU steht bei Dörfern wie meinem, die ihr Kernland darstellen, im Wort. Die Räume waren voll, alle haben es gehört, jeder sollte damit beruhigt werden; Die CSU würde alles tun, was in ihrer Macht steht. Jetzt steht deutlich mehr in ihrer Macht, und nun lässt sie die CDU spüren, dass sie nicht mehr nur austauschbarer Quengler ist, sondern unverzichtbarer Teil einer neuen Regierung. Mag sein, dass an der CDU nicht vorbei regiert werden kann. Aber die Stimmen sind nun mal so verteilt, dass Jamaika ohne CSU nicht geht. Und die Stimmung im Land ist nun mal so, dass die Leute fragen, warum sie für das ganze Elend der Welt zuständig sein und es hier finanzieren sollen. Das mag aus Berliner Sicht kleingeistig, dumpf und ohne Privilegiencheck sein. Wenn es egal ist, ob Teile der CSU-Wähler dauerhaft nach rechts abdrücken, kann das gepflegt ignoriert werden. Es sind ja nur ein paar Wahlkreise ganz im Süden. 2015 warfen sie noch die Helden der Willkommenskultur, weil keiner sie gefragt, hat, ob sie die Völkerwanderung betreuen wollen. 2017 sind sie die neuen Hochburgen der Unberührbaren, weil viele dort die Erfahrung nicht so toll fanden, und keine Neuauflage wünschen.

Ich halte nichts von CSU oder AfD und habe sie nicht gewählt, aber für die CSU geht es gerade um alles, weil die paar Dörfer hier unten für sie und ihren Anspruch deutlich wichtiger als für die gerümpften Nasen in den Berliner Feuilletons sind. Sicher, es ist a wengal unkommod, wenn jetzt die Begehrlichkeiten von Frau Göring-Eckardt und die Wünsche von Herrn Lindner sowie das weitere Schicksal von Frau Merkel hier bei uns mit entschieden werden. Vielleicht knickt die CSU auch erneut ein und verliert nächstes Jahr ganz schrecklich. Aber nur, weil sich bei der CDU keiner findet, der Frau Merkel sagt: “Du Angie, das war’s, so geht es nicht weiter”, muss das noch lange nicht für jene gelten, denen gerade sehr deutlich hineingedrückt wurde, dass es so nicht weiter geht.

Soweit also mein Bericht aus einem fernen Alpentale nahe der Grenze, das so unbedeutend scheint, und über dessen Leitkultur man woanders natürlich auch kritische Töne verlieren darf, besonders, wenn man hier wie die SPD ohnehin nichts und schon gar keine Heimat mehr zu verlieren hat.

25. Sep. 2017
von Don Alphonso
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20. Sep. 2017
von Don Alphonso
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Nirgendwo erfriert man mondäner als in Cortina

Ein Gipfel gehört dir erst wenn du wieder unten bist.Denn vorher gehörst du ihm.
Hans Kammerlander

Die Haut duftet nach ätherischen Ölen, die Bademäntel sind kuschelig weich und blütenweiss, der ganze Körper ist durch die Massage entspannt. Alle Bäder sind in vollen Zügen genossen, während durch das Panoramafenster die schneebedeckten Spitzen der Sextner Dolomiten herein funkeln. Draussen ist es bitterkalt, in der Nach hat es geschneit und tagsüber gab es schwere Regenschauer, aber hier unten, in der Wellnesszone des Sport Hotels von Innichen, merkt das junge Paar nichts davon. So vergehen die Stunden mit Reinigung und Erholung des Körpers, und sie nimmt dann noch ein Glas Wasser und er einen Rotwein, bevor sie in mit dem Aufzug hinauf zu ihrer warmen, geräumigen Suite fahren. Alles wird hier getan, damit die Gäste entspannt und wie neugeboren in einer watteweichen Wolke von Wohlgerüchen und Wärme dem Alltag entgehen. Sie steigen also in den Aufzug, betrachten sich im Spiegel – gut, jung und schön sehen sie aus – und drücken auf dem Knopf zum ersten Stock. Aber dann hält der Aufzug im Erdgeschoss, die Tür geht auf, und dort steht breitbeinig das hier:

1,81 Meter gross, normalerweise 87 Kilo Trockengewicht schwer, aber es ist nass von Regen und Schweiss. Es kommt von draußen, aus dem frühen Winter in dem Dolomiten, und von ganz oben aus dem Eis, wo die Wolken nicht warm, sondern glitschig und dunkelgrau sind. Was da vor den sauberen Menschen in ihren Bademänteln steht, ist eiskalt, es tröpfelt und trägt ein höchst geschmackloses, grün-pinkes Trikot mit ausgestopften Taschen, in denen noch Müll und fettklebrige Werkzeuge stecken. Die muskulösen Beine füllen eine Kniebundhose in der Farbe Schlammbraun aus, und wenn man nach unten schaut, erkennt man, dass die ehemals gemusterten Kniestrumpfe ebenfalls monoton schlammbraun wie jene Sturzbäche in den Bergen sind, die sie durchwaten mussten.

Um die abgetretenen und von Stürzen abgeschabten Schuhe bilden sich kleine, schlammbraune Pfützen auf den edlen Schieferplatten. Es riecht seltsam, ein paar Dreckspitzer sind auch noch in den Augenbrauen, und dann sagt es ins doch leicht verstörte Gesicht der Frau im Bademantel hinein: “Entschuldigen Sie bitte meine Erscheinung, ich bin leider nicht ganz gesellschaftsfähig, denn ich komme gerade mit dem Rad aus Cortina.” Dann betritt es den Aufzug. Im ersten Stuck huscht die Frau an dem schlammbraun-grün-pinken Schmutzberg vorbei, und der Berg und ihr Mann grinsen sich an. Vielleicht wäre der Mann ja auch lieber draußen gewesen, und hätte mit mir den Passo Tre Croci genommen. Denn der kalte, aber immer noch mobile Schmutzberg, das bin ich. Und dass ich hier ankommen und Wellnessfreunde verschrecken würde, habe ich zwischenzeitlich auch nicht mehr erwartet.

Denn gut zehn Kilometer vor Cortina d’Ampezzo stand ich an genau dieser Stelle, und schaute auf die Wolken unter mir. Die Wolken über mir schütteten weiter eiskalten Regen auf mich, und das Wasser war längst durch die Regenjacke und beide, übereinander getragenen Trikots auf die Haut geflossen. Eigentlich war ich gerade wegen des angesagten schlechten Wetters nach Innichen gefahren: Normalerweise nämlich fahren mir die Italiener bei der L’Eroica immer blitzschnell davon, während ich die Berge hinauf krieche. Aber hier, bei der Eroica Dolomiti, sollte es kalt sein, zwischen 0 und 10 Grad, und da rechnete ich nichtsowirklicharischaussehender Nichtganzrecke dank meiner Abhärtung gute Chancen aus, den ein oder anderen durch die Kälte erstarrten Italiener niederzuringen. Das war ein guter Plan, aber an dieser Stelle schon komplett gescheitert.

Denn an dieser Stelle hatten mich schon lange vier Nachzügler trotz der Kälte in kurzen Hosen munter plaudernd überholt, und alle anderen waren schon weg, als ich wegen eines technischen Defekts zu spät an den Start rollte. Ich eilte ihnen natürlich hinterher, immer den Pfeilen nach. Erst den Pfeilen nach, die nach Cortina wiesen, und dann gegen die Pfeile, die zurück nach Innichen zeigten, in der Annahme, dass gegen den Rückweg der Hinweg verlaufen müsste. Irgendwann stand ich an einem mörderischen Anstieg, und mir wurden zwei Umstände bewusst: 1. Ich habe mich verfahren. 2. Es wäre für die Jagd auf Italiener sinnvoll gewesen, sich vorher einmal die Karte anzuschauen. Aber es ist, wie es ist, sagte meine Grossmutter immer und nasser konnte ich da auch schon nicht mehr werden. Dachte ich. Bevor ich umdrehte und merkte, dass ich nun mit eiskaltem Ostwind aus der sibirischen Steppe zurück fahren musste.

Ich fand im Nebel zwar keinen Richtungspfeil, aber immerhin einen Einschnitt im Gebirge bei Toblach und darin ein Haus und davor eine alte Frau, die Zeitung las. Ich wusste, dass irgendwo Cortina auf meinem Weg lag, und fragte sie:

Grüss Gott. Wo geht es hier nach Cortina.
Wohin?
Cortina.
Aber das ist 35 Kilometer entfernt!
Ja, genau, da muss ich hin.
Mit diesem Rad? Sie deutete auf mein graziles 1972er RuFa Sport, das nicht ganz so aussieht, als wäre es den Belastungen eines Unwettertages in den Bergen gewachsen.

Mit diesem Rad.
Bei dem Wetter?
Bei dem Wetter, es ist halt so.
Also, sagte sie, da fahren Sie hier den Berg hoch und dann den Berg wieder hinunter, und dann kommen Sie auf den Radweg. Aber da kann man bei diesem Wetter nicht fahren! Da hat es oben Schnee, da erfrieren Sie!

Ich bedankte mich, fuhr los und musste dann 20 Kilometer lang erkennen, dass die alte Frau vielleicht ein wenig mehr Ahnung als ich hatte – wie gesagt, Grossmütter haben immer recht – so wie auch die vier nachzügelnden Italiener mehr Kraft in den Beinen hatten, als sie mich überholten und spielend leicht zurück ließen. Von da an war ich allein. In einer Gegend, die bei Sonnenschein sicher zu den schönsten Orten der Welt zählt. Sogar im Regen ist es noch schön.

Und ab einem gewissen Punkt ist man so dreckig, dass jeder neue Dreck am alten Dreck nicht mehr haftet und wieder hinunter fällt, solange man nicht durch besser klebende Kuhfladen fährt. Hin und wieder kam ich an weggespülten Brücken vorbei und kletterte durch Geröllfelder, ab und zu sah ich eine Kuh im Nebel. Und irgendwann war ich auch oben auf dem Passo Cimabanche – dem ersten und niedrigsten von drei Pässen. Von da aus rollte ich noch ein paar Meter in den Wolken weiter, um wenigstens Cortina gesehen zu haben. Bis eben zu jenem Punkt über der Schlucht, wo die Wolken unter mir lagen, und noch weiter unten lag meine Motivation. Unter mir waren also Wolken und Wildbäche und eine schwierige Abfahrt, hinter mir in 200 Meter Entfernung ein Lokal. Und ich sagte zu mir:

Ich werde heute keinen Italiener mehr fangen. Es ist kalt. Ich bekomme gerade eine Lungenentzündung. Da hinten gibt es Tee, Kuchen und Wärme, und in Innichen im Sport Hotel liegt mein weisser, flauschiger Bademantel auf dem Bett. Ich muss nur umdrehen, Kuchen essen, abfahren und dann stundenlang im Warmbad liegen. Was ich erlebt habe, reicht leicht aus, um meinen Lesern zu erklären, warum man auch mal aufgeben können muss. Gesundheit, das ist die Lektion, ist das Wichtigste! Ich war bei der L’Eroica schon oft am Aufgeben, jetzt wäre es mal an der Zeit, es zu tun. Dann hörte ich von hinten ein Rauschen, und um die Kurve schoss ein Pulk Radler auf Carbonrädern.

Eeeeeh, Eroici!, rief mir einer zu und winkte. Ich winkte zurück, und dann kam noch ein Pulk und noch ein Pulk, und ich aber gab auf und drehte um und fuhr heim. Also, ich mein, ich habe mir wirklich vorgenommen, das zu tun. Echt. Aber tatsächlich schaffte ich die Kurve nicht ganz, und die Schwerkraft zog mich hinunter. Von hinten kam noch ein Pulk, ich hängte mich dran und krachte mit ins Tal. Du bist von Eroica, fragten die anderen, ich sagte ja, und sie sagten anerkennend Eeeeeh in die eisige Bergluft, und so brannten wir hinein nach Cortina.

Wo, unglaublich, die Sonne schien. Sie schien auf Touristen und auf Radler auf Carbonräder und auf den Allerletzten der Eroici, aber sie schien nicht auf Wegweiser, die ich finden sollte. Immerhin fand ich eine Karte, die mir endlich erklärte, dass ich auf den Passo Tre Croci und danach auf den Passo San Angelo musste, um wieder nach Hause zu kommen. Was ich nicht fand, waren die Pfeile zu diesen Pässen, weshalb ich zweimal die scharfen Rampen im Ort hinauf und hinunter fuhr, bis ich die richtige Abzweigung fand. Dann setzte ich mich erst eine Weile auf die Bank in die Sonne.

Denn ist man erst mal Letzter, überholt einen keiner mehr, und man hat alle Zeit der Welt. Ausserdem ist Cortina wirklich schön in seinem halben Dornröschenschlaf, manche Wolken erstrahlten golden und andere funkelten wie bizarrer Silberschmuck an den Hängen des Monte Cristallo. Ist man erst mal Cortina, muss man ohnehin zu diesen hübschen Wolken, denn es führt kein flacher Weg zurück, und wenn man am Passo Tre Croci an so einem Frühwintertag erfriert, steht in der Biographie: gestorben am Passo Tre Croci, Cortina d’Ampezzo.

Das klingt wahnsinnig mondän, nach Louis Trenker und einem Schurken aus einem Bond-Film, viel besser als „in der Therme von Bad Gögging auf der Seife ausgerutscht und noch 5 Jahre mit Schädelbruch im Koma gelebt“, also fuhr ich weiter, und siehe: In der klaren, sonnigen Bergluft fühlte es sich gar nicht so kalt an, wie es wirklich war. Es war eine Schinderei in schöner Landschaft, das kann ich berichten, und außerdem ist man irgendwann oben, wenn man überlebt, und das ist ein gutes Gefühl. Noch besser ist es, auf 1809 Meter die Bremsen los zu lassen und nach unten zu schiessen.

1750 Höhenmeter, 1700. 1650, 1600, 1550, und dann fällt einem ein, dass eigentlich schon nach 150 Höhenmetern eine Abzweigung hätte sein sollen, und war da bei Tempo 80 in den Augenwinkeln nicht ein Pfeil? Es geht hier doch gar nicht mehr nach Misurina.

Das sind so die Momente, in denen es gut ist, wenn man den Moment der totalen Verzweiflung schon oberhalb von Cortina hatte. Umdrehen, hochkriechen, weiter, immer weiter. Mit pfeifenden Lungen kroch ich am Lungensanatorium vorbei, über dem sich die Drei Zinnen erheben, und sagte mir: Schau, immerhin kriechst Du noch japsend, die Kinder da drinnen japsen nur noch in den Betten. Es geht Dir nicht gut, Du bekommst mindestens eine Grippe, aber in den Bergen um dich herum sind Abertausende sinnlos im Ersten Weltkrieg gestorben.

Manche liegen immer noch unter dem Geröll, ihre Lieben haben nie erfahren, was ihnen geschehen ist, aber du bist einer der privilegiertesten Menschen der Welt: Niemand schiesst auf dich, keine Armee setzt gegen dich Giftgas ein, nur ein paar Grüne, Rote, Schwarze, Blaue, Minister, Staatssekretäre, Bild- und NDR-Journalisten und Ex-Stasi-IMs hinter den Bergen hassen dich, du hast immer die Wahl. Du hättest auch im Wellnessbereich liegen können. Du wolltest aber das hier. Also hör auf zu jammern und quäl dich, du faule, verweichlichte, übergewichtige Sau. Da vorne ist der letzte Pass.

Und von da aus ging es 20 Kilometer nur hinunter nach Toblach. Der Salzgehalt sorgte dafür, dass die Tränen, die der Fahrtwind aus den Augen presst, nicht am Gesicht festfroren. Die Sonne verschwand hinter den Bergen, König Laurins Rosengarten flammte rot im Abendlicht, aber nichts, nichts konnte einen jetzt noch aufhalten. Die Schwerkraft tat ihr Werk. Und siehe: Es war gut. Es war sehr gut. Es war phantastisch. Es war absoluter Wahnsinn, das alles geschafft zu haben, am Leben zu sein und vielleicht der Letzte zu sein, der den Berg hinunter donnernd, Kurven schneidend, alle Vorsicht aufgebend am Ziel ankommt. Aber auch jener Letzte, der nicht aufgegeben hat und sich durchkämpfte, und nicht wie andere in Cortina den Bus zurück nahm.

Du könntest runter in den Wellnessbereich, es ist noch genug Zeit zum Heldendinner, sagte der Veranstalter im Hotel, als ich endlich ankam. Ich drückte auf den Knopf am Aufzug, stellte mich breitbeinig und tröpfelnd und dreckig und glücklich und stolz hin, und sagte: Besser nicht, was sollen denn die Leute da unten von mir denken. Und dann ging die Tür auf und da standen sie in ihren flauschigen Bademänteln, mit Wasser und Rotwein in der Hand und starrten mich an.

Es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt. Die einen wollen Wellness, und die anderen wollen lieber nach 40 Kilometer im Regen am Passo Tre Croci erfrieren, und dort neben der Strecke begraben werden. Sie wollten Wellness.

20. Sep. 2017
von Don Alphonso
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15. Sep. 2017
von Don Alphonso
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Frankensteins atavistische Testosteronmonster und ihre natürliche Auslese

Es ist natürlich nur ein Zufall, dass Mary Shelley vor exakt 200 Jahren eine enge, finstere Treppe beschrieb, wie jene, die mich nach oben in den Speicher führt. Es ist auch nur ein Zufall, dass sie in einem Haus ist, in dem früher Alchemisten wohnten wie jener, über den Shelley schrieb, und es hat auch nichts zu bedeuten, dass Haus und Treppe und Speicher in exakt jener Stadt zu finden sind, in dem die ersten Teile von Frankenstein spielen. Wie wir aufgeklärten Menschen alle wissen, gibt es keine aus Leichenteilen zusammengesetzten Monster, und außerdem zitiere ich auf den Stufen Baudelaire.

Du, dessen Klarblick in die Arsenale dringt
Wo der Metalle Volk im Schlafe blinkt
Satan, meines Elends dich erbarme

Das steht in den Blumen des Bösen, die nach Frankenstein geschrieben wurden, und somit ist eigentlich klar, dass ich nicht Victor Frankenstein bin und dort oben nicht einen neuen Prometheus horte.

Sondern gleich ein paar Dutzend.

Manche Geschöpfe meiner ölschwarzen Kunst sind noch in Einzelteilen und warten auf die Vollendung, manche sind nagelneu und dämmern hier trotz ihres Alters wieder ein paar Jahrzehnte, manche habe ich nur zum Zeitvertreib gebaut und andere wiederum, weil Männer wie ich, wie man so schön sagt, zumindest ein Laster im Leben brauchen. Manche saufen, manche fressen, manche ruinieren sich beim Glücksspiel, sei es Roulette oder Partnerwahl, manche nehmen Drogen, manche machen Polit-PR beim NDR, manche studieren Gender, manche sind einfach nur fad und langweilig, und ich, nun, ich werfe einen Blick auf die Wettervorhersage. Die lässt mich wissen, dass es am Samstag auf 1500 Meter Schnee geben wird, und wie es der Zufall will: Genau dort hinauf sollte ich eigentlich fahren. Mit dem Rad.

Jeder normale Mensch würde sich nun an den Rechner setzen und eine Mail des Inhalts schreiben, die Veranstalter dieses Radrennens hoch zu den Gipfeln möchten es einem nachsehen, denn erstens habe man sich im Datum geirrt und zweitens sei das Auto kaputt und drittens fühlte man eine Grippe, man würde es also sehr bedauern, dass man nicht teilnehmen könnte. Ich schrieb, bevor ich die Treppe zu meinen Kreaturen hinauf ging, in die Waffenkammer der Drahtesel, dass ich mich im Datum geirrt habe und jetzt halt alles verschiebe und fliege, damit ich am Samstag, 9 Uhr, in Innichen den ersten Südtiroler Schnee nach dem Winter sehen und befahren kann.

Denn in Innichen ist die erste Auflage der L’Eroica Dolomiti, und ich bin ein wenig besessen. Ausserdem ist der Himmel heute morgen blau, das kann auch halten, und was weiss schon so eine Wettervorhersage? In den Alpen ist das Wetter immer überraschend. Und außerdem habe ich vor zwei Jahren ein Rad speziell für ganz schlechtes Wetter gebaut; Ein RUFA Sport von ca. 1972. Mit kleinen Schutzblechen. Was soll also schon auf dem bisserl Schnee, der ja auch nur Wasser ist, schon schief gehen? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden! Tief in mir drin sagt eine Stimme, dass ich mich überschätze und das alles sicher kein Spass wird, während ich die Winterhandschuhe suche, und eine alte Fliegerbrille gegen den Matsch. Man glaubt gar nicht, wie weit der Glibber fliegen kann. Wenn man mit Tempo 90 gute 50 Meter hinter einem anderen einen Pass hinunter brennt, bekommt man so viel Schneefango, dass die Haut für Monate kältekonserviert ist. So spart sich unsereins das Botox und die Wellnes-Suite.

Sehen Sie, es gibt halt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Die einen sind eher vernunftgesteuert und heissen Frauen, die anderen haben das Hirn nur als Rezeptor für Adrenalin und Testosteron: Das sind dann Männer. Männer können monatelang gediegen auf dem Sofa sitzen und den Gesellschaftsfinger vom Hutschenreuther spreizen – aber irgendwann heften sie sich ein Abzeichen ans Revers, tun ein paar Tage etwas Unvernünftiges, und dann sind sie auch wieder zufrieden. Aber ein paar Mal im Jahr muss das ausgelebt werden, wenn schon das restliche Leben nicht mehr jene Situationen bietet, die gemeinhin die ständige Präsenz solcher Körpersäfte erforderlich machen. Vielleicht sorgt die neue Berufswelt der Menschen auch dafür, dass sie diese Stoffe zurückbilden, und Anlass für all die Transgeschichten liefern, die man heute in den Medien so liest. Ich fürchte, bei mir da nichts mehr zu machen. Dafür habe ich Franz-Gewinde in der Kurbel. Das ist auch schon was!

Die habe ich heute noch einmal überprüft – es ist nicht spaßig, wenn einem die Kurbel beim Antritt nach der Serpentine bricht. Frauen verstehen das nicht, weil sie nicht wissen, wie dieser Cocktail der Körpersäfte bergauf und bergab im vollen Ausmass tobt. Eine Bekannte mit intensiven Drogenerfahrungen – was wohl alles ist, wozu die Grüne Jugend wirklich taugt – meinte einmal, meine Erzählungen klängen doch sehr nach Drogenrausch. Ich zweifle jedoch, dass sie wirklich ahnt, was es bedeutet, wenn einen die Faust Gottes über ein schmales Asphaltband in die Tiefe pfeffert, und hinter jeder Kurve der Tod warten kann. Da ist es gut, dass der Mechaniker heute noch einmal die 50 Jahre alte Bremsenkonstruktion und die Speichen nachjustiert hat: Sorgfalt und Mut überlebt, Dummheit und Mut stört bei der natürlichen Auslese.

Das System, in dem wir leben, will etwas anderes: Es redet uns ein, wie wir die Welt sehen sollen, welches Verhalten richtig ist, welche Willkommenskultur wir zu leben und welche Positionen wir abzulehnen haben, Wir sollten Christopher Street Days schätzen, auch wenn dort inzwischen die Kirchen, nach Kernseife und Enthaltsamkeit riechend und Fett in Leggins pressend, mitgehen, und immer an die Umwelt denken, auch wenn die Macher dieser Vorschriften Natur nur als den Busch kennen, in dem ihr voll in die grüne Weltsicht integrierter Dealer die Drogen versteckt. Es gibt in diesem Wertesystem jenseits der reinen Fortpflanzung keine natürliche Auslese durch Leben und Tod, Geschlechtspartner und sich anziehende Gegensätze, die die Jungen stark machen. Es gibt Leitlinien und Filterblasen, an denen sich die Auswahl vollzieht.

Minister laufen mit Schauspielerinnen davon, EKD-Mitglieder finden sich in Räten, der Gewerkschaftler trennt sich irgendwann von der SPDlerin und politische Überzeugung ist wichtiger als körperliche Attraktivität oder gar Vermögen, Die Ausleseprozesse sind nicht mehr durch Umwelt und Not definiert, sondern von Sozialen Netzwerken, ideologischen Gruppen, Singlebörsen und der Fähigkeit des Mannes, Wellnessurlaube zu ertragen. Im Überfluss des Westens kann man sich tatsächlich beschweren, wenn der Partner einen Mangel wie ein Produkt hat, das man folglich umtauschen kann. Das wird als Grundrecht empfunden. Es überlebt in diesen Zirkeln nicht der Stärkste, sondern der, der sich diesem System am besten anpassen kann.

Die Fähigkeit, einen Berg im Schneetreiben zu erklimmen, ist da nicht mehr relevant, aber der Trieb ist jmmer noch da, also machen es die Männer alleine. Vor ein paar Wochen war ich mit einem ebenfalls nicht fitten Mann an einem Berg, und wir fuhren nebeneinander hoch: Trotz schwacher Muskeln am Limit natürlich, mit gefletschten Zähnen, und aus den Augenwinkeln sah ich, wie hinter uns seine Begleiterin die Augen verdrehte: Aber so ist eben die Natur, so funktioniert der Körper, man weiss, dass es nicht vernünftig ist, und man bekommt dafür keinen Preis. Aber es fühlt sich nett an, wie jener Sex, der in Zeiten von Social Freezing für die Frau auch nicht mehr nötig ist, wenn sie sich auf die Karriere konzentriert, und erst später auf das Finden des richtigen Partners, der bis dahin professionelle Sexdienstleistungen als ökonomische Alternative erkannt hat. Die schiere Kraft, die unsere Urgrosseltern noch besangen und auf Dorffesten bewunderten, ist etwas für Proleten, oder wird versteckt irgendwo in den Bergen ausgelebt. Da hilft auch keine Frauenquote und kein Programm für Familien. Es ist nun mal ein atavistisches Ritual. Eine Abweichung von der Norm der Evolution. Man könnte auch an der warmen Heizung sitzen und Tee trinken, und melancholisch in den Regen schauen.Man muss nicht verstehen, warum ich morgen um 9 Uhr im Regen hoch zu den drei Zinnen fahren werde, wo der Winter Einzug hält und der kalte Schlamm in alle Poren dringt. Man muss auch kein Mitleid haben, denn wer das macht, der lebt sein Testosteron. Das, was die Evolution vom Mann der Vergangenheit zur Memme der Gegenwart nicht beseitigen konnte: Das will es so. Es wird eine phantastische Sauerei, und ich hoffe, dass neben mir auch die Kamera überlebt, damit ich Bilder vom Gemetzel mitbringen kann. Die Kastraten der Zukunft werden schaudern, wenn sie das später einmal wieder entdecken.

Nein, ich habe nicht Frankensteins Monster im Speicher. Aber vielleicht werde ich morgen im Ziel selbst so aussehen.

15. Sep. 2017
von Don Alphonso
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12. Sep. 2017
von Antje-Susan Pukke
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Wie machen Sie das denn? Vom WG-Leben im Alter.

Vorbemerkung: Ich werde oft gefragt, wie man in die FAZ kommt, und die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Man wird gefragt und sagt Ja. So war es zumindest bei mir, meiner Kunstfigur Don Alphonso und meinen Blogs, und so geht das eben immer weiter. Ich lese viel, denke mir: Die könnte etwas taugen! – frage an, mansplaine und hole mir dann manchmal einen Korb. Diesmal ist es zum Glück anders, denn die Gastautorin, die ich hier einleten darf, kann etwas ganz Unerhörtes berichten: Dass man nämlich gar keinen barocken Stadtpalast für ein standesgemässes Dasein braucht, und auch in einer WG glücklich und zufrieden sein kann. Die Bilder sind natürlich trotzdem von Stadtpalästen, chacun a son gout, ausserdem ist es wie mit dem Tafelsilber, ich muss es nehmen, ich habe nichts anderes. Don Alphonso.

Das Huhn, das Huhn ist schuld daran, dass Sie ausgerechnet von mir etwas auf diesem Blog lesen. Man muss dazu wissen, dass Don Alphonso und ich eine Lebensgeschichte haben, ein Leben führen, das konträrer nicht sein könnte. Er, der Aufsteigerkinder wie mich aus kleineren Verhältnissen nicht immer schätzt. Und ich, die ich häufiger etwas irritiert darüber bin, wie man aus gesegneten Herkunftsverhältnissen heraus so manches Mal über andere so hart urteilen kann.

Das Huhn also.

Ich hatte eigentlich nur einen kleinen Tweet abgesetzt aus meinem kleinen, aber feinen WG-Leben.

Der Mitbewohner zerhackt gerade sein Huhn auf dem Holzschneidebrett der sonst wirklich toleranten Veganer-Mitbewohnerin.

*Holt Popcorn*

Und dann kam eine sehr nette Privatnachricht, warum ich eben über dieses WG-Leben nicht einmal was schreiben wolle. Hmmm, dachte ich, was soll man bloß darüber schreiben? Wir leben hier fröhlich zusammen, ab und zu gibt es mal eine kleine Auseinandersetzung, kurz darauf haben wir uns wieder lieb.

Für mich alles ganz normal, ich habe fast immer mit Menschen zusammengelebt, als Kind in der Großfamilie, später in langjähriger Partnerschaft und nach der Trennung eben in Wohngemeinschaften. Was soll daran besonders sein? Darüber dachte ich ein bisschen nach und stellte fest: Doch, es gibt da etwas Besonderes.

Ich gehe nämlich auf die 60 zu. Ich wohne derzeit mit einer Mitdreißigerin und einem Mitvierziger zusammen. Für Berliner Verhältnisse zum Beispiel mag das normal sein, dass auch Ältere in einer Wohngemeinschaft leben, in Bayern ist das nicht die Regel, wenn ich mir die Reaktionen so anhöre.

Neulich zum Beispiel im Biergarten. Ich sitze an einem heißen Sommermittag so da, vor mir eine Apfelschorle und eine Zeitung. Ein Mann mit Weißbier und Wurstsalat setzt sich an meinen Tisch, Alter zwischen Mitte 50 und Mitte 60, so ganz genau kann ich das nicht abschätzen.

„Sie müssen auch was essen, junge Frau.“
„Danke, wir essen später gemeinsam zuhause.“
Der Mann kratzt sich kurz am Kopf und fragt charmant: „Wer ist wir? Sie sind doch nicht etwa vergeben?“
Der Versuch einer Annäherung, das ist in München so, wenn man im Biergarten sitzt.
Kurzes Überlegen. Lügen mag ich auch nicht.
„Nein, ich lebe in einer Wohngemeinschaft.“
„In Ihrem Alter?“
„Ja, warum nicht?“
„Eine Weiber-WG also.“
„Nein, zwei Frauen, ein Mann.“
Der Mann kratzt sich wieder am Kopf.
„Ja streitet man sich da nicht dauernd um den Mann?“
„Nein, wieso? Und wie leben Sie so?“

Und dann erzählt der Mann seine traurige Geschichte. Seit 19 Jahren verheiratet, die Frau arbeitet noch. Wenn er, Frührentner, aufsteht, ist sie schon weg und wenn er nach seinen fünf, sechs Weißbieren, die er tagsüber trinkt, um 20 Uhr schon schläft, kommt sie nachhause. „Wir sehen uns fast nie.“

Und schließlich will er es noch einmal wissen.
„Und was ist, wenn Sie alle auf einmal auf die Toilette müssen?“
„Wir haben eine Gästetoilette und ein großes Bad mit Toilette.“
„Aber man muss sich ja auch sonst mal aus dem Weg gehen können.“
„Wir haben eigene große Zimmer und zwei große Balkone. Und wie ist das bei Ihnen so?“
„Ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, eine Küche, kleines Bad. Eng, aber wir sehen uns ja eh nie.“

Das Huhn, das Huhn, das lässt noch andere Erinnerungen in mir wach werden.

Die von der Kollegin, die in einem riesigen Haus wohnt und das gar nicht verstanden hat, dass ich in einer WG lebe. „Wir hätten da ja genug Platz. Mein Mann und ich leben so nebeneinander her, aber wildfremde Leute bei uns einziehen lassen? Da gibt es doch nur Probleme mit der Putzerei. Aber schön wäre das schon, so eine Mini-WG. Wir hätten endlich wieder jemanden, mit dem wir reden können.“ Und sie fügt hinzu: „Wie machen Sie das denn? Das ist doch bestimmt nicht unkompliziert, so ein Zusammenleben mit Nichtverwandten.“

Ja, wie ich das mache, weiß ich manchmal auch nicht. Ich weiß nur, dass mir das Leben in einem einsamen kleinen Appartement nicht liegt. Ich habe lange alleine gewohnt, sogar Jahre auf dem Land in einem schicken kleinen Häuschen. Wobei alleine so nicht ganz stimmt. Die Katze und ich lebten zusammen. Und ich bin da einfach nur untergegangen.

Ich könnte Ihnen noch viele Geschichten erzählen von „wie machen Sie das denn?“, von Bewunderung, von Abneigung, von Neid und doch denke ich gerade beim Schreiben so: Das Huhn, das Huhn …

Vielleicht will mich dieses Huhn ja einfach nur an meine eigenen Erfahrungen und an die Einsamkeit so vieler Menschen erinnern, von denen und über die ich zum Beispiel auf Twitter lese. Das macht mich manchmal ganz einfach nur traurig. Zwei meiner Follower haben sich umgebracht aus eben ihrer Einsamkeit heraus. Dazu die zahlreichen Tweets, die ich tagsüber, selten auch in der Nacht lese über Trennungen, über die Sehnsucht nach einem Partner, einer Partnerin, über das einsame Altern. Gerade letzteres beschäftigt mich sehr. Da leben die einen in viel zu großen Wohnungen und schwelgen alleine in Erinnerungen, während die anderen in ihrem kleinen Appartement sitzen, genauso einsam.

Und eine Zigarettenlänge später fällt mir die zentrale Botschaft ein: Bevor Sie so ganz alleine untergehen, ziehen Sie in eine WG oder gründen Sie eine, egal, wie alt Sie sind. Sie können nur gewinnen, nicht verlieren. In Ihr kleines Domizil mit Fernseher, Notebook, Pizzalieferservice, Katze und sich selbst können Sie immer noch zurückkehren. Oder Sie könnten, wenn Sie in einer zu großen Wohnung leben, erst einmal für kürzere Zeit untervermieten. Zusammenleben auf Probe sozusagen. Sie müssen ja nicht ganz so mutig sein wie ich, als ich damals nach der Trennung in einer viel zu großen Wohnung saß und die unterschiedlichsten Menschen einziehen ließ.

Das Huhn, es erinnert mich nämlich zum Beispiel an Herr S., den ich in den Anfangszeiten von BISS in deren Schreibwerkstatt kennenlernte. Herr S., ein ziemlich verrückter bayerischer Kerl um die 50, lebte damals auf der Straße und versuchte mit Hilfe der Gründer der Münchner Obdachlosenzeitung wieder Fuß zu fassen. Durch den Verkauf des BISS, aber auch durch das Schreiben. Das für ihn Unbegreifliche und damit sein Schicksal in Worte zu fassen, das war sein Ziel. Jahrelang war er auf Märkten unterwegs gewesen, hatte allerlei Sinniges und Unsinniges verkauft, gut verdient, aber leider vor lauter Arbeit den Überblick über seine Finanzen verloren. Zehntausende Mark an Steuerschulden, unfähig, das zu regeln, Scheidung von seiner langjährigen Partnerin, Kündigung der Wohnung.

In meiner WG war damals gerade kein Zimmer frei, aber hey, Platz ist in der kleinsten Hütte. Herr S. verkaufte also tagsüber den BISS und für die Nacht haben wir ihm eine Matratze in die große Wohnküche gelegt, bis er eine eigene Wohnung fand. Wir haben gemeinsam gekocht, gelacht, waren traurig. Und ich habe so viel begriffen, vor allem, wie schnell das Scheitern gehen kann.

Profitiert habe ich immer von den Menschen, die einzogen und mehr oder weniger lange blieben. Von B., die Theaterwissenschaften studierte und die mich für die Welt der großen Bühnenstücke und die des kleinen Experimentiertheaters begeisterte. Vom Mailänder Model M., der damals viel in München für große Modezeitschriften arbeitete und der das harte Geschäft erst richtig verstehbar machte. Oder von S., der für ein Gastsemester Philosophie in München war. Die Gespräche mit ihm über Gott und die Welt möchte ich nicht missen und auch nicht seine skurrile Sloterdijk-Hörigkeit. Wie oft saß er in der Küche mit Kopfhörern und Kassettenrekorder, hörte die Vorlesungen seines großen Vorbildes und murmelte ständig „was will er damit nur sagen?“ Wir anderen und auch er hatten dabei viel Spaß und Spaß gab es ohnehin immer viel.

Was ein Huhn so alles in einem an Erinnerungen wecken kann. Die meisten davon sind einfach nur schön und berührend.

12. Sep. 2017
von Antje-Susan Pukke
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06. Sep. 2017
von Don Alphonso
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Die Dialektik der historischen Aufklärung gegen die AfD

Ein Deutscher, ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben.
Theodor W. Adorno

Es wird am Wahlabend, wenn nichts Gravierendes dazwischen kommt, natürlich viel Entsetzen über das Abschneiden der AfD geben, und ich vermute, dass das Entsetzen nicht auf Seiten von Frau Weidel und Herrn Gauland sein wird. Wie es immer so ist, wird man die Fehler bei jenen suchen, die sich falsch entschieden haben, und es ist anzunehmen, dass man mit abweichenden Meinungen im Lager der Kommentatoren wenig gnädig verfahren wird. Speziell, wenn sie auch noch darauf hinweisen, dass es nicht zu wenig Kampf gegen die AfD gegeben hat, sondern vor allem einen falschen Kampf mit den grundfalschen Argumenten. Ich bin nicht nur der höflichste, sondern auch der konfliktscheueste Mensch von der Welt, und als solcher möchte ich hier – zumal noch Zeit für Einsicht und Strategieänderung bleibt – einen in meinen Augen besonders gravierenden Fehler verdeutlichen: Der ständige Vorwurf, die AfD wollte zurück in die 50er Jahre.

Wer dieses Jahrzehnt wirklich im ganzen Umfang bewusst als Erwachsener erlebt hat, wurde um 1930 herum geboren und nähert sich dem 90. Geburtstag. Was die 50er Jahre wirklich waren, wissen die meisten Deutschen nur aus dem Geschichtsbuch, oder Erzählungen, die angesichts der harten Kriegszeiten davor gar nicht so schlecht sind, wie viele heute im Wohlstand meinen. Natürlich kann man in einem Soziologieseminar nicht offen darüber reden, wie der eigene Uropa in der fernen Provinz unter Adenauer den finanziellen Grundstock legte, auf dem man heute die Benachteiligung von Frauen und Migranten studiert. Aber die Zeiten von 1914 bis zur Währungsreform mit der DM waren mit ihren Krisen und Kriegsgräueln für die meisten Menschen alles andere als schön. Danach wurde es sehr schnell sehr viel besser, und zwar für breite Schichten der Bevölkerung – ganz gleich, ob in der BRD, England, Frankreich, Italien oder Österreich. In Deutschland schüttete man mit Aufstieg und Konsum die Erinnerung an Krieg und Völkermord zu. Das sorgt für den schlechten Ruf der Dekade. In anderen europäischen Ländern ist die Phase bis Mitte der 60er Jahre bis heute ein Goldenes Zeitalter geblieben.

Und selbst bei uns gibt es da zwei Arten der Geschichtsschreibung: Das eine ist die durch die 68er definierte, offizielle Haltung, die Adenauer, Globke, den deutschen Schlager, die Wiederbewaffnung, die hemmungslose Motorisierung, den Konsumwahn oder den Fortschrittsaberglauben mit seinen zubetonieren Flüssen und AKWs ablehnt. Diese Vorstellung der Epoche ist weitgehend negativ aufgeladen, und hin und wieder wird man daran erinnert, etwa, wenn die Opfer der Schwulenparagraphen rehabilitiert werden. Oder wenn von Bischof Mixa bis zu den Regensburger Domspatzen die Verfehlungen und Vertuschungen der Kirche offensichtlich werden. Oder wenn Zeitzeugen erzählen, wie sich Gastwirte der Gefahr aussetzen, wegen Kuppelei die Lizenz zu verlieren, wenn sie Männer und Frauen zusammen ein Zimmer nehmen ließen. Was uns heute beim Betrachten von 50er-Jahre-Filmen wie verklemmte Sexualität vorkommt, war damals frivolstes Kokettieren am Rande des gesellschaftlich Zumutbaren. Ich wäre höchst überrascht, nähmen AfD-Anhänger nicht auch ab und zu jene Dienste in Anspruch, die im Internet heute ganz anderes Filmmaterial auf den Rechner bringen – aber übel und bigott und sexfeindlich waren nun mal diese 50er Jahre, die man mit der AfD in Verbindung bringen will.

Das sind übrigens auch die 50er Jahre, von denen ich selbst immer erzähle, wenn ich mit anderen im Altmühltal unterwegs bin, in jener romantischen Juralandschaft, die ideal geeignet ist, um mit Kindern Rad- und Paddelbootausflüge zu machen, und Burgen zu erwandern. Die 50er Jahre haben hier wie in vielen ländlichen Regionen erst in den 80er Jahren aufgehört, und ich fühle mich verpflichtet, den hässlichen Kontext der Schönheit zu liefern: Hier steht nur noch so viel Altes, weil man sehr lange zu arm für Neues war. Hier sind die Kirchen so prächtig, weil die Bischöfe das Land ausplünderten. Die Dienstmädchen bei meiner Familie waren die unehelichen Töchter der hiesigen Bauern. In den Gaststätten hingen nicht wie heute Artefakte des bäuerlichen Lebens, sondern die Bilder all jener Männer, die in den Kriegen von 1870 bis 1945 “auf dem Feld der Ehre” geblieben sind, und darunter maulten die Veteranen und Reservisten, weil man 41 nicht nach Moskau kam. Ich erzähle das alles. Und komme nicht gegen das an, was die Menschen hier sehen.

Eine Welt mit fetten Sossen, riesigen Portionen und ausgewählten Zutaten, eine Welt, die wie die gute alte Zeit wirkt, aber damit nichts zu tun hat. Die “gute, alte Zeit” hier war gleichbedeutend mit fragwürdigem Kesselfleisch nach der Schlachtung, Fett am Schweinsbraten, Maggi am Tisch, stinkenden Zigarillos, und als besonderer Attraktion, gegenüber von einem der heute besten Lokale im ganzen Tal: Ein unhygienischer Pommes-Frites-Automat, der für ein Fuchzgerl Fettkartoffelstreifen auswarf. Und genauso, wie sich die Feinschmeckerei hier mit frischem Salat und Schnittlauchstreussel neu erfindet, mit ihren Prälatentellern und dem Ochsen am Spiess im Schloss für 40 Personen – so hat sich die ganze Region neu erfunden.

Das Altmühltal hat kein Meer und keine Berge, sondern nur die scheinbare Unschuld der 50er Jahre Romantik. Es ist hier so, wie es noch war, als Grossonkel Wilfried und Tante Gerda und Pudel Willy mit dem Opel Kadett ihre Nichte Marika abholten, weil das Faltboot ein Leck hatte. Ich merke das an mir selbst: Ich weiss, wie es früher gewesen ist. Es war schlimm. Es war überall schlimm, auch im Donaumoos, in der Holledau und überall, wo man sich heute als biologische und nachhaltige Alternative zum Urlaub in der muslimischen Welt anbietet. Der Bartelmarkt in Oberstimm war ein elender Treffepunkt für das ganze Gschleaf aus Bayern, aber heute gilt er als bundesweiter Geheimtip für echte Volksfeste.

Da möchte man die AfD hinein pferchen und sie in einem Gatter mit dem Schlimmen jener Tage halten. Das ist aber so eine elitäre Einstellung, die man sich eben leistet, wenn man aus der akademischen Oberschicht stammt. Da ist die Ablehnung jener Epoche ein Konsens, der aber auch nur dort gilt: Auf dem Land waren die 50er Jahre prima, man bekam damals Strom, Wasser, das Dieselross und Teer. Man hat sich das unter Strauss nicht schlecht machen lassen, und will von den negativen Aspekten nichts mehr hören.

Man hat die Geldspielautomaten, an denen sich die Landjugend mangels Alternativen ruinierte, in den Gaststätten entfernt, und hängt wieder Geweihe auf. Man hat die Saufrituale der Region mit kristallklaren Schnäpsen aus hier wachsenden Schlehen, Wacholder, Marillen und Zwetschgen ersetzt. Früher bekam man hier zum Datschi die Dose mit der Sprühsahne auf den Tisch gestellt. Heute ist der Datschi eine teuer gehandelte Delikatesse, und wird mit einem kleinen Klecks frischer Sahne veredelt. Es hat nichts mit der gar nicht so guten, alten Zeit zu tun -aber es wird so erlebt. Und natürlich ist der junge Schwarzafrikaner im Garten des Bischofs ein eifriger Gaststudent mit Stipendium, und nicht vergleichbar mit dem, was man im Görlitzer Park erlebt.

Ein schönes Beispiel für die unterschiedliche Auffassung ist die hiesige Jesuitenkirche: Kein wirklich aufgeklärter Mensch kann sich vorstellen, an einem Ort zu heiraten, an dem armen Bauern vorgegaukelt wurde, Schutzengel würden dauernd über ihrem Leben schweben. Zumal, wenn man weiss, dass die Jesuiten für eine brutale Durchsetzung des Glaubens mit religiöser Säuberung standen. Damals war die Grenze zwischen Bistum und evangelischen Reichsrittern auch die Grenze jeder zwischenmenschlichen Verbindung. Das hält aber nach meinem Wissen niemand davon ab, all die Schutzengel putzig und das Ambiente eindrucksvoll zu finden, nachdem die Kirche – in meiner Jugend noch ein finsteres Loch – jetzt nach der Restaurierung im neuen Glanz erstrahlt. Die Geschichte dahinter ist nicht schön, aber die Kirche ist das, was die Heiratswilligen darin sehen wollen. Das Altmühltal war bitterarm, aber es hat sich heute als die gute, alte Zeit herausgeputzt, die wir gerne im Urlaub sehen wollen.

Und mein Eindruck ist, dass die Rückwärtsgewandtheit der AfD ganz ähnlich funktioniert. Man sagt ihren Anhängern, die Partei sei 50er Jahre und daher im Sinne von Horkheimer und Adorno abzulehnen. Aber ihre Anhänger sehen da etwas wie das Altmühltal mit sauberen Strassen, geordneten Verhältnissen und gute Zeiten für jene, die gute Leistung bringen. Man gibt sich alle Mühe, die AfD in einen Schweinestall mit allen stinkenden Tieren der Vergangenheit zu pressen, aber die Anhänger der Partei sehen sich eher im schmucken Fachwerkhaus mit Blumen vor den Fenstern und Fahnen, wenn der Festzug zum Volksfest vorbei zieht. Für Akademiker, die ihre Legitimation aus dem Anspruch ziehen, eine bessere Welt zu erschaffen, sind die 50er Jahre eine negativ geprägte Epoche, über die man nicht mehr reden muss: Ihre Geschichtsschreibung hat das Urteil bereits gefällt, es ist die Übergangsphase zwischen Nazi und Licht der Frankfurter Schule, und nur als Kampfzeit gegen das Alte und Überkommene positiv zu betrachten.

Der AfD-Wähler dagegen lenkt seinen Diesel Kombi entlang der Biegungen des Flusses, freut sich an der Welt, die nie so heil war, wie sie heute zu sein scheint, und versteht nicht, warum man an diesem Zustand etwas ändern sollte, und ihn mit Fremden und Migration anreichern: Er hat zwei Kinder und seinen Teil dafür getan, damit in seiner Welt alles so bleibt. Das Nachwuchsverweigerungs- und Rentenproblem der Deutschen ist nun mal eher akademisch, feministisch, metropolitan, nicht in der Produktion tätig, und ärgert sich im 50 Wochenstunden dauernden Teilzeitjob einer Werbeagentur, wenn andere es gern idyllisch, romantisch, homogen und in letzter Konsequenz potemkin-dörflich haben, wie in einer Heimatfilmkulisse. Man kann ihnen fundiert vorwerfen, dass sie die Vergangenheit unangemessen idealisieren und negative Folgen ausblenden. Aber dafür müssten sie den Kündern der anderen Wahrheit zuhören wollen.

Wahlkampf mit der Geschichte ist immer problematisch, denn da werden Fässer wieder aufgemacht, die man vielleicht besser geschlossen gehalten hätte. Man erlebt eventuell, dass der totale Sieg im Feuilleton noch lang keinen Sieg auf dem flachen Land nach sich zieht, und sich die offizielle Geschichtsschreibung nur teilweise mit der mündlichen Weitergabe des Märchenhaften deckt- wäre es anders, gäbe es auch schon lange nicht mehr die Nachfolgepartei der SED. Man unterschätzt leicht die perfide Fähigkeit weniger studierter, aber nicht ungeschickter Bevölkerungsgruppen, die Vergangenheit so aufzuhübschen, dass man am Ende völlig aneinander vorbei redet, und dem anderen etwas als Verdammung entgegen schleudert, was der als Kompliment wertet. Es ist noch nicht einmal gelungen, eine Partei wegen ihrer Rolle in der der DDR unwählbar zu machen. Warum sollte es mit den 50er Jahren der BRD bei der AfD besser funktionieren?

Auch das ist, wenn man so will, eine Dialektik der Aufklärung, und der Wahlausgang wird uns da meines Erachtens noch höchst adornisieren.

06. Sep. 2017
von Don Alphonso
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30. Aug. 2017
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Grün lackierte Mobilität und Volksferne

Jetzt kommt in allen Parteien die Playback-Generation.
Joschka Fischer

Sehen Sie, es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Die einen bevorzugen Olivenöl, und die anderen Butter. Und beide halten Margarine für Sondermüll und bezweifeln, dass es eine dritte Art von Menschen gibt, nämlich die, die mit Margarine nicht Kugellager, sondern Brote schmieren. Als höflichster Mensch der Welt stimme ich beiden Seiten zu und nehme nördlich der Alpen meist Butter und südlich der Alpen meist Öl. Gerade noch bin ich nördlich und bittschön, hier, Butter auf einer grossen Wiesenbrezn.

Das ist so eine simple, bayerische Spezialität und dennoch in ihrer Schlichtheit köstlich, regional natürlich und zwar so regional, dass die Beschaffung als technisches Wunder gelten kann: Es ist mir gelungen, die Zutaten mit minimalem Energieverbrauch zu beschaffen. Alle reden heute von emissionsloser Fortbewegung und meinen damit Verseuchung des Landes mit Kohle- und Atomkraftwerken, die die Emission für den Strom der E-.Autos woanders produzieren, Aber ich meine das ganz ernst: Gemessen an dem, was selbst ein Fussgänger an Energie verbraucht, habe ich mich mit geringeren Schadstoffmengen mit der Butterbreze bereichert. Denn ich habe Trekki genommen. Trekki ist ein 1994 gebautes Basismodell der Marke Trek, das durchaus solide und für den urbanen Einsatz gerüstet ist. Allerdings mochte die Besitzerin es nicht, warf es im Frühjahr nach 23 Jahren Gammeln weg. Ich habe es vom Schrottplatz gerettet und restauriert. Alles, was ich brauchte, war Werkzeug, Öl, Fett- echtes Titanfett und natürlich keine Margarine -, Lackpolitur und 10 Stunden Arbeit.

Bei der Rettung von Trekki entstanden nicht mehr Schadstoffe als bei einmal Fettucini al Oglio kochen und dem Verbrauch einer Packung Papiertaschentücher. Seitdem dient Trekki hier als Einkaufsrad und kann auch von anderen Hausbewohnern benutzt werden. Trekki ist robust, die Technik wird sicher noch 20, 30 Jahre halten. Reparaturen sind unkompliziert, und die wenigen schlechten Komponenten habe ich durch Besseres, ebenfalls vom Container, ersetzt. Verglichen mit der Verschrottung, der Trekki anheim gefallen wäre, war das umweltschonender, und die Fahrt mit dem Rad zum Bäcker verbraucht auch weniger Energie – und damit Essen und Energie für dessen Produktion – als ein Fussmarsch. Denn Radeln ist energieeffizienter als Gehen, Ich bin also nicht nur der höflichste, sondern auch der energieeffizienteste Mensch der Welt. Nur tot könnte man weniger Emissionen als ich verursachen – und das auch nur, bis der Verwesungsprozess einsetzt.


Kurz, wenn man wirklich alle Faktoren mit einrechnet und wirklich den ökologischen Fussabdruck reduzieren will, kommt man mit etwas Nachdenken auf exakt meine Lösung. Es ist nicht nur meine Vorstellung, es gibt auch Entwicklungshilfe für Afrika, die darin besteht, alte ´Räder dorthin zu bringen, wo sie benötigt werden, ohne dass die Umwelt unter der Mobilität der Menschen leidet. Ausserdem leidet dann das Gewissen der Deutschen nicht, wenn sie, statt die Kette zu wechseln, ein neues Rad kaufen und wohlig an den Afrikaner denken, der von ihrem Konsum profitiert. Momentan ist Sommer, momentan fahre ich fast alles mit dem Rad, hole frische Brezen, und wie das so beim Radeln ist, mache ich mir so meine Gedanken. Zum Beispiel über die Grünen, deren Spitzenkandidat Cem Özdemir das Verbot von Verbrennungsmotoren zur Koalitionsbedingung macht und behauptet, die Grünen seien die Partei der Ingenieure, die an der Zukunft der Mobilität arbeiten wollen.

Zu Zweiteren, das habe ich hinlänglich ökologisch-bewusst und schraubend bewiesen, gehöre ich. Beim Ersteren jedoch fällt mir wieder der Hashtag #Grüneversenken ein, der im Netz häufig zu lesen ist, denn ich glaube 2017 an die E-Mobilität wie 2015 daran, dass vor allem gut ausgebildete Rentenzahler nach Deutschland kommen. Ich bin damit wohl nicht ganz allein, und viele Bekannte sind der Ansicht, dass den Grünen als Partei der Studienabbrecher_Innen und Bonusmeilenflieger vier Jahre zur ausserparlamentarischen Neuerfindung sicher nicht schaden würden. Abgehoben und weltfremd wirkt die Partei, die ein bestimmtes, kleines Klientel in Städten perfekt bedient und dem Rest des Landes mit Verboten kommt. Es ist übrigens nicht so, dass ich etwas gegen Despotie hätte – meine bevorzugte Sozialordnung der Leibeigenschaft etwa lässt sich kaum demokratisch verwirklichen. Aber es gibt halt zwei Arten von Despoten auf der Welt: Bei den einen ist alles in Butter und die anderen saufen Öl Extra Vergine und Wein der Toskanafraktion, während der Rest mit Wasser und Margarine leben muss.

Von der ersten Sorte war König Maximilian II. Joseph von Bayern, der 1858 eine fünfwöchige Reise zu Pferd, zu Kutsche und zu Fuss von Lindau am Bodensee bis nach Berchtesgaden zu seinem bayerischen Volke unternahm, und bei der Gelegenheit übrigens auch direkt bei mir am Tegernsee vorbei kam. Diese Reise war damals höchst ungewöhnlich und wurde legendär, und später behauptete jeder, die königliche Hoheit gesehen zu haben, oder sie sei sogar im Gasthof verkehrt und habe einen angesprochen, und das Rehragout gelobt. Plötzlich soll einfach die Tür aufgegangen sein, und dann stand der Monarch beim Bürger, und hörte sich an, wie das Leben so war und was er zum Wohlergehen tun konnte. Der wandernde, staubige, vom Regen überraschte König hat die Menschen hier so beeindruckt, dass sie ihm einen Wanderweg widmeten, und ihn bis heute in bester Erinnerung halten, indem sie ihre Söhne Max nennen.

Das ist nicht schlecht für so einen naturnahen Vierteldemokraten und fünf Wochen Imagetour. Und wenn ich ein politischer Erbe der Dreivierteldespotie wäre, dann würde ich es ähnlich machen. Nehmen wir an, in meiner Partei gäbe es eine sportliche, jüngere, schlanke Frau, die emanzipiert wirkt: Nichts spräche dagegen, sie auf ein Rad zu setzen und zu sagen: 100km fährt man an einem Tag locker, also radle von Dorf zu Dorf, halte an, sprich mit den Leuten, sei freundlich und volksnah, höre Dir ihre Sorgen an und zeige, dass Du eine von ihnen bist. Schau in ihre Ställe, spiele mit ihren Kindern, hör einfach zu und versuch zu verstehen, was für das Volk die beste Lösung ist. Zeig, dass Du eine von ihnen bist, setz Dich aufs Bankerl vor dem Haus, radle mit ihnen ein paar Kilometer und verstehe das Land, das Du angeblich schützen willst, in all seinen Aspekten. Frühere Monarchen nannten sich “erste Diener des Staates”, versuch also, Dich als jemand zu zeigen, die “erste Dienstmagd des Volkes” ist. Sei nicht abgehoben, sei nicht Klientelpolitik, sei was Du bist und betrüge keinen mit unrealistischen Vorstellungen. Trink nicht mit ihnen frisches Bergwasser in Erwartung des Weins am Kabinetttisch. Dann wird der, der Dich sah, seinen Freunden sagen: Oiso, de Simone, ned woah, de woah ah bei uns am Hof, und de kennt se fei scho aus. Oiso dös sog i Eich: A gschupfte Hennah is de ned.

Ah so, werden dann die anderen sagen, und zuhören, wie die Simone mit ihrem grünen Rad den Feldweg entlang fuhr, mit einem Strauss Feldblumen im Korb, die Butterbrezen lobte und den kleine Maxl auf den Schoss nahm. Ich erzähle das, weil ich im Frühjahr beim Verband der Milchbauern im Oberland war, und dort CSU, SPD, freie Wähler und Bund Naturschutz Grussworte teils gegen heftige Beschimpfungen derbster Natur vorbrachten, aber kein Grüner sich sehen liess. Ich sage das auch, weil die Menschen auf dem Land eher durch Taten als durch Worte auf sozialen Kanälen erreichbar sind. Vor allem aber sage ich das, weil, naja, wie soll ich sagen: weil die Realität so anders ist. Denn die Simone mit dem grünen Radl, die gibt es wirklich. Sie heisst Simone Peter, ist Vorsitzende der Grünen und 6 Wochen bis zur Wahl auf Tour durch Deutschland. In den Städten fährt sie mit dem Rad.

Aber zwischen den Städten zeigt sie sich mit zwei schweren, grünen BMW530e Hybrid, die 252 PS haben und über 50.000€ Basispreis kosten. Oben auf dem BMW ist ein Dachträger für das grüne Rad, das im Gegenwind die Aerodynamik des Wagens versaut und auf 100km ein, zwei Liter mehr Benzin schluckt. Neben den BMWs stehen ihr nach Eigenaussage für die Tour auch noch ein Opel Ampera und zwei französische Fabrikate mit Elektromotor zur Verfügung. Zusammengerechnet sind das an automobilen Untersätzen rund 200.000 €. Und das wird ganz offen in Peters Twitterkanal an die Wähler daheim in den grossen Städten geschickt.

Als ich mich darüber mokierte und über die Preise der 3er und 7er Hybriden schrieb, antwortete Simone Peter (oder ihr Team, wer weiss das im Internet schon), dass man den 530e nur für sechs Wochen gemietet habe, mehr könnte sich die Partei nicht leisten. Maximilian trat als Herrscher dem Volk zu Fuß gegenüber, Simone Peter tritt dem Souverän mit einer ganzen Flotte von Autos gegenüber, die der Souverän für unpraktisch hält. Sie sind für ihn angesichts der Abgabenlast zu teuer, wie auch den Grünen selbst, die diese Autos nur gemietet haben, wie die Unterschicht für den Urlaub einen 911er mietet. Und die Grünen mieten dabei auch noch eine Mogelpackung: die Reichweite eines 530e liegt elektrisch bei maximal 50km. Ohne Stromtankstelle wird der Akku durch den Verbrennungsmotor geladen. Und dauerhaft verpflichten wollen sich die Grünen jenseits des Wahlkampfs auch nicht. Daher wird gemietet – ein Modell der Firma, für die der ehemalige Obergrüne Joschka Fischer als Lobbyist tätig war.

Kurz, Simone Peter fährt ein grünes Rad ungrün und schadstofffördernd auf einem schweren, gemieteten Auto durch das Land, dessen Antrieb vor allem ein Verbrennungsmotor leistet, den die Grünen verbieten wollen, angereichert mit einem Elektroantrieb, den die Grünen aber nicht kaufen und bezahlen wollen, und lackieren das ganze grün und schreiben “Mut als Motor Zukunft als Ziel” darauf. Unf möchten, dass die Bevölkerung sie wählt, weil sie für das Verbot von Verbrennungsmotoren, mehr Gendermainstreaming, Ende des Ehegattensplittings und mehr Migration und weniger Abschiebung eintreten.

Die Sache ist halt so: Natürlich kann man dem Bürger die Kosten für die Energiewende und das grüne Milliardengeschäft der Windmühlen aufhalsen, und ihn obendrein zum Kauf von Mobilität zwingen, die momentan auch den Grünen zu teuer ist. Dazu muss man nur Steuern massiv reduzieren, und es gibt durchaus Einsparpotenziale bei Gender Studies Lehrstühlen, teuren Quotenregelungen oder beim deutschen Sozialsystem, das erkennbar bislang von der ungebremsten und unkontrollierten Migration nicht profitiert: Möchte man dagegen weiterhin das andere finanzieren und das Geld dafür beim Steuerzahler holen, der dann nicht mehr Automobile bauen kann, ist die Mobilität eben kein BMW 530e, sondern mehr ein Gerät wie mein treues, vom Schrott gerettetes Trekki. Und zwar für alle. Egal, ob sie das aus grüner Überzeigung wie ich tun, oder aus Zwang wie jene, die momentan noch im gemieteten, grün lackierten BMW 530e oder drei anderen Alternativautos sitzen.

Das würde schlussendlich dazu führen, dass meine Vorstellung der radelnden Politikerin doch wieder Realität werden würde. Diesen Wahlkampf könnten die Grünen dann aber auch gleich noch mit jenen Hamstertouren verbinden, die in einem Deutschland mit wirklich emissionsfreier Mobilität ein Brauchtum wie die Butterbreze wären. Es ist selten ein Schaden, wo nicht ein Nutzen dabei ist, sagte meine Grossmutter immer, und sie hatte damit natürlich wie immer recht.

30. Aug. 2017
von Don Alphonso
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26. Aug. 2017
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Leben und gehen wie ein alter, weisser Mann

Facelifting? Nein, dann würde ich ja alle diese großartigen Falten zerstören
Clint Eastwood

Über Jahrhunderte hinweg war das wichtigste Werk Giovanni Boccaccios – nein, nicht das Decamerone, sondern die Lebensgeschichten berühmter Männer und Frauen. Im Decamerone erlebt man den Autor in der Figur des Dioneo als jungen, adretten und anzüglich agierenden Mann, der sich nicht an die Regeln hielt; so, wie Boccaccio selbst dem Kaufmannsberuf entfloh und Schriftsteller wurde. Danach hatte er jedoch, je nach Standpunkt, eine Bekehrung oder eine persönliche Krise, und wandte sich ernsten Themen zu. Seine Sammlung der Schicksale berühmter Menschen sollte den Lesenden erklären, wie man mit Krisen fertig wird, und welche Methoden angemessen sind. Das Werk war sehr beliebt in einer Epoche, in der Krisen, religiöser Wahn, Pestbeulen und Katastrophen zum Leben gehörten wie heute der öffentlich-rechtliche Rundfunk, Genderprofessuren, orientalische Despoten und die EU-Kommission. Man konnte beim toskanischen Universalgelehrten Boccaccio lesen, wie sich historische Vorbilder aus misslichen Lagen befreiten und danach lange und zufrieden lebten.

Heute ist das bei uns anders, wir leben meist nicht mehr in den Hügeln der Toskana, Verwerfungen sind in der BRD eher selten, und wer zu der schmalen Schicht gehört, die wirklich noch Klassiker liest, gehört meist zu den Akademikern oder ihren Nachfahren, die finanziell auf neoliberalen oder ererbten Rosen gebettet sind. Früher oder später werden sie trotz liderlichen Lebenswandels nicht mehr bei der Poussage beim Fenster, sondern bei der Kanzlei des Onkels einsteigen, oder bei irgendeiner sinnlosen Stiftung oder einem Zwangsgebührenverprasser unterkommen. Jedenfalls, Vorbilder sind in dieser anstrengungslos reichen Bildungsklasse nicht mehr sonderlich gefragt, und wer sich für Rocco Sifredi zu fein ist, der liest im Decamerone, wie Alibech und Rusticus den Teufel zur Hölle schicken. Das ist vergnüglich, und außerdem, die Hölle, ganz ehrlich, was soll das: In diesen Kreisen ist das Altern zumeist ans Heim, der Tod an die private Krankenversicherung und die Hölle an die Versicherungsbranche ausgelagert. Man braucht in sicheren Zeiten keine Vorbilder für Krisen mehr, und die meisten Karrieren fliessen ruhig und träge und langweilig auf das Ziel Pensionierung zu. Was soll man da Vorbilder bei alten Eroberern finden, mag man denken. Es sei denn, man setzt sich freiwillig der Hölle aus. Genauer, der Hölle aus Regen, Nebel, Schlamm und einem nicht enden wollenden Berg, den man nach oben schnauft wie dereinst Sisyphos.

Das ist bei mir im Oktober stets die L’Eroica, und letztes Jahr war ich gerade ganz oben angekommen, als mich jemand überholte. Es fahren dort viele ehemalige Rennradidole mit, aber derjenige, der mich überholte, trug die Nummer 1. Auf einem Stofffetzen, den er selbst bemalt hatte. Und während ich dort mit einer speziell aufgebauten Maschine hochstrampelte, mit Untersetzung und neuen Bremsbelägen, hatte die Nummer 1 nur einen einzigen Gang, mit dem sie sich hier hinauf gedrückt hatte. Die Nummer 1 trug kein frisch gewaschenes Trikot in Gelb und Orange, sondern einen mottenzerfressenen Pullover. Mein Rad war frisch restauriert, das Rad der Nummer 1 rostete, wo der Lack abgeblättert war, und gammelte, wo der Lack noch dran war. Ich fuhr so mittelschnell, die Nummer 1 legte sich tief über den Stahllenker und trat in die Pedale.

Die Nummer 1 war 24 Jahre älter als ich und fuhr so schnell, als wäre ich 24 Jahre älter als sie. Aber wie es so ist, das Adrenalin war schon im Blut und das Testosteron setzte auch ein, und so verliess ich meinen Kampagnon und fuhr keuchend eine gewisse Strecke mit der Nummer 1. Die Nummer 1 hatte enorme Krampfadern an den Beinen, wie die Hydraulikleitungen eines Baggers, sie stampfte durch den Matsch und frass einen nach dem anderen, langsam, unerbittlich, unbeugsam, mit der immer gleichen Geschwindigkeit und einer unbändigen Kraft.

Diese Nummer 1 ist die volle Härte, man kann es nicht anders sagen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich das Leben auf den weissen Strassen und den brutalen Anstiegen leichter zu machen. Man kann die Herausforderungen der Hölle technisch angehen und ihnen die übelsten Spitzen nehmen, bis hin zu ultraleichten Alukreationen des Jahres 1987. Die Nummer 1 dagegen hatte ein fast hundert Jahre altes, verhautes Rad, einen einzigen Gang und eine einzige Vorderrad-Stempelbremse. Noch wahnsinniger als die Fähigkeit, mit so einem Rad Steigungen mit 14, 16, 20% hoch zu fahren, ist die Bereitschaft, mit so einem Trumm derartige Berge auch hinab zu schiessen.

Ich mein, ich überhole bergab mit dem Rennrad auch schon mal Autos und Motorräder und lasse sie im Gegenzug nicht vorbei, und wenn es sein muss, auch in der Dunkelheit ohne Licht. Auf der Skala des temporären Irrsinns gehöre ich sicher schon zu den Übergeschnappten, aber ich trage einen Helm und fahre auch bei den Klassiskern optimal eingestellte Räder. Ich habe die Nummer 1 auch bergab fahren sehen, und ich würde sagen: Zwischen dem Nullpunkt der 140 Kilo schweren Soziologin, die auf dem verstärkten Bürostuhl noch eine Tüte Gummibären isst, und dem, was die Nummer 1 da auf Schotter gemacht hat, bin ich in Sachen hochmobiles Risiko vielleicht auf der halben Strecke anzusiedeln. Und natürlich wäre ich lieber näher an der Nummer 1 denn an der 140 Kilo schweren Soziologin, die sich fragt, wann endlich das nächste Prangerportal  online geht. Man könnte sagen, die Nummer 1 war mit ihrem mottenzerfressenen Trikot und den Krampfadern, doch, ja, auf jeden Fall, ein Vorbild.

Oder ein Grund für Beschämung. Im Mai 2017 hat die Nummer 1 wieder genau das getan, was sie immer getan hat: Mich überholt, und zwar am letzten 14%-Anstieg hoch nach Montalcino, der gemeinerweise genau dann einsetzt, wenn der vorletzte Anstieg gerade vorbei ist. An dieser Stelle, mit 70km in den Beinen, ist es eigentlich keine Schande, abzusteigen und ein paar Meter zu schieben. Aber die Nummer 1 stampfte aus dem Schotter auf den Asphalt, mit dem einzigen Gang am Rad, ganz langsam, aber mit voller Kraft drückend, alle drei Sekunden eine Pedalumdrehung – und immer noch gut aussehend. Als ich das Photo oben gemacht habe, schob ich peinlich berührt meinen linken Fuss vor mein 32er Ritzel hinten und den rechten Fuss vor das 26er Kettenblatt vorne. Die Nummer 1, dachte ich mir, sollte beim Weg zum Triumph nicht die elende Schwäche und die peinlichen Tricks sehen müssen, mit denen ich hier angelangt war.

Ich schob an dieser Stelle nicht allein, das taten neben mir noch viele andere, und manche andere waren noch viel jünger als ich, und einige habe ich auch überholt. Es ist keine Schande, von der Nummer 1 überholt zu werden, aber wenn man nach den Strapazen dann ins Bett fällt, denkt man sich noch: Hoffentlich bin ich später wenigstens ansatzweise noch so stark. Hoffentlich vegetiere ich nicht mit Schlagerl oder Alzheimer in einer Klinik. Hoffentlich werde ich nicht fett und faul und hoffentlich holt mich der Teufel nicht vor der Zeit durch mein eigenes Versagen. Hoffentlich baue ich nicht ab, hoffentlich werde ich auch mal so ein alter, weisser Mann sein, der nicht den Bequemlichkeiten nachgibt. Alt und weiss sein, das ist Schicksal, daran kann man nichts ändern, aber alles andere: Da kann man selbst etwas tun. Nicht alles. Aber viel. Das sieht man jedes Mal, wenn einen ein Greis auf einem 1-Gang-Rad bergauf überholt. Wer das hier lernt, kann daheim weiter ohne die Geschichten berühmter Männer wieder das Decamerone lesen.

Vor zwei Wochen war es erst nur ein schlimmes Gerücht in der Szene der Rostfreunde, und dann traurige Gewissheit: Der Mann mit der Nummer 1, Luciano Berruti, ist beim Radfahren an einem Herzinfarkt gestorben. Er hat gelebt wie ein Mann, er ist gegangen wie ein Mann. In Italien erschienen Nachrufe, in Deutschland sprach man über Elektromobilität.

Ich nicht. Ich werde, so sieht es aus, nun dem Drang nachgeben, mich ein wenig mehr dem Ideal der alten, harten Männer anzunähern, das man ab einem gewissen Alter eben noch so haben kann. Das heisst, ich werde etwas älter werden, etwas weniger weiss und ein paar mal in den Alpen recht hoch hinaus kommen. Und ich mache es mir auch nicht ganz einfach. Diemal fahre ich mit einem alten Rad. Ein Rad, wie man es gefahren hätte, als ich noch jung war, und ich habe mir zu diesem Zweck auch eine ganz hübsche Route ausgedacht. Es gibt sie ja noch, die Ecken, in denen die Berge aussehen, als wären die 50er und 60er Jahre nie vergangen, und der einzige Anspruch, den ich an die Gegenwart habe, ist zweimal täglich Netzzugang, um über das zu berichten, was ich dort finde. Vielleicht aber falle ich einfach nur müde in ein Bett, also rechnen Sie besser mit gar nichts – ein Vorbild an Beständigkeit bin ich sicher nicht.

Ich habe nur ein Faible für das, was hierzulande ohne jedes Risko diskriminiert und verachtet werden darf, ohne Einschreiten der Gedankenpolizei und des Zensurministers und der Netzwerke, die jetzt schon Inhalte verbieten, bevor sie erst entstehen. Ich habe ein Faible ür alte, weisse Männer, die so weit kommen, wie es ihre Kraft und Ausdauer erlaubt, die sich nicht schonen und das Leben klaglos nehmen, wie es kommt. Männer, die an die Möglichkeiten denken, und weniger an die Risiken, und die die Grenzen genau kennen, weil sie ihre Grenzen von beiden Seiten angeschaut haben. Na, dieser wüste Cocktail aus diversen Körpersäften eben, die die Natur, sexistisch wie sie nun mal ist, dem Manne mitgab, der dafür weniger Wellness braucht, und statt Botox sauerstoffarmen Gegenwind mit 90km/h auf 2000 Meter Höhe.

Es gibt Geschichten um Benachteiligung und Gaps, die nur selten von Männern erzählt werden, weil sie damit nichts anfangen können und die Gaps einfach schliessen würden, so wie ich der Nummer 1 hinterher spurtete und die Lücke schloss, obwohl beinahe meine Lunge platzte. Und es gibt andere Geschichten, die Nagellack nur brauchen, um vom Schweiss gefressene Rostflecken auf dem 30 Jahre alten Stahl zu überdecken. Es wird vermutlich verschwitzt und schmutzig und einseitig, denn jeder kämpft und lebt da draußen für sich allein, selbst wenn es nur fünf Tage sind und nicht 10, und es eigentlich keinen Grund wie die Pest gäbe, die Städte zu verlassen, und das Heil in der Natur zu suchen.

Fahren wie ein Mann, solange es eben noch geht.

26. Aug. 2017
von Don Alphonso
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