Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

04. Apr. 2019
von Anna Wronska
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Wer sein Kind liebt, lässt es impfen

© DPA Picture AllianceDer Pieks muss sein: Kinder sollten geimpft werden.

Ich habe in diesem Blog vor einiger Zeit beschrieben, wie unser jüngster Sohn Lukas nur zehn Wochen nach seiner Geburt an einer Nierenbeckenentzündung erkrankte und ins Krankenhaus kam. Wie furchtbar das für uns war, und wie froh wir waren, als es hieß, dass der Infekt keine organischen Ursachen hatte und der Spuk nach der stationären Behandlung mit Antibiotika schnell vorbei sein würde.

Das war er nicht. Wenig später stellte sich heraus, dass es sehr wohl organische Probleme gab. Lukas musste im Alter von vier Monaten operiert werden. Es war kein dramatischer Eingriff, das Risiko nach Aussagen der Ärzte überschaubar. Dennoch werde ich nie vergessen, wie es mir das Herz zerriss, als eine Anästhesistin mit meinem schreienden Baby auf dem Arm in Richtung OP verschwand. Und wie erleichtert wir waren, als die Ärzte uns sagten, dass alles gut verlaufen war. „Vor hundert Jahren wäre so ein Kind einfach gestorben, und keiner hätte gewusst, woran“, hatte eine Krankenschwester schon beim ersten Krankenhausaufenthalt fast beiläufig zu mir gesagt, während sie eine neue Antibiotikum-Dosis an Lukas‘ Infusionsgerät anschloss. Mir ging das durch Mark und Bein. Lukas hat das Glück, in einer Zeit und einer Region geboren zu sein, in der es sowohl die nötige Diagnostik als auch eine Therapie gegen solche Erkrankungen gibt.

Noch heute bekommt er prophylaktisch ein Antibiotikum in Saftform. Ich finde das nicht toll (er schon, es schmeckt nach Erdbeere), auf dem Beipackzettel stehen diverse potenzielle Nebenwirkungen. Aber das Medikament minimiert das Risiko, dass sich die Infektion wiederholt, bevor die OP im Körper nachhaltig Wirkung entfaltet hat. Nicht eine Sekunde habe ich seinerzeit gezweifelt, mein krankes Kind mit diesem Antibiotikum behandeln zu lassen. Und nicht im Traum würde ich daran denken, es jetzt auf eigene Faust abzusetzen. Oder darüber zu schimpfen, dass irgendein Pharma-Riese am Verkauf dieses Antibiotikums Millionen verdient. Soll er doch. Er produziert ein Medikament, das mein Kind gerettet hat! Ich selber hätte das nicht gekonnt. Und auch kein Kräutergemisch. Und auch keine Zuckerkügelchen, by the way.

All dies geht mir immer wieder durch den Kopf, seitdem die Diskussion um Impfungen, insbesondere gegen Masern, neu entbrannt ist. Eigentlich sollte die Krankheit in Deutschland bis zum Jahr 2020 ausgerottet sein, stattdessen gibt es regional teils geringe Impfquoten und folglich immer wieder Masernausbrüche. Als Reaktion darauf wollen erste Kitas nur noch geimpfte Kinder aufnehmen. Der Präsident der Bundesärztekammer hält eine Impfpflicht gegen Masern auch in Schulen in Deutschland aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht für „absolut sinnvoll“. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) unterstützt die Initiative. Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) geht sogar noch weiter und sähe am liebsten eine Impfpflicht auch gegen Röteln, Diphtherie, Tetanus, Kinderlähmung, Keuchhusten, Mumps und Windpocken.

Vordergründig hat unser Fall nichts mit dem Thema Impfen zu tun. Doch es gibt Gemeinsamkeiten: Da ist eine Erkrankung, die mitunter gefährliche Komplikationen mit sich bringen kann. Und es gibt einen Weg, sie zu bekämpfen – entweder durch eine entsprechende Therapie oder, wie im Fall von Masern, eben durch eine Impfung (die es in unserem Fall leider nicht gab, sonst hätte sie meinem Kind viel Leid erspart). Zugegeben, die Menschheit hat in ihrer Geschichte schon allerlei Schlechtes hervorgebracht, die moderne Medizin aber ist doch ein Segen. Ja, Medikamente können auch Nebenwirkungen haben – alles andere hieße, dass sie nicht wirken. Es gibt Therapien, die nicht anschlagen. Und Ärzte sind nur Menschen. Aber: Die Medizin hat zahlreiche gefährliche Krankheiten ausgerottet. Und sie könnte es bei mindestens einer weiteren. Wären da nicht einerseits die Unkenntnis über die Gefährlichkeit bestimmter Krankheiten, wie Experten bemängeln – und andererseits die Impfgegner, die sich im Gegenteil sehr sicher sind, viel besser Bescheid zu wissen als die meisten Ärzte. Im Internet kämpfen sie teilweise mit harten Bandagen. Jede Impfung sei rechtlich gesehen Körperverletzung, heißt es dort etwa – inklusive Handlungsanweisungen, um sich gegen Kinderärzte oder Kita-Leitungen zur Wehr zu setzen. Von „Impfmobbing“ in Kitas und Schulen ist die Rede, von einem „von der Pharma erfundenen Herdenschutz“. Schreckliche Bilder von versehrten Kindern und dramatische Berichte von Eltern belegen vermeintlich Impfschäden.

Die mag es vereinzelt auch geben, wenngleich ich von keinem einzigen objektiv erwiesenen Fall weiß. Und ja, auch mich beunruhigen die möglichen Nebenwirkungen einer Impfung – wir selbst glaubten zuerst an eine Impfreaktion, als Lukas Fieber bekam. Aber meistens reden wir hier doch von einem Tag mit erhöhter Temperatur oder einer Hautrötung/-schwellung. Ganz sicher jedenfalls wird man von Impfungen weder Autist noch Diabetiker noch Krebspatient oder Ähnliches. Und: Eine Impfreaktion ist verschmerzbar im Vergleich zu dem, was Kinder mit einer komplizierten Maserninfektion durchmachen müssen. Es ist eben nicht einfach nur ein Virus, es härtet nicht ab, da muss man als Kind nicht „einfach mal durch, um sein Immunsystem zu stärken“. Einer Studie zufolge sind vor der Einführung von Impfungen jährlich etwa zwei Millionen Menschen an Masern gestorben. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehören Impfgegner zu den zehn größten Bedrohungen für die Weltgesundheit – und nicht zuletzt sie seien für die jüngste weltweite Zunahme an Masernerkrankungen um 30 Prozent verantwortlich.

Ich wünsche niemandem ein wie auch immer erkranktes Kind. Aber es scheint fast, als müssten einige Menschen das erst am eigenen Leibe oder dem ihrer Kinder erleben, bevor sie – zu spät – merken, was es bedeutet, wenn man keine Wahl mehr hat. Wenn man darauf vertrauen muss, dass Fremde wissen, was zu tun ist, um dem Kind zu helfen, das man selbst nicht schützen konnte. Das Argument verfängt freilich nicht bei Menschen, die der festen Überzeugung sind, dass Impfungen der wahre und gefährliche Gegner sind und nicht die Krankheiten, die sie bekämpfen. Diese Einstellung ist vermutlich nur schwer heilbar.

Verantwortung der Gesellschaft

Normalerweise würde ich darauf sagen: Muss jeder Elternteil selbst wissen, es sind ja auch nicht meine Kinder. Aber es gibt auch so etwas wie eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Kinder, die nicht geimpft werden können, weil sie noch zu klein sind, können sich mit Masern anstecken, weil es Kinder gibt, deren Eltern eine Impfung ablehnen. Mein jüngster Sohn gehört dazu. Er ist sieben Monate alt und kann erst im August seine erste MMR-Impfung (Masern, Mumps, Röteln) bekommen. Und wir wohnen ausgerechnet in Berlin – einer Stadt, die in den vergangen Jahren mehrfach Masern-Epidemien erlebt hat. Mir wird schlecht, wenn ich mir vorstelle, dass er Masern bekommt, weil irgendwelche Eltern meinen, auf dem Rücken von Kindern einen Feldzug gegen die Pharma-Industrie führen zu müssen. Wir haben wahrlich schon genug Zeit in Krankenhäusern und Arztpraxen verbracht in Lukas‘ jungem Leben.

Unser großer Sohn Ben (vier Jahre) fragte mich derweil gestern am Frühstückstisch, wann er wieder zum Impfen muss. Die letzten beiden Male hat er in nicht besonders guter Erinnerung. Um nicht zu sagen: Er hat die ganze Praxis zusammengeschrien aus Angst vor der Nadel. Dass er überhaupt gerade hin muss, liegt nur daran, dass unsere erste Kinderärztin im Säuglingsalter (vielleicht auch aus ideologischen Gründen, wir wissen es nicht) nur eine Fünffach- anstatt eine Sechsfachimpfung vorgenommen hatte und es uns leider nicht aufgefallen war. Nun holen wir die Hepatitis-B-Impfung nach. Es wird auch beim dritten Mal Geschrei und Gezeter geben und einen Pieks, der meinem Kind weh tut und mir auch. Aber Ben weiß: In der Spritze stecken tapfere kleine Kämpfer, die seinen Körper gegen gefährliche Krankmacher verteidigen. Außerdem gibt es hinterher wieder Mittagessen in der coolen Burger-Bar gegenüber der Praxis. Als Belohnung. Für uns beide.

04. Apr. 2019
von Anna Wronska
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02. Apr. 2019
von Chiara Schmucker
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Mein Kind, der Folterknecht

© Picture AllianceKinder sind entzückend. Zumindest denken ihre Eltern das, wenn es gerade mal gut läuft. Aber das ist ein evolutionärer Trick.

„Das Kind bekommt Zähne“ – wie oft habe ich in den vergangenen Monaten diesen Satz gehört, wenn ich irgendwo mit Max auftauchte. Von meinen Freundinnen, meinen Schwiegereltern, in der Krabbelgruppe, aber auch von Fremden in der Straßenbahn oder im Zug. Max sabberte, kaute auf seiner Faust herum und presste sich sein Holzspielzeug zwischen die Kauleisten. Nur: Zähne waren keine in Sicht.

„Sabbern tun alle Kinder ab etwa drei Monaten, das kann ein Zeichen für Zähne sein, heißt aber nicht, dass sie schon jetzt kommen“, erklärt mir der Kinderarzt, und ich beginne mich zu fragen, warum das Zahnthema überhaupt so wichtig ist, dass alle immer damit anfangen. Bisher war Max eigentlich immer recht pflegeleicht, wir hatten viel Spaß miteinander, und wenn er mal ein, zwei Tage schlecht drauf war, konnte er danach meistens irgendwas Neues. „Da will jemand wachsen“, hatte die Hebamme ganz zu Anfang mal jedes längere Schreien begründet und der Satz hatte etwas universalberuhigendes für uns. Bis die Wochen des Zorns, wie ich sie nenne, über uns rollten und ich mir wünschte, einfach für einige Minuten die Stopptaste drücken zu können. Nur: Max hat keine Stopptaste. Natürlich nicht, er ist ein Baby.

Doch der Reihe nach.

Alles begann damit, dass Max krank wurde, nicht schlimm, erst Fieber, dann Schnupfen und Husten. Er bekam schlecht Luft, weinte viel, röchelte beim Schlafen und wachte ständig auf. Und wir mit ihm. Wir tigerten durch die Wohnung, legten ihm einen Ordner unters Kopfkissen, um seinen Kopf etwas höher zu lagern, hängten feuchte Laken auf und schnippelten Zwiebeln. Wir cremten Brust und Nase mit Balsam ein und trugen ihn stundenlang. Wir schliefen im Sitzen und bei Licht, fühlten mit ihm und lauschten seinem Atem. Am Morgen waren wir alle wie verkatert. Wir hatten vielleicht zwei Stunden geschlafen. Max quengelte und klebte an mir, kein Spielzeug war interessant, kein Brei schmeckte, die Sonne im Kinderwagen fand er zu grell, das Zimmer zu still. Ich setzte meine Sonnenbrille auf und trug ihn durch den Park – „viel frische Luft“ hatte der Arzt geraten. Ich ignorierte, dass er schneller seine Rotznase an meine Pullis schmierte, als ich ein Taschentuch greifen konnte und dass die Waschmaschine dreimal am Tag voll beladen rödelte. Ich kochte Hühnerbrühe und Fencheltee, bastelte neue klappernde Spielzeuge aus Dosen und Deckeln und blätterte wieder und wieder in meinen Ratgebern.

In der Nacht darauf das gleiche Spiel. Auch in Nacht drei, vier und fünf.

Der Infekt wurde zwar rasch besser, doch Max’ Unruhe blieb. Als hätte er vergessen, was Tag und was Nacht ist. Er schlief um sieben Uhr abends ein, wachte aber schon eine Stunde später wieder auf und veranstaltete Rambazamba. Selten schlief er jetzt länger als 15 Minuten am Stück, ungezählte Nächte in Folge. Er wachte auf, weinte und fand nicht mehr in den Schlaf. „Das ist anstrengend, aber nur eine Phase“, sagten mir alle, wirklich ausnahmslos alle Eltern in meinem Umfeld, als sie mich mitleidig auf meine Augenringe ansprachen. „Eine gute Nacht und alles ist vergessen.“ Ich selbst versuchte die Müdigkeit zu ignorieren, ich wusste ja, dass Max mich nicht böswillig aus jeder gerade begonnenen Schlafphase riss. Unsere Nächte mutierten zu einer Kleinkunstbühne, auf der sich zwei Schauspieler abrackern, ein sehr anspruchsvolles Ein-Mann-Publikum zufriedenzustellen. Erfolglos. Mein Mann schleppte sich morgens ins Büro, ich wünschte mir, dass es wieder Abend sein möge, und am Abend, dass die Nacht schnell vorbeigeht. Wir gingen in den Zoo, um das Spazierengehen etwas interessanter zu machen, doch Max heulte mit geschlossenen Augen vor Müdigkeit und würdigte Ziegen, Antilopen und Löwen nicht eines Blickes. Blieben wir zu Hause, jammerte er frustriert seine Bauklötze an.

Vor meinem inneren Auge begannen Folter-Bilder aus dem Gefangenenlager Guantanamo Bay vorbeizuziehen, in dem Insassen mit Licht und Lärm am Schlafen gehindert und damit langsam in den Wahnsinn getrieben wurden. Ich tat mir leid und googelte „Schlafentzug Folter“. Direkt bekam ich „Schlafentzug Folter Tod“ und „Schlafentzug Folter Baby“ vorgeschlagen. In den Texten vergleichen sich Mütter mit Hulk aus den Marvel Comics, in den sie sich nach Wochen des Schlafentzugs verwandelt hätten. Sie berichten von der Scham darüber, dass sie ihr Kind in der Nacht beschimpft haben. Ich lese, dass Ratten bei Schlafentzug in einem Experiment innerhalb von sieben Tagen gestorben sind und der Brite Tony Wright im Jahre 2007 knapp elf Tage am Stück wach blieb – Weltrekord. Schon nach zweieinhalb Tagen hatte er zu halluzinieren begonnen.

Es ist schwer zu beschreiben, wie man sich fühlt, wenn man sich in der Nacht überlegt, ob die anonymen Babyklappen wohl auch nachts um drei offen sind und ob ein Baby mit Kleidergröße 74 wohl noch hineinpassen würde. Schlafentzug verfälscht die Erinnerung und verzerrt die Selbstwahrnehmung, das hat selbst die CIA eingesehen – ich bilde mir ein, dass Max noch nie gut geschlafen hat und es dementsprechend auch niemals tun wird. Er heult und ich heule gleich mit.

Meine Nicht-Eltern-Freundinnen hörten sich mit mitleidiger Miene meine Sorgen an, von denen ich mir immer sicher war, dass ich sie mir niemals machen würde, schließlich gehöre ich eher zu den pragmatischen Müttern. „Als der Arzt im Krankenhaus mir nach der Geburt bei der Entlassung einschärfte, das Baby ja nie zu schütteln, dachte ich, der spinnt, wieso erzählt der mir so was“, raunt mir eine Krabbelgruppenfreundin zu, deren Baby ähnlich unruhig schläft. Inzwischen könne sie verstehen, dass so etwas überhaupt möglich sein könnte, wenn natürlich auch unentschuldbar. „Man ist nicht mehr man selbst.“

Das hat die Natur ganz schön riskant eingefädelt, denke ich mir. Schreien ist wegen seiner schnell wechselnden Frequenz angsteinflößend und animiert zu sofortigem Handeln. Der menschliche Schrei ist ein Alarmsignal und hat unsere Vorfahren oft vor Lebensgefahr bewahrt. Nur dass meiner Meinung nach nachts in meinem Bett selten Lebensgefahr herrscht und es dementsprechend unangenehm ist, von einem Gebrüll aus dem Schlaf gerissen zu werden, als schleiche der Tiger durchs Zimmer.

Ich frage meine Freundinnen, die mehrere Kinder haben, wie sie auf die Idee kamen, sich für ein zweites Kind zu entscheiden und wie sie den Alltag meistern. „Man macht einfach immer weiter“, lautet eine ernüchternde Antwort. „Anstrengender sind die älteren Kinder, weil die ständig diskutieren wollen“, sagt die andere Freundin. Alle beruhigen mich: Ganz normal, wahrscheinlich lernt Max gerade etwas Neues oder bekommt Zähne. Ich kann kaum glauben, dass Mütter von Afrika bis Australien seit Jahrtausenden dieses Spiel mitmachen und die Menschheit wächst statt ausstirbt.

Luftveränderung, denke ich mir, und reise ein paar Tage zu Freunden in Süddeutschland. Max schläft super ein, wacht nach zwei Stunden auf – und lässt sich dann gar nicht mehr beruhigen. Er weint in der Bauchtrage, er will aber auch nicht liegen und schreckt immer wieder brüllend auf. Die Nächte des Zorns kulminieren in der Nacht des Horrors. Am nächsten Morgen sehe ich etwas kleines Weißes in seinem Mund aufblitzen: Zwei Zähne sind durch das Zahnfleisch gebrochen. In der Nacht darauf schläft Max acht Stunden am Stück – und ich neben ihm. So wie Schlafmangel die Erinnerung verfälscht, so führt Mama-Schlaf offenbar ebenfalls zu Amnesie. Schon kann ich mich kaum erinnern, dass es jemals anders war. Und drücke hundertfach auf den Foto-Auslöser in meinem Handy. So stolz bin ich, dass mein Baby schon so groß ist und stolz und strahlend die beiden neuen Meilensteine in seinem Mund präsentiert.

02. Apr. 2019
von Chiara Schmucker
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28. Mrz. 2019
von Tanja Weisz
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Die Würde des Teenagers ist antastbar

© MITO Images / Picture AllianceWie umgehen mit den Stimmungsschwankungen eines Teenagers?

Es gibt ein Lebensalter, da werden Menschen zu rohen Eiern. Man sollte sie am besten gar nicht anfassen, gar nicht berühren, denn das scheint ihr Innerstes, das einem Ei-Unklar gleicht, noch mehr durcheinander zu bringen.

Eine scheinbar normale Ansprache dieser Menschen ist fast unmöglich, schon Aufrufe zum gemeinsamen Essen oder Hinweise auf die Abwesenheit notwendiger Kleidungsstücke im Winter können Krisen auslösen, gegen die sämtliche Brexit-Abstimmungen ein Kinderspiel zu sein scheinen.

Man erinnert sich als Elternteil dann wehmutsvoll an Tage, als Aufrufe zum Essen mit flinken Füssen beantwortet wurden oder man die Kleidungsfrage ohne Umschweife und Protest noch selbst regeln konnte.

Aber jetzt ist da dieser Teenager, eigenwillig, eigenbrötlerisch und immer unvorhersehbar. Was für eine Stimmung gerade durch die Tür kommt, nebelverhangen oder aufgehellt, man weiß es erst, wenn man den ersten falschen Satz gesagt hat. Und ich habe viele falsche Sätze gesagt. Bin oft explodiert und war wütend und verzweifelt, wenn nichts in das Teenagerhirn durchzudringen scheint.

Man sieht dem Pubertier an, dass es sich quält, dass es sich abarbeiten muss an einer feindlichen Welt, die weder seine Kleidung, noch seine Stimmungen oder seine Bedürfnisse versteht. Man wäre so gerne sein Verbündeter (hey, ich bin die Gute, die das WLan bezahlt!) und ist doch der Hauptfeind.

Teenager sind wie Hochsensible, denen Alltägliches unerträglich und schnell zu viel wird. Sie wollen allein zurechtkommen und ihre Selbstständigkeit wird so überlebenswichtig wie atmen. Gleichzeitig stehen die Eltern hilfsbereit daneben und haben einen Schrank voll guter Ratschläge zur Hand, jederzeit bereit, sie alle ungefragt auszubreiten.

Doch Hilfe ist in aller Regel unerwünscht. Denn sie verletzt. Jeder konkrete Ratschlag hat in den Ohren eines Pubertiers nur ein Echo: Du.Traust.Mir.Nichts.Zu!

Dabei sind es ja schon Halb-Erwachsene, nur auf dem Papier noch Kinder. Und sie leisten auch schon so viel, denn im Grunde haben sie einen Job, den sie jeden Tag erfüllen müssen: Schule. Unbezahlt und oft ungeliebt, aber genauso zwingend wie ein regulärer Nine-to-five Job. Sie müssen Hausaufgaben selbst bewältigen, haben Hobbys, die sie organisieren. Sie pflegen Freundschaften und wissen, wie man den Router neu startet und im Ernstfall auch die Waschmaschine bedient, wenn das Lieblings-T-Shirt müffelt. Sie ziehen immer weitere Kreise, mit Fahrrad, Bus und Bahn und im Sommer vielleicht mit der ersten Ferienfreizeit allein ins Ausland. Und dann machen  sie auch noch ein Berufspraktikum, gehen zu Wildfremden in eine Firma und müssen  sich da ganz allein durchschlagen. Das ist unglaublich viel und erschreckt manchmal selbst die Eltern. Viele Aufgaben und Pflichten fehlen noch, sicher, aber die werden sie auch noch bewältigen.

Wenn ich dran denke, was leider nicht immer gelingt, versuche ich mich an Um-die-Ecke-Ratschlägen. Uns hat zum Beispiel geholfen, dass ich alle möglichen Anekdoten von mir ausgegraben habe. Wie ich damals am ersten Tag zu spät im Praktikum aufgetaucht bin und mir das dort über Wochen vorgehalten wurde. Wie gerne ich das im Nachhinein geändert hätte und deshalb meine Tochter zur Eile antreibe, damit ihr nicht das Gleiche passiert. Oder wie mich Migräne flachgelegt hat, wenn ich eigentlich Sachen in letzter Minute noch fertig machen wollte und auf einmal gar nichts mehr ging.

Erstaunlicherweise werden solche Geschichten aus dem wirklich wahren Leben ganz gut beim Nachwuchs angenommen. Vielleicht weil es Geschichten vom Scheitern der vermeintlich Großen sind, von Schwächen und Pleiten, und damit sind Teenager nun mal vertraut.

Es hat was vom In-die-Hocke-gehen, wie früher auf Augenhöhe mit den trotzigen Dreijährigen, wenn man sie von oben nicht erreichen konnte. Auf Augenhöhe ist jeder leichter ansprechbar.

Und dann Fragen statt Anordnen. „Darf ich dir etwas raten? Soll ich dir etwas raten? Möchtest du einen Hinweis?“. Ja, ich weiß, da werden jetzt manche aufheulen und sagen, dass man als Leitwolf gefälligst die Richtung vorzugeben habe. Und ein bisschen ZackiZacki noch niemand geschadet habe. Aber Ansagen zu machen ist ja so viel einfacher, als sich auch mal zurückzunehmen. Einfach mal die Klappe halten und es ertragen, dass man Recht hatte, dafür aber von niemandem auf die Schulter geklopft bekommt.

Wenn man es schafft – was mir beileibe nicht immer gelingt – ruhig zu bleiben, kann man den Teenager auch fragen, wie er das Problem angehen würde. Wie viel Vorbereitung wohl für eine Sache nötig sei, wie viel Zeit er wohl dafür braucht. Und wie man ihn dabei unterstützen kann.

Wir sind damit erst am Anfang, aber die Erfolge sind vielversprechend. Und es geht wieder würdevoller bei uns zu.

28. Mrz. 2019
von Tanja Weisz
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26. Mrz. 2019
von Janosch Niebuhr
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Von Prinzessin Lillifee zur Vorstandsvorsitzenden

© Picture AllianceWas für ein Job soll’s denn werden? Der Girls’Day soll Mädchen inspirieren.

Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück. Sagt man. Das stimmt aber leider nicht immer. Meine älteste Tochter (12) zum Beispiel wartet seit einigen Tagen auf den Rückruf des örtlichen Forstamtes, aber das hat sich bisher nicht gemeldet. Dabei läuft uns die Zeit davon. Meine Tochter möchte nämlich den Girls’Day (am 28.3.!) im hiesigen Forst verbringen, einem Forstwirt bei der Arbeit zuschauen. Vor allem aber am Girls‘ Day nicht in die Schule müssen. Das wäre die schlimmste Option: Im Klassenzimmer Filmchen über die Arbeitswelt angucken, während die Mitschülerinnen tolle Sachen machen in irgendwelchen Agenturen, Handwerksbetrieben oder Unternehmen.

In die Arbeitswelt der eigenen Eltern reinschnuppern scheidet aus: Meine Frau fängt jetzt erst ihre neue Stelle an, und ich sitze nur am Computer und mache „Tippi-Tippi“ (wie unsere Jüngste meine Tätigkeit bezeichnet). Zu langweilig. Außerdem soll der Girls’Day ja vor allem Einblicke in technische oder naturwissenschaftliche Arbeitsfelder vermitteln, da wäre unsere Tochter bei uns ziemlich falsch. (MINT halten meine Frau und ich bestenfalls für eine Farbe oder eine Geschmacksrichtung bei dunkler Schokolade. Und ich bin ja schon froh, wenn das WLAN funktioniert.)

Zugegeben: Der Termin für den Girls’Day steht schon seit Monaten fest, die Infoblätter hatte ich, glaube ich, schon Anfang Januar in der Hand. Und mit etwas mehr elterlicher Unterstützung hätte meine Tochter wahrscheinlich jetzt keine Torschlusspanik. Außerdem gibt es da ja auch noch eine eigene Suchmaschine auf der Plattform des Girls’Day im Internet. Wir haben da gestern auch mal reingeschaut – es gab noch zwei offene Angebote in unserer Nähe: Schnuppertag bei der Bundeswehr (ab 15 Jahren) und Einblicke in das Arbeitsfeld einer Fachkraft für Lagerlogistik. Wir haben dann doch lieber noch bei unserem griechischen Lieblingsgastronom um die Ecke angefragt, ob unsere Zwölfjährige einen Tag in der Küche helfen kann. Leider ohne Erfolg.

Ich habe, ehrlich gesagt, ein sehr zwiespältiges Verhältnis zum Girls’Day.

Sicher, es gibt gute Gründe, Mädchen für sogenannte „Männerberufe“ zu interessieren und mit diesen blöden Rollenfestlegungen aufzuräumen. Ohnehin bin ich als Vater von drei Töchtern notwendigerweise Feminist. Und ich weiß auch, dass sich durch abwarten oder aussitzen noch nie etwas geändert hat in der Welt. Wenn ich mir nur vorstelle, meine irgendwann erwachsenen Töchter dürften nicht wählen gehen, ihr Vermögen nicht selbst verwalten, keiner beruflichen Tätigkeit oder keinem Studium nachgehen ohne Einwilligung eines Mannes, dürften nicht selbst bestimmen, wie sie leben möchten oder mit wem, dann steigt mein Blutdruck in gefährliche Höhen. Das alles klingt nach grauer Vorzeit und ist doch gar nicht so lange her. Wahrscheinlich hätte ich als Vater damals auch alles so hingenommen und meinen Töchtern erzählt, dass das eben so sei im Leben. Weil … warum auch immer.
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26. Mrz. 2019
von Janosch Niebuhr
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21. Mrz. 2019
von Martin Benninghoff
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Nach Christchurch – wie sage ich es meinem Kind?

Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern spricht mit Schülern über das Massaker in Christchurch.

„Bei einer Schießerei am Freitag in Christchurch wurden 50 Menschen getötet, viele wurden verletzt.“ So steht es auf der Homepage der ZDF-Kindernachrichten „logo!“. Davon abgesehen, dass von einer „Schießerei“ kaum die Rede sein kann, da ein Attentäter gezielt Jagd auf Menschen gemacht hat: Der Stil ist sachlich und größtmöglich unblutig. Kindgerecht eben.

Denn eines ist klar: Auch an Kindern gehen solche Schreckensmeldungen wie aus dem neuseeländischen Christchurch nicht spurlos vorbei. Entweder erfahren sie im Internet, dem Fernsehen oder in den bei Papa und Mama herumliegenden Zeitungen von dem Massaker in der Moschee, in der sich zum Zeitpunkt der Attacke Hunderte Menschen zum Freitagsgebet versammelt hatten. Oder aber sie spüren das Entsetzen, das sich bei ihren Eltern breitmacht.

Jüngere Kinder wie unseren zweieinhalb Jahre alten Elias können wir vor den Bildern und solchen Nachrichten bewahren, er ist noch zu jung und interessiert sich nicht für den Fernseher; ja selbst das Tablet, das er furchtbar gerne vom Regal klaut, ist ihm vor allem als leuchtendes Irgendwas attraktiv. Inhalte interessieren ihn noch nicht sonderlich. Aber ältere Kinder im Grundschulalter und darüber hinaus vom Nachrichtenfluss zu isolieren – das ist praktisch unmöglich und auch nicht wünschenswert. Denn solche Terrorattacken wie in Neuseeland sind Teil der Realität und damit der Welt, in der die Kinder und wir alle leben.

Die Frage ist nur: Wie geht man als Eltern mit dieser Realität um? Wie schützt man seine Kinder? Aber wie führt man sie zugleich an diese Themen heran, ohne sie zu verschrecken und auch nur ansatzweise zu traumatisieren? Die Kinder in Watte zu packen, damit ist jedenfalls keinem geholfen, am wenigsten den Kindern selbst.Grundkonsens muss aber sein: Brutale Details, verstörende Youtube-Videos, blutige Fotos sind tabu.

Dass in den Morgenstunden des vergangenen Freitags das wie ein Egoshooter-Spiel aufgezogene Attentatsvideo im Internet kursierte, zeigt, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Kinder (und Jugendliche erst recht) hätten es sich relativ schnell besorgen und anschauen können. Noch später, als das Video meist nicht mehr aufzurufen war, gab es online Screenshots zu sehen, die „Bild“ präsentierte Sequenzen und Fotos aus dem Horrorvideo. Welche Sensationsgier oder, nach wohlwollender Interpretation, Wunsch nach dokumentarischer Authentizität da auch immer am Werk war – für Kinder wäre es leicht gewesen, an Material zu kommen.

Schlechte Nachrichten bedeuten nicht, dass die Welt schlecht ist

 Es ist schwierig, solche Verbreitungsmöglichkeiten abzustellen, es reicht ja ein herumliegendes Smartphone. Etwaige Filter müssten erst mit den entsprechenden Schlagworten gefüttert werden. Umso wichtiger ist es, dass die Eltern für die Kinder da sind und die Nachrichten einordnen. Und das Wichtigste zuerst: Eltern müssen ihren Kindern zeigen, dass es nicht Aufgabe der Medien ist, die Welt in ihrer Vollständigkeit zu zeigen, mit all ihren bunten und schönen sowie grauen und brutalen Seiten. Die Medien sollen die Finger in die Wunden legen, Skandale aufdecken, recherchieren, auch unterhalten. Sie sollen einzelne Ereignisse und Entwicklungen zeigen und einordnen – nicht mehr, nicht weniger. Dass sie voller negativer Nachrichten sind, heißt natürlich nicht, dass die Welt schlecht ist. Diese eigentlich grundlegende Medienkompetenz lassen aber selbst viele Erwachsene vermissen – wie sollen es dann die Kinder lernen?

Den Heranwachsenden muss also erst einmal die Angst genommen oder gleich schon im Keim erstickt werden: Sie sollten imprägniert sein. Im Falle Christchurchs oder einer ähnlichen Katastrophe werden Kinder die Eltern vielleicht fragen, ob ihnen so etwas auch passieren könnte, ob sie ebenfalls Opfer einer solchen Tat werden könnten. Die Antwort ist nicht leicht, sollte aber vielleicht lauten: „Der Mann hat in der Moschee angefangen zu schießen. So etwas passiert sehr selten, du kannst Dich also sehr sicher fühlen.“ Fast ist man geneigt, gleich noch die wesentlich höhere Gefahr hinterherzuschieben, bei einem Autounfall unter die Räder zu kommen. Aber das sollte man dann doch im Beisein der Kinder besser unterlassen. Sicher ist, nun ja, eben sicher und nicht nur eine Frage statistischer Wahrscheinlichkeiten.

Bei etwas älteren Kindern wird vermutlich die nächste Frage lauten, warum dieser Mann so etwas Schreckliches getan hat. Und jetzt wird es anspruchsvoller: Denn die einfachste Antwort, der Attentäter sei psychisch krank oder verwirrt oder sonst irgendwie entschuldbar angeschlagen, fällt im Falle Christchurchs aus. Der Attentäter ist ein brutaler Rechtsextremist, ein Rassist, der nicht nur Menschen auslöschen, sondern zugleich mit seinen gezielten Propagandabotschaften im Internet und einem großsprecherischen Manifest Unruhe und Unsicherheit verbreiten will. Ein faschistoider Troll, der kein Monopol auf eine krude Gedankenwelt hat, sondern damit anschließt an eine Welt voller rassistischer Verschwörungstheorien. Soll heißen: Er ist nicht der einzige. Und diese Parallelwelt ist längst nicht mehr so abgeschlossen, wie jene früherer Rechtsextremisten – sie findet ihr Futter auch in Kreisen, die sich lange Zeit noch irgendwie als bürgerlich maskiert haben.

Empathie für die Opfer in Neuseeland

Wir reden hier nicht übers Darknet oder verschlüsselte Chats, sondern über Bücher, Internet- und Facebookseiten von Identitären, Reichsbürgern, auch von lokalen AfD-Gruppen und einzelnen Politikern, die wieder Begriffe wie „Umvolkung“ oder „der große Austausch“ wie selbstverständlich im Munde führen. Der Katzenkrimi-Autor Akif Pirinçci („Felidae“) brachte 2016 in Götz Kubitscheks Verlag Antaios ein Buch mit dem Titel „Umvolkung – Wie die Deutschen still und leise ausgetauscht werden“ heraus.

Hinter diesem Begriff steht die gefährliche Verschwörungstheorie, wonach eine höhere Geburtenrate von Einwanderern zu einer Art „Völkermord an Weißen“ führe – und zwar, das wird suggeriert, gezielt gesteuert. Eine These, die zwar leicht zu widerlegen ist, die zugleich allerdings doppelt vergiftend wirkt: Einerseits, da sie Einwanderer zu „Völkermördern“ erklärt, andererseits da sie den real stattgefundenen Völkermord zum Beispiel an den Juden während des Dritten Reichs verharmlost. Auf frei zugänglichen Seiten im Internet, darunter auch Youtube, finden sich solche Begriffe mit größter Selbstverständlichkeit. Es ist schwer, Heranwachsende davor zu bewahren. Der Attentäter von Christchurch war offenbar tief in diese Gedankenwelt eingetaucht.

Aber Eltern können viel tun, um ihre Kinder vor solchen Dingen und den verstörenden Folgen brutaler Taten wie in Christchurch zu schützen:

  • Zunächst einmal sollten sie ihren Kindern jegliche Angst nehmen, ohne sie in unnatürlicher Sicherheit zu wiegen.
  • Zudem sollten sie ihre Kinder sensibilisieren. Es hat sich leider eingebürgert, dass wir – auch die Medien – Menschen zu sehr als Gruppenfunktionsträger identifizieren: als Flüchtlinge, Muslime, Schwule. Der Mensch, das Individuum dahinter, verschwimmt in einer Gruppenidentität, die es leichter macht, ihren „Funktionsträgern“ das Menschsein abzusprechen. Das machen sich Extremisten zunutze.
  • Differenzieren, differenzieren, differenzieren! Vater und Mutter tun gut daran, dem Kind sachlich zu erklären, wer der Täter ist, wie er zu dem wurde, was er ist. Begriffe aus dem Boulevard wie „Monster“ oder religiöse Anleihen wie „das Böse“ helfen da nicht weiter. Besser erklären, was ein Rechtsextremist will: dass solche Menschen (!) der Meinung sind, dass die Menschen nicht alle gleich viel wert sind. Zugleich verdeutlichen, dass diese Ansicht falsch und gefährlich ist.
  • Den Opfern ein Gesicht geben. Die Täterfixierung ist Ausdruck eines berechtigten Interesses, aber auch der Sensationsgier. Gerade Kinder haben aber die menschlichste aller Fähigkeiten, die Empathie für die Mitmenschen, noch nicht verlernt. Eltern können die Geschichten der Opfer erzählen, ihre Familien und deren Trauer thematisieren. Kinder können so etwas in Bildern verarbeiten.
  • Egoshooter- und Ballerspiele: Kein Mensch wird zum Attentäter, nur weil er gerne am PC oder dem Smartphone zockt. Aber der Attentäter von Christchurch hat in seinem Attentatsvideo gezielt die „Ästhetik“ von Egoshooter-Games eingesetzt, um die Verbreitung unter jüngeren Leuten zu beschleunigen, die diese Bildsprache aus ihren eigenen durchgezockten Nächten kennen. Auch deshalb sei daran erinnert, dass täuschend realistische Ballerspiele zwar nur Spiele, aber ab einer gewissen Dosis sicherlich nicht friedensnobelpreisverdächtig sind.

Dass der Attentäter von Christchurch genau wusste, wie er seine Bluttat medial „vermarktet“, lässt für zukünftige Taten nur den Schluss zu, dass Nachahmungstäter mindestens so „medienkompetent“ sein dürften wie er. Wer als Vater oder Mutter also der Meinung ist, das interessiert mich alles nicht, ich lese weiter nur ein gutes Buch, wird seine Kinder weder begleiten noch schützen können: Medieninkompetenz war noch nie so gefährlich wie heute.

21. Mrz. 2019
von Martin Benninghoff
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14. Mrz. 2019
von Anna Wronska
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Zweisprachige Erziehung – der Migranten-Komplex

© ReutersSpätestens bei der Jobsuche sind Sprachkenntnisse Gold wert – wie hier bei einer Messe in Berlin.

Unsere Kinder sollen Polnisch lernen – das war meinem Mann und mir von Anfang an wichtig. Ich bin in Polen geboren, aber in Deutschland aufgewachsen, seit ich vier Jahre alt war. Bis heute habe ich Familie in Oberschlesien, und in meinem Elternhaus wurde immer deutsch-polnisches Durcheinander gesprochen, so dass ich zumindest die polnische Umgangssprache ganz gut beherrsche (einen Behördenbrief könnte ich nicht aufsetzen, aber die polnische Sprache hat einfach die allerbesten Flüche).

Auch unsere Kinder, so die Idee, sollten sich mit der Verwandtschaft verständigen können; außerdem beschert zweisprachige Erziehung dem Hirn des Kindes ja angeblich ein paar Extra-Synapsen. Dabei war klar, dass das Polnische mein Part sein würde. Mein Mann kann zwar mittlerweile „Bitte“, „Danke“ und – ganz wichtig – „Das war lecker, aber ich bin wirklich satt“ auf Polnisch sagen. Er hat sich mithilfe eines Reisewörterbuchs sogar „Diesen Zahn bitte nicht ziehen!“ beigebracht (man könne ja nie wissen), aber da hört es leider auf. Mir wiederum fiel es am Anfang überhaupt nicht schwer, mit Ben ausschließlich Polnisch zu sprechen, obwohl ich selbst auf Deutsch denke und träume. Das Tolle an der polnischen Sprache ist, dass man im Grunde alle Nomen verniedlichen kann, was überaus praktisch ist in der Kommunikation mit kleinen Kindern. Das ergibt dann übersetzt Wörter wie Sonnchen, Schmetterlingchen, Kaninchen-chen (Sie verstehen die Mechanik?) und so weiter, aber mit mehr Vielfalt bei den Endungen und mit viel schönerem Klang als im Deutschen, zumindest für Ohren, die das Slawische gewöhnt sind.

Dass die deutsche Sprache bei unserem Sohn dennoch die Hauptsprache werden würde, war gewollt und ist auch so gekommen. Ben lernte trotzdem sehr schnell, Polnisch zu verstehen. Er spricht es selbst kaum, kann aber ohne jede Verzögerung auf Deutsch antworten, wenn ich ihn auf Polnisch anspreche. Doch je komplexer seine deutschen Sätze und Fragen in den vergangenen Jahren wurden, desto kniffeliger wurde es für mich. Zum einen fehlten mir zunehmend die polnischen Vokabeln, um ihm angemessen auf Polnisch zu antworten, ich stammelte mir nur irgendetwas zurecht und sagte deshalb immer häufiger zu meinem Mann: „Erklär du ihm das schnell auf Deutsch.“ Das frustrierte mich wiederum schon bald, denn so sprach ich weniger mit meinem Kind, als ich wollte und gekonnt hätte – und es konnte ja nicht sein, dass Mama nur für das simple Heiteitei und Papa für die komplizierten Erläuterungen zuständig ist.

Diffuses Unwohlsein

Doch da war und ist bis heute noch etwas anderes. Dieses diffuse Unwohlsein, wenn ich mit den Kindern unterwegs bin und sie in der Öffentlichkeit auf Polnisch anspreche. Kommt es mir so vor oder horchen viele Leute im Bus dann auf? Und wenn ja: Horchen sie auf, weil sie sich fragen, welche Sprache das ist oder weil es sie stört? Gucken sie interessiert oder gucken sie komisch? Fakt ist: In der Hauptstadt leben Menschen aus fast 200 Nationen, die Polen sind dabei nach den Türken die zweitgrößte ausländische Bevölkerungsgruppe. Im Berliner Nahverkehr sind folglich ständig die unterschiedlichsten Sprachen zu hören – das macht Berlin ja so wunderbar. Ich selbst habe noch nie einen fiesen Kommentar bezüglich meiner Abstammung gehört (sondern „nur“ wegen meines unverschämt großen Kinderwagens, der den Gang blockiere) oder einen Blick vernommen, der zweifelsfrei das Sprechen einer „fremden“ Sprache missbilligte (unfreundlich gucken können viele Berliner auch ganz ohne Grund). Aber eine befreundete Mutter mit türkischen Wurzeln hat kürzlich in eben jenem Berlin etwas erlebt, das fassungslos macht: Sie fuhr mit ihren beiden Jungs im Bus, sprach mit ihnen Türkisch und bekam von einem Fahrgast zu hören, Leute wie sie gehörten „in die Gaskammer“. Ich war bei dieser Szene nicht dabei – ich hoffe, ich hätte vor Empörung den ganzen Bus zusammengeschrien und die Polizei gerufen.

Rechte, rassistische und antisemitische Übergriffe hätten in Berlin zuletzt zugenommen, gab die Opferberatungsstelle Reach Out vor kurzem bekannt – von 267 Fällen im Jahr 2017 auf 309 Fälle im Jahr 2018, mit Rassismus als häufigstem Motiv. Habe ich also bisher nur Glück gehabt – vielleicht, weil ich jederzeit zwischen den Sprachen wechseln kann und Rassisten, wenn es hart auf hart kommt, in akzentfreiem Deutsch anschnauzen könnte? Weil ich nach knapp 30 Jahren in diesem Land „deutsch genug“ bin, im Gegenzug zu den vielen Menschen, die noch nicht so lange hier leben und/oder die Sprache weniger gut beherrschen?

Das ist natürlich Quatsch. Und dennoch ertappe mich dabei, dass ich in Gesellschaft von Menschen, die ich nicht kenne, lieber auf Deutsch als auf Polnisch mit meinen Kindern spreche, obwohl ich Polnisch konsequent durchziehen müsste, um sie nicht zu verwirren. Oder dass ich zumindest immer mal etwas Deutsches einstreue, nach dem Motto: „Seht her, ich bin eine von euch, ich bin integriert.“ Als käme es dafür (allein) auf die Sprache an. Ich weiß auch, dass ich etwas leiser werde, wenn ich ins Polnische wechsle, beispielsweise am Telefon. Es ist etwas anderes, wenn ich von Freunden oder Bekannten umgeben bin, die die Sprache nicht verstehen – da spreche ich mit meinen Jungs direkt Deutsch, damit ich nicht für die anderen übersetzen muss. In der S-Bahn oder im Bus könnte es mir hingegen egal sein, ob ich verstanden werde oder nicht. Ist es aber nicht. So bin ich aufgewachsen: immer bedenken, was andere denken oder sagen könnten. Sich anpassen um jeden Preis; möglichst nicht als „fremd“ auffallen.

Minderwertigkeitskomplex, den man nicht mehr los wird

Was soll ich sagen, es hat funktioniert. Nur ist daraus offenbar ein Minderwertigkeitskomplex geworden, den ich nicht mehr abschütteln kann. Dabei wünsche ich mir, dass meine Kinder die Zweisprachigkeit als Bereicherung empfinden, nicht als etwas, was ihnen oder ihrer Mutter unangenehm ist. Ich will nicht, dass sie sich vor schiefen Blicken fürchten – ob begründet oder nicht. Ob sie Polnisch jemals wirklich gut können und ihnen das im Leben nützt, weiß ich nicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihnen schadet. Deshalb versuche ich, an meinem Migranten-Komplex zu arbeiten und wieder mehr Polnisch zu sprechen, auch, wenn es unbequemer ist. Erst recht jetzt, da wir mit unserem Jüngsten Lukas (sechs Monate) eine Gelegenheit haben, noch mal neu anzufangen mit der Zweitsprache. Englisch kann schließlich heutzutage fast jeder – wer hingegen beherrscht schon eine Sprache, in der gefühlt 20 Konsonanten auf einen Vokal kommen? Außerdem gibt es nichts Schöneres, als wenn der große Sohn und sein Vater sich in den Ferien bei der polnischen Schnitzel-Oma (der Name ist Programm) die Bäuche vollschlagen und zu ihr sagen können: „Smakuje!“

14. Mrz. 2019
von Anna Wronska
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11. Mrz. 2019
von Martin Benninghoff
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Der größte Handwerker aller Zeiten

© DPA Picture AllianceIt’s so easy? Ja, wenn man’s kann.

Vorvergangene Woche war ich in der Autowerkstatt. Das ist zugegebenermaßen kein Knallereinstiegssatz, aber in diesem Fall hatte dieser an sich lapidare Vorgang den gewichtigen Nebeneffekt, dass mein zweieinhalbjähriger Sohn Elias seitdem aus dem Autoreparaturfieber gar nicht mehr herauskommt. Er bockt nun öfter sein rotes Bobbycar auf seiner kleinen Werkbank auf, nestelt mit seinen Spielzeugzangen und -schraubenziehern an den Rädern herum, setzt andeutungsweise neue Scheibenwischerblätter ein und baut seine Holzklötze als neue Bremsklötze ein, also, er schiebt sie irgendwie zwischen Plastikkarosserie und Radaufhängung. Er hatte während meines Werkstattgesprächs aufgeschnappt: Bremsbeläge abgefahren. Aus seinem Kindermund höre ich seitdem zigfach am Tag: Bremsen kaputt.

Aber natürlich waren nicht nur die Bremsbeläge am Ende, und jetzt stoßen wir zum Kern des Problems: Die Bremsscheiben waren ebenfalls hinüber, weil ich zu lange gewartet hatte mit dem Werkstattgang. Technik interessiert mich eben meist nur auf Aufforderung, selbst bei Autos, die mich an sich schon ansprechen, aber eben meist nur ihr Design. Als guter Daddy im Baumarktland Deutschland ist man mit diesem freimütigen Bekenntnis natürlich schon so gut wie ausgemustert. Nun ist es ja nicht so, dass ich beim Schraubeneindrehen oder dem Nagel-in-die-Wand-Schlagen gleich die Handwerker bestelle. Aber sobald ein Dübel gebohrt werden muss, bin ich schon nah dran. 

Übersetzt in eine stereotype Mutterwelt heißt das: Wer sich fürs Essen, aber nicht fürs Kochen interessiert, hat es im Geschlechterklischeeland schwer. Beim Kochen bin ich fein raus. An Väter wird hingegen die Erwartung herangetragen, irgendwie handwerklich nicht komplett hinterm Toom zu leben. Aber was soll man als Mann schon machen, wenn man sich für Bücher interessiert, aber nicht fürs Regalaufbauen, um die Dinger fachgerecht abzulegen? Nimmt sich der Kleine ein Buch, so versuche ich natürlich, das nicht zu unterbinden, selbst wenn der Einband danach nicht mehr taufrisch aussieht – er soll nicht das Gefühl bekommen, dass Bücher für ihn irgendwie verboten sind, im Gegenteil. Aber natürlich können wir aufs Handwerkliche nicht verzichten: In seinem Alter und mit seiner spielerischer Lernbegeisterung macht er nichts lieber als: Schrauben, Drehen, Aufreißen, Ineinanderstecken, Auseinanderbauen.

Und deshalb werde ich als Vater natürlich die Illusion für ihn so lange wie nur irgendwie möglich aufrechterhalten, dass ich der größte Handwerker aller Zeiten bin. Jawoll, der größte! Ich werde ihm zeigen, was ich draufhabe, ihm von mir aus auch assistieren, aber vor allem: die Dinge zeigen. Schneiden, Sägen, Schrauben, Kleben. Es ist so wie im Matheunterricht in den ersten Grundschuljahren – da komme ich selbstredend noch fachmännisch mit. Aber wehe die ersten Kurvendiskussionen stehen an. Oder Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ich will ja das von Elias erwünschte Vorbild sein, an das er glauben kann, selbst wenn es sich um Geschlechterklischees handelt, die ich eigentlich ansonsten gerne links oder sonstwo liegenlasse. Die Metaebene kommt dann später, die anderen Interessen auch.

Und dann? Tja, dann wird das Kompetenzteam erweitert. 

Der Schwager zum Beispiel ist handwerklich hoch begabt. Er schnitzt und leimt wie ein Weltmeister, und er hat schon als Teenager irgendwelche Elektrogeräte und Fahrräder auseinandergebaut, wie man so hört. Gut, das habe ich auch. Vielleicht. Allerdings habe ich die Dinger nicht mehr zusammenbekommen, das ist der Unterschied. Es gibt ja dieses afrikanische Sprichwort, wonach man zur Erziehung eines Kindes am besten das ganze Dorf einspannt. Überträgt man diese Daumenregel auf die Familie, so kommt der Schwager hoffentlich zum Zuge, sobald Elias etwas älter ist und sein Interesse am Handwerk über das Bobbycar hinausgeht. Das muss natürlich nicht nur der männliche Schwager sein, sondern kann genauso gut die Schwägerin sein, das ist wahrhaftig keine Geschlechterfrage.

Was zählt: Solche Arbeitsteilung kann selbst bei der Kindererziehung die Produktivität erhöhen. Und vielleicht kann Elias dann mir etwas beibringen. Ist ja nicht auszuschließen, dass der Sohn eines Tages mehr weiß als der Vater.

 

11. Mrz. 2019
von Martin Benninghoff
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07. Mrz. 2019
von Anna Wronska
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Wann wird’s Zeit fürs zweite Baby?

© Picture AllianceAuch wenn das Kind sich eigentlich ein Pony wünscht: Eltern können nur Babys.

Sila Sahin hat es vorgemacht, und Respekt, wer es nachmacht: Die Schauspielerin ist ein paar Wochen nach der Geburt ihres ersten Kindes wieder schwanger geworden. Dabei wurden sie und ihr Mann, der Fußballtorwart Samuel Sahin-Radlinger, nach eigener Aussage von der erneuten Empfängnis überrascht – was etwas erstaunt, denn sie wissen ja, wie so was zustande kommt, aber das ist eine andere Geschichte. Sie freuen sich jedenfalls sehr, und so bleibt nur zu sagen: Glückwunsch! Und: Daumen gedrückt!

Die unerwarteten Baby-News haben einen angenehmen Nebeneffekt für das Promi-Paar. Ihm bleibt seit der Bekanntgabe erspart, was viele andere Eltern zu hören bekommen, kaum, dass ihr erstes Kind abgenabelt ist: „Und? Wann kommt das zweite?“ Offenbar gehen die meisten – gemäß dem fürchterlichen Spruch „Ein Kind ist kein Kind“, den ich mir auch schon anhören durfte und für dessen gesellschaftliche Ächtung ich mich hiermit ausspreche – automatisch davon aus, dass es ein zweites gibt. Das allein wäre hier schon einen eigenen Beitrag wert. Aber sofern sich Paare tatsächlich mehrere Kinder wünschen, ist das „richtige“ Timing für das zweite in der Tat spätestens nach der Geburt des ersten ein Thema. Idealerweise  vielleicht nicht gleich an der Kaffeetafel mit Omas, Nachbarn oder Tanten, das gibt nur böses Blut.

Meinem Eindruck nach versuchen viele Paare (oder haben versucht), ihre Kinder möglichst in kurzer Folge nacheinander zu bekommen. Das Stichwort „Effizienz“ mag in diesem Zusammenhang schräg klingen, aber jeder weiß, dass eine Familie eben Kosten verursacht, gemessen in Zeit und in Geld und in Energie. Deshalb kann es beispielsweise für Frauen Sinn machen, mit dem zweiten Kind schwanger zu werden, solange das erste möglichst klein ist und sie womöglich sogar noch in Elternzeit sind – damit sie nicht zuerst (aufgrund der vielen Hindernisse für berufstätige Eltern bisweilen mit viel Mühe) ins Arbeitsleben zurückkehren, um erneut auszufallen, wenn es im Job gerade wieder richtig läuft. Und es gibt Familien, die schlicht darauf angewiesen sind, die beruflichen Auszeiten der beiden Elternteile möglichst kurz zu halten, weil es sonst finanziell zu eng wird, und die sich deshalb mit der Nachwuchsproduktion beeilen. Nicht zuletzt treibt viele Eltern aber auch die Frage um, welcher Altersunterschied für die Kinder selbst ideal ist. Dabei drängt sich auf den ersten Blick der Gedanke auf: Je weniger Abstand zwischen den Kindern, desto besser für ihre Beziehung untereinander und das familiäre Gefüge insgesamt. Das habe ich selbst lange Zeit geglaubt.

In meiner Familie ließ sich diese These über die Jahre hinweg gut testen, denn bei meinen eigenen Geschwistern und mir ist eine große Bandbreite möglicher Altersunterschiede vertreten. Eine meiner drei Schwestern ist zum Beispiel nur knapp ein Jahr älter als ich, sie hat sechs Tage nach mir Geburtstag (ich habe mich nie getraut, meine Eltern dazu näher zu befragen… zu viel Kopfkino). Wir wurden zusammen eingeschult, waren auf dem Schulhof die Quasi-Zwillinge mit den langen Zöpfen und stehen uns bis heute sehr nahe, obwohl wir sehr unterschiedlich sind. Wir haben einfach viel Ähnliches gleichzeitig oder kurz nacheinander erlebt, das schweißt zusammen. Ich weiß aber auch von einer Bekannten, dass die Harmonie unter Kindern ähnlichen Alters längst nicht garantiert ist, erst recht nicht von Anfang an. Sie hatte ihren ersten Sohn gerade mit großen Schwierigkeiten abgestillt, als das zweite Baby kam. Als der Erstgeborene sah, dass da jemand anderes an der Brust der Mutter hängt, raste er vor Eifersucht, und es dauerte lange, bis er seine kleine Schwester akzeptierte. Kann sein, dass die beiden eines Tages dennoch ein Herz und eine Seele werden (sie sind noch klein), oder aber sie gehen sich an die Gurgel. Das Beispiel zeigt jedenfalls: Simultane Entwicklung und ähnliche Bedürfnisse, das birgt auch Konfliktpotenzial.

Also lieber ein bisschen mehr Zeit verstreichen lassen zwischen Kind eins und Kind zwei, dann läuft es besser? So einfach ist es auch wieder nicht. Zwischen meiner ältesten Schwester und mir liegen moderate vier Jahre. Heute spielt dieser Altersunterschied keine Rolle mehr. Im Kindes- und Jugendalter allerdings lagen nicht nur vier Jahre, sondern ganze Galaxien zwischen uns, und es flogen regelmäßig die Fetzen. Da nützte es auch nichts, dass wir beide Mädchen waren – übrigens auch so eine recht häufig anzutreffende, aber fragwürdige These: dass gleiche Geschlechter tendenziell besser harmonieren als unterschiedliche.

Eine letzte Schwester habe ich noch zu bieten, und hier ist der Altersunterschied ziemlich ungewöhnlich: Ich war 14 und damit mitten in der Pubertät, als sie geboren wurde. Meine anderen Schwestern und ich fanden das Ganze irgendwie unheimlich (Kopfkino!), aber auch irgendwie cool. Wir Großen hatten erst ein knuddeliges Baby/Kleinkind zum Bemuttern, und Jahre später verhinderte die Nachzüglerin, dass unsere Eltern in einem leeren Haus durchdrehten, als wir Älteren eine nach der anderen auszogen. Bis heute ist unsere kleine Schwester unser aller Augenstern. Seit Neuestem studiert sie, und wir „Großen“ platzen vor Stolz. Wenngleich unser Verhältnis durch den großen Altersunterschied natürlich nicht das typische Schwesternverhältnis ist, ist es einfach unfassbar toll, dass es sie gibt, die Nachzüglerin. Das einzig Uncoole: Man fühlt sich neben ihr ganz schön alt. Und sie selbst muss sich ständig altkluge Ratschläge anhören.

Was ich mit all diesen Geschwisterkinder-Anekdoten zum Ausdruck bringen will: Für die Frage, wie sich Kinder untereinander verstehen, kann das Alter entscheidend sein – oder aber völlig egal. Charaktere und Lebensumstände spielen dafür jedenfalls mindestens eine genauso wichtige Rolle. Und entspannte Eltern sind für ein friedliches Familienleben auch nicht unerheblich. Das mag eine Binsenweisheit sein, und dennoch machen sich landauf, landab junge Paare großen Stress, nach dem ersten Kind möglichst schnell das nächste zu produzieren. Junge Mütter pieseln in Plastikbecher und halten Ovulationsteststreifen hinein, um den perfekten Moment fürs Babymachen abzupassen, während nebenan ein Baby oder Kleinkind im besten Fall schläft, im schlimmsten Fall brüllt. Und Väter müssen sich allzeit für den vermeintlich perfekten Moment bereithalten – egal, ob es gerade romantisch/kuschelig/aufregend ist oder nicht.

Ich selbst hatte mir auch ausgemalt, dass wir Gas geben würden. Es sollte anders kommen: Vor viereinhalb Jahren wurde unser erster Sohn Ben geboren, und daraufhin waren mein Mann und ich eine ganze Weile lang abends ziemlich müde. Die Entscheidung, uns mit Baby Nummer zwei nicht verrückt zu machen, hat sich als goldrichtig herausgestellt. Denn der Altersunterschied von fast genau vier Jahren macht sich bei unseren beiden Jungs – im Gegensatz zu meiner ältesten Schwester und mir seinerzeit – bisher nur positiv bemerkbar: Einem Vierjährigen kann man schon ganz gut gut erklären, dass das neue Familienmitglied ab und zu besondere Zuwendung braucht. Ben nimmt meistens Rücksicht, liebt seinen kleinen Bruder heiß und innig, zumal er seine Dinos und Piratenschiffe noch lange nicht teilen muss. Und dem Baby ist sowieso noch vieles egal.

Falls mich jemand fragt, lautet mein Tipp deshalb: Nicht zu viel herumrechnen bei der Familienplanung, das törnt ab. Und nicht vergessen (Eltern selbst tun das sicher nicht, aber oftmals die unsensiblen Omas, Tanten und Nachbarn): Babys gibt es eben nicht auf Knopfdruck. Es ist ein ganz schönes Glück, wenn man sich ein Kind wünscht und es klappt. Und es ist ein unfassbares Glück, wenn es sogar noch mal klappt.

07. Mrz. 2019
von Anna Wronska
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05. Mrz. 2019
von Janosch Niebuhr
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Warum Kinder Haustiere für ihre Eltern aussuchen

© Picture AllianceAuch wenn man nie Haustiere wollte – das Leben mit Kindern bringt nun mal Veränderungen mit sich.

Kürzlich war „Liebe-Dein-Haustier-Tag“. Es ist angeblich eine Art Valentinstag für Haustiere und ihre Halter, wobei sich natürlich nur die menschlichen Beteiligten von diesem Kalenderereignis angesprochen fühlen dürften. Der Liebe-Dein-Haustier-Tag kommt ursprünglich aus Amerika, heißt dort „National Love Your Pet Day“ und wird erwartungsgemäß vor allem von der Heimtierbranche in Erinnerung gerufen. Ich habe ihn bisher immer ignoriert. Auch dieses Jahr. Zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass ich generell wenig von kalendarischen Zuneigungsbeweisen halte. (Fragen Sie meine Frau!). Außerdem war ich an dem Tag zu sehr beschäftigt: Ich musste die Grenzbefestigungsanlagen um das Freigehege unserer Familien-Kaninchen verstärken, Maschendraht ausbessern, Fluchttunnel versperren. „Liebe ist ein Kind der Freiheit, niemals das der Beherrschung“, meinte Erich Fromm. Aber der hatte auch nicht unsere Kaninchen!

Irgendwann kommt die Haustierfrage auf alle Eltern zu, selbst auf die, die zunächst bewusst auf Meerschweinchen oder Jack Russell Terrier verzichtet haben, um Kinder in die Welt zu setzen. Sicher, man kann die Haustierfrage schnell, autoritär und für alle Zeit mit einem klaren „Nein!“ beantworten. Und dafür gibt es auch gute Gründe – finanzielle zum Beispiel oder wohnraumtechnische, vor allem aber tierschützerische. Andererseits sind Haustiere nachgewiesenermaßen positiv für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern. Sie stärken das Verantwortungsbewusstsein, das Selbstwertgefühl, die soziale Kompetenz. Und so weiter. Kinder und ihre Haustiere werden im besten Fall ein Team: Die einen liefern Futter und Pflege, die anderen stellen sich als Projektionsfläche für die kindliche Zuneigung zur Verfügung. Natürlich ahnen Eltern die Wahrheit – sollten sie zumindest: Selbst wenn das Kind hoch und heilig verspricht, alle Versorgungsleistungen für das Haustier allein zu stemmen, geht es am Ende immer um eine Familienvergrößerung. Und die bleibt an den Eltern hängen. Immer.

Die Wahrheit ist deshalb auch: Haustiere werden nicht von den Eltern für die Kinder angeschafft – sondern umgekehrt. Das muss bei der Wahl des geeigneten Haustieres „für das Kind“ immer mitbedacht werden.

Wir haben uns der Haustierfrage aus diesem Grund sehr vorsichtig genähert. Außerdem werfen drei Kinder, die drei verschiedene Haustiere favorisieren, schnell Fragen der Ressourcen-Allokation auf: Kind 1 möchte einen Hund mit Langhaarfell, mit dem sie spazieren gehen kann. Kind 2 hätte gern Kaninchen, denen sie im Garten ihr eigenes Reich bauen kann. Kind 3 sieht sich schon bald auf einem Pferd, mit dem sie zur Kita reitet.

Meine Frau und ich konnten die Antwort auf die Haustierfrage durch Verweis auf verschiedene Faktoren (vorherige Wohnsituation, Alter der Geschwisterkinder, Alter der Anfragenden) zumindest eine Zeit lang vertagen. Irgendwann ging das nicht mehr. Dann war es soweit. Nach reiflicher Überlegung – oder so ähnlich – fiel die Wahl auf: die Kaninchen. (Kind 1 wurde auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet, mit Kind 3 wurde ein familiärer Sparvertrag abgeschlossen.) Weiterlesen →

05. Mrz. 2019
von Janosch Niebuhr
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28. Feb. 2019
von Chiara Schmucker
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Mein Kind, der unerwünschte Gast

© Picture AllianceBabys auf dem Schoß sind niedlich anzusehen – trotzdem möchte im Restaurant niemand mehr neben ihnen sitzen

Was für ein Abend! Aufmerksam tänzelt der Kellner um unseren Tisch herum, bringt kleine Teigschiffchen – ein Gruß aus der Küche –, nimmt lächelnd unsere Bestellung inklusive Sonderwünschen entgegen und steht wenige Minuten später mit zwei eiskalten Drinks wieder an unserem Tisch. Er schaut liebevoll auf meinen runden Bauch und erzählt, dass er, selbst Vater von drei Kindern, so einiges übrig habe für diese kleinen Wunderwesen. Am Ende bestellen wir zweimal Nachtisch zum Espresso, der Grappa geht aufs Haus, logo. Vollgefressen und zufrieden treten wir den Heimweg an.

Sechs Monate später. Mein Bauch ist wieder flach und die kleine Kugel sitzt vergnügt auf meinem Schoss. Und auch sonst hat sich ungefähr alles geändert – Restaurant- und Hotelbesuche eingeschlossen. Das liegt gar nicht so sehr daran, dass es an unserem Tisch unruhiger zugeht als noch vor einem halben Jahr, wir ab und zu mal aufstehen müssen oder die eine oder andere Rassel die Schwerkraft erprobt. Nein. Seit wir ein Kind haben, sind wir – sprechen wir die schmerzliche Tatsache aus – vielerorts unbeliebt. Und das bekommen wir zu spüren.

Ich spreche dabei gar nicht von dem Restaurant auf Rügen, zu dem Kinder ab 17 Uhr keinen Zutritt haben. Oder von Adult-Only-Hotels oder Pools. Oder von der Berliner Kaffeerösterei, in der Kinderwagen und Stillen verboten sind. Es geht um etwas anderes, Zwischenmenschliches. Eine Magazin-Kolumnistin schrieb im vergangenen Jahr darüber, dass sie als Seniorin oft das Gefühl habe, unsichtbar geworden zu sein; nicht nur in Restaurants, sondern auch im öffentlichen Leben. Sie wird einfach nicht mehr wahrgenommen, nicht bedient, wie ein Kind in der Schlange beim Eisholen einfach übersehen. Ich will nicht so verwegen sein, zu behaupten, dass man uns drei tatsächlich übersehen oder überhören könnte. Aber die Beschreibung trifft es doch ganz gut.

Nein, sie hätten keinen Tisch frei, hören wir jetzt häufiger – und falls wir tatsächlich warten möchten, dann auf jeden Fall erst mal den Kinderwagen aus dem Weg und hinten vor die Kellertür schieben. Die Kellner lächeln gequält am Anfang und irgendwie erleichtert am Ende, auf jeden Fall geben sie uns fast immer das Gefühl, so im Stress zu sein, dass uns jede Frage nach einem Extrateller oder warmem Wasser erst gar nicht über die Lippen kommt. In vielen Restaurants kommen die Kellner während des gesamten Essens nicht ein einziges Mal an den Tisch. Sie halten sich fern vom Unruheherd Kind, als wäre es eine ansteckende Krankheit. Auch die anderen Gäste reagieren eher verhalten auf uns. Wir sind jetzt die, neben denen in der Schule schon niemand sitzen wollte. 

Im Hotel werden wir beim Frühstück täglich umgesetzt – so, als hätten sich unsere Tischnachbarn beschwert. Vielleicht wollte das Hotel uns auch nicht täglich den gleichen Gästen zumuten. Sind ja schließlich Stammgäste. Nur einmal kommt die Wirtin an unseren Tisch: Um uns zu sagen, dass wir bitte im Wellnessbereich keine Liegepolster auf den Boden legen sollen für das Baby. Es hätten sich Gäste beschwert.

Kürzlich waren wir mit Freunden und unseren Kindern essen. Sechs Erwachsene, drei Kinder, davon zwei unter einem Jahr. Zuerst warteten wir 15 Minuten auf dem Flur, dann bekamen wir zu neunt einen Tisch für sechs Personen. Wir sagten höflich Danke, die anderen Restaurants hatten schließlich gleich abgewunken. Die Bedienung nimmt unsere Bestellung auf – und ignoriert uns fortan. Während die Gäste an den Nachbartischen, bereits munter schmausen, obwohl sie nach uns bestellt haben, turnen die Kinder auf uns herum und werfen gelangweilt und in Dauerschleife ihr Spielzeug auf den Boden. Wir füttern mit Hirsekringel, Banane und Brotkanten gegen das Hungerloch und eine größere Unruhe am Tisch an und müssen uns irgendwann eingestehen: Sie haben uns vergessen. Wir fragen nach und werden unwirsch abgewiesen, „die Küche kann nicht hexen“. Fast eine Stunde dauert es, bis Schweinebraten, Karpfen und Salat endlich vor uns stehen. Eine Haxe ist inzwischen so verschmort, dass wir sie direkt wieder retournieren.

Wer jetzt denkt, dass wir mit Kindern hätten extraschnell bedient werden müssen, damit wir schnell wieder weg sind und der Rest des Ladens seine Ruhe hat, der hat die Rechnung ohne die Betriebswirtschaft gemacht. Die Logik hinter dem Schlecht-bedient-werden ist so simpel wie schmerzhaft: Gut besuchte Restaurants oder Hotels legen keinen Wert darauf, dass wir wiederkommen, anders als bei den anderen Gästen. Wir brauchen viel Platz, machen viel Dreck und essen am Ende doch nur jeweils ein Hauptgericht. Für Vorspeise, Nachspeise oder Espresso bleibt im kurzen Zeitfenster zwischen zwei Tränenausbrüchen keine Zeit. Wir essen das, was schnell satt macht und mit einer Hand gegessen werden kann – am liebsten also Schnitzel mit Pommes für 11,90 Euro.

In Italien gehören Kinder zu einem Restaurantbesuch dazu. Flink werden hier Tische zusammengeschoben und am Schluss die Trümmer aus Pizza, Pasta und Servietten zusammengefegt. „Kinder auf allen Vieren, die Kellner jonglieren“ – dass Essengehen mit Kindern auch in Deutschland nur beim Italiener Spaß macht, hat Reinhard Mey schon besungen, als ich selbst noch das Kind war. 

Ich frage mich inzwischen manchmal, ob ich mich vor Max’ Geburt an Kindern im Restaurant gestört habe. Ehrlich gesagt kann ich mich überhaupt nicht an Kinder im Restaurant erinnern. Höchstens bei McDonald’s. Früher haben wir oft etwas mitleidig gedacht, wie können die ihre Kinder nur mit so Fast Food vollstopfen. Jetzt verstehen wir es irgendwie. Es geht schnell, man fühlt sich nicht weniger willkommen als die anderen Gäste auch und keiner stört sich am Gewusel, die Restaurants sind unruhig genug.

Bevor Max auf die Welt kam, hat sich mir nicht erschlossen, warum Familien viel Geld für einen Urlaub im Familienhotel oder auf einem für Familien zertifizierten Bauernhof ausgeben. Wo wir waren, war es doch auch schön, kostete aber nur die Hälfte. Inzwischen kenne ich den Grund und bin auch schon so weit, dass ich mehr Geld für das eigentlich Gleiche zahlen würde. Ich erkaufe mir das beruhigende Gefühl, dass ich anderen Gästen den Urlaub oder Restaurantbesuch nicht vermiese und ich fühle mich als zahlender Gast willkommen und ernst genommen. Ich muss keine enttäuschten Blicke der Umsitzenden ertragen, wenn ich an einen Tisch in ihrer Nähe plaziert werde und ich werde nicht schief angeschaut, wenn ich mir die Reste einfach einpacken lasse, weil Max sich nach einem Heulanfall nicht mehr beruhigen lässt.

„Wir fahren dieses Jahr in einen Center Parc in Urlaub“, erzählte mir eine gute Freundin erst vorgestern. Sie hat zwei Kinder unter drei Jahren. Fast entschuldigend fügte sie noch an: „Das passt für uns alle momentan einfach am besten.“

28. Feb. 2019
von Chiara Schmucker
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26. Feb. 2019
von Martin Benninghoff
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So ein Spliss!

© picture alliance/dpaKinder in Marokko finden es auch ganz toll beim Friseur.

Als Kind ging ich lieber zum Zahnarzt als zum Friseur. Was auch mit meinem Friseur zu tun hatte. Seine Kunstlederweste, der Kamm in der Brusttasche, die schweren Friseurstühle, die man mit einem langen Pedal hochbocken konnte, das unvorteilhafte Licht, und die vielen Dauerwellenfrauen, die, leicht lila gefärbt, aussahen wie Margot Honecker, haben mir den Friseurbesuch wohl grundsätzlich und bis heute madig gemacht. Obwohl ich mittlerweile der Hölle des Dorffriseurs entronnen bin und mich bei stylischen und sündhaft teuren Großstadtmaestros verunstalten lasse, ist der Rest Unbehagen geblieben.

Die Jahrzehnte sind vergangen. Als Vater merkt man nun, dass man dem Kindheitstrauma nicht für alle Ewigkeit entkommen kann. Mit Elias bin ich neulich zu einem Friseur gegangen, der lustige Sitzfiguren im Salon hat und einen Fernseher mit DVD-Player, damit die Kleinen hocken bleiben, während ihnen der klassische Pottschnitt verpasst wird. Natürlich weinte er trotzdem, er ist eben noch ein Kleinkind und weiß nicht, was der Mann mit der großen Schere vorhat. Dieser Friseur war aber okay, weil er einigermaßen einfühlsam ist, preislich stimmt (9 Euro für Kinder), Geschreie erträgt und sozusagen einpreist – und ansonsten nicht nervt. Der Kleine saß bei mir auf dem Schoß, was ihn sich schnell beruhigen ließ. So sehe ich das: Schnipp und Schnapp und wieder weg!

Nun bekam ich an einem Tag ein gewichtiges Problem: Dieser Friseurladen war geschlossen. Also irrte ich mit dem Kleinen durch unseren Wohnort auf der Suche nach einem kinderfreundlichen und preisgünstigen Friseur, der eine gewisse Mindestqualität erfüllt. Das war schwierig. Nicht, weil es nicht genügend gegeben hätte, aber drei Absagen musste ich mir einhandeln. In zwei Fällen war der Wille der Friseurin, einem Kind die Haare zu schneiden, gelinde gesagt, suboptimal ausgeprägt. Vielleicht zu laut, zu wenig lukrativ. Stattdessen saßen in beiden Fällen zu bester Nachmittagsstunde zwei betagte Damen in den Friseurstühlen, die das Rundumwohlfühlprogramm genossen – inklusive Kopfmassage und Spachtel-Kosmetik.

Dann wurde ich fündig, endlich. Zwar ein Friseur ohne Kinderstühle, dafür aber mit Umhang mit lustigen kleinen Comicfigürchen, einem vernünftigen Preis (10 Euro) und – wichtigstes Qualitätsmerkmal – zwei Kindern nebst Müttern, die sich bereits in den Fängen der Friseurmeisterin befanden.  Also ging ich hinein, wie üblich im geringeren Preissegment war ein Termin nicht nötig, alles unproblematisch – so dachte ich. Doch dann geschah die ästhetische Vollkatastrophe, die ich nicht für möglich gehalten hätte.

Die Friseurin war komplett ahnungslos. Ich dachte, einen Kinderkopf zu frisieren, sei keine große Kunst, weit gefehlt. Sie schnitt und schnitt und schnitt und schnitt, und es sah immer schlimmer, schlimmer und schlimmer aus. Um den einen fehlerhaften Schnitt zu begradigen, schnitt sie ein zweites, drittes, viertes Mal, die Haare purzelten, und der kleine langhaarige Bombenleger geriet immer mehr zum blonden deutschen Jungen, wie ihn sich manche Kreise am rechten Rand nur so wünschen würden.

Als ich Einhalt gebot, war es zu spät. Mein Zwischenruf sorgte jedoch immerhin dafür, dass sich die Ladeninhaberin zu einer Kurzintervention aufgerufen fühlte. Mit dem Rasierer rückte sie den stumpfigen Resten am Kopf zu Leibe, machte daraus wieder etwas halbwegs Ansehnliches, wenn auch viel zu kurz. Meine Oma hätte gesagt: ein schöner Jungenhaarschnitt. Ich sage: schrecklich! Die schöne Langhaarfriseur war erst einmal dahin und mein Vertrauen in die Friseure wieder in den Grundfesten erschüttert.

Ich hätte das Geld zurückverlangen sollen, so geistesgegenwärtig allerdings war ich – der um Schadensbegrenzung bemühte Vater – nicht. Zumal, mir graute vor der Rückkehr nach Hause, wenn die zweifellos empörte Mutter mir statt der Friseurin den Kopf waschen würde, garantiert ohne Wellnessfaktor. Also schickte ich ihr vorab ein Whatsapp-Bildchen, natürlich in schmeichelhafter Perspektive. Friseurbesuche jedenfalls, das ist meine Lektion, bleiben selbst für Kinder eine gefährliche Angelegenheit. Und gruselig: Wie inkompetent kann man sein, wenn man diesen Beruf gelernt hat?

 

26. Feb. 2019
von Martin Benninghoff
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19. Feb. 2019
von Janosch Niebuhr
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Sind wir arm oder reich, Papa?

© Picture AllianceSind wir eigentlich reich? Und wenn nein, warum nicht?

Eine unserer Töchter hat eine Freundin, die mich regelmäßig sprachlos macht. Sie sagt dann etwas, was so außerhalb meines Erwartungshorizontes liegt, und ich denke: Mädchen, von welchem Stern kommst du eigentlich? Dann muss ich grinsen und sie weiß nicht warum. So wie bei der Rückfahrt vom Kinobesuch. Wir warten auf den Bus, der uns in fünf Minuten nach Hause fahren wird. Vier Kinder, ein Erwachsener (ich). Es regnet, es ist kalt und auch ein bisschen langweilig. Plötzlich fragt die Freundin ganz ernsthaft: „Warum können wir nicht mit dem Taxi fahren? Da drüben stehen doch welche!“

Ich mag diese Freundin meiner Tochter, aber es gibt eben diese Augenblicke der Fassungslosigkeit. Weiß sie wirklich nicht, was Taxifahrten kosten? Oder ein Kinobesuch für fünf Personen plus Knabberkram? Oder sind Budgetlimits einfach noch keine Kategorie für sie?

Und dann ahne ich, dass sie ihren Eltern noch nie die Frage gestellt hat, die alle meine Kinder schon gestellt haben. Selbst die Fünfjährige. Dass sie nicht zu den Kindern gehört, die diese Frage stellen müssen. Es ist eine verständliche, wenn auch sehr komplexe Frage: „Sind wir arm oder reich, Papa?“ Mit dieser Frage werden wahrscheinlich nur Eltern konfrontiert, die statistisch irgendwo in der Mitte der Einkommens- oder Vermögens-Verteilung angesiedelt sind – wobei „Mitte“ ein sehr weites Feld ist, sie reicht von „knapp über Hartz IV“ bis zu „Spitzensteuersatz trotz Ehegattensplitting“. Die Kinder der reichsten zehn Prozent jedenfalls wissen schlicht, dass sie reich sind, die müssen nicht nachfragen. Und die der ärmsten zehn Prozent ahnen ihren Status auch sehr bald. Nur der Nachwuchs dazwischen braucht Orientierung bei der Selbstverortung. Meine Kinder zum Beispiel. „Also sag schon, Papa! Sind wir arm oder reich?“

Ich habe mir angewöhnt, sehr konträre Botschaften als Antwort auf diese Frage zu senden. Die erste Botschaft: „Wir sind ziemlich reich.“ Und ich meine das dann nicht mal im Vergleich zu irgendwelchen Familien in irgendwelchen Entwicklungsländern. Die Aussage ist auch völlig losgelöst von einer realistischen Selbsteinschätzung in deutschen Einkommens- oder Vermögens-Dezilen, von Nettoäquivalenzeinkommen oder anderen statistischen Größen. Damit ist auch nichts Vergeistigtes à la „Wir sind reich, weil wir uns lieb haben“ gemeint – für derlei Kitsch sind Kinder bei dieser Fragestellung nicht empfänglich. Hier geht’s um was anderes – ums Trösten, ums Beruhigen. „Wir sind reich“ heißt hier: Alles ist gut, alles wird gut, wir werden auch künftig ein Dach über dem Kopf haben; ihr werdet auch künftig Kleider bekommen, wenn die alten nicht mehr passen; es wird zu essen geben, Urlaub ist auch drin. Ihr habt sogar ein bisschen eigenes Geld. Vor allem: Ihr werdet nicht beschämt werden, weil ihr arm seid. Alles ist gut. Das ist natürlich reine Psychologie, nicht durch irgendwelche antizipierten ewigen Zahlungsströme gedeckt oder vom Family Office einer Erbengemeinschaft. Aber es ist notwendige Psychologie. Denn hinter der Frage, wie arm oder reich wir sind, versteckt sich eine große Sorge. Und die gilt es zuallererst zu beantworten. Es ist wichtig, Kindern ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, gerade in Bereichen, die sie nicht oder wenig beeinflussen können, wie bei Finanzthemen. Weiterlesen →

19. Feb. 2019
von Janosch Niebuhr
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14. Feb. 2019
von Anna Wronska
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#fauleEltern machen glückliche Kinder

 

© Picture AllianceSieht nach Spaß aus: Warum sollte ein kleines Kind nicht auch mal helfen, die Waschmaschine zu befüllen?

Ich habe jetzt einen Mutti-Account bei Twitter. Es gibt ja noch nicht so viele, dachte ich… nicht. Aber da ich ohnehin eine Rabenmutter bin, die ständig auf dem Smartphone daddelt, würde ich dort mit Sicherheit ein paar Gleichgesinnte treffen und als Familienbloggerin up to date bleiben. Soweit der Plan.

Nachdem ich zunächst mit dem Hashtag #ehrlicheEltern noch meine Schwierigkeiten hatte (hier steht, warum), hat sich die Entscheidung spätestens seit dem Hashtag #fauleEltern total gelohnt. Unter dem Sammelbegriff gaben Eltern zum Besten, wie sie sich den oftmals stressigen Alltag mit Kids zu erleichtern versuchen. Da findet das Haarewaschen ausschließlich im wöchentlichen Schwimmunterricht statt. Bei einer anderen Familie hingegen kommen die Kids immer dann in die Wanne, wenn die Eltern einmal ihre Ruhe haben wollen (mein Mann und ich würden uns hier eingruppieren). In die Schulbrotdose kommt mitunter die kalte Pizza vom Vortag, und Beilagenreis schmeckt, wie man lesen kann, auch aus der Tüte hervorragend (probiere ich bald mal aus). Zum Schlafen bleiben die Tagesklamotten an, statt den Nachwuchs in den Pyjama zu zwingen. Und fürs Schulfest werden Brezeln gekauft statt Kuchen gebacken (ich hätte vermutlich Kuchen gekauft).

Ach, ich mag dieses Eltern-Twitter! Leider habe ich den Hashtag einen Tick zu spät mitbekommen, sonst hätte ich den ganzen Twitter-Kosmos vollschreiben können mit Beispielen aus unserem eigenen „faulen“ Elterndasein:

  • Ich wollte zum Beikost-Start Brei kochen, habe aber die Möhren anbrennen lassen (ja, das geht) – und nehme seitdem Gläschenkost. Die kann Lukas genauso genüsslich und Blasen werfend wieder ausspucken.

  • Ganze zwei Mal im Leben habe ich Kinderklamotten gebügelt: jeweils einmal in jeder Schwangerschaft. Okay, das Ergebnis sah beeindruckend aus. Aber nicht so, dass es den Aufwand rechtfertigen würde.

  • Wenn mal wieder die Strumpfhosen für den Großen aus sind, wühlen und schnüffeln mein Mann und ich uns schon mal durch den Schmutzwäschekorb („Hier, die geht noch mal!“)

  • Wenn ich Ben (4) von der Kita abhole, nehme ich immer eine Dose „Proviant“ (a.k.a. Gummibärchen oder Ähnliches) mit, um ihn auf dem Rückweg bei Laune zu halten.

  • Auf Zugfahrten gibt es kein Zeitlimit fürs Feuerwehrmann-Sam-auf-dem-iPad-Gucken.

  • Wer morgens im Winter keine Mütze anziehen will, zieht morgens im Winter keine Mütze an. 

  • Gerade eben habe ich dem Baby seinen Beißring über den Fuß gestreift, damit es selbst drankommt und ich die Hände frei habe, um diesen Beitrag zu schreiben…

  • … derweil der große Sohn neben mir auf der Couch die zweite Folge „Paw Patrol“ guckt.

Man kann trefflich darüber streiten, inwieweit die oben genannten Anekdoten wirklich etwas mit Faulheit auf Elternseite zu tun haben. „Faul“, das klingt nach erhobenem Zeigefinger, zweifellos war der Hashtag aber mit einem Augenzwinkern gemeint. Die Initiatorin des Hashtags hatte im Sinn, „unkonventionelle Methoden“ zu sammeln, die Eltern das Leben leichter machen. Es gehe um „Ressourcen und Nerven schonende Maßnahmen“, formulierte es eine Twitter-Userin, „darum, Energie zu sparen“, schrieb eine andere.

So sehe ich das auch. Und trotzdem überkommt mich manchmal das schlechte Gewissen, dass ich im Familienalltag zu oft alle Fünfe gerade sein lasse, der große Sohn zu viel iPad spielt, die Wäsche zu lange liegen bleibt. Ich bin sicher, dass sich da meine eigene Kindheit meldet. Meine Eltern haben sich stets verausgabt, damit im Alltag alles funktioniert: die Schule, das Arbeitsleben, der Haushalt. Die Erschöpfung, die das bei vier Kindern mit sich gebracht haben muss, hielt insbesondere meine Mutter mit Selbstdisziplin in Schach. Und hat umgekehrt auch von uns Kindern Disziplin und Mithilfe verlangt, was uns sicher nicht geschadet hat. Bis heute finden meine Eltern es aber bestimmt total wichtig, dass Kinder immer gleichfarbige Socken tragen. Und halten es für selbstverständlich, dass Eltern sich jeden Tag für ihre Kinder aufopfern.

Wenn wir das heutzutage nicht mehr so sehen, sondern auch ein bisschen an unsere eigenen Nerven und Energiereserven denken, ist das meines Erachtens völlig legitim. Und wenn wir unter #fauleEltern mit kleinen Alltags-Nachlässigkeiten kokettieren, ist den meisten von uns sicher bewusst, dass es in Wahrheit Luxusprobleme sind, mit denen wir es da zu tun haben. Weil es hier ja nicht um echte Vernachlässigung oder Überforderung und echte Sorgen geht (das gibt es natürlich auch, aber es hat nichts mit der Intention von #fauleEltern zu tun). Unseren Kindern jedenfalls schadet so ein bisschen Bequemlichkeit ganz sicher nicht. Ich glaube, oft ist das Gegenteil der Fall: Was Eltern das Leben leichter macht, kommt den Kindern bisweilen sogar entgegen – wenn die Eltern beispielsweise nicht darauf bestehen, dass das Kind seine Erbsen aufisst oder die doofe dicke Mütze anzieht. „Bedürfnisorientierte Erziehung“ lautet das Modewort dafür, auf die Grundbedürfnisse eines Kindes so weit wie möglich einzugehen, um die – als elementar erachtete – Bindung zwischen Eltern und Kind zu fördern. Es gibt, wie auch einige Twitter-User bemerkten, Parallelen zwischen den Anekdoten unter #fauleEltern und dieser Art von Erziehung. Denn viele der Twitter-Beispiele drehen sich darum, dem Kind etwas zu erlauben, was es selbst gerne täte, man ihm aber eigentlich nicht erlauben würde, wäre man nicht so „faul“ – also unglaublich müde oder erschöpft oder einfach nicht zu unnötigen Diskussionen aufgelegt.

An bedürfnisorientierter Erziehung wird oft kritisiert, dass Eltern sich dabei zu sehr aufopferten und dem Willen des Kindes unterordneten. Das ist aber ein Missverständnis, finde ich. Natürlich gibt es Dinge, die sind nicht verhandelbar, auch wenn sie meinem Kind nicht in den Kram passen: Nur bei Grün über die Straße gehen. Nicht hauen, nicht spucken, nicht treten. Nicht mit Fremden mitgehen. Aber es gibt Kämpfe, die muss man als Eltern nicht gewinnen – wobei „Kämpfe“ hier der falsche Begriff ist, denn das Kind legt es ja nicht darauf an, sich zu messen und als Sieger hervorzugehen, sondern es artikuliert eben seine Bedürfnisse. Es gibt vielmehr Situationen, in denen haben Eltern und Kinder gleichlaufende Interessen – das ist doch toll, wir sollten es uns wann immer möglich zunutze machen! Ich habe für mich selbst jedenfalls festgestellt, dass es sich lohnt, manchmal innezuhalten und mich zu fragen: Ist es jetzt wirklich wichtig, dass ich nicht nachgebe, als Elternteil meine Überlegenheit demonstriere? Dass wir den anstrengenderen Weg gehen, obwohl es einen einfacheren gäbe – für beide Seiten? 

Anders gefragt: Schadet Pizza vom Lieferservice, wenn sie allen schmeckt und Arbeit spart? Nein. Schadet es dem Kind, ein paar Minuten kalte Ohren zu bekommen, bevor dann doch ziemlich schnell und freiwillig die Mütze aufgesetzt wird? Nein. Schadet eine weitere Folge „Paw Patrol“, also, sprechenden Hunden in bunten Uniformen unter dem Schlachtruf „Kein Job ist zu groß, kein Hund ist zu klein!“ bei ihren Einsätzen rund um Adventure Bay zuzusehen?

Okay, bei „Paw Patrol“ muss ich noch mal nachdenken.

14. Feb. 2019
von Anna Wronska
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12. Feb. 2019
von Martin Benninghoff
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Wenn der Willi mit der Maja …

Duo mit vier Flügeln: Biene Maja (r.) und ihr lethargischer Kumpel Willi in der alten Serienversion

Langsam kommt Elias in das Alter, in dem er sich für den großen Bildschirm interessiert, der bei uns zuhause in der Ecke steht: für den Fernseher. Noch gibt es keinerlei Notwendigkeit, Kinderserien zu sehen, im Alter von knapp zweieinhalb ist alles andere interessanter als der Flachbildschirm, aber die herumliegenden Fernbedienungen wecken zunehmend sein Interesse. Ich bereite mich sozusagen vor, zumindest achte ich stärker als früher auf das, was im Fernsehen für Kleinkinder läuft und was YouTube bietet. Wenig überraschend bleibe ich vor allem bei den Serien hängen, die ich noch aus der eigenen Kindheit in dieser oder einer alten Version kenne.

„Es hat sich etwas geändert auf der Blumenwiese und dem Nordmeer. Und das ist schade.“

Und hier ist der Knackpunkt: Die alten Verfilmungen aus früheren Jahren laufen kaum noch, dafür aber etliche Neuverfilmungen oder Comicvarianten. Biene Maja, Wickie, Michel aus Lönneberga, Heidi. Serien, die in meiner Kindheit liefen, heute aber in runderneuerten Varianten über die Bildschirme flackern, in 3-D-Optik wie die Biene Maja oder Wickie. Ich finde die, ehrlich gesagt, schwer erträglich. Und bevor ich mir den Vorwurf einhandle, aus nostalgischen Erwägungen die Serien meiner Kindheit durch die rosarote Kindheitsbrille zu betrachten und sie deshalb blind und geschichtsvergessen zu verteidigen: Ja, da ist etwas dran. Und doch, es hat sich etwas geändert auf der Blumenwiese und dem Nordmeer. Und das ist schade.

Nehmen wir Wickie, die Geschichte über einen Jungen, der bei den Beutezügen seines Vatern Halva mit dessen Wikingertruppe allerlei Abenteuer zu bestehen hat und die Männer mehr als ein Mal aus misslicher Lage befreit. Die Buchvorlage des Schweden Runer Jonsson aus dem Jahr 1963 wurde in der ersten Serie von 1974 einigermaßen werkgetreu verfilmt. Die rüde Art der Wikinger, ihre Flüche und Ohrfeigen, nichts wurde verschwiegen, außerdem haben sich die Männer rund um Kapitän Halva auch gerne den ein oder anderen Humpen hinter die Binde gekippt. Es war keine echte Gewalt zu sehen, sondern eher eine Bud-Spencer-artige-Pseudobrutalität, die daraus bestand, dass der „schreckliche Sven“ seine Metallkugel schwang, sie jemand gegen den Kopf bekam, der dann kurzzeitig Vögelchen sah und in der Ecke lag, um wenig später wieder fit zu sein. Nichts passiert also.

Und heute? Halva, Wickies Vater, ist zwar immer noch liebenswert, aber insgesamt perfekter, eine positive Elternfigur. Vorbei die Zeiten, als er vor allem überfordert und tumb war. Trinken und Fluchen gehören der Vergangenheit an, die Jungs sind zahnlos geworden, ganz im Gegensatz zum Holzkopf am Schiffsbug in der Serie aus den siebziger Jahren. Wickie, der kluge und gewitzte Sohn, verliert dadurch enorm, denn der Hintergrund – eine dümmliche Erwachsenenwelt voller Raufbolde – fehlt, so dass der Junge kaum noch brillieren kann. Alles ist perfekt, aber der Witz, der sich aus den krassen Gegensätzen ergab, ist weg. Möglicherweise ist die Serie dadurch kindgerechter geworden, aber ob sich mein Sohn später an diese Serie voller Nostalgie zurückerinnert? Wir werden sehen, ich frage ihn dann mal, sagen wir: 2040.

Und so sieht die Biene, die ich meine, heute aus.

Die Biene Maja ist in der neuen Variante ebenfalls kreuzlangweilig geworden. Die antiautoritäre und chronisch aufsässige Mädchenfigur der Biene, die in der früheren Version aus den siebziger Jahren so herrlich burschikos durch die Blumenwelt summte und ihren lethargischen Kumpel Willi durchs Leben schleifte, ist heute ein mädchenhafteres, kicherndes Bienchen geworden, das kaum noch etwas Aufsässiges an sich hat. Insgesamt ist die Wiese, die früher voller gefährlicher Hornissen und der bösen Spinne Thekla war, heute eher ein Spiegel unserer Gesellschaft geworden: Wir gehen zwar gerne raus in die Natur, aber bitte gut angeseilt am Klettersteig oder hinter Geländer und Plexiglasscheiben, wenn es steil wird. Mit einem freien Leben hat das nicht mehr viel zu tun.

Dabei ist es ja richtig, dass sich die Interpretationen und damit die Serienversionen an die Zeit anpassen. Das Frauenbild bei Wickie war, gelinde gesagt, eine Vollkatastrophe. Halva nannte seine Frau wahlweise „Weib“ oder „Alte“, die Angesprochene, ohnehin blass als Charakter, stand allenfalls mit dem Nudelholz hinter der Tür oder mit dem Taschentuch am Pier, wenn sich die starken Männer mal wieder aufs Meer wagten. Das zu ändern ist sinnvoll, denn solche Bilder prägen sich ein, zumal es in der Serie, die wohl eher für Jungs gemacht war, an positiv besetzten Mädchenrollen mangelte (mit Ausnahme von Wickies Freundin Ylvie). Genauso ist es natürlich richtig, bei Pippi Langstrumpf aus dem „Negerkönig“ einen „Südseekönig“ zu machen, alleine schon deshalb, da Kinder heute mit dem ersten Begriff gar nichts mehr anfangen können und man solche Stereotype aus kolonialen Zeiten nicht weitergeben sollte.

„Wickie zeigt, wozu das männliche Geschlecht in der Lage ist, wenn es sich mal abgewöhnt, zu röhren wie ein Hirsch in der Brunft.“

Dass die Männer bei Wickie meist tumb dargestellt werden, ist jedoch etwas anderes, da ihnen eine starke Jungenfigur entgegengestellt wird, die klug und gewitzt ist und zudem keines der männlichen Rollenklischees an sich hat, im Gegenteil: Wickie zeigt, wozu das männliche Geschlecht in der Lage ist, wenn es sich mal abgewöhnt, zu röhren wie ein Hirsch in der Brunft. Und Heidi? Wie bei Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga und Ronja Räubertochter ist die Hauptfigur aus Johanna Spyris Roman aus dem 19. Jahrhundert eine hochinteressante, weil in der Zerrüttung ihrer familiären Verhältnisse sehr zeitgemäße Vorbildfigur. Die Kunst besteht doch darin, solche Anteile kindgerecht und zeitgemäß aufzuarbeiten – und nicht, sie zur Unkenntlichkeit abzumildern.

Bei neueren Serien wie Bob, der Baumeister beispielsweise fällt eher auf, wie sehr typische Jungs-Klischees Eingang in eine Erzählweise finden, die wenig ausbricht aus den Rollenerwartungen. Der Prinzessin-Lillifee-Horror, der vor Jahren die Mädchenzimmer reihenweise in grässliches Rosa stürzte, ist ja zum Glück überwunden. Aber es zeigt, wie sehr Kinderserien der letzten Zeit wieder durchtränkt sind von althergebrachten Rollenklischees von Bauarbeitern oder aggressiven Jungs wie in „Der ultimative Spiderman“ (bis 2017) und harmoniesüchtigen Mädchen, die vor allem auf die Entwicklung der sozialen Intelligenz ausgelegt sind. Wenn die Pädagogik meint, bei Fernsehserien müssten die Kinder bei ihren Gewohnheiten abgeholt werden, kann man sich fragen, was das nun wieder für Gewohnheiten sind.

Manche führen ins Feld, dass die Kinderserien der siebziger und achtziger Jahre von Vertretern der Achtundsechziger geschrieben und produziert worden seien, wodurch sie einen volkspädagogischen Charakter gehabt hätten. Das mag stimmen, es ist schon auffällig, wie sehr die damaligen Fernsehmacher die antiautoritäre Figur in den Mittelpunkt stellten. Zu behaupten, heute sei weniger Volkspädagogik am Werk, ist aber nicht stichhaltig. Nur geht sie heute in eine andere Richtung, in eine konfliktarme und glattgebügelte, ja, vielleicht auch in eine kindgerechtere. Aber wäre es nicht wünschenswert, dass der Humor einer Serie dergestalt ist, dass die Eltern gerne mit ihren Kindern zusammen eine Folge schauen und nicht entnervt das Weite suchen?

Die zweidimensional gezeichneten „Simpsons“ – obwohl natürlich keine Serie für Kleinkinder – funktionieren deshalb seit Jahren so gut, weil sie so vielschichtig sind: Die Andeutungen und Anspielungen sind was für die Erwachsenen, die Actionanteile und „lustigen“ Geschichten etwas für die Kleineren. Die Charakterzüge der Figuren kommen häufig besser durch die wenigen Striche der zweidimensionalen Zeichnungen zur Geltung als durch die grobschlächtigen computeranimierten 3-D-Versionen. Das gilt auch für die Peanuts. Mal schauen, mit welcher Serie mich mein Sohn „traktiert“. Wie gesagt, wir sprechen dann auch später über unsere Erfahrungen, also spätestens 2040!

12. Feb. 2019
von Martin Benninghoff
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05. Feb. 2019
von Anna Wronska
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Mobbing: Es sind nicht immer nur die anderen

© Picture AllianceAllein auf dem Bolzplatz: Hier fehlt nicht nur ein Ball, sondern vor allem ein Freund.

In Berlin ist ein elfjähriges Mädchen an den Folgen seines Suizidversuchs gestorben. Die genauen Hintergründe sind noch unklar, aber es heißt, das Mädchen habe sich von Schulkameraden gemobbt gefühlt. Man muss keine eigenen Kinder haben, um von dieser Nachricht schlichtweg entsetzt zu sein.

Dass es in einer solchen Katastrophe mündet, liest man zum Glück äußerst selten, aber es gibt leider wohl kaum eine Schule, in der nicht täglich Mobbing irgendeiner Art stattfindet. Ich habe es vor einer gefühlten Ewigkeit selbst erlebt. So wie es in jeder Klasse den Klassenclown gibt und den Jungen- oder Mädchenschwarm, gibt es auch den Streber, und der war ich. Ich hatte gute Noten, deshalb war ich ein Feindbild – außer, wenn es ums Hausaufgaben abschreiben ging, da war ich offenbar ganz okay. Fast jedes Mal, wenn wir eine Klassenarbeit zurückbekamen oder wenn ich mich im Unterricht zu Wort meldete, gab es Sprüche und Getuschel. Erschwerend kam hinzu, dass ich nie die Modetrends mitmachen konnte, die es zu der Zeit so gab. Ich erinnere mich, wie in der sechsten oder siebten Klasse in der Clique der coolen Mädchen eines nach dem anderen mit der gleichen Hose auftauchte: gelb mit grünen Karos. Ich habe diese Hose natürlich nicht bekommen, ich habe es nicht einmal darauf angelegt, denn sie war hässlich, und sie war teuer. Aber vor allem unterteilte sie die Mädchen der Klasse optisch in die, die dazugehörten – und die, die es nicht taten.

Es tat mal mehr, mal weniger weh, Außenseiter zu sein. In der Oberstufe wurde es besser und ich selbstbewusster, aber ich habe das Gefühl nie vergessen. Damals gab es freilich noch kein Facebook zum Angeben oder Instagram für den Schönheits-Wettbewerb oder Whatsapp zum bequemen virtuellen Dissen. Deshalb frage ich mich, wie es heutigen Strebern und Uncoolen wohl erst ergehen muss. Und mir wird angst und bange, wenn ich daran denke, dass mein großer Sohn in spätestens zweieinhalb Jahren eingeschult wird. Als Eltern haben wir nur wenig Einfluss darauf, wie er sich in diesem neuen sozialen Umfeld einfügt, in welcher „Schublade“ er landet. Wir könnten uns dafür einsetzen, dass er mit seinen Kita-Kumpels in eine Klasse kommt, damit er einen Kreis von Vertrauten um sich hat. Wir könnten ihm theoretisch die spektakulärsten Kindergeburtstage ausrichten und die angesagtesten Sachen kaufen, damit er stets up-to-date ist (praktisch ist mir das absolut zuwider) – kurzum: versuchen, alles zu tun, damit er nicht zum Opfer wird. Doch wer weiß, ob das reicht? Die soziale Dynamik innerhalb einer Gruppe ist unberechenbar, und wenn es nicht das „falsche“ Outfit oder das „falsche“ Smartphone ist, dann suchen sich die vermeintlich Stärkeren eben irgendetwas anderes, für das sie die vermeintlich Schwächeren hänseln können.

Die Sorge, dass ihre Kinder zu den Schwächeren gezählt werden und Gemeinheiten von Schulkameraden ertragen müssen, kennen vermutlich sehr viele Eltern. Aber was man häufig vergisst: Es kann auch andersherum kommen. Was, wenn die eigenen Kinder diejenigen sind, die sich als die Stärkeren fühlen und andere hänseln? Können wir die Hand dafür ins Feuer legen, dass unsere Kinder nicht zu Tätern werden?

Mein großer Sohn Ben ist vier Jahre alt und hat in unserer altersgemischten Kita eine kleine „Gang“ aus ähnlich alten Kindern, größtenteils Jungs, die gemeinsam oftmals ordentlich auf die Pauke hauen, aber selten groben Unfug verzapfen. Erschrocken erfuhr ich eines Tages, dass ein Junge namens Leo, der mit dreieinhalb Jahren etwas jünger ist als der Rest, innerhalb dieser Gruppe manchmal ausgegrenzt wird – auch von meinem Sohn Ben. Leo darf dann schlicht plötzlich nicht mehr mitspielen. Auf meine Frage, was man denn da machen könne, sagte die Erzieherin: erst mal nichts. Konflikte innerhalb einer Gruppe seien normal, gerade beim Spielen, und die Kinder müssten sie ein Stück weit selbst zu lösen lernen. Sie selbst würde erst dann eingreifen, wenn immer nur das gleiche Kind unter die Räder käme, das war ihrer Meinung nach aber nicht der Fall. Ich war erst einmal beruhigt. Kurze Zeit später habe ich dann beobachtet, wie Leo auf dem Kindergeburtstag meines Sohnes auf dem Spielplatz allein und weinend im Gras saß, während die anderen Kinder lachend im Pulk hinter einem Wurfgleiter aus Styropor herrannten. Offenbar hatte Leo ihn auch einmal halten oder werfen wollen, aber irgendwie hatten ihn die anderen abgedrängt. Seine Mutter kannte ähnliche Szenen offenbar schon, tröstete ihn und die Sache war schnell vergessen, aber mir war es sehr unangenehm.

Nicht mitspielen dürfen oder mal stehengelassen werden – davon allein dürften zwar die wenigsten Kinder in diesem Alter ein Trauma fürs Leben bekommen, und ganz sicher haben mein Sohn und die anderen Kinder hier kein bewusstes, systematisches Mobbing betrieben. Insofern ist jetzt sicher noch keine Panik angebracht. Aber irgendwo fängt es ja an, mit der Grüppchenbildung, mit dem Ausschließen von anderen. Und mir ist bewusst geworden: Es ist eben kein Automatismus, dass das eigene Kind immer zu den „Guten“ gehört, also zu denen, die gegen Gemeinheiten anderer verteidigt werden müssen (mal davon abgesehen, dass das ohnehin nur bedingt funktioniert). Es sind nicht immer nur die anderen. Nicht „die Mitschüler, die angefangen haben“. Nicht „die Lehrer, die nichts dagegen unternommen haben“. In erster Linie sind wir Eltern gefragt. Wir müssen aufpassen, dass das (wünschenswerte) Selbstbewusstsein unserer Kinder nicht in Überheblichkeit umschlägt und Stärke nicht in Arroganz. Hoffentlich merken wir das rechtzeitig und können verhindern, dass es passiert. Wie das in der Praxis funktioniert? Keine Ahnung. Wir können nur versuchen, Ben klarzumachen, dass weder Noten noch Hosen etwas über den Wert von Menschen aussagen, und dass man auf andere Kinder Rücksicht nehmen soll. Wir müssen hoffen, dass unter seinen Schulkameraden einige sind, die das auch so lernen und unter den Lehrern solche, die das auch so lehren. Und vor allem, dass er sich niemals zwischen einem Opfer- und Täterdasein entscheiden muss.

05. Feb. 2019
von Anna Wronska
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