Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

30. Mai. 2019
von Anna Wronska
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Der Anfang vom Loslassen

© Picture AllianceKlar sollen unsere Kinder selbständig werden. Aber doch noch nicht jetzt!

Unser großer Sohn Ben (4) ist auf Kita-Reise, eine Stunde Zugfahrt von uns entfernt. Mein Mann und ich haben ihn vor zweieinhalb Tagen in der Bahnhofshalle verabschiedet. Er und 15 andere Kinder stapften hinter den drei Erzieherinnen her die Treppe zum Gleis hinunter, einer nach dem anderen, wie an einer Kette aufgefädelt, mit jeweils einer Hand am Geländer und einem kleinen Rucksack auf dem Rücken. Von oben winkten wir Eltern, von unten die Kinder. Ben schaute ernst, aber er weinte nicht. Kurz darauf war die Reisegruppe aus unserem Blickfeld verschwunden. „Und jetzt: Bier!“, rief ich den Eltern zu, die in meiner Nähe standen, und fand mich selbst nur mäßig witzig.

Seit der Nachricht, dass die Reisegruppe gut an ihrem Zielort angekommen ist, gilt: Wir bekommen nur Bescheid, falls etwas nicht stimmt. Also ist offenbar alles in Ordnung. Außer hier bei uns. Warum nochmal müssen Kinder im Alter von vier Jahren schon drei Übernachtungen auswärts absolvieren? Ach ja, damit sie an der neuen Herausforderung wachsen und so. Frühzeitig lernen, sich abzunabeln, auch allein klarzukommen und so. Also die Kinder. Oder etwa (auch) die Eltern? „Für euch Eltern ist das viel schlimmer, die Kinder selbst finden es toll“, hatten uns die Erzieher im Vorfeld gesagt. Sie machen diese Kita-Reisen schon seit langem, jedes Jahr. Noch nie habe eines der Kinder frühzeitig abgeholt werden müssen, beteuerten sie. Lange vor der Fahrt malten die Kinder Bilder mit Sachen aus, die mit in den Koffer sollten: Kuscheltier, Taschenlampe, Gummistiefel… Sie erfuhren, welche Tiere sie in ihrer Ferienanlage erwarten würden. Sogar ein Esel war dabei, erzählte Ben uns aufgeregt. Ihn nicht mitfahren zu lassen, war keine Option. „Damit würdet ihr ihm das Gefühl geben, es ihm nicht zuzutrauen“, sagte unsere Kontakterzieherin. Also schrieben wir, wie alle Eltern, heimlich eine Postkarte an unser Reisekind, die ihm am zweiten Tag vorgelesen werden sollte. Dass wir gespannt sind auf seine Berichte, dass zu Hause alles prima ist. Bloß kein rührseliges „Mama und Papa vermissen dich“, um den Kindern kein schlechtes Gewissen zu machen.

Am Tag der Abreise sind wir noch frohen Mutes und fast überrascht, wie gut der Abschied klappt, ganz ohne Drama. Nur zwei Kinder klammern sich kurz an ihren Eltern fest, gehen dann aber auch tapfer mit der Reisegruppe mit. Mein Mann und ich steuern mit anderen Eltern ein Café an und plaudern lange bei Kaffee und Kuchen, ohne wilde, ungeduldige Vierjährige um uns herum. Auch mal ganz schön. Zu Hause wird es dann erstmals komisch. Ich sammele in Bens Zimmer lustlos ein paar Legosteine auf, dann mache ich die Tür zu, weil das Chaos ohne das dazugehörige Kind so traurig aussieht und es aufgeräumt sogar noch schlimmer wäre. Der Tischspruch beim Abendessen fällt aus, Bens Platz bleibt leer und sauber. Auf dem Tisch steht noch ein Schnapsglas mit Kleeblättern, die er für uns gesammelt hat. Zum Glück brabbelt und matscht das Baby (acht Monate) ungerührt vor sich hin.

Die Prozedur vor dem Schlafengehen fällt kürzer aus als sonst, kein Gehopse auf dem Bett und kein Streit ums Zähneputzen, keine mühsamen Verhandlungen um die Frage, wie viele Gutenachtgeschichten es gibt. Nachts haut uns niemand seine Füße ins Gesicht. Auch der nächste Tag startet entspannter, ohne kleinen Morgenmuffel und ohne Kita-Aufbruchshektik. Abends gibt es Essen, das Ben nicht mag – Datteln im Speckmantel und viel grünen Salat. Mein Mann klagt über Ärger im Job, wir lästern und sagen mehrfach laut und genüsslich „Scheiße“, einfach, weil wir es können. „Du hörst weg, Lukas“, sagt mein Mann grinsend zum Baby.

Wir halten also ganz gut durch. Tagsüber ist es ja auch fast wie immer, nur dass Ben eben nicht in der Kita ist, sondern weiter weg. Doch nach der zweiten Nacht ohne ihn, der Klee sieht schon ganz welk aus, reicht es. Mein großes Baby gehört zu mir. „Okay, jetzt möchte ich bitte langsam mein Kind zurück“, schreibe ich einer anderen Mutter aus unserer Gruppe, ihr geht es genauso. Dabei habe ich gar keine Angst, dass Ben etwas zustößt. Und ich kann auch damit leben, nicht genau zu wissen, was er gerade macht (wenngleich ich die Erzieherinnen dafür verfluche, dass sie nicht wenigstens ein Mal am Tag ein Update geben). Mich quält aber der Gedanke, dass er Heimweh haben und denken könnte, wir hätten ihn im Stich gelassen. Er hat einmal geträumt, wir wären im Bus von ihm weggefahren, davon hat er noch Wochen später mit zitternder Stimme erzählt. Er kann unmöglich begriffen haben, was das wirklich bedeutet, drei Tage ohne uns in einer fremden Umgebung zu sein. Was, wenn er sich nicht traut, zu sagen, dass es ihm nicht gut geht? Was, wenn er es doch sagt, aber zu hören bekommt: „Ach komm, stell dich nicht so an!“? Schließlich ist noch nie ein Kind frühzeitig abgeholt worden …

Ich wollte nie so sein: eine von diesen Müttern, die ihre Kinder nicht loslassen können. Die sie ständig in Gefahr sehen, zumindest im Kopfkino, die sie am liebsten jede Minute beschützen wollen und das Gefühl haben, dass niemand außer ihnen und Papa das wirklich kann. Ich fahre Ben zwar nicht mit dem SUV zur Kita – wir haben gar kein Auto. Aber abgesehen davon bin ich vermutlich das, was ich selbst so furchtbar finde: eine Helikopter-Mutter. Zumindest in mancherlei Hinsicht. Der Helikopter-Vater und ich, wir vermissen unseren großen Sohn so sehr, dass es weh tut. Die Sorge um ihn macht uns verrückt. Wir können uns nicht lange entspannen, wir haben nicht das Bedürfnis, eine Date Night einzulegen oder Bier zu trinken, um den kleinen Ausflug in die Vergangenheit ohne Kinder zu zelebrieren – mal abgesehen davon, dass wir ja auch noch Lukas haben. Wir wollen einfach nur unser zweites Kind wieder.

Ich weiß, ich sollte mich nicht so anstellen. Morgen Mittag kann ich Ben wieder abholen. Wahrscheinlich ist er erschöpft und glücklich, und ich lasse mir natürlich nicht anmerken, wie es uns zwischenzeitlich ergangen ist. Dennoch: „So etwas machen wir nie wieder!“, habe ich gestern schon zu meinem Mann gesagt. Und wusste natürlich, dass das Quatsch ist. Das Loslassen hat ja gerade erst begonnen.

Update: Ben ist wieder da. Erschöpft und glücklich. Es sei „toll“ gewesen, sagt er. Und gleich danach: „Aber ich habe jeden Tag ein bisschen geweint, weil ich euch vermisst habe.“ Manchmal hasse ich es, Recht zu haben. Aber wir haben zu Hause darüber gesprochen: Ben hat zweifellos ein großes Stück Selbständigkeit gelernt. Deshalb denken wir, dass er zum 18. Geburtstag bestimmt wieder raus darf. 

 

30. Mai. 2019
von Anna Wronska
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23. Mai. 2019
von Janosch Niebuhr
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Wer ist jetzt der Bestimmer?

© Picture AllianceFrauen und Kinder zuerst: Wahlen in der Ukraine

Die altersgerechte Vermittlung von Politik ist, sagen wir mal, ein hehres, aber ambitioniertes Ziel. Als unsere Fünfjährige und ich kürzlich wieder an einem Wahlplakat vorbeikamen, wollte sie wissen, warum diese Frau ihr Foto da aufgehängt hat. Mit etwas mehr Zeit und Ernsthaftigkeit hätte ich dem Vorschulkind etwas über Wahlen und Parlamente und Parteien nahebringen können, vielleicht sogar über die Idee eines geeinten Europas. Weil es aber wie immer schnell gehen musste, beließ ich es bei der Standardantwort für Fünfjährige: „Die will Bestimmerin werden.“ Das ist natürlich eine grobe Vereinfachung, aber für den Moment reichte es. Die Frage bleibt natürlich: Wie sag‘ ich‘s meinem Kinde?

Bei dieser Frage werde ich regelmäßig nostalgisch. Als ich so alt war wie meine jüngste Tochter heute ist, haben zum Beispiel noch die Erwachsenen über das Fernsehprogramm entschieden. Überhaupt gab es da ja auch noch wenig Auswahl für Kinder, kein Horseland oder Haustiercamp und schon gar nichts mit Einhörnern. Stattdessen durfte ich gelegentlich dabei sein, wenn mein Opa und mein Vater gemeinsam eine Bundestagsdebatte anschauten. (Doch, doch, eine ganze Bundestagsdebatte im Fernsehen, das gab‘s mal. Und zwar im Hauptprogramm. Für Spartenprogramme gingen Männer damals in die Schmuddelkinos.)

Ich habe natürlich nichts verstanden von dem, was die Redner im Fernsehen damals sagten. Wahrscheinlich habe ich nebenher Lego gespielt. Es war ja auch noch alles schwarzweiß und ich erinnere mich auch nicht, dass mir zuhause irgendjemand irgendetwas erklärt hat. Ich weiß aber noch ganz genau, dass ich einmal aufgestanden bin und einem Bundestagsabgeordneten einen Kuss gegeben habe. Ich hielt mit meinen kleinen Armen unseren Fernseher umklammert und drückte mein Gesicht auf die Mattscheibe. Das machte meinen Opa ganz ärgerlich und schien meinen Vater sehr zu freuen. So viel Reaktion hatte ich gar nicht erwartet.

Viele Jahre später habe ich kapiert, dass ich ausgerechnet Willy Brandt geküsst hatte. Aber das war wirklich Zufall, es hätte auch Hans-Dietrich Genscher oder Rainer Barzel oder vielleicht sogar eine der wenigen Frauen erwischen können. Es war zu diesem Zeitpunkt von meiner Seite jedenfalls keine wie auch immer geartete politische Festlegung. Und was kann ein Fünfjähriger ahnen von den sehr unterschiedlichen politischen Affinitäten seiner Anverwandten? Weiterlesen →

23. Mai. 2019
von Janosch Niebuhr
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16. Mai. 2019
von Janosch Niebuhr
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Warum die Schule das Lügen lehren muss

© Picture AllianceKinder sollten sich wehren können – auch gegen Manipulation.

Es wird ja gern und häufig über die Schulen geklagt. Was so alles fehlt. Warum es unbedingt mehr Wirtschaftsunterricht geben muss und viel mehr Computer und Praxisrelevanz (z.B. Infos über Mietverträge, Versicherungen etc.) oder ein Schulfach „Gesunde Ernährung“. Das ist natürlich alles Quatsch. Ich finde, die Schulen machen schon vieles richtig und sind vielleicht die letzte Bastion gegen eine verdummende Erwachsenenwelt. Es gibt nur eine einzige Sache, die wirklich fehlt, ein absolut notwendiges Pflichtfach – aber ich habe noch keinen griffigen Namen dafür. Vielleicht „zynischer Realismus“ oder „RhetLo“ (Abkürzung für Rhetorik und Logik) oder „Manipulations-Forensik“. Ein Fach jedenfalls, das unsere Kinder befähigt, Lügen, Fehlschlüsse und Propaganda zu erkennen. Online wie offline.

Bisher werden die notwendigen Qualifikationen dafür meist noch en passant in anderen Fächern wie Mathematik, Deutsch, Politik, Geschichte, Religion oder Philosophie vermittelt. Aber das reicht nicht mehr. (Vielleicht hat es nie gereicht, aber seit jeder mit Internetanschluss zum Welterklärer werden kann und Algorithmen Konsumenten und Wähler für Kampagnen sortieren, können wir es uns nicht mehr leisten, das kritische Denken dem Zufall zu überlassen. Auch Medienscouts oder Social-Media-Workshops sind keine Antwort, genauso wenig wie „Content“-Empfehlungen oder -Filter. Kritisch denken kann man nicht delegieren.)

So ein Pflichtfach „Lügen in Theorie und Praxis“ (oder so ähnlich) braucht es auch deshalb, weil die Erwachsenenwelt inzwischen die Kunst der Manipulation bekanntermaßen perfektioniert hat, ja es ihr geradezu egal ist, wenn sie dabei ertappt wird. (Der amerikanische Präsident ist dabei nur das schillerndste und offenkundigste Beispiel). Erschwerend kommt hinzu, dass sich ausgerechnet die mit der größten Manipulations-Agenda als verfolgte Aufklärer gegen „das System“ gerieren. (So untergraben die größten Lügner mit dem Vorwurf der Lüge das Vertrauen in Institutionen und Abläufe und wissenschaftliche Ergebnisse.) Hochgerüstet ist diese Lügenwelt, in die wir unsere Kinder irgendwann entlassen müssen, und immer genauer treffen ihre Giftpfeile. Aber was wird in den Schulen unterrichtet? Üb immer Treu und Redlichkeit und so weiter. Wir impfen den Kindern in Schule (und gelegentlich zuhause) immer noch den naiven Glauben ein, dass die Wahrheit siegt, die besseren Argumente überzeugen, Fakten eben Fakten sind und Ignoranz und Egoismus keine Führungsqualitäten.

Heißt das, die Kinder auf das Leben vorzubereiten? Wir senden die Kinder wie Schafe unter die Wölfe. Es wird Zeit, dass man sie zur Vorbereitung auch klug macht wie die Schlangen. (Notfalls ergänzt durch ein „ohne Falsch wie die Tauben“).

Wie also könnte ein eigenes Fach gegen die manipulative Verdummung aussehen, wie die Vorbereitung auf künftige Auseinandersetzungen? Ein Mitschüler meiner Tochter hat mir kürzlich dazu eine Steilvorlage geliefert. Es hatte offensichtlich Streit in der Klasse gegeben und bei der Aussprache darüber fielen dann angeblich diese goldenen Worte: „Bist du behindert? Ich beleidige doch niemand!“ Was der Schüler nicht ahnen konnte: Er hat mit seinen Worten ein Motiv der gegenwärtigen Diskurskultur der Erwachsenen reproduziert – den Kampf um die Empörungshoheit. Wenn du mir sagst, dass ich etwas falsch mache oder ändern soll, rege ich mich solange auf, bis alle einsehen, dass du das Problem bist. (Ich weiß nicht, wie die Sache ausgegangen ist, aber ich hoffe sehr, dass die Klassenlehrerin die Gelegenheit genutzt und außerdem das rhetorische Stilmittel des Oxymorons vorgestellt hat. Und nicht empört den Schüler ermahnt hat. Im ersten Fall hätten alle was davon. Und der Urheber der goldenen Worte hätte einen echten Schritt zur Selbsterkenntnis tun können und müsste nicht später als Erwachsener online oder offline herumpöbeln, ohne es zu merken.) Weiterlesen →

16. Mai. 2019
von Janosch Niebuhr
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14. Mai. 2019
von Martin Benninghoff
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Als Vater ein Trottel?

© Picture AllianceObacht: Väter schubsen an. Das kann doch nur schiefgehen ..?

Die Tagesmutter unseres Sohnes sagte eines Tages meiner Frau gegenüber diesen verhängnisvollen Satz: Sie könne schon erkennen, an welchem Tag Elias von seinem Vater und nicht der Mutter morgens angezogen und gebracht werde. Schiefe Mütze, Flecken vom Frühstück auf dem Pullover, die zu kurze und wahrscheinlich längst ausgemusterte Hose ausgewählt.

Der Vater, das in Fragen der Kinderfürsorge inkompetente Wesen.

Ich muss zugeben, dieser Satz der Tagesmutter fiel nur einmal. Und wahrscheinlich hatte sie an diesem Tag allen Grund dazu, ihn auszusprechen. Wahrscheinlich musste es morgens schnell gehen. Aber natürlich gibt es Tage, an dem es auch für die Mutter morgens schnell gehen muss – und das Kind nicht in Rosenblütenduft gebadet zur Betreuung gebracht wird. Oder die Mütze nicht gefunden wird, das ist bei uns der Running Gag.

Das ist normal, fällt allerdings bei der Mutter kaum auf. Denn die Erzählung, der Vater als Tollpatsch und – in Kinderangelegenheiten – trotteliger Betreuer, ist uralt und ein „beliebtes“ Motiv, wie man kürzlich wieder einmal der Werbung entnehmen durfte.

Zum Muttertag veröffentlichte die Supermarktkette Edeka ein Werbevideo, das auf YouTube einen veritablen Shitstorm auslöste. Nun ist Aufmerksamkeit in der Werbung gewollt – ob das teils vernichtende Echo allerdings von den Werbestrategen des Unternehmens und der Agentur Jung von Matt eingepreist war, darf bezweifelt werden. Der Film preist den Einsatz für den Nachwuchs, ob im Babyalter oder später bei Teenagern. Gezeigt werden allerdings Schwarz-Weiß-Sequenzen von Vätern, die sich irgendwie bemühen, aber dabei alles versemmeln, was es nur zu versemmeln gibt.

Der Vater vergisst den Deckel auf dem Mixer für Babynahrung. Das Kind schreit, der Brei fliegt dem Überforderten um die Ohren.

Ein anderer Vater kämmt die Tochter, die vor Schmerzen schreit, weil er ihr dabei fast die Haare ausreißt.

Ein weiterer Vater ist nur mit sich selbst beschäftigt und merkt gar nicht, dass das Kind ein wichtiges Anliegen hat.

Die Botschaft ist wenig subtil: Manche Väter wollen vielleicht gute Väter sein, sie können es aber einfach nicht – und echte Fürsorge ist eben Mutterkompetenz. Das Video endet mit der Pointe: „Danke Mama, dass Du nicht Papa bist.“

Der Werbefilm ist natürlich Satire – und deswegen kein Anlass für Shitstorms oder gar irgendwelche Boykottaufrufe gegenüber Edeka. Aber der Film ist wiederum auch nicht augenzwinkernd genug, um eine intelligente Botschaft zu vermitteln, über die jeder Vater lachen kann. Er pflückt die am niedrigsten hängenden Trauben, indem er alte Motive des Väterbashings reaktiviert und zugleich ein antiquiertes Frauenbild transportiert. Der Film ist deshalb vor allem eins: furchtbar spießig.

Aber der Reihe nach: Sexistische Diskriminierung trifft meistens Frauen, aber in Ausnahmefällen eben auch Männer. Sie tritt dabei in asymmetrischen Herrschaftsbeziehungen auf, also dann, wenn sich Menschen in schwächeren Positionen befinden. So wie Schauspielerinnen, die auf die Launen eines berühmten Filmproduzenten angewiesen sind, um eine Rolle zu bekommen. Da solche Berufswelten noch immer arg männerlastig sind, trifft es vor allem Frauen.

Männer – das schwache Geschlecht

Bei der Kindererziehung sind Männer das vermeintlich schwache Geschlecht. Sie haben sich den Bereich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten erst mühsam erkämpfen müssen – gegen Klischees beim Arbeitgeber, bei der Gesellschaft insgesamt und im eigenen Kopf, der in dieser Frage vor allem ein Produkt der Erziehung ist. Manche Väter zierten sich einst sogar, den Kinderwagen zu schieben oder sich den Säugling umzubinden. Oh Gott, was denken bloß die anderen Passanten?

Das hat sich gewandelt. Kindererziehende Männer sind in meiner Generation (Jahrgang 1979) schlichtweg Realität – ganz anders als in der Generation der Väter. Zwar tragen im Schnitt noch immer mehr Frauen die Hauptlast und -verantwortung, aber die Väter haben aufgeholt. Erziehung und Betreuung werden heute eher aufgeteilt, in meinem Bekanntenkreis gibt es zudem mehr Väter, die den Löwenanteil übernehmen. Unverständnis oder gar dumme Sprüche ernten manche dennoch zur Genüge.

Wer sich darüber wundert, dass manche Väter bei diesem Werbeclip etwas dünnhäutig reagieren: Dünnhäutigkeit ist natürlich kein „Privileg“ von Frauen, die sich angegriffen fühlen. Wer sich seiner Position nicht sicher ist, reagiert sensibel, manchmal auch hypersensibel. Das trifft für Migranten zu, die von manchen angefeindet werden und sich ihren Platz in der Gesellschaft erkämpfen müssen, aber auch für Frauen, die zwar keine Minderheit sind, aber im Berufsleben mitunter so behandelt werden. Und eben für Männer, die ihre Kinder erziehen und die Betreuung übernehmen. Wahrscheinlich ist die Aufregung um den lapidaren Edeka-Clip so zu verstehen, dass sich viele davon eher gesellschaftliche Unterstützung erwarten, als noch verspottet zu werden.

Denn auch Satire ist ja ein Herrschaftsinstrument – aber umgekehrt: Die Schwachen pieksen die Starken, sie karikieren sie, machen sie zum Gespött und legen sie damit ein Stück in ihrer Allmacht frei. Nur: In Sachen Kindererziehung sind die Frauen noch immer die Diskursträger, das Maß aller Dinge. Deshalb ist das Werbevideo so mutlos, weil es die Chance verpasst, die Mutter zum Muttertag (liebevoll) durch den Kakao zu ziehen – und sich stattdessen an den Vätern abarbeitet.

Wer holt die Mutter vom Sockel?

Der Vater als Trottel ist hingegen ein leichtes Opfer, weil er es schon immer war. Von den Paukerfilmen der sechziger Jahre über Al Bundy und Homer Simpson gehört der trottelige Familienvater zum kulturellen Standardrepertoire in der Popkultur. Verständlicherweise, weil der Vater als Instanz in Zeiten autoritativer Hegemonie über die Familie vom Sockel geholt werden sollte. Aber bei der Kindererziehung steht die Mutter auf dem Sockel der Verehrung; wer holt sie einmal – in kluger und nicht diffamierender Weise – herunter?

Apropos Mutter: Mütter bekommen im Werbevideo auch ihr Fett weg, aber anders als erhofft. Die Kehrseite des trotteligen Vaters ist die perfekte Mutterfigur, die alle Wünsche und Bedürfnisse des Kindes schon im Schlaf erschnüffelt und sich im Gegenzug selbst aufgibt. Wer kennt sie nicht, die Mutter, die zwar zwei Stunden das Abendessen kocht, am Schluss aber die abgezählten Schnitzel noch „an die Männer“ verteilt und selbst nur Brokkoli kaut? Das Mutterbild, das dieses Video transportiert, ist, gelinde gesagt, leicht antiquiert.

Ach ja, da würde mir schon was einfallen, wie man ein süffisantes Video zum Muttertag konzipiert. Jung von Matt, übernehmen Sie! Also, für nächstes Jahr.

14. Mai. 2019
von Martin Benninghoff
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09. Mai. 2019
von Anna Wronska
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Kinder oder Rentner: Wer ist schlimmer?

© Picture AllianceKinderwagen brauchen Platz, Kinder sind laut – warum stört das Rentner am meisten?

Unsere Kinder und wir hatten schon viele wunderbare Begegnungen mit älteren Menschen. Nachdem der Vierjährige kürzlich eine ganze Busfahrt hindurch geplappert hatte, sagte beim Aussteigen ein älterer Herr zu meinem Mann: „Ihr Sohn ist ein ganz aufgewecktes Kerlchen! Der macht mit 14 Jahren Abitur! Sie werden sich an meine Worte erinnern!“ Das ist schon eher Quatsch, aber Hand aufs Herz: Wer hört nicht gern, dass das eigene Kind ein Genie ist?, und so waren wir natürlich voller Liebe für diesen Mann. Auch das Baby zieht Rentner magisch an: Mehr oder weniger regelmäßig stecken freundliche ältere Damen den Kopf in den Kinderwagen, machen entzückte Laute, wenn Lukas (acht Monate) sie mit seinen nunmehr sechs Mini-Zähnen anstrahlt, oder tätscheln seine Speckbeinchen, was mir fast schon ein bisschen zu viel der Zuwendung ist.

Aber es gibt auch andere Tage. Da nörgelt der Vierjährige die ganze Busfahrt hindurch, weil er im Doppeldecker mal nicht oben sitzen darf. Oder das Baby wird im Café heulend wach, just als der Kaffee kommt. Oder der Kinderwagen versperrt im Praxisfoyer den Durchgang, oder das Einpacken an der Supermarktkasse mit zwei Kindern dauert zu lange. Es sind gerade die Situationen, in denen sie ohnehin schon bedient sind, in denen Eltern mit kleinen Kindern in der Öffentlichkeit auch noch missbilligende Blicke, manchmal Ermahnungen, schlimmstenfalls boshafte Kommentare ernten – und das insbesondere von älteren Menschen, denn Teenager haben andere Dinge im Kopf, andere Eltern Verständnis und die meisten anderen keine Zeit. Manchmal, scheint mir, reicht es dafür sogar aus, dass wir jungen Familien einfach da sind. Für viele ältere Leute sind wir ein Störfaktor.

Im öffentlichen Nahverkehr Berlins lässt sich das immer wieder beobachten. Im Bus verläuft die Front ziemlich genau zwischen dem Klappsitz-Bereich, der in der Mitte für eingeschränkte Personen oder Rollstühle vorgesehen ist, und dem für die Kinderwagen. Es ist mir schon ein paar Mal passiert, dass ich mit Mühe den Wagen in den gut gefüllten Bus gehievt hatte, weitere Eltern mit Buggys oder andere Fahrgäste sich zur Seite schoben, damit wir hineinpassen – aber die Dame fortgeschrittenen Alters mit dem Rollator oder der Rentner mit den großen Plastiktüten, die schauten auf ihren Klappsitzen betont unbeteiligt aus dem Fenster und zogen nicht einmal den Fuß ein, keinen Zentimeter. Nicht, dass ich erwartet hätte, dass sie für uns aufstehen, aber meist ist Platz genug, wenn jeder ein klein wenig mithilft, und Busreisende sind meist in der Lage, sich mit oder ohne Hilfsmittel zu bewegen – wie sonst hätten sie es in den Bus geschafft?

Rentner und junge Familien: zwei Bevölkerungsgruppen, die auf Rücksicht und Hilfe ihrer Mitmenschen angewiesen sind. Und die diese Rücksicht erstaunlicherweise oft nicht füreinander aufbringen können. Von der jeweils anderen Gruppe fühlen sie sich stattdessen regelrecht gestört und bedroht. Ich selbst bin hier als junge Mutter natürlich befangen, aber ich behaupte: Ich selbst gebe mir wirklich Mühe, auf ältere Menschen Rücksicht zu nehmen. Ich stehe im Bus für sie auf (nur den Kinderwagen kann ich leider nicht wegzaubern), und es regt mich auf, wenn andere Menschen es nicht tun. Als ich nach Berlin zog, habe ich in unserem Kiez anfangs sogar auf der Straße gegrüßt – allerdings stellte ich dann schnell fest, dass die älteren Damen meist nicht antworten, sondern eher ihre Handtasche noch ein bisschen fester an sich drücken. 

Ich wünschte, ich würde mir die Feindseligkeit und bisweilen demonstrative Ignoranz vieler älterer Menschen nur einbilden, aber ich höre immer wieder von anderen Eltern, dass sie es ähnlich erleben. Eine befreundete Mutter fährt lieber Auto im Großstadtverkehr, als mit ihren Kindern im überfüllten Bus auf übellaunige Senioren zu treffen. Und nicht nur im ÖPNV gibt es böses Blut: Ein Elternpaar ist gerade in eine neue Wohnung gezogen und schon jetzt fix und fertig – denn die betagte Nachbarin aus dem ersten Stock rief gleich am ersten Sonntagvormittag erzürnt an, dass es zu laut sei. Die vierjährige Tochter der beiden hatte in ihrem Zimmer zwei Mal hintereinander in Zimmerlautstärke zu „Gangnam Style“ getanzt.

Sicherlich sind die Bedürfnisse von älteren Menschen und die von jungen Familien manchmal schwer kompatibel. Die Älteren wollen Ruhe und Ordnung. Die Jüngeren auch, aber sie haben es aufgegeben, denn sie haben Kinder. Und letztere hauen eben manchmal auf die Pauke. Ich kann mir vorstellen, dass Menschen jenseits der Siebzig oder Achtzig es befremdlich finden, wie Kinder heutzutage aufwachsen: vermeintlich schlecht erzogen, mit weniger „Disziplin“ und „Manieren“, mit mehr Freiheit und mit mehr Selbstbewusstsein. Und die Eltern von heute sind daran natürlich schuld, sie haben ihren Nachwuchs „nicht im Griff“ – insofern sind oftmals nicht die Kinder, sondern die Eltern das eigentliche Feindbild. In einem Einkaufszentrum hat mich eine Frau im Rentenalter einmal angemault, als mein damals zweijähriger Sohn in seinem Buggy einen Schreianfall hatte: „Nun lassen Sie das Kind doch nicht so heulen!“ Ich war erst einen Moment perplex, dann brachte ich nur heraus: „Haben Sie Kinder?“ Sie zischte zurück: „Ja, aber meine haben sich nicht so daneben benommen!“ Am liebsten hätte ich darauf so etwas gesagt wie: „Klar, die mussten halt noch schön strammstehen damals, stimmt’s?“ Aber da war sie schon verschwunden, und mein Kind schrie immer noch.

 Es gibt Tage, an denen macht es mir nichts aus, wenn fremde Menschen unfreundlich sind, wir leben schließlich in Berlin. Und es gibt Tage, da macht es mich fertig. Richtig übel wird es dann, wenn sich die Pöbelei an die Kinder direkt richtet. „Du bist ein ganz, ganz furchtbares Kind!“, hat ein alter Mann einmal die zweijährige Tochter meiner Freundin angefaucht, als letztere im Eingangsbereich einer Bibliothek in Tränen ausgebrochen war und ihre Mutter daneben gerade noch ihren Säugling versorgen musste. Ich will nicht wiedergeben, wie die selbstbewusste Mutter darauf reagierte, es war eine nicht besonders freundliche Erwiderung. Aber ich konnte sie verstehen. Ich wünschte wirklich, ich hätte den Mumm, in solchen Fällen auch selbst mal zurückzukeifen, mein Kind zu verteidigen, anstatt mich dafür zu entschuldigen. Aber dazu bin ich zu gut erzogen.

Wenn ich wieder einmal Aggressionen gegen gemeine Senioren hege, denke ich an Frau Rubitschek, Mitte achtzig, die unter uns wohnt. Manchmal wackelt sie mir in unserer Straße mit wild toupiertem rotem Haar und aufgemalten schwarzen Halbkreisen als Augenbrauen (sie sieht etwas schlecht) entgegen, wenn sie mit ihrem Einkaufstrolley vom Einkaufen kommt. Mein Mann hat ihr mal ihren Fernseher repariert, da konnte sie ihr Glück kaum fassen. Kein einziges Mal hat sie sich in vier Jahren über unser kleines, manchmal schwer zu bändigendes Trampeltier beschwert, und ich habe ständig ein schlechtes Gewissen. Vorsorglich bitte ich sie immer wieder, Bescheid zu sagen, wenn es ihr zu laut wird. „Ach“, winkt sie dann immer ab, dabei weiß ich genau, dass sie jeden umstürzenden Bauklotzturm und jeden unserer Schritte auf dem knarzenden Altbauparkett hören muss. Oft beugt sie sich dann lächelnd über den Kinderwagen. So eine Rentnerin will ich auch mal werden.

 

09. Mai. 2019
von Anna Wronska
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02. Mai. 2019
von Chiara Schmucker
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Der Eltern-Radar

© Picture AllianceWas auch immer das Kind in die Hände bekommt: In absehbarer Zeit landet es in seinem Mund oder auf dem Boden. Das macht Eltern nervös.

Als ich damals an der Uni anfing, Filmwissenschaft zu studieren, hatte ich gleich in der Einführungswoche eine amüsante Begegnung. Verschwörerisch nahm mich ein Student aus einem höheren Semester zur Seite und raunte mir zu: „Bist du dir ganz sicher, dass du das hier wirklich willst? Du wirst nach diesem Studium nie wieder einen Film so unbeschwert ansehen können wie jetzt.“ Er hatte Recht. Schnitt, Gegenschnitt, Totale, Halbtotale, all das läuft ständig in meinem Kopf mit, auch wenn ich einfach nur durch die Fernsehkanäle zappe. Doch ich habe das bisher immer als Bereicherung empfunden.

Wenn ich heute in einem Café sitze, und ganz selbstverständlich als erstes Blumenvase, Zuckerstreuer, Servietten und Speisekarte auf die gegenüberliegende Tischseite schiebe, meine Ärmel hochkremple und meine Handtasche über die Rückseite des am weitesten entfernten Stuhls hänge, muss ich an diesen Studenten denken. Denn seit mein Sohn angefangen hat, nach allem zu greifen, was er durch ruckartiges Vorwärtswerfen seines kleinen Oberkörpers mit ausgestreckten Armen auch nur im Entferntesten erreichen kann, bin ich vom Zustand des „Seins“ in den Zustand des „Tuns“ übergegangen. Gehe ich in ein Café, kann ich nicht einfach nur sitzen – sondern ich sehe all die möglichen Gegenstände, die in weniger als drei Sekunden zu Boden segeln könnten, und muss handeln. Ich nenne es: Der Mami-Radar springt an. Ich muss alle Gegenstände schnellstmöglich sichern, auch wenn ich mich gerade noch beherrschen kann, danach wie das SWAT-Team laut „Clear!“ zu brüllen.

Der Mami-Modus geht sogar noch weiter: Wenn ich die Sachen ohnehin schon in die Hand nehme, kann ich sie doch auch gleich noch kurz in Ordnung bringen, denke ich mir, jetzt ganz Mama Sisyphos. So drehe ich die Bierdeckel Ecke auf Ecke, sortiere die Zuckerpäckchen und stelle die Speisekarten nach Größe sortiert in den Ständer. Neurotisch, denken Sie? Das Schlimmste ist: Ich habe mich schon dabei ertappt, dass der Mami-Radar auch anspringt, wenn mein Sohn gar nicht dabei ist. Dabei kann ich mich wirklich nicht daran erinnern, dass ich je in einen Bierdeckel gebissen, 25 Päckchen Zucker auf den Boden geworfen oder die Speisekarte in meine Gnocchi gepfeffert hätte. Unruhig schaue ich auf das weiße Hemd meines Freundes – wie lange es wohl weiß bleiben wird? Rücke Gläser und Messer zur Seite und sammle die umherfallenden Krümel in eine Serviette, nicht auf einen Teller, damit sie nicht das nächste attraktive Ziel für das gar nicht anwesende Kind werden könnten.

Gehe ich dann zur Toilette, rolle ich im Automodus noch schnell die heruntergefallene Klorolle wieder auf, wische unter dem Seifenspender die heruntergelaufenen Tröpfchen auf und vergewissere mich, dass der Mülleimerdeckel gut geschlossen ist – Ausräumgefahr! Im Zug wische ich mit einem Feuchttuch über das Tischchen, den Mülleimer und die Armstütze, bringe den leeren Coffee-to-go-Becher meines Vorgängers in den Abfall und räume Magazin und Fahrplan ordentlich in die Sitztasche. Erst dann kann ich durchatmen.

Ich bin mit meinem Mami-Radar nicht allein. Auf Facebook schicken sich meine Freundinnen Bilder von Esstischen zu mit dem Kommentar: „Was jeder sieht“ versus „Was eine Mutter sieht“. Blumenvase, Zuckerstreuer und Weingläser sind rot umrandet und leuchten geradezu: Gefahr! Schnell handeln.

Bevor ich selbst Mutter wurde, war ich immer beeindruckt, wie schnell meine Freundinnen waren, die selbst schon Kinder hatten. Während ich mir bei Besuchen nach dem Frühstück im Bad noch die Zähne putzte, hatten sie schon den Tisch abgeräumt, die Spülmaschine eingeräumt und angestellt, die Küche geputzt und alle verstreuten Spielsachen wieder aufgesammelt. Ich weiß jetzt auch wieso: Zeit ist knapp, und was man nicht sofort macht, dazu kommt man im Zweifel den ganzen Tag nicht mehr.

Doch auch da kann ich inzwischen mithalten, sogar medizinisch nachweisbar. Zufällig nehme ich seit Jahren regelmäßig an einer Studie teil, zu der auch ein Geschicklichkeitstest gehört. Möglichst schnell muss man Holzstäbchen in vorgefertigte Löcher sortieren. In diesem Jahr war die Studienleiterin erstaunt: Ich hatte mich um fast zwei Sekunden im Vergleich zum Vorjahr verbessert. Stolz verriet ich der Studienleiterin mein Geheimnis: „Ich bin jetzt Mama.“

02. Mai. 2019
von Chiara Schmucker
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30. Apr. 2019
von Martin Benninghoff
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Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Kind?

Wenn das Kind aus dem Gröbsten heraus ist: Michelle Hunziker und ihre Tochter Aurora beim Shoppen in Mailand.

Zur Abwechslung weiß Professor Brinkmann mal keinen Rat, aber dafür Schwester Elke. „Mit über 50 Kinder zu kriegen, finde ich verantwortungslos“, befand die Schauspielerin Barbara Wussow neulich in einem Interview. Dabei bekam sie ihre Tochter auch erst mit Mitte 40. Sozusagen noch im Teenageralter, zumindest verglichen mit Promis wie Brigitte Nielsen, die noch mit 54 Mutter wurde, Caroline Beil mit 51, und die natürlich in diesem Zusammenhang niemals zu vergessene italienische Sängerin Gianna Nannini mit 54. Der Trend zur vergreisenden Mutterschaft scheint damit gesetzt.

Oder sind das alles Extremfälle? Schließlich gibt es ja auch noch Adele, die ihr erstes Kind mit 24 Jahren bekommen hat. Und Michelle Hunziker, die gerade einmal 19 war, als sie mit Eros Ramazzotti zusammen war und mit Tochter Aurora schwanger wurde.

Ja, alles Extremfälle, in die eine wie die andere Richtung. Und dennoch stimmt es, das durchschnittliche Alter beim Kinderkriegen ist in den vergangenen Jahrzehnten angestiegen. Laut Statistischem Bundesamt ist die durchschnittliche Mutter heute beim ersten Kind 29,8 Jahre alt, also das Kinderkriegen sozusagen ein statistisches Risiko kurz vor der Party zum 30. Geburtstag. 2010 waren Mütter bei ihrem ersten Kind noch im Schnitt 28,9 Jahre – je oller, desto doller also, zumindest in Sachen Kinderkriegen.

Wir bekommen die Kinder später, weil wir es können

Die Gründe für diese Tendenz sind vielfältig, aber vor allem: Wir bekommen die Kinder später, weil wir es können. Sowohl medizinische Fortschritte als auch geänderte Normen, in welchem Alter das Kinderkriegen gesellschaftlich akzeptiert ist und wann eben weniger, sorgen für gewandelte Rahmenbedingungen. Zudem verbessern sich seit Jahren die Bildungskarrieren von Frauen, immer mehr Frauen schließen die Schule mit Abitur ab, studieren danach und wollen auch noch etwas von ihrem Job haben, bevor ein Kind zumindest kurzzeitig etwas Wind vom beruflichen Segel nimmt.

Aber wo ist die Grenze? Ist es noch vernünftig, mit über 40 ein Kind zu bekommen? Gar mit 45 oder 50? Ab circa 35 Jahren steigt unbestritten das medizinische Risiko bei Schwangerschaften, ab 40 oder gar mit 45 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit einer Fehlgeburt signifikant erhöht, auch genetische Defekte kommen bei den Babys häufiger vor. Aus rein medizinischer Sicht, so viel ist klar, ist eine Schwangerschaft mit 27 besser als mit 43.

Aber eine solche rein medizinische Sichtweise wäre blind für die Realitäten. Eine Schwangerschaft mit 40 gilt gemeinhin, aus medizinischer Sicht, noch als vertretbar, zumal viele Frauen (und auch Männer) nicht immer frei wählen können, wann sie ein Kind bekommen. Vielleicht gibt es medizinische Probleme und viele Versuche, die nötig sind. Vielleicht fehlt lange Zeit der richtige Partner oder die richtige Partnerin. Vielleicht sorgt der Zufall dafür, dass das Kinderkriegen jahrelang nicht klappt. Das Thema ist vielfältig, einseitige Schuldzuweisungen oder auch nur gutgemeinte Ratschläge sind fehl am Platz.

Abseits der medizinischen Argumente für eine frühe Schwangerschaft, es gibt auch eine Vielzahl an guten Gründen, die eher für eine spätere Schwangerschaft sprechen. Und eben so viele, die dagegen sprechen. Aber vielleicht hilft es, sich das Für und Wider einmal zu vergegenwärtigen.

Das spricht für spätere Schwangerschaften (zwischen 35 bis 42):

  • Bessere finanzielle Rahmenbedingungen der Eltern. Vielleicht ist schon das Häuschen gebaut und die schimmelige Studenten-WG mit den angetrockneten Essensresten in den Küchenfugen Geschichte.
  • Mehr Erfahrung und Lebenswissen in Sachen Gesundheit für Kind und Familie. Weniger Partys, weniger Rauchen, besseres Essen, weniger Alkohol oder sonstige Substanzen.
  • Stabilere Partnerschaft. Mit Anfang 20 wechseln Partner häufiger als mit 40.
  • Größere Souveränität in Stresssituationen. Nicht mehr allen gefallen wollen, möglicherweise ein besseres Standing im Job und damit neue Möglichkeiten für Teilzeit, Home Office und flexiblere Arbeitseinsätze.
  • Apropos Job: Mit Mitte 30 sind Ausbildung oder Studium beendet, der Abschluss längst in der Tasche, die ersten Jahre Arbeitserfahrung sind gesammelt. Eine gute Grundlage, um lebenslang beruflich erfolgreich zu sein.
  • Genügend Zeit, sich mit 25 oder 30 die Dinge zu erfüllen, von denen junge Eltern nur träumen. Mit dem Rucksack durch Papua-Neuguinea, Sprachreise nach Australien, intensive Pflege des Freundeskreises.

Das spricht für frühere Schwangerschaften (bis 35):

  • Mit 22 ist man fitter als mit 40. Durchwachte Nächte sind ein geringeres Problem, Anstrengungen steckt man schneller weg. Je älter, desto weniger belastbar.
  • Möglicherweise ist man zeitlich flexibler und noch nicht so (übertrieben) anspruchsvoll. Auch ein Leben unter einfacheren Umständen, etwa in einer billigen Studentenbude, ist ja nicht in erster Linie ein Problem fürs Kind.
  • Eine frühe Elternschaft bedeutet: Man begleitet das Kind länger und hat gute Chancen, auch noch beim 60. Geburtstag des eigenen Kindes dabei zu sein.
  • Die Großeltern sind noch fit und können sich kümmern. Vielleicht leben sogar noch einzelne Urgroßeltern, die bereichernd die Rolle der „Stammesältesten“ einnehmen können, während die Großeltern noch einigermaßen sportlich mit dem Kind auf dem Boden herumturnen.
  • Der Job kann im mittleren Alter um die 40 sehr aufreibend sein. Wenn da die Kinder aus dem Gröbsten schon heraus sind, lässt es sich beruflich nochmal richtig durchstarten.

Wahrscheinlich sind das längst nicht alle Argumente für oder gegen eine spätere Schwangerschaft. Zumal die Väter natürlich nicht vergessen werden sollten. Teilen sich Partner die Kindererziehung und alles, was dazugehört, dann ist das auch für jüngere Frauen ein gutes Argument, trotz ihrer guten Ausbildung und dem vielversprechenden Job früh ein Kind zu bekommen. Und umgekehrt.

Zudem gibt es kein Schwarz oder Weiß in der Debatte: Wer mit 20 ein Kind bekommt, muss natürlich überhaupt nicht auf Freundschaften oder Hobbys verzichten. Mit der entsprechenden Organisation und vor allem Motivation lassen sich die eigenen Vorlieben weiter bedienen und ausbauen.

Niemand muss sein eigenes Leben an den Nagel hängen, nur weil ein Kind da ist. Aber ein paar Zugeständnisse sind dann doch zu machen – und da ist die Frage, ob das ganz jungen Eltern (18 oder 19) leicht fällt, die voller Pläne und Tatendrang sind und erst so wenig erlebt haben. Und es ist auch die Frage, ob das ganz alten Eltern (45 oder 50) leicht fällt, die zwar schon viel erlebt haben, aber auch in vielen Dingen schon sehr gesetzt und, man kann es negativ ausdrücken, festgefahren sind.

30. Apr. 2019
von Martin Benninghoff
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25. Apr. 2019
von Janosch Niebuhr
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Warum Eltern singend schimpfen sollten

© Picture AllianceSchimpfen nervt beide Seiten. Grund genug, das Konzept zu überdenken.

In einer anderen Welt, zu einer anderen Zeit, mit anderer psychologischer Ausstattung wäre es mir vielleicht möglich, familiäre Konflikte anders zu lösen. Ganz ohne Schimpfen. Ich würde mich mit meiner Tochter an den Esstisch setzen, hätte ein großes Blatt Papier vor mir liegen und Stifte. Dann würde ich sie in ganz ruhigem Ton fragen, warum sie immer ihre Sachen überall liegen lässt… Nein, schon falsch, natürlich würde ich nur von meinem Bedürfnis sprechen, etwas mehr Ordnung in unsere Wohnung zu bekommen. Und dass es mich etwas traurig macht, wenn ich jeden Tag so viel aufräumen muss. Und ich würde ein Haus malen und mich als trauriges Smiley. Mit offenem, freundlichem, zugewandtem, aber leicht melancholischem Blick würde ich sie dann fragen: „Fällt dir IRGENDETWAS ein, was DU tun kannst, damit wir es hier ALLE schön haben?“ (Natürlich würde ich in dieser anderen, idealen Welt „irgendetwas“, „du“ und „alle“ NICHT betonen!)

Die Wirklichkeit aber in der real existierenden Welt klingt – das muss ich zu meiner Schande gestehen – nicht annähernd so wertschätzend: „Könntest du ENDLICH mal deine Kleider aus dem Weg räumen! Wie OFT muss ich dir das noch sagen!“ (Zwei Fragen, die keine sind, deuten meist schon gesteigertes elterliches Schimpfen an.)

Jetzt gibt es grob gesagt zwei Denkschulen, was das Schimpfen angeht: Die eine betont regelmäßig, wie schädlich das elterliche Schimpfen für die Kinderseele ist. Das stimmt auch. Egal wie gerechtfertigt: Es bleibt verbaler Machtmissbrauch, setzt im schlimmsten Fall die Person herab und ändert meist nichts am kritisierten Verhalten. Demgegenüber betonen die Verteidiger des Schimpfens das Authentische und Befreiende, zumindest für den Schimpfenden. (Schöner Trost für die Kinder!)

Die meisten Eltern changieren irgendwo dazwischen: Sie beginnen mit dem Anspruch gewaltfreier Kommunikation in der Erziehung und flippen dann regelmäßig aus, wenn wider Erwarten die Fünfjährige doch nicht „nur eine“ Folge „Bibi und Tina“ angucken möchte. Meist schimpfen Eltern in Stresssituationen, denn hier ist es eng und Erwartungen müssen sehr genau erfüllt werden – meistens haben sie danach ein schlechtes Gewissen, wenn sie in Ruhe darüber nachdenken. Manchmal schämen sich die Erwachsenen sogar, weil ihre Reaktion in keinem Verhältnis zur kindlichen Missetat stand.

Die Frage ist also: Wie gelingt es, die (meist verständliche) emotionale Energie der Eltern in eine für Kinder verdauliche Form zu bringen? Wie schimpfe ich richtig? Unsere Jüngste hat uns jetzt mit einem Vorschlag überrascht, der tatsächlich genau das verspricht – Schimpfen mit Singstimme! Mit Tränen in den Augen sagte sie zu mir: „Kannst du das bitte das nächste Mal singen, wenn du schimpfst?“ Nicht nur der Tränen wegen versprach ich sofortige Prüfung des Vorschlags. Weiterlesen →

25. Apr. 2019
von Janosch Niebuhr
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16. Apr. 2019
von Janosch Niebuhr
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Plötzlich Hausmann

© Picture AllianceVorlesen ist der nette Teil: Zum Vatersein gehört sehr viel mehr, wenn die Mutter der Kinder nicht den Chefposten innehat.

Umbesetzungen sind in jeder Film- oder Theaterproduktion eine knifflige Sache. Das Zusammenspiel der Akteure muss neu geübt, die noch unbekannte Rolle verinnerlicht werden, der Text, die Übergänge. Selbst wenn die Rollen klar beschrieben sind – jeder füllt sie anders. Und manche Zuschauer müssen sich an das neue Gesicht gewöhnen. In unserer Familien-Soap haben wir jetzt eine radikale Umbesetzung: Meine Frau ist jetzt voll berufstätig, von Montag bis Freitag, von morgens bis abends weg, manchmal auch am Wochenende – und ich spiele vor allem die Rolle des Majordomus und Pater familias, vulgo: Ich muss zusehen, dass der Laden zuhause läuft, die Kinder nicht nur Reiswaffeln essen, wir nicht vermüllen und das richtige Kind zur richtigen Zeit am richtigen Ort ankommt. Wenn das geschafft ist, darf ich arbeiten (sic!). Ich weiß: Andere machen das mit links. Oder sind alleinerziehend, voll berufstätig und müssen das alles ohne viel Bohei hinkriegen.

Aber ich habe Angst. Und das aus gutem Grund. Meine Frau und ich haben uns die Familien- und Haushaltsaufgaben bisher fair geteilt. Habe ich immer so geglaubt. So würde ich das zumindest bis vor kurzem beschrieben haben. Rückblickend weiß ich: Das hat nicht gestimmt. Sprache ist auch da verräterisch. Mein „Komm, ich helf dir bei der Vorbereitung des Kindergeburtstags (oder mit dem Termin für den Kinderarzt oder mit der Wäsche)“ war ja nichts anderes als das Eingeständnis, dass ich nicht zur regulären Besetzung gehöre. (Weshalb ich auf meine so freundlich gemeinten Hilfsangebote auch so selten ein ebenso freundliches Feedback bekam). Seien wir, jetzt da ich die Wahrheit kenne, mal ehrlich: Meistens gibt es in Familien keine gemeinsame Verantwortungsübernahme – einer oder eine hat die Chefkappe auf. Und die ist gleichzeitig die Dienstbotenmütze. Der oder die andere spielt dagegen das, was im Abspann von manchen amerikanischen Filmen oder Serien als „guest star“ oder „guest character“ erwähnt wird. „Ein Gastdarsteller ist ein Darsteller, der nur in wenigen Episoden oder Szenen wirkt. Im Gegensatz zu regulären Charakteren müssen die Gastdarsteller nicht mit allen ihren Auswirkungen sorgfältig in die Handlung integriert werden: Sie erzeugen ein Stück Drama und verschwinden dann ohne Folgen für die Erzählstruktur.“ (So die Übersetzung aus dem entsprechenden englischsprachigen Wikipedia-Artikel.)

Das bedeutet aber nicht, dass ich mich bisher haushalts- oder familientechnisch ausgeruht hätte. Es ist nur eben etwas ganz anderes, ob ich Kind 3 (weisungsgemäß) bei ihrer Freundin abliefere und wieder abhole – oder ob ich mit der Mutter der Freundin eine Woche vorher einen Termin abstimmen und die Frage von Ort und Logistik klären muss. Überhaupt ist das im Moment mein größter Horror: Plötzlich mit so vielen Menschen in Beziehung treten zu müssen, die ich bisher mit einem „Ja, ja, die lieben Kinder“-Lächeln abspeisen konnte oder bestenfalls mit zwei, drei Floskeln über das Wetter. Weiterlesen →

16. Apr. 2019
von Janosch Niebuhr
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11. Apr. 2019
von Anna Wronska
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Alle in einem Bett

© Picture AllianceSüße kleine Füße, ja – aber sie werden schnell groß und landen nachts auch mal in den Gesichtern der Eltern.

„Nimm bitte den Fuß aus meinem Gesicht und leg dich richtig rum!“ – „Menno, ich hab‘ gar keinen Platz, Papa, rutsch mal!“ – „Wie denn? Mein Hintern hängt doch schon in der Luft!“ So lief das gestern Abend vor dem Einschlafen, und so oder so ähnlich am Abend davor, und am Abend davor. Meistens habe ich auf „meiner“ Bettseite (die es in Wirklichkeit natürlich nicht gibt) auch noch ein mehr oder weniger schläfriges Baby an der Brust und muss aufpassen, dass der Vierjährige ihm nicht aus Versehen mit dem Bein oder einem anderen Körperteil eins über die Rübe zieht, während er sich durchs Bett wühlt. Gottlob, der Schlaf kriegt sie irgendwann alle…

Sie merken: Bei uns kommt im Bett keine Langeweile auf. Wir haben uns nie Gedanken gemacht darüber, ob wir nun „Team Familienbett“ sind oder nicht. Fakt ist: Wir sind eine Familie, und wir haben ein Bett. Der Rest hat sich ergeben. Dabei haben wir uns, als unser erster großer Sohn geboren wurde, noch viele Gedanken übers Schlafen als Familie gemacht. Schließlich steht in jedem Handbuch für junge Eltern: Babys sollen in ihrem eigenen Bett schlafen, vor allem aus Sicherheitsgründen. Das leuchtete ein. Aber wie das eben mit solchen Büchern ist: Die Kapitel übers eigene Kind fehlen. Baby Ben schlief am besten in unserer unmittelbaren Nähe ein, am liebsten auf meinem oder Papas Bauch liegend – ja ja, ich weiß, um Gottes Willen!

Auch als er größer wurde, fand er nur in den Schlaf, wenn jemand bei ihm war. Mein Mann und ich haben auch nie versucht, ihm das abzugewöhnen, warum auch? Die lange Zeit verbreitete Auffassung, man müsse Kinder nur lang genug allein schreien lassen, bis sie „schlafen lernen“ (das unsägliche Standardwerk dazu ist bis heute im Umlauf), halte ich nicht nur für Quatsch, sondern geradezu für Kindesmisshandlung. Gemeinsam einschlafen war für uns immer wunderbar kuschelig, und es gibt für mich kaum etwas, das mehr Ruhe und Frieden bringt, als sein schlafendes Kind neben sich atmen zu hören. Mit etwa drei Jahren fand Ben dann aber sein Kinderbett auf einmal ziemlich cool und schlief nach der obligatorischen Vorlesegeschichte am Abend gut darin ein. Mein Mann und ich waren zwar ein bisschen wehmütig („Er ist schon so groß und will bestimmt nie wieder kuscheln!“), aber auch ein bisschen froh. Spätestens, wenn der Morgen graute, war ohnehin irgendwann ein leises Rumpeln, dann ein Tapsen aus dem Kinderzimmer zu hören. Ben kletterte schlaftrunken zu uns unter die Decke und schlief noch eine Weile weiter.

Als ich mit Lukas schwanger war, fand Ben es dann plötzlich wieder doof, allein zu schlafen. Und weil wir ihm nicht das Gefühl geben wollten, dass er wegen des Babys ausquartiert wird, schläft er nun eben wieder im Schlafzimmer. Nach der Geburt von Lukas vor sieben Monaten mussten wir deshalb eine ganze Menge experimentieren: Am Anfang haben das Baby und ich auf der Couch im Wohnzimmer geschlafen, dann auf der Gästecouch im Kinderzimmer, dann allein im Schlafzimmer (und Ben und sein Vater im Kinderzimmer). Schließlich waren wir zu viert im Elternbett: die beiden großen Männer „richtig rum“, ich quer am Fußende, mit Lukas neben mir und dem Stillkissen als Schutzwall gegen Querschläger. Man wird kreativ, und irgendwann tut der Rücken auch nicht mehr ganz so weh.

Mittlerweile schläft Lukas im Gegensatz zu seinem Bruder glücklicherweise ganz hervorragend in seinem Bettchen ein, wenn er mit Milch abgefüllt und auch sonst zufrieden ist. Das erleichtert das Ganze ungemein. Ich hole ihn nachts zum Stillen zu mir und kann ihn danach wieder ablegen (bisher zumindest – drücken Sie uns die Daumen). Dazwischen gibt’s Kuscheleinheiten vom großen Sohn. „Mama, ich LIEBE deine kalte Haut!“, sagt er fast jeden Abend und streicht mir dabei über den nackten Arm, und dann lächeln mein müder Mann und ich uns im Schein des Nachtlichts über einen zerzausten kleinen Kopf hinweg an und wissen, wir haben alles richtig gemacht.

Ja, wir sind Schlaf-Chaoten. Ja, es ist anstrengend. Nicht alle Eltern können oder wollen so etwas mitmachen, und ich kann es verstehen. Eine Bekannte hat ihre Tochter ins Kinderzimmer ausquartiert, als die gerade sechs Wochen alt war, und beide haben es augenscheinlich gut verkraftet. Sie hat sie ja trotzdem gefüttert und getröstet – sie hatte nur einen längeren Weg. Auch unsere Kita-Erzieherin sagt, sie hätte neben ihrer Tochter niemals schlafen können – die Kleine rotierte nachts durch das ganze Bett, und ihre Mutter brauchte einfach ein paar Stunden Schlaf, um durch den nächsten Tag zu kommen. Mein früherer Chef wiederum hatte die Maxime: Wenn das Baby nach drei Uhr nachts noch auf die Pauke haut, darf er raus auf die Couch – ob die Mutter auch so eine Exit-Option hatte, ist allerdings nicht überliefert.

Jede Familie muss selbst entscheiden bzw. herausfinden, was für sie am besten funktioniert. Idealerweise richtet sich das zuallererst nach den Bedürfnissen der Kinder. Ich weiß, es gibt Familien, die finden, das Kind müsse sich an das Leben seiner Eltern anpassen, nicht umgekehrt. Das geht mir persönlich etwas zu weit. Unsere Kinder haben unsere Tage und unsere Nächte auf den Kopf gestellt, und das ist für uns in Ordnung. Wir haben gelernt: So ein Bett ändert über die Stadien einer Beziehung eben seine Funktion. Für Zweisamkeit braucht es in Zeiten des Familienbetts andere Orte. Und andere Zeiten. Zum Ausruhen dient das Bett heute jedenfalls (wortwörtlich) nur noch am Rande. Aber wer Wert auf einen langen und erholsamen Schlaf legt, sollte sich das mit dem Kinderkriegen ohnehin lieber noch mal überlegen. Einer Studie zufolge schlafen Mütter und Väter nach der Geburt ihres ersten Kindes bis zu sechs Jahre lang schlechter und weniger als davor. Ich fürchte, das ist in unserem Fall noch ziemlich optimistisch. 

11. Apr. 2019
von Anna Wronska
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09. Apr. 2019
von Martin Benninghoff
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Das böse S-Wort

Es gibt einfach Situationen, die sind sch…

„Scheiße sagt man nicht.“ Generationen von Eltern wiederholen diesen Satz, den einst irgendwelche Papas und Mamas für ihre Kinder erfunden haben. Wie in Stein gemeißelt wirkt er, aber auch ein wenig aus der Zeit gefallen. Wo es doch viel schlimmere, anrüchigere, aggressivere und ordinärere Begriffe gibt, die mir zwar alle hier gerade beim Schreiben dieser Zeilen einfallen, die ich aber nicht tippen möchte. (Schade eigentlich.) Nein, das böse S-Wort ist mit Sicherheit nicht besonders förderungswürdig – aber so schlimm, wie manche Eltern noch immer denken, ist es auch nicht.

Oder kennen Sie das? Sie lernen erwachsene Menschen kennen, die im Beisein (und schlimmer: bei Abwesenheit) ihrer Kinder das Wort „Scheiße“, sollte es ihnen einmal aus Versehen aus dem Mund zu fallen drohen, nach den ersten drei Buchstaben schnell noch in ein verschämt hingedruckstes „Scheibenkleister“ umwidmen. Oder in „Scheitel“ oder „Scheibe“. Für mich ist dann der Moment maximaler Fremdscham erreicht, die Selbstverzwergung von Papa und Mama endgültig erreicht, indem sie sich in ihrer Erwachsenenrolle ohne Not selbst infantilisieren. Dem Kind ist damit bestimmt nicht geholfen. 

Das böse S-Wort ist an sich ja recht harmlos. Es ist eine Ausdrucksvariante unter vielen, um eine unbedeutende Alltagssituation in den Griff zu bekommen – wenn man sich weh tut beispielsweise, ein Glas fallen lässt oder sich über eine Situation ärgert. Es ist klar, dass der Begriff kein guter Stil ist und auch einen vulgären Ursprung hat, da er etymologisch der Fäkalsprache entstammt. Und genervte Eltern können ein bis fünf Lieder davon singen, dass Kleinkinder, spätestens sobald sie in den Kindergarten gehen, Fäkalsprache lieben. Aber als moderates Schimpfwort hat es gleichsam eine Ventilfunktion, die nicht zu verachten ist. Wer es nicht inflationär benutzt, verhält sich nur all zu menschlich.

Stürzt sich dabei der gute Wille auf das falsche Objekt?

Wenn also ein Erwachsener alles daran setzt, es zu vermeiden, kann man sich schon die Frage stellen, ob diese Art der Aggressionskontrolle nicht das berühmte Tröpfchen zu viel ist. Oder einen Schritt weiter gedacht: Kann es nicht sein, dass sich hierbei der gute Wille auf das falsche Objekt stürzt? Wenn einem schon Vorschulkinder den Spruch „Scheiße sagt man nicht“ aufs Brot schmieren, aber andererseits Glaubenssätze nachplappern, die unreflektiert von den Eltern übernommen sind? Glaubenssätze, die weitaus schlimmer sein können als das unfeine S-Wort, weil sie sich gegen Menschen und Personenkreise richten, während sich „Scheiße“ eben gegen keinerlei Subjekt richtet, sondern lediglich eine Zustandsbeschreibung ist.

Solche Glaubenssätze werden einem auch gelegentlich von Eltern um die Ohren gehauen. Glaubenssätze, die im Habitat der eigenen Lebensform, den zunehmend homogenen Vorstadtvierteln, entstehen, die sich manchmal, nicht immer, aber oft gegen andere richten – gegen sozial Schwächere, manchmal auch gegen Ausländer. Das trifft man in Städten und auf dem Land, in Dörfern kommt manchmal das Problem hinzu, dass hier weniger Gelegenheiten als in der Stadt entstehen, um mit anderen Lebensentwürfen in Kontakt zu treten. Wer aber kaum Kontakt zu anderen pflegt, verlernt das Fragen – und nervt nur noch mit den in traumwandlerischer Sicherheit vorgetragenen Antworten.Das böse S-Wort galt in Zeiten, da die Form über den Inhalt siegte, als Verfallssymptom einer Gesellschaft, die sich nicht mehr im Griff hat. Das hat sich geändert: Nicht mehr die ins Nirwana gerichtete Vulgarität des S-Wortes ist das Problem, sondern die gegen Menschen oder Menschengruppen gerichtete Diffamierung. Darauf achten natürlich auch Erzieherinnen und Erzieher, Lehrer und Eltern. Aber ausreichend? Vielleicht bleibt mehr Kapazität dafür, wenn man über die alten Schimpfwort- und Fluch-Tabus nachdenkt – das ist natürlich nur eine Teilrehabilitation des alten bösen S-Wortes. Öfter hören will man es dann doch nicht unbedingt.

09. Apr. 2019
von Martin Benninghoff
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04. Apr. 2019
von Anna Wronska
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Wer sein Kind liebt, lässt es impfen

© DPA Picture AllianceDer Pieks muss sein: Kinder sollten geimpft werden.

Ich habe in diesem Blog vor einiger Zeit beschrieben, wie unser jüngster Sohn Lukas nur zehn Wochen nach seiner Geburt an einer Nierenbeckenentzündung erkrankte und ins Krankenhaus kam. Wie furchtbar das für uns war, und wie froh wir waren, als es hieß, dass der Infekt keine organischen Ursachen hatte und der Spuk nach der stationären Behandlung mit Antibiotika schnell vorbei sein würde.

Das war er nicht. Wenig später stellte sich heraus, dass es sehr wohl organische Probleme gab. Lukas musste im Alter von vier Monaten operiert werden. Es war kein dramatischer Eingriff, das Risiko nach Aussagen der Ärzte überschaubar. Dennoch werde ich nie vergessen, wie es mir das Herz zerriss, als eine Anästhesistin mit meinem schreienden Baby auf dem Arm in Richtung OP verschwand. Und wie erleichtert wir waren, als die Ärzte uns sagten, dass alles gut verlaufen war. „Vor hundert Jahren wäre so ein Kind einfach gestorben, und keiner hätte gewusst, woran“, hatte eine Krankenschwester schon beim ersten Krankenhausaufenthalt fast beiläufig zu mir gesagt, während sie eine neue Antibiotikum-Dosis an Lukas‘ Infusionsgerät anschloss. Mir ging das durch Mark und Bein. Lukas hat das Glück, in einer Zeit und einer Region geboren zu sein, in der es sowohl die nötige Diagnostik als auch eine Therapie gegen solche Erkrankungen gibt.

Noch heute bekommt er prophylaktisch ein Antibiotikum in Saftform. Ich finde das nicht toll (er schon, es schmeckt nach Erdbeere), auf dem Beipackzettel stehen diverse potenzielle Nebenwirkungen. Aber das Medikament minimiert das Risiko, dass sich die Infektion wiederholt, bevor die OP im Körper nachhaltig Wirkung entfaltet hat. Nicht eine Sekunde habe ich seinerzeit gezweifelt, mein krankes Kind mit diesem Antibiotikum behandeln zu lassen. Und nicht im Traum würde ich daran denken, es jetzt auf eigene Faust abzusetzen. Oder darüber zu schimpfen, dass irgendein Pharma-Riese am Verkauf dieses Antibiotikums Millionen verdient. Soll er doch. Er produziert ein Medikament, das mein Kind gerettet hat! Ich selber hätte das nicht gekonnt. Und auch kein Kräutergemisch. Und auch keine Zuckerkügelchen, by the way.

All dies geht mir immer wieder durch den Kopf, seitdem die Diskussion um Impfungen, insbesondere gegen Masern, neu entbrannt ist. Eigentlich sollte die Krankheit in Deutschland bis zum Jahr 2020 ausgerottet sein, stattdessen gibt es regional teils geringe Impfquoten und folglich immer wieder Masernausbrüche. Als Reaktion darauf wollen erste Kitas nur noch geimpfte Kinder aufnehmen. Der Präsident der Bundesärztekammer hält eine Impfpflicht gegen Masern auch in Schulen in Deutschland aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht für „absolut sinnvoll“. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) unterstützt die Initiative. Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) geht sogar noch weiter und sähe am liebsten eine Impfpflicht auch gegen Röteln, Diphtherie, Tetanus, Kinderlähmung, Keuchhusten, Mumps und Windpocken.

Vordergründig hat unser Fall nichts mit dem Thema Impfen zu tun. Doch es gibt Gemeinsamkeiten: Da ist eine Erkrankung, die mitunter gefährliche Komplikationen mit sich bringen kann. Und es gibt einen Weg, sie zu bekämpfen – entweder durch eine entsprechende Therapie oder, wie im Fall von Masern, eben durch eine Impfung (die es in unserem Fall leider nicht gab, sonst hätte sie meinem Kind viel Leid erspart). Zugegeben, die Menschheit hat in ihrer Geschichte schon allerlei Schlechtes hervorgebracht, die moderne Medizin aber ist doch ein Segen. Ja, Medikamente können auch Nebenwirkungen haben – alles andere hieße, dass sie nicht wirken. Es gibt Therapien, die nicht anschlagen. Und Ärzte sind nur Menschen. Aber: Die Medizin hat zahlreiche gefährliche Krankheiten ausgerottet. Und sie könnte es bei mindestens einer weiteren. Wären da nicht einerseits die Unkenntnis über die Gefährlichkeit bestimmter Krankheiten, wie Experten bemängeln – und andererseits die Impfgegner, die sich im Gegenteil sehr sicher sind, viel besser Bescheid zu wissen als die meisten Ärzte. Im Internet kämpfen sie teilweise mit harten Bandagen. Jede Impfung sei rechtlich gesehen Körperverletzung, heißt es dort etwa – inklusive Handlungsanweisungen, um sich gegen Kinderärzte oder Kita-Leitungen zur Wehr zu setzen. Von „Impfmobbing“ in Kitas und Schulen ist die Rede, von einem „von der Pharma erfundenen Herdenschutz“. Schreckliche Bilder von versehrten Kindern und dramatische Berichte von Eltern belegen vermeintlich Impfschäden.

Die mag es vereinzelt auch geben, wenngleich ich von keinem einzigen objektiv erwiesenen Fall weiß. Und ja, auch mich beunruhigen die möglichen Nebenwirkungen einer Impfung – wir selbst glaubten zuerst an eine Impfreaktion, als Lukas Fieber bekam. Aber meistens reden wir hier doch von einem Tag mit erhöhter Temperatur oder einer Hautrötung/-schwellung. Ganz sicher jedenfalls wird man von Impfungen weder Autist noch Diabetiker noch Krebspatient oder Ähnliches. Und: Eine Impfreaktion ist verschmerzbar im Vergleich zu dem, was Kinder mit einer komplizierten Maserninfektion durchmachen müssen. Es ist eben nicht einfach nur ein Virus, es härtet nicht ab, da muss man als Kind nicht „einfach mal durch, um sein Immunsystem zu stärken“. Einer Studie zufolge sind vor der Einführung von Impfungen jährlich etwa zwei Millionen Menschen an Masern gestorben. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehören Impfgegner zu den zehn größten Bedrohungen für die Weltgesundheit – und nicht zuletzt sie seien für die jüngste weltweite Zunahme an Masernerkrankungen um 30 Prozent verantwortlich.

Ich wünsche niemandem ein wie auch immer erkranktes Kind. Aber es scheint fast, als müssten einige Menschen das erst am eigenen Leibe oder dem ihrer Kinder erleben, bevor sie – zu spät – merken, was es bedeutet, wenn man keine Wahl mehr hat. Wenn man darauf vertrauen muss, dass Fremde wissen, was zu tun ist, um dem Kind zu helfen, das man selbst nicht schützen konnte. Das Argument verfängt freilich nicht bei Menschen, die der festen Überzeugung sind, dass Impfungen der wahre und gefährliche Gegner sind und nicht die Krankheiten, die sie bekämpfen. Diese Einstellung ist vermutlich nur schwer heilbar.

Verantwortung der Gesellschaft

Normalerweise würde ich darauf sagen: Muss jeder Elternteil selbst wissen, es sind ja auch nicht meine Kinder. Aber es gibt auch so etwas wie eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Kinder, die nicht geimpft werden können, weil sie noch zu klein sind, können sich mit Masern anstecken, weil es Kinder gibt, deren Eltern eine Impfung ablehnen. Mein jüngster Sohn gehört dazu. Er ist sieben Monate alt und kann erst im August seine erste MMR-Impfung (Masern, Mumps, Röteln) bekommen. Und wir wohnen ausgerechnet in Berlin – einer Stadt, die in den vergangen Jahren mehrfach Masern-Epidemien erlebt hat. Mir wird schlecht, wenn ich mir vorstelle, dass er Masern bekommt, weil irgendwelche Eltern meinen, auf dem Rücken von Kindern einen Feldzug gegen die Pharma-Industrie führen zu müssen. Wir haben wahrlich schon genug Zeit in Krankenhäusern und Arztpraxen verbracht in Lukas‘ jungem Leben.

Unser großer Sohn Ben (vier Jahre) fragte mich derweil gestern am Frühstückstisch, wann er wieder zum Impfen muss. Die letzten beiden Male hat er in nicht besonders guter Erinnerung. Um nicht zu sagen: Er hat die ganze Praxis zusammengeschrien aus Angst vor der Nadel. Dass er überhaupt gerade hin muss, liegt nur daran, dass unsere erste Kinderärztin im Säuglingsalter (vielleicht auch aus ideologischen Gründen, wir wissen es nicht) nur eine Fünffach- anstatt eine Sechsfachimpfung vorgenommen hatte und es uns leider nicht aufgefallen war. Nun holen wir die Hepatitis-B-Impfung nach. Es wird auch beim dritten Mal Geschrei und Gezeter geben und einen Pieks, der meinem Kind weh tut und mir auch. Aber Ben weiß: In der Spritze stecken tapfere kleine Kämpfer, die seinen Körper gegen gefährliche Krankmacher verteidigen. Außerdem gibt es hinterher wieder Mittagessen in der coolen Burger-Bar gegenüber der Praxis. Als Belohnung. Für uns beide.

04. Apr. 2019
von Anna Wronska
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02. Apr. 2019
von Chiara Schmucker
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Mein Kind, der Folterknecht

© Picture AllianceKinder sind entzückend. Zumindest denken ihre Eltern das, wenn es gerade mal gut läuft. Aber das ist ein evolutionärer Trick.

„Das Kind bekommt Zähne“ – wie oft habe ich in den vergangenen Monaten diesen Satz gehört, wenn ich irgendwo mit Max auftauchte. Von meinen Freundinnen, meinen Schwiegereltern, in der Krabbelgruppe, aber auch von Fremden in der Straßenbahn oder im Zug. Max sabberte, kaute auf seiner Faust herum und presste sich sein Holzspielzeug zwischen die Kauleisten. Nur: Zähne waren keine in Sicht.

„Sabbern tun alle Kinder ab etwa drei Monaten, das kann ein Zeichen für Zähne sein, heißt aber nicht, dass sie schon jetzt kommen“, erklärt mir der Kinderarzt, und ich beginne mich zu fragen, warum das Zahnthema überhaupt so wichtig ist, dass alle immer damit anfangen. Bisher war Max eigentlich immer recht pflegeleicht, wir hatten viel Spaß miteinander, und wenn er mal ein, zwei Tage schlecht drauf war, konnte er danach meistens irgendwas Neues. „Da will jemand wachsen“, hatte die Hebamme ganz zu Anfang mal jedes längere Schreien begründet und der Satz hatte etwas universalberuhigendes für uns. Bis die Wochen des Zorns, wie ich sie nenne, über uns rollten und ich mir wünschte, einfach für einige Minuten die Stopptaste drücken zu können. Nur: Max hat keine Stopptaste. Natürlich nicht, er ist ein Baby.

Doch der Reihe nach.

Alles begann damit, dass Max krank wurde, nicht schlimm, erst Fieber, dann Schnupfen und Husten. Er bekam schlecht Luft, weinte viel, röchelte beim Schlafen und wachte ständig auf. Und wir mit ihm. Wir tigerten durch die Wohnung, legten ihm einen Ordner unters Kopfkissen, um seinen Kopf etwas höher zu lagern, hängten feuchte Laken auf und schnippelten Zwiebeln. Wir cremten Brust und Nase mit Balsam ein und trugen ihn stundenlang. Wir schliefen im Sitzen und bei Licht, fühlten mit ihm und lauschten seinem Atem. Am Morgen waren wir alle wie verkatert. Wir hatten vielleicht zwei Stunden geschlafen. Max quengelte und klebte an mir, kein Spielzeug war interessant, kein Brei schmeckte, die Sonne im Kinderwagen fand er zu grell, das Zimmer zu still. Ich setzte meine Sonnenbrille auf und trug ihn durch den Park – „viel frische Luft“ hatte der Arzt geraten. Ich ignorierte, dass er schneller seine Rotznase an meine Pullis schmierte, als ich ein Taschentuch greifen konnte und dass die Waschmaschine dreimal am Tag voll beladen rödelte. Ich kochte Hühnerbrühe und Fencheltee, bastelte neue klappernde Spielzeuge aus Dosen und Deckeln und blätterte wieder und wieder in meinen Ratgebern.

In der Nacht darauf das gleiche Spiel. Auch in Nacht drei, vier und fünf.

Der Infekt wurde zwar rasch besser, doch Max’ Unruhe blieb. Als hätte er vergessen, was Tag und was Nacht ist. Er schlief um sieben Uhr abends ein, wachte aber schon eine Stunde später wieder auf und veranstaltete Rambazamba. Selten schlief er jetzt länger als 15 Minuten am Stück, ungezählte Nächte in Folge. Er wachte auf, weinte und fand nicht mehr in den Schlaf. „Das ist anstrengend, aber nur eine Phase“, sagten mir alle, wirklich ausnahmslos alle Eltern in meinem Umfeld, als sie mich mitleidig auf meine Augenringe ansprachen. „Eine gute Nacht und alles ist vergessen.“ Ich selbst versuchte die Müdigkeit zu ignorieren, ich wusste ja, dass Max mich nicht böswillig aus jeder gerade begonnenen Schlafphase riss. Unsere Nächte mutierten zu einer Kleinkunstbühne, auf der sich zwei Schauspieler abrackern, ein sehr anspruchsvolles Ein-Mann-Publikum zufriedenzustellen. Erfolglos. Mein Mann schleppte sich morgens ins Büro, ich wünschte mir, dass es wieder Abend sein möge, und am Abend, dass die Nacht schnell vorbeigeht. Wir gingen in den Zoo, um das Spazierengehen etwas interessanter zu machen, doch Max heulte mit geschlossenen Augen vor Müdigkeit und würdigte Ziegen, Antilopen und Löwen nicht eines Blickes. Blieben wir zu Hause, jammerte er frustriert seine Bauklötze an.

Vor meinem inneren Auge begannen Folter-Bilder aus dem Gefangenenlager Guantanamo Bay vorbeizuziehen, in dem Insassen mit Licht und Lärm am Schlafen gehindert und damit langsam in den Wahnsinn getrieben wurden. Ich tat mir leid und googelte „Schlafentzug Folter“. Direkt bekam ich „Schlafentzug Folter Tod“ und „Schlafentzug Folter Baby“ vorgeschlagen. In den Texten vergleichen sich Mütter mit Hulk aus den Marvel Comics, in den sie sich nach Wochen des Schlafentzugs verwandelt hätten. Sie berichten von der Scham darüber, dass sie ihr Kind in der Nacht beschimpft haben. Ich lese, dass Ratten bei Schlafentzug in einem Experiment innerhalb von sieben Tagen gestorben sind und der Brite Tony Wright im Jahre 2007 knapp elf Tage am Stück wach blieb – Weltrekord. Schon nach zweieinhalb Tagen hatte er zu halluzinieren begonnen.

Es ist schwer zu beschreiben, wie man sich fühlt, wenn man sich in der Nacht überlegt, ob die anonymen Babyklappen wohl auch nachts um drei offen sind und ob ein Baby mit Kleidergröße 74 wohl noch hineinpassen würde. Schlafentzug verfälscht die Erinnerung und verzerrt die Selbstwahrnehmung, das hat selbst die CIA eingesehen – ich bilde mir ein, dass Max noch nie gut geschlafen hat und es dementsprechend auch niemals tun wird. Er heult und ich heule gleich mit.

Meine Nicht-Eltern-Freundinnen hörten sich mit mitleidiger Miene meine Sorgen an, von denen ich mir immer sicher war, dass ich sie mir niemals machen würde, schließlich gehöre ich eher zu den pragmatischen Müttern. „Als der Arzt im Krankenhaus mir nach der Geburt bei der Entlassung einschärfte, das Baby ja nie zu schütteln, dachte ich, der spinnt, wieso erzählt der mir so was“, raunt mir eine Krabbelgruppenfreundin zu, deren Baby ähnlich unruhig schläft. Inzwischen könne sie verstehen, dass so etwas überhaupt möglich sein könnte, wenn natürlich auch unentschuldbar. „Man ist nicht mehr man selbst.“

Das hat die Natur ganz schön riskant eingefädelt, denke ich mir. Schreien ist wegen seiner schnell wechselnden Frequenz angsteinflößend und animiert zu sofortigem Handeln. Der menschliche Schrei ist ein Alarmsignal und hat unsere Vorfahren oft vor Lebensgefahr bewahrt. Nur dass meiner Meinung nach nachts in meinem Bett selten Lebensgefahr herrscht und es dementsprechend unangenehm ist, von einem Gebrüll aus dem Schlaf gerissen zu werden, als schleiche der Tiger durchs Zimmer.

Ich frage meine Freundinnen, die mehrere Kinder haben, wie sie auf die Idee kamen, sich für ein zweites Kind zu entscheiden und wie sie den Alltag meistern. „Man macht einfach immer weiter“, lautet eine ernüchternde Antwort. „Anstrengender sind die älteren Kinder, weil die ständig diskutieren wollen“, sagt die andere Freundin. Alle beruhigen mich: Ganz normal, wahrscheinlich lernt Max gerade etwas Neues oder bekommt Zähne. Ich kann kaum glauben, dass Mütter von Afrika bis Australien seit Jahrtausenden dieses Spiel mitmachen und die Menschheit wächst statt ausstirbt.

Luftveränderung, denke ich mir, und reise ein paar Tage zu Freunden in Süddeutschland. Max schläft super ein, wacht nach zwei Stunden auf – und lässt sich dann gar nicht mehr beruhigen. Er weint in der Bauchtrage, er will aber auch nicht liegen und schreckt immer wieder brüllend auf. Die Nächte des Zorns kulminieren in der Nacht des Horrors. Am nächsten Morgen sehe ich etwas kleines Weißes in seinem Mund aufblitzen: Zwei Zähne sind durch das Zahnfleisch gebrochen. In der Nacht darauf schläft Max acht Stunden am Stück – und ich neben ihm. So wie Schlafmangel die Erinnerung verfälscht, so führt Mama-Schlaf offenbar ebenfalls zu Amnesie. Schon kann ich mich kaum erinnern, dass es jemals anders war. Und drücke hundertfach auf den Foto-Auslöser in meinem Handy. So stolz bin ich, dass mein Baby schon so groß ist und stolz und strahlend die beiden neuen Meilensteine in seinem Mund präsentiert.

02. Apr. 2019
von Chiara Schmucker
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28. Mrz. 2019
von Tanja Weisz
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Die Würde des Teenagers ist antastbar

© MITO Images / Picture AllianceWie umgehen mit den Stimmungsschwankungen eines Teenagers?

Es gibt ein Lebensalter, da werden Menschen zu rohen Eiern. Man sollte sie am besten gar nicht anfassen, gar nicht berühren, denn das scheint ihr Innerstes, das einem Ei-Unklar gleicht, noch mehr durcheinander zu bringen.

Eine scheinbar normale Ansprache dieser Menschen ist fast unmöglich, schon Aufrufe zum gemeinsamen Essen oder Hinweise auf die Abwesenheit notwendiger Kleidungsstücke im Winter können Krisen auslösen, gegen die sämtliche Brexit-Abstimmungen ein Kinderspiel zu sein scheinen.

Man erinnert sich als Elternteil dann wehmutsvoll an Tage, als Aufrufe zum Essen mit flinken Füssen beantwortet wurden oder man die Kleidungsfrage ohne Umschweife und Protest noch selbst regeln konnte.

Aber jetzt ist da dieser Teenager, eigenwillig, eigenbrötlerisch und immer unvorhersehbar. Was für eine Stimmung gerade durch die Tür kommt, nebelverhangen oder aufgehellt, man weiß es erst, wenn man den ersten falschen Satz gesagt hat. Und ich habe viele falsche Sätze gesagt. Bin oft explodiert und war wütend und verzweifelt, wenn nichts in das Teenagerhirn durchzudringen scheint.

Man sieht dem Pubertier an, dass es sich quält, dass es sich abarbeiten muss an einer feindlichen Welt, die weder seine Kleidung, noch seine Stimmungen oder seine Bedürfnisse versteht. Man wäre so gerne sein Verbündeter (hey, ich bin die Gute, die das WLan bezahlt!) und ist doch der Hauptfeind.

Teenager sind wie Hochsensible, denen Alltägliches unerträglich und schnell zu viel wird. Sie wollen allein zurechtkommen und ihre Selbstständigkeit wird so überlebenswichtig wie atmen. Gleichzeitig stehen die Eltern hilfsbereit daneben und haben einen Schrank voll guter Ratschläge zur Hand, jederzeit bereit, sie alle ungefragt auszubreiten.

Doch Hilfe ist in aller Regel unerwünscht. Denn sie verletzt. Jeder konkrete Ratschlag hat in den Ohren eines Pubertiers nur ein Echo: Du.Traust.Mir.Nichts.Zu!

Dabei sind es ja schon Halb-Erwachsene, nur auf dem Papier noch Kinder. Und sie leisten auch schon so viel, denn im Grunde haben sie einen Job, den sie jeden Tag erfüllen müssen: Schule. Unbezahlt und oft ungeliebt, aber genauso zwingend wie ein regulärer Nine-to-five Job. Sie müssen Hausaufgaben selbst bewältigen, haben Hobbys, die sie organisieren. Sie pflegen Freundschaften und wissen, wie man den Router neu startet und im Ernstfall auch die Waschmaschine bedient, wenn das Lieblings-T-Shirt müffelt. Sie ziehen immer weitere Kreise, mit Fahrrad, Bus und Bahn und im Sommer vielleicht mit der ersten Ferienfreizeit allein ins Ausland. Und dann machen  sie auch noch ein Berufspraktikum, gehen zu Wildfremden in eine Firma und müssen  sich da ganz allein durchschlagen. Das ist unglaublich viel und erschreckt manchmal selbst die Eltern. Viele Aufgaben und Pflichten fehlen noch, sicher, aber die werden sie auch noch bewältigen.

Wenn ich dran denke, was leider nicht immer gelingt, versuche ich mich an Um-die-Ecke-Ratschlägen. Uns hat zum Beispiel geholfen, dass ich alle möglichen Anekdoten von mir ausgegraben habe. Wie ich damals am ersten Tag zu spät im Praktikum aufgetaucht bin und mir das dort über Wochen vorgehalten wurde. Wie gerne ich das im Nachhinein geändert hätte und deshalb meine Tochter zur Eile antreibe, damit ihr nicht das Gleiche passiert. Oder wie mich Migräne flachgelegt hat, wenn ich eigentlich Sachen in letzter Minute noch fertig machen wollte und auf einmal gar nichts mehr ging.

Erstaunlicherweise werden solche Geschichten aus dem wirklich wahren Leben ganz gut beim Nachwuchs angenommen. Vielleicht weil es Geschichten vom Scheitern der vermeintlich Großen sind, von Schwächen und Pleiten, und damit sind Teenager nun mal vertraut.

Es hat was vom In-die-Hocke-gehen, wie früher auf Augenhöhe mit den trotzigen Dreijährigen, wenn man sie von oben nicht erreichen konnte. Auf Augenhöhe ist jeder leichter ansprechbar.

Und dann Fragen statt Anordnen. „Darf ich dir etwas raten? Soll ich dir etwas raten? Möchtest du einen Hinweis?“. Ja, ich weiß, da werden jetzt manche aufheulen und sagen, dass man als Leitwolf gefälligst die Richtung vorzugeben habe. Und ein bisschen ZackiZacki noch niemand geschadet habe. Aber Ansagen zu machen ist ja so viel einfacher, als sich auch mal zurückzunehmen. Einfach mal die Klappe halten und es ertragen, dass man Recht hatte, dafür aber von niemandem auf die Schulter geklopft bekommt.

Wenn man es schafft – was mir beileibe nicht immer gelingt – ruhig zu bleiben, kann man den Teenager auch fragen, wie er das Problem angehen würde. Wie viel Vorbereitung wohl für eine Sache nötig sei, wie viel Zeit er wohl dafür braucht. Und wie man ihn dabei unterstützen kann.

Wir sind damit erst am Anfang, aber die Erfolge sind vielversprechend. Und es geht wieder würdevoller bei uns zu.

28. Mrz. 2019
von Tanja Weisz
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26. Mrz. 2019
von Janosch Niebuhr
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Von Prinzessin Lillifee zur Vorstandsvorsitzenden

© Picture AllianceWas für ein Job soll’s denn werden? Der Girls’Day soll Mädchen inspirieren.

Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück. Sagt man. Das stimmt aber leider nicht immer. Meine älteste Tochter (12) zum Beispiel wartet seit einigen Tagen auf den Rückruf des örtlichen Forstamtes, aber das hat sich bisher nicht gemeldet. Dabei läuft uns die Zeit davon. Meine Tochter möchte nämlich den Girls’Day (am 28.3.!) im hiesigen Forst verbringen, einem Forstwirt bei der Arbeit zuschauen. Vor allem aber am Girls‘ Day nicht in die Schule müssen. Das wäre die schlimmste Option: Im Klassenzimmer Filmchen über die Arbeitswelt angucken, während die Mitschülerinnen tolle Sachen machen in irgendwelchen Agenturen, Handwerksbetrieben oder Unternehmen.

In die Arbeitswelt der eigenen Eltern reinschnuppern scheidet aus: Meine Frau fängt jetzt erst ihre neue Stelle an, und ich sitze nur am Computer und mache „Tippi-Tippi“ (wie unsere Jüngste meine Tätigkeit bezeichnet). Zu langweilig. Außerdem soll der Girls’Day ja vor allem Einblicke in technische oder naturwissenschaftliche Arbeitsfelder vermitteln, da wäre unsere Tochter bei uns ziemlich falsch. (MINT halten meine Frau und ich bestenfalls für eine Farbe oder eine Geschmacksrichtung bei dunkler Schokolade. Und ich bin ja schon froh, wenn das WLAN funktioniert.)

Zugegeben: Der Termin für den Girls’Day steht schon seit Monaten fest, die Infoblätter hatte ich, glaube ich, schon Anfang Januar in der Hand. Und mit etwas mehr elterlicher Unterstützung hätte meine Tochter wahrscheinlich jetzt keine Torschlusspanik. Außerdem gibt es da ja auch noch eine eigene Suchmaschine auf der Plattform des Girls’Day im Internet. Wir haben da gestern auch mal reingeschaut – es gab noch zwei offene Angebote in unserer Nähe: Schnuppertag bei der Bundeswehr (ab 15 Jahren) und Einblicke in das Arbeitsfeld einer Fachkraft für Lagerlogistik. Wir haben dann doch lieber noch bei unserem griechischen Lieblingsgastronom um die Ecke angefragt, ob unsere Zwölfjährige einen Tag in der Küche helfen kann. Leider ohne Erfolg.

Ich habe, ehrlich gesagt, ein sehr zwiespältiges Verhältnis zum Girls’Day.

Sicher, es gibt gute Gründe, Mädchen für sogenannte „Männerberufe“ zu interessieren und mit diesen blöden Rollenfestlegungen aufzuräumen. Ohnehin bin ich als Vater von drei Töchtern notwendigerweise Feminist. Und ich weiß auch, dass sich durch abwarten oder aussitzen noch nie etwas geändert hat in der Welt. Wenn ich mir nur vorstelle, meine irgendwann erwachsenen Töchter dürften nicht wählen gehen, ihr Vermögen nicht selbst verwalten, keiner beruflichen Tätigkeit oder keinem Studium nachgehen ohne Einwilligung eines Mannes, dürften nicht selbst bestimmen, wie sie leben möchten oder mit wem, dann steigt mein Blutdruck in gefährliche Höhen. Das alles klingt nach grauer Vorzeit und ist doch gar nicht so lange her. Wahrscheinlich hätte ich als Vater damals auch alles so hingenommen und meinen Töchtern erzählt, dass das eben so sei im Leben. Weil … warum auch immer.
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26. Mrz. 2019
von Janosch Niebuhr
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