Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

24. Sep. 2019
von Anna Wronska
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Die Melancholie der letzten Male

Nie wieder Krabbeln: Die ersten eigenen Schritte sind nur der Anfang von vielen kleinen Abschieden.

Abstillen, wie ging das noch mal? Ich habe es schon mal durch, aber im Moment erscheint es mir ein Ding der Unmöglichkeit. Während unser erster Sohn Ben (5 Jahre) mit sechseinhalb Monaten meine Brust immer weniger brauchte, denkt Lukas (zwölf Monate) gar nicht daran, diese komfortable Art der Nahrungsaufnahme aufzugeben. Mehrmals am Tag zeigt er mit einem resoluten „Da!“ auf mein Dekolleté, und wenn ich nicht schnell genug mein Shirt lüpfe, tut er es.

Das mag nach Still-Terror klingen, das Gegenteil ist der Fall. Ich liebe es. Trotz der 14 Zähne, die Lukas mittlerweile hat, trotz der zappelnden Füße, die je nach Stillposition in meinem Bauch oder in meinem Gesicht landen und trotz seiner aktuellen Angewohnheit, den Pinzettengriff an meiner nackten Haut zu trainieren: Wenn das Baby, an mich geschmiegt, mit seinen blauen Augen zu mir aufschaut und sich langsam ins Milchkoma nuckelt, empfinde ich so einen tiefen Frieden und eine solche Dankbarkeit, dass ich auch nach einem Jahr immer noch heulen könnte – und es je nach Tagesform auch tue.

Allerdings ist das Baby genau genommen kein Baby mehr. Es ist mit fast 13 Monaten offiziell ein Kleinkind. Das heißt nicht, dass ich es nicht mehr stillen kann, aber irgendwann hat es sich ausgenuckelt. Es wird wieder einer der Abschiede sein, derer es in den letzten Monaten schon so viele gab und die mir immer einen kleinen Stich versetzen: Die Schnuller habe ich schon vor Monaten mit einem Seufzen entsorgt, Lukas konnte nur in den ersten Wochen etwas damit anfangen. Die Strampler in Größe 50/56 warten abgepackt auf die nächste Schwangere in Familie oder Freundeskreis (sie sind ohnehin nicht sehr praktikabel, aber wer kann diesen niedlichen Teilen schon widerstehen?). Die ersten Rasseln und Spieluhren interessieren Lukas schon lange nicht mehr und kommen bald in einer großen Plastikkiste in den Keller unserer neuen Wohnung. (Die zwei positiven Schwangerschaftstests behalte ich aber! So.) Und bei jeder Aussortier-Aktion der Gedanke: Das war’s. Das Zeug werden wir nie wieder brauchen. Denn unsere Familienplanung ist abgeschlossen. Es sei denn, ich halte gerade irgendjemandes Neugeborenes auf dem Arm, in diesen Momenten fragt man mich lieber nicht danach.

Hermann Hesse wusste es, jeder weiß es: Keine Lebensstufe darf ewig dauern. Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Abschieden, ab dem ersten Tag, wenn man so will. Das ist total okay. Es gibt Dinge und Zeiten, die lässt man nur allzu gerne zurück. Den Zauber der ersten Monate und Jahre mit unseren Kindern hingegen würde ich gerne noch ein bisschen festhalten, und es macht mich traurig, dass ich es nicht kann. Denn auch wenn uns der Spruch zu den Ohren herauskommt: Die Zeit vergeht wirklich unsagbar schnell. Vor einem Jahr hatten wir unser zweites Bündel gerade ein paar Tage im Arm. Einen Wimpernschlag später ist es unvorstellbar, dass Lukas jemals so winzig war wie auf den Fotos aus dem Krankenhaus. Heute wackelt er mit seinem Windelhintern hinter seinem großen Bruder her durch die Wohnung und grinst schelmisch, wenn ich nicht schnell genug bin, um zu verhindern, dass er den Backofen auf Grillfunktion, 250 Grad, stellt.

Jetzt geht es also darum, diesen zwei großen Kindern zu einem eigenständigen Leben zu verhelfen, und das ist ein bisschen gemein, heißt es doch nichts anderes, als dass sie sich immer mehr von uns entfernen. Die Schulanmeldung für den Erstgeborenen liegt auf dem Wohnzimmertisch zum Unterschreiben bereit, der Kleine hat seinen Kita-Platz ab Januar sicher. Wenn er eingewöhnt ist, werde ich wieder anfangen zu arbeiten. Aus der Elternzeit zurück in den Working-Mum-Modus, und zwar diesmal für den Rest meines Berufslebens, das wird hart – ich sehe das an meinem Mann, der im Büro ebenfalls oft Sehnsucht nach seiner Familie hat oder sich Sorgen macht, nur fragt die Männer leider immer noch kaum einer danach.

Die Melancholie, die mich in letzter Zeit immer wieder befällt, rührt vermutlich auch daher, dass damit langsam eine Lebensphase zu Ende geht, die sich in weiten Teilen anfühlte wie ein schützender, friedlich-warmer Kokon um uns herum. Unsere Wohnung ein Saustall, aber eben auch ein Kuschelnest, ein Mikrokosmos, in dem es nur um die wirklich wichtigen Dinge geht (Klötzchentürme, Bilderbücher, Spaghetti-nur-mit-Butter-und-Salz), während das Böse draußen bleibt. Ich verkläre das natürlich völlig; es gab wahrlich auch hässliche Szenen und anstrengende Phasen, es gab wunde Brustwarzen, durchwachte Nächte, Berge dreckiger Klamotten, bange Stunden an kleinen Krankenhausbetten, Wutanfälle bei Groß und Klein. Es gab und gibt diesen Alltag, der uns und auch den Zauber manchmal aufzufressen droht. Aber am Ende eines jeden Tages liegen zwei gesunde, behütete Kinder unschuldig in ihrem Bett (oder in unserem), und in der Retrospektive legt sich so ein Filter in sanftem Pastell über die dunkleren Stunden, das hat die Natur schon sehr klug eingerichtet.

Und deshalb fühle mich irgendwie alt, wenn ich dran denke, dass ich nie wieder eine „frischgebackene“ Mutter sein werde. Dass wir mit den einschneidenden Entscheidungen und Ereignissen in unserem Leben durch sind: Ausbildung, Heirat, Kinder, Eigentumswohnung. Es ist so schön, bald ist es schon vorbei. Oh Gott, habe ich mit 34 schon eine Midlife-Crisis? Das darf nicht sein. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass neben all den letzten Malen ja immer noch viele, viele erste Male mit zwei – in Wahrheit noch sehr jungen – Kindern auf uns warten, aufreibende und schöne oder auch furchtbare, aber in jedem Fall Anfänge: erste Schultage, erste Klassenfahrten, erste Liebe, all das in doppelter Ausführung. Und die Abschiede haben einen Vorteil: Sie schaffen neuen Raum, vielleicht kehrt auch lang Vergessenes zurück! Vielleicht schlafe ich eines Tages wieder durch, vielleicht auch wieder in einem Bett mit meinem Mann. Vielleicht tut der Rücken nicht mehr so weh, wenn ich keine Kinder auf dem Arm trage, und ich trainiere mir meinen Babybauch endlich ab und werde eine unwiderstehliche Working-Mum, die im Büro wie auch zu Hause alles im Griff hat (okay, das wäre neu).

Immerhin, eine Sache bleibt bei aller Veränderung und allem Loslassen-Müssen beruhigend konstant. All jenen Lesern unter Ihnen, die sich vielleicht gerade winzige Bündel wünschen, welche erwarten oder schon welche haben: Fragen Sie sich manchmal, ob man die auch später noch genau so toll finden kann, wenn sie keine niedlichen Windelhintern mehr haben und es auch keine Bodys in ihrer Größe mehr gibt? Die Antwort ist: Man kann. Es wird schwerer, wenn sie anfangen zu müffeln, aber man kann.

24. Sep. 2019
von Anna Wronska
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17. Sep. 2019
von Janosch Niebuhr
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Vielleicht wird es nur eine Vier

Mit der Schulzeit beginnt auch die Zeit der Prüfungen – für viele Kinder eine harte Lektion in Erwartungsmanagement.

Es gibt eine Disziplin, die Eltern mindestens genauso gut beherrschen müssen wie Trösten – und das ist: Erwartungsmanagement. Man könnte es auch prophylaktisches Trösten nennen. „Was ist, wenn ich nur eine Vier bekomme?“, fragt unsere Mittlere, die gerade ihre erste Klassenarbeit an der neuen Schule geschrieben hat. So what! Das haben schon viele überlebt, außerdem gibt es Wichtigeres im Leben als das Ergebnis einer Deutsch-Klausur in der 5. Klasse! Aber ich beherrsche mich: „Also eine Vier bedeutet ‚ausreichend‘, das heißt dann, dass dein Ergebnis a-u-s-r-e-i-c-h-t.“ Ich spreche extra langsam und schaue sie dabei an, als ob ich etwas sehr Bedeutsames gesagt hätte. Unsere Tochter will daraufhin auch noch mal alle andere Schulnoten übersetzt bekommen. Ich weiß natürlich, dass sie das alles kennt, aber irgendwie scheint meine überflüssige Erklärung sie zu beruhigen.

Ein gutes Erwartungsmanagement erleichtert allen Beteiligten den späteren Umgang mit einer möglichen Katastrophe oder Enttäuschung. Aber es ist keine Erfolgs- beziehungsweise Frustvermeidungsgarantie. Genauso wenig wie Bestnoten in der Grundschule eine Garantie für Schulerfolg am Gymnasium sind. Das haben auch die Lehrerinnen und Lehrer beim ersten Elternabend gesagt, die Schulleitung hat es im Willkommensbrief geschrieben, und ältere Geschwisterkinder raunen es dunkel beim Frühstück aus vollen Müsli-Mündern („Das ist jetzt was gaaaaanz anderes“).

Unsere Mittlere ist eine sehr gute Schülerin, zumindest ist sie das bisher gewesen. In der Grundschule ist ihr das Lernen leicht gefallen. Ich habe jedenfalls nichts Gegenteiliges mitbekommen. Manchmal fand ich sogar, dass die Grundschulzeit den in diesem Alter ohnehin latenten Hang zum Größenwahn bei Kindern verstärkt, auch bei ihr. Jedenfalls will sie Schauspielstar werden. Das kann sie natürlich auch noch mit einer 4 in Deutsch werden, aber das werde ich ihr jetzt nicht sagen. Und ich werde ihr auch nicht sagen, dass wahrscheinlich sehr sehr sehr viele zehnjährige Mädchen Schauspielstar werden möchten. So viel Erwartungsmanagement muss dann doch nicht sein.

Überhaupt darf man es nicht übertreiben mit dem Erwartungsmanagement. „Wir machen jetzt eine Fahrradtour zusammen. Wir müssen 18,5 Kilometer auf einer Schotterpiste durch den Wald. Es wird anstrengend, ihr werdet schwitzen. Es gibt kein Eis unterwegs, sondern erst wenn wir am Ziel sind.“ Eine zu realistische Beschreibung raubt schnell die notwendige Energie und den Impuls zur Tat. Deshalb – selbst wenn es im Sinne eines ehrlichen Erwartungsmanagements angemessen wäre – niemals am Tag vor einer Klassenarbeit

  • das Kind über die zu knappe Vorbereitungszeit informieren,
  • über die auch nach dem Lernen noch klar erkennbaren Wissenslücken aufklären, oder
  • die Sinnhaftigkeit von Klassenarbeiten oder Benotungssystemen generell in Frage stellen.

Das kann man dann alles hinterher loswerden. Beim Trösten.

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17. Sep. 2019
von Janosch Niebuhr
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12. Sep. 2019
von Sonia Heldt
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Das bisschen Aufräumen… mach ich doch allein

Wenn sich das Chaos nicht lichtet, hilft nur eins: Eine Hausordnung muss her

Als ich unter der Dusche stehe, platzt mir der Kragen. Duschgel und Shampoo sind leer und die Flaschen stehen nur zu Dekoration in der Ablage. Klatschnass und frierend watschele ich aus der Duschkabine. Während ich das Badezimmer volltropfe und im Badschrank nach Nachschub suche, sinkt meine Laune gegen Null. In der Kaffeemaschine befindet sich nicht ein Tropfen Wasser und keine einzige saubere Tasse steht im Schrank. Die Spülmaschine ist schon längst durchgelaufen, muss aber ausgeräumt werden und daher türmt sich das dreckige Geschirr bereits wieder auf der Ablage. Ich sammele drei leere Wasserflaschen ein, bringen sie in den Keller, wische über die schmierige Arbeitsplatte und beseitige das Chaos. Im Flur räume ich fünf Paar Schuhe in den Schrank, hebe ein Paar Socken vom Wohnzimmerboden auf, richte die Decken auf dem Sofa und sammele auch hier Gläser, Schokoladenpapier und Zeitschriften ein. Es ist egal, welchen Raum ich betrete, die Arbeit ist bereits vor mir da und wartet nur auf mich. Gestern Abend, bevor alle nach Hause gekommen sind, sah hier alles noch tipptopp aus. Mir reicht es! Ich trommele meine Familie, bestehend aus Mann und zwei Töchtern, zusammen und brülle los: „So geht das nicht. Ich mache das nicht mehr mit! Bin ich denn der Depp für alle?!“ Ich halte eine Gardinenpredigt über Rücksichtlosigkeit, fehlende Wertschätzung und Faulheit. Als ich langsam wieder durchatme, springt mein Mann in die Offensive: „Du musst einfach früher was sagen und Aufgaben verteilen.“  

Es ist sein hilfloser Ansatz einer Verteidigung. Dabei geht es mir doch nicht um das Verteilen von irgendwelchen festen Aufgaben. Es existieren bereits Regelungen. Maya hat z.B. an den geraden Tagen Spülmaschinendienst, Lara an den ungeraden. Aber wenn die Mädchen in der Schule oder sonst wo sind, kann ich keine vier Stunden warten, bis die entsprechende Spülmaschinentochter zu Hause ist. Mal davon abgesehen, dass es ständig Diskussionen gibt, dass man die Spülmaschine aber nun nicht sofort ausräumen kann, weil man gerade an den Hausaufgaben sitzt. Oft mache ich es dann doch (auch wenn es unklug ist) selbst. Mein Mann hatte früher dafür Sorge zu tragen, dass die Mülltonnen an den Abfuhrterminen rausgestellt werden. Da ich aber wiederholt im Morgenmantel der Müllabfuhr mit meinen Tonnen hinterhergerannt bin, weil er die Abfuhrtermine einfach nicht auf die Kette bekam, denke ich auch hier lieber wieder selber daran. Und ich kann doch keinen Duschgel-Nachfülldienst oder Sockenaufräum-Dienst vergeben. Ist es so schwer, dass alle in diesem Haus einfach ihre Augen aufsperren, das Gehirn einschalten und erledigen, was gerade anfällt? Es sollte doch möglich sein, dass sich jeder zumindest für seinen eigenen Kram zuständig fühlt! Ich habe weder Lust, den ganzen Tag Aufgaben zu delegieren (das ist nämlich nicht minder zermürbend), noch in einem Saustall zu leben. Ich muss mich abreagieren und fahre zum Sport.    

Als ich wiederkomme, ist das Haus aufgeräumt und Maya, meine Elfjährige, überreicht mir feierlich einen Zettel. Meine Familie scheint sich während meiner Abwesenheit zusammengerottet zu haben. In einem Vertrag geloben die drei Besserung. Maya will nun immer den Tisch decken und die Küche aufräumen (außer nach dem Frühstück, denn das ist ihr morgens dann doch zu stressig). Meine Große verspricht, dauerhaft die Milch und Wasservorräte aus dem Keller zu holen und mein Mann will ab sofort jeden Abend seine Arbeitsunterlagen aus dem Wohnzimmer räumen und nichts mehr rumfliegen lassen. Und überhaupt: Ab jetzt wird alles besser werden. Versprochen! Am Ende hat jeder seine Unterschrift darunter gekrickelt.    

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12. Sep. 2019
von Sonia Heldt
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05. Sep. 2019
von Sonia Heldt
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Instagram und Snapchat: So kommuniziert unser Nachwuchs

Digital Natives kommunizieren nicht nur verbal, sondern auch mit Bildern. Das obligatorische Selfie gehört für sie selbstverständlich dazu.

Meine 15-jährige Tochter Lara sitzt mir am Esstisch gegenüber. Wir plaudern ein bisschen, während sie sich ein Toast mit Käse überbackt. Zwischendurch hält sie ihr Smartphone hoch, legt den Kopf schief und lächelt. Klick. Sie beugt den Kopf zur anderen Seite, etwas ernster. Klick. Dann drapiert sie ihr Toast auf dem Teller. Klick. Nebenbei unterhält sie sich mit mir und hämmert dabei mit fettigen Fingern auf ihrem Handydisplay herum. Multitasking. „Was soll das eigentlich?“, frage ich genervt, weil mir ihre ständige Fotografiererei auf die Nerven geht. „Ich kommuniziere mit meinen Freundinnen. Snapchat“, erwidert sie. „Du verschickst blöde Fotos“, sage ich. „Und das ununterbrochen.“ Lara seufzt, und weil sie gerade Zeit und gute Laune hat, bekomme ich von ihr einen kleinen Einführungskurs in die Welt der modernen U25-Kommunikation.  

Die junge Generation tauscht sich nämlich nicht ausschließlich verbal aus, sondern sie kombiniert Text- und Sprachnachrichten mit Bildern. Vorzugsweise benutzt sie dafür Snapchat, Instagram und Whatsapp. Snapchat erklärt Lara, bedeutet sozusagen „Ihr Fenster zur Welt“. Hier erfährt sie, wo eine Party steigt, wer sich gerade auf dem Weg ins Freibad befindet, oder an welcher Stelle sie ihre Leute in der Stadt antreffen kann. Dabei versucht sie möglichst regelmäßig mit ihren Freunden zu chatten, sonst verliert man auf Snapchat nämlich seine Flammen. Flammen? Chatten? Snapchat? Snapchat ist doch die App, mit der man lustige Hasenöhrchen-Selfies machen kann?! Manchmal, wenn ich mit Maja, meiner Elfjährigen, auf dem Sofa sitze – ungeschminkt, mit zerzausten Haaren und Augenringen – albern wir mit der App auf meinem Handy herum. Dem Snapchat-Filter ist es nämlich egal, wie ich gerade aussehe. Er zaubert mich in Nullkommanix schön: Makelloser Teint, perfekter Lidstrich, Kulleraugen und Kussmund. Maja und ich verwenden den Babyfilter, tauschen unsere Gesichter oder benutzen den Stimmverzerrer für ein Video. Dass die junge Generation aber eigentlich in erster Linie über Snapchat (im Grunde sagt es der Name aber schon!) kommuniziert, war mir nicht so klar.

Während wir alten Facebook-Hasen also langsam Instagram für uns entdecken und denken, wir wären modern und auf dem neuesten SocialMedia Stand, haben uns die Digital Natives schon längst wieder virtuell ausgesperrt und tummeln sich auf einer neuen Spielwiese. Sie schaukeln auf Snapchat und wir sollen ruhig weiter im Sandkasten spielen. „Snapchat ist ziemlich privat. Man kann einen Snap nur zweimal anschauen, dann ist er weg. Man entscheidet, wem man seinen Snap schicken möchte und blockiert die Leute, die ihn nicht bekommen sollen. Das geht bei Instagram nicht, weil man einfach zu viele Follower hat. Zu viele Stalker“, sagt Lara und grinst. Ich fühle mich angesprochen. Bei Snapchat bleibt man unter sich.      

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05. Sep. 2019
von Sonia Heldt
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02. Sep. 2019
von Martin Benninghoff
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Die Wutprobe

Nichts geht mehr – wenn das Kind nicht will.

Der Anlass nichtig, die Wirkung groß: Als Elias die mit Milch und Haferflocken gefüllte Frühstücksschale vor sich sah, war Schluss mit lustig. Erst schaute er entgeistert, dann brach sich die kindliche Empörung vollends Bahn. Nein, so nicht, die Milch hatte er doch selbst einfüllen wollen! Was von mir also als harmlose väterliche Dienstleistung gedacht war, hatte er als Affront verstanden. Weil er doch selbst einfüllen wollte. Mit allen Konsequenzen: Weinen, Schreien, rückwärts fallen lassen. Der Anfall dauerte danach fast eine Viertelstunde. Ein eher unakademisches Viertel.

Für Eltern mit einem Kind im Alter von zwei oder drei Jahren hat dieses Schreckensszenario einen Namen: Trotzphase. Kennt man, macht jeder durch, lässt sich nur schwer abstellen – raubt aber den letzten Nerv. Die Trotzphase beginnt – je nachdem – im Alter von anderthalb Jahren und kann dauern, die absolute Hochphase aber liegt um die Jahre zwei und drei. Die Hochphase zieht allerdings ziemlich runter, zumindest die Eltern, die ihr zuvor zuckersüßes Kind von einer anderen Seite kennenlernen, wenn sich der Junge im Supermarkt vorm Süßigkeitenregal auf den Boden wirft oder die Tochter im Restaurant einen Schreianfall bekommt.

Was die Sache nicht leichter macht: Man weiß ja genau, wo es herkommt: Der sich entwickelnde kindliche Intellekt drängt nach neuen Erfahrungen und sieht die Welt erstmals als Spielfeld, das sich durch das eigene Handeln steuern lässt. Das Kind will sich ausprobieren und nicht gebremst werden durch Regeln, die Erwachsene setzen, und die ihm unverständlich sind oder besser: bleiben müssen. Es ist vielleicht ein Trost für genervte Eltern, dass die Kinder vor allem deshalb bocken, weil sie sich im Kreise ihrer Eltern, ihren wichtigsten Bezugspersonen, sicher fühlen.

Es ist ja in diesem Alter so: Wenn Elias seinem geliebten Nachbarmädchen an den Haaren zieht, fängt es an zu weinen – was er wiederum als mindestens interessant, wenn nicht sogar spannend findet. Um zu verstehen, dass es dem Mädchen wehtut, müsste er etwas entwickelt haben, was meist erst nach dem dritten Lebensjahr entsteht: Empathie. Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, ist die Voraussetzung, um die Sinnhaftigkeit von Regeln zu begreifen. Bis sich das halbwegs entwickelt hat, ist Trotz die natürliche Reaktion eines Kindes, das seine kleine Welt plötzlich nicht mehr versteht, weil sich ein Wunsch nicht erfüllt, oder es etwas tun muss, das es partout nicht will.

So wie: Staubsaugerkabelaufrollen. Staubsaugerkabelausrollen. Überhaupt selbst Staubsaugen! Milcheinfüllen. Milchschütten. Überhaupt Schütten! Deckelaufschrauben. Deckelzuschrauben. Ganz allgemein Schrauben. Fensterheberbedienen. Autotüraufmachen. Besenschwingen. Gabelhalten. Gummibärchenessen. Eislutschen. Apfelsaftrinken. Und zwar nicht drei Gummmibärchen, sondern dreißig. Und nicht ein halbes Glas Apfelsaft, sondern am liebsten: literweise. Oder: Helfen beim Sachenzusammensuchen und Zimmeraufräumen.  Oder: nicht mehr zu seiner Freundin hinuntergehen, weil es gleich Abendessen gibt. Stattdessen: Zähneputzen!

In dem einen Fall muss das Kind also lernen, dass manche Dinge gerade nicht angesagt sind – und es manchmal wiederum Dinge gibt, die man, obwohl unangenehm, tun muss. Vertrackt. Wie soll man da den Überblick behalten, zumal, wie wir ja wissen, die Fähigkeit, sich in jemandes Gedanken hineinzuversetzen, fast noch gar nicht entwickelt ist? Es gibt deshalb auch keine Aussicht, mit Vernunftappellen oder intellektuellen Brücken, die man als Erwachsener zu bauen glaubt, die Situation zu entschärfen. Der Trotzanfall ist roh und ungeschminkt und im Brustton der Überzeugung vorgetragen, mitunter als Brustton der Verzweiflung bei nichtigem Anlass.

Wie reagieren? Die wichtigste Lektion als Erwachsener ist wohl die, sich nicht mit auf die Reise dieser emotionalen Achterbahnfahrt zu begeben. Ruhe bewahren, entspannt bleiben, lächeln – statt die Anspannung des Kindes in sich aufzunehmen und deshalb noch mehr Gereiztheit in die Situation hineinzugießen. Was allerdings verdammt schwer ist, zumal Trotzanfälle gerne morgens zwischen Aufstehen und Aufbruch ausbrechen, also dann, wenn Kinder und Erwachsene in ihren Routinen aus Zähneputzen, Frühstücken und Schuhebinden eigentlich geräuschlos funktionieren sollten. Just in jener halber Stunde Ruhe, die wir morgens vor der Arbeit zum Frühstücken haben, knallt Elias‘ Trotzanfall gerne dazwischen. Trotz-Kinder brauchen eben auch ihr Publikum, und beide Elternteile sind entweder abends oder eben morgens anwesend.

Wenn sich die Eltern durch diese Stimmung anstecken lassen, geht das Geschrei erst recht weiter. Milderung ist in Sicht, wenn Vater oder Mutter Verständnis zeigen und demonstrative Gelassenheit zur Schau stellen, sich vielleicht ein paar Meter wegbewegen, mal kurz in einen anderen Raum (in Hörweite) gehen oder das Kind einfach in den Arm nehmen. Jedenfalls die Situation kontrollieren, souveränes Verständnis zeigen, dabei aber klar die Regeln beachten und bei wichtigen Dingen nicht einknicken – und sich bei weniger wichtigen Themen flexibel zeigen. Zugegebenermaßen, das ist gar nicht so leicht, zumal man morgens ja durchaus selbst in Eile und deshalb ja nur bedingt entspannt ist.

Wenn alle Stricke reißen: besser in die neutrale Zone bringen. Bei Elias wirkt die Auszeit mit Wasserfläschen auf dem Bett wahre Wunder. Nach ein paar Minuten der Ruhe kühlt er gewöhnlich wieder schnell in seinen normalen Modus herunter – und kommt zu uns zurück ins Wohnzimmer, fast so, als sei nichts gewesen. Das ist ja sowieso das erstaunlichste Momentum bei der Kindererziehung: Wie schnell ein Kind so tun kann, als sei nichts gewesen – als Eltern ist man nicht mehr ganz so flexibel, und man reibt sich nur verwundert die Augen. Und ist erleichtert.

02. Sep. 2019
von Martin Benninghoff
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29. Aug. 2019
von Janosch Niebuhr
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Warum der Schulbeginn so teuer wie Weihnachten ist

Ehrlich, Papa, ich brauche das alles: Wenn die Kinder in die Schule kommen, wird es teuer.

Es gibt eine Zeit im Jahresverlauf, da sind Eltern von schulpflichtigen Kindern völlig wehrlos. Da kann man ihnen fast alles andrehen, aufschwatzen, aus den Rippen schneiden. Es ist die Zeit der ersten Wochen nach den Sommerferien, manchmal dauert diese Zeit auch länger. Besonders wenn – wie bei uns – „Übergangssituationen“ zu bewerkstelligen sind, in diesem Fall die Einschulung unserer Jüngsten in die 1. Klasse und der Übergang unserer Mittleren von der Grundschule ins Gymnasium. „Schulanfang“ ist im Grunde nichts anderes als die bewusst herbeigeführte Überforderung von Erziehungsberechtigten zum Zwecke der Gefügigmachung. Der Einzelhandel stellt sich darauf ein mit eigenem „Back to school“-Marketing, die Schulen und die Lehrkräfte auch, Schulvereine und Mensabetreiber und Bücherläden und Kioske und Bäckereien. Ja, sogar der Versandhandel scheint die günstige Gelegenheit abzupassen, auch wenn ich das nicht beweisen kann.

„Hallo Herr Niebuhr, haben Sie vielleicht einen Moment Zeit für ein exklusives Angebot?“ „Eigentlich…“ „Otto wird dieses Jahr 70 und möchte Ihnen fünf Euro schenken!“ Es sind diese Anrufe, die mich inzwischen an ein Schulanfangs-Komplott glauben lassen – kurz vor dem Abendbrot, die Kinder haben gerade die Ergänzungseinkaufslisten der Schulmaterialien bei mir abgegeben, außerdem braucht die Große neue Turnschuhe, die Mittlere eine Sporthose, die Sechsjährige will ein Smartphone (Hahahahaha! Träum weiter, Kind!). Nicht, dass ich irgendetwas davon jetzt bestellen würde. Ich will nichts, ich brauch nichts, und geschenkte Einkaufsgutscheine überfordern mich. Meine Frau hat mir schon oft empfohlen, meine Einwilligung für solche Werbeanrufe zurückzuziehen. Aber auch diesmal schaffe ich nur, das Problem zu vertagen: „Ich hab gerade überhaupt keine Zeit.“ „Wann würde es Ihnen denn passen? Vielleicht nächste Woche, dann können Sie in Ruhe überlegen und was Schönes aussuchen!“ „Ja, okay, nächste Woche.“ Ich mache eine völlig sinnfreie Terminangabe für einen weiteren Werbeanruf.

Woran liegt das? Warum fühle ich mich in diesen Schulanfangs-Wochen oft so hilflos und ausgeliefert und willige in Angebote und Anfragen ein, die ich unter normalen Umständen längst abgelehnt hätte? Warum kaufe ich einen Schreibmaterialien-Vorrat und verstaue ihn in irgendeiner Schublade, so dass die Kinder ihn garantiert nicht benutzen werden? Und was machen drei Kinder eigentlich mit zehnmal so vielen Radiergummis? Reicht das bis zum Abitur oder sogar noch bis zum Studienabschluss?

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29. Aug. 2019
von Janosch Niebuhr
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27. Aug. 2019
von Chiara Schmucker
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Alte Freunde, neues Baby – geht das im Urlaub?

Kenne dein Baby: Wenn es Abenteuer mag, ist es bei einem großen Freundeskreis gut aufgehoben.

Mittelhessen, 2017. Es ist halb neun, als ich mit einem Auge auf mein Handy linse. Viel zu früh zum Aufstehen. Viertel nach 11 – alles im Haus ist ruhig, ich drehe mich also noch einmal um. 12 Uhr 30. Ich habe Kaffeedurst und so schäle ich mich gezwungenermaßen doch einmal aus dem Bett. Im Wohnzimmer feixen mich meine Freunde an. Sie haben längst gefrühstückt, waren im Wildpark Rehe streicheln, dehnten sich bei einer Runde Kinderyoga und spielten schon etliche Matches Tischtennis, mit Finale. Sie haben die Kaninchen hinterm Haus entdeckt und dass der Supermarkt schon um 12 Uhr schließt. Sie waren einkaufen, haben Nudeln mit Tomatensoße gekocht und sich gewundert, was wir eigentlich so machen. Wir haben: geschlafen. Sie haben: Kinder.

Mallorca, 2019. Es ist halb 7, als mein Sohn sich zum ersten Mal mit seinem Füßen über mein Gesicht einen Weg durch das Bett zum Fenster bahnt. „Da!“ Hinter dem Fenster liegt erst der Spielplatz und dann das Meer. Da will er hin. Um viertel nach 11 haben wir geduscht, gefrühstückt, unsere Strandsachen gepackt, Max im Buggy zum Morgenschläfchen durch die Anlage gefahren, ihn zum zweiten Mal eingecremt, die Badesachen samt Buggy an den Strand gehievt, einen Babypool in den Sand gegraben, das 25. Mal den Sonnenhut wieder aufgesetzt, einmal im Pool und zwei Mal im Meer gebadet, einen Eiskaffee in der Strandbar getrunken, einen Zeitungsartikel dreimal angefangen und kein Mal fertiggelesen und dann alle Badesachen wieder ins Hotelzimmer geschleppt, etwas hektisch der Blick auf die Armbanduhr. Wir sollen schließlich zum Mittagessen bei der Clique im Ferienhaus sein. Als wir um 12.30 Uhr bei unseren Freunden ankommen, liegen sie auf Luftmatratzen im Pool oder noch im Bett. Keiner rührt sich.

Das Leben mit Kind ist nicht vergleichbar mit dem Leben, das man vorher führte, das haben wir längst gemerkt. Und obwohl Freunde es einem prophezeit haben, fragt man sich jetzt, womit man eigentlich seine Zeit verbrachte, bevor das Kind geboren war. Als man noch nicht nach jeder Mahlzeit die Wohnung grundsanieren musste. Als man noch nicht viele Stunden damit verbrachte, jemand anderen zum Einschlafen zu überreden. Als man im Urlaub nachts mallorquinischen Rotwein trinken konnte und den Tag mit einem Kaffee und ein paar Oliven in der Strandbar startete.

Es waren aber auch Zeiten, in denen man sich dann doch nie aus dem Bett quälte, um den Sonnenaufgang anzuschauen, der an vielen Orten der Welt einfach nur Wow ist. In denen man die Wochenenden mit Nichtstun oder Serienschauen verbrachte, viel zu viel arbeitete, zu wenig draußen war und sich viel zu häufig mit Dingen beschäftigte, auf die man eigentlich keine Lust hatte – Steuererklärung, Höflichkeitsbesuche, Pflicht-Zeitungsartikel lesen.

Seit wir Max haben, verbringen wir unsere Tage im Freien, spazieren barfuß durch den Sand, beobachten, wie der Essigbaum auf dem Balkon unbeirrt im Blumenkasten heranwächst, wohlwissend, dass er giftig ist und weichen muss, sobald Max’ kleine Hände bis hinauf reichen. Wir lernen, die Welt wieder durch Kinderaugen zu sehen, um Max die kleinen Wunder zu zeigen, denen wir täglich begegnen. „Siehst du die Katze? Sie schläft, so wie du auch oft. Schau mal, wie ihr Schwanz zuckt.“ Unser Leben ist klein geworden, einerseits, und irgendwie auch größer. Jeder Tag ist neu. Für Nichtstun bleibt uns einfach keine Zeit mehr.  

Max ist ein Abenteuer-Baby und liebt Action. Nirgendwo ist er so ausgeglichen wie auf chaotischen Flughäfen, an überfüllten Mittelmeerstränden oder in großen Gruppen Menschen, die Spielklötze aufsammeln, Türme bauen, Grimassen schneiden und mit ihm eine sehr vorhersehbare Form von Fangen spielen. Dennoch zögerten wir anfangs, ob wir wirklich fünf Tage lang zu zwölft mit zwei Babys in einem Ferienhaus mit Pool gut aufgehoben sind. Max ist sehr sozial, aber auch etwas raumgreifend. Wären die anderen nach einem Tag genervt von ihm? Würde er permanent versuchen, sich in den Pool zu stürzen? Müssten wir ihm auf Schritt und Tritt folgen, um Unfälle mit dem Grill zu verhindern und herumliegende Handys, Sonnenbrillen, Mückenschutzmittel und Urlaubsromane in Sicherheit zu bringen?

Unsere Sorgen zerstreuten sich bald: Wir passten bettenmäßig ohnehin nicht alle ins Haus, und so wählten wir mit unserem Hotelzimmer die Option „das Beste aus zwei Welten“. Im Ferienhaus waren immer genug Hände da, um Max und seinen Spielkameraden von Treppen, Grill und Feuerlöscher fernzuhalten. Der Pool interessierte die Kinder kaum – es gab genug andere Unterhaltung. Und wenn Max ausgepowert oder morgens früh wach war, konnten wir am Hotel unternehmen, wonach uns der Sinn stand: Baden, Klettern, die Strände erkunden, nach Palma fahren, Treppensteigen üben, die ersten Burgen bauen und kaputthauen, einkaufen, Laufen üben, Eiskaffee trinken.

Und eines überraschte uns dann am meisten: Wir hatten befürchtet, mit Baby nicht mehr bei der Feiergemeinde mithalten zu können, weil wir außer Übung sind und das Baby irgendwann ins Bett muss. Doch letztlich waren wir die Engagiertesten beim Abendprogramm, wir konnten einfach nicht genug bekommen. Das Baby schlief nebenan auf ein paar Polsterauflagen. Als wir eine Runde Limbo starteten, saßen die Nicht-Eltern um uns herum und hielten erstaunt ihre Handykameras auf uns gerichtet. Sie waren noch erschöpft davon, dass sie bis am Vortag im Büro gesessen hatten, und wollten erst mal chillen. Wir erinnern uns mit etwas Wehmut an diese Zeit zurück, die für uns erst einmal Vergangenheit ist. Auf uns warten jetzt Wildpark, Spaghetti Bolognese und Kaninchen hinterm Haus. Und irgendwie freuen wir uns sogar drauf.

27. Aug. 2019
von Chiara Schmucker
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20. Aug. 2019
von Anna Wronska
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Höhenflug für Helikopter-Eltern

Überfürsorgliche Mutter, erfolgreiche Tochter? Das mag hinhauen – aber darum geht es echten Helikopter-Eltern gar nicht.

Wir wohnen in der Einflugschneise eines Rettungshubschraubers, und wenn er sich knapp über unserem Dach knatternd in den Himmel schraubt, weiß ich, da ist gerade Hilfe für jemanden unterwegs, der sie dringend braucht. Ist das nicht eine tolle Erfindung? Davon abgesehen behält man in so einem Helikopter stets den Überblick über mitunter chaotisches Geschehen. Und nicht zuletzt habe ich eine Schwäche für Piloten. Also mag ich Helikopter.

Unglücklicherweise hat jemand mit dem Begriff „Helikopter-Eltern“ eine ziemlich gemeine neue Verknüpfung geschaffen. Eine offizielle Definition gibt es nicht, aber dem gängigen Verständnis nach handelt es sich dabei um überfürsorgliche Eltern, die ihr Kind ständig bewachen und es in ihrem SUV am liebsten bis ins Klassenzimmer chauffieren würden (warum sich angesichts dessen nicht der Begriff „SUV-Eltern“ etabliert hat, ist mir ein Rätsel – da käme doch gleich noch viel mehr Hass auf). So ein Erziehungsstil kann nicht gut sein für die Kinder, möchte man meinen, und tatsächlich haben die Autoren einer Studie vergangenes Jahr ein bedrückendes Bild gezeichnet: Indem Kinder von Helikopter-Eltern ständig und vor allem beschützt würden, anstatt eigene Erfahrungen machen zu dürfen, fehle dem Nachwuchs die Grundlage für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung.

Wissenschaftler unter anderem der Uni Yale kommen allerdings in ihrem Buch „Love, Money and Parenting: How Economics Explains The Way We Raise Our Kids“ zu einer viel positiveren Wertung. Demnach bringt die sogenannte Helikopter-Erziehung – verstanden als besonders „bestimmende“ oder „energische“ Auffassung von Kindheit und Erziehung – den Kindern ein Leben lang Vorteile, insbesondere im Hinblick auf Bildungschancen und Beruf. Die Forscher hatten für ihre Untersuchung betrachtet, wie 15-Jährige im PISA-Test abschnitten, und dies mit den jeweiligen Erziehungsstilen und dem Umgang in den Familien in Beziehung gesetzt. Es kam heraus: Je „intensiver“ die Erziehung, je mehr „Helikopter“ also, desto besser die Leistungen der Kinder.

Ich gebe zu, dass mir letztere Untersuchung (vom diskussionswürdigen Studiendesign mal abgesehen) argumentativ zunächst einmal recht gelegen kam. Denn wir haben zwar keinen SUV – darauf lege ich großen Wert – aber je nachdem, wie weit man die Definition des Helikopter-Eltern-Daseins fasst, bin ich wohl auch so eine Helikopter-Mutter. Ein riesengroßer Teil meines Denkens kreist um unsere zwei Söhne (fast fünf Jahre und fast ein Jahr alt) und ihr Wohlergehen, erst recht, wenn sie einmal nicht in meiner Nähe sind. Mein Mann und ich sind schon relativ überzeugt, dass wir am besten wissen, was gut für unsere Jungs ist. Wir versuchen, Ben und Lukas negative Erfahrungen zu ersparen, wo es geht. Wir stehen auf dem Spielplatz nicht direkt unter dem Klettergerüst, aber nie weit weg, auch beim großen Sohn nicht. Wir würden am liebsten immer sofort den Kinderarzt konsultieren, wenn einer von ihnen mal eine etwas härtere Landung hinlegt oder einen komischen Hubbel unter der Haut hat (meistens verkneifen wir es uns allerdings). Als Ben vor ein paar Monaten auf großer Kita-Reise war, konnten wir uns nicht wirklich entspannen.

Andererseits, ganz ehrlich: Bei welchen Eltern ist das nicht so? Ab wann beginnt eigentlich dieses Helikoptern? Es mag unter Eltern heute en vogue sein, sich gegenseitig seine Lässigkeit in Erziehungsfragen zu demonstrieren, nach dem Motto: „Och, der ist robust, der steht gleich wieder auf.“ Aber bei einer schonungslosen Selbstbetrachtung müssten sich wahrscheinlich sehr viele als Helikopter-Eltern bezeichnen – oder eben keiner. Denn wir hängen doch alle ziemlich an unseren Kindern und versuchen, Unheil von ihnen abzuwenden. Das ist auch nicht neu. Oder hat wirklich jemals einer sein Kind auf die Herdplatte fassen oder es auf der viel befahrenen Straße nach dem Ball jagen lassen, „denn sonst lernt es ja nicht daraus“? Klar: Früher gab es kein Handy, kein Whatsapp fürs Abstimmen von Abholzeiten und Treffpunkten und damit auch nicht die Versuchung, mal eben nachzufragen, wo der Junior ist und ob alles in Ordnung ist (keine Sorge, der Vierjährige hat noch kein Handy). Kinder waren den ganzen Tag irgendwo draußen unterwegs und sowohl der Nachwuchs als auch die Eltern haben es in der Regel überlebt. Aber soll man heute auf solche Hilfsmittel verzichten, nur um sich oder irgendjemandem zu beweisen, wie entspannt man ist? Traut ein Kind, das sich beschützt fühlt, sich automatisch selbst nichts zu? Ist die Welt so ein vertrauenswürdiger Ort, dass man sich als Erziehender nur selber lockermachen muss, dann wird alles gut?

Ich bin also geneigt, einen gewissen Grad an „Helikopterei“ zu verteidigen. Dennoch ist mir bei der oben genannten Untersuchung bei näherer Beschäftigung mit dem Thema etwas übel aufgestoßen, und zwar die explizit „ökonomische“ Betrachtung: Es geht um die Folgen des Erziehungsstils speziell für die Leistungsfähigkeit der Kinder – wobei im Buch keine Kausalität bewiesen wird, nur eine Korrelation. Sicher, es wird sich wohl kaum ein Elternteil beschweren, wenn sein Kind im Leben erfolgreich ist. Aber ist das wirklich das Ziel einer (über-)fürsorglichen Erziehung? Es mag naiv von mir sein, aber ich behaupte: Mein Antrieb in der Erziehung, ob überängstlich oder nicht, ist nicht, dass meine Kinder einen Doktortitel und ein dickes Bankkonto haben. Mein Antrieb ist diese unsagbar große Liebe zu diesen kleinen Menschen, die die Natur in mich eingepflanzt hat und der ich ausgeliefert bin. Ich will nicht nur, dass sie am Leben bleiben, sondern auch, dass ihnen niemand etwas Böses zufügt und dass sie glücklich werden, egal in welchem Beruf und in welcher Einkommensklasse. Ich habe das Bedürfnis, dafür alles in meiner Macht Stehende zu tun. Und solange ich dabei niemand Drittem schade, verbitte ich mir Spott und gehässige Kommentare dazu.

Ich weiß aber auch: Die Gefahr ist groß, dass sich meine Motivation um das Thema Leistung/Erfolg erweitert, sobald die Kinder in die Schule kommen, sobald der Leistungsdruck von außen kommt. (Deshalb überlegen wir auch gerade, unseren Großen noch ein Jahr von der Schule zurückzustellen, aber das ist ein anderes Thema.) Natürlich wollen wir dann, dass sie bestehen in einer Welt, in der es immer mehr Ungleichheit zu geben scheint, in der es vermeintlich fast nur noch „die da unten“ oder „die da oben“ gibt und immer weniger Mitte. Die Wissenschaftler selbst legen dar, dass der Hang zum Helikoptern mit dem Grad der wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten innerhalb einer Gesellschaft zunehme. Die Eltern erhöhten den erzieherischen Druck, um zu verhindern, dass ihre Kinder abgehängt werden. Letztlich also auch schlicht aus Liebe zu ihnen. Damit schließt sich der Kreis. Gleichwohl sind Kinder der Untersuchung zufolge gerade dann am erfolgreichsten, wenn ihre Helikopter-Eltern sie nicht autoritär bevormunden, sondern den Nachwuchs autoritativ davon überzeugten, das Richtige zu tun. „Helikoptern light“, sozusagen.

Das zeigt: Eltern haben stets Spielraum in der Frage, wie sie das Helikoptern in der Praxis auslegen und ausleben – ob sie „nur“ beschützen oder kontrollieren, ob sie „nur“ liebevoll mahnen oder bestrafen, ob sie mit Motivation oder mit Zwang arbeiten. Und auch in der Frage, welche Werte und Regeln sie ihnen für den Umgang mit ihren Mitmenschen in der Leistungsgesellschaft vermitteln. Ich traue mir derzeit zu, dass ich meinen Söhnen später, bei aller Fürsorge, keine Whatsapp-Nachrichten in den Unterricht sende, unliebsame Lehrer verklage oder Lückentexte selber ausfülle. Mit dem Stempel „Helikopter-Mutter“ kann ich leben. Aber ich hoffe, mir sagt jemand Bescheid, wenn ich versuche, zugunsten der „Performance“ meiner Kinder rücksichtslos alles aus dem Weg zu räumen, das sich mir oder ihnen in den Weg stellt. Für jene Elternspezies gibt es übrigens auch schon eine Wortschöpfung, die ein eigentlich sehr nützliches Utensil verunglimpft: „Rasenmäher-Eltern“. Gemein, oder? So eine tolle Erfindung.

20. Aug. 2019
von Anna Wronska
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15. Aug. 2019
von Sonia Heldt
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Babysitter, verzweifelt gesucht

Gute Babysitter sind schwer zu finden – und schenken den Eltern Freiheit.

Wenn Paare zu Eltern werden, bedeutet das immer eine riesige Veränderung für die Partnerschaft. Kinder bestimmen viele Jahre unseren Tagesablauf und rauben uns einen großen Teil unserer Freiheit. Vor allem in den ersten Monaten und Jahren stellt ein Kind die Welt seiner Eltern auf den Kopf. Eine Zeit, in der ich wenig Verlangen verspürte, am Wochenende in High-Heels und Abendkleid zu schlüpfen um Sekt schlürfen zu gehen, da meine Energie nicht mal für Jeans, Turnschuhe und Kino ausgereicht hätte. In Ruhe duschen oder mit der Freundin ungestört einen Kaffee trinken bedeuten für viele Mütter mit kleinen Babys und Kleinkinder schon Luxus.

Dennoch kommt irgendwann der Moment, in dem man abends doch mal wieder vor die Tür gehen will. Zu zweit, als Paar. Wohl dem, der Großeltern in unmittelbarer Nähe wohnen hat, ein gutes Verhältnis zu ihnen pflegt und somit den idealen Babysitter besitzt. Uns fehlte damals beides: Entweder ich musste eine halbe Weltreise zu meiner Mutter antreten oder ich hätte über meinen Schatten springen und meine Schwiegereltern fragen müssen, zu denen die Beziehung viele Jahre schwierig war. Zudem empfand ich den Aufwand, meine Kinder mit Sack und Pack woanders hin zu karren und sie am nächsten Tag abholen zu müssen, unangemessen und lästig. Meine Kinder sollten in ihren eigenen Betten einschlafen und aufwachen. „Kennst du einen guten Babysitter“?“, fragte ich mich durch den Bekanntenkreis. „Nein, wir suchen auch. Wenn ihr einen findet, dann sagt mal Bescheid.“

Je kleiner die Kinder sind, desto schwieriger die Suche nach jemanden, dem man sein Kind anvertrauen möchte. Das Bauchgefühl muss stimmen, wenn ich eine fremde Person in mein Leben und in meine vier Wände lasse. Nichts kann Eltern den Abend so sehr verderben wie das ständige Kopfkino und die Sorge, dass es dem Nachwuchs gerade nicht gut gehen könnte. Meine Jüngste, Maya, war ein totales Mama-Kind, das nie von meiner Seite wich, fremdelte und sehr lange brauchte um aufzutauen. Die Hoffnung, für meine damals Dreijährige einen geeigneten Babysitter zu finden, hatte ich langsam aufgegeben. Ihre ältere Schwester Lara war in der Hinsicht immer schon pflegeleichter und offener und stellte nie ein Problem dar. Wir suchten aktiv, aber die Babysitter-Vermittlungen auf Onlineportalen überzeugten mich nicht. Mir fehlten im Vorfeld ein Bild und der persönliche Eindruck der Person, und ich hatte auch keine Lust, massenhaft Vorstellungsgespräche zu veranstalten.

Eines Tages holte ich Maya vom Kindergarten ab und wunderte mich. Maya saß im Abschlusskreis auf dem Schoß einer neuen, jungen Praktikantin. So schnell und innig ließ sie sich selten auf neue Bezugspersonen ein. Aber zu Katharina, der siebzehnjährigen Praktikantin, hatte sie sofort Vertrauen gefasst. Katharina strahlte eine angenehme Ruhe aus und wollte Erzieherin werden. Nach einiger Zeit sprach ich sie auf den Babysitter-Job an, und so kam sie zu einem ersten Probe-Nachmittag zu uns. Wir hatten sofort ein gutes Gefühl mit ihr. Ab diesem Zeitpunkt gönnte ich mir mit meinem Mann wieder mehr oder weniger regelmäßige Dates. Die Mädchen freuten sich immer sehr auf die Abende mit Katharina. Schon Tage vorher überlegten sie, welche Bücher sie mit ihr lesen, welchen Film sie mit ihr schauen und welche Spiele sie mit ihr spielen könnten.

Auch für meinen Mann und mich waren die Auszeiten etwas Besonderes, allein aus Kostengründen. Jede Stunde länger im Restaurant oder bei Freunden verteuerte den Abend, wenn das Babysitter-Taxameter lief. Deswegen – und auch aus Rücksicht auf Katharina und weil wir wegen der Kinder sowieso nie richtig ausschlafen konnten – zogen wir die Abende nie unnötig in die Länge. Und dann gab es da die Tage, an denen wir eigentlich keine Lust hatten, das Haus überhaupt zu verlassen. Ich erinnere mich an einen verregneten, kalten Novemberabend, den mein Mann und ich lieber im Jogger vor der Glotze verbracht hätten. Wir waren müde und lustlos, wollten Katharina aber nicht absagen. Schließlich hatte sie sich diesen Abend für uns freigehalten. Sie war immer zuverlässig und auf die Minute pünktlich, im Gegenzug wollten auch wir ihr eine gewisse Planungssicherheit bieten. Unter keinen Umständen wollten wir sie vergraulen. Aus lauter Not sahen mein Mann und ich uns im Kino einen Film an, den wir eigentlich gar nicht sehen wollten, und versuchten anschließend die Zeit im Auto totzuschlagen. Letztendlich fuhren wir nach Hause, entschuldigten uns zerknirscht für unsere vorzeitige Rückkehr und bezahlten entsprechend mehr.   

Erst nach dreizehn langen Jahren erlangten wir unsere Freiheit und Spontanität endlich wieder. Maya war neun, Lara fast dreizehn. Wir hatten Karten für ein Popkonzert, auf das ich mich schon ewig freute. Ich hatte verschwitzt, Katharina Bescheid zu geben, und ärgerte mich. Nun waren wir abhängig von ihrem Terminplan. Würde sie nicht können, müssten wir das Konzert abblasen oder uns andere kreative Wege suchen, die Kinder unterzubekommen. Vielleicht könnte die Nachbarin? Oder die Mädchen könnten bei ihren Freundinnen übernachten? Während ich laut nachdachte, verkündete Maja ganz nebenbei: „Ich kann mit Lara allein zu Hause bleiben.“ Hatte ich mich verhört? „Wirklich?“, fragte ich ein paarmal sicherheitshalber nach. Ich sagte ihr, dass wir vierzig Autominuten entfernt und während des Konzerts nicht erreichbar sein würden. Ich wollte auf jeden Fall mit offenen Karten spielen. Dies bedeutete eine Chance! Wenn dieser Abend funktionierte, würde sich unsere Freizeitgestaltung in Zukunft erheblich vereinfachen. Zwar hätte ich lieber klein angefangen, etwa mit einem Restaurantbesuch in der Nähe, schnell erreichbar für den Notfall, aber Mayas Angebot war einfach zu verlockend, als dass ich es hätte ausschlagen können. Außerdem war Katharina inzwischen längst mit ihrer Ausbildung fertig und arbeitete Vollzeit als Erzieherin. Uns war klar, dass sie nicht mehr ewig zu uns kommen würde.

Wir unternahmen alles, um die Premiere unseres Babysitter-freien Lebens so optimal wie möglich zu gestalten. Ich besorgte Popcorn, Chips, Gummibärchen, kaufte den Film auf DVD, den Maya immer schon einmal anschauen wollte und erlaubte den Mädchen so lange aufzubleiben, wie sie wollten. Ich gab von unterwegs Updates per Whatsapp: „Sind jetzt da und gleich nicht mehr erreichbar.“ Ich genoss das Konzert so sehr, dass ich vergaß mir Sorgen zu machen. Was sollte auch passieren? Maya war längst alt genug, um mit ihrer Schwester allein zu Hause zu bleiben. Nach dem Konzert, noch in der Schlange zur Garderobe, meldete ich mich sofort bei meinen Töchtern: „In einer dreiviertel Stunde sind wir zurück.“  Die Mädchen schickten Fotos, auf denen sie mit ihren Popcornschüsseln in der Hand vor dem Fernseher hockten. Sie hatten einen tollen Abend! Wir hatten einen tollen Abend! Alles war perfekt gelaufen.

Zuhause rechnete ich spaßeshalber die gesparten Betreuungskosten zusammen und freute mich. Jahrelang mussten wir auf Einladungen mit „Wir kommen gerne, vielleicht aber nur einer von uns, falls unsere Babysitterin nicht kann“, reagieren. Nun konnten wir einfach zusagen. Sogar spontane Spaziergänge mit anschließender Einkehr in den Biergarten wurden wieder möglich, selbst nach Einbruch der Dunkelheit. Maya blieb tagsüber auch ohne ihre Schwester alleine zu Hause. Wir rückten als Paar wieder zusammen. Waren nicht mehr nur Eltern.

Inzwischen sind meine Töchter elf und fünfzehn. Mein Mann und ich können das Haus allein verlassen, wann immer wir wollen. Zu Katharina pflege ich noch losen Kontakt, gratuliere ihr zum Geburtstag und schicke hin und wieder Fotos von den Mädchen. „Wahnsinn, wie groß die schon sind“, schreibt sie dann zurück. In diesem Sommer hat sie geheiratet. Sie im Brautkleid zu sehen war für mich sehr emotional. Ich erinnerte mich an die vielen Abende, an denen wir Katharina schlafend auf unserem Sofa vorfanden, begraben unter ihren Fachbüchern, geschlaucht von der Woche und der Lernerei. In all den Jahren hat sie uns nicht ein einziges Mal im Stich gelassen. Sie war ein Glücksfall. „Wenn du irgendwann mal einen Babysitter brauchst“, schrieb ich mit unseren Hochzeitswünschen, „dann melde dich. Lara und Maya übernehmen den Job gerne!“ Denn ich weiß, wie schwierig die Suche nach einer Person ist, der man mit gutem Gefühl sein Kind anvertrauen möchte.

15. Aug. 2019
von Sonia Heldt
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06. Aug. 2019
von Sonia Heldt
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Mama, ich will nach Hause!

Auch bei Schwestern kann das Heimweh extrem ungleich verteilt sein: Die eine hat’s, die andere nicht.

Lara fährt weg. 14 Tage. Betreute Feriengruppenreise nach England. Wie die meisten Eltern gebe ich Standardsätze von mir: „Melde dich, wenn du angekommen bist“ ; „Wenn irgendetwas sein sollte…“ ; „Und pass auf, wenn…“  Meine Tochter rollt die Augen. Auf Sorgen reagieren Fünfzehnjährige generell allergisch. Selbstverständlich auch meine. Dennoch will ich wenigstens ein Minimum meines Repertoires an Ratschlägen, Warnungen und Bitten loswerden und hoffe, dass sie wenigstens ab und zu mal etwas von sich hören lässt.

Ich weiß, wie sehr sie sich auf die Reise freut. Weg von Zuhause. Neue Eindrücke. Neues Land. Neue Leute. Sie liebt das. Heimweh?! Ein Wort, das in ihrem Sprachgebrauch nie vorkam, auch nicht als sie kleiner war. Egal ob Abschlussfahrt im Kindergarten, Klassenfahrt in der Schule oder die ersten Bauernhofferien mit der Freundin mit neun Jahren. Für sie bedeutete Verreisen immer schon pures Abenteuer, in das sie sich nur allzu gerne stürzte. Seit sie zehn ist, legt sie nicht einmal mehr Wert auf die Begleitung einer Freundin. Sie benötigte keine vertraute Person an ihrer Seite, um sich in der Fremde wohlzufühlen. „Ich habe doch die Pferde und bin da sowieso nicht richtig allein“, stellte sie klar, als ihre Cousine sie dennoch in einem Sommer auf die Reiterferienwoche begleitete. Und während die Cousine an dem ein oder anderen Abend vom Heimweh geplagt wurde, verstand meine Tochter die Welt nicht mehr. Es war doch alles super auf dem Hof! Jeden Tag Ausreiten! Rund um die Uhr Programm! Und die Woche sowieso viel zu kurz! Immerhin lief sie uns am Abholtag freudig in die Arme. Aber nur, weil sie unbedingt ihr Pflege-Pferd und den Hof zeigen wollte, nicht weil sie uns so vermisst hatte.

Als in der fünften Klasse eine Klassenfahrt anstand, war Lara reisetechnisch bereits ein alter Hase. Erwartungsgemäß hörten wir die ganze Woche nichts von ihr. Selbstverständlich hätte ich gerne gewusst, wie es ihr geht und gefällt, aber auch Eltern müssen mal eine Woche ohne ihr Kind aushalten können. Solange man nichts hört, ist alles in Ordnung. Uralte Regel! Und ich war froh darüber, dass Lara nie vom Heimweh geplagt wurde. Wer will schon sein Kind leiden sehen?  Dennoch war ich ein klitzekleines bisschen beleidigt, als ich am Tag der Rückkehr neben den anderen Eltern auf dem Parkplatz stand und auf den Bus mit den Kindern wartete. „Nele hat mich jeden Tag angerufen. Sie hatte Heimweh“, sagte die eine Mutter. Die andere: „Emely hat sich bei mir nur alle zwei Tage per Whatsapp gemeldet, aber dafür einmal angerufen.“ Ich bekam von den anderen Eltern Vorabinfos über die Ausflüge, die Zimmerverteilung und kleinere Anekdoten, die auf der Klassenfahrt stattgefunden hatten, noch bevor ich sie von meiner Tochter selbst erfahren konnte. Während wir dort rumstanden, trudelten nach und nach Nachrichten auf den Handys ein. „Melina fragt, ob ich schon da bin.“; „Julian hat geschrieben, dass der Bus gerade von der Autobahn runterfährt.“ Und dann – ich konnte es kaum glauben – ging auch bei mir eine Nachricht ein. In Erwartung eine Mama-ich-freu-mich-auf-dich-Nachricht oder ähnlich Nettes zu erhalten, las ich Laras Mitteilung: „Hi Mama, ich will mir eine App runterladen. Ist das okay?“  

Natürlich trage ich meiner Ältesten die fehlende Sehnsucht nach Hause nicht nach. So ist sie einfach. Neugierig, abenteuerlustig und immer gerne auf neuen Wegen unterwegs. Maya, meine Elfjährige, ist dafür das genaue Gegenteil zu ihrer stets fernwehgeplagten Schwester. Natürlich hat auch sie schon an Klassenfahrten und sogar an der, damals obligatorisch stattfindenden, Kindergartenabschlussfahrt teilgenommen. Fahrten, die für sie okay waren, weil die Freundinnen mitfuhren und die Länge der Reisen überschaubar war. Trotzdem war sie froh, wenn die Tage überstanden waren. Allein das fremde Essen in den Jugendherbergen verursachten ihr im Vorfeld Kopfzerbrechen. Für sie ist es zu Hause immer noch am schönsten. „Ich will nach Hause“, seufzt sie in regelmäßigen Abständen, selbst während des schönsten Familienurlaubs. „Ich will in mein eigenes Bett. In mein Zimmer. Alles soll wieder normal sein. Ich vermisse unser Haus.“

Ich würde Maya nie zu einer Ferienreise drängen, litt ich als Kind doch selbst schlimm unter Heimweh. Ich habe unschöne Erinnerungen an einen sechswöchigen Kuraufenthalt, zu dem mich meine Mutter kurz vor meiner Einschulung schickte. Ich wurde noch auf der Reise dorthin krank, und die sechs Wochen kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Auch die Feriengruppenfahrten, die ich die Jahre danach antreten musste, waren mir jedes Jahr aufs Neue ein Graus. Meine Mutter wollte mir damals etwas Gutes tun und mir eine gute Zeit ermöglichen. Vielleicht weil sie selbst als Kind so unheimlich gern auf Kinderfreizeiten fuhr, von denen sie noch heute in den buntesten Farben schwärmt. Doch mein Heimweh war damals einfach zu groß, als dass ich heute gerne auf diese Zeit zurückblicken könnte. Ich würde meiner Tochter das niemals antun wollen. Statt lustiger, atmosphärischer Abende am Lagerfeuer sind Kummer und das Gefühl des Verlorenseins in meinem Gedächtnis haften geblieben. Erst im fortgeschrittenen Teenageralter zog es mich irgendwann von selbst in die Ferne.

„Wenn ich erwachsen bin, möchte ich in einem Haus in der Nähe meiner Familie wohnen“, schrieb Maya letztens in ein Freundschaftsbuch auf die Frage, wie sie sich ihre Zukunft vorstelle. „Ich bin froh, wenn ich irgendwann mal ausziehen kann. Am besten in eine WG in einer richtig coolen Großstadt wie Amsterdam oder Berlin“, ist dagegen Laras Aussage. Jedes Kind besitzt ein anderes Gemüt und sollte nicht unter Zwang über seinen Schatten springen müssen. Daher bleibt Maya die restlichen Ferienwochen zu Hause, in ihrer bevorzugten, vertrauten Umgebung, während ihre große Schwester nur allzu gern Urlaub vom Gewohnten und der Familie macht.  

„Sag mal, was mache ich eigentlich, wenn ich in England mit meinem Internet Highspeed Volumen nicht auskomme?“, fragte Lara kurz vor der Abfahrt. „Dann meldest du dich und wir kümmern uns darum. Kannst ja anrufen“, sagte ich fröhlich. Sie wird sich diesmal bei uns melden, da bin ich mir ganz sicher!

06. Aug. 2019
von Sonia Heldt
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01. Aug. 2019
von Anna Wronska
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Verwandtschaft günstig abzugeben

Nicht jeder hat so viel Glück wie Al Bundy mit seiner Familie.

Die Oma, die beleidigt ist, wenn man beim Essen keinen (dritten) Nachschlag will. Der Onkel, der regelmäßig einen über den Durst trinkt und sich dann zuverlässig mit seinem Schwager in die Haare kriegt. Die Großtante, die schamlos indiskrete Fragen zu Familienstand und/oder Babyplanung stellt.

Hat nicht (fast) jeder von uns eine Person in seiner Verwandtschaft, die ihn regelmäßig auf die Palme bringt? Zugegeben, die obigen Beispiele sind teilweise der Kategorie „Schrulligkeiten“ zuzuordnen und noch kein Grund, sich von der Verwandtschaft loszusagen. Die Oma liebe ich in Wirklichkeit sehr (und ihre Schnitzel auch, ich kann nur nicht zwölf davon essen), den Onkel weniger, und ein Wiedersehen mit der Großtante hat sich kürzlich leider nicht ergeben, so ein Pech, naja, nächstes Mal!

Aber es gibt auch Differenzen, die nur schwer auszuhalten sind: fundamental unterschiedliche Lebensweisen und Weltanschauungen. Ich habe das Glück, dass ich das maximal zwei Mal im Jahr aushalten muss, denn der Großteil meiner Verwandtschaft wohnt in meinem Geburtsland Polen. Gleichzeitig ist die Distanz vermutlich auch mit ein Grund dafür, warum Begegnungen mit dem polnischen Teil der Familie immer so ungeheuer an meinen Kräften zehren: Wenn man sich – nicht nur geografisch – so weit voneinander entfernt hat, dass man sich – nicht nur sprachlich – kaum noch versteht, sollte man sich fragen: Warum tun wir uns das eigentlich an? Warum verbringen wir unsere freie Zeit mit Leuten, mit denen wir Gene teilen, sonst aber nicht viel?

Die Generation meiner Eltern kennt das mit der Verwandtschaft von früher noch so: Man wohnte maximal ein, zwei Dörfer voneinander entfernt. Man traf sich regelmäßig in der Kirche oder auf Familienfeiern, zu denen natürlich auch der letzte Cousin dritten Grades noch eingeladen wurde. Das gehörte sich so. Man half einander – allein schon aus der Denke heraus „Er/sie gehört ja zur Familie.“ Wenn ein Kind geboren wurde, wurden irgendwelche Verwandte zu Paten ernannt, und zumindest seinen zweiten Vornamen erhielt das Kind nach der Tante/dem Onkel, dem Opa oder der Großtante. Nicht nur die direkte Verwandtschaft, sondern auch der erweiterte Kreis mitsamt Schwagern und Schwägerinnen, Cousins und Cousinen usw. war eine naturgegebene soziale Einheit, die es zu pflegen und zu bewahren galt – unabhängig von Sympathie oder Antipathie.

Heute sieht das etwas anders aus, zumindest bei uns. Gerade im jüngsten Sommerurlaub in Polen ist mir wieder klar geworden: Verwandtschaft ist nicht gleich Familie. Verwandtschaft ist Zufall, kein Schicksal. Und es interessiert mich auch nicht, ob Blut dicker ist als Wasser oder andersherum. Meine polnische Herkunft spielt für diesen Befund auch keine so große Rolle, es soll hier nicht um polnisch-deutsche Unterschiede gehen, sondern um die eigentlich banale Erkenntnis, dass man eben nicht jeden mag. Und das okay sein sollte.

Das Schöne ist ja: Seine Verwandtschaft kann man sich zwar heute immer noch nicht aussuchen, sehr wohl aber seine Nächsten. „Familie“ im eigentlichen, sozial-emotionalen Sinne. Menschen sind viel mobiler als früher, bereits in der Ausbildung lernen die meisten neue Leute kennen, neue Perspektiven. In der Regel gewinnen sie dabei – mindestens Lebenserfahrung und einen weiteren Horizont, nicht selten Freunde fürs Leben. Zumindest uns ist es über die Jahre so ergangen. Dank Messenger und Video-Telefonie können wir selbst Menschen, die sehr weit weg sind, sehr nah sein – ob blutsverwandt oder nicht. Umgekehrt helfen das beste Handynetz und die Worldwide-Flatrate nicht weiter, wenn man dem Menschen am anderen Ende der Leitung nichts zu sagen hat.

Die modernen Wege, Menschen zu begegnen und mit ihnen zu kommunizieren, müssen das Konzept Verwandtschaft/Familie natürlich nicht verdrängen, idealerweise unterstützen sie es. Meine Eltern sind früher mit Zehn-Pfennig-Stücken zur Telefonzelle im Dorf gestapft, um regelmäßig bei der Familie anzurufen. Heute könnten mein Mann und ich unsere unzähligen täglichen Schnappschüsse mit einem Klick an die Verwandtschaft in Oberschlesien weiterleiten, die meisten schicken wir aber nur an Eltern und Geschwister – sowie zwei, drei Chatgruppen mit lieben Freunden. Die Paten unserer Kinder sind meine Schwestern sowie zwei Freunde. Auf der Taufe unseres zweiten Sohnes war niemand aus der weiteren Verwandtschaft, aus organisatorischen Gründen, nachdem die erste Taufe so unglaublich anstrengend gewesen war. Und weil wir den Tag mit den Menschen verbringen wollten, die uns und unserem Täufling am nächsten stehen.

Diese Entscheidung hat erwartungsgemäß die eine oder andere Irritation hervorgerufen. Während die polnische Verwandtschaft sie betont verständnisvoll (in Wirklichkeit aber beleidigt) zur Kenntnis nahm und nie wieder ein Wort darüber verlor, nicht eingeladen worden zu sein, waren vor allem meine Eltern enttäuscht. Selbst wenn der Tauftag auch für sie damit letztlich viel entspannter war als in der Großfamilien-Besetzung: Das gehört sich doch nicht! Insbesondere meine Mutter findet es traurig, dass die nächste Generation ihrer Familie so auseinanderdriftet. Sie ist der Meinung, wir Kinder sollten die Verbindung zum Rest der Familie nicht einfach „wegwerfen“. Dabei würde ich selbst das eher als Loslassen bezeichnen und als eine Art Befreiung. Auch, wenn es gemein klingt: Ich bedauere nichts und vermisse niemanden – außer die Oma und die Schnitzel. Und (nur) deshalb fahren wir sicher wieder hin.

01. Aug. 2019
von Anna Wronska
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30. Jul. 2019
von Janosch Niebuhr
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Vom Umgang mit dem Fremdkind

Wenn Freunde zu Besuch sind, wird’s lustig – für die Kinder.

Es ist ja nicht so, dass ich generell etwas gegen die Kinder anderer Leute habe. Nein, da sind bestimmt auch ganz nette dabei. Manche können auch richtig gute Freunde für den eigenen Nachwuchs sein. Okay, okay: Wie alle Eltern gehe ich auch davon aus, dass die eigenen Kinder natürlich immer etwas hochbegabter, etwas cooler, etwas schöner, etwas offener, etwas sozialer, einfach etwas besser sind als die Kinder der Konkurrenz. (So was geben Eltern natürlich nie offen zu!) Aber weil das eben in der Regel alle Eltern von ihren Kindern glauben – Liebe macht schließlich blind –, entsteht da auch kein Problem.

Außer wenn das Fremdkind zu Besuch kommt. Besonders dann, wenn es gar in größerer Zahl auftritt. „Können heute [Name von Freundin 1] und [Name von Freundin 2] bei uns übernachten?“, fragt unsere Älteste (12) beim Mittagessen. Es ist eine unschuldige Frage, aber sie löst bei den beiden Geschwisterkindern (10 und 5) sofort ähnliche Anfragen aus, mindestens aber buchhalterische Aussagen à la „Die waren schon viel öfter bei uns als [Name einer Freundin des Geschwisterkindes]“. Ich gehe auf solche Vergleichsrechnungen grundsätzlich nicht ein. Denn natürlich hat die Älteste am häufigsten Besuch. (Je älter das Fremdkind, desto weniger Stress für mich in der Regel.)

Ich versuche bei solchen Anfragen immer, zunächst Zeit zu gewinnen: „Hm [oder ähnliches Grunzen, das angestrengte Überlegung andeutet] – da müssen wir nachher mal mit Mama reden.“ Aussitzen das Ganze, vielleicht erledigt sich die Anfrage ja von selbst.

Tut sie aber normalerweise nicht. Und auch die jüngeren Geschwister haben ein gutes Gedächtnis. Sie haben ja auch ein Recht auf ihre eigenen Sozialkontakte. Was im Endeffekt dazu führt, dass gelegentlich mehr Fremdkinder im Haus sind als eigene: In dem einen Kinderzimmer werden dann TikTok-Filme gedreht, im anderen Einhörner befreit und auf dem Garten-Trampolin neue Turnküren ausprobiert. Das klingt idyllisch – aber nur für den Unwissenden. Denn natürlich verändert sich durch die Gegenwart von Fremdkindern so ziemlich alles – vor allem in mir. (Ich vermute, dass es auch anderen Eltern ähnlich geht. Sie geben sich zwar immer ganz entspannt, wenn ich meine Kinder bei ihnen abgebe, aber das nehme ich ihnen nicht ab.)

Meine Frau findet, ich solle nicht von „Fremdkind“ sprechen, sondern von „Freundin“ oder wenigstens von „Gast“ oder von „Besuch“. Aber erstens verwende ich den Ausdruck nur ihr gegenüber oder in pseudonymisierten Kolumnen wie dieser, und zweitens beschreibt „Fremdkind“ das Phänomen sehr genau. Was also ist mein Problem mit dem Fremdkind?

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30. Jul. 2019
von Janosch Niebuhr
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25. Jul. 2019
von Martin Benninghoff
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Ein Lächeln mehr – und weniger meckern!

Was darf man hier eigentlich noch? Schild an einem Kinderspielplatz.

Als sich eine australische Freundin immer mal wieder – mehr oder minder offen – über das ihrer Meinung nach kinderunfreundliche Deutschland mokierte, ging ich als angesprochener Staatsbürger des Landes in eine Art automatisierte Verteidigungshaltung. Das könne man nicht so pauschal sagen, selbst die oftmals geschmähten Großstädte seien mittlerweile wieder sichtbar belebt von Familien mit Kindern, selbst oder gerade in Szenevierteln wie Prenzlauer Berg in Berlin. Zudem zeige doch die seit rund fünf Jahren steigende Geburtenrate, dass die Deutschen – darunter alteingesessene und eingewanderte Menschen – Kinder wieder wollten.

Wahrscheinlich habe ich typisch deutsch reagiert, weil ich die sozioökonomischen Daten in den Mittelpunkt meiner Argumentation gerückt habe, die tatsächlich, was die Zahl der Krippenplätze, der Ganztagsschulen, der Vätermonate und die Höhe des Betreuungsgeldes angeht, eine optimistische Sprache sprechen. Was die australische Freundin aber wohl eigentlich meinte: die Freundlichkeit, Aufgeschlossenheit und Begeisterungsfähigkeit der Deutschen gegenüber Kindern, die sei teilweise mangelhaft – und erzeuge ein kinderunfreundliches Klima im Vergleich zu anderen Ländern, auch zu ihrem eigenen, Australien. Ihr Beispiel, an das ich mich nur noch vage erinnere: Mit Kinderwagen werde einem nur selten die Tür aufgehalten oder beim Einstieg in die Straßenbahn geholfen.

Solche Beispiele kann ich persönlich eigentlich weniger nachvollziehen. Sowohl beim Tragen des Kinderwagens eine Treppe hinauf, wenn der Aufzug beschädigt ist, als auch beim Türenoffenhalten im Zug habe ich andere Erfahrungen gemacht. Geholfen wird einem fast immer. Rund anderthalb Jahre sind meine Frau, unser Sohn Elias und ich wochenweise von Berlin nach Frankfurt mit dem Zug gependelt. Wir können uns über die Kinderfreundlichkeit in dieser Beziehung nicht beklagen. Wobei ich der Australierin allerdings bei einem zentralen Punkt zustimmen muss: So bereitwillig einem beim Zugeinsteigen geholfen wird, vielen Deutschen entlockt selbst ein niedliches Kindergesicht kein freundliches Lächeln. Im Zug, auf der Straße, im Supermarkt, woran liegt das?

Dieses – schwer zu messende – Kriterium Lächeln dürfte ein Grund dafür sein, warum auch viele Deutsche glauben, ihr Land sei, allem Ausbau von Betreuungsplätzen zum Trotz, kinderunfreundlicher geworden. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Kinderhilfswerks 2018 sind nur noch 56 Prozent der Befragten der Meinung, Deutschland sei kinderfreundlich. Das ist zwar noch immer die Mehrheit, aber eine schrumpfende – der Trend in solchen Umfragen jedenfalls zeigt seit Jahren abwärts. Mitverantwortlich dafür dürften sich häufende Berichte über Lautstärkebeschwerden von Spielplatzanrainern oder über kinderfreie Restaurants oder Wirte sein, die nur „gut erzogene“ Kinder in ihr Café lassen. Solche Debatten sind mutmaßlich nur in unserem Land möglich. Oder allenfalls in wenigen anderen, ebenfalls eher griesgrämigen Gesellschaften.

In der Tat sind die Restaurants im Land ein guter Gradmesser. In einigen fühlt man sich als Eltern mit Kind tatsächlich nur bedingt willkommen. Da wird einem schon einmal der hinterste Platz im hintersten Zimmer nahe bei den Toiletten zugewiesen, wo zudem kein anderer Gast sitzt, damit man die freundlichen Leute vorne im atmosphärischen Teil des Restaurants nur ja nicht stören kann. Natürlich gibt es Familien, die sich derart daneben benehmen, dass ein Wirt sein gutes Recht hat, solche Vorsorgemaßnahmen zu treffen. Aber es geht um die richtige Reihenfolge der Beweislast: In einem kinderfreundlichen Land sollte die „Unschuldsvermutung“ am Anfang stehen – auf den kleinen Teil der unverbesserlichen Lautstärke- und Chaosproduzenten könnte der Wirt dann gesondert reagieren – mit Bitten und als ultima ratio: dem Rausschmiss.

Besonders deutlich wird einem der kulturell-atmosphärische Unterschied vor Augen geführt, sobald man auf Reisen geht. Der Umgang unserer europäischen Nachbarn auf dem Balkan – in unserem Fall kürzlich in Montenegro und Bosnien-Herzegowina – mit Kindern ist ein deutlich anderer. Die Menschen, die wir dort getroffen haben, stürzten sich förmlich auf unseren Kleinen. Speziell in den montenegrinischen Bergen wurde der Kleine von Wildfremden auf den Arm genommen, ihm wurde durchs Haar gewuschelt, und er wurde – abgeknutscht. Das war uns teilweise gar nicht mehr recht, weil es unser erlerntes Nähe-Distanzverhalten völlig auf den Kopf stellte. Elias war auch nicht gerade begeistert: Wir gingen dazu über, ihn ein Stück weit davor zu schützen, ohne die Gutmeinenden zu beleidigen. Überall: Lächeln, sobald unser Kleiner um die Ecke kam. Auch in Bosnien war es überhaupt kein Thema, das Kleinkind war selbstverständlich und unhinterfragt ein ebenso willkommener Gast wie die zahlenden Eltern.

Ja, der Stellenwert von Familie ist in Deutschland ein anderer. Das Leben spielt sich in zunehmenden Maße von der weiteren Familie entkoppelt ab, die Lebens- und Arbeitsbiografien sind individualisiert. Diese Entwicklung will ich gar nicht kritisieren, weil sie in hohem Maße die Gesellschaft liberalisiert und neue Freiheiten schafft, wo früher das Diktat der Familie herrschte. Aber kann es sein, dass die zeitliche und ökonomische Verdichtung unserer Lebensläufe für den Nachwuchs abseits des eigenen nicht mehr genügend Empathie- und Zuwendungskapital lässt? Das wäre zumindest ein bedenklicher Befund.

Dazu dann doch noch eine kurze Anekdote aus dem ICE nach Frankfurt. Vor ein paar Wochen saß ich in einem Ruheabteil, hinter mir zwei ältere Frauen. Im vorderen Bereich saß eine Familie, deren Kleinkind zeitweise, sicherlich nicht mehr als zwei Minuten, unruhig war und auch schrie. Die eine Seniorin, die in Leipzig zugestiegen war, beschwerte sich in tiefem Sächsisch, wie das denn sein könne, dass die Eltern die Kleine nicht im Griff hätten. Ihre Pauschalanalyse: Die Kinder von heute dürften zu viel und überhaupt – das sei ja nur diesem „antiautoritären Gehabe“ zu verdanken. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und wäre der Guten in die Parade gefahren – das habe ich dann gelassen.

Wenige Minuten später, unser Zug hatte eine halbe Stunde Verspätung, rief dieselbe Frau in unserem Ruheabteil per Handy jemanden an, um mitzuteilen, wann sie ankommt und dass sich der Zug verspätet habe. Ungelogen, sie brüllte durch das halbe Abteil und zwang mich, jedes Wort ihres belanglosen Gesprächs mitzuhören. Als guter deutscher Meckerer hätte ich mich natürlich sofort beschweren müssen. Stattdessen aber ließ ich es gut sein, dieses Land soll ja nicht seniorenunfreundlicher werden. Aber aus dem innerlichen Kopfschütteln kam ich den Rest der Zugstrecke nicht mehr heraus.

Welche Erfahrungen Sie gemacht? Wie kinderfreundlich finden Sie Deutschland? Kommentieren Sie hier gerne!

25. Jul. 2019
von Martin Benninghoff
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16. Jul. 2019
von Sonia Heldt
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Goodbye Kindheit! Erwachsenwerden ist nicht einfach

Früher beste Spielkameraden, plötzlich spinnefeind. Die Pubertät stellt nicht nur die Elternbeziehung auf die Probe. Auch das Verhältnis zwischen Geschwistern kann sich drastisch ändern

„Mama, hast du mein Handy wirklich nicht gesehen? Mensch, das lag doch gestern Abend noch auf dem Sofa.“ Lara ist völlig aufgelöst. Seit Stunden sucht meine fünfzehn Jahre alte Tochter verzweifelt nach dem wichtigsten Utensil in ihrem Leben. Ich lasse mich zu einer Großaktion überreden. Wir räumen den Überwurf des Sofas und die Kissen ab, untersuchen jede Ritze einzeln und rücken schließlich das Möbelstück weg. Sie holt eine Taschenlampe, ich den Besenstiel. So sind schon diverse Fernbedienungen oder Ohrringe wiederaufgetaucht. Aber in diesem Falle: nichts. „Die hat es bestimmt doch genommen!“ beschuldigt Lara ihre kleine Schwester wiederholt. „Glaube ich nicht“, erwidere ich, frage jedoch vorsichtshalber selber mit ernstem Ton bei meiner Elfjährigen nach. Aber Maya, die seit Stunden schwer beschäftigt an ihrem Schreibtisch sitzt und irgendwas Kreatives werkelt, schüttelt überzeugend den Kopf und bittet mich, ihre Zimmertür zu schließen.  

„Das kann aber nur sie weggenommen haben!“, sagt Lara aufgebracht. Seit einiger Zeit ist das Verhältnis zwischen meinen Töchtern schwierig. Haben sie früher wie Pech und Schwefel zusammengehalten und waren beste Freundinnen, bestimmen nun gehäuft Zickenkrieg, verbaler Schlagabtausch und der Kampf ums Badezimmer den Alltag. Der Prozess war schleichend. Erst hatte Lara immer weniger Lust, mit Maya zu spielen oder Zeit mit ihr zu verbringen. Dann verzog Lara sich konsequent in ihr Zimmer, schloss sich ein und die Schwester aus ihrem Leben aus. Die Schule, Freundinnen und das Handy wurden wichtiger, die Schwester nervte. Lara legte ihre Kindlichkeit ab. Nun ist sie ein Teenager auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Ein Prozess, der für Maya (noch) nicht nachvollziehbar ist und sie frustriert und verletzt.

Ich entscheide mich, der Handy-Such-Aktion nicht mehr beizuwohnen und mich endlich dem Mittagessen zu widmen. Lara sucht lautstark im Obergeschoss weiter. Schränke werden auf und zugeschlagen. Dann ein Schrei! Sie hat es! Na, endlich! Für eine Minute ist es mucksmäuschenstill im Haus. Dann kommt Lara die Treppe hinuntergelaufen. „Maya hatte es doch!“ Tränen glänzen in ihren Augen. „Hier. Mein Handy lag daneben.“ Sie hält mir mit zittrigen Händen ein DIN-A5-Schulheft entgegen. Ich weiß, was das für ein Heft ist! Es ist ein Geschwister-Briefheft. Ich darf es eigentlich nicht lesen. Lesen ist verboten! Steht groß drauf! Vor vielen Jahren ist mir eines dieser Hefte beim Putzen zum ersten Mal in die Hände gefallen. Es lag unter dem Korb mit den Handtüchern im Bad der Mädchen versteckt. Maya war etwa sieben, Lara zehn, als die beiden dieses Spiel für sich entdeckten. Sie schrieben sich gegenseitig über das Heft Briefe. Anfangs waren es phantasievolle Briefe, in denen sie in ihre ausgedachte Welt abtauchten und von erfundenen Reisen erzählten. Ab und zu wurden Konflikte darüber ausgetragen. Aber irgendwann lag nichts mehr unter dem Handtuch-Korb. Sie haben mit der Briefkonversation aufgehört, so wie sie aufgehört haben, zusammen Ponyhof im Garten zu spielen oder sich im Keller zu verkleiden.

Das Heft ist neu, das sehe ich sofort, liebevoll beklebt und bemalt. Mit einem Mal wird mir klar, was Maya den ganzen Vormittag an ihrem Schreibtisch gewerkelt hat! Fast schon schuldbewusst greife ich nach dem Heft, schlage es auf und würde es am liebsten wieder zuschlagen. Nicht nur, weil es private Worte von Maya an Lara sind, die mich eigentlich nichts angehen, sondern weil mich schon die ersten Worte tief in mein Mutterherz treffen. Ein fetter Kloß bildet sich in meinem Hals. Maya schreibt, dass es ihr leidtut, das Handy weggenommen zu haben. Sie habe gehofft, dass Lara ihr Handy vergisst und sie anstelle des Handys wieder wichtig für Lara werden würde. Sie schreibt, wie sehr sie Lara vermisst, wie lieb sie sie hat und dass sie ihr verzeihen soll. „Ich würde mich freuen, wenn du zurückschreibst“, steht da am Ende. Ich gebe Lara das Heft wortlos zurück. Was soll ich auch sagen? Sie verschwindet in ihr Zimmer. Schließt sich ein. Weint. Sicher nicht vor Glück, ihr Handy wiedergefunden zu haben. Auch nicht aus Wut auf ihre Schwester. Sie weint aus demselben Grund, aus dem auch ich jetzt losheulen könnte.

Ich muss mit Maya reden, ihr sagen, dass die Aktion nicht in Ordnung war und sie uns angelogen hat. Als ich in ihr Zimmer trete, sitzt sie immer noch an ihrem Schreibtisch und starrt auf die Tischplatte. Ich sage mein Sprüchlein auf. Erziehungs-Modus ein. Sie nickt nur, gibt alles zu, entschuldigt sich. Ganz elend hockt sie da, blass und unglücklich. Sie kommt mir mit einem Mal so klein und zerbrechlich vor, gar nicht wie das willensstarke, sportliche Persönchen, das sie sonst verkörpert. Ich setze mich zu ihr. Nehme Blatt und Stift und male zwei parallele Linien auf einer Straße. Unprofessionell, total aus der Luft gegriffen und in keinerlei Weise wissenschaftlich belegt, starte ich einen Erklärungsversuch. Ich sage ihr, dass sie und Lara sich auf einer Straße befinden und viele Jahre gemeinsam Hand in Hand nebeneinanderher gelaufen sind. Ab und zu ist der eine vielleicht mal kurz zur Seite gehüpft, aber schnell wieder auf der Spur gelandet. Ich erkläre, dass man auf dem Weg zum Erwachsenwerden öfter aus der Spur gerät und irgendwann seinen eigenen Weg gehen muss. Dass auch sie selbst, Maya, irgendwann den Weg verlassen wird. So ist das mit dem Erwachsenwerden. Man muss die Straße der Kindheit verlassen, trifft sich aber später auf der Erwachsenenstraße wieder. Ganz sicher! Und dass das Band zwischen ihr und Lara etwas ganz Besonderes ist, dass nie ganz zerreißen wird. Maya ist inzwischen völlig aufgelöst. Mir fällt nicht Kluges mehr ein, das ich sagen könnte, also nehme ich meine Tochter ganz fest in den Arm und schweige.

Dann gehe ich in die Küche. Wir brauchen jetzt alle drei einen Moment für uns allein. Während ich die Kartoffeln schäle und mich unbeobachtet fühle, lasse ich meinen Tränen freien Lauf. Heule, weil es auch uns Eltern nicht leicht fällt, das Kind, das immer unser kleines Mädchen war, gehen zu lassen und stattdessen Platz zu machen für eine kratzbürstige Halbwüchsige, die uns permanent klarmacht, dass sie uns von Tag zu Tag weniger braucht und erwachsen wird. Aber diese Entwicklung lässt sich nun mal nicht aufhalten. Ich heule, weil Maya so unglücklich darüber ist. Abends werfe ich mit Maya alte Videos in den DVD-Player. Videos von den Mädchen, als sie noch klein waren. Ich habe sie oft im Garten beim Spielen gefilmt oder unter dem Hochbett, in ihrer Höhle, wenn sie dicke Verbotsschilder für Erwachsene aufgestellt haben. Es ist wichtig, mit Maya diese Videos zu sehen. Es macht uns traurig, aber gleichzeitig hat es etwas Tröstendes. Irgendwann steckt Lara den Kopf ins Wohnzimmer. „Was guckt ihr da?“ Sie setzt sich zu uns. Wir lachen zusammen und schwelgen in Erinnerungen.

Ein paar Tage später finde ich beim Putzen das Briefheft unter dem Korb mit den Handtüchern. Lara hat Maya geantwortet. Sie wird liebe Worte gewählt haben. Sie wird ihrer kleinen Schwester versichert haben, dass sie sie immer liebhaben wird, auch wenn sie keine Lust mehr hat, mit ihr zu spielen. Sicher würde auch Lara tief in ihrem Inneren manchmal gerne die Zeit zurückdrehen und sich wie früher im Spielkeller ihr Vampirkostüm überwerfen. Doch das geht nicht. Das Kostüm ist ihr längst zu klein geworden. Sie hat sich das mit dem Erwachsenwerden nicht ausgesucht! Wir alle würden uns wohl gerne hin und wieder in eine Zeitmaschine setzen, aber es ist wichtig, im Leben nach vorne zu schauen. Wenn etwas endet, fängt etwas Neues an. Und ich bin mir ganz sicher, dass die ehemals so innige Beziehung meiner Töchter in ein paar Jahren eine neue, erwachsene Stufe erreichen wird.  

16. Jul. 2019
von Sonia Heldt
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11. Jul. 2019
von Anna Wronska
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Einschulung: Vom Ende der Freiheit

Schön wär’s, wenn die Schulzeit nur Bonbons und schöne Überraschungen bereithielte

Wie gut erinnern Sie sich an Ihre Grundschulzeit? Ich erinnere mich an die „Aufstellen!“-Rufe der Lehrer zum Ende der Pause, an den knallrosa Lippenstiftabdruck auf der Blockflöte meiner Musiklehrerin. An die Feuerbohnenpflanzen, die wir im Deutsch-Förderunterricht zogen. An die Sportbeutel, die wir ab und zu aufs Turnhallendach schossen, und den Ärger danach. An ein paar böse Treffer beim „Völkerball“ und an Gabi aus meiner Klasse, die schimpfte, ich solle erst einmal richtig Deutsch lernen, dann könnten wir Freundinnen sein. Sie kam aus Polen, genau wie ich.

Es war eine unspektakuläre, sorglose Zeit, und die Erinnerungen daran (außer die an Gabi) wecken ein warmes Gefühl in mir. Heute ist mir klar, wie prägend diese vier Jahre für mein weiteres Leben waren und wie viel Glück ich hatte: keine Schlägereien, keine Unterrichtsausfälle, solide Lehrer, solide Toiletten. Die Grundschule hat mich aufs richtige Gleis gesetzt. Dabei haben meine Eltern sich seinerzeit vermutlich nicht viele Gedanken gemacht über die richtige Schule oder den richtigen Zeitpunkt für die Einschulung, sie hatten in unserem Dorf am Rande des Sauerlands auch nicht viel Auswahl.

Mein Mann und ich leben mit unseren Kindern heute in einer Millionenstadt, mit gleich mehreren Schulen unterschiedlicher Träger und unterschiedlicher Reputation in fußläufiger Entfernung. Wir zerbrechen uns den Kopf sowohl über die richtige Schule als auch über das richtige Timing für die Einschulung. Dabei gibt es hier auf den ersten Blick auch nur wenig Spielraum. Die Kinder, die bis zum Stichtag 30. September eines Jahres sechs Jahre alt geworden sind, sind in Berlin „Muss“-Kinder, werden also in der Regel im gleichen Jahr eingeschult. Unser Sohn Ben ist im September geboren. Bei seiner Einschulung Mitte August 2020 wäre er noch nicht einmal sechs. Das kommt mir verdammt früh vor. (Allein schon dieses hässliche Wort „Einschulung“! Es klingt nach einem Monster, das mit einem lauten „Gulp“ Kinder verschluckt.)

Wir wissen: Es gibt die Möglichkeit, sein Kind auf Antrag von der Schulpflicht zurückzustellen, wenn sein Entwicklungsstand „eine bessere Förderung in einer Kindertagesstätte erwarten lässt“. Dafür muss die Kita eine entsprechende Stellungnahme abgeben. Allerdings kann unsere Kontakterzieherin sich derzeit nach eigener Aussage nicht vorstellen, was sie da hineinschreiben sollte. Das ist zunächst einmal ein Grund zu Freude: Ben ist kognitiv schon jetzt ziemlich weit, er redet wie ein Wasserfall und stellt Fragen, deren Antworten ich mitunter erst einmal recherchieren muss. „Ich weiß noch nicht so viel über die Welt“, sinnierte er unlängst bei einem Waldspaziergang mit seiner Kita-Truppe, hat man mir erzählt. Wird also Zeit, dass sich das ändert. Oder?

Bei der sozial-emotionalen Komponente der Entwicklung ist die Sache weniger eindeutig. Ben kann in seinem vertrauten Umfeld, zu Hause und in der Kita, richtig aufdrehen, aber in neuen Umgebungen und in neuer Gesellschaft zieht er sich sehr zurück und sucht unsere Nähe, wirkt manchmal regelrecht ängstlich. Als wir vor einem Jahr anfingen, mit ihm zur Musikschule zu gehen, freute er sich zunächst und trommelte bei der musikalischen Früherziehung inbrünstig mit Kastanien. Dann aber folgten ein paar Wochen, in denen zwar er gut gelaunt bis zum Eingang des Musikraumes kam, dann aber plötzlich blockte und sofort mit mir nach Hause wollte. Da seien „so viele fremde Kinder“, sagte er später. Ein paar Wochen später ging es wieder, aber diese Phase hat mich zum Nachdenken gebracht. Bis heute muss ich während des Musikkurses immer im benachbarten Raum warten, weil Ben offenbar Angst hat, ich könnte ihn zurücklassen.

Ich weiß, es wurden und werden millionenfach Kinder eingeschult, lernen neue Kinder kennen, und sie überleben es. Und ich kann es meinem Kind nicht ersparen, sich früher oder später in einem neuem Umfeld zurechtfinden zu müssen. Aber ist es erstrebenswert, so früh wie nur irgend möglich damit anzufangen, in dem Wissen, dass ein großes Stück Unbeschwertheit damit verloren geht? Seien wir ehrlich, es gibt nun einmal ziemlich viele Gabis da draußen – und die war nun wirklich harmlos im Vergleich zu dem, was heute bisweilen über die Realität in den Schulen zu hören und zu lesen ist. Dabei muss man gar nicht erst das furchtbarste Kopfkino bemühen. Mir reicht es, mir vorzustellen: Schule, Ausbildung, Job – all das wird ohnehin den größten Teil von Bens Leben einnehmen. Selbst wenn er auf die Schule mit dem besten Ruf kommt, wenn die Lehrer motiviert sind, die Klos sauber: Was spricht dagegen, zuvor einfach ein Jahr länger zu spielen, fernab von Hausaufgaben, Bewertungen und Attestpflicht? Zumal wir mit Lukas (zehn Monate) ein zweites Kind haben, mit dem wir bisher einfach verreisen oder etwas unternehmen können, wenn uns danach ist und der Job es zulässt. Zu viert mit einem Schulkind ginge das nicht mehr so leicht.

Häufig ist das Argument zu hören, die Kinder würden sich bei einer Zurückstufung in der Kita tendenziell langweilen, regelrecht „versauern“. Aber Ben liebt seine Kita, und ausgerechnet seine liebsten Spielkameraden sind allesamt etwas jünger und kommen ebenfalls erst ein Jahr später in die Schule. Es liegt nahe, dass ein Kind mit knapp sieben einfach besser mit- und ankommt in der Schule als mit knapp sechs. Sowohl was das Lernen an sich angeht als auch in der neuen Klassengemeinschaft.

Vielleicht mache ich mir aber auch unnötig Sorgen und Ben blüht in der Schule richtig auf. Und vielleicht bin ich zu egoistisch. Ganz bestimmt jedenfalls habe ich ein Problem mit dem Loslassen, wie mir jüngst schon Bens Kita-Reise vor Augen geführt hat. Letztlich weiß ich: Der Ernst des Lebens kommt, egal wann, sowieso immer zu früh. Vor allem für uns Eltern. Wir werden deshalb, wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, keine Zurückstellung beantragen, auch nicht mit Verweis auf Bens emotionale Entwicklung. Stattdessen werde ich eines Abends im August, wenn Ben schläft, heulend eine Schultüte packen, und unser Schulkind am nächsten Tag strahlend verabschieden.

… Und dann kandidiere ich für den Elternbeirat und werde der Schule genau auf die Finger schauen. Ha!

11. Jul. 2019
von Anna Wronska
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