Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

11. Sep. 2018
von Martin Benninghoff
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Wenn Eltern nur noch über ihre Kinder sprechen

© dpa picture allianceAn der Käsetheke sollte man unbedingt die Kinder thematisieren – das gibt kostenlose Kostproben.

Wenn Sie keine Kinder haben, dann kennen Sie das: Eltern, die nur über ihre Kinder und deren Großtaten sprechen, aber sonst fast jedes interessante Thema auslassen. Oder aber Sie haben schon ein paar Jahre Elternschaft auf dem Buckel, Ihr Nachwuchs hat etwas an Glanz und Unfehlbarkeit verloren (was normal ist), und Sie haben Distanz gewonnen. Distanz und die Erkenntnis, dass Ihre Kinder zwar großartig und natürlich die schönsten, besten, klügsten und genialsten Exemplare der Welt sind, aber eben doch nur unter anderen schönsten, besten, klügsten und genialsten Kindern der Welt. Dann dürfte es Ihnen bisweilen lächerlich vorkommen, wie frischgebackene Eltern über ihr Kind sprechen. Wenn Sie wohlwollend sind, dann lächeln Sie nur und erinnern sich an die Zeit, als Ihr Kind gerade auf die Welt gekommen war. Und verstehen plötzlich, warum junge Eltern so sind wie sie sind.

Aber es gibt Fälle, da mag man kaum noch wohlwollend sein, auch wenn man eigene Kinder hat. Wenn andere den lieben langen Tag über nichts anderes mehr sprechen und Euphorie und Hingabe nur noch entwickeln, wenn es um die eigenen Kinder geht. Am Telefon. Auf Feiern. Auf Whatsapp mit albumlangen Bilderkaskaden der lieben Kleinen, wie sie irgendwo herumturnen. Und wenn man es wagt, ein anderes Thema anzuschneiden – sagen wir mal: Alexander Gerst auf der Raumstation ISS –, dann schaffen es diese Personen tatsächlich, den Bogen zu schlagen: „Nein, ich könnte das nicht, so lange von der Familie getrennt sein.“ Was wäre aus der Welt bloß geworden, wenn James Cook im Hafen von Plymouth die Gangway zur Seite gelegt hätte mit den Worten: „Nein, ich kann das nicht, ich will bei der Familie bleiben.“ Oder Reinhold Messner am Fuße des Mount Everest gesagt hätte, „ach wisst Ihr, ich bleibe lieber in Südtirol“. Die Welt wäre wohl, vorsichtig formuliert, ein weniger armseliger geraten.

Zugegeben, das ist ein bisschen polemisch. Aber nur ein bisschen: Wir haben selbst ein Kind, und ich spreche auch gerne über den Kleinen, seine Entwicklungsschritte und die Dinge, die er tut. Es ist auch unser wichtigstes Thema. Es ist doch völlig normal, wenn junge Eltern sich über ihren Nachwuchs freuen und in den ersten Wochen kein anderes Thema mehr haben. Sie sind stolz, sie sind auch gefordert, denn gerade beim ersten Kind sind Eltern in eine neue Rolle geworfen, die nicht so leicht auszufüllen ist. Hinzu kommen gesellschaftliche Erwartungshaltungen, wie man sich als Eltern zu verhalten hat – und hier macht sich verdächtig, wer nicht im siebten Himmel schwebt. Das ist sinnvoll: Wer sein Kind gar nicht thematisiert, es also im wahren Sinne des Wortes nicht ausreichend zum Thema macht, könnte sein Kind tatsächlich vernachlässigen. Mindestens emotional, manchmal auch physisch.

Aber wann wird aus einer guten Sache eine pathologische? Wenn Eltern gar kein anderes Thema mehr kennen und all ihre Wünsche und unerreichten Ziele auf das wehrlose Kind projizieren? Das liegt nahe, zumal Psychologen meinen, dass gefestigte Persönlichkeiten etwas seltener die Kinder thematisieren als labilere Charaktere. Nicht weil sie ihre Kinder weniger lieb haben oder sie gar vernachlässigen, sondern weil sie sich nicht ausschließlich über die Kinder definieren. Sie definieren sich nicht nur als Vater oder Mutter, sondern eben auch als Individuum, das alleine wertvoll ist. Und über Beruf, Hobbys, vielleicht politische Einstellungen und allgemein Haltungen. Ist das egoistisch? Nein, denn diejenigen, die kein anderes Thema mehr kennen außer ihre Kinder, tun dies nicht nur, weil sie sie abgöttisch lieben, sondern sie lenken damit von sich selbst ab, schieben ihre Kinder ins Rampenlicht, um sich selbst im dunklen Schutzraum zu verbarrikadieren.

Dabei müsste ihnen klar sein: Wer viel über seine Kinder preisgibt, der erzählt vor allem viel über sich selbst. Wie schnell wird aus der Schilderung übers Kind ein impliziter Vortrag über die Weltsicht der Mutter oder des Vaters. Plötzlich steckt man mittendrin in der Betreuungsdebatte, bekommt Weisheiten zu den Geschlechterrollen untergejubelt oder zu Ausländern. Gerade bei Vollzeitmüttern erstaunt, wie sehr sie die Erziehung ihrer Kinder mit politisch-gesellschaftlichen Vorstellungen durchtränken, ohne sie explizit zu benennen. Da entwickeln Mütter eine Verve, die man von ihnen gar nicht gewohnt war, eine Verve zwischen Aggression und Euphorie, zwischen Offenheit und Abwehr. Solche Leute erscheinen besonders verletzlich, sie sind immer in der Gefahr, dass eine Bemerkung übers Kind sie schmerzt. Souveränität sieht anders aus.

Solange vor allem Mütter das Gros der Erziehungsarbeit in Deutschland übernehmen, bleibt das wohl auch ein besonders ausgeprägtes Mutter-Phänomen. Vollzeitmütter beschäftigen sich einfach am längsten und ausdauerndsten mit den Kindern, und zugleich erfahren sie weniger Einflüsse von außen. Darüber beschweren sich viele Mütter, vor allem wenn die Kinder langsam „aus dem Gröbsten heraus sind“. Viele umtreibt das Gefühl, nicht hinreichend anerkannt zu sein, im Gegensatz zu den berufstätigen Müttern. Sie fühlen sich dann gedrängt, Leistung zu zeigen in ihrem Tätigkeitsfeld, und das ist die Kindererziehung. In einer Gesellschaft wie der unsrigen, bei der man am ehesten Anerkennung bekommt, wenn man beruflich erfolgreich ist, ist das eine rationale Reaktion.

Aber ist sie auch gesund? Ja und nein. Ja, sie ist gesund, weil Kinder von der Zuwendung profitieren. Nein, sie ist ungesund, wenn Eltern aus ihrer Elternrolle etwas Hervorgehobenes ableiten, sich gar den Kinderlosen überlegen fühlen, die die wunderbaren Gefühle und Erlebnisse, die mit dem Kinderkriegen einhergehen, nicht erlebt haben. Das ist dann der Punkt, an dem Kinderlose aus dem Gespräch aussteigen, obwohl natürlich etwas dran ist. Aber der Fokus auf das Kinderthema ist nur dann sozial verträglich, wenn das Gegenüber nicht außer Acht gelassen wird. Beziehungen funktionieren nicht, wenn der eine erzählt und der andere nur artig zuhören muss. Das gilt für Freunde, erst recht gilt das für Beziehungen, die plötzlich Schlagseite bekommen, weil der eine Partner nur noch Augen für das Kind hat, aber nicht mehr für die Zweisamkeit, in der es mal nicht um den Nachwuchs geht. Stellen Sie sich im Gegenzug vor, Ihre Freundin spricht nur noch über ihren Job – wer könnte das auf Dauer ertragen?

Nicht zuletzt haben die Kinder ein Recht auf Eltern, die souverän mit beiden Beinen im Leben stehen – und sich für andere Themen interessieren. Sie haben ein Recht auf Privatheit, müssen nicht permanent im Spotlight ihrer Elternaufmerksamkeit stehen. Sie dürfen sich zurückziehen, ihre eigenen Schutzräume ausfüllen. Und dazu gehört ein gesundes Umfeld an Familie, Freunden und Bekannten, das nicht das Weite sucht, weil die Eltern nur noch über die Kinder reden. Das ist wie mit den Urlaubsbildern: Die ersten 30 bis 50 mögen interessant sein, danach wird es einfach nur noch zur Qual und man sucht verzweifelt den Notausgang. Da hilft es auch nicht, dass der Bildervortrag gut gemeint ist.

11. Sep. 2018
von Martin Benninghoff
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06. Sep. 2018
von Tanja Weisz
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Rock’n’Roll für Anfänger

© dpaDies ist der Beginn einer wunderbaren Liebesgeschichte.

Gestern hab ich es wieder getan. Werde ich es je lernen? Während mein Teenager in der Schule abhängt, saß ich brav wie die Lottofee zur festen Vorverkaufszeit am Rechner, tippte meine Kreditkartennummer ein und kaufte horrend teure Konzerttickets. (Weihnachten und Geburtstag zusammen, Kind!) Für eine Band, die noch ganz okay ist, wenn man das mit den Erfahrungen des ersten gemeinsamen Konzertbesuchs vergleicht. Aber dazu später.

Die Sache ist halt: Es geht dabei nicht ohne mich. Ob ich die Musik nun mag oder nicht – in die meisten Veranstaltungen werden Kinder unter 14 nicht alleine reingelassen, ein gepeinigter Erwachsener muss immer dabei sein. Und mein Geld wollen die auch noch.

Aber abgesehen vom schnöden Mammon: es geht hier um die musikalische Prägung meines Kindes, um den ewigen Stempel, den Musik unserem Nachwuchs in diesem Alter aufdrücken wird. Was meine Tochter heute mit 13 in hibbelige Aufregung versetzt, wird sie angeblich in 20 Jahren noch gut finden. Der Autor Seth Stephens-Davidowitz hat das in der New York Times überzeugend dargelegt. Er hatte die Lieblingslieder von Spotify-Usern untersucht und dabei festgestellt, dass bestimmte Songs von bestimmten Altersgruppen favorisiert wurden. Soweit wenig überraschend, aber er konnte eingrenzen, dass diese Lieblingssongs gerade in der Pubertät der User herausgekommen waren. Sprich: Was Jungs mit 14 gehört hatten, fanden sie fast immer auch noch mit 38 gut, die Mädchen entwickelten im Alter von 13 Jahren die größte Treue zu bestimmten Hits.

Ich möchte zumindest dabei sein, wenn die Musik während der Pubertät ein Ausrufezeichen setzt und die musikalische Früherziehung mit einem Wisch vom Brett fegt. Trommelnde Zweijährige, tanzbärige Vierjährige, Kinderchor in der Grundschule. Hat alles nix genutzt, denn nun stehen wir hier und müssen diesen Lärm ertragen.

An das erste Mal kann ich mich leider noch sehr gut erinnern. Ich dachte arglos, dass wir eine unbekannte Band in einem kleinen Saal zu sehen bekämen, wahrscheinlich würde das Publikum aus dem Türsteher, uns und den Eltern der Möchtegernmusiker bestehen. Es war doch ein ziemlicher Schock, als ich stattdessen auf eine Menschenschlange voller pickeliger junger Nerds traf, die sich einmal um die Konzerthalle gewickelt hatte. Wir reihten uns ein und ich durfte fortan nicht reden, nicht wippen, und vor allem nicht auffallen, denn sonst wäre mein Kind im Boden versunken.

Viele Eltern – hauptsächlich Mütter – standen ebenfalls schweigend und gottergeben in der Schlange. Und sie standen lange. Sie zahlten den wahren Preis, weil ihre Kinder ja noch zu klein sind, um sich den Spaß alleine reinzuziehen.

Als wir dem Eingang näherkamen, mehrten sich die verheulten Gesichter jener, die zwar rechtzeitig eine Karte gekauft, aber eben nicht daran gedacht hatten, sich erwachsenen Begleitschutz zu besorgen. Ich hätte spontan eine ganze D-Jugend-Mannschaft adoptieren können.

Drinnen dann erwartbar wildes Getöse und jede Menge schlaksige junge Menschen, die steif wie sperrige Möbelstücke im Raum standen und den Lärm mit stoischer Miene über sich hinwegbrausen ließen. Kein Tanz, keine Ekstase, nix.

Für die ahnungslos hereinstolpernden Eltern sahen die wild tätowierten Menschen auf der Bühne irgendwie alle gleich aus. Vorprogramm oder Hauptact, die Unterschiede schienen, was die Qualität der Geräusche oder der Performance anging, minimal. Obwohl man weder eine Melodie hörte noch eine Textzeile verstehen konnte, bewegte mein Kind wie hypnotisiert die Lippen mit. Und nicht nur meines, auch die Kinder der anderen waren demselben Kult verfallen.

Die Erwachsenen wichen vor diesem Anblick an die hinterste Wand zurück. Dort war es etwas leiser – und dort war die Bar. Erst war alles etwas umständlich, schließlich war jedes Elternteil wie eine wandelnde Garderobe mit mehreren Jacken und Taschen behängt und versuchte, die Brut in der Hitze des Raumes noch regelmäßig mit Wasser zu versorgen. Aber irgendwann verließen sich alle drauf, dass die Kinder in der drangvollen Enge gar nicht umfallen konnten, wir setzten uns auf die Kleiderberge und trösteten uns mit einem Bier. Irgendjemand gab eine Runde Ohrstöpsel aus. Und ich fühlte mich plötzlich wie meine eigene Großmutter.

Die Band von damals (aka 2017) ist zum Glück Geschichte. Aber jetzt ist die Tochter ja auch 13 und es kommt nun richtig drauf an. Nach einer ausufernden Lana-del-Rey-Phase werden wir uns also Anfang nächsten Jahres Panic! At The Disco ansehen. Damit ich vorbereitet bin, hat mein Kind mir schon angedroht, auf der nächsten langen Autofahrt mehrere CDs „zur Einstimmung“ mitzunehmen. Noch lächele ich.

Denn auch ich habe aufgerüstet. Nach Songs gesucht, die ich damals mit 13 gehört habe. Nicht die Top 10, sondern etwas aus jener Radiosendung, die ganze Alben laufen ließ und die ich spätabends mit dem kleinen Radio unter der Bettdecke gehört hatte. Bad Company und Kansas, seit der Plattenspieler verschrottet wurde, nicht mehr gespielt, waren damals mein Geheimrepertoire.

Als ich einzelne Songs auf Youtube wiederfinde, kann ich sofort die Texte mitsingen. Aber nicht nur das, ein Gefühl stellt sich sofort wieder ein: Meine eigene Welt erobert zu haben. Das, was damals nicht jeder in meiner Klasse kannte und hörte. Diese Musik gehörte nur mir und nur ich konnte sie verstehen. Sie pochte sich direkt in mein Herz hinein, in meinen Bauch, in jede Faser.

Heute kommt noch ein neues Gefühl hinzu: Das sind musikalische Vorlieben, für die ich mich schämen sollte. Aber das geht ja gar nicht, ich war doch 13 und wurde geprägt! Vielleicht kann ich mich daran erinnern, wenn ich das nächste Mal an ihre Zimmertür klopfe und kopfschüttelnd auf die fremden Töne dahinter lausche.

06. Sep. 2018
von Tanja Weisz
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04. Sep. 2018
von Anna Wronska
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Jedem Anfang wohnt ein Zaudern inne

© Picture AllianceDoppeltes Glück, doppelter Ärger? Langweilig wird es zu viert jedenfalls sicher nicht.

Neulich hatte ich einen dieser angeblich typischen Schwangeren-Träume: intensiv, hyperrealistisch, quasi in HD. Ich war in der Klinik zum Babykriegen, aber ich hatte keine Wehen, sondern bin allein von Untersuchungszimmer zu Untersuchungszimmer getigert. Und in jedem dieser leeren, trostlosen Räume brach ich in Tränen aus, weil ich nirgends meinen großen Sohn Ben finden konnte. Die Verzweiflung fühlte sich so real an, dass ich heulend aufgewacht bin. Vermutlich die Hormone.

Der Traum war aber auch auf eine Art symptomatisch. Ich befinde mich im Endspurt meiner Schwangerschaft – wobei „Spurt“ etwas in die Irre führt, wenn man gute 15 Kilo zugenommen hat und auf elefantösen Beinen voller Wasser- und ganz vielleicht auch Fetteinlagerungen eine Kugel vor sich herträgt, in die das Baby vermutlich auch im Kindersitz reinpassen würde. Es sind damit auch die letzten Wochen allein mit unserem großen Sohn. Und während wir uns alle sehr auf den Zuwachs freuen, schleichen sich immer wieder auch Momente der Wehmut ein. Denn es ist toll mit Ben, auch inklusive der obligatorischen Negativ-Ausreißer im Familienalltag.

Ich hatte schon einmal dieses beklemmende Gefühl, dass ein Kapitel meines Lebens endet und ich noch gar nicht so weit bin: ein paar Stunden nach Bens Geburt, als er im Krankenhaus im Beistellbett schlief, mein Mann ebenfalls eingeschlafen und zum ersten Mal alles ruhig war. „Warum muss alles anders werden? Es war doch schön, so wie es war!“, dachte ich und schniefte in die Kissen. Bitte nicht falsch verstehen: Ben ist ein absolutes Wunschkind. Es war wohl der klassische Baby Blues: der Hormonabfall nach der Geburt, verbunden mit der Erschöpfung und dem Gefühl der Überforderung angesichts dieses hilflosen Bündels.

Nach dieser Heulattacke sollte das bisher wunderbarste neue Kapitel meines Lebens beginnen. Aber Veränderung macht eben nicht immer nur Freude, oder zumindest nicht bei mir, oder zumindest nicht sofort. Vermutlich wird es diesmal ähnlich sein. Der große Unterschied ist, dass diesmal kein sorgenfreies Pärchendasein endet, sondern noch ein weiterer kleiner, ziemlich wichtiger Mensch von der Veränderung betroffen ist. Dabei mache ich mir eine Sorge ganz sicher nicht: dass mir die Liebe ausgeht. Sie kennen vermutlich den Spruch: „Die Liebe ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt.“ Ich finde ihn schrecklich ausgelutscht und kitschig und wahr. Ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass ich mein zweites Kind genauso lieben kann wie das erste, und dass das erste kein bisschen Liebe dafür abgeben muss.

Nur: Die Zeit und die Kraft, die man zur Verfügung hat, verdoppeln sich leider nicht. Und selbst das mit der verdoppelten Liebe ist einem fast Vierjährigen nicht so einfach zu vermitteln. Deshalb gehen mir immer wieder dieselben Fragen durch den Kopf – wie vermutlich tausenden anderen Eltern vor der Geburt ihres zweiten Kindes: Wie kommt der große Sohn damit klar, dass er bald nicht mehr die alleinige Nummer eins zu Hause ist, dass er gelegentlich zurückstecken muss, weil das Geschwisterchen gerade verarztet wird? Fühlt er sich womöglich weniger geliebt? Wie sorgen wir dafür, dass die Eifersucht nicht zu groß wird und der eine dem anderen in einem unbeobachteten Moment nicht die Augen auskratzt? Wie werden wir den unterschiedlichen Bedürfnissen zweier Kinder, die altersmäßig doch recht weit auseinander sind, gleichermaßen gerecht? Was macht all das mit unserem Alltag und, ach so, unserer Ehe?

Wir haben versucht, in den vergangenen Wochen und Monaten ein paar Grundsteine dafür zu legen, dass der Start ins Leben zu viert gelingt. Wir haben viel mit Ben über die Ankunft seines Bruders gesprochen – wobei er, bei entsprechender Tagesform, mit großer Begeisterung aufzählte, was er dem Kleinen alles beibringen wird. Wir haben den Babybauch gemeinsam gestreichelt, bequatscht und beobachtet, wie er sich in alle möglichen Richtungen ausbeult (ein alieneskes Gefühl, das ich definitiv nicht vermissen werde). Wir haben Erklärbücher angeschaut, in denen man den moderaten Bauch einer stets wohlfrisierten, strahlenden Mama lustig auf- und zuklappen kann, um darin mal kurz nach dem Rechten zu sehen (alles sehr kindgerecht und sehr absurd). Nicht gelungen ist uns leider, eine zufriedenstellende Antwort auf Bens Frage zu finden, wo Babys sind, bevor sie geboren werden („War ich vorher in der Schublade?“ – „Nein, du warst nicht auf der Welt.“ – „War ich im Himmel?“ – „Nein. Du warst einfach nicht da.“ – „Aber wo WAR ICH?!“). Falls Sie hier einen Rat haben, gerne her damit!

Wir werden ihm in den nächsten Tagen noch eine Babypuppe kaufen, die er schon mal umsorgen kann – ja, auch Jungs dürfen Babypuppen haben. Ein kleines Geschenk für Bens ersten Besuch im Krankenhaus wird es ebenfalls geben; wir werden allerdings explizit nicht behaupten, es sei vom Baby, um in dessen Namen schon mal gute Stimmung beim großen Bruder zu machen. Wenn man ständig betont, dass das Neugeborene außer Heulen, Pupsen und Trinken anfangs noch nicht viel kann, ist es vermutlich für den großen Bruder nur bedingt glaubwürdig, dass es kurz nach der Abnabelung noch schnell im Spielzeugladen um die Ecke shoppen war.

Ob all diese Vorbereitungen etwas nützen? Ich weiß es nicht. Vielleicht läuft er trotzdem Amok, wenn er merkt, dass der Kleine WIRKLICH nach Hause mitkommt und WIRKLICH da bleibt. Im Moment können wir uns nicht vorstellen, dass es Probleme gibt. Erst gestern küsste er morgens unvermittelt meinen Bauch und sagte: „Tschüss, Baby! Dein großer Bruder geht jetzt in die Kita!“, und ich wäre fast wieder mal in Tränen ausgebrochen. Die Hormone.

Mamas dicke Trommel ist bisher jedenfalls „nur“ ein Kuriosum und der Inhalt noch keine Gefahr. Doch schon sehr bald nach der Geburt wird die neue Familienkonstellation auf eine erste harte Probe gestellt: Fünf Tage nach dem geplanten Kaiserschnitt wird der große Bruder vier Jahre alt, und er freut sich seit Monaten auf seine erste richtige Geburtstagssause. Die wird am Tag des Geburtstags selbst nicht klappen, das weiß er schon, aber immerhin sind dann die Großeltern da und werden ihn schon mal ein bisschen verwöhnen. Aber natürlich wollen wir auch, dass er möglichst bald darauf auch mit ein paar Freunden auf die Pauke hauen kann. Wenn das aufgrund des Babys nicht klappt, würde er uns und ihm das übelnehmen. Einen zweiten Kindergeburtstag zu planen, ist allerdings schwer, solange man nicht weiß, ob beim ersten alles gutgeht, wann ich aus dem Krankenhaus nach Hause komme und was dann noch vorzubereiten ist.

Bei all diesen Unwägbarkeiten gibt es einen ganz großen Fels in der Brandung: meinen Mann. Er weiß, dass er als Vater eine genauso bedeutende Rolle in der ganzen Sache spielt wie ich, und dass es auch von ihm abhängen wird, wie das Leben zu viert funktioniert. Das überrascht mich selbst nicht wirklich; wäre er nicht so, wäre ich wohl kaum (noch) mit ihm verheiratet. Aber leider ist es wohl bis heute nicht ganz selbstverständlich. Weil er von Anfang an genauso für unseren großen Sohn da war wie ich (nicht in Stunden vielleicht, aber in Zuwendung und Geduld und allem anderen) und Ben genauso „Papakind“ wie „Mamakind“ ist, mussten wir ihn nicht erst darauf vorbereiten, dass er in den nächsten Wochen zeitweise ein bisschen mehr mit seinem Vater zusammen sein wird als mit mir. Im Gegenteil, es werden schon eifrig Pläne für coole Vater-Sohn-Ausflüge geschmiedet. Insgeheim bin ich vielleicht diejenige, die hier ein klein wenig eifersüchtig werden könnte. Aber das sind bestimmt nur… Sie wissen schon.

04. Sep. 2018
von Anna Wronska
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30. Aug. 2018
von Janosch Niebuhr
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Elternabend – der ultimative Bildungskanon

© Picture AllianceMit den Zahlen fängt es an, und bald pauken sie Wildschweingebisse: Der Lehrplan erschließt sich nicht jedem.

Ich lese zurzeit das Buch „Was unsere Kinder wissen müssen. Ein Kanon für das 21. Jahrhundert“. Geschrieben hat es der Bildungsredakteur einer großen deutschen Wochenzeitung, die angeblich gern von Lehrern abonniert wird. (Vielleicht auch von den Lehrern meiner Töchter! Wer weiß…) Aber ich lese es natürlich nicht wegen meiner Kinder. Wie alle Erwachsenen lese ich Bildungskanones immer fürs eigene Ego: Abgleichen, ob das eigene Halbwissen noch konkurrenzfähig ist. „Ja klar, das muss man kennen!“, „Das ist jetzt aber wirklich sehr speziell!“, „Das muss ich vielleicht auch mal lesen/anschauen/anhören/verstehen. Irgendwann“.

Natürlich bin ich einigermaßen erleichtert, wenn am Ende herauskommt, dass ich von den kanonisierten Werken doch einige kenne. Star Wars zum Beispiel, Harry Potter und „Der Mond ist aufgegangen“ (leider nicht alle Strophen). Das bisschen, was dann noch fehlt (zum Beispiel „Das Ziegenproblem. Denken in Wahrscheinlichkeiten“ aus der Feder eines anderen Redakteurs der gleichen Wochenzeitung) kommt auf meine To-Do-Liste. Solche Wissenslücken sind leicht zu schließen.

Schwieriger sind die Lücken zu füllen, auf die ich in regelmäßigen Abständen durch die Schule meiner Kinder gestoßen werde. Im Elternabend der 4. Klasse zum Beispiel, der Klasse meiner Mittleren. Da sitze ich zusammen mit anderen Eltern an viel zu kleinen Tischen, knabbere an einem alten Schokoladenkeks und lasse meinen Blick über die Lernposter an den Wänden schweifen. Ach ja, Plusquamperfekt und Präteritum und Perfekt und Futur 1. Schöne Zeiten waren das. Die Deutschlehrerin erzählt gerade etwas über die Lerninhalte in ihrem Fach, das Ganze gebe es aber später für die Eltern auch als Handout. Entspannte Gesichter. Dann, ohne Vorwarnung: „Und, wer weiß, welche Zeitform das hier ist: ‚Du wirst es schaffen‘?“ Stille im Klassenzimmer. Mikado-Stille. Jetzt nur nicht bewegen. Die Deutschlehrerin schaut die Eltern erwartungsvoll an. Keiner rührt sich.

Natürlich wissen wir Eltern, was für eine Zeitform das ist. (Meine Jüngste würde sagen: „Das ist doch babyeierleicht“) Aber das war so nicht abgemacht! Wir müssen hier nichts beweisen! Wer jetzt antwortet, blamiert sich entweder oder er outet sich als Lehrerschleimer und Streber. Die Deutschlehrerin kürzt die peinliche Stille ab, nuschelt etwas von „Zukunft, das wissen Sie ja alle“, dann stellt sie den Rest des Unterrichtstoffs vor. Weitere Überraschungen gibt es nicht mehr. Auch die Deutschlehrerin hat jetzt verstanden, dass wir Eltern nicht abgeprüft werden wollen. Ob es denn noch Fragen gebe. Jetzt kommt er, der Gegenangriff, sie hat es nicht anders verdient! Eine Mutter formuliert ihn: Ob denn der Genitiv überhaupt keine Verwendung mehr finde, gar nicht mehr geübt würde. „Die Kinder verwenden immer dieses falsche ‚wegen dem‘“, erklärt die Mutter mit leichter Empörung in der Stimme. Die Deutschlehrerin schaut die Mutter etwas irritiert an. Das hat sie nun davon, die Pädagogin! Kommt sie uns mit Konjugation, schlagen wir Eltern mit Deklination zurück. Doch, natürlich, der Genitiv nach „wegen“ würde auch noch geübt, erwidert die Deutschlehrerin leicht ermattet. Tatsächlich sei es aber schwierig, weil er in der Umgangssprache so selten verwendet würde.

Eine unbefriedigende Antwort, meinetwegen, aber wegen dieses/diesem/des/dem Problem(s) würde ich mich jetzt nicht sorgen. Entspannt euch mal, ihr Kulturpessimisten! Überhaupt läuft an unseren Schulen vieles sehr sehr gut, besser als die ewige Bildungsdebatte vermuten lässt. Oder in den Worten des oben erwähnten Bildungsredakteurs der großen deutschen Wochenzeitung: „Wenn morgens um acht im ganzen Land die Schulglocken klingeln, dann wird damit nicht der Untergang des Abendlandes eingeläutet.“ Weiterlesen →

30. Aug. 2018
von Janosch Niebuhr
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28. Aug. 2018
von Chiara Schmucker
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Schwangerschaftsübelkeit? Dann wird’s ein Mädchen!

© Picture AllianceSag mir, wie es dir geht, und ich sage dir das Geschlecht deines künftigen Babys – wenn es doch so einfach wäre.

„Ein Junge, eindeutig.“ Die zierlichen Hände meiner italienischen Friseurin (keine Kinder, aber ein Heer von Nichten und Neffen) liegen nur wenige Sekunden auf meinem prallen Babybauch, doch ihr Urteil ist ohne Zweifel. „Junge“, sagt auch meine sehr bodenständige Kosmetikerin, die selbst Sohn und Tochter hat, und deren Begründung dann wiederum so gar nicht bodenständig klingt: „Dieses Jahr wachsen viele Walnüsse an den Bäumen und in Jahren mit vielen Walnüssen gibt es auch viele Jungs.“ Merkwürdig am Nuss-Orakel ist nur, dass gefühlt alle um mich herum Mädchen bekommen. Die Nachbarinnen, die Paare im Geburtsvorbereitungskurs und die Kolleginnen im Büro. Nur ich soll einen Walnuss-Jungen bekommen?

Mein Mann und ich haben uns entschieden, erst bei der Geburt erfahren zu wollen, ob da ein kleiner Bub oder ein Mädchen künftig das Leben mit uns teilen wird. In einer Zeit, in der man alles kontrollieren kann, wollen wir uns ein bisschen Magie erhalten. Das Geschlecht ist zweitrangig, auch wenn wir natürlich sehr gespannt sind. Ich hoffe, dass dieses Kribbeln mir während der Geburt den nötigen Kick für den Endspurt bringt. Außerdem glaube ich, dass der Gender-Wahn noch früh genug vor allem über Mädchen hereinbricht – das muss nicht schon im Bauch beginnen.

Der ausdrückliche Wunsch, sich überraschen zu lassen, ist selten geworden, seit der Ultraschall vor etwa 40 Jahren in Deutschland zur Routine-Untersuchungsmethode geworden ist. Meist lässt sich heute das Geschlecht des Kindes ja schon bestimmen, bevor die werdende Mutter ihre Schwangerschaft überhaupt spürt. Nur zwei von hundert Paaren wollen es heute absichtlich nicht wissen. Wir sind eins davon.

Am meisten Freude bereiten mir die Reaktionen der anderen, wenn wir die Frage, was es wird, nicht beantworten können. „Krass, könnte ich nicht, würde ich nicht aushalten“, ist die häufigste Reaktion – und dabei spielt es keine Rolle, ob die Fragenden selbst Kinder haben oder nicht. „Wie beeindruckend“, sagen andere oder mitleidig: „Oh, wollte es sich nicht zeigen?“ Meine Schwiegereltern nehmen uns das Unwissen erst gar nicht ab und achten sehr genau darauf, ob wir uns nicht doch mal verplappern. „Ach, da bin ich aber froh“, sagt hingegen die Frauenärztin, denn oft wollten Paare schon in der neunten, zehnten oder zwölften Woche unbedingt das Geschlecht wissen, und das setzt wiederum die Mediziner unter Druck. Die Ärztin erwähnt aber auch, dass sie sich auch schon verplappert habe bei Paaren, die sich eigentlich überraschen lassen wollten. Bisher haben wir Glück gehabt.

Da wir geschlechts-informationstechnisch also nicht liefern können, orakelt nun das ganze Umfeld mit. Isst du lieber süß (Tochter) oder salzig (Sohn)? Schläfst du auf der rechten Körperseite (Tochter) oder auf der linken (Sohn)? Auch Brustform, Urin, Herzschlag des Kindes und warme oder kalte Füße gelten als Indizien. Künftige Töchter kommen in den Volksweisheiten übrigens meist deutlich schlechter weg als künftige Söhne: Sie sind angeblich schuld daran, wenn der werdenden Mutter in der Schwangerschaft übel wird, die Haut unrein, der Teint fahl und die Hüften breit werden. „Eine Tochter raubt ihrer Mutter die Schönheit.“ Bei Jungs hingegen – schmale Hüften, spitzer Bauch, volles Haar und strahlender Teint der Mutter. Nur eine Prognose lässt uns etwas erstaunt zurück: Es seien harte Zeiten, sagt ein Freund, es gehe auf Krieg zu – in solchen Zeiten würden vor allem Jungs geboren.

Mehr als Mythen sind die Volksweisheiten nicht, die Trefferquote liegt bei ziemlich genau 50 Prozent. Noch weniger ausschlaggebend ist unser Klopf-Orakel an meinem Bauch. Hallo Baby, klopf klopf, wer bist du? Tritt zweimal, wenn du ein Mädchen bist. Keine Reaktion. Bist du ein Junge? Keine Reaktion. Und dann, nach einigen Sekunden: Pamm, pamm, pamm gegen die Bauchdecke. Unser Baby kommuniziert, aber nicht über sein Geschlecht. Also hilft nur eins: Hundeorakel. Zielsicher schnappt sich unser Hund das Leckerli aus dem blauen Eimer, den rosafarbenen lässt er links liegen. Nur dass er mit der gleichen Orakeltechnik kurz vor dem WM-Finale Kroatien als Fußball-Weltmeister voraussagt, lässt im Nachhinein leichte Zweifel aufkommen.

Als einziges zumindest in Teilen verlässliches Orakel gilt übrigens die Intuition der Mutter, haben Wissenschaftler der John Hopkins Universität herausgefunden. Dumm nur, dass ich anfangs überzeugt davon war, ein Mädchen zu bekommen, dann einen Jungen, jetzt wieder ein Mädchen. Eine gute Freundin hat auch dafür eine Erklärung: Euer Kind wird Transgender. So einfach ist das also. Die rosa Bettwäsche habe ich vorsorglich schon mal gewaschen.

28. Aug. 2018
von Chiara Schmucker
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23. Aug. 2018
von Janosch Niebuhr
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Meine, deine, unsere Sachen

© Picture AllianceAuf einem Ohr hört man genug: Kinder sind Experten im Teilen.

Auf unseren Dachboden steigen zu müssen, kommt auf meiner Liste zu vermeidender Familienaufgaben noch vor Spülmaschine ausräumen und Wäsche sortieren, knapp hinter Kaugummi aus dem Papierkorb kratzen. Im Spätsommer rückt der Dachboden sogar auf Platz 1. Dann ist es da oben heiß und stickig, es riecht nach alten Kleidern, vor allem kann hinter jeder Kiste, jedem Dachbalken ein Wespennest hängen. Ein bewohntes. Wenn ich also tatsächlich im Spätsommer die Dachbodentreppe herunterklappe (und mir dabei ein Dutzend Fluginsekten-Leichen ins Gesicht fallen), dann mach ich das nur aus einem einzigen Grund: wegen des Geldes.

Dort oben lagert nämlich, in Kisten, Koffern und Plastiktüten verpackt, ein kleines Vermögen. Gewaschen, gefaltet und sortiert nach Größen, Saison und Anwendungszweck. „98/104“, „110/116“, „122/128“, „Kinderschuhe bis Gr. 30“, „Winterkleidung“ und so weiter. Meine Frau verwaltet dieses Vermögen, bildet regelmäßig neue Portfolios („130/140“ oder „Wandern/Sport“) und initiiert Vermögensumschichtungen, wenn ein Kind eine neue Kleidergröße hat. Begabungsgemäß beschränke ich mich dabei auf einfache Transport- und Handlanger-Dienste, andernfalls gäbe es auf dem Dachboden nur zwei große Müllsäcke: „alte Kinderkleider“ und „alte Kinderkleider – wird noch gebraucht“.

Warten auf ihren erneuten Einsatz: die Kleider der älteren Geschwister

Seit der Erfindung der Mehrkindfamilie – also schon sehr lange – ist das Auftragen von Kinderkleidern eine fest etablierte familiäre Disziplin, die früher offen, inzwischen eher verschämt praktiziert wird. Denn das Wort „auftragen“ ist leider aus der Mode gekommen (im Gegensatz zu Second-Hand-Kinderläden und Flohmärkten). Dabei bezeichnet das Wort eine der besten Nachhaltigkeitsstrategien, die Familien – aber auch jedem anderen Konsumentenhaushalt – zur Verfügung steht. Der Duden definiert „auftragen“ so: ein Kleidungsstück so lange tragen, bis es völlig zerschlissen ist. So weit gehen wir bei uns nicht, aber ich arbeite daran. Ich finde, man muss keine neuen Kinderjeans mit Löchern kaufen, wenn die Löcher auch so kommen. Und shabby chic kriegt man auch hin, wenn jüngere Kinder ihre Möbel von den älteren übernehmen.

Der Vorteil der Mehrkindfamilie ist tatsächlich, dass sie die Abschreibungsdauer von Kleidern, Spielsachen, Büchern, Möbeln deutlich erhöhen kann. Besonders wenn man – wie bei uns mit drei Mädchen– auf Geschlechtsdifferenzierung verzichten kann: Pinkfarbene Unterhosen mit Prinzessinnen und Einhörnern können so meist ohne Widerstände weitergereicht werden. Bis sie nur noch in die Restmülltonne passen. Wenn irgendwo ein Nachhaltigkeitssiegel draufgeklebt werden sollte, dann bitteschön auf die staubigen Kisten, Koffer und Tüten auf unserem Dachboden.

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23. Aug. 2018
von Janosch Niebuhr
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21. Aug. 2018
von Martin Benninghoff
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Nicht die Mama!

© DPA Picture AllianceNicht die Mama! Wenn das Baby sprechen lernt, kommen nicht alle Familienmitglieder gut weg.

Wann sollte mein Kind sprechen können? Pädagogen halten den Ball flach und sagen meist, bis zum zweiten Lebensjahr sei fast jedes Tempo in der Entwicklung normal. Einzelne Wörter oder Zwei-Wort-Sätze, je nach der Zeit, die sich ein Kind lässt, je nach Geschlecht. Jungs brauchen nach landläufiger Meinung und wohl auch nach wissenschaftlicher Ansicht etwas länger als Mädchen (hier gibt es allerdings verschiedene Ansichten, wie gravierend die Unterschiede sind). Ruhig Blut also! Bei Elias habe ich mir irgendwann schon ein paar kritische Gedanken gemacht, ob sein Tempo stimmt. Junge hin, Junge her. Wir sprachen viel mit ihm, lasen ihm vor. Er hatte zwar für sein Alter ein umfangreiches passives Wortverständnis: Wenn man ihn bat, holte er einem den Spielzeughammer. Oder er schaltete die Stereoanlage alle dreißig Sekunden aus, worum ich ihn allerdings nie gebeten hatte, wirklich nicht. Aber aktiv sprechen? Das wollte er nur sparsam und mit wenigen Wörtern.

In der Lall-Phase der ersten Lebensmonate bezeichnete er seine Umgebung mit speziellen Wortkreationen, die bis heute nicht im Duden stehen, aber trotzdem von den Eingeweihten, also von uns, verstanden wurden. Als wir beispielsweise auf Reisen mit Wohnmobil waren, weckten uns morgens gelegentlich irgendwelche Krähen, die vor dem Autofenster einen unglaublichen Tumult veranstalteten. Elias war sofort fit und wach – und begrüßte uns und die schwarzen Vögel mit seinem eigens adaptierten Krähensound. Zurück in Deutschland zeigte er großes Interesse an den stets zur Unzeit gurrenden Tauben, die bräsig auf dem Dach hockten, „gurr-gurr“. In einem Anflug geistiger Umnachtung imitierte ich damals die Fluggeräusche der von mir ungeliebten Tauben, etwa so: „faffaffaffaffaffaffaffaffaffa“. Zu meinem Glück intoniert Elias diese Geräusche auch heute noch bei jedem Vogel, der im Tornado-Tiefflug über die Veranda stürzt.

Aus den Zwei-Silben-Lauten entwickelte Elias danach das obligatorische „Mama“. Wie der Name schon sagt, bezeichnet er damit in erster Linie die Mama. Allerdings in zweiter Linie und in stoischer Unbeirrbarkeit bis heute auch mich. Wenn der Kleine auf Mamas Arm ist und ich den Raum verlasse, ruft er mir „Mama, Mama“ hinterher, was in meiner positiven Interpretation so viel heißt wie „Papa, bleib hier“. Hoffentlich heißt es nicht: „Gut, dass Du gehst.“ Wie auch immer, manchmal nennt er mich „Mama“ und schüttelt dabei den Kopf, sozusagen als Nemesis der Mama oder auch: „Nicht die Mama“. Ist das frühkindliche Dialektik? Ganz so schmeichelhaft finde ich das nicht, und daran ist die amerikanische Disney-Serie „Die Dinos“ aus den neunziger Jahren schuld. Das notorisch aufsässige Baby Sinclair bezeichnet darin seinen vertrottelten Vater Earl, einen Baumschubser, eine Art Homer Simpson der Kreide- und Jurazeit, mit hinreißender Konsequenz als „Nicht die Mama“, im amerikanischen Original „not the mama“, um ihn größtmöglich ins Abseits der Familie zu stellen, wo er dank der Schwiegermutter sowieso schon steht.

Wirklich persönlich nehme ich das natürlich nicht, im Gegenteil: Wie mir meine Frau, gelernte Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, versichert, zeigt sich darin nur die Tatsache, dass Elias uns als Einheit begreift, die zusammengehört und seine kleine Welt stabilisiert. Also doch Dialektik mit Mama-These und Papa-Antithese, die er in seine eigene, die Welt stabilisierende Synthese überführt. Die Ausdifferenzierung dieser kuscheligen kleinen Behaglichkeit ist ja in vollem Gange, und manchmal verplappert er sich jetzt und sagt „Papa“. Aber es wirkt jedes Mal so, als hätte er sich versprochen. Wenn ich ihm mit dem Wort „Papa“ komme, schaut er mich mit großen Augen an und nutzt die nächste Gelegenheit, vom Thema abzulenken, indem er nach draußen zeigt: „Faffaffaffaffaffaffaffaffa“.

Mittlerweile explodiert seine Sprachentwicklung. Alles und jedes wird bezeichnet, und sei es auch nur der schnöde Kamin am Nachbarhaus. „Min Min“, sagt er dann, und ich weiß kaum, was ich sagen soll, außer: „Ja, Min, äh Ka-Min. Genau, Kamin!“ In unserer Wohnung möchte er derzeit gefühlte hundert Mal am Tag die Treppe hochsteigen. Da ich meistens eher unwillig bin, schiebt er mich mit erstaunlicher Vehemenz vom Gartenstuhl und in Richtung der Treppe, während er im Brustton kleinkindlicher Überzeugungskraft „hoben, hoben“ sagt, eine Mischung aus „hoch“ und oben“. Meines Wissens nach auch ein Begriff, der es bislang nicht in den Duden geschafft hat.

Allerdings ist das eine gefährliche Zeit. Für meine Frau und mich. Nachdem wir neulich ein paar Tage im Urlaub waren, wo man eben abends nochmal irgendwo im Landgasthaus essen geht, sagt Elias zu jedem gefärbten Getränk, egal ob Cola, Apfelsaft oder Wein, „Bier“. Alles ist ihm „Bier“, selbst Bier ist „Bier“ bei ihm, was ja an sich beruhigend ist. Allerdings ließe der Fokus auf Alkohol tief in unsere privaten Gewohnheiten blicken, wenn es denn stimmen würde. Trotzdem fühlt man sich ertappt, wenn er das bei der Tagesmutter permanent zum Besten gibt. Schlimmer aber als das in unserer Kultur allseits anerkannte Rauschgetränk Bier sind die Begriffe, die einem zuhause mal eben herausrutschen, und die ich hier schriftlich nicht wiedergeben will. Die plappert Elias furchtbar gerne nach, so dass ich mich künftig dringend am Riemen reißen muss. Das dürfte allerdings ein auswegloses Unterfangen sein, und ich kapituliere schon in dem Moment, in dem ich diesen Satz hier aufschreibe.

Jedenfalls sind wir mittlerweile sehr entspannt, was die Sprachentwicklung angeht. Die Dinge, die man beherzigen sollte, um den Prozess zu unterstützen, tun wir meistens sowieso: viel sprechen mit dem Kind, auch beim Wickeln erzählen, benennen und erwidern, dem Kind zuhören, Bücher vorlesen und auch mal ein Lied vorsingen, denn mit Sprachmelodie geht vieles leichter. Der Rest kommt dann hoffentlich von selbst. Vielleicht sogar das Wort „Papa“. Eines Tages. Bald. Wenn ihn die Tauben nicht mehr interessieren. „Faffaffaffaffaffaffaffaffa“.

21. Aug. 2018
von Martin Benninghoff
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14. Aug. 2018
von Anna Wronska
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Geplante Geburt: Einmal „Kinderkriegen light“, bitte?

© dpaSchnitt, zack und fertig? So easy ist das mit dem Kaiserschnitt leider nicht.

Ich habe lange überlegt, ob ich wirklich einen Beitrag zu diesem Thema schreiben soll. Denn ich wusste, dass ich mich damit auf vermintes Terrain begebe. Und auf ein sehr intimes noch dazu. Andererseits: Sie werden mich wohl kaum an der Supermarktkasse darauf ansprechen. Und: Es gibt Dinge, die müssen einfach raus.

So wie mein zweites Kind. In wenigen Wochen schon. Und ich habe mich entschieden, dass das per geplantem Kaiserschnitt passiert. Bemerkenswert viele Menschen haben mir seitdem ihre Meinung zu ihrer (mich betreffenden) bevorzugten Gebärmethode mitgeteilt, der überwiegende Teil von ihnen ungefragt. Ja ich weiß, vielleicht hätte ich selbst schlicht den Mund halten sollen. Es geht ja niemanden etwas an, durch welche Art von Öffnung mein Kind erstmals die Welt erblickt. Aber so etwas wie Diskretion hält die Leute ja leider auch nicht davon ab, zu fragen: Und? Wann GENAU ist es soweit? Und wie organisiert ihr die Geburt? Wer bleibt beim großen Bruder, wenn das Kleine sich auf den Weg macht?

Wenn man nicht lügen oder sich irgendetwas zusammenstammeln will, kommt man unweigerlich zu der Antwort, dass im Zuge der Geburtsplanung alles weitgehend terminiert und organisiert sei. Die Top Drei meiner bisherigen Lieblingsreaktionen bzw. Reaktionstypen darauf lauten, in aufsteigender Reihenfolge:

3. „Ach?“ (große Augen, Mund leicht offenstehend, auf weitere Erklärung wartend)

2. „Oh.“ (besorgter Blick, Lesart: „Das tut mir leid. Was stimmt nicht mit dir/euch?“)

1. „Mach das bloß nicht! Diese Wehen MUSS man einfach erlebt haben!“ (in anderen Worten: „Mittendrin statt nur dabei! Am besten mit Krawall und Remmidemmi, dann weißte erst richtig Bescheid! Come on, haben doch vor dir schon Millionen andere Frauen geschafft!“)

Stimmt, aber es sind auch Millionen Frauen und ihre Kinder bei der Geburt krepiert, nur fiel das über lange Zeit nicht weiter auf. Ich habe mir bei der oben genannten Erstplatzierten nicht die Mühe gemacht, meine Entscheidung zu begründen, hier tue ich es kurz: Bei der Geburt meines ersten Kindes vor knapp vier Jahren gab es zu Beginn unerwartete Komplikationen, die letztlich eine sogenannte „eilige sekundäre sectio“ erforderlich gemacht haben (nicht gleichbedeutend mit einem Notkaiserschnitt). Die Stunden zuvor, in denen es aussah, als könnte das Ganze furchtbar schief gehen, waren die längsten und schlimmsten in meinem Leben, und das „erlebt zu haben“, wünsche ich niemandem. Auch, wenn es keine Anzeichen dafür gibt, dass es sich wiederholt – auszuschließen ist es nicht. Da hilft es mir, wenn ich die Ungewissheit zumindest über den Verlauf der Geburt mithilfe der modernen Medizin in nicht unerheblichem Maß reduzieren kann.

Das zweite ausschlaggebende Argument für den Kaiserschnitt ist die zeitliche Planbarkeit der Geburt. Nicht, weil ich zu einer bestimmten Zeit noch arbeiten oder urlauben oder zur Pediküre müsste, sondern, weil wir einen fast vierjährigen Sohn haben, für den ebenfalls bald ein neues Kapitel beginnt. Mein Mann und ich wollen für ihn rund um die Geburt möglichst viel Normalität und wenig Ausnahmezustand. Bei einer spontanen Geburt besteht das Risiko, dass es nachts um drei losgeht, und da die Verwandtschaft weit weg wohnt und Ben noch nicht bei Freunden oder Nachbarn übernachtet hat, wäre das ein echtes Problem. Ein gewisses Risiko bleibt freilich auch bei einem terminierten Kaiserschnitt bestehen – es könnten ja trotzdem vor dem Termin spontane Wehen einsetzen, aber dann greift eben ein Notfallplan, der da heißt: Mama allein ins Krankenhaus, Papa bleibt bei Ben.

Die Menschen in unserem näheren Umfeld, die diese Beweggründe kennen, haben meist Verständnis für unsere Entscheidung und halten sich mit Besserwissereien zurück. Oft sind es nur kleine, unbedachte Formulierungen, die mich aufhorchen lassen: „Wir wollen es erst einmal normal probieren“, zum Beispiel. Eine Bekannte, heute fast 60, erzählte mir über ihren 20 Jahre zurückliegenden Kaiserschnitt, dass sie bis heute bedaure, es nicht „selbst geschafft“ zu haben. Eine Freundin berichtete mit folgenden Worten von der Geburt ihrer Tochter: „Meine Hebamme wollte schon einen Arzt zum Kaiserschnitt holen, aber ich habe mich geweigert, und dann haben sie eben zu viert auf meinen Bauch gedrückt, bis das Kind da war.“ Sie klang stolz, dem Rat der Hebamme nicht gefolgt zu sein. Ich freue mich ehrlich für sie, dass alles gut gegangen ist. Aber vier Leute, die mir mein Kind mit aller Macht aus dem Leib pressen, weil die Geburt von selbst nicht vorankommt? Nichts für mich.

Im Übrigen könnte man trefflich darüber diskutieren, was eigentlich heutzutage eine „natürliche“ oder „normale“ Geburt ist, bis zu welchem Punkt man sie „selbst geschafft“ hat und ab wann nicht mehr: Erst ab der OP? Oder ab der Wehen-Einleitung? Ab der PDA? Ab dem „Draufstemmen“ oder dem Einsatz von Saugglocke/-zange? Ist das überhaupt von Belang – oder geht es nicht einfach darum, dass Mutter und Kind heil aus der Sache herauskommen?

Meine Klinik hat mir zu meiner Kaiserschnitt-Entscheidung übrigens nicht gerade applaudiert – entgegen aller Berichte/Vorurteile, wonach Kaiserschnitt-Geburten für die Krankenhäuser risikoärmer und gleichzeitig lukrativer seien. Die Ärztin klang vielmehr regelrecht mahnend. „Wir unterstützen Sie bei Ihrer Entscheidung, hätten Sie aber ebenso bei einer vaginalen Geburt unterstützt.“ Und, mit Blick auf die Erfahrung der ersten Geburt: „Sie verhindern durch den geplanten Kaiserschnitt keine erneuten Komplikationen, sondern schaffen Risiken für andere.“ Erst fand ich das etwas irritierend, mittlerweile finde die Sachlichkeit der Ärztin eher beruhigend professionell. Sie hat ja nun einmal Recht damit. Außerdem dürfte sie als Expertin wissen, dass eine Schwangere die Entscheidung für einen Kaiserschnitt in der Regel nicht mal eben trifft, weil es nach einer vaginalen Geburt vielleicht untenrum nicht mehr so schön aussähe.

Hier zum Vergleich eine Auswahl der Risiken/möglichen Komplikationen versus der Vorteile der jeweiligen Geburtsarten (laut Infoblatt meiner Klinik):

a) Natürliche Geburt (nach Kaiserschnitt bei einer früheren Geburt): Riss der Narbe, verstärkte Blutungen mit evtl. Notwendigkeit von Bluttransfusionen oder auch der Entfernung der Gebärmutter, Gerinnselbildungen, Infektionen von äußeren Wunden oder inneren Organen, Verletzungen benachbarter Organe, Sauerstoffmangel oder Verletzungen des Kindes.

Vorteile: unverletzte Gebärmutter, keine Bauchwunde, kürzerer Krankenhausaufenthalt, geringere Schmerzen nach der Geburt.

b) Kaiserschnitt: Vorübergehende Anpassungsstörungen des Kindes (Atemprobleme), Wundheilungsstörungen und/oder Entzündungen (z.B. der Gebärmutter, Vereiterung der Bauchdecke, Bauchfellentzündung), erhöhtes Risiko für Placenta praevia (Mutterkuchen an der falschen Stelle) bei späterer Schwangerschaft.

Vorteile: Keine Verletzungen des „Geburtsweges“, keine notfallmäßigen Entbindungsoperationen.

Suchen Sie sich aus, was Sie reizvoller finden. Es dürfte deutlich werden: Nur weil ein geplanter Kaiserschnitt berechenbarer ist, ist er keinesfalls risikofrei oder bequemer oder einfacher. Ja, mir sind bei der Geburt von Ben vor vier Jahren sechs oder zwölf oder 24 Stunden Wehen erspart geblieben, und wer weiß, was noch alles. Aber so eine Bauchwunde ist auch nicht schön, erst recht nicht mit einem Neugeborenen im Arm. Ich habe danach lange gebraucht, bis ich wieder ohne Schmerzen aufrecht stehen, ihn tragen oder lachen konnte. Und diesmal ist auch noch ein lebhafter großer Bruder mit im Spiel.

Auch wenn ich mich bisweilen selbst daran erinnern muss, weil ich insgeheim dann doch ständig diesen leidigen Drang verspüre, es jedem recht zu machen und mich für alles zu rechtfertigen: Ein Kind zur Welt zu bringen, ist keine Mutprobe, und ich behaupte, ich bin durch einen Kaiserschnitt (oder auch zwei) nicht mehr oder weniger Frau und Mutter als eine Frau, die auf natürlichem Weg geboren hat. Seien wir ehrlich: Wenn wir es einmal geschafft haben, sitzen wir doch ohnehin alle lebenslang im gleichen Boot.

14. Aug. 2018
von Anna Wronska
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09. Aug. 2018
von Janosch Niebuhr
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Warum Eltern nie wirklich mitspielen

© Picture AllianceWer am Sonntagmorgen Brettspiele spielen muss, darf dabei wenigstens den Kopf auf der Tischplatte ablegen.

Wenn es eine Zeit gibt, zu der ich nicht empfänglich bin für Einladungen zu Brettspielen, dann ist das sonntagmorgens um acht. Vor allem wenn es sich um eine Einladung zu „Mensch ärgere dich nicht“ handelt – dieses Spiel habe ich schon als Kind gehasst. Eigentlich finde ich solche Einladungen auch noch um neun und um zehn Uhr ziemlich anstrengend. Meine jüngste Tochter (vier Jahre) hat aber für solche Empfindlichkeiten kein Verständnis, sie will jetzt spielen und zwar mit mir, nicht irgendwann in einer ungewissen Zukunft „nach dem Frühstück“, „später“, „wenn alle wach sind“. Nein, jetzt. Außerdem hat sie in der Regel meine Frau auf ihrer Seite („jetzt bist du mal dran“) und den ollen Schiller („Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“).

Wenn meine Tochter mit der Spielesammlung vor meinem Bett steht, wäre ich lieber kein Mensch. Sondern ein Kopfkissen oder eine alte Socke – für die interessieren sich Kinder nicht, die dürfen erst mal liegenbleiben. Aber: keine Chance. „Willst du Rot oder Blau?“ Warum überspringen Kinder generell die Einleitung, das Vorwort, wenn sie spielen wollen, warum scheinen sie so unempfänglich für die Signale ihres erwachsenen Gegenübers? Könnten die nicht einfach etwas langsamer vorgehen? „Papa, möchtest du dir vielleicht erst einen Kaffee machen“, zum Beispiel? So was in der Art. „Rot.“

Wir bauen die Spielfiguren auf. Mensch! Ärgere! Dich! Nicht!

Es hätte auch andere Möglichkeiten gegeben. Die Nuklear-Option, die 100-Prozent-Lösung: Tablet oder Handy in die Hand drücken, zurück ins Bett. Ich mach das manchmal, natürlich nicht oft, natürlich nicht, und ich plädiere dann vor meinem inneren Richter immer auf Notwehr, verweise auf pädagogisch wertvolle Apps oder Filmchen, die das Kind statt der Interaktion mit dem Erziehungsberechtigten konsumieren kann. Wer‘s immer ohne Elektronik macht, werfe den ersten Stein. Und ich spare mir jetzt die ideologisch aufgeheizte Debatte über die mediale Verwahrlosung des Nachwuchses für einen späteren Blog-Beitrag. Aber so viel scheint mir gut belegt in dieser Sache: Die Trägheit des Erwachsenenherzens ist es, Acedia, die die Kinder lieber in die Fänge der Elektronik entlässt als mit ihnen Brettspiele aufzubauen oder noch eine Runde Ching, Chang, Chong zu spielen.

Die interessantere Frage ist doch die: Ist Spielen mit Kindern für Erwachsene tatsächlich so unattraktiv wie Wäsche sortieren müssen oder Spülmaschine ausräumen? Und zwar nicht nur sonntagmorgens, sondern immer? Warum bekommen Kinder auf ihre Einladungen zum gemeinsamen Spielen von Erwachsenen oft so deprimierende Rückmeldungen wie „Ich muss erst noch…“, „Sehr gern, aber…“ oder „Okay, nur ein kurzes Spiel“. Man zeige mir einen Erwachsenen, der aus vollem Herzen antwortet: „Na klar! Coole Idee.“

Die Wahrheit, die kleine Kinder ahnen und große sehr bald verinnerlicht haben, ist ziemlich niederschmetternd: Die meisten Erwachsenen wissen gar nicht mehr, wie man spielt. Wenn sie mit Kindern spielen, imitieren sie einen Mitspieler, aber sie sind es nicht. Sie spielen „Mensch ärger dich nicht“ (oder andere Spiele), ohne wirklich gewinnen zu wollen. Sollen sie in eine Rolle schlüpfen (Kristalleinhorn, Luuk Skeiwoker, Eiskäufer), bewegen und sprechen sie genauso wie immer. Dabei weiß jedes Kind, dass das nicht funktionieren kann. Der erwachsene Homo faber erledigt seine Spielpflichten beim kindlichen Homo ludens, macht seinen Haken auf der familiären To-do-Liste – und wendet sich dann wieder etwas Produktiverem zu. „Jetzt reicht es doch mit dem Spielen. Ich muss doch noch….“ Oder er freut sich darauf, irgendwann „freie Zeit für sich“ haben zu können. (In ihrer freien Zeit lesen die Erwachsenen dann kluge Bücher, in denen steht, wie wichtig und positiv das gemeinsame Spielen mit Kindern ist.)

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09. Aug. 2018
von Janosch Niebuhr
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07. Aug. 2018
von Martin Benninghoff
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(K)ein Kind macht glücklich!

© dpa picture alliance Klare Ansage an einer Wiener Hausfassade

Wer es sich mit Eltern so richtig verscherzen möchte, der sollte mal en passant fallenlassen, wie schön und erfüllt ja ein Leben ohne Kinder sei. Beim Geburtstagsbrunch vielleicht. Oder beim Kaffeetrinken. Nur als Testballon. Viel Spaß! Das sorgt für Stimmung und Heiterkeit, und man erfährt nebenbei, wie sehr an sich unspektakuläre Aussagen zur ideologisch aufgeladenen Debatte taugen. Dazu kann jeder was sagen: Wir Eltern waren ja auch mal kinderlos und haben dazu eine Meinung. Und die Kinderlosen kennen Kinder-Beispiele aus der eigenen Familie, die vielleicht abstoßend sein mögen. Wie auch immer: Die Debatte erfüllt alle Kriterien einer Schwarz-Weiß-Betrachtung, und am Ende heißt es nur noch: Bist du für oder gegen Kinder?

Die Frage, ob wir Kinder wollen, stellen wir uns alle irgendwann im Leben. Teenager haben dazu häufig eine Meinung („ja, später bestimmt!“), bei Studierenden zwischen 20 und 30 hat man eher den Eindruck, dass sie das Thema scheuen; zumindest scheint es manchmal meilenweit weg von der Lebensrealität junger Erwachsener vor allem in den akademischen Großstadtmilieus zu sein. Dem Vernehmen nach sind Kinder in den Berlin-Neuköllner Kneipen und vorm „Späti“ in Kreuzberg nur ein Randthema, aber durchaus ein Thema, das noch mit einigem Abstand durchdiskutiert wird. Spätestens mit 30 gibt es dann kein Entrinnen mehr, wenn die ersten Gleichaltrigen Familien gründen – und man selbst in Gesprächen mehr oder minder deutlich aufgefordert wird, Farbe zu bekennen. „Wollt Ihr eigentlich Kinder?“ ist eine häufig gestellte Frage, auf die man sich besser eine gute Antwort überlegt, sonst findet man sich in allerlei gestammelten Rechtfertigungsschleifen wieder.

Etwa zur gleichen Zeit trennen sich die Freundeskreise ein bisschen in Spreu und Weizen – in die, die bei den Partys bis in die Puppen bleiben, und die, die früher ins Bett gehen, weil das Kind am nächsten Morgen um sieben auf der Matte steht. Für jene, die länger bei der Party bleiben, ist der Fall klar: Kinder zerstören das Privatleben. Doch ist das wirklich so? Auch in dem Alter, da man gerade mehr oder minder dem Studentenleben entwachsen ist, kann man differenzierter sein: Kinder „zerstören“ (besser: beeinträchtigen) zwar einen Teil des früheren Privatlebens, aber sie schaffen auch ein neues. Sie helfen, sich weiterzuentwickeln. Ob Kinder glücklich machen, ist hingegen umstritten: Studien zeigen, dass sie das nicht zwangsläufig tun. Andere argumentieren, dass Eltern ab 40 wieder glücklicher werden, wahrscheinlich deshalb, da bei den meisten Paaren die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind.

Je nachdem, ob Sie zur Partei der überzeugten Kinderlosen oder der Familienfans gehören, werden Sie den ein oder anderen Aspekt stärker gewichten und akzentuieren. Der einzig sinnvolle Lebensentwurf ist jedoch keine der beiden Möglichkeiten. So wie sich manche den Islam oder den Katholizismus zur einzig wahren Religion zurechtinterpretieren, so scheinen die Vertreter dieser beiden Zivilreligionen – Eltern-Fanatiker und Kinder-Ablehner – ihre Messen nicht weniger entschlossen zu zelebrieren. Dabei bringen Kinder Vor- und Nachteile, über die man sich im Klaren sein sollte. Genau wie Kinderlosigkeit. Mehr aber auch nicht: Letztlich muss das Bauchgefühl stimmen, wenn man sich für Kinder entscheidet. Ein paar Überlegungen können helfen:

Was für Kinder spricht

  • Kinder schaffen viele schöne Momente im Familienleben, erfreuen Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel, sorgen für eine schöne Atmosphäre.
  • Kinder lassen einen auch mal wieder Dinge sehen, die man als Erwachsener völlig vergessen hat. Wie schön es zum Beispiel sein kann, den Flug eines Schmetterlings nachzuvollziehen, ohne gleich  über das Artensterben nachzudenken.
  • Kinder bewahren das eigene Erbe, und hier vor allem die gemeinsamen Erlebnisse, die Geschichte der Familie, vielleicht die Namen.
  • Durch Kinder lassen sich neue Kontakte knüpfen, mit anderen Eltern und Familien.
  • Kinder bringen Kindergeld – und die Möglichkeit, Elternzeit zu nehmen.

Was gegen Kinder spricht

  • Kinder kosten Geld. Dazu gibt es eine Reihe von Rechnungen: Nimmt man die laufenden Konsumausgaben, dann belaufen sich die Kosten bis zum 18. Lebensjahr auf rund 130.000 Euro. Danach geht es aber munter weiter: Wohnung, Studium, Geldgeschenke.
  • Kinder kosten Nerven. Sie sind anstrengend, verlangen ihren eigenen Zeittakt, sorgen für mangelnden Schlaf.
  • Kinder können Berufsaussichten behindern. Teilzeit gilt noch immer als Karrierekiller, Elternzeit ist allen Beteuerungen zum Trotz auch nicht immer und überall beförderungsförderlich.
  • Kinder erschweren die Sozialkontakte mit Leuten ohne Kindern.

Die Debatte ist natürlich nur was für Menschen, die den Luxus der Entscheidung haben. Wer ungewollt kinderlos bleibt, wird Kinder entweder durch die rosarote Brille sehen oder sie gleich verdammen. Wer hingegen ungewollt Mutter oder Vater wird, mag sich die Freiheit der Kinderlosigkeit zurückwünschen. Aber nehmen wir die Fälle freier Entscheidungen, dann haben beide Wege etwas für sich – und sind vielleicht sogar gesellschaftlich wünschenswert, vor allem da sie Verständnis füreinander voraussetzen, also Empathie, und im besten Falle erzeugen. Das kann nur Gutes bewirken. Dazu ein paar Überlegungen:

  • Wer kinderlos bleiben möchte, kann Tatkraft und Geld in andere Projekte stecken. Das muss nicht zwangsläufig egoistisch sein, wie Eltern Kinderlosen gerne unterstellen (Partys und Rucksackreisen), sondern kann auch ein Ehrenamt oder die Pflege der Eltern sein. Muss aber nicht. Wer weit herumgekommen ist und seine Zeit nicht im Hüpfburgenparadies verbracht hat, ist für eine Gesellschaft genauso wertvoll.
  • Wer Kinder hat, braucht das Verständnis kinderloser Freunde. Es ist eben nicht so, dass das Kleinkind morgens länger schläft, wenn man es abends später ins Bett bringt. Wer mit Kind am nächsten Tag verreist, braucht mehr Zeit zum Packen – und hat vielleicht auch keinen Nerv mehr fürs Bierchen am Abend vorher. „Spießig“ (der Generalvorwurf mancher Kinderloser in Richtung Eltern) ist man deswegen lange nicht.
  • Auch Eltern finden Eltern nervig, die sich nur noch über ihre Kinder definieren. Wer bei Whatsapp oder Facebook dauerhaft nur seine Kinder als Profilbild präsentiert oder sich selbst nur noch als „Mama“ bezeichnet, könnte zu wenig an Eigenem haben. Küchenpsychologie? Vielleicht. Und Erfahrung!
  • Andersherum gilt auch: Wer auf Geburtstagseinladungen schreibt, die Kinder seien zuhause zu lassen und nicht erwünscht, nimmt die Spaltung der eigenen Bekanntschaft und des Freundeskreises in Kauf. Ich würde da jedenfalls nicht mehr hingehen wollen. Nicht, weil ich partout das Kind auf eine verrauchte Party schleppen möchte, aber ich habe keine Lust auf Leute, die solche Regeln erlassen – wie auch nicht auf solche, die gegen Kinderspielplätze in der Nachbarschaft prozessieren oder nur noch in kinderfreie Hotels fahren. Die sind mir einfach unsympathisch.

Vielleicht wäre es hilfreich, von den Funktionszuschreibungen wegzukommen: Kinder sind nicht für irgendwas da; sie müssen ihren Eltern weder Sinn verschaffen, noch ihr Erbe weitertragen, noch ihnen die Angst vor dem Tod nehmen (sie tun das alles auch, aber es ist nicht ihr Sinn!). Kinder machen einen auch nicht zum besseren Menschen, der durchs Kinderkriegen etwas Besonderes für die Gesellschaft leistet. Das muss man Eltern sagen, wenn sie behaupten, Kinderlose könnten das, was mit Familie zusammenhängt, nicht beurteilen. Der Satz „da spricht ein Blinder über Farbe“ ist die erste Stufe der Verirrung, danach kommen manche auf die absurde Idee, eine kinderlose Person könne keine Familienministerin werden. Grotesk – oder muss ein Arbeits- und Sozialminister zuvor Hartz IV bezogen haben, um zu wissen, worüber er spricht? Es ist gerade gut, wenn jemand (auf den ersten Blick) Fachfremdes für gelegentlichen Perspektivwechsel sorgt. Insofern erübrigt sich auch der ideologische Blick aufs Kinderkriegen: Der Geburtstagsbrunch ist gerettet, wenn alle begreifen, wie bereichernd die Perspektiven kinderreicher und kinderloser Menschen sind.

07. Aug. 2018
von Martin Benninghoff
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02. Aug. 2018
von Anna Wronska
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Wer ist hier der Spross?

Was tun, wenn das Kind zum Schlaumeier wird und auf die strikte Einhaltung unserer eigenen Erziehungsregeln pocht?

Das Benehmen bei Tisch ist bei uns eine heikle Angelegenheit. Insbesondere dann, wenn wir Besuch haben, beschert unser fast vierjähriger Sohn uns immer wieder peinliche Momente.

Zum Beispiel solche: „Papa! Du hast ohne Tischspruch angefangen! Du kaust schon!“

Oder solche: „Das Wort SAGT man nicht!“

Oder solche: „Nicht so viel nehmen! Sonst bleibt nichts mehr für die anderen!“

Regelmäßig bleibt meinem Mann und/oder mir dann der Bissen im Halse stecken und wir werfen uns über den Tisch panische Blicke zu: Gar nicht gemerkt… Was haben wir wieder Falsches gesagt/gemacht? Was? WAS? Und wenn wir uns gar nicht mehr anders zu helfen wissen, lautet die Reaktion schon mal: „Ich war’s nicht, das war doch der Papa/die Mama!“

Auch jenseits des Esstisches spielen sich unschöne Szenen ab. Wenn es morgens auf dem Fußweg zur Kita mal etwas hektisch wird und wir deshalb nicht an jeder Einfahrt stehen bleiben, heißt es: „Mama, du hast nicht geguckt, ob ein Auto kommt! Mannometer!“ Nicht weniger unangenehm ist es, wenn der kleine Schlaumeier lautstark das Verhalten von anderen Leuten kommentiert: „Der auf dem Fahrrad hat keinen Helm auf – nicht gut, oder?“ Oder „Die Frau hat eine Zigarette, igitt!“ Aber immerhin trifft die Schmach dann zur Abwechslung mal andere.

Sie sehen: Wir haben ein Luxusproblem – unser Kind bringt uns (und anderen) Manieren bei. Das ist keine Koketterie; Ben ist mitnichten stets ein Inbegriff des wohlerzogenen und vernünftigen Kindes, er kann auch anders. Doch ein paar Regeln und „Weisheiten“, die wir ihm vermittelt haben, hat er sich gemerkt. Und zwar so gut, dass er uns immer mal wieder erinnert: beispielsweise daran, dass wir gemeinsam und erst nach dem Tischspruch anfangen (wobei Ben das Tischspruch-Ritual selbst aus der Kita mitgebracht hat). Dass es „schlimme“ Wörter gibt, die man nicht sagen darf. Dass man auf andere Rücksicht nehmen sollte.

Ich weiß, ich weiß, das wird sich wieder legen. Es kommen Zeiten, da hört er uns gar nicht mehr zu, wenn wir Regeln aufstellen; und wenn doch, wird er sie hinterfragen oder gleich aus Prinzip das Gegenteil exerzieren, um es uns so richtig zu zeigen. Aber bis dahin ist noch etwas Zeit (oder etwa nicht?).

Im Moment ist es noch erschreckend einfach: Was wir Ben als Wahrheit verkaufen, glaubt er uns – wenngleich schon mal eine beachtliche Kette an „Warum?“-Nachfragen folgt, aber die sind meist harmlos. Was wir ihm vorleben, macht er nach. Wenn wir uns nicht an das halten, was wir zuvor selbst zur Regel erklärt haben, irritiert ihn das, und wenn er uns darauf hinweist, dann mit echter Entrüstung in der Stimme.

Das ist in gewisser Weise rührend: Es zeigt, wie sehr Kinder sich an ihren Bezugspersonen orientieren und ihnen vertrauen, wenn es um das Lernen erster Spielregeln in der Gesellschaft, sogenannter „Manieren“ (was auch immer das genau heißt) oder um „richtig“ oder „falsch“ geht. Genau darin liegt aber auch die Krux. Wir als Eltern müssen uns darauf festlegen, was die Spielregeln sind – und uns darin auch noch untereinander einig sein, sonst ist das Chaos programmiert („Aber Mama hat doch gesagt…“). Wir müssen eine Definition davon haben, was „richtig“ und was „falsch“ ist, was „gut“ ist und was „schlecht“, um ihnen Werte vermitteln zu können. Das mag beim Verhalten im Straßenverkehr noch einfach sein, aber je größer die Kinder werden, desto kniffeliger werden die Themen und Fragen. Und nicht selten gibt es in der Welt da draußen nun einmal nicht nur „richtig“ oder „falsch“, nur kann man das einem Vierjährigen schlecht erklären. Er wird in seinem Leben eigene Definitionen davon suchen und finden, aber im Moment, glaube ich, braucht er klare Ansagen und Verlässlichkeit.

Deshalb sollten wir Erwachsene uns nicht zuletzt daran messen lassen, ob wir selbst dem gerecht werden, was wir von den Kleinen einfordern, denn die Argumentation „Ich darf das und du nicht, weil ich erwachsen bin“ ist pädagogisch wohl eher ungenügend. Im Alltag fällt das aber oftmals schwer. Da muss es manchmal einfach schnell gehen, und das tägliche Ritual, auf das wir sonst so sehr bestehen, fällt aus. Da wird die „absolute Ausnahme“ schleichend zur Regel, weil es bequemer ist („Ausnahmsweise noch eine einzige Folge Paw Patrol!“ … Ok, noch eine, aber dann ist wirklich Schluss!“). Da wird geflucht und gestritten und das letzte Stück Kuchen gierig verschlungen anstatt geteilt (also, so stelle ich mir das zumindest vor… bei anderen).

Andererseits: Man muss das Ganze bei allem Verantwortungsbewusstsein natürlich nicht immer todernst nehmen; nicht jede Abweichung von der Regel, nicht jede verbale Entgleisung eines genervten Elternteils führt beim Kind zu Traumata. Meine Erfahrung ist zum Beispiel: Ohne einen gepflegten polnischen Fluch oder eine kleine Schimpftirade wäre das Leben mit seinen Gemeinheiten manchmal schlechterdings nicht zu ertragen. Weil das so ist, haben mein Mann und ich uns darauf geeinigt, dass wir „schlimme“ Wörter und Lästereien einfach ausbuchstabieren, damit Ben sie nicht mitbekommt. Das hat im Übrigen einen positiven Nebeneffekt: Bis man „H-I-M-M-E-L-H-E-R-R-G-O-T-T-N-O-C-H-M-A-L“ oder ein polnisches Äquivalent buchstabiert hat, ist die Wut in der Regel ohnehin verflogen.

Hat man sich hingegen schon zu tief hineingeritten, hilft in der Regel immer noch eins: „Entschuldigung“ sagen. Auch, wenn es schwer fällt. Zugeben, dass man einfach sauer, aber das Wort trotzdem doof war. Oder dass man schlicht vergessen hat, an der Einfahrt stehen zu bleiben. Denn diese eine Sache können Kinder Erwachsenen bemerkenswerter Weise immer noch besser beibringen als umgekehrt: die Fähigkeit, zu verzeihen und nicht nachtragend zu sein.

 

 

 

 

 

02. Aug. 2018
von Anna Wronska
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31. Jul. 2018
von Tanja Weisz
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„Das haben wir so nie besprochen!“

© dpa picture allianceUrlaub mit Freunden? Mit einem Teenager gilt das nur bedingt.

Der Familienurlaub war ganz anders geplant.

Zunächst mal: Er war gut geplant. Vor Monaten schon begannen lange Gespräche über mögliche Ziele („Ans Meer, ans Meer“ und „Großstadt wäre cool“), ganz konkrete Ziele („Louvre, klar, da waren doch gerade Beyoncé und ihr Mann“), über die Dauer („nicht nur eine, besser zwei, aber auch nicht drei Wochen“), über Hoffnungen beider Seiten („Ruhe“ , „gemeinsame Unternehmungen“, „Abwechslung“) – und sogar übers Budget, auf dass den Wünschen nicht der familiäre Ruin folgen möge.

Es war diese Art von Planung, die den Berliner Flughafen hätte retten können, die dann bei der Umsetzung aber an etwas völlig Unwägbarem  scheitert. In diesem Fall: an den Gefühlen eines Teenagers.

In der Großstadt will die Tochter das Hotelzimmer nicht verlassen, wer ist schon Beyoncé, am Meer hat sie keine Lust zu baden, viel zu voll hier. Wieso man überhaupt hierhergekommen sei? „Das haben wir so nie besprochen!“, trägt sie mit aufrichtiger Überzeugung vor. In ihrer Wahrnehmung wird sie – wieder einmal – durch unfassbar rücksichtslose Entscheidungen Erwachsener geknechtet,  gezwungen, geknebelt. Die Folge: dumpfes Brüten. Schweigen wie im Kartäuserkloster. Dieser junge Mensch in der Blüte seiner Jahre versinkt in einer schlammpfützigen Stimmung, die alles Farbige zu verschlingen scheint.

Im Urlaub soll ja am besten alles anders sein, tiefenentspannt, aber auch abwechslungsreich, gerne mit einer Prise Abenteuer. Das Ganze nehmen wir dann in der großen Harmoniepackung mit Schleife drum. Aber, Überraschung, der Teenager hat Mundfaulheit und Smartphoneverwachsung, Zahnbürstenphobien und Aversionen gegen Kleiderschränke mit in den Urlaub genommen. Man darf sich keinen Illusionen darüber hingeben, wie schnell mangelnde Hygiene und Klamottenteppiche in kleinen Hotelzimmern für Krawall sorgen können. Insbesondere wenn die Mutter noch unnötigerweise Ordnungsliebe, den Hang zu Routinen und einen gewissen Drang zum Erziehen-Wollen in den Koffer gepackt hat.

Und so kommt es, dass Mutter und Tochter schon bald getrennte Wege gehen. Soll das Kind doch verdammtnochmal in dieser Hotelzimmermüllhalde vergammeln, ich geh jetzt alleine weg.

Ich spazierte schließlich durch ein pittoreskes Hafenstädtchen in der Normandie, trank meinen Café au lait wann immer es mir passte, ließ mich durch Läden, Kirchen und enge Kopfsteinpflastergassen treiben und fand es herrlich. Dann sah ich diese Straßenkünstlerin, die nur mit Holzstäbchen und Farbe die phantastischsten Tierwesen aufs Papier zauberte, und ich wusste sofort, wer das genauso schön finden würde wie ich. Aber sie war halt nicht bei mir, und das Teilen, das Miterleben des Moments, fiel aus. Es war eine Crux: Ich wollte gerne gemeinsam Dinge erleben, aber ich konnte es nicht erzwingen.  Was früher noch mühelos durch Bestechungsversuche mit Eis oder gemeinsamem Fußball-Kicken zu erreichen war, gelingt heute nicht mal mehr durch gutes Zureden.

Zähneknirschend begann ich, meine Erwartungen zu entrümpeln.

Von den vielen interessanten Orten,  die es in der Normandie zu sehen gibt, verabschiedete ich mich gedanklich – bis auf zwei. Weil sie mir wichtig waren, hatte ich diesmal auch nur leichte Gegenwehr zu überwinden. Den Mont-St-Michel eroberten wir im Abendlicht, nach allen Besuchergruppen, genossen einen leichten Schauder in leeren Gewölben und die spektakuläre Aussicht über die Küste. Ein Ort, den man schon auf Postkarten gesehen hat, zieht immer. Ich wollte ihr aber auch einen Soldatenfriedhof in der Normandie zumuten. Dort fanden wir das Grab eines Jungen, der nur vier Jahre älter als sie geworden ist. Es war dann nur noch ein kleines Stück zum Meer, denn den Namen Omaha Beach kannte sie zumindest schon aus einem Musikvideo. Doch dort an der Küste zu stehen und über den Kanal zu blicken, weckte plötzlich ihre Lust zu fragen.

Ich habe gelernt: Wenn ein Besichtigungsmenü erstellt wird, immer die kleinste Portion wählen.

Unerwartete Reiseziele beeindrucken Teenager.

Und vor allem: Man sollte diese Postkarten-Erwartungen an Friede und Freude zuhause lassen.

Richtig entspannt wurde es erst dann, als ich entspannen konnte. Als ich wirklich akzeptierte, dass wir an einem Tag erst um 18 Uhr gemeinsam das Urlaubsquartier verlassen würden, um an den Strand zu fahren (vorher war die Ebbe die Freundin des Teenagers). Wir folgten keinen Schildern,  sondern unseren Blicken zum Meer, entdeckten über eine kleine schmale Piste tatsächlich einen abgelegenen Sandstrand, an dem wir ausgelassen in den Wellen herumplantschten. Nach einer Stunde waren wir erschöpft, salzverkrustet und sandig und fuhren mit einem Dauergrinsen in die Stadt zurück. Im Restaurant schaufelte ich mir die Muscheln und die Tochter die doppelte Portion Fritten hinein, beide leicht verwahrlost aber glücklich. Statt Dessert zeigte sie auf ein altertümliches Karussell, Holzpferde und Kutschen, Flugzeuge und bunt angemalte Elefanten.  Kinder und winkende Erwachsene. Wir setzten uns in eine Kutsche, winkten den Erwachsenen und waren so zufrieden mit uns wie im ganzen Urlaub nicht.

Da waren sie, die Momente, die wertvolle Erinnerungen schaffen. Die alles Gezanke überlagern können, die bleiben. Viel länger als eine Karussellfahrt.

Auf der Heimfahrt seufzt das unfassbare Kind: „Das war ein schöner Urlaub“.

31. Jul. 2018
von Tanja Weisz
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26. Jul. 2018
von Martin Benninghoff
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Tagesmutter: Eierlegende Wollmilchsau statt schräger Vogel

© Picture AllianceDie Auswahl einer Tagesmutter ist Vertrauenssache.

Elias weiß noch nicht, was ihn im nächsten Monat erwartet. Bisher drehte sich die Welt einzig und allein um ihn. Die Mama war nahezu Vollzeit für ihn da, unser Heim sein Kosmos, die Welt da draußen zwar ein Ausflugsziel, aber keines, wo es ihn nach festem Stundenplan hinzieht. Freundschaften mit anderen Kindern spielten für ihn eher eine untergeordnete Rolle, nur bei Besuchen und auf dem Spielplatz traf er auf Gleichaltrige. Die Welt muss für ihn so ausgesehen haben, als sei das ganze Leben so… schön, idyllisch.

Das wird sich ab August ändern, wenn unser 20 Monate alter Elias zur Tagesmutter und meine Frau wieder arbeiten geht. Aber weniger schön und weniger idyllisch wird es deswegen lange nicht. Es wird nur: anders.

Wir sind froh, dass der nächste Schritt in seiner und unserer Entwicklung endlich kommt, er wäre wohl schon früher eingetreten, hätten wir wegen Umzug nicht abwarten müssen. Und doch: Wenn das Kind aus dem Schutzraum zu Hause in die externe Betreuung wechselt (früher sagte man „Kindergartenkind“), dann ist das ein Schritt ins große Unbekannte. Wie wird das neue Familienleben funktionieren? Für Elias, der heute noch ein anderes Leben lebt als schon nächsten Monat? Für die Mutter, die sich auf den Job freut, aber auch ein Stück loslassen muss? Und für mich, da ich künftig in einem halbwegs starren Korsett eines geregelten Wochenablaufs stecke zwischen Kind hinbringen und Kind abholen – mit nur wenig Ausbruchsmöglichkeiten? Schon beim Schreiben dieser Zeilen wird mir ganz anders.

Aber kein Grund für Horrorgeschichten, Elias ist ja nur stundenweise in Betreuung: 20 Stunden wird er fürs erste zur Tagesmutter gehen, die wir nach einigem Suchen haben finden können. Das war nicht leicht, und an einen Kitaplatz war in der Rhein-Main-Region schon mal gar nicht zu denken. Also Tagesmutter, die möglichst eierlegende Wollmilchsau sein sollte. Eine, die zu bestimmten Zeiten kann. Zu der wir den Kleinen mal mittags bringen und an einem anderen Tag erst um 17 Uhr abholen können. Die sich darauf einlässt, dass die anderen Kinder morgens zum Frühstück gebracht werden, Elias aber erst am späteren Vormittag. Letztlich fand meine Frau eine geeignete Kandidatin, die zwar Wert auf ihre Tagesstrukturen und Rituale legt, aber auch offen für Sonderwünsche ist.

Geeignet – das muss ja keine Selbstverständlichkeit sein. In unserem Land, in dem man kein Moped ohne Versicherungskennzeichen fahren darf, ist das Tagesmuttergeschäft noch immer relativ ungeregelt, wobei sich manches verbessert hat und es mittlerweile auch gesetzliche Vorschriften gibt. Immerhin ist die Bindung ans Jugendamt gestärkt. Tagesmütter, die ganztags betreuen, müssen eine amtliche Pflegeerlaubnis vorweisen sowie ein makelloses Führungszeugnis und einen Gesundheitsnachweis. Geschützt ist der Beruf aber nicht (Journalist darf sich auch jeder nennen!), und eine langjährige Ausbildung wie Erzieher- und Erzieherinnen in Kitas genießen sie in der Regel auch nicht. Unsere hatte mal ein italienisches Restaurant. Auch nicht schlecht, dann schmeckt die Pasta bestimmt gut und nicht wie aus der Packung. Aber reicht das? (Übrigens: Es gibt auch Tagesväter, allerdings noch viel weniger als Tagesmütter.)

Wir haben uns persönlich ein Bild von ihr gemacht. Meine Frau war bei ihr, Tage später saß auch ich auf ihrem Wohnzimmersofa. Wir haben zwei Stunden geplaudert, uns ihre Räumlichkeiten angesehen, geschaut, ob die Chemie stimmt. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass wichtig sein soll, ob die Tagesmutter bei dem Termin Kaffee kocht. Das hat sie dann wohl versäumt, aber wenn das alles ist? Wichtiger war für mich zu sehen, wie sie mit dem Kleinen umgeht, der im Hintergrund gespielt hat. Ob sie duldsam oder cholerisch reagiert? Souverän oder hektisch? Wir sind keine Hardcore-Alles-Muss-Perfekt-Sein-Eltern, die sofort klagen, wenn uns was krumm kommt. Aber wo weder Ausbildungsstandards noch Erfahrungsberichte Auskunft geben, braucht es andere vertrauensbildende Maßnahmen. Zumal es unter Tagesmüttern eine Reihe „schräge Vögel“ gibt, wie sich meine Frau auszudrücken pflegt – als Kinder- und Psychotherapeutin speist sich ihr Urteil aus der Berufspraxis.

Es ist ja nicht nur die Bastelstunde am Donnerstag, sondern ein großer Teil der Woche, die Elias künftig bei ihr im Haushalt verbringt, gemeinsam mit drei oder vier ihm noch fremden Kindern. Die Tagesmutter hat uns überzeugt im Umgang mit ihm, und gefallen hat uns ihre Motivation, sich in Kursen weiterzubilden, was sie einmal die Woche macht. Sie, die gar nicht mehr so jung ist, ist neugierig geblieben, nicht abgestumpft und lernbegierig – eine sympathische Einstellungsvoraussetzung. Der Rest, nun gut, da sind wir Anfänger und unerfahren, das werden wir sehen, wenn Elias erst einmal bei ihr ist.

Fragen, die uns bei der Auswahl geholfen haben:

Örtlichkeit

  • Ist die Wohnung geräumig, freundlich und sauber?
  • Gibt es genügend Spielzeug und Orte des Rückzugs für die Kinder?
  • Wo kann das Kind mittags schlafen?
  • Garten? Spielplatz in der Nähe?

Persönlichkeit

  • Ist die Tagesmutter offen und reagiert sie adäquat auf Nachfragen?
  • Welche Aus- und Weiterbildungen hat sie absolviert?
  • Kann man mit ihr eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen?
  • Wie ist das Umfeld? Eigene Familie, eigene Kinder?

Als erstes kommt die Eingewöhnung. Elias und meine Frau besuchen die Tagesmutter bereits in diesem Monat auf einem nahegelegenen Spielplatz, damit sich der Kleine an seine zukünftige Auch-Bezugsperson und die anderen Kleinkinder gewöhnen kann. Anfang August folgt die eigentliche Eingewöhnung, die ich ein paar Tage übernehme. Es ist sinnvoll, dass dies eine Person tut oder maximal zwei Personen, um das Kind nicht weiter zu verwirren. Für Elias wie für alle Kinder ist die Umstellung ein tiefer Einschnitt in den gewohnten Tagesrhythmus.

Kleinstkinder, die nur wenige Monate alt sind, gewöhnen sich am schnellsten ein, bei Älteren ist es schwieriger. Wir stellen uns das folgendermaßen vor: Am Anfang wollen wir den Kleinen für ein, zwei, drei Stunden in die Betreuung geben. Ich bleibe dabei, auch wenn ich mich im Hintergrund halte, im Zweifelsfall bin ich aber als Backup-Bezugsperson da – das soll Elias wissen. Vielleicht können wir die Dauer am dritten Tag steigern. Am vierten Tag sollte dann der erste Trennungsversuch folgen: Weint das Kind, und die Tagesmutter kann es auch nach einer angemessenen Zeit nicht beruhigen, kann man nochmal in den Raum gehen. Grundsätzlich ist es nicht unser Ding, aus allem den großen Abschied zu zelebrieren, das verunsichert das Kind nur. Aber natürlich sind nicht wir die, die das bestimmen, sondern Elias, dessen Reaktion ich beim besten Willen nicht vorhersehen kann. Da hat jedes Kind seine individuellen Eigenarten.

Nicht alles behagt: Es tritt neben den Eltern und der Familie eine weitere Bezugsperson in das Leben des Kindes, die – zeitlich gesehen – mehr vom Kind hat als zum Beispiel die Großeltern, die wegen der geografischen Distanz nicht immer zur Stelle sein können. Selbst die krude Vorstellung, dass sich Elias irgendwann mehr zur Tagesmutter hingezogen fühlen könnte als zu uns Eltern, keimt gelegentlich auf, auch wenn das ein wenig realistisches psychologisch bedingtes Mätzchen zu sein scheint. Die Schraubpresse, in die unser Alltag alleine durch die festen Zeiten der Tagesmutter gezurrt wird, gefällt mir nicht. Andererseits bringt eine Tagesmutter ein Mindestmaß an Flexibilität mit. Sie hat auch andere Vorteile im Vergleich zur größeren Kita: Das Kind ist in einer Kleingruppe untergebracht, der Betreuungsschlüssel ist im Vergleich zur Kita gut. Darin spiegelt sich auch so etwas wie ein Familienleben wider, inklusive Essens- und Schlafenszeiten im privateren Umfeld. Zudem ist die Tagesmutter eine konstante Bezugsperson, in der Kita wechseln die Erzieher und Erzieherinnen hingegen.

Aber es gibt auch Nachteile: Was passiert, wenn die Tagesmutter krank wird? Manche sind Netzwerken angeschlossen, so dass eine Kollegin einspringt, andere Einzelkämpferinnen. Ist sie ihrer Aufgabe gewachsen? Körperlich und mental? Und ist ihr Erziehungsstil und ihre Persönlichkeit wirklich das, was wir für den Kleinen erwarten? Das ist schwierig zu beurteilen, theoretisch könnten die ersten Eindrücke täuschen. Sollte es allerdings wirklich Probleme geben, kann man immer noch reagieren – aber von vorneherein das Schlimmste anzunehmen, wäre unrealistisch und ressentimentgeladen. Und: Eine Tagesmutter kostet natürlich. In unserem Fall wahrscheinlich um die 300 Euro im Monat, inklusive Verpflegung. Das Jugendamt hält durch Zuschüsse die Kosten insgesamt auf erträglichem Niveau.

Ob das in unserer grenzenlosen Naivität angedachte Arrangement klappt? Keine Ahnung, das werden wir schon sehen. Nicht alles wird perfekt funktionieren. Und wahrscheinlich wird Elias auch mal eine Träne weinen, andererseits wird es Zeit, dass er seinen Radius langsam aber sicher erweitert und ein wenig vom Rockzipfel vor allem der Mutter lässt und endlich mehr mit Gleichaltrigen zu tun bekommt. Und sollten sich Probleme auftun, hilft die alte Regel: Schätzungsweise 100 Milliarden Menschen lebten und starben bereits auf der Erde, mehr als sieben Milliarden bevölkern sie aktuell. Wir sind mit diesem Thema also nicht allein, auch wenn sich die Betreuungssituation in der, sagen wir mal, Jungsteinzeit doch ein wenig von der heutigen unterschied. Dafür lagen Wohnhütten und -höhlen näher am Arbeitsplatz. Aber das ist ein anderes Thema.

26. Jul. 2018
von Martin Benninghoff
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24. Jul. 2018
von Janosch Niebuhr
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Ehret die Muscheln, hortet die Bilder!

© Picture AllianceHerrlich, wenn sie basteln. Noch schöner, wenn man ihre Basteleien unauffällig entsorgen kann.

Es ist dieses kleine, miese Gefühl des Verrats. Verrat am eigenen Kind. Da hilft weder Logik noch Ablenkung. Auch das Wiegen in falscher Sicherheit, das Verlassen auf elterliche Raffinesse kann den Stachel nicht lösen, den ich mir selbst ins Herz gerammt habe: „Das wird sie schon nicht merken“ oder „Irgendwann ist dann auch wirklich kein Platz mehr“ oder „Ich hab ihr ja gesagt, dass ich mich gefreut habe“. Alles vergeblich. Die „guten Gründe“ sind keine mehr. Ich habe es tatsächlich getan. Und jetzt fühle ich mich… ach, egal.

Und so ist es passiert: Seit etwa sechs Monaten stand das von meiner jüngsten Tochter gebastelte Papp-Aquarium auf der Fensterbank in meinem Büro. Schuhschachtelgroß war es, auf der Innenseite mit blauem Tonpapier tapeziert, hier lebten bis vor kurzem eine rothaarige Meerjungfrau, zwei gelbe Fische, sechs Muscheln und ein grüner Zauberstein. In Art und Umfang ein beeindruckendes Erstlingswerk für eine Vierjährige, und ich war ehrlich begeistert, als sie es mir zeigte. Vielleicht war meine Begeisterung etwas übertrieben, jedenfalls stellte meine Jüngste mir sofort das Papp-Aquarium auf den Schreibtisch und sagte: „Schenk ich dir!“

Kunst liegt im Auge des Betrachters. Nur wohin mit ihr, wenn es täglich neue gibt?

Erwachsene sind selten auf so viel unreflektierte Herzensgüte vorbereitet. Oder auf spontane Gabendarreichungen außerhalb der dafür vorgesehenen Kalendertage. Denn im Laufe ihrer Sozialisation lernen sie, selbst kalkuliert zu schenken, sie wägen ab, das eigene Zeit- und Geldbudget fließt in ihre Überlegungen, Interessen und Vorlieben der zu Beschenkenden, Bildungshintergrund, Wohn- und Lebenssituation. Vor allem wollen Erwachsene mit Geschenken nicht peinlich sein oder lästig oder im Weg stehen. Sie wollen sich nicht verletzlich machen, nicht angreifbar durch ihre Gaben. Weshalb Erwachsene eher Amazon-Gutscheine verschenken als Selbstgemachtes. Oder sie verständigen sich gleich darauf, sich nichts mehr gegenseitig zu schenken, weil man „doch schon alles hat“ und selbst besser weiß, „was man wirklich braucht“.

Vierjährige stehen noch am Anfang dieser Sozialisation. Für sie sind Geschenke toll, also sollen jene Menschen Geschenke bekommen, die man gern hat. Egal wie lang der Abstand zum nächsten Gabenfest ist oder wie groß oder klein oder shabby chic das Geschenk ist. Auch weil das Ding, das Bild, das Papp-Aquarium, in das man so viel Energie und Zeit gesteckt hat, jetzt eine andere Bestimmung braucht – es ist ja fertig. Was Vierjährige – wie schon erwähnt – dabei notwendigerweise ignorieren, sind die Externalitäten ihrer guten Tat.

„Dann stellen wir das mal auf das Fensterbrett.“ Meine Begeisterung muss da schon etwas flachatmiger geklungen haben, aber meine Jüngste merkte davon nichts. Das Papp-Aquarium hatte seinen Platz in meinem Büro gefunden – neben dem selbstgebastelten Fotorahmen mit seinen quietschbunten Quadraten, den mir meine älteste Tochter geschenkt hatte, neben der aufgesägten Erdnussdose mit der aufgesteckten leeren Klopapierrolle („Fabrik mit Schornstein“) von der mittleren, neben dem Stapel mit noch unsortierten Aquarellen, Wachs-, Filz- und Holzmalstift-Gemälden. Die meisten dieser Werke sind klar adressiert, „für Papa von“. Bei anderen – wie dem Papp-Aquarium – ist der Eigentumsübertrag durch konkludentes Handeln oder mündliche Erklärung der Künstlerin erfolgt. Will heißen: Aus diesen Geschichten komme ich nicht mehr raus, ohne Gefühle zu verletzten.

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24. Jul. 2018
von Janosch Niebuhr
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19. Jul. 2018
von Chiara Schmucker
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Wider den Erstausstattungswahn!

© GettyHer mit den Babysachen! Irgendwann braucht man das bestimmt alles mal.

„Ich bin Minimalist“, sagte die Hebamme – und ich strahlte. Ich nämlich auch. Das war vor zwölf Wochen. Ich wollte keinen Kinderwagen anschaffen, keinen Wickeltisch, keine Wärmelampe, keine Babywanne und keinen Kinderkleiderschrank, der größer ist als mein eigener. „Ein Baby kommt absichtlich klein“, sagte ich immer. „Das hat einen Grund.“ Außer einem Tragetuch und ein paar Bodys wollte ich all das einfach auf mich zukommen lassen.

Doch heute muss ich gestehen: Ich habe es nicht geschafft. Der Sog der Babyerstausstattung hat mich erfasst und mit sich gerissen. In einer Mischung aus Verantwortungsgefühl, Nicht-nein-sagen-Können und Das-ist-jetzt-aber-wirklich-einmal-besonders-niedlich-oder-absolut-praktisch-und-das-müssen-wir-einfach-haben stapeln sich im künftigen Kinderzimmer jetzt Reisebett und Babybay, Kinderwagen mit Sportsitz, Wanne und Maxi-Cosi, eine Wiege samt Himmel, Tragetücher und eine komplette Garderobe in Größe 50 bis 68 – genug für die ersten drei Monate im Leben eines Würmchens, das momentan die Größe einer Ananas hat und sich nicht für Wolle-Seide-Bodys, Nestchen, erste Stofftiere oder Wickelaccessoires interessiert. Mein Mann sagt: „Reicht bis zum Abitur.“

Das Schlimmste daran: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich am Ende bin. Mal fällt mir mitten in der Nacht ein, dass ich noch kein Mobile für über den Wickeltisch habe („aber womit soll das Kind sich denn dann zehnmal am Tag beschäftigen?“), dann erzählt mir eine Freundin, dass das Wichtigste am Kinderwagen das Sonnensegel ist – denn schnöde abgehängt mit einem Tuch könne die Luft im Wagen nicht zirkulieren. Schon sehe ich mein armes Baby wild gestikulierend, schwitzend und schreiend unter einer Stoffwindel im Kinderwagen liegen, nur weil ich in einem Anflug von Übermut glaubte, abwarten zu können, welche Anschaffungen wirklich sinnvoll sind. Ich will später nicht schuld sein, wenn mein Baby eine Aversion gegen den Kinderwagen entwickelt. Also kaufe ich nicht nur Sonnendach, sondern die passende, originale Regenhülle direkt mit. Könnte sein, dass das No-Name-Produkt für unseren Kinderwagen zu groß ist, sagt die Verkäuferin im Babyladen, die inzwischen zu meiner Vertrauten geworden ist. Kein Problem, wenn es doppelt so viel kostet wie im Drogeriemarkt. Nur das Beste für das Kind.

Das mag sich nun alles sehr lustig anhören. Die Wahrheit ist: Es ist verdammt schwierig, sich dem Erstaustattungswahn zu widersetzen. Gerade beim ersten Kind. Denn bei vielen Produkten schwingt mit, dass sie vor allem aus Sicherheitsgründen unentbehrlich sind – oder dass eben alle sie haben. Auch Gespräche mit Freundinnen sind nicht immer zielführend. Die eine Freundin rät dringend zum Wickeleimer, die andere sagt, das sei nicht sooo wichtig, aber man solle auf jeden Fall in Nachtlichter und gute Babyphones investieren, am besten mit Kamera, dann könne man später auch schauen, ob das Kleinkind sich beim Legospielen verschluckt oder die Wickelkommode ausräumt, wenn es wieder einmal verdächtig still ist.

Ich schaue mir Youtube-Videos über die größten Fehlkäufe an und denke: Okay, es geht immer noch verrückter. Ein Kopf-Anschlagsschutz für die Wickeltischkante, ein Cooler für Prenahrung, eine Schildkrötenlampe, die Sterne an die Zimmerdecke projiziert, oder ein Schirmchen für den Kinderwagen, das vor allem dem Kind im Gesicht baumelt – immerhin habe ich das nicht angeschafft. Zumindest noch nicht.

Nun ist unsere Wohnung nicht besonders groß, und tatsächlich habe ich viele Anschaffungen weniger für mich als für die Menschen getätigt, deren Hilfe ich brauchen werde, wenn ich bald auch wieder ein bisschen Zeit für mich haben möchte. Oder kann ich ernsthaft von meinen Schwiegereltern verlangen, dass sie sich bei 30 Grad einen transpirierenden Säugling um den Bauch binden oder bei Glatteis einen Maxi-Cosi über den eisigen Bordstein bugsieren, nur weil ich keinen Kinderwagen will? Wickelt mein Mann genauso gerne im Sitzen wie ich? Vielleicht noch animiert von dem Hinweis, dass die meisten Unfälle von Babys Stürze vom Wickeltisch sind? Vielleicht sind die Anschaffungen doch nicht so überflüssig, wie ich anfangs dachte. Und außerdem ist vieles ohnehin geliehen oder geschenkt.

Ich hoffe nur eins: Dass ich den Absprung finde, wenn ich feststelle, dass Windeleimer oder Tragehilfe, Beistellbettchen oder Wickeltisch doch nicht zu uns passen. Denn wie sagte die Hebamme: Sie kaufen das ja alles für sich, nicht für mich. Stimmt nicht ganz: Ich kaufe es für mein Baby, für mich, aber eben auch ein bisschen für die anderen.

19. Jul. 2018
von Chiara Schmucker
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