Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

18. Aug. 2020
von Sonia Heldt und Anneli Pereira und Tanja Weisz und Chiara Schmucker
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Ist das überhaupt richtiger Urlaub?

Auf in den Pool: Urlaub in Griechenland

Griechenland, Kreta: Raki, türkisblaues Meer und Zickenkrieg

Wir wollten unsere Reise nach Kreta auf jeden Fall antreten, sollte Covid-19 es halbwegs zulassen. Wir hofften auf leere Strände, leckeres griechisches Essen und einen reibungslosen Verlauf. Die Anreise funktionierte anfangs nicht ganz so reibungslos: Der Flieger ging um 6 Uhr morgens. Das machten Mayas (12) Kreislauf und ihr Reisefieber nicht mit. Maya hatte die letzten Tage vor Abflug damit verbracht, darüber nachzudenken, was passieren würde, wenn unser Flugzeug abstürzt. Man wäre bei der Höhe definitiv tot, während man – ihrer Meinung nach – bei einem Autounfall noch gerettet werden könnte. Wir flößten ihr ein Mittel gegen Reiseübelkeit ein und kamen verspätet und hektisch am Flughafen an.

Der Flug mit Mund-Nasen-Schutz und die Einreise nach Griechenland gestalten sich dagegen unkompliziert. Ein Beamter warf am Flughafen in Heraklion einen schnellen Blick auf unsere QR-Codes und wies uns den Weg, an der Corona-Test-Station vorbei, Richtung Gepäckausgabe. Unser Urlaub konnte starten!

„Hier sieht es aus wie im Bilderbuch“, waren Laras erste Worte, als wir vor unserem charmanten, familiengeführten Strand-Hotel standen (ihr zweiter Satz lautete: „Wie iss’n der WLAN Code?“). Das Meer schimmerte türkisblau und beim Abendessen auf der großen Außenterrasse konnten wir jeden Abend beobachten, wie die Sonne im Meer zu versinken schien. Die Insel war nicht ausgestorben, aber doch merklich leerer als normal. Nicht ganz so bilderbuchmäßig gestaltete sich das Verhältnis meiner Töchter zueinander. Klar, wir waren darauf vorbereitet. Warum sollte es im Urlaub anders laufen als zu Hause? Die Mädels sind sich momentan altersbedingt überhaupt nicht grün.

Aber es gab auch harmonische Familien-Momente, wie dieser eine Abend auf unserer Hotelterrasse. Ein griechisches Duo spielte (schlechte) Live-Musik und Maya packte ihre Uno-Karten aus. „Spielst du auch mit?“, fragte ich Lara wenig hoffnungsvoll. Doch sie nickte überraschenderweise. An diesem Abend kam es zu keinem einzigen Schlagabtausch oder Zickenkrieg. Wir gaben Zitate unserer Lieblingsfilme zum Besten und Maya sagte: „Weißt du noch, Lara, vor fünf Jahren auf Kreta? Ich habe dir Mamas Glas mit Raki zu trinken gegeben, weil ich dachte, es wäre Wasser.“ Und dann erinnerten sie sich an vergangene Schwesternerlebnisse und alte Spiele und lachten miteinander.

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18. Aug. 2020
von Sonia Heldt und Anneli Pereira und Tanja Weisz und Chiara Schmucker
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13. Aug. 2020
von Matthias Heinrich
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„Heute könnt ihr Geschichte schreiben!“

Manchmal prallen die Dickschädel aneinander: Vater und Sohn beim Fußball

„Halt die Fresse, Sandmann!“ schallte es über den Schlackeplatz. 22 Leute auf dem Spielfeld und etwa genauso viele daneben erstarrten. Das Spiel stoppte. Die Worte schallten über die Sportanlage. Sie flogen über den wie immer im November gesperrten Rasenplatz nebenan. Dort donnerten sie gegen die Banden, auf denen ein Klempner, ein Versicherungsvertreter und ein Taxiservice für sich warben. Sie prallten ab wie ein satter Lattenschuss und kamen als blechernes Echo zurück. Drei, vier Sekunden lang sagte niemand ein Wort.

Das war im Herbst 1985. Wir waren elf, zwölf Jahre alt und spielten Fußball. Sandmann, der hier so heftig beleidigt wurde, war der Vater eines Mitspielers. Außerdem war er Betreuer unserer Mannschaft. Bei jedem Spiel war er dabei. Sandmann war im Grunde kein schlechter Kerl. Aber sobald der Ball rollte, veränderte er sich. Dann verwandelte er sich in einen schlimmen Motzer. Ziel seiner Beschimpfungen waren zu neunzig Prozent wir, „seine“ Mannschaft.

Sandmann stammte aus dem Ruhrgebiet, arbeitete in einer Schlachterei und war mit dem Organ eines Marktschreiers ausgestattet. Seine Wortwahl war im Grunde nicht für Kinderohren bestimmt: „Spiel ab, du Idiot!“ „Scheiß-Pass!“ „Da ist meine Omma ja schneller, du Schlappschwanz!“ „Hast du gestern gesoffen?“ So kommentierte er unsere Aktionen auf dem Spielfeld. Er sprach uns dazu grundsätzlich mit Nachnamen an. Sandmann hätte die Rolle eines überzeichneten Fußballfans in einem Peter Thorwarth-Film übernehmen können. Für uns war er aber Realität. Wir hatten Angst vor ihm.

Seit dem Sommer hatte Sandmann seine Schimpftiraden auf uns abgelassen. Niemand hatte etwas dagegen gesagt. Er hatte seinen Sohn, jeden einzelnen von uns und oft auch den Schiedsrichter beleidigt. An diesem Abend im Herbst änderte sich das. Sven, unser bester Stürmer, hatte durch irgendeine Aktion Sandmanns Zorn auf sich gezogen und war beschimpft worden. Da war dem Jungen der Kragen geplatzt: „Halt die Fresse, Sandmann!“ Der gesamte Frust der Mannschaft brach sich in diesen Worten Bann. Es war wie ein großes, stummes: „Endlich!“.  

Vom Schiedsrichter bekam Sven die gelbe Karte. „Du unverschämter Bengel, ich hätte dich vom Platz geschmissen dafür“, schnauzte ihn Sandmann wenig später in der Kabine an. Bedrohlich hatte er sich vor Sven aufgebaut. Unser Trainer, ein ruhiger Typ, ging endlich einmal dazwischen und warf ihn raus. Sandmanns Sohn, ich weiß es noch genau, saß still in einer Ecke und schämte sich. Ich schwor mir, dass ich niemals so werden würde, sollte ich einmal einen Sohn haben, der Fußball spielt.

Im Rückblick denke ich, Sandmann hat es im Grunde gut gemeint. Er fuhr uns zu den Auswärtsspielen, übernahm die Betreuung, besorgte uns Getränke, gab mal eine Pommes aus und organisierte die Abschlussfahrt. Aus irgendeinem Grund musste er ständig schimpfen und motzen. Wahrscheinlich musste er auf diese Art irgendetwas kompensieren. Er konnte einfach nicht aus seiner Haut.

Heute, knapp 35 Jahre später, spielt mein siebenjähriger Sohn Theo Fußball und ich bin sein Trainer. Es vergeht kaum ein Training, bei dem wir zwei uns nicht irgendwie in die Wolle kriegen. Ich benutze keine Kraftausdrücke wie Sandmann, aber ich sage ihm, wenn er etwas besser machen könnte. Theo dreht sich dann um und schimpft: „Mann, Papa!“ Mich nerven diese Situationen. Theo spielt gut. Er ist schnell, kann prima dribbeln und schießen, ist aber zu eigensinnig. „Spiel bitte ab, Junge!“ ermahne ich ihn. Mit ihm bin ich ungeduldiger als mit anderen Kindern, das gebe ich zu.

Mein Ton verhindert eine konstruktivere Ebene zwischen uns. Mir ist das bewusst. Ich weiß aber nicht, wie ich das ändern kann. Dabei bin ich glücklich und stolz, dass Theo Fußball spielt. Als er mit noch nicht einmal fünf Jahren sein erstes Tor erzielte, musste ich ein paar Glückstränen verdrücken. Nach unserem Umzug von Berlin nach Franken hat er im neuen Verein schnell neue Freunde und Anerkennung gewonnen. Inzwischen schauen wir sogar gemeinsam Sportschau.

Wenn Theos Mannschaft ein Spiel hat, ist es am schlimmsten. Dann stehe ich an der Seitenlinie, gebe Anweisungen, fiebere mit, feuere an und schimpfe. Warum kann ich nicht ruhig bleiben? Der Junge spielt in der F-Jugend, nicht in der Bundesliga. Es geht um nichts, außer um Erfolgserlebnisse und Spaß. Trotzdem: Ich bin so ein typischer Fußballvater, laut, parteiisch und viel zu emotional. Ich sehe mir selbst dabei zu und sage kopfschüttelnd: „Genauso wolltest du nie werden.“ Ich denke an Sandmann.

Zu meinem Glück bin ich nicht allein. Unser Trainerteam besteht aus vier Vätern. Jeder hat einen Sohn in der Mannschaft. Und jeder ist mit seinem Kind besonders ehrgeizig und streng. Der Geduldsfaden ist kürzer als bei den anderen Jungen. Gleichzeitig schalten die Söhne bei den eigenen Vätern schneller in den Contra-Modus. Es eskaliert zwar nie, aber es wird schon laut und manchmal fließen Tränen. Jeder von uns Vätern will es beim eigenen Kind besonders gut machen.

Im Winter spielte das Team um die Hallen-Kreismeisterschaft. Ich war nur Zuschauer. Zwei andere Väter bildeten das Trainerteam. Das erste Spiel endete 0:0. Danach kam Theo niedergeschlagen zu mir: „Jetzt können wir nicht mehr Geschichte schreiben, Papa.“ Ich fragte nach, was er damit meinte. Er sagte, das hätte einer der Trainer gesagt: „Jungs, heute könnt ihr Geschichte schreiben!“ Ich beruhigte Theo und sprach den Kollegen darauf an. Er bedankte sich für die Rückmeldung und gab zu, es bei der Kabinenansprache mit der Motivation etwas übertrieben zu haben. Vor dem nächsten Spiel sagte er den Kindern, sie sollten das mit der Geschichte vergessen und einfach Spaß am Spiel haben. Am Ende gewannen sie die Kreismeisterschaft.

Diese Art von Teamwork haben wir vier inzwischen ausgebaut und verfeinert: Droht eine Vater-Sohn-Situation zu eskalieren, wechseln wir. Der eine übernimmt die Trainingsgruppe des anderen. Der Effekt ist sofort spürbar. Trainer und Spieler konzentrieren sich auf Fußball. Die Kinder sind offener. Sie nehmen die Anmerkungen des neutralen Trainers besser an. Auch wir Trainer nehmen es locker, wenn Übungen anders laufen als geplant.

Außerdem hilft der Blick auf andere: Mein Freund Sven trainiert seinen Sohn schon seit Jahren. Auch er ist emotional, aber immer souverän und freundlich dabei. Das Verhältnis zu seinem Sohn und zur ganzen Mannschaft ist frei und unbelastet. Die Jungen folgen ihm. Sven vermittelt immer Spaß, greift aber auch durch, wenn es sein muss. Macht ein Kind während des Trainings Quatsch, muss es Liegestütze machen. Sven entschärft die Situation aber jedes Mal mit einem Scherz. Er führt nie einen Jungen vor, sondern nimmt alle mit. Seine Erfahrung hat er in der Jugend gemacht: Es ist der Sven, der Sandmann im Herbst 1985 auf einem Schlackeplatz zum ersten Mal Kontra gab.

13. Aug. 2020
von Matthias Heinrich
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04. Aug. 2020
von Anneli Pereira
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Warum Zwillinge auch mal getrennt werden sollten

Zwei gleich alte Jungs – sollten die alles zusammen machen? Auf keinen Fall, finden Entwicklungspsychologen.

„Unfair“ ist das neue Lieblingswort meines Sohnes Tiago. Er benutzt es ununterbrochen. Denn das Leben ist für ihn derzeit vor allem eins: Ungerecht. „Unfair, der Fabian hat eine Scheibe Brot mehr als ich! Unfair, wieso darf ich nicht neben Mama sitzen? Unfair, ich wollte zuerst in die Badewanne.“

Natürlich versuche ich meine Zwillingsjungs so gleich wie möglich zu behandeln. Geschenke gibt es meistens für beide, Eis sowieso, und spiele ich mit Tiago eine Runde „Verrücktes Labyrinth“, hat natürlich auch Fabian Anspruch auf eine exklusive Spieleinheit nur mit mir. Irgendwann verliere ich aber den Überblick. Um absolut gerecht handeln zu können, müsste ich Buch führen über Sitzordnungen, wer wann zuletzt das gelbe Mickey-Mouse-Shirt getragen hat und wie viele Küsschen ich an wen verteilt habe. Kleinigkeiten, die ich längst vergessen habe, wissen meine Kinder noch ganz genau. Und wenn irgendwo ein Ungleichgewicht zu Tage tritt, lässt die Empörung nicht lange auf sich warten: „Unfair!“

Dass sich Geschwister untereinander vergleichen, kennen wohl alle Familien. Bei Zwillingen ist die Situation extremer. Zwei Kinder, gleiches Alter, in unserem Fall auch mit dem gleichen Geschlecht, den fast ausschließlich gleichen Interessen, Spielkameraden und Vorlieben. Da fällt es manchmal schwer, die beiden nicht als Einheit anzusehen und sich nur auf ein Kind zu konzentrieren. Wie oft ertappe ich mich dabei, dass ich Tiago und Fabian nicht mit ihren Namen anspreche, sondern einfach rufe: „Freunde, räumt bitte euer Zimmer auf!“

Dabei sind die beiden bei genauerer Betrachtung ziemlich unterschiedlich. Sie kamen zwar am gleichen Tag mit einem Abstand von nur einer Minute auf die Welt, doch dann hören die Gemeinsamkeiten schnell auf. Tiago: dunkelhaarig, olivfarbene Haut, braune Augen. Und Fabian: hellhäutig, blau-grüne Augen und mit einem blonden Flaum auf dem Kopf. Es dauerte keine zwei Nächte, und mein Mann und ich konnten die beiden am Sound ihres Schreiens erkennen. Meistens war es sowieso Fabian, der schrie. Tiago schlief mit drei Monaten bereits acht Stunden am Stück. Sein Bruder hingegen wachte noch mit drei Jahren alle vier Stunden auf. Mit elf Monaten trippelte wiederum Fabian bereits durch die Wohnung und rief „Tor“, während Tiago seine ersten Schritte mehr als ein halbes Jahr später mit 18 Monaten machte. Mit zweieinhalb legte Fabian seine Windel ab, Tiago erst sechs Monate später. Natürlich durchlief er die gleiche Sauberkeitserziehung (ein schreckliches Wort!) wie sein Bruder, aber es klappte einfach nicht. Als Tiago dann drei Jahre alt war, sagte er eines morgens zu mir: „Mama, ich will heute keine Pampers, sondern eine Unterhose.“ Von da an war das Thema erledigt. Er hatte einfach beschlossen, aufs Klo zu gehen. Was man in jedem Buch über kindliche Entwicklung nachlesen kann, hat sich bei uns bewahrheitet: Jedes Kind hat sein eigenes Tempo.

Solange die Kinder die Unterschiede nicht wahrnehmen ist ja auch alles gut. Schwierig wird es zum Beispiel dann, wenn der gleich alte Bruder schon besser Fahrradfahren kann als man selbst. Fabian radelt bereits ziemlich gut. Das 16-Zoll-Kinderfahrrad ist für ihn mittlerweile viel zu klein. Eigentlich wollten wir am Wochenende daher nur mal schauen, ob er vielleicht schon bereit ist für ein 20-Zoll-Rad mit Gangschaltung und ohne Rücktritt. Ehe wir’s uns versahen, standen wir bereits an der Kasse mit einem super coolen großen Jungsfahrrad. Fabian konnte sein Glück kaum fassen und strahlte, als hätten wir ihm gerade erzählt, dass es ab sofort jeden Tag Pancakes zum Frühstück gibt. Sein Bruder Tiago machte hingegen ein Gesicht wie Rosenkohl. „Unfair, wieso kriegt der Fabian ein neues Fahrrad und ich nicht?“

Natürlich durfte Tiago auch ein großes Rad ausprobieren. Doch obwohl er genauso groß ist wie sein Bruder, schlenkert er noch sehr unsicher auf zwei Rädern durch die Gegend. Es macht noch keinen Sinn, ihm ein größeres zu kaufen. Aber erklären Sie das mal einem Fünfjährigen. Kann ich ihm es also zumuten, dass er dieses Mal leer ausgeht und ihn vertrösten, dass er ein neues Fahrrad bekommt, sobald er damit fahren kann? Ich finde schon. Mehr noch, ich finde es sogar wichtig, dass auch Zwillinge die Erfahrung machen, dass sie nicht immer beide das Gleiche bekommen. Bei „normalen“ Geschwistern ist das ja auch nicht anders. Zumindest meistens. Ich habe aber auch schon oft die Situation erlebt, dass am Geburtstag oder auch der Einschulung des großen Bruders der kleinen Schwester auch ein Geschenk gemacht wird, damit sie nicht enttäuscht oder traurig ist. Muss das sein? Ich finde nicht.

Nun könnte der Eindruck entstehen, dass Fabian so viel weiter ist und sein Bruder in seinem Schatten steht und zurückstecken muss. Dem ist glücklicherweise nicht so. Ja, Tiago war in allen motorischen Entwicklungsschritten bis jetzt immer etwas hinter seinem Bruder her, dafür ist er aber kognitiv bereits weiter. Manchmal bin ich selbst erstaunt über seine Gedankengänge und Rückschlüsse auf die Welt, das Leben und sogar den Tod. Er weiß, was er will und lässt sich nicht so schnell aus dem Konzept bringen. Wenn ich hingegen Fabian frage, welche Eissorten er in seine Waffel haben möchte, antwortet er mit einer Gegenfrage: „Was will denn der Tiago?“ So ist das bei vielen Dingen. „Will der Tiago auch Fußball spielen? Welches T-Shirt hat der Tiago heute an?“ und so weiter und so fort.

Gerade weil er alles genau so machen möchte wie sein Zwillingsbruder, planen wir, die beiden nächstes Jahr in zwei getrennte Klassen einschulen zu lassen. Einfach wird das sicher nicht. Ich würde mir wahrscheinlich viel Stress und Organisation ersparen, wenn Fabian und Tiago in dieselbe Klasse gingen. Für ihre Entwicklung ist es aber sicher besser. So werden sie nicht von Anfang an als die „Zwillinge“ wahrgenommen, sondern als zwei Individuen. Sie sollen unabhängig voneinander Freundschaften schließen, Hobbys entwickeln und lernen können. Und irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft sind es dann eben Tiago und Fabian, zwei Brüder und nicht: die Zwillinge.

Bis dahin haben wir aber noch ein wenig Zeit. Das eine oder andere Entwicklungsgespräch in der Kita steht noch an. Natürlich werde ich mich auch hier von den Pädagogen beraten lassen. Damit der Einschnitt dann auch nicht zu groß wird, nehmen mein Mann und ich uns immer wieder vor, Dinge getrennt mit den Kinder zu unternehmen und sie auch eigene, individuelle Erfahrungen machen zu lassen.

Das fängt beim exklusiven Eisessen oder Fahrradfahren mit Papa an und hört beim Play-Date für nur einen Zwilling auf. Meistens werden Tiago und Fabian natürlich gemeinsam zum Spielen eingeladen. Allzu oft kommt das aber auch nicht vor. Denn wer sich zum eigenen Kind noch zwei weitere nach Hause einlädt, hat die Bude nicht nur voll, sondern in Nullkommanix auch auf dem Kopf stehen. Wie sagte Andy Warhol mal so treffend: „Einer ist Gesellschaft, zwei sind eine Menge und drei sind eine Party.“

Bei drei Kindern entsteht meistens, ob man will oder nicht eine Dynamik, die nur schwer zu durchbrechen ist. Spielen anfangs noch alle in trauter Dreisamkeit, kommt irgendwann der Moment, an dem die Stimmung kippt und sich zwei gegen den anderen verbünden. Ich wünsche mir auch hier für meine beiden Jungs die wertvolle Erfahrung einer Zweier-Freundschaft. Andererseits: Die haben sie natürlich schon längst gefunden.

04. Aug. 2020
von Anneli Pereira
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28. Jul. 2020
von Tanja Weisz
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Lasst sie ruhig mal schuften!

Hausarbeit statt Taschengeld
Hausarbeit ist kein Spaßbringer, aber lehrreich.

Das Taschengeld und ich, wir haben es miteinander versucht. Eine ordentliche Beziehung wollten wir aufnehmen, uns regelmäßig treffen, jede Woche sonntags, damit ich in einer kleinen feierlichen Zeremonie die abgezählten Münzen an meinen Nachwuchs übergeben konnte: Mein Geld sei nun Dein Geld.

Das Taschengeld war willig, ich konnte oder wollte mich aber irgendwie nicht committen. Ein paar Wochen ging es gut, dann vergaß ich wieder unsere Verabredung, zahlte dann Wochen auf einmal nach. Versuchte mich selbst mit Strafzinsen zu mehr Disziplin zu erziehen, alles erfolglos.

Mein Kind, das offenbar zu ähnlich verantwortungsloser Nachlässigkeit wie ich neigt, vergaß die Verabredungen auch. Dabei ist Taschengeld doch so wichtig, damit Kinder den Umgang mit Geld lernen! So las sich das jedenfalls in den einschlägigen Erziehungsratgebern.

Doch lernen Kinder mit einem Einkommen von 1-2 Euro pro Woche wirklich etwas anderes, als wieviel Brausepulvertüten oder Tauschbildchen man dafür bekommen kann? Ansparen kann man damit ja nicht wirklich etwas und wenn wir zusammen ein Eis essen wollten, hab´ ich es ohnehin bezahlt. Die Sache mit dem Taschengeld schlief also wieder ein – und wurde vom Nachwuchs auch nicht groß nachgefragt. (Genügsam, ich weiß, ein Glücksfall!).

Mit Beginn des Teenageralters brachte meine Tochter das Thema wieder auf die Tagesordnung. Tenor: Alle bekommen Taschengeld, warum ich nicht. In Erinnerung an die guten alten Erziehungsratgeber, kramte ich schon zähneknirschend meine Silberlinge zusammen.

Aber was, so fragte mich eine besserwisserische Stimme in meinem Hinterkopf, lehre ich meiner Tochter da? Dass sie künftig so regelmäßig wie ich mein Gehalt von mir Geld erhält, allerdings völlig ohne Gegenleistung. Während ich gerne mal darauf hinweise, dass Miete, Essen, Klamotten und Urlaub erst durch meine nervenaufreibende Arbeit bezahlt werden kann, soll ich nun mein Kind an ein bedingungsloses Einkommen gewöhnen. Ganz so, als würde das Geld der Eltern auf dem Kirschbaum im Garten wachsen und man könne beliebig davon ernten.

Auf welches Einkommensmodell bereite ich mein Kind da eigentlich vor?

Die größten Kritiker eines bedingungslosen Grundeinkommens in der Erwachsenenwelt malen immer wieder in trüben Farben das Bild vom abgeschlafften Arbeitnehmer, der fortan nur noch in der Hängematte liegt und sich zu absolut keiner wertvollen Erwerbsarbeit mehr aufraffen mag. Wer einen ermatteten Teenager an einem Samstag um 11 Uhr zu wecken versucht, kennt dieses Bild in allen Details. Wo bleibt da der Anreiz für jedwede Tätigkeit?

Ich schloss also die Finger um mein sauer verdientes Geld wieder fester und trat in neue Verhandlungen ein. Dabei halfen mir ausgerechnet ein Paar furchtbar hässliche Schuhe, auf die mein Kind ein Auge geworfen hatte: Schwarze Plateauschuhe mit Teufelshuf und bedrohlichen Spikes am Ende, garniert mit einem roten Stoffherz, das wohl dem Elend noch einen Hauch Harmlosigkeit verleihen sollte. Ich würde ihr diese Schuhe jedenfalls niemals kaufen, aber wenn sie dafür arbeiten wolle, bitte.

Der Glanz in ihren Augen war ein seltenes Schauspiel, ebenso der Elan, den sie seither an den Tag legt: Sie bügelt, sie schrubbt das Bad und arbeitet zuverlässig Wäscheberge ab. Ich bezahle sie für Hilfe bei der Hausarbeit. Nicht bei den kleinen Dingen des Alltags, wie Tisch ab- oder Geschirrspülmaschine ausräumen, Selbstverständlichkeiten also. Aber für all jene Tätigkeiten, für die ich zeitweise auch eine Putzfrau bezahlt habe.  

Netter Nebeneffekt: Das Kind hat den Wert der Hausarbeit kennengelernt. Das ist nicht länger etwas Diffuses, das zwischen Sonnenauf- und bis nach Sonnenuntergang von Eltern auf magische Art und Weise erledigt wird. Meine Tochter kann nun beziffern, wie teuer es ist, wenn jemand anderes die Wäsche für einen macht. Indem man einen Stundensatz vereinbart und dann gemeinsam durchexerziert, wie lange es dauert, bis alle Socken gedreht und die Wäsche nach Farben sortiert ist, wie man die Waschmaschine bedient, danach die Kleidung aufhängt und nach dem Trocknen wieder zusammenlegt und schließlich ordentlich in den richtigen Schrank packt. Jeder Schritt wird in Minutenlänge zerlegt und am Ende addiert.

Das ist heilsam und nicht nur lehrreich für das Kind, sondern auch für die Eltern, die dadurch mal die Stunden zusammenrechnen, die sie so nebenher in den Haushalt investieren. (Ich antworte übrigens seither nie mehr auf die Frage, wie man einen scheinbar ereignislosen Tag verbracht hat, mit „Och, nicht Besonderes“. Ich sage: „Ich hab´ den Haushalt geschmissen. Es ist jetzt wieder sauber, wir haben alle was zu essen und zum Anziehen.“)

Denn auch darauf kommt es an: dass wir unseren Töchtern (und Söhnen, sofern vorhanden) mit auf den Weg geben, dass die ewige Hausarbeit nicht ohne Grund ARBEIT im Titel trägt und etwas ist, das keiner naturgegeben gern so nebenher macht und deshalb keiner weiteren Würdigung bedarf. Dass auch ein „Danke“ dafür manchmal zu wenig ist. Dass man diese Arbeit auch bewerten kann.

Und ich kein schlechtes Gewissen habe, wenn ich dabei auch die angemessenen Opportunitätskosten im Blick behalte: Ich bügele so ungern, dass mir 1 Stunde Freizeit, in der ich nicht bügeln muss, glatt 10 Euro wert sind. Die gebe ich stattdessen meinem Kind, das in der Zwischenzeit alle meine Blusen plättet. 

Win-Win.

Wichtig bei dieser Gleichung ist aber vor allen Dingen eines: Wer weiter den unbezahlten Teil der Hausarbeit macht, Mann oder Frau, sollte sich dafür öfter mal eine Gegenleistung gönnen. Ein familienfreier Abend, eine Massage, ein Restaurantbesuch – alles erlaubt, was als großes „Gut gemacht“ empfunden wird, wo das tägliche „Danke“ meist gewohnheitsmäßig ausbleibt.

28. Jul. 2020
von Tanja Weisz
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23. Jul. 2020
von Sonia Heldt
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Wenn Kinder uns den Spiegel vorhalten

Nicht gleich, aber doch oft verblüffend ähnlich: Genetik ist eine wundersame Angelegenheit.

Wir fahren in den Urlaub und meine Töchter werden sich zwei Wochen lang ein Hotelzimmer teilen, was bei beiden Mädchen nicht auf Begeisterung stößt. Maya (12): „Ich will mit der nicht in ein Hotelzimmer. Lara ist rücksichtslos und unordentlich.“ Lara (16): „Meinst du etwa, ich mache das freiwillig? Maya spinnt doch. Die regt sich über jede Kleinigkeit auf! Als wir uns in Berlin ein Zimmer geteilt haben, hat sie einen Aufstand gemacht, weil ich mein Bett nicht gemacht habe. Ey, das war ein Hotel! Da gab es Zimmermädchen!“ Ich muss lachen. Maya ist schon arg pingelig, aber ich kann ihren Ärger über Lara absolut nachvollziehen. „Mich regt Papas Durcheinander auch ständig auf. Aber da müssen wir alle durch und uns arrangieren“, sage ich.  Maya schmollt. „Kann ich nicht mit dir in ein Zimmer und Papa geht mit Lara in eines? Das würde viel besser passen.“ Ich schüttele den Kopf, obwohl die Idee, Team Chaos in ein Hotelzimmer zu stecken, wirklich nicht schlecht ist. Maya und ich hätten es herrlich ordentlich und mein Mann und Lara könnten wie gewohnt alles rumfliegen lassen und würden sich in ihrem Saustall auch noch wohlfühlen. Die fehlende Ordnungsliebe hat Lara eindeutig von meinem Mann.    

Es ist schon wunderbar, was Mutter Natur so zaubern kann. Zwei Menschen vereinen ihre Gene: 23 Chromosomen schenkt der Vater seinem Kind, 23 Chromosomen die Mutter. Die werden einmal kräftig durchgemischt und heraus kommt ein völlig neuer Mensch. Und obwohl einige Gene dominant sind, wie z.B. dunkles Haar, und einige eher rezessiv, spielt der Zufall eine nicht unwesentliche Rolle. Die Geburt eines Kindes ist daher jedes Mal aufs Neue spannend und aufregend: Welche kleine Persönlichkeit wird da wohl die Welt erblicken? Wird es Mamas große Augen und ihre Sommersprossen erben? Wird es ein Sturkopf wie Papa mit seinen blonden Locken? Oder wird es vielleicht sogar hochmusikalisch wie die Oma?

Als Maya vor zwölf Jahren als mein zweites Kind auf die Welt kam, war mein erster Gedanke: „Sie sieht aus wie Lara.“ Tatsächlich sahen sich meine Töchter bei ihrer Geburt verblüffend ähnlich. Sie können nicht abstreiten, dass sie Geschwister sind, auch wenn sie sich nicht mehr so stark ähneln: Lara ist optisch eher Mama, Maya eher Papa. Sie haben beide exakt die gleiche Haarfarbe (Mama) und die gleichen kleinen Ohren (Papa). Maya hat als einzige von uns blaue Augen, die verstärkt in meiner Familie mütterlicherseits vorkommen. Laras Haut wird im Sommer genauso unverschämt tiefbraun wie die meines Mannes, was Maya und ich neidisch zur Kenntnis nehmen müssen, während wir stattdessen mit sehr trockener Haut kämpfen. Beide Mädchen sind kreativ, fantasievoll, arbeiten gerne mit Sprache, lesen und schreiben viel (Mama). Im Gegenzug liegen ihnen die Naturwissenschaften nicht (Mama und Papa), wobei die Schwäche für Mathe bei der einen mehr (Papa) und der anderen weniger (Mama) ausgeprägt ist.

Lara und ich ticken in sehr vielen Dingen gleich, was nicht immer leicht zu ertragen ist. Es ist nicht schön, den Spiegel vorgehalten zu bekommen, wenn es sich bei dem Spiegelbild um die eigene Tochter handelt. Da erkennt man zuweilen Eigenschaften, die man an sich selbst gerne ablegen würde, wenn man nur könnte. Meine Ungeduld, zum Beispiel, oder meine Ungeschicklichkeit. Ich pflegte als Kind, genau wie Lara, allmorgendlich meinen Kakao umzuschmeißen. Wir kreieren gerne neue Dinge, sind aber immer etwas schlampig in der Ausführung, wenn es um handwerkliche Arbeiten geht. Meistens, weil es uns nicht schnell genug geht. Ich habe beim Zusammenbau eines dämlichen Kinderbrettspiels schon einmal so die Geduld verloren, dass ich das Spiel an die Wand geworfen habe, weil die Kleinteile meine Feinmotorik überforderten. Ich hätte das Spiel am liebsten anschließend noch verkloppt. Nach dem Kochen oder Backen muss ich mich fast immer umziehen und den Boden saugen. Wenn Lara Weihnachtsplätzchen verzierte, kleben Schokolade und Zuckerguss später in der gesamten Küche, in ihrem Gesicht, auf ihren Klamotten und in ihrem Haar. Ihre Kekse dekorierte sie schnell, einfallsreich, aber weniger sorgfältig als ihre geduldige Schwester. Bei Maya wurde jeder einzelne Keks zum Kunstwerk, fast ohne Kleckerei. Mit einer Engelsgeduld und geschicktem Pinzettengriff angelte sie die Zuckerkügelchen einzeln aus der Schüssel und drapierte sie vorsichtig auf den Keks. Mein Mann hat zwar den Pinzettengriff nicht so drauf, aber er ist ebenfalls sehr geduldig. Ihn bringt so schnell nichts aus der Ruhe.

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23. Jul. 2020
von Sonia Heldt
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16. Jul. 2020
von Matthias Heinrich
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Mamas Koffer

Wenn ein Elternteil viel herumreisen muss, kann das auch für den Nachwuchs seelischen Ballast bedeuten.

Wir leben inzwischen seit einem Jahr in Franken. Beim Frühstück läuft trotzdem immer noch der Radiosender, den wir immer in Berlin gehört haben. Es gibt einfach nichts Vergleichbares hier im Süden. Die Musikausauswahl gefällt uns, die Stimmen der Moderatoren sind uns so vertraut wie die Orte in den Beiträgen. Im Verkehrsfunk staut sich der Berufsverkehr noch immer auf den gleichen Straßen wie zu unserer Berliner Zeit. Es ist schön, das alles mitzubekommen. Da ist dieses Gefühl, auch hier in der Provinz noch dabei zu sein, zu hören, was geht und nicht geht in der großen Stadt.

Bevor wir vergangenen Sommer alle hierherzogen, gab es eine Übergangszeit. Ein Dreivierteljahr lang ist meine Frau zwischen Berlin und Franken gependelt. Das war nicht ohne. Für sie, für mich und natürlich auch für die Kinder. Theo, gerade eingeschult, stand kurz vor seinem sechsten Geburtstag, unsere Tochter Tina war noch keine vier Jahre alt. Vor allem für sie muss es rückblickend eine ziemlich schwere Zeit gewesen sein, wie wir neulich feststellen mussten. Tina hatte ein Bild gemalt. Die ganze Familie mit fröhlichen Gesichtern. Als wir sie fragten, was denn das eckige Ding neben ihrer Mutter sei, sagte sie: „Mamas Koffer.“

Ich dachte an die Pendelzeit zurück: Wenn sich meine Frau montags in aller Herrgottsfrühe aus dem Haus schlich, schliefen die Kinder noch. „Wo ist Mama?“ waren Tinas erste Worte nach dem Wachwerden. Es flossen große Tränen, als ich sagte, dass Mama schon im Zug auf dem Weg zur Arbeit säße. Natürlich hatten wir den Kindern abends gesagt, dass ihre Mutter zurück nach Franken fuhr. Sie hatten sich ausgiebig verabschiedet. Theo konnte schnell in den Schulmodus umschalten. Er sagte sich: „So und so viel Mal schlafen, dann ist Mama wieder da“ – und damit hatte es sich. Tina aber benötigte jeden Montagmorgen viel Trost.

Als sei das noch nicht genug, stand die nächste Herausforderung schon vor der Tür: Theo musste um zehn vor acht in der Schule sein und Tina, die morgens immer – auch wenn ihre Mutter da ist – eine gewisse Anlaufphase benötigte, musste mit. Egal, ob wir einen extra Zeitpuffer einplanten, es mit gutem Zureden oder sanftem Druck versuchten, es war fast jeden Morgen ein Gehetze, ein Kampf, ein Krampf. Da passten, wir waren schon auf dem Weg nach unten, auf einmal die Schuhe nicht richtig, die Lieblingspuppe fehlte oder das Kind wollte trotz Minusgraden keine Jacke anziehen. Das alles kostete viel Zeit und noch mehr Nerven. Oft strampelte Tina unter Tränen auf ihrem kleinen Rad neben mir her. Und ich trieb sie noch zur Eile an. Nachdem Theo in der Schule war, brachte ich sie in die Kita. Danach musste ich erst einmal durchatmen, einen Kaffee holen und damit in die S-Bahn steigen, Richtung Mitte, ins Büro.

Wenn ich das jetzt schreibe, denke ich: „Hätte ich den Kaffee mal weggelassen und mir stattdessen mehr Zeit für meine Tochter genommen.“ Anderseits habe ich ihr so viele Nähe und Aufmerksamkeit geschenkt, wie ich konnte. Viele Bücher gelesen, gespielt, gesungen, gekuschelt. Abends bin ich regelmäßig neben ihr eingeschlafen. Trotzdem war ich eben „nur“ ihr Vater, der die Mutter nicht ersetzen konnte. Wie schwer dem Kind die temporäre Trennung zu schaffen gemacht hatte, zeigte sich nach dem Umzug: In der ersten Zeit wich Tina meiner Frau nicht von der Seite. Wenn sie in ihrem Zimmer spielte, rief sie regelmäßig: „Mama, wo bist du?“ Nur eine konkrete Antwort ließ das Kind wieder in die Puppenwelt eintauchen.

Inzwischen hat sich die Lage ziemlich normalisiert. Meine Frau ist für Tina zwar immer noch der Nabel der Welt, aber es geht. Inzwischen kann sie das Haus verlassen, ohne dass das Kind Theater macht. Ich möchte dieses Koffer-Bild auch nicht zu hoch hängen. Aber es zeigt, dass die Pendelsituation das Kind mehr belastet hat, als uns bewusst war. Offenbar hat Tina einen Großteil ihres Frusts hinuntergeschluckt, um uns – in dem Fall mich – zu schützen, weil sie meine Anspannung gespürt hat.

Freunde von uns haben die umgekehrte Erfahrung gemacht. Der Vater, der sonst pendelt, ist Corona-bedingt seit März im Homeoffice. Dadurch hat sich sein Verhältnis zur Tochter verändert. Es ist enger geworden. Sie kommt viel häufiger zu ihm, stellt Fragen, die sie früher ihrer Mutter gestellt hätte, oder will einfach nur schmusen. So oder so: Wenn ein Elternteil pendelt, diese Erkenntnis ist wahrscheinlich keine riesige Überraschung, ist das auch für Kinder eine Belastung. Vielleicht eine größere, als Eltern wahrhaben wollen.

16. Jul. 2020
von Matthias Heinrich
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06. Jul. 2020
von Sonia Heldt
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Eiskönigin, Soy Luna, Julien Bam – brauchen Kinder Idole?

Karol Sevilla, die Darstellerin aus „Soy Luna“, wurde durch die Serie weltberühmt und kann sich über 12 Mio. Follower auf Instagram freuen

Maya (12) ist schwer mit der Neugestaltung ihres Zimmers beschäftigt. Sie reißt sämtliche Soy Luna Poster von Kleiderschrank und Wänden und schmeißt sie zerknüllt in den Papierkorb. „Willst du auch das große Bild an der Decke über deinem Bett abhängen?“, frage ich. Maya nickt und ich erinnere mich daran, wie ich vorletztes Jahr auf Knien auf ihrem Hochbett herumgerutscht bin und hoffte, das Lattenrost würde unter mir nicht zusammenkrachen, während ich das riesige Poster von Ruggero Pasquarelli und Karol Sevilla – den Stars der argentinischen Disney-Serie – mit unzähligen Tesafilm-Streifen befestigte. „Mach es ganz fest, damit es hält und nie mehr abgeht“, bat meine Tochter mich damals. Nachdem ich das bunte Maxi-Poster bombenfest angeklebt hatte, kletterte Maya in ihr Bett, legte sich auf den Rücken, verschränkte die Arme unter ihrem Kopf und starrte selig an die Decke, von der ihr ihre Idole fröhlich zulächelten.

Aber nun ist das Ende von Luna, Matteo, Simón und Amber – wie die Stars in der Telenovela heißen – in Mayas Zimmer besiegelt. Es war abzusehen und eigentlich überfällig. Schließlich lief die allerletzte Folge der finalen Staffel bereits vor eineinhalb Jahren. Die Einschaltquoten der 3. Staffel waren offensichtlich so schlecht, dass der Sender die Ausstrahlung bereits nach wenigen Folgen stoppte und die Serie in die App verbannte. Doch Maya hielt ihren Idolen, allen voran Hauptdarstellerin Karol Sevilla, auch nachdem der große kommerzielle Hype längst vorbei war weiterhin die Treue. Bisher hat Maya noch niemanden gefunden, der Karols Platz einnehmen könnte.

Kinder suchen sich schon sehr früh Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Somit stellen wir, die Eltern, die ersten Idole im Leben unserer Kinder dar, dicht gefolgt von älteren Geschwistern. Maya vergötterte ihre dreieinhalb Jahre ältere Schwester Lara bis ins Grundschulalter. Lara funktionierte wie ein Filter, der ihrer kleinen Schwester Vorlieben und die Art zu spielen vorkaute. Was Lara gut fand, fand Maya auch gut. Wenn Lara mit ihrer Tanzgruppe auftrat, stand Maya staunend am Bühnenrand und prägte sich die Tanzschritte ein, um zu Hause „Genau wie Lara!“ zu tanzen. Lieblings-Kleidungsstücke, die Lara zu klein geworden waren und nach einiger Zeit in Mayas Besitz übergingen, lösten bei Maya so gut wie immer Begeisterungsrufe aus: „Die Jeansjacke hat Lara immer mit ihrem weißen T-Shirt und einer Kette getragen! Genauso will ich die auch anziehen!“ Doch je älter Maya wurde, desto mehr entwickelte sich ihr eigener Geschmack und sie grenzte sich von der Schwester ab, um sich neuen Idolen zu widmen.

Wie fast alle kleineren Kinder, identifizierten sich meine beiden Töchter mit Figuren aus Film und Fernsehen. Disney-Filmfiguren waren besonders beliebt. Maya bewunderte die geheimnisvolle Eiskönigin, die lustige Arielle und Rapunzel mit ihrem wunderschönen Haar. Lara sah sich eher als belesene Belle oder unangepasste Merida. Nachdem Maya „Küss den Frosch“ gesehen hatte, wollte sie kochen lernen und spielte ständig Kellnerin, um wie Tiana später einmal ein Restaurant aufzumachen. Dann wechselte sie ihren Berufswunsch und wollte Polizistin werden, nach Vorbild des taffen Hasen-Mädchen Judy Hopps aus Zoomania. Später verehrte sie Mal, die Tochter der bösen Maleficent aus den Descendants Filmen, wegen ihrer coolen Art und ihres Styles. Wem Maya gerade nacheiferte, konnte man stets an ihrer Zimmergestaltung, ihren Berufswünschen und ihren Klamotten ablesen.

Im Sommer 2016 lief die erste Soy Luna Staffel auf Disney Channel an. Hauptdarsteller: Ein Mädchen namens Luna, auf der Suche nach ihrer wahren Identität und weitere gutaussehende junge Menschen, die gemeinsam Musik machen, singen, auf Rollschuhen tanzen, sich verlieben und entlieben. Eine teenagergerechte, bunte Telenovela. Maya, die schon seit ihrem fünften Lebensjahr leidenschaftlich gerne Rollschuhe läuft und bis zu diesem Zeitpunkt für Pearl – dem Erste-Klasse-Waggon aus dem Rollschuh-Musical Starlight Express – schwärmte, identifizierte sich sofort mit der fröhlichen Luna. Pünktlich saß sie abends vor der Glotze, um auch ja keine Folge zu verpassen. Schnell häuften sich die Merchandise Artikel: Advents- und Jahreskalender, Schulplaner, Stifte, Haarspangen, T-Shirts, Rollschuhtasche, Fahrradhelm. Maya trug Lunas Kette um den Hals, schlief in ihrem Soy Luna Schlafanzug in Soy Luna Bettwäsche, tanzte stundenlang mit ihren Rollschuhen zum Soundtrack der Serie vor unserem Haus und schaute sich immer und immer wieder die gleichen Videos im Internet an: Interviews mit den Stars oder die Lieblingsszenen aus der Serie. Sie sammelte die Songtexte aus den Zeitschriften und schmetterte bald sämtliche Lieder lautstark und auswendig mit. Spanisch bezeichnete sie fortan als schönste Sprache der Welt. Argentinien und Mexiko, die Handlungsorte der Serie, wurden zu ihren Sehnsuchtsländern, die sie irgendwann einmal bereisen würde. Dann gingen die Darsteller mit einer eigenen Show auf große Europa-Tour. Maya träumte davon, Karol Sevilla live zu erleben und vielleicht sogar ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Sie bettelte verzweifelt, ich möge mit ihr ein Konzert besuchen.

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06. Jul. 2020
von Sonia Heldt
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29. Jun. 2020
von Chiara Schmucker
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„Tschüs, Wawa“ – ein Zweijähriger nimmt Abschied

Was passiert wohl, wenn der Sessel eines Tages leer ist?

„Sterben ist nicht so einfach“, sagt die Tierärztin mitfühlend, als wir vor zwei Wochen zum dritten Mal innerhalb weniger Tage sehr niedergeschlagen in ihrer Praxis auftauchten. Wir wollen, müssen unserem Hund helfen zu sterben. Er ist todkrank, die Nieren haben ihre Arbeit eingestellt, und seit Tagen hatten wir zu Hause gehofft, dass er diesen letzten Schritt bei uns alleine schaffen möge.

Es waren Tage, an denen wir unseren Sohn Max an der Hand nahmen, uns vor das Körbchen des Hundes knieten und unserem Kleinkind in seinen Worten zu erklären versuchten, was passieren würde. „Der Wawa ist krank“, sagten wir. „Er hat ein Aua im Bauch.“ Und: „Der Wawa kann nicht mit dir spielen.“ Es waren Nachmittage, an denen unser kleiner wilder Sohn lange still am Körbchen stand und unseren Hund mit großen Augen anschaute. Mitten im Spiel unterbrach er sich, zeigte auf den Hund und sagte: „Wawa Aua“.

Es waren Abende, an denen mein Mann und ich uns von unserem Freund verabschiedeten, wenn Max im Bett war. Leise, verzweifelt, traurig.

Wie erklärt man einem nicht einmal Zweijährigen, dass das so lieb gewonnene Haustier sterben wird? Wenn sterben gar kein Begriff ist, wie ich an dieser Stelle vor einiger Zeit beschrieben habe? Damals, als es um tote Insekten ging, sagten wir manchmal, diese seien „kaputt“, wenn Max auf sie trete. Für unseren Hund fanden wir das unpassend – und außerdem hat Max gerade gelernt, dass man etwas Kaputtes meist wieder reparieren kann. Bricht bei seinem Bagger ein Teil ab, will er sofort den Opa anrufen, weil der bei uns in der Familie fürs Reparieren zuständig ist.

Max kennt keine Regenbogenbrücken, über die Tiere vielleicht gehen. Der Himmel ist für ihn für Flugzeuge und Vögel reserviert, nicht für Hunde. Wir erziehen Max nicht religiös und haben noch nie von Gott gesprochen. In einem Moment der Trauer zum ersten Mal damit anzufangen, erschien uns irgendwie zu spät. Und macht den Verlust ja auch nicht weniger schmerzlich.

„Wenn Gott alles sieht, warum hat er dann die Mia vergessen“, schluchzte meine sechsjährige Nichte, als sie nur wenige Tage nach unserem Hund Abschied von ihrer Katze nehmen musste. „Hat er uns nicht lieb, dass er uns so wehtut? Haben wir etwas falsch gemacht? Warum soll die Mia auf Gottes Schoß kuscheln – sie kann doch auf meinem kuscheln, ich war ihre beste Freundin.“ Meiner Schwester brach es fast das Herz, ihr Kind so verletzt zu sehen. Und alle ihre Erklärungsversuche beschrieb sie später selbst als „kläglich“.

Sterben ist einfach oft so unfair, es geht immer zu schnell oder zu langsam, es wirkt anachronistisch in unserem Leben, das sich normalerweise so stetig nach vorne bewegt. Niemand lässt einen Hund, eine Katze oder ein Meerschweinchen gerne gehen, selbst wenn es für das Tier ein langes und letztlich aussichtsloses Leiden verkürzt.

Auch für Kinder ist der Tod existenziell – und doch kaum zu begreifen. In der Bibliothek gibt es nicht viele Bücher zum Thema Tod und Kleinkinder – ich packe alles ein, was ich finde, das meiste ist Literatur für Kita-Erzieherinnen und Erzieher. „Säuglinge und kleine Kinder unter drei Jahren sind bereits im Stande, so etwas wie Trauer zu empfinden“, lese ich da, und dass sie mit ihren Bezugspersonen mitleiden und mit Weinen oder Änderungen im Schlaf- und Essverhalten reagieren. Kinder, die enge Bezugspersonen verlieren und den Verlust nicht kompensieren können, können sogar daran sterben, lese ich. Sie haben kein richtiges Zeitverständnis – eine kurze Zeit kann sich für sie sehr lang anfühlen, ihre Trauer verläuft oft in Wellen und kann auch Monate nach dem Verlust wieder aufbrechen. Sie leiden körperlich, weil sie noch keine Worte haben, ihren Schmerz auszudrücken.

Ich leihe ein Buch über ein Meerschweinchen namens Herr Muffin aus, das so alt ist, dass seine Nase grau geworden ist und der Bauch schrecklich weh tut. Max und ich verabschieden uns von der kleinen Raupe Schmatz, die eines Morgens einfach nicht mehr auf das Rütteln ihrer Freundin an der Blume reagiert. Wir lesen in „Die besten Beerdigungen der Welt“, dass man alle toten Tiere beerdigen kann – ob Biene, Spitzmaus oder Hering aus dem Kühlschrank. Ich bin begeistert, wie ehrlich und ungeschönt die Kinderbücher den Tod beschreiben, nur ist das meiste für Max noch zu schwer verständlich.

Wir können und müssen ihm nicht viel erklären, aber wir wollen ehrlich sein. Ich will keinen Euphemismus von „der Hund schläft ganz tief“ benutzen, weil ich befürchte, dass Max sonst abends nicht mehr ins Bett will, aus Angst, dann selbst nicht wieder aufzuwachen.

„Sag dem Wawa Tschüs, Max“, sage ich zu Max, kurz bevor mein Mann und ich mit unserem Hund den letzten Gang antreten. „Du weißt, der Wawa ist krank. Er sagt dir auch Tschüs. Er kommt nicht wieder.“ Max bleibt bei meinen Schwiegereltern und backt Sandkuchen, während wir beim Tierarzt halten, streicheln und warten. Während Max’ Mittagsschlaf bestatten wir den Hund im Garten und pflanzen eine große Blume darauf. Einem älteren Kind hätte ich die Möglichkeit gegeben, sich noch einmal von dem toten Tier zu verabschieden, wenn es das gewollt hätte, um zu merken, wie kalt es geworden ist, dass es nicht lebendig vergraben wird – das war nämlich meine größte Angst beim Tod meiner Oma. Ich musste sehen, dass kein Leben mehr in ihr ist, auch wenn ich mich davor fürchtete, „sie dann so in Erinnerung zu behalten“, wie ich so oft gehört hatte. Ich habe sie natürlich nicht so in Erinnerung behalten. Wenn ich an sie denke, erinnere ich mich an ihre Direktheit, ihre Klugheit und Neugier und ihren Witz. Wenn ich an unseren Hund denke, erinnere ich mich an seine lustigen Marotten und sein sanftes Schnarchen, wenn er in meinem Arm schlief.

Zwei Wochen ist es her, dass unser Hund gestorben ist – und fast täglich fragt Max nach ihm. „Wawa Opa?“, fragt er. „Nein, Max, der Wawa ist nicht beim Opa. Er ist gestorben und hat dir Tschüs gesagt, erinnerst du dich?“, sage ich. „Wawa düü“, sagt Max. Er sagt es jedes Mal, wenn er an der Ecke vorbeikommt, in der unser Hund sein Körbchen hatte. Ich weiß nicht, ob ihm klar ist, dass der Hund tatsächlich nicht wiederkommt. Der erste Besuch bei Oma und Opa zumindest war schlimm für ihn. Er suchte den Hund und fragte nach ihm. Kürzlich habe ich ihm die große Blume im Garten gezeigt, und ihm gesagt, dass mich die Blume an unseren Hund erinnert. „Himmel“, sagte Max und zeigte nach oben. Ich war überrascht und erfuhr: Mein Mann hatte ihm doch erzählt, dass der Hund im Himmel sei und offenbar gefällt ihm diese Erklärung am besten von allen. Seither haben wir ein neues Spiel: Wir suchen Flugzeuge im Himmel und stellen uns vor, wie unser Wawa darin Loopings fliegt.

29. Jun. 2020
von Chiara Schmucker
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23. Jun. 2020
von Matthias Heinrich
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Helikoptern oder deeskalieren?

Können die das alleine lösen? Oder brauchen sie unsere Hilfe?

Mein kleiner Bruder hatte im Freibad einmal Ärger mit einem älteren Jungen. Den Grund weiß keiner mehr. Auf jeden Fall hatte es der andere richtig auf ihn abgesehen. Es ging so weit, dass mein Bruder Nasenbluten hatte. Meine Mutter ist eine impulsive Frau. Sie ließ sich den Übeltäter zeigen. Als der die Wasserrutsche hinabsauste, wartete sie im Becken auf ihn. Mit ruhiger Stimme ging sie langsam auf den Jungen zu. Und dann knallte sie ihm eine. Anschließend drohte sie dem verschreckten Kerl noch schlimmere Dinge an, sollte er es wagen, eine solche Gemeinheit noch einmal zu begehen. 

Diese Geschichte hat sich Anfang der neunziger Jahre abgespielt. Der alte Bademeister, der schon damals Dienst im Freibad tat, hat sie mir bei einem Heimatbesuch erzählt und zum Schluss gesagt: „Heute könntest du das nicht mehr bringen.“ Er hat recht, zum Glück.

Unser Sohn Theo hat ein offenes Wesen, redet sehr gern und hat jede Menge Selbstvertrauen, noch mehr als mein Bruder damals. Nach unserem Umzug in die fränkische Provinz schloss er schnell Freundschaft mit den Nachbarskindern, insbesondere mit den beiden Jungen. Sie spielten ständig miteinander. Selten gab es Streit. Der Altersunterschied, der Jüngste war damals sechs, mein Sohn fast sieben und der älteste zehn Jahre alt, spielte keine Rolle. Es herrschte Harmonie. Bis Olli dazukam.

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23. Jun. 2020
von Matthias Heinrich
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16. Jun. 2020
von Chiara Schmucker
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Wie viel Spielzeug braucht mein Kind?

Ja, die brauche ich wirklich alle! Statt immer mehr Spielzeug zu kaufen, könnten Eltern auch einfach mal mitspielen.

Kürzlich hatten wir einen alten Schulfreund mit seiner kleinen Familie zu Besuch. Wir Erwachsenen machten es uns im Wohnzimmer auf der Couch gemütlich, für die Kinder breitete ich eine Decke mit Bauklötzen auf dem Boden aus. „Unser Sohn braucht kein Spielzeug“, sagte die Frau meines Schulfreunds da und packte alles wieder ein. Wenige Minuten später stand ihr Sohn neben dem Couchtisch, entdeckte einen Bleistift und machte sich daran, einen guten Malgrund zu suchen. Seine Mutter nahm ihm den Stift weg. Er griff daraufhin nach einem der Magazine – darauf standen leider unsere Getränke. Nur durch einen raschen Griff konnten wir die Gläser vor den Steinfliesen bewahren. Ich war irritiert – was ist denn so schlimm an Spielzeug?

Schaut man auf Instagram, sieht man wunderschön pastellige Kinderzimmer mit Plüschkraken und Geflechtkörben, akkurat bemalte Wände und Blumen neben dem Wickeltisch. Ernsthaft? Es sind Zimmer, in denen kein Kind auch nur drei Minuten allein bleiben würde, denn in Wirklichkeit ist dort gar nichts kindgerecht. Wo sind die Legosteine, Eisenbahnschienen, Puzzle, Bücher und Matchboxautos? „Wie lange braucht ihr, um die bunten Legos zu verstecken?“, fragte dort neulich eine Userin.

Dieser Text soll kein Plädoyer für mehr Konsum sein oder für mehr Plastik in Kinderzimmern, im Gegenteil. Kinder gehören raus in die Natur, ins Freie, auf Laufräder und in den Wald. Sie brauchen nicht viel „echtes“ Spielzeug, sie suchen sich welches. Erstens. Aber es gibt auch wenig Schöneres, als einem Kind zuzusehen, wie es ganz ins Spiel versunken in seinem Zimmer, seinem Reich, angekommen ist. Wo die Phantasie statt die Optik herrscht, das Kind der Dirigent ist und selbst entscheidet, ob die Giraffe, die Oma oder der Polizist auf dem Motorrad fahren darf. (Ich sag nur: Meine Oma, der Hühnerstall, ist klar, oder?)

Unser Sohn Max ist noch keine Zwei und kann sich doch inzwischen schon fast eine Stunde lang mit seinen Duplosteinen, Bauklötzen, Autos und einem gut sortierten Fuhrpark an kleineren und größeren Baggern, Baufahrzeugen, Zügen und Traktoren beschäftigten. Zugegeben: auch ich hätte mir gewünscht, dass sein Spielzeug weniger grell und weniger PS-lastig ausfällt, aber für Max sind Fahrzeuge das Größte. Er brummt, er hupt – Piep Piep – er baut aus Bausteinen Waschanlagen und Autozüge mit Aussichtstürmen. Er stellt im Kleinen nach, was er im Großen sieht. Die Welt, die ihn umgibt, besteht nicht nur aus Pastell, bei Max rummst es, die Autos können fliegen, die Menschen haben Superkräfte.

Mit ist nicht egal, womit mein Kind spielt. Noch bevor Max sitzen konnte, habe ich ihm eine kleine, aber hochwertige Holzeisenbahn gekauft, mit Magnetwaggons und einer Brücke. Einfach nur, weil ich mir als Kind immer eine gewünscht und nie eine bekommen habe. Max’ erste Liebe entbrannte für ein Holzmobile mit Bauernhoftieren, das über seiner Wiege klapperte, wenn er unten mit den Beinchen strampelte. Er spielte mit Löffeln, stapelte Tupperdosen und tauchte im Pekip ein in ein Meer aus Deckeln leerer Babygläschen. In seiner ersten Kita, einer Einrichtung nach dem Konzept der ungarischen Kinderärztin Emmi Pikler, gab es Körbchen, Tücher, Holzringe und Schälchen, dazu Podeste, Kissen und eine Rampe zum Klettern und Rutschen statt richtiger Spielsachen. Und doch dürfen heute in unser Haus gerne auch Plastik, Metall und Gummi einziehen, ob hochwertig oder Marke Überraschungsei.

Spielen in der Natur und mit natürlichen Materialien ist wichtig, es fördert Kreativität und logisches Denken. Doch selbst der Waldkindergarten hier im Ort hat Räume, in denen die Kinder auch drinnen spielen können, mit Puppen, Bausteinen, einem Kaufladen. Spätestens mit der Einschulung findet ein Großteil des Tages drinnen statt –andere Materialien und Spielmöglichkeiten als im Wald von Klein auf kennenzulernen und zu nutzen und sich an eine veränderte Akustik zu gewöhnen, ist daher auch für kleinere Kinder wichtig.

Ob Plastik, Holz oder Tannenzapfen – womit Kinder gerne spielen, hängt auch davon ab, wie Eltern die Rahmenbedingungen gestalten. „Vorbereitete Spielumgebung“ heißt ein Ansatz von Emmi Pikler, bei dem unterschiedliche Spielsituationen im Zimmer aufgebaut werden, sodass die Kinder gleich loslegen können, ohne zuerst etliche Schränke und Fächer zu öffnen oder sich die einzelnen Puzzleteile aus einer Kiste zusammensuchen zu müssen (macht kein Kind). Oft sitzen wir einfach alle zusammen am Boden und spielen gemeinsam, bauen Sofakissen ein oder trockene Nudeln als Baggerladung.

Für Max zählt nicht der Preis eines Spielzeugs, sondern: Wie einsatzbereit ist es? Kann man die Baggerschaufel wirklich beladen? Lassen sich die Räder drehen? Kann man die Autos aneinanderreihen oder aufeinander stapeln? Max’ Lieblingsauto ist momentan das, bei dem er mit etwas Gewalt ein Vorderrad ablösen kann. Dieser vermeintliche Makel macht das Fahrzeug für ihn unwiderstehlich. Hunderte Male haben wir es daraufhin gemeinsam wieder zusammengesteckt. Kaputt ist es noch lange nicht.

Meine größte Angst ist die schiere Menge an Spielzeug – und die häuft sich bei Plastik natürlich viel schneller an, als wenn ein Holzfeuerwehrauto über 150 Euro kostet, was keine Übertreibung ist, wie ich gerade wieder in einem sehr schönen Spielzeugladen gesehen habe. Nichts ist kontraproduktiver als ein Spielzeugschrank, der so vollgestopft ist, dass man gar keine Lust mehr hat, etwas herauszuholen – oder es im Zweifel gar nicht mehr findet. Aber das müssen wir als Eltern regeln, das ist nicht die Aufgabe eines Zweijährigen.

Auch bei uns hat seit Corona das Spielzeug etwas überhand genommen – auf jedem Spaziergang entdeckten wir einen anderen Nachbarn, der gerade seinen Keller aussortiert hatte. Doch nur eines der Fundautos hat es in Max’ Top 5 geschafft – ein Abschleppauto mit einem Haken hinten dran. Weil es etwas kann. Die anderen durfte ich trotzdem nicht aussortieren. Das eine, das gar nichts kann, ist ideal für die Badewanne. Das andere für den Sandkasten. Sogar in den Urlaub durften sie mitfahren in einer ganzen Kiste Autos und Bausteine. Denn so gerne Max draußen tobt, so wichtig sind für ihn auch die Auszeiten und die Ruhe, die sich über ihn legt, wenn er mit seinen Spielsachen steckt und drückt, schiebt und pult. „Ach, verreist das Kinderzimmer jetzt auch mit?“, wurde ich gefragt. Und wenn’s so wäre? Wenn Max zwischen unseren Beinen baggert und Sand in seinem Betonmischer dreht, während wir den Sonnenuntergang beobachten? Wunderschön ist das. Und ich bin mir sicher: Kurz hingeschaut hat er auch mal.

16. Jun. 2020
von Chiara Schmucker
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09. Jun. 2020
von Sonia Heldt
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Wenn Teenager sich nicht entscheiden können

Entscheidungen treffen muss man lernen und üben – auch wenn es keinen Spaß macht.

„Da ist eine E-Mail von der Schule bekommen. Ich muss einen Kurs für die Oberstufe abwählen. Ich habe sonst zu viele Stunden und zu viel Stress“, teilt Lara (16) nachmittags beim gemütlichen Familiengrillen mit. Dass die gesamte Familie gemeinsam einen Tag im Garten zusammenhockt, ist inzwischen nicht mehr selbstverständlich. Lara verbringt ihre Zeit am liebsten mit ihren Freunden oder allein und hält sich nicht mehr unnötig lange bei uns auf. Selten gibt es Gelegenheit, in entspannter Atmosphäre ernsthafte Gespräche mit ihr zu führen, ohne dass sie nach spätestens zehn Minuten genervt die Flucht ergreift. Das ganze Blabla von uns ist ihr zu anstrengend. Nervtötend. Zu viele Fragen. Jugendliche scheuen elterliche Verhöre und erkennen sofort, wenn Eltern versuchen, ein paar Informationen im Plauderton aus ihnen herauszukitzeln. Wer ist denn dieser Leon, der letztens hier war? Auf welche Schule geht er? Und woher kennst du Marta? Was habt ihr den ganzen Abend gemacht? War es nett? Tust du genug für die Schule?

Fragen, die Lara knapp oder manchmal gar nicht beantwortet, je nachdem, wie es ihr Gemütszulage gerade zulässt. Mal ist sie zugänglich und wir kriegen eine Unterhaltung hin. Ein anderes Mal ist jedes an sie gewandte Wort zu viel. Gespräche über ihre Zukunft oder die Schule gestalten sich momentan besonders schwierig. „Mensch, ich bin sechzehn. Ich will meine Jugend genießen“, betont sie. „Da gibt es wichtigere Dinge als die Schule. Und ich kann doch jetzt noch nicht wissen, was ich für den Rest meines Lebens machen will.“ Mit sechzehn malt man sich keine berufliche Super-Zukunft in bunten Farben aus. Mit sechzehn träumt von der großen Liebe. Vom perfekten Sommer. Von Partys und Reisen mit den Freunden. Vom Führerschein. Zukunft findet für die meisten Jugendliche nur kurz- und maximal mittelfristig statt.  

Aber nun hat Lara die Igitt-Schule-Zukunft-Sache auf die Grillplatte gelegt und daher sehe ich es als mein gutes Recht an, dieses Thema nun einmal ordentlich durchzugaren. „Bis wann musst du Bescheid geben? Was willst du abwählen? Du weißt, jedes Fach, das du nun abwählst, kannst du nächstes Jahr auch nicht mehr nehmen. Du musst dich ja hier und heute nicht für einen Beruf oder einen Studiengang entscheiden. Aber dir sollte zumindest klar sein, in welche Richtung du gehen willst, damit du deine Schwerpunkte dementsprechend wählen kannst.“ Corona hat in den letzten Wochen nicht nur unzählige Unterrichtsstunden geschluckt, sondern auch die Termine und Gespräche in der Schule, die zur ersten Berufsorientierung dienen sollten. So wie der Besuch des Berufsinformationszentrums, der eigentlich letzten Monat für die Stufe 9 angedacht war. Dort hätte Lara sich zwangsläufig mit diesen Themen befassen müssen. Auch der Frankreich-Austausch, der ebenfalls wegen Corona nicht stattfand, hätte Lara eventuell bei ihrer Entscheidung, ob sie die französische Sprache auf Dauer weiterführen möchte oder nicht, geholfen. Sprachen, die kann man doch immer gebrauchen. „Also, wie entscheidest du dich? Was wählst du ab?“, fragte ich Lara. Sie zuckt nur die Schultern und macht ein finsteres Gesicht. Sie will in Ruhe ihr Grillsteak und ihre Melone essen und bereut offensichtlich zutiefst, das Thema angeschnitten zu haben. Denn nun hängt sie am Familientisch fest. Zumindest so lange, bis ihr Teller leer und ihr Magen halbwegs gefüllt ist.

Lara bemerkt oft und nachdrücklich, dass sie keine Einmischung in ihre Angelegenheiten wünscht und ihre eigenen Entscheidungen treffen will. „Das ist meine Entscheidung“, sagt sie, wenn ich von ihr verlange, ihr Zimmer aufzuräumen oder sie frage, ob sie wirklich so spät abends noch fettigen Mist essen muss. „Das ist meine Sache, mein Zimmer und meine Ernährung.“  Und dann gibt es die Momente, in denen sie sich die ein oder andere Entscheidung gerne abnehmen lassen würde. Das ist praktisch. Denn wenn sie das Gefühl hat, sie wurde falsch beraten, kann sie dem Berater den schwarzen Peter zuschieben: „Du hast doch gesagt, es ist nicht so kalt und ich brauche keine Jacke. Jetzt friere ich wegen dir.“ Deswegen gebe ich zwar nach wie vor gerne Ratschläge, werfe aber grundsätzlich hinterher: „Das würde ich machen, wenn ich an deiner Stelle wäre. Aber im Endeffekt musst du das selbst entscheiden.“

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09. Jun. 2020
von Sonia Heldt
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02. Jun. 2020
von Martin Benninghoff
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Schön kuschelig autoritär

Sohn und Vater, in harmonischer Eintracht. Aber wehe der Sand geht aus.

Jeder kennt die 1-2-3-Methode in der Kindererziehung. Stellt sich ein Kind bockig an, will es nicht, was Sie wollen, fordern Sie es weiter auf, die Apfelkitsche (gemeint ist der Rest eines Apfels, ein Wort aus meiner NRW-Heimat, in anderen Regionen gibt es dafür andere Bezeichnungen) dennoch in den Mülleimer zu bringen und nicht in der Sofaritze zu entsorgen. Bleibt es bei der Totalverweigerung, zählen Sie langsam und in Zeitlupe bis drei. Sollten Sie bei drei ankommen, ohne dass das Kind das sozial erwünschte Verhalten zeigt,  müssen Sie eine Konsequenz parat haben. Eine Strafe, die sich gewaschen hat. Sonst stehen Sie ziemlich dumm da – und das Kind lacht sich im Stillen kaputt.

Das ist mir neulich passiert. Im Anflug von „strenger Daddy“ zählte ich mich durch die drei Zahlen, und mein dreijähriger Sohn reagierte natürlich überhaupt nicht. Bei der Zahl drei angekommen, fiel mir auf, zugegebenermaßen etwas zu spät, dass ich eigentlich überhaupt nicht darüber nachgedacht hatte, welche Konsequenz aus seiner Blockade folgen sollte. Die pure Erzieher-Hölle. Hastig justierte ich nach und verkündete das harte Urteil, das meinem Sohn natürlich die Farbe aus dem Gesicht weichen ließ: „Dann heute kein Apfel mehr“. Das Weltgericht hatte gesprochen. Die abschreckende Wirkung dürfte sich in Grenzen gehalten haben, vermute ich.

Saublödes Urteil, dachte ich noch. Die Zweifel kamen im Moment der Urteilsverkündung. Warum gerade kein Apfel mehr? Der Junge isst gelegentlich zu viele Haribos, aber Äpfel? Da kann ich doch nur froh sein, wenn er genügend abbekommt. Mir wurde schlagartig bewusst, dass die ungeliebte 1-2-3-Methode ohnehin nur funktionieren kann, wenn man Ziele und Strategien definiert. Wer sich, wie ich, keine Konsequenzen ausgedacht hat oder sich unsicher ist, ob sich diese umsetzen lassen, vergisst die Erziehungsmethode am besten gleich wieder. Selbst der noch unausgebildete Intellekt eines Kleinkindes speichert Inkonsequenz unter der Rubrik Unglaubwürdigkeit ab.

Aber vielleicht muss ich noch den einen Schritt zurückgehen. Die 1-2-3-Methode war mir bis dato immer maximal unsympathisch. Ich hielt sie für autoritär, einen Kasernenhof-Ton dulde ich zuhause nicht, weder bei den Erwachsenen noch beim Kleinkind. Zumal mir solche Töne aus der Kindheit durchaus geläufig sind, wenn auch nicht im eigenen Elternhaus. Manche Elternteile meiner Freunde konnten sich innerhalb weniger Sekunden vom netten Onkel zum autoritären Übervater wandeln – und das war wenig angenehm und bis heute keine gute Erinnerung. Auch deshalb nicht, weil ich wohl damals nicht verstand, woher dieser plötzliche Wandel rührte. Die konkreten Fälle sind längst vergessen, aber solche Verhaltensmuster, Stimmungen und Töne bewahren sich ein Leben lang im Gedächtnis auf.

Vor wenigen Tagen führte ich ein Interview mit einer prominenten Sängerin, die plötzlich, als wir über Kindererziehung sprachen, die 1-2-3-Methode erwähnte. Als etwas Positives, das zwar nicht mehr so richtig modern sei, aber doch ungemein effektiv – und überhaupt, Kinder brauchten Regeln. Dem letzten Gedanken kann ich nur zustimmen, aber wie gesagt: Das autoritäre Gehabe früherer Generationen brauche ich auch nicht, da können sich noch so viele oftmals ältere Männer über „Kuschel-Väter“ und „Softy-Daddys“ lustig machen, das ist mir völlig egal: Autoritäre Verhaltensweisen prägen Kinder mehr als einem lieb sein kann. Erwachsene, die sich heute autoritär gebärden, sind häufig in ähnlichen Kontexten groß geworden. Wer nach einem starken Führer ruft, darf gerne mal in seiner Kindheit kramen, woher das wohl kommen mag. Für mich ist das kein möglicher Lebensentwurf, sondern schlicht ein Irrweg.

Aber zurück zum Kind: Was tun? Kann es gelingen, aus beiden Welten eine Synthese hinzubekommen, die die Nachteile autoritären Gehabes reduziert, die Vorteile einer klaren Regel-Erziehung fürs Kind aber beibehält? Damit die 1-2-3-Methode wirkt, sollten die Schritte und Konsequenzen nicht nur bedacht, sondern auch vernünftig erklärt werden. Bevor man zur Tat schreitet, könnten Sie dem Kind erklären, was Sie vorhaben – und welche Regeln gelten. Erklären Sie, dass Sie es nicht tolerieren, wenn die Apfelkitsche im Sofa landet, und dass da auch Diskussionen nichts nutzen. Dann erläutern Sie kurz, dass das Kind zwei Chancen hat, um das Verhalten zu ändern. Zählen Sie die eins, dann die zwei – erst wenn Sie genügend Chancen und Zeit gegeben haben, kommt die drei. Wenn Sie die Konsequenz schließlich ausgesprochen haben, gibt es keine Diskussionen mehr, keine Erklärungen oder Ablenkungen. Das spart Zeit und Energie – und ist vor allem eine klare Ansage.

Was bei der berühmten Apfelkitsche natürlich nicht gut funktioniert hat, ist die Frage der Konsequenz. Die muss gut beantwortet werden und am besten im Zusammenhang mit dem „Delikt“ stehen. Wenn es darum geht, den Apfelrest zu entsorgen, könnte eine wirksame Konsequenz sein, heute keine Gummibärchen mehr zu bekommen. Da hilft auch kein Zetern mehr! Ein Fernseh- oder Tabletverbot hingegen würde von Ihrem Kind mit Sicherheit mit einem „Warum?“ quittiert werden, und das nicht ganz zu unrecht. Und klar sein muss auch: Wir sprechen hier von Kindern jenseits des dritten oder vierten Lebensjahres, die einfache Zusammenhänge und logische Folgen verstehen können. Nach der Grundschule muss dann aber auch Schluss sein damit – denn sonst zeigt Ihnen der Teenager einen Vogel, auch das nicht zu unrecht: „Was will der Alte denn?“ Und geht dann aus dem Zimmer. Hätte ich genauso gemacht. Nur die Apfelkitsche wäre im Zimmer geblieben, möglicherweise sogar in der Sofaritze.

02. Jun. 2020
von Martin Benninghoff
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28. Mai. 2020
von Tanja Weisz
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Mama verschwindet

Von unseren Eltern müssen wir uns oft in kleinen schmerzhaften Schritten verabschieden.

Ein Besuch im Altersheim unserer Mutter gleicht derzeit einer Kostümparty. Das Outfit liegt in der Desinfektionsschleuse bereit: blaue Plastikhandschuhe, grüner Kittel, Duschhaube, Nasen-Mundschutz und ein Plastikvisier oben drüber. „Du siehst aus wie ein Frosch“ begrüßt mich Mama und lächelt freundlich.

Das ist eine wunderbare Begrüßung, denn dieses Lächeln ist vertraut. In diesen Tagen weiß man nie, was einen erwartet: Desinteresse, Jammern oder Einsilbigkeit, herzliche Freude oder eine brüchige Stimme, die davon spricht, endlich sterben zu wollen.

Mütter haben eigentlich einen Vertrag unterzeichnet, als Konstante bereitzustehen. Als Markierung durch den Dschungel des Lebens, die manchmal hell aufleuchtet und den Weg vorgibt, uns manchmal als Warnsignal in die komplett andere Richtung jagt. Aber sie sind da, verlässlich, oft nervig, liebevoll, übergriffig, voller Macken wie wir auch. Wir kennen sie eben und können uns an ihnen orientieren.

Das ist jetzt vorbei. Mama ist alt geworden und ändert sich zum ersten Mal in einer Weise, die sie uns fremd werden lässt. Jahrzehntelang war sie die perfekte Tochter aus besserem Hause: souverän und selbstsicher, freundlich und hilfsbereit. Ihr Trick in allen widrigem Lebenslagen: Sei nützlich und helfe anderen.

Sie fand immer irgendwo eine bedürftige Nachbarin, für die sie einkaufen konnte, ein vernachlässigtes Schulkind, dem sie bei den Hausaufgaben half, eine krebskranke Freundin, der sie regelmäßig Mut zusprach. Sie hatte immer eine Aufgabe und wurde gebraucht.

Jetzt fällt Mama der Name des Schulkinds nicht mehr ein, die Nachbarin war ihr ja schon immer sehr lästig gewesen und auf den Tod der Freundin reagiert sie mit den Worten: „Ach, jetzt erst?“. Die da draußen sind allesamt unwichtig geworden, sie interessieren sie nicht mehr. Ihre Welt schrumpft, zieht sich auf jene 20 Quadratmeter zusammen, die sie nun im Altersheim bewohnt. Was da draußen ist, hat kaum noch Bedeutung. Wir Kinder drängen uns in ihr Blickfeld, aber wann wird sie uns gar nicht mehr sehen?

Der Unfall eines Verwandten, die Schulprüfung meines Kindes, ihre Wohnung, die aufgelöst werden muss, alles gerät in den Randbereich ihrer Wahrnehmung. Ihre Wirklichkeit spielt sich nur noch in ihrem Ein-Zimmer-Appartement ab. Plus Balkon mit Blick ins Grüne. Dort sitzt sie oft und schaut auf das grün schimmernde Blätterdach eines Kastanienbaums, aus dessen Tiefen Vogelgezwitscher dringt. „Die singen viel lauter als früher“, sagt sie überzeugt und lauscht ihnen andächtig. Diese Stimmen scheinen sie viel eher zu erreichen.

Rausgehen mag sie trotzdem nicht, schon gar nicht jetzt, wo doch alle mit Stoff vor dem Gesicht herumlaufen. Sie versteht auch kaum etwas, wenn die anderen auf Abstand durch ihre Masken murmeln. Sie will auch kaum noch mit anderen reden.

Sie, die früher die Haschbrüder, Mopedrocker und Gefängniswärter, die meine Schwester und ich im Lauf der Zeit so anschleppten, um den Finger wickeln konnte. Die Kollegen, Angestellte und Verwandte über Jahre an sich band. Alle lagen ihr über kurz oder lang zu Füßen. Mama ging auf jeden Menschen zu und entwaffnete ihn mit einem Lächeln.

Jetzt wirkt sie oft ernst, in ihrem kleinen 20-Quadratmeter-Leben. Das scheint sie weniger zu bedrängen als uns Töchter. Wir sehen, was sie verliert, wenn wir die Kisten voller Fotos und Briefen aus ihrer Wohnung holen, die Bücher mit Widmungen, die Reiseandenken. Mutter braucht nur noch ihren Fernsehsessel, ihren Rollator und den Computer, um daran Patiencen zu legen.

An manchen Tagen fühlt sie die Einsamkeit tonnenschwer auf sich liegen, aber sie weiß nicht mehr, was man dagegen tun kann. Ihre vielen Bekannten anzurufen, fällt ihr nur an manchen Tagen ein, an anderen Tagen ergibt sie sich dieser bleiernen Schwere und dämmert darunter weg.

Beim nächsten Besuch macht sie die Tür nicht auf. Also muss sich der grüne Besuchsfrosch schwitzend einen Ersatzschlüssel für das Appartement besorgen und nachsehen, ob alles in Ordnung ist. Mama ist fest im Fernsehsessel eingeschlafen, hat sogar noch ein Beruhigungsmittel genommen und ist wie weggetreten, als ich sie wecke. Es dauert die Hälfte der erlaubten Besuchszeit von einer Stunde, bis sie ansprechbar ist.

Dann sagt sie unvermittelt mit trauriger Stimme: „Wir haben uns doch früher blind verstanden, warum fällt es denn jetzt so schwer, miteinander zu reden?“ Und während ich den Kloß in meinem Hals runterschlucke, bevor ich antworte, plappert sie schon weiter: „Ich hatte so ein gutes Mittagessen heute, es gab Spargel, und dann noch ein leckeres Dessert.“

Sie lächelt beseelt in Erinnerung an ihre leckere Mahlzeit und die Traurigkeit ist bei ihr wie weggeblasen und landet nun in meinen Rucksack, den ich wieder mit nach Hause nehme.

Unser Leuchtturm geht verloren. Noch scheitern wir daran, das auszuhalten.

28. Mai. 2020
von Tanja Weisz
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19. Mai. 2020
von Anneli Pereira
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Wie Kinder sich ihre Freunde aussuchen

Kinder suchen sich ihre engen Freunde früh selbst aus – und vermissen sie jetzt.

Der Satz kam wie aus dem Off. Eben noch tobte Fabian mit seinem Bruder über die Couch und spielte das beliebte „Ich schubs dich, du schubst mich“-Spiel, als er plötzlich innehielt und vor sich hinmurmelte: „Mama, ich vermisse meine Freunde.“

Dass meine Jungs weder Freunde noch andere Familienmitglieder neben meinem Mann und mir in den letzten Wochen gesehen haben, haben sie eigentlich ganz gut verkraftet. Dachte ich zumindest. Immerhin sind sie Zwillinge, da ist der beste Freund ja sozusagen immer mit dabei. Fabian und Tiago geht es sicher besser als Einzelkindern oder Geschwistern mit großem Altersunterschied. Welchen Einfluss der Lockdown tatsächlich auf die Psyche unserer Kinder haben wird, muss noch erforscht werden. Erste Studien geben bereits einen Ausblick: Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat mehr als 8000 Eltern mit Kindern im Alter von drei bis 15 Jahren zum Thema „Kindsein in Zeiten von Corona“ befragt. 27 Prozent gaben an, dass sich ihr Kind derzeit einsam fühle. Bei 97 Prozent der Befragten sind die Kontakte der Kinder zu ihren Freunden komplett eingebrochen.

Auch bei meinen Jungs. Anfangs freuten sich Tiago und Fabian über die coronabedingte Kitaschließung. Doch mit jedem Tag, der vergeht, fragen sie häufiger nach ihren Spielkameraden. Aus den Augen, aus dem Sinn? Fehlanzeige! In Gedanken sind die Freunde immer mit dabei. Als Fabian neue Ninjago-Sammelkarten geschenkt bekam, war seine erste Reaktion: „Jetzt will ich doch mal einen Tag in den Kindergarten, damit ich die Noah zeigen kann.“

Noah ist nämlich der absolut aller-, allerbeste Freund meines Fünfjährigen. Und er ist der erste Freund, den sich Fabian selbst ausgesucht hat. Für mein Empfinden nicht die beste Wahl. Noah ist tendenziell noch wilder und verfügt über einen reichen Wortschatz, der das Prinzip Toilettengang beschreibt. Fabian findet das natürlich super. Noah ist ein Jahr älter, Rolemodel und Rudelführer, dem Fabian, aber auch sein Bruder Tiago folgen. „Der Noah hat gesagt…“, damit beginnt eigentlich so gut wie jeder zweite Satz meines Sohnes. Umso schwerer tun sich die Kinder nun, diese Freundschaft in Zeiten von Abstandsregeln und Hygienevorschriften aufrecht zu erhalten. Toben und Raufen fällt jetzt erst einmal aus. Dafür hat Fabian Noah einen Brief „geschrieben“ und ein Ninja-Bild gemalt. Einmal telefonierten die beiden auch, oder besser gesagt, sie versuchten es. Das Gespräch dauerte etwa 30 Sekunden und bestand in erster Linie aus Schweigen. Klar, sie sind erst fünf Jahre alt, aber machen wir uns nichts vor: Ich kenne Männer Anfang 40, die genauso wortkarg am Telefon sind. 

Aber suchen sich Fünfjährige ihre Freunde wirklich schon gezielt aus? Ja, sagen die Pädagogen. Kinder können bereits ab einem Alter von etwa drei Jahren Freundschaften schließen. Als Freund wird aber erst einmal jeder bezeichnet, der verfügbar ist und Spielkompetenz mitbringt. Im Fall von Noah und Fabian hat das mit einer gewissen Affinität zu Ninjas aus Lego zu tun. Wobei das wohl auf viele Fünfjährige zutrifft. 

Aber nicht nur ähnliche Interessen sind entscheidend. Ganz simpel gesprochen, kommt es natürlich auch auf die Verfügbarkeit an. Welche Kinder gehen mit mir in die gleiche Kitagruppe, mit welchen Familien treffen sich meine Eltern gerne? Bei uns ist das nicht anders. Meine Freundin Isabell zum Beispiel hat zwei Söhne im etwa gleichen Alter. Unsere Kinder badeten schon mit 8 Monaten gemeinsam im Planschbecken und gehen sogar in den gleichen Kindergarten. Die Jungs spielen zusammen und freuen sich, wenn sie sich sehen. Doch so sehr Isabell und ich es uns auch wünschen, die besten Freunde werden unsere Kids nicht. All unsere Verkupplungsversuche laufen ins Leere. Das geht sogar soweit, dass Tiago und Fabian die beiden Söhne meiner Freundin nicht zu ihrem Geburtstag einladen wollten. Und das will schon etwas heißen. Die Geburtstags-Gästeliste ist ein sensibles Thema und wird bei uns bereits ab Februar diskutiert (meine Kinder sind im Dezember geboren!). Und wenn Fabian mal richtig böse auf jemand ist, meinen Mann und mich eingeschlossen, spricht er die ultimative Drohung aus: „Dann lade ich dich nicht zu meinem Geburtstag ein!“ Die Kinder meiner Freundin Isabell bekamen am Ende trotzdem eine Einladung. Ansonsten versuche ich mich aus der Freundeswahl meiner Söhne herauszuhalten. Was gar nicht so einfach ist. Denn immerhin muss ich ja meistens noch mit zu den Playdates. Und das bedeutet, dass ich mich mindestens ein oder zwei Stunden an irgendeinem Küchentisch oder auf der Bank am Spielplatz mit anderen Eltern unterhalten muss. Eine Grundsympathie ist da von Vorteil.

In den achtziger Jahren war das noch ganz anders. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter jemals das Haus meiner besten Freundin betreten hätte. Zugegeben, das war auch gar nicht nötig. Ich hatte großes Glück, denn meine beste Freundin wohnte gleich nebenan. Unser Kennenlernen werde ich nie vergessen: Mit drei Jahren (und glauben Sie mir, ich kann mich an diesen Tag wirklich noch erinnern) tauchte zwischen den Tannenbäumen in unserem Garten ein kleines Mädchen mit dunklen Augen und langen braunen Haaren auf. „Wohnst du da?“, fragte ich und zeigte aufs Nachbarhaus. Das kleine Mädchen nickte, und ab diesem Tag waren wir Freundinnen. Wir kochten gemeinsam Grassuppe im Garten, führten meine Hühner spazieren, spielten später Indianer auf unserem Dachboden und dachten uns sogar eine eigene Sprache aus. In unserer Welt hieß sie Tosh-Hiok und ich Mka-Sue. „Der mit dem Wolf tanzt“ war unser Lieblingsfilm.

Ende der vierten Klasse zog Tosh-Hiok, die eigentlich Melanie heißt, mit ihrer Familie weg. Am Abend, an dem die Umzugs-Lkw losrollen sollte, versteckten wir uns auf dem Dachboden, schworen uns ewige Freundschaft und heulten herzerweichend. Jahrelang besuchten wir uns anschließend in jeden großen Ferien, schrieben hunderte von Briefen, die ich alle in einer großen Holzkiste aufbewahrt habe, veranstalteten Mitternachtsparties, schauten in die Sterne und fragten uns, woher wir kommen und wohin wir gehen.  Irgendwann haben wir uns dann nur noch selten gesehen. Jede schlug andere Wege ein, studierte und verliebte sich. Es gab keinen Trennungsschmerz wie damals, als Melanie wegzog. Keine Vorwürfe, Streit oder Wut. Die Freundschaft wurde nur immer leiser und verstummte irgendwann ganz, wie bei einem Fade Out eines Songs. Eines ausgesprochen guten Songs. Dem Sound meines Lebens. Wie es Melanie wohl geht? Ich sollte sie mal wieder anrufen. Schließlich sehe ich gerade an meinen Kindern, wie wichtig und prägend frühe Freundschaften sind.

19. Mai. 2020
von Anneli Pereira
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12. Mai. 2020
von Sonia Heldt
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Wenn sich Vollzeitarbeit nicht mehr lohnt

Kind oder Karriere? Die Rentenversicherung wird ihr diese Entscheidung später vorrechnen.

Letzte Woche habe ich unsere Unterlagen sortiert und neue Ordner angelegt. Dabei fielen mir meine jährliche Renteninformation und eine alte Gehaltsabrechnung aus Zeiten vKi (vor Kindern) in die Hände und ich bekam im ersten Moment schlechte Laune. Ich hatte fast verdrängt, wie gut ich einmal verdient habe. Vor sechzehn Jahren sah es rententechnisch (zumindest auf dem Papier) ganz gut für mich aus: „Sollten bis zum Rentenbeginn Beiträge im Durchschnitt der letzten fünf Kalenderjahren gezahlt werden, bekämen Sie ohne Berücksichtigung von Rentenanpassungen von uns eine monatliche Rente von…“ Damit wäre in ein paar Jahren wahrscheinlich kein Altersruhesitz in Florida drin und auch kein Privatjet, aber ich würde nach damaligem Stand ganz ordentlich dastehen. Meine letzte Renteninformation dagegen: Ernüchternd. Über sechzehn Jahre raus aus der Vollzeitbeschäftigung, dafür lässt einen die Rentenversicherung ordentlich bluten. Geplant war das nicht. Es hat sich einfach entwickelt.

Bevor ich meinen Mann heiratete und mit ihm eine Familie gründete, zog ich zu ihm und pendelte fortan ins Büro, zwei Stunden Stau täglich inklusive. Nach Laras Geburt blieb ich fürs Erste zu Hause. Ein Jahr später bot mir mein Arbeitgeber an, stundenweise im Homeoffice zu arbeiten. Das war 2005 noch nicht ganz so selbstverständlich wie heute. Viele Leute haben mich beglückwünscht: „Das ist ja toll, dass du nicht aus dem Haus musst, dich gleichzeitig um die Kleine kümmern kannst und trotzdem Geld verdienst.“ Nur wer selbst keine Kinder großzieht, hat diese verklärte Vorstellung vom Homeoffice in dieser Kombination. Je kleiner die Kinder sind, desto anstrengender ist es, denn zum unbezahlten Kinder-Fulltime-Job kommen die Homeoffice-Stunden hinzu, die Mann oder Frau sich irgendwie vom Tag abzweigen muss. Es sei denn, man greift auf Oma, Opa, Partner, Kita oder Tagesmutter zurück, die sich um das Kind kümmern, während man vorm PC und am Telefon hängt. Letztere, also die bezahlte Betreuung, sollte dann möglichst nicht den Großteil des mühsam erarbeiteten Gehalts auffressen, sonst bekommt man schnell das Gefühl, man arbeitet nur für die Emanzipation, „um drin zu bleiben“ oder weil man sich wahnsinnig mit seinem Baby oder Kleinkind langweilt.

Im ersten Jahr waren meine Arbeitsstunden noch überschaubar, dennoch wartete ich unter Druck jeden Mittag darauf, dass Lara endlich tief und fest schlief, damit ich mich in Ruhe und konzentriert für ein oder zwei Stunden an den Computer schleichen konnte, um meine Arbeit nicht komplett in den Abend schieben zu müssen. Abends war ich nämlich erschöpft vom Tag mit Kind. Außerdem kam mein Mann immer spät nach Hause und ich hatte keine Lust, dass wir uns nur noch abklatschen. Wenn Lara nach dem Mittagessen in ihrem Bett lag, sah ich das Spielzeug und die Wollmäuse auf dem Boden liegen, das dreckige Geschirr vom Mittagessen in der Spüle, die Wäsche, die unbedingt aufgehängt werden musste, meine ungewaschenen Haare im Spiegel und die Couch, die mir zurief: „Du bist heute wieder so früh aus dem Schlaf gerissen worden. Komm und leg wenigstens für einen kurzen Moment die Beine hoch und vergiss das Chaos um dich rum.“ Ich bin diesem Ruf selten gefolgt.

Nach einem weiteren Jahr stockte ich stundenmäßig auf, fuhr aber freiwillig zweimal die Woche ins Büro, weil ich den Spagat zwischen Kind, Küche und Computer bei der Anzahl der Stunden für nicht machbar hielt. Dafür nahm ich eine Fahrt zu meiner Mutter, die Laras Betreuung übernahm, und den abendlichen Stau mit Kind auf dem Rücksitz in Kauf und war froh, Lara später in einer privaten Kindergruppe unterbringen zu können.

Meine zweite Schwangerschaft, keine drei Jahre nach Laras Geburt, weckt noch heute unschöne Erinnerungen. Die Monate erschienen mir endlos lang. Ich fühlte mich ausgelaugt und war ständig krank. Lara machte die typischen Kleinkind-Infekte durch und ich jeden einzelnen direkt mit ihr. Unser Haus war eine Dauer-Baustelle. Ein lebhaftes Kleinkind mit unerschöpflichem Akku. Pendelei ins Büro plus Homeoffice und Haushalt. Ein Arbeitgeber, der von der zweiten Schwangerschaft nicht sonderlich begeistert war. Mein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht bei meiner Tochter war, ausgelöst durch meinen Hormonüberschuss. Noch nie habe ich so viel geheult wie in diesen neun Monaten. Die letzten Schwangerschafts-Wochen schleppte ich mich mit einer furchtbaren Bronchitis und Sinusitis durch die Gegend, hörte auf beiden Ohren kaum noch etwas und konnte aufgrund einer Penicillin-Allergie nicht befriedigend behandelt werden.

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12. Mai. 2020
von Sonia Heldt
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