Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

01. Aug. 2019
von Anna Wronska
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Verwandtschaft günstig abzugeben

Nicht jeder hat so viel Glück wie Al Bundy mit seiner Familie.

Die Oma, die beleidigt ist, wenn man beim Essen keinen (dritten) Nachschlag will. Der Onkel, der regelmäßig einen über den Durst trinkt und sich dann zuverlässig mit seinem Schwager in die Haare kriegt. Die Großtante, die schamlos indiskrete Fragen zu Familienstand und/oder Babyplanung stellt.

Hat nicht (fast) jeder von uns eine Person in seiner Verwandtschaft, die ihn regelmäßig auf die Palme bringt? Zugegeben, die obigen Beispiele sind teilweise der Kategorie „Schrulligkeiten“ zuzuordnen und noch kein Grund, sich von der Verwandtschaft loszusagen. Die Oma liebe ich in Wirklichkeit sehr (und ihre Schnitzel auch, ich kann nur nicht zwölf davon essen), den Onkel weniger, und ein Wiedersehen mit der Großtante hat sich kürzlich leider nicht ergeben, so ein Pech, naja, nächstes Mal!

Aber es gibt auch Differenzen, die nur schwer auszuhalten sind: fundamental unterschiedliche Lebensweisen und Weltanschauungen. Ich habe das Glück, dass ich das maximal zwei Mal im Jahr aushalten muss, denn der Großteil meiner Verwandtschaft wohnt in meinem Geburtsland Polen. Gleichzeitig ist die Distanz vermutlich auch mit ein Grund dafür, warum Begegnungen mit dem polnischen Teil der Familie immer so ungeheuer an meinen Kräften zehren: Wenn man sich – nicht nur geografisch – so weit voneinander entfernt hat, dass man sich – nicht nur sprachlich – kaum noch versteht, sollte man sich fragen: Warum tun wir uns das eigentlich an? Warum verbringen wir unsere freie Zeit mit Leuten, mit denen wir Gene teilen, sonst aber nicht viel?

Die Generation meiner Eltern kennt das mit der Verwandtschaft von früher noch so: Man wohnte maximal ein, zwei Dörfer voneinander entfernt. Man traf sich regelmäßig in der Kirche oder auf Familienfeiern, zu denen natürlich auch der letzte Cousin dritten Grades noch eingeladen wurde. Das gehörte sich so. Man half einander – allein schon aus der Denke heraus „Er/sie gehört ja zur Familie.“ Wenn ein Kind geboren wurde, wurden irgendwelche Verwandte zu Paten ernannt, und zumindest seinen zweiten Vornamen erhielt das Kind nach der Tante/dem Onkel, dem Opa oder der Großtante. Nicht nur die direkte Verwandtschaft, sondern auch der erweiterte Kreis mitsamt Schwagern und Schwägerinnen, Cousins und Cousinen usw. war eine naturgegebene soziale Einheit, die es zu pflegen und zu bewahren galt – unabhängig von Sympathie oder Antipathie.

Heute sieht das etwas anders aus, zumindest bei uns. Gerade im jüngsten Sommerurlaub in Polen ist mir wieder klar geworden: Verwandtschaft ist nicht gleich Familie. Verwandtschaft ist Zufall, kein Schicksal. Und es interessiert mich auch nicht, ob Blut dicker ist als Wasser oder andersherum. Meine polnische Herkunft spielt für diesen Befund auch keine so große Rolle, es soll hier nicht um polnisch-deutsche Unterschiede gehen, sondern um die eigentlich banale Erkenntnis, dass man eben nicht jeden mag. Und das okay sein sollte.

Das Schöne ist ja: Seine Verwandtschaft kann man sich zwar heute immer noch nicht aussuchen, sehr wohl aber seine Nächsten. „Familie“ im eigentlichen, sozial-emotionalen Sinne. Menschen sind viel mobiler als früher, bereits in der Ausbildung lernen die meisten neue Leute kennen, neue Perspektiven. In der Regel gewinnen sie dabei – mindestens Lebenserfahrung und einen weiteren Horizont, nicht selten Freunde fürs Leben. Zumindest uns ist es über die Jahre so ergangen. Dank Messenger und Video-Telefonie können wir selbst Menschen, die sehr weit weg sind, sehr nah sein – ob blutsverwandt oder nicht. Umgekehrt helfen das beste Handynetz und die Worldwide-Flatrate nicht weiter, wenn man dem Menschen am anderen Ende der Leitung nichts zu sagen hat.

Die modernen Wege, Menschen zu begegnen und mit ihnen zu kommunizieren, müssen das Konzept Verwandtschaft/Familie natürlich nicht verdrängen, idealerweise unterstützen sie es. Meine Eltern sind früher mit Zehn-Pfennig-Stücken zur Telefonzelle im Dorf gestapft, um regelmäßig bei der Familie anzurufen. Heute könnten mein Mann und ich unsere unzähligen täglichen Schnappschüsse mit einem Klick an die Verwandtschaft in Oberschlesien weiterleiten, die meisten schicken wir aber nur an Eltern und Geschwister – sowie zwei, drei Chatgruppen mit lieben Freunden. Die Paten unserer Kinder sind meine Schwestern sowie zwei Freunde. Auf der Taufe unseres zweiten Sohnes war niemand aus der weiteren Verwandtschaft, aus organisatorischen Gründen, nachdem die erste Taufe so unglaublich anstrengend gewesen war. Und weil wir den Tag mit den Menschen verbringen wollten, die uns und unserem Täufling am nächsten stehen.

Diese Entscheidung hat erwartungsgemäß die eine oder andere Irritation hervorgerufen. Während die polnische Verwandtschaft sie betont verständnisvoll (in Wirklichkeit aber beleidigt) zur Kenntnis nahm und nie wieder ein Wort darüber verlor, nicht eingeladen worden zu sein, waren vor allem meine Eltern enttäuscht. Selbst wenn der Tauftag auch für sie damit letztlich viel entspannter war als in der Großfamilien-Besetzung: Das gehört sich doch nicht! Insbesondere meine Mutter findet es traurig, dass die nächste Generation ihrer Familie so auseinanderdriftet. Sie ist der Meinung, wir Kinder sollten die Verbindung zum Rest der Familie nicht einfach „wegwerfen“. Dabei würde ich selbst das eher als Loslassen bezeichnen und als eine Art Befreiung. Auch, wenn es gemein klingt: Ich bedauere nichts und vermisse niemanden – außer die Oma und die Schnitzel. Und (nur) deshalb fahren wir sicher wieder hin.

01. Aug. 2019
von Anna Wronska
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30. Jul. 2019
von Janosch Niebuhr
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Vom Umgang mit dem Fremdkind

Wenn Freunde zu Besuch sind, wird’s lustig – für die Kinder.

Es ist ja nicht so, dass ich generell etwas gegen die Kinder anderer Leute habe. Nein, da sind bestimmt auch ganz nette dabei. Manche können auch richtig gute Freunde für den eigenen Nachwuchs sein. Okay, okay: Wie alle Eltern gehe ich auch davon aus, dass die eigenen Kinder natürlich immer etwas hochbegabter, etwas cooler, etwas schöner, etwas offener, etwas sozialer, einfach etwas besser sind als die Kinder der Konkurrenz. (So was geben Eltern natürlich nie offen zu!) Aber weil das eben in der Regel alle Eltern von ihren Kindern glauben – Liebe macht schließlich blind –, entsteht da auch kein Problem.

Außer wenn das Fremdkind zu Besuch kommt. Besonders dann, wenn es gar in größerer Zahl auftritt. „Können heute [Name von Freundin 1] und [Name von Freundin 2] bei uns übernachten?“, fragt unsere Älteste (12) beim Mittagessen. Es ist eine unschuldige Frage, aber sie löst bei den beiden Geschwisterkindern (10 und 5) sofort ähnliche Anfragen aus, mindestens aber buchhalterische Aussagen à la „Die waren schon viel öfter bei uns als [Name einer Freundin des Geschwisterkindes]“. Ich gehe auf solche Vergleichsrechnungen grundsätzlich nicht ein. Denn natürlich hat die Älteste am häufigsten Besuch. (Je älter das Fremdkind, desto weniger Stress für mich in der Regel.)

Ich versuche bei solchen Anfragen immer, zunächst Zeit zu gewinnen: „Hm [oder ähnliches Grunzen, das angestrengte Überlegung andeutet] – da müssen wir nachher mal mit Mama reden.“ Aussitzen das Ganze, vielleicht erledigt sich die Anfrage ja von selbst.

Tut sie aber normalerweise nicht. Und auch die jüngeren Geschwister haben ein gutes Gedächtnis. Sie haben ja auch ein Recht auf ihre eigenen Sozialkontakte. Was im Endeffekt dazu führt, dass gelegentlich mehr Fremdkinder im Haus sind als eigene: In dem einen Kinderzimmer werden dann TikTok-Filme gedreht, im anderen Einhörner befreit und auf dem Garten-Trampolin neue Turnküren ausprobiert. Das klingt idyllisch – aber nur für den Unwissenden. Denn natürlich verändert sich durch die Gegenwart von Fremdkindern so ziemlich alles – vor allem in mir. (Ich vermute, dass es auch anderen Eltern ähnlich geht. Sie geben sich zwar immer ganz entspannt, wenn ich meine Kinder bei ihnen abgebe, aber das nehme ich ihnen nicht ab.)

Meine Frau findet, ich solle nicht von „Fremdkind“ sprechen, sondern von „Freundin“ oder wenigstens von „Gast“ oder von „Besuch“. Aber erstens verwende ich den Ausdruck nur ihr gegenüber oder in pseudonymisierten Kolumnen wie dieser, und zweitens beschreibt „Fremdkind“ das Phänomen sehr genau. Was also ist mein Problem mit dem Fremdkind?

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30. Jul. 2019
von Janosch Niebuhr
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25. Jul. 2019
von Martin Benninghoff
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Ein Lächeln mehr – und weniger meckern!

Was darf man hier eigentlich noch? Schild an einem Kinderspielplatz.

Als sich eine australische Freundin immer mal wieder – mehr oder minder offen – über das ihrer Meinung nach kinderunfreundliche Deutschland mokierte, ging ich als angesprochener Staatsbürger des Landes in eine Art automatisierte Verteidigungshaltung. Das könne man nicht so pauschal sagen, selbst die oftmals geschmähten Großstädte seien mittlerweile wieder sichtbar belebt von Familien mit Kindern, selbst oder gerade in Szenevierteln wie Prenzlauer Berg in Berlin. Zudem zeige doch die seit rund fünf Jahren steigende Geburtenrate, dass die Deutschen – darunter alteingesessene und eingewanderte Menschen – Kinder wieder wollten.

Wahrscheinlich habe ich typisch deutsch reagiert, weil ich die sozioökonomischen Daten in den Mittelpunkt meiner Argumentation gerückt habe, die tatsächlich, was die Zahl der Krippenplätze, der Ganztagsschulen, der Vätermonate und die Höhe des Betreuungsgeldes angeht, eine optimistische Sprache sprechen. Was die australische Freundin aber wohl eigentlich meinte: die Freundlichkeit, Aufgeschlossenheit und Begeisterungsfähigkeit der Deutschen gegenüber Kindern, die sei teilweise mangelhaft – und erzeuge ein kinderunfreundliches Klima im Vergleich zu anderen Ländern, auch zu ihrem eigenen, Australien. Ihr Beispiel, an das ich mich nur noch vage erinnere: Mit Kinderwagen werde einem nur selten die Tür aufgehalten oder beim Einstieg in die Straßenbahn geholfen.

Solche Beispiele kann ich persönlich eigentlich weniger nachvollziehen. Sowohl beim Tragen des Kinderwagens eine Treppe hinauf, wenn der Aufzug beschädigt ist, als auch beim Türenoffenhalten im Zug habe ich andere Erfahrungen gemacht. Geholfen wird einem fast immer. Rund anderthalb Jahre sind meine Frau, unser Sohn Elias und ich wochenweise von Berlin nach Frankfurt mit dem Zug gependelt. Wir können uns über die Kinderfreundlichkeit in dieser Beziehung nicht beklagen. Wobei ich der Australierin allerdings bei einem zentralen Punkt zustimmen muss: So bereitwillig einem beim Zugeinsteigen geholfen wird, vielen Deutschen entlockt selbst ein niedliches Kindergesicht kein freundliches Lächeln. Im Zug, auf der Straße, im Supermarkt, woran liegt das?

Dieses – schwer zu messende – Kriterium Lächeln dürfte ein Grund dafür sein, warum auch viele Deutsche glauben, ihr Land sei, allem Ausbau von Betreuungsplätzen zum Trotz, kinderunfreundlicher geworden. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Kinderhilfswerks 2018 sind nur noch 56 Prozent der Befragten der Meinung, Deutschland sei kinderfreundlich. Das ist zwar noch immer die Mehrheit, aber eine schrumpfende – der Trend in solchen Umfragen jedenfalls zeigt seit Jahren abwärts. Mitverantwortlich dafür dürften sich häufende Berichte über Lautstärkebeschwerden von Spielplatzanrainern oder über kinderfreie Restaurants oder Wirte sein, die nur „gut erzogene“ Kinder in ihr Café lassen. Solche Debatten sind mutmaßlich nur in unserem Land möglich. Oder allenfalls in wenigen anderen, ebenfalls eher griesgrämigen Gesellschaften.

In der Tat sind die Restaurants im Land ein guter Gradmesser. In einigen fühlt man sich als Eltern mit Kind tatsächlich nur bedingt willkommen. Da wird einem schon einmal der hinterste Platz im hintersten Zimmer nahe bei den Toiletten zugewiesen, wo zudem kein anderer Gast sitzt, damit man die freundlichen Leute vorne im atmosphärischen Teil des Restaurants nur ja nicht stören kann. Natürlich gibt es Familien, die sich derart daneben benehmen, dass ein Wirt sein gutes Recht hat, solche Vorsorgemaßnahmen zu treffen. Aber es geht um die richtige Reihenfolge der Beweislast: In einem kinderfreundlichen Land sollte die „Unschuldsvermutung“ am Anfang stehen – auf den kleinen Teil der unverbesserlichen Lautstärke- und Chaosproduzenten könnte der Wirt dann gesondert reagieren – mit Bitten und als ultima ratio: dem Rausschmiss.

Besonders deutlich wird einem der kulturell-atmosphärische Unterschied vor Augen geführt, sobald man auf Reisen geht. Der Umgang unserer europäischen Nachbarn auf dem Balkan – in unserem Fall kürzlich in Montenegro und Bosnien-Herzegowina – mit Kindern ist ein deutlich anderer. Die Menschen, die wir dort getroffen haben, stürzten sich förmlich auf unseren Kleinen. Speziell in den montenegrinischen Bergen wurde der Kleine von Wildfremden auf den Arm genommen, ihm wurde durchs Haar gewuschelt, und er wurde – abgeknutscht. Das war uns teilweise gar nicht mehr recht, weil es unser erlerntes Nähe-Distanzverhalten völlig auf den Kopf stellte. Elias war auch nicht gerade begeistert: Wir gingen dazu über, ihn ein Stück weit davor zu schützen, ohne die Gutmeinenden zu beleidigen. Überall: Lächeln, sobald unser Kleiner um die Ecke kam. Auch in Bosnien war es überhaupt kein Thema, das Kleinkind war selbstverständlich und unhinterfragt ein ebenso willkommener Gast wie die zahlenden Eltern.

Ja, der Stellenwert von Familie ist in Deutschland ein anderer. Das Leben spielt sich in zunehmenden Maße von der weiteren Familie entkoppelt ab, die Lebens- und Arbeitsbiografien sind individualisiert. Diese Entwicklung will ich gar nicht kritisieren, weil sie in hohem Maße die Gesellschaft liberalisiert und neue Freiheiten schafft, wo früher das Diktat der Familie herrschte. Aber kann es sein, dass die zeitliche und ökonomische Verdichtung unserer Lebensläufe für den Nachwuchs abseits des eigenen nicht mehr genügend Empathie- und Zuwendungskapital lässt? Das wäre zumindest ein bedenklicher Befund.

Dazu dann doch noch eine kurze Anekdote aus dem ICE nach Frankfurt. Vor ein paar Wochen saß ich in einem Ruheabteil, hinter mir zwei ältere Frauen. Im vorderen Bereich saß eine Familie, deren Kleinkind zeitweise, sicherlich nicht mehr als zwei Minuten, unruhig war und auch schrie. Die eine Seniorin, die in Leipzig zugestiegen war, beschwerte sich in tiefem Sächsisch, wie das denn sein könne, dass die Eltern die Kleine nicht im Griff hätten. Ihre Pauschalanalyse: Die Kinder von heute dürften zu viel und überhaupt – das sei ja nur diesem „antiautoritären Gehabe“ zu verdanken. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und wäre der Guten in die Parade gefahren – das habe ich dann gelassen.

Wenige Minuten später, unser Zug hatte eine halbe Stunde Verspätung, rief dieselbe Frau in unserem Ruheabteil per Handy jemanden an, um mitzuteilen, wann sie ankommt und dass sich der Zug verspätet habe. Ungelogen, sie brüllte durch das halbe Abteil und zwang mich, jedes Wort ihres belanglosen Gesprächs mitzuhören. Als guter deutscher Meckerer hätte ich mich natürlich sofort beschweren müssen. Stattdessen aber ließ ich es gut sein, dieses Land soll ja nicht seniorenunfreundlicher werden. Aber aus dem innerlichen Kopfschütteln kam ich den Rest der Zugstrecke nicht mehr heraus.

Welche Erfahrungen Sie gemacht? Wie kinderfreundlich finden Sie Deutschland? Kommentieren Sie hier gerne!

25. Jul. 2019
von Martin Benninghoff
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16. Jul. 2019
von Sonia Heldt
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Goodbye Kindheit! Erwachsenwerden ist nicht einfach

Früher beste Spielkameraden, plötzlich spinnefeind. Die Pubertät stellt nicht nur die Elternbeziehung auf die Probe. Auch das Verhältnis zwischen Geschwistern kann sich drastisch ändern

„Mama, hast du mein Handy wirklich nicht gesehen? Mensch, das lag doch gestern Abend noch auf dem Sofa.“ Lara ist völlig aufgelöst. Seit Stunden sucht meine fünfzehn Jahre alte Tochter verzweifelt nach dem wichtigsten Utensil in ihrem Leben. Ich lasse mich zu einer Großaktion überreden. Wir räumen den Überwurf des Sofas und die Kissen ab, untersuchen jede Ritze einzeln und rücken schließlich das Möbelstück weg. Sie holt eine Taschenlampe, ich den Besenstiel. So sind schon diverse Fernbedienungen oder Ohrringe wiederaufgetaucht. Aber in diesem Falle: nichts. „Die hat es bestimmt doch genommen!“ beschuldigt Lara ihre kleine Schwester wiederholt. „Glaube ich nicht“, erwidere ich, frage jedoch vorsichtshalber selber mit ernstem Ton bei meiner Elfjährigen nach. Aber Maya, die seit Stunden schwer beschäftigt an ihrem Schreibtisch sitzt und irgendwas Kreatives werkelt, schüttelt überzeugend den Kopf und bittet mich, ihre Zimmertür zu schließen.  

„Das kann aber nur sie weggenommen haben!“, sagt Lara aufgebracht. Seit einiger Zeit ist das Verhältnis zwischen meinen Töchtern schwierig. Haben sie früher wie Pech und Schwefel zusammengehalten und waren beste Freundinnen, bestimmen nun gehäuft Zickenkrieg, verbaler Schlagabtausch und der Kampf ums Badezimmer den Alltag. Der Prozess war schleichend. Erst hatte Lara immer weniger Lust, mit Maya zu spielen oder Zeit mit ihr zu verbringen. Dann verzog Lara sich konsequent in ihr Zimmer, schloss sich ein und die Schwester aus ihrem Leben aus. Die Schule, Freundinnen und das Handy wurden wichtiger, die Schwester nervte. Lara legte ihre Kindlichkeit ab. Nun ist sie ein Teenager auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Ein Prozess, der für Maya (noch) nicht nachvollziehbar ist und sie frustriert und verletzt.

Ich entscheide mich, der Handy-Such-Aktion nicht mehr beizuwohnen und mich endlich dem Mittagessen zu widmen. Lara sucht lautstark im Obergeschoss weiter. Schränke werden auf und zugeschlagen. Dann ein Schrei! Sie hat es! Na, endlich! Für eine Minute ist es mucksmäuschenstill im Haus. Dann kommt Lara die Treppe hinuntergelaufen. „Maya hatte es doch!“ Tränen glänzen in ihren Augen. „Hier. Mein Handy lag daneben.“ Sie hält mir mit zittrigen Händen ein DIN-A5-Schulheft entgegen. Ich weiß, was das für ein Heft ist! Es ist ein Geschwister-Briefheft. Ich darf es eigentlich nicht lesen. Lesen ist verboten! Steht groß drauf! Vor vielen Jahren ist mir eines dieser Hefte beim Putzen zum ersten Mal in die Hände gefallen. Es lag unter dem Korb mit den Handtüchern im Bad der Mädchen versteckt. Maya war etwa sieben, Lara zehn, als die beiden dieses Spiel für sich entdeckten. Sie schrieben sich gegenseitig über das Heft Briefe. Anfangs waren es phantasievolle Briefe, in denen sie in ihre ausgedachte Welt abtauchten und von erfundenen Reisen erzählten. Ab und zu wurden Konflikte darüber ausgetragen. Aber irgendwann lag nichts mehr unter dem Handtuch-Korb. Sie haben mit der Briefkonversation aufgehört, so wie sie aufgehört haben, zusammen Ponyhof im Garten zu spielen oder sich im Keller zu verkleiden.

Das Heft ist neu, das sehe ich sofort, liebevoll beklebt und bemalt. Mit einem Mal wird mir klar, was Maya den ganzen Vormittag an ihrem Schreibtisch gewerkelt hat! Fast schon schuldbewusst greife ich nach dem Heft, schlage es auf und würde es am liebsten wieder zuschlagen. Nicht nur, weil es private Worte von Maya an Lara sind, die mich eigentlich nichts angehen, sondern weil mich schon die ersten Worte tief in mein Mutterherz treffen. Ein fetter Kloß bildet sich in meinem Hals. Maya schreibt, dass es ihr leidtut, das Handy weggenommen zu haben. Sie habe gehofft, dass Lara ihr Handy vergisst und sie anstelle des Handys wieder wichtig für Lara werden würde. Sie schreibt, wie sehr sie Lara vermisst, wie lieb sie sie hat und dass sie ihr verzeihen soll. „Ich würde mich freuen, wenn du zurückschreibst“, steht da am Ende. Ich gebe Lara das Heft wortlos zurück. Was soll ich auch sagen? Sie verschwindet in ihr Zimmer. Schließt sich ein. Weint. Sicher nicht vor Glück, ihr Handy wiedergefunden zu haben. Auch nicht aus Wut auf ihre Schwester. Sie weint aus demselben Grund, aus dem auch ich jetzt losheulen könnte.

Ich muss mit Maya reden, ihr sagen, dass die Aktion nicht in Ordnung war und sie uns angelogen hat. Als ich in ihr Zimmer trete, sitzt sie immer noch an ihrem Schreibtisch und starrt auf die Tischplatte. Ich sage mein Sprüchlein auf. Erziehungs-Modus ein. Sie nickt nur, gibt alles zu, entschuldigt sich. Ganz elend hockt sie da, blass und unglücklich. Sie kommt mir mit einem Mal so klein und zerbrechlich vor, gar nicht wie das willensstarke, sportliche Persönchen, das sie sonst verkörpert. Ich setze mich zu ihr. Nehme Blatt und Stift und male zwei parallele Linien auf einer Straße. Unprofessionell, total aus der Luft gegriffen und in keinerlei Weise wissenschaftlich belegt, starte ich einen Erklärungsversuch. Ich sage ihr, dass sie und Lara sich auf einer Straße befinden und viele Jahre gemeinsam Hand in Hand nebeneinanderher gelaufen sind. Ab und zu ist der eine vielleicht mal kurz zur Seite gehüpft, aber schnell wieder auf der Spur gelandet. Ich erkläre, dass man auf dem Weg zum Erwachsenwerden öfter aus der Spur gerät und irgendwann seinen eigenen Weg gehen muss. Dass auch sie selbst, Maya, irgendwann den Weg verlassen wird. So ist das mit dem Erwachsenwerden. Man muss die Straße der Kindheit verlassen, trifft sich aber später auf der Erwachsenenstraße wieder. Ganz sicher! Und dass das Band zwischen ihr und Lara etwas ganz Besonderes ist, dass nie ganz zerreißen wird. Maya ist inzwischen völlig aufgelöst. Mir fällt nicht Kluges mehr ein, das ich sagen könnte, also nehme ich meine Tochter ganz fest in den Arm und schweige.

Dann gehe ich in die Küche. Wir brauchen jetzt alle drei einen Moment für uns allein. Während ich die Kartoffeln schäle und mich unbeobachtet fühle, lasse ich meinen Tränen freien Lauf. Heule, weil es auch uns Eltern nicht leicht fällt, das Kind, das immer unser kleines Mädchen war, gehen zu lassen und stattdessen Platz zu machen für eine kratzbürstige Halbwüchsige, die uns permanent klarmacht, dass sie uns von Tag zu Tag weniger braucht und erwachsen wird. Aber diese Entwicklung lässt sich nun mal nicht aufhalten. Ich heule, weil Maya so unglücklich darüber ist. Abends werfe ich mit Maya alte Videos in den DVD-Player. Videos von den Mädchen, als sie noch klein waren. Ich habe sie oft im Garten beim Spielen gefilmt oder unter dem Hochbett, in ihrer Höhle, wenn sie dicke Verbotsschilder für Erwachsene aufgestellt haben. Es ist wichtig, mit Maya diese Videos zu sehen. Es macht uns traurig, aber gleichzeitig hat es etwas Tröstendes. Irgendwann steckt Lara den Kopf ins Wohnzimmer. „Was guckt ihr da?“ Sie setzt sich zu uns. Wir lachen zusammen und schwelgen in Erinnerungen.

Ein paar Tage später finde ich beim Putzen das Briefheft unter dem Korb mit den Handtüchern. Lara hat Maya geantwortet. Sie wird liebe Worte gewählt haben. Sie wird ihrer kleinen Schwester versichert haben, dass sie sie immer liebhaben wird, auch wenn sie keine Lust mehr hat, mit ihr zu spielen. Sicher würde auch Lara tief in ihrem Inneren manchmal gerne die Zeit zurückdrehen und sich wie früher im Spielkeller ihr Vampirkostüm überwerfen. Doch das geht nicht. Das Kostüm ist ihr längst zu klein geworden. Sie hat sich das mit dem Erwachsenwerden nicht ausgesucht! Wir alle würden uns wohl gerne hin und wieder in eine Zeitmaschine setzen, aber es ist wichtig, im Leben nach vorne zu schauen. Wenn etwas endet, fängt etwas Neues an. Und ich bin mir ganz sicher, dass die ehemals so innige Beziehung meiner Töchter in ein paar Jahren eine neue, erwachsene Stufe erreichen wird.  

16. Jul. 2019
von Sonia Heldt
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11. Jul. 2019
von Anna Wronska
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Einschulung: Vom Ende der Freiheit

Schön wär’s, wenn die Schulzeit nur Bonbons und schöne Überraschungen bereithielte

Wie gut erinnern Sie sich an Ihre Grundschulzeit? Ich erinnere mich an die „Aufstellen!“-Rufe der Lehrer zum Ende der Pause, an den knallrosa Lippenstiftabdruck auf der Blockflöte meiner Musiklehrerin. An die Feuerbohnenpflanzen, die wir im Deutsch-Förderunterricht zogen. An die Sportbeutel, die wir ab und zu aufs Turnhallendach schossen, und den Ärger danach. An ein paar böse Treffer beim „Völkerball“ und an Gabi aus meiner Klasse, die schimpfte, ich solle erst einmal richtig Deutsch lernen, dann könnten wir Freundinnen sein. Sie kam aus Polen, genau wie ich.

Es war eine unspektakuläre, sorglose Zeit, und die Erinnerungen daran (außer die an Gabi) wecken ein warmes Gefühl in mir. Heute ist mir klar, wie prägend diese vier Jahre für mein weiteres Leben waren und wie viel Glück ich hatte: keine Schlägereien, keine Unterrichtsausfälle, solide Lehrer, solide Toiletten. Die Grundschule hat mich aufs richtige Gleis gesetzt. Dabei haben meine Eltern sich seinerzeit vermutlich nicht viele Gedanken gemacht über die richtige Schule oder den richtigen Zeitpunkt für die Einschulung, sie hatten in unserem Dorf am Rande des Sauerlands auch nicht viel Auswahl.

Mein Mann und ich leben mit unseren Kindern heute in einer Millionenstadt, mit gleich mehreren Schulen unterschiedlicher Träger und unterschiedlicher Reputation in fußläufiger Entfernung. Wir zerbrechen uns den Kopf sowohl über die richtige Schule als auch über das richtige Timing für die Einschulung. Dabei gibt es hier auf den ersten Blick auch nur wenig Spielraum. Die Kinder, die bis zum Stichtag 30. September eines Jahres sechs Jahre alt geworden sind, sind in Berlin „Muss“-Kinder, werden also in der Regel im gleichen Jahr eingeschult. Unser Sohn Ben ist im September geboren. Bei seiner Einschulung Mitte August 2020 wäre er noch nicht einmal sechs. Das kommt mir verdammt früh vor. (Allein schon dieses hässliche Wort „Einschulung“! Es klingt nach einem Monster, das mit einem lauten „Gulp“ Kinder verschluckt.)

Wir wissen: Es gibt die Möglichkeit, sein Kind auf Antrag von der Schulpflicht zurückzustellen, wenn sein Entwicklungsstand „eine bessere Förderung in einer Kindertagesstätte erwarten lässt“. Dafür muss die Kita eine entsprechende Stellungnahme abgeben. Allerdings kann unsere Kontakterzieherin sich derzeit nach eigener Aussage nicht vorstellen, was sie da hineinschreiben sollte. Das ist zunächst einmal ein Grund zu Freude: Ben ist kognitiv schon jetzt ziemlich weit, er redet wie ein Wasserfall und stellt Fragen, deren Antworten ich mitunter erst einmal recherchieren muss. „Ich weiß noch nicht so viel über die Welt“, sinnierte er unlängst bei einem Waldspaziergang mit seiner Kita-Truppe, hat man mir erzählt. Wird also Zeit, dass sich das ändert. Oder?

Bei der sozial-emotionalen Komponente der Entwicklung ist die Sache weniger eindeutig. Ben kann in seinem vertrauten Umfeld, zu Hause und in der Kita, richtig aufdrehen, aber in neuen Umgebungen und in neuer Gesellschaft zieht er sich sehr zurück und sucht unsere Nähe, wirkt manchmal regelrecht ängstlich. Als wir vor einem Jahr anfingen, mit ihm zur Musikschule zu gehen, freute er sich zunächst und trommelte bei der musikalischen Früherziehung inbrünstig mit Kastanien. Dann aber folgten ein paar Wochen, in denen zwar er gut gelaunt bis zum Eingang des Musikraumes kam, dann aber plötzlich blockte und sofort mit mir nach Hause wollte. Da seien „so viele fremde Kinder“, sagte er später. Ein paar Wochen später ging es wieder, aber diese Phase hat mich zum Nachdenken gebracht. Bis heute muss ich während des Musikkurses immer im benachbarten Raum warten, weil Ben offenbar Angst hat, ich könnte ihn zurücklassen.

Ich weiß, es wurden und werden millionenfach Kinder eingeschult, lernen neue Kinder kennen, und sie überleben es. Und ich kann es meinem Kind nicht ersparen, sich früher oder später in einem neuem Umfeld zurechtfinden zu müssen. Aber ist es erstrebenswert, so früh wie nur irgend möglich damit anzufangen, in dem Wissen, dass ein großes Stück Unbeschwertheit damit verloren geht? Seien wir ehrlich, es gibt nun einmal ziemlich viele Gabis da draußen – und die war nun wirklich harmlos im Vergleich zu dem, was heute bisweilen über die Realität in den Schulen zu hören und zu lesen ist. Dabei muss man gar nicht erst das furchtbarste Kopfkino bemühen. Mir reicht es, mir vorzustellen: Schule, Ausbildung, Job – all das wird ohnehin den größten Teil von Bens Leben einnehmen. Selbst wenn er auf die Schule mit dem besten Ruf kommt, wenn die Lehrer motiviert sind, die Klos sauber: Was spricht dagegen, zuvor einfach ein Jahr länger zu spielen, fernab von Hausaufgaben, Bewertungen und Attestpflicht? Zumal wir mit Lukas (zehn Monate) ein zweites Kind haben, mit dem wir bisher einfach verreisen oder etwas unternehmen können, wenn uns danach ist und der Job es zulässt. Zu viert mit einem Schulkind ginge das nicht mehr so leicht.

Häufig ist das Argument zu hören, die Kinder würden sich bei einer Zurückstufung in der Kita tendenziell langweilen, regelrecht „versauern“. Aber Ben liebt seine Kita, und ausgerechnet seine liebsten Spielkameraden sind allesamt etwas jünger und kommen ebenfalls erst ein Jahr später in die Schule. Es liegt nahe, dass ein Kind mit knapp sieben einfach besser mit- und ankommt in der Schule als mit knapp sechs. Sowohl was das Lernen an sich angeht als auch in der neuen Klassengemeinschaft.

Vielleicht mache ich mir aber auch unnötig Sorgen und Ben blüht in der Schule richtig auf. Und vielleicht bin ich zu egoistisch. Ganz bestimmt jedenfalls habe ich ein Problem mit dem Loslassen, wie mir jüngst schon Bens Kita-Reise vor Augen geführt hat. Letztlich weiß ich: Der Ernst des Lebens kommt, egal wann, sowieso immer zu früh. Vor allem für uns Eltern. Wir werden deshalb, wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, keine Zurückstellung beantragen, auch nicht mit Verweis auf Bens emotionale Entwicklung. Stattdessen werde ich eines Abends im August, wenn Ben schläft, heulend eine Schultüte packen, und unser Schulkind am nächsten Tag strahlend verabschieden.

… Und dann kandidiere ich für den Elternbeirat und werde der Schule genau auf die Finger schauen. Ha!

11. Jul. 2019
von Anna Wronska
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09. Jul. 2019
von Sonia Heldt
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Krank im Urlaub: Wenn die schönsten Wochen im Jahr gestört werden

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Der Sommerurlaub ist für die meisten Familien die schönste Zeit des Jahres.

Ferienzeit. Reisezeit. Auf nichts freuen wir uns das Jahr über so sehr wie auf unseren bevorstehenden Sommerurlaub. Sonne, Strand, Meer, Zeit als Familie verbringen. Wertvolle Zeit, für die wir tief in die Tasche greifen müssen. Klar, dass man auf möglichst perfekte Tage hofft, wenn so viel Kohle für die schönsten Wochen im Jahr über den Tisch gehen. Wird das Wetter halten? Haben wir die richtige Unterkunft gebucht? Aber vor allen Dingen: Wird die gesamte Familie gesund bleiben?

Es beruhigt mich, wenn die Mädchen zwei oder drei Wochen vor dem Urlaub noch einmal krank werden, auf Vorrat sozusagen. Erfahrungsgemäß ist ihr Immunsystem danach erst einmal wieder aufgeladen. Kurz vor der Abreise ertappe ich mich, wie ich bei jedem Husten meiner Tochter nervös frage: „Willst du wirklich ins Schwimmbad? Heute ist es ganz schön kühl! Nicht, dass du dir jetzt noch was wegholst.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass bei einer vierköpfigen Familie in zwei Wochen jemand krank wird, ist leider relativ hoch. Gerade Kinder stellen krankheitstechnisch echte Risikofaktoren dar. Man nimmt an, dass ein Kind in den ersten beiden Lebensjahren an bis zu zwölf fieberhaften Infektionen pro Jahr erkrankt. Außerdem reagieren Kinder oftmals empfindlicher auf Klimaveränderungen und fremdes Essen. Das wird zwar mit steigendem Immunsystem und Lebensalter besser, dennoch kamen bei uns im Laufe der Jahre so einige Krankheiten zusammen.

In der Top 3 unserer Urlaubsunpässlichkeiten nimmt die Ohrenentzündung die Spitzenposition ein, gefolgt von Übelkeit (Lara hatte schon immer einen sehr empfindlichen Magen) und Halsschmerzen. Besonders wegen der Otitis, die meist auf exzessives Tauchen im Pool oder dauernasse Ohren in Verbindung mit dem rauen Meereswind zurückzuführen ist, werde ich regelmäßig zur Spießerin und Spaßbremse: „Hast du dir die Ohren ausgespült und richtig getrocknet?“; „Muss ich dich daran erinnern, dass du in Portugal die letzten Tage wegen Mittelohrentzündung ein Antibiotikum nehmen musstest und dann gar nicht mehr ins Wasser durftest?“; „Müssen wir heute wirklich noch die dritte Bucht anfahren? Die Mädchen sind durchgeschwitzt und haben feuchte Haare.“ Meist werde ich dann nur müde belächelt. Wen interessieren schon die alten Geschichten aus dem letzten oder vorletzten Jahr?! Längst vergessen, wenn man sich gerade hungrig in die Fluten stürzen möchte! Auch meine Bitte nach einer täglichen Mittagspause ruft in der Regel entsetzte Reaktionen hervor: „Aber wir wollten gerade schnorcheln gehen. Wir haben doch keine Wickelkinder mehr, die Mittagsschlaf halten müssen.“ Mein Mann, der im Urlaub zum Abenteurer und Meeresforscher mutiert, steht mir da nicht sonderlich hilfreich zur Seite. Mein Einwand, die Serpentinenstraße würde sich nicht gut mit Laras Reiseübelkeit vertragen, überhört er gerne und wird erst klug, wenn es zu spät ist und wir anschließend wieder einmal den Mietwagen reinigen dürfen.  

Zuweilen kann man aber auch mich nicht zu den Vernünftigen zählen. Zum Beispiel, als wir vor fünf Jahren ins Disneyland Paris gefahren sind. Ich hatte mich zwei Tage vorher auf einer Gartenparty verkühlt, fühlte mich angeschlagen und hätte ins Bett gehört. Aber die Koffer mussten noch gepackt und Verpflegung für die Autofahrt gekauft werden. Die Reise stornieren? Die Kinder enttäuschen? Keine Option! Also griff ich zu Ibuprofen und beschloss, dass ich mich in Paris ja immer noch ins Hotelzimmer legen konnte, sollte es nicht besser werden. Bei der Ankunft konnten wir unser Zimmer noch nicht beziehen. Ich schleppte mich eine Stunde durch das Disneyland und steuerte schließlich die Erste Hilfe Station an. Als ich von heftigen Fieberschüben gepackt wurde und das Fieberthermometer Alarm schrie, rief man den Notarzt und der wiederum den Krankenwagen. Während meine Familie Mickey Mouse traf und Achterbahn fuhr, verbrachte ich die erste Nacht in der Notaufnahme eines Pariser Krankenhauses und den restlichen Kurzurlaub mit einer Nierenbeckenentzündung, mit Medikamenten vollgestopft und vor mich hinvegetierend in meinem Hotelbett.

Vor drei Jahren traf es dann meinen Mann kurz vor dem Skiurlaub. Bandscheibenvorfall. Ich stornierte sofort unsere Ferienwohnung (dazugelernt!), informierte die Reiserücktrittsversicherung und verspürte insgeheim Erleichterung. Ich fahre nämlich grundsätzlich mit gemischten Gefühlen in die verschneiten Berge und danke bei unserer Rückkehr jedes Jahr dem Universum aufs Neue, dass wir es ohne Knochenbrüche oder verdrehte Knie heil nach Hause geschafft haben.   

Vorletztes Jahr auf Mallorca ging es Maya nach einem Tag am Meer von einem auf den anderen Moment schlecht. Als sie sich im Hotelzimmer hinlegte, klagte sie darüber, den Nacken nicht mehr bewegen zu können und bat mich, die Vorhänge zuzuziehen, es wäre ihr zu hell. Bei mir klingelten alle Alarmglocken! Nackensteife und Lichtempfindlichkeit, grippeähnliche Symptome! Das Wort Meningitis hallte in meinem Kopf. Ich ließ die Hotelärztin kommen, die uns auch ohne dass ich meinen Verdacht erwähnte sofort mit besorgtem Gesicht riet, in ein Krankenhaus zu fahren. Ich packte ein paar Sachen, sah mich die nächsten Tage schon in einem Zustellbett neben meiner Tochter im Krankenhaus liegen und geriet in Panik. Die Fahrt zur Klinik kam mir ewig vor, ich machte mir Vorwürfe, weil ich den Impfpass nicht mit in den Urlaub genommen hatte. War Maya eigentlich gegen Meningokokken geimpft oder doch nur Lara? Ich fühlte mich wie die letzte Rabenmutter.

Die Oberärztin in der kleinen Privatklinik warf einen ernsten Blick auf die hingekritzelte Mitteilung, die mir die Hotelärztin auf Mallorquin mitgegeben hatte. Nach gründlicher Untersuchung konnte sie jedoch Entwarnung geben. Maya hatte lediglich einen extrem verspannten Nacken und einen nicht bakteriellen Halsinfekt. Mir fielen tausend Steine vom Herzen. Zufällig waren wir in einer Vertragsklinik unserer gesetzlichen Krankenkasse gelandet und mussten nicht mal in Vorkasse treten und die Krankenzusatzversicherung in Anspruch nehmen. Seitdem werfe ich vor Auslandsurlauben immer einen Blick auf die Webseite meiner gesetzlichen Krankenkasse und checke die Vertragskliniken und -ärzte in der Urlaubsregion. Sicher ist sicher! Und die Impfpässe vergesse ich so schnell auch nicht mehr!

Erleichtert versicherte ich Maya gut gelaunt, ein paar Tage auf dem Hotelzimmer wären doch eine super Abwechslung. Immerhin hätten wir einen tollen großen Balkon mit Meerblick, mein eBook-Reader wäre voller spannender Bücher und sogar Disney-Channel würden wir über den Hotel-Fernseher in Deutsch empfangen. Und der Pool wäre doch sowieso viel zu überfüllt! Nach zwei Tagen war sie wieder fit und die kleine Episode vergessen. So wie die vielen anderen Ohren- und Bindehautentzündungen, die Magen-Darm-Infekte, Schürfwunden, Insektenstiche und Erkältungskrankheiten – überlagert von den überwiegend schönen Urlaubserinnerungen.

Nach fünfzehn Jahren Familienurlaub habe ich gelernt, mir nicht die Laune verderben zu lassen und mich einigermaßen vorzubereiten. Dazu gehören eine Notapotheke mit den wichtigsten Medikamenten (wer kann schon griechische oder spanische Beipackzettel lesen), die Impfpässe, die notwendigen Versicherungen (Auslandskrankenschutz und Reiserücktritt), Vorab-Infos über den Urlaubsort (ärztliche Versorgung) und nicht zuletzt genügend Lesestoff und ein paar Spiele, falls einer von uns wieder einmal eine Zwangspause einlegen muss.

Genau so werde ich jetzt unsere Koffer packen. Bleiben Sie gesund!  

09. Jul. 2019
von Sonia Heldt
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04. Jul. 2019
von Martin Benninghoff
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Die Dieter-Nuhrisierung von Harald Schmidt

Vater küsst Sohn – so weit, so gut. Aber auch unangenehmere Tätigkeiten gehören zum Vatersein dazu.

Dafür, dass die „Junge Freiheit“ gleich einen Artikel daraus macht, kann er nichts. Harald Schmidt, Komiker und Satiriker der ersten Stunde, hat dem österreichischen ORF ein Interview gegeben, das am heutigen Donnerstag gesendet wird, und das hat es durchaus in sich: „Heute würde ich mir sehr genau überlegen, was ich auf einer Bühne mache.“ Und: „Mit den heutigen Maßstäben, auch der Political Correctness, der Sprachpolizei und des linksliberalen Mainstreams, hätte ich meine Show nach einer Woche abgenommen bekommen.“

„Political Correctness, linksliberaler Mainstream“ – es sind wenig originelle Schlagworte, die dem ehedem Originellen da einfallen. Aber darüber hinaus kann man auch den Wahrheitsgehalt der Aussage anzweifeln, zumal der „linksliberale Mainstream“ die Shows des bekennenden Konservativen aus katholischer Kirchenmusikprägung ja erst groß gemacht hat, weil seine Vertreter seinerzeit begeistert eingeschaltet haben. Gerade der von ihm gescholtene „linksliberale Mainstream“ hat begeistert in die Hände geklatscht, als Schmidt Anfang der neunziger Jahre mit dem Kollegen Herbert Feuerstein in der Sendung „Schmidteinander“ neue humoristische Maßstäbe im angestaubten öffentlich-rechtlichen Fernsehen setzte: Anarchie im Fernsehstudio statt Paola und Kurt Felix. Man könnte auch sagen: Harald Schmidt war ein durchaus wirkmächtiges Rädchen in der großen Gesellschaftsmaschine, die die Linksliberalen überhaupt erst zum Mainstream gemacht hat.

Aber natürlich will der TV-Titan a.D., der vor lauter ironischer Brechung kaum gerade stehen kann, daran nicht schuld sein, im Gegenteil: Harald Schmidt bemüht sich redlich, sich vom linksliberalen Geiste, den er selbst mit aus der Flasche hat schlüpfen lassen, zu distanzieren. Und wie macht das ein Mann, der mit der nötigen boshaften Ruhe vom Balkon hinab wie Statler und Waldorf auf den jüngeren Pöbel schaut? Er arbeitet sich am neuen Männerbild ab: „Man ist eigentlich in Deutschland verpflichtet, zu sagen: Der größte Moment in meinem Leben war, als ich bei der Geburt meines Kindes dabei war. Das ist Pflicht.“ Übrigens: Schmidt hat fünf Kinder. „Und dann noch die rustikale Version: Mir schoss das Wasser waagrecht aus den Augen, denn da habe ich gemerkt, wie klein ich bin.“ Ein Schmidt hat vielleicht genauso empfunden, als er Vater wurde: Aber nur, weil er damals eben nicht musste. Heute: Distanzierung von den Deppen, die das Pech haben, ihm und den goldenen Zeiten der Männlichkeit nachgeboren zu sein.

Die Beobachtung ist möglicherweise gar nicht falsch, zumindest insofern, dass es heutzutage vermutlich mehr frischgebackene Väter gibt, die die Geburt des Kindes tatsächlich als den „größten Moment“ empfinden. Weil sie überhaupt im Kreißsaal dabei waren, was zu Schmidts Zeiten zwar schon möglich, aber nicht allgemein üblich war. Aber Schmidt setzt die Aussage in einen Zeitgeist-Kontext, den wir zu gut aus anderen Framings kennen: „Man ist eigentlich verpflichtet“ – der gesellschaftliche hegemoniale Diskurs zwinge also die Männer, so zu denken. Der gewendete Linksliberale wirft den Linksliberalen vor, an akutem Freiheitsentzug zu leiden – und es nur nicht mitzubekommen. Wie gut, dass es Veteranen wie Schmidt gibt, die uns daran erinnern: Ja, wir jüngeren Väter sind im Denken unfrei, weil der Diskurs uns in die Unfreiheit zwingt. Solche Behauptungen kann man ja aufstellen – sie sind weder zu beweisen noch zu dementieren. Ein dankbares Sofa-Publikum finden sie dennoch. Nur, seit wann zielt der originelle und unbequeme Satiriker darauf, beim behäbigen (wahrscheinlich mehrheitlich männlichen) Mainstream Applaus einzukassieren?

Anders sieht es bei einem kleinen Nachsatz aus, der ihm beim Thema Rollenverständnis als Vater herausrutscht: „Ich habe mich nie zum Familientrottel machen lassen. Oder wie ich es nenne: Kategorie ‚Daddy Weichei‘. Der Mitt- bis Enddreißiger mit Struwwelpudelmütze und Baby vor dem Bauch. Die Mutter sitzt im Café und verändert die Welt, und er kriecht dem vollgekotzten Baby im Hipp-Café auf allen Vieren hinterher. Nicht meine Welt. Wer das will: Bitte!“ Der Journalist jubiliert natürlich ob dieser durchaus treffenden Beschreibung der Innenstadtszenerien Berlins oder Frankfurts, die zwischen Soja-Milch und Tofu-Burger tatsächlich solche Züge aufweisen. Lustig ist’s schon.

Das Problem ist der Nachsatz: „Wer das will: Bitte!“ Endlich mal ein Satz, bei dem man dem argumentierenden Schmidt auf die Schliche kommt, bei dem man ihm schlechte Recherche nachweisen kann und nicht vor lauter sarkastischer Nebelwolken kapituliert. Es geht eben nicht in erster Linie um ein Wollen, also beim Thema Struwwelpudelmütze schon. Sondern um die Frage, ob sich Vater und Mutter die Kindererziehung teilen – und sich damit gegenseitig die Räume schaffen, um ihre Leben zu leben. Das Gegenteil davon sind die Lebensentwürfe vergangener Tage, als sich die Männer von ihren Frauen den Rücken haben „freihalten lassen“, wie Generationen von Politikern in Interviews so gerne und selbstbetrunken zum Besten gegeben haben. Die Generation Schmidt zelebriert das, als hätte sie ein Naturgesetz entdeckt. Am Anfang steht aber bestimmt auch beim Kreuzberger Tofu-Daddy nicht nur das Wollen – Kotze wegwischen und Windeln machen gehört auch für den neuen „Daddy Weichei“ nicht zur Kür, sondern eher zur Pflicht –, sondern die Einsicht in eine Notwendigkeit, die die Welt der Geschlechter ein wenig gerechter macht.

Und so bleibt eine kleine Enttäuschung eines früheren Harald-Schmidt-Fans. Ja, der Satiriker legt die Finger in die Wunde. Aber kann es sein, dass Schmidt eine Dieter-Nuhrisierung durchmacht? Indem er aus einer Position der Selbstgefälligkeit heraus den bräsigen Mainstream bedient? Oder wie es die Kollegin Mirna Funk auf Facebook schrieb: „Aus der Kalten fallen mir mindestens zehn weitere TV-Idioten ein, die auch nie die Kotze ihrer eigenen Kinder weggewischt haben und allen erfolgreich vorgaukeln, die Welt zu verändern, aber nichts weiter tun als sich Beifall der anderen zu ernähren.“ Die Wortwahl muss man nicht teilen. Aber Unrecht hat sie nicht gerade.

04. Jul. 2019
von Martin Benninghoff
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02. Jul. 2019
von Sonia Heldt
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Die Pubertät ist kein Freifahrtschein

Die eigenen Kinder sollen sich anständig benehmen – aber die Kinder der anderen bitte auch.

In der Grundschule wurde ich noch schriftlich über das Sozialverhalten meiner Töchter unterrichtet. „Die Kinder schätzen Maya als verlässliche und mitfühlende Freundin“ oder „Lara verhielt sich ihren Mitschülern gegenüber sehr freundlich, hilfsbereit und sozial.“

Ihre Klassenlehrerinnen teilten mir nicht unbedingt Neues über meine Töchter mit, aber es beruhigte mich zu wissen, dass sie so, wie ich sie zu Hause wahrnahm, auch in der Schule zu sein schienen.  Das Sozialverhalten meiner Töchter ist mir auch heute noch sehr wichtig. Viel wichtiger als ihre Englisch- oder Mathenoten. Ich möchte, dass aus dem sozialen, hilfsbereiten und freundlichen Kind eine soziale, hilfsbereite und freundliche Jugendliche und später Erwachsene wird. Ich möchte, dass meine Töchter Dinge hinterfragen, sich ihre eigene Meinung bilden und anderen Menschen mit Respekt und Toleranz begegnen.      

Seit die Mädchen die weiterführende Schule besuchen, ist der Punkt „Angaben zum Arbeits- und Sozialverhalten“ auf dem Zeugnis nur noch ein leeres Feld. Ab und zu wird höchstens erwähnt, dass Maya sich z.B. als Klassenbuchführerin engagiert hat. Dabei ist es enorm wichtig, wie sich die Kinder und Jugendlichen außerhalb des Elternhauses verhalten. Denn Gemeinschaft findet in erster Linie in der Schule, in den Kindertagesstätten und beim Freizeitsport statt, wenn Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Elternhäusern, mit unterschiedlichen politischen Einstellungen und Weltanschauungen, unterschiedlichen Religionen und Herkünften aufeinandertreffen. Arm und Reich, Deutsch und zugewandert, Katholik und Muslim. Wer da nicht lernt, was Toleranz und Respekt wirklich bedeuten, der wird auch als Erwachsener nicht der weltoffene, empathische und soziale Typ.

Gemeinschaftssinn ist einer der tragenden Pfeiler unserer Gesellschaft. Zu seinen Grundlagen gehören Kompetenzen wie Empathie, Solidarität, Respekt, Hilfsbereitschaft und soziale Integration. Diese Grundlagen werden größtenteils in der Kindheit und der frühen Jugend erfahren und erlernt.

So sagt es der Sozialpädagoge Prof. Dr. Holger Ziegler, der im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung untersucht hat, wie es um den Gemeinschaftssinn der heranwachsenden Generation steht. Sieht man sich die Ergebnisse der kürzlich veröffentlichten Studie an, ist die Zukunft düster. „Generation Rücksichtslos? Ein Drittel aller Jugendlicher hat keinen Gemeinschaftssinn“  lautet die Überschrift in der Pressemitteilung. Inwieweit die Ergebnisse der Studie nun alarmierend oder überraschend sind, sei dahingestellt. Auch ob es sich um ein neues Phänomen handelt, das unserer Zeit geschuldet ist, oder ob es in vorangegangenen Generationen ähnlich war.  Ich denke, wir sollten ehrlich sein: Kramt man in seiner eigenen Vergangenheit, stellt so mancher fest, dass er wahrscheinlich selber nicht den perfekten Muster-Jugendlichen abgegeben hat. Ich zähle mich durchaus dazu.

Fakt ist jedoch, dass es sich immer lohnt, an einem menschlichen und harmonischen Miteinander zu arbeiten. Man kann nicht alles als jugendliche Unreife oder pubertäres Verhalten abtun. Da der Grundstein für einen Gemeinschaftssinn im Kindes- und Jugendalter gelegt wird, sind zum einen die Eltern in der Verpflichtung, den Kindern diese Kompetenzen vorzuleben – aber eben auch die Kindertages- und Bildungsstätten! Kinder und Jugendliche, denen die Grundlagen fehlen, müssen irgendwo aufgefangen werden. Und wenn sie zu Hause oder im Sportverein nicht lernen, was Gemeinschaft bedeutet, kann nur die Schule dieses Irgendwo sein.

Der Übergang vom Kind zum Jugendlichen ist eine sensible Zeit. Vor allem, wenn spätestens auf der weiterführenden Schule die sozialen Medien ins Spiel kommen. Nie war es einfacher, jemanden zu beleidigen, fertigzumachen oder gegen ihn zu hetzen.  Und das, ohne seine eigene Identität preiszugeben. Das macht das Ganze gefährlich, man kann es schlecht kontrollieren oder aufhalten. Die meisten Eltern haben überhaupt keine Ahnung, was da so im Netz vor sich geht. Welcher Erwachsene tummelt sich auch schon in der Whatsapp-Gruppe, dem Tellonym-, Snapchat– oder Instagram-Profil der Tochter oder des Sohnes?  Erst wenn etwas komplett aus dem Ruder läuft, ein Kind etwa so gemobbt und ausgegrenzt wird, dass es nicht mehr in die Schule gehen will oder es zu Handgreiflichkeiten kommt, läuten in der Regel die Alarmglocken. Meist viel zu spät: Es gibt wohl kaum Kinder und Jugendliche, die noch nicht mit Mobbing oder Ausgrenzung in Berührung gekommen sind.

Meine Tochter wurde in der fünften und sechsten Klasse von einigen Jungs beleidigt und aufgezogen. Sie war immer schon sehr sensibel und bot eine entsprechende Angriffsfläche, da man ihr die Kränkung sofort anmerkte. „Du musst dich wehren!“, sagte ich. „Wenn man nicht aufhört, dich zu beleidigen, musst du zurückschießen.“ „Aber ich kann die doch nicht einfach zurückbeleidigen. Dann bin ich ja selber gemein.“ Natürlich hatte sie recht, aber was macht man da, bitte? Ständig die Eltern der Jungen anrufen und sie darum bitten, ihren Kindern soziales Benehmen beizubringen, nur damit die es als Kinderei abtun und die Tochter in der Schule erst recht ihr Fett abkriegt? Als es mir zu weit ging, habe ich dennoch zum Hörer gegriffen, Eltern und Lehrer informiert. Generell ging es mir gar nicht darum, den einen Jungen, der meine Tochter zufällig gerade auf dem Kieker hatte, zur Rechenschaft zu ziehen. Ich wusste, nächste Woche würde es wahrscheinlich ein anderes Mädchen oder einen anderen Jungen treffen. Manchmal reicht es schon, mit den falschen Ohren auf die Welt gekommen zu sein, ein uncooles Hobby auszuüben oder kein Netflix-Abo zu besitzen, um ausgegrenzt zu werden.

Darüber sollte in den Schulen geredet und diskutiert werden. Wer nicht begreift, wie dem anderen zumute ist, kann auch kein Mitgefühl entwickeln. Aber tiefgründige und vor allen Dingen regelmäßig stattfindende Gespräche sind in den Lehrplänen nicht vorgesehen. Ab und zu gibt es vielleicht mal eine Klassenstunde, aber die reicht gerade mal dazu, alle Entschuldigungen einzusammeln und zu besprechen, wer den Tafeldienst übernimmt. Genauso wenig können eine zweijährlich stattfindende Klassenfahrt und ein seltenes Anti-Mobbing-Training aus dreißig sehr unterschiedlichen Schülern eine perfekte harmonische Einheit formen. Auch wenn das wenigstens ein Anfang ist.

Wenn eine Studie alle laut aufschreien lässt und fragt, ob gerade die „Generation Rücksichtslos“ heranwächst, dann ist es an der Zeit gegenzusteuern: Ist es nicht wichtiger, mit Kindern über die vielen verschiedenen Religionen und ihre unterschiedlichen Auslegungen und Vorurteile zu reden, statt die jeweiligen Religionen getrennt voneinander zu unterrichten? Ist es nicht wichtiger, nach einem Völkerballspiel in der Turnhalle nachzufragen, warum immer die gleichen Kinder als letzte in die Mannschaft gewählt werden, anstatt nur die sportliche Leistung der Leitwölfe zu honorieren? Ist es nicht wichtig, mit Kindern und Jugendlichen über den Tellerrand zu schauen, sie zum Reden und Zuhören zu animieren? Vielleicht in einem Fach, das unter Umständen unbenotet bleibt, aber fest in den Lehrplan integriert ist. Ein Fach, das sich vielleicht Gemeinschafts- und Sozialerziehung nennen könnte. Würde sich doch gut an der leeren Stelle im Zeugnis machen?!

02. Jul. 2019
von Sonia Heldt
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25. Jun. 2019
von Anna Wronska
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All dies wird eines Tages euch gehören

© Picture AllianceBrauchen Kinder große eigene Zimmer oder lange Urlaube? Diese Entscheidung müssen Eltern für sie treffen.

In meinem nächsten Leben werde ich Notarin. Über 20 dicht bedruckte DIN A4-Seiten Juristendeutsch vorlesen, ohne übermäßiges Engagement bei der Betonung, in einem schicken Büro mit herrlicher Aussicht bei angenehmer Klimatisierung: macht ein Honorar von ein paar tausend Euro. Dies sinniere ich im Stillen, während mein Mann und ich in einem ebensolchen Notarbüro sitzen und unseren Kaufvertrag vorgelesen bekommen, inklusive Paragraphen und Kontonummern. Offenbar muss das so, und es dauert so lange, dass ich zwischendrin das Baby anlegen muss. Wir blicken ansonsten betont seriös drein, unterschreiben brav alle Unterlagen, die man uns reicht und verabschieden uns höflich. Im Aufzug nach unten, endlich unbeobachtet, machen wir ein paar hysterisch-alberne Tanzmoves, und das Baby guckt irritiert. Es kann ja nicht wissen: Gerade sind wir Eigentümer einer Wohnung geworden. Wir sind sehr reich und sehr pleite.

„Dich zu heiraten und mit dir Kinder zu kriegen, hat sich irgendwie weniger bedeutsam angefühlt“, sage ich später zu meinem Mann, und diesmal ist er es, der irritiert guckt. Was ich meine: Die anderen großen Entscheidungen unseres gemeinsamen Lebens fühlten sich nicht so beängstigend an. Sie kamen, verzeihen Sie das Pathos, von Herzen, da gab es nichts abzuwägen oder zu kalkulieren. Diesmal stehen da horrende Zahlen, schwarz auf weiß, und wir sind endgültig eine Schicksalsgemeinschaft geworden – bis dass der geplatzte Kredit uns scheidet.

Ich weiß, „Betongold“ ist, je nach Region, etwas in Verruf bzw. zumindest aus der Mode geraten, und teilweise durchaus zu Recht. Wir haben es trotzdem getan, weil wir angesichts der obszön steigenden Immobilienpreise dachten: Jetzt oder nie. Und: Wir tun es ja für die Kinder. Und weil wir eben auch Spießer sind, meinetwegen. Nun ist es – zur Enttäuschung meiner Eltern, die es selbst mit viel Schweiß und Tränen zu einem bescheidenen Einfamilienhaus mit Garten und Zaun gebracht haben  –  „nur“ eine Vier-Zimmer-Wohnung mit Balkon geworden, aber das hier ist eben Berlin und nicht die hessische Provinz. Außerdem mäht keiner von uns gern Rasen.

In den acht Wochen von der ersten Besichtigung über das Bangen, dass ein Interessent mit einem großen Geldkoffer uns die Wohnung wegschnappt, während unsere Bank sich noch durch unsere Kontoauszüge pflügt, bis hin zur Unterzeichnung der Kredit- und Notarverträge war zum Nachdenken über das große Ganze nicht viel Zeit – zumal nebenbei ja auch noch der Alltag mit zwei Kids lief. Erst jetzt, da Fakten geschaffen sind und wir auf die Vormerkung als Eigentümer im Grundbuch sowie die ersten Zahlungsaufforderungen warten (und das sind eine Menge), wird mir die Tragweite dieser Entscheidung erst so richtig bewusst.

Das ganze Konstrukt „Wohnungskauf“ steht letztlich auf zwei ziemlich wackeligen Füßen: Gesund bleiben. Und arbeiten. Beides ziemlich lange. Das klingt selbstverständlicher, als es ist, zeigen zahlreiche unschöne Beispiele aus unserem Bekanntenkreis. Andererseits: „Tot umfallen kann man ja auch in einer Mietwohnung“, haben mein Mann und ich uns gesagt. Bis dahin zahlen wir doch lieber Kreditraten als Miete, in der Hoffnung, dass die Wohnung eines Tages wirklich uns gehört und nicht mehr der Bank. Und dennoch werden wir dieser Tage verstärkt aufmerksam, wenn es mal im Rücken zwickt oder das Bein einschläft, und schließen Risikolebensversicherungen ab. Ich weiß: Vom Kreisen um die Endlichkeit des Seins muss man sich lösen, um angesichts eines über Jahrzehnte laufenden Kredits überhaupt noch ruhig schlafen zu können. Ich arbeite daran.

Wenn ich nicht schlafen kann, geht mir einstweilen noch eine andere Sache im Kopf herum. Das Argument zum Immobilienkauf lautet häufig: „Die Kinder sollen einmal was davon haben“, so ähnlich habe ich es selbst auch schon formuliert. Gemeint ist damit natürlich, dass sie, wenn alles gut läuft, die Wohnung als Erben in spe einmal verkaufen können (sofern wir die Wohnung nicht vorher schon verkaufen, was aber letztlich ebenfalls den Kindern zugute käme). So haben sich das auch meine Eltern bei ihrem Hausbau vor über 20 Jahren gedacht. Die Folge aber waren viele Jahre Entbehrungen, sowohl für meine Eltern als auch für meine Geschwister und mich. Urlaub gab es immer nur bei den polnischen Omas, und wenngleich es uns nie an etwas Elementarem fehlte, musste jeder Euro zweimal umgedreht werden. Das Haus abbezahlen, ins Haus investieren, das hatte immer Priorität (und hat es bis heute). Es war ja für die Kinder. Bei meinem Mann lief es anders: Seine Eltern wohnten mit ihm lange Zeit zur Miete, liehen sich aber jeden Sommer ein Wohnmobil aus und gingen mit ihrem Kind auf die Reise. Mein Mann hat in dieser Zeit kein großes eigenes Zimmer gehabt wie ich, dafür eine ganze Menge von der Welt gesehen und Erinnerungen gesammelt, von denen er bis heute zehrt.

Welche davon die glücklichere Kindheit war, vermag ich gar nicht zu sagen, und darum geht es auch nicht. Mein Mann und ich sind uns aber in einer Sache einig: Unsere Kinder sollen nicht irgendwann einmal von den Entscheidungen ihrer Eltern profitieren. Das Leben findet jetzt statt. Wir wollen nicht, dass eine Immobilie das Wichtigste ist, sondern, wie glücklich wir darin zusammen sind. Und wir wollen eben nicht darauf verzichten, mit unseren Söhnen zu reisen, ihnen die Welt zu zeigen, mit ihnen Erinnerungen zu sammeln. Deshalb war das mit dem Wohnungskauf keine leichte Entscheidung. Glücklicherweise sieht es danach aus, als könnte uns aber trotz des Kredits gelingen, uns etwas Unabhängigkeit und Unbeschwertheit zu bewahren, weil unsere finanzielle Ausgangssituation heute besser ist als seinerzeit die meiner Eltern (übrigens nicht zuletzt dank der Entscheidungen, die unsere Eltern für uns getroffen haben). Und weil die Zinsen so obszön niedrig sind (danke, Zentralbanken!).

Und so versuche ich, neben der riesigen Freude über diesen Deal unseres Lebens die Sorgen um die Zukunft nicht allzu groß werden zu lassen. Wenn etwas wirklich Schlimmes passiert, ist die Wohnung und deren Finanzierung ohnehin unser kleinstes Problem. Allerdings steht unserer Ehe, Kinder und Kreditverträge hin oder her, die wahre Bewährungsprobe auch erst noch bevor: Wir müssen uns auf Fliesen einigen.

 

25. Jun. 2019
von Anna Wronska
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20. Jun. 2019
von Sonia Heldt
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Wenn Teenager deinen Dresscode bestimmen

© Picture AllianceTeenager-Töchter geben ihrer Mutter im Vorfeld gerne den Dresscode vor, wenn sie sich öffentlich mit ihr auf der Straße zeigen. Das dürfte bei Reese Witherspoon und ihrer Tochter Ava kaum anders sein.

Seitdem meine älteste Tochter Lara (15) in der Pubertät steckt, achtet sie sehr aufs Äußere. Besonders auf meines!

„Kannst du heute beim Elternsprechtag nicht deine Kontaktlinsen anziehen statt der Brille?“, fragt sie.  Sie mustert mich kritisch von oben bis unten. „Lässt du das T-Shirt an oder ziehst du dich noch um?“  Ich schaue prüfend in den Spiegel. Jeans und ein Shirt mit Blumenmuster. Alles tadellos. Gebügelt und sogar ausnahmsweise fleckenfrei. Und meine Brille verleiht mir doch diesen seriösen Touch, den ich dringend brauche, wenn ich gleich mit ihrer Mathelehrerin diskutieren will. „Warum? Was hast du an meinem Oberteil auszusetzen?“ Sie zuckt die Achseln. „Ach, egal“, sagt sie. Ich hasse diesen Ausspruch. „Ach, egal“ heißt übersetzt alles andere als „egal“. Es heißt: „Du kapierst es eh nicht“; „Du bist blöd“ oder „Ist einfach scheiße“.

„Und deine Haare…“ „Was ist mit meinen Haaren?“, frage ich und bekomme jetzt wirklich schlechte Laune. Ich habe mir doch beim Föhnen besonders viel Mühe gegeben! Sie seufzt. „Warum hast du die Haare beim Friseur wieder so kurz schneiden lassen?“ „Weil man mit über vierzig nicht mehr über die Haarstruktur einer Zwanzigjährigen verfügt. Als ich so alt war wie du, waren meine Haare auch lang und füllig.“ Warum rechtfertige ich mich eigentlich?

Elternsprechtag. Dieser Tag bedeutet für meine Teenagertochter emotionaler Stress. Da betrete ich ihr Terrain. Ein Terrain, von dem sie mich am liebsten fernhalten würde. Ich könnte nicht nur, ich werde definitiv ihren Lehrern begegnen. Ihren Freunden und Mitschülern. Den Eltern der Mitschüler. Ich werde sie hundertprozentig blamieren. Weil ich unmöglich angezogen bin. Weil ich den Mund aufmache und rede. Weil ich schlicht und ergreifend anwesend bin. Was glaubt sie denn? Dass man im Lehrerzimmer über mich lästert? „Die Mutter von Lara kann man mit ihrer Brille nicht wirklich ernst nehmen. Wenn sie wenigstens Kontaktlinsen tragen würde…“ Dass ihre Mitschüler über mich herziehen? „Ey, Alter, hast du gesehen, was für ein derbe hässliches Blümchenteil die Mutter von Lara anhatte?“ Dass die Eltern ihrer Klassenkameraden über meine Haare herziehen? „Diese Frau sollte dringend ihre Frisur überdenken.“

Ja, irgendwie so etwas scheint im Kopf meiner Tochter vorzugehen. Natürlich macht mich das manchmal traurig. Ich habe mich nie für sie geschämt, egal wie sie aussah oder wie sich angezogen hat. Solange es den Jahreszeiten entsprach, habe ich ihr schon als Kleinkind die Kleiderauswahl überlassen. Im Alter von vier Jahren verließ sie grundsätzlich nur mit Feenflügeln das Haus. Mit etwa acht war es ein riesiger Cowboyhut, den sie einfach nicht absetzen wollte. Und auch heute, wenn sie meint, sich bei fünf Grad in einer Jeansjacke aufs Fahrrad setzen zu müssen, verkneife ich mir einen Kommentar, warte einfach ein paar Tage bis sie wieder einmal rumhustet und erst dann entschlüpft es mir vorwurfsvoll: „Du musstest ja auch unbedingt in der dünnen Jacke zur Schule fahren.“ Danach laufe ich trotzdem in die Küche, um ihr eine frische Hühnersuppe und einen Erkältungstee zu kochen.

Und nun will ausgerechnet sie mir Vorschriften machen und den Dresscode vorgeben?! Vor ein paar Tagen waren wir zu einer Familienfeier eingeladen. Ich zog eine dunkelblaue Hose und ein maritimes blau-weiß gestreiftes Oberteil an. Da sie ebenfalls zufällig ein Top mit Streifen trug, befahl sie eiskalt: „Zieh das aus. Sonst rennen wir ja im Partnerlook rum. Das geht nicht.“ Ich gehorchte, um einem Drama aus dem Weg zu gehen.

Um sie nun ein bisschen zu ärgern, tausche ich mein Blumenshirt gegen mein rosafarbenes Disney T-Shirt mit der Aristocats-Marie und der Aufschrift „I’m a lady“. Sie wird ganz rot vor Wut. „Wehe, du gehst so in die Schule. Mann, willst du mich total lächerlich machen?“ Okay, das ist jetzt schon etwas gemein. Wo ich doch weiß, dass sie noch vom letzten Nordseeurlaub traumatisiert ist! Ich hatte mir eine neue Regenjacke in rosa gekauft. Gelb steht mir einfach nicht und da es die Jacke auch in einem wunderschönen Rosaton gab, lief ich an der Nordsee wie ein rosa Schweinchen rum. Leider hatten mein Mann und ich uns vorher nicht abgesprochen. Woher sollte ich wissen, dass er sich eine neue regendichte Windjacke gekauft hatte? In einem leuchtendem Orange! „Ihr seid so oberpeinlich“, tobte sie den halben Urlaub. „Jetzt muss ich hier mit Barbamama und einer Rettungsboje durch die Gegend ziehen.“
Ich klärte sie darüber auf, dass die Barbamama eigentlich schwarz ist, was sie aber nicht im Geringsten interessierte. Zugegeben, wenn mein Mann und ich so nebeneinanderstanden, hat sich das farblich schon sehr gebissen. Aber im Grunde war es sowieso egal, in welchen Jacken wir rumliefen. Wir hätten schon unsichtbar sein müssen, damit sie sich nicht von uns provoziert fühlte. Nur war der Tarnumhang von Harry Potter leider ausverkauft.

An manchen Tagen reicht es schon, ordentlich angezogen neben ihr im Auto zu sitzen, um bei ihr anzuecken. „Achtung“, schrie sie letztens, als ich sie ausnahmsweise mit dem Auto von der Schule abholte. Ich fuhr erschrocken zusammen und legte fast eine Vollbremsung hin. „Was ist?“, frage ich mit klopfendem Herzen. „Da sind Jungs aus meiner Klasse auf dem Fahrrad. Guck jetzt ganz normal! Ganz normal!“ Ich fragte mich, wie ich denn unnormal gucke. Schiele ich? Habe ich einen Silberblick oder etwas Dümmliches im Blick? Ganz ehrlich, ich kann damit leben, wenn es so ist und ich es bisher nie gemerkt habe. Aber als einzige Erklärung, wie nach ihrer Definition Normalgucken denn genau aussähen würde, kam nur genervt: „Ach, egal. Normal eben.“ Ich hätte das wirklich gerne ausdiskutiert, um künftig einen für sie akzeptablen Gesichtsausdruck vor dem Spiegel zu üben. Da ich ihr Verständnis von „normal“ bisher noch nicht durchschauen konnte, hole ich sie nun gar nicht mehr von der Schule ab. Auch nicht bei Platzregen. Denn bei Regen werde ich in meiner Jacke zur Barbamama. Und das geht natürlich nicht!

Mir ist natürlich klar, dass Äußerlichkeiten bei Teenagern unweigerlich ab einer bestimmten Phase einen riesigen Stellenwert einnehmen. Wer bin ich und wie wirke ich auf andere? Wie komme ich am vorteilhaftesten rüber? Wir Eltern sitzen zwangsläufig mit in ihrem Boot der Eitelkeiten. Wir repräsentieren den Stall, aus dem der Jugendliche kommt. Verhalten wir uns in ihren Augen peinlich oder sehen peinlich aus, fällt das zwangsläufig auf sie zurück. Zumindest denken sie das. Als ich in Laras Alter war, lief ich auch nur mit großem Sicherheitsabstand hinter meiner Mutter her, wenn sie ihre – meiner Meinung nach – superhässliche und peinliche Wollmütze im Winter trug.

Und daher verzichte ich heute zwar nicht auf meine Brille, ziehe aber selbstverständlich das rosa Disneyshirt wieder aus und hole eine Bluse aus dem Schrank. Eine weiße! Als Zeichen für Frieden, Kompromiss und Verständnis.

20. Jun. 2019
von Sonia Heldt
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13. Jun. 2019
von Janosch Niebuhr
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Die Wahrheit über Kinderaufführungen

© Picture AllianceEs sollte nicht perfekt sein: junge Balletttänzerinnen bei der Generalprobe

Vor den Sommerferien (und vor Weihnachten) häufen sich in unserem Familienkalender immer die Aufführungs-, Auftritt- und Konzert-Eintragungen. Es ist fast so, als ob sich alle Chorleiter, Sportvereinsfunktionäre, Cello- und Klassenlehrer verschworen hätten, die Termine für die Auftritte unserer Kinder in einen möglichst engen und immer ähnlichen Zeitkorridor zu legen. Aber ich will mich nicht beschweren, denn ich sitze bei solchen Events ja nur stolz und aufgedreht auf irgendeinem Hallensitzmöbel, fuchtel mit der Handykamera herum und lächle anderen Eltern zu, deren Namen mir partout nicht einfallen wollen. Die eigentliche Arbeit mit diesen Veranstaltungen haben andere. Warum sollte ich mich also beklagen, wenn sich ein-, zweimal im Jahr die Kindertermine ballen?

Die viel wichtigere Frage ist doch: Warum findet das alles statt? Wem nützt das? Vor allem: Wer hat Spaß daran? Meine Beobachtungen nach inzwischen fast zwei Dutzend Kinderaufführungen lassen sich wie folgt zusammenfassen:
1. Die von den aufführenden Kindern empfundene Freude scheint in der Regel negativ mit ihrem Alter korreliert zu sein. (Unsere Jüngste, 5, ist immer begeistert, wenn sie etwas aufführen darf. Unsere Älteste, 12, schaut kurz vom Handy auf und verdreht die Augen, wenn sie eine entsprechende Anfrage erreicht.)
2. Eltern ist es egal, was die Kinder auf- oder vorführen, Hauptsache, das eigene Kind ist später auf dem Handyfilmchen/-foto gut zu erkennen, und die Veranstaltungs-Logistik gestaltet sich nicht zu kompliziert.
3. Wenn sich Lehrer und andere beteiligte Erwachsene bei den aufführenden Kindern für das tolle Engagement, für Geduld und Ausdauer bedanken, danken sie vor allem sich selbst für das eigene Engagement, für die eigene Geduld und Ausdauer. (Und sie tun recht daran!)

Das klingt jetzt danach, als ob ich Kinderaufführungen in Schule oder Verein, Chor oder Kita geringschätze – das Gegenteil ist der Fall. Ich würde auf keine verzichten wollen. Es ist ein großes Vorrecht, mitzuerleben, wie die eigenen Kinder sich auf ihre großen und kleinen Auftritte vorbereiten, etwas vom Lampenfieber mitzukriegen, die Anspannung, die sich danach in Freude verwandelt. Auch mitzuleiden, wenn mal etwas daneben geht. Überhaupt Anteil zu nehmen an den Musikstücken, die sie wochenlang geübt haben, den Theaterszenen oder Turn-Küren oder Tanz-Choreographien. Im besten Fall sind solche Aufführungen beglückende Erfahrungen für Kinder und Eltern (und auch für die verantwortlichen Lehrer und Trainer).

Es gibt da nur einen Haken: Am beglückendsten sind solche Events dann, wenn Kinder spielen und nicht vorspielen, singen und nicht vorsingen, tanzen und nicht vortanzen, machen und nicht vormachen. Wenn sie selbstvergessen sind und authentisch in ihrem Spiel. Je jünger die Kinder, desto eher gelingt das. Irgendwann lernen Kinder dann aber, Erwartungen zu erfüllen. Zum Beispiel „fehlerfrei“ zu spielen. Ein Instrument zum Beispiel. Oder eine Rolle oder eine Szene. Dabei ist das so ein Quatsch: „Fehlerfrei spielen!“ Wie soll das denn gehen? (Und so geht sie dann plötzlich verloren, die Spielfreude, wenn man nicht aufpasst. Und das Spielen, Singen, Tanzen bekommt eine Vorsilbe.) Weiterlesen →

13. Jun. 2019
von Janosch Niebuhr
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11. Jun. 2019
von Martin Benninghoff
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„Und… was hast du so auf die Kette bekommen?“

© Andreas Pein 20 Jahre später ist die schulische Vergangenheit in mildes Licht getaucht. Bis auf die Modesünden.

Mensch, was hatten wir das geschickt eingefädelt! Wir hatten unsere Partner mitgebracht zum 20-Jahre-Abiturtreffen, damit sie sich um die mitgebrachten Kinder kümmern können. Schließlich nutzen die beste Hüpfburg und der attraktivste Minigolfplatz nichts, wenn die Kinder die ganze Zeit beaufsichtigt werden müssen. Unsere Partner hatten wohl auch nichts dagegen, waren sie doch froh, bei diesem nostalgischen Event voller unbekannter Gesichter in die Kinderbespaßung abtauchen zu können.

In meinem Falle hatte dieser geniale Plan einen betrüblichen Haken: Meine Frau war ebenfalls Schülerin an dieser Schule, ebenso Abiturientin dieses Jahrgangs, sogar in derselben Klasse. Wer also, verdammt nochmal, war der Anhang an diesem Abend? Sie, ich, keiner – oder wir alle? Wir schoben uns den kleinen Elias wechselseitig zu. Der jedenfalls ließ sich nichts anmerken, rutschte mit der Tochter einer Freundin die Minigolfanlage herunter, stibitzte die Erdbeeren vom Buffet und schien ansonsten recht zufrieden, wenn auch am späteren Abend heillos überdreht.

Dass sich das Klassentreffen derart entspannt entwickeln würde, war nicht unbedingt zu erwarten. Solche Veranstaltungen sind ja durchaus berüchtigt, weil die schulische Zwangsgemeinschaft von anno dazumal unter gegenwärtigen Bedingungen freiwilligen Zusammenseins nicht automatisch funktioniert. Am Ende der Schullaufbahn stand die Freiheit, da wollte man nur noch partiell mit den früheren Zellengenossen zu tun haben. Zumal 20 Jahre kein Pappenstiel sind: Mein Abitur 1999 war sozusagen kurz nach der Kreidezeit und kurz vor 9/11, und seitdem ist ja bekanntlich alles anders als zuvor. Immerhin bin ich nun doppelt so alt wie damals, und das hat wieder etwas Tröstliches: Die anderen nämlich auch.

Abitreffen können Stress auslösen. Die Angst, die ehemals guten Kumpels nicht mehr zu erkennen, weil der Bauch gewachsen und die Kopfbehaarung geschrumpft ist (natürlich nur bei den anderen), dazu die Panik, die Namen nicht mehr auf die Kette zu bekommen. Eine herumgereichte Abizeitung diente immerhin grob der Orientierung, aber schnell war klar: kein Grund zu fortgeschrittener Unruhe. Die meisten waren in Würde gealtert und sich selbst zumindest in den Grundzügen noch ähnlich.

Aber offenbar legen wir bei derlei Treffen besonders strenge Kriterien an: Vielleicht auch deshalb, weil wir uns dabei selbst die Blaupause unterschieben und einen solchen Abend als Vergleichsmarathon empfinden. Schließlich starteten die ehemaligen Schulfreunde am gleichen Punkt und mit dem gleichen Guthaben – dem Abitur – ins Berufsleben. Jetzt allerdings konnte man erstmals sehen, was daraus geworden ist. Man begegnet also dem eigenen Teenager-Ich vor den Vergleichsmaßstäben der Gleichaltrigen. Das mag nicht jedem gefallen.

Wer nun aber die große An- und Aufrechnung erwartete oder fürchtete – mein Haus, mein Auto, mein Boot –, konnte sich entspannt zurücklehnen. In meiner Wahrnehmung waren die meisten noch immer die gleichen Typen wie in Zeiten, als wir alle nur halb so alt waren. Die Nerd-Fraktion hat irgendwas mit Physik und Informatik studiert, die anderen Typen was mit Menschen und Kultur, die Sicherheitsfanatiker sind im Öffentlichen Dienst gelandet oder in Großunternehmen, die nur Konkurs gehen, wenn der Dritte Weltkrieg ausbricht. Mancher Ruhige kommt mittlerweile ins Reden, aber im Grunde ist der Narzisst ein Narzisst geblieben, und die Schüchterne verkriecht sich immer noch. Erstaunlich und unerwartet, dass die großartigen Jobs und goldenen Karrieren bei schönem Wetter, kurzen Hosen und Flaschenbier allenfalls am Rande thematisiert wurden. Sollte jemand mit dem 100.00-Euro-SUV angereist sein, so hat er oder sie ihn auf einem entfernten Parkplatz abgestellt.

Das passt in unsere Zeit, in der die klassischen Statussymbole an Bedeutung verlieren. Weder der SUV noch die goldene Armbanduhr sorgen (zumindest in unseren Kreisen) für soziale Anerkennung, wohl eher Themen wie Bildung, Gesundheit, Weltgewandtheit und guter Stil. Letztlich hätte man sich eben Robert Habeck und Annalena Baerbock bestens zwischen all den leicht gealterten Abiturienten vorstellen können, flott, aber grau meliert, die Wahlergebnisse der Grünen sind eben nicht ausschließlich der Partei-Programmatik geschuldet, sondern zugleich der Anschlussfähigkeit in einem Milieu, das sich in Sozialisation und Weltanschauung ähnlich sieht. Dazu gehört auch, Karriere und Kinder unter einen Hut zu bringen, wie bei Habeck und Baerbock, ohne deshalb in eine Mörder-McKinsey-Boston-Consulting-Karrieristenkarikatur abzudriften. Man muss nicht die Grünen wählen, um dieses Gefühl einer Generation zu verspüren, das diese Partei derzeit besser als andere Parteien personifiziert.

Das sichtbarste Zeichen dieser Lebensleistung abseits vom dicken Konto oder luxuriösem Auto, das Statussymbol der Post-SUV-Ära schlechthin, waren an diesem Abend die Kinder, die zwischen all den Beinen herumsprangen.  Im Gegensatz zu unsichtbaren Doktortiteln oder vergangenen Auslandsjahren waren sie die sichtbarste Errungenschaft der letzten 20 Jahre. Die meisten hatten ein Kind oder mehrere dabei, eine Schulfreundin war schwanger aufgetaucht. Einige andere aber waren bisher kinderlos geblieben, am Kriterium Kind trennten sich am deutlichsten die Lebenswege. Und doch, obwohl Kinder anwesend und sehr präsent waren, standen sie als Thema nicht mehr so im Mittelpunkt wie dies mutmaßlich Jahre zuvor gewesen wäre. Mit Ende 30 war dieser Abend nicht mehr so überfrachtet mit dem Kinderthema wie so manche Party mit Anfang 30. Für die ungewollt Kinderlosen, die sich mit Anfang 30 der Frage „Und wollt ihr eigentlich Kinder?“ unter Dauerfeuer erwehren müssen, dürfte das eine positive Erkenntnis gewesen sein.

Vielleicht ist es deshalb nicht das Schlechteste, bis zum Abitreffen 20 Jahre zu warten – bis man in manchen Dingen aus dem Gröbsten heraus ist. Dann kann man die Kinder guten Gewissens der Partnerin übergeben und an die Hüpfburg outsourcen (sofern man eine Frau geheiratet hat, die nicht in derselben Stufe war, was die Mehrheit beherzigt haben dürfte) und sich selbst befreiter den wirklich wichtigen Themen widmen, wie zum Beispiel den verschollen geglaubten Abiband-Mitschnitten. Die waren besser als befürchtet. Wie der ganze Abend. Insofern dürfen die Intervalle bis zum nächsten Treffen ruhig kürzer werden.

11. Jun. 2019
von Martin Benninghoff
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04. Jun. 2019
von Chiara Schmucker
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Urlaub im Camper: Zwischen Kuscheln und Klaustrophobie

© Picture AllianceMan muss einander schon sehr mögen: Mit Baby im Wohnmobil wird es erstaunlich schnell eng.

Mist, Schlüssel vergessen, wieder einmal. Leise fluchend stehe ich im Nieselregen vor der verschlossenen Damentoilette auf dem Campingplatz, viereinhalb Minuten von unserem Camper entfernt, an den nackten Zehen klebt Gras. Es pressiert – doch mir bleibt nichts anderes übrig, als den Rückweg anzutreten. Wie oft wird mir das eigentlich noch passieren? Fast drei Wochen tingeln wir schon von Campingplatz zu Campingplatz, einmal schön die australische Ostküste hoch, und immer noch fremdle ich mit dem ständigen An-alles-Denken, selbst wenn es nur für einen Boxenstopp ist. Ich stand schon ohne Handtuch in der Dusche (das habe ich natürlich erst gemerkt, als ich schon eingeseift war), ohne Spülmittel vor den Waschbecken in der Campküche (das habe ich gleich gemerkt), ohne Sonnencreme am Pool (das habe ich am Abend gemerkt, als die Haut brannte). Mir wird bewusst, dass man fürs Campen vor allem eins sein muss: organisiert. Oder improvisationsfreudig – aber das ist mit Baby doch deutlich schwieriger als ohne. Ich muss mir eingestehen, dass ich im Urlaub eher zur Sorte der Gelegenheitsdenker gehöre. Kopf aus, Erholung an.

Drei Menschen, einer davon sehr klein, aber sehr raumgreifend, haben etwas gewagt, das gefühlt eine von zehn Elternzeitfamilien vor ihnen auch unternommen hat: In Australien einen Campervan gemietet und ab an die Küste. 1700 Kilometer lagen vor uns, als wir vor drei Wochen mit unserem Schiff, wie wir den Camper bald liebevoll nennen, weil er beim Fahren so schaukelt, gestartet sind. Es ist „Familie tight“, 21 Tage auf 17 Quadratmetern, 7,20 Meter Länge, 2,38 Meter Breite. Bis zum Ende der Reise wird unser Krabbelbaby jeden Zentimeter erkundet haben, einschließlich der Ritzen und Kanten, der drei Treppenstufen, der kaputten Fingerklemmschublade und der Klippklapp-Kühlschranktür. Wir Eltern sammeln derweil nicht nur kräftig Meilen, sondern auch Schritte.

„Wer’s net im Kopf hat, hat’s halt in de Füß“, sagte meine sehr schwäbische Großmutter gerne. Positiv formuliert: Vergesslichkeit zahlt ein auf das Schrittekonto. Ich glaube nicht, dass meine Großmutter jemals campen gefahren wäre, sie liebte gebügelte Seidenblusen und helle Schuhe – beides ist auf Campingplätzen sehr gefährdet. Aber nie schien mir ihr Satz passender als auf unserer großen Elternzeitreise quer durch Down Under, zehn Wochen von Süden nach Norden.

Hätte jemand ein Bewegungsprofil von uns beim Campen erstellt, er hätte am Abend ein buntes Wirrwarr vor sich. Einer schlurft morgens mit Baby in der Trage durch die schlafende Anlage, damit wenigstens der andere im Camper noch ein Stündchen schlafen kann, zurück zum Camper, Kaffeepulver holen, in die Campküche, zum Camper zum Frühstücken, zum Spülen in die Campküche, zum Camper, um Duschzeug zu holen, zum Duschen, zum Pool, wieder zum Camper, weil wir Babys Gießkännchen vergessen haben, zum Eisstand, wieder zum Camper, weil da das Geld liegt, wieder zum Pool, weil es doch im Rucksack ist, also zum zweiten Mal zum Eisstand, zur Toilette, zum Pool, zum Camper, um den Sonnenschirm zu holen, weil die Sonne jetzt doch rausgekommen ist, und so geht es bei uns den lieben langen Tag. Abends haben wir die 10.000 Schritte locker voll.

Als wir unsere Campingreise buchten, hatten wir uns an verlassenen Stränden übernachten sehen, im Wald und auf kängurubevölkerten Wiesen. Doch wild zu campen ist in Australien verboten und außerdem braucht unser Schiff spätestens alle zwei Tage die Annehmlichkeiten der Zivilisation: Strom, Wasser, Abwasserrinnen. Also koppeln wir an, schließen Wasser und Strom an, bauen die Campingstühle auf, um sie wenige Stunden später wieder zusammenzuklappen, rollen die Markise aus und hängen unsere Badesachen zum Trocknen darunter auf. Am Morgen das ganze Spiel wieder rückwärts.

Entschädigt werden wir mit dem schönsten Sternenhimmel, den ich je gesehen habe – sogar die Milchstraße ist mit bloßem Auge zu erkennen, fernab aller Lichter der Städte. Wir schlafen zwar nicht direkt am Meer, aber mit dem Rauschen des Meers im Ohr. Mit dem Blick in den Regenwald. Und ganz am Ende finden wir ihn dann doch noch, den wilden Campingplatz im Nationalpark, umgeben nur von Nachtgeräuschen der Waldbewohner und dem Prasseln des Regens auf unserem Dach. Statt zu duschen, springen wir morgens in den Fluss.

Unser Sohn findet es super. Er ist gerade in der Phase, wo „Auf“ und „Zu“ das absolute Lieblingsspiel sind. Und davon gibt es im Camper viele Level: Schubladen, Schranktüren, Toilettendeckel, Mückenschutztür, Vorhänge. Vom Bett aus kann er sich an die Küchenzeile stellen wie ein Kapitän auf seiner Brücke und testen, wie schnell seine Eltern Geschirr, Handys und wichtige Reiseunterlagen vor seinen Tentakeln in Sicherheit bringen.

Max profitiert auch davon, wie sehr die Campingplätze auf Familien ausgerichtet sind, und dass es jeden Tag Neues zu entdecken gibt. Er lernt Klettern auf den gigantischen Spielplätzen, die die Campingplätze für ihre jüngsten Gäste bereithalten. Er rutscht seine erste Wasserrutsche hinunter, beziehungsweise die letzten eineinhalb Meter einer großen Rutsche, und patscht ganz in sich versunken stundenlang im wenige Zentimeter hohen Wasser der Wasserspielparks. Er lernt das Treppensteigen in den Camper – Schnappatmung bei Mama – , das Klettern auf den Campingtisch, den Geschmack von Erde, Sand und zurückgelassenen Muscheln auf den Grünstreifen rund um unseren Stellplatz. Er lauscht den Vögeln und den rauschenden Bäumen, folgt mit den Fingern den Regenbächen an den Camperfenstern und schmust furchtlos mit den Nachbarshunden.

Er nutzt die Weite der Campingplätze und die Unmittelbarkeit dieser Art zu Reisen und ist daher für uns der ideale Reisebuddy. Er krabbelt kurz mal zu den Nachbarn hinüber und schon kommen wir ins Gespräch. Weint er beim Einschlafen, werde ich am nächsten Morgen angesprochen, ob es ihm wieder besser geht. Morgens um halb sieben tausche ich mich mit anderen Eltern auf dem Spielplatz über die besten Reiseziele der Umgebung aus und bin schon vor dem Frühstück top informiert.

Schon nach wenigen Stunden sind wir als „die mit dem Baby“ auf dem ganzen Platz bekannt. Wir lernen so viele Menschen wie noch nie in so kurzer Zeit kennen und treffen Familien, die mit Kleinkindern im Camper Tausende Kilometer hinter sich haben und dabei sind, Australien von West nach Ost zu durchqueren. Nicht wenige Gefährte sehen aus als seien sie direkt den Mad-Max-Filmen entsprungen, mit riesigen Cross-Country-Reifen, unzähligen An-, Auf- und Vorbauten, ausziehbaren Grillflächen und natürlich Angelhaltern an den Känguru-Fängern – MacGyver auf Reisen. Wir bekommen tiefe Einblicke in die australische Seele.

Manchmal kann so viel Nähe aber auch beklemmend sein. Ich muss nicht unbedingt gesehen haben, wie meine Nachbarn nachtverzauselt mit Kosmetikbeutel unterm Arm morgens in Richtung Waschräume schlurfen. Oder vor dem Schlafengehen noch mal zum Pipimachen. Ich schäme mich, wenn die Nachbarn mitbekommen, dass Max müde ist, aber nicht schlafen will, sich dann irgendwo anstößt und laut zu weinen anfängt. „Meine Frau liebt es, Ihnen dabei zuzusehen, wie Sie mit ihrem Kleinen draußen spielen“, sagt ein Nachbar, als ich ihn um Rat frage, wie unser Wasserschlauch auf den zu großen Hahn zu montieren ist. Heißt das zwischen den Zeilen, dass wir zu laut sind? Ich hoffe, dass wir den Nachbarn nicht als Chaoten in Erinnerung bleiben, bei denen abends noch das ganze Spielzeug auf dem Vorplatz liegt – denn anders als bei unseren Nachbarn, die Grills, Fernseher, Wäscheständer oder sogar ihre eigene Waschmaschine an Bord haben und alles in einem perfekt aufgeräumten Vorzelt auf Klapptischen beherbergen, herrscht bei uns zugegebenermaßen oft großes Durcheinander. Ich hoffe auch, dass wir in der Erinnerung nicht die sind, die über Nacht die Wäsche haben draußen hängen lassen, wo sie natürlich vollgeregnet wurde, oder die schon um fünf Uhr früh die Anlage durchstreunen, auf der Suche nach einem geschützten Ort zum Spielen mit einem Frühaufsteher-Baby. Oder die mit Babyfon neben dem Barbecue sitzen, um loszusprinten, sobald das erste Geräusch zu hören ist, damit das Kletterbaby nicht aus seinem improvisierten Kinderbettchen fällt.

Eigentlich spielt es keine Rolle, was die Nachbarn über uns denken, denn am nächsten Tag geht für uns alle ja die Reise schon wieder weiter. Wir reisen jetzt mit Baby, da gelten andere Maßstäbe, da muss nicht immer alles picobello sein. Und wirklich hämisch betrachten die Australier schließlich nicht unperfekte Familien wie uns, sondern unsere Nachbarn, die sogenannten „Grey Nomads“, die perfekt ausgerüstet vor den kalten Sommermonaten im Süden in den tropischen Norden fliehen, sich auf den Campingplätzen häuslich einrichten und mit der aufgehenden Sonne zum nächsten Ort aufbrechen. Die ihre Wäsche nicht vergessen und deren Vorplatz immer besenrein ist. Über sie wird gelacht und in den Souvenirshops der Touristenorte gibt es Schilder zu kaufen. „Grey Nomads – Adventure before Dementia“. Vielleicht sollte ich mir eins übers Bett hängen.

04. Jun. 2019
von Chiara Schmucker
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30. Mai. 2019
von Anna Wronska
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Der Anfang vom Loslassen

© Picture AllianceKlar sollen unsere Kinder selbständig werden. Aber doch noch nicht jetzt!

Unser großer Sohn Ben (4) ist auf Kita-Reise, eine Stunde Zugfahrt von uns entfernt. Mein Mann und ich haben ihn vor zweieinhalb Tagen in der Bahnhofshalle verabschiedet. Er und 15 andere Kinder stapften hinter den drei Erzieherinnen her die Treppe zum Gleis hinunter, einer nach dem anderen, wie an einer Kette aufgefädelt, mit jeweils einer Hand am Geländer und einem kleinen Rucksack auf dem Rücken. Von oben winkten wir Eltern, von unten die Kinder. Ben schaute ernst, aber er weinte nicht. Kurz darauf war die Reisegruppe aus unserem Blickfeld verschwunden. „Und jetzt: Bier!“, rief ich den Eltern zu, die in meiner Nähe standen, und fand mich selbst nur mäßig witzig.

Seit der Nachricht, dass die Reisegruppe gut an ihrem Zielort angekommen ist, gilt: Wir bekommen nur Bescheid, falls etwas nicht stimmt. Also ist offenbar alles in Ordnung. Außer hier bei uns. Warum nochmal müssen Kinder im Alter von vier Jahren schon drei Übernachtungen auswärts absolvieren? Ach ja, damit sie an der neuen Herausforderung wachsen und so. Frühzeitig lernen, sich abzunabeln, auch allein klarzukommen und so. Also die Kinder. Oder etwa (auch) die Eltern? „Für euch Eltern ist das viel schlimmer, die Kinder selbst finden es toll“, hatten uns die Erzieher im Vorfeld gesagt. Sie machen diese Kita-Reisen schon seit langem, jedes Jahr. Noch nie habe eines der Kinder frühzeitig abgeholt werden müssen, beteuerten sie. Lange vor der Fahrt malten die Kinder Bilder mit Sachen aus, die mit in den Koffer sollten: Kuscheltier, Taschenlampe, Gummistiefel… Sie erfuhren, welche Tiere sie in ihrer Ferienanlage erwarten würden. Sogar ein Esel war dabei, erzählte Ben uns aufgeregt. Ihn nicht mitfahren zu lassen, war keine Option. „Damit würdet ihr ihm das Gefühl geben, es ihm nicht zuzutrauen“, sagte unsere Kontakterzieherin. Also schrieben wir, wie alle Eltern, heimlich eine Postkarte an unser Reisekind, die ihm am zweiten Tag vorgelesen werden sollte. Dass wir gespannt sind auf seine Berichte, dass zu Hause alles prima ist. Bloß kein rührseliges „Mama und Papa vermissen dich“, um den Kindern kein schlechtes Gewissen zu machen.

Am Tag der Abreise sind wir noch frohen Mutes und fast überrascht, wie gut der Abschied klappt, ganz ohne Drama. Nur zwei Kinder klammern sich kurz an ihren Eltern fest, gehen dann aber auch tapfer mit der Reisegruppe mit. Mein Mann und ich steuern mit anderen Eltern ein Café an und plaudern lange bei Kaffee und Kuchen, ohne wilde, ungeduldige Vierjährige um uns herum. Auch mal ganz schön. Zu Hause wird es dann erstmals komisch. Ich sammele in Bens Zimmer lustlos ein paar Legosteine auf, dann mache ich die Tür zu, weil das Chaos ohne das dazugehörige Kind so traurig aussieht und es aufgeräumt sogar noch schlimmer wäre. Der Tischspruch beim Abendessen fällt aus, Bens Platz bleibt leer und sauber. Auf dem Tisch steht noch ein Schnapsglas mit Kleeblättern, die er für uns gesammelt hat. Zum Glück brabbelt und matscht das Baby (acht Monate) ungerührt vor sich hin.

Die Prozedur vor dem Schlafengehen fällt kürzer aus als sonst, kein Gehopse auf dem Bett und kein Streit ums Zähneputzen, keine mühsamen Verhandlungen um die Frage, wie viele Gutenachtgeschichten es gibt. Nachts haut uns niemand seine Füße ins Gesicht. Auch der nächste Tag startet entspannter, ohne kleinen Morgenmuffel und ohne Kita-Aufbruchshektik. Abends gibt es Essen, das Ben nicht mag – Datteln im Speckmantel und viel grünen Salat. Mein Mann klagt über Ärger im Job, wir lästern und sagen mehrfach laut und genüsslich „Scheiße“, einfach, weil wir es können. „Du hörst weg, Lukas“, sagt mein Mann grinsend zum Baby.

Wir halten also ganz gut durch. Tagsüber ist es ja auch fast wie immer, nur dass Ben eben nicht in der Kita ist, sondern weiter weg. Doch nach der zweiten Nacht ohne ihn, der Klee sieht schon ganz welk aus, reicht es. Mein großes Baby gehört zu mir. „Okay, jetzt möchte ich bitte langsam mein Kind zurück“, schreibe ich einer anderen Mutter aus unserer Gruppe, ihr geht es genauso. Dabei habe ich gar keine Angst, dass Ben etwas zustößt. Und ich kann auch damit leben, nicht genau zu wissen, was er gerade macht (wenngleich ich die Erzieherinnen dafür verfluche, dass sie nicht wenigstens ein Mal am Tag ein Update geben). Mich quält aber der Gedanke, dass er Heimweh haben und denken könnte, wir hätten ihn im Stich gelassen. Er hat einmal geträumt, wir wären im Bus von ihm weggefahren, davon hat er noch Wochen später mit zitternder Stimme erzählt. Er kann unmöglich begriffen haben, was das wirklich bedeutet, drei Tage ohne uns in einer fremden Umgebung zu sein. Was, wenn er sich nicht traut, zu sagen, dass es ihm nicht gut geht? Was, wenn er es doch sagt, aber zu hören bekommt: „Ach komm, stell dich nicht so an!“? Schließlich ist noch nie ein Kind frühzeitig abgeholt worden …

Ich wollte nie so sein: eine von diesen Müttern, die ihre Kinder nicht loslassen können. Die sie ständig in Gefahr sehen, zumindest im Kopfkino, die sie am liebsten jede Minute beschützen wollen und das Gefühl haben, dass niemand außer ihnen und Papa das wirklich kann. Ich fahre Ben zwar nicht mit dem SUV zur Kita – wir haben gar kein Auto. Aber abgesehen davon bin ich vermutlich das, was ich selbst so furchtbar finde: eine Helikopter-Mutter. Zumindest in mancherlei Hinsicht. Der Helikopter-Vater und ich, wir vermissen unseren großen Sohn so sehr, dass es weh tut. Die Sorge um ihn macht uns verrückt. Wir können uns nicht lange entspannen, wir haben nicht das Bedürfnis, eine Date Night einzulegen oder Bier zu trinken, um den kleinen Ausflug in die Vergangenheit ohne Kinder zu zelebrieren – mal abgesehen davon, dass wir ja auch noch Lukas haben. Wir wollen einfach nur unser zweites Kind wieder.

Ich weiß, ich sollte mich nicht so anstellen. Morgen Mittag kann ich Ben wieder abholen. Wahrscheinlich ist er erschöpft und glücklich, und ich lasse mir natürlich nicht anmerken, wie es uns zwischenzeitlich ergangen ist. Dennoch: „So etwas machen wir nie wieder!“, habe ich gestern schon zu meinem Mann gesagt. Und wusste natürlich, dass das Quatsch ist. Das Loslassen hat ja gerade erst begonnen.

Update: Ben ist wieder da. Erschöpft und glücklich. Es sei „toll“ gewesen, sagt er. Und gleich danach: „Aber ich habe jeden Tag ein bisschen geweint, weil ich euch vermisst habe.“ Manchmal hasse ich es, Recht zu haben. Aber wir haben zu Hause darüber gesprochen: Ben hat zweifellos ein großes Stück Selbständigkeit gelernt. Deshalb denken wir, dass er zum 18. Geburtstag bestimmt wieder raus darf. 

 

30. Mai. 2019
von Anna Wronska
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23. Mai. 2019
von Janosch Niebuhr
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Wer ist jetzt der Bestimmer?

© Picture AllianceFrauen und Kinder zuerst: Wahlen in der Ukraine

Die altersgerechte Vermittlung von Politik ist, sagen wir mal, ein hehres, aber ambitioniertes Ziel. Als unsere Fünfjährige und ich kürzlich wieder an einem Wahlplakat vorbeikamen, wollte sie wissen, warum diese Frau ihr Foto da aufgehängt hat. Mit etwas mehr Zeit und Ernsthaftigkeit hätte ich dem Vorschulkind etwas über Wahlen und Parlamente und Parteien nahebringen können, vielleicht sogar über die Idee eines geeinten Europas. Weil es aber wie immer schnell gehen musste, beließ ich es bei der Standardantwort für Fünfjährige: „Die will Bestimmerin werden.“ Das ist natürlich eine grobe Vereinfachung, aber für den Moment reichte es. Die Frage bleibt natürlich: Wie sag‘ ich‘s meinem Kinde?

Bei dieser Frage werde ich regelmäßig nostalgisch. Als ich so alt war wie meine jüngste Tochter heute ist, haben zum Beispiel noch die Erwachsenen über das Fernsehprogramm entschieden. Überhaupt gab es da ja auch noch wenig Auswahl für Kinder, kein Horseland oder Haustiercamp und schon gar nichts mit Einhörnern. Stattdessen durfte ich gelegentlich dabei sein, wenn mein Opa und mein Vater gemeinsam eine Bundestagsdebatte anschauten. (Doch, doch, eine ganze Bundestagsdebatte im Fernsehen, das gab‘s mal. Und zwar im Hauptprogramm. Für Spartenprogramme gingen Männer damals in die Schmuddelkinos.)

Ich habe natürlich nichts verstanden von dem, was die Redner im Fernsehen damals sagten. Wahrscheinlich habe ich nebenher Lego gespielt. Es war ja auch noch alles schwarzweiß und ich erinnere mich auch nicht, dass mir zuhause irgendjemand irgendetwas erklärt hat. Ich weiß aber noch ganz genau, dass ich einmal aufgestanden bin und einem Bundestagsabgeordneten einen Kuss gegeben habe. Ich hielt mit meinen kleinen Armen unseren Fernseher umklammert und drückte mein Gesicht auf die Mattscheibe. Das machte meinen Opa ganz ärgerlich und schien meinen Vater sehr zu freuen. So viel Reaktion hatte ich gar nicht erwartet.

Viele Jahre später habe ich kapiert, dass ich ausgerechnet Willy Brandt geküsst hatte. Aber das war wirklich Zufall, es hätte auch Hans-Dietrich Genscher oder Rainer Barzel oder vielleicht sogar eine der wenigen Frauen erwischen können. Es war zu diesem Zeitpunkt von meiner Seite jedenfalls keine wie auch immer geartete politische Festlegung. Und was kann ein Fünfjähriger ahnen von den sehr unterschiedlichen politischen Affinitäten seiner Anverwandten? Weiterlesen →

23. Mai. 2019
von Janosch Niebuhr
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