Schlaflos

Schlaflos

Das Familienblog der F.A.Z.

09. Jun. 2020
von Sonia Heldt
7 Lesermeinungen

9
25063
   

Wenn Teenager sich nicht entscheiden können

Entscheidungen treffen muss man lernen und üben – auch wenn es keinen Spaß macht.

„Da ist eine E-Mail von der Schule bekommen. Ich muss einen Kurs für die Oberstufe abwählen. Ich habe sonst zu viele Stunden und zu viel Stress“, teilt Lara (16) nachmittags beim gemütlichen Familiengrillen mit. Dass die gesamte Familie gemeinsam einen Tag im Garten zusammenhockt, ist inzwischen nicht mehr selbstverständlich. Lara verbringt ihre Zeit am liebsten mit ihren Freunden oder allein und hält sich nicht mehr unnötig lange bei uns auf. Selten gibt es Gelegenheit, in entspannter Atmosphäre ernsthafte Gespräche mit ihr zu führen, ohne dass sie nach spätestens zehn Minuten genervt die Flucht ergreift. Das ganze Blabla von uns ist ihr zu anstrengend. Nervtötend. Zu viele Fragen. Jugendliche scheuen elterliche Verhöre und erkennen sofort, wenn Eltern versuchen, ein paar Informationen im Plauderton aus ihnen herauszukitzeln. Wer ist denn dieser Leon, der letztens hier war? Auf welche Schule geht er? Und woher kennst du Marta? Was habt ihr den ganzen Abend gemacht? War es nett? Tust du genug für die Schule?

Fragen, die Lara knapp oder manchmal gar nicht beantwortet, je nachdem, wie es ihr Gemütszulage gerade zulässt. Mal ist sie zugänglich und wir kriegen eine Unterhaltung hin. Ein anderes Mal ist jedes an sie gewandte Wort zu viel. Gespräche über ihre Zukunft oder die Schule gestalten sich momentan besonders schwierig. „Mensch, ich bin sechzehn. Ich will meine Jugend genießen“, betont sie. „Da gibt es wichtigere Dinge als die Schule. Und ich kann doch jetzt noch nicht wissen, was ich für den Rest meines Lebens machen will.“ Mit sechzehn malt man sich keine berufliche Super-Zukunft in bunten Farben aus. Mit sechzehn träumt von der großen Liebe. Vom perfekten Sommer. Von Partys und Reisen mit den Freunden. Vom Führerschein. Zukunft findet für die meisten Jugendliche nur kurz- und maximal mittelfristig statt.  

Aber nun hat Lara die Igitt-Schule-Zukunft-Sache auf die Grillplatte gelegt und daher sehe ich es als mein gutes Recht an, dieses Thema nun einmal ordentlich durchzugaren. „Bis wann musst du Bescheid geben? Was willst du abwählen? Du weißt, jedes Fach, das du nun abwählst, kannst du nächstes Jahr auch nicht mehr nehmen. Du musst dich ja hier und heute nicht für einen Beruf oder einen Studiengang entscheiden. Aber dir sollte zumindest klar sein, in welche Richtung du gehen willst, damit du deine Schwerpunkte dementsprechend wählen kannst.“ Corona hat in den letzten Wochen nicht nur unzählige Unterrichtsstunden geschluckt, sondern auch die Termine und Gespräche in der Schule, die zur ersten Berufsorientierung dienen sollten. So wie der Besuch des Berufsinformationszentrums, der eigentlich letzten Monat für die Stufe 9 angedacht war. Dort hätte Lara sich zwangsläufig mit diesen Themen befassen müssen. Auch der Frankreich-Austausch, der ebenfalls wegen Corona nicht stattfand, hätte Lara eventuell bei ihrer Entscheidung, ob sie die französische Sprache auf Dauer weiterführen möchte oder nicht, geholfen. Sprachen, die kann man doch immer gebrauchen. „Also, wie entscheidest du dich? Was wählst du ab?“, fragte ich Lara. Sie zuckt nur die Schultern und macht ein finsteres Gesicht. Sie will in Ruhe ihr Grillsteak und ihre Melone essen und bereut offensichtlich zutiefst, das Thema angeschnitten zu haben. Denn nun hängt sie am Familientisch fest. Zumindest so lange, bis ihr Teller leer und ihr Magen halbwegs gefüllt ist.

Lara bemerkt oft und nachdrücklich, dass sie keine Einmischung in ihre Angelegenheiten wünscht und ihre eigenen Entscheidungen treffen will. „Das ist meine Entscheidung“, sagt sie, wenn ich von ihr verlange, ihr Zimmer aufzuräumen oder sie frage, ob sie wirklich so spät abends noch fettigen Mist essen muss. „Das ist meine Sache, mein Zimmer und meine Ernährung.“  Und dann gibt es die Momente, in denen sie sich die ein oder andere Entscheidung gerne abnehmen lassen würde. Das ist praktisch. Denn wenn sie das Gefühl hat, sie wurde falsch beraten, kann sie dem Berater den schwarzen Peter zuschieben: „Du hast doch gesagt, es ist nicht so kalt und ich brauche keine Jacke. Jetzt friere ich wegen dir.“ Deswegen gebe ich zwar nach wie vor gerne Ratschläge, werfe aber grundsätzlich hinterher: „Das würde ich machen, wenn ich an deiner Stelle wäre. Aber im Endeffekt musst du das selbst entscheiden.“

Weiterlesen →

09. Jun. 2020
von Sonia Heldt
7 Lesermeinungen

9
25063

   

02. Jun. 2020
von Martin Benninghoff
31 Lesermeinungen

2
30207
   

Schön kuschelig autoritär

Sohn und Vater, in harmonischer Eintracht. Aber wehe der Sand geht aus.

Jeder kennt die 1-2-3-Methode in der Kindererziehung. Stellt sich ein Kind bockig an, will es nicht, was Sie wollen, fordern Sie es weiter auf, die Apfelkitsche (gemeint ist der Rest eines Apfels, ein Wort aus meiner NRW-Heimat, in anderen Regionen gibt es dafür andere Bezeichnungen) dennoch in den Mülleimer zu bringen und nicht in der Sofaritze zu entsorgen. Bleibt es bei der Totalverweigerung, zählen Sie langsam und in Zeitlupe bis drei. Sollten Sie bei drei ankommen, ohne dass das Kind das sozial erwünschte Verhalten zeigt,  müssen Sie eine Konsequenz parat haben. Eine Strafe, die sich gewaschen hat. Sonst stehen Sie ziemlich dumm da – und das Kind lacht sich im Stillen kaputt.

Das ist mir neulich passiert. Im Anflug von „strenger Daddy“ zählte ich mich durch die drei Zahlen, und mein dreijähriger Sohn reagierte natürlich überhaupt nicht. Bei der Zahl drei angekommen, fiel mir auf, zugegebenermaßen etwas zu spät, dass ich eigentlich überhaupt nicht darüber nachgedacht hatte, welche Konsequenz aus seiner Blockade folgen sollte. Die pure Erzieher-Hölle. Hastig justierte ich nach und verkündete das harte Urteil, das meinem Sohn natürlich die Farbe aus dem Gesicht weichen ließ: „Dann heute kein Apfel mehr“. Das Weltgericht hatte gesprochen. Die abschreckende Wirkung dürfte sich in Grenzen gehalten haben, vermute ich.

Saublödes Urteil, dachte ich noch. Die Zweifel kamen im Moment der Urteilsverkündung. Warum gerade kein Apfel mehr? Der Junge isst gelegentlich zu viele Haribos, aber Äpfel? Da kann ich doch nur froh sein, wenn er genügend abbekommt. Mir wurde schlagartig bewusst, dass die ungeliebte 1-2-3-Methode ohnehin nur funktionieren kann, wenn man Ziele und Strategien definiert. Wer sich, wie ich, keine Konsequenzen ausgedacht hat oder sich unsicher ist, ob sich diese umsetzen lassen, vergisst die Erziehungsmethode am besten gleich wieder. Selbst der noch unausgebildete Intellekt eines Kleinkindes speichert Inkonsequenz unter der Rubrik Unglaubwürdigkeit ab.

Aber vielleicht muss ich noch den einen Schritt zurückgehen. Die 1-2-3-Methode war mir bis dato immer maximal unsympathisch. Ich hielt sie für autoritär, einen Kasernenhof-Ton dulde ich zuhause nicht, weder bei den Erwachsenen noch beim Kleinkind. Zumal mir solche Töne aus der Kindheit durchaus geläufig sind, wenn auch nicht im eigenen Elternhaus. Manche Elternteile meiner Freunde konnten sich innerhalb weniger Sekunden vom netten Onkel zum autoritären Übervater wandeln – und das war wenig angenehm und bis heute keine gute Erinnerung. Auch deshalb nicht, weil ich wohl damals nicht verstand, woher dieser plötzliche Wandel rührte. Die konkreten Fälle sind längst vergessen, aber solche Verhaltensmuster, Stimmungen und Töne bewahren sich ein Leben lang im Gedächtnis auf.

Vor wenigen Tagen führte ich ein Interview mit einer prominenten Sängerin, die plötzlich, als wir über Kindererziehung sprachen, die 1-2-3-Methode erwähnte. Als etwas Positives, das zwar nicht mehr so richtig modern sei, aber doch ungemein effektiv – und überhaupt, Kinder brauchten Regeln. Dem letzten Gedanken kann ich nur zustimmen, aber wie gesagt: Das autoritäre Gehabe früherer Generationen brauche ich auch nicht, da können sich noch so viele oftmals ältere Männer über „Kuschel-Väter“ und „Softy-Daddys“ lustig machen, das ist mir völlig egal: Autoritäre Verhaltensweisen prägen Kinder mehr als einem lieb sein kann. Erwachsene, die sich heute autoritär gebärden, sind häufig in ähnlichen Kontexten groß geworden. Wer nach einem starken Führer ruft, darf gerne mal in seiner Kindheit kramen, woher das wohl kommen mag. Für mich ist das kein möglicher Lebensentwurf, sondern schlicht ein Irrweg.

Aber zurück zum Kind: Was tun? Kann es gelingen, aus beiden Welten eine Synthese hinzubekommen, die die Nachteile autoritären Gehabes reduziert, die Vorteile einer klaren Regel-Erziehung fürs Kind aber beibehält? Damit die 1-2-3-Methode wirkt, sollten die Schritte und Konsequenzen nicht nur bedacht, sondern auch vernünftig erklärt werden. Bevor man zur Tat schreitet, könnten Sie dem Kind erklären, was Sie vorhaben – und welche Regeln gelten. Erklären Sie, dass Sie es nicht tolerieren, wenn die Apfelkitsche im Sofa landet, und dass da auch Diskussionen nichts nutzen. Dann erläutern Sie kurz, dass das Kind zwei Chancen hat, um das Verhalten zu ändern. Zählen Sie die eins, dann die zwei – erst wenn Sie genügend Chancen und Zeit gegeben haben, kommt die drei. Wenn Sie die Konsequenz schließlich ausgesprochen haben, gibt es keine Diskussionen mehr, keine Erklärungen oder Ablenkungen. Das spart Zeit und Energie – und ist vor allem eine klare Ansage.

Was bei der berühmten Apfelkitsche natürlich nicht gut funktioniert hat, ist die Frage der Konsequenz. Die muss gut beantwortet werden und am besten im Zusammenhang mit dem „Delikt“ stehen. Wenn es darum geht, den Apfelrest zu entsorgen, könnte eine wirksame Konsequenz sein, heute keine Gummibärchen mehr zu bekommen. Da hilft auch kein Zetern mehr! Ein Fernseh- oder Tabletverbot hingegen würde von Ihrem Kind mit Sicherheit mit einem „Warum?“ quittiert werden, und das nicht ganz zu unrecht. Und klar sein muss auch: Wir sprechen hier von Kindern jenseits des dritten oder vierten Lebensjahres, die einfache Zusammenhänge und logische Folgen verstehen können. Nach der Grundschule muss dann aber auch Schluss sein damit – denn sonst zeigt Ihnen der Teenager einen Vogel, auch das nicht zu unrecht: „Was will der Alte denn?“ Und geht dann aus dem Zimmer. Hätte ich genauso gemacht. Nur die Apfelkitsche wäre im Zimmer geblieben, möglicherweise sogar in der Sofaritze.

02. Jun. 2020
von Martin Benninghoff
31 Lesermeinungen

2
30207

   

28. Mai. 2020
von Tanja Weisz
8 Lesermeinungen

10
16011
   

Mama verschwindet

Von unseren Eltern müssen wir uns oft in kleinen schmerzhaften Schritten verabschieden.

Ein Besuch im Altersheim unserer Mutter gleicht derzeit einer Kostümparty. Das Outfit liegt in der Desinfektionsschleuse bereit: blaue Plastikhandschuhe, grüner Kittel, Duschhaube, Nasen-Mundschutz und ein Plastikvisier oben drüber. „Du siehst aus wie ein Frosch“ begrüßt mich Mama und lächelt freundlich.

Das ist eine wunderbare Begrüßung, denn dieses Lächeln ist vertraut. In diesen Tagen weiß man nie, was einen erwartet: Desinteresse, Jammern oder Einsilbigkeit, herzliche Freude oder eine brüchige Stimme, die davon spricht, endlich sterben zu wollen.

Mütter haben eigentlich einen Vertrag unterzeichnet, als Konstante bereitzustehen. Als Markierung durch den Dschungel des Lebens, die manchmal hell aufleuchtet und den Weg vorgibt, uns manchmal als Warnsignal in die komplett andere Richtung jagt. Aber sie sind da, verlässlich, oft nervig, liebevoll, übergriffig, voller Macken wie wir auch. Wir kennen sie eben und können uns an ihnen orientieren.

Das ist jetzt vorbei. Mama ist alt geworden und ändert sich zum ersten Mal in einer Weise, die sie uns fremd werden lässt. Jahrzehntelang war sie die perfekte Tochter aus besserem Hause: souverän und selbstsicher, freundlich und hilfsbereit. Ihr Trick in allen widrigem Lebenslagen: Sei nützlich und helfe anderen.

Sie fand immer irgendwo eine bedürftige Nachbarin, für die sie einkaufen konnte, ein vernachlässigtes Schulkind, dem sie bei den Hausaufgaben half, eine krebskranke Freundin, der sie regelmäßig Mut zusprach. Sie hatte immer eine Aufgabe und wurde gebraucht.

Jetzt fällt Mama der Name des Schulkinds nicht mehr ein, die Nachbarin war ihr ja schon immer sehr lästig gewesen und auf den Tod der Freundin reagiert sie mit den Worten: „Ach, jetzt erst?“. Die da draußen sind allesamt unwichtig geworden, sie interessieren sie nicht mehr. Ihre Welt schrumpft, zieht sich auf jene 20 Quadratmeter zusammen, die sie nun im Altersheim bewohnt. Was da draußen ist, hat kaum noch Bedeutung. Wir Kinder drängen uns in ihr Blickfeld, aber wann wird sie uns gar nicht mehr sehen?

Der Unfall eines Verwandten, die Schulprüfung meines Kindes, ihre Wohnung, die aufgelöst werden muss, alles gerät in den Randbereich ihrer Wahrnehmung. Ihre Wirklichkeit spielt sich nur noch in ihrem Ein-Zimmer-Appartement ab. Plus Balkon mit Blick ins Grüne. Dort sitzt sie oft und schaut auf das grün schimmernde Blätterdach eines Kastanienbaums, aus dessen Tiefen Vogelgezwitscher dringt. „Die singen viel lauter als früher“, sagt sie überzeugt und lauscht ihnen andächtig. Diese Stimmen scheinen sie viel eher zu erreichen.

Rausgehen mag sie trotzdem nicht, schon gar nicht jetzt, wo doch alle mit Stoff vor dem Gesicht herumlaufen. Sie versteht auch kaum etwas, wenn die anderen auf Abstand durch ihre Masken murmeln. Sie will auch kaum noch mit anderen reden.

Sie, die früher die Haschbrüder, Mopedrocker und Gefängniswärter, die meine Schwester und ich im Lauf der Zeit so anschleppten, um den Finger wickeln konnte. Die Kollegen, Angestellte und Verwandte über Jahre an sich band. Alle lagen ihr über kurz oder lang zu Füßen. Mama ging auf jeden Menschen zu und entwaffnete ihn mit einem Lächeln.

Jetzt wirkt sie oft ernst, in ihrem kleinen 20-Quadratmeter-Leben. Das scheint sie weniger zu bedrängen als uns Töchter. Wir sehen, was sie verliert, wenn wir die Kisten voller Fotos und Briefen aus ihrer Wohnung holen, die Bücher mit Widmungen, die Reiseandenken. Mutter braucht nur noch ihren Fernsehsessel, ihren Rollator und den Computer, um daran Patiencen zu legen.

An manchen Tagen fühlt sie die Einsamkeit tonnenschwer auf sich liegen, aber sie weiß nicht mehr, was man dagegen tun kann. Ihre vielen Bekannten anzurufen, fällt ihr nur an manchen Tagen ein, an anderen Tagen ergibt sie sich dieser bleiernen Schwere und dämmert darunter weg.

Beim nächsten Besuch macht sie die Tür nicht auf. Also muss sich der grüne Besuchsfrosch schwitzend einen Ersatzschlüssel für das Appartement besorgen und nachsehen, ob alles in Ordnung ist. Mama ist fest im Fernsehsessel eingeschlafen, hat sogar noch ein Beruhigungsmittel genommen und ist wie weggetreten, als ich sie wecke. Es dauert die Hälfte der erlaubten Besuchszeit von einer Stunde, bis sie ansprechbar ist.

Dann sagt sie unvermittelt mit trauriger Stimme: „Wir haben uns doch früher blind verstanden, warum fällt es denn jetzt so schwer, miteinander zu reden?“ Und während ich den Kloß in meinem Hals runterschlucke, bevor ich antworte, plappert sie schon weiter: „Ich hatte so ein gutes Mittagessen heute, es gab Spargel, und dann noch ein leckeres Dessert.“

Sie lächelt beseelt in Erinnerung an ihre leckere Mahlzeit und die Traurigkeit ist bei ihr wie weggeblasen und landet nun in meinen Rucksack, den ich wieder mit nach Hause nehme.

Unser Leuchtturm geht verloren. Noch scheitern wir daran, das auszuhalten.

28. Mai. 2020
von Tanja Weisz
8 Lesermeinungen

10
16011

   

19. Mai. 2020
von Anneli Pereira
2 Lesermeinungen

8
40457
   

Wie Kinder sich ihre Freunde aussuchen

Kinder suchen sich ihre engen Freunde früh selbst aus – und vermissen sie jetzt.

Der Satz kam wie aus dem Off. Eben noch tobte Fabian mit seinem Bruder über die Couch und spielte das beliebte „Ich schubs dich, du schubst mich“-Spiel, als er plötzlich innehielt und vor sich hinmurmelte: „Mama, ich vermisse meine Freunde.“

Dass meine Jungs weder Freunde noch andere Familienmitglieder neben meinem Mann und mir in den letzten Wochen gesehen haben, haben sie eigentlich ganz gut verkraftet. Dachte ich zumindest. Immerhin sind sie Zwillinge, da ist der beste Freund ja sozusagen immer mit dabei. Fabian und Tiago geht es sicher besser als Einzelkindern oder Geschwistern mit großem Altersunterschied. Welchen Einfluss der Lockdown tatsächlich auf die Psyche unserer Kinder haben wird, muss noch erforscht werden. Erste Studien geben bereits einen Ausblick: Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat mehr als 8000 Eltern mit Kindern im Alter von drei bis 15 Jahren zum Thema „Kindsein in Zeiten von Corona“ befragt. 27 Prozent gaben an, dass sich ihr Kind derzeit einsam fühle. Bei 97 Prozent der Befragten sind die Kontakte der Kinder zu ihren Freunden komplett eingebrochen.

Auch bei meinen Jungs. Anfangs freuten sich Tiago und Fabian über die coronabedingte Kitaschließung. Doch mit jedem Tag, der vergeht, fragen sie häufiger nach ihren Spielkameraden. Aus den Augen, aus dem Sinn? Fehlanzeige! In Gedanken sind die Freunde immer mit dabei. Als Fabian neue Ninjago-Sammelkarten geschenkt bekam, war seine erste Reaktion: „Jetzt will ich doch mal einen Tag in den Kindergarten, damit ich die Noah zeigen kann.“

Noah ist nämlich der absolut aller-, allerbeste Freund meines Fünfjährigen. Und er ist der erste Freund, den sich Fabian selbst ausgesucht hat. Für mein Empfinden nicht die beste Wahl. Noah ist tendenziell noch wilder und verfügt über einen reichen Wortschatz, der das Prinzip Toilettengang beschreibt. Fabian findet das natürlich super. Noah ist ein Jahr älter, Rolemodel und Rudelführer, dem Fabian, aber auch sein Bruder Tiago folgen. „Der Noah hat gesagt…“, damit beginnt eigentlich so gut wie jeder zweite Satz meines Sohnes. Umso schwerer tun sich die Kinder nun, diese Freundschaft in Zeiten von Abstandsregeln und Hygienevorschriften aufrecht zu erhalten. Toben und Raufen fällt jetzt erst einmal aus. Dafür hat Fabian Noah einen Brief „geschrieben“ und ein Ninja-Bild gemalt. Einmal telefonierten die beiden auch, oder besser gesagt, sie versuchten es. Das Gespräch dauerte etwa 30 Sekunden und bestand in erster Linie aus Schweigen. Klar, sie sind erst fünf Jahre alt, aber machen wir uns nichts vor: Ich kenne Männer Anfang 40, die genauso wortkarg am Telefon sind. 

Aber suchen sich Fünfjährige ihre Freunde wirklich schon gezielt aus? Ja, sagen die Pädagogen. Kinder können bereits ab einem Alter von etwa drei Jahren Freundschaften schließen. Als Freund wird aber erst einmal jeder bezeichnet, der verfügbar ist und Spielkompetenz mitbringt. Im Fall von Noah und Fabian hat das mit einer gewissen Affinität zu Ninjas aus Lego zu tun. Wobei das wohl auf viele Fünfjährige zutrifft. 

Aber nicht nur ähnliche Interessen sind entscheidend. Ganz simpel gesprochen, kommt es natürlich auch auf die Verfügbarkeit an. Welche Kinder gehen mit mir in die gleiche Kitagruppe, mit welchen Familien treffen sich meine Eltern gerne? Bei uns ist das nicht anders. Meine Freundin Isabell zum Beispiel hat zwei Söhne im etwa gleichen Alter. Unsere Kinder badeten schon mit 8 Monaten gemeinsam im Planschbecken und gehen sogar in den gleichen Kindergarten. Die Jungs spielen zusammen und freuen sich, wenn sie sich sehen. Doch so sehr Isabell und ich es uns auch wünschen, die besten Freunde werden unsere Kids nicht. All unsere Verkupplungsversuche laufen ins Leere. Das geht sogar soweit, dass Tiago und Fabian die beiden Söhne meiner Freundin nicht zu ihrem Geburtstag einladen wollten. Und das will schon etwas heißen. Die Geburtstags-Gästeliste ist ein sensibles Thema und wird bei uns bereits ab Februar diskutiert (meine Kinder sind im Dezember geboren!). Und wenn Fabian mal richtig böse auf jemand ist, meinen Mann und mich eingeschlossen, spricht er die ultimative Drohung aus: „Dann lade ich dich nicht zu meinem Geburtstag ein!“ Die Kinder meiner Freundin Isabell bekamen am Ende trotzdem eine Einladung. Ansonsten versuche ich mich aus der Freundeswahl meiner Söhne herauszuhalten. Was gar nicht so einfach ist. Denn immerhin muss ich ja meistens noch mit zu den Playdates. Und das bedeutet, dass ich mich mindestens ein oder zwei Stunden an irgendeinem Küchentisch oder auf der Bank am Spielplatz mit anderen Eltern unterhalten muss. Eine Grundsympathie ist da von Vorteil.

In den achtziger Jahren war das noch ganz anders. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter jemals das Haus meiner besten Freundin betreten hätte. Zugegeben, das war auch gar nicht nötig. Ich hatte großes Glück, denn meine beste Freundin wohnte gleich nebenan. Unser Kennenlernen werde ich nie vergessen: Mit drei Jahren (und glauben Sie mir, ich kann mich an diesen Tag wirklich noch erinnern) tauchte zwischen den Tannenbäumen in unserem Garten ein kleines Mädchen mit dunklen Augen und langen braunen Haaren auf. „Wohnst du da?“, fragte ich und zeigte aufs Nachbarhaus. Das kleine Mädchen nickte, und ab diesem Tag waren wir Freundinnen. Wir kochten gemeinsam Grassuppe im Garten, führten meine Hühner spazieren, spielten später Indianer auf unserem Dachboden und dachten uns sogar eine eigene Sprache aus. In unserer Welt hieß sie Tosh-Hiok und ich Mka-Sue. „Der mit dem Wolf tanzt“ war unser Lieblingsfilm.

Ende der vierten Klasse zog Tosh-Hiok, die eigentlich Melanie heißt, mit ihrer Familie weg. Am Abend, an dem die Umzugs-Lkw losrollen sollte, versteckten wir uns auf dem Dachboden, schworen uns ewige Freundschaft und heulten herzerweichend. Jahrelang besuchten wir uns anschließend in jeden großen Ferien, schrieben hunderte von Briefen, die ich alle in einer großen Holzkiste aufbewahrt habe, veranstalteten Mitternachtsparties, schauten in die Sterne und fragten uns, woher wir kommen und wohin wir gehen.  Irgendwann haben wir uns dann nur noch selten gesehen. Jede schlug andere Wege ein, studierte und verliebte sich. Es gab keinen Trennungsschmerz wie damals, als Melanie wegzog. Keine Vorwürfe, Streit oder Wut. Die Freundschaft wurde nur immer leiser und verstummte irgendwann ganz, wie bei einem Fade Out eines Songs. Eines ausgesprochen guten Songs. Dem Sound meines Lebens. Wie es Melanie wohl geht? Ich sollte sie mal wieder anrufen. Schließlich sehe ich gerade an meinen Kindern, wie wichtig und prägend frühe Freundschaften sind.

19. Mai. 2020
von Anneli Pereira
2 Lesermeinungen

8
40457

   

12. Mai. 2020
von Sonia Heldt
30 Lesermeinungen

38
122424
   

Wenn sich Vollzeitarbeit nicht mehr lohnt

Kind oder Karriere? Die Rentenversicherung wird ihr diese Entscheidung später vorrechnen.

Letzte Woche habe ich unsere Unterlagen sortiert und neue Ordner angelegt. Dabei fielen mir meine jährliche Renteninformation und eine alte Gehaltsabrechnung aus Zeiten vKi (vor Kindern) in die Hände und ich bekam im ersten Moment schlechte Laune. Ich hatte fast verdrängt, wie gut ich einmal verdient habe. Vor sechzehn Jahren sah es rententechnisch (zumindest auf dem Papier) ganz gut für mich aus: „Sollten bis zum Rentenbeginn Beiträge im Durchschnitt der letzten fünf Kalenderjahren gezahlt werden, bekämen Sie ohne Berücksichtigung von Rentenanpassungen von uns eine monatliche Rente von…“ Damit wäre in ein paar Jahren wahrscheinlich kein Altersruhesitz in Florida drin und auch kein Privatjet, aber ich würde nach damaligem Stand ganz ordentlich dastehen. Meine letzte Renteninformation dagegen: Ernüchternd. Über sechzehn Jahre raus aus der Vollzeitbeschäftigung, dafür lässt einen die Rentenversicherung ordentlich bluten. Geplant war das nicht. Es hat sich einfach entwickelt.

Bevor ich meinen Mann heiratete und mit ihm eine Familie gründete, zog ich zu ihm und pendelte fortan ins Büro, zwei Stunden Stau täglich inklusive. Nach Laras Geburt blieb ich fürs Erste zu Hause. Ein Jahr später bot mir mein Arbeitgeber an, stundenweise im Homeoffice zu arbeiten. Das war 2005 noch nicht ganz so selbstverständlich wie heute. Viele Leute haben mich beglückwünscht: „Das ist ja toll, dass du nicht aus dem Haus musst, dich gleichzeitig um die Kleine kümmern kannst und trotzdem Geld verdienst.“ Nur wer selbst keine Kinder großzieht, hat diese verklärte Vorstellung vom Homeoffice in dieser Kombination. Je kleiner die Kinder sind, desto anstrengender ist es, denn zum unbezahlten Kinder-Fulltime-Job kommen die Homeoffice-Stunden hinzu, die Mann oder Frau sich irgendwie vom Tag abzweigen muss. Es sei denn, man greift auf Oma, Opa, Partner, Kita oder Tagesmutter zurück, die sich um das Kind kümmern, während man vorm PC und am Telefon hängt. Letztere, also die bezahlte Betreuung, sollte dann möglichst nicht den Großteil des mühsam erarbeiteten Gehalts auffressen, sonst bekommt man schnell das Gefühl, man arbeitet nur für die Emanzipation, „um drin zu bleiben“ oder weil man sich wahnsinnig mit seinem Baby oder Kleinkind langweilt.

Im ersten Jahr waren meine Arbeitsstunden noch überschaubar, dennoch wartete ich unter Druck jeden Mittag darauf, dass Lara endlich tief und fest schlief, damit ich mich in Ruhe und konzentriert für ein oder zwei Stunden an den Computer schleichen konnte, um meine Arbeit nicht komplett in den Abend schieben zu müssen. Abends war ich nämlich erschöpft vom Tag mit Kind. Außerdem kam mein Mann immer spät nach Hause und ich hatte keine Lust, dass wir uns nur noch abklatschen. Wenn Lara nach dem Mittagessen in ihrem Bett lag, sah ich das Spielzeug und die Wollmäuse auf dem Boden liegen, das dreckige Geschirr vom Mittagessen in der Spüle, die Wäsche, die unbedingt aufgehängt werden musste, meine ungewaschenen Haare im Spiegel und die Couch, die mir zurief: „Du bist heute wieder so früh aus dem Schlaf gerissen worden. Komm und leg wenigstens für einen kurzen Moment die Beine hoch und vergiss das Chaos um dich rum.“ Ich bin diesem Ruf selten gefolgt.

Nach einem weiteren Jahr stockte ich stundenmäßig auf, fuhr aber freiwillig zweimal die Woche ins Büro, weil ich den Spagat zwischen Kind, Küche und Computer bei der Anzahl der Stunden für nicht machbar hielt. Dafür nahm ich eine Fahrt zu meiner Mutter, die Laras Betreuung übernahm, und den abendlichen Stau mit Kind auf dem Rücksitz in Kauf und war froh, Lara später in einer privaten Kindergruppe unterbringen zu können.

Meine zweite Schwangerschaft, keine drei Jahre nach Laras Geburt, weckt noch heute unschöne Erinnerungen. Die Monate erschienen mir endlos lang. Ich fühlte mich ausgelaugt und war ständig krank. Lara machte die typischen Kleinkind-Infekte durch und ich jeden einzelnen direkt mit ihr. Unser Haus war eine Dauer-Baustelle. Ein lebhaftes Kleinkind mit unerschöpflichem Akku. Pendelei ins Büro plus Homeoffice und Haushalt. Ein Arbeitgeber, der von der zweiten Schwangerschaft nicht sonderlich begeistert war. Mein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht bei meiner Tochter war, ausgelöst durch meinen Hormonüberschuss. Noch nie habe ich so viel geheult wie in diesen neun Monaten. Die letzten Schwangerschafts-Wochen schleppte ich mich mit einer furchtbaren Bronchitis und Sinusitis durch die Gegend, hörte auf beiden Ohren kaum noch etwas und konnte aufgrund einer Penicillin-Allergie nicht befriedigend behandelt werden.

Weiterlesen →

12. Mai. 2020
von Sonia Heldt
30 Lesermeinungen

38
122424

   

28. Apr. 2020
von Tanja Weisz
22 Lesermeinungen

43
69356
   

Das liegt ja gar nicht an den Lehrern?!

Schule in Unterhaching: Wer ist erleichterter, dass es wieder losgeht, Schüler oder Eltern?

Es ist still im Haus. Ganz still. Nach sechs Wochen Hausarrest in einer viel zu kleinen Gemeinschaftszelle ist plötzlich Ruhe eingekehrt. Keine laute Musik, kein Dauergequatsche am Handy, keine überfallartigen Raubzüge in der Küche. Mein Kind geht seit heute wieder in die Schule. Nur stundenweise zunächst, im Schichtdienst, mit Schutzmaske und ängstlichem Herzen, aber sie ist immerhin aus dem Haus. Ich habe sturmfreie Bude.

Die Erleichterung darüber ist kaum in Worte zu fassen. Nach sechs Wochen Familien-Dschungelcamp darf ich mein 15 Jahre altes Kind wieder in geschulte pädagogische Hände abgeben. Und meine Dankbarkeit ist grenzenlos.

Klar, irgendwie haben wir die vergangenen Wochen mit Homeschooling auch überstanden und das gar nicht mal so schlecht. Aber es war halt doch kein Homeschooling! Auch wenn dieser Begriff in den Medien in Dauerschleife verwendet wurde und suggerierte, wir verlegen jetzt einfach mal eben die Schule nach Hause und machen ansonsten weiter wie bisher, hatte das, was wir als Eltern zu Hause angestellt haben, nicht viel mit einem zielgerichteten Lehrplan zu tun. Weder hatten wir die nötigen Ressourcen noch die notwendigen  Erklärungen an die Hand bekommen. 
Wo hätte beides auch herkommen sollen, so plötzlich wie diese Pandemie auftauchte? In vielen Büros mag der Umgang mit Zoom, Teams und Skype ja schon eingeübt sein, aber in unseren Schulen, die sich zum Teil nicht mal einen neuen Wandanstrich leisten können, geschweige denn Computer für jeden Schüler und jeden Lehrer, scheint das wie ein Entwicklungssprung vom Ackerbau zur industriellen Revolution.

Technische Fallstricke gibt es reichlich: Natürlich sind nicht alle Lehrer und vor allen Dingen nicht alle Schulen darauf vorbereitet, binnen weniger Wochen ein perfektes digitales Lehrprogramm aus dem Boden zu stampfen. Dabei scheint die Erwartungshaltung sehr groß zu sein, ganz so, als hätte es für diese außerordentliche Situation irgendwo in einer abgespeicherten Datei doch sicher einen Notfallplan geben müssen. Angesichts der schlechten digitalen Ausstattung der Schulen wäre das aber eine Überraschung gewesen. 

Theoretisch hätte man natürlich überhaupt nicht aufpassen müssen bei diesem ganzen Homeschooling-Ereignis. Das Kind ist alt genug, um alle Hausarbeiten eigenständig zu erledigen. Eigentlich. Aber während man sonst dieses dumpfe Brüten über den Hausaufgaben im besten Fall gar nicht zu Gesicht bekommt, weil es erledigt wird, während man selbst bei der Arbeit ist, sprang einen nun die pubertäre Verzweiflung jeden Tag im Homeoffice wie eine Raubkatze an. 

Da war anfangs durchaus auch der Gedanke: Hey, es interessiert mich,  was sie da gerade lernt und wie sie rangeht und überhaupt, vielleicht macht es ja auch Spaß, sich das zusammen anzueignen. (Ein naiver Gedanke, ich weiß es ja jetzt.)

Nach unserer eigenen Arbeit haben wir uns mit Videotutorials und den Schulbüchern  selbst schlau gemacht, um die Lernetappe am nächsten Tag einigermaßen zu überstehen, ohne dass das eigene Ansehen vorm Kind allzu großen Schaden leidet: Wie war noch mal die Formel für das Berechnen des Volumens einer Pyramide, wer stand sich bei der Schlacht von Sedan gegenüber und wie formuliert man ein Bewerbungsschreiben für ein Praktikum auf Französisch?

Ich will es nicht leugnen, es gab Erfolgsmomente, in denen ich meiner Tochter dabei zusehen konnte, wie der Groschen fiel. Und ich die Münze eingeworfen hatte. Aber sie waren nicht allzu zahlreich. Des Öfteren bekam ich stattdessen dünnlippig mitgeteilt, dass man in der Schule ja besser lernen könne, weil man dort die Sachen erklärt bekomme. Dass also offenbar meine ausschweifenden Erläuterungen nicht in die Rubrik gelungene Erklärung fielen. Seltsamerweise. Die meiste Zeit sah ich mich einem unmotivierten, lernfaulen Teenager gegenüber, der sich erst gegen Mittag aus dem Bett und dann an einen Schreibtisch gequält hatte. 

In diesen Momenten dämmerte mir, wie furchterregend es sein muss, morgens um 8 Uhr etwa 30 Exemplaren dieser Art gegenüberstehen zu müssen. Was für eine übermenschliche Leistung es ist, einen mundfaulen Teenagerhaufen zu motivieren, zu bespaßen und in solchen bildungsfernen Schädeln auch noch irgendetwas dauerhaft zu verankern. Kurz: meine Hochachtung vor Lehrkräften ist in diesen Wochen exponentiell gestiegen. Vor allem weil ich an mir selbst feststellen musste, dass man eben nicht jeden Tag in der Lage ist, mit dem eigenen pädagogischen Zauberstab Funken zu sprühen. Bisher habe ich es mir leicht gemacht und Lehrerinnen und Lehrer selbst dafür verantwortlich gemacht, diesen Beruf gewählt zu haben. Die letzten Wochen haben mich jedoch neuen Respekt gelehrt.

Vor diesem ersten neu-normalen Schultag hat meine Tochter viel darüber spekuliert, wie man denn in der Schule Abstand halten könne und ob die Pausenaufsicht wohl die Kinder auseinander treiben werde, ob genug Seife da sei und ob man so eine Maske wirklich den ganzen Tag aufbehalten könne. Als ich unserer Klassenlehrerin als Antwort auf einen Elternbrief viel Kraft für diese Woche wünschte, schrieb sie mir offen zurück: Danke, mir ist aber auch ganz schön mulmig.

Wozu sie jedes Recht hat und was ich bestens nachvollziehen kann, und doch wünscht man sich als Eltern, dass Lehrer an solchen Ausnahmetagen wie Felsen in der Brandung stehen. Weil man selbst ja in den vergangenen Wochen ständig diesen Spagat vollführt hat: Offen über Gefahren der Pandemie zu sprechen, den Kindern aber gleichzeitig keine übertriebene Angst einjagen zu wollen. Sich selbst zusammenzureißen, auch wenn man sich manchmal einfach die Decke über den Kopf ziehen möchte und hoffen, dass am nächsten Morgen dieses verdammte Virus endlich wieder dahin zurückgekrochen ist, wo es herkam. 

Ab heute sind nun endlich wieder andere Erwachsene dran, ständig stark sein zu müssen. Lehrer, die jeden Tag das tun, was wir Eltern in den vergangenen sechs Wochen stemmen mussten: sich zusammenreißen, funktionieren, am besten mit einem Lächeln, das Sicherheit ausstrahlt, damit die Kinder möglichst unbeschadet durch diese Zeit kommen. 

Ich danke euch Lehrern!

28. Apr. 2020
von Tanja Weisz
22 Lesermeinungen

43
69356

   

21. Apr. 2020
von Sonia Heldt
6 Lesermeinungen

15
29009
   

Ich wünsche mir, dass ein Wunder passiert

Auch Kinder müssen sich an Corona-Regeln halten: Ein Mädchen mit Schutzmaske steht in Kathmandu vorm Supermarkt an.

Wenn Corona schon für Erwachsene so beängstigend und belastend ist – wie muss es dann erst Kindern gehen? Hier erzählt die zwölfjährige Maya, Tochter unserer Autorin Sonia Heldt, wie sie mit der sozialen Isolation zurechtkommt.

Zuhause bleiben ist so blöd! Es macht mich traurig, dass das Homeschooling nach den Osterferien nun weitergeht. Ich besuche die 6. Klasse eines Gymnasiums in Nordrhein-Westfalen. Mir fehlt es, meine Freundin morgens an der Straßenecke zu treffen und mit ihr gemeinsam zur Schule zu radeln, dort die anderen aus meiner Klasse zu sehen und nachmittags zum Sport zu gehen. Ich liebe den Sport und meinen Verein. Obwohl ich versuche, zuhause fit zu bleiben, fühle ich mich untätig. Und ich hasse den Onlineunterricht!

Als im März verkündet wurde, dass die Schule noch vor den Osterferien geschlossen werden würde, haben sich ganz viele Kinder aus meiner Klasse gefreut. Das konnten meine beste Freundin und ich überhaupt nicht verstehen. Es war doch klar, dass wir dafür zu Hause lernen müssen! Inzwischen findet das keiner mehr toll. Außerdem ist unsere Klassenfahrt wegen Corona ausgefallen: Wie wären vor den Osterferien eigentlich fünf Tage auf eine Burg gefahren. Vielleicht war ich anfangs sogar ein klitzekleines bisschen erleichtert, weil ich mir Sorgen um das Essen in der Jugendherberge gemacht hatte. Ich esse ziemlich viele Dinge nicht und das ist mir manchmal peinlich. Aber dann war die Enttäuschung doch größer als die Erleichterung. Es wäre unsere allererste Klassenfahrt auf dem Gymnasium gewesen und bestimmt wäre es megacool geworden.

Am ersten Homeschooling-Tag habe ich gedacht: „Okay, jetzt kann ich wenigstens ein bisschen länger schlafen“. Das habe ich dann auch die erste Woche getan. Ich bin zwischen neun oder zehn Uhr aufgestanden, habe gefrühstückt und bin zwischen den Aufgaben mit meiner Mutter spazieren gegangen. Die Lehrer haben uns die Aufgaben über die App „Microsoft Teams“ geschickt. Ich war richtig erschrocken, wie viel das war! Ich saß in der ersten Woche fast jeden Tag bis abends an meinem Schreibtisch. Das ist mir ganz schön auf die Nerven gegangen. Manchmal war ich kurz vorm Heulen. Ich hatte das Gefühl, gar keine richtige Freizeit mehr zu haben. Also habe ich meinen Vater gebeten, mich morgens schon um 7 Uhr zu wecken, bevor er das Haus verlässt. Ich habe dann eine Stunde gechillt, gefrühstückt und den Fernseher angemacht, bis meine Mutter gegen acht Uhr aufgestanden ist. Dann habe ich mich an die Aufgaben gesetzt. Das klappte besser und deswegen mache ich es nun, nach den Ferien, auch wieder so.

Die meisten Lehrer schicken ihre Aufgaben ordentlich und übersichtlich in einem Ordner und man kann Fragen stellen. Aber es gibt auch Lehrer, bei denen man merkt, dass sie sich weniger Mühe geben. Das finde ich nicht fair, das ärgert mich. Und es gibt andere Lehrer, die viel zu viel aufgeben und wegen denen man stundenlang nur an einem Fach sitzt, das man eigentlich an dem Tag gar nicht hätte. Es ist nicht einfach, sich alles selber beizubringen. Vor allem Mathe finde ich schwer, so ohne Lehrer. Viele Themen sind ja neu für uns. Ich würde lieber in der Schule sitzen und es erklärt bekommen und in der Pause mit meiner Freundin auf dem Schulhof rumlaufen. Diese Woche werden wir in einigen Fächern zu einer bestimmten Uhrzeit einen Anruf von unseren Lehrern bekommen. Das finde ich gut. Dann sitze ich nicht alleine am Schreibtisch. Es wird bestimmt total stressig, wenn die Schule wieder losgeht und wir dann eine Arbeit nach der anderen schreiben müssen.

Auf der Suche nach Beschäftigung

Nachmittags, wenn ich mit meinen Aufgaben fertig bin, gehe ich in den Garten oder versuche mich drinnen zu beschäftigen. Letztens habe ich im Fernsehen „Das große Backen“ gesehen und bekam plötzlich Riesenlust auch zu backen. Ich habe Haferflockenkekse und Brownies gemacht und mir für diese Woche einen Kuchen vorgenommen. Die Trainer meines Sportvereins denken sich fast jeden Tag eine sportliche Challenge aus. Sie tanzen zum Beispiel einen bestimmten Tanz und wir tanzen ihn nach und senden die Videos an die Trainer, die alle Videos sammeln und in ihren WhatsApp-Status stellen. Oder wir stoppen mit der Stoppuhr, wer sich am längsten im Ellbogenstütz halten kann.

Weiterlesen →

21. Apr. 2020
von Sonia Heldt
6 Lesermeinungen

15
29009

   

14. Apr. 2020
von Sonia Heldt
8 Lesermeinungen

22
20117
   

Nachtaktiv und übellaunig

Nachtaktiv und bei Ansprache übellaunig: Nai Bonet hat als Vampir in „Nocturna“ von 1979 mit Teenagern einiges gemeinsam.

Ich lese gerne die Anzeigen in der Wochenendausgabe unseres Käseblättchens. Letzte Woche las ich eine Anzeige, in der Eltern ihrem Sohn auf sehr sarkastische Art und Weise alles Gute zum achtzehnten Geburtstag wünschten. Sie schrieben, er solle ruhig so bleiben wie er wäre, weiterhin sein dreckiges Geschirr im Zimmer sammeln, chillen und die Nächte durchzocken und bloß niemals auf die Idee kommen, den Rasen zu mähen. Da wusste ich: Es trifft nicht nur mich. Sie sind überall, mitten unter uns – Teenager-Vampire, die unsere Gutmütigkeit und Geduld bis zum letzten Tropfen aussaugen und unseren Kühlschrank leerräumen. Bei Lara fing die Verwandlung letztes Jahr pünktlich zum fünfzehnten Geburtstag an. Mein Kind mutiert immer mehr zu einem Geschöpf der Nacht, das Joghurtbecher und leere Flaschen in seinem Zimmer sammelt, ständig telefonierend am Handy hängt, die Vormittagssonne meidet und die Zähne angriffslustig fletscht, sobald man es wagt, ihre Gruft unaufgefordert zu betreten.

Am Wochenende versammeln sich gerne ihre gleichgesinnten Freundinnen in unserem Keller, um ungestört und unbeobachtet gemeinsam zu kichern, Chips und Pizza zu essen, DVDs zu schauen, im Morgengrauen auf der großen Sofalandschaft einzuschlafen und erst am nächsten Mittag aufzustehen. Die Abgeschiedenheit des Kellers hat für meinen Mann, Maya und mich den Vorteil, dass wir ungestört durchschlafen können. Wenn Lara nämlich in ihrem Zimmer, das an unserem Schlafzimmer grenzt, die Nacht zum Tag macht, ist es aus mit der Nachtruhe. Sie sucht ständig die Toilette auf oder holt sich in der Küche etwas zu trinken und reißt uns damit regelmäßig aus dem Tiefschlaf. Also bin ich dankbar für unseren Keller und dankbar, dass Lara ihre Nächte am Wochenende bisher noch weitestgehend zu Hause verbringt und wir uns (noch) nicht ständig die Nächte um die Ohren schlagen, weil wir sie mitten in der Nacht von einer Party abholen oder uns Sorgen machen müssen.

Während der Schulzeit bleibt meiner Teenager-Tochter nichts anderes übrig, als zu einer menschlichen Tageszeit die Beine aus dem Bett zu schwingen. 7.20 Uhr, das ist montags bis freitags in etwa Laras Zeit, um unter Anstrengungen aus dem Bett zu kriechen. Wenn es gut läuft, 7.10 Uhr. Früher bewegt sie nicht einmal den kleinen Zeh. Da kann ich noch so oft durchs Haus brüllen und sie auffordern, ihren Handywecker endlich auszustellen, der jeden Morgen erfolglos ab 6.45 Uhr in Dauerschleife jault und jeden nervt – außer sie selbst, denn sie wird davon als Einzige nicht wach. Sie nimmt sich jeden Tag aufs Neue vor, zeitiger aufzustehen (weil sie sich z.B. ein besonderes, zeitaufwendiges Styling vorgenommen hat). Es bleibt gewöhnlich bei dem guten Vorsatz. Schon als Baby hatte meine Große einen äußerst komatösen und ausdauernden Schlaf. Einmal eingeschlafen, konnte man sie schlafend aus dem Auto tragen und problemlos in ihr Bettchen oder in den Kinderwagen umbetten. Sie schlief rasend schnell durch und wachte nicht einmal auf, wenn man direkt vor ihrem Zimmer staubsaugte oder die Musik aufdrehte. Selbst während Fahrradtouren nickte sie im Fahrradsitz ein, weil sie das urgemütlich fand. Jede Seite hat zwei Medaillen! Was früher angenehm war, raubt mir heute den letzten Nerv.

Die Schule startet pünktlich um 8 Uhr. Lara verlässt das Haus nie vor 7.50 Uhr, holt ihr Rad und strampelt zur Schule. 2,5 km, mehrere Ampeln inklusive. Ich benötige für die Strecke mindestens 10-12 Minuten, meine Tochter packt sie locker in 8. Zumindest hatte sie bisher noch keine einzige Verspätung auf ihrem Zeugnis. Es war mir immer wichtig, dass meine Töchter nicht mit leerem Magen das Haus verlassen. Ein Kakao oder ein Glas Saft und ein paar Bisse ins Brot, darauf habe ich von jeher bestanden. Aber irgendwann hat Lara einfach aufgehört morgens zu frühstücken: „Wann verstehst du das endlich! ICH-HABE-KEINEN-HUNGER!“ 30 Minuten reichen in der Regel morgens auch kaum aus, um ein einigermaßen passendes Outfit zusammenzustellen, an seiner Frisur zu verzweifeln, mit der kleinen Schwester im Badezimmer einen Revierstreit vom Zaun zu brechen, einen Wutanfall über einen neuen Pickel zu bekommen, Schuhe zu suchen und dann auch noch zu frühstücken. Unter der Woche herrscht bei uns morgens selten harmonische Stimmung.

Weiterlesen →

14. Apr. 2020
von Sonia Heldt
8 Lesermeinungen

22
20117

   

07. Apr. 2020
von Chiara Schmucker
3 Lesermeinungen

1
11009
   

Bitte nicht anfassen!

"Komm mir nicht zu nah" - für Tiere sind Kinder meist weniger vergnüglich als umgekehrt.
„Komm mir nicht zu nah“ – für Tiere sind Kinder meist weniger vergnüglich als umgekehrt.

Wenn mein Sohn Max auf ein Insekt trifft, ist das wie Russisches Roulette – natürlich für das Insekt. Max ist eineinhalb und ist nicht grade zimperlich, wenn er eine spannende Entdeckung wittert. Und Käfer, Bienen, Raupen und Regenwürmer zählen zu den alleraufregendsten Entdeckungen seines momentanen Alltags. 

Kürzlich entfuhr mir ein spitzer Freudenschrei, als ich in unserer Mahonie einen Marienkäfer entdeckte, der gerade dabei war, seine starren Glieder in der Frühlingssonne unserer Terrasse aufzuwärmen. Schon stand Max neben mir, drängelte und wollte direkt zupacken. Ich konnte den ersten Angriff verhindern und versuchte, das Tierchen dazu zu bewegen, freiwillig auf Max‘ jetzt ausgestreckte Hand zu krabbeln. Doch der Marienkäfer stellte sich tot – und so half Max etwas nach. Er drückte auf die gepunkteten Deckflügel, und da war es auch schon zu spät. Noch bevor ich den Tropfen bräunliche Flüssigkeit auf Max‘ Hand sah, wusste ich, dass der Marienkäfer die Neugier meines Sohns nicht überlebt hatte. 

Das gleiche Schicksal haben seither zwei Raupen, zwei Spinnen, drei Feuerwanzen, zwei weitere Marienkäfer und ein Regenwurm erleiden müssen. Wo auch immer Max ein Insekt oder ähnlich großes Tier entdeckt, drückt, zieht, quetscht er daran herum. Erst habe ich erklärt, irgendwann geschimpft. Inzwischen halte ich Max auf Abstand und rette die Tiere auf Mauern oder Blätter, die er nicht erreichen kann. Finde ich bei der Gartenarbeit ein Tier, behalte ich es in meiner Hand und schließe sie schnell, wenn Max‘ Grapschhand sich wieder nähert.

Wie erklärt man einem Kleinkind, dass auch Insekten Tiere sind, die man nicht einfach töten darf? Einem Kind, das mit dem Wort „tot“ noch gar nichts anfangen kann – und auch nichts anfangen können muss? Ich versuche es mit: „Max, schau, der Käfer geht kaputt. Nur gucken, nicht anfassen.“ Es klappt mäßig. „Max, das ist Papa Feuerwanze, er geht zur Arbeit. Das ist Mama Feuerwanze, sie geht auch zur Arbeit, schau wie schnell sie läuft, und das ist das Baby, so wie du.“ Schon besser. Max guckt aufmerksam und behält seine Finger bei sich. Am meisten Erfolg hat mein Mann: „Max, ein Käfer ist ein Tier, wie unser Hund, nur in ganz ganz klein.“ „Wawa“, sagt Max.

Einen Marienkäfer mit einem Hund zu vergleichen – ein kluger Schachzug. Denn Hunde kennt und liebt Max. Er weiß, dass sie zwicken, wenn man ihnen wehtut. Ganz vorsichtig ist er mit ihnen und gluckst vergnügt, wenn er mit seinem Finger behutsam Fell oder Schnauze berühren darf. 

Ich habe mir für meinen Sohn Natur gewünscht, die er anfassen kann, ohne dass ich befürchten muss, dass er Zigarettenkippen, Glasscherben oder Schlimmeres in die Hand bekommt. Dafür sind wir aus der Stadt hinaus ins Grüne gezogen. Ich wusste, dass es das Richtige ist, als ich beobachtet habe, wie ruhig Max im Wald wurde. Wie sicher er sich bewegte und den Geräuschen lauschte. Wie er Vögel in den Zweigen entdeckte und Käfer unter der Rinde alter Bäume. Ich will, dass Max die Natur entdecken und lieben lernt – aber auch respektvoll damit umgeht. Dazu gehört, keine Tiere zu zertreten, Äste abzubrechen oder Blumen abzureißen. 

Als Kind verbrachte ich jeden Sommer in einer Kinderfreizeit im Wald. Vorsichtig mit Tieren umzugehen, brachte es dort sogar zu einer Strophe im Ferienlager-Lied: „Frösche, Krebse, Salamander fangen niemals wir mit’nander“, hieß es da. Wir haben sie natürlich trotzdem gefangen, wollten doch wissen, wie sich so ein großer Frosch in der Hand anfühlt. Seine starken Beine und sein klopfendes Herz spüren. Wir wollten entdecken, untersuchen, alles ganz genau wissen. Die Liedzeile dichteten wir um in „Fangen fröhlich wir mit’nander.“ Nach kurzer Zeit ließen wir die Tiere wieder frei. 

Auch ich habe Schnecken gesammelt und mit Salat gefüttert, wir haben Schneckenrennen veranstaltet und einmal, als einer Schnecke das Haus gebrochen war, habe ich aus Neugier immer weiter daran herumgepult. Die Schnecke ist noch in der Nacht vertrocknet, bis heute habe ich deshalb ein schlechtes Gewissen. 

Ich kann Max‘ Entdeckerdrang also durchaus nachvollziehen, doch ich will ihn in positive Bahnen lenken. Deshalb fahren wir so oft wie möglich in den Wald, locken zu Hause die Katzen unserer Nachbarn mit Leckerli und beobachten Insekten aus sicherer Entfernung. Außerdem habe ich mir in einigen Internetforen Tipps geholt und für Max eine Becherlupe bestellt. So kann er sich die Tiere in Groß anschauen – ohne dass sie in Gefahr sind. Ich habe auch unseren Bücherbestand um das Thema Insekten aufgestockt; seit Corona haben wir ja viel Zeit zum Draußensein und Bücher lesen. „Die kleine Raupe Nimmersatt“ haben wir schon, jetzt kommt „Die kleine Spinne Widerlich“. Ein Buch, das selbst die größten Spinnenhasser gnädig stimmen soll. Mal sehen, was es nützt. 

07. Apr. 2020
von Chiara Schmucker
3 Lesermeinungen

1
11009

   

31. Mrz. 2020
von Martin Benninghoff
1 Lesermeinung

3
13060
   

Notbetreuung: Gutes Recht oder unsolidarische Extrawurst?

Selbst wenn die Kita für die Notbetreuung geöffnet ist: Es ist dort einsamer als sonst.

Mindestens 1,50 Meter Abstand, in die Armbeuge niesen und möglichst häufig Händewaschen – willkommen in einer Kita, wo solche guten Vorsätze garantiert nur Vorsätze bleiben!

Die Verhaltensregeln, die in Zeiten der Corona-Pandemie befolgt werden sollen, sind mit Klein- und Kleinstkindern faktisch nicht einzuhalten. Wenn ein Kind immer auf den Schoß und an die Hand möchte, wird es sich kaum auf Abstand halten lassen, und das wäre im Binnenverhältnis Erzieher-Kind wohl auch kaum angebracht. Kein Wunder also, dass viele Erzieherinnen und Erzieher nicht gerade begeistert sind, dass sie weiterhin Kinder in ihren Kitas betreuen sollen. Wenn auch nur in Kleinstgruppen und im Rahmen einer Notbetreuung für Eltern, die systemrelevante Berufe ausüben. „Berufsgruppen, die zur Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens unverzichtbar sind“, so nennt das hessische Gesundheitsministerium solche systemrelevanten Berufe in Corona-Zeiten.

Meine Frau und ich gehören dazu. Sie, die als Therapeutin traumatisierte und schwertraumatisierte Kinder und Jugendliche betreut, und ich als Journalist, der seine Aufgaben nicht mal eben so nebenbei oder abends erledigen kann und dabei hilft, das Informationsbedürfnis der Bevölkerung zufriedenzustellen. Andere Berufsgruppen: Ärzte, Pfleger, Technisches Hilfswerk, Richterinnen, Staatsanwälte, Polizistinnen, Hebammen und Kinderkrankenhelfer, aber auch Fachkräfte, die nach den Sozialgesetzbüchern oder dem Asylbewerberleistungsgesetz Geld auszahlen und somit dabei helfen, dass Menschen nicht in existenzielle Nöte rutschen. Die Regeln, wer Anspruch auf Notbetreuung bekommt, wurden mittlerweile in den meisten Bundesländern, nicht allen, gelockert: Es reicht, wenn ein Elternteil zur Riege dieser systemrelevanten Berufe gehört. Zuletzt ist Brandenburg nachgezogen.

Die Kitas – so die anfängliche Sorge – könnte die großzügige Bemessung, wer und was als systemrelevant gilt, vor Probleme stellen. Denn natürlich gilt der Schutz vor Infektionen auch für Erzieherinnen und Erzieher. Zudem: Die Tatsache, dass die Ausbreitung von SARS-CoV-2 verlangsamt werden soll, macht es grundsätzlich nötig, Gruppenansammlungen ab drei Menschen zu verhindern. In der Kita-Frage ergibt sich daraus ein Zielkonflikt: Nimmt man die Regeln ernst, müssten die Kinder zuhause bleiben. Will man den Betrieb am Laufen halten und nicht ganz Deutschland komplett stilllegen, müssen die systemrelevanten Berufsgruppen ihrer Tätigkeit nachgehen können.

„Steigende Betreuungszahlen erwartet“

Dass dieser Zielkonflikt nicht größere Welle schlägt, liegt daran, dass bislang relativ wenige Eltern von der Notbetreuung Gebrauch machen: In Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten aller Bundesländer, sind nach Angaben des Familienministeriums derzeit nur zwischen 2,4 und 4,7 Prozent aller Kinder in den Kitas und der Kindertagespflege notbetreut. Allerdings dürften die Zahlen in diesen Tagen steigen, nachdem die Regeln gelockert und die Gruppe der Berufe vergrößert worden sind.

Wir leben in Hessen und dürfen unseren Sohn seit vergangener Woche in die Notbetreuung schicken – haben die Möglichkeit aber bislang nicht genutzt.

Warum? Eine Antwort fällt nicht ganz leicht, denn wir hätten allen Grund, die Notbetreuung in Anspruch zu nehmen. Die Tage sind derzeit kaum zu organisieren, die Betreuung eines Dreijährigen mit zwei berufstätigen Elternteilen eine – wie sagt sich so euphemistisch – Herausforderung, die sich zumindest stundenweise nicht lösen lässt. Aber der erste Gedanke, der zugegebenermaßen eher meiner Frau als mir kam, war: Das geht in diesen Tagen fast allen berufstätigen Eltern so! Also schaffen wir das auch! Das zweite Argument ist eher rationaler Natur als das vorherige emotionale: Je öfter der Kleine in die Betreuung geht, desto höher ist das Infektionsrisiko für die Kita-Mitarbeiter und für ihn und damit auch uns selbst. Die Argumentation ist eine Mischung aus pragmatischen Gründen und emotionaler Scheu, in solidarischen Zeiten eine Extrawurst anzunehmen, selbst wenn sie einem per Gesetzgeber zugestanden wird.

„Es gibt keine zufriedenstellende Antwort“

Allerdings kommen auch Stunden, in denen wir das Angebot dennoch annehmen müssen, weil es nicht anders geht. Die Betreuung durch die Großeltern fällt vorübergehend aus, die Nachbarn im Haus, die selbst ein Kleinkind zu versorgen haben, helfen, wo sie können – aber sie stoßen natürlich ebenfalls an ihre Grenzen. Und die Babysitterin, die wir ab und beschäftigen, ist eine willkommene Hilfe, aber auch sie muss sich in diesen Tagen schützen. Insofern ist das Argument der Kitas, dass sich die Erzieher wie alle anderen schützen müssen, natürlich richtig – aber es gilt genauso für Menschen wie Babysitter oder Nachbarn, die sich in ähnlicher Weise exponieren würden. In der Frage gibt es deshalb – aus unserer Sicht – keine vollständig zufriedenstellende Antwort, sondern nur eine Abwägung, die man jede Woche und jeden Tag neu begründen muss.

Sollten die Betreuungszahlen in diesen Tagen weiter steigen, kommt es darauf an, die Kleingruppen in Kitas nicht häufig wild neu zu mischen und nicht zu groß werden zu lassen. Im Grunde wäre eine Eins-zu-Eins-Betreuung der sinnvolle Weg, allerdings lässt sich das nicht machen, das gibt der Personalschlüssel in Kitas nicht her. Im Übrigen ist die Notfallbetreuung – bei allen guten Gegenargumenten – ein wichtiger Rettungsanker, nicht nur für berufstätige Eltern in Schlüsselbranchen. So will die Stadt Karlsruhe beispielsweise die Notfallbetreuung auf jene ausdehnen, die von Berufs wegen nicht zur systemrelevanten Gruppe gehören: nämlich dann, wenn Eltern in schwierigen Verhältnissen Überforderung droht und somit das Kindeswohl gefährdet sein könnte. Dass der Frieden in ohnehin gestörten Familiensystemen derzeit einem Stresstest unterzogen wird, ist anzunehmen. Womit wir zugleich die Antwort haben, weshalb der Beruf meiner Frau, Psychotherapeutin, auch und leider gerade in diesen Tagen systemrelevant ist.

31. Mrz. 2020
von Martin Benninghoff
1 Lesermeinung

3
13060

   

24. Mrz. 2020
von Sonia Heldt
2 Lesermeinungen

7
14164
   

Was Kinder von der Langeweile lernen können

„Uns ist langweilig!“ Aber Eltern wissen: Kinder haben herausragende Fähigkeiten, sich selbst zu beschäftigen.

„Was machst du gerade? Mir ist langweilig.“ Diesen Satz höre ich in den letzten Tagen aus gegebenem Anlass wie viele andere Eltern, die mit ihren Kindern zu Hause festhängen, nun etwas häufiger. Maya möchte Federball, Findet-Hubi oder Kniffel mit mir spielen. Ich unternehme gerne etwas mit meinen Kindern, fahre mit ihnen Rad, spiele leidenschaftlich gerne Kniffel und Stadt-Land-Fluss und manchmal auch Federball und Tischtennis, aber ich stehe auf keinen Fall auf Abruf parat. Wenn ich zu tun habe, erwarte ich von Maya, dass sie sich alleine beschäftigt und in diesem Fall nicht nonstop zum Smartphone greift. Einer Zwölfjährigen „Nein, ich habe jetzt keine Zeit für dich“ zu sagen ist natürlich einfacher als einem jüngeren Kind, das nicht immer versteht und auch nicht akzeptieren will, wenn man es abweist. 

Geschwister vereinfachen in dieser Hinsicht vieles. Maya hatte großes Glück. Ihre dreieinhalb Jahre ältere Schwester Lara gab die perfekte Spielpartnerin ab. Lara war schon als kleines Kind ungemein kreativ und fantasievoll. Sie brauchte nicht viel, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. Im Sommer reichte ihr ein Gefäß, mit dem sie in Garten Käfer sammeln konnte, oder die Schaukel. Wenn gerade keine Spielgefährtin verfügbar war, unterhielt sie sich angeregt mit ihren Stofftieren oder anderen imaginären Freunden. Das konnte auch schon mal ein Baum sein. Brettspiele oder angeleitete Spiele lehnte sie größtenteils ab. Die waren ihr zu fade, sie lebte lieber in ihrer eigenen Fantasiewelt. Als Maya alt genug war, dass Lara etwas mit ihr anfangen konnte, baute Lara die kleine Schwester wie selbstverständlich in ihre Rollenspiele ein. Zusammen richteten meine Töchter pompöse Puppen-Hochzeiten aus, verwandelten den Garten in ein riesiges Ponyhofgestüt oder bauten sich unter dem Hochbett eine Höhle und spielten „Eingeschlossene Kinder im Schneesturm“. Dadurch war auch ich sehr verwöhnt. Meine Kinder waren immer beschäftigt und ich konnte zu Hause ungestört meine Arbeit erledigen. Zwischendurch baten sie mich höchstens um Verpflegung für ihre Weltreise durch den Garten oder um Taschenlampen, damit sie im Keller Sankt Martin spielen konnten.  

Als Lara langsam in die Pubertät kam, wurden die gemeinsamen Spiele mit der Schwester weniger und Maya mutierte – zumindest spieltechnisch – zum Einzelkind. Immer öfter zog die Langweile bei ihr ein. Maya gehörte zu den wenigen Grundschulkindern, die mittags nach Hause kamen. Fast alle ihre Freundinnen nahmen an der Ganztagsbetreuung in der Schule teil, kamen erst nachmittags nach Hause und hatten anschließend noch diverse Freizeitaktivitäten. Einen gemeinsamen Spieltermin mit Freundinnen zu finden, war manchmal schwerer als einen EU-Sondergipfel einzuberufen: „Montag? Nein, montags kann Lilly nicht. Wenn sie aus der Betreuung kommt, muss sie zum Ballett. Dienstag dann Klavier und Donnerstag Schwimmunterricht. Mittwoch würde gehen, aber erst ab halb fünf, wenn ich sie von der Betreuung abgeholt habe. Aber da hat deine Maya ja Tanzen. Vielleicht kannst du Lilly am Freitag früher aus dem Ganztag abholen? Das haben die Betreuer zwar nicht gern, aber ich frage nach, ob es ausnahmsweise geht.“ Der Alltag vieler Kinder ist oft schon im Kindergarten streng durchgetaktet. Da bleibt wenig Zeit fürs Nichtstun oder Langweile. Dabei ist Langweile nicht immer negativ und eigentlich sehr wichtig. Langweile tut nicht weh. Langweile fördert die Kreativität, das ist wissenschaftlich belegt. Durchatmen und einen Moment für sich alleine haben. Ohne Geräuschkulisse. Selbst entscheiden, was man mit der freien Zeit anfängt. Sich selbst organisieren. Eigene Spiele erfinden. Eigenständig entscheiden, was man unternehmen möchte. Vor einem leeren Blatt Papier sitzen und nicht wissen, was darauf in der nächsten Stunde entstehen wird: Ein Bild? Eine Geschichte? Ein Klebemosaik? Mit selbst zusammengesuchten Materialien etwas erschaffen, ohne Anleitung oder Bauplan. Eigene Ideen entwickeln. Nachdenken. Staunen, zu was man fähig ist.

Leider haben wir Erwachsenen oft das Gefühl, es grenzt an Vernachlässigung, sobald wir unsere Kinder nicht sinnvoll beschäftigen. Dabei müssen wir kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir sagen: „Beschäftige dich jetzt mal eine Weile alleine.“ Es tut den Kindern gut. Natürlich brauchen sie Struktur in ihrem Alltag, aber auch unverplante Zeit gehört unbedingt in den Tagesablauf. Und nicht alles, was ein Kind tut, muss einen Sinn oder einen sichtbaren Lerneffekt haben.

Weiterlesen →

24. Mrz. 2020
von Sonia Heldt
2 Lesermeinungen

7
14164

   

17. Mrz. 2020
von Anneli Pereira
9 Lesermeinungen

6
16493
   

Vielleicht noch schnell ein Hamsterrad kaufen

Tag 1: Kitas und Schulen sind seit heute geschlossen. Meine 5-jährigen Zwillinge sind zu Hause. Mein Mann und ich können im Home Office arbeiten. Das ist mit Kindern zwar nicht unbedingt entspannt, aber es geht. Irgendwie. Wie lange wir in dieser Isolation leben werden, kann derzeit niemand sagen. Experten gehen aber nicht von Tagen, sondern Wochen aus. Bundespräsident Frank Walter Steinmeier appelliert: „Unsere Selbstbeschränkung heute, rettet morgen Leben.“ 

Kinder und gesunde Erwachsene unter 65 Jahren überstehen eine Infektion mit dem Corona-Virus meist ohne größere Probleme. Diese Tatsache wiegte mich lange in Sicherheit. „So schlimm wird es schon nicht werden,“ dachte ich mir. Aber hier geht es nicht um meine Kinder, meinen Mann oder mich. Hier geht es um meine Eltern, Schwiegereltern, den krebskranken Nachbarn oder die ältere Dame, die immer an unserer Bushaltestelle sitzt und dennoch nie in einen Bus einsteigt. Sie sitzt einfach nur da und lässt das Leben der anderen an sich vorbeiziehen. Es geht darum, diese Menschen zu schützen und dafür gibt es derzeit nur ein wirksames Mittel: zu Hause bleiben! 

Familien mit kleinen Kindern kennen die Situation. Krankheiten gehören zu unserem Alltag. Wer das erste Krippenjahr ohne Infektionen überstanden hat, schmeiße die erste Atemschutzmaske rüber. Meine beiden Söhne waren ständig krank. Mein Mann und ich auch. Alle zwei Wochen spielten wir „Catch me if you can“ und luden jedes Mal ein anderes der mehr als 300 unterschiedlichen Erkältungsviren dazu ein. 

Viren, die bei uns Erwachsenen gerade mal die Nase zum Laufen bringen, sorgen bei kleinen Kindern meist für hohes Fieber. Schon ab einer Temperatur von 38 Grad heißt es dann: Kindergarten- und Krippenverbot!  Das Kind soll sich zu Hause erholen und natürlich keine anderen Kinder in der Einrichtung anstecken. An diese Vorgabe halten sich aber längst nicht alle. Die Erzieherinnen in unserer städtischen Kita berichteten von Fällen, wo Eltern ihren Kindern Ibuprofen-Saft in die Trinkflaschen gemischt hatten. Diese Fiebersäfte sind wahre Wundermittel. Ein fiebriges, lethargisches Kind verwandelt ein Schluck Ibo in Nullkommanix wieder in einen tobenden Rabauken, der seine Keime fröhlich durch die Gegend prustet. Auch ich habe meine Söhne schon mal mit leichtem Fieber in den Kindergarten gebracht. Was sollte auch schon passieren, dachte ich mir. So ein bisschen Schnupfen ist ja keine schlimme Krankheit. Kinder sollen ja ihr Immunsystem trainieren. Meine Einstellung änderte sich schlagartig, als Madita in unseren Kindergarten kam. Die 6-Jährige hatte gerade eine Nierentransplantation hinter sich gebracht. Damit ihr Körper das neue Organ nicht abstößt, musste sie Medikamente nehmen, die ihr Immunsystem unterdrücken. Ein kleiner Schnupfen, so erklärte ihre Ärztin auf einem Elternabend, könnte für Madita wirklich gefährlich werden.  

Mit dem Corona-Virus verhält es sich nun ganz ähnlich. Ein bisschen Husten für die einen, Lebensgefahr für die anderen. Es ist richtig, dass das öffentliche Leben eingeschränkt und, Fußballspiele, Theaterveranstaltungen und Messen abgesagt werden. Auch der wöchentliche Mädelsabend mit meinen Freundinnen, das Familienessen am Sonntag und auch das Ostereiersuchen bei Oma im Garten werden für uns ausfallen. Das ist sehr schade, aber notwendig. Ich stelle mich in nächster Zeit auf ein Leben ein, dass sich in unseren vier Wänden abspielen wird. Und das wird anstrengend!

Mit zwei fünfjährigen Jungs über Tage, vielleicht Wochen, in der Wohnung zu hocken, ist in etwas so artgerecht wie die Haltung eines Rudels Huskywelpen in einem Apartment in Kuala Lumpur. Irgendwann werden die Kinder anfangen die Couch anzuknabbern. Vielleicht sollte ich noch schnell ein Indoortrampolin bestellen. Oder statt zu hamstern lieber gleich ein Hamsterrad im Großformat kaufen. Wir werden uns anschreien, genervt voneinander sein und zwischendurch ganz oft Rommé spielen. Es wundert mich nicht, dass in China, nachdem die Quarantäne-Regeln gelockert wurden, viele Ehepaare als erstes zum Standesamt liefen, um sich scheiden zu lassen. Auch für unsere Familie wird es eine Herausforderung, so viel steht fest. Aber was ist das schon im Vergleich zu dem, was auf die schwer Erkrankten, Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger alles zukommen wird?

Ich hoffe darauf, dass sich die Mum-Blogger-Blase vereinigt und jeden Tag das Netz mit Bastelanleitungen, Quarantäne-Spielen und sonstigen hilfreichen Tipps füllt, wie es zum Beispiel Mutti so yeah schon tut. Erziehungs-Influencer wie Supernanny Katharina Saalfrank könnten sich einschalten und Eltern dabei helfen, den Alltag zu strukturieren. Ich habe eine kleine Tafel aus dem Keller gekramt, auf der wir nun Tagesablauf festhalten wollen: Wann müssen Mama und Papa arbeiten, wann sollen sich die Jungs alleine beschäftigen, was gibt es zum Mittagessen und wann nehmen wir uns zu viert Zeit, um die Ritterburg aufzubauen. Mir selbst werde ich eine Corona-Ticker Auszeit verordnen. 

Es fühlt sich an, als ob jemand auf die Stopp-Taste in einem Film gedrückt hat. Eben noch Feelgood-Movie, jetzt angekommen in der Realität! Corona zeigt uns allen, dass auch wir in Europa nicht unverwundbar sind. Dass kollektive Krisen nicht nur woanders passieren, sondern hier. Ich wanke zwischen Pragmatismus, Endzeitstimmung und Faszination. Was passiert da gerade mit uns und der Welt? Wird es jemals so sein wie vorher? Und wollen wir überhaupt, dass alles so wird wie vorher oder ist nun der Moment der ultimativen Katharsis gekommen? 

Bis vor ein paar Tagen hätte niemand sich vorstellen können, was jetzt bereits Alltag ist. Läden machen dicht, Spielplätze schließen und sogar die Klopapierwitze werden weniger. Meine größte Sorge war noch vor zwei Wochen, ob unsere Wohnung Instagram tauglich ist. Ich bin fast ein bisschen erleichtert, dass mich das Weltgeschehen auf das wirklich Wesentliche zurück katapultiert hat.

Corona-Prävention ist keine Ansichtssache mehr. Wir hängen da alle mit drin. Und wenn wir das einmal verstanden haben, werden wir hoffentlich auch zukünftige Krisen besser bestehen können. Der Kampf gegen den Klimawandel ist da nur ein Beispiel von vielen. „Heute verzichten, um morgen Leben zu retten.“ Ja, diesen Spruch sollte man sich aufs Geschirrtuch sticken.

Und die Kinder? Tiago und Fabian finden die Coronaferien natürlich wunderbar. Sie verstehen zwar, dass da draußen irgendwo ein Virus unterwegs ist und dass sie sich nun gut die Hände waschen und dabei Happy Birthday singen sollten. Mehr wollen und müssen sie derzeit auch nicht wissen.

Für uns Erwachsene heißt es nun: Abwarten und Wein trinken. Und wenn das nichts hilft, haben wir immer noch Netflix.

17. Mrz. 2020
von Anneli Pereira
9 Lesermeinungen

6
16493

   

10. Mrz. 2020
von Sonia Heldt
3 Lesermeinungen

7
44903
   

Waren wir etwa auch so leichtsinnig?

Endlich legal feiern gehen: Das ist für viele Jugendliche das Aufregendste am 16. Geburtstag.

„Ich bin so froh, wenn ich endlich sechzehn werde!“, seufzt meine Tochter Lara seit Monaten in regelmäßigen Abständen sehnsüchtig. Sechzehn – die Zahl hört sich wie eine Offenbarung für sie an. So eine kindliche Aufregung vor einem Geburtstag habe ich das letzte Mal bei ihr vor mehr als zehn Jahren erlebt. Doch dieser Geburtstag wird für sie besonders: Mit sechzehn kann man offiziell auf Oberstufenpartys aufschlagen, Diskotheken besuchen, Bier und Wein kaufen – paradiesische Zustände für eine Heranwachsende, die bisher nur mager am Nachtleben nippen durfte. Sechzehn ist fast erwachsen! Dann wird man ernst genommen! Nicht mehr als Kind abgestempelt!  

Ich verstehe meine Tochter. Vor mehr als drei Jahrzehnten fieberte ich meinem sechzehnten Geburtstag genauso heiß entgegen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie es im Bauch kribbelte, als ich mit fünfzehn mit meinen Freunden vor dem Eingang unserer Heimatdisco stand – dem sagenumwobenen Kultladen schlechthin. Im Inneren des abgewrackten Mauerwerks hielt sich das ganze Who-is-Who der Umgebung auf. Ich wollte so gerne zwischen all den älteren coolen Oberstufenschülern und den noch cooleren Twens stehen, tanzen und dazugehören. Ich stand mit klopfendem Herzen in der Schlange, versuchte einen gleichgültigen Gesichtsausdruck hinzukriegen und betete, dass der Türsteher mich nicht fokussierte. Wenn er abgelenkt war, klappte das manchmal und ich schlüpfte an ihm vorbei, geradewegs hinein ins Paradies. Lief es für mich schlecht, bekam ich das gefürchtete Wort zu hören: „Ausweis!“  Ich riss verstört die Augen auf und faselte etwas von „vergessen“ oder „verloren gegangen“. Er machte eine wegwerfende Bewegung und sagte arrogant (seine Spezies war nie nett zu uns Teenagern): „Tschüss!“ und ich trat mit hochrotem Kopf den Rückzug an. Für schlecht gefälschte Schülerausweise hatte er nur ein müdes Lächeln übrig. Damit kam man ihm am besten erst gar nicht. Es half also nur eins: endlich sechzehn werden! Es fühlte sich wie grenzenlose Freiheit an, als ich schließlich meinen frisch ausgestellten Personalausweis in der Hosentasche hatte. Triumphierend hielt ich dem Türsteher ein paar Tage nach meinem sechzehnten Geburtstag die Plastikkarte unter die Nase und passierte zum ersten Mal offiziell autorisiert die Zaubertür. Adieu, ihr Babys, geht nach Hause! Hier drinnen spielen nur die Großen, und ich gehöre ab jetzt dazu!

Ich habe meine Jugendzeit genossen. Sie war wohl die intensivste und prägendste Phase meines Lebens: Immer unterwegs, Freunde treffen, Spaß haben, Cappuccinos im Café schlürfen, in die Disco gehen, die ersten Urlaube alleine (siebzehn endlose Stunden mit dem Reisebus nach Italien in ein mies gelegenes Hotel mit Etagenbad, schlechtes Essen inklusive – damals die besten zwei Wochen meines bisherigen jungen Lebens). Hinzu kamen die vielen persönlichen Katastrophen, wie Liebeskummer oder Streit mit der allerbesten Freundin. Diese Themen dominierten meine Gedanken und meinen Alltag. Die Schule lief mehr oder weniger nebenher und weil ich ständig pleite war, musste ich nebenbei tüchtig jobben. Mir Gedanken über meine berufliche Zukunft machen? Echt jetzt? Was weiß ich denn, was ich für den Rest meines Lebens machen will und warum soll ich ausgerechnet jetzt Mathe pauken, wo es doch so viele wichtigere Dinge in meinem Leben gibt und ich außerdem dauernd müde bin?  

Weiterlesen →

10. Mrz. 2020
von Sonia Heldt
3 Lesermeinungen

7
44903

   

05. Mrz. 2020
von Martin Benninghoff
1 Lesermeinung

2
11046
   

Fernab von aller Coronavirus-Hysterie

Wie geht Handhygiene? Kinder in Indonesien üben richtiges Händewaschen.

Wenn man manchen Journalisten Glauben schenken darf, bricht in diesen Tagen eine „Hysterie“ oder „Panik“ wegen des neuartigen und bis dato reichlich unbekannten Coronavirus aus. „Menschliche Sensationsgier und mediale Übertreibungslust haben mit vereinten Kräften eine Psychose herbeigeführt, gegen die das Gegengift der Aufklärung derzeit keine Chancen hat“, schrieb beispielsweise der Journalist Gabor Steingart in seinem Newsletter „Morning Briefing“, um sich dann zu einer pauschalen Kritik der Medienlandschaft herabzulassen, zu der er freilich selbst gehört: „Die Zahl der Corona-Live-Ticker auf den Online-Portalen übertrifft deutlich die Zahl der Verdachtsfälle. Die Vernunft steht weltweit unter Quarantäne.“ Als wenn es einen irgendwie gearteten Zusammenhang zwischen der Liveticker-Dichte auf Nachrichtenseiten und der Corona-Fallzahlen gäbe, aber für einen ernsten Gedanken im Gag-Format nimmt der Autor in Aufklärer-Pose das nicht so genau.

Nun kenne ich aktuell den Hysterie-Faktor im Berliner Stadtteil Charlottenburg nicht, wo Steingarts Redaktion ihren Sitz hat. Aber ganz so schlimm – und das sind nur meine persönlichen und subjektiven Erfahrungen der vergangenen Tage aus dem Rhein-Main-Gebiet – ist die „Hysterie“ nicht, trotz mancher sicherlich übertriebener Hamsterkäufe und abgesagten Massenveranstaltungen. Was ist los mit uns, dass wir das schon für eine Hysterie halten? Liegt es vielleicht daran, dass wir in einer saturierten Gesellschaft leben, in der Krisen nur noch selten vorkommen, so dass uns die Maßstäbe aus der Bahn geraten? Sind wir so der Krise entwöhnt? Das hielte ich zunächst für einen positiven Befund. Warum dann nur diese harsche Hysterie-Kritik, wenn der Notstand nun wahrlich längst nicht ausgebrochen ist?

Die Vernunft ist vielleicht nicht unbedingt in solchen Debattenbeiträgen zu suchen, sondern eher an der Basis, sogar in Kindergärten. Oder gefragt: Was würde eigentlich passieren, würde das Coronavirus die Lungenkrankheit „COVID 19“ massenweise bei Kindern auslösen? Dass das glücklicherweise offenbar nicht so ist und sowohl die Kindergärten als auch die Schulen und die meisten Eltern, die ich kenne, mit Maß und Mitte auf die Corona-Bedrohung reagieren, zeigt doch eher: Von einer „Hysterie“ ist unsere Gesellschaft meilenweit entfernt – und das ist auch gut so. Der Grat ist allerdings schmal – und schon morgen könnte sich die Gemütslage der Deutschen drehen, wenn Kinder, die Schutzlosesten in unserer Gesellschaft, stärker betroffen wären. Eine Hysterie, wie sie Steingart und andere jetzt schon beklagen, wäre in der Tat nicht mehr weit.

Und natürlich ist das Coronavirus Thema in der Kita unseres dreijährigen Sohnes. Der Träger der Einrichtung hat eine Information versandt, in der er auf die üblichen hygienischen Maßnahmen eingeht, viel mehr allerdings wurde nach außen nicht kommuniziert. Es ist klar, sobald ein erster Verdachtsfall im Umfeld auftauchen würde, bei den Eltern oder Erziehern, würde die Kita geschlossen werden und die Beteiligten müssten in Quarantäne. So wie das in diesen Tagen in bayerischen Schulen der Fall ist, von Italien ganz zu schweigen. Unsere Sorge bezieht sich aktuell allerdings noch weniger auf die Krankheit an sich, als vielmehr auf die Probleme, vor die uns eine solche Schließung der Kita stellen würde, weil wir dann keinen Babysitter aus dem Hut ziehen können und selbst beruflich ins Schwimmen geraten. Auch wenn diese Sorge natürlich wie Hohn im Ohr eines Betroffenen klingt, der ernsthaft erkrankt ist. Aber man lebt mit den Herausforderungen, die sich im unmittelbaren Umfeld stellen – und nicht unbedingt mit den weiter entfernten Katastrophen. Das kann man kritisieren, ist aber nun mal so.

Wie erkläre ich’s dem Kind?

Nachdem Italien wegen des Coronavirus alle Schulen und Unis vorübergehend geschlossen hat, rückt diese Gefahr auch in Deutschland in greifbare Nähe, zumal erste Schulen ja bereits Konsequenzen gezogen haben. Spätestens dann – sollten die Kinder nicht ohnehin mehrere Stunden am Tag vor den Livetickern sitzen, um nochmal auf Steingart zurückzukommen – müssen Eltern ihren Kindern erklären, was dieser ominöse Virus eigentlich macht und wo er herkommt. Die wichtigste Anmerkung dazu: Kinder sollten und brauchen keine Angst zu haben, nicht nur, weil sie offenbar ein geringeres Risiko als Erwachsene haben zu erkranken, sondern weil es keinem etwas nutzen würde, wenn sich noch die Kinder ängstigen in einer ohnehin leicht nervösen Gesellschaft. Wenn Eltern also Sicherheit und Gelassenheit ausstrahlen, so schwer es fallen mag, wäre allen geholfen.

Dabei kann die Erkenntnis helfen, dass bei jenen Kindern, die sich mit dem Virus infiziert haben, der Krankheitsverlauf bislang meistens milde ist. Allerdings spiegelt das nur die derzeitige Datenlage wider, längst ist nicht gesagt, dass es dabei bleibt. Aber im Lichte der aktuellen Erkenntnisse sieht es tatsächlich so aus, als seien Kinder seltener beziehungsweise schwächer betroffen. Aber zu sorgloser Entwarnung besteht ebenso kein Grund, alleine schon deshalb, da Kinder die Infektion übertragen und damit für Verbreitung sorgen können. Was also tun? Es ist ja schwierig genug, mit Kleinkindern über Hygienemaßnahmen zu reden. Aber ignorieren geht auch nicht.

Unser Kleiner hat überall seine Finger, das ist bei anderen Kleinkindern selbstredend nicht anders. Wir versuchen schon derzeit, dass er sich eher häufiger als sonst die Hände wäscht, erst recht, wenn er morgens in die Kita geht oder am Nachmittag nach Hause kommt. Zudem kann man ihm ganz gut erklären, dass die kleinen, fiesen Viren unsichtbar sind, aber furchtbar gerne an den Fingern kleben bleiben, so dass es auf jeden Fall eine gute Idee ist, in die Armbeuge statt auf die Finger zu niesen. Wer noch „Karius“ und „Baktus“, zwei spielerische Figuren für die Zahnhygiene kennt, wird sich für die Virenmonster auch einen netten Namen einfallen lassen können.

Hinzu kommt: Eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, die Kinder zuhause zu lassen, wenn sie anfänglich krank sind. Aber auch das kenne ich aus eigener Erfahrung: An Tagen, an denen wichtige berufliche Termine anstehen, ist man mitunter schnell dabei, derlei Regeln locker auszulegen. Frei nach dem Motto: Wenn es gar nicht geht, holen wir ihn früher ab. Bevor hier der Shitstorm losgeht, Gegenfrage: Können sich alle Eltern von solchen Gedanken wirklich freisprechen? Wie auch immer, in der derzeitigen Lage sollten Eltern sichergehen, dass ihre Kinder gesund sind, wenn sie in die Kita gehen – bei stärkeren Schnupfensymptomen, die man ansonsten etwas lockerer sehen könnte, bleiben die Kleinen besser zuhause. Das muss ich mir selbst ins Stammbuch schreiben.

Aber wann wird aus berechtigter Sorge eine Hysterie? Wenn Medien berichten – und viele tun das in sehr verantwortungsbewusster Weise? Wohl kaum. Oder wenn Messen abgesagt werden? Oder wenn Kindergeburtstage abgesagt werden? Das ist eine Frage des richtigen Zeitpunkts. Was heute noch als „Hysterie“ gilt, kann morgen schon eine angemessene Maßnahme sein. Es ist jedenfalls noch nicht die Zeit gekommen, die Kleinen nur noch alleine und ohne Freunde vor sich hinspielen zu lassen. Hoffentlich kommt es auch nicht dazu. Denn Eltern, die Angst um Kinder haben, neigen nicht unbedingt zu vernunftbegabten Entscheidungen. Und dann würde aus einer Krise tatsächlich eine Art „Hysterie“ werden. Stoff fürs nächste Morning Briefing.

05. Mrz. 2020
von Martin Benninghoff
1 Lesermeinung

2
11046

   

25. Feb. 2020
von Anneli Pereira
7 Lesermeinungen

6
16459
   

Drei Kinderzimmer, Küche, Bad

Das Leben mit Kindern ist bunt. Ob man das so möchte oder nicht.

Manche Menschen stellen sich Möbel in die Wohnung, wieder andere haben sogar Interieur. Und ich? Ich habe Kinder. Unsere Münchner Wohnung besteht aus drei Kinderzimmern, Küche und Bad. Und meine beiden Söhne beanspruchen jeden Quadratzentimeter davon. Kleine Tour gefällig? In unserer offenen Wohnküche erhebt sich eine Playmobilwelt, bestehend aus einer Marsstation und einer Raketen-Abschussrampe. Während ich diese Zeilen schreibe, entsteht unter dem Küchentisch das, was der Deutschen Bahn nicht gelingen mag: ein Schienennetz, das seinen Namen auch verdient. Unser Parkett durchziehen kraterähnliche Furchen, die Wände sind von Einwurflöchern gezeichnet und das hellgraue Sofa sieht aus, als wäre es eine Leinwand von Jackson Pollock. Dazwischen findet sich allerlei, was Marie Kondo wohl als Komono bezeichnen würde: Kleinkram in Form von Plastikspielzeug aus Überraschungseiern, einem Stempel mit Dinosauriermotiv, verknickte UNO-Karten, oh, ein Spielwürfel (den hab ich schon gesucht) und: Legosteinchen! Mein persönlicher Aufräum-Endgegner. Seit sich die Fünfjährigen für Lego interessieren, ist das Tor zur Hölle offen. Wir sprechen hier von mehr als 500 Teilen pro Set. Winzige Schwerter, Kristallsteinchen und Ritterhelme. Es ermüdet mich schon darüber zu schreiben. Wenn ich ans Aufräumen denke, möchte ich auf der Stelle in einen 15-jährigen Tiefschlaf verfallen und erst wieder aufwachen, wenn Tiago und Fabian mit gepackten Koffern im Flur stehen, um in ihr erstes WG-Zimmer zu ziehen.

Es muss doch zu schaffen sein, trotz Kindern Ordnung und ein gewisses Maß an Design in die Bude zu bekommen. Oder? Zuerst habe ich es mit Aufräumen und Ausmisten probiert. Natürlich nicht ohne vorher Marie Kondos Bestseller „Magic Cleaning“ zu lesen. Alles muss raus. Zumindest das, was einen nicht glücklich macht und somit Freude versprüht. Kein Problem! Zumindest für mich. Während ich Klamotten, Sandwichmaker und sogar Postkarten kaltblütig entsorge, sind meine Männer da sehr zartbesaitet. „Die Weinkorken brauch ich noch, da will ich eine Fußmatte draus basteln“, jammert mein Mann. „Oh, und dieser kitschige Teller aus Chiang Mai, mit meinem unscharfen Foto drauf, ist doch so eine schöne Erinnerung an unseren Thailand-Urlaub.“ Okay, bei solchen Souvenirs kann ich das ekstatische Hochgefühl ja noch einigermaßen nachvollziehen, aber irgendwann hört es auf. „Mama, nein! Nicht die Stöcke wegschmeißen!“, kreischt Tiago. Einen ganzen Nachmittag hat er Treibgut am Ammersee gesammelt. Große, kleine und vor allem morsche Äste. Mit einem guten Filter auf der richtigen Kommode fotografiert, wäre dieses Totholz eigentlich ein super Instagram-Post: #solebich.  

Auf Instagram swipe ich mich gerne durch Profile, die herein.spaziert oder the_salonette heißen, und tauche ein ins Einrichtungs-Paradies. Kinder leben dort auch, aber die spielen nicht mit Lego, sondern mit fotogenen Holzregenbögen. Manchmal steht auch ein Bobby-Car, das an einen Mercedes-Oldtimer erinnert, mitten im Petrol gestrichen Wohnzimmer. Und Ablageflächen werden zu Arrangements diverser Vasen und Deko-Artikel genutzt. Alles Fake? Vielleicht. Und ich liebe es trotzdem! Seitdem träume ich von einem Designer-Stuhlmix, schön arrangiert um einen neuen, weißen Esstisch. „So ein Tisch überlebt bei uns keine zwei Tage“, sagt mein Mann. Und er hat recht, ich weiß, dass er recht hat. Doch ich will es nicht wahrhaben und phantasiere weiter.

Anstatt zu akzeptieren, dass das Wohnen mit Kindern zwar schön, aber eben nicht „Schöner Wohnen“ ist, bin ich zum absoluten Interior-Victim geworden. Warum sollte ich mir schicke Klamotten und hohe Schuhe kaufen, wenn sich sowieso keine Gelegenheit ergibt, so was anzuziehen? Das Nest muss schön sein! Schließlich verbringen wir hier die meiste Lebenszeit. Und wenn da draußen schon alles drunter und drüber geht, Klimakatastrophen und Killerviren drohen, dann ziehe ich mich doch lieber in meine eigenen perfekt gestrichenen vier Wände zurück.

Meine Wohnung, meine Welt. Das war bei mir schon immer so. Mein Kinderzimmer habe ich früher monatlich umdekoriert. In Ermangelung neuer Möbel verrückte ich mein Bett, tauschte hier und da ein Poster an der Wand aus oder pinselte in meiner ganz wilden Phase Sprüche von Rage against the Machine an die Wand: „Fuck you, I won’t do what you tell me“. Zu mehr Rebellion hat es in meiner Pubertät nicht gereicht. Was ich damit aber eigentlich sagen möchte: Die Wohnsituation spiegelt unser Leben wider. Und wenn letzteres im Familienchaos zu versinken droht, dann könnte ein picobello aufgeräumtes Wohnzimmer vielleicht die Ruhe ausstrahlen, die mir so oft abgeht. Mein Mann sieht das auch so, ist aber realistischer, was den Zeithorizont angeht: „Amor, wir renovieren, wenn die Kinder groß sind.“


Die nächsten zehn Jahre leben wir dann halt einfach und wohnen weniger.

25. Feb. 2020
von Anneli Pereira
7 Lesermeinungen

6
16459