Schlaflos

Schlaflos

Das Familienblog der F.A.Z.

17. Jan. 2019
von Anna Wronska
2 Lesermeinungen

10
15353
     

Leben mit dem Tüdeldü-Opa

© Picture AllianceDemenz und Baby mag noch angehen, bei einem lauten Kind mit Bewegungsdrang wird es schwierig: Opa und Enkel

„Ihr dürft auf keinen Fall herkommen, auf mich wird geschossen!“, sagte Opa neulich am Telefon. Wir waren gerade mit unseren beiden Kindern in den Zug gestiegen, um ihn zu besuchen. Ich sah zunächst nur, wie meinem Mann am Handy die Gesichtszüge entglitten und hörte ihn merkwürdige Nachfragen stellen. Wie ich später erfuhr, ging die ganze Geschichte so: Sein Vater hatte auf der Hochzeit seines Angestellten, eines Kraftfahrers, den Chauffeur gespielt, als Unbekannte das Feuer eröffneten. Wir sollten umkehren, oder nein, lieber nicht umkehren, aber am Bahnhof gleich zur Polizei gehen und unseren Namen nennen, dort wisse man Bescheid. „Aber Heinrich, du hast doch gar keine Angestellten!“, sagte mein Mann zu ihm. „Es ist etwas kompliziert“, gab Opa zu. Er werde sich wieder melden, wenn die Gefahr vorüber sei.

Drei Stunden später, es war früher Nachmittag, saß derselbe Opa im abgewetzten Bademantel entspannt auf seinem Sofa, streichelte seinen alten English Setter und freute sich, uns zu sehen. „Hattet ihr eine gute Fahrt?“ Unser Vierjähriger setzte sich zu ihm und plapperte drauflos, von dem Aussetzer zuvor hatte er nichts mitbekommen. Glück gehabt, wieder einmal. Die Gefahr war vorüber.

Der Vater meines Mannes ist 80 Jahre alt und dement, und zwar seit mindestens sechs Jahren, schätzen wir. Die Diagnose bekam er vor drei Jahren, nach einem mysteriösen Kollaps in seinem Haus. Er ist Witwer und wohnt 200 Kilometer von uns entfernt. Der Versuch, ihn nach einem längeren Krankenhausaufenthalt in einem Seniorenwohnheim mit Demenzstation unterzubringen, endete erfolglos und mit hässlichen Vorwürfen seinerseits. (Das Gute an der Krankheit: Er ist nicht mehr nachtragend.) Seit einiger Zeit bringt die örtliche Sozialstation ihm Essen und Medikamente, eine Nachbarin hält sein Haus in Schuss und versorgt den Hund und die zwei Katzen, ein anderer Nachbar kümmert sich um den Garten. Wenn wir ihn nicht besuchen, rufen wir regelmäßig an; haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir es mal vergessen haben; hoffen, dass er nicht wieder gestürzt ist, wenn die Nummer eines Nachbarn auf dem Handydisplay erscheint.

Mein Schwiegervater vergisst und verliert nicht nur Dinge und stellt mehrmals dieselben Fragen, sondern macht auch abenteuerliche Sachen, die ihm so gar nicht ähnlich sehen. „Tüdeldü-Opa“ nennen wir ihn, wenn wir solche Schoten über ihn erzählen – etwa, wie er einmal lange vermisst wurde und sich schließlich herausstellte, dass er sich zum wiederholten Male ein paar schöne Stunden im Saunaclub gemacht hatte. Meistens aber gibt es nichts zu lachen. Die sogenannte vaskuläre Demenz ist undurchschaubar und unberechenbar. Der Zustand des Erkrankten verschlechtert sich nicht linear, sondern quasi kaskadenartig, und man weiß nie, wann der nächste Einbruch kommt. Manchmal wirkt mein Schwiegervater auch wochenlang fast normal, weiß die Namen unserer Kinder, den Wochentag und sogar seine Bank-PIN, und wir fragen uns, ob das die Medikamente machen oder ob WIR womöglich den Schuss nicht gehört haben. Manchmal wiederum ist es einfach zum Verzweifeln mit ihm, oder auch tieftraurig – etwa, wenn die Erinnerung an seine verstorbene Ehefrau wiederkommt und er anfängt zu schluchzen.

Die Demenz frisst nicht nur seine Erinnerungen, sondern mehr und mehr seine Persönlichkeit auf. Bei einigen seiner Charaktereigenschaften ist das freilich kein Verlust – er ist ein schwieriger Mensch, und mein Mann und er hatten schon immer ein eher durchwachsenes Verhältnis. Es ist eben nicht wie in diesem unerträglich süßlich-klebrigen Film „Honig im Kopf“, in dem der liebenswert-trottelige Opa heute die Diagnose bekommt, morgen die Küche in Brand setzt und übermorgen mit seiner Enkelin auf Abenteuerreise geht, um am Schluss noch mal allen zu sagen, wie lieb er sie hat.

In unserer Realität wird gerade das Verhältnis zu seinen Enkeln immer mehr zum Problem. Opa war noch nie ein Typ für Abenteuerreisen, das ist auch nicht schlimm. Unser Sohn Ben mag ihn und sucht den Kontakt zu ihm. Allerdings wirkt mein Schwiegervater bei unseren Besuchen zunehmend überfordert von der Anwesenheit der Kinder, es ist ihm zu laut und zu chaotisch, man merkt, er kann dem Gewusel nicht folgen. Zwar ist er in der Regel freundlich zu Ben, und das Baby in der Trageschale hat er kürzlich eine Weile lang mit einem seligen Lächeln beobachtet. Oft aber kommt Bens Geplapper bei ihm gar nicht richtig an, er starrt ins Leere und antwortet ihm nicht, und Ben wird ungeduldig. Und wenn er mit dem Kind spricht, dann scheint es manchmal, als fehlten ihm die richtigen Worte: „AUS!“, schrie er Ben einmal an, als er zu laut war, so als wäre sein Enkel ein English Setter.

Vieles ist nicht wirklich schlimm, aber irritierend für Ben: Opa ist für Spiele nicht zu haben; Opa raucht in der Wohnung; Opa mieft manchmal etwas; Opa braucht sehr lange zum Fertigmachen; Opa wartet mit dem Essen nie bis zum Tischspruch. Geschenke zum Geburtstag oder zu Weihnachten gibt es von Opa nicht. Meistens kennt er ja nicht mal die Daten. Wenn wir gemeinsam unterwegs sind, kann es schon mal sein, dass mein Schwiegervater sich mit seinem wackeligen Gang von uns absetzt und wir uns verwundert umschauen, wo er abgeblieben ist. Beim letzten Besuch überquerte er einfach unvermittelt eine Straße. Ich lief ihm erschrocken hinterher und sah nicht, dass Ben, der hinter meinem Mann lief, sich empörte und schon mit einem Fuß auf der Straße stand: „Man DARF nicht einfach über die Straße gehen! Ich will auch!“

Kräftezehrend sind die Besuche beim Opa schon lange, langsam aber werden sie gefährlich. Die Situation beginnt, uns über den Kopf zu wachsen, aber wir können nichts tun – ihn gegen seinen Willen ins Seniorenheim zu stecken, selbst wenn das medizinisch möglich wäre, erscheint uns unmenschlich. Also müssen wir uns mit der Angst arrangieren – und er selbst merkt hoffentlich nicht mehr allzu oft, dass er zwar frei, aber auch unendlich einsam ist. Wenn wir die Haustür aufschließen, geht mein Mann immer ein paar Schritte voraus und ich und die Kinder warten, weil wir nie wissen, in welchem Zustand wir meinen Schwiegervater antreffen. Zwar hat Ben uns bisher nicht gefragt, was mit dem Opa los ist, und ich weiß auch nicht, was ich ihm dann antworten sollte. Aber wir glauben, dass er unsere Anspannung spürt. Auch, weil wir jetzt noch ein zweites Kind haben, das uns zusätzlich in Beschlag nimmt, sind die Besuche beim Opa seltener und kürzer geworden. Wir können nicht über längere Zeit auf zwei kleine Kinder und ein großes Kind gleichzeitig aufpassen.

Immerhin, die Krankheit hat auch etwas zum Positiven verändert. Mein Schwiegervater sagt mittlerweile Dinge wie: „Ich freue mich, dass ihr kommt“, das hätte man früher von ihm nie gehört. Und beim Abschied ist er zwar immer ein bisschen erschöpft von dem Trubel, aber auch sichtbar geknickt. „Nächstes Mal könnt ihr ja ein paar Tage länger bleiben“, sagt er jedes Mal. „Auf jeden Fall!“, lügen wir jedes Mal. Und hoffen, dass er das wieder vergisst.

17. Jan. 2019
von Anna Wronska
2 Lesermeinungen

10
15353

     

15. Jan. 2019
von Janosch Niebuhr
3 Lesermeinungen

9
17297
     

Wie mein Kind lernte, TikTok zu misstrauen

© Picture AllianceWo geht das Foto hin? Darüber machen sich viele keine Gedanken.

Wie alle Kinder müssen auch meine die pädagogischen Deformationen aushalten, die ihre Eltern in der eigenen Kindheit erlitten haben. Unsere älteste Tochter (12) bekommt zum Beispiel von mir zurzeit eine gehörige Portion Misstrauen eingeimpft. Das liegt wahrscheinlich daran, dass mir selbst als Kind oft und gern Gruselgeschichten erzählt wurden, und ich schon als Neunjähriger „Aktenzeichen XY ungelöst“ angeschaut habe (und zwar allein). Ich behaupte, dass mir das nicht geschadet hat – meine Frau sieht das anders. Jedenfalls halte ich es heute für eine meiner erzieherischen Hauptaufgaben, Misstrauen beim Nachwuchs zu säen. (Und zwar die richtige Art von Misstrauen!) Ich weiß, das kommt nicht gut an und ist das Gegenteil von dem, was einem Erziehungsberater empfehlen. Aber es ist notwendig – nicht nur bei Kindern.

Auslöser für meinen jüngsten Misstrauens-Schub war ausgerechnet eine Wirtschaftsmeldung. Und die seit einiger Zeit auffällig oft verschlossene Tür unserer Zwölfjährigen. In der Wirtschaftsmeldung ging es um das chinesische Unternehmen Bytedance, das kürzlich zum wertvollsten Startup der Welt erkoren wurde – noch vor Uber und Airbnb, von denen ich zumindest schon mal gehört habe. Aber Bytedance? Was machen die denn? Eine Frage, die sehr viel mit der verschlossenen Tür meiner Tochter zu tun hat, wie ich später feststellte.

Bytedance ist der Software-Konzern hinter „TikTok“. Wer TikTok (vormals Musical.ly) nicht kennt, frage einfach den nächstbesten Teenager. Der oder die wird dann in der Regel das Smartphone zücken und ein kurzes, selbstgedrehtes Filmchen zeigen können, in dem der gleiche Pubertierende in mehr oder minder ästhetisierter Umgebung mehr oder minder gekonnt ein paar Takte eines Songs im Full-Playback vorführt. Wikipedia beschreibt TikTok als Videoportal für die Lippensynchronisation von Musik- und anderen Videos. Meine Tochter hat mit mir auch einen Song aufgenommen – mein ganz persönliches Cover des „Human“-Songs von Rag‘n‘Bone Man. Das Ergebnis war grausam – eine Mischung aus einem Trailer für die Zombie-Apokalypse und einem Werbespot für betreutes Wohnen. Weshalb ich auf sofortige Löschung des Filmchens bestanden habe. Aber ist das Ding damit wirklich weg? Wirklich? Weiterlesen →

15. Jan. 2019
von Janosch Niebuhr
3 Lesermeinungen

9
17297

     

10. Jan. 2019
von Chiara Schmucker
1 Lesermeinung

27
22726
     

Sei doch einfach unperfekt! Ein Plädoyer für mehr Spaß

© Picture AlliancePerfektion wird überschätzt – und die Wand kann man wieder streichen.

„Frühstücken gehen um 10 Uhr morgens?“ – Entgeistert schaut mich meine Nebensitzerin im Rückbildungskurs von ihrer Yogamatte aus an. „Vollkommen ausgeschlossen, da bin ich froh, wenn ich meine Zähne geputzt habe.“ Auch bei den anderen Kursteilnehmerinnen versandet meine Idee. „Wir sind noch nicht so weit, vielleicht in vier Wochen“, sagt die eine. „Lio ist zu unruhig im Moment“, die andere. Oder: „Greta schläft nicht im Kinderwagen, nur im Auto, deshalb kann ich nicht mit den Öffentlichen kommen. Und das Auto hat mein Mann.“

Mädels, was ist los mit euch, frage ich mich? Unsere Babys sind doch jetzt schon einige Wochen alt und ein Treffen müsste doch möglich sein. Da könnten wir die unruhigen Kinder zusammen bespaßen, über unsere Spuckflecken auf den Pullis lachen oder einander einfach mal kurz das Baby in die Hand drücken. Entspannt euch doch ein bisschen; wir haben doch alle die gleichen Herausforderungen. Für mich ist es auch nicht immer einfach, morgens loszukommen: Bei uns ist es auch hektisch, manchmal gibt es Tränen oder Max spuckt zuerst über seinen und dann über meinen Pulli, wenn wir eigentlich gerade los wollen. Manchmal komme ich zu spät, manchmal vergesse ich seine Mütze und muss ihn dann in dicke Tücher wickeln.

Manchmal vergesse ich meine Handschuhe und friere mir beim Kinderwagenschieben die Finger ab, und ich bin auch schon ohne Geld aus dem Haus gegangen. Neulich habe ich mich ausgeschlossen, zum zweiten Mal. Wenn ich zurückkomme, erschrecke ich oft über das Chaos, das wir hinterlassen haben, als wir aus der Wohnung geeilt sind, weil gerade ein guter Moment war – satt, frisch gewickelt und nicht vollgespuckt. Doch seit Max auf der Welt ist, habe ich eines begriffen: Perfekt gibt es nicht. Nicht mehr. Oder noch nicht wieder. Ende: nicht absehbar.

Schlimmer kann es bei euch doch nicht sein, oder? Ist es sicherlich auch nicht. Weil ihr es nicht möchtet. Ihr wartet den perfekten Moment ab, um loszugehen (der kommt nie), die perfekte Tageszeit (die ändert sich jeden Tag), das perfekte Outfit des Babys (das es dann kurz vor dem Aufbruch besudelt, ich schwöre es euch!). Raus kommt ihr damit meist gar nicht mehr, vielleicht mal eine Stunde allein spazieren im Park, aber sicher kein Treffen mit fester Uhrzeit und anderen Menschen.

Das Chaos und ich hingegen haben uns arrangiert. Ich habe mich an die Hektik beim Aufbruch gewöhnt und die Tatsache, dass Max zwar frisch gewickelt ist, ich es aber nicht mehr auf die Toilette geschafft habe. Dass meine Zähne vielleicht morgens um 10 auch noch nicht geputzt sind, wir aber dafür schon unterwegs in unserem Viertel oder auf unserem nächsten großen Abenteuer, weil Max gerade gute Laune hatte. Dass ich von meiner Familie liebevoll als „die Flodders“ spreche, weil bei uns immer irgendwas nicht perfekt sitzt, wir spät dran sind oder halt mal wieder improvisieren.

Denn was ich im Gegenzug dafür bekomme, wiegt all das locker auf: „Es braucht ein Dorf, um ein Kind aufzuziehen“, sagt doch dieses weise afrikanische Sprichwort. Das ist wahr, ich versichere es euch – und es funktioniert auch in einer Großstadt. Warum nicht einfach mal in diese Hängematte fallen lassen? Max und ich unternehmen viel. Wir gehen ins Museum und ins Café, in die Bibliothek und auf den Markt. Wir fahren mit der Bahn und sind auch schon geflogen. Und wie viele Arme haben ihn freundlich und ohne zu zögern aufgenommen! Der Wirt, der das Kind schaukelt, damit mein Mann und ich in Ruhe essen können, die Nebensitzerin im Flugzeug, die ihn sofort auf den Schoß nimmt, damit ich mein Gepäck verstauen kann. Der Mann in der Bahn, der erst seinen Platz für mich räumt und dann meinen schlafenden Sohn bewacht, weil ich ihn im Kinderwagen nicht in die Toilette bugsiert bekomme. Vieles ist in der Gemeinschaft einfacher als zu Hause, wo wir zwei alleine miteinander zugegebenermaßen manchmal ein bisschen frustriert sind, weil unsere Bedürfnisse gegeneinander prallen. Max, weil er sich langweilt, wenn ich mich weiter als einen Meter entferne, ich, weil ich doch zu nichts komme, die Waschmaschine nicht befüllen kann, die Spülmaschine nicht ausräumen, den Tisch decken. Sind wir unterwegs, hat er meine volle Aufmerksamkeit – und ich seine. Ich zeige ihm Hunde auf den Straßen und andere Babys, imitiere Vogelstimmen und setze mich in der Spielecke im Café zu ihm auf den Boden. Er erkundet von meinem Schoß aus die Welt oder lächelt mit Nachdruck andere Leute an und zaubert ihnen ein Lächeln auf ihre Lippen.

Klar, manchmal ist es sehr anstrengend, auch mit Kind aktiv zu sein, und manchmal bin auch ich unzufrieden. Hätte gerne mal ein perfekt angezogenes Kind statt einem Flodder-Baby, oder einen ruhigen Moment für mich auf dem Sofa, während er am Boden spielt. Auch bin ich manchmal müde, immer wieder andere Menschen ansprechen zu müssen, mir mit dem Kinderwagen beim Aussteigen aus der Bahn oder beim Reinkommen in ein Café zu helfen. Doch wenn ich dann wieder etwas geschafft habe, bin ich stolz auf uns beide, und das gibt mir Selbstvertrauen. Deshalb werden wir auch weiterhin jeden Tag etwas unternehmen, uns mit Freunden treffen oder Bekannte besuchen. Ich habe übrigens auch doch noch einige Mütter kennengelernt, die genauso unperfekt mit sich und ihren Kindern umgehen wie ich. Einmal in der Woche treffen wir uns, und ich muss sagen: Wir haben richtig Spaß!

10. Jan. 2019
von Chiara Schmucker
1 Lesermeinung

27
22726

     

08. Jan. 2019
von Martin Benninghoff
15 Lesermeinungen

6
28628
     

Ich verbitte mir die Einmischung!

Vielleicht einfach mal selbst Hand anlegen? Dann darf die Mutter auch zuschauen.

Manchmal komme ich mir vor wie jemand, der sich beim Grillen oder Spülmaschineausräumen demonstrativ so doof anstellt, dass ihm alle Arbeiten abgenommen werden.  Das betrifft bei uns weder Grillen noch Spülmaschineausräumen, denn in beiden Disziplinen bin ich ganz patent, würde ich sagen. Es betrifft aber die Kindererziehung.

Wenn unser Sohn morgens aus dem Bettchen ruft und ich zu ihm gehe, kann es passieren, dass meine Frau schon da ist. Spreche ich mit ihm am Abendbrottisch, stelle ihm eine Frage – „Wie war es bei der Tagesmutter?“ –, kann es passieren, dass sie antwortet. Oder noch besser: Sie ergänzt meinen Satz, vervollständigt ihn, fügt an, relativiert ihn oder betont einen Aspekt, den ich gar nicht meinte. Es ist zum Mäusemelken!

Das führt gelegentlich zu meinem von Reaktanz getriebenen Verhalten, mir jegliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten zwischen Sohn und Vater zu verbitten. Ich poche dann wenig diplomatisch auf mein Recht auf die väterliche Souveränität und Unverletzlichkeit meiner Autonomie. So wie Nordkorea sauer reagiert, wenn die Vereinten Nationen oder die Vereinigten Staaten mal wieder gute Ratschläge für Kim Jong-un parat haben.

Damit ist die Verteilung klar, meine Frau ist die UN  – und ich bin Nordkorea. Natürlich bin ich schuldig, und das jetzt fast ohne Ironie. Ich habe es selbst begünstigt, dass man mir nichts mehr zutraut und mich an die Hand nimmt, als wäre ich das Kind und nicht der Kleine. Ich arbeite Vollzeit, meine Frau halbtags. Ergo verbringt sie mehr Zeit mit dem Kind – und verantwortet all das, vor dem ich mich unverschuldet und verschuldet drücke.

Zum Beispiel, wenn es ans Windelwechseln geht. Sagen wir mal so, ich pflege einen gewissen Langmut, was die Wechselintervalle angeht. Meine Frau ist kürzer getaktet, also springt sie häufiger als ich zur familieninternen Säuberung auf. Selbst bei lebenswichtigen Verrichtungen wie dem Essenfassen baue ich gelegentlich stärker als sie auf die körpereigenen Fettreserven. Wenn dazu Fragen aufkommen, reagiere ich schon mal mit einem interessiert-abwartenden „gleich“.

Ich bin selbst schuld, das gebe ich zu, ja, ja und ja. Aber ich weiß auch, dass dieses kleine Problem bei vielen Familien vorkommt, ich bin nicht allein der Dumme. Auch von anderen Vätern – und wenigen Müttern – höre ich, dass es schwierig sein kann, zwischen Kind und Erstversorger zu schlüpfen und das eigene Plätzchen zu finden. Viele ziehen sich als Reaktion in ihren Schmollwinkel zurück und sind froh, ihre Ruhe zu haben.

Es wird vor allem den Vätern leichtgemacht, denn die klassische Rollenverteilung ist längst noch nicht aus den Köpfen verbannt. Die meisten Mütter, die ich kenne, akzeptieren sehr schnell, wenn sich ihre Männer gedanklich oder auch sonst für eine Zeitlang aus dem Staub machen.  Sie sind durchaus selbst dafür verantwortlich, wenn sie so stark ans Kind gebunden sind, dass kaum noch für andere Platz ist.

Was hilft? Spitzen und kritische Bemerkungen gegenüber dem Partner helfen zwar für den Moment, als psychologisches Entlastungsventil, aber ich garantiere, die nächste Übergriffigkeit erfolgt in Kürze. Nachhaltiger ist es, die Verantwortlichkeiten von Beginn an etwas gleichverteilter anzugehen. So viel zur Theorie, die nicht immer leicht in die Realität übertragen werden kann.  

Es ist ja so, wenn zwei berufstätig sind, der eine aber mehr, der andere weniger, ergeben sich zwangsläufig unterschiedliche Bindungen ans Kind. Wenn der Kleine sich den Kopf stößt oder vom Sofa purzelt, bin ich der Vize-Tröster und meine Frau die Nummer Eins. Erst wenn sie nicht da ist, rücke ich auf den ersten Platz, und mein Sohn tut so, als sei das immer schon so gewesen. Das kann ich nicht verhindern, es sei denn, ich würde halbtags arbeiten gehen und meine Frau voll berufstätig sein.  

Aber vieles schleicht sich ein, weil es bequem ist. Wer nicht so gerne Windeln wechselt, reißt sich nicht nach dieser Tätigkeit. Und wird dann als Konsequenz vom Kind nicht mehr als verlässliche Institution wahrgenommen. Ich werde deshalb meine Windelintervalle kürzen und meine Verlässlichkeit damit in den familiären Beziehungen unter Beweis stellen. So schafft man Vertrauen fürs Kind, und so schafft man Vertrauen, Kim!

08. Jan. 2019
von Martin Benninghoff
15 Lesermeinungen

6
28628

     

01. Jan. 2019
von Anna Wronska
18 Lesermeinungen

7
14779
     

Es gibt keine kindgerechte Version von Gott

© Picture AllianceBeim Osterfest auf den Philippinen ist ein Mädchen als Engel verkleidet. Aber wie erklärt man ihm Kreuzigung und Auferstehung?

Unser Sohn Ben geht in eine evangelische Kita. Das steht zumindest vorne dran (an der Kita, nicht am Kind). Ich weiß, dass die Kinder einmal im Monat gemeinsam in die Kirche gehen, dass sie in der Adventszeit Weihnachtslieder singen und im Eingangsbereich eine Krippe steht, aber viel mehr als das scheint es an frühkindlicher religiöser Prägung nicht zu geben. Das hat mich auch nie gestört, obwohl ich selbst christlich erzogen bin – zumal Ben lange Zeit kein besonderes Interesse an spirituellen Fragen zeigte.

Anfang vergangenen Jahres, Ben war drei Jahre alt, warf der Tod seiner polnischen Ur-Oma die ersten Fragen auf. Der „Klassiker“, dass sie in den Himmel zu Gott gekommen war, kam von uns Eltern wie auch den anderen Verwandten automatisch, und er nahm das ohne weitere Nachfragen hin. Doch mit der Zeit wurde ihm die Sache unheimlich, und wir hörten Aussagen wie: „Ich mag den Himmel nicht. Der ist mir zu hoch.“ Oder, abends vor dem Schlafengehen: „Ich habe Angst, dass Ur-Opa Paul aus dem Himmel herunterkommt.“ Wir lernten also: Himmel weglassen. Himmel ist nicht gut. Und beim vermeintlich unverfänglichen Thema Dinosaurier/Fossilien bekamen wir vor ein paar Monaten zu hören: „Müssen wir auch sterben, wie die Dinos?“

Und so war es irgendwie klar, dass uns das Überirdische an Weihnachten mit voller Breitseite treffen würde. Ben, mittlerweile vier Jahre alt, wollte wissen, wie das ist mit dem Himmel und dem Weihnachtsmann, äh, dem Nikolaus, äh, dem Christkind. „Wie sieht der Weihnachtsmann aus?“ Und: „Ist das Christkind ein Engel aus dem Himmel?“ Und: „Wie kommt das Christkind zu uns rein?“ Und: „Das Christkind war bestimmt schon da, weil, ich war heute sehr lieb!“ Allesamt weniger tiefsinnige als vielmehr praktische Fragen und Überlegungen, aber schon die brachten uns in Erklärungsnöte: Ja, WIE soll das Christkind reinkommen, wenn es – wie man regelmäßig beteuern muss, damit der Sohn beruhigt einschlafen kann – ganz bestimmt kein Einbrecher in unsere Wohnung schafft? Ist es so klein, dass es durch das gekippte Fenster passt? Wenn ja – wie kriegt es dann die Geschenke da durch? Und: Wenn das Christkind nur den lieben Kindern Geschenke bringt, dann sind die nicht so lieben ja traurig! GEMEIN!

Das Heikle ist, nicht nur an Weihnachten: Alles, was wir den Kindern erzählen, ist für sie erst einmal wahr. Und jede Antwort macht ein Bild im Kopf. Das weiß ich von mir selbst. Ich habe mir den Himmel als Kind sehr lange vorgestellt als einen Ort, an dem Menschen nackig auf übergroßen Laubblättern als Betten schlafen. So hatten meine Eltern mir das beschrieben, und diese Vorstellung fand ich damals sehr gemütlich (heute eher nicht so). Umgekehrt kann man das auch ganz schön vermasseln mit den Bildern und mit den Antworten allgemein. Ich kann mich erinnern, dass ich im Grundschulunterricht referiert habe, was mir ein Verwandter über den Krebstod eines befreundeten Kindes erzählt hatte: Es musste sterben, weil der liebe Gott es gerne bei sich im Himmel haben wollte – und weil es zu viel ferngesehen hatte (ein erzieherischer Komplettausfall, Sie schütteln zu Recht den Kopf). Mein Klassenlehrer sagte daraufhin: Das mit dem lieben Gott könne er unterschreiben, das mit dem Fernsehen nicht. Weitere Erläuterungen gab es aber nicht. Ich bin sicher, dass ich mich an diese Antwort deshalb so gut erinnern kann, weil es mich verstörte, dass der Lehrer dem widersprach, was ich von anderen Erwachsenen gelernt hatte. Irgendeiner von ihnen musste also Quatsch erzählen. Aber Erwachsene wussten doch alles…?

Eine der härtesten Nüsse am Elternsein ist für mich, dass es mich zwingt, mich mit mir selbst und meiner eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Um Werte und Botschaften zu vermitteln, müssen mein Mann und ich uns darüber im Klaren (und dann auch noch einig) sein: Was hat uns als Kindern Halt gegeben, was war und ist uns wichtig? Was glauben wir, und was wollen wir, dass die Kinder für wahr halten – wenn auch nur für die ersten Jahre? Denn dass Ben im Moment und noch für eine ganze Weile zumindest ein paar Orientierungspunkte, ein paar Skizzen für ein erstes Weltbild braucht, bevor er sein eigenes zeichnet, davon bin ich überzeugt. Nur: Braucht er dafür auch ein paar geflügelte Wesen, die Geschenke bringen? Braucht er dafür einen lieben, beschützenden Gott, oder gar einen strengen, strafenden?

Ich selbst habe lauter „absolute“, vermeintlich selbstverständliche Wahrheiten vermittelt bekommen: Man streitet nicht mit Lehrern, man läuft nicht einfach auf die Straße. Aber eben auch: Es gibt Gott. Es gibt ein Leben nach dem Tod. Es findet im Himmel statt, zumindest für die Guten, und deshalb sieht man da auch die Ur-Omas und die Ur-Opas wieder. Eine etwas melodramatische Großtante von mir sagte häufig mit bebender Stimme: „Wenn man an Gott glaubt und es gibt ihn gar nicht – das ist nicht schlimm. Aber wehe, man glaubt nicht – und es gibt ihn!“ Erst als ich älter wurde, stellte ich solche „Weisheiten“ in Frage. Ich war nicht enttäuscht darüber, dass man mich belogen oder sich mangels echten Wissens einfach Dinge ausgedacht hatte. Ich habe auch nicht gewütet, als ich herausfand, dass die Eltern die Geschenke bringen und nicht das Christkind – ich war eher stolz, als ich sie endlich überführt hatte. Ich fand einfach nach und nach meine eigenen Antworten, und reichlich neue Fragen.

Als Mutter stelle ich mir heute vor allem eine: Wie viel Glauben/Religion will und soll ich meinen Kindern vermitteln, um ihnen Nächstenliebe, Empathie, Toleranz, Zuversicht beizubringen? Und: Taugt Religion überhaupt dafür? Man muss kein Historiker sein, um das anzuzweifeln. Es reicht, Weltnachrichten zu schauen. Selbst die Pfarrerin in der Kirche sagte in ihrer Weihnachtspredigt sinngemäß: „Der Heiland ist geboren! Hurra! Aber es stimmt: Vom versprochenen Frieden sind wir bis heute weit entfernt… also: Beten wir! Für den Frieden!“ Wie soll ich meinem Kind überzeugend die frohe Botschaft erklären, wenn selbst die Profis es nicht vermögen?

Und dennoch: Irgendwie habe ich das Bedürfnis, Ben von Gott zu erzählen. Vermutlich, weil ich ein paar der Geschichten über ihn selbst nicht aufgeben will. Ich mag den Gedanken, meine Ur-Omas und Ur-Opas wiederzusehen. Oder den Gedanken, dass ich meine Kinder niemals für immer verlassen muss, Wissenschaft und Aufklärung hin oder her. Ich bin aber auf der Suche nach einer kindgerechten Version der Geschichte. Deshalb haben wir uns von der Oma im Herbst ein buntes Erklärbuch für Kinder zum Thema Bibel schenken lassen (an die deutschen und polnischen Kinderbibeln im Regal habe ich mich bislang nicht herangetraut) . Die Einleitung las sich vielversprechend: Vor tausenden von Jahren „hatten die Menschen ein anderes Wissen als heute. Sie glaubten, dass nur eine große Kraft wie Gott diese schöne Schöpfung zustande bringen konnte“. Das klang etwas weniger absolut, das gefiel mir. Beim Vorlesen kam ich bei der Sache mit Adam und Eva und der Schlange noch einigermaßen durch. Bei Kain und Abel formulierte ich bereits etwas um („Er ging mit Abel aufs Feld und… äh… schimpfte mit ihm“). Bei der Arche Noah kam ich vollends ins Schwimmen („Aber sie logen, betrogen und töteten einander, sodass Gott irgendwann beschloss, seine Schöpfung mit einer gewaltigen Überschwemmung wieder zu vernichten“). Komisch, kurze Zeit später verschwand das Buch… Und mir wurde klar: Es gibt keine kindgerechte Version von Gott – es sei denn, man lässt die Menschen weg.

Wir führen Ben aus diesem Grund bisher nicht aktiv an Glaube und Religion heran und hoffen, dass die ganz tiefgehenden Fragen noch eine Weile auf sich warten lassen. Und dann wird es hoffentlich auch okay sein, zu sagen: Kind, ich weiß wirklich nicht, ob es stimmt, aber ich möchte es gern glauben (nicht das mit dem Christkind, aber die guten, tröstlichen Sachen). Meine Schwester, die Erzieherin ist, hat mir einen Tipp gegeben: Nicht zu viele Bilder auf einmal in den Kopf pflanzen. Immer nur das beantworten, was das Kind wirklich wissen will, und erst ergänzen, wenn es Nachfragen stellt. Denn manchmal setzten Eltern zu wortreichen Erklärungen an, obwohl die Kinder mit einer knappen Antwort schon zufrieden seien. Wir versuchen also, uns kurz zu fassen. Und weil man sich bei allem Wissen oder Nichtwissen auf diese eine Sache ganz gut einigen kann (sofern man nicht gerade Atheist ist), halten wir es auf der Danksagungskarte für die Glückwünsche zu unserem zweiten Sohn kurz und pathetisch mit Martin Luther: „Wenn du ein Kind siehst, hast du Gott auf frischer Tat ertappt.“

01. Jan. 2019
von Anna Wronska
18 Lesermeinungen

7
14779

     

25. Dez. 2018
von Janosch Niebuhr
2 Lesermeinungen

9
7148
     

Mit einem Plastikpferd der Ewigkeit nachspüren

In der Spielwelt ergibt vieles Sinn. Auch dass das „Pferd“ ein lila Einhorn ist.

Irgendwann ist es soweit. Jedes Jahr. Noch ein Eierlikör für die Erwachsenen vielleicht, aber dann hat immer irgendeiner in der Familie die Idee, zusammen ein Spiel zu spielen. Das neue Brettspiel, das noch unter dem Weihnachtsbaum liegt, oder vielleicht doch eins von den alten – dann muss man nicht noch zehn Seiten Regelwerk studieren. Vielleicht liegt es an der kalorienreichen Ernährung oder am saisonalen Alkoholkonsum, am Dämmerlicht oder an der Tatsache, dass sehr viel mehr Menschen als sonst sehr viel länger als sonst zusammen Zeit verbringen sollen, jedenfalls gelten die sonst üblichen Ausreden in diesen Tagen nicht („Ich hab zu viel zu tun“, „Es ist schon zu spät“, „Am Wochenende haben wir viel mehr Zeit“ etc.pp.).

Vor einiger Zeit habe ich hier versucht zu erklären, warum Eltern nie wirklich mitspielen, wenn der kindliche Homo ludens zum Spiel auffordert. Das war natürlich grob vereinfachend, und wenn ich mich so selbst beobachte, mit welcher Leidenschaft und Freude ich zum Beispiel bei Risiko die Armeen meiner Mitspieler vernichte, dann glaube ich fast, dass ich mich korrigieren muss. Zumindest eine Klarstellung tut Not: Tatsächlich spielen Erwachsene auch gern, aber nur, wenn die Spiele so funktionieren wie die Erwachsenenwelt. Dazu später mehr. Zu meiner neuen Einsicht hat mir unsere jüngste Tochter verholfen sowie die Lektüre eines dreißig Jahre alten Taschenbuchs eines amerikanischen Religionswissenschaftlers.

„Papa, spielst du mit mir Pferdehof?“, fragte unsere Jüngste kürzlich. Das ist für eine Fünfjährige eine vollkommen vernünftige Frage, schließlich stand da vor uns ein bunt zusammengewürfeltes Gebäudeensemble auf den Teppich sowie ein halbes Dutzend Plastikpferde verschiedener Provenienz (Schleich, Playmobil, no name). Obwohl das nicht das erste Mal für mich war, dass ich bei „Pferdehof“ oder ähnlichen freien Spielen mitspielen sollte, erwischen mich solche Spiele immer eiskalt: Wie spielt man das? Was muss ich jetzt tun? Was sind die Regeln? Wer gewinnt wie? Und vor allem: Wie lange dauert das? Wann ist es zu Ende? Meistens hocke ich mich bei solchen Spielen einigermaßen uninspiriert auf den Teppich, greife mir ein Pferd und stoße Töne aus, die irgendwie an ein Wiehern erinnern sollen. „Papa, so geht das nicht. Du musst richtig spielen!“, sagt dann meine Tochter.

Das ist eine harte Aussage. Aber sie hat Recht. Ich kann das nicht. Nicht mehr. Ich vermute, dass es den meisten Erwachsenen so geht. (Interessanterweise verwenden die älteren Geschwister die gleiche Formulierung, wenn sie die Jüngste bei „echten Spielen“ nicht dabei haben wollen: „Die kann ja noch gar nicht richtig spielen.“ Sie meinen damit Spiele wie Risiko oder Monopoly oder Siedler von Catan, die auch manche Erwachsene gern spielen.)

Sehr selten gelingt es mir doch für einige Momente, mich auf „Pferdehof“ oder „Einhorn-Weide“ oder ein anderes freies Spiel einzulassen. Es erinnert so ein bisschen an Improvisationstheater. Die Tochter sagt zum Beispiel „Sabrina [ein Pferd, Anm. d. Red.] will heute nicht in die Schule.“ Darauf antworte ich dann mit einem anderen Pferd in der Hand: „Dann kommt jetzt das Lehrer-Pferd zum Stall.“ Und so weiter. Das alles macht Sinn in dieser Pferdehof-Welt und es ist in sich stimmig, nur ist es eben nicht vermittel- oder wiederholbar. Es passiert ganz in der Gegenwart und man kann sich nicht darauf berufen, dass eine höhere Instanz, ein Spieleentwickler, die Regeln festgelegt hat. Das freie Spiel endet übrigens nicht. Nie. Die Mitspieler stehen einfach auf, weil zum Beispiel das Essen fertig ist oder sie lieber etwas anderes machen wollen. Deshalb ist es so unheimlich für Erwachsene. Weiterlesen →

25. Dez. 2018
von Janosch Niebuhr
2 Lesermeinungen

9
7148

     

18. Dez. 2018
von Anna Wronska
3 Lesermeinungen

14
11346
     

#EhrlicheEltern brauchen Freunde, keine Hashtags

© Picture AllianceMein Kind bohrt in der Nase – das ist nichts für Instagram, aber verschweigen muss man es auch nicht.

Kürzlich geisterte der Hashtag „#ehrlicheEltern“ durch Twitter. User gaben unter dem Begriff Einblick in ihr Familienleben. Darunter waren launige Anekdoten der Sorte „Bei uns gibt es eine Punktewertung fürs Rülpsen“ oder: „Seit ich Papa bin, verbringe ich viel mehr Zeit auf dem Klo, als ich müsste.“ Andere Einträge wiederum waren so gar nicht zum Lachen. Eine Frau berichtete, nicht gerne schwanger gewesen zu sein und sich selbst nach der Entbindung noch gefragt zu haben, ob das wirklich die richtige Entscheidung war. Eine weitere schrieb: „Stillen war nicht Liebe, sondern Hass.“  Eine dritte gab zu, ihren Sohn manchmal fernsehen zu lassen, weil sie aus Überforderung in der Küche heule und er das nicht mitbekommen solle. Ein Vater berichtete, die letzten vier Jahre „alles für meinen Kurzen und meine Frau getan, für mich selbst keine Zeit genommen“ zu haben. Am Wochenende, als der Stuhl zum dritten Mal mitsamt Kind umgekippt sei, sei er dann sehr laut geworden. „Die Kraft fehlte, noch leise Worte zu finden.“

Als Replik auf solche ernsten Einträge waren wiederum zahlreiche Dankesbekundungen anderer Eltern zu lesen: Es sei „richtig und wichtig,  mit eigenen Leiden rauszurücken und zu sehen, dass ich damit nicht allein bin“, schrieb einer. Oder: „Den Hashtag #ehrlicheEltern entdecken und sich endlich verstanden und nicht mehr alleine fühlen.“

Wir sind also nicht die Einzigen mit unperfekten Kindern in einem unperfekten Leben? Surprise! Danke, Twitter! Im Ernst: Mich hat das Ganze eher irritiert. Was ist schiefgelaufen, dass „ehrliche Eltern“ auf Twitter trenden? Warum müssen Eltern in die virtuelle Welt flüchten, um sich dort mal so richtig auszukotzen und ein bisschen Zuspruch zu bekommen? Es mag nicht für alle zutreffen, aber viele der Autoren haben ja selbst zugegeben, im „normalen“ Leben nicht offen über die hässlichen Seiten des Familienlebens sprechen zu können. Weiterlesen →

18. Dez. 2018
von Anna Wronska
3 Lesermeinungen

14
11346

     

11. Dez. 2018
von Janosch Niebuhr
2 Lesermeinungen

1
3019
     

Warum Erwachsene wieder an den Weihnachtsmann glauben sollten

© dpaSo viel Freude wie dem Weihnachtsmann möchten die echten Paketboten auch mal entgegengebracht bekommen.

Es ist bald soweit – ich spüre es schon, und es macht mich, ja, ziemlich wehmütig: Der Weihnachtsmann wird uns verlassen. Für immer. Es muss sein.

Unsere jüngste Tochter verlässt langsam das Stadium der „Präoperationalen Intelligenz“ (so hätte es der Entwicklungspsychologe Jean Piaget ausgedrückt). Bald wird auch bei ihr das Bild des jovialen, rauschebärtigen Rentierschlitten-Benutzers und Geschenkbringers vollständig von der Realität verdrängt werden, also von adventsgestressten Eltern, die überarbeiteten Paketboten die Online-Einkäufe aus der Hand reißen.

Noch aber ist alles im grün-magischen Bereich. Ich habe das kürzlich bei unserer Fünfjährigen abgeprüft:
„Was glaubst du, wer bringt wirklich die Weihnachtsgeschenke?“
„Der Weihnachtsmann. Ist doch klar.“
„Und wie macht er das?“
„Mit einem Sack.“
„Und wie kommt er hier rein?“
„Er klettert durch ein Fenster.“
„Und wenn das Fenster zu ist?“
„Dann kommt er durch die Tür.“
„Wenn wir schlafen und die Tür verschlossen ist?“
„Dann kommt er eben durch den Schornstein.“

An dieser Stelle habe ich das Verhör abgebrochen, weil ich die Entmagisierung so kurz vor Weihnachten nicht beschleunigen wollte. Das besorgen dann schon die beiden älteren Geschwister.

Forscher sind sich uneinig, ob das weihnachtliche Anlügen der Kinder und die irgendwann mit Notwendigkeit folgende Ent-Täuschung schädlich sind für die Eltern-Kind-Beziehung oder nicht. Auch unsere eigenen Erfahrungen damit sind bisher uneindeutig. Während unsere älteste Tochter, inzwischen zwölf Jahre alt, völlig geräuschlos und schadenfrei in die kalte Wirklichkeit geglitten ist, hat die mittlere doch sehr deutlich Kritik geübt, als ihr vor drei Jahren die Illusionen genommen worden: „Jetzt mal ganz ehrlich, wirklich: Stimmt das denn jetzt mit dem Weihnachtsmann oder nicht?“, wollte sie plötzlich in der Adventszeit wissen. Eine ehrliche Frage einer damals Sechsjährigen. Woraufhin sie einfühlsam aufgeklärt wurde, unter anderem mit dem Verweis auf historische Figuren (Nikolaus von Myra, Jesus, Schafe) und auf die tiefere Botschaft, die hinter dem Weihnachtskonstrukt verborgen ist. Die erste Reaktion der frisch Aufgeklärten war dennoch niederschmetternd: „Weißt du, vielleicht möchten die Kinder auch nicht mehr bei den Eltern bleiben, wenn die einen so anlügen!“ Weiterlesen →

11. Dez. 2018
von Janosch Niebuhr
2 Lesermeinungen

1
3019

     

04. Dez. 2018
von Martin Benninghoff
16 Lesermeinungen

16
16533
     

Eine Puppe für einen Jungen?

© dpa-ZentralbildNa, wo liegt wohl das Mädchen? Links oder rechts?

Als unser kleiner Sohn neulich Geburtstag hatte, wünschten wir uns eine Puppe für ihn. Eine, die er in die Badewanne mitschleppen, der er ein Mützchen aufsetzen oder, wie kürzlich geschehen, der er eine Windel anziehen kann. Eine Puppe eben. Nichts Besonderes, eine normale, glatzköpfige Babypuppe.

Bei einer Person in unserem Umfeld zeigte sich jedoch ein gewisser Widerstand, dem Jungen eine Puppe zu schenken. Eine Puppe für einen Jungen? Müsse das sein? Warum denn – und überhaupt? Also vergaben wir den Schenkungsauftrag an eine andere Person, die damit kein Problem hatte. Zum Glück waren das in unserem Familien- und Bekanntenkreis alle anderen.

Wir waren überrascht über das Comeback solcherlei Geschlechterklischees. Was fürchten denn Menschen, die einem Jungen eine Puppe schenken? Dass er sofort und unwiderruflich zum Mädchen umfirmiert? Ein rosa Kleidchen ordert – und sich Spängchen in die Haare macht? Oder ein drittes, viertes oder achtes Geschlecht für sich entdeckt – und zum Transmenschen wird?

Es mag eine extreme Einzelmeinung gewesen sein, aber sie passt in die Zeit. Der Begriff „Gender“ ist ja derzeit so etwas wie ein Brandbeschleuniger für die lodernde Wut mancher Menschen. Er meint die gesellschaftlich geprägten Geschlechterrollen, nicht das biologische Geschlecht. In unserem Fall also zum Beispiel die Behauptung: Ein Junge spielt nicht mit einer Puppe, das ist Mädchenkram. Andere Beispiele: Ein Junge tanzt kein Ballett, das ist unmännlich. Oder trägt keine Ohrringe. Zeigt keine Gefühle. Weint nicht. Und ein Mädchen? Soll sich eher ums Häusliche kümmern, nicht zu viel Karriere machen. Nicht raufen und toben. Mädchen sind dafür fleißig und folgsam. Jungen eher praktisch veranlagt und schwächeln beim Lerneifer.

Zwar würden die wenigsten in unseren Breitengraden solche Sätze offen formulieren. Aber manche Erziehungsstile und vermittelten Werte speisen sich aus Glaubenssätzen, die ihren Urhebern mehr oder minder bewusst sind. Das aufzudecken ist die Aufgabe, die sich Anhänger von Gender Mainstreaming gestellt haben – sie stellen die kulturellen Rollenvorstellungen auf den Prüfstand. Kritiker werfen ihnen vor, dass sie das biologische Geschlecht bis zur Unkenntlichkeit dekonstruieren und damit kleinreden. Seitdem es Gender Mainstreaming in Universitäten und EU-Texte geschafft hat, ist ein regelrechter Kulturkampf zwischen Anhängern und Gegnern entstanden.

Zu Recht? Zu Unrecht? Tut mir leid, aber mit diesem Kampf ist diese kleine Kolumne überfordert. Und ich auch. Trotzdem, die Puppe gibt einen klitzekleinen Hinweis, was an Gender bedenkenswert ist – und was mir überdreht scheint.

Kennen Sie die Bewegung „Gender Creative Parenting“? Das sind Eltern, die ihr Kind geschlechtslos erziehen wollen. Das Kind ist biologisch Junge oder Mädchen, aber ihm sollen darüber hinaus die gesellschaftlichen Attribute, die als männlich oder weiblich gelten, in den ersten Lebensjahren erst einmal erspart bleiben. Es soll frei von Rollenklischees – und damit unbelastet – die ersten Schritte tun, das erste Wort sprechen und die ersten Freundschaften schließen. Das Babyzimmer bleibt also weiß, ein pinker oder blauer Anstrich muss warten.

Mir kommt das unheimlich konstruiert vor, zumal die Umsetzung wirklichkeitsfremd scheint. Kinder können relativ früh zwischen Männern und Frauen unterscheiden, die Geschlechterfrage ist für sie eine frühe Schublade, die die Wirklichkeit stabilisiert. Und, gerade bei Kindern nicht unwichtig, sondert man die Kleinsten damit nicht unnötig aus in einer Welt, die stark auf Geschlechterkategorien setzt?

Der Grundgedanke allerdings ist sympathisch. Die biologischen Unterschiede sind ohnehin da, sie sind nicht veränderbar. Und zu häufig nutzen manche sie dazu, Althergebrachtes zu zementieren und als alternativlos darzustellen. Künstlich betonen muss man sie nicht. Die sozialen Geschlechtszuschreibungen aber sind veränderbar – und deshalb kritikfähig. Sich als Eltern vorzunehmen, nicht jedes Klischee beim eigenen Nachwuchs mitzunehmen, kann so falsch nicht sein. Wenn die Gender-Debatte extremistisch geführt wird, würde ich mich allerdings gleich wieder gerne abmelden.

Die Puppe für den Jungen ist mein vorsichtiger Versuch eines Kompromisses auf dem Gender-Minenfeld. Im Kleinkindalter soll der Kleine eine möglichst breite Palette an Erfahrungen und auch mögliche Zuschreibungen kennenlernen. Schmalspurgänger, die ihm verordnen, wie er zu sein hat oder was er zu lassen hat, sind da nicht gefragt. Das gilt für beide Seiten – die Genderisten und die Genderhasser.

Zumal gesellschaftliche Stempel ohnehin volatil sind. Bei den Germanen galten lange Haare bei Männern als schick, während sie später in der aufkommenden Bürgerlichkeit als verpönt galten, um dann bei den Achtundsechzigern zum gegenkulturellen Symbolschnitt zu avancieren. Heute gilt die Farbe Rosa für Mädchen quasi als naturgegeben, was Unsinn ist. Schrecklich, wie viele junge Eltern darauf hereinfallen! Rosa war lange Zeit eher die Farbe von Jungen und Männern,  das „kleine Rot“ hatte den Ruf, ausgesprochen männlich zu sein, während Frauen Blau trugen. Mit dem Aufkommen der blauen Arbeiterkleidung wechselte die Farbgebung ins Gegenteil – und manche tun so, als sei das immer schon so gewesen. Oder haben Sie schon einmal Bilder aus dem Kaiserreich gesehen, auf denen die kleinen Jungs Kleidchen tragen?

Abseits dieser Äußerlichkeiten geht es um den Horizont möglicher sozialer Verhaltensnormen. Eine Puppe – gilt es sie nicht zu hegen und zu pflegen? Und, Achtung, rhetorische Frage: Sind das nicht alles Zuschreibungen, die vor allem für die späteren Mütter gelten? Wohl kaum, wenn ich mir meinen heutigen Alltag anschaue: Längst ist die Kinderbetreuung nicht nur Muttersache. Wenn eine Puppe also für die frühkindliche Horizonterweiterung gut ist, umso besser. Wenn sie einfach nur zum Spielen da ist, reicht das aber auch.

04. Dez. 2018
von Martin Benninghoff
16 Lesermeinungen

16
16533

     

27. Nov. 2018
von Anna Wronska
1 Lesermeinung

13
17086
     

Die Hilflosigkeit des Elternseins

© Picture AllianceNiemand „gehört“ ins Krankenhaus – aber Kinder am allerwenigsten.

Ein Spoiler vorweg, weil alles andere unpassend wäre: Die Geschichte von unserem kranken Kind hat ein Happy End. Aber das ist nicht selbstverständlich, und es war nicht von Anfang an klar. Sie hat mich gelehrt, was man gemeinhin zu wissen glaubt, ich aber bis vor kurzem nicht im Ansatz begriffen habe: was für fragile Konstrukte das Leben, die Gesundheit und das Glück sind. Hatte ich nicht kürzlich noch geschrieben, wie entspannt wir nach der Geburt meines zweiten Kindes in das Familienleben zu viert gestartet waren und wie gut wir alles, zu unserer eigenen Überraschung, im Griff hatten? Eben noch in der Neugeborenen-Glückshormon-Blase, auf einmal in der Kinderklinik. Mit einem zehn Wochen alten Baby.

So eine Kinderkrankenstation ist der zweittraurigste Ort, den ich mir in unseren Breiten überhaupt vorstellen kann. Auch wenn die Wände mit Mickey Mouse, Daisy Duck, Schiffen und Fußballspielern bemalt sind, bunte Mobiles von der Decke im langen Flur baumeln und es ein Spielzimmer gibt. Oder gerade deswegen. Niemand „gehört“ in ein Krankenhaus, aber Kinder tun es am allerwenigsten. An einem Tag sind zwei Clowns zu Besuch und singen auf dem Flur zu Akkordeonbegleitung, umringt von einem halben Dutzend Kindern im Kita- und Grundschulalter und ihren Eltern: Der Bieber, der hat Fieber, und die Eule hat ’ne Beule. Ein paar Kinder klatschen, aber ein etwa sechs Jahre alter Junge mit beiden Füßen in blauem Gips weint leise auf dem Schoß seiner Mutter, und sie schaut über seinen Kopf hinweg bekümmert zum Vater hinüber. Ich habe einen Kloß im Hals und schließe unsere Tür zum Flur. Nachts, wenn ich Lukas stille, ist oft von irgendwo Weinen oder Schreien zu hören. Tagsüber schlurfen Eltern mit müdem Blick und ihren Kindern auf dem Arm über die Gänge, man trifft sich am Kaffeewagen.

Unser kleiner Lukas ist hier gelandet, weil nach zwei unruhigen Nächten mit (mäßigem) Fieber seine Urinprobe beim Kinderarzt auffällig war: Verdacht auf Nierenbeckenentzündung. Sie beginnt als Harnwegsinfekt. Bakterien gelangen in den Harnleiter, steigen von dort auf, können die Nieren schädigen und unbehandelt zu einer Blutvergiftung führen. Bei so kleinen Kindern ist die Überweisung ins Krankenhaus obligatorisch, die Behandlung mit Antibiotika alternativlos, so erklärt man uns. Doch es dauert eine Weile, bis die Diagnose gesichert ist. Am Anfang steht die nähere Untersuchung von Urin, Blut und Stuhl. Ein Stich in die weiche Kopfhaut, die Vene dort ist die beste Stelle für die Blutabnahme und als Zugang für die Infusion. Die Ärztin hantiert etwas umständlich herum, so kleine Kinder hat man hier auch nicht jeden Tag. Lukas schreit, windet sich, eine Schwester hält das knallrote kleine Köpfchen fest. Bei Babys können die kleinen Venen schon mal durch die Infusion platzen, erfahre ich, dann müsste man noch mal pieksen. Ich tue gefasst und bin insgeheim schon am Ende. Wir haben nichts mehr im Griff. Wir müssen uns darauf verlassen, dass fremde Leute das Richtige tun.

In den Tagen darauf gehen mir an dem eisernen Gitterbett, in dem mein Kind so winzig aussieht, immer wieder die gleichen Gedanken durch den Kopf: Was, wenn es etwas noch Schlimmeres ist? Und: Warum konnten wir das nicht verhindern? Und: Warum haben wir nicht früher gehandelt? Letzteres geht auf meine Kappe: Mein Mann hatte schon nach der ersten fiebrigen Nacht gesagt, wir sollten mit Lukas zum Arzt. Doch die erhöhte Temperatur kam nur von seinem kleinen Infekt, war ich überzeugt; außerdem war er kurz zuvor geimpft worden. Tagsüber ging das Fieber dann zurück, außerdem war Wochenende; wir sollten uns nicht so anstellen, sagte ich zu meinem Mann, Berichte über überfüllte Notaufnahmen voller Bagatellfälle und Kritik an überängstlichen Helikopter-Eltern im Hinterkopf. Also haben wir uns nicht angestellt. Doch als wir nach der zweiten Nacht mit fieberndem, weinerlichem Baby schließlich doch in der Bereitschaftspraxis am Tresen standen und unseren Fall beschrieben, fragte die Arzthelferin mit hochgezogenen Augenbrauen: „Und da sind Sie nicht früher zum Arzt gegangen?“ Wie man es macht, man macht es falsch – nur war es in diesem Fall wirklich falsch, und der kleine Sohn muss es ausbaden. Dabei sollten wir ihn beschützen. Wer, wenn nicht wir?

Später im Krankenhaus sagen uns die Ärzte, wir mögen jetzt bitte nicht überängstlich werden mit Lukas. Dass wir keine übertriebenen Hygienemaßnahmen ergreifen sollen. Und dass wir nichts hätten tun können, um die Infektion zu verhindern. Die Keime, die sie verursachen, kämen in den reinlichsten Familien vor. Manche Kinder neigten zu Bronchitis, andere eben zu Harnwegsinfekten. Bei Lukas wird der Spuk, Antibiotika sei Dank, bald vorbei sein und bleibt mit einiger Wahrscheinlichkeit eine einmalige Sache, die Nieren sind gesund. Die Worte der Ärzte sind tröstlich – und doch wieder nicht. Wir mögen nicht immer schuld sein an dem, was unseren Kindern passiert. Aber wir sind immer verantwortlich. Und solange wir zumindest theoretisch Unheil von ihnen abwenden können, indem wir besonders aufpassen, fühlen wir uns nicht ganz so machtlos.

Die Tage in der Klinik vergehen, es kehrt so etwas wie Routine ein. Noch zwei Mal wird Lukas gepiekst, jedes Mal stellen die Schwestern eine „Tapferkeitsurkunde erster Klasse“ für ihn (und vermutlich auch ein bisschen für mich) aus. Antibiotika gibt es per Tropf alle acht Stunden, die anderen Schläuche sind schon ab. Abseits davon bekommt Lukas von der ganzen Aufregung nichts mit, er lernt in diesen Tagen sogar richtig zu lächeln. Nur der große Sohn ist etwas durcheinander. Lukas soll mit nach Hause, findet Ben, und steckt seine Hand bei jedem Besuch zwischen die Gitter, um ein kleines Händchen zu greifen. Ich bin so froh, dass ich ihm sagen kann, dass wir es bald geschafft haben, dass alles gut wird. Ich könnte es auch gar nicht ertragen, wenn es anders wäre, ich weiß nicht, woher andere Eltern die Kraft nehmen, wenn es anders ist. Unsere Kinderkrankenstation ist keine Intensivstation oder Kinderonkologie. Hier sind Kinder mit einem gebrochenen Bein, mit Nahrungsmittelallergien oder eben Harnwegsinfekten. Das ist alles schlimm, ohne Frage, aber früher oder später gehen die meisten wieder gesund nach Hause. Mit dem Gedanken an den allertraurigsten Ort muss sich hier niemand beschäftigen, er ist weit weg.

Zumindest denke ich das. Bis mir eines Tages auf dem Spaziergang über das weitläufige Klinikgelände plötzlich eine runde, etwas verwitterte Tafel auf einem Holzpfahl ins Auge fällt: „Garten der Palliativstation“ steht darauf, wobei man den Garten unter dem vielen Herbstlaub nur vermuten kann. Das Gebäude direkt dahinter sieht aus wie ein niedriges, langes Appartementhaus mit lauter kleinen Balkonen auf der Längsseite. Auf einem davon steht ein leerer Wäscheständer. Und auf einem anderen ein rotes Dreirad.

Ich drücke das schlafende, fast gesunde Baby in seiner Trage noch etwas näher an mich und gehe schnell weiter. Noch zwei Mal schlafen, dann dürfen wir nach Hause.

27. Nov. 2018
von Anna Wronska
1 Lesermeinung

13
17086

     

20. Nov. 2018
von Martin Benninghoff
2 Lesermeinungen

2
10825
     

Von der Wiege ans Bare

© ImagebrokerNur wer die richtigen Marken im Sortiment hat, macht Kasse. Hoffentlich weiß das der Junge.

Irgendwann als Kleinkind bekam ich meine erste Persil-Packung geschenkt.

Ja, nicht die echte, aber eine täuschend echte, nur viel kleiner. Sie war aus Pappe, mit dem berühmten Logo in Rot und dem Grün, noch ohne Megaperls oder Color Gel. Mann, das waren noch die Achtziger! Die Sowjetunion war böse und das Waschmittel, nun ja, halt Waschmittel. Waschmittel für meinen Spielzeug-Kaufmannsladen.

Natürlich hatte ich eine Nivea-Dose, einen Penaten-Tiegel glaube ich auch. Irgendwas Suppenmäßiges von Knorr, Mais oder Bohnen von Bonduelle, Götterspeise von Dr. Oetker, Kaffeesahne von Bärenmarke, Kekse von Leibnitz und Schokoladiges von Ferrero. Alle Angaben ohne Gewähr, ich war vielleicht vier oder fünf und konnte Aronal noch nicht von Elmex unterscheiden. Morgens Elmex, abends Aronal. Oder umgekehrt?

Das frühkindliche Marketing hat ja schon damals bestens funktioniert. Nicht, dass ich heute nur Persil kaufe oder Nivea. Aber diese Marken stecken irgendwo tief im Bewusstsein drin, und es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn das nichts mit meinem Kaufmannsladen zu tun hat. Frühkindliche Gehirnwäsche sozusagen. Denn ansonsten kann ich zu Persil wenig Positives oder Negatives sagen. Keine Argumente. Produkttests dazu habe ich mir nie angesehen. Warum muss ich immer an Erasco denken, wenn ich eine Dose Erbsensuppe sehe?

Meine Kindheit war diesbezüglich noch sehr harmlos. Als ich mir neulich den Produktkatalog der Kinderspielzeugfirma Klein anschaute – was man so macht, wenn der eigene Sohn Geburtstag hat -, bin ich im neuen Jahrtausend des Produktmanagements angekommen. Und war leicht bis mittelschwer schockiert. Die ersten beiden Seiten waren mit grünen Mini-Rasenmähern, Schubkarren, Spaten, Gießkannen und Laubbläsern in Grün bestückt – die fast komplette Ausstattung der Firma Bosch, nur in Miniatur-Format für die Kleinsten.

Die Seite danach: Bagger und Zementmischer von Volvo. Ein paar Seiten weiter die Grillausstattung von, natürlich, Weber. Mit Zangenzubehör und Plastik-Burger. Als ich denke, perfider geht es nicht, kommt wieder Bosch um die Ecke. Dieses Mal mit Kettensägen, Werkbänken und Akkuschraubern. Auf den nächsten Seiten ist die Welt wieder in Ordnung, denn es kommen Firmen wie Mattel mit ihrer „Barbie“-Kollektion, also eine waschechte Spielzeugfirma. Bevor dann Braun zuschlägt mit Haartrocknern, Kaffeemaschinen und einem Toaster.  Wobei, das ist alles nichts gegen die kompletten Kinderküchenzeilen, die Miele auf den folgenden Seiten feilbietet. Ceranfeld inbegriffen.

Kann das so schlimm sein? Dann haben die lieben Kleinen eben was Feines zum Spielen. Aber ganz so harmlos ist diese unternehmerische Gehirnwäsche im Kindesalter dann doch nicht.

Markenhersteller versuchen, ihre Kunden emotional ans Unternehmen zu binden. Und wann geht das besser als im Kindesalter? Wir alle kennen die Fernsehserien, ja auch Marken, die zuhause über den Bildschirm flackerten oder im Regal standen – und die wir deshalb ein Leben lang nicht vergessen. Sie sind Teil unserer nostalgischen Empfindungen, und wir setzen womöglich sogar Vertrauen in sie. So entsteht Markenloyalität. Insofern kann man den Unternehmen nur raten: Ran an die Wiege. Oder?

Nivea macht das immer schon ganz klug. Zwar ist das Markenportfolio längst nach Altersklassen aufgefächert, es gibt Cremes für 30-Jährige und auch für die reifere Haut, wie es so schön unschön heißt. Im Zentrum steht aber noch immer die blaue Dose, die wir alle seit Kindertagen kennen.

Es geht nicht nur um spätere Kaufentscheidungen. Kinder beeinflussen die Kaufwahl ihrer Eltern, nörgeln im Supermarkt und wissen genau, was sie geschenkt bekommen wollen. Später lösen sie sich vom Elternhaus, schlagen sich selbst eine Schneise durchs Dickicht im Konsumdschungel. Gleichaltrige geben Trends vor, natürlich spielen Werbung im Fernsehen oder Influencer-„Empfehlungen“ auf Youtube eine große Rolle.

So weit, so schön. Aber ist es moralisch vertretbar, Kinder schon im Alter von zwei bis drei Jahren als spätere Kunden einzufangen? Entwicklungspsychologisch ist das ein günstiger Moment. Die Kleinen haben zwar kein eigenes Geld in der Tasche und kaufen nichts selbst, aber sie prägen sich die Packungen ein, die Logos und die Farben. Allerdings: Die Entwicklungspsychologie kann für Marketing an der Wiege keine Rechtfertigung sein, frei nach dem Motto: Was funktioniert, kann ja nicht verkehrt sein.

In diesem Alter ist ein Kind wirtschaftlich und auch sonst in keiner Weise selbständig. Der Markt greift ein Stück weit in die Erziehung ein, nicht direkt, aber über die Konsumlaune der Eltern. Wogegen nichts zu sagen wäre, wenn das Ziel ein pädagogisches wäre. Aber das ist natürlich nicht der Fall, im Gegenteil: Wer seine Kinder zu Selbstständigkeit erziehen möchte, auch als künftiger Konsument, lässt es ausprobieren und selbst bauen, sich vielleicht nur aus ein paar Töpfen von Mama und Papa eine „Küche“ zusammenbauen. Seine Kinder in perfekte Markenwelten eintauchen zu lassen, hat hingegen keinen entwicklungspsychologischen Mehrwert.

Zumal die Fantasie auf der Strecke bleibt. Neulich waren wir bei einem Freund, der eines dieser fertigen und batteriebetriebenen Kinderautos im Keller stehen hatte (ein Geschenk), in das man sich setzen kann. Sah toll aus, ein Sportwagen. Ich habe mich mal hineingesetzt, nur so, um zu schauen, ob es unter mir zusammenbricht. Das war nicht der Fall, ansonsten aber pure Ernüchterung. Ein paar Knöpfe sind zu bedienen, das Ding fabriziert Motorengeräusche – aber ansonsten war nicht viel zu tun. Langweilig.

Ich erinnerte mich daran, dass ich früher als kleines Kind ein paar lange Holzlöffel aus der Küche zu Schaltknüppeln umfunktioniert hatte. Ein Sessel diente als Karosserie, fertig war der Lkw, mit dem ich im Gedanken über Alpenpässe gebrettert bin. Ähnliche Erfahrungen habe ich mit zwei Seilbahnen gemacht. Die eine war selbstgebaut – ein Stück Seil, eine Seilwinde und ein Duplo-Stein oder ein Pendant für die Kabine -, die andere fertig gekauft. Die Kinderseilbahn von Rigi sah zwar toll aus, wurde aber schnell langweilig. Weil es nichts daran zu bauen gab, als sie installiert war.

Nein, früher war nicht alles besser, ganz im Gegenteil. Aber an dem Punkt ist weniger einfach mehr. Wobei: Zum Geburtstag hat unser Sohn einen Wischmob bekommen. Von Vileda. Nur so, aus hochpädagogischen Gründen: Damit die Wohnung bald einen weiteren Putzer bekommt.  Das möge man uns verzeihen.

20. Nov. 2018
von Martin Benninghoff
2 Lesermeinungen

2
10825

     

13. Nov. 2018
von Janosch Niebuhr
13 Lesermeinungen

21
32832
     

Warum Kinder in Sportvereine sollten – und Eltern nicht

© Picture AllianceKinder wollen sich bewegen. Und Erwachsene müssen da irgendwie durch.

Ich bin sehr froh, dass es Sportvereine gibt. Und Turnhallen. Und Wettkämpfe und Pokale. Ich möchte nur nichts damit zu tun haben.

Habe ich aber. Weil zwei meiner Töchter Sport in einem Turnverein betreiben. (Um ihre sportliche Karriere nicht zu gefährden, behaupte ich mal hier, dass sie einer exotischen, neuen Sportart anhängen, bei der sie zu Singer-Songwriter-Musik in Miniröcken Rad schlagen und dafür viel üben müssen.)

Ich bin auch froh, dass meine Kinder nicht meine Aversion gegen organisierte körperliche Betätigung übernommen haben. Oder gegen schlecht gelüftete Turnhallen. Oder gegen übellaunige Trainer. Nein, sie wollen da hin. Mindestens einmal in der Woche, manchmal sogar drei- oder viermal. Es scheint ihnen Spaß zu machen. Und ich will sie da auch nicht ausbremsen, zumindest nicht offen. Denn theoretisch weiß ich schon, wie wichtig das Ganze ist. Wie hilfreich für die Gesundheit, für die Persönlichkeitsentwicklung, für die soziale und auch die andere Intelligenz. Jede regelmäßige sportliche Betätigung ihrer Kinder sollten Eltern von ganzem Herzen fördern, unbedingt! Schließlich muss man ja heute schon dankbar sein, wenn man mal irgendwo rennende oder hüpfende oder tanzende oder kletternde Kinder sieht. Und nicht nur Kinder, die auf Smartphones starren und über Displays wischen oder Fortnite spielen. Nur 22,4 Prozent der Mädchen und 29,4 Prozent der Jungen im Alter von drei bis 17 Jahren erreichen überhaupt noch die Bewegungsempfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), sind also mindestens 60 Minuten körperlich aktiv pro Tag. So der dramatische Befund der KiGGs-Langzeitstudie des Robert Koch-Instituts zur gesundheitlichen Lage der Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Eine andere Studie im Auftrag des AOK-Bundesverbandes kommt sogar auf noch niedrigere Werte: Danach seien nur noch zehn Prozent der Kinder so aktiv wie empfohlen.

Verständlich, dass einem da als Lösung die Sportvereine einfallen. Rund 90.000 gibt es von ihnen in Deutschland. Wenn ich politischer Redenschreiber wäre, würde ich jetzt betonen, dass diese vielen tausend Sportvereine auch das Rückgrat der Gesellschaft sind, die Säule des organisierten Sports, der Motor von Integration, der Lernort für Fairplay, Respekt und Zusammenhalt. Und so weiter. Ich bin aber nur der Vater von zwei Kindern, die Spaß daran gefunden haben, in Turnhallen Rad zu schlagen. Ich denke da in der Regel nicht an das große Ganze. Für mich ist der Sportverein deshalb im Moment vor allem: zwei monatliche Abbuchungen vom Girokonto, vier bis acht zusätzliche Kindertransport-Termine im Monat, ein paar Wettkampf-Wochenenden auf harten Turnhallen-Bänken sowie der „Freiwilligeneinsatz“ bei Vereinsfesten oder -turnieren („Der Aufbau ist für alle Eltern verpflichtend, wir brauchen jede Hand.“). Für meine Frau kommen zusätzlich noch die Absprachen mit den anderen Vereinseltern und dem Trainer hinzu – ich krieg das bisher nicht hin. Wirklich. Weiterlesen →

13. Nov. 2018
von Janosch Niebuhr
13 Lesermeinungen

21
32832

     

06. Nov. 2018
von Chiara Schmucker
3 Lesermeinungen

23
28738
     

Natürliche Geburt? „Wie 30 Stunden Metzgerei“

© Picture AllianceWenn andere Mütter oder Väter Anekdoten von der Geburt erzählen, halten Schwangere sich besser die Ohren zu.

„Na, du willst es aber wissen!“ Mein Sitznachbar beim Grillfest schaut mich ehrlich schockiert an, und ich bin irritiert. Was meint er? „Naja, in deinem Zustand, zu Fuß rauf in den zweiten Stock…“, fängt er stockend an. „Du willst doch nicht, dass dein Baby noch hier und heute auf die Welt kommt, oder?“ Ein Baby, das zu früh geboren wird, weil die Mutter mal pieseln musste und deshalb zwei Treppen nach oben marschiert ist? „Stimmt schon, hast recht“, beantwortet er meinen fragenden Blick gleich selbst, „so einfach geht das nicht. Es ist ja deine erste Geburt; bei meiner Frau war das 30 Stunden Metzgerei.“ Na, schönen Dank auch. So genau wollte ich es zwei Wochen vor der Geburt eigentlich tatsächlich nicht wissen. Und wenn schon, dann bitte nicht so blutig. Denn raus muss das Kind ja doch irgendwann.

Seit ich eine Endzeitkugel vor mir hertrage, bin ich Expertin für Geburtstraumata geworden, mein Bauch fungiert als Katalysator für die „Stories from Hell“, wie ich sie nenne. Ich kenne die Geschichten jetzt alle: Die von der 30-Stunden-Geburt, die dann doch in einem Kaiserschnitt endete. Die von der Geburt im Krankenwagen. Die von der Gebärenden, die ohnmächtig wurde, nachdem sich der Oberarzt kräftig auf ihren Bauch geworfen hatte (der sogenannte Kristeller-Handgriff soll eine ins Stocken geratene Geburt voranbringen). Und die von den Kindern, die viel größer sind, als die Ärzte vorher berechnet hatten, und dann im Becken steckenbleiben und weder vor noch zurück können. Welche Schäden Mutter und Kind danach davontragen, könnte man sich mit etwas Phantasie ausmalen, aber das ist gar nicht nötig. Ich bekomme detailgenau alles erzählt – mit dem Nachsatz: „Aber mach dir jetzt keine Sorgen, bei dir geht sicher alles gut.“

Dabei hatte ich eigentlich gar keine Zweifel, dass meine Geburt ganz gut verlaufen würde. Doch die Geschichten haben mich dann doch verunsichert. Tatsächlich kam mein Sohn in wenigen Stunden mit durchschnittlichem Gewicht und durchschnittlicher Größe durch mein durchschnittliches Becken gerutscht. Es tat weh, natürlich, aber auch das eher durchschnittlich. Die Geschichte meiner Geburt ist eher langweilig – und gerade deshalb erzähle ich sie so häufig. Denn ich will den Horrorgeschichten über Gewalt in der Geburtshilfe etwas entgegensetzen, zeigen, dass man vor einer Geburt eigentlich keine Angst zu haben braucht, weil sie etwas Natürliches ist, das Milliarden Menschen bereits geschafft haben. Und tatsächlich weiß der Körper im Moment der Geburt so absolut unbeirrbar, was zu tun ist, dass es fast beängstigend ist. So war es zumindest bei mir.

Nicht falsch verstehen, bitte. Ich finde die Diskussion um unterbesetzte Geburtsstationen, gestresstes Personal, unnötige Eingriffe und Traumata durch psychische Grobheiten oder physische Handlungen enorm wichtig und nehme sie sehr ernst. Nur habe ich den Fehler gemacht, kurz vor der Geburt in das neue Buch „Gewalt unter der Geburt“ hineinzublättern, und habe dann große Angst bekommen. Würde mich jemand anbinden während der Geburt? Mich alleine in einem Zimmer liegenlassen, obwohl ich vor Schmerzen schreie? Mich verletzen, ohne dass ich vorher um mein Einverständnis gefragt wurde? Solche Fälle beschreibt das Buch – und sie sind so beängstigend, weil sie wahr sind. Doch sind sie die Regel?

Geholfen hat mir letztlich der Rat meiner Hebamme: „Geben Sie sich nicht an der Tür zum Kreißsaal ab, es ist Ihre Geburt, und Sie gestalten sie mit.“ Das habe ich getan. Als alle schon auf das Baby warten, genehmige ich mir noch einen letzten etwas unvermittelten Positionswechsel. Die Ärztin fällt daraufhin fast über die Kabel des CTG. Doch in meinem Kreißsaal ist alles erlaubt. Keine Minute bin ich allein und zwei Wehen später halte ich mein Kind zum ersten Mal.

Ich erzähle meine Geschichte, weil ich nicht will, dass Frauen den Eindruck haben, eine „normale“ Geburt sei ohnehin kaum noch möglich und eigentlich auch nicht erstrebenswert. Sätze wie „nach all dem, was ich bisher von Geburten gehört habe, bin ich froh, dass das Kind per Kaiserschnitt geholt wird“ machen mich traurig, und ich möchte den Frauen zurufen: „Nein! Sei nicht froh! Sei glücklich, dass wir die Medizin haben, die Kaiserschnitte ermöglicht, aber fürchte dich nicht so sehr, dass du einer natürlichen Geburt von vornherein keine Chance gibst“. Die Horrorgeschichten über Geburten sind so infam, weil sie das Vertrauen in den eigenen Körper und dessen Hochleistung während der Geburt schmälern. Viel treffender als „30 Stunden Metzgerei“ würde ich eine Geburt als „das härteste Workout meines Lebens“ beschreiben – ich hatte ungelogen tagelang Muskelkater. Und den trägt man ja irgendwie auch mit Stolz.

06. Nov. 2018
von Chiara Schmucker
3 Lesermeinungen

23
28738

     

30. Okt. 2018
von Anna Wronska
12 Lesermeinungen

6
34488
     

Eltern, die auf Smartphones starren

© Picture AllianceNicht auszuschließen, dass dieses Kind missbilligend auf das Smartphone seiner Mutter blickt

Kennen Sie sie auch? Diese modernen Mütter und Väter, die alle Hände voll damit zu tun haben, sich um all ihre Babys gleichzeitig zu kümmern: um ihr Kind und um ihr Smartphone. Eine Hand am Buggy, eine Hand am Display, verpassen sie vor lauter Tipperei die Grünphase an der Ampel. Im Supermarkt versperren sie mit ihrem Einkaufswagen den Gang, weil sie ihre Nachrichten checken, während sich ihr Kleinkind unbemerkt auf den Weg zum Süßigkeitenregal macht. Und auf dem Spielplatz hört man sie, den Blick auf das Handy gerichtet, auf „Mama, guck mal!“ immer erst mit Verzögerung antworten, oder mit: „Warte Schatz, gleich!“

Also, ich kenne diese Eltern. Wir gehören dazu, wenn Sie so wollen. Denn wir haben Kinder, und wir haben Smartphones. Wir benutzen sie häufig, auch im Beisein von Ben (4) und Lukas (zwei Monate). Und die oben beschriebenen Szenen sind zwar übertrieben, aber es ist nicht total abwegig zu glauben, dass sich die eine oder andere durchaus schon mal so ähnlich abgespielt haben könnte. Und nun – Feuer frei? Schließlich warnen Studienautoren und Medienpädagogen, dass mobile Telefone die Eltern-Kind-Beziehung störten und bei Kindern zu Verhaltensauffälligkeiten führten. Frustriert sei der Nachwuchs ob der fehlenden Aufmerksamkeit der „Smartphone-Eltern“, hyperaktiv und neige zu Wutanfällen, berichteten Forscher im amerikanischen Fachmagazin „Pedriatic Research“. In Hamburg hat kürzlich gar ein Siebenjähriger eine Kinderdemo gegen den nervigen Handykonsum von Eltern organisiert.

Das ist alles überaus beunruhigend. Ich fühlte mich beim Lesen der Studie, natürlich auf dem Handy, gleich ertappt und für einen Moment schuldig. Denn mein Mann und ich sind allein schon aus beruflichen Gründen ausgiebige Handynutzer, und zumindest an Wutanfällen herrscht bei uns zu Hause in letzter Zeit kein Mangel (wie Sie hier nachlesen können). Aber mit denen hätten wir ganz sicher auch ohne Smartphones zu kämpfen. Das vermeintlich unheilbringende Gerät komplett aus unserem Alltag zu verbannen, ist für uns jedenfalls nicht die richtige Lösung. Für mich ist das Smartphone längst nicht nur Telefon, sondern unter anderem auch Notizblock, Zeitung, Kochbuch, Terminkalender, Wecker, Fitnesscoach (zumindest habe ich die App dafür), Einkaufszettel, Supermarkt und Nachschlagewerk. Theoretisch könnte es sogar die Heizung hochdrehen, kurz bevor wir nach Hause kommen, oder das Licht ausmachen, wenn wir es mal wieder vergessen haben. Nur hapert es praktisch noch an der smarten Haustechnik dafür. Kurzum: Das Smartphone kann bei vielen Dingen des Alltags behilflich sein – gerade bei solchen, die oft im Familienleben anfallen und teilweise viel Mühe machen oder Zeit fressen. Gut möglich also, dass ich im Supermarkt mit meinem Einkaufswagen den Gang versperre, weil ich gerade durch meinen Einkaufszettel scrolle oder schnell noch mal google, welche Zutaten ich für das Abendessen brauche. Ist das verwerflich? (Ich komme natürlich noch am Süßigkeitenregal vorbei, und dort wartet Ben dann wahrscheinlich mit bettelndem Blick, aber ansonsten völlig unschuldig.)

Es gibt aber eine Sache, für die ich dem Smartphone noch dankbarer bin als für die Einkaufshilfe: Es ermöglicht, die Welt mit Kindern ganz anders zu erklären und zu erleben als früher. Klar sollte man den Kleinen ihre Fragen möglichst mit eigenen Worten beantworten, mit ihnen Bücher anschauen, zum Erkunden der Natur mit ihnen in den Wald gehen, reisen etc.. Das tun wir auch, soweit möglich. Aber mithilfe des Smartphones können wir Ben auch zeigen, wie eine Rakete startet, ein Gewitter entsteht und unsere Straße aus dem Weltall aussieht. Wenn wir auf eine Frage keine Antwort wissen, können wir es schnell nachschlagen und lernen nicht selten selbst noch dazu (es soll Ehemänner geben, die Stunden damit zubringen, bei Wikipedia auf „Zufälliger Artikel“ zu klicken). Und wenn Ben der entfernt lebenden Tante sein neues Piratenschiff zeigen will, kann er das per Smartphone-Videoschalte tun. Ganz zu schweigen von den unzähligen Schnappschüssen, über die Oma und Opa aus der Ferne fast in Echtzeit an Bens Erlebnissen teilhaben (und sich in unsere Erziehung einmischen) können. All das wäre ohne Smartphone und Internet nicht möglich.

Noch ein Punkt zur Verteidigung des Smartphones als Familienmitglied: Mein Handy ist auch Auszeit, bewusste Ablenkung, Zerstreuung. Alles Dinge, die vermeintlich nicht nötig sind – und dennoch so elementar, gerade wenn man kürzlich ein Kind bekommen hat und dadurch in Sachen Freizeitgestaltung und Erwachsenenunterhaltung vorübergehend ziemlich limitiert ist. Ein Beispiel: Es gibt wenig Einsameres, als nachts um drei in gedämpftem Licht dem Saugen und Schmatzen eines hungrigen Säuglings zuzuhören. Das Smartphone hält mich in dieser Zeit wach und verbindet mich mit der Welt da draußen, während das schlaftrunkene Baby ohnehin keinen gesteigerten Wert auf Blickkontakt legt. Freilich könnte ich auch zu einem Buch greifen; wenn Sie zu jenen Menschen gehören, die in jeder freien Minute den Dostojewski zücken – herzlichen Glückwunsch. Ich für meinen Teil lese nachts um drei manchmal politische Analysen, manchmal Klatschgeschichten (und könnte mir Dostojewski jederzeit aufs Handy laden), oder ich beantworte Whatsapp-Nachrichten. Und habe das auch schon oft auf dem Spielplatz getan. Sandburgen sind etwas ganz Tolles, aber ich bin der Meinung, dass ich mein Kind nicht gleich fürs Leben versaue, wenn ich nicht auch noch bei seiner vierten Sandburg in Begeisterungsstürme und Lobeshymnen ausbreche, sondern zwischenzeitlich etwas lese oder schreibe.

Ja, es ist mir auch schon passiert, dass ich so vertieft in mein Handy war, dass ich meinem Sohn nicht sofort geantwortet habe, wenn er etwas zu mir sagte – wobei ich bisher noch immer unterscheiden konnte, ob es eine Wortmeldung der Sorte „Guck mal kurz“ oder „Ich brauche dich jetzt dringend“ war. Aber mein Mann und ich sind uns einig: Ben zeigt bislang keine Anzeichen für ein Aufmerksamkeitsdefizit, und das Neugeborene kann sich ebenfalls (noch) nicht beschweren. Manchmal habe ich eher das Gefühl, das Gegenteil ist der Fall: Oft genug kreist mein ganzes Denken und Tun nur noch um die Kinder. Hat Lukas heute schon in die Windel gemacht? Was hat Ben da für einen roten Fleck am Ohr? Holst du ihn von der Kita ab oder ich? Fahr mal schnell rechts ran, der Große muss kotzen. Es muss erlaubt sein, mich inmitten des täglichen Wahnsinns weiterhin auch um die Welt um mich herum zu interessieren. Und auch wenn es verrückt klingt: Manchmal können einen gerade Tiervideos, Low-Carb-Rezepte und Modesünden der Stars davor bewahren, verrückt zu werden.

30. Okt. 2018
von Anna Wronska
12 Lesermeinungen

6
34488

     

23. Okt. 2018
von Janosch Niebuhr
3 Lesermeinungen

3
9107
     

Reden wir über Geld – und zwar mit Kindern

© Picture AllianceWarum muss ich mein Geld abgeben? Das haben wir uns doch alle schon mal gefragt.

In den nächsten Tagen ist es soweit: Unsere jüngste Tochter wird den überlieferten Initiationsritus durchlaufen, den schon ihre älteren Geschwister vor einigen Jahren absolviert haben. Ich weiß: Manche Familien verzichten inzwischen darauf oder sie halten dieses Ritual für überholt. Aber da bin ich Traditionalist – der Glaube braucht Rituale. Und deshalb werde ich unsere Jüngste in den nächsten Tagen zur örtlichen Sparkassenfiliale schleppen. Wenn wir Glück haben, wird dort ein armer Sparkassen-Azubi in einem Maskottchen-Ganzkörperkostüm auf uns warten und Luftballons und Plastikspielzeug verteilen. Wenn wir Pech haben, drückt uns ein gelangweilter Kundenbetreuer ein Zählbrett in die Hand, auf das wir den Inhalt unseres Familiensparschweins sortieren sollen. Es ist ja auch nur eine zweitrangige Frage, wer am Weltspartag beziehungsweise in den sogenannten Sparwochen mehr leidet: Die Eltern, die zusammen mit ihrem Nachwuchs 1-, 2- und 5-Cent-Münzen zählen. Oder doch eher die Kundenbetreuer, die sich aus kalendarischen Gründen eine unsichtbare Clownsnase aufziehen müssen, sobald das Filialpublikum mal nicht das Rollator-Alter erreicht.

Trotzdem will ich, dass auch unsere Jüngste das mindestens einmal mitmacht – und ich werde sie voll und ganz dabei unterstützen. So wie die älteren Geschwister. Zuvörderst natürlich wegen der Naturalprämien. Also wegen der Malstifte, Taschen, Spielfiguren, Hörspiele, Handtücher, Kugelschreiber, Schlüsselanhänger und so weiter, die sie für die Einzahlung von 3,11 Euro oder ähnlichen Beträgen überreicht bekommen. In einem Jahr brachten die Kinder sogar Kinofreikarten mit von ihrem Ausflug in die Sparkassenfiliale – damit wurde die Rendite ihrer Sparguthaben in schwindelerregende Höhen katapultiert, völlig unabhängig von irgendwelchen Niedrigzinsphasen. En passant haben die Kinder so die erste Lektion Finanzwissen gelernt: Es zählt, was unterm Strich rauskommt. (Die zweite Lektion schiebe ich dann meist hinterher: Es gibt nichts umsonst im Leben – there is no free lunch, not even at Weltspartag. Die Sparkasse oder Bank will euch nur als künftige erwachsene Kunden ködern…)

Wenn sie das verinnerlichen, haben sie mehr Finanzwissen als die meisten Erwachsenen. Dann werden sie später irgendwann getrost auch die eindrucksvollen Bezeichnungen für die vielen Spar-, Investment- und Vorsorgeprodukte ignorieren, mit denen sich Erwachsene kirre machen lassen, die Schaubilder, die bunten Broschüren mit den Versprechungen, den Slang der Berater und Experten und Versicherungsvertreter. Im Mathematikunterricht können sie noch lernen, die gewonnene Erkenntnis zu formalisieren – Rendite gleich Ertrag durch Aufwand minus eins, super! – und dann können sie ihr Leben lang vergleichen so viel sie wollen: Riesterverträge und Kombi-Index-Select-Alpha-Anlagen und Sparguthaben. Hauptsache, sie kapieren dabei, dass das eine Technik fürs Finanzielle ist und nicht fürs Liebes-, Freundschafts- oder Familienleben oder all die anderen nicht-finanziellen Bereiche des Lebens. Das Paradoxe ist ja, dass Erwachsene inzwischen fast in jedem Lebensbereich vergleichen, ihr persönliches Engagement als Investment sehen, Aufwand- und Ertragsrechnungen für alles Mögliche anstellen und nach dem Return on Investment fragen – nur nicht im Finanziellen. Da lassen sie sich gnadenlos über den Tisch ziehen und murmeln dabei kleinklaut: „Ach, ich versteh‘ ja dieses Wirtschaftszeug nicht.“

Der Weltspartag ist deshalb auch für Eltern, Großeltern und andere Erwachsene mit Sparschweinen eine gute Gelegenheit, das eigene Finanzwissen zu erweitern. Überhaupt ist er ja ursprünglich mit einer pädagogischen Zielsetzung ins Leben gerufen worden. Nur darf man die finanzielle Aufklärungsarbeit nicht von den Geldinstituten erwarten. (Ich informiere mich ja auch nicht bei Winzern oder in der Bierbrauerei über die gesundheitlichen Auswirkungen des Alkoholkonsums.) Weiterlesen →

23. Okt. 2018
von Janosch Niebuhr
3 Lesermeinungen

3
9107