Schlaflos

Schlaflos

Das Familienblog der F.A.Z.

31. Dez. 2019
von Sonia Heldt
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Der Zauber der lauten Silvesternacht

Feuerwerk trotz der Buschbrände: Im australischen Brisbane hat 2020 bereits begonnen.

Heute war ich beim Discounter, um ein paar Sachen einzukaufen. Als ich an dem Sonderstand mit dem Feuerwerks- und Silvesterkram hängenblieb, ging eine Frau an mir vorbei und sagte zu ihrem etwa acht Jahre alten Sohn sehr deutlich und sehr laut: „So einen Mist brauchen wir nicht. Da wird nur viel Geld in die Luft geschossen und die Luft verpestet.“ Dann schob sie ihren Sohn demonstrativ weg. Ich fühlte mich angesprochen, dabei hatte ich gar nicht die Absicht, die Luft zu verpesten und unnötig viel Geld in die Luft zu schießen. Ich wollte die familien- und kindertaugliche Packung mit Tischfeuerwerk und Knallbonbons kaufen, die Maya sie sich für unsere heimische Silvesterparty wünscht. Denn was Sinn und Unsinn der Silvester-Böllerei betrifft, vertrete ich eine ähnliche Meinung.

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, es ginge mir in erster Linie um die Feinstaubbelastung am Neujahrstag, auch wenn man diese Diskussion nicht außer Acht lassen sollte, wie das Umweltbundesamt ganz deutlich erklärt: Am ersten Tag des neuen Jahres ist die Luftbelastung mit gesundheitsgefährdendem Feinstaub vielerorts so hoch wie sonst im ganzen Jahr nicht. Ich bin starke Allergikerin, schon von daher sollte mir viel an guter Luft liegen. Aber mich nervt in erster Linie die unbedachte Rumböllerei vor und nach Silvester. In der Silvesternacht sind alle darauf vorbereitet. Tiere (zumindest die Haustiere) und Kinder werden im Notfall abgeschottet, und wenn es einem zu laut und zu stinkig wird, kann man ja ins Haus und der Knallerei aus dem Weg gehen. Ich habe es früher auf öffentlichen Partys gehasst, wenn man draußen nett mit den Freunden anstoßen wollte, und plötzlich ein Böller haarscharf an einem vorbeizischte, der einen nur mit viel Glück nicht erwischte. Zu viel Alkohol, zu viel Testosteron, zu viel jugendlicher Leichtsinn in dieser speziellen Nacht! Ich weiß schon jetzt, welche Ratschläge ich Lara, meiner fünfzehnjährigen Tochter, nächstes Jahr mit auf dem Weg geben werde (sie wird es hassen, aber ich tu’s trotzdem), wenn sie den Silvesterabend nicht mehr zu Hause, sondern auf einer Party verbringen wird.  

Bereits an den Tagen vor Silvester hört man es in unregelmäßigen Abständen durch die geschlossenen Fenster knallen. Mehr als 30 Stunden zu früh! 30 Stunden, in denen Freigänger-Katzen noch ihre Runden drehen, Hunde mit ihren Besitzern Gassigehen und Kinder auf den Straßen spielen. Vor zwei Jahren waren wir am frühen Silvesterabend mit den Kindern unterwegs zu einer Veranstaltung, als ein paar Meter von uns entfernt ein paar Idioten (ich kann sie leider nicht anders bezeichnen) eine ganze Batterie Knallkörper stark verfrüht abfeuerten. Es traf uns unvorbereitet aus nächster Nähe und war entsprechend laut. Mir blieb kurz das Herz stehen und meine Ohren klingelten unangenehm. Maya fing an zu weinen und wollte sofort zurück zum Auto und auf keinen Fall die 100 Meter zur Veranstaltungshalle weiterlaufen. Sie zitterte am ganzen Körper und wir hatten große Mühe sie zu beruhigen und zum Weitergehen zu überreden. Da war ich sauer auf den Feuerwerksverkauf, weil die Böller viel zu häufig in die falschen Hände geraten. Es kann ja nicht sein, dass man Kindern und Tieren zwei Tage vor und nach Silvester Ausgehverbot erteilt, um kein Risiko einzugehen!

Ich bin kein Schwarz-Weiß-Denker und finde nichts nerviger als einseitige, radikale Ansichten à la „Wenn du Tiere isst, kannst du auch kein Tierliebhaber sein“ oder „Wenn du eine gute Mutter sein willst, dann musst du stillen“. Und so gibt es auch für mich bei der Feuerwerksdebatte eine Grauzone. Ich persönlich hätte nichts dagegen, wenn man den Verkauf von Feuerwerkskörpern komplett verbieten würde, auch wenn ich zum Jahreswechsel selber gerne in den Himmel schaue, das laute Treiben um mich herum mit einem Glas Sekt in der Hand genieße und dann mit Familie, Freunden und Nachbarn anstoße. Aber ein geplantes, an einem zentralen Ort organisiertes Feuerwerk ginge für mich in Ordnung. Ich befürworte die Verbotszonen an sensiblen öffentlichen Plätzen wie dem Kölner Dom, der Düsseldorfer Altstadt oder dem Brandenburger Tor. Mehr Sicherheit für die Besucher (auch später für meine eigenen Töchter), damit man ohne Angst, es könnte einem ein Böller in den Ausschnitt fliegen oder die Haare abfackeln, feiern kann und damit Polizei, Feuerwehr und Notfallambulanz entlastet werden.        

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31. Dez. 2019
von Sonia Heldt
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24. Dez. 2019
von Sonia Heldt und Janosch Niebuhr und Martin Benninghoff und Tanja Weisz und Anna Wronska
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Bitte keine Weihnachtsturnübung

Sehr in Mode sind derzeit Weihnachtsbäume, die nicht abgeholzt wurden, sondern weiterwachsen.

Sonia Heldt: Heiligabend ist die Kür, den Rest der Weihnachtstage verbuche ich unter Pflichtteil.“

Heiligabend ist für mich der gemütliche Part der Weihnachtstage, den ich mit meinem Mann, meinen Töchtern und meiner Freundin zwanglos zu Hause verbringe. Vor allem Maya legt Wert darauf, dass Festtage wie Geburtstage und Weihnachten, immer gleich ablaufen. Sie braucht dieses Gefühl von Vertrautheit und dass sich bestimmte Dinge in ihrem Leben nicht so schnell ändern. Und so wird sie auch dieses Jahr, wie all die vielen Jahre davor, mittags mit meinem Mann die Weihnachtsvorstellung des Puppentheaters besuchen. Auch wenn sie bereits 12 Jahre alt ist und nicht mehr durch den Kindereingang in den Saal schlüpfen wird. Lara mag inzwischen nicht mehr mitgehen und wird sich sicherlich in ihr Zimmer verziehen, um die letzten Geschenke einzupacken und das zu tun, was sie sonst auch tut: mit ihren Freundinnen telefonieren oder chatten und sich x-mal umziehen. Ich bereite in der Zeit alles vor und decke den Esstisch in der Küche weihnachtlich ein. Wir lassen den ganzen Tag unsere Playlist Christmas Rock & Pop laufen und die Kerzen brennen. Nachmittags kommt dann meine Freundin. Wir trinken Kaffee und das erste Glas Wein und quatschen ein bisschen.

Gegen 18 Uhr schmeißen wir langsam den Raclette-Grill an. Da ich im Alltag fast täglich koche, bin ich froh, Heiligabend kein kompliziertes Menü auf den Tisch bringen zu müssen. Die Mädchen lieben es, Pizzateig auf der heißen Platte zu backen. Wir mögen diese gemütliche Art des Essens, das man so wunderbar in die Länge ziehen kann. Seit die Kinder älter sind, haben sie es nicht mehr so eilig mit der Bescherung. Ich vermisse ihre vor Aufregung glühenden, roten Wangen und die Frage „Wann ist es denn soweit?“ und werde von Jahr zu Jahr wehmütiger, wenn ich an die vergangenen Weihnachtsfeste zurückdenke. Früher, als für beide Kinder Weihnachten noch so schön und aufregend war! Lara gibt sich dieses Jahr große Mühe, alles boring zu finden. Und ich denke, nächstes Jahr wird auch Maya ihre kindliche Vorfreude ablegen. Das ist schon ein wenig traurig.

Zur Bescherung lassen wir leise Weihnachtsmusik laufen und packen unsere Geschenke abwechselnd aus. Inzwischen finden die Mädchen es aufregender andere zu beschenken, als selbst Geschenke zu erhalten. Gedichte aufsagen, ein Lied auf der Gitarre spielen, singen, tanzen oder eine Geschichte vorlesen – das lief bei uns schon immer ganz leger ab. Wir haben nie darauf bestanden, dass die Mädchen etwas vortragen. Meistens hat Maya aber etwas Kleines vorbereitet. Sie singt gerne. Als die Mädchen kleiner waren, habe ich die Weihnachtsgeschichte aus ihrem Lieblings-Kinderbuch vorgelesen und wir haben ein Weihnachtslied angestimmt, bevor es ans Auspacken ging.   

Den ersten Weihnachtstag verbringen wir bei der Familie meines Mannes, den zweiten bei meiner Mutter. Vor einigen Jahren habe ich durchgesetzt, dass wir bei meinen Schwiegereltern erst nachmittags einlaufen und das Mittagessen schwänzen. Ich stehe nämlich überhaupt nicht auf die Völlerei an den Feiertagen und auf traditionelle Gerichte wie Ente oder fettige Gänsekeule. Ich bin eine ähnlich pingelige Esserin wie Maya, die froh darüber ist, wenn sie nicht „fremd essen“ muss. Außerdem finde ich, dass sechs Stunden Zusammenkunft völlig ausreichen. Und so gehört uns der Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages noch ganz allein. Nach dem Frühstück setzen wir uns, meist noch in Schlafanzügen, gemütlich vor die Glotze und schauen „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ oder „Der kleine Lord“. Erst gegen Mittag geht’s dann unter die Dusche und von der Kür zum Pflichtteil über. 

Weihnachten kennt keine Temperatur: Vater und Tochter im burmesischen Rangun

Janosch Niebuhr: Im Stall war es wahrscheinlich auch eng. Und still war die Stille Nacht bestimmt nicht.“

Wir fünf sind dieses Jahr wieder bei meinen Schwiegereltern – einmal mit dem Zug quer durch die Republik. Die Schwägerin mit Freund und den zwei Jungs kommt auch. Es wird also voll. Zusammen mit unseren drei Mädchen sind es fünf Kinder zwischen sechs und 13 Jahren. Es wird also auch laut, auf jeden Fall nicht langweilig. Die Schwiegereltern freuen sich schon. Sagen sie. (Was sollen sie anderes sagen?) Meine Frau sagt: „Ich bin soooo froh, dass wir dort feiern.“

Was Weihnachten im Allgemeinen und den Heiligabend im Besonderen angeht, habe ich mir im Laufe der Jahre eine stoische Grundhaltung zu eigen gemacht: „Verlange nicht, dass alles so geschieht, wie du es wünschest, sondern wolle, dass alles so geschieht, wie es geschieht, und es wird dir gut gehen“ (Epiktet). Das fängt damit an, dass ich eben nicht wie in frohen Kindertagen erwarten kann, dass andere die Weihnachts-Orga machen – außer wenn wir bei den Schwiegereltern feiern. „Ja, ich bin auch froh, dass wir dort feiern!“

Wir kommen zwei Tage vorher und bleiben über die Weihnachtstage. Ich muss sagen: Gast sein ist toll, besonders in dieser Zeit, denn man kann die Weihnachtserwartungen des eigenen Nachwuchs oder der Partnerin gegebenenfalls an die Gastgeber auslagern. Natürlich helfen wir alle mit bei der Vor- und Nachbereitung der Festivitäten, jeder nach seinem Können und seinen Fähigkeiten, mein Spezialgebiet ist die zeitnahe Entsorgung des Papiermülls am Heiligabend.

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24. Dez. 2019
von Sonia Heldt und Janosch Niebuhr und Martin Benninghoff und Tanja Weisz und Anna Wronska
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17. Dez. 2019
von Janosch Niebuhr
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Fünf Koffer, drei Kinder, ein Zugabteil

Zugfahren mit Kindern: Mehr als maximal eine Hand hat man nie frei.

Die Zeit um die Festtage ist immer auch Reise- und Besuchszeit. Oma, Opa, Tanten, Onkel, Cousinen und Nichten, Vettern und Neffen, manchmal – wenn zwischen Weihnachten und Neujahr noch Luft ist – sogar auch ein paar alte Freunde wollen wir sehen. Dieses Jahr müssen wir dazu wieder einmal quer durch die Republik (und zurück). Mein Verkehrsmittel der Wahl ist dabei die Bahn. Theoretisch ist das bequem, entspannt, mit drei kostenfrei fahrenden Kindern und Super Sparpreis unschlagbar günstig, irgendwie wahrscheinlich sogar umweltfreundlich – und seit wir alle „Polarexpress“ gesehen haben, passt das Ganze auch zu Weihnachten.

Wenn ich unsere Reise plane, male ich mir das alles – dank einer speziell auf meine letzten Familienbahnreisen beschränkte Amnesie – immer in den schönsten Farben aus: Wie wir völlig relaxed in unser Abteil schlendern, unsere zwei leichten Koffer über den Sitzen verstauen. Die Kinder warten geduldig, bis sie ihre Plätze einnehmen können. Dann vertiefen sich alle Reisenden in ihre elektronik- und lärmfreie, pädagogisch wertvolle Reisebeschäftigung. Draußen huscht eine weiße Winterlandschaft an uns vorbei. Weihnachtliche Vorfreude erfüllt die Herzen, selbst der Schaffner hat eine rote Mütze auf und verteilt bei der Fahrkartenkontrolle Lebkuchen. Die nächsten sechs Stunden vertiefe ich mich in den Roman, den ich schon seit Monaten lesen wollte; nur ein, zwei Mal unterbreche ich meine Lektüre, um mit der Familie im Speisewagen Kuchen zu essen oder mit allen ein Kartenspiel zu spielen. Und wenn wir ausgeruht und mit guter Stimmung am Zielort ankommen, fällt eine Sternschnuppe vom Himmel und ich sag mir: Brauch ich gar nicht – alle Wünsche erfüllt!

Man muss nicht zum Bahn-Bashing neigen, um zu wissen, dass nichts, überhaupt gar nichts von dem oben beschriebenen Szenario Wirklichkeit werden wird. Das fängt schon damit an, dass natürlich schon alle Super Spartickets ausgebucht sind, wenn ich zum Fahrkartenkauf schreite. (Natürlich gibt es immer noch die eine oder andere günstige Bahnverbindung mit Abfahrt um 5.15 Uhr in der Frühe oder mit dreimaligem Umsteigen. Das kann man natürlich machen. Wenn man gerade sein Abi gemacht hat. Aber nicht in fortgeschrittenem Alter mit drei Kindern und vier Gepäckstücken.) Weshalb mich auch die jetzt angekündigten Preissenkungen der Bahn nur schwach enthusiasmieren: Theoretisch ist die Bahn schon jetzt sehr günstig für Familien mit Kindern. Praktisch fehlen aber vor allem in der Hauptreisezeit die Züge und Plätze für die günstig reisen wollenden Familien.

Aber was soll der Geiz? Es ist ja Weihnachten! Und der Ticketkauf ist wahrlich die geringste Hürde einer Bahnreise mit Kindern. Wie kann die Bahnreise mit Kindern also zumindest eine erträgliche Veranstaltung werden? Es gibt da ein paar bewährte Tipps von der Bahn selbst. Das Ganze hängt natürlich auch und vor allem vom Alter der Kinder ab. Außerdem haben mich die Erfahrungen der vergangenen Jahre drei eherne Grundsätze gelehrt – die stimmen ganz unabhängig davon, wie familienfreundlich die Bahn nun ist oder nicht. Hier sind sie:

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17. Dez. 2019
von Janosch Niebuhr
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12. Dez. 2019
von Sonia Heldt
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Wünschen Ihre Kinder noch oder bestellen sie schon?

Wenn sie noch an das Christkind glauben, basteln sie schöne Wunschzettel – für die Eltern darf es oft profaner sein.

Keine zwei Wochen mehr bis Heiligabend, und ich habe noch nicht alle Geschenke für meine Töchter (12 und 15 Jahre) zusammen. In unserem Keller steht eine kleine Kiste, in der ich die Briefe, Zeichnungen, Geburtstags- und Muttertags-Karten der Kinder sammele. Eben bin ich in den Keller gestiefelt, habe diese Kiste durchkramt und nach alten Wunschzetteln der Kinder für diesen Beitrag gesucht. Fast wäre dieser Text dadurch nicht mehr zustande gekommen, denn plötzlich saß ich auf unserem kalten Kellerboden, um mich herum überall alte Wunschzettel verteilt. Ich musste sie einfach alle lesen! Die ersten Wunschzettel der Kinder waren gemalt, später wurden die Wünsche aus Werbeprospekten ausgeschnitten und aufgeklebt, bis Maya und Lara jeweils alt genug waren, um ihre Wünsche genauer zu formulieren. Typische Kinderwünsche: der Palast der Eiskönigin, Schleichtiere, das Maulwurfspiel, ein Stoff-Marienkäfer und Bücher. Ich habe meinen Kindern – so wie ich es aus meiner eigenen Kindheit kannte – das Christkind als Geschenkbote verkauft. Lara, meine Große, fand das jedoch irgendwann etwas widersprüchlich, denn das Christkind war ja das Jesuskind und sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass ein Baby aus der Krippe fliegt und Geschenke verteilt. Sie sympathisierte daher schon sehr früh mit dem Weihnachtsmann. Schon allein, weil sie die KIKA-Serie „Beutolomäus“ in der Weihnachtszeit so sehr liebte und sie sich den Weihnachtsmann besser vorstellen konnte.    

Erzählte sie jedoch in Anwesenheit meiner Schwiegermutter vom Weihnachtsmann, behauptete diese steif und fest, Coca-Cola hätte den Weihnachtsmann erfunden. Nur das Christkind würde Geschenke bringen! Die Behauptung, Santa Claus wäre allein auf den Mist des amerikanischen Getränkeherstellers gewachsen, ist nach wie vor nicht totzukriegen. Dabei hat Santa Claus eigentlich einen europäischen Ursprung. Niederländische Auswanderer brachten im 17. Jahrhundert ihren Sinterklaas-Brauch nach New York. Aus Sinterklaas wurde im Laufe der Zeit der amerikanische Santa Claus und Coca-Cola gab 1931 dem Künstler Haddon Sundblom den Auftrag Santa Claus, so wie wir ihn heute alle kennen, zu zeichnen. 

Mir war es immer schon total egal, ob meine Kinder nun an das Christkind oder den Weihnachtsmann glaubten (selbst wenn Coca-Cola ihn erfunden hätte). Ich zuckte daher einfach die Achseln und behauptete, dass ich das auch nicht so genau wüsste, wer denn da nun die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legen würde. Schließlich wäre ich bisher weder dem Weihnachtsmann noch dem Christkind (nicht einmal dem Nikolaus) persönlich über den Weg gelaufen. Aber einer von denen müsste es ja sein! Es gibt Eltern, die ihren Kindern erzählen, dass der Weihnachtsmann die großen Geschenke bringt, die für das Christkind zu schwer sind. Auch eine mögliche Erklärung! Hauptsache der besondere Zauber der Weihnachtszeit geht für die Kinder nicht allzu schnell verloren. Denn die Realität holt sie schon früh genug auf den Boden der Tatsachen – und uns auch. Lassen wir ihnen ihren kindlichen Glauben solange es geht, egal an wen! Ein Jahr hat Lara ihren Wunschzettel sicherheitshalber an den Weihnachtsmann mit seinem Freund Beutolomäus und gleichzeitig an das Christkind adressiert und dann in unseren Briefkasten gelegt. Die Wünsche mussten bei uns traditionell spätestens am 1. Dezember an dieser Stelle deponiert werden, damit das Christkind (oder wer auch immer) es zeitig genug abholen konnte. Ich habe mir die Wunschzettel immer sehr gerne angesehen, mich über die holprigen Sätze der Kinder amüsiert und die Zettel später in besagte Kiste in den Keller geworfen.

Nun ist Maya zwölf und Lara fünfzehn Jahre alt und natürlich glauben sie schon längst nicht mehr an das Christkind. Dieses Jahr hat Maya ihre Wünsche als Notiz in ihr Handy getippt und mir die Liste per WhatsApp geschickt. Da es die Eltern sind, die die Geschenke kaufen und nicht das Christkind, hat sie den Wunschzettel nicht mehr mit hübschen Zeichnungen verziert und auch keinen Glitzerpuder in den Umschlag gestreut. Leider kann ich elektronische Wunschzettel nicht in meiner Kiste aufbewahren, was ich sehr schade finde. Mayas Wünsche sind übersichtlich: ein paar Bücher, Sportsachen, Oreo-Kekse mit weißer Schokolade, eine Badekugel und als technisches Highlight eine mobile Lautsprecherbox. Lara hat ihre Wünsche nicht einmal mehr schriftlich festgehalten, denn dafür wäre jeder Zettel verschwendet: „Ich wünsche mir Klamotten und Geld oder am besten nur Geld für Klamotten.“ Einer Fünfzehnjährigen Klamotten zu schenken, die a) passen und b) ihren Geschmack treffen, dürfte sich als äußert schwierige Aktion gestalten. Reine Geldgeschenke finde ich wiederum doof. Also habe ich sie selbst ein paar Kleidungsstücke aussuchen lassen.

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12. Dez. 2019
von Sonia Heldt
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03. Dez. 2019
von Sonia Heldt
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„Keiner aus meiner Klasse trägt noch einen Fahrradhelm“

Kinder im Grundschulalter tragen ihren Fahrradhelm meistens noch voller Stolz und ohne Meckerei.

Maya packt ihr Schulbrot in den Tornister, schlüpft in ihre Jacke und greift zum Fahrradhelm. Leicht angewidert setzt sie ihn auf den Kopf, um ihn keine drei Sekunden später wieder aggressiv runter zu reißen. „Der blöde Helm sitzt nicht richtig. Der ist doch doof, der macht meine Frisur kaputt. Ich kann keinen hohen Zopf tragen.“ Ich schaue mir den Helm genau an. „Alles super“, sage ich. „Sitzt wie eh und je.“ Meine Alarmglocken klingeln! Maya ist gerade einmal zwölf Jahre alt geworden. Ihre Schwester Lara verkündete erst gegen Ende der siebten Klasse eines Morgens: „Ich setze keinen Helm mehr auf!“ Ich ging damals sofort in die Offensive: „Du trägst Helm und basta!“ Ich hatte schon klein beigegeben, als sie keine zusätzlichen Reflektoren an ihrer Kleidung tragen wollte, aber beim Helm wollte ich eisern bleiben. Lara wurde wütend. So wütend, wie ich sie selten gesehen hatte. „Ich bin ein Nerd! Keiner in meiner Klasse trägt noch einen Fahrradhelm!“, schrie sie mit puterrotem Gesicht. „Das ist mir egal!“, schrie ich zurück.

Tatsächlich sieht man die meisten Jugendlichen ohne Helm, freihändig, oft mit dem Handy in der Hand, Fahrrad fahren. Bei jüngeren Schülern baumelt der Fahrradhelm manchmal nur noch zur Zierde am Lenker. Diese Kinder winken beim Losfahren zur Schule fröhlich ihrer Mutter zu, um den Helm dann eiskalt an der nächsten Ecke abzusetzen und ihre Mitschüler zu hänseln, die brav und uncool den Helm bis zur Ankunft auf dem Schulhof tragen. So auch damals ein paar Jungs aus Laras Klasse. Ich habe argumentiert, dass genau diese Helmabnehmer-Mitschüler bekloppt aussehende Teletubbies-Badekappen beim Wasserball tragen müssen und trotzdem nie auf die Idee kämen, sich dem zu widersetzen. Und ich habe aus Verzweiflung den berühmten Andere-interessieren-mich-nicht-Satz gebracht. „Ich werde nie wieder mit euch reden. Ich hasse euch!“, schrie Lara und redete tagelang nicht mehr mit uns. Ich schickte ihr den Link zu einem abschreckenden YouTube-Video, in dem eine Wassermelone mit voller Wucht gegen eine Wand geworfen wird und matschig die Wand hinuntergleitet, während die Melone mit Fahrradhelm den Aufprall unbeschadet übersteht. Als Antwort blockierte sie mich auf WhatsApp.  

Mein Mann wunderte sich, warum sie überhaupt mit uns diskutierte, war er doch selber in seiner Jugendzeit einer dieser Heimlich-Helmabnehmer. Aber meine Große wollte den Krieg fair gewinnen und ihrem Gegner beim Sieg mutig in die Augen schauen und nicht wie die Trojaner feige durch die Hintertür einfallen. Also legte sie uns ein paar Tage später eine Tabelle vor. In der linken Spalte hatte sie die Namen aller Klassenkameraden notiert, die ohne Fahrradhelm zur Schule kamen. Es waren zwanzig Schüler. Auf der Helmträger-Seite standen vier Namen. Von den vier Helmträgern, merkte sie an, würden drei ihren Helm zumindest auf den Nachhauseweg an den Lenker hängen. Nur sie wäre eine „echte“ Helmträgerin. Und überhaupt, ohne Helm, könnte sie im Winter wenigstens eine Mütze tragen. Ich bat meinen Mann, morgens einen kleinen Umweg zur Arbeit zu machen und an der Schule vorbeizuschauen, damit wir unsere eigene Statistik anfertigen konnten. Die präsentierte er mir abends mit ernstem Gesicht: „Ich würde sagen, 80% der Fünf- und Sechstklässler tragen Helm, etwa ab der sieben Klasse sind es nur noch 10%, ab der achten Klasse vielleicht noch 5%.“

Mich überzeugte weder die Bilanz meines Mannes noch die meiner Tochter. Ja, ich finde Fahrradhelme auch nicht gerade modisch, aber sie sind wichtig und können bei Unfällen unter Umständen Schlimmeres verhindern. Würden wir auf Malta, in Finnland oder Schweden leben, würde der Gesetzgeber meine Töchter zwingen einen Fahrradhelm zu tragen! Wenn Deutschland eine Fahrradhelmpflicht einführen würde, würden viele zwar erst einmal meckern, aber irgendwann wären Fahrradhelmträger keine Aliens mehr. 1976 wurde die Gurtpflicht im Auto durchgesetzt. Viele Frauen fürchteten damals um ihre frisch gebügelten Blusen und die Herren der Schöpfung um ihre Lässigkeit. Heute denkt kein Mensch mehr drüber nach, ob Anschnallen im Auto uncool oder lästig ist. Auch auf den Skipisten sieht man heutzutage kaum noch jemanden ohne Helm die Pisten runterbrettern. Meine Töchter haben auch noch nie über den Skihelm gemeckert. Der gehört für sie selbstverständlich dazu. Aber auf den Straßen hat sich der Helm immer noch nicht flächendeckend durchgesetzt, bei Teenagern schon einmal gar nicht. Das wird wahrscheinlich auch die Kampagne #Helmrettetleben vom Bundesverkehrsministerium nicht ändern, die versucht mit einer ehemaligen GNTM-Anwärterin besonders die jungen Menschen anzusprechen: „Looks like shit. But saves my life.“ Ich fände es sinnvoll, wenn zumindest für Kinder bis 14 Jahren die Helmpflicht gesetzlich vorgeschrieben werden würde! Denn bis zu diesem Alter sind Kinder noch nicht in der Lage optimal und vorausschauend im Straßenverkehr zu agieren. So hat mich einmal ein Verkehrspolizist bei einer Elternveranstaltung zum Thema Verkehrserziehung aufgeklärt.   

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03. Dez. 2019
von Sonia Heldt
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28. Nov. 2019
von Janosch Niebuhr
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Können wir bitte den Advent überspringen?

So harmlos fängt es an: Kinderhand beim Plätzchenbacken
Wunsch oder Wirklichkeit? Kinderhand beim Plätzchenbacken

Es war wahrscheinlich mein Gesichtsausdruck. Dieser eine Moment ungläubigen Staunens, der mich verraten hat. Eigentlich wollte ich mir nichts anmerken lassen. Aber ich war tatsächlich sprachlos, vielleicht war da sogar Entsetzen auf meiner Stirn. Meine Frau hatte mir gerade einen Siebener-Pack roter Stumpenkerzen in die Hand gedrückt. Einfach so, ohne Worte – und dann meine Reaktion abgewartet.

In der Regel weiß ich inzwischen in den meisten Haushalts- und Familiensituationen, was von mir erwartet wird, selbst wenn ich in Wirklichkeit keine Ahnung habe, um was oder wen es sich dreht. Fremdeltern und -kinder begrüße ich zum Beispiel mit sprudelnder Herzlichkeit, während ich gleichzeitig verzweifelt versuche, mich an deren Namen zu erinnern oder woher ich sie kenne. Bei Anfragen in den Elternchats der Schule melde ich mich vorbildlich als einer der ersten zum Abbauen, ohne die Details der Anfrage vorher zu studieren, nur damit ich nicht mit irgendwelchen komplizierteren Aufgaben sitzenbleibe. Und beim Schuhkauf für die Jüngste („Klar weiß ich, dass sie neue Schuhe braucht“) taste ich mich vorsichtig von Größe 21 an ihre tatsächliche Schuhgröße heran (32). Aber rote Stumpenkerzen??

„Wenn ihr den Adventskranz bastelt, braucht ihr doch Kerzen“, klärte mich meine Frau auf. „Das hast du doch auf dem Schirm, oder?“ Mutigere Menschen als ich hätten jetzt wahrscheinlich offen zugegeben, dass sie nicht geahnt haben, dass nach dem November bald auch der Dezember kommt, der am meisten mit Erwartungen überfrachtete Monat des Jahres. Ehrlichere Zeitgenossen hätten sich und der Welt auch eingestanden, dass sie diesen ganzen vorweihnachtlichen Aktionismus ablehnen und er sie überfordert. Reaktionärere Geister hätten sich dahinter versteckt, dass Adventskranz-Basteln und ähnliches Zeug zu „Familie und dem ganzen Gedöns“ gehört, also immer schon weiblich konnotiert war, und sich dann für nicht zuständig erklärt. Aber damit komme ich in diesem Jahr nicht durch. Seit einigen Monaten bin ich ja da Hauptverantwortlicher, also auch für den Dezember zuständig.

Ich hasse den Dezember, in diesem Jahr besonders. Zumindest die ersten 23,5 Tage lang. Kaum hat man gerade noch kurz vor Totensonntag den durchgematschten Halloweeen-Kürbis zu Grabe getragen, Kastanienmännchen und Altlaubblätter-Bilder hinter Heizungskörpern befreit, rollt eine weitere Bastel-Lawine auf uns zu. Doch damit nicht genug: Der Dezember macht auch noch grundsätzlich ein schlechtes Gewissen. Zumindest wenn man fürs Familienmanagement zuständig ist. Denn immer hängt man den eigenen Erwartungen hinterher. Das ist natürlich alles nicht neu, und es ist völlig unabhängig davon, ob nun Weihnachten, Channuka oder die Amazon-Jahresend-Schnäppchenschlacht als Kalendersignal interpretiert wird.

Wenn ich mit einem Wort beschreiben müsste, was mich so nervt an diesem Monat, dann ist es die „Erwartungsverdichtung“. So viel Erwartung pro Zeiteinheit ist sonst nie, sowohl eigene Erwartungen als auch fremde. (Und da geht es noch nicht mal um die Geschenke für die Kinder.) Zum Beispiel kommt immer irgendjemand auf die Schnapsidee, dass ausgerechnet im Dezember Zeit für „ein gemütliches Zusammensein“ in der Schule sei mit Lehrern, Eltern und Kindern. „Bitte eine Kleinigkeit für das Buffet mitbringen!“ steht dann meistens im P.S.. Ich denke dann an Vieles, zum Beispiel wie man eine Tüte Chips ohne Gesichtsverlust als Buffetspende in die Schule schmuggeln kann. An „Gemütlichkeit“ denke ich nicht.

Natürlich könnte ich meiner Umwelt signalisieren, dass ich für Dezember-Termine oder -Aufgaben nicht zu haben bin. Aber das ist leichter gesagt als getan.

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28. Nov. 2019
von Janosch Niebuhr
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26. Nov. 2019
von Martin Benninghoff
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Schau mal, Kind: ein Buch, kein Tablet!

Faszination Bildschirm: Dagegen kommt bei Kleinkindern kein Buch der Welt an.

Der Fahrplan war geschrieben, bevor das Kind auf der Welt war: kein Tablet, kein Smartphone im Kleinkindalter. Stattdessen Büchervorlesen, Spielen, Herumtollen, Phantasie ansprechen und Kreativität abrufen.

Und dann das: An einem Tag, als die Tagesmutter krank ausfiel, musste ich den knapp dreijährigen Elias mit in die Redaktion zum Arbeiten nehmen. Geschlagene zweieinhalb Stunden. Nun muss man wissen, dass ich die meiste Zeit in einem Newsroom, also in einem Großraumbüro, tätig bin. Elias saß also auf dem Boden, während ich auf drei Bildschirmen die Nachrichtenlage zwischen Donald Trumps neuester Twitterei und Friedrich Merz‘ neuester Selbstbewerbungsäußerung im Blick halten musste (das war noch vor dem CDU-Parteitag in Leipzig). Als es Elias tatsächlich fertigbrachte und im entscheidenden Moment einer Eilmeldung den Computerknopf drückte, woraufhin alle Bildschirme in Windeseile herunterfuhren und eine Kollegin dankenswerterweise schnell einsprang, musste ich die Notbremse ziehen: Tablet aus der Tasche, Gerät an, Youtube anwählen, Kinderserie aussuchen, Elias davor parken. Danach war eine halbe Stunde Ruhe – und ich konnte tatsächlich das tun, weswegen ich an diesen Ort gekommen war: arbeiten.

Nun folgt die unbeabsichtigte Pointe: Elias ist bei dieser Gelegenheit richtig auf den Geschmack gekommen und ruft nun jeden Tag zuhause nach dem Tablet, obwohl wir zuhause keinen Newsroom haben und es keinerlei Notwendigkeit gibt, den Kleinen irgendwo „zu parken“. Unglücklicherweise habe ich als Journalist daheim zwei iPads herumliegen, und unser Sohn weiß genau, an welcher Stelle des Regals die Heiligtümer liegen. Wann immer der Kleine müde und abgekämpft ist, weil er im Kindergarten war oder stundenlang mit seiner Freundin im Haus gespielt hat, möchte er sich am liebsten aufs Sofa mümmeln und Kinderserien auf dem Ding schauen, auf Youtube meistens.

Derzeitiger Knüller ist „Leo, der Lastwagen“, eine einfache Kleinkinderserie in Computerspielästhetik (hier zu bewundern). Es ist eine kreuzlangweilige Serie, in der quasi nichts passiert, außer dass ein vermenschlichter Lastwagen durch eine ansonsten menschenleere Gegend fährt und Teile zusammensucht, aus denen Maschinen gebaut werden. So habe ich zum Beispiel von meinem Sohn erfahren dürfen, dass es so etwas wie Kaltfräsen gibt, also Maschinen, die alte Asphaltdecken abreißen. Wusste Elias dank Leo – hatte ich noch nie gehört. Immerhin ein Bildungsauftrag also. Ansonsten aber wachsen mir graue Haare, wenn Elias nun täglich nach dem Tablet ruft. Erst recht nach dieser Sendung, die kalt wie eine Baustelle im regnerischen November wirkt. Ich kann die kaum ertragen, Elias liebt sie. Nun gut, man kann auch sagen: Die Serie tut immerhin keinem weh.

Aber Halt, Zwischenstopp! Meine persönliche Abneigung gegen diese Sendung im Besonderen und Fernsehen schauende Kleinkinder einmal an die Seite geschoben. Aber wie schädlich ist es eigentlich für Kinder, Fernsehen zu gucken oder Videos auf Youtube zu schauen? Medienpädagogen raten, dass Kleinkinder vor dem dritten Geburtstag gar keine Videos oder Fernsehsendungen schauen sollten. Ab dem dritten Lebensjahr ist es weniger problematisch, wenn die Dosis und die Inhalte stimmen. Vier- bis Sechsjährige sollten maximal eine halbe Stunde am Tag vor dem Fernseher hocken oder Videos bei Youtube anschauen, Sieben- bis Zehnjährige maximal 45 Minuten. Soweit die Theorie. Aber was machen, wenn man ein Kind einmal vor dem Tablet parken musste – und nun die Schreierei groß ist, wenn man als Elternteil dem verzweifelten Wunsch des Sprösslings aus pädagogisch gutgemeinten Gründen nicht nachkommt? Nun, einfach nicht immer verbieten, sondern nur manchmal. Wie gesagt, die Dosis macht das Gift. Und ansonsten ein paar Regeln beachten.

Das Problem ist ja die Vorbildfunktion der Eltern. Unsere Wohnung ist vollgestopft mit Büchern, wir nutzen sie häufig, lesen viel und Elias viel vor. Aber natürlich spielen dazu elektronische Medien eine große Rolle, häufig nehmen wir Smartphones zur Hand, um nach Rezepten zu schauen, eine Whatsapp zu schreiben oder „Zeitung“ in der E-Ausgabe zu lesen. Wie soll ein Kleinkind verstehen, was der Papa auf einem Handy tut und was er dort anschaut? Dass man eben keine Youtube-Serien-Orgien über sich ergehen lässt, sondern Tageszeitung liest oder eine Doku schaut? Die Antwort: kann man nicht erklären. Für ein Kleinkind ist ein Tablet ein Ding, das blinkt und leuchtet – und dass deshalb furchtbar interessant ist. Sich zu bemühen, nicht permanent das Smartphone zur Hand zu nehmen und für eine Recherche auch mal hinaus in ein anderes Zimmer zu gehen – das habe ich mir nun wenigstens vorgenommen. Elias soll nicht den Eindruck bekommen, dass sich unser Leben um Unterhaltungselektronik dreht. Tut es auch nicht. Hat aber blöderweise den Anschein.

Und Tablets? Elias darf durchaus mal etwas gucken, aber nur wenn einer von uns daneben sitzt – und dann nicht zu lang. Eine oder zwei Folgen dürfen sein, maximal 20 Minuten am Stück. Denn die Verhaltensweisen des Kleinen laden nicht dazu ein, seine Zeit vor dem Tablet künstlich zu verlängern. Elias sitzt – nicht nur beim Lastwagen Leo – gebannt vor dem Bildschirm, er wirkt fast wie eingefroren. Er antwortet kaum auf Fragen – und bewegt sich auch nicht. Und genau diese Lethargie, die der passive Medienkonsum offenbar provoziert, kann nicht gut sein für das Kind, das die Welt von sich aus begreifen und erobern, die Dinge anfassen und mit Neugier alles ausprobieren soll. Die Bewegungslethargie vieler Menschen wurzelt sicherlich auch in dieser kindlichen Berieselung.

Außerdem ist Youtube sowieso problematisch, weil nach jeder Serie automatisch weitere „Knallerangebote“ aus dem Entertainmentbereich präsentiert werden, so dass ein Klick genügt, um immer weiter zu schauen, eine Folge nach der anderen, eine Serie nach der anderen. Ein Dreijähriger weiß genau, was er wie anklicken muss, Kleinkinder lernen schnell. Zwischendrin kommt zudem Werbung, die nur einen mäßigen pädagogischen Mehrwert hat. Insofern ist es immer sinnvoll, dass man als Elternteil gemeinsam mit dem Kleinen schaut und ihn nicht alleine mit dem Tablet auf dem Sofa sitzen lässt.

Nun habe ich versucht, das Ganze mit Trick 17 in die richtige Richtung zu lenken. Ich habe ihm eine Folge „Janoschs Traumstunde“ gezeigt; die, bei der der Tiger krank wird und zu Dr. Brausefrosch in die Klinik für Tiere gehen muss. Danach habe ich ihm das Buch gezeigt mit genau derselben Geschichte, nur eben auf Papier. Immer und immer wieder will er sie nun abends beim Schlafengehen hören, und ich lese sie ihm vor. Plan also aufgegangen? Na ja: Am Nachmittag will er die Geschichte am liebsten auch noch als Zeichentrickserie auf dem Tablet anschauen. Nicht alle Pläne gehen eben hundertprozentig auf. Leider. Da hilft selbst Dr. Brausefrosch nicht.

26. Nov. 2019
von Martin Benninghoff
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21. Nov. 2019
von Sonia Heldt
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Familie allein zu Haus: „Mama, das iPad im Backofen brennt“

Mit einem Ohr und Gedanken zuhause bei der Familie?

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Sonnenmilch, einen Bikini, Strandkleider, genügend Sportsachen zum Wechseln und meinen eBook-Reader. Was ich nicht mitnehme: meine Familie, einen Terminkalender und mein gereiztes Gemüt, das nach einer Pause schreit. Ich brauche Zeit für mich und Abstand vom Alltag, um meine Akkus wieder aufzuladen. Ich freue mich entsetzlich auf den einwöchigen Urlaub mit meiner Freundin: Kanaren, sieben Tage, All-inclusive-Hotel mit direkter Strandlage und umfangreichem Sportangebot. Wir werden uns sonnen, ein bisschen Sport treiben, lesen, essen wann wir wollen und was wir wollen und das dreckige Geschirr danach einfach stehen lassen. Wir werden es uns richtig gutgehen lassen!

Doch so schön die Aussicht auf eine Woche puren Luxus für die Seele auch sein mag, es kostet mich eine gewisse Überwindung, meine Familie alleine zu Hause zu lassen. Ich weiß, was nun kommt! Sie werden aufstöhnen: „Was für eine Glucke! Was soll denn schon passieren, wenn sie nicht da ist? Ihre Töchter sind ja nun wirklich alt genug (15 und 12 Jahre, um genau zu sein) und werden ja wohl mal ein paar Tage ohne sie aushalten. Ihr Mann ist doch auch noch da! Meint sie, das Haus stürzt ein oder die drei werden verhungern, nur weil sie von ihr nicht bekocht werden?“  Ja, teilweise liegen sie mit ihrer Vermutung richtig. Wenn sie wüssten, wie richtig! Ich bin sicherlich eine Glucke, die ihre Familie viel zu sehr verwöhnt und es außerdem nicht mag, wenn etwas nicht so perfekt läuft, wie es soll. Aber bevor sie weiter die Augen verdrehen und mich in eine Schublade stecken: Mein komisches Gefühl im Magen ist durchaus berechtigt. Experiment „Familie allein zu Haus“ läuft nämlich nicht zum ersten Mal!

Zuletzt habe ich mir vor zwei Jahren diese Auszeit gegönnt: Ebenfalls eine Woche Kanaren. Ebenfalls im November. Ebenfalls mit meiner Freundin. Maya war damals 10, Lara 13 Jahre alt. Fürsorglich wie ich nun mal bin, hatte ich für die ganze Woche die Tiefkühltruhe und den Kühlschrank aufgefüllt, damit es meine Lieben wenigstens verpflegungstechnisch einfach haben: Dosenfutter, Nudeln, Reis, Fertigsoßen und die obligatorischen Tiefkühl-Pommes. An meinem zweiten Urlaubstag – meine Freundin und ich hatten uns in Schale geworfen und wollten uns gerade auf den Weg zum leckeren Abendbuffet machen – klingelte mein Handy. Laras Nummer erschien auf dem Display. Eigentlich hatte ich gar keine Lust ranzugehen, tat es dann aber selbstverständlich dennoch (Glucke, sie wissen schon). Kaum hatte ich ein gut gelauntes „Hallo“ in den Hörer geflötet, rief Lara auch schon aufgeregt: „Mama, es kommen Flammen aus dem Backofen und wir finden den Feuerlöscher nicht! Hast du das iPad in den Ofen gesteckt?“

Dass dies kein Scherzanruf war, erkannte ich sofort an ihrem panischen Tonfall, dem lautstarken Piepen unseres Rauchmelders und den aufgeregten Stimmen im Hintergrund. In mir stieg Panik auf. Feuer! Backofen! Aber wieso iPad? Ich bekam den Sinn ihrer Worte nicht ganz zusammen, sah mich jedoch bereits bei meiner Rückkehr aus dem Urlaub mit meinem Koffer vom Flughafen schnurchstracks in ein Hotel ziehen, weil meine Familie es während meiner kurzen Abwesenheit geschafft hatte, das Haus abzufackeln und uns heimatlos werden zu lassen. Dann sagte Lara: „Ist schon gut, wir kriegen das schon hin!“ und wollte mich „nicht weiter stören“ und das Gespräch beenden. Natürlich verlangte ich sofortige Aufklärung, blieb live zu Hause dazugeschaltet und legte erst auf, als der Brand sicher gelöscht war (das schafften sie dann sogar ohne die Feuerwehr, nach der Maya lautstark verlangte). „Papa wollte Pommes machen. Aber dann brannte plötzlich das iPad im Ofen.“

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21. Nov. 2019
von Sonia Heldt
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18. Nov. 2019
von Anna Wronska
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Ohren zu und durch – die furchtbarsten Kinderlieder

Rolf Zukowski kennt wohl jedes Kind – und die Eltern.

Hier kann ich es ja sagen: Ich bin in den 80er- und 90er-Jahren mit der „volkstümlichen Hitparade im ZDF“ aufgewachsen, meine Eltern haben die Musikkassetten dazu insbesondere auf langen Autofahrten rauf und runter laufen lassen. Ich bin also, musikalisch gesehen, Kummer gewöhnt (und bis heute absolut textsicher bei Nummern wie „Über jedes Bacherl geht a Brückerl“).

Das kommt mir als Mutter zweier Kinder entgegen. Platte Reime, vorhersehbare Melodien und langweilige Akkorde bringen mich nicht so schnell auf die Palme wie etwa meinen Mann. Musikkassetten sind unserem Fünfjährigen freilich ebenso fremd wie Schlagerparaden im analogen Fernsehen. Dafür gibt es heute Kinderlieder-Abo-Kanäle auf Youtube und Kinderdisco-Playlists auf Amazon, abrufbar zu jeder Zeit und an jedem Ort. Jeder weiß, wie wertvoll Musik für die Entwicklung von Kindern ist. Aber ausgerechnet Kinderlieder sind oftmals furchtbarer als der flachste Schlager – musikalisch, textlich oder beides. Und wenn sie nicht furchtbar sind, hören wir sie so oft, bis wir sie furchtbar finden. Leider klafft die Wahrnehmung von Eltern und Kindern hier bisweilen weit auseinander.

Im Folgenden ein Versuch, die Ohrwürmer der vergangenen fünf Jahre zu kategorisieren.

1. Die grausamen Lieder

Es gibt Lieder, die sind über Generationen hinweg einfach nicht totzukriegen. Leider. Denn wenn man genauer hinhört, fragt man sich, ob zu Omas Zeiten einfach mehr Freude an Leid und Verderben war – und daran, Kinder in Angst und Schrecken zu versetzen. Da schießt ein junger Jägersmann den armen Kuckuck tot, keiner weiß, warum (der Kuckuck am allerwenigsten). Oder: Zwei Kinder gehen im Wald verloren, kommen bei einer bösen Frau unter, dann das happy end: „Die Hexe musste braten / die Kinder gehen nach Haus‘.“ (Hier müsste man natürlich schon die literarische Vorlage anklagen, aber gruselige Märchen sind ein Thema für sich.) Auch der hungrige Fuchs muss im Angesicht der Flinte des Jägers die Gans wieder herausrücken, was bisweilen für Irritation sorgt („Mama, was ist denn rote Tinte?“, und: „Aber der Fuchs muss doch auch etwas essen!“).

Ebenfalls irritierend, mindestens für Eltern, ist diese gewisse Gottesfürchtigkeit, die einem in Kinderlieder-Classics immer wieder begegnet, gerade in den Abendstunden: „Morgen früh, wenn Gott will (und nur dann!)/ wirst du wieder geweckt!“ Oder: „Verschon uns, Gott, mit Strafen / und lass uns ruhig schlafen / und unsern kranken Nachbarn auch.“ Dabei haben wir Strafen doch verdient, denn: „Wir stolzen Menschenkinder / sind eitel, arme Sünder / und wissen gar nicht viel!“ Wenn das nicht für eine erholsame Nachtruhe sorgt.

Um nicht unfair zu sein: Es gibt auch neuere Lieder, die fetzen. Was macht der Schneider mit der Mi-Ma-Maus? „Er zieht ihr ab das Mausefell / Mi-Ma-Mausefell / er zieht ihr ab das Fell“ und näht sich einen Sack daraus. Derweil verschlingt der gefräßige Hai einen kleinen Fisch nach dem anderen. Immerhin, das Universum schlägt zurück, das Mahl bekommt dem Hai nicht gut. „’Ich hab so viele Fische in meinem Bauch! Ich könnte platzen!‘ / Und das tut er dann auch.“

2. Die sinnfreien Songs

„Ein Loch ist im Eimer, liebe Liese, liebe Liese / ein Loch ist im Eimer, liebe Liese, ein LOCH.“ Die meisten von Ihnen wissen, wie es weiter geht: Lieses Handlungsanweisungen an den lieben Heinrich machen deutlich, dass es sich mit beider Verstand ähnlich verhält wie mit dem Eimer. Am Ende sind wir alle da, wo wir am Anfang waren, und wir wollen Liese und Heinrich einfach mit einem Zehner zum nächsten Baumarkt schicken, dort gibt es Eimer in Hülle und Fülle. Eine Namensvetterin kommt übrigens auch in einem anderen Volkslied ganz groß heraus. „’Heut kommt der Hans zu mir‘ / freut sich die Lies“. Der Knackpunkt: „Ob er aber über Oberammergau / oder aber über Unterammergau / oder aber überhaupt nicht kommt / steht noch nicht fest.“ (Spoiler: Wir erfahren es bis zum Schluss nicht.)

Wenigstens haben die beiden obigen Lieder eine Art Handlung, was man von diesem hier nicht behaupten kann: „Aram sam sam/ Aram sam sam / Gulli gulli gulli gulli gulli / ram sam sam“. Oder verstehe ich die Botschaft nur nicht? Falls jemand eine Übersetzung oder Deutung zur Hand hat, bitte in die Kommentare schreiben, herzlichen Dank! Und dann sind da noch die Räder vom Bus, die drehen „sich im Kreis, sich im Kreis“, und das „stun-den-lang“. Damit nicht genug, die Wischer von eben jenem Bus machen „wisch-wusch-wisch“, und die Menschen im Bus machen „bla-bla-bla“, und auch dies: „stun-den-lang!“ Genauso fühlt sich dieses Lied auch an. Genau so!

3. Die pädagogischen Gassenhauer

Vermutlich fühlen sich viele Kinderlieder-Macher einer Art erzieherischem Auftrag verpflichtet, aber einer hat das perfektioniert: Rolf Zuckowski. Nicht zufällig hat er 2018 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse bekommen. Zuckowski ist ganz sicher ein großartiger Komponist und, was man so hört und liest, ein sympathischer Mann, dennoch schwanke ich bei seiner Musik je nach Tagesform zwischen liebevoller Nostalgie und Aggression. Denn in vielen seiner Lieder schwingt der belehrende Zeigefinger mit und sind Kinder stets so vernünftig und vorbildlich, dass es einen bisweilen in den Wahnsinn treibt.

Die Kinder in Zuckowskis Welt können rechts und links mühelos unterscheiden, denn sie haben natürlich geübt, fangen in ihrer Güte aber für Unwissende „nochmal von vorne an“. Sie erfreuen sich an den Jahreszeiten, ihren Mitmenschen, an der Schönheit der Natur, und sie wissen: „Mein Platz im Auto ist hinten/ Im Sitz lehn‘ ich mich zurück / Da hinten könnt ihr mich finden / und vor der Fahrt mach‘ ich KLICK.“ Noch lieber ist dem Nachwuchs aber, wenn der Papa (warum eigentlich nicht die Mama?) das Auto stehen lässt: „Lass uns jetzt nicht fahren / Ich hab‘ Lust, zu Fuß zu gehen / und Benzin zu sparen!“ Die einzige Verfehlung, die diese Goldstücke sich leisten, sind dreckige Finger in der Weihnachtsbäckerei. Aber nicht einmal das kann man ihnen übel nehmen, zumal sie uns in Erinnerung rufen: „Alle machen Fehler / Alle machen Fehler/ Keiner ist ein Supermann!“

4. Die Rettung

Ich könnte diese (selbstverständlich subjektive) Liste der musikalischen Grausamkeiten lange fortführen. Viele davon begleiten uns im Alltag trotzdem ständig. In dem Moment, in dem ich das hier schreibe, läuft im Hintergrund der „Sing-mit-mir-Kinderlieder-Maxi-Mix 12“, und Lukas (14 Monate) wippt dazu mit dem Windelpo. Glücklicherweise haben wir mittlerweile auch Musik für Kinder entdeckt, die auch Erwachsenen Spaß macht – beispielsweise gibt es recht erfrischende Neuauflagen bekannter Kinderlieder. Culcha Candela haben „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ neu interpretiert und bei der Gelegenheit ein paar wirklich ganz lustige Liedzeilen eingebaut. Der Rapper Chima hat eine lässig-mystische Version von „Hejo, spann den Wagen an“ aufgenommen, bei der beide Kinder mitgrooven. Daneben gibt es neuere Kompositionen, die den Familienalltag auf die Schippe nehmen: „Liebe Kinder, kommt ihr bitte!“ von der Band „Bummelkasten“ ist mein aktueller Ohrwurm. Unser Sohn Ben (5 Jahre) wiederum findet sich total wieder in Liedtexten wie diesem: „Der Reißverschluss, er geht nicht zu / Er geht nicht zu? / Er geht nicht zu! /Ich hab‘ alles versucht, doch er geht nicht zu! “ Und die Band „Deine Freunde“ hat pädagogisch wertvolle Tipps für die nicht ganz so vorbildlichen Kids („Wenn sie dich verhören, besser nix dazu sagen / Bleib bei deiner Story, egal, wie oft sie fragen“). Und nicht zuletzt bekommen wir alle drei – Mama, Papa, großer Sohn – regelmäßig Gänsehaut der wohligen Sorte bei den teilweise meisterhaften Soundtracks zu Disney-Krachern wie „Frozen“ oder „Vaiana“.

Auch bei diesen Positiv-Beispielen gilt: Nach dem 200. Mal Hören ist es vermutlich nicht mehr so unterhaltsam. Es kommt auf die Abwechslung an, und darauf, welchen Zweck die Musik im betreffenden Moment erfüllen soll. Ich finde: Nicht jedes (Kinder-)Lied muss bilden und erziehen, manchmal braucht man einfach nur etwas zum Wippen, Singen und Klatschen. Mein Mann und ich haben hier eine Art ausgleichende Playlist-Strategie entwickelt, die sich, wenn ich länger darüber nachdenke, ein bisschen wie „good cop, bad cop“ anfühlt: Er spielt den Kindern Händel vor (für die Hirnzellen) und ich Helene Fischer (für den Spaß). Aber Helene Fischer nur ganz, ganz selten. Eigentlich fast nie. Wirklich.

18. Nov. 2019
von Anna Wronska
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12. Nov. 2019
von Sonia Heldt
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„Mein Kind hatte einen Unfall!“

Mit etwas Glück ist er morgen wieder auf den Beinen: Manche Kinder teilen ihre Unfallerlebnisse auch mit ihren Stofftieren.

Unfälle passieren immer zum ungünstigsten Zeitpunkt, man kann sie weder voraussehen, noch wirklich verhindern. Wir sensibilisieren Kinder für Alltagsgefahren: „Schau nach links und rechts, wenn du über die Straße gehst“; „Fahr mit dem Rad immer hinter dem großen LKW, nie daneben“; „Zieh rutschfeste Socken an, wenn du die Treppe hinunterläufst“. Wir bringen Kindersicherungen an Schränken und Steckdosen an, räumen scharfe Gegenstände weg und beseitigen Stolperfallen. Dennoch ist es unmöglich, seine Kinder vor allen Gefahren zu schützen. Und wenn man einmal drüber nachdenkt, was eigentlich so alles passieren könnte (bitte tun Sie das auf gar keinen Fall, halten Sie Ihr Kopfkino im Zaun!), wird man schnell verrückt vor lauter Sorge.

Maya war sechs Monate, als sie die Treppe in unserem Haus herunterpurzelte. Sie hatte gerade angefangen zu krabbeln, und das Treppengitter in der oberen Etage sollte am nächsten Tag in die Wand gebohrt werden. Ich wollte nur mal eben die Wollmaus, die ich unter dem Bett im Schlafzimmer entdeckt hatte, wegsaugen und ließ Maya für eine Sekunde aus den Augen. Ich werde das dumpfe, fürchterliche Geräusch niemals mehr in meinem Leben vergessen! Ich schrie, schmiss den Staubsauger zur Seite und rannte zu meinem Kind. Elf Holztreppenstufen hinunter! Es endete glimpflich: Maya weinte kurz, ich blieb mit ihr eine Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus, und die zwei oder drei blauen Flecken am Oberkörper und auf der Stirn waren schnell vergessen. Nur die blauen Flecken auf meiner Seele wollten einfach nicht verheilen. Ich kam mir wie die letzte unfähige Rabenmutter vor. Ich hatte nicht aufgepasst!  Ich war schuld! Die Szene spielte sich wochenlang immer und immer wieder vor meinem inneren Auge ab, und das dumpfe Geräusch des Aufpralls verfolgte mich bis in meine Träume. Ich konnte nicht aufhören, zu weinen und mich mit Selbstvorwürfen zu bestrafen. Was hätte alles passieren können! Wenn sie nun …

Ein paar Tage später hatte ich einen Termin bei meiner Physiotherapeutin und erzählte ihr von der Sache. Ich dachte: Nun wird sie mich entsetzt anschauen und ich werde den unausgesprochenen Vorwurf „Haben Sie denn nicht richtig auf Ihr Kind aufgepasst?“ auf ihrer Stirn lesen können. Doch stattdessen erzählte sie mir, dass ihre eigene Tochter im Babyalter vom Wickeltisch gefallen sei und sich dabei das Becken gebrochen habe. Ich war ihr unendlich dankbar für ihre Offenheit und fühlte mich gleich ein bisschen weniger schlecht. Ich war also nicht allein! Es gab auch andere Mütter, denen schon Ähnliches passiert war. Dennoch hat es gedauert, bis ich akzeptieren konnte, dass Unfälle nun einmal passieren, auch die, bei denen man glaubt, mitschuldig zu sein. Weil man nicht nonstop neben der Rutsche steht. Weil man dem Kind den Wunsch nach einem Hochbett erfüllt hat. Weil man vergessen hat, dass die Herdplatte noch heiß ist. Weil man findet, dass Inliner ein gutes Weihnachtsgeschenk sind. Weil auch Kinderschnitzmesser scharf sind. Weil man dem Kind kurz den Rücken zugedreht hat. Die Sorge, seinem Kind könnte etwas Schlimmes zustoßen, wird uns Eltern ein Leben lang begleiten. Selbst wenn sie nicht mehr auf Rutschen rumturnen und längst verstanden haben, dass Strom durch die Steckdose fließt. Es ist unsere Bürde. Wichtig ist jedoch, dass man seine Sorge nicht auf das Kind überträgt. Mir fällt das nicht immer leicht.

Letzte Woche war es nach längerer Zeit bei uns mal wieder soweit.  Die Nummer der Schule erschien auf dem Telefondisplay. Kein gutes Zeichen! „Können Sie kommen? Maya hat sich im Sportunterricht verletzt. Aber keine Sorge, sie hat nur einen Ball gegen den kleinen Finger bekommen.“ Ein Ball! Ein Finger! Sofortige Erleichterung! Was hätte nicht alles … NEIN! Einstellung des Kopfkinos!

Ich setzte mich sofort ins Auto, fuhr zum Durchgangsarzt und löste die Lehrerin ab, die Maya zur Praxis begleitet hatte. Sie drückte mir Mayas Schultornister in die Hand und wünschte uns alles Gute. „Wenn sie mich fragen, ist der Finger gebrochen“, sagte sie noch, und ich konnte angesichts des merkwürdig abstehenden, geschwollenen Fingers nur zustimmen. Ich erledige die Formalitäten an der Anmeldung und versuchte meine Tochter aus ihrer Erstarrung zu befreien. „Wir haben doch nur Hütchen-Ball gespielt! Und ich hatte schon drei Treffer gelandet!“ Die Schmerzen und die Aussicht, die nächsten Wochen ihren Vereinssport wegen eines Gipsarmes nicht mehr ausüben zu dürfen, setzten ihr merklich zu.

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12. Nov. 2019
von Sonia Heldt
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07. Nov. 2019
von Janosch Niebuhr
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Es geht auch ohne Familienkalender (nicht)

Wer kümmert sich in der Familie ums Zeitmanagement?

Seit etwa einem Monat betreibt unsere mittlere Tochter (10) Zeitmanagement. Sie klebt bunte Post-its in ihren Wochenplaner, trägt Klausurtermine des Schulhalbjahrs ein, Abgabefristen, regelmäßige Selbstverpflichtungen („Englisch-Vokabeln wiederholen“) und hakt ab, was in der Woche an Aufgaben erledigt ist. Sie macht das aus eigenem Antrieb. Also gut: Sie macht das, weil ihre Lehrerin ihr das gezeigt hat. Okay, das ist auch nicht die ganze Wahrheit: Ihre Lehrerin hat ihr das gezeigt, weil ich „Zeitmanagement“ im Elterngespräch als mögliches Entwicklungsziel für unsere Tochter erwähnt habe. Was nicht ganz zutreffend war, na ja, zugegeben: Ich hab dieses Entwicklungsziel im Elterngespräch nur erwähnt, weil mir nichts anderes eingefallen ist, man die 20 Gesprächsminuten ja füllen muss – und ich selbst mir nichts sehnlicher wünsche als das perfekte Zeitmanagementsystem. Das arme Kind ist also Opfer meiner Projektion. Eigentlich müsste ich mich – nicht sie sich – viel intensiver um das effiziente Management der knappsten unserer Ressourcen kümmern. Aber ich bin da inzwischen Realist.

Vielleicht liegt das auch an der Jahreszeit. Der Herbst ist die Jahreszeit, in der ich mit der Vergänglichkeit meiner eigenen Zeitplanung am deutlichsten konfrontiert werde. Dann finde ich endlich meine alten Jahresziel-Notizen aus dem Vorjahr wieder („Rom-Reise organisieren!“, „jede Woche 60 Minuten Laufen“, „Flohmarkt-Termine checken wegen Dachboden“ usw.) – und lege sie zur Wiedervorlage ab. Es ist auch die Zeit, in der ich all die verwaisten Familienkalender entsorge, mit den wenigen Einträgen, die ich gleich nach dem Kauf gemacht hatte (unsere Geburtstage und die Schulferien). Und es ist die Zeit, in der ich – trotz oder gerade wegen der ernüchternden Zeitplanungserfahrungen der Vorjahre – wieder irgendeinen klobigen Tisch- oder Wandkalender kaufe oder eine Zeitplanungs-App herunterlade, Google Kalender oder Outlook aktualisiere. Es ist mehr Ritual als Management-Tool, eher Selbstvergewisserung als Projektierung. Im irgendwann real existierenden Jahresverlauf werden diese Tisch-Kalender und elektronischen Erinnerungen wahrscheinlich keine Rolle spielen. Auch sie werden verwaisen, veralten, verschwinden. Trotzdem gibt es da die irrlichternde Hoffnung, man könne die Termine im Griff behalten und nicht umgekehrt selbst ganz von ihnen vereinnahmt werden.

Es ist paradox: Familien, insbesondere mit zwei berufstätigen Elternteilen und einer Kinderzahl oberhalb der 1,59 Durchschnittskinder, brauchen ein straffes Zeitmanagement, müssen einen Überblick über ihre Termine behalten – und alle Hilfsmittel nutzen, die dazu zur Verfügung stehen. Andererseits sind Planbarkeit und Familienleben wie Öl und Wasser – im besten Fall kann man eine Emulsion daraus machen, wirklich verbinden lassen sie sich nicht. Im Laufe der Jahre haben wir verschiedene Werkzeuge zur Zeitplanung in der Familie ausprobiert. Der Übersichtlichkeit wegen differenziere ich hier nur zwischen den sechs gängigsten Varianten, also alles ohne Anspruch auf Vollständigkeit. (Ich freue mich aber sehr über weiterführende Leser-Tipps zur Zeitplanung für Familien!).

Da gibt es zunächst die minimalistische Variante: der zweiseitig bedruckte DIN A4-Tafelkalender, für Angeber auch in DIN A5 erhältlich. Mehr Termin pro Quadratmillimeter Kalender geht gar nicht! Perfekt für einen eher philosophischen Blick auf das nächste Jahr. Mit Miniaturschrift kann es gelingen, Geburtstage und wichtige Familienfeste einzutragen. Aber das war es dann auch. Für eine fünfköpfige Familie ist die minimalistische Variante im besten Fall als Mal- und Klebeunterlage für kindliche Kleinkunst geeignet.

Zweite Option – quasi das andere Extrem: Zeitplanung als Wohnraum-Tattoo. Meist in Form eines Wandkalenders, der die Fläche einer IMAX-Kinoleinwand füllen könnte. Hier hat gegebenenfalls sogar das Familien-Haustier Platz, eigene Termine einzutragen. Regelmäßig gepflegt wird hier kein Termin mehr übersehen. Der XXL-Familien-Wandkalender kommt meist mit anstrengenden Cartoons oder kitschigen Stockphotos oder sinnfreien Sprüchen zum Familienleben. Für Wohnraum-Ästheten ist er eine Herausforderung. Der Familien-Wandkalender wird gern verschenkt, aber von den Beschenkten nur im Heizungskeller oder im Fahrradschuppen aufgehängt. (Wir haben bei unserem XXL-Familienkalender 2019 die Monate Februar bis Dezember übersprungen und für ihn schon vor einiger Zeit einen neuen Platz im Altpapier-Container gefunden.)

Dritte Möglichkeit: Zeitmanagement via digitalem Striptease. Also Google oder Microsoft oder Apple oder irgendwelchen anderen Fremden mitteilen, dass die Jüngste am Wochenende ein Fußballturnier hat, die Mittlere am Montag eine Geographie-Klausur, die Älteste zur Ärztin muss, meine Frau beruflich eine Woche weg ist und ich am Freitag zum Klassentreffen gehe. Es ist so bequem, so schnell, so geräuschlos. Algorithmen, die über die effiziente Nutzung unserer knappsten Ressource wachen. Erinnerungsmail oder -Popup inklusive. Wie viel Rücksprache wäre inzwischen notwendig ohne die Echtzeit-Synchronisation unserer Leben! Gab es überhaupt je eine Zeit, in der man anders als durch einen Blick auf die persönliche Elektronik feststellen konnte, ob man als Familie am Wochenende „frei“ hat? Klar, da ist das Datenschutz-Problem, aber da kümmere ich mich dann in zehn Jahren drum, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Das digitale Zeitmanagement, obwohl in der Regel sehr effizient, scheint aber auch Nebenwirkungen zu haben, die der ursprünglichen Zielsetzung – mehr Zeitsouveränität – entgegenstehen. Vielleicht ist es ja etwas Geschmäcklerisches, aber ich mag nicht von Alexa oder Cortana oder Google Assistant oder von einer blöden Pop-Up-Meldung daran erinnert werden, wann wir einen Familienausflug geplant haben. Das raubt mir die Vorfreude. Und: Diese digitalen Assistenten vergessen nichts – das macht sie so unerträglich für die Familienzeitplanung. Sie verrühren Geburtstage und Arzttermine, Urlaubsreisen und Klassenarbeiten, Besorgungen und Besuche zu einem nie endenden Strom von „Kalenderereignissen“.

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07. Nov. 2019
von Janosch Niebuhr
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31. Okt. 2019
von Anna Wronska
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Die Welt ist schlecht, mein Kind

Das Leben ist kein Kinderspiel – wie bringen Eltern ihren Kindern das nur bei, ohne sie zu verschrecken?

In der vergangenen Woche hat ein TV-Bericht über ein dubioses Kita-Spiel zahllose Eltern aufgeschreckt, auch uns. Das so genannte „Original Play“, erfunden von einem Amerikaner, soll Kindern mittels intensiver Rangelei mit Erwachsenen eine Art ursprüngliches, aggressionsfreies Spielen vermitteln. Jeder Erwachsene kann das angebliche pädagogische Konzept gegen eine Kursgebühr erlernen und anschließend in Betreuungseinrichtungen anbieten. Im ARD-Magazin „Kontraste“ bezeichnete eine Trauma-Expertin es als „Einladung zur Übergriffigkeit an Kindern“. Das Magazin berichtet über mehrere Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch, unter anderem in evangelischen Kindertagesstätten. Die meisten Ermittlungsverfahren seien mangels Beweisen allerdings eingestellt worden. Die evangelische Kirche und die Diakonie warnten als Reaktion auf den Bericht vor dem Kita-Spiel, weil es zur „Grenzüberschreitung im Umgang mit Nähe und Distanz kommen könnte“. In Berlin hat der Senat es einem Medienbericht zufolge gerade verboten und alle Träger zur Meldung aufgefordert.

Es ist nicht so, dass die Welt arm an Ereignissen und Nachrichten wäre, die einem Tränen in die Augen treiben, weil dieser verdammte Kopf nicht anders kann als diesen Gedanken zu formen: „Was, wenn das mein Kind wäre?“ Das lässt sich schnell wieder verdrängen, solange es um Krieg geht oder Naturkatastrophen irgendwo in der Welt. Doch der Bericht über dieses Kita-Spiel ist ganz nah an unserer Lebenswirklichkeit. An einem bestimmten Punkt müssen wir uns alle fragen: Wie und wann bereite ich meine Kinder eigentlich richtig auf die Welt da draußen vor, mit all ihren Grausamkeiten? Vermittele ich ihnen womöglich eine falsche Sicherheit, wenn ich schlimme Dinge, die sich manchmal sogar ganz in unserer Nähe abspielen, vor ihnen verheimliche oder kleinrede?

Letztere Überlegung schmerzt deshalb so, weil einer unserer wichtigsten Jobs als Eltern doch darin besteht, ihnen ab dem Tag ihrer Geburt Sicherheit und Vertrauen zu vermitteln. Weiß doch jeder: Das Urvertrauen, also das gute Gefühl, dass die Menschen verlässlich und ihm wohlgesonnen sind, macht ein Kind stark fürs Leben. Also bringen wir dem Nachwuchs bei, dass die Welt etwas Tolles ist, voller Farben und Wunder und guter Menschen. Wenn im Autoradio schlechte Nachrichten kommen, schalten wir um. Wir können zwar nicht verhindern, dass die Kinder auch mal geschubst werden oder hinfallen, aber wir rennen hin und helfen ihnen auf. Und wenn sie in die Kita kommen, versichern wir ihnen, dass sie bei den Menschen dort genauso sicher sind wie bei uns. Das haben die Eltern der Kinder, die später Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs erstattet haben, vermutlich auch getan.

Unser großer Sohn Ben ist mit fünf Jahren in einem Alter, in dem man bisweilen in Erklärungsnöte kommt, weil man nicht mehr leugnen kann: Es passieren schlimme Dinge, und nicht jeder meint es gut mit einem. Er weiß nicht nur mittlerweile, dass nicht jedes Auto bei Rot anhält und dass es im Kita-Alltag auch mal Gemeinheiten und Ungerechtigkeiten gibt, sondern er stellt zunehmend auch wirklich unbequeme Fragen. Warum führen Menschen Krieg? Oder: Kommen zu uns auch Einbrecher? Wir haben darauf bislang eher beschwichtigend bis ausweichend geantwortet („Krieg gibt es, wenn ein Land seine Bevölkerung gegen einen Angriff verteidigt, aber das ist sehr selten“) und alle Gefahren und Schreckensszenarien weit weg geschoben („Einbrecher gibt es, aber nicht hier bei uns“). Ich weiß, dass er, Wissbegierde hin oder her, für Details zu den diversen menschlichen Abgründen noch zu jung ist. Aber ich ahne, dass wir mit den weichgespülten Antworten und der Methode „Schnell, Themawechsel“ nicht mehr lange davonkommen werden.

Schon bald müssen wir ein Thema anpacken, vor dem mir jetzt schon graut: Bevor Ben nächstes Jahr in die Schule kommt, werden wir ihm eintrichtern, dass er auf dem Schulweg oder auf dem Schulhof auf keinen Fall mit Fremden sprechen, geschweige denn mit ihnen mitgehen darf. Ich hoffe, dass er mich dann nicht nach dem Warum fragt, denn dann muss ich ihm antworten: Weil es auch in unserer Nähe Menschen gibt, die Kindern etwas Böses antun wollen. Aber ich habe Sorge, dass er dann Angst bekommt und überall schlechte Menschen vermutet. Er ist ohnehin ein sensibles, emotionales Kind und macht sich schon jetzt über viel zu viele Dinge Gedanken. Wie bekommen wir es hin, dass er ein gesundes Misstrauen entwickelt, ohne aber an der Menschheit zu verzweifeln?

Ich habe keine Antwort darauf, wir müssen es jeden Tag neu probieren. Kürzlich habe ich Ben gelobt, weil er sich in einer Bäckerei nicht in ein Gespräch mit der freundlich lächelnden Verkäuferin verwickeln ließ, sondern sich verlegen wegdrehte. „Es ist genau richtig, mit Menschen, die du nicht kennst, nicht zu reden, auch, wenn sie sehr nett zu dir sind“, habe ich ihm gesagt. Wir versuchen ihm zu vermitteln, dass es wichtig ist, auf sein Gefühl zu vertrauen und sich gegebenenfalls Hilfe zu holen, wenn eine Situation ihm unangenehm ist. Er soll lernen, dass „Nein“ auch „Nein“ heißt und er es sagen darf, auch ganz laut, sowohl im Umgang mit anderen Kindern als auch mit Erwachsenen. Ich weiß das alles, aber ich weiß nicht, ob es reicht, um ihn zu beschützen. Man kann nicht alle Situationen durchsprechen und durchspielen. Der Bericht über „Original Play“ zeigt: Manchmal lauert das Böse gerade dort, wo man es am wenigsten vermutet.

Und dann gibt es auch noch schlimme Dinge, die passieren, ohne, dass jemand etwas dafür kann. Kürzlich fiel Ben das verstorbene Zwergkaninchen seiner Tante wieder ein, und er beklagte sich bitterlich, dass Gott so etwas wie Sterben erfunden habe. „Gott ist kein Mensch! Gott ist ein toter Mensch!“, hörte ich ihn im Nebenraum entrüstet zu seinem Vater sagen. „Er ist der bescheuertste!“

Ich kann mein Kind vor allen möglichen Gefahren und Übeltätern im Leben warnen, ihm vieles erklären. Aber ich kann ihm nicht garantieren, dass ihm selbst oder Menschen, die ihm wichtig sind, nicht trotzdem Schlimmes widerfährt. Und erst recht nicht erklären, warum so etwas passiert. Es werden Menschen krank und sterben, auch in unserem Umfeld, und wo ich selbst gelähmt bin vor Entsetzen oder Trauer, habe ich auch keine kindgerechten Erklärungen und Antworten parat. Das Schlimmste für mich als Mutter ist: Ich kann Ben nicht einmal versprechen, dass ich immer an seiner Seite sein werde, um ihn zu trösten, wenn der Himmel über ihm zusammenbricht und niemand daran Schuld hat. Ich kann nur hoffen, dass ihn im Leben immer Menschen umgeben, die hinrennen und ihm aufhelfen, wenn er fällt.

31. Okt. 2019
von Anna Wronska
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29. Okt. 2019
von Sonia Heldt
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„Süßes oder Saures?! Kommt an Sankt Martin wieder!“

Halloween-Spektakel auf der Burg Frankenstein in Hessen

Das Zimmer meiner zwölfjährigen Tochter Maya hat sich in eine Gruselkammer verwandelt. An ihrem Fenster baumelt eine Kürbis-Lichterkette. Unechte Spinnweben mit Gummispinnen hängen von den Wänden und der Pappmache-Grabstein lehnt am Kleiderschrank. Ihr Lieblings-Halloween-Film Nightmare before Christmas liegt auf dem Sideboard bereit. Nur das gruselige Hologramm-Bild, das, je nach Blickwinkel, entweder das Porträt eines harmlos wirkenden alten Mannes oder ein Zombiegesicht zeigt, wird sie erst am Halloweenabend aufhängen, wenn ihre Freundin kommt, um bei ihr zu übernachten. Zu gruselig! Auf der Treppe nach unten leuchtet unser Totenkopf. Er reagiert auf Vibration und gibt kreischende Laute von sich, sobald man unsere Holzstufen eilig hinabläuft. Wir sind bereit für den schaurigsten Tag des Jahres!

Noch vor ein paar Jahren sah es in unserem Haus Ende Oktober ganz anders aus: herbstlich und eher an das Erntedankfest angelehnt. Wir besorgten jedes Jahr einen Strohballen und stellten ihn mit ein paar Kürbissen vor die Haustür. Ich ging mit den Kindern Kastanien und hübsch gefärbte Herbstblätter sammeln und dekorierte damit eine Schale für den Küchentisch. Wir hörten herbstliche Kinder-CDs und stimmten uns mit Der Herbst ist da und Kommt, wir wollen Laterne laufen auf Sankt Martin ein. Doch seitdem meine Töchter dem Grundschulalter entwachsen sind, sind Kastaniensammeln und Martinslieder nicht mehr angesagt. Kürbisse besorgen wir zwar immer noch, aber nun werden sie ausgehöhlt und schaurig schöne Fratzen hinein geschnitzt. Man könnte meinen, Sankt Martin wurde in unserem Haus durch Halloween verdrängt, aber ganz so ist es nicht! Die armen Geister können ja auch nichts dafür, dass die Kinder sich inzwischen zu alt dafür fühlen. Noch letztes Jahr versuchte ich wenigstens Maya zu überreden, mit mir an dem schönen und stimmungsvollen Martinsumzug in unserem Stadtteil teilzunehmen, aber sie verneinte vehement.

Auch in der Schule gibt man sich große Mühe, den Martinsbrauch für die jüngeren Schüler aufrecht zu erhalten. Unser Gymnasium richtet im November ein kleines Martinsfest vor dem Schulportal aus, das sich vorwiegend an die fünften und sechsten Klassen richtet. Die Fünften gestalten im Kunstunterricht Laternen, die Schule wird festlich beleuchtet, das Schulorchester spielt Martinslieder und ein paar Oberstufenschüler geben die Mantelteilung zum Besten. Maya stand bereits letztes Jahr gelangweilt neben ihren Klassenkameraden, die Laterne hatte sie neben sich abgestellt. Nach dem Pflichtteil wollte sie das alberne Objekt möglichst schnell loswerden, drückte mir die lästige Laterne in die Hand, stürzte ihren Kinderpunsch hinunter und wollte schnellstens nach Hause. Lara hatte sich entschieden, der für sie freiwilligen „Kinderveranstaltung“ gar nicht erst beizuwohnen.

Ganz um das Thema herum kommen meine Töchter aber doch nicht. Nämlich dann, wenn meine Schwiegereltern zum traditionellen Sankt-Martins-Abendessen mit selbstgebackenen Weckmännern einladen. Eine schöne Tradition, für die die gesamte Familie zusammenkommt. Vorher gehen ein paar von uns Erwachsenen mit den Kindern zum Martinsfeuer, um sich anschließend durchgefroren mit heißem Kakao oder Tee aufzuwärmen und auf die Weckmänner zu stürzen. So war es zumindest bis vor ein paar Jahren. Inzwischen geht nur noch meine acht Jahre alte Nichte gerne und freiwillig, während die Großen erst zum Abendessen bei Oma und Opa einlaufen wollen. Kommt dann die Rede auf Halloween, schüttelt meine Schwiegermutter verächtlich den Kopf und betont, dass sie Kinder, die bei ihr Halloween vor der Tür stehen, mit den Worten „Kommt Sankt Martin wieder“ rigoros wegschickt. Halloween, diesen furchtbaren, aus Amerika übergeschwappten Trend macht sie nicht mit! Unter gar keinen Umständen!

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29. Okt. 2019
von Sonia Heldt
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24. Okt. 2019
von Sonia Heldt
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Der richtige Ort für einen Zwangsurlaub

Nicht nur während des „Festival of lights“ ist das Brandenburger Tor ein Touristenmagnet. Das begeistert auch Teenager und Kinder.

„Ich fahre nicht mit euch weg. Das könnt ihr vergessen.“ Lara ist fünfzehn, hat keine Lust und wirklich anderes zu tun, als eine ganze Woche mit ihrer jüngeren Schwester und uns Eltern abzuhängen. Aber wir können ruhig fahren, ohne sie, teilt sie großzügig mit. Mache ihr überhaupt nichts aus! „Alleine zuhause? Das kannst du vergessen!“, erwidere ich. Ich bin noch nicht bereit, die Familienreisen ohne sie anzutreten. So lange es geht, werde ich mich gegen das Unvermeidliche wehren. Außerdem liegt es mir wirklich am Herzen, dass auch sie ein paar schöne Tage mit uns verbringt. Auf der anderen Seite möchte ich mir von einem schlechtgelaunten, meckernden Teenager nicht den Urlaub verderben lassen.

Mein Mann und ich liebäugeln mit einem Trip nach Berlin und Potsdam. Da können die Mädchen in der Hauptstadt direkt ein bisschen Geschichte schnuppern! Vor ein paar Monaten hat uns Bully Herbigs Film „Ballon“, in dem die wahre Geschichte über die Flucht zweier Familien aus der ehemaligen DDR in ihrem selbstgenähten Heißluftballon erzählt wird, sehr gefesselt. Zudem hat Lara bereits mehrere Bücher gelesen, die die alten DDR-Zeiten thematisieren. Und überhaupt spielt nahezu jeder zweite coole Teenagerfilm in Berlin. Berlin ist das London von Deutschland! Hip und angesagt! Mit diesen Argumenten versuche ich Lara die Reise schmackhaft zu machen.

„Mensch, Mama, ich habe gesagt, ich will nicht weg!“ „Aber wir wollen nach Berlin! B-e-r-l-i-n! Brandenburger Tor, Checkpoint Charlie, East Side Gallery, die Spree“, locke ich. „Und nach Potsdam. Filmpark Babelsberg, Schloss Sanssouci.“ Sie verdreht die Augen. Wo ist nur meine neugierige und begeisterungsfähige Tochter geblieben? Schlösser und Parks haben doch früher eine magische Anziehungskraft auf sie ausgeübt!  „Wir buchen für dich und Maya auch ein eigenes Doppelzimmer! Mit WLAN!“  Die Zeiten des Familien-Hotelzimmers sind schon länger gezählt. Fünfzehnjährige wollten nicht mehr mit ihren Eltern in einem Raum residieren. Eigentlich nicht mal mehr mit der drei Jahre jüngeren Schwester, aber irgendwo muss man finanziell auch die Kirche im Dorf lassen. „Berlin hat eine unglaublich hohe Promidichte. Wer weiß, wen wir dort alles treffen.“ Lara lächelt nur müde. „Ist klar!“ „Wirklich! Als ich mit Papa vor ein paar Jahren in Berlin war, ist Harald Glööckler an mir vorbeigelaufen.“ Mit Harald Glööckler kann ich sie dann wirklich nicht überzeugen, also werfe ich den letzten entscheidenden Köder: „Shoppen! KaDeWe! Hackesche Höfe! Kurfürstendamm!“ Sie überlegt. „Und wo wohnen wir dann? In diesem großen, berühmten Hotel am Brandenburger Tor?“ „Natürlich! Wir steigen im Adlon ab. Wo denn sonst“, sage ich schmallippig und tippe mir an die Stirn.

Doch es ist beschlossene Sache: Wir fahren nach Berlin, aber Lara wird, wie sie mir ein paar Tage später verkündet, sowieso die meiste Zeit ohne uns unterwegs sein. Weil sie sich in Berlin nämlich mit Emma treffen wird. Emma habe ich vor ein paar Monaten flüchtig kennenlernen dürfen, bevor sie mit ihren Eltern nach Berlin gezogen ist. Ich kommentiere das mit einem kurzen „Aha“. Es bringt grundsätzlich nichts, mit Teenagern über ungelegte Eier zu diskutieren. Meine Tochter stellt sich anscheinend vor, tagsüber mit ihrer Berliner Freundin den Kurfürstendamm leer zu shoppen, um dann anschließend die Nächte in angesagten Clubs durchzutanzen.

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24. Okt. 2019
von Sonia Heldt
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15. Okt. 2019
von Anna Wronska
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Ich esse deine Suppe nicht

Papa, mir schmeckt’s nicht! Dieser Essplatz sieht allerdings viel zu ordentlich aus, um echt zu sein.

Ein durchschnittliches Abendessen läuft bei uns ungefähr so ab: Mein Mann schmiert Ben (fünf Jahre) die Butterstulle, ich reiche Lukas (13 Monate) im Wechsel einen Löffel Brei und ein Frischkäse-Brot. Der Große will Milch, nein Wasser, nein Milch. Und bitte die linke Hälfte der Stulle mit Käse, die rechte mit Salami, auf keinen Fall andersherum! Mein Mann und ich schlingen zwischen diversen Hilfestellungen ein paar Happen von unserem eigenen Essen herunter. Wir setzen mehrfach dazu an, einander von unserem Tag zu erzählen, unterbrochen von Geplapper, Gesang oder Geschrei. Der Kleine schmeißt seine Trinklerntasse herunter und malt mit Frischkäse Kreise auf den Tisch. Dreht sich im Hochstuhl um die eigene Achse (ja, das geht), steht dann auf und reißt grinsend die Arme hoch. Ich fange ihn auf, bevor er sich fallen lassen kann – wir kennen das Spiel schon. Anschließend snackt er auf dem Boden noch den einen oder anderen Krümel, womöglich vom Vortag oder von dem davor, wer weiß das schon. Der Große hat zwischenzeitlich das Käsebrot aufgegessen, vom Salamibrot aber nur einmal abgebissen. „Ich bin satt!“ Ich schaue auf seinen Teller und dann fragend zu Papa. Papa winkt ab. „Gib her“, seufze ich und ziehe Bens Teller zu mir herüber. Die gute Bio-Salami!

Das gemeinsame Essen ist bei uns ein wichtiger Tagesordnungspunkt. Am Abendbrottisch sind wir nach einem mehr oder weniger chaotischen Tag voller Termine und Verpflichtungen wieder zusammen, und das ist etwas Wunderbares. Es ist aber auch eine kräftezehrende, manchmal frustrierende Angelegenheit, zumindest für uns Eltern. Am Ende sind die Kinder satt und halbwegs zufrieden, aber der Essplatz sieht aus wie ein Schlachtfeld, auf dem Teppich unter dem Tisch kleben irgendwelche festgetretenen Obst- oder Gemüsestückchen (warum liegt da eigentlich ein Teppich?), und ich sitze erschöpft vor einem Teller mit Essensresten und denke: „Das kann ich doch nicht wegschmeißen!“ Ich bin mit drei Geschwistern aufgewachsen, ohne echte finanzielle Not, aber auch ohne Überfluss. Der Spruch: „Tu das weg, das schmeckt später nicht mehr!“ ist mir fremd. Wir wurden nicht zum Aufessen gezwungen, aber wenn etwas übrig blieb, kam es eben in den Kühlschrank. Das Mindesthaltbarkeitsdatum beeindruckt bei meinen Eltern zu Hause bis heute niemanden, Lebensmittel landen erst im Müll, wenn man den Schimmel schon sieht und/oder nicht wegschneiden kann. Wenn wir bei ihnen am Tisch sitzen, holt meine Mutter schon mal ihre Lunchbox heraus, sagt entschuldigend: „Hab‘ ich im Büro nicht geschafft“ und schmiert sich etwas Senf oder Sahnemeerrettich auf die durchgeweichte Stulle. „So schmeckt die noch super!“

Das geht mir dann doch manchmal etwas zu weit, aber im Grundsatz finde ich ihren bewussten bzw. sparsamen Umgang mit Essen vorbildlich und will das auch an meine Kinder weitergeben. Essen hat ja nicht nur einen Preis, sondern auch einen Wert. Und auch wenn ein Stück Käse oder Wurst heutzutage nicht viel kostet (was ein Skandal ist, insbesondere bei Fleisch), so ist es für mich trotzdem unmoralisch, es leichtfertig wegzuwerfen. Nur bringt mich das als Mutter fast jeden Tag an meine Grenzen. Was tun, wenn man zwei kleine Kinder hat, die das mit dem Hungergefühl und dem Appetit noch nicht so richtig heraus haben und für die Essen noch Experimentieren bedeutet?

Dabei ist das oben genannte Brotzeit-Beispiel noch harmlos, immerhin ist hinterher ein bisschen Nahrung in den Kindern drin. Oft genug gelingt das gar nicht erst – und zwar vor allem dann, wenn ich den Fehler mache, etwas zu kochen, das der Große noch nicht kennt. Schließlich soll man den Kindern Abwechslung bieten und neue Geschmackserlebnisse ermöglichen. Auffällig oft läuft das Ganze dann so ab: Ben nimmt (wenn er gut drauf ist) mit Enthusiasmus eine volle Gabel in den Mund, kaut erst energisch, dann immer langsamer, bis er schließlich innehält, den Mund aufmacht und Speisebrei durch seinen leicht geöffneten Mund quellen lässt, mit den vernuschelten Worten: „Daff fmeckt mir doff nifft.“ Und wer hält dann schnell die Hand hin? Richtig.

Es gibt zwei Dinge, die mir bei allem Frust als Reaktion nicht in den Sinn kommen würden. Zum einen, Sätze zu sagen wie „Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!“ oder: „Wenn du nicht aufisst, gibt es schlechtes Wetter“ oder: „In Afrika verhungern Kinder!“ Mein Mann und ich sind uns einig, dass Essen niemals Zwang oder Druckmittel oder Machtdemonstration sein darf. Zum anderen werde ich aber auch nicht anfangen, Vollkornbrot zu Sternchen zu stanzen und Krokodile aus Salatgurken zu schnitzen, um das Thema Essen mit mehr Ästhetik und Entertainment aufzuladen. Ich weiß, es gibt kreative Eltern, die das mit viel Ehrgeiz und Begeisterung tun und anschließend Fotos beeindruckender Schul-Lunchboxen bei Instagram hochladen. Aber ich fluche ja schon, wenn ich für den Kindergeburtstag Obst-Käse-Spieße machen muss – nein, es gibt Opfer, die ich nicht bereit bin zu bringen.

Was also tue ich? Ich koche, je nach Tagesform, tapfer weiter neue Gerichte, kaufe immer mal neue Brotbeläge ein und freue mich, wenn es mir gelingt, die Jungs zu überzeugen, davon zumindest zu probieren. Wenn es dann heißt „schmeckt nicht“, ist das okay – nur Kommentare wie „bäh“ oder „eklig“ sind am Tisch nicht erlaubt. Und dann gibt es Tage, an denen koche ich einfach Spaghetti mit Butter und Salz, weil mir die Energie für Aufwändigeres fehlt und wir uns darauf immer einigen können. Es soll sogar vorgekommen sein, dass es mehrere Tage hintereinander Spaghetti gab… Wenn mich das schlechte Gewissen packt, denke ich daran, was mir meine Schwiegermutter vor Jahren erzählt hat: Mein Mann hat sich als Kind wochenlang auf eigenen expliziten Wunsch nur von Bratkartoffeln ernährt, und es ist trotzdem etwas aus ihm geworden (und kochen kann er auch, besser als ich).

Auch was das Thema Reste angeht, mache ich mir keine Illusionen: Es ist unmöglich, Lebensmittelverschwendung komplett zu vermeiden. Bei undefinierbarer Matschepampe, die bereits einmal durch den Kauapparat des Kindes durch ist, fällt einem das Entsorgen auch nicht so schwer. Weil ich es aber nur schwer ertragen kann, unangerührtes Essen in den Mülleimer zu kippen, esse ich oftmals einfach die Reste meiner Kinder auf, obwohl ich schon satt bin und ihr Essen vielleicht gar nicht mag (wobei Gläschenbrei mitunter besser schmeckt, als man vermuten würde!) und meine Schwangerschafts-Kilos so ganz bestimmt nicht loswerde. Oder aber, was noch schlimmer ist: Ich stelle die Reste in den Kühlschrank, um sie dort so lange zu „vergessen“, bis sie nicht mehr gut sind und mir nichts anderes übrig bleibt, als sie wegzuwerfen.

Es ist beim Essen wie auch sonst im Familienleben: Ein bisschen Selbstbetrug ist immer dabei. Die meisten Eltern kennen ihn, diesen ewigen inneren Kampf zwischen „Das müsste man ganz anders machen“ und „Es GEHT aber (gerade) nicht anders“. Am Ende des Tages geht es um die Schonung von Ressourcen – auch die der eigenen. Wenn am Esstisch also die Kinder gewinnen, muss und kann ich damit leben. Mein Trost ist mein heimliches guilty pleasure: Der Herrscher über den Nachtisch und die Süßigkeitenbox bin ich. Und die Kinder gehen abends mitunter echt früh ins Bett.

15. Okt. 2019
von Anna Wronska
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