Schlaflos

Schlaflos

Das Familienblog der F.A.Z.

23. Jan. 2020
von Anneli Pereira
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Das Leben ist keine Hüpfburg

Heute nach dem Kindergarten musste ich mit meinen Jungs Tiago und Fabian noch etwas erledigen. Tiagos Brille brauchte einen neuen Bügel. Also fuhr ich mit zwei übermüdeten Fünfjährigen in die Innenstadt: Parkplatz suchen, zum Optiker laufen, drei Ampeln passieren und dann auf die Reparatur warten. Stress! Doch ich will nicht klagen, denn die beiden haben sich einigermaßen gut benommen. Die Wartezeit verbrachten wir in einem nahegelegenen Café, eigentlich mehr eine Bäckerei mit ein paar Tischen. Dort saßen ein paar ältere Damen mit Hut und zwei Mütter mit ihren Kleinkindern. Der Geräuschpegel war moderat, kein Tohuwabohu, aber es waren eben gut und gerne sechs Kinder anwesend.

Als ich gerade bestellte und Tiago und Fabian die süßen Teilchen in der Auslage kommentierten, kam ein Mann, etwa Mitte 50, mit Hornbrille und schickem Schaltuch um den Hals herein. Ich hatte gleich so ein Gefühl, dass die Kinder und ich seine Aufmerksamkeit erregten. Es war offensichtlich, dass ihm das alles, obwohl er gerade erst die Bäckerei betreten hatte, nicht schnell genug ging. Ein Wunder, dass er sich nicht noch vorgedrängelt hatte. Ich wartete also auf meinen Cappuccino und ein paar Waffeln, sprach kurz mit Fabian, der sich erlaubterweise ein stilles Wasser aus dem Selbstbedienungskühlschrank holte und sicher gehen wollte, dass es auch ja kein Sprudelwasser war. Kurzum, die Anwesenheit meiner Kinder war weder zu überhören, noch zu übersehen, aber sie waren weit von einem Trotzanfall oder anderen Aktionen entfernt. Ich zumindest war entspannt und setzte mich mit den Jungs an einen freien Tisch in Hörweite der Theke. Nah genug, um mitzubekommen, dass der Herr beim Bestellen die Verkäuferin, so viel verstand ich, auf das Thema Kinder ansprach. Nachdem der Mann bezahlt hatte und gegangen war, ließ es mir keine Ruhe und ich sprach die Verkäuferin an. „Was hatte der Mann für ein Problem?“ Sie lächelte mich etwas unsicher an und war sichtlich irritiert, beugte sich zu mir vor und sagte: „Der Mann wollte wissen, ob mich die vielen Kinder hier nicht nerven würden. Ich habe aber Nein gesagt.“ Die Verkäuferin tippte sich mit dem Finger an die Stirn und in mir kochte es.

Was in aller Welt hat diesen Mann in dieser Situation gestört? Wir trödelten weder beim Bestellen, noch haben die Kinder ihn angepöbelt, angerempelt oder angeschrien. Wenn alleine die Anwesenheit von ein paar Kindern jemanden dazu bringt, gegenüber der Verkäuferin diesen inakzeptablen Zustand „Kindern in einer Bäckereikette an einem Dienstagnachmittag“ zu kommentieren, dann will ich nicht wissen, wie er auf Kinder in einem Restaurant, Hotel oder, Gott bewahre, im Nachbargarten reagiert.

Ich verstehe, wenn Leute sich über laute, tobende Kinder aufregen. Wenn jemand nämlich oft genervt ist von Kindern, dann bin ich es. Deshalb achte ich auch sehr darauf, dass meine Jungs in der Öffentlichkeit so leise wie möglich sind. Klappt nicht immer, aber immer öfter. Ich habe vollstes Verständnis, wenn sich jemand über außer Kontrolle geratene Kinder echauffiert, aber das habe ich ehrlich gesagt selten erlebt. Stattdessen sind es oft die Momente, in denen ich denke, was für herzige Menschlein ich doch da auf die Welt gebracht habe, wenn mir die Umwelt genau das Gegenteil vermittelt. Zum Beispiel, wenn die Jungs bei 35 Grad jauchzend ins Planschbecken im Garten springen und es nach 5 Sekunden bereits vom Balkon des Nachbarhauses krakelt: „Geht das auch ein bisschen leiser?“ Das ist doch nun wirklich kein nervtötender Lärm. Das müsste doch der letzten versteinerten Seele noch ein kleines Lächeln abringen, oder nicht?

Wohl nicht. Aber woher kommt diese Kinderfeindlichkeit? Waren Kinder früher wirklich besser erzogen, oder waren sie einfach viel mehr Teil der Gesellschaft? Heute gibt es Adult-Only für die einen und Kinderhotels für die anderen. Familien tummeln sich in nach Plastik stinkenden Indoorspielplätzen. In „normale“ Cafés traut man sich mit seiner Brut ja schon gar nicht mehr rein. Es muss schon das Beerencafé mit Heuballen- Labyrinth, Spielplatz und Bobby-Car-Parcours sein. Und am Wochenende trifft sich alles, was einen Bugaboo schieben kann, im Zoo, dem ultimativen Familien-Ghetto.

Familien mit kleinen Kindern sind wie Antilopen in der Savanne: Herdentiere. Denn in der freien Wildbahn haben Eltern mit einem schreienden Zweijährigen genauso wenig Chancen wie ein einsames Jungtier am Wasserloch. Die Familien bleiben unter sich, während der Rest der Welt beim Brunch im „moki’s goodies“ weilt. Jenem Hamburger Café, in dem unter Sechsjährige keinen Zutritt haben und das unter dem Hashtag #Schnullergate landesweite Berühmtheit errungen hat. Was kommt als nächstes? Familienwohnanlagen versus kinderfreie Gated Communities?

Ich gebe zu, wir waren auch schon mal in einem Kinderhotel und, ohne es zu wissen, in den Flitterwochen sogar in einem Adult-Only-Hotel. Mit Kleinkindern würde ich niemals ein Sternelokal aufzusuchen. Darum geht es aber gar nicht. Kleine Kinder sind nicht nur in Gourmetrestaurants nicht gerne gesehen, sondern allgemein in allen Einrichtungen, die nicht das Label „kinderfreundlich“ vor sich hertragen. Der Effekt: Die Toleranz für Familien im öffentlichen Raum sinkt und Kinder wachsen in dem Glauben auf, dass die Welt ein einziger, sich um sie drehender Abenteuerspielpatz ist.

Kleinkinder im Beerencafé, bitte gerne, aber einfach im Bäckereicafé ums Eck: Eine Zumutung! Was wir brauchen, ist eine Kinder-Inklusion in der Öffentlichkeit. Das würde allen guttun. Kinder gehören zum Leben, zum Alltag. Kinder müssen aber auch lernen, dass das Leben eben nicht nur aus Hüpfburgen besteht, sondern dass es auch Restaurants gibt, in denen sie am Tisch sitzen bleiben müssen und in denen es keine Spielecke gibt. Dass ihre Eltern an einem Samstagnachmittag ins Lenbachhaus gehen wollen, und zwar nicht zur Familienführung, sondern einfach so. Und Kinderlose und Eltern ohne kleine Kinder würden auch davon profitieren, wenn Familien mehr an ihrem Alltagsleben teilnehmen. Wie heißt es immer: Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen. Von Eltern, und meistens trifft es natürlich die Mütter, wird aber erwartet, den Nachwuchs fernzuhalten. Bloß keine Störung, bloß kein Geschrei. Wir müssen raus aus der Sandkastenblase und wieder hinein ins echte Leben!

23. Jan. 2020
von Anneli Pereira
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21. Jan. 2020
von Anna Wronska
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Nach mir die Sintflut

Auf dem Weg zur Kita – nicht immer sind die Beteiligten so guter Dinge wie auf diesem Bild

Unser zweiter Sohn ist jetzt auch ein Kita-Kind. Und damit so gut wie aus dem Haus. So fühlt es sich zumindest an. Ich weiß, das Abschiednehmen bleibt uns Eltern nicht erspart, wenn wir wollen, dass unsere Kinder immer besser ohne uns klar kommen in dieser Welt. Und das wollen wir doch, stimmt’s? Deshalb läuft bei uns gerade die Kita-Eingewöhnung mit Lukas (16 Monate). Die erste Woche war nicht aussagekräftig, weil wir nur drei Mal hingehen konnten. Die zweite Woche lief super, ich war allerdings stets im Hintergrund dabei. Heute, zu Beginn der dritten, bin ich das erste Mal für eine Viertelstunde ohne ihn nach draußen gegangen. Es war eine sehr lange Viertelstunde.

„Knuddel ihn fest, sag, dass du gleich wiederkommst – und dann geh zügig“, hatte seine Kontakt-Erzieherin gesagt. Als ich mich anziehe, denkt Lukas zuerst noch, er kommt mit wie immer, und patscht aufgeregt mit den Händen an die Glastür. Nicht umdrehen, sage ich mir, nicht umdrehen, als ich ihn hinter der zufallenden Tür losbrüllen höre. Nein, ich fange an der Schleuse zur Straße nicht an zu heulen. Aber ich muss tief durchatmen, um meinen Puls herunterzuregeln. Dabei habe ich das alles schon mal durch, mit unserem großen Sohn Ben (5). Auch damals war die Eingewöhnung schmerzhaft, das weiß ich, aber meine Erinnerung an diese Zeit ist irgendwie verblasst. Heute muss ich Ben nachmittags manches Mal regelrecht aus der Kita zerren, weil er noch weiterspielen will. Aber auch, wenn viele etwas anderes behaupten: Man mag sich ein bisschen besser damit auskennen, wie es läuft oder laufen sollte, aber man wird eben nicht „mit jedem Kind entspannter“. Zumindest nicht ich. Letztes Mal war es hart, weil es das erste Kind war. Jetzt ist es hart, weil es das letzte ist.

In wenigen Wochen werde ich wieder arbeiten, in Teilzeit, meistens im Home Office, für meine „alte“ Firma, in der alle Führungskräfte selbst Eltern sind. Ich habe also großes Glück und könnte einigermaßen entspannt sein (mal abgesehen von der Sache mit der Rente). Doch gerade weil ein neues Kapitel mit einem komplett neuen Alltag bevorsteht, fällt mir der Abschied doppelt schwer. Ich habe keine Babys mehr zu Hause. Und ich habe keine Ahnung, wie das klappt als Working Mum mit zwei Kindern. Bei aller Emanzipation und bei aller ehrlichen Freude auf den Job ist die Priorität klar: erst Mum, dann Working. Aber schon bei Ben ist mir das schwer gefallen, weil ich beidem gerecht werden wollte. Und ich werde jetzt schon nervös, als klar ist, dass es mit der Eingewöhnung länger dauern könnte als geplant und ich womöglich erst später anfangen kann zu arbeiten. Ich will keine Klischees bedienen. Aber als ich nach 15 Minuten wiederkomme und sehe, dass Lukas knallrot und tränenüberströmt dasteht, würde ich diesen ganzen Eingewöhnungsquatsch am liebsten sofort hinschmeißen und den Job gleich mit. Mein Baby gehört zu mir!

Zu allem Überfluss geht in den zwei ersten Eingewöhnungswochen, in denen ich den Kita-Alltag im Hintergrund beobachte, manches Mal das Kopfkino mit mir durch. Mit welcher Lässigkeit die Erzieher die Kinder zeitweise sich selbst überlassen! Ist Lukas hier überhaupt sicher aufgehoben? Kinder teils weit unter zwei Jahren schlappen in ihren ledernen Lauflernschuhen zwischen Herden größerer Kinder über die Gänge, verschwinden mal in dem einen, mal in dem anderen Raum. Ich selbst soll auf Anweisung unserer Kontakterzieherin „möglichst langweilig“ und passiv bleiben, wenn mein Kind auf seinen Erkundungstouren bei mir vorbeikommt. Ich zwinge mich also, sitzenzubleiben, als er ohne Begleitung im Kinder-Bad verschwindet, auch wenn mir Übles schwant. Wenig später kommt Lukas mit triefnassen Ärmeln zurück, weil er ein paar Bauernhoftiere im Klo versenkt hat. „War ja zum Glück nur Wasser drin“, lacht die Erzieherin, die ihn eingesammelt hat, und ich lache auch und überlege fieberhaft, ob ich irgendwo im Rucksack noch Desinfektionsspray habe.

Ich weiß, ich darf nicht unfair sein. Die Erzieher sind zu wenige; sie können nicht überall gleichzeitig sein, echte Katastrophen sind selten (außerdem passieren sie oft genug in Anwesenheit von Eltern), Kinder sind robust und die meisten von ihnen sichtlich zufrieden hier. Zwei etwa fünfjährige Mädchen haben sich beieinander untergehakt und rennen kichernd auf und ab, ein anderes Mädchen trägt stolz seine Kinderkamera mit sich – es ist Spielzeugtag – und lässt einen Jungen, der sie ausleihen will, mit Genuss abblitzen. Ein Geburtstagskind stolziert in goldbemalter Pappkrone vorbei, und ich muss an Rolf Zukowski denken, ausgerechnet: „Im Kindergarten, im Kindergarten: Da fangen alle mal als kleine Leute an!“

Also eigentlich alles halb so wild. Ich bin schon fast eingewöhnt hier, da kommt eines Tages im Gang ein kleiner Junge vorbei geschlurft, vielleicht zwei Jahre alt. „Mama“, schnieft er, nicht besonders laut, aber deutlich hörbar. Ein zweiter Junge, etwa drei Jahre, kommt dazu, fasst ihn am Oberarm und zieht ihn mit sich, und ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, als er zu ihm sagt: „Mama is arbeiten! Mama tommt!“ Und dann schlappen sie gemeinsam davon, als wollten sie mir mit der Szene beweisen: „Siehste! Läuft doch. Wir kommen klar.“ Und das wollten wir doch so, stimmt’s?

21. Jan. 2020
von Anna Wronska
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16. Jan. 2020
von Sonia Heldt
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Lesen? Nein, danke!

Nicht alle Kinder lesen gern. Aber man kann wenigstens versuchen, es ihnen von klein auf nahezubringen.

Lesen nimmt in unserem Haushalt einen großen Stellenwert ein. Ich habe meinen Töchtern von klein auf vorgelesen – täglich und manchmal stundenlang. Erst waren es Bilderbücher, die wir gemeinsam betrachteten, dann die ersten Geschichten aus Vorlesebüchern und später umfangreichere Kinderromane.

Als sie sich später durch die ihre ersten Erstleserbücher kämpften, habe ich sie motiviert und nicht lockergelassen. Das Lesen der aneinandergereihten Buchstaben, die anfangs vermeintlich noch kaum Sinn ergeben, ist für Leseanfänger anstrengend und frustrierend. „Komm lies zwei Sätze, dann lese ich den Rest der Seite“, lockte ich oder: „Wenn du jetzt noch eine ganze Seite schaffst, dann lese ich dir noch ein weiteres Kapitel vor.“ Später, als die Kinder längst flüssig lesen konnten, las ich weiter vor. Manchmal greifen wir heute noch zu den Lieblingsgeschichten aus den alten Kinderbüchern. Das mag Maya besonders. Es erinnert sie an ihre frühe Kindheit und die vielen gemeinsamen Abende, an denen ich mit einem Buch in der Hand an ihrem Bett gesessen habe. Kürzlich hat sie den Vorlesewettbewerb der 6. Klassen ihrer Schule gewonnen. Der jährlich stattfindende Vorlesewettbewerb wird von der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Zusammenarbeit mit Buchhandlungen, Bibliotheken, Schulen und kulturellen Einrichtungen veranstaltet. Ich war nicht überrascht. Maya weiß, wie man eine Geschichte so betont und lebhaft vorlesen kann, dass man ihr gerne zuhört.

Lesen – die wichtigste Grundlage der Bildung  

Ohne Lesen keine Bildung. Ohne Bildung keine Chance auf einen erfolgreichen Bildungsweg. Ganz einfach! Einfach für meine Kinder und die Kinder, deren Eltern es ähnlich handhaben wie ich. Die Freude am Lesen und Schreiben ist meinen Kindern in die Wiege gelegt worden. Aber gerade in bildungsfernen Schichten kommen Kinder in der Frühförderung immer noch viel zu kurz.

Laut der aktuellen Pisa-Studie der OECD ist der Leistungsunterschied im Bereich Lesekompetenz zwischen Schülerinnen und Schülern mit günstigem sozioökonomischem Hintergrund und solchen mit ungünstigem Hintergrund in Deutschland beträchtlich und hat sich seit 2009 um 9 Prozentpunkte ausgeweitet.

Für diese Kinder verringern sich schon im Kindesalter die Chancen auf einen erfolgreichen Werdegang drastisch. Es ist wichtig, mit der Leseförderung lange vor dem Schuleintritt zu beginnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind später selber öfter zum Buch greift, ist bei den Kindern, denen schon früh und regelmäßig vorgelesen wurde, größer als bei anderen Kindern. Abends noch einmal vor dem Schlafengehen Quality Time mit den Eltern genießen und in eine Geschichte abtauchen. Gemeinsam gruseln, rätseln oder lachen, welches Kind würde sich dem verweigern? Der Einstieg ist so simpel, eigentlich gibt es für Eltern hier keine Ausrede. Wer abends geschlaucht vom Tag ist, der legt sich einfach zu seinem Kind mit ins Bett oder liest auf dem Sofa vor, um gleichzeitig die Beine hoch zu legen. Zwanzig Minuten oder vielleicht auch nur fünfzehn Minuten Zeit für sein Kind. Das muss drin sein! So entwickelt sich über viele Jahre ein festes Eltern-Kind-Ritual und das Kind greift später – hoffentlich – selbst zum Buch. 

„Lesen ist uncool“

Mehr als die Hälfte der Jugendlichen, die an der aktuellen Pisa Studie teilgenommen haben, gaben an, vor allem zu lesen, um benötigte Informationen zu bekommen. Nur ein Viertel liest wirklich gerne. Ein Drittel hält Lesen gar für Zeitverschwendung. Jeder fünfte Fünfzehnjährige kann nicht einmal auf Grundschulniveau lesen. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek findet das bedenklich und betonte, dass sie die ins Leben gerufenen verschiedene Programme zur frühkindlichen Förderung konsequenter weiterverfolgen werde.

Ich hoffe sehr, dass das Bildungsministerium aktiv am Ball bleibt und ich hoffe auch, dass Lesen irgendwann wieder ein besseres Image bekommt. Denn Lesen gilt, nicht nur in bildungsfernen Kreisen, häufig als uncool. Maya liest gerne, im direkten Vergleich zu ihrer großen Schwester Lara aber gemäßigt. Lieber treibt Maya Sport. Nach dem Duschen hockt sie sich für eine Stunde in ihre Kuschelecke oder macht es sich abends im Bett gemütlich und liest, um zu entspannen. Lara tickte da immer schon etwas anders und extremer. Sie hatte als Kleinkind einen sehr großen Bewegungsdrang und war körperlich eine echte Herausforderung für mich. Las ich ihr jedoch vor, war sie das ruhigste und konzentrierteste Kind der Welt. Sobald sie einigermaßen flüssig lesen konnte, wurden wir Stammgast in der Stadt-Bücherei und brachten die ausgeliehenen Bücher gleich körbeweise nach Hause. Erst las sie sich durch das gesamte Regal mit den Pferde- und Einhornbüchern und ging bald zu dicken Fantasy-Büchern und den gängigen Mädchenbuch-Reihen über. Egal, ob sie im Auto, im Garten, im Restaurant oder am Strand im Sommerurlaub saß – Laras Nase steckte stets in einem Buch. Sie nahm ihre Bücher mit in die Schule, um in jeder noch so kurzen Pause schnell noch ein paar Seiten zu inhalieren. So wurde sie von den Klassenkameraden schnell als Freak und langweiliger Bücherwurm abgestempelt. Lesen und dann auch noch ständig über Bücher reden – wie uncool! Das hat Lara damals sehr verletzt und frustriert.

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16. Jan. 2020
von Sonia Heldt
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14. Jan. 2020
von Chiara Schmucker
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Ein Umzug für die Ewigkeit

Kind raus, Klamotten rein – oder andersrum? Bei einem Umzug mit Kleinkind fühlt man sich öfter wie Sisyphos.

Eine Bekannte von mir führt einen Podcast übers Schlussmachen. Darin geht es um alles, was weh tut: gegenseitige Verletzungen, Enttäuschungen, Wege, die sich irgendwann trennen, Lebensvorstellungen, die irgendwann auseinanderdriften.

Kürzlich sprach meine Freundin, die übrigens eine sehr kluge Gesprächspartnerin ist, mit einem Mann Mitte 40 darüber, wann seine Beziehung, die als echte große Liebe begonnen hatte, auseinanderging. „Solange die Kinder ganz klein sind“, erzählte dieser Mann, „verzichtet man auf große Veränderungen. Man zieht nicht um, man wechselt nicht den Job, man braucht seine ganze Energie dafür, diese ersten Monate zu überstehen.“ Dass sich zwischen ihm und seiner Frau ein Gesprächsvakuum gebildet hat, merkten beide erst, als die Kinder fünf oder sechs Jahre alt gewesen seinen, durchschliefen und nicht mehr nonstop an Mama oder Papa klebten, und überhaupt wieder Raum dagewesen sei, sich miteinander als Paar zu beschäftigen.

Ich höre den Podcast meiner Freundin sehr gerne, weil ich es spannend finde, wie vielfältig Beziehungen sind und wie unterschiedlich die Momente, in denen die Partner rückblickend erzählen, dass sie einander verloren haben. Vielleicht kann ich mir diese Podcasts nur anhören, weil ich in meiner eigenen Beziehung so sicher bin. Wir sind seit einem Jahrzehnt zusammen, haben tolle Reisen miteinander unternommen und sind vor eineinhalb Jahren Eltern geworden.

Als ich den Mittvierziger erzählen höre, liege ich gerade in der Badewanne. Ich habe mich mal für einen kurzen Moment verkrochen, mein Mann macht Kinderdienst. Denn wir haben getan, was viele andere auch tun, die kleine Kinder haben – und wovon der Mittvierziger sagte, dass man keine Energie haben wird: Wir sind umgezogen. Mit einem Kleinkind. Haben 90 Quadratmeter Stadtloft in Kisten verpackt, in vielen Nacht- und Frühschichten und 30-Minuten-Einheiten, weil Max uns nicht länger Zeit gelassen hat.

Ich habe eine Kiste gepackt und er währenddessen das Bücherregal ausgeräumt. Ich habe eine weitere Kiste ein- und er zwei andere ausgepackt. Gefühlt habe ich mich wie Sisyphos. Am Schluss habe ich meist einfach am Boden gesessen und mit Max gespielt, während meine Eltern in Akkordarbeit Bücher,  DVDs, Bettwäsche und Geschirr zusammenpackten. Ohne sie hätten wir es nicht geschafft, fürchte ich.

Als wir das letzte Mal umgezogen sind, hatten wir bis Weihnachten fast alle Kartons ausgepackt und die Großfamilie zum Weihnachtsbrunch eingeladen. In diesem Jahr schaffen wir in der gleichen Zeit gerade einmal das Nötigste: Das Geschirr, einige Kleider, die Bücherkisten im Wohnzimmer, die uns den Weg versperren. Der Rest: muss warten.

Zu Weihnachten sind wir vor allem eins: ausgebrannt. Sitzen auf dem Sofa, der Fernseher tut’s noch nicht, und haben Lichterketten um die Kartons geschlungen. Daran, Besuch einzuladen, war nicht zu denken. Wir sind froh, dass wir in den vielen Kisten die Weihnachtsgeschenke und die Christbaumkugeln wiedergefunden haben – denn ein Baum muss trotzdem sein, sagte mein Mann, und schleppte am Tag vor Weihnachten eine kleine buschige Tanne ins Haus.

Spricht man mit anderen Eltern, erzählen sie einem etwas beschämt, dass sie auch fünf oder zehn Jahre nach einem Umzug immer noch unausgepackte Kartons im Keller haben. Den Inhalt haben sie entweder nicht vermisst oder nachgekauft, weil sie die Sachen nicht wiedergefunden haben. Seit die Kinder da sind, erzählen sie, war halt immer irgendwas wichtiger.

Ich ziehe gerne um. Umzüge haben für mich etwas Kathartisches. Ich mag Abschiede und ich mag Neuanfänge, vielleicht weil ich bis zu meinem 18. Geburtstag immer am gleichen Ort gewohnt habe. Die Kinder in meinen Büchern, Liedern und Lieblingsserien zogen oft um, ich stellte es mir als großes Abenteuer vor. Ich träumte davon, meinen Besitz in Kisten und Kästen zu packen und dabei hinter den Schränken und Regalen all die Puzzleteile, Kassetten, Playmobilfigürchen und andere Kostbarkeiten zu entdecken, die ich schon so lange vermisst hatte. Meine Sachen an einem neuen Ort anders anzuordnen, ein neues Haus zu entdecken und im Garten unter unbekannte Hecken zu kriechen, erschien mir unwiderstehlich.

Ich habe mal nachgezählt: Seit meinem Studienbeginn bin ich zehn Mal umgezogen, ich habe die sesshaften 18 Jahre meines Lebens also mehr als wettgemacht. Ich habe diese Zäsuren immer für einen Neuanfang genutzt, beim Ein- als auch beim Auspacken kräftig ausgemistet und viele Stunden damit verbracht, die perfekten Möbel für das neue Surrounding zu finden. Doch diesmal war es anders.

Wir hatten eigentlich nicht vor, aus unserer Stadtwohnung noch einmal auszuziehen, und wie der Mittvierziger es prophezeit hatte, hatten wir eigentlich auch keine Kraft dazu. Kurze Nächte, lange Tage, ein quengelndes Kind, das beachtet werden möchte und dazu sogar die Kistenberge zu erklimmen versucht. Das unruhig wird, weil sein Zuhause Stück für Stück in Kisten verschwindet und die Wohnung jeden Tag, wenn es aus der Kita kommt, anders aussieht.

Etwas Reinigendes hatte unser Umzug diesmal nicht, wir schmissen die Sachen einfach in die Kisten, ohne groß auszusortieren. Diesmal war nicht das Umziehen das Unwiderstehliche – sondern die Aussicht auf unser neues Zuhause: ein Haus im Grünen, auf drei Etagen, mit einem kleinen Garten und Apfelbäumen rings herum.

Auch unsere Möbel zeigen, dass wir nicht so bald wieder an einen Umzug gedacht hatten. „Ihr Schrank ist für die Ewigkeit gebaut – aber ne ganz schöne Bitch“, sagen die Möbelbauer, nachdem sie über Stunden nur damit beschäftigt sind, ihn auseinanderzubauen. Auch unsere Lampen, unser Bett, unsere Regale und unser Esstisch sind wuchtig, schwer und eher für Sesshafte.

Wir haben es trotzdem geschafft, aber das war jetzt erst mal mein letzter Umzug, hoffe ich. Wir hatten Kind und Hund am Umzugstag bei meinen Schwiegereltern untergebracht – und bis zum Schluss war nicht sicher, ob wir Max noch vor dem Schlafengehen würden holen können. Es wurde schon dunkel, als unsere Umzugshelfer unser Bett noch schnell über den Balkon in den ersten Stock wuchteten. Doch wir schlafen inzwischen ganz wunderbar darin und wenn wir morgens die Vorhänge aufziehen, fühlen wir uns wie im Urlaub. Bis wir im Badezimmer über Kartons stolpern …

Neulich rief mich eine Freundin an, die im September umgezogen ist, wann sie mal unser Haus anschauen könnte. Ob wir schon alle Kartons ausgepackt hätten?, fragte sie. „Was denkt die denn“, wollte ich schon sagen, als sie schon weitersprach: „Wahrscheinlich eine blöde Frage, oder? Ich weiß, ein Umzug mit Kind dauert gefühlt Monate.“ Recht hat sie.

14. Jan. 2020
von Chiara Schmucker
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07. Jan. 2020
von Martin Benninghoff
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Klavier! Geige! Chinesisch!

Nicht jeder ist zum Mozart bestimmt. Aber ein bisschen Frühförderung darf schon sein.

Als wir vor einiger Zeit ein Elterngespräch im Kindergarten hatten, ließ mich eine beiläufig gefallene und witzig gemeinte Äußerung eines Erziehers aufhorchen: Ob wir bestimmte Vorstellungen hätten, was der kleine Elias vielleicht besonders lernen sollte, oder wo man ein besonderes Augenmerk drauflegen sollte? „Klavier? Geige? Chinesisch?“, fragte er amüsiert. Meine Antwort, sarkastisch gemeint: „Klar, genau in dieser Reihenfolge.“ Gelächter. Thema erledigt. Dachten wir.

Im Nachhinein empfinde ich diese kleine Szene als etwas deprimierend, zeigt sie doch, wie sehr wir bei pragmatischen Fragen in einen nicht sonderlich klugen Debattenmodus rutschen, der nur noch Schwarz- und Weißtöne und einen unproduktiven Sarkasmus kennt. Schulterklopfen und Gelächter inklusive. Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Klare Sache, entweder bist du ein zurückgebliebener Nesthüter oder ein herzloser Karrierist. Frühförderung von Kleinkindern? Entweder bist du ein Provinzling, der nicht an die globalisierte Wirklichkeit denkt, oder ein rücksichtsloser Tigerpapa, der nur an die goldene Karriere seines Sprösslings denkt – und dem Kind die Kindheit raubt.

Was für ein Unsinn.

Natürlich hätte ich in dem Gespräch lieber über Frühfördermöglichkeiten für Elias gesprochen. In unserem Haus lebt ein deutsch-amerikanisches Pärchen mit kleiner Tochter, die bilingual aufwächst. Ich fände es gut, wenn kompetente Pädagogen auch unserem Kleinen ein paar erste Schnupperangebote im Englischen machen würden oder beim Erlernen eines Instruments behilflich sein könnten. Leider wird das in unserer Lernkultur vorschnell als Allüre überehrgeiziger Helikoptereltern abqualifiziert, die ihren Kindern die Kindheit madig machten. Als sei der Ehrgeiz der Eltern die neue Prügelstrafe im 21. Jahrhundert.

Was für ein Unsinn, zumindest in dieser Pauschalität.

Die Vorstellung, dass gezielte Frühförderung von Kindern im Kindergartenalter Teufelswerk sei, entstammt den Vorstellungen kapitalismuskritischer Pädagogen. In der Tat ist nicht abzustreiten, dass Kindheiten in den Gesellschaften hochproduktiver Industriestaaten wie Deutschland zunehmend unter dem Druck eines globalisierten Wirtschaftsmodells stehen. Wer heute nicht vernünftig Englisch spricht und am besten eine weitere Fremdsprache, gehört fast schon zu den Ladenhütern auf den (akademischem) Arbeitsmärkten, zunehmend auch darüber hinaus. Welcher Handwerker kann es sich heute noch leisten, kein Englisch zu sprechen? Früh übt sich also nicht nur, wer Karriere machen will, sondern auch, wer nicht abgehängt sein möchte. Das stresst manche Eltern, wenn sie an die Zukunft ihrer Kinder denken.

Und ja, es stimmt auch, dass zeitliche Verdichtung und Leistungsdruck Schülern psychisch stark zusetzen können. Die Fallzahlen psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sind in den vergangenen Jahren gestiegen, vor allem in Bezug auf Angststörungen. Laut einer Studie der Krankenkasse DAK haben in Nordrhein-Westfalen rund ein Viertel der Schüler mit psychischen Auffälligkeiten zu kämpfen. Woran das liegt, ist aber nicht restlos geklärt, weshalb sich vorschnelle Urteile verbieten. Ein Grund mag auch sein, dass Eltern eher sensibilisiert sind und aufgrund gestiegener gesellschaftlicher Akzeptanz von psychischen Erkrankungen eher mit ihren Kindern zum Psychologen gehen.

Und um gleich den erwartbaren Gegenargumenten zuvorzukommen: Ja, es gibt auch überehrgeizige Tigereltern, die ihre eigenen Wünsche oder knapp oder deutlich verfehlten Karriereziele auf ihre unschuldigen Kinder projizieren. In anderen Kulturkreisen, zum Beispiel in China, ziehen Elternteile in teuer gekaufte Wohnungen direkt am Schulgelände, damit Leben und Arbeiten näher zusammen rücken. Darin steckt viel aufholender Ehrgeiz in einem Land, das in rasender Geschwindigkeit aus der Armut kommt. Gerade China gilt vielen in Deutschland dennoch als abschreckendes Beispiel.

Alles richtig und alles falsch! Und doch, es ist geradezu typisch für unsere schräge Debattenkultur, aus Übertreibungen, die unsere Welt hervorbringt, gleich wieder Politik zu machen – und alles in Bausch und Bogen zu verdammen, was nach Leistung, Selbstdisziplin und Ehrgeiz aussieht. China inklusive! Freunde, die in China und Vietnam leben und dort ihre Kinder aufziehen, berichten von Förderangeboten wie Gesangs- und Englischunterricht, die wie selbstverständlich in die Vorschulangebote integriert sind. Ob die Kinder daran leiden, ist schwer zu sagen aus der Distanz, es sieht aber nicht so aus. Warum nicht davon lernen?

Leistung, Selbstdisziplin und Ehrgeiz kleiden sich bei Kleinkindern und in vernünftiger (nicht übertriebener) Dosis in spielerisches Gewand. Wer Kleinkinder im Alter von drei, vier oder fünf Jahren aufwachsen sieht, weiß, dass ihnen Lernen nicht gleich Pflicht und Mühsal ist. Kinder stehen zum ersten Mal auf Skiern – und fahren gleich los wie alte Skihasen, die nie etwas anderes gemacht haben. Sie schnappen Worte auf – und internalisieren sie gleich im Langzeitgedächtnis. Kleinkinder lernen permanent, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, das flexible Kindergehirn verfügt über genügend Kapazitäten und saugt Informationen auf wie ein Schwamm. Lernen kann ihnen Spaß machen, wenn die Qualität stimmt.

Schreckensbild Frühförderung in China?

Das heißt natürlich nicht, dass Kleinkinder Geige, Klavier und Chinesisch lernen sollen. Zur Erinnerung: Was für ein Unsinn! Aber was spricht dagegen, wenn ein Mal die Woche ein eigens für Kleinkinder ausgebildeter Musikpädagoge in die Kita kommt, um spielerischen und kompetenten Musikunterricht zu geben und die Kinder bei den ersten Schritten hin zum Erlernen eines Instrumentes zu begleiten? Die Qualität der Lehre ist entscheidend: Die Schrammel-Gitarre zum Sankt-Martins-Lied reicht eben nicht unbedingt aus, um Kinder für Musik zu begeistern. Dafür braucht es Zusatzausbildungen. Und was spricht dagegen, neben dem Deutschen auch noch eine Fremdsprache spielerisch zu erlernen? Auch das angeleitet durch eine kompetente Person, die Kurse in der Kita anbietet?

Gute Englischkenntnisse sind längst keine Frage mehr alleine der ökonomischen Verwertbarkeit im Berufsleben – sie sind schlichtweg Voraussetzung für ein kommunikatives und damit zufriedenes Leben. Es sei denn, man glaubt, die Kinder werden sich in ihrer Zukunft nur zwischen Flensburg und Passau bewegen und keine Ausländer kennenlernen. Das war einmal!

„Lernen ist nicht pure Mühsal“

Der Bildungsauftrag ist ja längst Teil der Kita-Gesetze. Und alle Jahre wieder kommt die Debatte auf, ob Erzieher nicht lieber studieren sollten. Ob das viel verändern würde? Vielleicht, vielleicht nicht, darum geht es hierbei nicht – und es ist schwer, sich darüber ein Urteil zu bilden. Es geht vielmehr um die grundsätzliche Bereitschaft, über den eigenen Tellerrand zu schauen. In Kitas gibt es ja bereits immer mal wieder Angebote der musikalischen Früherziehung, auch Sprachförderung existiert hier und dort. Viel zu häufig ist sie allerdings bilingualen Kitas vorbehalten, die sich an ein zweisprachiges Publikum aus binationalen Familien richten. Das ist auch wichtig – andererseits haben vor allem nicht-binationale Familien Lern- und Nachholbedarf in diesem Bereich. „Normale“ Kitas fremdeln aber gelegentlich noch mit solchen Erkenntnissen.

Über den eigenen Tellerrand schauen heißt auch, in Länder zu schauen, die nun nicht auf breiter Front zum Vorbild taugen – zum Beispiel, weil sie Diktaturen sind. Aber in China oder Vietnam gibt es eine bemerkenswerte Bereitschaft zum Lernen und Weiterbilden sowie zu gezielter, aber spielerischer Förderung. Singen, Tanzen, technisches Know-how und Sprachen werden hier als selbstverständlicher Teil der Persönlichkeitsentwicklung gesehen – so wie das Spielen im „Schonraum Kindergarten“ bei uns. Aber nochmal: Singen, Tanzen, Sprachen taugen natürlich auch zum Spiel, das ordentlich Spaß macht und nicht zwingend als pure Mühsal und zu vermeidende Nebenwirkung eines durch und durch ökonomisierten Weltbilds zu betrachten ist. Die Offenheit zu einem solchen Weltbild ist der Grundstein für ein kommunikatives Leben, das zufrieden macht.

Die manchmal pathologische Sorge, Kinder zu überfordern, ist übertrieben und möglicherweise der Angst der Erwachsenen vor einer Welt geschuldet, die sie aus eigener Warte heraus ablehnen, zum Beispiel vor dem Hintergrund ihrer Kapitalismuskritik. Sie sollten diese Weltsicht nicht auf ihre Kinder projizieren. Aktivität heißt eben nicht per se negativer Stress. Ein geistig reges und sportlich bewegungsfreudiges Kind kann zu einem optimistischen und kommunikativen Erwachsenen heranwachsen, der mit Siegen, aber auch Niederlagen umgehen kann. Natürlich macht die Dosis das Gift, ob Frühförderung gut oder fürs Kind zu viel des Guten – und damit des Schlechten – ist. Doch gleich vom Schlechten auszugehen, versperrt eben den Blick auf die Chancen. Und das gilt allgemein für unsere Debattenkultur, die zu sehr zwischen Schwarz und Weiß changiert.

07. Jan. 2020
von Martin Benninghoff
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31. Dez. 2019
von Sonia Heldt
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Der Zauber der lauten Silvesternacht

Feuerwerk trotz der Buschbrände: Im australischen Brisbane hat 2020 bereits begonnen.

Heute war ich beim Discounter, um ein paar Sachen einzukaufen. Als ich an dem Sonderstand mit dem Feuerwerks- und Silvesterkram hängenblieb, ging eine Frau an mir vorbei und sagte zu ihrem etwa acht Jahre alten Sohn sehr deutlich und sehr laut: „So einen Mist brauchen wir nicht. Da wird nur viel Geld in die Luft geschossen und die Luft verpestet.“ Dann schob sie ihren Sohn demonstrativ weg. Ich fühlte mich angesprochen, dabei hatte ich gar nicht die Absicht, die Luft zu verpesten und unnötig viel Geld in die Luft zu schießen. Ich wollte die familien- und kindertaugliche Packung mit Tischfeuerwerk und Knallbonbons kaufen, die Maya sie sich für unsere heimische Silvesterparty wünscht. Denn was Sinn und Unsinn der Silvester-Böllerei betrifft, vertrete ich eine ähnliche Meinung.

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, es ginge mir in erster Linie um die Feinstaubbelastung am Neujahrstag, auch wenn man diese Diskussion nicht außer Acht lassen sollte, wie das Umweltbundesamt ganz deutlich erklärt: Am ersten Tag des neuen Jahres ist die Luftbelastung mit gesundheitsgefährdendem Feinstaub vielerorts so hoch wie sonst im ganzen Jahr nicht. Ich bin starke Allergikerin, schon von daher sollte mir viel an guter Luft liegen. Aber mich nervt in erster Linie die unbedachte Rumböllerei vor und nach Silvester. In der Silvesternacht sind alle darauf vorbereitet. Tiere (zumindest die Haustiere) und Kinder werden im Notfall abgeschottet, und wenn es einem zu laut und zu stinkig wird, kann man ja ins Haus und der Knallerei aus dem Weg gehen. Ich habe es früher auf öffentlichen Partys gehasst, wenn man draußen nett mit den Freunden anstoßen wollte, und plötzlich ein Böller haarscharf an einem vorbeizischte, der einen nur mit viel Glück nicht erwischte. Zu viel Alkohol, zu viel Testosteron, zu viel jugendlicher Leichtsinn in dieser speziellen Nacht! Ich weiß schon jetzt, welche Ratschläge ich Lara, meiner fünfzehnjährigen Tochter, nächstes Jahr mit auf dem Weg geben werde (sie wird es hassen, aber ich tu’s trotzdem), wenn sie den Silvesterabend nicht mehr zu Hause, sondern auf einer Party verbringen wird.  

Bereits an den Tagen vor Silvester hört man es in unregelmäßigen Abständen durch die geschlossenen Fenster knallen. Mehr als 30 Stunden zu früh! 30 Stunden, in denen Freigänger-Katzen noch ihre Runden drehen, Hunde mit ihren Besitzern Gassigehen und Kinder auf den Straßen spielen. Vor zwei Jahren waren wir am frühen Silvesterabend mit den Kindern unterwegs zu einer Veranstaltung, als ein paar Meter von uns entfernt ein paar Idioten (ich kann sie leider nicht anders bezeichnen) eine ganze Batterie Knallkörper stark verfrüht abfeuerten. Es traf uns unvorbereitet aus nächster Nähe und war entsprechend laut. Mir blieb kurz das Herz stehen und meine Ohren klingelten unangenehm. Maya fing an zu weinen und wollte sofort zurück zum Auto und auf keinen Fall die 100 Meter zur Veranstaltungshalle weiterlaufen. Sie zitterte am ganzen Körper und wir hatten große Mühe sie zu beruhigen und zum Weitergehen zu überreden. Da war ich sauer auf den Feuerwerksverkauf, weil die Böller viel zu häufig in die falschen Hände geraten. Es kann ja nicht sein, dass man Kindern und Tieren zwei Tage vor und nach Silvester Ausgehverbot erteilt, um kein Risiko einzugehen!

Ich bin kein Schwarz-Weiß-Denker und finde nichts nerviger als einseitige, radikale Ansichten à la „Wenn du Tiere isst, kannst du auch kein Tierliebhaber sein“ oder „Wenn du eine gute Mutter sein willst, dann musst du stillen“. Und so gibt es auch für mich bei der Feuerwerksdebatte eine Grauzone. Ich persönlich hätte nichts dagegen, wenn man den Verkauf von Feuerwerkskörpern komplett verbieten würde, auch wenn ich zum Jahreswechsel selber gerne in den Himmel schaue, das laute Treiben um mich herum mit einem Glas Sekt in der Hand genieße und dann mit Familie, Freunden und Nachbarn anstoße. Aber ein geplantes, an einem zentralen Ort organisiertes Feuerwerk ginge für mich in Ordnung. Ich befürworte die Verbotszonen an sensiblen öffentlichen Plätzen wie dem Kölner Dom, der Düsseldorfer Altstadt oder dem Brandenburger Tor. Mehr Sicherheit für die Besucher (auch später für meine eigenen Töchter), damit man ohne Angst, es könnte einem ein Böller in den Ausschnitt fliegen oder die Haare abfackeln, feiern kann und damit Polizei, Feuerwehr und Notfallambulanz entlastet werden.        

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31. Dez. 2019
von Sonia Heldt
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24. Dez. 2019
von Sonia Heldt und Janosch Niebuhr und Martin Benninghoff und Tanja Weisz und Anna Wronska
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Bitte keine Weihnachtsturnübung

Sehr in Mode sind derzeit Weihnachtsbäume, die nicht abgeholzt wurden, sondern weiterwachsen.

Sonia Heldt: Heiligabend ist die Kür, den Rest der Weihnachtstage verbuche ich unter Pflichtteil.“

Heiligabend ist für mich der gemütliche Part der Weihnachtstage, den ich mit meinem Mann, meinen Töchtern und meiner Freundin zwanglos zu Hause verbringe. Vor allem Maya legt Wert darauf, dass Festtage wie Geburtstage und Weihnachten, immer gleich ablaufen. Sie braucht dieses Gefühl von Vertrautheit und dass sich bestimmte Dinge in ihrem Leben nicht so schnell ändern. Und so wird sie auch dieses Jahr, wie all die vielen Jahre davor, mittags mit meinem Mann die Weihnachtsvorstellung des Puppentheaters besuchen. Auch wenn sie bereits 12 Jahre alt ist und nicht mehr durch den Kindereingang in den Saal schlüpfen wird. Lara mag inzwischen nicht mehr mitgehen und wird sich sicherlich in ihr Zimmer verziehen, um die letzten Geschenke einzupacken und das zu tun, was sie sonst auch tut: mit ihren Freundinnen telefonieren oder chatten und sich x-mal umziehen. Ich bereite in der Zeit alles vor und decke den Esstisch in der Küche weihnachtlich ein. Wir lassen den ganzen Tag unsere Playlist Christmas Rock & Pop laufen und die Kerzen brennen. Nachmittags kommt dann meine Freundin. Wir trinken Kaffee und das erste Glas Wein und quatschen ein bisschen.

Gegen 18 Uhr schmeißen wir langsam den Raclette-Grill an. Da ich im Alltag fast täglich koche, bin ich froh, Heiligabend kein kompliziertes Menü auf den Tisch bringen zu müssen. Die Mädchen lieben es, Pizzateig auf der heißen Platte zu backen. Wir mögen diese gemütliche Art des Essens, das man so wunderbar in die Länge ziehen kann. Seit die Kinder älter sind, haben sie es nicht mehr so eilig mit der Bescherung. Ich vermisse ihre vor Aufregung glühenden, roten Wangen und die Frage „Wann ist es denn soweit?“ und werde von Jahr zu Jahr wehmütiger, wenn ich an die vergangenen Weihnachtsfeste zurückdenke. Früher, als für beide Kinder Weihnachten noch so schön und aufregend war! Lara gibt sich dieses Jahr große Mühe, alles boring zu finden. Und ich denke, nächstes Jahr wird auch Maya ihre kindliche Vorfreude ablegen. Das ist schon ein wenig traurig.

Zur Bescherung lassen wir leise Weihnachtsmusik laufen und packen unsere Geschenke abwechselnd aus. Inzwischen finden die Mädchen es aufregender andere zu beschenken, als selbst Geschenke zu erhalten. Gedichte aufsagen, ein Lied auf der Gitarre spielen, singen, tanzen oder eine Geschichte vorlesen – das lief bei uns schon immer ganz leger ab. Wir haben nie darauf bestanden, dass die Mädchen etwas vortragen. Meistens hat Maya aber etwas Kleines vorbereitet. Sie singt gerne. Als die Mädchen kleiner waren, habe ich die Weihnachtsgeschichte aus ihrem Lieblings-Kinderbuch vorgelesen und wir haben ein Weihnachtslied angestimmt, bevor es ans Auspacken ging.   

Den ersten Weihnachtstag verbringen wir bei der Familie meines Mannes, den zweiten bei meiner Mutter. Vor einigen Jahren habe ich durchgesetzt, dass wir bei meinen Schwiegereltern erst nachmittags einlaufen und das Mittagessen schwänzen. Ich stehe nämlich überhaupt nicht auf die Völlerei an den Feiertagen und auf traditionelle Gerichte wie Ente oder fettige Gänsekeule. Ich bin eine ähnlich pingelige Esserin wie Maya, die froh darüber ist, wenn sie nicht „fremd essen“ muss. Außerdem finde ich, dass sechs Stunden Zusammenkunft völlig ausreichen. Und so gehört uns der Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages noch ganz allein. Nach dem Frühstück setzen wir uns, meist noch in Schlafanzügen, gemütlich vor die Glotze und schauen „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ oder „Der kleine Lord“. Erst gegen Mittag geht’s dann unter die Dusche und von der Kür zum Pflichtteil über. 

Weihnachten kennt keine Temperatur: Vater und Tochter im burmesischen Rangun

Janosch Niebuhr: Im Stall war es wahrscheinlich auch eng. Und still war die Stille Nacht bestimmt nicht.“

Wir fünf sind dieses Jahr wieder bei meinen Schwiegereltern – einmal mit dem Zug quer durch die Republik. Die Schwägerin mit Freund und den zwei Jungs kommt auch. Es wird also voll. Zusammen mit unseren drei Mädchen sind es fünf Kinder zwischen sechs und 13 Jahren. Es wird also auch laut, auf jeden Fall nicht langweilig. Die Schwiegereltern freuen sich schon. Sagen sie. (Was sollen sie anderes sagen?) Meine Frau sagt: „Ich bin soooo froh, dass wir dort feiern.“

Was Weihnachten im Allgemeinen und den Heiligabend im Besonderen angeht, habe ich mir im Laufe der Jahre eine stoische Grundhaltung zu eigen gemacht: „Verlange nicht, dass alles so geschieht, wie du es wünschest, sondern wolle, dass alles so geschieht, wie es geschieht, und es wird dir gut gehen“ (Epiktet). Das fängt damit an, dass ich eben nicht wie in frohen Kindertagen erwarten kann, dass andere die Weihnachts-Orga machen – außer wenn wir bei den Schwiegereltern feiern. „Ja, ich bin auch froh, dass wir dort feiern!“

Wir kommen zwei Tage vorher und bleiben über die Weihnachtstage. Ich muss sagen: Gast sein ist toll, besonders in dieser Zeit, denn man kann die Weihnachtserwartungen des eigenen Nachwuchs oder der Partnerin gegebenenfalls an die Gastgeber auslagern. Natürlich helfen wir alle mit bei der Vor- und Nachbereitung der Festivitäten, jeder nach seinem Können und seinen Fähigkeiten, mein Spezialgebiet ist die zeitnahe Entsorgung des Papiermülls am Heiligabend.

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24. Dez. 2019
von Sonia Heldt und Janosch Niebuhr und Martin Benninghoff und Tanja Weisz und Anna Wronska
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17. Dez. 2019
von Janosch Niebuhr
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Fünf Koffer, drei Kinder, ein Zugabteil

Zugfahren mit Kindern: Mehr als maximal eine Hand hat man nie frei.

Die Zeit um die Festtage ist immer auch Reise- und Besuchszeit. Oma, Opa, Tanten, Onkel, Cousinen und Nichten, Vettern und Neffen, manchmal – wenn zwischen Weihnachten und Neujahr noch Luft ist – sogar auch ein paar alte Freunde wollen wir sehen. Dieses Jahr müssen wir dazu wieder einmal quer durch die Republik (und zurück). Mein Verkehrsmittel der Wahl ist dabei die Bahn. Theoretisch ist das bequem, entspannt, mit drei kostenfrei fahrenden Kindern und Super Sparpreis unschlagbar günstig, irgendwie wahrscheinlich sogar umweltfreundlich – und seit wir alle „Polarexpress“ gesehen haben, passt das Ganze auch zu Weihnachten.

Wenn ich unsere Reise plane, male ich mir das alles – dank einer speziell auf meine letzten Familienbahnreisen beschränkte Amnesie – immer in den schönsten Farben aus: Wie wir völlig relaxed in unser Abteil schlendern, unsere zwei leichten Koffer über den Sitzen verstauen. Die Kinder warten geduldig, bis sie ihre Plätze einnehmen können. Dann vertiefen sich alle Reisenden in ihre elektronik- und lärmfreie, pädagogisch wertvolle Reisebeschäftigung. Draußen huscht eine weiße Winterlandschaft an uns vorbei. Weihnachtliche Vorfreude erfüllt die Herzen, selbst der Schaffner hat eine rote Mütze auf und verteilt bei der Fahrkartenkontrolle Lebkuchen. Die nächsten sechs Stunden vertiefe ich mich in den Roman, den ich schon seit Monaten lesen wollte; nur ein, zwei Mal unterbreche ich meine Lektüre, um mit der Familie im Speisewagen Kuchen zu essen oder mit allen ein Kartenspiel zu spielen. Und wenn wir ausgeruht und mit guter Stimmung am Zielort ankommen, fällt eine Sternschnuppe vom Himmel und ich sag mir: Brauch ich gar nicht – alle Wünsche erfüllt!

Man muss nicht zum Bahn-Bashing neigen, um zu wissen, dass nichts, überhaupt gar nichts von dem oben beschriebenen Szenario Wirklichkeit werden wird. Das fängt schon damit an, dass natürlich schon alle Super Spartickets ausgebucht sind, wenn ich zum Fahrkartenkauf schreite. (Natürlich gibt es immer noch die eine oder andere günstige Bahnverbindung mit Abfahrt um 5.15 Uhr in der Frühe oder mit dreimaligem Umsteigen. Das kann man natürlich machen. Wenn man gerade sein Abi gemacht hat. Aber nicht in fortgeschrittenem Alter mit drei Kindern und vier Gepäckstücken.) Weshalb mich auch die jetzt angekündigten Preissenkungen der Bahn nur schwach enthusiasmieren: Theoretisch ist die Bahn schon jetzt sehr günstig für Familien mit Kindern. Praktisch fehlen aber vor allem in der Hauptreisezeit die Züge und Plätze für die günstig reisen wollenden Familien.

Aber was soll der Geiz? Es ist ja Weihnachten! Und der Ticketkauf ist wahrlich die geringste Hürde einer Bahnreise mit Kindern. Wie kann die Bahnreise mit Kindern also zumindest eine erträgliche Veranstaltung werden? Es gibt da ein paar bewährte Tipps von der Bahn selbst. Das Ganze hängt natürlich auch und vor allem vom Alter der Kinder ab. Außerdem haben mich die Erfahrungen der vergangenen Jahre drei eherne Grundsätze gelehrt – die stimmen ganz unabhängig davon, wie familienfreundlich die Bahn nun ist oder nicht. Hier sind sie:

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17. Dez. 2019
von Janosch Niebuhr
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12. Dez. 2019
von Sonia Heldt
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Wünschen Ihre Kinder noch oder bestellen sie schon?

Wenn sie noch an das Christkind glauben, basteln sie schöne Wunschzettel – für die Eltern darf es oft profaner sein.

Keine zwei Wochen mehr bis Heiligabend, und ich habe noch nicht alle Geschenke für meine Töchter (12 und 15 Jahre) zusammen. In unserem Keller steht eine kleine Kiste, in der ich die Briefe, Zeichnungen, Geburtstags- und Muttertags-Karten der Kinder sammele. Eben bin ich in den Keller gestiefelt, habe diese Kiste durchkramt und nach alten Wunschzetteln der Kinder für diesen Beitrag gesucht. Fast wäre dieser Text dadurch nicht mehr zustande gekommen, denn plötzlich saß ich auf unserem kalten Kellerboden, um mich herum überall alte Wunschzettel verteilt. Ich musste sie einfach alle lesen! Die ersten Wunschzettel der Kinder waren gemalt, später wurden die Wünsche aus Werbeprospekten ausgeschnitten und aufgeklebt, bis Maya und Lara jeweils alt genug waren, um ihre Wünsche genauer zu formulieren. Typische Kinderwünsche: der Palast der Eiskönigin, Schleichtiere, das Maulwurfspiel, ein Stoff-Marienkäfer und Bücher. Ich habe meinen Kindern – so wie ich es aus meiner eigenen Kindheit kannte – das Christkind als Geschenkbote verkauft. Lara, meine Große, fand das jedoch irgendwann etwas widersprüchlich, denn das Christkind war ja das Jesuskind und sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass ein Baby aus der Krippe fliegt und Geschenke verteilt. Sie sympathisierte daher schon sehr früh mit dem Weihnachtsmann. Schon allein, weil sie die KIKA-Serie „Beutolomäus“ in der Weihnachtszeit so sehr liebte und sie sich den Weihnachtsmann besser vorstellen konnte.    

Erzählte sie jedoch in Anwesenheit meiner Schwiegermutter vom Weihnachtsmann, behauptete diese steif und fest, Coca-Cola hätte den Weihnachtsmann erfunden. Nur das Christkind würde Geschenke bringen! Die Behauptung, Santa Claus wäre allein auf den Mist des amerikanischen Getränkeherstellers gewachsen, ist nach wie vor nicht totzukriegen. Dabei hat Santa Claus eigentlich einen europäischen Ursprung. Niederländische Auswanderer brachten im 17. Jahrhundert ihren Sinterklaas-Brauch nach New York. Aus Sinterklaas wurde im Laufe der Zeit der amerikanische Santa Claus und Coca-Cola gab 1931 dem Künstler Haddon Sundblom den Auftrag Santa Claus, so wie wir ihn heute alle kennen, zu zeichnen. 

Mir war es immer schon total egal, ob meine Kinder nun an das Christkind oder den Weihnachtsmann glaubten (selbst wenn Coca-Cola ihn erfunden hätte). Ich zuckte daher einfach die Achseln und behauptete, dass ich das auch nicht so genau wüsste, wer denn da nun die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legen würde. Schließlich wäre ich bisher weder dem Weihnachtsmann noch dem Christkind (nicht einmal dem Nikolaus) persönlich über den Weg gelaufen. Aber einer von denen müsste es ja sein! Es gibt Eltern, die ihren Kindern erzählen, dass der Weihnachtsmann die großen Geschenke bringt, die für das Christkind zu schwer sind. Auch eine mögliche Erklärung! Hauptsache der besondere Zauber der Weihnachtszeit geht für die Kinder nicht allzu schnell verloren. Denn die Realität holt sie schon früh genug auf den Boden der Tatsachen – und uns auch. Lassen wir ihnen ihren kindlichen Glauben solange es geht, egal an wen! Ein Jahr hat Lara ihren Wunschzettel sicherheitshalber an den Weihnachtsmann mit seinem Freund Beutolomäus und gleichzeitig an das Christkind adressiert und dann in unseren Briefkasten gelegt. Die Wünsche mussten bei uns traditionell spätestens am 1. Dezember an dieser Stelle deponiert werden, damit das Christkind (oder wer auch immer) es zeitig genug abholen konnte. Ich habe mir die Wunschzettel immer sehr gerne angesehen, mich über die holprigen Sätze der Kinder amüsiert und die Zettel später in besagte Kiste in den Keller geworfen.

Nun ist Maya zwölf und Lara fünfzehn Jahre alt und natürlich glauben sie schon längst nicht mehr an das Christkind. Dieses Jahr hat Maya ihre Wünsche als Notiz in ihr Handy getippt und mir die Liste per WhatsApp geschickt. Da es die Eltern sind, die die Geschenke kaufen und nicht das Christkind, hat sie den Wunschzettel nicht mehr mit hübschen Zeichnungen verziert und auch keinen Glitzerpuder in den Umschlag gestreut. Leider kann ich elektronische Wunschzettel nicht in meiner Kiste aufbewahren, was ich sehr schade finde. Mayas Wünsche sind übersichtlich: ein paar Bücher, Sportsachen, Oreo-Kekse mit weißer Schokolade, eine Badekugel und als technisches Highlight eine mobile Lautsprecherbox. Lara hat ihre Wünsche nicht einmal mehr schriftlich festgehalten, denn dafür wäre jeder Zettel verschwendet: „Ich wünsche mir Klamotten und Geld oder am besten nur Geld für Klamotten.“ Einer Fünfzehnjährigen Klamotten zu schenken, die a) passen und b) ihren Geschmack treffen, dürfte sich als äußert schwierige Aktion gestalten. Reine Geldgeschenke finde ich wiederum doof. Also habe ich sie selbst ein paar Kleidungsstücke aussuchen lassen.

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12. Dez. 2019
von Sonia Heldt
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03. Dez. 2019
von Sonia Heldt
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„Keiner aus meiner Klasse trägt noch einen Fahrradhelm“

Kinder im Grundschulalter tragen ihren Fahrradhelm meistens noch voller Stolz und ohne Meckerei.

Maya packt ihr Schulbrot in den Tornister, schlüpft in ihre Jacke und greift zum Fahrradhelm. Leicht angewidert setzt sie ihn auf den Kopf, um ihn keine drei Sekunden später wieder aggressiv runter zu reißen. „Der blöde Helm sitzt nicht richtig. Der ist doch doof, der macht meine Frisur kaputt. Ich kann keinen hohen Zopf tragen.“ Ich schaue mir den Helm genau an. „Alles super“, sage ich. „Sitzt wie eh und je.“ Meine Alarmglocken klingeln! Maya ist gerade einmal zwölf Jahre alt geworden. Ihre Schwester Lara verkündete erst gegen Ende der siebten Klasse eines Morgens: „Ich setze keinen Helm mehr auf!“ Ich ging damals sofort in die Offensive: „Du trägst Helm und basta!“ Ich hatte schon klein beigegeben, als sie keine zusätzlichen Reflektoren an ihrer Kleidung tragen wollte, aber beim Helm wollte ich eisern bleiben. Lara wurde wütend. So wütend, wie ich sie selten gesehen hatte. „Ich bin ein Nerd! Keiner in meiner Klasse trägt noch einen Fahrradhelm!“, schrie sie mit puterrotem Gesicht. „Das ist mir egal!“, schrie ich zurück.

Tatsächlich sieht man die meisten Jugendlichen ohne Helm, freihändig, oft mit dem Handy in der Hand, Fahrrad fahren. Bei jüngeren Schülern baumelt der Fahrradhelm manchmal nur noch zur Zierde am Lenker. Diese Kinder winken beim Losfahren zur Schule fröhlich ihrer Mutter zu, um den Helm dann eiskalt an der nächsten Ecke abzusetzen und ihre Mitschüler zu hänseln, die brav und uncool den Helm bis zur Ankunft auf dem Schulhof tragen. So auch damals ein paar Jungs aus Laras Klasse. Ich habe argumentiert, dass genau diese Helmabnehmer-Mitschüler bekloppt aussehende Teletubbies-Badekappen beim Wasserball tragen müssen und trotzdem nie auf die Idee kämen, sich dem zu widersetzen. Und ich habe aus Verzweiflung den berühmten Andere-interessieren-mich-nicht-Satz gebracht. „Ich werde nie wieder mit euch reden. Ich hasse euch!“, schrie Lara und redete tagelang nicht mehr mit uns. Ich schickte ihr den Link zu einem abschreckenden YouTube-Video, in dem eine Wassermelone mit voller Wucht gegen eine Wand geworfen wird und matschig die Wand hinuntergleitet, während die Melone mit Fahrradhelm den Aufprall unbeschadet übersteht. Als Antwort blockierte sie mich auf WhatsApp.  

Mein Mann wunderte sich, warum sie überhaupt mit uns diskutierte, war er doch selber in seiner Jugendzeit einer dieser Heimlich-Helmabnehmer. Aber meine Große wollte den Krieg fair gewinnen und ihrem Gegner beim Sieg mutig in die Augen schauen und nicht wie die Trojaner feige durch die Hintertür einfallen. Also legte sie uns ein paar Tage später eine Tabelle vor. In der linken Spalte hatte sie die Namen aller Klassenkameraden notiert, die ohne Fahrradhelm zur Schule kamen. Es waren zwanzig Schüler. Auf der Helmträger-Seite standen vier Namen. Von den vier Helmträgern, merkte sie an, würden drei ihren Helm zumindest auf den Nachhauseweg an den Lenker hängen. Nur sie wäre eine „echte“ Helmträgerin. Und überhaupt, ohne Helm, könnte sie im Winter wenigstens eine Mütze tragen. Ich bat meinen Mann, morgens einen kleinen Umweg zur Arbeit zu machen und an der Schule vorbeizuschauen, damit wir unsere eigene Statistik anfertigen konnten. Die präsentierte er mir abends mit ernstem Gesicht: „Ich würde sagen, 80% der Fünf- und Sechstklässler tragen Helm, etwa ab der sieben Klasse sind es nur noch 10%, ab der achten Klasse vielleicht noch 5%.“

Mich überzeugte weder die Bilanz meines Mannes noch die meiner Tochter. Ja, ich finde Fahrradhelme auch nicht gerade modisch, aber sie sind wichtig und können bei Unfällen unter Umständen Schlimmeres verhindern. Würden wir auf Malta, in Finnland oder Schweden leben, würde der Gesetzgeber meine Töchter zwingen einen Fahrradhelm zu tragen! Wenn Deutschland eine Fahrradhelmpflicht einführen würde, würden viele zwar erst einmal meckern, aber irgendwann wären Fahrradhelmträger keine Aliens mehr. 1976 wurde die Gurtpflicht im Auto durchgesetzt. Viele Frauen fürchteten damals um ihre frisch gebügelten Blusen und die Herren der Schöpfung um ihre Lässigkeit. Heute denkt kein Mensch mehr drüber nach, ob Anschnallen im Auto uncool oder lästig ist. Auch auf den Skipisten sieht man heutzutage kaum noch jemanden ohne Helm die Pisten runterbrettern. Meine Töchter haben auch noch nie über den Skihelm gemeckert. Der gehört für sie selbstverständlich dazu. Aber auf den Straßen hat sich der Helm immer noch nicht flächendeckend durchgesetzt, bei Teenagern schon einmal gar nicht. Das wird wahrscheinlich auch die Kampagne #Helmrettetleben vom Bundesverkehrsministerium nicht ändern, die versucht mit einer ehemaligen GNTM-Anwärterin besonders die jungen Menschen anzusprechen: „Looks like shit. But saves my life.“ Ich fände es sinnvoll, wenn zumindest für Kinder bis 14 Jahren die Helmpflicht gesetzlich vorgeschrieben werden würde! Denn bis zu diesem Alter sind Kinder noch nicht in der Lage optimal und vorausschauend im Straßenverkehr zu agieren. So hat mich einmal ein Verkehrspolizist bei einer Elternveranstaltung zum Thema Verkehrserziehung aufgeklärt.   

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03. Dez. 2019
von Sonia Heldt
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28. Nov. 2019
von Janosch Niebuhr
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Können wir bitte den Advent überspringen?

So harmlos fängt es an: Kinderhand beim Plätzchenbacken
Wunsch oder Wirklichkeit? Kinderhand beim Plätzchenbacken

Es war wahrscheinlich mein Gesichtsausdruck. Dieser eine Moment ungläubigen Staunens, der mich verraten hat. Eigentlich wollte ich mir nichts anmerken lassen. Aber ich war tatsächlich sprachlos, vielleicht war da sogar Entsetzen auf meiner Stirn. Meine Frau hatte mir gerade einen Siebener-Pack roter Stumpenkerzen in die Hand gedrückt. Einfach so, ohne Worte – und dann meine Reaktion abgewartet.

In der Regel weiß ich inzwischen in den meisten Haushalts- und Familiensituationen, was von mir erwartet wird, selbst wenn ich in Wirklichkeit keine Ahnung habe, um was oder wen es sich dreht. Fremdeltern und -kinder begrüße ich zum Beispiel mit sprudelnder Herzlichkeit, während ich gleichzeitig verzweifelt versuche, mich an deren Namen zu erinnern oder woher ich sie kenne. Bei Anfragen in den Elternchats der Schule melde ich mich vorbildlich als einer der ersten zum Abbauen, ohne die Details der Anfrage vorher zu studieren, nur damit ich nicht mit irgendwelchen komplizierteren Aufgaben sitzenbleibe. Und beim Schuhkauf für die Jüngste („Klar weiß ich, dass sie neue Schuhe braucht“) taste ich mich vorsichtig von Größe 21 an ihre tatsächliche Schuhgröße heran (32). Aber rote Stumpenkerzen??

„Wenn ihr den Adventskranz bastelt, braucht ihr doch Kerzen“, klärte mich meine Frau auf. „Das hast du doch auf dem Schirm, oder?“ Mutigere Menschen als ich hätten jetzt wahrscheinlich offen zugegeben, dass sie nicht geahnt haben, dass nach dem November bald auch der Dezember kommt, der am meisten mit Erwartungen überfrachtete Monat des Jahres. Ehrlichere Zeitgenossen hätten sich und der Welt auch eingestanden, dass sie diesen ganzen vorweihnachtlichen Aktionismus ablehnen und er sie überfordert. Reaktionärere Geister hätten sich dahinter versteckt, dass Adventskranz-Basteln und ähnliches Zeug zu „Familie und dem ganzen Gedöns“ gehört, also immer schon weiblich konnotiert war, und sich dann für nicht zuständig erklärt. Aber damit komme ich in diesem Jahr nicht durch. Seit einigen Monaten bin ich ja da Hauptverantwortlicher, also auch für den Dezember zuständig.

Ich hasse den Dezember, in diesem Jahr besonders. Zumindest die ersten 23,5 Tage lang. Kaum hat man gerade noch kurz vor Totensonntag den durchgematschten Halloweeen-Kürbis zu Grabe getragen, Kastanienmännchen und Altlaubblätter-Bilder hinter Heizungskörpern befreit, rollt eine weitere Bastel-Lawine auf uns zu. Doch damit nicht genug: Der Dezember macht auch noch grundsätzlich ein schlechtes Gewissen. Zumindest wenn man fürs Familienmanagement zuständig ist. Denn immer hängt man den eigenen Erwartungen hinterher. Das ist natürlich alles nicht neu, und es ist völlig unabhängig davon, ob nun Weihnachten, Channuka oder die Amazon-Jahresend-Schnäppchenschlacht als Kalendersignal interpretiert wird.

Wenn ich mit einem Wort beschreiben müsste, was mich so nervt an diesem Monat, dann ist es die „Erwartungsverdichtung“. So viel Erwartung pro Zeiteinheit ist sonst nie, sowohl eigene Erwartungen als auch fremde. (Und da geht es noch nicht mal um die Geschenke für die Kinder.) Zum Beispiel kommt immer irgendjemand auf die Schnapsidee, dass ausgerechnet im Dezember Zeit für „ein gemütliches Zusammensein“ in der Schule sei mit Lehrern, Eltern und Kindern. „Bitte eine Kleinigkeit für das Buffet mitbringen!“ steht dann meistens im P.S.. Ich denke dann an Vieles, zum Beispiel wie man eine Tüte Chips ohne Gesichtsverlust als Buffetspende in die Schule schmuggeln kann. An „Gemütlichkeit“ denke ich nicht.

Natürlich könnte ich meiner Umwelt signalisieren, dass ich für Dezember-Termine oder -Aufgaben nicht zu haben bin. Aber das ist leichter gesagt als getan.

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28. Nov. 2019
von Janosch Niebuhr
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26. Nov. 2019
von Martin Benninghoff
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Schau mal, Kind: ein Buch, kein Tablet!

Faszination Bildschirm: Dagegen kommt bei Kleinkindern kein Buch der Welt an.

Der Fahrplan war geschrieben, bevor das Kind auf der Welt war: kein Tablet, kein Smartphone im Kleinkindalter. Stattdessen Büchervorlesen, Spielen, Herumtollen, Phantasie ansprechen und Kreativität abrufen.

Und dann das: An einem Tag, als die Tagesmutter krank ausfiel, musste ich den knapp dreijährigen Elias mit in die Redaktion zum Arbeiten nehmen. Geschlagene zweieinhalb Stunden. Nun muss man wissen, dass ich die meiste Zeit in einem Newsroom, also in einem Großraumbüro, tätig bin. Elias saß also auf dem Boden, während ich auf drei Bildschirmen die Nachrichtenlage zwischen Donald Trumps neuester Twitterei und Friedrich Merz‘ neuester Selbstbewerbungsäußerung im Blick halten musste (das war noch vor dem CDU-Parteitag in Leipzig). Als es Elias tatsächlich fertigbrachte und im entscheidenden Moment einer Eilmeldung den Computerknopf drückte, woraufhin alle Bildschirme in Windeseile herunterfuhren und eine Kollegin dankenswerterweise schnell einsprang, musste ich die Notbremse ziehen: Tablet aus der Tasche, Gerät an, Youtube anwählen, Kinderserie aussuchen, Elias davor parken. Danach war eine halbe Stunde Ruhe – und ich konnte tatsächlich das tun, weswegen ich an diesen Ort gekommen war: arbeiten.

Nun folgt die unbeabsichtigte Pointe: Elias ist bei dieser Gelegenheit richtig auf den Geschmack gekommen und ruft nun jeden Tag zuhause nach dem Tablet, obwohl wir zuhause keinen Newsroom haben und es keinerlei Notwendigkeit gibt, den Kleinen irgendwo „zu parken“. Unglücklicherweise habe ich als Journalist daheim zwei iPads herumliegen, und unser Sohn weiß genau, an welcher Stelle des Regals die Heiligtümer liegen. Wann immer der Kleine müde und abgekämpft ist, weil er im Kindergarten war oder stundenlang mit seiner Freundin im Haus gespielt hat, möchte er sich am liebsten aufs Sofa mümmeln und Kinderserien auf dem Ding schauen, auf Youtube meistens.

Derzeitiger Knüller ist „Leo, der Lastwagen“, eine einfache Kleinkinderserie in Computerspielästhetik (hier zu bewundern). Es ist eine kreuzlangweilige Serie, in der quasi nichts passiert, außer dass ein vermenschlichter Lastwagen durch eine ansonsten menschenleere Gegend fährt und Teile zusammensucht, aus denen Maschinen gebaut werden. So habe ich zum Beispiel von meinem Sohn erfahren dürfen, dass es so etwas wie Kaltfräsen gibt, also Maschinen, die alte Asphaltdecken abreißen. Wusste Elias dank Leo – hatte ich noch nie gehört. Immerhin ein Bildungsauftrag also. Ansonsten aber wachsen mir graue Haare, wenn Elias nun täglich nach dem Tablet ruft. Erst recht nach dieser Sendung, die kalt wie eine Baustelle im regnerischen November wirkt. Ich kann die kaum ertragen, Elias liebt sie. Nun gut, man kann auch sagen: Die Serie tut immerhin keinem weh.

Aber Halt, Zwischenstopp! Meine persönliche Abneigung gegen diese Sendung im Besonderen und Fernsehen schauende Kleinkinder einmal an die Seite geschoben. Aber wie schädlich ist es eigentlich für Kinder, Fernsehen zu gucken oder Videos auf Youtube zu schauen? Medienpädagogen raten, dass Kleinkinder vor dem dritten Geburtstag gar keine Videos oder Fernsehsendungen schauen sollten. Ab dem dritten Lebensjahr ist es weniger problematisch, wenn die Dosis und die Inhalte stimmen. Vier- bis Sechsjährige sollten maximal eine halbe Stunde am Tag vor dem Fernseher hocken oder Videos bei Youtube anschauen, Sieben- bis Zehnjährige maximal 45 Minuten. Soweit die Theorie. Aber was machen, wenn man ein Kind einmal vor dem Tablet parken musste – und nun die Schreierei groß ist, wenn man als Elternteil dem verzweifelten Wunsch des Sprösslings aus pädagogisch gutgemeinten Gründen nicht nachkommt? Nun, einfach nicht immer verbieten, sondern nur manchmal. Wie gesagt, die Dosis macht das Gift. Und ansonsten ein paar Regeln beachten.

Das Problem ist ja die Vorbildfunktion der Eltern. Unsere Wohnung ist vollgestopft mit Büchern, wir nutzen sie häufig, lesen viel und Elias viel vor. Aber natürlich spielen dazu elektronische Medien eine große Rolle, häufig nehmen wir Smartphones zur Hand, um nach Rezepten zu schauen, eine Whatsapp zu schreiben oder „Zeitung“ in der E-Ausgabe zu lesen. Wie soll ein Kleinkind verstehen, was der Papa auf einem Handy tut und was er dort anschaut? Dass man eben keine Youtube-Serien-Orgien über sich ergehen lässt, sondern Tageszeitung liest oder eine Doku schaut? Die Antwort: kann man nicht erklären. Für ein Kleinkind ist ein Tablet ein Ding, das blinkt und leuchtet – und dass deshalb furchtbar interessant ist. Sich zu bemühen, nicht permanent das Smartphone zur Hand zu nehmen und für eine Recherche auch mal hinaus in ein anderes Zimmer zu gehen – das habe ich mir nun wenigstens vorgenommen. Elias soll nicht den Eindruck bekommen, dass sich unser Leben um Unterhaltungselektronik dreht. Tut es auch nicht. Hat aber blöderweise den Anschein.

Und Tablets? Elias darf durchaus mal etwas gucken, aber nur wenn einer von uns daneben sitzt – und dann nicht zu lang. Eine oder zwei Folgen dürfen sein, maximal 20 Minuten am Stück. Denn die Verhaltensweisen des Kleinen laden nicht dazu ein, seine Zeit vor dem Tablet künstlich zu verlängern. Elias sitzt – nicht nur beim Lastwagen Leo – gebannt vor dem Bildschirm, er wirkt fast wie eingefroren. Er antwortet kaum auf Fragen – und bewegt sich auch nicht. Und genau diese Lethargie, die der passive Medienkonsum offenbar provoziert, kann nicht gut sein für das Kind, das die Welt von sich aus begreifen und erobern, die Dinge anfassen und mit Neugier alles ausprobieren soll. Die Bewegungslethargie vieler Menschen wurzelt sicherlich auch in dieser kindlichen Berieselung.

Außerdem ist Youtube sowieso problematisch, weil nach jeder Serie automatisch weitere „Knallerangebote“ aus dem Entertainmentbereich präsentiert werden, so dass ein Klick genügt, um immer weiter zu schauen, eine Folge nach der anderen, eine Serie nach der anderen. Ein Dreijähriger weiß genau, was er wie anklicken muss, Kleinkinder lernen schnell. Zwischendrin kommt zudem Werbung, die nur einen mäßigen pädagogischen Mehrwert hat. Insofern ist es immer sinnvoll, dass man als Elternteil gemeinsam mit dem Kleinen schaut und ihn nicht alleine mit dem Tablet auf dem Sofa sitzen lässt.

Nun habe ich versucht, das Ganze mit Trick 17 in die richtige Richtung zu lenken. Ich habe ihm eine Folge „Janoschs Traumstunde“ gezeigt; die, bei der der Tiger krank wird und zu Dr. Brausefrosch in die Klinik für Tiere gehen muss. Danach habe ich ihm das Buch gezeigt mit genau derselben Geschichte, nur eben auf Papier. Immer und immer wieder will er sie nun abends beim Schlafengehen hören, und ich lese sie ihm vor. Plan also aufgegangen? Na ja: Am Nachmittag will er die Geschichte am liebsten auch noch als Zeichentrickserie auf dem Tablet anschauen. Nicht alle Pläne gehen eben hundertprozentig auf. Leider. Da hilft selbst Dr. Brausefrosch nicht.

26. Nov. 2019
von Martin Benninghoff
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21. Nov. 2019
von Sonia Heldt
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Familie allein zu Haus: „Mama, das iPad im Backofen brennt“

Mit einem Ohr und Gedanken zuhause bei der Familie?

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Sonnenmilch, einen Bikini, Strandkleider, genügend Sportsachen zum Wechseln und meinen eBook-Reader. Was ich nicht mitnehme: meine Familie, einen Terminkalender und mein gereiztes Gemüt, das nach einer Pause schreit. Ich brauche Zeit für mich und Abstand vom Alltag, um meine Akkus wieder aufzuladen. Ich freue mich entsetzlich auf den einwöchigen Urlaub mit meiner Freundin: Kanaren, sieben Tage, All-inclusive-Hotel mit direkter Strandlage und umfangreichem Sportangebot. Wir werden uns sonnen, ein bisschen Sport treiben, lesen, essen wann wir wollen und was wir wollen und das dreckige Geschirr danach einfach stehen lassen. Wir werden es uns richtig gutgehen lassen!

Doch so schön die Aussicht auf eine Woche puren Luxus für die Seele auch sein mag, es kostet mich eine gewisse Überwindung, meine Familie alleine zu Hause zu lassen. Ich weiß, was nun kommt! Sie werden aufstöhnen: „Was für eine Glucke! Was soll denn schon passieren, wenn sie nicht da ist? Ihre Töchter sind ja nun wirklich alt genug (15 und 12 Jahre, um genau zu sein) und werden ja wohl mal ein paar Tage ohne sie aushalten. Ihr Mann ist doch auch noch da! Meint sie, das Haus stürzt ein oder die drei werden verhungern, nur weil sie von ihr nicht bekocht werden?“  Ja, teilweise liegen sie mit ihrer Vermutung richtig. Wenn sie wüssten, wie richtig! Ich bin sicherlich eine Glucke, die ihre Familie viel zu sehr verwöhnt und es außerdem nicht mag, wenn etwas nicht so perfekt läuft, wie es soll. Aber bevor sie weiter die Augen verdrehen und mich in eine Schublade stecken: Mein komisches Gefühl im Magen ist durchaus berechtigt. Experiment „Familie allein zu Haus“ läuft nämlich nicht zum ersten Mal!

Zuletzt habe ich mir vor zwei Jahren diese Auszeit gegönnt: Ebenfalls eine Woche Kanaren. Ebenfalls im November. Ebenfalls mit meiner Freundin. Maya war damals 10, Lara 13 Jahre alt. Fürsorglich wie ich nun mal bin, hatte ich für die ganze Woche die Tiefkühltruhe und den Kühlschrank aufgefüllt, damit es meine Lieben wenigstens verpflegungstechnisch einfach haben: Dosenfutter, Nudeln, Reis, Fertigsoßen und die obligatorischen Tiefkühl-Pommes. An meinem zweiten Urlaubstag – meine Freundin und ich hatten uns in Schale geworfen und wollten uns gerade auf den Weg zum leckeren Abendbuffet machen – klingelte mein Handy. Laras Nummer erschien auf dem Display. Eigentlich hatte ich gar keine Lust ranzugehen, tat es dann aber selbstverständlich dennoch (Glucke, sie wissen schon). Kaum hatte ich ein gut gelauntes „Hallo“ in den Hörer geflötet, rief Lara auch schon aufgeregt: „Mama, es kommen Flammen aus dem Backofen und wir finden den Feuerlöscher nicht! Hast du das iPad in den Ofen gesteckt?“

Dass dies kein Scherzanruf war, erkannte ich sofort an ihrem panischen Tonfall, dem lautstarken Piepen unseres Rauchmelders und den aufgeregten Stimmen im Hintergrund. In mir stieg Panik auf. Feuer! Backofen! Aber wieso iPad? Ich bekam den Sinn ihrer Worte nicht ganz zusammen, sah mich jedoch bereits bei meiner Rückkehr aus dem Urlaub mit meinem Koffer vom Flughafen schnurchstracks in ein Hotel ziehen, weil meine Familie es während meiner kurzen Abwesenheit geschafft hatte, das Haus abzufackeln und uns heimatlos werden zu lassen. Dann sagte Lara: „Ist schon gut, wir kriegen das schon hin!“ und wollte mich „nicht weiter stören“ und das Gespräch beenden. Natürlich verlangte ich sofortige Aufklärung, blieb live zu Hause dazugeschaltet und legte erst auf, als der Brand sicher gelöscht war (das schafften sie dann sogar ohne die Feuerwehr, nach der Maya lautstark verlangte). „Papa wollte Pommes machen. Aber dann brannte plötzlich das iPad im Ofen.“

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21. Nov. 2019
von Sonia Heldt
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18. Nov. 2019
von Anna Wronska
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Ohren zu und durch – die furchtbarsten Kinderlieder

Rolf Zukowski kennt wohl jedes Kind – und die Eltern.

Hier kann ich es ja sagen: Ich bin in den 80er- und 90er-Jahren mit der „volkstümlichen Hitparade im ZDF“ aufgewachsen, meine Eltern haben die Musikkassetten dazu insbesondere auf langen Autofahrten rauf und runter laufen lassen. Ich bin also, musikalisch gesehen, Kummer gewöhnt (und bis heute absolut textsicher bei Nummern wie „Über jedes Bacherl geht a Brückerl“).

Das kommt mir als Mutter zweier Kinder entgegen. Platte Reime, vorhersehbare Melodien und langweilige Akkorde bringen mich nicht so schnell auf die Palme wie etwa meinen Mann. Musikkassetten sind unserem Fünfjährigen freilich ebenso fremd wie Schlagerparaden im analogen Fernsehen. Dafür gibt es heute Kinderlieder-Abo-Kanäle auf Youtube und Kinderdisco-Playlists auf Amazon, abrufbar zu jeder Zeit und an jedem Ort. Jeder weiß, wie wertvoll Musik für die Entwicklung von Kindern ist. Aber ausgerechnet Kinderlieder sind oftmals furchtbarer als der flachste Schlager – musikalisch, textlich oder beides. Und wenn sie nicht furchtbar sind, hören wir sie so oft, bis wir sie furchtbar finden. Leider klafft die Wahrnehmung von Eltern und Kindern hier bisweilen weit auseinander.

Im Folgenden ein Versuch, die Ohrwürmer der vergangenen fünf Jahre zu kategorisieren.

1. Die grausamen Lieder

Es gibt Lieder, die sind über Generationen hinweg einfach nicht totzukriegen. Leider. Denn wenn man genauer hinhört, fragt man sich, ob zu Omas Zeiten einfach mehr Freude an Leid und Verderben war – und daran, Kinder in Angst und Schrecken zu versetzen. Da schießt ein junger Jägersmann den armen Kuckuck tot, keiner weiß, warum (der Kuckuck am allerwenigsten). Oder: Zwei Kinder gehen im Wald verloren, kommen bei einer bösen Frau unter, dann das happy end: „Die Hexe musste braten / die Kinder gehen nach Haus‘.“ (Hier müsste man natürlich schon die literarische Vorlage anklagen, aber gruselige Märchen sind ein Thema für sich.) Auch der hungrige Fuchs muss im Angesicht der Flinte des Jägers die Gans wieder herausrücken, was bisweilen für Irritation sorgt („Mama, was ist denn rote Tinte?“, und: „Aber der Fuchs muss doch auch etwas essen!“).

Ebenfalls irritierend, mindestens für Eltern, ist diese gewisse Gottesfürchtigkeit, die einem in Kinderlieder-Classics immer wieder begegnet, gerade in den Abendstunden: „Morgen früh, wenn Gott will (und nur dann!)/ wirst du wieder geweckt!“ Oder: „Verschon uns, Gott, mit Strafen / und lass uns ruhig schlafen / und unsern kranken Nachbarn auch.“ Dabei haben wir Strafen doch verdient, denn: „Wir stolzen Menschenkinder / sind eitel, arme Sünder / und wissen gar nicht viel!“ Wenn das nicht für eine erholsame Nachtruhe sorgt.

Um nicht unfair zu sein: Es gibt auch neuere Lieder, die fetzen. Was macht der Schneider mit der Mi-Ma-Maus? „Er zieht ihr ab das Mausefell / Mi-Ma-Mausefell / er zieht ihr ab das Fell“ und näht sich einen Sack daraus. Derweil verschlingt der gefräßige Hai einen kleinen Fisch nach dem anderen. Immerhin, das Universum schlägt zurück, das Mahl bekommt dem Hai nicht gut. „’Ich hab so viele Fische in meinem Bauch! Ich könnte platzen!‘ / Und das tut er dann auch.“

2. Die sinnfreien Songs

„Ein Loch ist im Eimer, liebe Liese, liebe Liese / ein Loch ist im Eimer, liebe Liese, ein LOCH.“ Die meisten von Ihnen wissen, wie es weiter geht: Lieses Handlungsanweisungen an den lieben Heinrich machen deutlich, dass es sich mit beider Verstand ähnlich verhält wie mit dem Eimer. Am Ende sind wir alle da, wo wir am Anfang waren, und wir wollen Liese und Heinrich einfach mit einem Zehner zum nächsten Baumarkt schicken, dort gibt es Eimer in Hülle und Fülle. Eine Namensvetterin kommt übrigens auch in einem anderen Volkslied ganz groß heraus. „’Heut kommt der Hans zu mir‘ / freut sich die Lies“. Der Knackpunkt: „Ob er aber über Oberammergau / oder aber über Unterammergau / oder aber überhaupt nicht kommt / steht noch nicht fest.“ (Spoiler: Wir erfahren es bis zum Schluss nicht.)

Wenigstens haben die beiden obigen Lieder eine Art Handlung, was man von diesem hier nicht behaupten kann: „Aram sam sam/ Aram sam sam / Gulli gulli gulli gulli gulli / ram sam sam“. Oder verstehe ich die Botschaft nur nicht? Falls jemand eine Übersetzung oder Deutung zur Hand hat, bitte in die Kommentare schreiben, herzlichen Dank! Und dann sind da noch die Räder vom Bus, die drehen „sich im Kreis, sich im Kreis“, und das „stun-den-lang“. Damit nicht genug, die Wischer von eben jenem Bus machen „wisch-wusch-wisch“, und die Menschen im Bus machen „bla-bla-bla“, und auch dies: „stun-den-lang!“ Genauso fühlt sich dieses Lied auch an. Genau so!

3. Die pädagogischen Gassenhauer

Vermutlich fühlen sich viele Kinderlieder-Macher einer Art erzieherischem Auftrag verpflichtet, aber einer hat das perfektioniert: Rolf Zuckowski. Nicht zufällig hat er 2018 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse bekommen. Zuckowski ist ganz sicher ein großartiger Komponist und, was man so hört und liest, ein sympathischer Mann, dennoch schwanke ich bei seiner Musik je nach Tagesform zwischen liebevoller Nostalgie und Aggression. Denn in vielen seiner Lieder schwingt der belehrende Zeigefinger mit und sind Kinder stets so vernünftig und vorbildlich, dass es einen bisweilen in den Wahnsinn treibt.

Die Kinder in Zuckowskis Welt können rechts und links mühelos unterscheiden, denn sie haben natürlich geübt, fangen in ihrer Güte aber für Unwissende „nochmal von vorne an“. Sie erfreuen sich an den Jahreszeiten, ihren Mitmenschen, an der Schönheit der Natur, und sie wissen: „Mein Platz im Auto ist hinten/ Im Sitz lehn‘ ich mich zurück / Da hinten könnt ihr mich finden / und vor der Fahrt mach‘ ich KLICK.“ Noch lieber ist dem Nachwuchs aber, wenn der Papa (warum eigentlich nicht die Mama?) das Auto stehen lässt: „Lass uns jetzt nicht fahren / Ich hab‘ Lust, zu Fuß zu gehen / und Benzin zu sparen!“ Die einzige Verfehlung, die diese Goldstücke sich leisten, sind dreckige Finger in der Weihnachtsbäckerei. Aber nicht einmal das kann man ihnen übel nehmen, zumal sie uns in Erinnerung rufen: „Alle machen Fehler / Alle machen Fehler/ Keiner ist ein Supermann!“

4. Die Rettung

Ich könnte diese (selbstverständlich subjektive) Liste der musikalischen Grausamkeiten lange fortführen. Viele davon begleiten uns im Alltag trotzdem ständig. In dem Moment, in dem ich das hier schreibe, läuft im Hintergrund der „Sing-mit-mir-Kinderlieder-Maxi-Mix 12“, und Lukas (14 Monate) wippt dazu mit dem Windelpo. Glücklicherweise haben wir mittlerweile auch Musik für Kinder entdeckt, die auch Erwachsenen Spaß macht – beispielsweise gibt es recht erfrischende Neuauflagen bekannter Kinderlieder. Culcha Candela haben „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ neu interpretiert und bei der Gelegenheit ein paar wirklich ganz lustige Liedzeilen eingebaut. Der Rapper Chima hat eine lässig-mystische Version von „Hejo, spann den Wagen an“ aufgenommen, bei der beide Kinder mitgrooven. Daneben gibt es neuere Kompositionen, die den Familienalltag auf die Schippe nehmen: „Liebe Kinder, kommt ihr bitte!“ von der Band „Bummelkasten“ ist mein aktueller Ohrwurm. Unser Sohn Ben (5 Jahre) wiederum findet sich total wieder in Liedtexten wie diesem: „Der Reißverschluss, er geht nicht zu / Er geht nicht zu? / Er geht nicht zu! /Ich hab‘ alles versucht, doch er geht nicht zu! “ Und die Band „Deine Freunde“ hat pädagogisch wertvolle Tipps für die nicht ganz so vorbildlichen Kids („Wenn sie dich verhören, besser nix dazu sagen / Bleib bei deiner Story, egal, wie oft sie fragen“). Und nicht zuletzt bekommen wir alle drei – Mama, Papa, großer Sohn – regelmäßig Gänsehaut der wohligen Sorte bei den teilweise meisterhaften Soundtracks zu Disney-Krachern wie „Frozen“ oder „Vaiana“.

Auch bei diesen Positiv-Beispielen gilt: Nach dem 200. Mal Hören ist es vermutlich nicht mehr so unterhaltsam. Es kommt auf die Abwechslung an, und darauf, welchen Zweck die Musik im betreffenden Moment erfüllen soll. Ich finde: Nicht jedes (Kinder-)Lied muss bilden und erziehen, manchmal braucht man einfach nur etwas zum Wippen, Singen und Klatschen. Mein Mann und ich haben hier eine Art ausgleichende Playlist-Strategie entwickelt, die sich, wenn ich länger darüber nachdenke, ein bisschen wie „good cop, bad cop“ anfühlt: Er spielt den Kindern Händel vor (für die Hirnzellen) und ich Helene Fischer (für den Spaß). Aber Helene Fischer nur ganz, ganz selten. Eigentlich fast nie. Wirklich.

18. Nov. 2019
von Anna Wronska
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12. Nov. 2019
von Sonia Heldt
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„Mein Kind hatte einen Unfall!“

Mit etwas Glück ist er morgen wieder auf den Beinen: Manche Kinder teilen ihre Unfallerlebnisse auch mit ihren Stofftieren.

Unfälle passieren immer zum ungünstigsten Zeitpunkt, man kann sie weder voraussehen, noch wirklich verhindern. Wir sensibilisieren Kinder für Alltagsgefahren: „Schau nach links und rechts, wenn du über die Straße gehst“; „Fahr mit dem Rad immer hinter dem großen LKW, nie daneben“; „Zieh rutschfeste Socken an, wenn du die Treppe hinunterläufst“. Wir bringen Kindersicherungen an Schränken und Steckdosen an, räumen scharfe Gegenstände weg und beseitigen Stolperfallen. Dennoch ist es unmöglich, seine Kinder vor allen Gefahren zu schützen. Und wenn man einmal drüber nachdenkt, was eigentlich so alles passieren könnte (bitte tun Sie das auf gar keinen Fall, halten Sie Ihr Kopfkino im Zaun!), wird man schnell verrückt vor lauter Sorge.

Maya war sechs Monate, als sie die Treppe in unserem Haus herunterpurzelte. Sie hatte gerade angefangen zu krabbeln, und das Treppengitter in der oberen Etage sollte am nächsten Tag in die Wand gebohrt werden. Ich wollte nur mal eben die Wollmaus, die ich unter dem Bett im Schlafzimmer entdeckt hatte, wegsaugen und ließ Maya für eine Sekunde aus den Augen. Ich werde das dumpfe, fürchterliche Geräusch niemals mehr in meinem Leben vergessen! Ich schrie, schmiss den Staubsauger zur Seite und rannte zu meinem Kind. Elf Holztreppenstufen hinunter! Es endete glimpflich: Maya weinte kurz, ich blieb mit ihr eine Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus, und die zwei oder drei blauen Flecken am Oberkörper und auf der Stirn waren schnell vergessen. Nur die blauen Flecken auf meiner Seele wollten einfach nicht verheilen. Ich kam mir wie die letzte unfähige Rabenmutter vor. Ich hatte nicht aufgepasst!  Ich war schuld! Die Szene spielte sich wochenlang immer und immer wieder vor meinem inneren Auge ab, und das dumpfe Geräusch des Aufpralls verfolgte mich bis in meine Träume. Ich konnte nicht aufhören, zu weinen und mich mit Selbstvorwürfen zu bestrafen. Was hätte alles passieren können! Wenn sie nun …

Ein paar Tage später hatte ich einen Termin bei meiner Physiotherapeutin und erzählte ihr von der Sache. Ich dachte: Nun wird sie mich entsetzt anschauen und ich werde den unausgesprochenen Vorwurf „Haben Sie denn nicht richtig auf Ihr Kind aufgepasst?“ auf ihrer Stirn lesen können. Doch stattdessen erzählte sie mir, dass ihre eigene Tochter im Babyalter vom Wickeltisch gefallen sei und sich dabei das Becken gebrochen habe. Ich war ihr unendlich dankbar für ihre Offenheit und fühlte mich gleich ein bisschen weniger schlecht. Ich war also nicht allein! Es gab auch andere Mütter, denen schon Ähnliches passiert war. Dennoch hat es gedauert, bis ich akzeptieren konnte, dass Unfälle nun einmal passieren, auch die, bei denen man glaubt, mitschuldig zu sein. Weil man nicht nonstop neben der Rutsche steht. Weil man dem Kind den Wunsch nach einem Hochbett erfüllt hat. Weil man vergessen hat, dass die Herdplatte noch heiß ist. Weil man findet, dass Inliner ein gutes Weihnachtsgeschenk sind. Weil auch Kinderschnitzmesser scharf sind. Weil man dem Kind kurz den Rücken zugedreht hat. Die Sorge, seinem Kind könnte etwas Schlimmes zustoßen, wird uns Eltern ein Leben lang begleiten. Selbst wenn sie nicht mehr auf Rutschen rumturnen und längst verstanden haben, dass Strom durch die Steckdose fließt. Es ist unsere Bürde. Wichtig ist jedoch, dass man seine Sorge nicht auf das Kind überträgt. Mir fällt das nicht immer leicht.

Letzte Woche war es nach längerer Zeit bei uns mal wieder soweit.  Die Nummer der Schule erschien auf dem Telefondisplay. Kein gutes Zeichen! „Können Sie kommen? Maya hat sich im Sportunterricht verletzt. Aber keine Sorge, sie hat nur einen Ball gegen den kleinen Finger bekommen.“ Ein Ball! Ein Finger! Sofortige Erleichterung! Was hätte nicht alles … NEIN! Einstellung des Kopfkinos!

Ich setzte mich sofort ins Auto, fuhr zum Durchgangsarzt und löste die Lehrerin ab, die Maya zur Praxis begleitet hatte. Sie drückte mir Mayas Schultornister in die Hand und wünschte uns alles Gute. „Wenn sie mich fragen, ist der Finger gebrochen“, sagte sie noch, und ich konnte angesichts des merkwürdig abstehenden, geschwollenen Fingers nur zustimmen. Ich erledige die Formalitäten an der Anmeldung und versuchte meine Tochter aus ihrer Erstarrung zu befreien. „Wir haben doch nur Hütchen-Ball gespielt! Und ich hatte schon drei Treffer gelandet!“ Die Schmerzen und die Aussicht, die nächsten Wochen ihren Vereinssport wegen eines Gipsarmes nicht mehr ausüben zu dürfen, setzten ihr merklich zu.

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12. Nov. 2019
von Sonia Heldt
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