Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

13. Okt. 2021
von Sonia Heldt
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„Es sind nur Schuhe, sie sollte mir doch keine Niere spenden“

Wie hochhackig gehen wir zur Party? Manchen Jugendlichen fehlt das passende Equipment, sodass sie sich bei Geschwistern bedienen müssen.

Kennen Sie den Film „In den Schuhen meiner Schwester“?“  Cameron Diaz und Toni Collette spielen zwei Schwestern, die auf dem ersten Blick nichts gemeinsam zu haben scheinen – außer ihrer Schuhgröße: Das hübsche Partygirl Maggie (Diaz) genießt ihr Leben mit Nichtstun. Damit treibt sie ihre verantwortungsbewusste und leicht spießige Schwester Rose (Collette) in den Wahnsinn. Sie bedient sich heimlich an Roses Schuhen oder stürzt auf Partys so schwer ab, dass Rose sie mitten in der Nacht auflesen muss. Als Maggie Roses Chef, in den Rose verliebt ist, verführt, kommt es zum Bruch zwischen den Schwestern.

Maggie und Rose erinnern mich ein wenig an meine eigenen Töchter. Lara (17) und Maya (14) sind sehr verschieden und besitzen trotz Altersunterschieds fast die gleiche Schuhgröße. Lara ist wie Maggie – chaotisch, spontan und immer für eine Party und neue Abenteuer zu haben. Sie bedient sich gerne ungefragt an Dingen, die ihr nicht gehören oder sie vergisst, diese zurück an Ort und Stelle zu legen. Da finde ich schon mal meine Powerbank (leer) oder meine Strickjacke (dreckig) irgendwo vergraben unter einem Haufen Klamotten in ihrem Zimmer oder die Zahnpasta eingetrocknet und zerquetscht neben dem Waschbecken, während der Deckel unter dem Badschrank liegt.     

Bei Maya hat jedes Teil seinen festen Platz. Meine Jüngste bemerkt sofort, wenn jemand etwas von ihren Sachen angerührt hat. Ihre Schulbücher und Hefte sind gewissenhaft eingeschlagen und frei von Eselsohren. Ihre Kleidung darf nicht einmal ich in den Schrank räumen, denn sie hat ihre eigene, spezielle Falttechnik und Ordnung. Stifte, Nagellacke und Kleidung sortiert sie nach Farben. Sie legt jeden Abend ihre Sachen für den nächsten Tag sorgfältig zurecht. Bei ihr ist alles von vorne bis hinten organisiert und sie geht nicht gerne Risiken ein. Wie Rose schwärmt sie für hohe Schuhe. Schon als Kind stöckelte sie in meinen Pumps stundenlang durchs Haus, je höher, desto besser. Um Schuhe und Streit zwischen den Schwestern geht es auch in diesem Text:   

Es ist Samstag und Lara ruft mich aufgelöst von ihrem Aushilfsjob an: Sie ist eingeladen und hat just erfahren, dass es sich um eine Mottoparty handelt: Alle Mädchen werden in Kleidern und High-Heels einlaufen. „Ich brauche Schuhe“, jammert sie. Lara besitzt ausschließlich Turnschuhe und Flipflops, sie muss bis Ladenschluss arbeiten und steht unter Zeitdruck. „Bitte, hilf mir.“ Ich habe keine Ahnung, wie ich helfen kann. Ich lebe auf kleinem Fuß, gute drei Schuhgrößen trennen mich von meinen Töchtern. „Vielleicht passen die Schuhe, die du auf Katjas Hochzeit getragen hast, die schwarzen mit dem Riemchen und dem kleinen Absatz“, überlege ich. Allerdings ist die Hochzeit meiner Schwägerin schon ein paar Jahre her. Ich hole sie trotzdem aus dem Keller, Laras Füße sind lange ausgewachsen, vielleicht hat sie Glück. Außerdem finde ich noch Herbstboots. Im Schrank stoße ich auf Mayas schwarze Sandalen mit Keilabsatz. Maya hat sich im Sommer Schuhe mit Absatz für ihre Kleider gewünscht und ist dafür sehr lange in der Stadt rumgelaufen. Sie war unheimlich glücklich, als wir fündig wurden.

Ich frage Maya nicht explizit, ob es okay für sie ist, wenn ich die Sandalen für Lara rausstelle. Mein Fehler. Aber zum einen glaube ich nicht, dass sie für Lara überhaupt in Frage kommen und zum anderen, will Lara die Schuhe nur kurz anziehen. („Ich nehme Turnschuhe mit, wir machen ein paar Fotos und dann zieh ich die Dinger wieder aus. Ich bin doch nicht blöd und laufe den ganzen Abend in hohen Schuhen rum. Da überrage ich ja alle.“).

Was nun folgt, steht dem Drama im Film in nichts nach. Lara will zur Party. Sie ist spät dran und schlüpft hektisch in alle von mir angebotenen Modelle. Die Hochzeitsschuhe sind viel zu klein, die Boots zu eng und zu derb. Nur Mayas Keilsandalen passen wie angegossen. Maya will ihre Schuhe nicht verleihen. Lara bettelt und fleht. Sie wird hysterisch, schimpft. Maya bleibt stur. Lara kreischt. Maya kreischt zurück. Ich stehe hilflos daneben und versuche eine Lösung zu finden. Ich bitte Maya, sich nicht so anzustellen und verbürge mich für Lara. „Lara wird aufpassen. Und sollte irgendetwas passieren, kaufe ich dir höchstpersönlich neue.“ Ich google sogar im Internet und beweise ihr, dass eine Nachbestellung kein Problem darstellen würde. Denn natürlich weiß ich, wie achtlos Lara manchmal mit Sachen umgeht. Ihre weißen Turnschuhe waren mal weiß, heute sind sie grau. Ein bisschen Matsch hier und da stört sie nicht die Bohne. Und ich traue ihr durchaus zu, dass sie wie die Film-Maggie einen abgebrochenen Absatz mit Kaugummi wieder ankleben würde. Aber ich verstehe, dass sie nicht als einziges Mädchen im Kleid mit (grauen-die-mal-weiß-waren) Turnschuhen einlaufen will. Außerdem leiht und erbt Maya ständig Klamotten von Lara. Lara ist in dieser Beziehung sehr großzügig.

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13. Okt. 2021
von Sonia Heldt
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07. Okt. 2021
von Matthias Heinrich
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Schafft das Fairplay ab!

Jubel auf dem Fußballplatz: „Tor!“. Ein Junge reckt die Fäuste in den Himmel, seine Mitspieler feiern ihn. „Nein, der war nicht drin!“, empört sich plötzlich ein Junge der anderen Mannschaft. „Doch, war er wohl.“ „Nein, war er nicht. Der war noch auf der Linie“. Eine Diskussion ist entfacht.

Leser, die jetzt befürchten, sie hätten einen Text vor sich, in dem es ausschließlich um Sport geht, kann ich beruhigen. Im Kommenden geht es um Kinder mit Verantwortung, möglicherweise mit zu viel Verantwortung. Vor allem geht es um Erwachsene, die sich nicht an Regeln halten.

Ohne den Schutz eines Schiedsrichters: Torwart beim Kinderfußball
Auch bei den Kleinsten kann es schon große Konflikte geben: Torwart beim Kinderfußball

Seit über vier Jahren spielt unser Sohn Theo (8) Fußball im Verein. Er liebt das und zieht jede Menge Selbstvertrauen und Energie aus dem Sport. Er verausgabt sich und lernt, mit Erfolgserlebnissen wie mit Niederlagen umzugehen und wie es ist, Teil eines Teams zu sein.

Vor gut zwei Jahren sind wir nach Bayern gezogen. Hier haben wir schnell eine Mannschaft für ihn gefunden. Er fühlt sich wohl. Die Kinder sind erfolgreich, entwickeln sich und haben Spaß.

In Deutschland spielen Kinder bis zum Alter von zehn seit einigen Jahren Fußball nach der sogenannten Fairplay-Regel. Sie wurde im Jahr 2005 geboren, nachdem ein Kinder-Fußballspiel abgebrochen wurde, weil bei Eltern die Fäuste flogen. So viel zum Vorbildcharakter … Fairplay bedeutet, es gibt bei Spielen keine Schiedsrichter. Stattdessen sollen sich die Kinder der beiden Teams untereinander einigen. Sie sollen klären, wer den Ball ins Aus geschossen hat, ob bei einer Aktion die Hand im Spiel war oder ob der Ball hinter der Linie war oder doch nicht. Das klingt erst mal total toll.

Der Bayerische Fußballverband hat seine Vorstellung vom Fairplay folgendermaßen aufgeschrieben:

…. „Die seit Jahren bewährte ‚FairPlay-Liga‘ …. Hier findet der reguläre Spielbetrieb ganz bewusst unter geänderten Rahmenbedingungen statt. Es wird wie früher auf dem Bolzplatz oder der Wiese ohne Schiedsrichter … [gespielt]. Die Entscheidungen über ‚Tor‘, ‚Aus‘ oder ‚Foul‘ treffen die betroffenen Spieler(innen) selbst. Damit aber nicht das ‚Gesetz des Stärkeren‘ zum Tragen kommt, greifen im Zweifel die beiden Team-Betreuer, die ihre Teams aus einer gemeinsamen ‚Coaching-Zone‘ betreuen, ein und entscheiden. Das ist in der Regel kaum nötig, verlangt aber auch von Trainern, sich verantwortungsvoll und fair zu verhalten.“

(Aus: Fairplay im Fußball, Bayerischer Fußball-Verband)

Klingt super, oder? Wer allerdings annimmt, diese Zeilen hätten irgendwas mit der Realität zu tun, der glaubt auch an den Osterhasen, den Wolpertinger, die Milka-Kuh oder daran, dass es für Markus Söder wirklich ok war, dass die Union Armin Laschet zum Kanzlerkandidaten machte.

Nicht Fairplay, sondern dreist gewinnt

Fairplay, Bolzplatz, Kinder unter sich – klingt alles super. In der Realität sieht die Sache aber so aus: Wer in einer strittigen Situation am lautesten schreit, bekommt den Ball. Da wird nichts geklärt. Wer entschieden genug brüllt, gewinnt. Der bekommt den Einwurf, den Freistoß, den Elfmeter. Das „Gesetz des Stärkeren“ gilt, anders als im Text beschrieben, 1:1. Das ist nicht „Fairplay“, sondern „dreist gewinnt“, Ellenbogen raus. Survival of the fittest unter Achtjährigen.

Das ist nur ein kleiner Teil des Problems. Der Kern ist ein anderer: Auf dem Bolzplatz sind Kinder unter sich. Dort müssen sie sich einigen, sonst ist das Spiel vorbei, und es geht nach Hause. Bei richtigen Spielen stehen Eltern und Trainer am Platz und greifen in das Geschehen ein. Nicht, wie die Fairplay-Regel sagt, besonnen und moderierend, sondern häufig emotional und polarisierend. Da werden Achtjährige angeheizt, „mal richtig draufzugehen und dem Siebener zu zeigen, dass er dich nicht verarschen kann“. Wenn der gegnerische Spieler mit der Nummer sieben kurz darauf mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden liegt, wird gelobt und applaudiert.

Besonders emotional wird es bei engen Spielen, bei denen es um etwas geht. Da schreien Eltern und Trainer unreflektiert rein, was das Zeug hält. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich bin selber leidenschaftlicher Fußball-Vater, war bis vor Kurzem auch Trainer und tauge nicht als Vorbild, wenn es um besonnenes Handeln am Spielfeldrand geht.

Zwei alte Gockel beim Kinderfußball

Es ist das letztes Saisonspiel, eigentlich geht es um nichts mehr. Aber beide Mannschaften wollen gewinnen. Es entwickelt sich kein gutes, aber ein spannendes Spiel. Rund um den Platz wird es immer lauter und hektischer. Fünf Minuten vor Schluss steht es 2:2. Unser schnellster Stürmer zieht mit dem Ball am Fuß vor das gegnerische Tor. In letzter Sekunde stoppt ihn ein Verteidiger. Er trifft nicht den Ball, unseren Stürmer aber am Fuß. Der Junge sitzt auf dem Boden und beschwert sich. Leider hat er keine besonders kräftige Stimme. Es gibt keinen Protest. Die gegnerische Mannschaft inklusive Trainer scheint bei der Aktion nichts Ungewöhnliches bemerkt zu haben. Das Spiel läuft weiter.

Kurz vor Schluss fliegt ein langer Ball in unseren Strafraum. Einer unserer Verteidiger läuft rückwärts, fixiert den Ball, tritt dabei einen Gegner um und tut sich dabei selbst ziemlich weh. „Elfmeter!“ schreit plötzlich jemand neben mir. Es ist ein Betreuer oder Vater der gegnerischen Mannschaft. Wo kommt der denn her, denke ich. Vor ein paar Minuten hat er noch gegenüber bei seinen Leuten gestanden. In der Schlussphase hat ihn da offenbar nichts mehr gehalten. Ich gehe langsam auf ihn zu und sage: „Ach, hör auf.“ Er tritt mir entgegen: „Willst du mir etwa sagen, dass das kein Elfmeter war?“ Sein Kopf ist rot. Der ganze Kerl ist ziemlich emotionalisiert, um es freundlich zu sagen. „Das war kein Elfmeter!?!“ Er schaut mich herausfordernd an. Was tun? Der Typ hat recht. Unser Spieler hat den anderen, wenn auch unbeabsichtigt, gefoult. Anderseits gab es kurz vorher auch keinen Elfmeter für uns. Jetzt tritt der Typ auch noch so provozierend auf … Ich kann ihm unmöglich zustimmen, also wechsele ich in den Angriffsmodus: „Was hast du hier eigentlich zu suchen? Warum bist du nicht drüben bei deinen Leuten?“ Wie zwei Gockel stehen wir uns gegenüber.

Wahrscheinlich hätten wir uns weiter gezankt, werden aber unterbrochen. Unser Spieler liegt immer noch weinend auf dem Platz. Er ist umgeknickt. Ich laufe hin und kühle sein Gelenk. Kurze Zeit später ist das Spiel aus. Kein Elfmeter, kein weiteres Tor. Dafür gibt es wie nach jedem Spiel, egal wie es ausgegangen ist, Elfmeterschießen. Jedes Kind kommt dran. Die Stimmung entspannt sich mit jedem Schuss. Zum Ende bedanke ich mich immer bei der gegnerischen Mannschaft für das Spiel und wünsche uns allen ein schönes Wochenende. Ich gehe auf den Elfmeter-Vater zu. Wir klatschen uns ab, lachen erleichtert und umarmen uns kurz. Ist doch alles gutgegangen.

Die Lösung: Ein Spielleiter

Die Idee der Fairplay-Regel für Kinder ist an sich sinnvoll. Der Gedanke, dass sich Kinder unter sich einigen, ist gut. Dazu muss man wissen: Die Fairplay-Regel sieht ursprünglich vor, dass Eltern mindestens 15 Meter vom Spielfeld entfernt stehen. Das tut in der Praxis aber niemand. Und wenn Erwachsene nicht mitspielen, ist die Regel sinnlos. Es ist ehrlich gesagt nicht einfach, sich als Elternteil und Trainer zurückzunehmen. Natürlich wollen alle das Beste für ihr Team. Die Kinder sollen Spaß und Erfolg haben, am Ende ist Sport halt Wettkampf. Sie sollen lernen, sich durchzusetzen. Wenn es sein muss, hilft man als Erwachsener halt nach.  

Darum würde ich diese Fairplay-Regel abschaffen. Kinder müssen Verantwortung lernen, brauchen aber auch Regeln, an die sich halten, und sie brauchen Orientierung. Mein Vorschlag wäre ein Spielleiter, der anders als ein Schiedsrichter, Kinder zum Spielen motiviert und nur dann eingreift, wenn sich eine Situation festgefahren hat und die Kinder sie nicht klären können. In Berlin, wo unser Theo die ersten beiden Jahre spielte, hat das gut funktioniert. Da gab es solche Diskussionen nicht. Dann klappt das doch in Bayern sicher erst recht.

07. Okt. 2021
von Matthias Heinrich
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28. Sep. 2021
von Chiara Schmucker
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Freunde fürs Leben?

Ob man sich weiterhin trifft, wenn man Kinder hat, hängt auch davon ab, ob sich der Nachwuchs gut versteht.

„Beim vierten Treffen gleich in Jogginghose, das spricht für euch“, sagt Lottes Papa und reibt sich mit einem Handtuch die nassen Haare strubbelig. Unser erster Besuch bei Max’ neuer Kindergartenfreundin zu Hause und gleich großes Kino. Die Kinder toben durchs Haus, spielen Fangen und Verstecken und veranstalten einen Schrei-Contest. Mir ist unangenehm, dass Max mal wieder einen solchen Rambazamba veranstaltet, doch Lottes Eltern winken ab – „alles ganz normal“. Dann ab in den Garten im strömenden Regen, wo Lottes Papa die Kinder dankenswerterweise wieder einfängt als ein Gewitter losbricht. Er wechselt in trockene, bequeme Klamotten, holt dann für sich und meinen Mann ein Bier aus dem Kühlschrank und wir essen Pizza direkt aus dem Karton. Alles fühlt sich so vertraut und entspannt an als würden wir uns ewig kennen. Dabei sind es erst wenige Wochen.

Kinder katalysieren Kontakte. Und die Erfahrung einer bestimmten Lebensphase mit Schwangerschaft, Geburt, durchwachten Nächten, verheulten Tagen und verrotzten T-Shirts macht einen in gewisser Weise radikal. Man braucht Austausch in dieser Zeit, unbedingt. Gleichzeitig fühlt es sich an, als würde die japanische Aufräumexpertin Marie Kondo den Freundeskreis ausmisten. Zum Telefonieren mit alten Freunden fehlt die Ruhe und die Kraft, zum Verreisen auch meistens und dann ist da ja auch immer noch das Kind. Mit Freunden, die gerade nicht genau diese Lebensphase durchleben, fällt es manchmal schwer, gemeinsame Themen zu finden.

Wie gut tut es da, sich mit Menschen auszutauschen oder zusammenzutun, die genau in der gleichen Phase stecken. Die man beispielsweise im Rückbildungskurs oder Kinderturnen trifft und mit denen man sich direkt wieder für den Spielplatz verabredet. Denen man nicht erklären muss, warum es nach 17 Uhr schwierig ist, weil das Kind dann hungrig/müde/erschöpft ist, dass man, wenn das Kind schläft, selbst hungrig/müde/erschöpft ist, und dass man ab 21 Uhr die Stunden zählt, bis das Kind wieder aufwacht. Die samstags auch gerne schon um 9 Uhr was unternehmen wollen und zwar bei jedem Wetter, aber in Zoo, Museum oder sonst wo nicht zu langsam gehen, damit man in spätestens 90 Minuten fertig ist und eine Auszeit einlegen kann, weil das Kind sonst „drüber“ ist. Die nicht stur weiterreden und es als Störung empfinden, wenn ein Kind gerade Aufmerksamkeit braucht, sondern unterbrechen und ein Taschentuch reichen, wenn das Kleine einem gerade über die Schulter gespuckt oder das große vom Klettergerüst gefallen ist. Und die danach einfach weitererzählen, als sei man nie unterbrochen worden.

Freunde findet man im Studium, beim Sport – oder eben auf dem Spielplatz, je nach aktueller Lebenssituation. Der niederländische Soziologe Gerald Mollenhorst von der Universität Utrecht hat das erforscht und herausgefunden, dass der Freundeskreis sich je nach Lebensphase und biografischer Umgebung verändert. Geht man beispielsweise nicht mehr in den Volleyballverein, schlafen möglicherweise die Freundschaften mit den ehemaligen Teamkollegen ein – und neue kommen dazu. Mollenhorst konnte in seiner Studie belegen, dass etwa alle sieben Jahre die Hälfte eines Freundeskreises komplett „ausgetauscht“ wird.

Ich hatte schon immer viele Freunde und habe das große Glück, dass einige meiner engsten Freundinnen etwa gleichzeitig mit mir Kinder bekommen haben – wir bleiben also in der gleichen Lebensphase. Und doch merke auch ich, dass neue Freunde kommen und andere gehen. Einige Freundschaften, die ich kurz nach Max‘ Geburt geschlossenen habe, haben unseren Umzug ins Grüne nicht überstanden. Die neuen Bande waren nicht fest genug geknüpft für eine Fernfreundschaft. Mit anderen, die ebenfalls rausgezogen sind und jetzt im Nachbarort wohnen, bin ich fast täglich in Kontakt.

Seit die Kinder da sind, fällt es viel mehr ins Gewicht, dass sich auch die Partner und vor allem die Kinder miteinander verstehen. Max hat Temperament, keine Frage. Doch bei manchen Freunden haben wir schnell gemerkt, dass sie ihn eher in die Schublade „ungezogenes Monster“ packen. Vor allem die Freunde ohne Kinder, deren Wohnungen entsprechend filigran eingerichtet sind, aber auch Freunde mit ruhigen Sprösslingen. Kurzum: ein Nachmittag, an dem wir ständig unser Kind bremsen müssen oder es von anderen ermahnt wird, ist für keinen der Beteiligten schön. Einige unserer Freundschaften liegen auch weitgehend auf Eis, weil die Kinder keinen Draht zueinander finden und schon nach wenigen Minuten fragen, wann wir wieder nach Hause fahren. Das ist sehr schade. Mich mit Freundinnen allein zu treffen, gelingt natürlich viel seltener als vor den Kindern.

Neue Freundschaften entstehen, wo wir uns alle als Familie willkommen fühlen, wo unser Kind nicht stört und im besten Fall nicht mal auffällt, und niemand beleidigt ist, wenn wir vom Essen noch vor dem Nachtisch aufbrechen, weil Max plötzlich einen Wutanfall bekommt und sich nicht mehr beruhigen lässt. Er ist eben drei Jahre alt, schönstes Trotzalter. Eltern von gleichaltrigen oder etwas älteren Kindern sammeln dann schnell noch die verstreuten Spielzeuge ein oder bringen das Tütchen vom Kindergeburtstag ans Auto und reichen es durchs Fenster.

Jeffrey Hall, Kommunikationswissenschaftler an der University of Kansas, hat analysiert, dass Menschen rund 40 bis 60 Stunden brauchen, um eine unverbindliche Freundschaft aufzubauen, 80 bis 100 Stunden für eine echte Freundschaft. Richtig gut befreundet ist man den Forschern zufolge nach etwa 200 gemeinsamen Stunden. Manchmal fühlt es sich aber eben auch früher nach „mehr“ an.

Wie wertvoll es ist, auch die alten Bande zu pflegen, auch wenn es vielleicht anstrengend und aufwendig ist, haben wir am vergangenen Wochenende gemerkt. Ein guter Freund meines Mannes feierte seinen 40. Geburtstag und mietete dafür eine ganze Jugendherberge samt Außenanlage im Wald für ein ganzes Wochenende. Corona habe ihn demütig gemacht, sagte er in seiner Begrüßungsrede, dankbarer für scheinbar Selbstverständliches. Daher wolle er seine Lebensfreunde endlich einmal wieder länger um sich haben.

Wir sind zu diesem Fest gefahren, obwohl Lenny erst sechs Wochen alt ist und die Nacht dementsprechend unruhig für uns alle wurde. Doch als der eingeladene Musiker „Ein Kompliment“ von den Sportfreunden Stiller spielte („Ich wollte dir nur mal eben sagen, dass du das Größte für mich bist…“) und mein Mann und sein Studienfreund sich fest in die Arme fielen, wusste ich: Genau das war der Platz, an dem wir gerade sein sollten. Bei unseren engsten Freunden. Denn sie sind nicht für eine Phase, sie sind fürs Leben. Und damit das Wertvollste überhaupt. 

28. Sep. 2021
von Chiara Schmucker
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23. Sep. 2021
von Sonia Heldt
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„Kind, such dir einen Job!“

Lara (17) will Klamotten in dem von Jugendlichen gehypten Online-Shop mit Sitz in China bestellen. Ich weigere mich. Zum einen reagiere ich auf Labels wie SHEIN allergisch, und zum anderen empfinde ich die Teile, die Lara bestellen möchte, als unnötig. „Wenn ich achtzehn bin und PayPal habe, muss ich nicht mehr betteln und kann mir alles, was ich will, selbst bestellen“, schimpft meine Tochter, als sie bei ihrer sturen Mutter auf Granit beißt.  

Allein vom Zuschauen wird das eigene Geld bei Teenagern höchstens weniger.
Allein vom Zuschauen wird das eigene Geld bei Teenagern höchstens weniger.

Ich lache schallend und frage, ob sie einmal darüber nachgedacht hat, dass PayPal kein karikatives Unternehmen ist. „Irgendwo muss PayPal das Geld abbuchen. Wie sieht es denn auf deinem Konto gerade aus?“, frage ich und lamentiere über Mahnverfahren und Schufa-Einträge. Lara verstummt frustriert. Sie besitzt seit ihrem zwölften Lebensjahr ein Bankkonto mit EC-Karte. Wir überweisen die Hälfte ihres Taschengelds, die andere Hälfte erhält sie bar. Außerdem finanzieren wir ihr Smartphone mit Prepaid-Karte. Am Monatsende ist Laras High-Speed-Volumen längst verbraucht und auf ihrem Portemonnaie sowie ihrem Konto herrscht ebenfalls vorzeitige Ebbe: Mit der Clique im Biergarten sitzen, Geschenke und Alkohol für Partys besorgen, mit der Freundin einen Kaffee trinken oder Essen gehen, Städtetrip, neue Klamotten.  Ab einem gewissen Alter erhöht sich der Freizeitradius. Die meisten Teenager sind chronisch pleite, selbst wenn Oma hin und wieder eine Finanzspritze setzt.  

„Such dir einen Job“, sage ich ungerührt, sobald Lara über Geldnot klagt. Ich stamme aus einem Haushalt mit einer alleinerziehenden Mutter und zwei Geschwistern. In Laras Alter blieb mir nichts anderes übrig als in den Ferien und nach der Schule für die Dinge, die über die Grundversorgung hinausgingen, arbeiten zu gehen. Urlaub, Ausgehen und Klamotten waren auch mir als junger Mensch wichtig. Ich wollte mit meinen Freunden mithalten, die alle finanziell viel bessergestellt waren als ich. Ich schnappte mir damals das Telefonbuch und telefonierte die Leitung heiß, bis ich einen Job fand. Dadurch bin ich selbständig und selbstbewusst geworden. Ich kaufte den Großteil meiner Klamotten selbst, fuhr mit meinen Freundinnen in den Sommerurlaub und genoss das Nachtleben, ohne mich einschränken zu müssen.  

Der Preis dafür war oft hoch. Ich war eigentlich immer müde, und meine Leistungen in der Schule hätten besser sein können. Das lag mitunter an dem Freizeit-Arbeit-Schule-Spagat, den ich veranstaltete. Während die meisten meiner Freundinnen im Freibad weilten oder ausschliefen, stand ich in den Ferien in Vollzeit in einem Kaufhaus und zog mir auch nach der Schule und am Wochenende Arbeitsstunden rein. Auf der anderen Seite genoss ich meine finanzielle Freiheit und lernte, dass man Geld nicht so schnell verdient, wie man es ausgibt und wie gut es sich anfühlt, unabhängig zu sein. Diese Erfahrung soll auch meine Tochter machen, selbst wenn mir absolut bewusst ist, dass sie es um einiges einfacher hat als ich in ihrem Alter. Sie jammert auf hohem Niveau.

Meine Vergangenheit hat mich geprägt, dementsprechend bockig werde ich, wenn meine Töchter zu viele Wünsche äußern. Lara und Maya gehören zu den bedauernswerten Kindern dieser Welt, die kein Netflix-Abo besitzen. „Wir sind Aliens!“, werfen sie meinem Mann und mir gerne vor. „Alle haben Netflix, nur wir nicht.“

Mein Mann zieht mit mir an einem Strang. Auch er hat in seiner Jugend neben der Schule gejobbt. Wir sind uns einig, dass wir keine faulen Luxusweibchen erziehen möchten. Und manchmal ist selbst Lara von der ein oder anderen verwöhnten Freundin genervt: „Hanna braucht nur einmal kurz nachfragen, und am nächsten Tag bekommt sie die Turnschuhe, die ich mir mühsam zusammensparen oder zum Geburtstag wünschen musste. Sie bekommt alles mal eben so nebenbei und weiß das gar nicht zu schätzen.“

In den letzten Sommerferienwochen begibt sich Lara also auf Jobsuche.  Die anstrengenden Schulmonate und der Lockdown liegen hinter ihr. Sie langweilt sich. Die besten Freunde sind noch im Urlaub und ihre Sommerferien-Tätigkeit in der städtischen Bücherei, für die sie einen schönen Obolus erhält, reicht ihr nicht mehr. „Ich möchte einen Job, den ich auch nach Ferienende regelmäßig weitermachen kann.“ Laras bisherige regelmäßige Einnahmequelle besteht daraus, leere Flaschen in unserem Haus abzufischen und sich heimlich das Pfand dafür einzukassieren. Dafür muss sie nur zum Getränkemarkt fahren. Aber reich wird man damit natürlich nicht. Es ist ein bisschen Klimpergeld, das sie direkt vor Ort wieder in Wein oder Bier für das Wochenende investiert. „Der Mensch im Getränkeladen begrüßt mich schon wie einen alten Bekannten. Das ist mir langsam peinlich. Der denkt bestimmt, ich sammele Flaschen aus den Mülltonnen“, gab Lara einmal zu, als ich sagte, ich wäre nicht blöd und hätte ihre Flaschensammlung im Zimmer längst entdeckt.   

„Geh doch Babysitten“, schlage ich vor.  Sie besitzt viel Geduld und liest gerne vor. Die Kinder in der Bücherei lieben sie. Lara schüttelt den Kopf. Einen Babysitter benötigen die meisten Familien am Wochenende, um sich einen schönen kinderfreien Abend im Kino oder im Restaurant zu machen. Also fällt das weg. Lara möchte am Freitag- oder Samstagabend lieber Weggehen und Geld ausgeben, anstatt es zu verdienen.   

Sie durchforstet im Internet die Jobbörsen und bewirbt sich in der Filiale eines sehr bekannten, alteingesessenen Bekleidungsunternehmens, das explizit Schüler und Studenten auf Minijob-Basis zur Aushilfe sucht.  Schon einen Tag später lädt man sie zu einem Vorstellungsgespräch ein. „Ich habe den Job. Du musst nur den Vertrag unterschreiben“, sagt sie, als sie nach Hause kommt.  Als sie mir den Stundenlohn mitteilt, entgleiten meine Gesichtszüge: 6,50 Euro Stundenlohn empfinde ich selbst für eine Minderjährige (und Lara wird in einem halben Jahr 18) als pure Ausbeutung. Kein Wunder, dass man Schüler in der Jobanzeige anspricht, um den Mindestlohn zu umgehen. „Willst du das wirklich machen?“ Ich erinnere Lara, dass ihre Nachhilfe-Lehrerinnen im letzten Jahr zwischen 12 Euro (Abiturientin) und 15 Euro (Studentin) die Stunde verdient haben. Selbst für ihre ehrenamtliche Tätigkeit in der Bücherei, die Lara als „absolut chillig“ bezeichnet, wird sie besser bezahlt. „3,10 Euro unter dem Mindestlohn“, sage ich entrüstet und rechne meiner Tochter vor, dass sie 69 Stunden im Monat arbeiten müsste, um die steuer- und versicherungsfreie Minijobgrenze von 450 Euro auszunutzen.

Lara ist überfordert. Von Wörtern wie Mindestlohn, Steuern und Sozialversicherung hat sie bisher nur am Rande etwas gehört. Solche Dinge interessieren sie nicht. Immer, wenn ich meiner Tochter ein paar Informationen über die wichtigsten Dinge des täglichen Lebens mitgeben will, macht sie normalerweise dicht. Dabei kommen diese Themen, zumindest auf unserem Gymnasium, absolut zu kurz. Sie werden maximal in Sozialwissenschaften angekratzt, ein Fach das in der Oberstufe ein halbes Jahr als Pflichtkurs besucht werden muss.

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23. Sep. 2021
von Sonia Heldt
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13. Sep. 2021
von Matthias Heinrich
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Warum mir keine Katze ins Haus kommt

Katzen wie Kleiner Fuchs gehören in Griechenland zum Bild. Aber vergnüglich ist es nicht, beim Essen zuzusehen, wie sie eine Eidechse vertilgen. Foto Privat

Ich kann es nicht leugnen, ich mag keine Katzen. Schon als Kind waren mir die Biester unheimlich. In einem Moment streichen sie dir um die nackten Beine, schnurren, lassen sich streicheln, um dir urplötzlich und ohne Grund die Krallen in die Haut zu schlagen. Nein, um Katzen mache ich einen Bogen. Hunde sind mir lieber. Treu, brav und berechenbar, des Menschen bester Freund eben. Wir hatten früher immer Hunde.

Jetzt sind wir Eltern und haben keinen Hund, selbstverständlich keine Katze und auch sonst kein Haustier. Dabei fordern unsere Kinder, Theo (8) und Frida (6), regelmäßig: „Papa, ich möchte einen Hund.“ Oder fragen: „Papa, warum kriegen wir kein Haustier?“ Die Antwort ist einfach: Weil ihr euch nicht drum kümmern werdet, basta. Wir erleben es bei Bekannten: Nach spätestens zwei Wochen ist das Interesse am Hund, der vorher noch total süß war, verflogen. Dann gehen Mama und Papa mit dem Bello Gassi, weil die Kinder kein Interesse mehr an dem armen Tier haben. Ich möchte keinen Hund, weil ich keine Lust habe, mich um ihn zu kümmern. Wenn wir einen hätten, würde ich mich kümmern müssen.

Es gibt allerdings noch einen zweiten, ähnlich pragmatischen Grund, warum wir keine Haustiere und vor allem keinen Hund haben. Einmal im Jahr fliegen wir nach Kreta in den Urlaub. Hätten wir einen Hund, müsste er entweder mitfliegen oder jemand müsste sich während unserer Abwesenheit seiner annehmen. Beides wollen meine Frau und ich dem armen Kerl nicht zumuten. Wenn ich sehe, wie andere Touristen auf Flughäfen ihre verängstigten Hunde in diese engen Miniboxen verfrachten, tut mir das jedes Mal weh. Genauso unerträglich ist die Vorstellung, einen Hund für zwei oder mehr Wochen in die Obhut eines anderen zu geben. Ich möchte mir nicht ausmalen, welche Sehnsucht das Tier nach seiner Familie hat.  

Jetzt zu Kreta. Die größte griechische Insel ist berühmt für die Sonne, die Strände, die Berge, Sirtaki, die griechische Gastfreundschaft und ihre Katzen. Wer auf Kreta in einer Taverne isst, egal wo, kann sich darauf verlassen: Spätestens zwei Minuten, nachdem das Essen auf dem Tisch steht, tauchen aus dem Nichts mindestens eine, oft aber auch drei, vier Katzen auf. Sie belagern den Tisch.

Die Situation der meisten Katzen auf Kreta ist prekär. Es sind arme, zerzauste Kreaturen, sie leben mehr oder weniger wild, werden weder gefüttert noch medizinisch versorgt. Sie sind unterernährt, krank und tun mir unendlich leid. Trotzdem möchte ich sie nicht an meinem Tisch haben und darum verscheuche ich sie, den Protesten meiner Kinder zum Trotz.

In diesem Jahr hatten wir eine Unterkunft, in der drei Jungkatzen lebten. Wir hatten gerade im Schatten auf unserer Terrasse Platz genommen, genossen den Blick aufs Libysche Meer und wollten essen, als das Trio um die Ecke kam. Ich seufzte, aber unsere Kinder waren verzückt. Sie gaben den Tieren sofort Namen: Die Schwarze hieß Blacky, die Schwarz-Weiße Flecki und die Jüngste tauften sie Kleiner Fuchs. Nach dem Essen spielten die Kinder mit den Katzen.

Nachdem mein erster Ärger über die drei Biester verflogen war, (sie hatten versucht, unseren Tisch zu entern und waren dabei äußerst dreist, vor allem Roter Fuchs schien keinerlei Respekt vor mir zu haben, so dass ich ihn erst mit einem Spritzer Wasser verscheuchen konnte), sah ich mir die drei Tiere genauer an. Alle waren gesund, ihr Felle glänzten, ihre Augen waren klar. Trotzdem bestanden wir darauf, dass sich unsere Kinder nach jedem Kontakt mit den Katzen gründlich die Hände wuschen.

Die Katzen waren von jetzt an regelmäßig bei uns. Am nächsten Tag kam ein junges Mädchen vorbei. Es sagte, dass es jetzt nach Deutschland flöge und übergab Theo und Frida bedeutungsschwer eine Packung Katzenfutter. Sie nahm den beiden das Versprechen ab, Blacky, Flecki und Kleiner Fuchs damit zu füttern. Ich seufzte: Bis zum Ende unseres Urlaubs waren wir damit für Katzenfutter zuständig…

Wir stellten den Kindern eine Bedingung: Sie durften die Katzen füttern, aber nur auf einer Wiese, die weit von unserem Quartier entfernt war. Das klappte natürlich super: Die Kinder fütterten die Katzen auf der Wiese und kamen in Begleitung der drei zurück. Unsere Haustür war für die Katzen im Übrigen keinesfalls Endstation. Vor allem Kleiner Fuchs kannte keine Tabus. Mehrmals musste ich ihn aus unserem Haus jagen. Das schien sein Verhältnis zu mir aber kein bisschen zu belasten.

Beim nächsten Abendessen war das Trio wieder da und versuchte, den Tisch zu entern. Dieses Mal griff ich zum Wasserschlauch und konnte die Katzen vertreiben – für etwa zwei Minuten. Sie kamen zurück, hielten aber immerhin etwas Sicherheitsabstand. An einer Mauer erweckte plötzlich etwas ihr Interesse. Es war eine Eidechse. Das arme Tier war schnell, aber nicht so schnell wie Blacky. Die Katze erwischte das Reptil.

Auch das beste Essen, frisches, sonnengereiftes Gemüse, griechischer Feta und butterzartes Lamm schmeckt nur halb so gut, wenn in acht Metern Entfernung eine kleine Echse in den Fängen einer Katze vergeblich um ihr Leben kämpft. Ich erinnerte mich an Freunde, deren Katze ihren Besitzern jeden Tag ein anderes Geschenk brachte: Mal eine kleine Maus, einen kopflosen Spatzen oder einen halb zerteilten Maulwurf. Nein, Katzen würden mir nicht ins Haus kommen. Irgendwann erbarmte sich Blacky und verschlang die Echse. Ich erklärte unseren Kindern, dass Katzen eben Raubtiere sind und diese Grausamkeit in ihrer Natur liegt. Am nächsten Tag saß Theo vor unserer Haustür. Alle drei Katzen lagen auf ihm und ließen sich streicheln. Katzen und Kinder, unschlagbar und unzertrennlich.

Einmal lag ich auf einer Liege im Schatten und las ein Buch. Plötzlich sprang mir etwas auf den Bauch. Es war Kleiner Fuchs. Ich erschreckte mich fürchterlich und verscheuchte ihn. Eine Viertelstunde später kam er wieder und legte sich an meine Füße. Ich fragte ihn, ob er nicht verstehe, dass ich keine Katzen mag. Er hob kurz den Kopf, streckte sich und schmiegte sich an meinen nackten Fuß, als ob er das immer schon getan hätte. Ich ließ ihn liegen. Als würde das Tier ganz bewusst den Menschen erobern wollen, der es am wenigsten leiden kann.

An einem Morgen stand ich früh auf und ging mit einem Kaffee auf die Dachterrasse, um den Blick auf die See, die Berge und die Morgenstille zu genießen. Plötzlich streifte etwas meine Beine. Wieder war es Kleiner Fuchs. „Du bist komisch, Katze“, flüsterte ich. Er schmuste weiter. Und tatsächlich erwischte ich mich, wie ich plötzlich meinen Arm ausstreckte und das kleine Tier streichelte. „Händewaschen nicht vergessen, Papa“, dachte ich. Unten miaute jemand. Es war Flecki, der eifersüchtig, so schien es mir, nach oben schaute. Kleiner Fuchs blickte tiefenentspannt und maunzte zurück. Ich meinte, einen Triumph in diesem Maunzen zu hören.

Der Urlaub ging weiter, die Katzen kamen und gingen. Alle drei begleiteten uns bis zum Auto, wenn wir einen Ausflug machten. Ich kaufte Futter, eine große Packung. Wir gaben ihnen Wasser zu trinken. Irgendwann nicht mehr auf der Wiese, sondern direkt vor der Haustür. Dann kam der Tag des Abschieds. Meine Frau packte, ich verstaute das Gepäck im Wagen, die Kinder warteten, schauten und riefen. Die drei Katzen ließen sich aber nicht blicken. „So sind sie halt“, dachte ich. Die Enttäuschung der Kinder hielt sich erfreulicherweise in Grenzen. Sie hatten sich vorher schon von Blacky, Flecki und Kleiner Fuchs verabschiedet. Nein, eine Katze kommt mir nicht Haus. Basta. Und wenn irgendwann vielleicht doch, dann eher drei.

13. Sep. 2021
von Matthias Heinrich
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07. Sep. 2021
von Sonia Heldt
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Ich habe meine dreizehn Jahre alte Tochter impfen lassen, weil ich wütend bin

Maya (13) hat vor zwei Wochen ihre erste Impfung gegen COVID-19 erhalten. Der Kinderarzt im Impfzentrum nahm sich viel Zeit für ein persönliches Gespräch und nach vierzig Minuten saßen wir wieder im Auto. Maya tat zwei Tage der Arm weh, und ich habe sie vorsorglich eine Woche beim Sport entschuldigt. Lara (17) wurde bereits vor den Ferien geimpft. Meine Töchter gehören damit zu den aktuell 33 Prozent der Gruppe der Zwölf- bis Siebzehnjährigen, die bisher mindestens einmal in Deutschland geimpft sind. Vollständig sind aktuell 22 Prozent geimpft (RKI Tabelle – wird laufend aktualisiert).

Vorbereitung einer Corona-Impfung für ein Schulkind
Vorbereitung einer Corona-Impfung für ein Schulkind

Ich bin weder Impfgegner, noch habe ich meine Kinder in der Vergangenheit gegen alles und jedes impfen lassen. Ich bin der Meinung, mit viel Schlaf und Ruhe bekommt man die meisten Infekte auch ohne Gang zum Kinderarzt und Antibiotikum in den Griff. Ich sehe Fieber als geniales Abwehrmittel des Körpers an und nicht als Symptom, das unter allen Umständen bekämpft werden muss. Ich bin davon überzeugt, dass das kindliche Immunsystem arbeiten und lernen darf und muss. Ich habe die Windpockenimpfung bei meinen Kindern ausgelassen, denn bis 2012 riet u.a. die Stiftung Warentest von der Varizellen-Impfung noch ab, manche Ärzte wiederum bewerteten die Impfung positiv. Ich wog ab und entschied mich dagegen. Beide Kinder infizierten sich im Kindergarten mit den Windpocken und hatten einen kurzen und unkomplizierten Krankheitsverlauf. Ich glaube, dass weder Maya noch Lara im Falle einer Covid-19 Infektion im Krankenhaus landen würden. Und dennoch sind sie jetzt beide mit Biontech geimpft.

Anfang letzten Jahres (noch vor Corona) sprach Lara mich an, warum sie nicht gegen HPV geimpft wäre. Alle ihre Freundinnen wären das längst. Humane Papillomviren (HPV) sind sexuell übertragbare Erreger. Bleibt eine Infektion damit bestehen, kann sie im Lauf der Zeit eine Krebserkrankung am Gebärmutterhals verursachen. Daher impft man Jugendliche, bevor sie sexuell aktiv werden. Ich sagte, dass die Impfung kein Garant gegen Krebs sei, ich aber wüsste, dass es seit einigen Jahren diese Impfempfehlung, gerade für Mädchen, gäbe. Lara war mit fast sechzehn Jahren alt genug, um eigenverantwortlich über ihren Körper entscheiden zu dürfen. Ich machte ihr einen Termin in meiner Frauenarztpraxis, sie ließ sich beraten und impfen. 

Und so war es für mich selbstverständlich, dass meine nun Siebzehnjährige auch in der Covid-19 Frage ihre eigene erwachsene Entscheidung treffen sollte, auch wenn ich selbst dazu einen Standpunkt vertrat. „Auf jeden Fall lasse ich mich impfen. Ich will mein Leben zurück. Ich will endlich wieder normal meine Freunde treffen, mit ihnen Party machen, in die Schule und ins Schwimmbad gehen und verreisen“, sagte sie, als wir für sie ein Impfangebot erhielten. Ich war erleichtert, denn in unserer Familie pflegt sie die meisten Kontakte und trug somit von Anfang an in der Pandemie das größte Risiko einer Infektion. Ich gönnte ihr von ganzem Herzen das Mehr an Freiheit, das sie durch die Impfung erlangte.  

Bei Maya lag der Fall anders. Hier mussten wir Eltern entscheiden. Ich weiß, dass Maya mir vollkommen vertraut. Natürlich habe ich sie vorher gefragt, ob sie mit der Impfung einverstanden ist, und ich habe ihr erklärt, dass sie im Falle einer Infektion sicher nicht stark erkranken würde. „Covid-19 ist in der Regel bei Kindern und Jugendlichen keine schwere Erkrankung. Die Mehrzahl der SARS-CoV-2-Infektionen verläuft asymptomatisch oder mit milden Symptomen“, so auch die Aussage des RKI und des beratenden Impfarztes. Aber ich glaube, dass Maya sowieso nicht um die Impfung herumkäme. Zumindest nicht, wenn sie halbwegs am gesellschaftlichen Leben teilnehmen will und sich das letzte Schuljahr nicht wiederholen soll. Das zeichnet sich seit Monaten ab, machen wir uns nichts vor!  

Erst wurde den Kindern erklärt, sie müssten zurückstecken, um die Alten zu schützen. Jetzt erhielten die Alten (ich schließe mich dieser Personengruppe durchaus an) viele Freiheiten zurück, dürfen unkompliziert verreisen, Freunde treffen und ins Theater gehen. Aber die Kinder sitzen weiterhin mit Maske in der Schule, müssen sich regelmäßig selbst testen, im Winter in den Klassenräumen durch die Dauerlüfterei frieren und werden nonstop daran erinnert, dass sie potentielle Krankheitsüberträger sind. Ein bisschen viel Bürde, die den Kindern da auferlegt wird!

Mich macht das wütend. Ich will nicht mehr, dass meine dreizehnjährige Tochter nur noch mit ihren Sorgen beschäftigt ist. Maya sorgt sich, dass sie im kommenden Herbst und Winter wieder ständig in Quarantäne gehen muss, weil das Virus in der Schule grassiert. In unserem Gymnasium gibt es aktuell vier Coronafälle. Es wird ein Auf und Ab bleiben, und allen graut es vor den nächsten Monaten. „Heute waren alle negativ in der Klasse. Wir waren alle so froh“, sagte Maya heute. Schultag für Schultag halten die Kinder nun an den Testtagen den Atem an. Hat es jemanden erwischt? Oder dürfen wir mit den Unterricht beginnen? Wen es erwischt, der oder die muss unverzüglich den Klassenraum verlassen, und alle schauen ihm mitleidig hinterher. Was für ein unschönes Szenario!

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07. Sep. 2021
von Sonia Heldt
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31. Aug. 2021
von Chiara Schmucker
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Die Entdeckung der Langsamkeit

Warum unsere Autorin nach der Geburt des zweiten Kindes ein Incognito-Dasein dem launigen Get-Together vorzieht – und warum Corona-Auflagen nicht immer schlecht sind.

In der Zeit des Wochenbetts ist es nicht einfach, Zweisamkeit zu organisieren – wenn auch die Bedürfnisse des ersten Kindes, der Freunde und Verwandten berücksichtigt werden sollen.

Eine Stehparty in einem überhitzten Wohnzimmer, mehrere Verabredungen an einem Tag oder Smalltalk mit den Kollegen in der Kaffeeküche: Vor Corona konnte ich nicht genug Menschen um mich haben. Ein Wochenende ohne Termine machte mich unruhig. Logisch, dass ich nach der Geburt unseres ersten Kindes Max vor drei Jahren wenige Stunden nach der Entbindung das Krankenhaus verließ und wiederum wenige Stunden später die ersten Gäste auf unserem Sofa saßen, den Kleinen herzten und Erinnerungsfotos schossen. Wir platzten ja auch vor Stolz und ich fühlte mich wie Superwoman.

Doch unser erster Sohn war ein unruhiges Baby, Kollegen sagten, kein Wunder bei den Eltern. Doch er blieb auch unruhig, als wir die Besuche und Aktivitäten reduzierten, während seiner kurzen Schläfchen die Klingel abstellten und anfingen, uns nur noch im Flüsterton zu unterhalten. Stundenlang trugen wir ihn in den Schlaf, aus dem er dann vom Rascheln einer Zeitung oder dem Biss in ein Knäckebrot (ich schwöre: das ist nicht erfunden) aufschreckte und meist prompt zu weinen anfing.

In der Corona-Pandemie ist unser Leben ruhiger geworden. Wir sind rausgezogen aus der Stadt und haben viele Wochen wie so viele andere auch ganz auf Verabredungen und Treffen verzichtet. Als ich wieder schwanger wurde, schwor ich mir: Diesmal würde ich in den ersten Wochen alles ruhiger angehen lassen. Nicht nur für das neue Baby, sondern auch für uns. Denn wenige Wochen nach der Geburt unseres ersten Kindes fühlte ich mich so ausgelaugt und übermüdet, dass ich mich nicht mehr traute, Auto zu fahren oder Eier im heißen Wasser zu kochen. Doch: Wie Freunde und Familie einbeziehen, ohne wieder im Wochenbettstress zu enden? Wie das Kennenlernen als Familie organisieren, ohne dass sich das Kindergartenkind ausgeschlossen fühlt? Fünf Schritte, die mir helfen:

1. Die Zeit im Krankenhaus auskosten

Eine Stunde Besuchszeit für den Papa am Tag, sonst nichts – als ich vor Monaten diese strenge Corona-Auflage unseres Wunschkrankenhauses erfuhr, hielt ich das für eine Geburt im August noch für total übertrieben. Corona würde da doch längst kein Thema mehr sein, alle geimpft und die Auflagen weit gelockert. Doch als wir vor wenigen Wochen in den frühen Morgenstunden unseren zweiten Sohn endlich glücklich in die Arme schlossen und ich kurz darauf das Zimmer beziehen durfte, musste mein Mann sich tatsächlich verabschieden. Zur Besuchszeit am Nachmittag dürfe er wiederkommen, sagte die Hebamme freundlich, aber bestimmt.

Auch wenn es schade war: Was für ein Segen im Vergleich zu dem Taubenschlag, von dem mir befreundete Mamas berichteten, von Besuchsorgien der gesamten Verwandtschaft am eigenen und am Nachbarbett. So verbrachten Lenny und ich die ersten beiden Tage allein im Zimmer ausschließlich mit Kuscheln und Kennenlernen. Schnell lernte ich die „All inclusive“-Versorgung mit drei Mahlzeiten am Tag, einer Selbstbedienungstheke mit Müsli, Suppen und Getränken und die Flügelhemdchen und Babykleider des Krankenhauses schätzen, die nach dem Tragen einfach ausgetauscht wurden. Wir wurden liebevollst umsorgt, das Bett frisch überzogen und das Bad geputzt – und ansonsten in Ruhe gelassen.

In diesen ersten Tagen, die ich ganz allein mit meinem Baby für mich hatte, stellte ich nicht nur fest, wie unterschiedlich unsere beiden Söhne sind, sondern auch, wie wichtig dieses erste exklusive Mama-Kind-Bonding ist: Lenny schlief ruhig, trank gut und eifrig und weinte kaum. „Ich bin der erste außerfamiliäre Lenny-Fan“, sagte meine spätere Zimmergenossin kurz, bevor wir entlassen wurden. In ihr habe ich direkt eine neue Freundin gefunden.

2. Blitzbesuch in der Nachbarschaft

Als wir nach Hause kamen, schlief Lenny im Maxi Cosi. Wir nutzten den Moment, ihn einmal kurz den Nachbarn vorzustellen – schließlich hatten alle lange mitgefiebert. Und nun waren auch wir Eltern schon mal ordentlich frisiert und angezogen. Wir wussten ja nicht, wann dies das nächste Mal der Fall sein würde, und so hatten wir das schon einmal „erledigt“. Die Folge: Außer dem Postboten klingelte in den nächsten Tagen niemand.

3. Absagen ohne schlechtes Gewissen

„Hey, wir sind morgen in der Nähe, können wir kurz vorbeischauen?“ – Freunde und Bekannte, die wir teilweise seit Monaten nicht gesehen hatten, bekamen nach Lennys Geburt auf einmal große Sehnsucht. Doch den allermeisten sagte ich ab. Zum einen, weil ich tatsächlich noch viel liegen sollte, zum anderen, ich gestehe, weil ich einfach keine Lust hatte, um eine bestimmte Uhrzeit „besuchsbereit“ zu sein. Denn auch einen Blitzbesuch will ich in halbwegs geordnetem Zustand empfangen. Heißt: Vorher sind wir mindestens eine Stunde damit beschäftigt aufzuräumen, uns und die Kinder anzuziehen und den Dauerbegleiter Wäscheständer aus dem Wohnzimmer zu verfrachten. Danach gilt es, den sauberen Status Quo so lange aufrecht zu erhalten, bis die Gäste ankommen – kein einfaches Unterfangen mit einem Dreijährigen, der am liebsten Zeitschriften in winzigste Teile zerschneidet.

Sagte ich jemandem ab, habe ich mich anfangs immer noch entschuldigt: „Wir brauchen noch ein bisschen Zeit fürs Kennenlernen, ich hoffe, du bist mir nicht böse.“ Inzwischen lasse ich die Entschuldigung weg. Denn eigentlich haben alle es sehr gelassen aufgenommen. Und: Das Wiedersehen wird für alle Beteiligten netter, je besser es allen geht. Und wir entschädigen durch regelmäßige Fotos und Videos via Whatsapp.

4. Exklusivzeit für das Geschwisterkind

„Du wirst nie so viel Zeit allein mit dem Zweitgeborenen haben wie mit dem ersten“, flüsterten mir meine Freundinnen vor der Geburt bedauernd zu. Doch bisher ist das bei uns glücklicherweise anders. Wir befinden uns in der zugegebenermaßen luxuriösen Lage, dass mein Mann Elternzeit hat und unser Großer bis 14 Uhr im Kindergarten ist. Da bleibt viel Zeit zum Kuscheln und Ausruhen, total exklusiv. Eher müssen wir sehen, dass der Große sich genauso beachtet fühlt, wenn er morgens und am Nachmittag bei uns ist. Ich habe festgestellt: Oft reichen schon 20 bis 30 Minuten volle Aufmerksamkeit, um alle unsere Batterien wieder aufzuladen. Das entschleunigt den gesamten Alltag, und ich freue mich immer schon, wenn er wieder aus dem Kindergarten kommt.

5. Gut essen

Der für mich wichtigste Punkt für Stillmamis: Nicht das Essen vergessen oder Mahlzeiten auslassen. Aus der Erfahrung mit Max, der sich nie ablegen ließ, habe ich gelernt – und diverse Nestchen, Wippen und Stubenwagen schon vor Lennys Geburt angeschafft. Und tatsächlich schläft Lenny teilweise zwei Stunden darin. Und falls er pünktlich zum Essen aufwacht, gibt es ja noch vier weitere Arme, die ihn streicheln und wiegen, bis Mama sich wieder in Superwoman verwandelt hat. Kurzum: Die ersten Wochen mit dem zweiten Kind sind bislang wesentlich entspannter verlaufen als die mit dem ersten. Und das hätten wir nie erwartet. Vor allem, weil unser Großer, ein echter Temperamentbolzen, ja weiterhin dabei ist. Tatsächlich wirkt aber auch Max viel entspannter und ausgeglichener, seit Lenny in der Familie ist. Wahrscheinlich hat er uns einfach noch gefehlt.

31. Aug. 2021
von Chiara Schmucker
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24. Aug. 2021
von Matthias Heinrich
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Was sind moderne Eltern?

Kann Mann gleichzeitig ein Tragetuch und die Hosen anhaben?
Kann Mann gleichzeitig ein Tragetuch und die Hosen anhaben? Die Vaterrolle ist im Wandel.

Nach dem Training fragt ein Teamkollege: „Wer kommt noch mit auf ein Bier?“ Zwei Hände schießen sofort hoch, ich schüttele den Kopf: „Ich heute nicht. Meine Frau muss noch an den Schreibtisch, und ich bringe die Kinder ins Bett.“ Er grinst mich an: „Bei euch ist auch klar, wer die Hosen anhat, oder?“ Die anderen lachen. Ich denke kurz darüber nach, ob er das wirklich gerade gefragt hat, und grinse dann zurück: „Nächste Woche bin ich wieder dabei. Heute nicht, Männer.“

Kurze Zeit später bringe ich unsere Tochter Frida (6) ins Bett. „Du Papa, heute hat ein Mädchen ‚Zicke‘ zu mir gesagt.“ „Hm. Dann sag ihr doch einfach so was wie: ‚Wenn ich eine Zicke bin, dann bist du eine alte Birne'“. Frida lacht, wird dann aber wieder ernst: „Ach Papa, ich kann das nicht. Ich bin nicht so wie du. Ich möchte mich nicht streiten.“ „Ja, aber wenn dir nicht gefällt, wie dich jemand nennt, dann musst du das demjenigen sagen.“ „Ja, Papa, das ist aber schwer. In der Kita konnte ich das. Aber dieses Mädchen kannte ich nicht.“ „Ach Frida“, antworte ich und denke daran, dass unsere Tochter in ein paar Wochen eingeschult wird. „Das lernst du schon noch. Dir werden immer wieder Menschen begegnen, die komisch zu dir sind und manchmal sogar doof. Du wirst lernen, damit klarzukommen. Wenn du dabei Hilfe brauchst, kommst du zu mir.“ „Cool, Papa.“ Wir kuscheln und dann lese ich Pippi Langstrumpf vor.

Als Frida schläft, denke ich an meine drei Sportkameraden. Gute Typen sind sie, drei richtige Mannsbilder. Alle haben Fulltime-Jobs, ihre Frauen arbeiten in Teilzeit und kümmern sich um Kinder und Haushalt. Ihre Lebensentwürfe sind vollkommen okay, bei uns ist das halt anders, nämlich umgekehrt: Wenn meine Frau noch arbeiten muss, kümmere ich mich um die Kinder,

Wir haben uns immer schon gegenseitig viel Raum gegeben. Vor den Kindern hat sie in Berlin gearbeitet und ich in Niedersachsen. An den Wochenenden sind wir abwechselnd gependelt. Als unser Sohn Theo auf die Welt kam, entschieden wir uns für Berlin. Für mich war es keine Frage, dass ich Elternzeit mache und zwar gerne mehr als die üblichen zwei Monate. Meine Frau fand es klasse, dass ich Zeit mit meinem Kind verbringen wollte. Ich hatte eine ebenso klare wie naive Vorstellung, wie die Elternzeit in Berlin ablaufen sollte. Die Realität sah dann komplett anders aus, aber das ist eine andere Geschichte.

Letztlich waren es sechs Monate Elternzeit, bei jedem der Kinder. Für meine berufliche Entwicklung war das wenig förderlich, aber für das Verhältnis zu den Kindern hat es sich gelohnt. Das ist mir am wichtigsten. Ich würde es wieder so machen, mit allen Begleiterscheinungen. Es sollte auch nicht die letzte intensive Zeit mit Theo und Frida werden. Bevor wir alle zusammen in den Süden gingen, pendelte meine Frau ein Dreivierteljahr nach Bayern. Ich leitete mit dreißig Stunden eine Abteilung und kümmerte mich um die Kinder.

Und dann kam Corona. Monatelang war ich in dem, was viele Leute die klassische Mutterrolle nennen würden, nur eben als Mann: Lehrer, Spielkamerad, Hausmann und Vater. „Bei euch geht das ja auch. Du warst ja doch schon mal mit den Kindern allein, ihr seid halt eine moderne Familie“, haben Freunde gesagt, wenn wir über Corona sprachen. Ich selber nenne das nicht modern, sondern pragmatisch. Wir haben aus den Möglichkeiten das für uns Beste gemacht. Aber ist das modern? Sind Familien, in denen Väter arbeiten und Mütter sich überwiegend um die Kinder kümmern, unmodern, uncool oder altmodisch? Müssen sich Väter und Mütter in klassischen Lebensentwürfen schlechter fühlen, weil der Vater das unvergessliche Ergebnis eines Pekip-Kurses verpasst hat? Bis auf die letzte (Pekip haben wir nicht gemacht, es klang immer wie etwas, was nichts für mich ist) kann ich alle Fragen mit „nein“ beantworten.

Modern sind für mich Eltern, die offen über ihre Wünsche und Erwartungen sprechen und dann das tun, was für die Familie passt. Mit der Länge der Elternzeit des Vaters hat das nichts zu tun. Wer keine Lust hat auf Babyschwimmen, Krabbelgruppen oder Elternzeit, der lässt es halt bleiben. Ich möchte niemanden bekehren, stelle aber für mich fest, dass die Elternzeit Gold wert war. Ich habe zu unseren zwei Kindern sehr enge und vertrauensvolle Beziehungen, deren Wurzeln seit der Elternzeit gewachsen sind.

Wenn Theo etwas von seiner Mutter will, beginnt er den Satz manchmal mit einem Versprecher: „Du Papa… ich meine Mama …“ Ich finde das wunderbar. Meine Frau und ich sind für unsere Kinder absolut gleichberechtigte Ansprechpartner. Sicher gibt es Themen, bei denen die Kinder ihre Favoriten haben. Bei mir sind es aber nicht nur Fußball und Taschengeld. Noch heute benötige ich nur Sekunden, Theo nach einem schlechten Traum zu beruhigen. Er schläft noch immer zügig ein, wenn ich ihm das Lied aus seinen Babytagen vorsinge. Und er kommt zu mir, wenn er etwas ausgefressen hat, auch wenn es dafür Ärger gibt. Das gilt auch für seine Schwester, die sich am liebsten von mir vorlesen lässt und die mir offen von ihren Kita-Konflikten erzählt.   

Ich weiß aber auch von meinen Sportskameraden, dass alle drei gute Väter sind. Auch ohne einen einzigen Tag Elternzeit.

24. Aug. 2021
von Matthias Heinrich
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21. Jul. 2021
von Matthias Heinrich
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Zwischen Haftbefehl und Mascha Kaleko – Kinder, Eltern und Musik

Stones oder Haftbefehl? Für die Identität von Kindern und Jugendlichen ist wichtig, ob sie die Musik selbst gefunden haben.

Eltern sind Vorbilder – manchmal gute, manchmal schlechte. Bevor Kinder ihren eigenen Musikgeschmack entwickeln, sind sie mehr oder weniger den musikalischen Vorlieben ihrer Eltern ausgeliefert. Was Vater und Mutter im Radio, auf Platte oder über den Streamingdienst hören, verfängt sich ihren Ohren. Manchmal hat das unvorhersehbare Folgen.

Meine Mutter ist 1965 als Teenager auf dem Sozius einer Mofa zum ersten Deutschland-Konzert der Rolling Stones nach Münster gefahren. Fünfzig Kilometer hin, fünfzig zurück. Seitdem war es um sie geschehen. Bis heute liebt sie die Stones. In meiner Kindheit liefen Songs wie „I Cant´t Get No (Satisfaction)“ und „Paint it Black“ rauf und runter. Im Laufstall, beim Spielen, beim Aufräumen, im Auto und wahrscheinlich sogar im Schlaf hörte ich kaum etwas anderes. Mich nervte das irgendwann. Meine Mutter liebte Keith Richards, Charlie Watts, damals noch Bill Wyman und vor allem Mick Jagger. Der dünne Frontmann mit den vollen Lippen hatte es ihr vor allem angetan.

Einmal schenkte sie mir zum Nikolaus eine Maxisingle. „Dancing in the Street“ von David Bowie und Mick Jagger. Kaum hatte ich die Platte ausgepackt, riss sie sie mir aus den Händen. „Irre, oder? Das ist ein Wahnsinnssong, mach ich gleich mal an.“ Zehn Sekunden später „dancete“ sie. Zwar nicht „in the street“, dafür aber durch unser Wohnzimmer, im Pyjama. Ich kann mich nicht erinnern, das Lied vorher gemocht und mir die Platte explizit gewünscht zu haben. Meine Mutter hat sich die Platte damals mehr oder weniger selbst geschenkt. Als ich ihr Jahre später diese Geschichte erzählte, lachte sie sich kaputt.

Was habe ich von dieser musikalischen Früherziehung mitgenommen? Ein großer Stones-Fan bin ich nicht geworden. Dafür kann ich es bis heute nicht leiden, wenn mich jemand zu sehr für eine Sache begeistern will, die er selber ganz toll findet.  Ich wehre mich mit allem dagegen, bekehrt zu werden. Dann mache ich zu und bin stur. Ich bin mir sicher, dass mir deshalb schon gute Platten, Filme, Bücher oder gar Menschen versperrt geblieben sind, die mich mit sicher begeistert hätten, wenn ich sie auf anderem Weg kennen gelernt hätte. Zum Beispiel mochte ich Boris Becker am Anfang nicht, weil ihn alle liebten.

Wie gehe ich mit diesen Erfahrungen um? Wie halte ich es heute mit meinen Kindern und der Musik? Der Anfang klingt total gut und schlüssig, wie ein 80er-Jahre-Popsong: Ich lasse sie hören, was sie wollen und mache Vorschläge, spiele ihnen Lieder vor, die ich selbst mag. Mit meiner Tochter Frida klappt das ausgezeichnet: Sie mag vor allem Frauenstimmen. Der Weg zur Kita ist jeden Morgen unsere Musikzeit. „Was möchtest Du hören?“, frage ich, wenn der Anschnaller einrastet. „Etwas, das du kennst oder was Neues?“ Und so haben wir während der zehn Minuten zur Kita schon Joy Denalane, Alicia Keys und Adele kennengelernt, Erykah Badu, Mia, Amy Winehouse und Zaz. Bei Macy Gray fragte sie: „Ist das wirklich eine Frau?“ Vor dem Aussteigen muss ich ihr immer Fotos der Sängerinnen zeigen: „Ach, das ist die? Hat die Kinder? Wie sieht ihr Mann aus? Oh, die sieht aber hübsch aus. Ist die französisch?“

Unser liebster Song ist das Mascha-Kaleko-Gedicht „Für eine Leierkastenmelodie“, gesungen von Dota und Hannes Wader. Kaum saßen wir im Auto, da kam schon vom Rücksitz: „Kannst du das Lied von den Leuten anmachen, die sich zu spät getroffen haben?“ Diesen Song haben wir über Wochen jeden Morgen gehört und mitgesungen. Manchmal zweimal auf der kurzen Strecke.

Unser Sohn und ich haben nicht den einen Song. Er ist acht, zwei Jahre älter als seine Schwester. Wenn er mit dem Roller von der Skatebahn kommt, hören er und seine Freunde vor allem deutschen Hiphop. Zu den Fantastischen Vier, Peter Fox und den Beginnern hat sich jetzt auch Capital Bra gesellt. Was ich gut finde: Er spielt mir die Lieder vor und wir reden drüber. Wenn wir allein mit dem Auto unterwegs sind, fordert er manchmal: „Papa, mach mal was krasses an.“ So hat er einen Eindruck von Rammstein, Metallica und Faithless gewonnen.

Neulich habe ich übertrieben. Wir brausten über eine leere Landstraße und fühlten uns spitze. Irgendwie wollte ich der obercoole Dude-Vater sein und spielte den sehr prolligen, aber auch sehr fetten Song „Ich roll mit meinen Besten“ von Haftbefehl an. Ich liebe den Beat und die Energie dieser Nummer. Auch Theo war ziemlich beeindruckt: „Krasser Song, Papa!“ Mir war klar: Vom Text her ist das überhaupt nichts für Achtjährige. Aber wir sprachen darüber und das Thema war durch.

Eine Woche später hatten Theos bester Schulfreundin und ihren Eltern zu Gast. Es war ein schöner Abend, die Kinder hüpften auf dem Trampolin, die Eltern saßen im Garten und sprachen über Urlaub und Schule. Dann erzählte die Mutter, was ihre Tochter vom Musikunterricht berichtet hatte. Die Schüler sollten ihre Lieblingssongs vorstellen. Theo wählte den Haftbefehl-Song aus dem Auto. Unmittelbar nach der Textzeile „In die Fresse Rap, jetzt gibt’s Heckmeck, Fick-Deine-Mutter-Mucke – das ist die Message“ stoppte die Lehrerin die Aufnahme.

Ärger hatte er deshalb nicht. Es gab keinen Vermerk im Schulbuch und keine Nachricht mit der Bitte um ein Gespräch. Am nächsten Morgen fragte ich Theo, warum er ausgerechnet den Song vorgestellt habe. Weil er seine Mitschüler beeindrucken wollte, gab er zu. Das fand ich zumindest ehrlich. Das könne ich verstehen, sagte ich, aber ob er wirklich der Meinung sei, dass die Schulklasse – samt Lehrerin – für diesen Song die richtige Bühne sei? Wohl nicht, meinte er.

Diese Aktion war eine gute Erfahrung für Theo. Er hatte schon vorher verstanden, dass Rapper nicht so sprechen wie normale Leute und absichtlich derbe Worten benutzen, um „krass“ zu sein, zu provozieren und sich abzugrenzen und dass das in Ohren von Schülern cool klingen kann. Theo spricht mit seinen Freunden nicht so. Klar fallen Worte wie „Alter“ und Digga“, aber keine Kraftausdrücke.

Mir selber muss ich eingestehen, dass ich dem Jungen den Song aus demselben Grund vorgespielt wie Theo seiner Klasse: Ich wollte ihn beeindrucken. Ihm sagen: ‚Dein alter Vater ist ein krasser Typ‘. Ziemlich blöd. Aber auch nicht schlimm. Künftig werde ich sorgfältig darauf achten, nur die Songs vorzuspielen, die ich selbst richtig gut finde und die keine Schockmomente nach sich ziehen. Haftbefehl ist bei Theo gerade nicht angesagt. Wenn er ihn wieder hören will, dann macht er das – ohne mich. Das ist völlig okay. Meine Mutter hat sich übrigens kaputtgelacht, als ich ihr diese Geschichte erzählt habe.

Jetzt läute ich die Ferien ein, das ist der letzte Text dieses Blogs aller Autoren für die nächsten Wochen. Ich klappe den Laptop zu, springe ins Auto und hole meine Tochter ab. Auf dem Hinweg drehe ich die Anlage auf und höre meinen Lieblings-Stones-Song: „Sympathy for the Devil.“ Ganz laut und ganz für mich allein.

21. Jul. 2021
von Matthias Heinrich
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13. Jul. 2021
von Sonia Heldt
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Goodbye Schuljahr 2020/2021 – es war nicht schön mit dir

Mit Maske, nach langen Wochen des Distanzunterrichts: Zeugnisausgabe im zweiten Corona-Sommer
Mit Maske, nach langen Wochen des Distanzunterrichts: Zeugnisausgabe im zweiten Corona-Sommer

Bei uns in NRW wurden am 2. Juli die Zeugnisse ausgegeben. Noch nie habe ich das Schuljahresende so sehr herbeigesehnt wie diesen Sommer. Mit der offiziellen Verabschiedung des Schuljahres 2020/2021 setzte ich feierlich einen Schlussstrich unter eine schwierige Zeit. Das letzte halbe Jahr hat mich eine Menge Nerven und Kraft gekostet. Obwohl im Juni mit neuerlichem Start des Präsenzunterrichts und Schulausflügen ein Stück Normalität in unseren Alltag zurückgekehrt ist, habe ich die Tage bis zu den Ferien gezählt.

Wie sehr mich die letzten Monate gefordert haben, kann man zwischen den Zeilen der Briefe lesen, die ich meinen Töchtern zum Zeugnis geschrieben habe. Es ist unsere kleine Tradition: Jedes Jahr, am Tag der Zeugnisausgabe vor den Sommerferien, erwartet meine Kinder an ihrem Platz am Esstisch ein Kuchen, ein kleines Geschenk,  ein paar Süßigkeiten oder besondere Schulmaterialien. Bei uns gibt es das klassische Zeugnis- oder Notengeld nicht. Ich finde nicht, dass man eine Eins oder eine Zwei mehr honorieren sollte als beispielsweise eine hart erkämpfte Drei oder Vier.  Natürlich freue ich mich über gute Noten, aber viel wichtiger ist doch, dass man seinen Kindern signalisiert, wie stolz man auf sie ist, und würdigt, was sie das gesamte Schuljahr über geleistet haben. Dass man ihre Versetzung, die Empfehlung für die weiterführende Schule oder den Schulabschluss nicht als selbstverständlich hinnimmt und immer nur Bestleistungen erwartet. Kinder brauchen Anerkennung, egal, wie alt sie sind.

Daher lasse ich in einem schön gestalteten Brief jedes Schuljahr Revue passieren. So handhabe ich es seit der ersten Klasse für beide Mädchen. Anfangs habe ich auf eine große, gut lesbare Schrift geachtet und den Text mit Verzierungen und Zeichnungen versehen, altersgerecht und jeweils den Lesekenntnissen entsprechend. Später wurden die Briefe umfangreicher. Ich sage meinen Kindern, dass wir Eltern stolz auf sie sind, was in dem Schuljahr besonders schön oder schwierig für sie war, erwähne Meilensteine wie Schulwettbewerbe oder Klassenfahrten und wünsche ihnen schöne wohlverdiente Ferien.

Dieses Jahr habe ich meinen Text am PC getippt. Die Worte strömten nur so aus meinen Finger. Ich bin Schreiberling mit Leib und Seele und konnte mich noch nie besonders gut kurzhalten. Schreiben bedeutet für mich Ballast abwerfen. Auch dieses Blog hier hilft mir, Geschehnisse zu reflektieren und zu verarbeiten. Ich fühle mich befreit, wenn ich Dinge, die mich beschäftigen, niederschreiben und dann loslassen kann. Manchmal sind die Gedanken, die ich hier teile, sehr persönlich und emotional. Dann frage ich mich, ob es nicht zu viel ist, was ich von mir preisgebe. Aber dann fühle ich mich gut, es ausgesprochen zu haben. Und vielleicht geht es dem ein oder anderen ja ähnlich, und er findet sich in meinen Texten wieder.

Bei Lara lief es im ersten Halbjahr schulisch nicht sonderlich gut. Die Umstellung von der Mittel- auf die Oberstufe, in der von den Schülern des G8-Gymnasiums viel Eigeninitiative und Selbstständigkeit verlangt wird, setzte ihr zu. Sie kämpfte mit drei Fremdsprachen und ihrer Matheschwäche. Dieser Umstand, Covid19 und das Homeschooling traf sie daher mit voller Wucht. Ich hatte viele schlaflose Nächte. Ich machte mir Sorgen, weil es Lara nicht gut damit ging. Würde Lara es schaffen und vor allen Dingen wollen, das Ruder rumzureißen, oder würde sie sich komplett gehen lassen und aufgeben? Ich habe mir die Nächte mit YouTube-Videos um die Ohren geschlagen und versucht, sie in Mathe zu unterstützen. Ich habe ihr eine Nachhilfe gesucht. Ich habe mir den Mund fusselig geredet. Ich blieb an ihr dran und ließ mich nicht abwimmeln, wenn sie mir die Tür vor der Nase zuschlug. Und war froh, wenn Lara ihre Tür wieder öffnete und mich reinließ, in ihr Leben und ihre Seele.
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13. Jul. 2021
von Sonia Heldt
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06. Jul. 2021
von Chiara Schmucker
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Wenn aus Kleinen Große werden

Auf einmal wird ein Kleines groß: Momentaufnahme einer langen Annäherung
Auf einmal wird ein Kleines groß: Momentaufnahme einer langen Annäherung

Unser großer Sohn ist in der vergangenen Woche in den Kindergarten gekommen. Vielleicht waren wir aufgeregter als er, wie er die Umstellung von einer winzigen Krabbelstube für Unter-Dreijährige in einen Kindergarten mit fünf Gruppen und insgesamt hundert Kindern meistern würde, zu der auch noch ein Hort für Schulkinder gehört.

Mein Mann und ich lagen abends wach in den Betten, angespannt, als wenn wir selbst am nächsten Tag unseren ersten Arbeitstag oder ein wichtiges Gespräch hätten. Ist er reif genug? Oder doch noch zu jung? Wird er beim Abschied weinen? Gewöhnen sie ihn behutsam genug ein?

In den vergangenen Monaten kam er uns so groß vor, eindeutig der Krabbelstube entwachsen, wo die Einjährigen gerade auf wackeligen Beinen erste eigene Erkundungen anstellen. Max läuft wie ein Weltmeister, fährt Roller und Laufrad und klettert auf den Baum in unserem Garten. Mit ihm kann man inzwischen richtige Gespräche führen, Lego bauen und Kuchen backen. Längst schläft er durch, schneidet Autos aus Zeitschriften aus und hat erste Freundschaften geschlossen.

Doch jetzt, wo wir bald unser zweites Kind erwarten, kommt er mir auch wieder so klein vor. Zumindest noch lange nicht aus dem Gröbsten raus. „Ich bin auch ganz klein“, sagte er neulich selbst und kletterte dann in den Stubenwagen, der schon für seinen kleinen Bruder aufgebaut ist. Er kommt nachts ab und zu wieder zu mir ins Bett und stellt sich beim Puzzlen extra ungeschickt an, damit wir ihm helfen. „Du wirst immer mein erstes Baby sein, Max“, sage ich liebevoll, während ich ihn in der Babywiege streichle. „Aber für deinen Bruder wirst du der Große sein, du kannst ihm zeigen, wie du Fußball spielst, und ihm das Fläschchen geben, wenn du magst.“

Seit mein Bauch sichtbar größer geworden ist, haben wir Max erzählt, dass er ein Geschwisterchen bekommen wird. Er durfte den Bauch eincremen und dem Baby durch vorsichtiges Klopfen zeigen, dass er sich auf es freut. Nicht immer ist das ganz friedlich verlaufen. Ich habe auch Frauenarzt-Termine gehabt, an denen die Ärztin irritiert auf die roten Striemen schaute – Max hatte nach zärtlichem Streicheln mehrmals den Bauch gekratzt. Er hat mir gesagt, dass er sich darauf freut, wenn das Baby da ist, „weil du dann wieder mit mir rennen kannst“. Und er hatte eine Phase, in der er beim Einschlafen so fest den Bauch streichelte, dass er darüber selbst nicht mehr in den Schlaf fand.

Wir hatten schwierige Wochen in der Kita, in denen er sich nicht von mir trennen und nur auf meinen Arm wollte, und super Wochen, in denen er allen erzählte, das Baby werde „Papa“ heißen und er sei stolz, bald großer Bruder zu sein. Er wollte Geschichten von sich als Baby hören und Fotos sehen.

Etwa ein Jahr dauere es, bis das größere Kind sich an seine „Entthronung“ gewöhnt habe, habe ich gelesen, und ich finde dieses Wort wirklich abscheulich. Nicht nur, weil es impliziert, die Eltern hätten das Kind in seinem bisherigen Leben auf einen Thron gestellt, sondern weil es dem großen kleinen Kind auch eine verständliche emotionale Reaktion auf eine tiefgreifende Veränderung abspricht. Auch mit drei Jahren ist ein Kind noch sehr klein – auch wenn es Lego bauen und Kuchen mitbacken kann. Es hat alle Rechte, emotional zu reagieren. Ich kenne Eltern, die mit großen Geschenken, die angeblich das Neugeborene für das Geschwisterkind mitgebracht habe, die Wogen schon von Anfang an zu glätten versucht hatten. „Ich hätte lieber einen Hund gehabt, oder zumindest ein Feuerwehrauto“, soll schon meine große Schwester vor über vierzig Jahren meinen Eltern erklärt haben, als die mit der rotgesichtigen kleinen Schwester aus dem Krankenhaus kamen.

Wenn der Kleine plötzlich der Große sein soll, ist das ein Einschnitt, der Zeit braucht, für alle Beteiligten. Wir haben den Abschied von der Krabbelstube bewusst vor die Geburt des Babys gelegt, damit Max nicht zu viele Veränderungen gleichzeitig bewältigen muss. Zu Hause wird er der Große und weiterhin Mamas Baby sein, im Kindergarten wird er erst einmal wieder der Kleine sein. Aber auch der Große, der mutig auf Neues zugeht und sich bei den „wirklichen Großen“ ganz viel Spannendes abschauen darf.

06. Jul. 2021
von Chiara Schmucker
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29. Jun. 2021
von Matthias Heinrich
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Pendeln – zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Weg zu sein kann Vorteile bringen – aber wenn in der Abwesenheit zu Hause das Chaos ausbricht, kann man sie dann auch nicht genießen.

Ich habe einen neuen Job. Es ist genau das, was ich immer schon machen wollte, sozusagen mein ganz persönlicher Traumjob. Eine Aufgabe, die mich erfüllt, fordert und glücklich macht. Die Sache klingt zu schön, um wahr zu sein und das ist sie auch, denn es gibt natürlich einen Haken: Ein Teil der Arbeit lässt sich zwar im Homeoffice erledigen, aber ich muss regelmäßig für ein paar Tage im Hauptquartier arbeiten. Das liegt hunderte Kilometer entfernt in einer anderen Stadt. Das heißt, ich muss pendeln und bin manchmal tagelang nicht zu Hause.

Als das Angebot kam, hat meine Frau sofort gesagt: „Du musst das machen“. Ich habe mich sehr über ihre klare, selbstverständliche Haltung gefreut. Lange Zeit hatte ich ihr den Rücken freigehalten, damit sie sich beruflich weiterentwickeln kann. Ich war bei den Kindern, habe meine Stunden reduziert und sie ist von Berlin nach Bayern gependelt. Neun endlose Monate waren das, manchmal frage ich mich, wie wir – ehrlich gesagt: vor allem ich – diese Zeit ohne familiäre Unterstützung durchgehalten haben. Ja, ich weiß, das ist vielleicht Klagen auf hohem Niveau, Alleinerziehende haben es noch schwerer. Trotzdem war es eine enorme Belastung für uns und unsere zwei Kinder.

„Irgendwie kriegen wir das hin“, hat meine Frau gesagt. Ja, ich erinnere mich. „Irgendwie kriegen wir das hin“, das habe ich auch immer gesagt. „Irgendwie“ stimmte das auch, aber wie genau das war, das weiß ich nicht mehr. Es war vor allem der Satz, der dem Pendelnden das Pendeln leichter machen sollte: „Fahr du mal, geht schon, muss ja.“ Aber wir haben es ja auch geschafft. Wir leben inzwischen seit zwei Jahren hier in Franken und sind wohlauf.

Nicht zuletzt diese Tatsache hat mir meine Zweifel genommen: Wenn wir das damals geschafft haben, schaffen wir es dieses Mal auch.

Und dann habe ich an mich gedacht und ganz ehrlich „Yippie“ gerufen und zwar nicht besonders leise. Die Aussicht, nach dieser Corona-Endlosschleife mal wieder Zeit zum Durchatmen zu haben, mich voll in die Arbeit stürzen zu können und regelmäßig für niemanden anders Verantwortung zu haben als für mich selbst, ehrlich, das klang verheißungsvoll. Keine Kinder, yeah! Ja, ist egoistisch, war mir aber Wurscht.

„Mach bloß viel Sport, geh ins Museum oder setze Dich einfach ins Kaffee und mach gar nichts“, hat mir meine Frau geraten. Sie meint das ehrlich. Sie weiß, wovon sie spricht. Sie ist, wie gesagt, selbst lange gependelt und hatte Zeit für sich. Im Rückblick hat sie diese Zeit zu wenig für sich selbst genutzt, meint sie. Gedanklich wäre sie viel bei uns gewesen und konnte deshalb nicht richtig abschalten. „Mach viel für Dich, genieße es“, hat sie mir beim ersten Abschied am Bahnhof ins Ohr geflüstert. Ich habe alle umarmt, gedrückt und bin trotz der traurigen Augen meiner Kinder entschlossen in den Zug gestiegen. „Genieße es“, das habe mir fest vorgenommen. Und mir eingebildet, das besser zu können als meine Frau.

Nach zwei kürzeren Einsätzen mit jeweils zwei Übernachtungen übers Wochenende war ich jetzt zum ersten Mal vier Werktage weg. Montagvormittag hin, Donnerstagvormittag zurück. Meine Frau hätte trotz aller wohlwollenden und bestärkenden Worte zuvor dieses Mal bevorzugt, dass ich dageblieben wäre. Sie arbeitet für ein großes Unternehmen, leitet seit Januar ein Team und ausgerechnet in meiner Abwesenheit war ihr Terminkalender noch voller als sonst.

Selbstverständlich ist dann genau das passiert, was nicht passieren soll, aber immer in solchen Konstellationen passiert. Ob es Murphy´s Law, Zufall, selbsterfüllende Prophezeiung oder einfach Pech ist, keine Ahnung. Jedenfalls hatte unser Sohn Theo am Montagabend plötzlich 40,2 Grad Fieber. Eine kurze WhatsApp und ein längeres Telefonat, bei dem meine Frau mir ihr Leid klagte.

Der Junge ist krank. Sie musste alle Termine umschmeißen, ihr akkurat durchgetakteter Wochenplan war dahin. Letztlich hat dann alles irgendwie trotzdem hingehauen, aber eben mit Stress, Belastung und Frust.

Meine Entspanntheit war dahin. Natürlich kann weder meine Frau noch ich etwas dafür, wenn unser Sohn plötzlich Fieber bekommt. Trotzdem fühlt man sich doch so, als ließe man den anderen allein. Es frühstückt sich im Hotel eben nicht so entspannt und es joggt sich auch nicht so locker, wenn man weiß, dass der Ehepartner Zuhause 300 Kilometer entfernt gerade in alle Richtungen rotiert, um irgendwie seinen Alltag zu wuppen.

Dazu kommen die Telefonate mit den Kindern. Von denen hört man kein: „Irgendwie kriegen wir das schon hin“, sondern eher: „Papa, ich vermisse dich, ich möchte, dass du mir Pippi Langstrumpf vorliest.“ „Ja, meine Kleine, das mache ich am Donnerstag, dann zwei Kapitel.“ „Papa, ich finde es so schade, dass ich nicht mit Dir Deutschland gegen Ungarn schauen kann.“ „Ja, ich würde das auch gerne mit dir gucken. Vielleicht kommt Deutschland ja weiter, dann schauen wir das Achtelfinale zusammen, versprochen!“

Dann die Dinge, die im Alltag passieren: Theo schreibt eine Matheprobe, unsere Tochter Frida ist bei einer Kitafreundin zum Geburtstag eingeladen. Normalerweise sind das meine Jobs, Mathe üben, mit Eltern der Freundin sprechen und ein Geschenk besorgen. Wenn man diese Dinge erfährt, während man auf der zu weichen Matratze eines Hotelzimmers liegt, in dem alle paar Minuten die Kühlung der Minibar anspringt und der Blick aus dem regennassen Fenster über den Parkplatz an der Ruine einer alten Gießerei endet, dann fühlt man sich ziemlich unbeteiligt. Irgendwie hat man sich das doch anders vorgestellt.

Aber: Wir machen das Beste daraus, so ist es ja immer. Seit meiner Rückkehr habe ich viel mit den Kindern unternommen. Außerdem hatten wir Besuch aus Berlin, dort sind ja schon Sommerferien. Am Sonntag hatte Theo ein Fußballspiel, danach waren wir im Freibad, damit meine Frau ein paar Stunden Ruhe hatte, das über die Woche verloren gegangene Arbeitspensum wieder aufzuholen.

Die Frage, ob der beste Job der Welt diese Pendelei rechtfertigt, dieses Getrenntsein wert ist, werden wir uns in ein paar Monaten stellen und beantworten.

Heute Abend werde ich meiner Tochter Pippi Langstrumpf vorlesen, zwei Kapitel. Das Versprechen, mit Theo das Achtelfinale der Deutschen zu schauen, kann ich nicht halten. Ich steige morgen wieder in den Zug und komme erst Donnerstag wieder.

29. Jun. 2021
von Matthias Heinrich
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22. Jun. 2021
von Sonia Heldt
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Elternhilfe, das geliebte und gehasste Ehrenamt

Ohne Begleitung von Eltern undenkbar: Schulklasse auf Waldexkursion
Ohne Begleitung von Eltern undenkbar: Schulklasse auf Waldexkursion

Mayas Klassenlehrerin möchte zum Ende des Schuljahres zwei Wandertage durchführen. Man sucht Fahrdienstwillige für den einen und Begleiteltern für den anderen Tag. Ich führe ein Zwiegespräch mit meinem Gewissen:

Du weißt schon, dass du gerade vor den Sommerferien in Arbeit schwimmst und es dir eigentlich nicht leisten kannst, nun auch noch den Ausflug zu begleiten oder Taxi zu spielen?“ 

Irgendjemand muss es doch machen, und rein theoretisch geht es ja mit ein bisschen hier und da schieben.“

„Sollen doch die anderen.“

„Aber man kann sich nicht drauf verlassen, dass es andere machen. Du weißt selbst, wie schwierig sich das oft gestaltet.“

„Das kann nicht dein Problem sein. Erinnerst du dich an Mayas letzten Ausflug in der Grundschule? Du musstest sogar die Busfahrkarte selbst bezahlen. Muss ich dich daran erinnern, wie sehr du dich geärgert hast?“

Ja, ich erinnere mich. Die Busfahrkarte war eigentlich nicht das Problem. Sie hat mich nicht arm gemacht. Die Busfahrkarte steht für mich als symbolisches Warnmal, damit ich meine Hilfe nicht allzu leichtfertig anbiete. Ehrenämter sind undankbare Ämter, für die man keinen Dank erwarten kann und auch nicht darf. Dennoch war bei mir irgendwann der Moment erreicht, an dem ich mich ausgenutzt fühlte. An besagtem Grundschulausflug, zu dem ich mich als Begleitperson bereiterklärt hatte, fragte ich Mayas Lehrerin nebenbei, wer denn nun eigentlich die ganzen Koffer am Zielort ausladen würde: Die Abschlussfahrt der vierten Klasse sollte in einer nahegelegenen Jugendherberge stattfinden. Man hatte beschlossen, mit den Kindern in öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen und die Koffer von „bereitwilligen Eltern“ zur Jugendherberge transportieren zu lassen.

„Bereitwillig“ stellte wie üblich ein Problem dar. Mein Mann bot seinen großen Transportwagen an. Da er erst kurz zuvor einen Bandscheibenvorfall erlitten hatte, musste beim Ausladen Hilfe her. Mayas Lehrerin antwortete mir auf meine Frage lapidar, ich solle mich in der Klasse umhören, denn ich wäre sicher gut vernetzt. Anscheinend hatten mein Mann und ich wie selbstverständlich die weitere Organisation gewonnen. In diesem Moment wurde die Busfahrkarte für mich zum Symbol. Nicht einmal 2,10 Euro aus der Klassenkasse oder eine Tasse Kaffee (es war kalt) war mein Einsatz an diesem Tag wert gewesen. Wer am Ende die dreißig Koffer in der Jugendherberge auslud? Mein Mann mit seinem Bandscheibenvorfall, die Klassenlehrerin, ihr Sohn und ich.

Maya und Lara besuchten eine städtische Grundschule, die ich vom sozialen Gefüge her als bunt bezeichnen würde. Besonders die Elternabende von Laras Klasse waren schlecht besuchte Veranstaltungen. Es meldeten sich nur einzelne und immer dieselben Eltern, wenn es mal wieder hieß: „Wir können den Ausflug nur mit Elternhilfe durchführen, sonst muss er ausfallen.“  Ich engagierte mich ehrenamtlich in der Schülerbücherei, half Erstklässlern beim Lesenlernen und trug mich brav ein, wenn für Schulfeste Kaffee- und Kuchenspenden oder Helfer für die Cafeteria gesucht wurden. Ich ging als Elternbegleitung ins Theater. Ich backte Weihnachtsplätzchen, säuberte Tische, verbrannte mir die Finger am Backblech, putzte den dreckigen Boden und hatte danach oft keine Lust mehr, mit meinen eigenen Kindern zu Hause zu backen. Ich blockte mir Vormittage für das Fahrradtraining und die Radfahrprüfung („Wir haben zu wenig bereitwillige Eltern, die das Radfahrtraining und die Prüfung begleiten wollen. Wir müssen es sonst leider komplett ausfallen lassen. Kann denn wirklich niemand?“) um legte mich mit aufmüpfigen, rotzfrechen Grundschulkindern an, die weder das Radtraining noch mich ernstnehmen wollten.

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22. Jun. 2021
von Sonia Heldt
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15. Jun. 2021
von Philipp Krohn
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Was wir in der Pandemie als Familie gelernt haben

Ein Fall für die familiäre Mittagspause im Lockdown: ein TKKG-Hörspiel

Es hat 38 Jahre gedauert, bis ich die entscheidende Textzeile verstanden habe. „Karl lässt schnell die Fakten tanzen“, heißt es im ursprünglichen Titelsong der TKKG-Hörspielreihe. Aus Rechtsstreitigkeiten wurde er später durch das Lied mit der Zeile „TKKG, die Profis in spe“ ersetzt, genauso wie der Name Tarzan zu Tim getauscht wurde – nicht etwa, weil der Dschungelheld nicht als Vorbild für die Jugend taugte, sondern weil seine Verwendung gegen Trademark-Bestimmungen verstieß. Das weiß ich alles, weil Pandemie ist.

In fünfzehn Monaten Gesundheitskrise sortiert sich einiges neu. Und so ist das gemeinsame Hörspielhören beim Mittagessen während der Homeschooling-Wochen zu einem kleinen Ritual geworden. Jetzt finden wir irgendwann anders Zeit für die Folgen der jugendlichen Ermittlerbande, die in einer Großstadt lebt („eine Stadt, die so groß ist wie die unsere“, sagt der hauptberufliche Kommissar Emil Glockner an einer Stelle), deren Attribute klar auf München schließen lassen, und die auch zur Verbrechensbekämpfung im Umland ausschließlich mit dem „Drahtesel“ unterwegs sind.

In der Pandemie hat sich unsere Familie natürlich ein bisschen neu sortiert. Hatten wir das Gefühl, dass Familie und Kinder immer Priorität hatten, wie es die Bundesregierung als Parole ausgegeben hat? Das sind die zwei Themen, um die es in diesem Blogbeitrag gehen soll.

Gestern traf ich einen Sportsfreund. Wir alle waren merklich nicht in Form. Homeoffice hat Bewegungsarmut erzeugt. Ich wunderte mich, ihn zu sehen, denn vor Corona war er mit seiner Familie in eine andere Stadt in der Nähe gezogen. Nun war er offensichtlich wieder da. Nach unserer mehr oder weniger erfolgreichen Rückkehr auf den Hallenboden erzählte er über die Gründe. Es sei nicht leicht gewesen, am neuen Wohnort Anschluss zu finden. Nicht nur wegen Covid-19, aber auch deshalb. Einige Male sei die Familie zu Besuch in der Großstadt gewesen, die Kinder hätten immer Freunde getroffen, wenn sie auf Spielplätzen waren. Irgendwann reifte der Wunsch zurückzukommen.

Als eine der positiven Erfahrungen wertete er, dass die Familie einen neuen Rhythmus gefunden habe. Habe es früher immer geheißen, wegen der Kinder müsse man ganz schnell nach draußen, hätten die Begriffe „Chillen“ und „Gammeln“ nun eine Bedeutung bekommen. Halt so etwas wie unsere TKKG-Sessions – alle hören zu, können aber auch ein bisschen vor sich hinträumen, langsamer oder schneller essen als der Rest. Auch in anderen Dimensionen lässt sich das bei uns beobachten: Früher haben wir uns immer gefragt, wann eigentlich Comics und Bücher mal Zeit finden. Mit Covid-19 teilt sich ein Wochenend-Tag nicht mehr in eine Vormittagseinheit und eine Nachmittagseinheit, sondern lässt auch Müßiggang zu.

Wird das bleiben? Immerhin haben viele über diese Erfahrung auch schon nach dem ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr berichtet. Genauso wie sich Waldspaziergänge und Fahrradtouren als passable Alternativen zum Hallenbad und zur Schlittschuhbahn erwiesen. Aber etwas ist doch anders nach fünfzehn Monaten Pandemie. Viele Familien sind an ihre psychischen Grenzen gestoßen und sprechen das auch aus. So lange Zeit Kinder ruhig zu halten, die kaum Freunde, keinen Sport, wenig Abwechslung, Unterricht am Bildschirm und permanenten engen Austausch mit Eltern und Geschwistern hatten, dürfen sich Eltern ruhig als große Lebensleistung ans Revers heften. „Wer hätte gedacht, dass es schlecht für die Psyche ist, monatelang den Stress um 300 % zu erhöhen und den Spaß um 90 % zu reduzieren?“, schrieb kürzlich der Comiczeichner Krieg und Freitag (Tobias Vogel) auf Twitter.

Und dann ist da noch die politische Komponente. Während des ersten Lockdowns fielen Hunderttausende Familien von einem auf den anderen Tag (für viele der 15. auf den 16. März vergangenen Jahres) in eine völlig neue Lebenssituation: Eltern wurden Lehrer, Köchinnen, Erzieher und Homeoffice-Arbeiterinnen zur gleichen Zeit. Um bei Krieg und Freitag zu bleiben: Wie viel Erholung und Ausgleich brauchen sie jetzt eigentlich, um den um 300 Prozent erhöhten Stress und den um 90 Prozent reduzierten Spaß auszugleichen? Weiß das vielleicht eine gute Psychologin oder ein versierter Psychoanalytiker?

In der ersten Phase der Pandemie hatten viele noch Verständnis für eine Politik, die noch nie mit einer solche Situation konfrontiert war. Je länger sich die Krise hinzog, desto sichtbarer wurden strukturelle Defizite, die man sicherlich auch nicht vom einen auf den anderen Tag beheben kann. Doch woran sich die meisten Familien abarbeiten, ist die scheinbare Priorität für Kinder, die pausenlos deklamiert, aber nicht gelebt wurde. So etwa die Ignoranz gegenüber Kindern in ärmeren Stadtteilen, deren Hilfeinfrastruktur wegbrach und jetzt, da man mehr über die Risiken der Pandemie weiß, wieder etwas besser funktioniert. Doch dass immer etwa zwei Wochen, nachdem dringend notwendige Erleichterungen in den Schulen verkündet wurden, dieselben Erleichterungen auch für andere gesellschaftliche Bereiche verkündet wurden, ließ zumindest Zweifel an der Ehrlichkeit der Behauptung aufkommen, dass Kinder ganz oben stehen.

Wir haben mal wieder eine Etappe genommen. Immer mehr Menschen sind geimpft, die Inzidenzen so niedrig, dass das Leben allmählich wieder lebenswerter wird. Wir treffen Freunde beim Sport wieder, gehen mit angezogener Handbremse EM im bescheidenen Public Viewing schauen. Und wir haben einiges gelernt, von dem wir nicht gedacht hätten, dass wir es lernen. Es heißt nicht: „Karl ist schnell die Faktentasche.“ Es heißt auch nicht: „TKKK, die Profis im Spähen.“ Und man erfährt auch nie, was Sabine Lenz eigentlich dazu sagt, dass ihr Versicherungsheini so ein gemeiner Dieb ist. Ab Folge 50 steigen wir dann auf Die drei ??? um – aber die mit der Originalmusik von Bert Brac und Phil Moss, die eigentlich Carsten Bohn heißen und im früheren Leben mal der Drummer der besten deutschen Rockband Frumpy waren. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

15. Jun. 2021
von Philipp Krohn
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08. Jun. 2021
von Matthias Heinrich
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Keine Oma ist wie die andere

Niemand weiß besser als die beiden, was sie aneinander haben.
Niemand weiß besser als die beiden, was sie aneinander haben.

In den Pfingstferien sind wir endlich einmal wieder nach Norddeutschland gefahren. Wir haben unsere Familien besucht. Nach über einem Jahr haben unsere Kinder ihre Großmütter wiedergesehen. Ein Fazit kann ich vorwegnehmen: Es hat sich nicht viel geändert.

Meine Mutter hat bisher vier Enkelkinder. Ein besonderes Verhältnis zu ihrer Oma hat unsere Tochter Frida (6). Vielleicht, weil Frida das einzige Mädchen unter den Enkeln ist und mit zweitem Namen wie ihre Oma heißt. Dass die beiden sich so mögen, ist schön, bleibt aber ein kleines Rätsel. Denn so oft haben sich die zwei noch nicht gesehen. Frida wurde in Berlin geboren, meine Mutter lebt über 400 Kilometer entfernt. Da sie selber nicht reist, waren es immer wir, die zu Besuch kamen. Auch jetzt, wo wir nach Franken gezogen sind.

Außerdem ging es meiner Mutter eine Weile schlecht. Sie war im Krankenhaus. Inzwischen hat sie ihr Tief überwunden, fast ohne fremde Hilfe. Sie lebt allein und hat gerade während der Pandemie keine besonders angenehme Zeit gehabt. Außerdem wird sie mit zunehmendem Alter verwirrt und vergesslich. Ob Frida und ihr Bruder Theo (8) diese Verwirrtheit mitbekommen, kann ich nur vermuten. Thematisiert haben wir das bis jetzt noch nicht. Ich denke, dass sie merken, dass mit Oma etwas seltsam ist. Sie gehen nur unterschiedlich damit um.

Auch Theo liebt meine Mutter, hat aber aus meiner Sicht ein engeres Verhältnis zu meiner Schwiegermutter, seiner anderen Oma. Vielleicht, weil er sie als Baby häufiger gesehen hat als meine Mutter. Ich erinnere mich, wie sie ihn auf einer Feier einmal stundenlang mit einem zusammengeknüllten Papiertaschentuch unterhalten hat. Der Junge war wie hypnotisiert.

Mit Sicherheit hat Theos größere Zuneigung mit den Geschenken zu tun. Während meine Schwiegermutter den Kindern regelmäßig zu allen Anlässen Pakete schickt und die Kinder bei jedem Besuch etwas zum Spielen von ihr bekommen, macht meine Mutter ihnen fast nie Geschenke. Sie denkt einfach nicht daran. Vielleicht müssten wir ihr dabei etwas unter die Arme greifen.

Theo kommt mit meiner Schwiegermutter auch deshalb besser klar, weil sie aktiv mit den Kindern spiel. Oma schlüpft in andere Rollen, macht Quatsch, und alle lachen. Daran erinnert er sich zu Hause dann immer wieder gerne. „Wir müssen mal wieder zu Oma fahren, Mama“, sagt er dann. Frida ergänzt immer mit Nachdruck: „Ja, aber wir müssen auch mal wieder die andere Oma besuchen.“ Dabei schaut sie mir in die Augen und erwartet meine Bestätigung.

Vergangene Woche haben wir beide Omas besucht. Eine Woche lang quartierten wir uns auf einem kleinen Reiterhof in Norddeutschland ein. Dort halfen die Kinder jeden Morgen beim Stallausmisten und durften hinterher an der Longe reiten.

Beim ersten Wiedersehen mit meiner Mutter war die Freude riesig. Es wurde gekuschelt und gedrückt. Während sich Theo aber schnell mit seinen Cousins auf dem Trampolin vergnügte, setzte sich Frida immer wieder zu ihrer Oma und löcherte sie mit Fragen: „Hast du früher auch geritten? Hattet ihr auch einen Hund?“ Das Mädchen wollte sie integrieren. Und Oma machte mit: „Pferde hatten wir nur, wenn auf dem Feld gearbeitet wurde. Da hat mein Papa sich eins ausgeliehen, und ich durfte auf seinem Rücken sitzen. Einen Hund hatten wir aber: Der hatte kurze Beine, hellbraune Locken und hieß Wolfi.“ Frida hörte aufmerksam zu, fragte weiter und setzte irgendwann ihr Spiel fort.

Am nächsten Tag – meine Frau musste arbeiten – machten Theo, Frida, meine Mutter und ich einen Spaziergang durch meinen Heimatort. Es war herrlich: Die Kinder tobten durch den Park, warfen Steinchen in den Teich, und Oma erzählte, dass man früher für 30 Pfennige ein Boot mieten und zur Enteninsel rüberfahren konnte. Die Kinder staunten. Frida fand eine Gänsefeder und war auf einmal Indianerin. Am Schluss gab es für die Kinder ein Eis und für Oma einen Espresso und eine Zigarette.

An den nächsten Tagen sahen wir meine Mutter regelmäßig und unternahmen etwas zusammen. Dann besuchten wir die andere Oma. Sie wohnt fast hundert Kilometer entfernt nahe der Grenze zu Holland. Meine Schwiegermutter ist eine sehr gute Gastgeberin, freut sich immer schon Tage vorher auf unseren Besuch und bereitet jede Menge zu Essen vor.

Nachmittags regnete es, darum verschoben wir das obligatorische Pizza-Essen einfach nach vorne. Dabei erinnerten wir uns mit den Kindern an die Eichenprozessionsspinner vom vorletzten Sommer, die Oma mit einem Kehrblech weggefegt hatte, und an Theos folgenden Hautausschlag. „Oh Mann, das hat gejuckt!“ rief er.

Worüber wir mit den Kindern nicht sprachen, waren die Probleme, die Sorgen, die es auch in der Familie meiner Schwiegermutter gibt. Aber immerhin sprachen wir Erwachsenen einmal offen wie noch darüber, während die Kinder unten auf der regennassen Wiese barfuß einem Ball hinterherjagten.

Am Abend begann der Regen wieder. Die Kinder saßen in Schlafanzügen und mit geputzten Zähnen auf der Rückbank und winkten Oma traurig zu, die in der Tür stand und mit den Tränen kämpfte. „Das ist ungerecht“, schimpfte Theo. „Wir sind eine ganze Woche hier im Norden und besuchen Oma nur an einem einzigen Nachmittag.“ Meine Frau und ich beschlossen, unseren nächsten Urlaub in der Heimat etwas gerechter zwischen den Omas aufzuteilen.

Die Woche ging rasend schnell vorbei. Am Abreisetag verpassten wir durch ein Missverständnis meine Mutter und konnten uns nicht von ihr verabschieden. Ich rief sie von unterwegs an und wir sagten bis zum nächsten Mal und dass ich ihr Fotos schicke.

Jedes Mal, wenn ich von ihr wegfahre, denke ich, ob ich sie beim nächsten Mal noch gesund und munter wiedersehen werde.

Unsere Omas sind unterschiedlich wie ihre Enkel. Es gibt keinen Wettbewerb, keine noch irgendwie geartete Rivalität. Bei ihren seltenen Treffen haben sie sich sehr gut verstanden. Unsere Kinder lieben die beiden, wie ein Kind seine Oma eben lieben sollte. Sie sind zwei Frauen jenseits der siebzig, mit denen es das Leben nicht immer gut gemeint hat. Ich frage mich, wann der richtige Zeitpunkt ist, mit den Kindern darüber zu sprechen. Noch ist er nicht da.

08. Jun. 2021
von Matthias Heinrich
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