Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

24. Nov. 2020
von Sonia Heldt
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Wenn die beste Freundin verliebt ist

Früher war ich ihre Nummer eins: Die sechzehnjährige Lara erzählt, wie es sich anfühlt, wenn die beste Freundin nur noch Augen für ihren neuen Freund hat.

Man kann auch auf die beste Freundin eifersüchtig sein – oder richtig genervt von ihrer Liebesgeschichte.

Ich habe keinen Freund. Keinen Freund zu haben hat sehr viele Vorteile. Zum Beispiel wirst du dann nicht mitten im Mathe-Unterricht angerufen. Wie meine beste Freundin Franzi neulich, als sie vergessen hatte, ihr Handy lautlos zu stellen und Siri lauthals den Anrufer verkündete: „A Mein Herz ruft an“. Franzi wurde knallrot. Für alle, die das „A“ vor dem „mein Herz“ nicht verstehen: Das ist natürlich dafür da, dass in der Kontaktliste der Name ganz oben bei A erscheint, weil Franzis Freund nämlich leider nicht mit A anfängt, sondern mit B! (Warum war vor meinem Namen, als ihrer besten Freundin, eigentlich kein A?). Nennen wir ihn „Bruno“.

Ich weiß jetzt sehr viel über Bruno, schließlich redet Franzi von fast nichts anderem mehr. Auch auf Insta und Snapchat sehe ich nur noch den Namen Bruno, denn sie markiert ihn überall. Wöchentlich werden ihre Couple-Bilder in die Story gepackt. Bruno besitzt natürlich auch ein eigenes Story-Highlight auf ihrem Account: Bilder nur mit ihm. Wieso habe ich eigentlich kein eigenes Story-Highlight, obwohl es doch so viele gemeinsame Bilder von Franzi und mir gibt?

Bruno ist ein großer, schlaksiger blonder Junge, der ausschließlich weiße Hemden oder Poloshirts trägt und sich die Haare nach hinten gelt. Und er guckt wie ein Hund. Brunos Lieblingsgetränk ist Jägermeister. Bruno ist sowieso ganz, ganz toll, findet Franzi. Und Bruno jagt! Aber das Schlimme ist nicht sein Hobby, sondern dass meine Freundin so wild entschlossen ist, es super zu finden. Manchmal schickt Bruno Franzi ganz stolz Fotos von seiner erlegten Beute. „Er hat letzte Woche seinen Jagdschein gemacht“, verkündete Franzi letztens in der Schule. Und dann blinkte in der zweiten Pause eine Nachricht von „A Mein Herz“ auf. Ich schaute neugierig über ihre Schulter auf ihr Display und runzelte beim Anblick des Fotos die Stirn: Auf dem Boden lag ein blutender Hirsch, seine Augen schauten leblos ins Leere. „Was ist das denn?“ Ich war schockiert. „Das ist ein Hirsch, den Bruno mit seinem Vater erlegt hat“, sagte Franzi tapfer, aber Begeisterung sieht anders aus.

Es wurde noch schlimmer, als ich abends durch Instagram scrollte und mir Franzis Story anschaute: Candlelight-Dinner mit Bruno. Kunstvoll hatte sie die Insta-Story mit dem kitschigsten Lied, das sie finden konnte, unterlegt und ihren Liebsten selbstverständlich markiert. Was mich stutzig machte, war das Fleisch auf dem Teller. Da Franzi mir erzählt hatte, dass Bruno seine erlegten Tiere natürlich auch isst, wurde mir bewusst, dass es sich bei dem Fleisch auf dem Teller also um den armen Hirsch handelte, den ich heute Morgen noch auf Franzis Handy gesehen hatte. Jetzt unterstützt sie auch noch das Jagen und Töten von unschuldigen Tieren!, dachte ich.

Generell habe ich das Gefühl, Franzi zieht Bruno mir vor. Egal, ob es um Treffen oder Telefonate geht. Immer ziehe ich den Kürzeren. Franzi hat zum Beispiel Angst vor Horrorfilmen. Mit mir wollte sie bisher nicht mal „Coraline“ gucken. Das ist ein Kindergruselfilm ab sechs Jahren! Und dann erzählte sie mir, dass sie sich mit Bruno den Horrofilm „Die Frau in Schwarz“ angeguckt hätte. Dabei könnte ich sie mindestens genauso gut wie Bruno beschützen, auch wenn ich keine Jagdwaffe besitze. Ich würde schon eine Möglichkeit finden.

Was Franzis und meinen letzten, gemeinsamen Filmabend angeht: Als wir gemütlich mit unseren Pizzen vorm Laptop-Bildschirm saßen, um in den Abend mit Julia Roberts zu starten, waren wir nicht mal zu zweit. Wir waren zu dritt! Bruno saß zwar nicht neben uns, aber irgendwie hatte ich dann doch den Eindruck, dass er dabei war, denn er quatschte dauernd dazwischen. Ständig schickte er Franzi Sprachnachrichten und erzählte minutenlang vom Abendessen mit seiner Familie und was sie jetzt noch machen würden. Wer wollte das wissen? Ich jedenfalls nicht! Das Einzige, was ich wollte, war ein Bruno-freier Abend mit Franzi und Julia Roberts. Aber das funktionierte nicht, weil ständig Franzis Displays aufleuchtete und dort stand: „5 ungelesene Nachrichten von A Mein Herz.“

Ich frage mich langsam, was Bruno eigentlich früher gemacht hat, als er noch nicht mit Franzi zusammen war. Denn er schreibt Franzi gefühlt in jeder freien Minute oder ruft sie an. Vor ein paar Wochen stand meine Mathearbeit an. Ich sprach mit Franzi über Zoom und versuchte verzweifelt ihrer Erklärung zu folgen, wie man denn nun eine Potenzfunktion ausrechnet, als ich bemerkte, wie Franzi immer wieder nach unten schielte und sichtlich nervös wurde. „Äh du, ist es okay für dich, wenn ich jetzt auflege, Bruno ruft mich gerade die ganze Zeit an“, sagte sie zerknirscht. „Was? Habt ich nicht eben schon telefoniert?“, fragte ich perplex, aber Franzi ließ mich nicht weiterreden, sondern legte auf. Mit offenem Mund starrte ich auf das Handydisplay.

Dann schleppte Franzi Bruno zum ersten Mal zu einer Stufen-Party mit. Die anderen aus unserer Clique waren natürlich total neugierig auf ihn, denn Franzi ist kaum noch mit uns unterwegs. Alle fragten mich ständig, wo Franzi denn wäre und ich erklärte dann, dass sie entweder bei Bruno wäre oder mit ihm bei seinen Leuten. Im Grunde ist Bruno ein freundlicher, netter Typ, aber er trottete Franzi natürlich den ganzen Abend in seinem weißen Hemd hinterher. Irgendwann spielte jemand „Atemlos durch die Nacht“. Dieses Lied hat, meiner Meinung nach, nur etwas auf Grillfesten von spießigen Eltern etwas zu suchen. Doch zu meiner Überraschung schrie Franzi entzückt auf und Bruno erklärte: „Als dieses Lied auf der Party meines Freundes lief, haben wir uns zum ersten Mal geküsst.“

Vielleicht hatte ich an diesem Abend zu viel getrunken. Denn am Montagmorgen erzählte mir Franzi in der Schule Unglaubliches: „Kannst du dich eigentlich noch daran erinnern, dass du mit Bruno einen Jägermeistershot getrunken hast, um zu feiern, dass du ihm deinen Segen für uns gegeben hast?“ Ich starrte sie an. „Habe ich das?“ Sie nickte. ,,Du hast mit deinen Armen so ein Kreuz gemacht, wie es sonst Könige machen, wenn sie jemanden zum Ritter schlagen.“ Ich stöhnte, weil ich mich daran absolut nicht mehr erinnern konnte. Jetzt hatte ich ihr auch noch meinen Segen für „A Mein Herz“ gegeben!

Natürlich bin ich froh, dass Franzi so einen tollen Freund gefunden hat. Ich glaube, Bruno wird Franzi nicht das Herz brechen und verdient es, von ihr geliebt zu werden. Er schreibt ihr regelmäßig, behandelt sie gut und führt sie zu süßen Dates aus. Trotzdem könnte Bruno seine Herzchen, die er ununterbrochen an sie schickt, ein bisschen einschränken und mir auch noch ein bisschen Platz in Franzis Leben lassen. Mich macht es schon traurig, dass mal eben so ein Typ ankommen und mich verdrängen konnte. Das fühlt sich an, als wäre man in eine Schublade gesteckt worden. Aber das kann ich Franzi nicht sagen, weil es ihr sicher ein schlechtes Gefühl geben würde und das will ich nicht. Ich hoffe immer, dass sie es vielleicht irgendwann selbst merkt.

Während Franzi nun viel Zeit mit Bruno verbringt, genießen meine Freundin Gina und ich unser Singleleben. Wir sind uns einig, dass wir schon gerne einen Freund haben würden, aber keine Beziehung. Versteht man nicht? Das Wort „Beziehung“ bedeutet für uns die Verpflichtung, sich auf eine einzige Person zu konzentrieren. „Einen Freund haben“ bedeutet dagegen, sich zu zweit in einer Decke eingekuschelt schnulzige Liebesfilme anzuschauen, Hand in Hand durch den Wald zu spazieren und sich Herzchen-Emojis hin- und herzuschicken. Das wäre schon okay. Wenn es nicht zu viele werden.

24. Nov. 2020
von Sonia Heldt
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20. Nov. 2020
von Matthias Heinrich
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Sprich hochdeutsch, Kind!

Ob Lesen wirklich vor Mundart bewahrt?
Ob Lesen wirklich vor Mundart bewahrt?

„Frühs wird es jetzt immer dunkler“, sagte Theo neulich am Frühstückstisch und schaute aus dem Fenster. Im Garten balgten sich zwei Amseln in der Dämmerung. Ich räuspere mich: „Mit ‚frühs‘ meinst du morgens, oder?“ Der Junge sah mich an: „Jaha. Frühs halt.“

Seit fast anderthalb Jahren leben wir inzwischen in Franken. Dass die Menschen hier anders sprechen, war uns klar. Ich finde das auch eigentlich gut. Man erweitert seinen Wortschatz. Zum Fußballtraining meines Sohnes begrüßte mich einer der Väter, ein Urfranke, anfangs immer mit „Ah, der Zugeschmackte“. Das bedeutet so viel wie der Zugezogene oder einfach der Neue. Die Begrüßung war keinesfalls diskriminierend gemeint – eher im Gegenteil. Der Mann wollte auf diese Weise meine Schlagfertigkeit provozieren. Es hat auch funktioniert. Wir zwei trainieren inzwischen gemeinsam ein Team und ergänzen uns sehr gut.

So habe ich gerade im Fußball einige fränkische Fachausdrücke kennen gelernt: Wenn ein Spieler mit dem Ball am Fuß gerne fummelt, nennen die Franken das „schwanzen“. Warum auch immer. Wenn die Spieler einen Kreis bilden und zwei in der Mitte versuchen, den Ball zu bekommen, heißt das „Eckla“. Das klingt besser als „Fünf gegen zwei“, wie wir das nennen. Und wenn jemand einem anderen den Ball durch die Beine spielt, heißt das „pannern“ oder „Leo schieben“. Auch das gefällt mir viel besser als „dönern“, wie es mein Sohn in Berlin gelernt hat. Der Begriff kommt tatsächlich von dem türkischen Drehspießgericht.

Sprache ist ja auch immer ein Integrationsmittel. Man übernimmt Begriffe und Redensarten und kommt so seinem neuen Umfeld näher. Das ist gut und ein ganz normaler Prozess. Wenn aber jemand den Slang, die Mundart oder eben die ganze Art zu sprechen übernimmt, geht mir das eindeutig zu weit. Und das tut Theo leider.

Meine Frau und ich kommen aus Niedersachsen. Ich bin am Südhang des Teutoburger Waldes aufgewachsen. Vor über 2000 Jahren haben Hermann und seine Germanen hier die Römische Legionen geschlagen und vor knapp 400 Jahren wurde in Osnabrück, das ist ganz in der Nähe, der Westfälische Frieden beschlossen. Das war´s. Ansonsten besticht die Gegend im Nordwesten durch ihre Ruhe und die ansprechende Landschaft.

Worauf wir uns etwas einbilden könnten, ist unsere Aussprache. Die ist bis auf einige, wenige lokale Besonderheiten wie etwa die unnötige Substantivierung von Verben („Ich bin gerade am Arbeiten.“) ziemlich klar. Es gibt keinen Slang.

Unser Sohn wird demnächst acht. Er wurde in Osnabrück geboren. Er spricht hochdeutsch. Daran haben auch die sechs Jahre in Berlin nichts geändert. Theo konnte schon früh recht gut sprechen und hat dadurch jede Menge Selbstbewusstsein entwickelt. So hat er kein Problem damit, auch auf ältere Kinder zuzugehen. Er hat auch schon immer Dinge von den Größeren übernommen. Hier in Franken ist es die Aussprache.

Theo hat einen Kumpel, der ein paar Jahre älter ist und der immer darauf achtet, möglichst cool rüberzukommen. Der Junge erzählt den Kleineren gerne, was er Tolles gemacht hat. Die Kinder sind immer ganz beeindruckt. Wenn Theo vom Spielen nach Hause kommt und von diesem Jungen berichtet, denke ich manchmal, ein anderes Kind steht vor mir. Er zieht dann die Vokale seltsam in die Länge, macht aus dem „t“ ein „d“ und aus dem „k“ ein „g“, rollt das „r“ und hängt ein „e“ an die letzte Silbe. Gut, so sprechen Franken nun mal, aber doch bitte nicht mein Kind. Mir tut das richtig weh. Theo hat eine saubere Aussprache und jetzt fängt er „das Fränggeln“ an. „Sprich bitte hochdeutsch, Junge“, ermahne ich ihn. Er schaut mich dann seltsam an. Meistens legt sich das Phänomen nach einer Weile. Allerdings taucht es in letzter Zeit häufiger auf.

Inzwischen habe ich mir einen Schlachtplan überlegt. Das Kind wird mit dem Hochdeutschen torpediert, auf allen Kanälen. Wir lesen jetzt mehr. Vor allem das gegenseitige Vorlesen hilft enorm. Ich kann ihn sofort korrigieren. Außerdem darf er mehr Hörbücher hören und sogar mehr Fernsehen. Es gibt in den einschlägigen Mediatheken eine große Auswahl gutgemachter Kindersendungen – und alle auf hochdeutsch. Wenn wir uns morgens am Frühstückstisch unterhalten, spricht er hochdeutsch. Ich bin guter Dinge, dass wir diesen Kampf gewinnen werden. Allerdings weiß ich genau, was mein urfränkischer Trainerkollege dazu sagen würde: „So an Geschmarre!“

20. Nov. 2020
von Matthias Heinrich
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12. Nov. 2020
von Sonia Heldt und Tanja Weisz
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Stillen mag das Beste sein, aber nicht immer das Richtige

Stillen oder Flasche? Jede werdende Mutter sollte das selbst frei entscheiden können – aber der gesellschaftliche Druck zu Stillen ist für viele schrecklich. Zwei Erfahrungsberichte.

Nicht bei jeder Mutter klappt das Stillen einfach so.

Ich habe meine Kinder nicht gestillt

Ich habe es nicht einmal versucht. Als ich mit meiner ersten Tochter schwanger war, freute ich mich riesig auf mein neues Leben als Mutter und alles, was nun kommen würde. Engagiert las ich mich durch Schwangerschaftsratgeber, verzichtete auf Kaffee, Rohmilchprodukte und rohes Fleisch, versuchte so viel Gesundes wie möglich in meinen Speiseplan zu integrieren und stürzte mich in Nest-Vorbereitungen. Die waren genau mein Ding! Es liegt in meiner Natur, immer einen Schritt weiter zu sein als ich muss. Ich überlasse so gut wie nie etwas dem Zufall und plane und entscheide alles so früh wie nur irgendwie möglich. Und es gibt so viele spannende Dinge, die man entscheiden muss, wenn man zum ersten Mal guter Hoffnung ist! Wie richten wir das Kinderzimmer ein? Was für einen Kinderwagen kaufen wir? Welche Auto-Babyschale ist die sicherste? Welche Erstausstattung brauchen wir? In welcher Klinik entbinde ich? Wie lange nehme ich Elternzeit? Welchen Namen geben wir unserem Kind? Wo melde ich mich zum Geburtsvorbereitungskurs und später zur Rückbildungsgymnastik an? Eine aufregende Zeit für mich. Ich war genau im Bilde, wie weit mein Ungeborenes entwickelt war, wusste, wann es Lichtquellen durch die Bauchdecke wahrnahm und wann es in etwa die Finger bewegen konnte. Ich studierte die verschiedenen Phasen der Geburt und was mich im Wochenbett erwartete.

Am Ende des letzten Trimesters beschäftigte das Thema „Stillen“ meine Planung. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits soweit, dass ich meiner ungeborenen Tochter ihr zeitlich befristetes Wohnrecht wegen Eigenbedarf am liebsten frühzeitig aufgekündigt hätte. Irgendjemand hatte mir anscheinend heimlich einen Gartenschlauch unter die Haut gesteckt, „Wasser marsch!“ gerufen und mich randvoll gefüllt. Ich war eine lebende Wasserbombe. Ich konnte meine Knöchel nur noch erahnen und meine Füße passten in kein vernünftiges Schuhwerk mehr hinein. Ich hatte das Gefühl, jeden Moment zu platzen. Die letzten Wochen der Schwangerschaft sind für die meisten Frauen kein Vergnügen. Meine Brüste kamen mir nicht nur riesig vor, sie waren es auch und sie sollten, laut meiner Pflichtlektüre, sogar noch praller werden, wenn erst einmal die Milch nach der Geburt einschießen würde. Ich las von wunden Brustwarzen, Stillhütchen, Milchpumpen und Milchstau mit hohem Fieber. Meine Brüste würden die Funktion einer allzeit bereiten Futtertränke übernehmen. Wie würde das ablaufen, wenn ich unterwegs wäre? Ich bin definitiv nicht der Typ, der im Café oder auf der Spielplatzbank seine Brust rausholen und sein Kind einfach anlegen würde. Es ist nichts Falsches oder Unnatürliches daran, wenn eine Mutter ihr Kind in der Öffentlichkeit stillt, aber für mich konnte ich es mir damals schlicht und ergreifend nicht vorstellen und sah mich daher bereits mit meinem Baby auf irgendwelchen schäbigen, öffentlichen Toiletten oder in düsteren Ecken sitzen.  

Je intensiver ich darüber nachdachte, desto deutlicher kristallisierte sich heraus: Alles sperrte sich in mir. Ich wollte nicht stillen. Ich wollte die Zeit mit meinem Baby genießen und kuscheln, ohne mich zu irgendetwas zwingen zu müssen. Und so hörte ich auf mein Bauchgefühl und beschloss noch vor der Geburt, mein Kind mit der Flasche großzuziehen. Diese Entscheidung  habe ich nicht kopflos aus der Hüfte geschossen, schließlich lautet das Credo „Stillen ist das Beste fürs Kind“, und wer dem Kind das Beste vorenthält, kann doch nur eine schlechte Mutter sein, oder nicht?! Aber ich war und bin keine schlechte Mutter. Ich hatte und habe eine sehr enge Mutter-Kind-Beziehung zu meinen Töchtern. Man füttert sein Baby nicht zwangsläufig mit weniger Liebe und Aufmerksamkeit, nur weil man ihm einen Sauger anstelle einer Brustwarze in den Mund steckt.   

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12. Nov. 2020
von Sonia Heldt und Tanja Weisz
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05. Nov. 2020
von Sonia Heldt
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Gegen die Herbstlangeweile

Na gut, dann eben malen: Diese Zweijährige spürt den Herbst auch schon sehr.

Kerzen statt Klopapier, Lebkuchen statt Nudeln

Der erste Lockdown im März/April war zwar blöd, aber die Tage waren warm und sonnig. Maya verbrachte viel Zeit im Garten und auf ihren Rollschuhen. Diesmal drückt uns der Teil-Lockdown merklich mehr auf die Psyche. Ich rechne täglich damit, dass meine Töchter von der Schule nach Hause geschickt werden und somit auch die letzten sozialen Kontakte wegfallen. Maya musste vor den Herbstferien bereits wegen eines positiven Corona-Falls in der Parallelklasse in häusliche Absonderung und zum Corona-Test. Sie fand das schrecklich.

Der November ist kein Monat, den man liebhaben muss. Daher haben wir beschlossen, das Kalenderblatt umzublättern und bereits offiziell in den Vorweihnachtsmodus zu schalten. Wir werden es uns zu Hause so gemütlich und stimmungsvoll wie möglich machen. Meine Hamsterkäufe habe ich schon erledigt und den halben Kerzenbestand der Stadt aufgekauft. Wir werden all die Dinge tun, die wir uns jedes Jahr für den Dezember vornehmen und die wir aufgrund des Vorweihnachtsstresses, der vielen verschiedenen Weihnachtsfeiern und den Proben und Vorbereitungen für die weihnachtlichen Vereins- und Tanzvorführungen der Mädchen dann doch nie schaffen. Wir werden im Kerzenlicht Plätzchen backen und dabei Musik und Hörbücher hören. Wir werden die ganzen Spiele spielen, die wir schon immer einmal spielen wollten und es dann doch nie getan haben, weil uns die Lust und die Zeit fehlten, die komplizierten Spielanleitungen durchzulesen, z.B. die „Escape the room“ Spiele, die sich in Mayas Schrank türmen. Ich werde dieses Jahr am Heiligabend zum ersten Mal in meinem Leben nicht stöhnen: „Die Vorweihnachtszeit ist wieder nur so dahingerast. Wir konnten sie gar nicht richtig genießen.“ 

Lara hat nun genügend Zeit, ihre Spanischnote aufzupolieren und sich Weihnachtsfilme, z.B. „Tatsächlich Liebe“, so oft auf Spanisch anzuschauen, bis ihr der Satzbau in Fleisch und Blut übergegangen ist. Und vielleicht hat Maya ebenfalls Lust, sich einen Harry Potter Film auf Englisch mit mir anzuschauen, um ihr Hörverständnis zu verbessern. Aber eigentlich bastelt meine Jüngste lieber. Sie ist ständig auf der Suche nach neuen DIY-Anregungen und möchte für ihre Freundin einen Rubbel-Adventskalender anfertigen. Hier ist Mayas Anleitung für den Rubbel-Adventskalender, den schon kleine Kinder wunderbar für ihre Freunde und/oder Familienmitglieder anfertigen können:

Man benötigt:

  • einen großen Bogen Pappe
  • Spülmittel
  • Acrylfarbe
  • transparente Klebefolie (Einschlagfolie für Bücher oder alternativ breites Klebeband)
  • einen Pinsel
  • einen Lackstift
  • eine Münze (für später zum Aufrubbeln)

Man zeichnet 24 Felder auf den Pappbogen und gestaltet sie weihnachtlich: Das kann ein selbstgemaltes Bild, ein Foto, ein Gedicht oder ein Gutschein sein. Anschließend schneidet man die Klebefolie zurecht und klebt sie über die Felder. Dann die Paste im Verhältnis 2:1 anmischen (2 Teile Acrylfarbe, 1 Teil Spülmittel – bitte vorher testen, ob es auch ausreichend deckt!) und die Felder großzügig übermalen. Nun mindestens über Nacht trocknen lassen. Zum Schluss mit einem Lackmaler Zahlen draufschreiben, drumherum hübsch bemalen und verzieren – fertig ist der Rubbel-Adventskalender!

Sonia Heldt

„Fifty-one – I love my mum” Bingo für Funkfüchse

Irgendwann, wenn alle Bilder gemalt, alle Barbies verheiratet und alle Legoautos zerlegt und wieder zusammengebaut wurden, kommt die Langeweile. Kinder brauchen neue Reize.  Irgendwas, was sie noch nicht kennen. Vielleicht sogar was Verrücktes, in diesen verrückten Corona-Zeiten. Während des Lockdowns im Frühjahr haben wir uns regelmäßig mit unseren Nachbarn ausgetauscht.

Natürlich hatten wir zuvor ein ausgeklügeltes Hygiene-Konzept entwickelt: Wir trafen uns im gebührenden Abstand am Gartenzaun und als Desinfektionsmittel gab es je nach Geschmack ein „Fence-Beer“, einen „Fence-Wine“ und bei großer Verzweiflung auch mal einen „Fence-Whisky“. Wir wussten ja, Alkohol mag das Virus nicht. Unsere Nachbarn kommen übrigens aus den Niederlanden und aus England, darum auch die internationalen Getränkebezeichnungen. Und unsere drei Haushalte haben zusammen acht Kinder, im Alter von fünf bis elf Jahren.

Bei einem dieser Zaun-Treffen erzählte Anne, die Engländerin, beiläufig, sie hätten noch ein Bingo-Spiel im Keller. Allgemeines kurzes Sacken lassen, ein Schluck vom Fence-Drink. „Bingo, mhm… Aber wie spielen wir das in Corona-Zeiten?“ Weitere Pause und noch ein kleiner Schluck vom Fence-Drink. Plötzlich schlug sich meine Frau vor die Stirn: „Mensch, wir haben doch noch die Walkie-Talkies im Keller!“ Die Sache war abgemacht.

Wer das Spiel nicht kennt: Beim Bingo werden – ähnlich wie beim Lotto – Kugeln mit den Zahlen von 1 bis 90 in einer Trommel gemischt und dann immer einzeln gezogen. Jeder Mitspieler bekommt einen (oder mehrere Zettel) und muss zuhören, welche Zahlen gezogen werden. Wer eine Zahl auf seinem Zettel hat, kreuzt sie an. Ziel ist es, eine waagerechte, senkrechte oder diagonale Reihe mit fünf Zahlen vollzukriegen. Wer das zuerst schafft, gewinnt. Als Preise hatte jeder Hausstand irgendwelchen Krempel zusammengestellt. Den sammelten wir in einer bunten Kiste. Für die Kinder waren es Schätze.

Abends ging es los. Jede Familie saß in ihrem Garten. Auf dem Tisch lagen die Zettel geordnet nebeneinander, daneben Stifte, in der Mitte stand das Funkgerät. Ein Kind bediente die Bingo-Kugeln, ein anderes las die Zahlen laut vor – auf Englisch, Deutsch und manchmal auch auf Niederländisch. Die anderen hingen mit dem Ohr am Walkie-Talkie. Es war ein großer Spaß. Es erinnerte mich an meine Kindheitshelden, die Funkfüchse und die Drei Fragezeichen.

Wir haben das einige Male gespielt, auch bei Regen. Die Walkie-Talkies funktionierten auch innen ohne Probleme. Ich habe es noch nicht ausprobiert, bin mir aber sicher, Bingo kann man auch bei einer Videokonferenz mit Freunden und Familie spielen. Noch ein Tipp dazu: Einmal hat Anne, die Engländerin, die Zahlen angesagt und dabei das britische Bingo-Alphabet benutzt. Ja, so etwas gibt es. Jede Zahl hat ihren eigenen, kleinen Spruch, der sich oft reimt, sich Nicht-Briten allerdings nicht immer erschließt, aber sehr charmant ist. Ein paar Beispiele:

thirty-five – Jump and Jive

fifteen – young and keen

seventeen – Dancing Queen

three – cup of tea

fifty-one – I love my mum

In diesem Stil geht es von eins bis neunzig. Das Bingo-Alphabet findet man im Internet. Ein Bingo-Spiel gibt es im Einzelhandel mit Zetteln schon für weniger als zehn Euro.

Matthias Heinrich

Baukunst und Speed-Puzzlen

Was macht man mit einem Zweijährigen, wenn alle Kastanien gesammelt sind, alle Bücher tausendmal gelesen und alle Tonies „ausgehört“? Wir bauen! Unser Schatz an roh behauenen Holzbauklötzen ist schier unerschöpflich – und die Fantasie (vor allem meines Mannes) – ebenso. Mein Sohn gibt in Bauleiter-Manier die Anweisung zum Zielobjekt: Auto, Mähdrescher, Kehrmaschine, Traktor, Transporter, Zug. Mein Mann setzt aus Planken, Zylindern, Kugeln und Kuben die wildesten Fahrzeuge zusammen. Wie der Chef eines anzutreibenden Familienunternehmens begutachtet Max die Bauarbeiten, sucht die als nächstes zu verbauenden Klötze hervor und nimmt wenig Rücksicht auf die Gefühle des Angestellten. Der darf nicht sentimental sein. Was nicht gefällt, wird eingerissen. In guten Momenten stapelt Max Gummitiere und Matchboxautos auf die Fahrzeuge und spielt „Oh nein! Stau“.

Ist der Bauherr zufrieden mit der Tragfähigkeit seiner Fahrzeuge? Sonst reißt er sie demonstrativ ein – vor den Augen des Angestellten, aka Papa.

Und wenn es dann immer noch erst halb zehn Uhr am Vormittag ist? Dann holen wir die Puzzles hervor. Max puzzelt schnell und engagiert, auch 15 Teile und mehr, – und nur um uns zu unterhalten, setzt er manchmal absichtlich ein Teil an die falsche Stelle oder versteckt es in einer Sofaritze. Ob wir auch gut aufgepasst haben? Vor einigen Monaten haben wir das Speedpuzzlen für uns entdeckt. Mit dem Handy filmen wir im Zeitraffermodus, wie Max zielsicher Teil für Teil an die richtige Stelle setzt. Wenn wir danach zu dritt auf dem Sofa sitzen, lachen wir uns über das Gezappel kaputt – und platzen fast vor Stolz.

Chiara Schmucker

Weltreise in der eigenen Wohnung

Wir sind bestimmt nicht die einzige Familie, deren Teenager in Coronazeiten überrascht entdeckt hat, dass der Herd nicht nur eine Ofenklappe hat, die man öffnen kann, um eine Fertigpizza hineinzuschieben. Jawohl, das darf durchaus als Hinweis darauf verstanden werden, dass auch Muttern nicht dem ersten Michelin-Stern entgegenkocht. Aber in Zeiten des Lockdowns sucht man eben auch nach ungewohnten Formen der Beschäftigung. Da wir so selten wie möglich einkaufen gehen wollten, wandten wir uns an den geheimnisvollen Inhalt des Vorratsschranks, der zwar voll war, aber dennoch wenig Inspiration verströmte. Noch dazu, weil mein Kind sich als Vegetarierin neu erfand und mich vor noch mehr kulinarische Herausforderungen stellte.

Doch zum Glück stießen wir auf Kochkisten, die all unsere Probleme auf einen Schlag lösten: Nicht nur werden alle frischen Zutaten für einzelne Mahlzeiten in der nötigen Menge frei Haus geliefert, man bekommt dazu auch die genauen Anleitungen und vorab eine  Liste von Rezeptideen.

Wir suchten also gemeinsam aus einer Vorschlagsliste die vegetarischen Rezepte der Woche aus – für zunächst drei gemeinsame Abendessen. Alles deutlich anspruchsvoller als Spiegelei und Bratkartoffeln, aber dank der Anleitungen sogar für meine Tochter in einer halben Stunde machbar. Und es begab sich, dass ich tatsächlich mal abends nach Hause kam und ein wunderbares Abendessen fertig vorfand.

Als wir wagemutiger wurden, eröffnete uns YouTube neue Welten. Da stand dann eine kleine Inderin im Sari, die uns zeigte, wie man Käse zu Hause zubereitet, ohne den abgelegenen Asienladen besuchen zu müssen. Die ganze Präsentation wurde für uns auch  noch mit englischen Untertiteln bekömmlich gemacht.  

Was folgte, war der Trip in fremde Welten ganz ohne Flugzeug, eine herrliche Kombination aus Essen und Serien: Auf Netflix sahen wir uns zusammen staunend und ungläubig „Indian Matchmaking“ an, wo eine reife Heiratsvermittlerin indische Paare zu ihrem langersehnten Eheglück führt, während wir uns am selbstgemachten Curry den Mund verbrannten. Ich lernte erstmals den Algorithmus lieben, der uns immer mehr vom Gleichen anbot und über Bollywood-Schinken bis zu indischen Gesellschaftsdramen alles darbot, was der Streamingdienst so in seinen Archiven bereithält.

Der jüngste Ausflug führte mit Hilfe des Streamingdienstes Amazon Prime nach Mexiko, dazu gab es selbstgemachte Burritos, Nachos und Guacamole. Während wir knusperten, lud der unverschämt gutaussehende Diego Luna kluge und temperamentvolle Freunde und Bekannte zum Abendessen ein: In der Reality-Serie „Pan y Circo“ (Brot und Spiele) diskutieren sie in einer Tafelrunde lebhaft über ihre Sicht auf die Abwanderung vieler Mexikaner zum amerikanischen Nachbarn, die Legalisierung von Drogen oder den Klimawandel. Viel ‚Food for thought‘, um danach beim Abwasch darüber weiter zu reden.

Als nächstes steht Queen Sono auf dem Speiseplan, eine Agenten-Serie mit der coolsten südafrikanischen Heldin, die man sich für ein Teenagermädchen nur wünschen kann. Uns fehlen nur noch die passenden Rezepte dazu. 

Tanja Weisz

05. Nov. 2020
von Sonia Heldt
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27. Okt. 2020
von Matthias Heinrich
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Zurückhaltung statt Elternstolz

Endlich traut sich das Kind – kein Wunder, dass es die Begeisterung der Eltern live mitbekommen will.

Unsere Tochter hat das Seepferdchen gemacht – mitten in der Corona-Zeit. Wir hatten mit etwas Mühe in der Nachbarstadt eine Schwimmschule gefunden. Die Eltern mussten draußen bleiben, denn das Hygienekonzept wurde preußisch genau eingehalten, und das in Bayern. Aber das soll gar nicht das Thema sein.

Es war zu Beginn der letzten Kursstunde. Der Schwimmlehrer rief Eltern und Kinder zusammen. Zur großen Überraschung bekamen unsere Tochter und ein weiteres Kind eine Urkunde und das Seepferdchen überreicht. Ich war sprachlos. Nein, mehr als das, ich war vor lauter Stolz den Tränen nah. Vor allem, weil unsere Tochter vorher kein einziges Wort darüber verloren hatte, denn die Schwimmprüfung musste sie ja schon in der Vorwoche abgelegt haben. Sie hatte dichtgehalten, um uns zu überraschen. Ich musste mein Glück mit jemandem teilen und tat das dann auch: Ruckzuck war ein Foto von dem stolzen Kind mit Seepferdchen auf dem Weg zu meiner Frau. Auch die war baff und glücklich, wie ich an den Emojis in ihrer Antwort las.

Nach der Schwimmstunde saßen wir im Auto. Ich vorne links, Tina hinten rechts. Wir hörten Musik, wahrscheinlich war es „Supergirl“ von Suli Puschban oder irgendwas von Anna und Elsa. Wir wippten und summten vergnügt mit. Tina hielt ihr kleines orangenes Seepferdchen-Abzeichen die ganze Zeit in der Hand. „Du, Papa?“ sagte sie plötzlich. „Ja, was ist denn?“ fragte ich mit einem Blick in den Rückspiegel. „Ich will Mama selbst sagen, dass ich das Seepferdchen geschafft habe. Okay?“ Stille. „Äh … ja, okay.“ Aber das war es nicht. Natürlich möchte das Kind das selber erzählen, ärgerte ich mich. Und natürlich hätte ich als aufrichtiger Vater sofort zugeben sollen, dass ihre Mutter das leider schon weiß, weil ich ihr das über das Handy schon mitgeteilt habe, weil ich vor lauter Freude und Stolz nicht nachgedacht habe, verdammt. Aber das tat ich nicht. Stattdessen schrieb ich halsbrecherisch und höchst illegal beim Autofahren eine Nachricht an meine Frau. „Tina möchte Dir das mit dem Seepferdchen selber sagen. Du weißt von nichts.“

Wenige Minuten später waren wir zu Hause. Tina stieg aus dem Auto, schritt Richtung Haustür und klingelte. Ich holte ihre Schwimmsachen aus dem Kofferraum, als die Tür aufging. Ihr Bruder drückte sie voller Freude an sich und rief: „Tina, Du hast das Seepferdchen! Du kannst schwimmen. Super!“ Alle Freude war verflogen. Die Fünfjährige drehte sich um, blickte mich entsetzt an und klagte: „Papa, ich wollte das sagen. Warum hast du es doch schon gesagt?“ Dann brach sie in Tränen aus. Verräter, dachte ich. Idiot, Lügner. Da wollte ich doch nur …

Ich versuchte zu erklären, warum ich ihrer Mutter das Bild geschickt hatte, aber es war zwecklos. Das Mädchen war sauer und enttäuscht. Wahrscheinlich hatte sie sich ausgemalt, wie sehr sich ihre Mama freuen würde. Kurz darauf erschien meine Frau. Sie sagte zerknirscht: „Entschuldige, ich habe deine Nachricht erst gerade gelesen. Ich war in einer Telefonkonferenz.“

Nach dieser blöden Erfahrung stellten meine Frau und ich unser Verhalten auf den Prüfstand. Wie kriegen wir unsere „Mitteileritis“ in den Griff? Es war nämlich nicht das erste Mal. So musste unser Sohn Theo mehrfach feststellen, dass seine Mutter schon wusste, wie viele Tore er bei einem Fußballspiel geschossen hatte, obwohl sie gar nicht dabei war. Papa hatte schon eine WhatsApp geschickt. Wir nehmen den Kindern so die Möglichkeit, eigene Erlebnisse selbst zu schildern und echte Reaktionen darauf zu erleben. Wie wichtig das ist, verdeutlichte mir meine Schwester, als ich ihr den Vorfall schilderte. Sie ist Diplom-Pädagogin, arbeitet mit Kindern und hat selbst zwei Söhne.

„So etwas wie das Seepferdchen ist ein kleiner Meilenstein für ein Kind. So bedeutend wie die ersten Schritte oder Fahrradfahren“, sagte sie. „Diese Momente erlebt man nur einmal im Leben. Die Kinder wissen das. Sie sind stolz. Sie sagen: ‚Ich habe das geschafft und ich verbreite selber, dass ich es geschafft habe.’“ Wenn dann jemand anderes ihre Leistung vorher ausplappert, sei das „wie eine Ohrfeige“.

Mit Smartphones sei das eh so eine Sache, sagt meine Pädagogen-Schwester und nennt ein anderes Beispiel. Jeder kenne das: Ein Elternteil ist zu Hause, das andere unterwegs. Wegen irgendetwas gibt es Ärger mit einem Kind. Um sich Luft zu machen, greift man zum Handy und teilt seinen Frust mit dem Partner. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Für das Kind kann das aber doppeltes Leid bedeuten. Denn der Konflikt komme zweimal auf den Tisch: Einmal mit Elternteil eins und zum zweiten Mal, wenn Elternteil zwei nach Hause kommt. „Für die Kinder bedeutet das Stress“, erklärt mir meine Schwester. „Versetz dich seine Lage: Mit der Mutter ist die Sache aus der Welt. Aber dann kommt der Vater nach Hause und das gleiche Thema kommt noch einmal auf den Tisch.“ Aus Sicht des Kindes seien Smartphones einfach unfair. Denn im Gegensatz zu den Eltern habe das Kind keine Möglichkeit, seinen Frust mit jemandem zu teilen.  

Meine Frau und ich haben uns jetzt darauf verständigt, Handys aus dem Spiel zu lassen. Die Kinder entscheiden, ob wir Erlebnisse mit dem anderen Elternteil teilen dürfen oder ob sie selber berichten wollen. Bei Streitereien ist zunächst einmal derjenige gefragt, der unmittelbar beteiligt ist. Wenn es keine Lösung gibt, wird der andere hinzugeholt. Bis jetzt funktioniert das. Es lebe das gute, alte Gespräch.

Für Tinas Seepferdchen kam diese Erkenntnis zu spät. Das durften das Kind und ich nach dem Schwimmkurs noch einmal deutlich spüren: Am nächsten Tag brachte ich sie in die Kita. Sie war voller Vorfreude. Gleich würde sie ihren Freundinnen und Erziehern die Neuigkeit erzählen. Am Eingang wartete schon ein Empfangskomitee, bestehend aus drei Gleichaltrigen und einem Erzieher. „Ich kann schwimmen, ich habe das Seepferdchen!“ rief Tina stolz. Sofort antwortete ihre Freundin Sarah: „Ach ja, das hat mir Mama schon erzählt. Sie hat mir ein Foto von dir gezeigt.“ Wumms, die nächste Ohrfeige. „Papa! Du sollst das doch nicht…“ Riesige Kinderaugen voller Kummer und Tränen und wieder dieses Versagergefühl bei mir. Meine Frau hatte das Bild in ihren WhatsApp-Status gestellt.

27. Okt. 2020
von Matthias Heinrich
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22. Okt. 2020
von Sonia Heldt
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Liebling, ich habe den Teddy geschrumpft

Um den vorwurfsvollen Blicken ihrer Kinder zu entgehen, greifen Eltern hin und wieder zur Notlüge.

Meine Tochter Maya hat Balthasar, einen flauschigen Bären mit einem gutmütigen Gesichtsausdruck, vor sechs Jahren zu Weihnachten geschenkt bekommen. Um Balthasar zum Leben zu erwecken, schlüpft man mit der Hand in sein Maul oder mit beiden Händen in seine Bärenpfoten und spricht mit dunkler, brummiger Stimme. Maya spielt nicht mehr mit ihm, aber er darf seinen Altersruhestand neben den anderen Lieblings-Stofftieren in ihrem Bett verbringen. Sie liebt es, über sein langes Fell zu streichen und sich im Bett an ihn zu kuscheln. Gestern Abend haben wir Mayas Bett neu bezogen. „Die riechen aber alle ganz schön muffig“, sagte ich und nahm Tiger Titus, Kater Kolmann, Hippo-Nilpferd Maxi und Bär Balthasar zum Waschen mit in den Keller. „Morgen bekommst du sie wieder, duftend und wie neu“, versprach ich. 30 Grad, Schnellwaschgang, das müssen Stofftiere bei mir schon aushalten. Hygiene und so! Durch den Waschgang war Hippo Maxi, der in den letzten Jahren sowieso schon stark abgenommen hatte, ziemlich platt. Eine Naht hatte sich gelöst. Tiger Titus hatte dafür sein Auge verloren, das sich zum Glück in der Waschmaschine in Maxis Füllmaterial wiederfand. Beide konnte ich flicken. Nur Balthasar, dem hatten die 30 Grad und der Trockenvorgang anscheinend mehr zugesetzt als seinen Freunden. Sein vormals schönes, flauschiges Fell ist nun gnadenlos verfilzt. Au Backe! Ich hätte ihn auf keinen Fall in den Trockner schmeißen dürfen. Wie sollte ich das Maya beibringen? Ich stellte mir ihr Gesicht vor, sah bereits ihr Entsetzen, die Tränen und den unausgesprochenen Vorwurf in ihren Augen aufblitzen: „Mama, was hast du gemacht? Wie konntest du nur!“

Einen kurzen Moment spielte ich mit dem Gedanken, Balthasar zu verstecken und im Internet einfach einen neuen zu bestellen. Expresslieferung, spätestens übermorgen könnte er da sein. Ich könnte meiner Tochter erzählen, dass die Tiere alle noch nicht trocken wären. Aber dann dachte ich an die Sache mit Lena: Als Maya vier Jahre alt war, durfte sie sich im Kaufhaus etwas aussuchen und wählte Lena, eine kleine (hässliche) 10-Euro-Puppe im rosa Tutu, deren Haare schneller verfilzten, als man gucken konnte. Doch Maya liebte sie über alles, und so kam es einem Weltuntergang gleich, als Lena eines Tages in der Vorweihnachtszeit ein Auge herausfiel. Sie sah gruselig und entstellt aus. Wir suchten das ganze Haus nach dem fehlenden Auge ab, konnten es aber nirgendwo finden. Unter Tränen wünschte sich Maya vom Christkind ein neues Auge für sie. Leider existiert kein Shop für Billigpuppen-Ersatzteile. Ich wählte daher den einfachsten Weg und kaufte eine neue Lena. Ich hätte sie natürlich einfach … Aber nein! So was macht man nicht! Ich konnte Maya die neue Puppe nicht als alte Lena verkaufen. Ich pulte also das Auge aus der neuen Puppe und setzte es der alten ein. Das hört sich einfacher an, als es in Wirklichkeit war! Die OP zog sich über mehrere Tage hin und stellte feinmotorisch eine echte Herausforderung dar. Immer wieder flutschte das blöde Auge aus der Höhle; ich wollte schon fast aufgegeben, als ich es endlich hinbekam.

Danach versteckte ich die Ersatzteillager-Puppe in den Tiefen eines Kellerregals, badete Lena im Waschbecken, bearbeitete das verfilzte Haar mit ein wenig Haarkur und einem Kamm, wusch ihr Tutu und setze sie Heiligabend unter den Tannenbaum. Ich hatte es mit meiner Pflege gut gemeint, schließlich sollte Lena an Heiligabend nicht nur mit einem neuen Auge glänzen. Doch nach der Bescherung beäugte Maya ihre Puppe kritisch und äußerte schließlich den Verdacht, es würde sich nicht um die „echte“ Lena handeln. Die echte Lena hätte viel „wuscheligere“ Haare. Immer wieder versicherte ich meiner Tochter, Lena hätte sich lediglich nach der OP einer Beauty-Behandlung unterzogen. Doch Maya wurde ihr Misstrauen nie ganz los. Ein paar Tage nach Weihnachten tauchte zu allem Überfluss auch noch das fehlende Auge im Kinderzimmer auf und ich wünschte, ich hätte die Puppe einfach einäugig oder zumindest die Finger von dem verfilzten Kunsthaar gelassen. Jahre später, Maya glaubte schon längst nicht mehr an das Christkind, holte ich die Ersatzteil-Puppe aus dem Versteck und erzählte meiner Tochter, wie Lena damals zu ihrem neuen Auge gekommen war und dass wir die echte Lena natürlich nie ausgetauscht hatten.

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22. Okt. 2020
von Sonia Heldt
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13. Okt. 2020
von Sonia Heldt
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Vaping statt Rauchen – das Märchen vom harmlosen Genuss

© Picture AllianceFällt gerade tatsächlich die nächste Generation auf den Coolness-Faktor eines gesundheitsschädlichen Genussmittels herein?

Ich habe meine Retro DVD-Sammlung um einen Film-Schatz ergänzt: „Cinderella ’87“ mit La Boum-Darsteller Pierre Cosso. Die 18-jährige Cindy (Bonnie Bianco) lernt auf ihrer Reise nach Rom Mizio (Pierre Cosso) kennen, verliebt sich in ihn und ahnt nicht, dass es sich in Wirklichkeit um einen Prinzen handelt. Das Pop-Märchen wurde in West-Deutschland zum ersten Mal im Frühjahr 1987 ausgestrahlt. Da war ich fünfzehn Jahre alt. Nun sehe ich mir die Serie mehr als dreiunddreißig Jahre später an: Pierre Cosso in einem rot-weiß gestreiften ärmellosen T-Shirt, mit trendiger Schirmmütze auf dem Kopf, lässig auf seiner Vespa hockend, Fluppe in James-Dean-Manier in den Mundwinkeln hängend. Fluppe? Zigarette?! Mir wird schlagartig bewusst, wie normal das Rauchen in den Achtzigern noch war. Egal ob in der Kneipe, im Restaurant, im Flugzeug, im Büro oder im Fernsehen: Es wurde gequalmt. Wer keinen neunzigminütigen Kinofilm ohne Nikotin aushielt, ging ins Raucherkino. Auch Cindy und Mizio lernen sich, wie selbstverständlich, am Zigarettenautomat kennen: Mizio kämpft auf dem Flughafen mit dem Automaten, Cindy tritt einmal kräftig dagegen, der Kasten spuckt seinen gesamten Inhalt aus, Cindy schnappt sich als Belohnung eine Schachtel und verschwindet keck lächelnd. Damals der ganz normale Beginn einer jungen Liebesgeschichte.

Fast genauso normal, wie ich es im Sommer 1987 empfand, während meiner Jugendreise nach Italien zur ersten Zigarette zu greifen. Die meisten Leute meiner Clique rauchten und die meisten Jungs meiner Clique fuhren wie Pierre Cosso eine coole Vespa. Wir fühlten uns unverwundbar und wahnsinnig erwachsen. Cool sein, das will jede Teenie-Generation, und zwar um jeden Preis! Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Der Einstieg in die Nikotinsucht verläuft wie bei fast allen Süchten schleichend: Erst wird einem die Zigarette angeboten und man raucht nur sporadisch, wenn man mit Freunden unterwegs ist und dazugehören möchte. Dann wird einem die Schnorrerei peinlich. Man kauft sich immer  häufiger selbst eine Packung. Irgendwann braucht man das Nikotin regelmäßig und die Industrie hat einen neuen süchtigen und zahlenden Konsumenten dazugewonnen. Ich wurde sehr jung zu einer Sklavin der großen Tabakkonzerne, rauchte Zigaretten der Marken Benson & Hedges (wegen der edel wirkenden goldfarbenen Packung), John Player Special (wegen der edel wirkenden schwarzen Verpackung), Marlboro (wegen des coolen Marlboro-Cowboys) und Camel (wegen des lustigen Kult-Kamels). Image ist eben alles und ich fiel total naiv darauf herein.

Der Sucht entkommen

In meinen Zwanzigern wurde mir immer mehr bewusst, wie sehr ich meinem Körper mit dem blauen Dunst schadete. Ich war genervt, weil die Sucht mich so fest im Griff hatte. Ich rannte im strömenden Regen noch spätabends, ungeschminkt und in Jogginghosen zum Zigarettenautomaten oder zur Tankstelle, sobald ich keine „Kippen“ mehr hatte. Ich ekelte mich vor dem Rauchgeruch in meinen Klamotten und in meinem Haar. Die Qualmerei war auch ein Kostenfaktor: An einem feucht-fröhlichen Wochenende gingen schon mal zwei bis drei Packungen drauf. Mit Ende zwanzig, auf dem Höhepunkt meines Nikotinkonsums, beschloss ich aufzuhören. Ich schmiss die angebrochene Schachtel weg und fertig. Man bereut eigentlich immer, mit dem Rauchen angefangen zu haben. Wer etwas anderes erzählt, der belügt sich selbst. Und es fällt nicht jedem leicht, von seiner Sucht loszukommen. Manche schaffen das ihr ganzes Leben lang nicht.

In den letzten zwei Jahrzehnten ist es für diese Spezies merklich unbequemer und teurer geworden. Rauchen ist gesundheitsschädlich. Punkt. Damit das auch dem Letzten klar wird, müssen die Hersteller nun abschreckende Bilder von schwarzen Lungen oder erblindeten Augen auf ihre Packungen drucken. Die Abgabe von Nikotinprodukte ist für Jugendliche unter 18 Jahre inzwischen verboten und eine durchschnittliche Packung kostet am Automaten aktuell unglaubliche 7 Euro. Meinetwegen können die Dinger noch unerschwinglicher werden, wenn dadurch meine Kinder vom Rauchen abgehalten werden.

Die Hoffnung, der eigene Teenager wird es besser machen als man selbst

Mir ist klar, dass meine sechzehnjährige Tochter Lara ihre Erfahrungen und Experimente machen will und wird. Alles was Erwachsenen vorbehalten ist, zieht Jugendliche nun einmal magisch an. Wer wäre ich denn, wenn ich das nicht verstehen würde? Letztens habe ich Lara und ihre Freundin von einer Party abgeholt. Ich stand mit dem Auto zur verabredeten Zeit vor der Tür, doch die zwei Grazien ließen mich fast zehn Minuten warten. Als sie sich dann endlich, übertrieben freundlich und entschuldigend, in meinen Wagen schmissen, ließ ich erst einmal sämtliche Autofenster herunter. Ich wäre sonst elendig erstickt! „Wenn ihr nach Rauch stinkt, bringt es nichts, wenn ihr euch mit zwei Liter Tosca-Omaparfüm, das ihr auf der Gästetoilette des Gastgebers gefunden habt, einnebelt und euch fünf Kaugummis gleichzeitig in den Mund stopft “, kommentierte ich die Situation und erntete ertappte Gesichter.

Natürlich passt es mir nicht, wenn Lara raucht oder Alkohol trinkt, und ich kann mir meine Weisheiten selten verkneifen. Aber ich weiß auch, dass übertriebene Strenge und Verbote ins Gegenteil umschlagen können. Als ich daher in unserem Garten einen kleinen schwarzen Plastikaufsatz finde und nur eine vage Vermutung habe, um was es sich bei dem Ding handeln könnte, zeige ich Lara meinen Fund und gebe mich offen und interessiert. „Ach, das ist von Johannas E-Zigaretten“, erklärt sie. Ich bin baff. Wieso E-Zigaretten? Ich erinnere mich, wie vor vielen Jahren diese hässlichen, unhandlichen Geräte auf den Markt kamen und von vielen Rauchern, die bis dahin verzweifelt versucht hatten, ihre Sucht in den Griff zu kriegen, als Revolution gefeiert wurden. Dampfen soll weniger gesundheitsschädlich sein als Rauchen und den Ausstieg aus der Nikotinsucht erleichtern. Weniger gesundheitsschädlich bedeutet aber auf keinen Fall harmlos, denn auch der Dampf erzeugt gesundheitsschädliche Stoffe, egal ob mit oder ohne Nikotin, wie die Stiftung Warentest die aktuelle Studienlage zusammenfasst.

Ich persönlich kenne niemanden in meinem direkten Umfeld, der E-Zigaretten dampft. Die Dinger wirkten auf mich bis dahin eher albern oder zumindest nicht sonderlich lässig. Darauf fahren Jugendliche doch nicht ab?! Bisher hatte ich eher die Shisha als potentielle Bedrohung für meine Teenager-Tochter eingestuft. Die Vorstellung, Lara könnte in irgendwelchen dubiosen Shisha-Bars, schlimmstenfalls in Hauptbahnhofgegend, abhängen, erzeugt bei mir mehr als ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. „Shisha wird bei meinen Freunden nicht so geraucht. Obwohl Jan letztens seine Shisha mit zu einer Party geschleppt hat. Aber das war voll eklig und aufwendig, die hinterher sauberzumachen“, erzählt Lara. Da wäre eine Juul, eine Vape, doch viel cooler, sagt sie. Juul? Nie gehört. „In deinem Freundeskreis werden auch E-Zigaretten geraucht?“ „Vapen, Mama! Vapen, heißt das oder eben Juulen.“ Nun bin ich neugierig. Man muss seinen Feind kennen, um ihn einschätzen zu können. Ich setze mich also an den Laptop und tauche in die Dampfwelt ab. Weiterlesen →

13. Okt. 2020
von Sonia Heldt
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06. Okt. 2020
von Matthias Heinrich
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Was ist eigentlich petzen?

Konflikte nicht direkt an Erwachsene weiterzutragen, sondern selbst zu klären, müssen manche Kinder erst lernen.

Es war ein perfekter Schuss. Der Ball zischte durch die Luft. Er drehte sich kaum. Sein Ziel traf er hart und genau. Die Schaukel bewegte sich weiter, ohne zu stocken. Das Brett schwang vor und zurück. Nur der Junge, der gerade noch zwischen den Seilen gesessen hatte, war verschwunden. In dem Moment, in dem ihn das Leder traf, war er durch die Wucht des Aufpralls rücklings aus der Schaukel auf den Rasen gefallen. Jetzt hielt er sich die Brust, schluchzte und wankte davon. Das gab Ärger.

Michi Hase wohnte in unserer Siedlung, in einem kleinen Haus mit hübschem Garten. Jeden Tag spielten wir Nachbarskinder zusammen: Räuber und Gendarm, Verstecken und natürlich Fußball. Wir fingen Frösche oder versuchten, den kleinen Bach im Wald zu stauen. Es verging aber kaum ein Tag, an dem nicht einer von uns Ärger mit Michi hatte. Oder Michi mit einem von uns. Bei jeder noch so kleinen Meinungsverschiedenheit knallte es. Entweder hatte ihn jemand geschubst, ihm ein Bein gestellt oder einfach irgendetwas getan, was Michi nicht gefiel. In jeder dieser Situationen brach er in Tränen aus. Eigentlich musste nur irgendjemand „huh“ sagen, und Michi weinte. Wir waren normale Kinder. Es gab keinen Fiesling unter uns und Michi war mit Sicherheit kein Mobbingopfer. Aber er nervte. Nicht nur, dass diese Heulerei an sich schon maßlos übertrieben gewesen wäre. Michi setzte immer noch einen drauf. Der Junge rannte jedes Mal sofort nach Hause zu seiner Mutter und verpetzte den vermeintlichen Übeltäter. Und Michis Mutter stellte den mutmaßlichen Übeltäter zur Rede, jedes Mal. Ihren Sohn nahm sie immer in Schutz und aus der Verantwortung. Nicht einmal sagte sie: „Stell dich nicht an“ oder „Versuch das doch mal ohne Geheule zu regeln“. Nein, auf die Idee kam sie nie. Michi Hase war für uns eine Petze und Heulsuse.

Michi petzte sogar, wenn es nichts zu petzen gab. Wenn wir uns selbst aus einem Schlamassel befreit hatten. Wenn einer von uns über den Zaun der alten Villa gestiegen war, um einen verschossenen Ball wieder zu holen oder unerlaubterweise auf ein altes Wellblechdach stieg, um Kirschen zu pflücken. Michi Hase erzählte es seiner Mutter. Er war kein Komplize, sondern ein Feuermelder, der sogar Alarm schlug, wenn es nichts zu löschen gab. Darum wurde er irgendwann mit dem Lederball von der Schaukel geschossen.

Ich glaube, meine Kindheitserfahrungen mit Michi Hase sind der Grund, warum ich heute, 35 Jahre später, petzen überhaupt nicht mag – weder bei meinen noch bei anderen Kindern. Unserem Sohn und unserer Tochter bringen wir bei, Konflikte mit Spielkameraden selbst zu lösen.  Wenn das nicht möglich ist, sollen sie sich zurückziehen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass nichts zwei Hitzköpfe besser abkühlt als eine kleine Pause voneinander. Und wenn das alles nichts nützt, stehen wir selbstverständlich als Streitschlichter zur Verfügung. Das schafft Vertrauen auf beiden Seiten und klappt meistens ziemlich gut. Bei einem Vorfall war unser Sohn Theo neulich allerdings überfordert.

Anfang September, am zweiten Schultag nach den Sommerferien, bekam ich eine Nachricht. Eine Nachbarin schrieb mir, dass ihre Töchter nicht mehr mit Theo zur Schule laufen wollen. Angeblich schlage und schubse er ihre beiden Mädchen, Klara und Elsa, so lange, bis eine auf dem Boden liegt. Ich seufzte. Zum einen kenne ich meinen Sohn. Er ist aus meiner Sicht ein ganz normales Kind, ziemlich emotional. Im Eifer des Gefechts kann er schon mal übertreiben. Die beiden Nachbarmädchen sind allerdings auch nicht ohne.

Darum antwortete ich: „Nach meinen Beobachtungen geben sich die Kinder im Streit nichts. Aber ich werde mit ihm reden.“ Das tat ich auch. Wie ich vermutete, hatten sich die Kinder vorher wegen irgendetwas gestritten und die Sache hatte sich hochgeschaukelt. Theo hatte geschubst und gehauen, Klara und Elsa aber auch.

Nachdem ich ihm geraten hatte, Unstimmigkeiten künftig mit Gesprächen statt Geschubse zu klären und die beiden Mädchen einfach mal links liegen zu lassen, ließ ich die Sache auf sich beruhen. Zwei Tage später bekam ich wieder eine Nachricht. „Hallo, sorry, dass ich mich schon wieder melde. Aber Theo hat Klara mit dem Schulranzen geschlagen und auf die Straße geschubst. Mareike hat es gesehen und bestätigt.“ Mareike geht in dieselbe Klasse wie Klara und Theo. Ich wunderte mich. Mein Kind war eine Viertelstunde zuvor fröhlich zur Tür hereinspaziert und hatte über den Vorfall mit den Mädchen nicht ein einziges Wort verloren.

Ich fragte nach und dieses Mal flossen Tränen. Er gab zu, Klara geschubst zu haben und erzählte mir dann, wie er den Streit erlebt hatte: Klara hatte in der Stadt Eis für ihre Schwester, Mareike und sich selbst gekauft, aber nicht für Theo, obwohl das Geld gereicht hätte. Dann hatte sie sich demonstrativ vor ihn gestellt und genüsslich ihr Eis gegessen. Ich schrieb das alles unserer Nachbarin.

Vier Wochen ist das jetzt her. Bis heute habe ich keine Antwort bekommen. Viel entscheidender war aber das Gespräch mit Theo. Ich fragte ihn, warum er mir nichts von dem Streit erzählt habe. Er wollte wegen der Schubserei keinen Ärger bekommen, antwortete er. Ich erklärte ihm in aller Ruhe, dass Gewalt auch nie eine gute Lösung für einen Streit gewesen sei. Gleichzeitig gestand ich ihm mein Verständnis für seine Wut. Klaras Verhalten sei gemein gewesen. Natürlich wird man sauer, wenn einer allen ein Eis spendiert und nur man selber keines bekommt. Und wenn sich derjenige dann auch noch schleckend vor einen stellt, wird die Wut noch größer.

Außerdem habe Klara nicht die ganze Geschichte erzählt, sondern nur den Teil, bei dem sie als das Opfer dasteht und er, Theo, als Bösewicht. Darum sei es wichtig, die Sicht aller Betroffenen zu hören, um zu erfahren, was tatsächlich passiert ist. Das sei kein petzen, sondern eine Erklärung für die Erwachsenen. Wer petzt, erzählt meistens nur, wie ein Streit zu Ende gegangen ist und nicht, wie er entstanden ist.

Konflikte soll er auch künftig versuchen selbst zu lösen. Das klappt bisher nämlich ganz gut. In manchen Situationen gebe es aber keine andere Möglichkeit, als seine Eltern oder einen Lehrer einzuweihen. Vor allem, wenn man von jemandem beschuldigt wird etwas Blödes gemacht zu haben oder wenn jemand wirklich etwas Blödes gemacht hat.  

Mit den Nachbarsmädchen geht er bis heute nicht zusammen zur Schule. Aber das wird schon wieder, da bin ich entspannt. Ehrlich gesagt bin ich klammheimlich etwas stolz auf Theo. Die Gefahr, dass ihn irgendwann einmal jemand mit einem Lederball von der Schaukel schießt, so wie es sein Vater vor 35 Jahren mit Michi Hase gemacht hat, tendiert gegen null. Ich habe damals riesigen Ärger bekommen. Völlig zurecht.

06. Okt. 2020
von Matthias Heinrich
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01. Okt. 2020
von Chiara Schmucker
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Der Gourmet im Hochstuhl liebt Garnele und Gorgonzola

Kind isst Nudeln
Es muss ja nicht immer Nudeln mit Tomatensauce geben.

Hand aufs Herz – ekeln sie sich, wenn Sie auf Ihrem Milchkaffee eine Haut sehen (ich frage bewusst nach Milchkaffee, weil ich vermute, dass die wenigsten von Ihnen häufig eine Tasse warme Milch trinken)? Ich geb’s zu, auch ich finde das etwas unappetitlich. Aber als ich ein Kind war, gab es bei uns zu Hause sonntagmorgens regelrecht Streit um das gummiartige, leicht schlonzige Gebilde. Mein Vater teilte die Haut sorgfältig unter uns Kindern auf, am Samstag das eine, am Sonntag das andere, in der nächsten Woche umgekehrt. Dazu gab es weiche Eier und manchmal Laugenbrezel mit Butter und Nutella. Dass manche Menschen bei Milchhaut und glibberigen Eiern geradezu einen Würgereflex bekommen und mich mindestens merkwürdig ansahen, wenn ich Brezel mit Süß kombinierte, stellte ich erst viele Jahre später fest.

Die Tage meiner Kindheit verbinde ich mit schwarzen Rändern unter den Fingernägeln, nachdem wir hinter dem Kompost Engerlinge und Eidechsen ausgegraben hatten. Wir sammelten Schnecken und veranstalteten Rennen mit ihnen – was uns nicht davon abhielt, ihre Artgenossen mit großer Lust geschwenkt in Kräuterbutter zu verspeisen, wenn sie bei einem unserer seltenen Restaurantbesuche auf der Karte standen. Ekel vor irgendetwas, das gab es in unserem Elternhaus nicht.

Mein Vater war streng, was das Essen beziehungsweise das Nicht-Essen anging. Nie hätte er, als Nachkriegskind wenige Monate vor dem Hungerwinter 1947 geboren, Essen weggeschmissen, das noch gut war. Abgelaufene Joghurts? Mein Papa probierte als Erster und reichte sie dann mit Siegerlächeln an uns Kinder weiter. Hartes Brot? Gab es als „Pflichtbrot“ verteilt auf alle Familienmitglieder bevor die frischen Brötchen auf den Tisch kamen. Wurmstichige Äpfel, Mirabellen, Zwetschgen aus dem Garten? Sorgfältig ausgeschnitten. Wir fielen über die Obstteller her.

Frühstück, Mittagessen, Abendessen – dreimal am Tag aßen wir zusammen und ich erinnere mich nicht daran, dass es jemals „Kinderessen“ und „Erwachsenenessen“ gegeben hatte. Selbstverständlich aßen wir Kinder mit, wenn es Rinderherz oder Ochsenmaulsalat gab, gebackene Zucchini oder Fisch. Meine Eltern nahmen uns ernst beim Essen – und ermöglichten uns dadurch, alles ohne Vorurteile auszuprobieren. Welch großes Verdienst meiner Eltern das war, wird mir erst heute bewusst, da ich selbst ein Kind habe.

Heute ertappe ich mich schon manchmal dabei, dass ich für meinen Sohn Nudeln, Tortellini oder Maultaschen zubereite, damit er um halb sechs schnell zu Abend essen kann, bevor mein Mann und ich uns zwei Stunden später an den Tisch setzen. Und doch lassen auch wir ihn am Essen teilhaben und alles probieren, was auf unsere Teller kommt. Die Ergebnisse sind so überraschend, dass ich es manchmal selbst kaum glauben kann. Er liebt nicht nur Gnocchi Gorgonzola und jede Art von Stinkekäse. Im Urlaub schlemmte er sich mit uns durch die Meeresfrüchte von Garnelen bis zur glibschigsten Muschel. Und zu scharf (Radieschen) oder auch zu sauer (Zitrone) gibt es für ihn eigentlich nicht.

Süße Kinderspeisen wie Pfannkuchen mit Apfelmus interessieren den kleinen Gourmet dagegen überhaupt nicht. An den Keksen von Oma knabbert er eher pflichtschuldig herum. Denn wer schon immer bei Mama und Papa mitgegessen hat, dem muss man mit einem eigenen Kinderessen gar nicht mehr kommen. Doch das hat auch Nachteile. Denn so praktische Dinge wie Gläschen oder andere Kinderfertiggerichte hat Max schon verschmäht, bevor er zwei Zähne im Mund hatte. Mit viel Liebe und Kreativität zusammengekochte Gemüsebreis landeten regelmäßig erst im Lätzchen und dann im Müll. Lieber waren ihm Gurken, Karotten oder gekochter Blumenkohl. Das machte leider selten länger als eine Stunde satt.

Mein Mann und ich schauten immer etwas irritiert bis fasziniert zu, wie Freunde streng nach Tabellen, Zeitplan und Kalorienangaben ihre Kinder fütterten. Morgens Obst-Getreidebrei, mittags Gemüsebreis, abends dann bloß nicht zu viel Proteine. Solche ausgefuchsten Diäten hätten wir mit Max nie durchziehen können.

Und trotzdem: Satt geworden ist er irgendwie noch immer. Auch wenn sein Speiseplan vielleicht etwas rohkostlastig ist, hat er sich bislang prima entwickelt. Und wenn er sich mit Akribie und Zunge im Mundwinkel eine Garnele aus der Schale pellt, sind wir uns immerhin in einem gewiss: Er hat Spaß am Essen. Und das ist schon mal viel wert.

01. Okt. 2020
von Chiara Schmucker
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24. Sep. 2020
von Tanja Weisz
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Darf man von den eigenen Kindern enttäuscht sein?

Das Talent für Mathe vererbt sich nicht dominant – auch wenn das für manche Eltern schmerzlich ist.

Und wie du wieder aussiehst,
Löcher in der Hose und ständig dieser Lärm
(Was sollen die Nachbarn sagen?)
Und dann noch deine Haare, da fehlen mir die Worte
Musst du die denn färben?

                                                                               Die Ärzte: „Junge“

Als die Ärzte 2007 diesen Song rausbrachten, war ich zwar nicht mehr kinderlos, aber noch immer naiv genug, diesen Refrain laut grölend mitzusingen, diese Spottvers auf die ultimativen Spießereltern, die ihren Sohn zurechtbiegen wollen und beim vergeblichen Versuch verzweifeln.

So, nein, so würde ich als Mutter niemals werden, auf keinen Fall. Das hatte ich ja schon bei den eigenen Eltern gehasst, dieses In-Backförmchen-passend-gemacht-werden. Ich würde liberal und offen sein für das, was mein Kind so mitbringt und wie es sich entfaltet. Denn so lautet doch das erste elterliche Gebot: Du sollst Dein Kind vorbehaltlos lieben.

Das sagt sich sehr leicht, wenn das Kind unschuldig pupsend in der Wiege liegt und noch ganz viel schläft. Dabei sehen sie immer so wunderbar friedlich aus. Wir Eltern sind dann ohnehin noch hormonell übersteuert und feiern im ersten, vielleicht auch noch zweiten Jahr begeistert die Anzeichen eines knospenden freien Willens.  Aber es wird schon etwas schwerer, wenn Kinder ihre ganze überschäumende Kleinkind-Energie entfalten und absolut nichts mit den Familienerbstück-Legosteinen anfangen wollen, mit denen sich vorher schon die ganze Sippschaft stundenlang und vor allem still vergnügen konnte. Man bemerkt zum ersten Mal schmerzlich: Dieses Kind ist anders als ich.

Es ist tatsächlich ein Schmerz, wenn man feststellt, dass dieses kleine Wesen sich nicht so verhält, wie wir uns das wünschen. Der Verstand und all die Erziehungsratgeber wissen längst: Das ist alles normal, das soll so sein, schließlich haben wir im Krankenhaus keinen Klon in Arbeit gegeben, sondern noch etwas richtig Selbstgemachtes in die Welt gesetzt. Etwas, das einen freien Willen hat und den auch entfalten soll.

Aber der Schmerz ist da, vor allem über die Erkenntnis, dass wir uns nicht frei machen können von Erwartungen an unser Kind, so sehr wir uns das auch vorgenommen hatten. Und dass dies wohl nur ein kurzer erster Blick in die Kiste all der uneingestandenen Hoffnungen ist, die man mit dem eigenen Nachwuchs verbindet.

Früher war das viel einfacher, da wurde so eine Kiste gleich am Anfang auf den Tisch gestellt, unter lautem Getöse aufgeklappt und der ganzen Verwandtschaft verkündet, was drin war: „Gott sei Dank ein Junge, der kann dann später mal den Betrieb übernehmen.“

Heutzutage geht man damit nicht mehr so offensiv um. Man hat ja dazugelernt, dass eine so frühe Weichenstellung nicht unbedingt ein Garant für dauerhaftes Familienglück oder friedliche Weihnachtsfeste ist. Aber die Kiste mit den Erwartungen ist noch da, steht im Regal und ehe man sich es versieht, rappelt es da drin und man schaut doch noch hinein.

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24. Sep. 2020
von Tanja Weisz
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15. Sep. 2020
von Sonia Heldt
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„Wieso hat der mehr auf dem Teller als ich?!“

Nicht nur unter Kanarienvögeln gibt es Futterneid: Auch menschliche Geschwister können da zum Tier werden.

„Warum bekomme ich die kleine Portion und Lara die große?“ Ich schaue in den Kühlschrank. Tatsächlich, ich habe das kleinere Schälchen mit dem Heidelbeerjoghurt auf den Tisch gestellt. Nicht absichtlich. Und eigentlich ist der Unterschied zwischen den Portionen nicht gigantisch. In dem größeren Schälchen mögen ein paar Gramm mehr gelandet sein. Ist ja auch egal. Warum sollte ich die Heidelbeeren einzeln abzählen und den Joghurt abmessen? Hier liegt ein klarer Fall von Futterneid vor: die Angst beim Essen zu kurz zu kommen. In einem gewissen Rahmen total normal – unter Kindern. Aber am Küchentisch sitzt keine meiner Töchter, sondern mein Mann. Ich schaue ihn spöttisch an. „Ehrlich jetzt?!“  Er lacht, tunkt den Löffel in die Joghurtcreme und gibt sich mit seiner (minimal kleineren) Portion zufrieden. So richtig ernst war sein Kommentar wohl nicht gemeint. Ihm sind seine Altlasten aus seiner Kindheit durchaus bewusst und manchmal macht er sich selbst über sich lustig, weil er weiß, wie entsetzlich empfindlich ich generell und insbesondere bei unseren Kindern auf Futterneid reagiere. Wenn Futterneid nämlich einmal so richtig um sich gegriffen hat, kann er ein Leben lang bleiben. Und das wirkt bei Erwachsenen manchmal ganz schön bizarr.

Mein Mann ist mit drei Geschwistern großgeworden. Der Altersunterschied zwischen ihm und seinen zwei Brüdern ist gering. Gerade einmal eineinhalb Jahre trennen sie jeweils voneinander. Geschwister im etwa gleichen Alter zu haben, kann viele Vorteile mit sich bringen. Man hat automatisch immer jemanden, der ähnliche Interessen an den Tag legt. Zu dritt ist man fast schon eine richtige, verschworene Bande und braucht im Prinzip keine anderen Kinder. Man hat ja die Brüder. Aber gleichzeitig sitzt die Konkurrenz direkt im Kinderzimmer nebenan, wetteifert um die Aufmerksamkeit und Liebe der Eltern und Großeltern und um das bessere Spielauto. Was man auch anstellt, Geschwister wird man so schnell nicht los, erst recht nicht am Essenstisch.  

Mein Mann hat mir einmal erzählt, dass er nachmittags mit seinen Brüdern öfters zum Fernsehen zu Oma durfte. Die Jungs saßen einträchtig vor der Glotze, während Oma Äpfel schälte und schnitt und die Stücke für jeden Enkelsohn in seine eigene kleine Schüssel legte. Obendrauf drapierte sie als besonderes Bonbon jeweils ein Stück Schokolade. Aber für meinen Mann, dem jüngsten Bruder und Lieblingsenkel, lag versteckt unter den Apfelstücken ein Extrastück Schokolade. Natürlich wurde der Schatz, sobald Oma aus der Tür war, triumphierend den großen Brüdern gezeigt, um sie zu ärgern. Das hat sicherlich nicht dazu beigetragen, den kindlichen Neid einzudämmen. Später, als die Geschwister älter waren und zu unterschiedlichen Zeiten von der Schule kamen, bereitete meine Schwiegermutter für jedes Kind eine (gerechte) Mittagessensportion zu, die sich jeder nur noch warmmachen musste. Aber wer als letztes aus der Schule kam, musste sehr oft die Erfahrung machen, dass seine Mahlzeit regelrecht ausgeschlachtet war: die leckere Bratwurst fehlte, dafür türmte sich das ungeliebte Gemüse auf dem Teller. 

Auch ich bin mit Geschwistern aufgewachsen, allerdings besteht zwischen meinem Bruder, meiner Schwester und mir ein recht großer Altersunterschied. Sicherlich habe auch ich früher meinen Weihnachtsteller mit Süßigkeiten vor meinem großen Bruder verstecken müssen. Mein Bruder besaß auf wundersame Weise noch bis weit in den Januar einen bis obenhin gefüllten Teller, während die leckeren Sachen auf den Weihnachtstellern meiner Schwester und mir, ohne unser Zutun, konstant und auf wundersame Weise schrumpften. Süßigkeiten stellen wohl in jedem Haushalt mit Kindern essbares Gold dar. Besondere Köstlichkeiten sollte man also stets beschriften oder verstecken. Auch in unserem Haushalt wird versteckt, damit mein Mann – der einen extrem süßen Zahn hat – sich nicht (versehentlich natürlich) daran vergreift. Er kann Süßem von uns allen am wenigsten widerstehen. Daher markiert Maya ihr Eigentum grundsätzlich mit Zetteln: „Von Maya. Nicht essen, Papa!!!“

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15. Sep. 2020
von Sonia Heldt
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08. Sep. 2020
von Matthias Heinrich
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Niemand isst hier heimlich Süßigkeiten

Wenn Kinder zu uns aufschauen, sehen sie nicht immer das, was wir ihnen vermitteln wollen.

So, jetzt aber los, ich bin spät dran. Gerade will ich meine Zahnbürste unter dem Wasserhahn ausspülen, als ich im Spiegel in das Gesicht meiner fünfjährigen Tochter schaue. Sie steht direkt neben mir. Das Summen ihrer elektrischen Zahnbürste stoppt immer kurz, wenn sie das Gerät in ihrem Mund neu platziert. Ihre großen braunen Augen fixieren mich. Ihr Blick ist ernst. Mist, wie lange putzen wir jetzt? denke ich. Auf keinen Fall schon drei Minuten, wie wir es den Kindern immer sagen. Sie  weiß das ganz genau. Drei Minuten … Ich putze weiter, jetzt ganz bewusst oben und unten und vorne und hinten. Dabei fange ich an zu summen, lächle meiner Tochter zu, als wäre mir Zähneputzen die größte Freude überhaupt. Ihr Blick bleibt unverändert. So als wollte sie sagen: „Du kannst mir nichts vormachen, Papa.“

Am Nachmittag fragen meine Kinder: „Dürfen wir was Süßes?“ „Nein, ihr hattet schon ein Eis. Außerdem waren Gummibärchen in euren Frühstücksdosen, das ist genug. Ich kann euch einen Obstteller machen.“

Am Abend fragt mich meine Frau: „Sag mal, hamsterst du im Keller heimlich Süßigkeiten?“ Erwischt. Dabei hatte ich die Lakritztüte doch so gut zwischen Nudeln, Mehl und Konservendosen versteckt. Ich bin zwar konsequent und verantwortungsbewusst um die Ernährung unseres Nachwuchses bemüht, kenne aber in Wahrheit keine Skrupel. Direkt nachdem ich den Obstteller arrangiert hatte, bin ich in den Keller geschlichen, habe eine Tüte Lakritz aufgerissen und sie innerhalb von Minuten zur Hälfte in mich reingestopft. Dass meine Frau beteuert, sie hätte zunächst die Kinder verdächtigt und sei erleichtert, dass sie nicht gelogen haben und tatsächlich nicht heimlich im Keller naschen, macht es nicht besser. Als scheinbar strenger Vater, der heimlich Lakritz im Keller futtert, stecke ich eh schon in der moralischen Zwickmühle. Bei dem Vergehen auch noch ertappt zu werden, das ist wirklich peinlich.  

Ob wir es wollen oder nicht: Wir Eltern sind die Vorbilder unserer Kinder. Vierundzwanzig Stunden am Tag ist das so, sieben Tage in der Woche. Wir stehen unter Beobachtung. Ob wir heimlich naschen, stundenlang aufs Handy starren, in der Nase popeln, die Wäsche liegen lassen oder unsere Teller nicht abräumen: Die Kinder registrieren alles. Aus der Nummer kommen wir nicht mehr raus. Wir sind Vorbilder, sowohl in Situationen, in denen wir unsere Werte vermitteln wollen, als auch in unseren schwachen Momenten, wenn wir etwas tun, was gute Vorbilder besser lassen sollten.

Diese Schwächen ereilen uns auch in unvorhergesehenen Situationen. Mein jüngerer Bruder bekam in den Neunzigern eine Playstation. Nächtelang haben wir das Fußballsimulationsspiel FIFA gezockt. Irgendwann habe ich die Bedienung in die Ecke gepfeffert. Seitdem habe ich um Spielekonsolen, Gameboys und dergleichen einen riesigen Bogen gemacht. Dann kam Weihnachten 2019. Trotz großer Bedenken haben wir unserem Sohn eine Playstation geschenkt. Allerdings setzten wir ihm ein tägliches Zeitlimit, das er auch ohne großes Murren einhält. Der Einzige, der sich an kein solches Limit hielt und mehrmals bis tief in die Nacht mit dem Ding spielte, war ich. 

Wer lange genug überlegt, findet wahrscheinlich Dutzende Momente, in denen er als Vorbild versagt hat. Vielleicht ist es ein Trost, dass es umgekehrt auch nicht immer funktioniert. Wer versucht, mit gutem Beispiel voran zu gehen, ist nicht automatisch auf der Erfolgsspur, egal wie überzeugt er ist, gerade genau das Richtige zu tun. Vor knapp zwei Jahren musste ich das lernen, als ich meinen Sohn zur Schule brachte: Im Flur vor dem Klassenraum herrschte größerer Trubel als sonst. Kinder riefen aufgeregt durcheinander: „Habt ihr schon gehört? Wir haben einen Neuen!“ „Der heißt Lennox.“ „Echt? Krass!“ Aus der Klasse ertönte plötzlich ein markerschütterndes Geschrei: „Ich will nicht hierbleiben!“ Die gedämpfte Stimme einer Mutter war zu hören. Sie versuchte vergeblich ihr Kind zu beruhigen. Ich betrat entschlossen den Raum. Schließlich war ich als Elternvertreter der Meinung, meine Hilfe werde benötigt. Vorne am Lehrerpult stand ein in Tränen aufgelöster Junge, der sich an seine hilflose Mutter klammerte. Daneben stand der genervte Lehrer. Ich sprach die Mutter an, denn ich erkannte sie wieder. „Hallo! Mensch, wir haben uns doch am Wochenende auf dem Spielplatz gesehen. Dann ist ihr Sohn jetzt bei uns.“ Sie sah mich an, sagte aber nichts. Ich lächelte dem Jungen zu: „Sag mal, kennst du schon Theo, meinen Sohn?“

Der Junge hörte auf zu weinen und schaute mich stirnrunzelnd an. „Ich hole ihn mal“, sagte ich und drehte mich zu meinem Kind um, das gerade in seinem Ranzen kramte. „Theo, komm doch mal her und begrüße deinen neuen Mitschüler.“ Der Angesprochene zuckte mit den Schultern und setzte sich in Bewegung. Er ging aber nicht in unsere Richtung, sondern zu einem blonden Jungen, der ruhig an seinem Tisch saß und das Geschehen beobachtete. „Nein, hierher, Theo!“ Wieder zuckten die Schultern des Kindes. Er schlurfte dann zu dem Jungen, der sich immer noch an seine Mutter klammerte und sagte: „Hallo Lukas.“ „Hallo Theo“, schniefte der andere. Ich drehte mich zu dem Lehrer um und flüsterte: „Ist das gar nicht der Neue?“ „Nein“, erwiderte dieser in normaler Lautstärke, „Lennox sitzt da vorne.“ Ich drehte mich zu dem Blonden um, der immer noch still und friedlich auf seinem Platz saß. Ich verabschiedete mich von der Mutter, strich meinem Sohn über den Kopf, klopfte dem Lehrer auf die Schulter, vermied dabei jeglichen Blickkontakt und stahl mich aus dem Raum. Dann doch besser heimlich Lakritz naschen.  

Ich habe mich inzwischen damit abgefunden, nicht das perfekte Vorbild zu sein. Ich habe meinen Frieden mit mir selbst gemacht. Ich bin einfach nicht perfekt. Darum begegne ich meinen eigenen Verfehlungen mit Gelassenheit und auf unterschiedliche Weise. Humor hilft dabei, aber auch ganz konkrete Maßnahmen. Die Playstation steht seit ein paar Monaten im Gästezimmer im Keller. Seitdem habe ich sie nicht mehr angerührt und unser Sohn spielt nur noch sehr unregelmäßig. Neulich habe ich bemerkt, dass er sich heimlich Süßigkeiten aus dem Schrank stibitzt. Statt zu schimpfen – was auch nicht ohne Bauchschmerzen gegangen wäre – habe ich ihn gefragt, ob er sich Süßigkeiten genommen habe und ihm dann ganz ruhig erklärt, dass wir keine neuen kaufen, wenn im Schrank keine mehr sind. Er hätte dann auch nichts Süßes mehr für die Pausendose. Ich glaube, es hat funktioniert.

08. Sep. 2020
von Matthias Heinrich
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01. Sep. 2020
von Sonia Heldt
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Ein sehr spezielles Alter

Halb Kind, halb Heranwachsende: Die Übergangsphase läuft nicht ohne Reibungsverluste ab.

Es ist nicht mehr von der Hand zu weisen: Maya wird in diesem Monat dreizehn und steckt schon mitten in der P … – Nein! Stopp! Ich darf dieses Wort nicht schreiben! Ich darf es nicht einmal aussprechen. „Wehe, Mama, wenn du dieses Wort noch einmal sagst!“, faucht Maya, sobald ich eine Erklärung für die Veränderungen, die sich langsam aber sichtbar bei ihr ankündigen, abgeben will: „Weißt du, das ist einfach so, dass man das Haar öfter waschen muss in der …“  Sie wirft mir einen drohenden Blick zu und ich verstumme augenblicklich.

Maya will nichts hören von körperlichen oder seelischen Veränderungen. Sie hasst Veränderungen so sehr! Seit sie denken kann, frühstückt sie immer das Gleiche: Brot mit Himbeermarmelade, ein Glas Wasser und Kakao. Es darf nur Himbeermarmelade sein, keine Erdbeer-, Aprikosen- oder Waldfruchtmarmelade. Und der Kakao muss unbedingt die richtige Mischung aus Milch und Pulver haben. Deswegen muss ich ihn anrühren, denn nur ich bekomme die perfekte Mischung für sie hin. Feiertage wie Geburtstage, Ostern und Weihnachten müssen jedes Jahr gleich ablaufen, sonst sind diese Tage für Maya nicht das, was sie sind. Keine Experimente! „Aber es gibt doch immer Raclette Heiligabend. Warum sollten wir dieses Jahr etwas anderes essen?“ oder „Wo ist die CD mit den Kinder-Geburtstagsliedern, die du an meinem Geburtstag immer morgens laufen lässt? Die will ich auch dieses Jahr hören.“ Sie trägt seit Jahren einen dunkelblauen Wintermantel. Sobald der Mantel mal wieder zu klein geworden ist (und das ist er fast jedes Jahr), begeben wir uns auf die Suche nach einem ähnlichen Modell. Wie blöd, dass man aus Kleidung rauswächst. Was soll das überhaupt? Warum kann nicht einfach alles so bleiben wie es ist?  

Und nun ist es ausgerechnet Maya selbst, die sich verändert. Das macht ihr schwer zu schaffen, denn sie hat keine Chance gegenzusteuern. Sie kann ihre Barbie-Sachen aus dem Keller holen, aufbauen und sich vornehmen, ein paar Stunden damit zu spielen. Aber dann merkt sie, dass ihr die kindliche Unbefangenheit und die Freude am Spiel mit den Puppen verlorengegangen ist, und sie fängt an nachzudenken, warum das so ist. Selbst die Treffen mit den Freundinnen gestalten sich plötzlich anders. Letzte Woche hat sie sich mit ihrer besten Freundin aus Grundschulzeiten getroffen. Als ich Maya abholte, ließ sie sich frustriert und traurig in den Autositz fallen. Ich versuchte herauszubekommen, was los war, und sie sagte: „Ich kann es nicht erklären. Alles ist nun so komisch zwischen Marie und mir. Es ist, als hätten wir alle Spiele, die es gibt, schon ausgespielt. Und nun wissen wir nicht mehr, was wir miteinander anfangen sollen.“  Ich versuchte ihr zu erklären, dass sich nicht nur die eigenen Interessen, sondern auch die Beziehungen zu Freunden und Familie im Teenageralter verändern. Maya nickte frustriert und verstand. Schließlich hat sie diese Veränderung bei ihrer großen Schwester Lara (inzwischen 16) hautnah miterlebt. „Hoffentlich werde ich später nicht auch so doof wie Lara“, betont Maya in letzter Zeit oft. Maya möchte kein halbstarker Teenager wie Lara werden, die nonstop am Telefon hängt, nur noch an Klamottenkäufe und die nächste Party denkt und sich zu cool für diese Welt fühlt. Die Vorstellung, sie könnte später ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legen, findet sie schrecklich.

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01. Sep. 2020
von Sonia Heldt
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25. Aug. 2020
von Chiara Schmucker
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Und ewig tropft der Klebstoff

Sauber Kleben - die Kür des Bastelns und für manche ein Graus. Manchmal auch für die Außenstehenden.
Sauber kleben – die Kür des Bastelns und für manche ein Graus. Manchmal auch für die Außenstehenden.

Ich bekenne: Ich hasse Basteln. Das Geräusch, wenn eine Schere sich ihren Weg durch Tonpapier bahnt, verursacht mir Gänsehaut, die winzigen sichelförmigen Schnipsel am Boden (und sie landen immer am Boden, egal, wie viel Mühe man sich gibt), weil es einem eben doch nur mit Korrekturschnitten gelingt, eine halbwegs gerade oder gar runde Fläche auszuschneiden, sind mir ein Gräuel. Doch die Abneigung besteht auch umgekehrt, ich schwöre es. Wenn ich dem Transparentpapier nur nahe komme, reißt es sofort ein, die Schere stellt sich stumpf, der Bleistift versteckt sich.

Meine Aversion gegen alles, was mit Kleber, Schere und buntem Karton zu tun hat, bestand nicht immer. Früher war ich sogar einmal in einer Bastel-AG. Doch die bedauernden Blicke der anderen Kinder, Jugendlichen und Mütter haben mich eines Besseren gelehrt. Meine Mutter hat meine selbstgebastelte Brosche nie getragen, der Aschenbecher aus Ton ist längst irgendwo im Garten als Übertopf verrottet. Schaue ich mir heute meine „Kunstwerke“ aus dem Kindergarten an, wird mir klar, dass die Vögelchen in der Walnussschale und Schneemänner aus Watte eher den Händen meiner kreativen Erzieherinnen entsprungen sind als meinen. Meine „befriedigenden“ Kunstarbeiten aus der Schule habe ich neulich tutto completti in den Mülleimer befördert, als ich mein Kinderzimmer ausgeräumt habe, weil ich mich so geschämt habe, so viel Zeit und Hingabe in etwas gesteckt zu haben, was andere dann bestenfalls mittelmäßig fanden. Nur bei den Sonnenblumen von van Gogh habe ich kurz gezögert, denn ich hatte mein Werk damals wunderschön gefunden und war so stolz auf die gefälschte Signatur. Meine Lehrerin sah das anders. Also: Weg mit der Schmach!

Ich habe mir eines geschworen. Mich nie wieder wegen so etwas demütigen zu lassen. Die weiteren Bilder für den Kunstunterricht habe ich mir von begabteren Freunden zeichnen lassen. Und: Ich habe nie wieder etwas gebastelt. Nur einmal habe ich mich breitschlagen lassen, für mein Patenkind die Taufdeko zu übernehmen. Nicht nur die Mutter des Täuflings hat es bereut (und in stundenlanger Nachtarbeit „nachgebessert“).

Aber ich dachte: Es gibt Wichtigeres.

Bis ich Mutter eines Kita-Kinds wurde.

Erstes Kind, erster Kita-Herbst, erste Einladung: „Wir basteln Laternen.“ Ich habe fast geheult. Ich war so hin- und hergerissen zwischen meinem Wunsch, nicht hingehen zu müssen, und meiner Befürchtung, dass alle Eltern beim gemeinsamen Laternelaufen sehen würden, dass mein Sohn der einzige mit einer gekauften Laterne ist. Sie würden die falschen Schlüsse ziehen („Klar, die Eltern arbeiten ja auch beide voll“) und uns alle drei mitleidig ansehen. Das ist natürlich Quatsch, wahrscheinlich interessierte es keinen, aber so fühlte ich mich. Ich wollte nicht die schlechteste Mutter des Universums sein, aber auch um keinen Preis hingehen.

Mein Mann ist schließlich hingegangen – und hat eine wundervolle und sehr exzentrische Laterne gebastelt. Ich bin fast geplatzt vor Stolz. Ich weiß die Laternenkarriere unseres Sohns also in sicheren Händen. Und gewinne mit meinem Sohn doch ziemlich viel Selbstbewusstsein zurück. Ich male riesengroße Pferde, Traktoren, Fahrräder, Hunde und Wolken auf meine Terrasse – und ich schwöre es, aus dem zweiten Stock sehen die richtig gut aus! Ich knete mit Salzteig und verschenke die Ergebnisse („hat der Max für dich gemacht“), ich trickse beim Geburtstagskuchen und zaubere aus gekauftem Kuchen, runden Keksen und Schokoglasur einen Traktor. Die Verwandtschaft war beeindruckt! Ich stöbere mich durch Do-it-Yourself-Chats und habe einige Bastelmuttis auf Instagram abonniert (seither weiß ich, dass auch sie beim Kleben klecksen – sie wissen nur, wie man das später kaschiert). Während des Corona-Lockdowns habe ich aus Karton eine Parkgarage für die Matchboxautos kreiert. Ich baue Autowaschanlagen aus Duplo und Duplexgaragen aus Klorollen. Ich bastle Fracht für Traktor und Müllauto aus Pappe und Zellstoff  – und habe richtig Spaß dabei. Ich denke mir inzwischen: Ich habe ein Kind geboren – was kümmern mich da so ein paar windschiefe Kanten, Klebstoffflecken oder knitterige Seiten. „Sei frech und wild und wunderbar“ pinnen sich doch alle überall dran oder tragen den Satz auf ihrer Kaffeetasse. Ich bin frech und wild und wunderbar, ha!

Bald hat Max Geburtstag. Er wird zwei. Ein kleines Tütchen mit einer kleinen Überraschung für alle Kita-Kinder ist da Pflicht. Yellas Mutter hat neulich (angeblich mit Yella zusammen) für jedes Kind ein Salzteigtierchen ausgestochen, gebacken und bemalt. Ich habe eine bessere Idee: Ich kaufe für jedes Kind einen Stift, einen kleinen Notizblock und eine Luftschlange zum Aufpusten – sollen sie sich doch selbst was Hübsches basteln. Sieht dann auch besser aus als von mir. Und macht außerdem höllisch viel Spaß!

25. Aug. 2020
von Chiara Schmucker
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18. Aug. 2020
von Sonia Heldt und Anneli Pereira und Tanja Weisz und Chiara Schmucker
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Ist das überhaupt richtiger Urlaub?

Auf in den Pool: Urlaub in Griechenland

Griechenland, Kreta: Raki, türkisblaues Meer und Zickenkrieg

Wir wollten unsere Reise nach Kreta auf jeden Fall antreten, sollte Covid-19 es halbwegs zulassen. Wir hofften auf leere Strände, leckeres griechisches Essen und einen reibungslosen Verlauf. Die Anreise funktionierte anfangs nicht ganz so reibungslos: Der Flieger ging um 6 Uhr morgens. Das machten Mayas (12) Kreislauf und ihr Reisefieber nicht mit. Maya hatte die letzten Tage vor Abflug damit verbracht, darüber nachzudenken, was passieren würde, wenn unser Flugzeug abstürzt. Man wäre bei der Höhe definitiv tot, während man – ihrer Meinung nach – bei einem Autounfall noch gerettet werden könnte. Wir flößten ihr ein Mittel gegen Reiseübelkeit ein und kamen verspätet und hektisch am Flughafen an.

Der Flug mit Mund-Nasen-Schutz und die Einreise nach Griechenland gestalten sich dagegen unkompliziert. Ein Beamter warf am Flughafen in Heraklion einen schnellen Blick auf unsere QR-Codes und wies uns den Weg, an der Corona-Test-Station vorbei, Richtung Gepäckausgabe. Unser Urlaub konnte starten!

„Hier sieht es aus wie im Bilderbuch“, waren Laras erste Worte, als wir vor unserem charmanten, familiengeführten Strand-Hotel standen (ihr zweiter Satz lautete: „Wie iss’n der WLAN Code?“). Das Meer schimmerte türkisblau und beim Abendessen auf der großen Außenterrasse konnten wir jeden Abend beobachten, wie die Sonne im Meer zu versinken schien. Die Insel war nicht ausgestorben, aber doch merklich leerer als normal. Nicht ganz so bilderbuchmäßig gestaltete sich das Verhältnis meiner Töchter zueinander. Klar, wir waren darauf vorbereitet. Warum sollte es im Urlaub anders laufen als zu Hause? Die Mädels sind sich momentan altersbedingt überhaupt nicht grün.

Aber es gab auch harmonische Familien-Momente, wie dieser eine Abend auf unserer Hotelterrasse. Ein griechisches Duo spielte (schlechte) Live-Musik und Maya packte ihre Uno-Karten aus. „Spielst du auch mit?“, fragte ich Lara wenig hoffnungsvoll. Doch sie nickte überraschenderweise. An diesem Abend kam es zu keinem einzigen Schlagabtausch oder Zickenkrieg. Wir gaben Zitate unserer Lieblingsfilme zum Besten und Maya sagte: „Weißt du noch, Lara, vor fünf Jahren auf Kreta? Ich habe dir Mamas Glas mit Raki zu trinken gegeben, weil ich dachte, es wäre Wasser.“ Und dann erinnerten sie sich an vergangene Schwesternerlebnisse und alte Spiele und lachten miteinander.

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18. Aug. 2020
von Sonia Heldt und Anneli Pereira und Tanja Weisz und Chiara Schmucker
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