Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

07. Apr. 2020
von Chiara Schmucker
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Bitte nicht anfassen!

"Komm mir nicht zu nah" - für Tiere sind Kinder meist weniger vergnüglich als umgekehrt.
„Komm mir nicht zu nah“ – für Tiere sind Kinder meist weniger vergnüglich als umgekehrt.

Wenn mein Sohn Max auf ein Insekt trifft, ist das wie Russisches Roulette – natürlich für das Insekt. Max ist eineinhalb und ist nicht grade zimperlich, wenn er eine spannende Entdeckung wittert. Und Käfer, Bienen, Raupen und Regenwürmer zählen zu den alleraufregendsten Entdeckungen seines momentanen Alltags. 

Kürzlich entfuhr mir ein spitzer Freudenschrei, als ich in unserer Mahonie einen Marienkäfer entdeckte, der gerade dabei war, seine starren Glieder in der Frühlingssonne unserer Terrasse aufzuwärmen. Schon stand Max neben mir, drängelte und wollte direkt zupacken. Ich konnte den ersten Angriff verhindern und versuchte, das Tierchen dazu zu bewegen, freiwillig auf Max‘ jetzt ausgestreckte Hand zu krabbeln. Doch der Marienkäfer stellte sich tot – und so half Max etwas nach. Er drückte auf die gepunkteten Deckflügel, und da war es auch schon zu spät. Noch bevor ich den Tropfen bräunliche Flüssigkeit auf Max‘ Hand sah, wusste ich, dass der Marienkäfer die Neugier meines Sohns nicht überlebt hatte. 

Das gleiche Schicksal haben seither zwei Raupen, zwei Spinnen, drei Feuerwanzen, zwei weitere Marienkäfer und ein Regenwurm erleiden müssen. Wo auch immer Max ein Insekt oder ähnlich großes Tier entdeckt, drückt, zieht, quetscht er daran herum. Erst habe ich erklärt, irgendwann geschimpft. Inzwischen halte ich Max auf Abstand und rette die Tiere auf Mauern oder Blätter, die er nicht erreichen kann. Finde ich bei der Gartenarbeit ein Tier, behalte ich es in meiner Hand und schließe sie schnell, wenn Max‘ Grapschhand sich wieder nähert.

Wie erklärt man einem Kleinkind, dass auch Insekten Tiere sind, die man nicht einfach töten darf? Einem Kind, das mit dem Wort „tot“ noch gar nichts anfangen kann – und auch nichts anfangen können muss? Ich versuche es mit: „Max, schau, der Käfer geht kaputt. Nur gucken, nicht anfassen.“ Es klappt mäßig. „Max, das ist Papa Feuerwanze, er geht zur Arbeit. Das ist Mama Feuerwanze, sie geht auch zur Arbeit, schau wie schnell sie läuft, und das ist das Baby, so wie du.“ Schon besser. Max guckt aufmerksam und behält seine Finger bei sich. Am meisten Erfolg hat mein Mann: „Max, ein Käfer ist ein Tier, wie unser Hund, nur in ganz ganz klein.“ „Wawa“, sagt Max.

Einen Marienkäfer mit einem Hund zu vergleichen – ein kluger Schachzug. Denn Hunde kennt und liebt Max. Er weiß, dass sie zwicken, wenn man ihnen wehtut. Ganz vorsichtig ist er mit ihnen und gluckst vergnügt, wenn er mit seinem Finger behutsam Fell oder Schnauze berühren darf. 

Ich habe mir für meinen Sohn Natur gewünscht, die er anfassen kann, ohne dass ich befürchten muss, dass er Zigarettenkippen, Glasscherben oder Schlimmeres in die Hand bekommt. Dafür sind wir aus der Stadt hinaus ins Grüne gezogen. Ich wusste, dass es das Richtige ist, als ich beobachtet habe, wie ruhig Max im Wald wurde. Wie sicher er sich bewegte und den Geräuschen lauschte. Wie er Vögel in den Zweigen entdeckte und Käfer unter der Rinde alter Bäume. Ich will, dass Max die Natur entdecken und lieben lernt – aber auch respektvoll damit umgeht. Dazu gehört, keine Tiere zu zertreten, Äste abzubrechen oder Blumen abzureißen. 

Als Kind verbrachte ich jeden Sommer in einer Kinderfreizeit im Wald. Vorsichtig mit Tieren umzugehen, brachte es dort sogar zu einer Strophe im Ferienlager-Lied: „Frösche, Krebse, Salamander fangen niemals wir mit’nander“, hieß es da. Wir haben sie natürlich trotzdem gefangen, wollten doch wissen, wie sich so ein großer Frosch in der Hand anfühlt. Seine starken Beine und sein klopfendes Herz spüren. Wir wollten entdecken, untersuchen, alles ganz genau wissen. Die Liedzeile dichteten wir um in „Fangen fröhlich wir mit’nander.“ Nach kurzer Zeit ließen wir die Tiere wieder frei. 

Auch ich habe Schnecken gesammelt und mit Salat gefüttert, wir haben Schneckenrennen veranstaltet und einmal, als einer Schnecke das Haus gebrochen war, habe ich aus Neugier immer weiter daran herumgepult. Die Schnecke ist noch in der Nacht vertrocknet, bis heute habe ich deshalb ein schlechtes Gewissen. 

Ich kann Max‘ Entdeckerdrang also durchaus nachvollziehen, doch ich will ihn in positive Bahnen lenken. Deshalb fahren wir so oft wie möglich in den Wald, locken zu Hause die Katzen unserer Nachbarn mit Leckerli und beobachten Insekten aus sicherer Entfernung. Außerdem habe ich mir in einigen Internetforen Tipps geholt und für Max eine Becherlupe bestellt. So kann er sich die Tiere in Groß anschauen – ohne dass sie in Gefahr sind. Ich habe auch unseren Bücherbestand um das Thema Insekten aufgestockt; seit Corona haben wir ja viel Zeit zum Draußensein und Bücher lesen. „Die kleine Raupe Nimmersatt“ haben wir schon, jetzt kommt „Die kleine Spinne Widerlich“. Ein Buch, das selbst die größten Spinnenhasser gnädig stimmen soll. Mal sehen, was es nützt. 

07. Apr. 2020
von Chiara Schmucker
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31. Mrz. 2020
von Martin Benninghoff
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Notbetreuung: Gutes Recht oder unsolidarische Extrawurst?

Selbst wenn die Kita für die Notbetreuung geöffnet ist: Es ist dort einsamer als sonst.

Mindestens 1,50 Meter Abstand, in die Armbeuge niesen und möglichst häufig Händewaschen – willkommen in einer Kita, wo solche guten Vorsätze garantiert nur Vorsätze bleiben!

Die Verhaltensregeln, die in Zeiten der Corona-Pandemie befolgt werden sollen, sind mit Klein- und Kleinstkindern faktisch nicht einzuhalten. Wenn ein Kind immer auf den Schoß und an die Hand möchte, wird es sich kaum auf Abstand halten lassen, und das wäre im Binnenverhältnis Erzieher-Kind wohl auch kaum angebracht. Kein Wunder also, dass viele Erzieherinnen und Erzieher nicht gerade begeistert sind, dass sie weiterhin Kinder in ihren Kitas betreuen sollen. Wenn auch nur in Kleinstgruppen und im Rahmen einer Notbetreuung für Eltern, die systemrelevante Berufe ausüben. „Berufsgruppen, die zur Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens unverzichtbar sind“, so nennt das hessische Gesundheitsministerium solche systemrelevanten Berufe in Corona-Zeiten.

Meine Frau und ich gehören dazu. Sie, die als Therapeutin traumatisierte und schwertraumatisierte Kinder und Jugendliche betreut, und ich als Journalist, der seine Aufgaben nicht mal eben so nebenbei oder abends erledigen kann und dabei hilft, das Informationsbedürfnis der Bevölkerung zufriedenzustellen. Andere Berufsgruppen: Ärzte, Pfleger, Technisches Hilfswerk, Richterinnen, Staatsanwälte, Polizistinnen, Hebammen und Kinderkrankenhelfer, aber auch Fachkräfte, die nach den Sozialgesetzbüchern oder dem Asylbewerberleistungsgesetz Geld auszahlen und somit dabei helfen, dass Menschen nicht in existenzielle Nöte rutschen. Die Regeln, wer Anspruch auf Notbetreuung bekommt, wurden mittlerweile in den meisten Bundesländern, nicht allen, gelockert: Es reicht, wenn ein Elternteil zur Riege dieser systemrelevanten Berufe gehört. Zuletzt ist Brandenburg nachgezogen.

Die Kitas – so die anfängliche Sorge – könnte die großzügige Bemessung, wer und was als systemrelevant gilt, vor Probleme stellen. Denn natürlich gilt der Schutz vor Infektionen auch für Erzieherinnen und Erzieher. Zudem: Die Tatsache, dass die Ausbreitung von SARS-CoV-2 verlangsamt werden soll, macht es grundsätzlich nötig, Gruppenansammlungen ab drei Menschen zu verhindern. In der Kita-Frage ergibt sich daraus ein Zielkonflikt: Nimmt man die Regeln ernst, müssten die Kinder zuhause bleiben. Will man den Betrieb am Laufen halten und nicht ganz Deutschland komplett stilllegen, müssen die systemrelevanten Berufsgruppen ihrer Tätigkeit nachgehen können.

„Steigende Betreuungszahlen erwartet“

Dass dieser Zielkonflikt nicht größere Welle schlägt, liegt daran, dass bislang relativ wenige Eltern von der Notbetreuung Gebrauch machen: In Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten aller Bundesländer, sind nach Angaben des Familienministeriums derzeit nur zwischen 2,4 und 4,7 Prozent aller Kinder in den Kitas und der Kindertagespflege notbetreut. Allerdings dürften die Zahlen in diesen Tagen steigen, nachdem die Regeln gelockert und die Gruppe der Berufe vergrößert worden sind.

Wir leben in Hessen und dürfen unseren Sohn seit vergangener Woche in die Notbetreuung schicken – haben die Möglichkeit aber bislang nicht genutzt.

Warum? Eine Antwort fällt nicht ganz leicht, denn wir hätten allen Grund, die Notbetreuung in Anspruch zu nehmen. Die Tage sind derzeit kaum zu organisieren, die Betreuung eines Dreijährigen mit zwei berufstätigen Elternteilen eine – wie sagt sich so euphemistisch – Herausforderung, die sich zumindest stundenweise nicht lösen lässt. Aber der erste Gedanke, der zugegebenermaßen eher meiner Frau als mir kam, war: Das geht in diesen Tagen fast allen berufstätigen Eltern so! Also schaffen wir das auch! Das zweite Argument ist eher rationaler Natur als das vorherige emotionale: Je öfter der Kleine in die Betreuung geht, desto höher ist das Infektionsrisiko für die Kita-Mitarbeiter und für ihn und damit auch uns selbst. Die Argumentation ist eine Mischung aus pragmatischen Gründen und emotionaler Scheu, in solidarischen Zeiten eine Extrawurst anzunehmen, selbst wenn sie einem per Gesetzgeber zugestanden wird.

„Es gibt keine zufriedenstellende Antwort“

Allerdings kommen auch Stunden, in denen wir das Angebot dennoch annehmen müssen, weil es nicht anders geht. Die Betreuung durch die Großeltern fällt vorübergehend aus, die Nachbarn im Haus, die selbst ein Kleinkind zu versorgen haben, helfen, wo sie können – aber sie stoßen natürlich ebenfalls an ihre Grenzen. Und die Babysitterin, die wir ab und beschäftigen, ist eine willkommene Hilfe, aber auch sie muss sich in diesen Tagen schützen. Insofern ist das Argument der Kitas, dass sich die Erzieher wie alle anderen schützen müssen, natürlich richtig – aber es gilt genauso für Menschen wie Babysitter oder Nachbarn, die sich in ähnlicher Weise exponieren würden. In der Frage gibt es deshalb – aus unserer Sicht – keine vollständig zufriedenstellende Antwort, sondern nur eine Abwägung, die man jede Woche und jeden Tag neu begründen muss.

Sollten die Betreuungszahlen in diesen Tagen weiter steigen, kommt es darauf an, die Kleingruppen in Kitas nicht häufig wild neu zu mischen und nicht zu groß werden zu lassen. Im Grunde wäre eine Eins-zu-Eins-Betreuung der sinnvolle Weg, allerdings lässt sich das nicht machen, das gibt der Personalschlüssel in Kitas nicht her. Im Übrigen ist die Notfallbetreuung – bei allen guten Gegenargumenten – ein wichtiger Rettungsanker, nicht nur für berufstätige Eltern in Schlüsselbranchen. So will die Stadt Karlsruhe beispielsweise die Notfallbetreuung auf jene ausdehnen, die von Berufs wegen nicht zur systemrelevanten Gruppe gehören: nämlich dann, wenn Eltern in schwierigen Verhältnissen Überforderung droht und somit das Kindeswohl gefährdet sein könnte. Dass der Frieden in ohnehin gestörten Familiensystemen derzeit einem Stresstest unterzogen wird, ist anzunehmen. Womit wir zugleich die Antwort haben, weshalb der Beruf meiner Frau, Psychotherapeutin, auch und leider gerade in diesen Tagen systemrelevant ist.

31. Mrz. 2020
von Martin Benninghoff
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24. Mrz. 2020
von Sonia Heldt
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Was Kinder von der Langeweile lernen können

„Uns ist langweilig!“ Aber Eltern wissen: Kinder haben herausragende Fähigkeiten, sich selbst zu beschäftigen.

„Was machst du gerade? Mir ist langweilig.“ Diesen Satz höre ich in den letzten Tagen aus gegebenem Anlass wie viele andere Eltern, die mit ihren Kindern zu Hause festhängen, nun etwas häufiger. Maya möchte Federball, Findet-Hubi oder Kniffel mit mir spielen. Ich unternehme gerne etwas mit meinen Kindern, fahre mit ihnen Rad, spiele leidenschaftlich gerne Kniffel und Stadt-Land-Fluss und manchmal auch Federball und Tischtennis, aber ich stehe auf keinen Fall auf Abruf parat. Wenn ich zu tun habe, erwarte ich von Maya, dass sie sich alleine beschäftigt und in diesem Fall nicht nonstop zum Smartphone greift. Einer Zwölfjährigen „Nein, ich habe jetzt keine Zeit für dich“ zu sagen ist natürlich einfacher als einem jüngeren Kind, das nicht immer versteht und auch nicht akzeptieren will, wenn man es abweist. 

Geschwister vereinfachen in dieser Hinsicht vieles. Maya hatte großes Glück. Ihre dreieinhalb Jahre ältere Schwester Lara gab die perfekte Spielpartnerin ab. Lara war schon als kleines Kind ungemein kreativ und fantasievoll. Sie brauchte nicht viel, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. Im Sommer reichte ihr ein Gefäß, mit dem sie in Garten Käfer sammeln konnte, oder die Schaukel. Wenn gerade keine Spielgefährtin verfügbar war, unterhielt sie sich angeregt mit ihren Stofftieren oder anderen imaginären Freunden. Das konnte auch schon mal ein Baum sein. Brettspiele oder angeleitete Spiele lehnte sie größtenteils ab. Die waren ihr zu fade, sie lebte lieber in ihrer eigenen Fantasiewelt. Als Maya alt genug war, dass Lara etwas mit ihr anfangen konnte, baute Lara die kleine Schwester wie selbstverständlich in ihre Rollenspiele ein. Zusammen richteten meine Töchter pompöse Puppen-Hochzeiten aus, verwandelten den Garten in ein riesiges Ponyhofgestüt oder bauten sich unter dem Hochbett eine Höhle und spielten „Eingeschlossene Kinder im Schneesturm“. Dadurch war auch ich sehr verwöhnt. Meine Kinder waren immer beschäftigt und ich konnte zu Hause ungestört meine Arbeit erledigen. Zwischendurch baten sie mich höchstens um Verpflegung für ihre Weltreise durch den Garten oder um Taschenlampen, damit sie im Keller Sankt Martin spielen konnten.  

Als Lara langsam in die Pubertät kam, wurden die gemeinsamen Spiele mit der Schwester weniger und Maya mutierte – zumindest spieltechnisch – zum Einzelkind. Immer öfter zog die Langweile bei ihr ein. Maya gehörte zu den wenigen Grundschulkindern, die mittags nach Hause kamen. Fast alle ihre Freundinnen nahmen an der Ganztagsbetreuung in der Schule teil, kamen erst nachmittags nach Hause und hatten anschließend noch diverse Freizeitaktivitäten. Einen gemeinsamen Spieltermin mit Freundinnen zu finden, war manchmal schwerer als einen EU-Sondergipfel einzuberufen: „Montag? Nein, montags kann Lilly nicht. Wenn sie aus der Betreuung kommt, muss sie zum Ballett. Dienstag dann Klavier und Donnerstag Schwimmunterricht. Mittwoch würde gehen, aber erst ab halb fünf, wenn ich sie von der Betreuung abgeholt habe. Aber da hat deine Maya ja Tanzen. Vielleicht kannst du Lilly am Freitag früher aus dem Ganztag abholen? Das haben die Betreuer zwar nicht gern, aber ich frage nach, ob es ausnahmsweise geht.“ Der Alltag vieler Kinder ist oft schon im Kindergarten streng durchgetaktet. Da bleibt wenig Zeit fürs Nichtstun oder Langweile. Dabei ist Langweile nicht immer negativ und eigentlich sehr wichtig. Langweile tut nicht weh. Langweile fördert die Kreativität, das ist wissenschaftlich belegt. Durchatmen und einen Moment für sich alleine haben. Ohne Geräuschkulisse. Selbst entscheiden, was man mit der freien Zeit anfängt. Sich selbst organisieren. Eigene Spiele erfinden. Eigenständig entscheiden, was man unternehmen möchte. Vor einem leeren Blatt Papier sitzen und nicht wissen, was darauf in der nächsten Stunde entstehen wird: Ein Bild? Eine Geschichte? Ein Klebemosaik? Mit selbst zusammengesuchten Materialien etwas erschaffen, ohne Anleitung oder Bauplan. Eigene Ideen entwickeln. Nachdenken. Staunen, zu was man fähig ist.

Leider haben wir Erwachsenen oft das Gefühl, es grenzt an Vernachlässigung, sobald wir unsere Kinder nicht sinnvoll beschäftigen. Dabei müssen wir kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir sagen: „Beschäftige dich jetzt mal eine Weile alleine.“ Es tut den Kindern gut. Natürlich brauchen sie Struktur in ihrem Alltag, aber auch unverplante Zeit gehört unbedingt in den Tagesablauf. Und nicht alles, was ein Kind tut, muss einen Sinn oder einen sichtbaren Lerneffekt haben.

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24. Mrz. 2020
von Sonia Heldt
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17. Mrz. 2020
von Anneli Pereira
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Vielleicht noch schnell ein Hamsterrad kaufen

Tag 1: Kitas und Schulen sind seit heute geschlossen. Meine 5-jährigen Zwillinge sind zu Hause. Mein Mann und ich können im Home Office arbeiten. Das ist mit Kindern zwar nicht unbedingt entspannt, aber es geht. Irgendwie. Wie lange wir in dieser Isolation leben werden, kann derzeit niemand sagen. Experten gehen aber nicht von Tagen, sondern Wochen aus. Bundespräsident Frank Walter Steinmeier appelliert: „Unsere Selbstbeschränkung heute, rettet morgen Leben.“ 

Kinder und gesunde Erwachsene unter 65 Jahren überstehen eine Infektion mit dem Corona-Virus meist ohne größere Probleme. Diese Tatsache wiegte mich lange in Sicherheit. „So schlimm wird es schon nicht werden,“ dachte ich mir. Aber hier geht es nicht um meine Kinder, meinen Mann oder mich. Hier geht es um meine Eltern, Schwiegereltern, den krebskranken Nachbarn oder die ältere Dame, die immer an unserer Bushaltestelle sitzt und dennoch nie in einen Bus einsteigt. Sie sitzt einfach nur da und lässt das Leben der anderen an sich vorbeiziehen. Es geht darum, diese Menschen zu schützen und dafür gibt es derzeit nur ein wirksames Mittel: zu Hause bleiben! 

Familien mit kleinen Kindern kennen die Situation. Krankheiten gehören zu unserem Alltag. Wer das erste Krippenjahr ohne Infektionen überstanden hat, schmeiße die erste Atemschutzmaske rüber. Meine beiden Söhne waren ständig krank. Mein Mann und ich auch. Alle zwei Wochen spielten wir „Catch me if you can“ und luden jedes Mal ein anderes der mehr als 300 unterschiedlichen Erkältungsviren dazu ein. 

Viren, die bei uns Erwachsenen gerade mal die Nase zum Laufen bringen, sorgen bei kleinen Kindern meist für hohes Fieber. Schon ab einer Temperatur von 38 Grad heißt es dann: Kindergarten- und Krippenverbot!  Das Kind soll sich zu Hause erholen und natürlich keine anderen Kinder in der Einrichtung anstecken. An diese Vorgabe halten sich aber längst nicht alle. Die Erzieherinnen in unserer städtischen Kita berichteten von Fällen, wo Eltern ihren Kindern Ibuprofen-Saft in die Trinkflaschen gemischt hatten. Diese Fiebersäfte sind wahre Wundermittel. Ein fiebriges, lethargisches Kind verwandelt ein Schluck Ibo in Nullkommanix wieder in einen tobenden Rabauken, der seine Keime fröhlich durch die Gegend prustet. Auch ich habe meine Söhne schon mal mit leichtem Fieber in den Kindergarten gebracht. Was sollte auch schon passieren, dachte ich mir. So ein bisschen Schnupfen ist ja keine schlimme Krankheit. Kinder sollen ja ihr Immunsystem trainieren. Meine Einstellung änderte sich schlagartig, als Madita in unseren Kindergarten kam. Die 6-Jährige hatte gerade eine Nierentransplantation hinter sich gebracht. Damit ihr Körper das neue Organ nicht abstößt, musste sie Medikamente nehmen, die ihr Immunsystem unterdrücken. Ein kleiner Schnupfen, so erklärte ihre Ärztin auf einem Elternabend, könnte für Madita wirklich gefährlich werden.  

Mit dem Corona-Virus verhält es sich nun ganz ähnlich. Ein bisschen Husten für die einen, Lebensgefahr für die anderen. Es ist richtig, dass das öffentliche Leben eingeschränkt und, Fußballspiele, Theaterveranstaltungen und Messen abgesagt werden. Auch der wöchentliche Mädelsabend mit meinen Freundinnen, das Familienessen am Sonntag und auch das Ostereiersuchen bei Oma im Garten werden für uns ausfallen. Das ist sehr schade, aber notwendig. Ich stelle mich in nächster Zeit auf ein Leben ein, dass sich in unseren vier Wänden abspielen wird. Und das wird anstrengend!

Mit zwei fünfjährigen Jungs über Tage, vielleicht Wochen, in der Wohnung zu hocken, ist in etwas so artgerecht wie die Haltung eines Rudels Huskywelpen in einem Apartment in Kuala Lumpur. Irgendwann werden die Kinder anfangen die Couch anzuknabbern. Vielleicht sollte ich noch schnell ein Indoortrampolin bestellen. Oder statt zu hamstern lieber gleich ein Hamsterrad im Großformat kaufen. Wir werden uns anschreien, genervt voneinander sein und zwischendurch ganz oft Rommé spielen. Es wundert mich nicht, dass in China, nachdem die Quarantäne-Regeln gelockert wurden, viele Ehepaare als erstes zum Standesamt liefen, um sich scheiden zu lassen. Auch für unsere Familie wird es eine Herausforderung, so viel steht fest. Aber was ist das schon im Vergleich zu dem, was auf die schwer Erkrankten, Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger alles zukommen wird?

Ich hoffe darauf, dass sich die Mum-Blogger-Blase vereinigt und jeden Tag das Netz mit Bastelanleitungen, Quarantäne-Spielen und sonstigen hilfreichen Tipps füllt, wie es zum Beispiel Mutti so yeah schon tut. Erziehungs-Influencer wie Supernanny Katharina Saalfrank könnten sich einschalten und Eltern dabei helfen, den Alltag zu strukturieren. Ich habe eine kleine Tafel aus dem Keller gekramt, auf der wir nun Tagesablauf festhalten wollen: Wann müssen Mama und Papa arbeiten, wann sollen sich die Jungs alleine beschäftigen, was gibt es zum Mittagessen und wann nehmen wir uns zu viert Zeit, um die Ritterburg aufzubauen. Mir selbst werde ich eine Corona-Ticker Auszeit verordnen. 

Es fühlt sich an, als ob jemand auf die Stopp-Taste in einem Film gedrückt hat. Eben noch Feelgood-Movie, jetzt angekommen in der Realität! Corona zeigt uns allen, dass auch wir in Europa nicht unverwundbar sind. Dass kollektive Krisen nicht nur woanders passieren, sondern hier. Ich wanke zwischen Pragmatismus, Endzeitstimmung und Faszination. Was passiert da gerade mit uns und der Welt? Wird es jemals so sein wie vorher? Und wollen wir überhaupt, dass alles so wird wie vorher oder ist nun der Moment der ultimativen Katharsis gekommen? 

Bis vor ein paar Tagen hätte niemand sich vorstellen können, was jetzt bereits Alltag ist. Läden machen dicht, Spielplätze schließen und sogar die Klopapierwitze werden weniger. Meine größte Sorge war noch vor zwei Wochen, ob unsere Wohnung Instagram tauglich ist. Ich bin fast ein bisschen erleichtert, dass mich das Weltgeschehen auf das wirklich Wesentliche zurück katapultiert hat.

Corona-Prävention ist keine Ansichtssache mehr. Wir hängen da alle mit drin. Und wenn wir das einmal verstanden haben, werden wir hoffentlich auch zukünftige Krisen besser bestehen können. Der Kampf gegen den Klimawandel ist da nur ein Beispiel von vielen. „Heute verzichten, um morgen Leben zu retten.“ Ja, diesen Spruch sollte man sich aufs Geschirrtuch sticken.

Und die Kinder? Tiago und Fabian finden die Coronaferien natürlich wunderbar. Sie verstehen zwar, dass da draußen irgendwo ein Virus unterwegs ist und dass sie sich nun gut die Hände waschen und dabei Happy Birthday singen sollten. Mehr wollen und müssen sie derzeit auch nicht wissen.

Für uns Erwachsene heißt es nun: Abwarten und Wein trinken. Und wenn das nichts hilft, haben wir immer noch Netflix.

17. Mrz. 2020
von Anneli Pereira
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10. Mrz. 2020
von Sonia Heldt
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Waren wir etwa auch so leichtsinnig?

Endlich legal feiern gehen: Das ist für viele Jugendliche das Aufregendste am 16. Geburtstag.

„Ich bin so froh, wenn ich endlich sechzehn werde!“, seufzt meine Tochter Lara seit Monaten in regelmäßigen Abständen sehnsüchtig. Sechzehn – die Zahl hört sich wie eine Offenbarung für sie an. So eine kindliche Aufregung vor einem Geburtstag habe ich das letzte Mal bei ihr vor mehr als zehn Jahren erlebt. Doch dieser Geburtstag wird für sie besonders: Mit sechzehn kann man offiziell auf Oberstufenpartys aufschlagen, Diskotheken besuchen, Bier und Wein kaufen – paradiesische Zustände für eine Heranwachsende, die bisher nur mager am Nachtleben nippen durfte. Sechzehn ist fast erwachsen! Dann wird man ernst genommen! Nicht mehr als Kind abgestempelt!  

Ich verstehe meine Tochter. Vor mehr als drei Jahrzehnten fieberte ich meinem sechzehnten Geburtstag genauso heiß entgegen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie es im Bauch kribbelte, als ich mit fünfzehn mit meinen Freunden vor dem Eingang unserer Heimatdisco stand – dem sagenumwobenen Kultladen schlechthin. Im Inneren des abgewrackten Mauerwerks hielt sich das ganze Who-is-Who der Umgebung auf. Ich wollte so gerne zwischen all den älteren coolen Oberstufenschülern und den noch cooleren Twens stehen, tanzen und dazugehören. Ich stand mit klopfendem Herzen in der Schlange, versuchte einen gleichgültigen Gesichtsausdruck hinzukriegen und betete, dass der Türsteher mich nicht fokussierte. Wenn er abgelenkt war, klappte das manchmal und ich schlüpfte an ihm vorbei, geradewegs hinein ins Paradies. Lief es für mich schlecht, bekam ich das gefürchtete Wort zu hören: „Ausweis!“  Ich riss verstört die Augen auf und faselte etwas von „vergessen“ oder „verloren gegangen“. Er machte eine wegwerfende Bewegung und sagte arrogant (seine Spezies war nie nett zu uns Teenagern): „Tschüss!“ und ich trat mit hochrotem Kopf den Rückzug an. Für schlecht gefälschte Schülerausweise hatte er nur ein müdes Lächeln übrig. Damit kam man ihm am besten erst gar nicht. Es half also nur eins: endlich sechzehn werden! Es fühlte sich wie grenzenlose Freiheit an, als ich schließlich meinen frisch ausgestellten Personalausweis in der Hosentasche hatte. Triumphierend hielt ich dem Türsteher ein paar Tage nach meinem sechzehnten Geburtstag die Plastikkarte unter die Nase und passierte zum ersten Mal offiziell autorisiert die Zaubertür. Adieu, ihr Babys, geht nach Hause! Hier drinnen spielen nur die Großen, und ich gehöre ab jetzt dazu!

Ich habe meine Jugendzeit genossen. Sie war wohl die intensivste und prägendste Phase meines Lebens: Immer unterwegs, Freunde treffen, Spaß haben, Cappuccinos im Café schlürfen, in die Disco gehen, die ersten Urlaube alleine (siebzehn endlose Stunden mit dem Reisebus nach Italien in ein mies gelegenes Hotel mit Etagenbad, schlechtes Essen inklusive – damals die besten zwei Wochen meines bisherigen jungen Lebens). Hinzu kamen die vielen persönlichen Katastrophen, wie Liebeskummer oder Streit mit der allerbesten Freundin. Diese Themen dominierten meine Gedanken und meinen Alltag. Die Schule lief mehr oder weniger nebenher und weil ich ständig pleite war, musste ich nebenbei tüchtig jobben. Mir Gedanken über meine berufliche Zukunft machen? Echt jetzt? Was weiß ich denn, was ich für den Rest meines Lebens machen will und warum soll ich ausgerechnet jetzt Mathe pauken, wo es doch so viele wichtigere Dinge in meinem Leben gibt und ich außerdem dauernd müde bin?  

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10. Mrz. 2020
von Sonia Heldt
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05. Mrz. 2020
von Martin Benninghoff
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Fernab von aller Coronavirus-Hysterie

Wie geht Handhygiene? Kinder in Indonesien üben richtiges Händewaschen.

Wenn man manchen Journalisten Glauben schenken darf, bricht in diesen Tagen eine „Hysterie“ oder „Panik“ wegen des neuartigen und bis dato reichlich unbekannten Coronavirus aus. „Menschliche Sensationsgier und mediale Übertreibungslust haben mit vereinten Kräften eine Psychose herbeigeführt, gegen die das Gegengift der Aufklärung derzeit keine Chancen hat“, schrieb beispielsweise der Journalist Gabor Steingart in seinem Newsletter „Morning Briefing“, um sich dann zu einer pauschalen Kritik der Medienlandschaft herabzulassen, zu der er freilich selbst gehört: „Die Zahl der Corona-Live-Ticker auf den Online-Portalen übertrifft deutlich die Zahl der Verdachtsfälle. Die Vernunft steht weltweit unter Quarantäne.“ Als wenn es einen irgendwie gearteten Zusammenhang zwischen der Liveticker-Dichte auf Nachrichtenseiten und der Corona-Fallzahlen gäbe, aber für einen ernsten Gedanken im Gag-Format nimmt der Autor in Aufklärer-Pose das nicht so genau.

Nun kenne ich aktuell den Hysterie-Faktor im Berliner Stadtteil Charlottenburg nicht, wo Steingarts Redaktion ihren Sitz hat. Aber ganz so schlimm – und das sind nur meine persönlichen und subjektiven Erfahrungen der vergangenen Tage aus dem Rhein-Main-Gebiet – ist die „Hysterie“ nicht, trotz mancher sicherlich übertriebener Hamsterkäufe und abgesagten Massenveranstaltungen. Was ist los mit uns, dass wir das schon für eine Hysterie halten? Liegt es vielleicht daran, dass wir in einer saturierten Gesellschaft leben, in der Krisen nur noch selten vorkommen, so dass uns die Maßstäbe aus der Bahn geraten? Sind wir so der Krise entwöhnt? Das hielte ich zunächst für einen positiven Befund. Warum dann nur diese harsche Hysterie-Kritik, wenn der Notstand nun wahrlich längst nicht ausgebrochen ist?

Die Vernunft ist vielleicht nicht unbedingt in solchen Debattenbeiträgen zu suchen, sondern eher an der Basis, sogar in Kindergärten. Oder gefragt: Was würde eigentlich passieren, würde das Coronavirus die Lungenkrankheit „COVID 19“ massenweise bei Kindern auslösen? Dass das glücklicherweise offenbar nicht so ist und sowohl die Kindergärten als auch die Schulen und die meisten Eltern, die ich kenne, mit Maß und Mitte auf die Corona-Bedrohung reagieren, zeigt doch eher: Von einer „Hysterie“ ist unsere Gesellschaft meilenweit entfernt – und das ist auch gut so. Der Grat ist allerdings schmal – und schon morgen könnte sich die Gemütslage der Deutschen drehen, wenn Kinder, die Schutzlosesten in unserer Gesellschaft, stärker betroffen wären. Eine Hysterie, wie sie Steingart und andere jetzt schon beklagen, wäre in der Tat nicht mehr weit.

Und natürlich ist das Coronavirus Thema in der Kita unseres dreijährigen Sohnes. Der Träger der Einrichtung hat eine Information versandt, in der er auf die üblichen hygienischen Maßnahmen eingeht, viel mehr allerdings wurde nach außen nicht kommuniziert. Es ist klar, sobald ein erster Verdachtsfall im Umfeld auftauchen würde, bei den Eltern oder Erziehern, würde die Kita geschlossen werden und die Beteiligten müssten in Quarantäne. So wie das in diesen Tagen in bayerischen Schulen der Fall ist, von Italien ganz zu schweigen. Unsere Sorge bezieht sich aktuell allerdings noch weniger auf die Krankheit an sich, als vielmehr auf die Probleme, vor die uns eine solche Schließung der Kita stellen würde, weil wir dann keinen Babysitter aus dem Hut ziehen können und selbst beruflich ins Schwimmen geraten. Auch wenn diese Sorge natürlich wie Hohn im Ohr eines Betroffenen klingt, der ernsthaft erkrankt ist. Aber man lebt mit den Herausforderungen, die sich im unmittelbaren Umfeld stellen – und nicht unbedingt mit den weiter entfernten Katastrophen. Das kann man kritisieren, ist aber nun mal so.

Wie erkläre ich’s dem Kind?

Nachdem Italien wegen des Coronavirus alle Schulen und Unis vorübergehend geschlossen hat, rückt diese Gefahr auch in Deutschland in greifbare Nähe, zumal erste Schulen ja bereits Konsequenzen gezogen haben. Spätestens dann – sollten die Kinder nicht ohnehin mehrere Stunden am Tag vor den Livetickern sitzen, um nochmal auf Steingart zurückzukommen – müssen Eltern ihren Kindern erklären, was dieser ominöse Virus eigentlich macht und wo er herkommt. Die wichtigste Anmerkung dazu: Kinder sollten und brauchen keine Angst zu haben, nicht nur, weil sie offenbar ein geringeres Risiko als Erwachsene haben zu erkranken, sondern weil es keinem etwas nutzen würde, wenn sich noch die Kinder ängstigen in einer ohnehin leicht nervösen Gesellschaft. Wenn Eltern also Sicherheit und Gelassenheit ausstrahlen, so schwer es fallen mag, wäre allen geholfen.

Dabei kann die Erkenntnis helfen, dass bei jenen Kindern, die sich mit dem Virus infiziert haben, der Krankheitsverlauf bislang meistens milde ist. Allerdings spiegelt das nur die derzeitige Datenlage wider, längst ist nicht gesagt, dass es dabei bleibt. Aber im Lichte der aktuellen Erkenntnisse sieht es tatsächlich so aus, als seien Kinder seltener beziehungsweise schwächer betroffen. Aber zu sorgloser Entwarnung besteht ebenso kein Grund, alleine schon deshalb, da Kinder die Infektion übertragen und damit für Verbreitung sorgen können. Was also tun? Es ist ja schwierig genug, mit Kleinkindern über Hygienemaßnahmen zu reden. Aber ignorieren geht auch nicht.

Unser Kleiner hat überall seine Finger, das ist bei anderen Kleinkindern selbstredend nicht anders. Wir versuchen schon derzeit, dass er sich eher häufiger als sonst die Hände wäscht, erst recht, wenn er morgens in die Kita geht oder am Nachmittag nach Hause kommt. Zudem kann man ihm ganz gut erklären, dass die kleinen, fiesen Viren unsichtbar sind, aber furchtbar gerne an den Fingern kleben bleiben, so dass es auf jeden Fall eine gute Idee ist, in die Armbeuge statt auf die Finger zu niesen. Wer noch „Karius“ und „Baktus“, zwei spielerische Figuren für die Zahnhygiene kennt, wird sich für die Virenmonster auch einen netten Namen einfallen lassen können.

Hinzu kommt: Eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, die Kinder zuhause zu lassen, wenn sie anfänglich krank sind. Aber auch das kenne ich aus eigener Erfahrung: An Tagen, an denen wichtige berufliche Termine anstehen, ist man mitunter schnell dabei, derlei Regeln locker auszulegen. Frei nach dem Motto: Wenn es gar nicht geht, holen wir ihn früher ab. Bevor hier der Shitstorm losgeht, Gegenfrage: Können sich alle Eltern von solchen Gedanken wirklich freisprechen? Wie auch immer, in der derzeitigen Lage sollten Eltern sichergehen, dass ihre Kinder gesund sind, wenn sie in die Kita gehen – bei stärkeren Schnupfensymptomen, die man ansonsten etwas lockerer sehen könnte, bleiben die Kleinen besser zuhause. Das muss ich mir selbst ins Stammbuch schreiben.

Aber wann wird aus berechtigter Sorge eine Hysterie? Wenn Medien berichten – und viele tun das in sehr verantwortungsbewusster Weise? Wohl kaum. Oder wenn Messen abgesagt werden? Oder wenn Kindergeburtstage abgesagt werden? Das ist eine Frage des richtigen Zeitpunkts. Was heute noch als „Hysterie“ gilt, kann morgen schon eine angemessene Maßnahme sein. Es ist jedenfalls noch nicht die Zeit gekommen, die Kleinen nur noch alleine und ohne Freunde vor sich hinspielen zu lassen. Hoffentlich kommt es auch nicht dazu. Denn Eltern, die Angst um Kinder haben, neigen nicht unbedingt zu vernunftbegabten Entscheidungen. Und dann würde aus einer Krise tatsächlich eine Art „Hysterie“ werden. Stoff fürs nächste Morning Briefing.

05. Mrz. 2020
von Martin Benninghoff
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25. Feb. 2020
von Anneli Pereira
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Drei Kinderzimmer, Küche, Bad

Das Leben mit Kindern ist bunt. Ob man das so möchte oder nicht.

Manche Menschen stellen sich Möbel in die Wohnung, wieder andere haben sogar Interieur. Und ich? Ich habe Kinder. Unsere Münchner Wohnung besteht aus drei Kinderzimmern, Küche und Bad. Und meine beiden Söhne beanspruchen jeden Quadratzentimeter davon. Kleine Tour gefällig? In unserer offenen Wohnküche erhebt sich eine Playmobilwelt, bestehend aus einer Marsstation und einer Raketen-Abschussrampe. Während ich diese Zeilen schreibe, entsteht unter dem Küchentisch das, was der Deutschen Bahn nicht gelingen mag: ein Schienennetz, das seinen Namen auch verdient. Unser Parkett durchziehen kraterähnliche Furchen, die Wände sind von Einwurflöchern gezeichnet und das hellgraue Sofa sieht aus, als wäre es eine Leinwand von Jackson Pollock. Dazwischen findet sich allerlei, was Marie Kondo wohl als Komono bezeichnen würde: Kleinkram in Form von Plastikspielzeug aus Überraschungseiern, einem Stempel mit Dinosauriermotiv, verknickte UNO-Karten, oh, ein Spielwürfel (den hab ich schon gesucht) und: Legosteinchen! Mein persönlicher Aufräum-Endgegner. Seit sich die Fünfjährigen für Lego interessieren, ist das Tor zur Hölle offen. Wir sprechen hier von mehr als 500 Teilen pro Set. Winzige Schwerter, Kristallsteinchen und Ritterhelme. Es ermüdet mich schon darüber zu schreiben. Wenn ich ans Aufräumen denke, möchte ich auf der Stelle in einen 15-jährigen Tiefschlaf verfallen und erst wieder aufwachen, wenn Tiago und Fabian mit gepackten Koffern im Flur stehen, um in ihr erstes WG-Zimmer zu ziehen.

Es muss doch zu schaffen sein, trotz Kindern Ordnung und ein gewisses Maß an Design in die Bude zu bekommen. Oder? Zuerst habe ich es mit Aufräumen und Ausmisten probiert. Natürlich nicht ohne vorher Marie Kondos Bestseller „Magic Cleaning“ zu lesen. Alles muss raus. Zumindest das, was einen nicht glücklich macht und somit Freude versprüht. Kein Problem! Zumindest für mich. Während ich Klamotten, Sandwichmaker und sogar Postkarten kaltblütig entsorge, sind meine Männer da sehr zartbesaitet. „Die Weinkorken brauch ich noch, da will ich eine Fußmatte draus basteln“, jammert mein Mann. „Oh, und dieser kitschige Teller aus Chiang Mai, mit meinem unscharfen Foto drauf, ist doch so eine schöne Erinnerung an unseren Thailand-Urlaub.“ Okay, bei solchen Souvenirs kann ich das ekstatische Hochgefühl ja noch einigermaßen nachvollziehen, aber irgendwann hört es auf. „Mama, nein! Nicht die Stöcke wegschmeißen!“, kreischt Tiago. Einen ganzen Nachmittag hat er Treibgut am Ammersee gesammelt. Große, kleine und vor allem morsche Äste. Mit einem guten Filter auf der richtigen Kommode fotografiert, wäre dieses Totholz eigentlich ein super Instagram-Post: #solebich.  

Auf Instagram swipe ich mich gerne durch Profile, die herein.spaziert oder the_salonette heißen, und tauche ein ins Einrichtungs-Paradies. Kinder leben dort auch, aber die spielen nicht mit Lego, sondern mit fotogenen Holzregenbögen. Manchmal steht auch ein Bobby-Car, das an einen Mercedes-Oldtimer erinnert, mitten im Petrol gestrichen Wohnzimmer. Und Ablageflächen werden zu Arrangements diverser Vasen und Deko-Artikel genutzt. Alles Fake? Vielleicht. Und ich liebe es trotzdem! Seitdem träume ich von einem Designer-Stuhlmix, schön arrangiert um einen neuen, weißen Esstisch. „So ein Tisch überlebt bei uns keine zwei Tage“, sagt mein Mann. Und er hat recht, ich weiß, dass er recht hat. Doch ich will es nicht wahrhaben und phantasiere weiter.

Anstatt zu akzeptieren, dass das Wohnen mit Kindern zwar schön, aber eben nicht „Schöner Wohnen“ ist, bin ich zum absoluten Interior-Victim geworden. Warum sollte ich mir schicke Klamotten und hohe Schuhe kaufen, wenn sich sowieso keine Gelegenheit ergibt, so was anzuziehen? Das Nest muss schön sein! Schließlich verbringen wir hier die meiste Lebenszeit. Und wenn da draußen schon alles drunter und drüber geht, Klimakatastrophen und Killerviren drohen, dann ziehe ich mich doch lieber in meine eigenen perfekt gestrichenen vier Wände zurück.

Meine Wohnung, meine Welt. Das war bei mir schon immer so. Mein Kinderzimmer habe ich früher monatlich umdekoriert. In Ermangelung neuer Möbel verrückte ich mein Bett, tauschte hier und da ein Poster an der Wand aus oder pinselte in meiner ganz wilden Phase Sprüche von Rage against the Machine an die Wand: „Fuck you, I won’t do what you tell me“. Zu mehr Rebellion hat es in meiner Pubertät nicht gereicht. Was ich damit aber eigentlich sagen möchte: Die Wohnsituation spiegelt unser Leben wider. Und wenn letzteres im Familienchaos zu versinken droht, dann könnte ein picobello aufgeräumtes Wohnzimmer vielleicht die Ruhe ausstrahlen, die mir so oft abgeht. Mein Mann sieht das auch so, ist aber realistischer, was den Zeithorizont angeht: „Amor, wir renovieren, wenn die Kinder groß sind.“


Die nächsten zehn Jahre leben wir dann halt einfach und wohnen weniger.

25. Feb. 2020
von Anneli Pereira
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18. Feb. 2020
von Sonia Heldt
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Zwischen den Stühlen sitzt es sich schlecht

Kann man es allen recht machen? Viele Mütter sind zumindest fest entschlossen, es zu versuchen.

Es herrscht dicke Luft. Alle sind sauer. Mein Mann auf mich. Meine Große auf meinen Mann. Meine Jüngste auf meine Große. Und ich auf mich selbst! Ich habe mich mal wieder in die Rolle der Familienrichterin drängen lassen, die nach sorgfältiger Abwägung der Sachlage eine gerechte Entscheidung treffen muss. Der Fall „Heldt gegen Heldt“ steckt in der letzten, heißen Verhandlungsphase. In unserem Rechtsstreit geht es um sechs freie Tage. Karneval steht vor der Tür und in unserer Region kommt man an den jecken Tagen kaum vorbei. Wie gut, dass die Schule das auch so sieht und dieses Jahr direkt vier statt der üblichen drei freien Tage locker gemacht hat. Eine tolle Sache, die den Familien entweder reichlich Zeit zum Feiern oder die Gelegenheit zu einem Kurzurlaub gewährt.

Letzteres hat meinem Mann und mir in den letzten Jahren immer besser gefallen. Wir setzten die Pappnasen gar nicht erst auf, sondern luden am Altweiberfasching die Koffer und unsere Töchter ins Auto und flüchteten dahin, wo man uns auf der Straße garantiert nicht mit Helau oder Alaaf begrüßte. Das war all die Jahre richtig schön: Städtereise nach Ostdeutschland, friedliches Entschleunigen an der See, erlebnisreiche Tage in Frankreich. Natürlich lief die Urlaubsplanung im Vorfeld nicht gänzlich ohne Einspruch seitens der Kinder ab: „Aber alle meine Freunde feiern Karneval!“; „Dann kann ich mein Kostüm ja nur die paar Stunden in der Schule anziehen.“ Sobald jedoch genügend Kilometer zwischen uns und den Karnevalshochburgen lagen, waren die ollen Kamellen kaum noch Thema.

Letztes Jahr reichte Lara dann einen Antrag ein. „Ich bin die letzten Jahre immer nach eurer Pfeife getanzt und mit euch in den Urlaub gefahren. An Karneval bin ich fast sechzehn und ich will endlich mal wieder ein Jahr zu Hause feiern.“ Maya stimmte ihrer großen Schwester zu. Welches Kind ist nicht gerne jeck?! Mein Mann und ich nickten schließlich zustimmend. Als Kind und Teenager war auch für uns die fünfte Jahreszeit etwas Besonderes gewesen.

Karneval rückte näher und die Sehnsucht meines Manns und mir nach einer Alltagsunterbrechung ebenfalls. Wenn et Trömmelche jeht, wollten wir den Dom en Kölle lasse und en Superjeilezick am Meer verbringen. Jetzt, wo die Schule noch einen zusätzlichen freien Tag lockergemacht hatte, schrie alles nach einem Kurzurlaub. Ich zog erst Maya auf unsere Seite. „In meiner Klasse fahren viele weg“, sagte sie achselzuckend und damit war der Fall für sie erledigt. Bei Lara, das wusste ich, würden wir härtere Überzeugungsarbeit leisten müssen. Ich wollte den richtigen Moment abpassen (der nie kam) und dann saßen wir eben alle beim Mittagessen, als Lara ihre Karnevalsplanung vor uns ausbreitete und mit einem vorwurfsvollen Unterton sagte: „Ihr wisst, was ihr versprochen habt! Kommt mir also bloß nicht damit, dass wir doch wegfahren.“ Sie hatte längst Lunte gerochen.

Für meinen Mann war die Sache klar: Angesichts des zusätzlichen Brückentages hätte Lara sich zu fügen. Es entstand eine emotionsgeladene Diskussion unter Tränen. Versprochen hätten wir es! Hoch und heilig! Und jetzt das! Wo sie sich doch schon alle Tage verabredet hätte. Es wurde unsachlich und mein Mann holte die autoritäre Keule raus: „Wir fahren. Punkt.“ Lara flippte komplett aus: „Du kannst mich nicht zwingen! Ich habe keinen Bock mit euch und meiner kleinen Schwester irgendwo rumzuhängen, wenn alle anderen feiern gehen.“ Maya heulte nun ebenfalls. Sie war verletzt, denn sie liebt es mit ihrer Schwester intensiv Zeit verbringen und kommt immer noch nicht damit klar, dass Lara immer mehr ihr eigenes Ding macht. Ich versuchte, alle zu beruhigen, bat um Ruhe im heimischen Gerichtssaal und merkte an, dass noch nicht endgültig entschieden wäre. Damit wurde die Verhandlung unterbrochen.

Jetzt sind alle sauer. Mein Mann auf mich, weil er der Meinung ist, ich wäre viel zu schnell eingeknickt. Lara auf meinen Mann, weil er sein Versprechen brechen und sie zwingen will. Maya auf Lara, weil sie sich von ihr beleidigt fühlt. Und ich auf mich selber, weil ich wieder einmal automatisch in die Rolle der Justitia geschlüpft bin. Selbst schuld?

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18. Feb. 2020
von Sonia Heldt
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11. Feb. 2020
von Sonia Heldt
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„Kann die ihr Kind nicht erziehen?“

Wo kommen nur diese Hörnchen her? Manche Kinder kann man einfach nicht zu sanften Engeln erziehen.

Heute bin ich in der Stadt einer Mutter mit ihrem bockigen Kleinkind begegnet. Der kleine Junge lief weg und forderte seine Mutter regelrecht heraus. Sie schimpfte und sah verzweifelt und sehr, sehr müde aus. Ich hatte Mitgefühl mit ihr, denn ich kenne die Reaktionen der Leute, wenn man mit so einem Kind in einem Café oder Restaurant sitzt. Nach spätestens zehn Minuten wird man giftig angeschaut oder die Leute schütteln scheinbar wissend den Kopf und murmeln Sätze wie: „Die hat ihr Kind nicht im Griff“ oder „Unmöglich, kann die ihr Kind nicht richtig erziehen?“

Als „brav“ oder „gut erzogen“ werden häufig die Kinder wahrgenommen, die scheinbar funktionieren, ohne Widerstand an der Hand laufen und nie heulen. Ich hatte so ein Kind. Maya wich mir als Kleinkind nicht von der Seite. Das hätte sie sich auch gar nicht getraut. Zu groß war ihre Angst, mich verlieren zu können. Ich empfand Mayas Anhänglichkeit immer als sehr angenehm. Man konnte sie problemlos überall hin mitnehmen. „Die ist aber lieb“, lobten Fremde, wenn sie friedlich ihr Eis im Café löffelte oder mir half, beim Einkaufen die Sachen aufs Einkaufsband zu legen, und am Ende der Kasse geduldig wartete, bis ich bezahlt hatte. Maya war Balsam für meine Nerven. Die Wiedergutmachung für ihre große Schwester Lara, die mich in ihren ersten Lebensjahren körperlich und seelisch oft an meine Grenzen gebracht hatte.

Sobald Lara mit knapp einem Jahr laufen konnte, war sie auch schon weg. So richtig weg! Sie rannte wohin sie wollte, immer ein schelmisches Grinsen auf den Lippen. Je besser ihre Beine trainiert waren, umso schneller wurde sie. Jeder Spaziergang wurde zur Machtprobe. Angst existierte in ihrer Welt nicht. Es war ihr egal, wenn wir aus ihrem Blickfeld verschwanden. Wir mussten nach links, sie rannte nach rechts. Aufenthalte in Restaurants oder Cafés waren mit Lara eine Tortur. Sie turnte überall rum, fummelte an fremden Handtaschen oder rannte plötzlich dem Kellner in die Küche hinterher. „Muss doch mal möglich sein, dass wir uns zum Brunchen im Restaurant treffen. XY bringt ihr Kind ständig mit und da ist das auch kein Problem“, sagte eine kinderlose Freundin, als ich sie einmal fragte, ob wir uns zum Oster-Frühstück nicht lieber bei uns Hause treffen könnten. Es war anstrengend, das erklären zu müssen.

Im Urlaub aßen mein Mann und ich unser Hotelabendessen in Rekordzeit und kämpften regelmäßig mit Sodbrennen. Lara pflegte die Teller vom Tisch zu fegen, wenn sie satt war und nicht mehr sitzenbleiben wollte. Sah sie in einem Geschäft etwas, das ihr Interesse weckte, war sie kaum davon abzuhalten, es genauer zu begutachten und anzufassen. Um den bösen Blicken und Kommentaren vorzubeugen, war ich wie ein Panther auf der Jagd stets zum Absprung bereit, um sie einzufangen. Mein Mann unterschätzte Lara damals sehr oft. „Lass sie nicht aus den Augen! Halt sie fest!“, mahnte ich ihn, als ich mich einmal in der Weihnachtszeit an der vollen Kaufhauskasse anstellte. „Klar“, lachte er lässig, um keine Minute später leichenblass den Kinderwagen samt Weihnachtseinkäufen stehen zu lassen und durch die brechend volle Kaufhausetage zu rennen.

Ich erinnere mich an einen Nachmittag, an dem ich mit Lara in der Stadt unterwegs war. Sie war noch keine zwei Jahre alt. Nach zwei Stunden war ich völlig erledigt, brauchte aber noch dringend etwas fürs Abendessen und ging in einen kleinen Lebensmittelladen. Lara rannte wie wild durch die Gänge, während ich meine Einkäufe auf dem Arm balancierte und versuchte sie wieder einzufangen. Als mir das schließlich gelang und ich mich in die Schlange an der Kasse stellte, wehrte sie sich mit vollem Krafteinsatz. Ich war inzwischen klatschnass geschwitzt, packte sie am Schlafittchen und wurde laut. Eine Frau hinter mir sagte zu ihrer Begleitung: „Manche Leute haben wirklich keine Geduld mit ihren Kindern. Man fragt sich, warum sich solche Leute Kinder anschaffen.“ Ich drehte mich zu ihr um und fragte sie, was ich ihrer Meinung nach machen sollte. „Lassen Sie das arme Kind doch los!“, schlug die Frau vor. Sie hatte absolut keine Ahnung, was passiert wäre, wenn ich ihrem Rat gefolgt wäre: Lara wäre aus dem Laden Richtung Straße gelaufen und ich hätte meine Einkäufe fallenlassen müssen, um ihr hinterher zu hechten.

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11. Feb. 2020
von Sonia Heldt
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06. Feb. 2020
von Anneli Pereira
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Ein Kind ist kein Kind

„Da schlägt ja noch ein Herz“, sagte meine Frauenärztin beiläufig, während sie den ersten Ultraschall machte. „Zwillinge?“, rief ich, „wie wundervoll!“ Mein Mann und ich wollten immer zwei Kinder, und so wie es gerade auf diesem krisseligen Bildschirm aussah, bekamen wir gleich zwei Babys zum Preis von nur einer Schwangerschaft. Ein super Deal! Klar, Zwillinge laufen unter dem Label „Risikoschwangerschaft“ und in den ersten Wochen und Monate kreisten meine Gedanken um Frühgeburten, verkürzte Gebärmutterhälse und Entwicklungsverzögerungen. Doch: Nichts von alledem trat ein. In meinem Bauch wuchsen zwei Jungs heran. Wir verpassten ihnen den Arbeitstitel Cristiano und Ronaldo und ich sah schon bald so aus, als ob ich alle Ballon d`Ors des portugiesischen Starfußballers auf einmal verschluckt hätte. Und trotzdem fühlte ich mich blendend. So blendend, dass ich einen Tag vor der Geburt bei Ikea war. Meine Zwillingsschwangerschaft? E-A-S-Y!

Womit natürlich keiner rechnen konnte: Irgendwann waren sie dann da. Per Kaiserschnitt kamen Tiago und Fabian kurz vor Weihnachten in unser Leben. Pumperlgesund mit fast drei Kilo pro Kind. Während der Schwangerschaft war ich so mit Ausbrüten beschäftigt gewesen, dass ich mir kaum Gedanken darüber gemacht hatte, wie das Leben wohl mit zwei Babys sein könnte. Nur die ersten vier Wochen nach der Geburt hatte ich mir ausgemalt: Draußen rieselt leise der Schnee, die Lichterkette am Weihnachtsbaum leuchtet, und wir kuscheln uns zu viert aufs Sofa. Mein Mann und ich schauen uns verliebt an und dann noch viel verliebter auf unsere süßen Kinder, die selig in unseren Armen schlummern…  So viel schon mal vorweg: Geschneit hat es tatsächlich.

Der Rest entsprang meinem präpartalen Wunschdenken, dem so viele Eltern verfallen und das mit der Realität ungefähr so viel gemeinsam hat wie das „Literarische Quartett“ mit „Bachelor in Paradise“. Die Wahrheit ist: Das erste Jahr mit Zwillingen war das Anstrengendste und Herausforderndste, was ich je erlebt habe und wahrscheinlich erleben werde. Doch der Reihe nach.

Die Milchbar macht dicht: Stillen ist das beste für Ihr Kind! Ja, aber eine stabile und einigermaßen ausgeschlafene Mutter ist vielleicht noch einen Tick besser. Ich habe es mit dem Stillen versucht. Ehrlich! Es klappte einfach nicht. Mein Körper war schlauer. Der dachte sich von Anfang an: Wenn wir das durchziehen, können wir uns nach vier Wochen einweisen lassen. Und mein Körper hatte recht. Also produzierte er so gut wie keine Milch. „Sie müssen sich entspannen, Frau Pereira, und alle zwei Stunden abpumpen, dann wird das schon“, sagten mir die Schwestern im Krankenhaus immer wieder. Zu Befehl! Entspannung, jetzt! Ach nee, geht ja nicht, ich füttere ja jede Stunde ein hungriges Neugeborenes. Zum Glück hatte ich eine grandiose Hebamme: Monika. Nach zehn Tagen sagte sie die erlösenden Worte: „Anneli, wir lassen es jetzt einfach mit dem Stillen!“

Wir stellten auf Fläschchen um und kauften die Pre-Nahrung aller Drogeriemärkte in der näheren Umgebung auf. Tiago und Fabian waren ordentliche Trinker und futterten in Spitzenzeiten eine ganze Packung pro Tag. Beim Füttern konnten mein Mann und ich uns abwechseln und nach etwa vier Wochen wussten wir dann auch, wann die Kinder wirklich Hunger haben, und wann sie aus anderen Gründen schrien. Manchmal schrien sie auch einfach ohne Grund. Aber auch das muss man ja erst einmal verstehen.

Schlaf? Was ist das? Ich wollte nur das Eine und konnte an nichts anderes denken: Schlaf! Ein tiefer, langer Schlaf von mindestens vier Stunden. Ich schaute mir die Menschen in der Schlange beim Bäcker an und dachte nur: Ihr könnt euch einfach hinlegen und schlafen, wann ihr wollt, und schaut trotzdem schlecht gelaunt aus. Undankbares Volk! Mein Mann und ich schliefen nämlich eigentlich überhaupt nicht. Anfangs dauert das nächtliche Prozedere aus Füttern, Wickeln (pro Tag etwa 16 Windeln) und wieder Hinlegen so lange, dass im Anschluss gleich das zweite Kind wach war. Außerdem schliefen die Jungs in den ersten drei Wochen bei uns im Bett. Oder besser gesagt, jeder von uns hatte ein Baby auf dem Bauch liegen. Allein deswegen tat ich kein Auge zu. Mein Mann und ich verwandelten uns immer mehr in Zombies. Es musste etwas passieren. Vor allem, weil mein Mann nach vier Wochen wieder arbeiten gehen würde. Also brachten wir die Babys gegen 19 Uhr gemeinsam in ihr eigenes, gemeinsames Bettchen, das direkt neben unserem im Schlafzimmer stand. Wenn sie schrien, trösteten wir und hielten Händchen, verließen aber sobald sie ruhig waren den Raum. Nach etwa drei Tagen dauerte das Hinlegen und Einschlafen nur noch ein paar Minuten. Vom Durchschlafen waren wir natürlich noch lange entfernt, aber wir hatten uns ein kleines Zeitfenster am Abend geschaffen, um etwas Kraft zu schöpfen. Die Kinder schliefen in ihrem Bett und wir in unserem. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Was wir uns hätten sparen können und was nicht: Es gibt ein paar wenige Dinge, die das Leben von Zwillingseltern echt erleichtern (jede Menge Spucktücher und ein Trockner!). Und dann gibt es sehr viel Zeug, was kein Mensch braucht. Ein Zwillingsstillkissen zum Beispiel. Selbst wenn ich länger gestillt hätte, diesen monströsen Bauchladen hätte ich mir nicht auf Dauer umgeschnallt. Auch die zwei Tragehilfen kamen bei uns, wenn überhaupt, ein oder zwei Mal zum Einsatz. Am liebsten lagen Tiago und Fabian auf ihrer Krabbeldecke im Wohnzimmer und schauten sich fasziniert ihre Zehen an. Zumindest so lange, bis sie mit etwa sechs oder sieben Monaten zu Krabbeln begannen. Ich dachte anfangs, mit Neugeborenen wäre es besonders anstrengend, doch nun sehnte ich mich schlagartig in die Zeit zurück, als ich die Kinder auf ihrer Decke legte und sie an Ort und Stelle blieben. Nun konnte ich sie keine einzige Sekunde mehr aus den Augen lassen. Für kurze Zeit hatten wir daher einen „Krabbelpark“ im Wohnzimmer: einen etwa vier Quadratmeter großen Laufstall. Dieses Baby-Alcatraz schafften wir aber schnell wieder ab.  Und aufs Klo konnte ich dann eben nur, wenn sie schliefen.

Ein Kind ist kein Kind: Ich gestehe, lange Zeit habe ich Eltern mit nur einem Baby nicht ernst genommen. Umgekehrt erntete ich oft anerkennende Blicke von Einlings-Eltern, wenn ich meinen Zwillingswagen an ihnen vorbeischob. Wirklich verstehen konnten sie mich aber nicht. Ich durchwühlte daher das Internet nach Zwillingsforen, las einen Zwillingsblog nach dem anderen und fühlte mich anschließend nicht mehr ganz so allein. Meine Hebamme Monika stellte schließlich den Kontakt zu Katharina her, einer jungen Mutter, mit der ich heute noch gut befreundet bin. Sie rückte meine Sichtweise auf ein Leben mit Zwillingen noch einmal ins rechte Licht: Eigentlich ist alles doch ganz einfach. Zwei Kinder, denke ich seitdem, das ist kaum der Rede wert! Katharina hat nämlich Drillinge.

06. Feb. 2020
von Anneli Pereira
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04. Feb. 2020
von Tanja Weisz
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Warum auch Teenager Babysitter haben sollten

Legendäre Babysitterin: Emily Blunt als Mary Poppins

Was für eine Erleichterung, wenn man endlich keine Babysitter mehr braucht: Diese Ersparnisse! Keine logistischem Verrenkungen mehr! Die Kinder werden groß, mögen ohnehin keine Beaufsichtigung, wollen ihre Ruhe. Bestens. Und doch fehlt damit etwas. Etwas Wichtiges.

Kindererziehung ist eine Herkulesaufgabe. Wie gut, wenn man ein ganzes Dorf hat, das mithilft. Viele Kümmerer, eine harmonische Gemeinschaft, die sich um die Brut sorgt. Eine Idylle, ein Elterntraum im Hormondelirium.

Tatsächlich lassen in meinem Umfeld erstaunlich wenig Eltern das Dorf auch nur an die Haustürschwelle. Im wirklich wahren Leben verbitten sich viele Eltern so rigoros jede Einmischung in ihre Erziehung, dass jeder Helfer zurückschrecken muss.

Warum machen sie es sich denn so schwer? Sich derart abzuschotten gegen Ratschläge und Hilfe von außen konnte ich mir als Alleinerziehende nie leisten. Es war von Anfang an klar, dass ich Unterstützung brauchen würde, wenn ich diese Aufgabe bewältigen soll. Am besten von einem ganzen Dorf. 

Als erstes mobilisierte ich Freunde und Familie, die sich – ob kinderlos oder kinderreich – begeistert auf die neue Aufgabe stürzten. Ich spüre noch heute das Glücksgefühl, als ich das erste Mal mein Neugeborenes einer Freundin zum Spaziergang in den Park mitgab. Wie sie fröhlich winkend mit dem Kinderwagen davonzog, wie alles um mich herum zum ersten Mal seit Tagen wieder ruhig wurde, in meiner Wohnung, in meinem Kopf, in meinem Herzen. Und mich eine Kuscheldecke der Dankbarkeit umhüllte, weil ich die neu gewonnene Verantwortung kurz mal abgeben durfte. 

Meine Freundin hatte schon ein Kind großgezogen, ich wusste also, dass sie – anders als ich – eine Erfolgsbilanz vorweisen konnte. Wie hätte ich ihr nicht vertrauen sollen? Sie war nur die erste von vielen, die halfen, bis eine ganze Gemeinschaft entstand. 

In mein Dorf zogen nach und nach die unterschiedlichsten Charaktere ein. Als das Kind noch kein Jahr alt war, stand eines Tages mein Nachbar mit seiner Mutter vor der Tür. Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen, aber sie strahlte mich an, als ob ich ihr einen Lottogewinn versprochen hätte. Sie hätte ja noch keinen eigenen Enkel (Augenrollen des Nachbarn), würde aber kleine Kinder so lieben, ob sie mit meinem wohl mal Zeit verbringen dürfte? (Da-kannst-du-nichts-machen-Achselzucken des Nachbarn). Ich war kurz sprachlos, dann hab ich sie lachend hereingelassen. Eine meiner weisesten Entscheidungen. Sie holte daraufhin meine Tochter immer mal wieder für Spazierfahrten in den Park ab und spielte mit ihr. Im Jahr darauf jauchzte mein Kind schon laut voller Vorfreude, wenn sie Mirjana das Treppenhaus heraufkommen hörte.

Bei diesen gemeinsamen Ausfahrten der beiden gab es sicher nicht nur Pastinakenbrei, womöglich war das Kind auch dünner oder wärmer angezogen, als ich es getan hätte, aber immer wurde es mir zufrieden und entspannt zurück gebracht. Das Kind abgeben bedeutet, dem anderen Erwachsenen auch Freiräume zu lassen. Wenn das Ergebnis stimmt, warum nicht mal die eigenen Erziehungsregeln außer Kraft setzen?

Das Dorf ist auch der Ort, an dem Kinder lernen, dass Erwachsene die Dinge unterschiedlich sehen und unterschiedlich handhaben. Nicht nur Vater und Mutter, sondern auch der Rest der biologischen und der Herzenssippe.

Die vielleicht größte Freude war, als ein junger Tagesvater in unser Dorf zog.  Ein Mann, Anfang 20, von buddhaähnlicher innerer Ruhe, entsprungen einem pädagogischen Lehrbuch, gesegnet mit beruhigender Gesangs- und Vorlesestimme und der Spiellust eines Kleinkindes. Wo meine Geduld schon lange am Ende gewesen wäre, konnte er kaum aufhören, mit meiner Tochter zu spielen. Jeder Euro, den ich für ihn ausgab, war eine Investition in den Erhalt meiner Nerven und die Freude meiner Tochter. Beides eigentlich nicht zu bezahlen.

Wie speziell die Vorurteile gegenüber fremder Betreuung jedoch sein können, machte mir auch die Bemerkung einer Bekannten, ebenfalls Mutter, klar: Ob ich bei einem Tagesvater nicht Angst vor sexuellen Übergriffen auf mein Kind hätte? Ich verzichtete darauf, sie zu fragen, ob sie denn immer ein unruhiges Gefühl hat, wenn sie ihre Kinder im Kindergarten oder der Schule abgibt, wo ja zum Glück immer mehr Männer als Bezugspersonen arbeiten.

Es kamen noch viele andere Helfer im Lauf der Zeit: Babysitterinnen aus der Ukraine, Deutschland und Argentinien, Verwandte und Freunde. Manche brachten einen strengeren Ton oder Ungeduld mit, andere das totale Chaos und viel zu viel Schokoladeneis, manche liebten laute Musik und Youtube, andere Ritter Rost und russische Märchen. Das Panorama, das sich vor meiner Tochter entfaltete, war beeindruckend.

Denn diese vielen verschiedenen Kontakte bedeuteten eben jedes Mal neue Anregungen.  Plätzchen backen mit der Tante, ganze Papierbahnen mit Fantasiewelten bemalen mit dem Tagesvater, aufräumen mit der Oma, Fußballspielen mit dem Nachbarn. Es hat sich jedes Mal gelohnt, mein Kind jemand anderem anzuvertrauen. Weil ich auch anerkennen musste, dass ich das nicht alles bieten kann, entweder weil mir schlicht die Ideen fehlten oder weil ich einfach keine Lust hatte, schon wieder im Kreis mit allen Kuscheltieren zu sitzen und von leeren Tellern zu Abend zu essen. Andere liebten das. Stundenlang. 

Im Kindergarten schließlich, der penibel darüber Buch führte, wer ein Kind abholen durfte, sprengte mein Helferkreis jedes Formular. Und jeder dieser Helfer brachte mir andere Eindrücke mit. Denn das Geschenk dieser Helfer war nicht nur ihre Zeit, sondern auch der liebevolle gemeinsame Blick aufs Kind. Auf das, was sich entwickelte ganz ohne unser Zutun, aber auch auf das, was wir gemeinsam vielleicht angeregt hatten. Der Tagesvater kommt übrigens immer noch ab und zu im Dorf vorbei. Zu Weihnachten hat er meiner nun 14-jährigen Tochter einen gemeinsamen Theaterabend geschenkt, auch etwas, das mit mir bisher undenkbar war.  Ich bedauere aus tiefster Seele, heute keine Babysitter mehr zu brauchen. Sie sind einfach zu gut, um wahr sein.

04. Feb. 2020
von Tanja Weisz
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30. Jan. 2020
von Sonia Heldt
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Warum schon Teenager mit Beauty-Eingriffen liebäugeln

Beauty-Milliardärin Kylie Jenner behauptet, erst ihre aufgespritzten Lippen hätten ihr zu mehr Selbstbewusstsein verholfen.

Lara ist unzufrieden mit ihren Augenbrauen. „Wann erlaubst du mir endlich ein Microblading?“ „Nie“, erwidere ich. Beim Microblading schlitzen Fach- und (noch schlimmer) Nicht-Fachleute mit einem kleinen scharfen Messer Ritze in die Haut und arbeiten anschließend Farbe hinein, um die Illusion echter Augenbrauenhärchen nachzuempfinden. Eine blutige Angelegenheit, die zu unschönen Vernarbungen führen kann. „Dann eben Tätowieren. Hauptsache, ich kann ins Schwimmbad gehen, ohne ständig meine Augenbrauen nachmalen zu müssen“, lässt Lara nicht locker. „Gleiche Antwort“, sage ich. „Kein Permanent-Makeup.“

Ich frage Lara, ob sie sich mal die Augenbrauen meiner Mutter angeschaut hat, die in den 70er Jahren anfing, ihre sehr dichten und dunklen Brauen viel zu dünn und exzessiv zu zupfen, sodass sie irgendwann nicht mehr nachwuchsen. Greta Garbo und Marlene Dietrich rasierten sich ihre Augenbrauen in den 30ern ab und malten sich anschließend einen dünnen, hochgesetzten Bogen über die Augen. Später in den 40er- und 50er-Jahren wurden die Augenbrauen wieder natürlicher und buschiger. In den 90ern wurden sie gerne mal grün oder gelb gefärbt, Marusha und der Techno-Szene sei Dank. Und aktuell ist es eben in, seine Augenbrauen auffällig in dicken Balken in Szene zu setzen. Junge Mädchen und Frauen malen stundenlang an ihren Augenbrauen herum oder lassen sie direkt plakativ tätowieren, um für NIKE als kostenlose Werbeplattform rumzulaufen. Klar, mir muss das nicht gefallen! Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, aber Geschmack und Mode unterliegen Trends, die sich manchmal schneller ändern, als man gucken kann.

„Hätte ich dich vor zehn Jahren gefragt, ob du dir eine Prinzessin Lillifee auf den Arm tätowieren lassen willst, hättest du begeistert genickt. Noch vor zwei Jahren wäre es der Harry Potter Schriftzug gewesen. Heute wärst du darüber entsetzt. Und daher gibt’s auch jetzt nix Tätowiertes auf oder über die Augen. Basta.“ Ich erzähle ihr vom Arschgeweih-Trend in den 90er Jahren, den unzählige Frauen mitmachten und schnell bereuten. Natürlich muss auch Daniela Katzenberger als Beispiel herhalten. Die hat sich damals ja auch nicht hässlicher, sondern schöner machen wollen, als sie sich die Augenbrauen fast mitten auf die Stirn tätowieren ließ. Heute lacht „die Katze“ sehr selbstbewusst über ihren Fauxpas. Aber nicht immer lassen sich Beauty-Sünden problemlos mit dem Laser rückgängig machen und nicht jeder kann so selbstbewusst wie Daniela Katzenberger damit umgehen.    

Hyaluron in den Lippen, ein operiertes kleines Näschen und eine ausladende Silikon-Oberweite, scheinen inzwischen die Voraussetzungen zu sein, um als Kandidat in diversen Fernsehshows teilnehmen zu dürfen oder als Influencer erfolgreich zu sein. Mit jedem weiteren Influencer jenseits der Natürlichkeit sinkt die Hemmschwelle der viel zu vielen und viel zu jungen Follower und Fans, die sich ebenfalls operativ „aufzuhübschen“. Machen doch alle, warum also nicht auch ich? Dass Beauty-Eingriffe dadurch immer mehr an Normalität gewinnen, finde ich erschreckend. Manchmal bin ich ganz schön sauer auf diese „Vorbilder“, die dafür sorgen, dass die Schönheitsideale von heute „operiert“, „gespritzt“ und „für die Ewigkeit aufgemalt“ lauten. Dabei gaukeln die sozialen Netzwerke mit Hilfe von Fotofiltern und der richtigen Belichtung doch sowieso schon eine unnatürliche Perfektion vor.

Wenn ich aktuell beim „Bachelor“ reinschalte, habe ich den Eindruck, das Casting-Team von RTL hat die Hälfte der Kandidatinnen im Wartezimmer einer Schönheitspraxis akquiriert. Auffällig viele Mädchen der diesjährigen Staffel haben „etwas an sich machen lassen“. Und wenn Heidis Mädchen ab heute Abend wieder laufen, können wir versichert sein, dass sich spätestens in ein paar Monaten die ein oder andere Kandidatin die Beichte abnehmen lassen wird: „Diese Beauty-Eingriffe habe ich machen lassen, um mir meinen großen Traum von Germany’s Next Topmodel zu erfüllen!“

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30. Jan. 2020
von Sonia Heldt
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23. Jan. 2020
von Anneli Pereira
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Das Leben ist keine Hüpfburg

Heute nach dem Kindergarten musste ich mit meinen Jungs Tiago und Fabian noch etwas erledigen. Tiagos Brille brauchte einen neuen Bügel. Also fuhr ich mit zwei übermüdeten Fünfjährigen in die Innenstadt: Parkplatz suchen, zum Optiker laufen, drei Ampeln passieren und dann auf die Reparatur warten. Stress! Doch ich will nicht klagen, denn die beiden haben sich einigermaßen gut benommen. Die Wartezeit verbrachten wir in einem nahegelegenen Café, eigentlich mehr eine Bäckerei mit ein paar Tischen. Dort saßen ein paar ältere Damen mit Hut und zwei Mütter mit ihren Kleinkindern. Der Geräuschpegel war moderat, kein Tohuwabohu, aber es waren eben gut und gerne sechs Kinder anwesend.

Als ich gerade bestellte und Tiago und Fabian die süßen Teilchen in der Auslage kommentierten, kam ein Mann, etwa Mitte 50, mit Hornbrille und schickem Schaltuch um den Hals herein. Ich hatte gleich so ein Gefühl, dass die Kinder und ich seine Aufmerksamkeit erregten. Es war offensichtlich, dass ihm das alles, obwohl er gerade erst die Bäckerei betreten hatte, nicht schnell genug ging. Ein Wunder, dass er sich nicht noch vorgedrängelt hatte. Ich wartete also auf meinen Cappuccino und ein paar Waffeln, sprach kurz mit Fabian, der sich erlaubterweise ein stilles Wasser aus dem Selbstbedienungskühlschrank holte und sicher gehen wollte, dass es auch ja kein Sprudelwasser war. Kurzum, die Anwesenheit meiner Kinder war weder zu überhören, noch zu übersehen, aber sie waren weit von einem Trotzanfall oder anderen Aktionen entfernt. Ich zumindest war entspannt und setzte mich mit den Jungs an einen freien Tisch in Hörweite der Theke. Nah genug, um mitzubekommen, dass der Herr beim Bestellen die Verkäuferin, so viel verstand ich, auf das Thema Kinder ansprach. Nachdem der Mann bezahlt hatte und gegangen war, ließ es mir keine Ruhe und ich sprach die Verkäuferin an. „Was hatte der Mann für ein Problem?“ Sie lächelte mich etwas unsicher an und war sichtlich irritiert, beugte sich zu mir vor und sagte: „Der Mann wollte wissen, ob mich die vielen Kinder hier nicht nerven würden. Ich habe aber Nein gesagt.“ Die Verkäuferin tippte sich mit dem Finger an die Stirn und in mir kochte es.

Was in aller Welt hat diesen Mann in dieser Situation gestört? Wir trödelten weder beim Bestellen, noch haben die Kinder ihn angepöbelt, angerempelt oder angeschrien. Wenn alleine die Anwesenheit von ein paar Kindern jemanden dazu bringt, gegenüber der Verkäuferin diesen inakzeptablen Zustand „Kindern in einer Bäckereikette an einem Dienstagnachmittag“ zu kommentieren, dann will ich nicht wissen, wie er auf Kinder in einem Restaurant, Hotel oder, Gott bewahre, im Nachbargarten reagiert.

Ich verstehe, wenn Leute sich über laute, tobende Kinder aufregen. Wenn jemand nämlich oft genervt ist von Kindern, dann bin ich es. Deshalb achte ich auch sehr darauf, dass meine Jungs in der Öffentlichkeit so leise wie möglich sind. Klappt nicht immer, aber immer öfter. Ich habe vollstes Verständnis, wenn sich jemand über außer Kontrolle geratene Kinder echauffiert, aber das habe ich ehrlich gesagt selten erlebt. Stattdessen sind es oft die Momente, in denen ich denke, was für herzige Menschlein ich doch da auf die Welt gebracht habe, wenn mir die Umwelt genau das Gegenteil vermittelt. Zum Beispiel, wenn die Jungs bei 35 Grad jauchzend ins Planschbecken im Garten springen und es nach 5 Sekunden bereits vom Balkon des Nachbarhauses krakelt: „Geht das auch ein bisschen leiser?“ Das ist doch nun wirklich kein nervtötender Lärm. Das müsste doch der letzten versteinerten Seele noch ein kleines Lächeln abringen, oder nicht?

Wohl nicht. Aber woher kommt diese Kinderfeindlichkeit? Waren Kinder früher wirklich besser erzogen, oder waren sie einfach viel mehr Teil der Gesellschaft? Heute gibt es Adult-Only für die einen und Kinderhotels für die anderen. Familien tummeln sich in nach Plastik stinkenden Indoorspielplätzen. In „normale“ Cafés traut man sich mit seiner Brut ja schon gar nicht mehr rein. Es muss schon das Beerencafé mit Heuballen- Labyrinth, Spielplatz und Bobby-Car-Parcours sein. Und am Wochenende trifft sich alles, was einen Bugaboo schieben kann, im Zoo, dem ultimativen Familien-Ghetto.

Familien mit kleinen Kindern sind wie Antilopen in der Savanne: Herdentiere. Denn in der freien Wildbahn haben Eltern mit einem schreienden Zweijährigen genauso wenig Chancen wie ein einsames Jungtier am Wasserloch. Die Familien bleiben unter sich, während der Rest der Welt beim Brunch im „moki’s goodies“ weilt. Jenem Hamburger Café, in dem unter Sechsjährige keinen Zutritt haben und das unter dem Hashtag #Schnullergate landesweite Berühmtheit errungen hat. Was kommt als nächstes? Familienwohnanlagen versus kinderfreie Gated Communities?

Ich gebe zu, wir waren auch schon mal in einem Kinderhotel und, ohne es zu wissen, in den Flitterwochen sogar in einem Adult-Only-Hotel. Mit Kleinkindern würde ich niemals ein Sternelokal aufzusuchen. Darum geht es aber gar nicht. Kleine Kinder sind nicht nur in Gourmetrestaurants nicht gerne gesehen, sondern allgemein in allen Einrichtungen, die nicht das Label „kinderfreundlich“ vor sich hertragen. Der Effekt: Die Toleranz für Familien im öffentlichen Raum sinkt und Kinder wachsen in dem Glauben auf, dass die Welt ein einziger, sich um sie drehender Abenteuerspielpatz ist.

Kleinkinder im Beerencafé, bitte gerne, aber einfach im Bäckereicafé ums Eck: Eine Zumutung! Was wir brauchen, ist eine Kinder-Inklusion in der Öffentlichkeit. Das würde allen guttun. Kinder gehören zum Leben, zum Alltag. Kinder müssen aber auch lernen, dass das Leben eben nicht nur aus Hüpfburgen besteht, sondern dass es auch Restaurants gibt, in denen sie am Tisch sitzen bleiben müssen und in denen es keine Spielecke gibt. Dass ihre Eltern an einem Samstagnachmittag ins Lenbachhaus gehen wollen, und zwar nicht zur Familienführung, sondern einfach so. Und Kinderlose und Eltern ohne kleine Kinder würden auch davon profitieren, wenn Familien mehr an ihrem Alltagsleben teilnehmen. Wie heißt es immer: Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen. Von Eltern, und meistens trifft es natürlich die Mütter, wird aber erwartet, den Nachwuchs fernzuhalten. Bloß keine Störung, bloß kein Geschrei. Wir müssen raus aus der Sandkastenblase und wieder hinein ins echte Leben!

23. Jan. 2020
von Anneli Pereira
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21. Jan. 2020
von Anna Wronska
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Nach mir die Sintflut

Auf dem Weg zur Kita – nicht immer sind die Beteiligten so guter Dinge wie auf diesem Bild

Unser zweiter Sohn ist jetzt auch ein Kita-Kind. Und damit so gut wie aus dem Haus. So fühlt es sich zumindest an. Ich weiß, das Abschiednehmen bleibt uns Eltern nicht erspart, wenn wir wollen, dass unsere Kinder immer besser ohne uns klar kommen in dieser Welt. Und das wollen wir doch, stimmt’s? Deshalb läuft bei uns gerade die Kita-Eingewöhnung mit Lukas (16 Monate). Die erste Woche war nicht aussagekräftig, weil wir nur drei Mal hingehen konnten. Die zweite Woche lief super, ich war allerdings stets im Hintergrund dabei. Heute, zu Beginn der dritten, bin ich das erste Mal für eine Viertelstunde ohne ihn nach draußen gegangen. Es war eine sehr lange Viertelstunde.

„Knuddel ihn fest, sag, dass du gleich wiederkommst – und dann geh zügig“, hatte seine Kontakt-Erzieherin gesagt. Als ich mich anziehe, denkt Lukas zuerst noch, er kommt mit wie immer, und patscht aufgeregt mit den Händen an die Glastür. Nicht umdrehen, sage ich mir, nicht umdrehen, als ich ihn hinter der zufallenden Tür losbrüllen höre. Nein, ich fange an der Schleuse zur Straße nicht an zu heulen. Aber ich muss tief durchatmen, um meinen Puls herunterzuregeln. Dabei habe ich das alles schon mal durch, mit unserem großen Sohn Ben (5). Auch damals war die Eingewöhnung schmerzhaft, das weiß ich, aber meine Erinnerung an diese Zeit ist irgendwie verblasst. Heute muss ich Ben nachmittags manches Mal regelrecht aus der Kita zerren, weil er noch weiterspielen will. Aber auch, wenn viele etwas anderes behaupten: Man mag sich ein bisschen besser damit auskennen, wie es läuft oder laufen sollte, aber man wird eben nicht „mit jedem Kind entspannter“. Zumindest nicht ich. Letztes Mal war es hart, weil es das erste Kind war. Jetzt ist es hart, weil es das letzte ist.

In wenigen Wochen werde ich wieder arbeiten, in Teilzeit, meistens im Home Office, für meine „alte“ Firma, in der alle Führungskräfte selbst Eltern sind. Ich habe also großes Glück und könnte einigermaßen entspannt sein (mal abgesehen von der Sache mit der Rente). Doch gerade weil ein neues Kapitel mit einem komplett neuen Alltag bevorsteht, fällt mir der Abschied doppelt schwer. Ich habe keine Babys mehr zu Hause. Und ich habe keine Ahnung, wie das klappt als Working Mum mit zwei Kindern. Bei aller Emanzipation und bei aller ehrlichen Freude auf den Job ist die Priorität klar: erst Mum, dann Working. Aber schon bei Ben ist mir das schwer gefallen, weil ich beidem gerecht werden wollte. Und ich werde jetzt schon nervös, als klar ist, dass es mit der Eingewöhnung länger dauern könnte als geplant und ich womöglich erst später anfangen kann zu arbeiten. Ich will keine Klischees bedienen. Aber als ich nach 15 Minuten wiederkomme und sehe, dass Lukas knallrot und tränenüberströmt dasteht, würde ich diesen ganzen Eingewöhnungsquatsch am liebsten sofort hinschmeißen und den Job gleich mit. Mein Baby gehört zu mir!

Zu allem Überfluss geht in den zwei ersten Eingewöhnungswochen, in denen ich den Kita-Alltag im Hintergrund beobachte, manches Mal das Kopfkino mit mir durch. Mit welcher Lässigkeit die Erzieher die Kinder zeitweise sich selbst überlassen! Ist Lukas hier überhaupt sicher aufgehoben? Kinder teils weit unter zwei Jahren schlappen in ihren ledernen Lauflernschuhen zwischen Herden größerer Kinder über die Gänge, verschwinden mal in dem einen, mal in dem anderen Raum. Ich selbst soll auf Anweisung unserer Kontakterzieherin „möglichst langweilig“ und passiv bleiben, wenn mein Kind auf seinen Erkundungstouren bei mir vorbeikommt. Ich zwinge mich also, sitzenzubleiben, als er ohne Begleitung im Kinder-Bad verschwindet, auch wenn mir Übles schwant. Wenig später kommt Lukas mit triefnassen Ärmeln zurück, weil er ein paar Bauernhoftiere im Klo versenkt hat. „War ja zum Glück nur Wasser drin“, lacht die Erzieherin, die ihn eingesammelt hat, und ich lache auch und überlege fieberhaft, ob ich irgendwo im Rucksack noch Desinfektionsspray habe.

Ich weiß, ich darf nicht unfair sein. Die Erzieher sind zu wenige; sie können nicht überall gleichzeitig sein, echte Katastrophen sind selten (außerdem passieren sie oft genug in Anwesenheit von Eltern), Kinder sind robust und die meisten von ihnen sichtlich zufrieden hier. Zwei etwa fünfjährige Mädchen haben sich beieinander untergehakt und rennen kichernd auf und ab, ein anderes Mädchen trägt stolz seine Kinderkamera mit sich – es ist Spielzeugtag – und lässt einen Jungen, der sie ausleihen will, mit Genuss abblitzen. Ein Geburtstagskind stolziert in goldbemalter Pappkrone vorbei, und ich muss an Rolf Zukowski denken, ausgerechnet: „Im Kindergarten, im Kindergarten: Da fangen alle mal als kleine Leute an!“

Also eigentlich alles halb so wild. Ich bin schon fast eingewöhnt hier, da kommt eines Tages im Gang ein kleiner Junge vorbei geschlurft, vielleicht zwei Jahre alt. „Mama“, schnieft er, nicht besonders laut, aber deutlich hörbar. Ein zweiter Junge, etwa drei Jahre, kommt dazu, fasst ihn am Oberarm und zieht ihn mit sich, und ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, als er zu ihm sagt: „Mama is arbeiten! Mama tommt!“ Und dann schlappen sie gemeinsam davon, als wollten sie mir mit der Szene beweisen: „Siehste! Läuft doch. Wir kommen klar.“ Und das wollten wir doch so, stimmt’s?

21. Jan. 2020
von Anna Wronska
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16. Jan. 2020
von Sonia Heldt
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Lesen? Nein, danke!

Nicht alle Kinder lesen gern. Aber man kann wenigstens versuchen, es ihnen von klein auf nahezubringen.

Lesen nimmt in unserem Haushalt einen großen Stellenwert ein. Ich habe meinen Töchtern von klein auf vorgelesen – täglich und manchmal stundenlang. Erst waren es Bilderbücher, die wir gemeinsam betrachteten, dann die ersten Geschichten aus Vorlesebüchern und später umfangreichere Kinderromane.

Als sie sich später durch die ihre ersten Erstleserbücher kämpften, habe ich sie motiviert und nicht lockergelassen. Das Lesen der aneinandergereihten Buchstaben, die anfangs vermeintlich noch kaum Sinn ergeben, ist für Leseanfänger anstrengend und frustrierend. „Komm lies zwei Sätze, dann lese ich den Rest der Seite“, lockte ich oder: „Wenn du jetzt noch eine ganze Seite schaffst, dann lese ich dir noch ein weiteres Kapitel vor.“ Später, als die Kinder längst flüssig lesen konnten, las ich weiter vor. Manchmal greifen wir heute noch zu den Lieblingsgeschichten aus den alten Kinderbüchern. Das mag Maya besonders. Es erinnert sie an ihre frühe Kindheit und die vielen gemeinsamen Abende, an denen ich mit einem Buch in der Hand an ihrem Bett gesessen habe. Kürzlich hat sie den Vorlesewettbewerb der 6. Klassen ihrer Schule gewonnen. Der jährlich stattfindende Vorlesewettbewerb wird von der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Zusammenarbeit mit Buchhandlungen, Bibliotheken, Schulen und kulturellen Einrichtungen veranstaltet. Ich war nicht überrascht. Maya weiß, wie man eine Geschichte so betont und lebhaft vorlesen kann, dass man ihr gerne zuhört.

Lesen – die wichtigste Grundlage der Bildung  

Ohne Lesen keine Bildung. Ohne Bildung keine Chance auf einen erfolgreichen Bildungsweg. Ganz einfach! Einfach für meine Kinder und die Kinder, deren Eltern es ähnlich handhaben wie ich. Die Freude am Lesen und Schreiben ist meinen Kindern in die Wiege gelegt worden. Aber gerade in bildungsfernen Schichten kommen Kinder in der Frühförderung immer noch viel zu kurz.

Laut der aktuellen Pisa-Studie der OECD ist der Leistungsunterschied im Bereich Lesekompetenz zwischen Schülerinnen und Schülern mit günstigem sozioökonomischem Hintergrund und solchen mit ungünstigem Hintergrund in Deutschland beträchtlich und hat sich seit 2009 um 9 Prozentpunkte ausgeweitet.

Für diese Kinder verringern sich schon im Kindesalter die Chancen auf einen erfolgreichen Werdegang drastisch. Es ist wichtig, mit der Leseförderung lange vor dem Schuleintritt zu beginnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind später selber öfter zum Buch greift, ist bei den Kindern, denen schon früh und regelmäßig vorgelesen wurde, größer als bei anderen Kindern. Abends noch einmal vor dem Schlafengehen Quality Time mit den Eltern genießen und in eine Geschichte abtauchen. Gemeinsam gruseln, rätseln oder lachen, welches Kind würde sich dem verweigern? Der Einstieg ist so simpel, eigentlich gibt es für Eltern hier keine Ausrede. Wer abends geschlaucht vom Tag ist, der legt sich einfach zu seinem Kind mit ins Bett oder liest auf dem Sofa vor, um gleichzeitig die Beine hoch zu legen. Zwanzig Minuten oder vielleicht auch nur fünfzehn Minuten Zeit für sein Kind. Das muss drin sein! So entwickelt sich über viele Jahre ein festes Eltern-Kind-Ritual und das Kind greift später – hoffentlich – selbst zum Buch. 

„Lesen ist uncool“

Mehr als die Hälfte der Jugendlichen, die an der aktuellen Pisa Studie teilgenommen haben, gaben an, vor allem zu lesen, um benötigte Informationen zu bekommen. Nur ein Viertel liest wirklich gerne. Ein Drittel hält Lesen gar für Zeitverschwendung. Jeder fünfte Fünfzehnjährige kann nicht einmal auf Grundschulniveau lesen. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek findet das bedenklich und betonte, dass sie die ins Leben gerufenen verschiedene Programme zur frühkindlichen Förderung konsequenter weiterverfolgen werde.

Ich hoffe sehr, dass das Bildungsministerium aktiv am Ball bleibt und ich hoffe auch, dass Lesen irgendwann wieder ein besseres Image bekommt. Denn Lesen gilt, nicht nur in bildungsfernen Kreisen, häufig als uncool. Maya liest gerne, im direkten Vergleich zu ihrer großen Schwester Lara aber gemäßigt. Lieber treibt Maya Sport. Nach dem Duschen hockt sie sich für eine Stunde in ihre Kuschelecke oder macht es sich abends im Bett gemütlich und liest, um zu entspannen. Lara tickte da immer schon etwas anders und extremer. Sie hatte als Kleinkind einen sehr großen Bewegungsdrang und war körperlich eine echte Herausforderung für mich. Las ich ihr jedoch vor, war sie das ruhigste und konzentrierteste Kind der Welt. Sobald sie einigermaßen flüssig lesen konnte, wurden wir Stammgast in der Stadt-Bücherei und brachten die ausgeliehenen Bücher gleich körbeweise nach Hause. Erst las sie sich durch das gesamte Regal mit den Pferde- und Einhornbüchern und ging bald zu dicken Fantasy-Büchern und den gängigen Mädchenbuch-Reihen über. Egal, ob sie im Auto, im Garten, im Restaurant oder am Strand im Sommerurlaub saß – Laras Nase steckte stets in einem Buch. Sie nahm ihre Bücher mit in die Schule, um in jeder noch so kurzen Pause schnell noch ein paar Seiten zu inhalieren. So wurde sie von den Klassenkameraden schnell als Freak und langweiliger Bücherwurm abgestempelt. Lesen und dann auch noch ständig über Bücher reden – wie uncool! Das hat Lara damals sehr verletzt und frustriert.

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16. Jan. 2020
von Sonia Heldt
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