Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

22. Feb. 2021
von Tanja Weisz
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Ist mein Kind magersüchtig?

Nicht immer schaut man gemeinsam auf die Waage, um zu überprüfen, ob der Body-Mass-Index passt.

Es fing alles mit einem gut gemeinten Hinweis an. Eine Lehrerin meiner Tochter druckste am Telefon erst etwas herum, aber gab dann die Besorgnis einer Kollegin weiter, die mein Kind für magersüchtig halte. Ich lachte, vielleicht ein bisschen zu laut, es sollte schließlich Souveränes-Drüberstehen signalisieren. Ja, meine 15 Jahre alte Tochter sei schon immer sehr schlank gewesen, aber magersüchtig, nein, dass sei sie nicht.

Wir hatten alle Check-Ups beim Kinderarzt gemacht, die Daten der Tochter immer mit dem Durchschnitt verglichen und uns sicher gefühlt: Am unteren Ende der Skala, aber immer im grünen Bereich. Außerdem kann sie essen wie ein Scheunendrescher, wenn es ihr schmeckt: Pizza mit Extra Mozzarella, Kartoffelbrei, Schokoladenkekse. Kein Kalorienzählen, nie eine Bemerkung, dass sie sich zu dick fände. Wozu also sorgen?

Doch die Widerhaken der gut gemeinten Hinweise sollte man nie unterschätzen. Sie verkeilen sich in den Gedankengängen und tauchen unerwartet wieder auf, als ich mich selbst mal wieder auf die Waage stelle. Wieviel wiegt mein Kind eigentlich im Augenblick? Als ich sie danach frage, hat sie selbst keine Ahnung (ein gutes Zeichen, oder?), also sehen wir gemeinsam nach. Wie sie da so vor mir steht in Unterwäsche, sehe ich sie genauer denn je an: Sie ist schmal, viel schmaler gebaut als ich. Aber auch eine Kontrolle des BMI zeigt: Normal, aber am unteren Ende der Skala. Es ist das erste Mal, dass ich in eine Body-Mass-Index-Tabelle für Jugendliche schaue.

Schlank ist mein Kind sicher nicht wegen der Pizza oder ihrem Bewegungsmangel, aber wohl wegen all der Mahlzeiten, die sie vergisst. Essen ist ihr schlicht nicht wichtig und wenn ihr etwas nicht schmeckt oder sie im Kühlschrank nichts passendes findet, dann lässt sie eben eine Mahlzeit weg. Eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Essen, die sie sichtbar weder mit ihrem Vater noch ihrer Mutter teilt. Für sie ist Essen ein notwendiges Übel, das zeitraubend und meist langweilig ist. Seit sie sich vegetarisch ernährt, ist sie noch wählerischer geworden.

Zählt keine Kalorien, aber kultiviert auch kaum Vorlieben. Essen aus purem Genuss, Appetit auf etwas haben ohne Hunger, das erlebe ich selten bei ihr. Dabei steht das doch als hehres Ziel in allen Diätratgebern für Erwachsene: Esst nur, wenn ihr hungrig seid und nur so lange, bis ihr satt seid.

Und trotzdem geht die Saat der Zweifel auf: Fehlt meinen Kind da nicht etwas? Ich fange plötzlich an, vermehrt die wenigen Lieblingsspeisen zu kochen, die ich sicher kenne. An manchen Tagen, wenn ich noch einen Extra-Klacks Butter in der Kartoffelbrei mische, komme ich mir schon vor wie eine Hexe, die Gretel mästen will.

Bis zu der Bemerkung der Lehrerin war Essen selten ein Thema zwischen meiner Tochter und mir gewesen. Mittlerweile ist es auf die Tagesordnung gerutscht, ohne dass ich es beabsichtigt habe. Ich frage nach, was sie mittags gegessen hat, worauf sie abends Appetit hätte, bringe ihr mögliche Leckereien mit. Nahrung, etwas Normales, Gesundes, ist plötzlich ein Sorge-Thema geworden und damit wird es ungesund.

Manchmal ist es so schwierig, die richtige Balance zu finden zwischen dem elterlichen Bauchgefühl, das sagt, an diesem schlanken Kind ist alles in Ordnung und der Angst, auf einen guten Rat von außen vor lauter Scheuklappen nicht rechtzeitig reagiert zu haben. Sie ist nun mal in einem Alter, in dem viele Mädchen mit Argusaugen auf ihre Figur schauen. Aber nun, ist mein Eindruck, sehen Erwachsene genauso kritisch hin.

Aber weder hat das Kind deutlich abgenommen, noch scheut es Kalorienbomben. Allein das lustlose Essen taucht in einer Anzeichen-für-Magersucht -Liste auf, da musste ich ein Häkchen setzen. Aber das reicht mir nicht, um sie gleich in die Beratungsstelle zu schleppen.

Wie so oft half es, etwas auszusprechen, was sich zu einem stillen dicken Sorgenbär aufplusterte. Dass jemand sie für magersüchtig halten könnte, fand meine Tochter überraschend, andere Mädchen seien doch viel dünner. Wir haben vereinbart, ihr Gewicht im Auge zu behalten, einmal im Monat der Waage einen kurzen Blick zu gönnen und ansonsten weiter zu essen wie bisher. Sie kommt jetzt öfter zum Einkaufen mit und sucht sich selbst Sachen aus, die sie dann bei Bedarf im Kühlschrank wiederfinden kann. Gerade macht sie sich über ein Stück Torte her. Wie beruhigend.

22. Feb. 2021
von Tanja Weisz
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16. Feb. 2021
von Sonia Heldt
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Feiern verboten?!

Die Straßen sind leer, die Clownsnase muss auf der Maske halten: Straßenkarneval an Rosenmontag in Düsseldorf.
Die Straßen sind leer, die Clownsnase muss auf der Maske halten: Straßenkarneval an Rosenmontag in Düsseldorf.

Sie hieß Cordula Grün.
Ich hab‘ sie tanzen gesehen…“

Unser Regional-Radiosender beglückt seine Hörer heute nonstop mit Karnevals- und Partymusik. Gerade laufen Die Draufgänger mit Cordula Grün. Ich wechsele den Sender. Für dieses Musikgenre benötige ich die richtige Stimmung oder einen gewissen Alkoholpegel. Hat es eigentlich noch keiner mitbekommen? Karneval fällt aus! Mir ist das eigentlich egal. Ich bin mit meinem Mann und den Mädchen die letzten Jahre während der dollen Tage lieber in den Kurzurlaub gefahren. Doch 2020 trat meine Tochter Lara in den Streik. Sie wollte zu Hause bleiben, um den Straßenkarneval ausgiebig mit ihren Freunden zu feiern. Nach einer heftigen Diskussion („Wir lassen eine Fünfzehnjährige auf gar keinen Fall über die Karnevalstage alleine zu Hause“) setzte Lara sich schließlich durch. Wir blieben ihr zuliebe daheim. Lara feierte so ausgelassen, dass wir Aschermittwoch drei Kreuze schlugen, als alles überstanden war und wir wieder ruhig schlafen konnten.   

2021: Kein Februar-Kurzurlaub für uns und auch kein Karneval für Lara. Zumindest können wir beruhigt schlafen. Es besteht keine Gefahr, dass sich meine Tochter leicht bekleidet bei eisigen Temperaturen den Tod holt, weil die Feiglinge sie von innen so schön wärmen und sie die Kälte nicht spürt, nicht mal, wenn sie nicht mehr aufstehen kann. Sie wird das Wochenende brav zu Hause verbringen und sich die Langeweile schon irgendwie vertreiben.

Oft leistet ihr Freundin Gina beim Vertreiben der Langeweile Gesellschaft. „Weißt du, dass Gina und ich inzwischen die einzigen Singles in unserem Freundeskreis sind?“, fragte Lara letztens. Ich hatte meine Tochter auch schon darauf angesprochen. Der Lockdown eignet sich doch hervorragend für die erste große Liebe. Der Freundeskreis kann einem kein schlechtes Gewissen machen, dass man mit dem Liebsten abgetaucht ist, denn die Regierung liefert das perfekte Argument: Während des Lockdowns ist ein Treffen nur mit einer einzigen nicht dem Haushalt angehörenden Person erlaubt. Beste Voraussetzung also für intensive Zeit zu zweit mit langen, romantischen Wald-Spaziergängen und anschließendem Filmabend, eng aneinander gekuschelt unter einer Decke. Aber Lara hatte erwidert, sie würde es doch reichlich übertrieben finden, sich aus purer Langeweile einen Freund anzuschaffen. Und außerdem wüsste sie nicht, wo sie mal so eben einen passenden Typen herzaubern sollte.

Also ist ihre Freundin Gina meist „die nicht dem festen Haushalt angehörende eine Person“. Gina zählt praktisch zur Familie. Sie übernachtet häufig bei uns und veranstaltet mit Lara DVD-Nächte. Sie saß in der Vorweihnachtszeit mit uns bei Grillwürstchen und Glühwein an der Feuertonne im Garten, backte mit uns Weihnachtsplätzchen und feierte Silvester mit uns. An diesem letzten Abend des Jahres taten mir die Mädchen besonders leid. Statt aufgebrezelt auf der coolsten Party ever aufzuschlagen, hockten sie mit meinem Mann, Maya (13) und mir am Küchentisch, nippten zivilisiert an ihrem Hugo-Cocktail und spielten mit uns Therapie – ein uraltes Spiel aus meiner Jugendzeit. Ich hätte mir für zwei Sechzehnjährige wirklich einen spektakuläreren Jahresausklang gewünscht!

Und daher überlege ich nicht lange, als Lara mich fragt: „Spielen Papa und Du mit mir und Gina heute Abend eine Runde Beer-Pong? Gina und ich wollen im Keller ein bisschen feiern und Musik hören.“ Ich weiß zwar nur, dass dieses Spiel etwas mit Bechern, einem Tisch und Bier zu tun hat, stimme aber sofort zu. Meine sechzehnjährige Tochter will Zeit mit ihren Eltern verbringen! An Karneval! Ich wische mir gerührt eine Träne aus dem Auge und versuche auszublenden, dass sie unsere Anwesenheit nur aus totaler Alternativlosigkeit in Betracht zieht. Lara hat in den letzten Tagen wiederholt nachgebohrt „ob es wirklich total verboten ist ein paar wenige – wirklich nur ein paar – Freunde in den Keller einzuladen, um mit sehr viel Abstand zur Karnevalsmusik zu schunkeln und dabei ganz diszipliniert ein oder maximal zwei Bier zu trinken.“ Da wir ihr diese Frage mit „Ja, total verboten“, beantworten mussten, versuchen Lara und Gina nun, wie schon das gesamte Jahr über, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Und irgendjemand muss ja den Alkohol und die Knabbereien bezahlen und die Tischtennisplatte aus dem Garten durch den Schnee schleppen.

Kurz darauf finden mein Mann und ich uns mit Lara im Supermarkt wieder. Gutgelaunt geht sie ihre Einkaufsliste in ihrem Smartphone durch, rennt durch die Gänge und schmeißt neben Chips und Süßigkeiten auch Bio-Erdnusscreme, Mandelmilch, Avocados und kiloweise Beeren und Bananen in unseren Einkaufswagen. Lara ist in den letzten Monaten zur experimentierfreudigen Superköchin geworden: Egal ob healthy und sugarfree Banana-Pancakes, Gemüse-Pasta, Good Life Salad Bowl oder Beeren-Smoothies, Lara ist kein Rezept zu kompliziert.

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16. Feb. 2021
von Sonia Heldt
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09. Feb. 2021
von Matthias Heinrich
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Macht uns der Lockdown zu empathielosen Egoisten?

30.01.2021, Mecklenburg-Vorpommern, Pokrent: Spaziergänger sind in einer verschneiten Allee unterwegs. Mit zum Teil kräftigem Schneefall und Sonnenschein zeigt sich der Winter in Norddeutschland von seiner schönen Seite. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

In der Krise zeigt sich der Charakter. Der Satz stammt angeblich von Helmut Schmidt. Ich erinnere mich an einen Herbststurm vor ein paar Jahren in Berlin. Mitten im Feierabendverkehr kam das Leben von jetzt auf gleich zum Erliegen. Die S-Bahn fuhr nicht. Darum quetschten sich die Leute in die U-Bahnen, die deshalb nur im Schneckentempo fahren konnten. Busse hielten auf freier Strecke an, und es kam die Durchsage: „Endstation, alle raus!“ und die Passagiere wurden wie Ballast abgeworfen. Jeder versuchte, irgendwie nach Hause zu kommen. Die Leute zankten sich um Taxis. Mütter mit Kinderwagen wurden angerempelt und angeraunzt, gefälligst aus dem Weg zu gehen. Sie blickten sich hilfesuchend um, doch niemand kam. Schutzlose Wesen im Chaos. Ich war mittendrin und auch bemüht, irgendwie von Mitte nach Treptow zu kommen, um meine Kinder aus der Kita abzuholen. Darwin, das Gesetz des Stärkeren, dachte ich. In der Not wird der Mensch zum Einzelkämpfer. Jeder denkt nur noch an sich. Ein Herbststurm reicht aus und wir verlieren jedes Mitgefühl, jede Empathie.

Nun ist der Lockdown kein Herbststurm und das Homeschooling kein Bus, aus dem plötzlich alle aussteigen müssen. Der Effekt ist aber ähnlich, allerdings kommt er nicht wie eine Lawine angerollt, sondern eher schleichend. Wie langsam fallender Schnee, der nach und nach alles bedeckt. Wir sind inzwischen in der fünften Homeschooling-Woche. Der Tag hat immer noch 24 Stunden, aber die Dinge, mit denen wir uns beschäftigen, sind wenige: Es passiert einfach nichts.

In Gesprächen mit Familie und Freunden wird immer wieder deutlich, dass jeder vor allem mit sich selbst beschäftigt ist. Das ist an sich auch keine schlechte Sache. Aber es führt zu Isolation, zum Verpuppen. Wir kapseln uns von anderen ab, übersehen Dinge, die vor uns liegen. Und andere sehen zu, wie sie sich selbst diese Zeit möglichst angenehm gestalten und nehmen dabei wenig Rücksicht auf andere.   

Ein Beispiel dafür ist die Notbetreuung in Kitas. Deren Idee ist ja, Eltern in systemrelevanten Berufen zu entlasten. Aber das Angebot nehmen nicht nur Krankenschwestern, Altenpfleger und Supermarktkassiererinnen wahr. Ende Januar wurden hierzulande mehr als ein Drittel der Kinder zwischen null und sechs Jahren in Kitas betreut – trotz Corona und aller Appelle der Politik. Ganz vorne war das Bundesland Hamburg: Dort brachte jeder zweite sein Kind in die Kita, in Bayern war es jeder fünfte.  

Wobei Bayern auch nicht Bayern ist: Eine Freundin erzählte uns von einer Betriebskita im Freistaat. Deren Leitung habe kürzlich einen Hilferuf an die Eltern verschickt, weil sechzig Prozent von ihnen ihre Kinder in die Notbetreuung schicken. Bei dieser Menge sei der Sinn des Lockdowns ausgehebelt, hieß es. Die Leiterin appellierte eindringlich an die Solidarität der Eltern. Denn fast alle kehrten, nachdem sie ihren Nachwuchs abgeliefert hatten, zurück nach Hause ins Homeoffice. Auch wenn dieses Verhalten natürlich nicht illegal ist und in manchen Fällen nachvollziehbare Gründe gibt, steckt dahinter ein gehöriges Maß an Bequemlichkeit und Egoismus. Als wolle man den Erziehern sagen: „Kümmere dich gefälligst um mein Kind. Das ist dein Job, ich mache meinen.“

Es gibt weitere Beispiele für Egoismus und Empathieverlust: Eine Jugendpflegerin in einer norddeutschen Kleinstadt erzählte meiner Schwester, von einer Flüchtlingsfamilie aus Nigeria. Der fünfjährige Sohn nimmt die Notbetreuung in der Kita in Anspruch, denn genau für solche Fälle ist sie da. Seine alleinerziehende Mutter ist Analphabetin, spricht kein Wort Deutsch und hat keinen Job. Ihr großer Sohn hat weniger Glück als sein Bruder. Die Leiterin der Grundschule weigert sich, den Jungen in die Notbetreuung aufzunehmen. Begründung: Die Mutter sei ja zu Hause. Ich frage mich, wie dieses Kind unter diesen Voraussetzungen jemals den Anschluss schaffen soll? Allein zu Hause mit Büchern in einer fremden Sprache und einer Mutter, die nicht lesen kann. Die Schulleiterin hat sich diese Frage nicht gestellt.

Genauso wenig wie die Frage, ob es in Ordnung ist, an einem Montagvormittag einen Spaziergang durch den Heimatort zu machen, während ihre Schüler allein oder mit gestressten Eltern im Homeschooling sitzen. Denn genau das hat sie getan. Von einer erstaunten Mutter darauf angesprochen, antwortete sie: „Man muss ja auch mal raus.“ Auch wenn die Leiterin natürlich jedes Recht der Welt hat, spazieren zu gehen, wo sie will, fällt es mir persönlich schwer, mich nicht über dieses Verhalten zu ärgern.  

Auch in meinem unmittelbaren Umfeld gibt es reichlich Konfliktstoff. Im Gespräch mit unserer Klassenlehrerin habe ich erfahren, wie die Schule die Rückkehr der Kinder plant. Es soll Wechselunterricht geben, allerdings anders als im ersten Lockdown. Statt wie bisher im wöchentlichen sollen die Kinder nun im täglichen Wechsel unterrichtet werden. Der Elternbeirat habe dem im Gespräch mit der Schulleitung zugestimmt, sagte mir die Lehrerin.

Unser Elternbeirat besteht aus elf Mitgliedern. Das Gremium ist normalerweise äußerst kommunikativ. Ob ein Flohmarkt ansteht, Bücher getauscht werden oder eine Lehrkraft verabschiedet wird – in der Chat-Gruppe werden alle möglichen Dinge fleißig geteilt und besprochen. Nur die Sache mit dem Wechselunterricht wurde irgendwie vergessen. Als die Eltern unserer Klasse von diesen Plänen erfuhren, war das Geschrei groß. „Wenn wir täglich wechseln, lass ich mein Kind nicht in die Schule“, ärgerte sich eine Mutter. „Ich arbeite im Schichtbetrieb, mein Kind muss dann allein zurechtkommen. Wie soll das klappen?“ empörte sich ein Vater. Um die Gemüter zu beruhigen, ließ ich als Elternsprecher darüber abstimmen, welche Form des Wechselunterrichts unsere Klasse bevorzugt. Das Ergebnis war ausgeglichen. Das teilte ich der Schulleitung und dem Elternbeirat mit. Ob das jetzt noch irgendeinen Einfluss auf die finale Entscheidung hat, ist offen.

Dann geschah etwas Unerwartetes: Eine Mutter, die immer hilfsbereit, aber auch sehr still ist, ergriff das Wort: „Ich fände es schön, wenn wir uns statt zu schimpfen, gegenseitig beim Homeschooling unterstützen würden. Ein Kind pro anderer Haushalt ginge ja.“ Schnell gab es Zustimmung und der Vorschlag wurde umgesetzt. Die Eltern solidarisierten sich. Plötzlich war die Möglichkeit des täglichen Wechselunterrichts kein Tabu mehr. „Dann sehen sich die Kinder ja viel öfter. Das ist doch toll“, schrieb der Schichtarbeiter. Inzwischen haben sich kleine Lern-Duos gebildet. Unser Sohn ist heute bei einer Schulfreundin, vergangene Woche war sie bei uns. Ein anderer Junge kommt jetzt immer donnerstags zu uns, um seine alleinerziehende Mutter ein wenig zu entlasten. Es geht also.

Ob sich die Situation in der bayerischen Betriebskita entspannt hat, kann ich nicht sagen. Aber wie ich erfahren habe, ist der nigerianische Junge inzwischen in der Notbetreuung seiner Schule untergebracht. Er sitzt jeden Tag mit anderen Kindern zusammen, lernt und spricht Deutsch. Außerdem besucht die Mutter auf Initiative der Schulleiterin einen Sprachkurs.

Es ist total banal und vielleicht naiv: Aber ob im Herbststurm oder während eines Corona-Lockdowns – ich glaube, Darwin liegt falsch. Denn wir können selbst entscheiden, wie wir mit einer Krise umgehen. Ob wir die Menschen um uns herum ausblenden oder ob wir schauen, wo wir uns möglicherweise gegenseitig unterstützen können. Das ist letztlich auch eine Charakterfrage.

09. Feb. 2021
von Matthias Heinrich
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02. Feb. 2021
von Chiara Schmucker
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Auch ich habe Bedürfnisse

Wenn das Kind seinen Willen nicht bekommt, muss es mit seinen Gefühlen trotzdem nicht alleingelassen werden.
Wenn das Kind seinen Willen nicht bekommt, muss es mit seinen Gefühlen trotzdem nicht alleingelassen werden.

„Vielleicht braucht Max einfach mehr Mama“, sagt meine Freundin mitleidig, nachdem ich ihr erzählt habe, dass unser Zweijähriger seit Monaten schlimme Einschlafprobleme hat. Ich spüre, wie Tränen bei mir aufsteigen. Bin ich also an den Problemen schuld, weil wir Max an fünf Tagen in der Woche in die Kita bringen, seit er ein Jahr alt ist? Weil ich arbeite und wir erst ab nachmittags zusammen unsere Zeit verbringen? Weil er zwar von mir in den Schlaf begleitet wird, danach aber in seinem eigenen Bett weiterschlafen soll?

„Nein“, sage ich, vielleicht etwas heftiger als beabsichtigt und wische die Tränen zornig weg. „Diesen Schuh ziehe ich mir nicht an.“ Max war ein absolutes Wunschkind. Ich habe gerne und sehr intensiv über ein Jahr lang gestillt, noch länger getragen, stundenlang abends mit ihm einen Weg gesucht, wie er friedlich einschlafen kann. Ich habe von Anfang an sehr aufmerksam auf Max’ Bedürfnisse geachtet, ihn nicht absichtlich weinen lassen und ich würde ihn auch nicht abends allein in seinem Bett schreien lassen, damit er das Einschlafen vielleicht doch noch lernt. Eine gute Bindung und Beziehung zu meinem Kind steht für mich an oberster Stelle. Und doch möchte ich auch weiterhin meinem Job nachgehen und meine Nächte ohne Kinderfüße im Gesicht verbringen.

Und ich möchte meine Tage ohne schlechtes Gewissen verbringen, meinem Kind nicht genug Mama zu sein. Und dazu gehört auch, mich nicht weiter vom vor allem in sozialen Medien propagierten Schlagwort der bindungs- oder bedürfnisorientierten Erziehung (Attachement Parenting) unter Druck setzen zu lassen. Dieser Erziehungsstil, der in sieben Kategorien sehr genaue und vor allem sehr enge Empfehlungen in Bezug auf Stillen, Schlafen oder Tragen gibt, die Frauen mitunter bis zur Selbstaufgabe Verschiedenes abverlangen, geht ursprünglich auf einen evangelikalen Kinderarzt aus den USA zurück.

Anhänger der Ideologie lassen die Kinder entscheiden, wann sie sich selbst abstillen, den Weg aus dem Elternbett oder dem Tragetuch suchen. Daran ist nichts auszusetzen, solange das für beide Seiten in Ordnung ist. Doch häufig ist es das eben nicht (mehr), und ich lese täglich auf Instagram, wie sich Mütter allein für ihre Wünsche geißeln, irgendwann einmal wieder eine Nacht durchschlafen oder die Dreijährige langsam abstillen zu wollen.

Es überrascht nicht, dass einige der Anhänger der Ideologie eine bedenkliche Nähe zu Impfskeptikern, Schulpflichtkritikern und rechten Kreisen aufweisen, wie im vergangenen Jahr bekannt wurde. Auch ich habe das in den Debatten bemerkt. Genauso wie mir inzwischen auffällt, dass die Aufforderungen „Lasst die Leute reden, die euch sagen, euer Kind sei zu groß für die Brust oder muss alleine schlafen lernen“ auch gleichzeitig enormen Druck für die Frauen aufbaut, die– aus welchen Gründen auch immer – nicht oder nur kurz stillen wollen oder der nächtlichen Ruhe wegen die Kinder ungern dauerhaft im eigenen Bett schlafen lassen möchten.

Ich brauchte den Rat einer befreundeten Psychologin, der mir die Augen öffnete. „Auch die Mutter hat Bedürfnisse“, sagte sie. Und: „Allen Konflikten mit dem Kind immer nur aus dem Weg zu gehen und immer nachzugeben, führt dazu, dass das Kind sich bald gar nicht mehr orientieren kann.“ Sie nannte Beispiele von Familien, die nur noch am Boden essen, weil die Mutter es nicht über sich brachte, Nein zu sagen. Von Müttern, die es über Monate nicht schafften abzustillen, weil sie Angst hatten, die Mutter-Kind-Beziehung zu beschädigen.  

Seit sie bei uns war, gibt es bei uns häufiger mal einen (auch lauten) Konflikt mit unserem Zweijährigen. Wenn wir nicht wollen, dass er die Spielzeugkiste umkippt, halten wir sie fest – und ertragen mit ihm zusammen einen Zornausbruch de luxe. Doch das wirkt (zumindest bei uns) oft wirklich wie ein reinigendes Gewitter. Danach kann sich Max häufig plötzlich wieder auf das konzentrieren, was eigentlich wirklich sein Bedürfnis ist (mit Mama spielen, essen, schlafen oder ein Buch ansehen). Ich bin von der passiven in die aktive Rolle gerutscht und habe mein Kind durch diese Situation begleitet – und dennoch mein Bedürfnis befriedigt, die Kiste später nicht noch ein weiteres Mal aufräumen zu müssen.

Eine Leserin hat mir vor einiger Zeit auf einen meiner Texte hier geschrieben: „Jedes Kind hat das recht auf eine ausgeschlafene Mutter“. Dieser Satz hat mich lange beschäftigt, denn ich fand, sie hat recht, wusste aber nicht, wie ich dort hinkommen sollte. Mit den Konflikten, die wir inzwischen anders angehen, hat sich auch das Einschlafthema schlagartig verändert. Wir begleiten Max auch weiterhin, haben aber einige Regeln aufgestellt, die wir strikt befolgen: Kein Herumrennen, kein Bettenwechsel, kein Spielzeug im Bett. Die Ausbrüche waren laut und emotional, doch inzwischen geben die Regeln uns allen dreien Struktur. Und unsere Beziehung ist dadurch nicht nur intensiver geworden, sondern hat auch eine Leichtigkeit (zurück)gewonnen, die ich bei all der Bedürfnisorientierung vermisst habe.

02. Feb. 2021
von Chiara Schmucker
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26. Jan. 2021
von Matthias Heinrich
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Wie wir im Homeschooling unsere Elternrolle nicht verlieren

Manchmal würden Eltern auch einfach nur gern mit ihren Kindern zocken – zumindest Eltern sein.

Gerade reicht´s mal wieder. Es ist kurz nach zwölf. Ich habe mich im Badezimmer eingeschlossen und schaue in den Spiegel. Und ich begreife, was der Begriff aschfahl bedeutet. Die dunklen Krater unter den Augen runden das Bild ab. Rasieren müsste ich mich mal. Ich habe einen Vollbart. Hipstermäßig, könnte man glauben. Aber hip ist rein gar nichts an mir.

Eher sehe ich aus wie ein Holzfäller, der abgeschieden in der Wildnis von Alaska lebt. Der seit Monaten keinen Spiegel gesehen hat und dem das offenbar vollkommen egal ist. Leider schaue ich aber in so ein verdammtes Ding. Ich trage immer noch die Sachen, in denen ich geschlafen habe. Normalerweise flüchte ich mich in solchen unangenehmen Momenten in Sarkasmus. Aber dazu habe ich keine Kraft. Dazu sind die unangenehmen Momente gerade zu viele und vor allem immer gleich.

Homeschooling, der x-te Tag. Für Millionen Schüler im ganzen Land. Uns Eltern kommen dabei mehr Rollen zu als den gefragtesten Mimen am Schauspielhaus: Hilfslehrer, Weckdienst, Sekretär, Koch, Tröster, Übersetzer, Putzkraft. Es sind alles Nebenrollen, aber eben sehr viele. Durch die Überforderung drohen wir unsere Hauptrolle außer Acht zu lassen. Auch in Zeiten des Lockdowns und der Endlosschleife Homeschooling sind wir an allererster Stelle Eltern.

Ich schaue in den Spiegel. Es ist schon mittags, wie gesagt. Was habe ich eigentlich heute schon geleistet, dass ich so fertig bin?

Nach dem Frühstück geht es los: „Womit möchtest du anfangen?“ frage ich den Drittklässler. Wir schauen gemeinsam auf den Wochenplan: In Deutsch stehen eine Übung zu den Lernwörter mit „i“ und ie“ auf dem Programm, ein Arbeitsblatt mit Fragen zu einem Text über „Wintersport und Winterschlaf“, zwei Seiten im Lesebuch und Übungen mit Anton. Anton, das ist ein Online-Lernprogramm in Mathe und Deutsch, das die Kinder am Smartphone, Tablet oder Computer selbst bedienen können. Zurück zum Wochenplan: In Mathe gibt es das Arbeitsblatt „Das weiß ich schon über die Zahlen bis 1000“ und ein Zahlenrätsel – ebenfalls auf Anton. Die anderen Fächer spare ich mir. Unser Sohn trifft seine Wahl schnell und greift zum Tablet.  

Glücklicherweise haben wir zwei dieser Geräte. Denn unsere Tochter, die im Sommer eingeschult wird, möchte auch Anton machen. So suche ich für sie Übungen für Erstklässler heraus, bei dem sie einzelne Buchstaben kennenlernt. Natürlich ist es toll, dass sie sich für Schule interessiert. Nicht so toll ist, dass sie bei der Hälfte der Übungen meine Hilfe braucht. Sie kann halt noch nicht lesen. Mitten drin meldet sich der Drittklässler: Er ist mit den Online-Aufgaben fertig und möchte eine Pause machen.

Die ist laut Plan aber erst in einer halben Stunde. „Mach doch bitte noch das Arbeitsblatt, dann hast du dir die Pause richtig verdient.“ Protest, Gemaule, ich bleibe hart. „Das ist unfair.“ Ja, weiß ich, denke ich. Das ist alles unfair. Er grapscht sich das Blatt und fängt widerwillig an. Seine Schwester zeigt mir das Tablet und will wissen wo im Wort „Nase“ das „n“ steht: am Anfang, in der Mitte oder am Ende?

Ich bekomme eine Nachricht im Klassenchat. Eine Mutter fragt auf Englisch, wie die Aufgabenstellung beim Deutsch-Arbeitsblatt zu verstehen ist. Ich antworte ihr, als Elternvertreter sehe ich mich in der Pflicht. Sie bedankt sich. Kurze Zeit später eine neue Nachricht im Klassenchat. Eine andere Mutter fragt, wann wir eigentlich das wegen des Lockdowns zu viel gezahlte Essensgeld zurückbekommen. Meine Elternsprecher-Pflicht ist mir jetzt Wurscht, denn ich habe keine Ahnung und außerdem die Hoffnung, dass sich jemand anders aus unserem Elternsprecher-Team der Frage annimmt. Den Gefallen tut mir aber keine der beiden.

„Fertig!“ ruft stattdessen mein Sohn. Ich schaue mir sein Arbeitsblatt an, mache ihn auf einen kleinen Fehler aufmerksam, lobe ihn aber. „Hefte den Zettel bitte in deine gelbe Mappe, so steht es im Wochenplan. „Wo ist die denn?“ fragt mich das Kind mit vollem Ernst. „Ich weiß nicht, wo du deine Mappe hast“, antworte ich genauso ernst. „Ja, Papa, ich auch nicht!“ Ich fordere ihn auf, in seinem Zimmer nach dem Ding zu suchen. Protestierend verschwindet er. Eine neue Nachricht im Klassenchat. Leider geht es wieder ums Essensgeld. Eine Mutter sagt, das sei im November erhöht worden. Auch ihr sei das von März bis Juni zu viel gezahlte Geld noch nicht rückerstattet worden.

„Ich geh spielen, Papa“ sagt meine Tochter plötzlich, lässt ihr Tablet auf dem Sofa liegen und verschwindet in ihrem Zimmer. Ich schaue nach meinem Sohn. Er hat sich umgezogen, trägt jetzt ein Werder-Bremen-Trikot und spielt Fußball in seinem Zimmer. „Hast du die gelbe Mappe gefunden?“ „Nein.“ „Wo kann die denn sein? In der Schule vielleicht?“ „Keine Ahnung.“ Ich seufze und lass ihm seine Pause. „In einer halben Stunde geht´s weiter, ja?“ „Okay.“

Eigentlich will ich jetzt das Mittagessen vorbereiten. Aber im Klassenchat herrscht Hochbetrieb. Es geht noch immer um das Essensgeld. „Wir haben auch nichts zurückbekommen.“ „Wir auch nicht.“ Eine Mutter will die Zahlung ganz einstellen, eine andere möchte von den Elternsprechern wissen, was die Schulleitung eigentlich dazu sagt. Ich schreibe, dass wir uns kümmern werden.

Plötzlich Geschrei. Meine Tochter kommt weinend angerannt. Sie zeigt auf ihren Mund. Beim Versuch, einer Playmobilfigur mit den Zähnen die Haare vom Kopf zu trennen, hat sie sich an dem kantigen Plastik verletzt. Ich trockne die Tränen und versorge sie mit Eiswürfeln. Dann schaue ich auf den Esstisch, auf dem sich Schulbücher und Hefte stapeln. Mit Sicherheit verbirgt sich in dem Haufen eine gelbe Deutsch-Mappe, denke ich. Dann fange ich an. Essen zu kochen. Eine weitere Nachricht im Klassenchat: Jemand möchte wissen, wie wir die Religionsaufgabe gelöst haben. Ein Blick auf den Wochenplan: Religion ist erst übermorgen dran. Irgendwer wird schon antworten.

Fünf Minuten später steht der Werder-Bremen-Fan in der Küche, in einer Pfanne zischt es und ein Topf kocht fast über: „Ich habe Hunger. Kannst Du mir einen Gemüseteller machen?“

Im Spiegel schaue ich dem überforderten Menschen ins Gesicht. Was hilft? Sarkasmus, Ironie, Selbstmitleid oder die alltägliche Frage, ob drei Uhr am Nachmittag noch zu früh ist, um den Wein zu entkorken? Diese Situationen kennen Hunderttausende Eltern. Es gibt aber auch immer noch die schönen Momente. Ein Kollege erzählte neulich, er sei mit seinen Kindern im Mondlicht Schlitten gefahren. Dabei habe er sich seit langem mal wieder als Vater gefühlt und eben nicht als Koch, Wecker oder Lehrer.

Solche Momente hat jede Mutter und jeder Vater. Es ist aber gerade jetzt wichtig, wo wir so viel und eng mit den Kindern zusammen sind, solche guten Eltern-Kind-Situationen zu haben. Man kann dabei nachhelfen, in dem man etwas tut, was Kind und Elternteil wirklich gerne tun.  Bei unserem Jungen und mir ist es Fußball. Wir spielen mit dem Softball Bundesligaspiele nach, schauen uns gemeinsam die Sportschau an und er bombardiert mich mit Fragen.

Mit meiner Tochter ist ein Lego-Kran unser gemeinsames Ding. Den hat ihr Bruder zu Weihnachten bekommen, aber kein Interesse daran. Jetzt bauen sie und ich den Kran nach und nach zusammen. Es haut mich um, mit welcher Beharrlichkeit sie die Steine zusammensucht und mit welcher Strenge sie mich beim Zusammenbauen korrigiert. Außerdem haben wir noch etwas für uns drei entdeckt: beim Zu-Bett-Bringen gibt es ein neues Ritual: Jeder darf sich drei ganz individuelle Fragen überlegen, die dann alle beantworten. Zum Beispiel: Was ist deine Lieblingseissorte, dein Lieblingstier in Afrika, der schönste Strand, an dem du warst? Wir genießen das alle drei.

Trotz Homeschooling, Überforderung und Frust dürfen wir nicht vergessen: Für unsere Kinder sind wir immer Mutter und Vater, wir sind immer Eltern. Auch in Situationen, in denen wir uns selbst als Hilfslehrer fühlen oder Koch, als Privatsekretär oder Putzkraft. Und auch, wenn wir selbstmitleidig vor einem Spiegel stehen.

26. Jan. 2021
von Matthias Heinrich
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19. Jan. 2021
von Sonia Heldt
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Zeig mir deinen Style, und ich sage dir, wer du bist

Style, ein Fest: Tänzer des Ballet National de Marseille beim Internationalen Mode-Festival in Hyères, Frankreich. © Jana Call Me J/ABACAPRESS.COM

Lara sichtet alte Fotos: Ich, 1992, Spanienurlaub mit meinen Mädels. „Hast du die Oberteile auf den Bildern noch?“, fragt sie. Natürlich nicht. Wer bewahrt schon seinen Kram drei Jahrzehnte auf?! Lara schnaubt enttäuscht. „Mann, Mama, in der Stadt hat gerade ein neuer Laden aufgemacht, mit Vintage und Second-Hand-Sachen. Die Klamotten sind voll angesagt. Du hattest so schöne Tops. Hättest ja ruhig mal daran denken können, dass du irgendwann Töchter bekommst.“ Sie seufzt. „Ich würde so gerne in deiner Zeit leben.“ Lara mag die Trends der achtziger, neunziger aber auch der frühen zweitausender Jahre. Sie schaut mit ihren Freundinnen mit Vorliebe alte amerikanische High-School-Filme, wie Clueless, 10 Dinge die ich an dir hasse oder Girls Club mit Lindsay Lohan. „Und der Fotoapparat von früher ist auch weg?“, forscht Lara nach. Neuerdings fotografiert sie mit einer Einwegkamera aus dem Drogeriemarkt. Sie findet es spannend, dass der Film entwickelt werden muss und man die Fotos erst später anschauen kann. Ich nicke. Die alte Pocketkamera landete natürlich irgendwann genauso in der Tonne wie die Kleidungsstücke aus meiner Teenager- und Twen-Zeit.

Bis zur 6. oder 7. Klasse war es Lara egal, ob ihre Klamotten angesagt waren. Sie ging äußerst widerwillig mit mir shoppen, wenn ihre Hosen oder Schuhe zu klein geworden waren, und man bekam sie nur unter Gewaltandrohung in eine Umkleidekabine. Sie besaß Lieblingsteile, aber ihr war nicht wichtig, wie andere sie darin beurteilten. In der Mittelstufe und mit fortschreitender Pubertät schnappte sie dann gewisse Mode-Trends auf. „In der siebten Klasse sahen wir echt alle gleich aus“, sagt Lara heute, mit Abstand. „Hattest du keine Superstars-Turnschuhe von Adidas, warst du uncool, und das wollte man nicht. Ich war neidisch auf die Leute, die ständig mit neuen Markenklamotten von Hollister oder Abercrombie in der Schule aufschlugen und direkt mehrere Superstars-Paare besaßen. Das ist typisch für die Mittelstufe: Alle laufen total geschmack- und stillos rum. Eine Zeit lang habe ich diese Tattoo-Ketten getragen. Die wurden irgendwann als extrem peinlich bezeichnet, und dann habe ich alle weggeschmissen.“      

Nun ist Lara sechzehn und auf der Suche nach ihrer Persönlichkeit, die sie durch ihr Äußeres unterstreichen will. Im Moment bevorzugt sie High-Waist-Jeans mit überlangen Säumen und weitgeschnittenen Hosenbeinen, aber auch Schlaghosen und Carmen-Oberteile. Als Lara mir ihr neues schulterfreies Shirt mit weiten Trompetenarmen und einer Schlaghose kombiniert vorführt, erinnert mich das doch sehr an die Siebziger. Ich stimme Super Trouper von ABBA an, worauf sie die ihren Look verteidigt: „Das ist voll mein Style!“ Als ich sie frage, ob sie ihren Style irgendwie benennen kann, wird sie nachdenklich: „Er geht in die Vintage Richtung, aber so ganz habe ich meinen persönlichen Stil noch nicht gefunden. Weißt du, der Style ist unglaublich wichtig. Er macht uns aus und zeigt uns, wo wir hingehören. Meist scanne ich eine Person kurz und weiß sofort, mit wem ich es zu tun habe und zu welcher Gruppe sie gehört.“ Lara erklärt, dass sie eigentlich nicht jedem Trend hinterherlaufen will und nur trägt, was ihr wirklich gefällt. Andererseits, gibt sie zu, wüsste sie nicht, ob sie die Schlaghosen tragen würde, wenn die gerade nicht total angesagt wären.

Dass Teenager sich über ihren Style definieren, war schon in meiner Jugend so. Auch wir wollten mit unserem Aussehen ein Statement setzen, uns abgrenzen und auf keinen Fall uncool wirken. In den Achtzigern waren wir Punker, Popper, Mods, Teds, Waver oder Gruftis (die schlecht gelaunte Variante der Waver, die auch gerne mal auf Friedhöfen rumhingen). Meist genügte wirklich ein einziger Blick auf sein Gegenüber, um zu erkennen, auf welche Musik sie oder er stand und in welchen Läden sie oder er am Wochenende anzutreffen war. Meine damals allerbeste Freundin verwandelte sich mit fünfzehn Jahren immer mehr in eine Waverin. In ihrem Kleiderschrank wurde es schwarz. Sie trug spitz zulaufende Schuhe mit auffälligen Schnallen oder Reißverschlüssen, färbte sich ihr Haar tiefschwarz, bearbeitete es mit einem Kreppeisen, hörte The Cure, Sisters of Mercy oder New Model Army und besuchte nur noch entsprechende Diskotheken, in denen entsprechende Musik gespielt wurde.

Wie die meisten meiner übrigen Freunde, war ich nicht einhundertprozentig einer Gruppe zuzuordnen. Aber Mode und Styling war uns allen ausgesprochen wichtig. Einige machten jeden modischen Trend mit, andere wiederum nicht. Das variierte je nach Geld und Elternhaus. Mit bestimmten Leuten gab man sich damals nicht ab. So rümpften wir bei Moonwashed Jeans oder Joggingklamotten die Nase, aber auch bei extrem spießigen Popper-Outfits.

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19. Jan. 2021
von Sonia Heldt
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12. Jan. 2021
von Matthias Heinrich
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Homeschooling: „Wie Sie sehen, sehen Sie nichts“

Offline
Digital ging nicht viel. Der Homeschooling-Start war für viele Schüler frustrierend.

Draußen schneit es. Es hat gefroren. Der Schnee wird liegen bleiben. Die Kinder stehen am Fenster und freuen sich. Gleich wollen sie einen Schneemann bauen. Aber erst einmal geht es zurück zum Schreibtisch. Der Wochenplan will ordnungsgemäß abgearbeitet werden. Deutsch ist fertig, jetzt ist Mathe dran.

Heute ist Dienstag. Erst in der vergangenen Woche hatte ich über Homeschooling geschrieben. In dem Text hatte ich vor allem uns Eltern in die Pflicht genommen. Wir sollten Vorbilder sein und den Heimunterricht mit Eifer und Optimismus angehen. „Den Stier bei den Hörnern packen“, wie es so schön heißt. Ich wollte auch eine Fortsetzung zum Homeschooling schreiben – allerdings erst in der kommenden Woche. Aber der Stoff, der in den ersten anderthalb Tagen angefallen ist, reicht schon jetzt für eine Fortsetzung.

Meine Frau und ich haben uns wirklich gut auf Homeschooling 2.0 vorbereitet. Am Wochenende waren wir joggen, der Kühlschrank ist voll. Sonntagabend haben wir einen knackigen Wochenplan entworfen: Um 6:30 Uhr klingelt der Wecker, ein erster Kaffee. Um 7 Uhr wecken wir die Kinder. Um 7:30 h gibt´s Frühstück, den zweiten und dritten Kaffee. Um 8 Uhr sitzen wir am Schreibtisch. Die Kinder dürfen noch eine Weile spielen, um 8:30 Uhr beginnt dann der Unterricht.

Theo geht in die 3. Klasse, seine Schwester Tina kommt zwar erst im Sommer in die Schule, möchte aber auch unbedingt Schularbeiten machen. Also haben wir ihr ein Vorschulheft mit verschiedenen Aufgaben besorgt, die sie emsig beackert.

Auch die Lehrerin hat gute Vorarbeit geleistet. Sie hat ihrer Klasse einen abwechslungsreichen Wochenplan zusammengestellt, mit analogen und digitalen Aufgaben. Schreiben, lesen, rechnen, malen – mit Stift und Zettel sowie am Tablet. Da gibt es nichts zu klagen.

Das Material hat sie über die App schul.cloud verschickt. Über diese kommunizieren wir Eltern seit Beginn des Schuljahres mit ihr. Bis jetzt lief es einigermaßen, aber am Montagmorgen gab es erste Probleme: Das System schien überlastet. Es war immer wieder offline, zeigte Nachrichten gar nicht oder mit Verspätung an. Die Unsicherheit in der Elternschaft wuchs, denn für den heutigen Dienstag waren drei Videokonferenzen mit je drei Schülern anberaumt. Damit meinte es die Lehrerin gut: Wenn die Kinder sich schon nicht in der Schule sehen können, sollen sie wenigstens digital miteinander reden.

Den Prozess zu schildern, der nötig war, um diese drei Chat-Gruppen zusammenzustellen, wäre einen eigenen Beitrag wert. Hier würde es den Rahmen sprengen. Darum nur so viel: Als Elternsprecher haben zwei Mütter und ich die Gruppen mit Hilfe einer Online-Umfrage schließlich zusammengepuzzelt.

Die erste Gruppe sollte heute am Dienstag um 9.30 Uhr starten. Die Klassenlehrerin wollte einen Link verschicken, über den wir uns dann via schul.cloud einwählen sollten. Es wurde 9.30 Uhr, dann 9.32 Uhr und 9.33 Uhr. Theo stand erwartungsfroh vor dem Rechner, freute sich auf seine Freunde und fragte, wann es denn nun losgehe. Ich starrte ebenfalls mit Herzklopfen und nicht ohne Skepsis auf mein Handy. Nichts geschah. Es wurde 9.35 Uhr.

Zum Glück kommunizieren wir Eltern untereinander über einen Messenger-Dienst. Der funktioniert immer, auch heute. Ich schrieb: „Acht Kinder samt einem Elternteil sitzen gebannt vor dem Rechner und warten. Ich habe es direkt vor Augen. …“

Antwort einer Mutter: „Du hast sooo recht (Lach-Smiley).“

„Exactly“, meinte eine andere Mutter.

Wir warteten weiter.

„Wie Sie sehen, sehen Sie nichts“, dachte ich.

Die erste Mutter schrieb – jetzt ohne Lach-Smiley – es war inzwischen 9.40 Uhr: „Ich hoffe, es klappt in den nächsten zehn Minuten. Ich muss zur Arbeit.“

Unsere Kinder habe ich inzwischen zum Schneemannbauen nach draußen geschickt. Ich hatte einfach keine Geduld mehr für Theos Dauergefrage.

Dann endlich eine Nachricht über die schul.cloud: Die Klassenlehrerin. „Es tut mir leid, aber das Programm schickt mir keinen Konferenzraum und meldet mir auch nicht warum. Ich nehme an, dass das Videokonferenztool überlastet ist. Was machen wir? Warten oder später einen zweiten Versuch starten? Vielleicht sind dann weniger Nutzer unterwegs.“

Nach einem kurzen Hin und Her schlug sie einen Videochat über Zoom vor. Das ist die Plattform, vor deren Gebrauch Datenschützer während des ersten Lockdowns noch warnten. Mir war es egal. Sie wollte die Konferenz gleich einrichten und den Link schicken. Ich wartete und wartete, bekam aber nichts. Seltsam. Plötzlich zeigte mir die App eine Nachricht an. Die Lehrerin hatte den Link geschickt – vor zwölf Minuten.

Ich hastete zum Rechner und wählte mich ein. „Ah, da ist ja auch… Theos Vater“, sagte sie erfreut, als die Verbindung stand. Ich blickte ihr Gesicht und in die von sieben neugierigen Kindern. Ich rief Theo. Dann konnten die Kinder endlich miteinander reden. Es ging um Weihnachtsgeschenke, Silvester und Böller. Ich atmete durch, ging zum Kühlschrank und brach mir von einer XXL-Tafel ein daumendickes Stück Schokolade ab. Wie gesagt, alles gut vorbereitet.

Die Kinder waren kurz darauf wieder im Garten mit dem Schneemann beschäftigt. Sie rollten große Schneekugeln über den Rasen und hatten Spaß. Ich griff wieder zum Handy und bat im Klassenchat darum, den Zoom-Link künftig über den Messenger zu teilen und erzählte von meiner Erfahrung mit der verspäteten Nachricht.

„Welcome to Germany“, kommentierte eine Mutter sarkastisch.

Dann ging es um den nächsten Chat. Gegen Zoom hatte niemand Einwände. Irgendwie ging es allen Eltern gleich: Hauptsache, es funktioniert jetzt mal etwas. Der zweite Chat lief dann problemlos.

Ich holte mir einen Kaffee und ein weiteres Stück Schokolade. Im Garten stand jetzt ein stolzer Schneemann mit Karottennase und grinste mich an.

„Welcome to Germany“ – ich dachte darüber nach. In Schulen im ganzen Land gab es seit Montag Probleme mit Lernprogrammen – ob sie Moodle, Mebis, oder iServ heißen. Einige Schüler konnten überhaupt nicht digital arbeiten oder flogen immer wieder aus ihren Chats.

Ich habe viel Verständnis und wenig Ahnung von Technik. Aber dass die Zugriffe auf die Lernprogramme steigen würden, wenn das ganze Land im Homeschooling ist, das war selbst für mich absehbar. Meiner Meinung nach haben die Verantwortlichen die Sache vor die Wand fahren lassen – frei nach der Devise: „Wird schon schiefgehen“.

Wer die Schuld für dieses Desaster trägt, die Anbieter, die ihre Server nicht entsprechend verstärkt haben oder Politiker, die zu wenig Druck ausgeübt haben, ist offen. Die Verlierer stehen aber fest. Das sind die Schüler, die sich mit genervten, überforderten Eltern herumschlagen müssen, die ihrerseits einfach möglichst ohne Schaden durch diese Zeit kommen wollen. Ich kann mich des Eindrucks trotz aller Appelle und Beteuerungen nicht erwehren: Kinder und Familien sind in dieser Gesellschaft irgendwie nicht so wichtig wie andere Dinge. Das zeigt der Start dieses Homeschoolings.

Ein dumpfes Geräusch im Garten, ich schaue aus dem Fenster: Der Schneemann ist eingestürzt. Die Karottennase liegt im Dreck.

12. Jan. 2021
von Matthias Heinrich
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07. Jan. 2021
von Matthias Heinrich
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Homeschooling: Was dieses Mal besser laufen muss

Erfahrungen aus dem ersten Lockdown: Bei der Gestaltung des Heimunterrichts können Eltern die Kinder mit ins Boot nehmen

Nein, wir Eltern können nicht sagen, wir hätten es nicht kommen sehen. Dafür waren die Corona-Zahlen schon lange vor Weihnachten alarmierend hoch. Aber gehofft haben wir trotzdem. Nun haben wir die Bestätigung: Unsere Kinder müssen bis mindestens Ende Januar zu Hause bleiben. Bedeutet für alle: Homeschooling again. Hoch die Hände …

Das ist reiner Sarkasmus. In meinem Bekanntenkreis gibt es fast niemanden, der nicht mit leichtem Magengrummeln an die Zeit von Mitte März bis Pfingsten zurückdenkt. Drei Monate ohne Schule, ohne Freunde, ohne Pausenhof, ohne Lehrer – dafür pauken mit Papa und Mathe mit Mama. Drei Monate – so lange dauert es dieses Mal hoffentlich nicht.

Nein, Homeschooling war wirklich kein Zuckerschlecken. Ehrlicherweise habe ich es mir und unserem Sohn nicht leicht gemacht. Dabei waren die Voraussetzungen ziemlich gut – besser als bei vielen anderen Familien. Theo war damals in die 2. Klasse. Seine Klassenlehrerin hatte in Windeseile Wochenpläne für zu Hause erstellt – mit täglichen Aufgaben in Mathe, Deutsch und HSU (Sachkunde). Diese bestanden aus Arbeitsblättern, aber auch aus Übungen in digitalen Lernprogrammen wie Zahlenzorro, Anton, Leseludi und Antolin. Das war verhältnismäßig abwechslungsreich.

Die ausgefüllten Arbeitsblätter brachten wir am Wochenende zu ihr nach Hause. Sie wohnt im Nachbarort. Vor ihrer Haustür standen zwei Kisten: Eine für die fertigen Aufgaben, eine mit den neuen Wochenplänen. Klar, das sind paradiesische Bedingungen, von denen Eltern in Frankfurt, Hamburg und Berlin nur träumen können. Bei uns wird es jetzt auch anders. Wir haben seit dem Sommer eine neue Klassenlehrerin. Sie kommuniziert sehr gerne über digitale Medien. Was das für das Homeschooling bedeutet, werden wir sehen.

Unsere Rahmenbedingungen für das Homeschooling waren also gut. Die Schwierigkeiten lagen in der Praxis, in der Disziplin der Beteiligten. Wir wollten um neun Uhr mit dem Heimunterricht starten. Bis dahin mussten alle Beteiligten angezogen am Tisch sitzen und gefrühstückt haben. Klingt vernünftig, hörte sich dann aber um kurz vor neun regelmäßig so an: „Papa, können wir vielleicht später anfangen? Wir spielen gerade so schön.“ Damit war der erste Konflikt schon vor dem Start da.

Mit „wir“ meinte Theo sich selbst und seine Schwester Frieda. Die hatte ich bis jetzt ausgeklammert. Das Mädchen ist zwei Jahre jünger als ihr Bruder und wird im Sommer eingeschult. Mit Start des Unterrichts musste sich Frieda allein beschäftigen. Das kann sie auch ziemlich gut. Allerdings liebt sie Gesellschaft. Oft saß sie puppenspielend direkt neben dem Tisch, an dem ihr Bruder Matheaufgaben löste. „Kann ich eher Pause machen, Papa?“, fragte Theo und blickte neidisch auf seine Schwester. Es war ein Kampf. Dazu kamen die Situationen, in denen er etwas nicht verstand oder verstehen wollte und meine begrenzte Geduld überstrapazierte. Oft gab es Streit, flossen Tränen, und ich fühlte mich heillos überfordert.

Ich war nur froh, dass wir nicht mehr in unserer Wohnung in Berlin lebten, sondern ein Haus mit Garten haben, in dem ein Trampolin steht. Hätte uns der Lockdown in Berlin erwischt, hätte ich wahrscheinlich Bekanntschaft mit dem Jugendamt gemacht.

Meine Schwester hat es schwerer. Im vergangenen März hat sie die Leitung einer Kita übernommen und durfte sich gleich zum Start wegen Corona mit Behörden, Verordnungen und wechselnden Regeln auseinandersetzen. Sie und ihr Mann haben systemrelevante Jobs. Ihre Söhne, acht und zwölf, waren während des ersten Lockdowns größtenteils allein zu Hause. Das wird sich auch jetzt nicht ändern. Ich habe für diesen Blogbeitrag mit ihr telefoniert. Ich wollte wissen, welche Übungen wir jetzt mit unserer Tochter machen können, um sie für die Schule vorzubereiten. Sie hatte keine Zeit. Weil Erzieherinnen krank sind, muss sie in der Gruppe aushelfen und nebenbei austüfteln, wie sie die Notbetreuung in den kommenden Wochen organisiert.

Blicken wir nach vorne: Was muss sich beim Homeschooling ändern? Wie kommen Eltern und Kinder besser durch den Heimunterricht? Sicher hängt eine Menge an dem, was an Unterrichtsstoff von der Schule kommt. Aber zu allererst sind wir Eltern gefragt. Auf der einen Seite müssen wir Vorbild sein, in Disziplin und Konsequenz. Aber wir sollten die Erwartungen an uns nicht zu hoch setzen. Wir sind keine Lehrer, auch wenn wir uns beim Korrigieren von Aufsätzen und Rechenaufgaben so fühlen. Das ist mir persönlich ganz bewusst geworden, als ich Theo zum x-ten Mal zur Disziplin ermahnte, obwohl ich selber keine Lust hatte, zum x-ten Mal den Zettel mit den Lernwörtern zu bearbeiten.

Unser größter Vorteil ist: Wir können die Kinder mit ins Boot holen. Denn sie sind beim Homeschooling genauso erfahren wie wir. Sie wissen, was gut lief und was ihnen nicht gefallen hat. Und sie haben gelernt, dass sie und ihre Eltern um den vermaledeiten Heimunterricht nicht herumkommen. Also machen wir gemeinsam das Beste draus. Ich habe Theo gefragt, was er sich für die kommenden Wochen wünscht. Zwei Dinge sind ihm wichtig. Zuallererst: „Du musst ruhiger und geduldiger sein, Papa.“ Außerdem ist ihm ein fester, zeitlicher Ablauf wichtig. „Wir starten um 9 Uhr, und um 15 Uhr ist Schluss.“ Zwei Pausen möchte er machen. Eine kurze um halb elf und eine längere Mittagspause. Meine Erwartung an ihn sind, dass er sich diszipliniert: Keine Diskussionen über den Start des Unterrichts, kein Kopfhängen lassen, wenn etwas nicht gleich klappt, sondern Geduld. Meine Erwartungen an mich: Motivieren statt schimpfen, auch wenn es schwerfällt. Theo und ich haben den Deal per Handschlag besiegelt. Montag geht´s los. Ich bin gespannt.

07. Jan. 2021
von Matthias Heinrich
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30. Dez. 2020
von Sonia Heldt
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Mit Rechenschwäche auf ein Gymnasium?

Mathematische Formeln bleiben für einige Schüler ihr Leben lang rätselhaft.
Mathematische Formeln bleiben für einige Schüler ihr Leben lang rätselhaft.

Lara konnte Zahlen noch nie leiden. Das fiel schon im Kindergarten auf. Die Vorschultage fand sie doof, besonders die, an denen sich die angehenden Erstklässler mit Zahlen beschäftigen sollten. Buchstaben und Geschichten bedeuteten dagegen für sie die Welt. Die Natur hat meine Tochter mit vielen schönen Gaben ausgestattet: Lara ist wahnsinnig kreativ und fantasievoll, empathisch und wissbegierig. Sie dachte sich schon als Kind mit Vorliebe ihre eigenen Geschichten aus und veranstaltete dann für die anderen Kinder im Kindergarten ein Puppentheater.

Mit Schuleintritt wurde schnell deutlich, wie sehr Lara mit den Zahlen auf dem Kriegsfuß stand. Während sie Lesen und Schreiben als Bereicherung empfand, weil sie nun all die Geschichten in ihrem Kopf selbst aufschreiben und sich nun regelrecht durch die Bücherregale der Stadtbücherei fressen konnte, bereitete ihr das Rechnen dagegen eine Qual. Ich versuchte ihr bei den Hausaufgaben zu helfen und war sehr oft sehr ungeduldig. Manchmal fühlte ich mich von ihr verschaukelt. „Verdammt noch mal! Jetzt hör endlich richtig zu! Das müsstest Du doch langsam verstanden haben!“, schimpfte ich.  Aber Lara verstand nicht. „Ich bin dumm. Ein richtig dummes Mädchen“, sagte sie nicht nur einmal unter Tränen. Das brach mir damals das Herz und ich fing an mir Vorwürfe zu machen. Warum war ich nicht geduldiger mit ihr? Warum schaffte ich es nicht, ihr alles so zu erklären, dass es endlich hängenblieb? Und warum zum Teufel saßen wir schon wieder eineinhalb Stunden an den Mathe-Hausaufgaben einer 2. Klasse? Das konnte doch nicht normal sein?

Fehlende frühkindliche Förderung oder genetische Veranlagung?

Die Situation belastete mich, Lara und vor allen Dingen unser Verhältnis zueinander. Machte ich etwas falsch? Lag es daran, dass Lara noch so gerne spielte und anfangs lieber im Kindergarten geblieben wäre statt eingeschult zu werden? Hätte ich konsequenter auf Vorschulspiele bestehen oder frühzeitiger Abzählreime in unseren Alltag integrieren sollen?! Eine Mutter aus der Grundschule hat in diesem Kontext einmal tatsächlich zu mir gesagt: „Kinder, die viel schaukeln, sind gut in Mathe.“ Dieser Kommentar ließ mich ratlos zurück. Lara war mit ihrer Schaukel in unserem Garten verwachsen. Sie hat exzessiv und oft stundenlang geschaukelt: Kopf über, in der Hocke, stehend und „bis in den Himmel“. Hat anscheinend dennoch nicht so richtig funktioniert. Außenstehende, die selbst nicht drinstecken, können mit ungefragten Ratschlägen und Kommentaren sehr verletzend sein. Dabei suchen wir Eltern sowieso schon von selbst die Fehler bei uns, wenn es dem Kind nicht gut geht oder sie sich nicht exakt in der Norm entwickeln.

Ich sah plötzlich auch die Aussage meines Mannes, seine jüngere Schwester und er wären in der Schule auch kein Mathegenies gewesen, mit anderen Augen. Mir fiel auf, dass mein Mann vorteilhaftes Rechen, das ich wie selbstverständlich anwende (und ich würde meine eigene mathematische Begabung maximal im Mittelfeld ansiedeln), überhaupt nicht nachvollziehen konnte und genervt abwinkte, wenn ich nachhakte. Die jüngere Schwester meines Mannes erzählte mir, wie sie sich durchs Abitur boxen musste: „Ich stand in Mathe zwischendurch 6. Irgendwann fand ich einen netten Nachhilfe-Studenten, der es schaffte, mich für die Klausuren so gut vorzubereiten, dass es bis zum Abi einigermaßen hinhaute. Ich habe mir den Stoff für die Klausur reingepaukt und danach wieder vergessen.“

Mich beruhigte, dass man auf Anhieb weder bei meinem Mann noch bei meiner Schwägerin auf den Gedanken käme, einer der beiden würde an einer Rechenschwäche leiden. „Es wurde für mich später verständlicher und nachvollziehbar, als ich älter wurde, ich kaufmännischer dachte und Mathematik praktischer anwendete. Den komplizierten Formelkram braucht man später ja gar nicht mehr“, sagt mein Mann. Auch meine Schwägerin arbeitet heute in einem kaufmännischen Beruf. 

In einem gewissen Rahmen wächst sich eine Rechenschwäche, je nach Schweregrad, zwar nicht unbedingt raus, aber ein durchschnittlich intelligenter Mensch findet seine eigenen Wege und Strategien im Alltag damit zurechtzukommen. So auch mein Mann, der heute noch (er behauptet rein aus Bequemlichkeit) vorzugsweise mit Scheinen bezahlt und regelmäßig die vielen kleinen Münzen in den Münzautomaten im Einkaufszentrum wirft, damit sein Portemonnaie nicht aus allen Nähten platzt. Er liebt seine Kalkulationen und seinen besten Freund, den Taschenrechner. Und wenn er doch mal etwas ohne Taschenrechner rechnen muss, arbeitet er mit groben Überschlägen. „Ich probiere auch oft rum, bis das Ergebnis plausibel ist“, erklärt er.

Da es damals auffällig war, dass Laras Probleme nur in Mathe auftraten und sie seelisch immer mehr litt, riet ihre Klassenlehrerin dazu, sie auf Dyskalkulie testen zu lassen. Die Tests beim Schulpsychologischen Dienst machten schnell deutlich, dass wir richtig lagen. Doch im Gegensatz zur Lese-Rechtschreibschwäche gibt es in NRW keinen Erlass für Dyskalkulie. Man schätzt, dass etwa 5-7 % der Weltbevölkerung von der Rechenschwäche betroffen sind und – wenn man es genau nimmt – damit hängengelassen werden. Die Erkenntnis „Ihr Kind leidet an einer Dyskalkulie“ bringt einem nur Gewissheit und die Aufforderung aktiv anzusetzen, aber keine unmittelbare Hilfe. Die Finanzierung der Therapie beim Jugendamt einzufordern gestaltet sich schwierig und erfordert weitere Tests, die sensible Kinder wiederum seelisch belasten können. Die meisten betroffenen Familien bleiben auf den nicht unerheblichen Kosten für eine außerschulische Förderung sitzen.

Auch wir verzichteten auf diesen Weg und buchten auf eigene Rechnung Therapiesitzungen direkt beim Schulpsychologischen Dienst. Dennoch hatte Lara das Gefühl „therapiert“, „krank“ und „nicht normal“ zu sein. Sie war vor und während der Termine angespannt und aufgeregt, obwohl die junge Psychologin nett und geduldig mit ihr arbeitete. Also las ich mich selbst in die Thematik ein, ließ Lara die Klasse freiwillig wiederholen, um ihr nach all den nervenaufreibenden und unschönen Monaten Luft zu verschaffen, und besorgte eigene Lern-Materialien. Ihre neue Klassenlehrerin zeigte viel Verständnis und ich half Lara zu Hause konsequent und mit viel Zeitaufwand bei den Mathehausaufgaben und vor den Arbeiten. Mit dieser Methode kam Lara gut durch die Grundschulzeit und konnte sich auf einer 3 in Mathe halten, in der vierten Klasse schaffte sie sogar eine 2 auf dem Zeugnis.         

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30. Dez. 2020
von Sonia Heldt
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22. Dez. 2020
von Matthias Heinrich
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Opa weiß es besser

Opa in seinem Element – allerdings läuft es nicht immer so reibungslos wie beim Weihnachtsplätzchen backen.

Zweimal haben wir es Corona-bedingt verschoben, aber jetzt hat es doch noch geklappt. Mein Vater hat uns besucht. Die Kinder haben sich riesig gefreut. Als sie seinen Wagen hörten, stürzten sie aus dem Haus: „Opa ist da!“ Nicht einmal in Ruhe aussteigen ließen sie ihn. „Opa, weißt du ..?“ oder „Opa, hast du ..?“ Er strahlte, als ich ihm seinen Koffer abnahm. Im Gepäck hatte mein Vater neben einer Basketball-Barbie und einem VfL-Osnabrück-Fußball – unsere Kinder haben beide kurz vor Weihnachten Geburtstag – auch wieder sein Werkzeug.

Mein Vater hat immer viel gearbeitet. Auch jetzt als Rentner fährt er ein paar Stunden in der Woche für eine Klinik Patienten durch die Gegend. Wenn er bei uns ist, kann er nur für einen sehr begrenzten Zeitraum einfach nichts tun. Darum lasse ich inzwischen Dinge wie Lampen aufhängen, Bohrarbeiten oder Glühbirnen austauschen extra liegen, wenn er sich ankündigt. Die Arbeiten werden dann (häufig) fachmännisch erledigt und (immer) voller großväterlicher Expertise kommentiert. Da fallen dann Sätze wie: „Das ist die Wetterseite, ist klar, dass es da nass ist“ oder „Wenn ich da nicht die Schraube festgedreht hätte, dann wäre aber Gott weiß was passiert“ oder auch „Du, den Siphon, den musst du mal austauschen“.

Früher haben mich diese Sprüche genervt, aber mittlerweile kann ich ganz gut damit leben. Ich überlasse ihm einfach das Spielfeld. Es gibt allerdings einen Bereich, in dem wir uns nicht ausweichen können, wo Konflikte programmiert sind: die Küche. Seit ein paar Jahren bestellen wir im Internet sogenannte Kochboxen, die von verschiedenen Anbietern direkt vor die Haustür geliefert werden. Der Vorteil dieser Boxen: Es ist alles drin, was man zum Kochen eines Gerichtes braucht. Die richtige Menge an Zutaten, die passenden Gewürze und das Rezept. Meine Frau und ich mögen es, nach einem Arbeitstag auf diese Weise zu kochen. Es ist lecker, gesund und unkompliziert, wenn man sich an die Rezepte hält. Betonung auf: wenn. Wer sich dieses Konzept ausgedacht hat, rechnete nicht mit meinem Vater.

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22. Dez. 2020
von Matthias Heinrich
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15. Dez. 2020
von Sonia Heldt
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Warum wir Weihnachten ohne die Großeltern feiern

Die innige Nähe zu ihren Enkelkindern ist für Großeltern meist etwas sehr Besonderes.

Immer wiederkehrenden Abläufe, auf die man sich verlassen kann, geben Kindern und Erwachsenen an Weihnachten ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit. Wir pflegen unsere persönlichen Familienrituale. Später, wenn die Kinder einmal erwachsen sind, werden sie sich nicht mehr haargenau an jeden einzelnen Geburtstag, an jedes einzelne Weihnachtsfest und an jeden einzelnen Zeugnisausgabetag erinnern können. Aber sie werden mit einem wohligen Gefühl im Bauch an diese besonderen Momente zurückdenken und sagen: „Weißt du noch, damals? Wenn einer von uns Geburtstag hatte, haben sich die anderen morgens in der Küche versammelt und das Geburtstagskind durfte erst reinkommen, wenn Happy Birthday von Stevie Wonder lief und die Kerzen brannten. Am 6. Dezember gab es abends bei Oma und Opa immer selbstgebackene Weckmänner. Heiligabend haben wir immer Raclette gemacht und wenn wir später ins Bett gingen, hat Mama angeschickert die Musik viel zu laut aufgedreht und bis spät in die Nacht singend die Küche aufgeräumt. Am ersten Weihnachtstag waren wir immer alle bei Oma und Opa. Und am Esstisch wurde es von Jahr zu Jahr enger, weil wir Kinder größer wurden und neue Familienmitglieder hinzukamen. Und dann, am zweiten Feiertag, sind wir immer zu Omi gefahren.“   

Das Jahr 2020 wird uns allen als das Jahr im Gedächtnis bleiben, an dem alles so ganz anders wird und es eben nicht so läuft wie immer. „Wir müssen uns überlegen, wie wir Weihnachten handhaben“, nervte ich schon Anfang Dezember meinen Mann. Ich wollte für uns alle eine definitive Entscheidung, an der wir nicht mehr rütteln mussten und wollte sein Schulterzucken genauso wenig akzeptieren wie seine lapidare Antwort: „Mal schauen. Es hat sich noch keiner von den anderen geäußert.“ Die engste Familie meines Mannes besteht, uns mitgezählt, aus 4 Geschwistern, 4 Partnern, 4 Kindern, Oma und Opa. Kind 5 ist unterwegs. Das macht 14 Leute, die sich normalerweise am ersten Weihnachtsfeiertag an den viel zu kleinen Esstisch meiner Schwiegereltern quetschen.

Das stellt dieses Jahr überhaupt keine Option dar, zumal an jedem Partner noch eine eigene Familie mit Geschwistern, Kindern und Eltern hängt, die normalerweise ebenfalls an den anderen Weihnachtstagen besucht werden. „Wenigstens Weihnachten soll normal werden. Ich will das Wort Corona dann nicht hören“, sagte meine Tochter Maya, der die Situation sehr an die Nerven geht. „Corona hat mir schon den Sport genommen.“ Maya macht Rollkunstlauf und ihr Verein führt jedes Jahr ein Weihnachtsmärchen auf. Dazu gehören aufwendige Proben, Kulissenbau, Kostümproben und Fototermine. Der Dezember ist normalerweise furchtbar stressig, aber auch sehr schön. Und wenn Maya in der Halle aufläuft, wo die Lichter auf sie und die vielen anderen Kinder gerichtet sind, weiß sie, dass ihre Omi, Oma und Opa und all die anderen Verwandten und Freunde im Publikum sitzen, um sie zu bewundern. Doch 2020 wird keine Vorstellung stattfinden und meine Töchter haben ihre Großeltern das ganze Jahr über sehr wenig gesehen. „Wir müssen die Großeltern schützen. Du willst doch nicht, dass sie krank werden“, bekommen nicht nur meine Kinder daher seit März zu hören.

Meine Mutter ist alleinstehend und wohnt 50 Kilometer von uns entfernt. Ich habe selten Lust und vor allen Dingen nicht die Zeit, mich unter der Woche ins Auto zu setzen. An den Wochenenden sind Lara und Maya meistens beschäftigt. Maya trainiert, Lara trifft sich mit Freunden oder sie haben für die Schule tun. Unsere Besuchsfrequenz könnte generell besser sein, das gebe ich mit schlechtem Gewissen zu. Meine Mutter besitzt keinen Führerschein und ich will nicht mehr, dass sie den langen Weg mit der Bahn mit zweimaligen Umsteigen zu uns auf sich nimmt. Der erste Lockdown hat ihr zugesetzt. „Keiner kommt mehr! Dein Bruder war schon wochenlang nicht da, deine Schwester auch nicht und die Kinder (ihre erwachsenen Enkel) lassen sich ebenfalls nicht blicken. Sogar meine Gymnastik und meine Senioren-Spielnachmittage wurden ausgesetzt“, klagte sie im Frühjahr vorwurfsvoll. Sie fühlte sich nicht geschützt, sondern alleingelassen. Kaum war der Lockdown aufgehoben, fuhr sie ständig mit dem Bus in die Stadt, weil sie unglaublich viele und wichtige Besorgungen zu machen hatte, oder stieg in den Zug und fuhr ihre Geschwister besuchen. „Sie nimmt das Risiko bewusst in Kauf. Sie ist einsam“, zog meine Schwester ihr Fazit. Wir konnten meine Mutter verstehen.

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15. Dez. 2020
von Sonia Heldt
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10. Dez. 2020
von Chiara Schmucker
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Wenn Weihnachten den ganzen Dezember lang dauert

Wie viele Geschenke braucht man wirklich? Diese sind nicht für ein einziges Kind, sondern für Waisenhäuser in aller Welt gedacht.

Am Anfang war es noch lustig. Mit Tränen in den Augen und seligem Lächeln sahen wir unserem Sohn am 1. Dezember dabei zu, wie er sprachlos und ehrlich überrascht die bunten Säckchen befühlte, die nun über unserem Bett hingen (das nächtliche Aufhängen in den Stunden zuvor hatte glücklicherweise nur unsere Nachbarn und nicht unser Kind geweckt). Wie er den kleinen Schokoladenschneemann herauspulte, geduldig das Alupapier abzupfte und dann mit meinem Mann und mir teilte. „Morgen ist eine Mandarine drin, übermorgen eine Walnuss und ein Pixiebuch“, beruhigte ich mein schlechtes Gewissen darüber, das Kind gleich mit Schokoladenmund in die Kita zu schicken, die sich einen „zuckerfreien Vormittag“ in die Philosophie geschrieben hat.

Der Dezember ist ein besonderer Monat und die Vorweihnachtszeit mit ihren Plätzchentellern und wunderschön geschmückten Schaufenstern eine Herausforderung für die Selbstdisziplin. 28 Tage dauert es, bis unser Körper sich an etwas gewöhnt hat, danach kommt es ihm normal vor. Das betrifft Sport, Morgenroutine – aber eben auch Ernährung und Konsum. Und so war meine größte Angst, dass wir aus dem Dezember überzuckert und konsumverwöhnt und dementsprechend launisch herausgehen würden.

Mit Kleinkind im Lockdown light ist man eine Insel für Nachbarn, Freunde und Eltern, die froh darüber sind, endlich mal jemandem eine Freude machen zu können. Und das ist auch gut und verständlich und geht uns ja genauso. Auch wir nehmen bei jedem Einkauf etwas für Max mit – und so stapeln sich bei uns seit dem 1. Dezember Plätzchentüten, Nikoläuse und kleine Spielzeuge. Doch die Fülle kann einen auch erdrücken.

Fünf Adventskalender habe ihr Sohn, erzählte eine Kitamutter mir neulich. Von den Eltern, beiden Großeltern, der Patentante und einer Nachbarin. „Aber das interessiert ihn noch gar nicht, neulich fragte er, ob er einfach ein Stück ‚normale’ Schokolade haben könne“, sagte sie und lachte hilflos. Eine Freundin erzählt, dass ihre beiden Kinder vor lauter Schokolade, Adventskalendern und zwei Geburtstagen sogar vergessen hätten, die Stiefel für den Nikolaus rauszustellen. Die weihnachtliche Konsumschlacht hat sich in den Advent ausgebreitet. Die Kinder werden oft so überhäuft, dass sie kaum noch zum Wünschen kommen. Meine Schwester, die fünf Kinder hat, lehnt Adventskalender inzwischen kategorisch ab, weil die entweder „an Tag zwei leergefressen“ seien oder die Kinder aggressiv und launisch würden wegen zu viel Zucker und Konsum und der täglichen Gewöhnung an ein Präsent. Die kleinen Spielzeuge lägen überall herum und an Weihnachten fielen die Kinder wie Geier über die Geschenke her, die kaum groß genug sein könnten.  

Das macht mich traurig. Es muss doch möglich sein, unseren Kindern im Jahr 2020 den Zauber, die Ruhe, aber auch den magischen Wert des Wartens vermitteln zu können, der die Vorweihnachtszeit so besonders macht.

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10. Dez. 2020
von Chiara Schmucker
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03. Dez. 2020
von Matthias Heinrich
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Ein letztes Mal mit Christkind

O Tannenbaum, wer hat die Geschenke hier abgelegt?

Verplappert hatte ich mich, aber volles Programm. Mein Sohn und ich waren unterwegs in der Fränkischen Schweiz. Wandern, picknicken und reden. Über Fußball, Schule und über meine Kindheit. Ich erzählte Theo zum x-ten Mal, dass mein Vater früher einen Handwerksbetrieb hatte.

„Haben viele Leute für Opa gearbeitet?“ fragte er.

„Na ja, so gut zwanzig waren es schon“, antwortete ich.

„So viele? Hat Opa ganz viel Geld verdient?“

„Es ging uns ganz gut. Aber denk dran, er musste auch seine Leute bezahlen. Denn auch die brauchten Geld, um ihre Wohnungen zu bezahlen, um etwas zu essen zu kaufen oder auch Weihnachtsgeschenke…“

So ein Mist.

Theo runzelte die Stirn und sah mich an. Ich wollte möglichst unaufgeregt das Thema wechseln, aber er war schneller.

„Alles klar, Papa, Weihnachtsgeschenke kaufen. Ihr besorgt uns die Geschenke und nicht das Christkind.“

Ich saß in der Klemme, blieb aber für meine Verhältnisse ruhig: „Ja? Habe ich Weihnachtsgeschenke gesagt? Ich meinte Geburtstagsgeschenke. Das tut mir leid. Ich habe gerade vorher an Weihnachten gedacht.“

Kurzes Nachdenken: „Nee, Papa, ihr macht das alles und nicht das Christkind. Wenn wir in die Kirche gehen und dann wieder nach Hause, läuft immer einer von euch vor.“

„Na, einer muss ja die Kerzen anzünden.“

Dann kam die alles entscheidende Frage: „Papa, hast du das Christkind, als du ein Kind warst, wirklich gesehen?“

„Ja, das habe ich.“

Wir sahen uns in die Augen.

Nach dieser Wanderung kam ich ins Grübeln. Wäre es nicht bequemer, dem Jungen, der vor ein paar Tagen acht Jahre alt geworden ist, einfach die Wahrheit zu sagen, als ihm etwas vorzuflunkern?

Diese Frage hat sich vor knapp zwei Jahren ein Kollege in diesem Blog schon einmal gestellt. Seine Töchter hatten sehr unterschiedlich auf die prosaische Wahrheit reagiert. Die Ältere hatte damit keine Probleme, die Jüngere dagegen war tief enttäuscht. Für mich ist die Sache klar: Mein Junge bekommt in diesem Jahr noch einmal das volle Weihnachtsprogramm, samt Nikolaus und Christkind.

Ich habe keine Erinnerung an den Moment, in dem ich erfuhr, dass nicht das Christkind, sondern meine Eltern die Geschenke besorgen. Allerdings weiß ich genau, dass ich nicht enttäuscht war. Im Gegenteil: Auf einmal gehörte ich zu den Eingeweihten, wie bei einem Zaubertrick. Ich wusste mehr als andere Kinder. Das war toll. Für meine drei Jahre jüngere Schwester machte ich den Zauber mit und hielt dicht.

Es war ein großer Moment für mich, zum ersten Mal selbst Geschenke zu besorgen. Mit 20 Mark zog ich los. An einem Nachmittag ergatterte ich in den vier Geschäften in unserem Ort stolze sieben Geschenke. Es lag dann sehr viel Seife unter dem Weihnachtsbaum.

Zurück zu meinem Sohn, dem Zweifler: Wenn ich sehe, wie er es genießt, wenn wir ihm und seiner Schwester Bücher wie „Weihnachten bei den Zwergen“, „Tomte Tummetott“ oder „Knecht Ruprecht“ (immer die Originalversion mit Rute) vorlesen, dann soll er das jetzt bitte noch einmal genießen. Ich habe irgendwo gelesen, dass es für kleine Jungen – und zu denen zähle ich Theo noch – nur eine kurze Phase gibt, in der sie traurig und weich sein dürfen. Ab der weiterführenden Schule soll der Wind demnach wieder rauer blasen und Jungen werden auf Härte getrimmt. Das wäre für Theo in anderthalb Jahren.

Wir sind mitten in der Corona-Zeit. Hier in Bayern gilt in einigen Städten wieder Ausgangssperre. Der Junge hat in diesem Jahr drei Monate Lockdown und unzählige Stunden Homeschooling hinter sich. Von März bis September hat er die Hälfte seiner Klasse nicht gesehen. Den Teufel werde ich tun und Theo die Vorstellung vom Christkind nehmen. Nicht in diesem Jahr, das hat Zeit bis Ende 2021. Und bis dahin habe wahrscheinlich nicht ich das Geheimnis gelüftet, sondern irgendein Freund in der Schule oder beim Fußball. Am Heiligen Abend wird es keine Kirche geben. Wir werden einen Spaziergang machen und in dieser Zeit wird ein Nachbar die Kerzen anzünden und die Geschenke unter den Baum legen. Das ist nur eine Frage der Planung.

Meine erste Weihnachtserinnerung ist eine Wanderung. An Heiligabend stapfe ich als Fünfjähriger mit meinen Großeltern durch den verschneiten Teutoburger Wald. In der Dämmerung kommen wir durchgefroren zu Hause an. In der Küche gibt es Tee und Plätzchen. Dann steht meine Mutter auf, zeigt Richtung Wohnzimmer und flüstert mir zu: „Ich glaube, das Christkind kommt.“ Sie steht auf und macht sich auf leisen Sohlen auf den Weg. Als sie die Tür schließen möchte, dreht sie sich noch einmal zu mir um: „Du darfst nicht hineinkommen, sonst verschwindet es sofort. Das Christkind ist sehr scheu.“ Ich nicke stumm. Sie verschwindet. Ich bleibe vor der Tür stehen. Sie ist aus geschliffenem Glas, man kann nicht richtig hindurchschauen. Das Einzige, was ich sehe und mir stockt der Atem, ist ein goldenes, warmes Licht, was sich langsam bewegt. Was soll das anderes gewesen sein als das Christkind?

03. Dez. 2020
von Matthias Heinrich
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24. Nov. 2020
von Sonia Heldt
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Wenn die beste Freundin verliebt ist

Früher war ich ihre Nummer eins: Die sechzehnjährige Lara erzählt, wie es sich anfühlt, wenn die beste Freundin nur noch Augen für ihren neuen Freund hat.

Man kann auch auf die beste Freundin eifersüchtig sein – oder richtig genervt von ihrer Liebesgeschichte.

Ich habe keinen Freund. Keinen Freund zu haben hat sehr viele Vorteile. Zum Beispiel wirst du dann nicht mitten im Mathe-Unterricht angerufen. Wie meine beste Freundin Franzi neulich, als sie vergessen hatte, ihr Handy lautlos zu stellen und Siri lauthals den Anrufer verkündete: „A Mein Herz ruft an“. Franzi wurde knallrot. Für alle, die das „A“ vor dem „mein Herz“ nicht verstehen: Das ist natürlich dafür da, dass in der Kontaktliste der Name ganz oben bei A erscheint, weil Franzis Freund nämlich leider nicht mit A anfängt, sondern mit B! (Warum war vor meinem Namen, als ihrer besten Freundin, eigentlich kein A?). Nennen wir ihn „Bruno“.

Ich weiß jetzt sehr viel über Bruno, schließlich redet Franzi von fast nichts anderem mehr. Auch auf Insta und Snapchat sehe ich nur noch den Namen Bruno, denn sie markiert ihn überall. Wöchentlich werden ihre Couple-Bilder in die Story gepackt. Bruno besitzt natürlich auch ein eigenes Story-Highlight auf ihrem Account: Bilder nur mit ihm. Wieso habe ich eigentlich kein eigenes Story-Highlight, obwohl es doch so viele gemeinsame Bilder von Franzi und mir gibt?

Bruno ist ein großer, schlaksiger blonder Junge, der ausschließlich weiße Hemden oder Poloshirts trägt und sich die Haare nach hinten gelt. Und er guckt wie ein Hund. Brunos Lieblingsgetränk ist Jägermeister. Bruno ist sowieso ganz, ganz toll, findet Franzi. Und Bruno jagt! Aber das Schlimme ist nicht sein Hobby, sondern dass meine Freundin so wild entschlossen ist, es super zu finden. Manchmal schickt Bruno Franzi ganz stolz Fotos von seiner erlegten Beute. „Er hat letzte Woche seinen Jagdschein gemacht“, verkündete Franzi letztens in der Schule. Und dann blinkte in der zweiten Pause eine Nachricht von „A Mein Herz“ auf. Ich schaute neugierig über ihre Schulter auf ihr Display und runzelte beim Anblick des Fotos die Stirn: Auf dem Boden lag ein blutender Hirsch, seine Augen schauten leblos ins Leere. „Was ist das denn?“ Ich war schockiert. „Das ist ein Hirsch, den Bruno mit seinem Vater erlegt hat“, sagte Franzi tapfer, aber Begeisterung sieht anders aus.

Es wurde noch schlimmer, als ich abends durch Instagram scrollte und mir Franzis Story anschaute: Candlelight-Dinner mit Bruno. Kunstvoll hatte sie die Insta-Story mit dem kitschigsten Lied, das sie finden konnte, unterlegt und ihren Liebsten selbstverständlich markiert. Was mich stutzig machte, war das Fleisch auf dem Teller. Da Franzi mir erzählt hatte, dass Bruno seine erlegten Tiere natürlich auch isst, wurde mir bewusst, dass es sich bei dem Fleisch auf dem Teller also um den armen Hirsch handelte, den ich heute Morgen noch auf Franzis Handy gesehen hatte. Jetzt unterstützt sie auch noch das Jagen und Töten von unschuldigen Tieren!, dachte ich.

Generell habe ich das Gefühl, Franzi zieht Bruno mir vor. Egal, ob es um Treffen oder Telefonate geht. Immer ziehe ich den Kürzeren. Franzi hat zum Beispiel Angst vor Horrorfilmen. Mit mir wollte sie bisher nicht mal „Coraline“ gucken. Das ist ein Kindergruselfilm ab sechs Jahren! Und dann erzählte sie mir, dass sie sich mit Bruno den Horrofilm „Die Frau in Schwarz“ angeguckt hätte. Dabei könnte ich sie mindestens genauso gut wie Bruno beschützen, auch wenn ich keine Jagdwaffe besitze. Ich würde schon eine Möglichkeit finden.

Was Franzis und meinen letzten, gemeinsamen Filmabend angeht: Als wir gemütlich mit unseren Pizzen vorm Laptop-Bildschirm saßen, um in den Abend mit Julia Roberts zu starten, waren wir nicht mal zu zweit. Wir waren zu dritt! Bruno saß zwar nicht neben uns, aber irgendwie hatte ich dann doch den Eindruck, dass er dabei war, denn er quatschte dauernd dazwischen. Ständig schickte er Franzi Sprachnachrichten und erzählte minutenlang vom Abendessen mit seiner Familie und was sie jetzt noch machen würden. Wer wollte das wissen? Ich jedenfalls nicht! Das Einzige, was ich wollte, war ein Bruno-freier Abend mit Franzi und Julia Roberts. Aber das funktionierte nicht, weil ständig Franzis Displays aufleuchtete und dort stand: „5 ungelesene Nachrichten von A Mein Herz.“

Ich frage mich langsam, was Bruno eigentlich früher gemacht hat, als er noch nicht mit Franzi zusammen war. Denn er schreibt Franzi gefühlt in jeder freien Minute oder ruft sie an. Vor ein paar Wochen stand meine Mathearbeit an. Ich sprach mit Franzi über Zoom und versuchte verzweifelt ihrer Erklärung zu folgen, wie man denn nun eine Potenzfunktion ausrechnet, als ich bemerkte, wie Franzi immer wieder nach unten schielte und sichtlich nervös wurde. „Äh du, ist es okay für dich, wenn ich jetzt auflege, Bruno ruft mich gerade die ganze Zeit an“, sagte sie zerknirscht. „Was? Habt ich nicht eben schon telefoniert?“, fragte ich perplex, aber Franzi ließ mich nicht weiterreden, sondern legte auf. Mit offenem Mund starrte ich auf das Handydisplay.

Dann schleppte Franzi Bruno zum ersten Mal zu einer Stufen-Party mit. Die anderen aus unserer Clique waren natürlich total neugierig auf ihn, denn Franzi ist kaum noch mit uns unterwegs. Alle fragten mich ständig, wo Franzi denn wäre und ich erklärte dann, dass sie entweder bei Bruno wäre oder mit ihm bei seinen Leuten. Im Grunde ist Bruno ein freundlicher, netter Typ, aber er trottete Franzi natürlich den ganzen Abend in seinem weißen Hemd hinterher. Irgendwann spielte jemand „Atemlos durch die Nacht“. Dieses Lied hat, meiner Meinung nach, nur etwas auf Grillfesten von spießigen Eltern etwas zu suchen. Doch zu meiner Überraschung schrie Franzi entzückt auf und Bruno erklärte: „Als dieses Lied auf der Party meines Freundes lief, haben wir uns zum ersten Mal geküsst.“

Vielleicht hatte ich an diesem Abend zu viel getrunken. Denn am Montagmorgen erzählte mir Franzi in der Schule Unglaubliches: „Kannst du dich eigentlich noch daran erinnern, dass du mit Bruno einen Jägermeistershot getrunken hast, um zu feiern, dass du ihm deinen Segen für uns gegeben hast?“ Ich starrte sie an. „Habe ich das?“ Sie nickte. ,,Du hast mit deinen Armen so ein Kreuz gemacht, wie es sonst Könige machen, wenn sie jemanden zum Ritter schlagen.“ Ich stöhnte, weil ich mich daran absolut nicht mehr erinnern konnte. Jetzt hatte ich ihr auch noch meinen Segen für „A Mein Herz“ gegeben!

Natürlich bin ich froh, dass Franzi so einen tollen Freund gefunden hat. Ich glaube, Bruno wird Franzi nicht das Herz brechen und verdient es, von ihr geliebt zu werden. Er schreibt ihr regelmäßig, behandelt sie gut und führt sie zu süßen Dates aus. Trotzdem könnte Bruno seine Herzchen, die er ununterbrochen an sie schickt, ein bisschen einschränken und mir auch noch ein bisschen Platz in Franzis Leben lassen. Mich macht es schon traurig, dass mal eben so ein Typ ankommen und mich verdrängen konnte. Das fühlt sich an, als wäre man in eine Schublade gesteckt worden. Aber das kann ich Franzi nicht sagen, weil es ihr sicher ein schlechtes Gefühl geben würde und das will ich nicht. Ich hoffe immer, dass sie es vielleicht irgendwann selbst merkt.

Während Franzi nun viel Zeit mit Bruno verbringt, genießen meine Freundin Gina und ich unser Singleleben. Wir sind uns einig, dass wir schon gerne einen Freund haben würden, aber keine Beziehung. Versteht man nicht? Das Wort „Beziehung“ bedeutet für uns die Verpflichtung, sich auf eine einzige Person zu konzentrieren. „Einen Freund haben“ bedeutet dagegen, sich zu zweit in einer Decke eingekuschelt schnulzige Liebesfilme anzuschauen, Hand in Hand durch den Wald zu spazieren und sich Herzchen-Emojis hin- und herzuschicken. Das wäre schon okay. Wenn es nicht zu viele werden.

24. Nov. 2020
von Sonia Heldt
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20. Nov. 2020
von Matthias Heinrich
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Sprich hochdeutsch, Kind!

Ob Lesen wirklich vor Mundart bewahrt?
Ob Lesen wirklich vor Mundart bewahrt?

„Frühs wird es jetzt immer dunkler“, sagte Theo neulich am Frühstückstisch und schaute aus dem Fenster. Im Garten balgten sich zwei Amseln in der Dämmerung. Ich räuspere mich: „Mit ‚frühs‘ meinst du morgens, oder?“ Der Junge sah mich an: „Jaha. Frühs halt.“

Seit fast anderthalb Jahren leben wir inzwischen in Franken. Dass die Menschen hier anders sprechen, war uns klar. Ich finde das auch eigentlich gut. Man erweitert seinen Wortschatz. Zum Fußballtraining meines Sohnes begrüßte mich einer der Väter, ein Urfranke, anfangs immer mit „Ah, der Zugeschmackte“. Das bedeutet so viel wie der Zugezogene oder einfach der Neue. Die Begrüßung war keinesfalls diskriminierend gemeint – eher im Gegenteil. Der Mann wollte auf diese Weise meine Schlagfertigkeit provozieren. Es hat auch funktioniert. Wir zwei trainieren inzwischen gemeinsam ein Team und ergänzen uns sehr gut.

So habe ich gerade im Fußball einige fränkische Fachausdrücke kennen gelernt: Wenn ein Spieler mit dem Ball am Fuß gerne fummelt, nennen die Franken das „schwanzen“. Warum auch immer. Wenn die Spieler einen Kreis bilden und zwei in der Mitte versuchen, den Ball zu bekommen, heißt das „Eckla“. Das klingt besser als „Fünf gegen zwei“, wie wir das nennen. Und wenn jemand einem anderen den Ball durch die Beine spielt, heißt das „pannern“ oder „Leo schieben“. Auch das gefällt mir viel besser als „dönern“, wie es mein Sohn in Berlin gelernt hat. Der Begriff kommt tatsächlich von dem türkischen Drehspießgericht.

Sprache ist ja auch immer ein Integrationsmittel. Man übernimmt Begriffe und Redensarten und kommt so seinem neuen Umfeld näher. Das ist gut und ein ganz normaler Prozess. Wenn aber jemand den Slang, die Mundart oder eben die ganze Art zu sprechen übernimmt, geht mir das eindeutig zu weit. Und das tut Theo leider.

Meine Frau und ich kommen aus Niedersachsen. Ich bin am Südhang des Teutoburger Waldes aufgewachsen. Vor über 2000 Jahren haben Hermann und seine Germanen hier die Römische Legionen geschlagen und vor knapp 400 Jahren wurde in Osnabrück, das ist ganz in der Nähe, der Westfälische Frieden beschlossen. Das war´s. Ansonsten besticht die Gegend im Nordwesten durch ihre Ruhe und die ansprechende Landschaft.

Worauf wir uns etwas einbilden könnten, ist unsere Aussprache. Die ist bis auf einige, wenige lokale Besonderheiten wie etwa die unnötige Substantivierung von Verben („Ich bin gerade am Arbeiten.“) ziemlich klar. Es gibt keinen Slang.

Unser Sohn wird demnächst acht. Er wurde in Osnabrück geboren. Er spricht hochdeutsch. Daran haben auch die sechs Jahre in Berlin nichts geändert. Theo konnte schon früh recht gut sprechen und hat dadurch jede Menge Selbstbewusstsein entwickelt. So hat er kein Problem damit, auch auf ältere Kinder zuzugehen. Er hat auch schon immer Dinge von den Größeren übernommen. Hier in Franken ist es die Aussprache.

Theo hat einen Kumpel, der ein paar Jahre älter ist und der immer darauf achtet, möglichst cool rüberzukommen. Der Junge erzählt den Kleineren gerne, was er Tolles gemacht hat. Die Kinder sind immer ganz beeindruckt. Wenn Theo vom Spielen nach Hause kommt und von diesem Jungen berichtet, denke ich manchmal, ein anderes Kind steht vor mir. Er zieht dann die Vokale seltsam in die Länge, macht aus dem „t“ ein „d“ und aus dem „k“ ein „g“, rollt das „r“ und hängt ein „e“ an die letzte Silbe. Gut, so sprechen Franken nun mal, aber doch bitte nicht mein Kind. Mir tut das richtig weh. Theo hat eine saubere Aussprache und jetzt fängt er „das Fränggeln“ an. „Sprich bitte hochdeutsch, Junge“, ermahne ich ihn. Er schaut mich dann seltsam an. Meistens legt sich das Phänomen nach einer Weile. Allerdings taucht es in letzter Zeit häufiger auf.

Inzwischen habe ich mir einen Schlachtplan überlegt. Das Kind wird mit dem Hochdeutschen torpediert, auf allen Kanälen. Wir lesen jetzt mehr. Vor allem das gegenseitige Vorlesen hilft enorm. Ich kann ihn sofort korrigieren. Außerdem darf er mehr Hörbücher hören und sogar mehr Fernsehen. Es gibt in den einschlägigen Mediatheken eine große Auswahl gutgemachter Kindersendungen – und alle auf hochdeutsch. Wenn wir uns morgens am Frühstückstisch unterhalten, spricht er hochdeutsch. Ich bin guter Dinge, dass wir diesen Kampf gewinnen werden. Allerdings weiß ich genau, was mein urfränkischer Trainerkollege dazu sagen würde: „So an Geschmarre!“

20. Nov. 2020
von Matthias Heinrich
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