Schlaflos

Schlaflos

Das Familienblog der F.A.Z.

22. Okt. 2020
von Sonia Heldt
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Liebling, ich habe den Teddy geschrumpft

Um den vorwurfsvollen Blicken ihrer Kinder zu entgehen, greifen Eltern hin und wieder zur Notlüge.

Meine Tochter Maya hat Balthasar, einen flauschigen Bären mit einem gutmütigen Gesichtsausdruck, vor sechs Jahren zu Weihnachten geschenkt bekommen. Um Balthasar zum Leben zu erwecken, schlüpft man mit der Hand in sein Maul oder mit beiden Händen in seine Bärenpfoten und spricht mit dunkler, brummiger Stimme. Maya spielt nicht mehr mit ihm, aber er darf seinen Altersruhestand neben den anderen Lieblings-Stofftieren in ihrem Bett verbringen. Sie liebt es, über sein langes Fell zu streichen und sich im Bett an ihn zu kuscheln. Gestern Abend haben wir Mayas Bett neu bezogen. „Die riechen aber alle ganz schön muffig“, sagte ich und nahm Tiger Titus, Kater Kolmann, Hippo-Nilpferd Maxi und Bär Balthasar zum Waschen mit in den Keller. „Morgen bekommst du sie wieder, duftend und wie neu“, versprach ich. 30 Grad, Schnellwaschgang, das müssen Stofftiere bei mir schon aushalten. Hygiene und so! Durch den Waschgang war Hippo Maxi, der in den letzten Jahren sowieso schon stark abgenommen hatte, ziemlich platt. Eine Naht hatte sich gelöst. Tiger Titus hatte dafür sein Auge verloren, das sich zum Glück in der Waschmaschine in Maxis Füllmaterial wiederfand. Beide konnte ich flicken. Nur Balthasar, dem hatten die 30 Grad und der Trockenvorgang anscheinend mehr zugesetzt als seinen Freunden. Sein vormals schönes, flauschiges Fell ist nun gnadenlos verfilzt. Au Backe! Ich hätte ihn auf keinen Fall in den Trockner schmeißen dürfen. Wie sollte ich das Maya beibringen? Ich stellte mir ihr Gesicht vor, sah bereits ihr Entsetzen, die Tränen und den unausgesprochenen Vorwurf in ihren Augen aufblitzen: „Mama, was hast du gemacht? Wie konntest du nur!“

Einen kurzen Moment spielte ich mit dem Gedanken, Balthasar zu verstecken und im Internet einfach einen neuen zu bestellen. Expresslieferung, spätestens übermorgen könnte er da sein. Ich könnte meiner Tochter erzählen, dass die Tiere alle noch nicht trocken wären. Aber dann dachte ich an die Sache mit Lena: Als Maya vier Jahre alt war, durfte sie sich im Kaufhaus etwas aussuchen und wählte Lena, eine kleine (hässliche) 10-Euro-Puppe im rosa Tutu, deren Haare schneller verfilzten, als man gucken konnte. Doch Maya liebte sie über alles, und so kam es einem Weltuntergang gleich, als Lena eines Tages in der Vorweihnachtszeit ein Auge herausfiel. Sie sah gruselig und entstellt aus. Wir suchten das ganze Haus nach dem fehlenden Auge ab, konnten es aber nirgendwo finden. Unter Tränen wünschte sich Maya vom Christkind ein neues Auge für sie. Leider existiert kein Shop für Billigpuppen-Ersatzteile. Ich wählte daher den einfachsten Weg und kaufte eine neue Lena. Ich hätte sie natürlich einfach … Aber nein! So was macht man natürlich nicht! Ich konnte Maya die neue Puppe nicht als alte Lena verkaufen. Ich pulte also das Auge aus der neuen Puppe und setzte es der alten ein. Das hört sich einfacher an, als es in Wirklichkeit war! Die OP zog sich über mehrere Tage hin und stellte feinmotorisch eine echte Herausforderung dar. Immer wieder flutschte das blöde Auge aus der Höhle; ich wollte schon fast aufgegeben, als ich es endlich hinbekam.

Danach versteckte ich die Ersatzteillager-Puppe in den Tiefen eines Kellerregals, badete Lena im Waschbecken, bearbeitete das verfilzte Haar mit ein wenig Haarkur und einem Kamm, wusch ihr Tutu und setze sie Heiligabend unter den Tannenbaum. Ich hatte es mit meiner Pflege gut gemeint, schließlich sollte Lena an Heiligabend nicht nur mit einem neuen Auge glänzen. Doch nach der Bescherung beäugte Maya ihre Puppe kritisch und äußerte schließlich den Verdacht, es würde sich nicht um die „echte“ Lena handeln. Die echte Lena hätte viel „wuscheligere“ Haare. Immer wieder versicherte ich meiner Tochter, Lena hätte sich lediglich nach der OP einer Beauty-Behandlung unterzogen. Doch Maya wurde ihr Misstrauen nie ganz los. Ein paar Tage nach Weihnachten tauchte zu allem Überfluss auch noch das fehlende Auge im Kinderzimmer auf und ich wünschte, ich hätte die Puppe einfach einäugig oder zumindest die Finger von dem verfilzten Kunsthaar gelassen. Jahre später, Maya glaubte schon längst nicht mehr an das Christkind, holte ich die Ersatzteil-Puppe aus dem Versteck und erzählte meiner Tochter, wie Lena damals zu ihrem neuen Auge gekommen war und dass wir die echte Lena natürlich nie ausgetauscht hatten.

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22. Okt. 2020
von Sonia Heldt
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13. Okt. 2020
von Sonia Heldt
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Vaping statt Rauchen – das Märchen vom harmlosen Genuss

© Picture AllianceFällt gerade tatsächlich die nächste Generation auf den Coolness-Faktor eines gesundheitsschädlichen Genussmittels herein?

Ich habe meine Retro DVD-Sammlung um einen Film-Schatz ergänzt: „Cinderella ’87“ mit La Boum-Darsteller Pierre Cosso. Die 18-jährige Cindy (Bonnie Bianco) lernt auf ihrer Reise nach Rom Mizio (Pierre Cosso) kennen, verliebt sich in ihn und ahnt nicht, dass es sich in Wirklichkeit um einen Prinzen handelt. Das Pop-Märchen wurde in West-Deutschland zum ersten Mal im Frühjahr 1987 ausgestrahlt. Da war ich fünfzehn Jahre alt. Nun sehe ich mir die Serie mehr als dreiunddreißig Jahre später an: Pierre Cosso in einem rot-weiß gestreiften ärmellosen T-Shirt, mit trendiger Schirmmütze auf dem Kopf, lässig auf seiner Vespa hockend, Fluppe in James-Dean-Manier in den Mundwinkeln hängend. Fluppe? Zigarette?! Mir wird schlagartig bewusst, wie normal das Rauchen in den Achtzigern noch war. Egal ob in der Kneipe, im Restaurant, im Flugzeug, im Büro oder im Fernsehen: Es wurde gequalmt. Wer keinen neunzigminütigen Kinofilm ohne Nikotin aushielt, ging ins Raucherkino. Auch Cindy und Mizio lernen sich, wie selbstverständlich, am Zigarettenautomat kennen: Mizio kämpft auf dem Flughafen mit dem Automaten, Cindy tritt einmal kräftig dagegen, der Kasten spuckt seinen gesamten Inhalt aus, Cindy schnappt sich als Belohnung eine Schachtel und verschwindet keck lächelnd. Damals der ganz normale Beginn einer jungen Liebesgeschichte.

Fast genauso normal, wie ich es im Sommer 1987 empfand, während meiner Jugendreise nach Italien zur ersten Zigarette zu greifen. Die meisten Leute meiner Clique rauchten und die meisten Jungs meiner Clique fuhren wie Pierre Cosso eine coole Vespa. Wir fühlten uns unverwundbar und wahnsinnig erwachsen. Cool sein, das will jede Teenie-Generation, und zwar um jeden Preis! Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Der Einstieg in die Nikotinsucht verläuft wie bei fast allen Süchten schleichend: Erst wird einem die Zigarette angeboten und man raucht nur sporadisch, wenn man mit Freunden unterwegs ist und dazugehören möchte. Dann wird einem die Schnorrerei peinlich. Man kauft sich immer  häufiger selbst eine Packung. Irgendwann braucht man das Nikotin regelmäßig und die Industrie hat einen neuen süchtigen und zahlenden Konsumenten dazugewonnen. Ich wurde sehr jung zu einer Sklavin der großen Tabakkonzerne, rauchte Zigaretten der Marken Benson & Hedges (wegen der edel wirkenden goldfarbenen Packung), John Player Special (wegen der edel wirkenden schwarzen Verpackung), Marlboro (wegen des coolen Marlboro-Cowboys) und Camel (wegen des lustigen Kult-Kamels). Image ist eben alles und ich fiel total naiv darauf herein.

Der Sucht entkommen

In meinen Zwanzigern wurde mir immer mehr bewusst, wie sehr ich meinem Körper mit dem blauen Dunst schadete. Ich war genervt, weil die Sucht mich so fest im Griff hatte. Ich rannte im strömenden Regen noch spätabends, ungeschminkt und in Jogginghosen zum Zigarettenautomaten oder zur Tankstelle, sobald ich keine „Kippen“ mehr hatte. Ich ekelte mich vor dem Rauchgeruch in meinen Klamotten und in meinem Haar. Die Qualmerei war auch ein Kostenfaktor: An einem feucht-fröhlichen Wochenende gingen schon mal zwei bis drei Packungen drauf. Mit Ende zwanzig, auf dem Höhepunkt meines Nikotinkonsums, beschloss ich aufzuhören. Ich schmiss die angebrochene Schachtel weg und fertig. Man bereut eigentlich immer, mit dem Rauchen angefangen zu haben. Wer etwas anderes erzählt, der belügt sich selbst. Und es fällt nicht jedem leicht, von seiner Sucht loszukommen. Manche schaffen das ihr ganzes Leben lang nicht.

In den letzten zwei Jahrzehnten ist es für diese Spezies merklich unbequemer und teurer geworden. Rauchen ist gesundheitsschädlich. Punkt. Damit das auch dem Letzten klar wird, müssen die Hersteller nun abschreckende Bilder von schwarzen Lungen oder erblindeten Augen auf ihre Packungen drucken. Die Abgabe von Nikotinprodukte ist für Jugendliche unter 18 Jahre inzwischen verboten und eine durchschnittliche Packung kostet am Automaten aktuell unglaubliche 7 Euro. Meinetwegen können die Dinger noch unerschwinglicher werden, wenn dadurch meine Kinder vom Rauchen abgehalten werden.

Die Hoffnung, der eigene Teenager wird es besser machen als man selbst

Mir ist klar, dass meine sechzehnjährige Tochter Lara ihre Erfahrungen und Experimente machen will und wird. Alles was Erwachsenen vorbehalten ist, zieht Jugendliche nun einmal magisch an. Wer wäre ich denn, wenn ich das nicht verstehen würde? Letztens habe ich Lara und ihre Freundin von einer Party abgeholt. Ich stand mit dem Auto zur verabredeten Zeit vor der Tür, doch die zwei Grazien ließen mich fast zehn Minuten warten. Als sie sich dann endlich, übertrieben freundlich und entschuldigend, in meinen Wagen schmissen, ließ ich erst einmal sämtliche Autofenster herunter. Ich wäre sonst elendig erstickt! „Wenn ihr nach Rauch stinkt, bringt es nichts, wenn ihr euch mit zwei Liter Tosca-Omaparfüm, das ihr auf der Gästetoilette des Gastgebers gefunden habt, einnebelt und euch fünf Kaugummis gleichzeitig in den Mund stopft “, kommentierte ich die Situation und erntete ertappte Gesichter.

Natürlich passt es mir nicht, wenn Lara raucht oder Alkohol trinkt, und ich kann mir meine Weisheiten selten verkneifen. Aber ich weiß auch, dass übertriebene Strenge und Verbote ins Gegenteil umschlagen können. Als ich daher in unserem Garten einen kleinen schwarzen Plastikaufsatz finde und nur eine vage Vermutung habe, um was es sich bei dem Ding handeln könnte, zeige ich Lara meinen Fund und gebe mich offen und interessiert. „Ach, das ist von Johannas E-Zigaretten“, erklärt sie. Ich bin baff. Wieso E-Zigaretten? Ich erinnere mich, wie vor vielen Jahren diese hässlichen, unhandlichen Geräte auf den Markt kamen und von vielen Rauchern, die bis dahin verzweifelt versucht hatten, ihre Sucht in den Griff zu kriegen, als Revolution gefeiert wurden. Dampfen soll weniger gesundheitsschädlich sein als Rauchen und den Ausstieg aus der Nikotinsucht erleichtern. Weniger gesundheitsschädlich bedeutet aber auf keinen Fall harmlos, denn auch der Dampf erzeugt gesundheitsschädliche Stoffe, egal ob mit oder ohne Nikotin, wie die Stiftung Warentest die aktuelle Studienlage zusammenfasst.

Ich persönlich kenne niemanden in meinem direkten Umfeld, der E-Zigaretten dampft. Die Dinger wirkten auf mich bis dahin eher albern oder zumindest nicht sonderlich lässig. Darauf fahren Jugendliche doch nicht ab?! Bisher hatte ich eher die Shisha als potentielle Bedrohung für meine Teenager-Tochter eingestuft. Die Vorstellung, Lara könnte in irgendwelchen dubiosen Shisha-Bars, schlimmstenfalls in Hauptbahnhofgegend, abhängen, erzeugt bei mir mehr als ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. „Shisha wird bei meinen Freunden nicht so geraucht. Obwohl Jan letztens seine Shisha mit zu einer Party geschleppt hat. Aber das war voll eklig und aufwendig, die hinterher sauberzumachen“, erzählt Lara. Da wäre eine Juul, eine Vape, doch viel cooler, sagt sie. Juul? Nie gehört. „In deinem Freundeskreis werden auch E-Zigaretten geraucht?“ „Vapen, Mama! Vapen, heißt das oder eben Juulen.“ Nun bin ich neugierig. Man muss seinen Feind kennen, um ihn einschätzen zu können. Ich setze mich also an den Laptop und tauche in die Dampfwelt ab. Weiterlesen →

13. Okt. 2020
von Sonia Heldt
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06. Okt. 2020
von Matthias Heinrich
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Was ist eigentlich petzen?

Konflikte nicht direkt an Erwachsene weiterzutragen, sondern selbst zu klären, müssen manche Kinder erst lernen.

Es war ein perfekter Schuss. Der Ball zischte durch die Luft. Er drehte sich kaum. Sein Ziel traf er hart und genau. Die Schaukel bewegte sich weiter, ohne zu stocken. Das Brett schwang vor und zurück. Nur der Junge, der gerade noch zwischen den Seilen gesessen hatte, war verschwunden. In dem Moment, in dem ihn das Leder traf, war er durch die Wucht des Aufpralls rücklings aus der Schaukel auf den Rasen gefallen. Jetzt hielt er sich die Brust, schluchzte und wankte davon. Das gab Ärger.

Michi Hase wohnte in unserer Siedlung, in einem kleinen Haus mit hübschem Garten. Jeden Tag spielten wir Nachbarskinder zusammen: Räuber und Gendarm, Verstecken und natürlich Fußball. Wir fingen Frösche oder versuchten, den kleinen Bach im Wald zu stauen. Es verging aber kaum ein Tag, an dem nicht einer von uns Ärger mit Michi hatte. Oder Michi mit einem von uns. Bei jeder noch so kleinen Meinungsverschiedenheit knallte es. Entweder hatte ihn jemand geschubst, ihm ein Bein gestellt oder einfach irgendetwas getan, was Michi nicht gefiel. In jeder dieser Situationen brach er in Tränen aus. Eigentlich musste nur irgendjemand „huh“ sagen, und Michi weinte. Wir waren normale Kinder. Es gab keinen Fiesling unter uns und Michi war mit Sicherheit kein Mobbingopfer. Aber er nervte. Nicht nur, dass diese Heulerei an sich schon maßlos übertrieben gewesen wäre. Michi setzte immer noch einen drauf. Der Junge rannte jedes Mal sofort nach Hause zu seiner Mutter und verpetzte den vermeintlichen Übeltäter. Und Michis Mutter stellte den mutmaßlichen Übeltäter zur Rede, jedes Mal. Ihren Sohn nahm sie immer in Schutz und aus der Verantwortung. Nicht einmal sagte sie: „Stell dich nicht an“ oder „Versuch das doch mal ohne Geheule zu regeln“. Nein, auf die Idee kam sie nie. Michi Hase war für uns eine Petze und Heulsuse.

Michi petzte sogar, wenn es nichts zu petzen gab. Wenn wir uns selbst aus einem Schlamassel befreit hatten. Wenn einer von uns über den Zaun der alten Villa gestiegen war, um einen verschossenen Ball wieder zu holen oder unerlaubterweise auf ein altes Wellblechdach stieg, um Kirschen zu pflücken. Michi Hase erzählte es seiner Mutter. Er war kein Komplize, sondern ein Feuermelder, der sogar Alarm schlug, wenn es nichts zu löschen gab. Darum wurde er irgendwann mit dem Lederball von der Schaukel geschossen.

Ich glaube, meine Kindheitserfahrungen mit Michi Hase sind der Grund, warum ich heute, 35 Jahre später, petzen überhaupt nicht mag – weder bei meinen noch bei anderen Kindern. Unserem Sohn und unserer Tochter bringen wir bei, Konflikte mit Spielkameraden selbst zu lösen.  Wenn das nicht möglich ist, sollen sie sich zurückziehen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass nichts zwei Hitzköpfe besser abkühlt als eine kleine Pause voneinander. Und wenn das alles nichts nützt, stehen wir selbstverständlich als Streitschlichter zur Verfügung. Das schafft Vertrauen auf beiden Seiten und klappt meistens ziemlich gut. Bei einem Vorfall war unser Sohn Theo neulich allerdings überfordert.

Anfang September, am zweiten Schultag nach den Sommerferien, bekam ich eine Nachricht. Eine Nachbarin schrieb mir, dass ihre Töchter nicht mehr mit Theo zur Schule laufen wollen. Angeblich schlage und schubse er ihre beiden Mädchen, Klara und Elsa, so lange, bis eine auf dem Boden liegt. Ich seufzte. Zum einen kenne ich meinen Sohn. Er ist aus meiner Sicht ein ganz normales Kind, ziemlich emotional. Im Eifer des Gefechts kann er schon mal übertreiben. Die beiden Nachbarmädchen sind allerdings auch nicht ohne.

Darum antwortete ich: „Nach meinen Beobachtungen geben sich die Kinder im Streit nichts. Aber ich werde mit ihm reden.“ Das tat ich auch. Wie ich vermutete, hatten sich die Kinder vorher wegen irgendetwas gestritten und die Sache hatte sich hochgeschaukelt. Theo hatte geschubst und gehauen, Klara und Elsa aber auch.

Nachdem ich ihm geraten hatte, Unstimmigkeiten künftig mit Gesprächen statt Geschubse zu klären und die beiden Mädchen einfach mal links liegen zu lassen, ließ ich die Sache auf sich beruhen. Zwei Tage später bekam ich wieder eine Nachricht. „Hallo, sorry, dass ich mich schon wieder melde. Aber Theo hat Klara mit dem Schulranzen geschlagen und auf die Straße geschubst. Mareike hat es gesehen und bestätigt.“ Mareike geht in dieselbe Klasse wie Klara und Theo. Ich wunderte mich. Mein Kind war eine Viertelstunde zuvor fröhlich zur Tür hereinspaziert und hatte über den Vorfall mit den Mädchen nicht ein einziges Wort verloren.

Ich fragte nach und dieses Mal flossen Tränen. Er gab zu, Klara geschubst zu haben und erzählte mir dann, wie er den Streit erlebt hatte: Klara hatte in der Stadt Eis für ihre Schwester, Mareike und sich selbst gekauft, aber nicht für Theo, obwohl das Geld gereicht hätte. Dann hatte sie sich demonstrativ vor ihn gestellt und genüsslich ihr Eis gegessen. Ich schrieb das alles unserer Nachbarin.

Vier Wochen ist das jetzt her. Bis heute habe ich keine Antwort bekommen. Viel entscheidender war aber das Gespräch mit Theo. Ich fragte ihn, warum er mir nichts von dem Streit erzählt habe. Er wollte wegen der Schubserei keinen Ärger bekommen, antwortete er. Ich erklärte ihm in aller Ruhe, dass Gewalt auch nie eine gute Lösung für einen Streit gewesen sei. Gleichzeitig gestand ich ihm mein Verständnis für seine Wut. Klaras Verhalten sei gemein gewesen. Natürlich wird man sauer, wenn einer allen ein Eis spendiert und nur man selber keines bekommt. Und wenn sich derjenige dann auch noch schleckend vor einen stellt, wird die Wut noch größer.

Außerdem habe Klara nicht die ganze Geschichte erzählt, sondern nur den Teil, bei dem sie als das Opfer dasteht und er, Theo, als Bösewicht. Darum sei es wichtig, die Sicht aller Betroffenen zu hören, um zu erfahren, was tatsächlich passiert ist. Das sei kein petzen, sondern eine Erklärung für die Erwachsenen. Wer petzt, erzählt meistens nur, wie ein Streit zu Ende gegangen ist und nicht, wie er entstanden ist.

Konflikte soll er auch künftig versuchen selbst zu lösen. Das klappt bisher nämlich ganz gut. In manchen Situationen gebe es aber keine andere Möglichkeit, als seine Eltern oder einen Lehrer einzuweihen. Vor allem, wenn man von jemandem beschuldigt wird etwas Blödes gemacht zu haben oder wenn jemand wirklich etwas Blödes gemacht hat.  

Mit den Nachbarsmädchen geht er bis heute nicht zusammen zur Schule. Aber das wird schon wieder, da bin ich entspannt. Ehrlich gesagt bin ich klammheimlich etwas stolz auf Theo. Die Gefahr, dass ihn irgendwann einmal jemand mit einem Lederball von der Schaukel schießt, so wie es sein Vater vor 35 Jahren mit Michi Hase gemacht hat, tendiert gegen null. Ich habe damals riesigen Ärger bekommen. Völlig zurecht.

06. Okt. 2020
von Matthias Heinrich
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01. Okt. 2020
von Chiara Schmucker
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Der Gourmet im Hochstuhl liebt Garnele und Gorgonzola

Kind isst Nudeln
Es muss ja nicht immer Nudeln mit Tomatensauce geben.

Hand aufs Herz – ekeln sie sich, wenn Sie auf Ihrem Milchkaffee eine Haut sehen (ich frage bewusst nach Milchkaffee, weil ich vermute, dass die wenigsten von Ihnen häufig eine Tasse warme Milch trinken)? Ich geb’s zu, auch ich finde das etwas unappetitlich. Aber als ich ein Kind war, gab es bei uns zu Hause sonntagmorgens regelrecht Streit um das gummiartige, leicht schlonzige Gebilde. Mein Vater teilte die Haut sorgfältig unter uns Kindern auf, am Samstag das eine, am Sonntag das andere, in der nächsten Woche umgekehrt. Dazu gab es weiche Eier und manchmal Laugenbrezel mit Butter und Nutella. Dass manche Menschen bei Milchhaut und glibberigen Eiern geradezu einen Würgereflex bekommen und mich mindestens merkwürdig ansahen, wenn ich Brezel mit Süß kombinierte, stellte ich erst viele Jahre später fest.

Die Tage meiner Kindheit verbinde ich mit schwarzen Rändern unter den Fingernägeln, nachdem wir hinter dem Kompost Engerlinge und Eidechsen ausgegraben hatten. Wir sammelten Schnecken und veranstalteten Rennen mit ihnen – was uns nicht davon abhielt, ihre Artgenossen mit großer Lust geschwenkt in Kräuterbutter zu verspeisen, wenn sie bei einem unserer seltenen Restaurantbesuche auf der Karte standen. Ekel vor irgendetwas, das gab es in unserem Elternhaus nicht.

Mein Vater war streng, was das Essen beziehungsweise das Nicht-Essen anging. Nie hätte er, als Nachkriegskind wenige Monate vor dem Hungerwinter 1947 geboren, Essen weggeschmissen, das noch gut war. Abgelaufene Joghurts? Mein Papa probierte als Erster und reichte sie dann mit Siegerlächeln an uns Kinder weiter. Hartes Brot? Gab es als „Pflichtbrot“ verteilt auf alle Familienmitglieder bevor die frischen Brötchen auf den Tisch kamen. Wurmstichige Äpfel, Mirabellen, Zwetschgen aus dem Garten? Sorgfältig ausgeschnitten. Wir fielen über die Obstteller her.

Frühstück, Mittagessen, Abendessen – dreimal am Tag aßen wir zusammen und ich erinnere mich nicht daran, dass es jemals „Kinderessen“ und „Erwachsenenessen“ gegeben hatte. Selbstverständlich aßen wir Kinder mit, wenn es Rinderherz oder Ochsenmaulsalat gab, gebackene Zucchini oder Fisch. Meine Eltern nahmen uns ernst beim Essen – und ermöglichten uns dadurch, alles ohne Vorurteile auszuprobieren. Welch großes Verdienst meiner Eltern das war, wird mir erst heute bewusst, da ich selbst ein Kind habe.

Heute ertappe ich mich schon manchmal dabei, dass ich für meinen Sohn Nudeln, Tortellini oder Maultaschen zubereite, damit er um halb sechs schnell zu Abend essen kann, bevor mein Mann und ich uns zwei Stunden später an den Tisch setzen. Und doch lassen auch wir ihn am Essen teilhaben und alles probieren, was auf unsere Teller kommt. Die Ergebnisse sind so überraschend, dass ich es manchmal selbst kaum glauben kann. Er liebt nicht nur Gnocchi Gorgonzola und jede Art von Stinkekäse. Im Urlaub schlemmte er sich mit uns durch die Meeresfrüchte von Garnelen bis zur glibschigsten Muschel. Und zu scharf (Radieschen) oder auch zu sauer (Zitrone) gibt es für ihn eigentlich nicht.

Süße Kinderspeisen wie Pfannkuchen mit Apfelmus interessieren den kleinen Gourmet dagegen überhaupt nicht. An den Keksen von Oma knabbert er eher pflichtschuldig herum. Denn wer schon immer bei Mama und Papa mitgegessen hat, dem muss man mit einem eigenen Kinderessen gar nicht mehr kommen. Doch das hat auch Nachteile. Denn so praktische Dinge wie Gläschen oder andere Kinderfertiggerichte hat Max schon verschmäht, bevor er zwei Zähne im Mund hatte. Mit viel Liebe und Kreativität zusammengekochte Gemüsebreis landeten regelmäßig erst im Lätzchen und dann im Müll. Lieber waren ihm Gurken, Karotten oder gekochter Blumenkohl. Das machte leider selten länger als eine Stunde satt.

Mein Mann und ich schauten immer etwas irritiert bis fasziniert zu, wie Freunde streng nach Tabellen, Zeitplan und Kalorienangaben ihre Kinder fütterten. Morgens Obst-Getreidebrei, mittags Gemüsebreis, abends dann bloß nicht zu viel Proteine. Solche ausgefuchsten Diäten hätten wir mit Max nie durchziehen können.

Und trotzdem: Satt geworden ist er irgendwie noch immer. Auch wenn sein Speiseplan vielleicht etwas rohkostlastig ist, hat er sich bislang prima entwickelt. Und wenn er sich mit Akribie und Zunge im Mundwinkel eine Garnele aus der Schale pellt, sind wir uns immerhin in einem gewiss: Er hat Spaß am Essen. Und das ist schon mal viel wert.

01. Okt. 2020
von Chiara Schmucker
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24. Sep. 2020
von Tanja Weisz
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Darf man von den eigenen Kindern enttäuscht sein?

Das Talent für Mathe vererbt sich nicht dominant – auch wenn das für manche Eltern schmerzlich ist.

Und wie du wieder aussiehst,
Löcher in der Hose und ständig dieser Lärm
(Was sollen die Nachbarn sagen?)
Und dann noch deine Haare, da fehlen mir die Worte
Musst du die denn färben?

                                                                               Die Ärzte: „Junge“

Als die Ärzte 2007 diesen Song rausbrachten, war ich zwar nicht mehr kinderlos, aber noch immer naiv genug, diesen Refrain laut grölend mitzusingen, diese Spottvers auf die ultimativen Spießereltern, die ihren Sohn zurechtbiegen wollen und beim vergeblichen Versuch verzweifeln.

So, nein, so würde ich als Mutter niemals werden, auf keinen Fall. Das hatte ich ja schon bei den eigenen Eltern gehasst, dieses In-Backförmchen-passend-gemacht-werden. Ich würde liberal und offen sein für das, was mein Kind so mitbringt und wie es sich entfaltet. Denn so lautet doch das erste elterliche Gebot: Du sollst Dein Kind vorbehaltlos lieben.

Das sagt sich sehr leicht, wenn das Kind unschuldig pupsend in der Wiege liegt und noch ganz viel schläft. Dabei sehen sie immer so wunderbar friedlich aus. Wir Eltern sind dann ohnehin noch hormonell übersteuert und feiern im ersten, vielleicht auch noch zweiten Jahr begeistert die Anzeichen eines knospenden freien Willens.  Aber es wird schon etwas schwerer, wenn Kinder ihre ganze überschäumende Kleinkind-Energie entfalten und absolut nichts mit den Familienerbstück-Legosteinen anfangen wollen, mit denen sich vorher schon die ganze Sippschaft stundenlang und vor allem still vergnügen konnte. Man bemerkt zum ersten Mal schmerzlich: Dieses Kind ist anders als ich.

Es ist tatsächlich ein Schmerz, wenn man feststellt, dass dieses kleine Wesen sich nicht so verhält, wie wir uns das wünschen. Der Verstand und all die Erziehungsratgeber wissen längst: Das ist alles normal, das soll so sein, schließlich haben wir im Krankenhaus keinen Klon in Arbeit gegeben, sondern noch etwas richtig Selbstgemachtes in die Welt gesetzt. Etwas, das einen freien Willen hat und den auch entfalten soll.

Aber der Schmerz ist da, vor allem über die Erkenntnis, dass wir uns nicht frei machen können von Erwartungen an unser Kind, so sehr wir uns das auch vorgenommen hatten. Und dass dies wohl nur ein kurzer erster Blick in die Kiste all der uneingestandenen Hoffnungen ist, die man mit dem eigenen Nachwuchs verbindet.

Früher war das viel einfacher, da wurde so eine Kiste gleich am Anfang auf den Tisch gestellt, unter lautem Getöse aufgeklappt und der ganzen Verwandtschaft verkündet, was drin war: „Gott sei Dank ein Junge, der kann dann später mal den Betrieb übernehmen.“

Heutzutage geht man damit nicht mehr so offensiv um. Man hat ja dazugelernt, dass eine so frühe Weichenstellung nicht unbedingt ein Garant für dauerhaftes Familienglück oder friedliche Weihnachtsfeste ist. Aber die Kiste mit den Erwartungen ist noch da, steht im Regal und ehe man sich es versieht, rappelt es da drin und man schaut doch noch hinein.

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24. Sep. 2020
von Tanja Weisz
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15. Sep. 2020
von Sonia Heldt
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„Wieso hat der mehr auf dem Teller als ich?!“

Nicht nur unter Kanarienvögeln gibt es Futterneid: Auch menschliche Geschwister können da zum Tier werden.

„Warum bekomme ich die kleine Portion und Lara die große?“ Ich schaue in den Kühlschrank. Tatsächlich, ich habe das kleinere Schälchen mit dem Heidelbeerjoghurt auf den Tisch gestellt. Nicht absichtlich. Und eigentlich ist der Unterschied zwischen den Portionen nicht gigantisch. In dem größeren Schälchen mögen ein paar Gramm mehr gelandet sein. Ist ja auch egal. Warum sollte ich die Heidelbeeren einzeln abzählen und den Joghurt abmessen? Hier liegt ein klarer Fall von Futterneid vor: die Angst beim Essen zu kurz zu kommen. In einem gewissen Rahmen total normal – unter Kindern. Aber am Küchentisch sitzt keine meiner Töchter, sondern mein Mann. Ich schaue ihn spöttisch an. „Ehrlich jetzt?!“  Er lacht, tunkt den Löffel in die Joghurtcreme und gibt sich mit seiner (minimal kleineren) Portion zufrieden. So richtig ernst war sein Kommentar wohl nicht gemeint. Ihm sind seine Altlasten aus seiner Kindheit durchaus bewusst und manchmal macht er sich selbst über sich lustig, weil er weiß, wie entsetzlich empfindlich ich generell und insbesondere bei unseren Kindern auf Futterneid reagiere. Wenn Futterneid nämlich einmal so richtig um sich gegriffen hat, kann er ein Leben lang bleiben. Und das wirkt bei Erwachsenen manchmal ganz schön bizarr.

Mein Mann ist mit drei Geschwistern großgeworden. Der Altersunterschied zwischen ihm und seinen zwei Brüdern ist gering. Gerade einmal eineinhalb Jahre trennen sie jeweils voneinander. Geschwister im etwa gleichen Alter zu haben, kann viele Vorteile mit sich bringen. Man hat automatisch immer jemanden, der ähnliche Interessen an den Tag legt. Zu dritt ist man fast schon eine richtige, verschworene Bande und braucht im Prinzip keine anderen Kinder. Man hat ja die Brüder. Aber gleichzeitig sitzt die Konkurrenz direkt im Kinderzimmer nebenan, wetteifert um die Aufmerksamkeit und Liebe der Eltern und Großeltern und um das bessere Spielauto. Was man auch anstellt, Geschwister wird man so schnell nicht los, erst recht nicht am Essenstisch.  

Mein Mann hat mir einmal erzählt, dass er nachmittags mit seinen Brüdern öfters zum Fernsehen zu Oma durfte. Die Jungs saßen einträchtig vor der Glotze, während Oma Äpfel schälte und schnitt und die Stücke für jeden Enkelsohn in seine eigene kleine Schüssel legte. Obendrauf drapierte sie als besonderes Bonbon jeweils ein Stück Schokolade. Aber für meinen Mann, dem jüngsten Bruder und Lieblingsenkel, lag versteckt unter den Apfelstücken ein Extrastück Schokolade. Natürlich wurde der Schatz, sobald Oma aus der Tür war, triumphierend den großen Brüdern gezeigt, um sie zu ärgern. Das hat sicherlich nicht dazu beigetragen, den kindlichen Neid einzudämmen. Später, als die Geschwister älter waren und zu unterschiedlichen Zeiten von der Schule kamen, bereitete meine Schwiegermutter für jedes Kind eine (gerechte) Mittagessensportion zu, die sich jeder nur noch warmmachen musste. Aber wer als letztes aus der Schule kam, musste sehr oft die Erfahrung machen, dass seine Mahlzeit regelrecht ausgeschlachtet war: die leckere Bratwurst fehlte, dafür türmte sich das ungeliebte Gemüse auf dem Teller. 

Auch ich bin mit Geschwistern aufgewachsen, allerdings besteht zwischen meinem Bruder, meiner Schwester und mir ein recht großer Altersunterschied. Sicherlich habe auch ich früher meinen Weihnachtsteller mit Süßigkeiten vor meinem großen Bruder verstecken müssen. Mein Bruder besaß auf wundersame Weise noch bis weit in den Januar einen bis obenhin gefüllten Teller, während die leckeren Sachen auf den Weihnachtstellern meiner Schwester und mir, ohne unser Zutun, konstant und auf wundersame Weise schrumpften. Süßigkeiten stellen wohl in jedem Haushalt mit Kindern essbares Gold dar. Besondere Köstlichkeiten sollte man also stets beschriften oder verstecken. Auch in unserem Haushalt wird versteckt, damit mein Mann – der einen extrem süßen Zahn hat – sich nicht (versehentlich natürlich) daran vergreift. Er kann Süßem von uns allen am wenigsten widerstehen. Daher markiert Maya ihr Eigentum grundsätzlich mit Zetteln: „Von Maya. Nicht essen, Papa!!!“

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15. Sep. 2020
von Sonia Heldt
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08. Sep. 2020
von Matthias Heinrich
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Niemand isst hier heimlich Süßigkeiten

Wenn Kinder zu uns aufschauen, sehen sie nicht immer das, was wir ihnen vermitteln wollen.

So, jetzt aber los, ich bin spät dran. Gerade will ich meine Zahnbürste unter dem Wasserhahn ausspülen, als ich im Spiegel in das Gesicht meiner fünfjährigen Tochter schaue. Sie steht direkt neben mir. Das Summen ihrer elektrischen Zahnbürste stoppt immer kurz, wenn sie das Gerät in ihrem Mund neu platziert. Ihre großen braunen Augen fixieren mich. Ihr Blick ist ernst. Mist, wie lange putzen wir jetzt? denke ich. Auf keinen Fall schon drei Minuten, wie wir es den Kindern immer sagen. Sie  weiß das ganz genau. Drei Minuten … Ich putze weiter, jetzt ganz bewusst oben und unten und vorne und hinten. Dabei fange ich an zu summen, lächle meiner Tochter zu, als wäre mir Zähneputzen die größte Freude überhaupt. Ihr Blick bleibt unverändert. So als wollte sie sagen: „Du kannst mir nichts vormachen, Papa.“

Am Nachmittag fragen meine Kinder: „Dürfen wir was Süßes?“ „Nein, ihr hattet schon ein Eis. Außerdem waren Gummibärchen in euren Frühstücksdosen, das ist genug. Ich kann euch einen Obstteller machen.“

Am Abend fragt mich meine Frau: „Sag mal, hamsterst du im Keller heimlich Süßigkeiten?“ Erwischt. Dabei hatte ich die Lakritztüte doch so gut zwischen Nudeln, Mehl und Konservendosen versteckt. Ich bin zwar konsequent und verantwortungsbewusst um die Ernährung unseres Nachwuchses bemüht, kenne aber in Wahrheit keine Skrupel. Direkt nachdem ich den Obstteller arrangiert hatte, bin ich in den Keller geschlichen, habe eine Tüte Lakritz aufgerissen und sie innerhalb von Minuten zur Hälfte in mich reingestopft. Dass meine Frau beteuert, sie hätte zunächst die Kinder verdächtigt und sei erleichtert, dass sie nicht gelogen haben und tatsächlich nicht heimlich im Keller naschen, macht es nicht besser. Als scheinbar strenger Vater, der heimlich Lakritz im Keller futtert, stecke ich eh schon in der moralischen Zwickmühle. Bei dem Vergehen auch noch ertappt zu werden, das ist wirklich peinlich.  

Ob wir es wollen oder nicht: Wir Eltern sind die Vorbilder unserer Kinder. Vierundzwanzig Stunden am Tag ist das so, sieben Tage in der Woche. Wir stehen unter Beobachtung. Ob wir heimlich naschen, stundenlang aufs Handy starren, in der Nase popeln, die Wäsche liegen lassen oder unsere Teller nicht abräumen: Die Kinder registrieren alles. Aus der Nummer kommen wir nicht mehr raus. Wir sind Vorbilder, sowohl in Situationen, in denen wir unsere Werte vermitteln wollen, als auch in unseren schwachen Momenten, wenn wir etwas tun, was gute Vorbilder besser lassen sollten.

Diese Schwächen ereilen uns auch in unvorhergesehenen Situationen. Mein jüngerer Bruder bekam in den Neunzigern eine Playstation. Nächtelang haben wir das Fußballsimulationsspiel FIFA gezockt. Irgendwann habe ich die Bedienung in die Ecke gepfeffert. Seitdem habe ich um Spielekonsolen, Gameboys und dergleichen einen riesigen Bogen gemacht. Dann kam Weihnachten 2019. Trotz großer Bedenken haben wir unserem Sohn eine Playstation geschenkt. Allerdings setzten wir ihm ein tägliches Zeitlimit, das er auch ohne großes Murren einhält. Der Einzige, der sich an kein solches Limit hielt und mehrmals bis tief in die Nacht mit dem Ding spielte, war ich. 

Wer lange genug überlegt, findet wahrscheinlich Dutzende Momente, in denen er als Vorbild versagt hat. Vielleicht ist es ein Trost, dass es umgekehrt auch nicht immer funktioniert. Wer versucht, mit gutem Beispiel voran zu gehen, ist nicht automatisch auf der Erfolgsspur, egal wie überzeugt er ist, gerade genau das Richtige zu tun. Vor knapp zwei Jahren musste ich das lernen, als ich meinen Sohn zur Schule brachte: Im Flur vor dem Klassenraum herrschte größerer Trubel als sonst. Kinder riefen aufgeregt durcheinander: „Habt ihr schon gehört? Wir haben einen Neuen!“ „Der heißt Lennox.“ „Echt? Krass!“ Aus der Klasse ertönte plötzlich ein markerschütterndes Geschrei: „Ich will nicht hierbleiben!“ Die gedämpfte Stimme einer Mutter war zu hören. Sie versuchte vergeblich ihr Kind zu beruhigen. Ich betrat entschlossen den Raum. Schließlich war ich als Elternvertreter der Meinung, meine Hilfe werde benötigt. Vorne am Lehrerpult stand ein in Tränen aufgelöster Junge, der sich an seine hilflose Mutter klammerte. Daneben stand der genervte Lehrer. Ich sprach die Mutter an, denn ich erkannte sie wieder. „Hallo! Mensch, wir haben uns doch am Wochenende auf dem Spielplatz gesehen. Dann ist ihr Sohn jetzt bei uns.“ Sie sah mich an, sagte aber nichts. Ich lächelte dem Jungen zu: „Sag mal, kennst du schon Theo, meinen Sohn?“

Der Junge hörte auf zu weinen und schaute mich stirnrunzelnd an. „Ich hole ihn mal“, sagte ich und drehte mich zu meinem Kind um, das gerade in seinem Ranzen kramte. „Theo, komm doch mal her und begrüße deinen neuen Mitschüler.“ Der Angesprochene zuckte mit den Schultern und setzte sich in Bewegung. Er ging aber nicht in unsere Richtung, sondern zu einem blonden Jungen, der ruhig an seinem Tisch saß und das Geschehen beobachtete. „Nein, hierher, Theo!“ Wieder zuckten die Schultern des Kindes. Er schlurfte dann zu dem Jungen, der sich immer noch an seine Mutter klammerte und sagte: „Hallo Lukas.“ „Hallo Theo“, schniefte der andere. Ich drehte mich zu dem Lehrer um und flüsterte: „Ist das gar nicht der Neue?“ „Nein“, erwiderte dieser in normaler Lautstärke, „Lennox sitzt da vorne.“ Ich drehte mich zu dem Blonden um, der immer noch still und friedlich auf seinem Platz saß. Ich verabschiedete mich von der Mutter, strich meinem Sohn über den Kopf, klopfte dem Lehrer auf die Schulter, vermied dabei jeglichen Blickkontakt und stahl mich aus dem Raum. Dann doch besser heimlich Lakritz naschen.  

Ich habe mich inzwischen damit abgefunden, nicht das perfekte Vorbild zu sein. Ich habe meinen Frieden mit mir selbst gemacht. Ich bin einfach nicht perfekt. Darum begegne ich meinen eigenen Verfehlungen mit Gelassenheit und auf unterschiedliche Weise. Humor hilft dabei, aber auch ganz konkrete Maßnahmen. Die Playstation steht seit ein paar Monaten im Gästezimmer im Keller. Seitdem habe ich sie nicht mehr angerührt und unser Sohn spielt nur noch sehr unregelmäßig. Neulich habe ich bemerkt, dass er sich heimlich Süßigkeiten aus dem Schrank stibitzt. Statt zu schimpfen – was auch nicht ohne Bauchschmerzen gegangen wäre – habe ich ihn gefragt, ob er sich Süßigkeiten genommen habe und ihm dann ganz ruhig erklärt, dass wir keine neuen kaufen, wenn im Schrank keine mehr sind. Er hätte dann auch nichts Süßes mehr für die Pausendose. Ich glaube, es hat funktioniert.

08. Sep. 2020
von Matthias Heinrich
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01. Sep. 2020
von Sonia Heldt
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Ein sehr spezielles Alter

Halb Kind, halb Heranwachsende: Die Übergangsphase läuft nicht ohne Reibungsverluste ab.

Es ist nicht mehr von der Hand zu weisen: Maya wird in diesem Monat dreizehn und steckt schon mitten in der P … – Nein! Stopp! Ich darf dieses Wort nicht schreiben! Ich darf es nicht einmal aussprechen. „Wehe, Mama, wenn du dieses Wort noch einmal sagst!“, faucht Maya, sobald ich eine Erklärung für die Veränderungen, die sich langsam aber sichtbar bei ihr ankündigen, abgeben will: „Weißt du, das ist einfach so, dass man das Haar öfter waschen muss in der …“  Sie wirft mir einen drohenden Blick zu und ich verstumme augenblicklich.

Maya will nichts hören von körperlichen oder seelischen Veränderungen. Sie hasst Veränderungen so sehr! Seit sie denken kann, frühstückt sie immer das Gleiche: Brot mit Himbeermarmelade, ein Glas Wasser und Kakao. Es darf nur Himbeermarmelade sein, keine Erdbeer-, Aprikosen- oder Waldfruchtmarmelade. Und der Kakao muss unbedingt die richtige Mischung aus Milch und Pulver haben. Deswegen muss ich ihn anrühren, denn nur ich bekomme die perfekte Mischung für sie hin. Feiertage wie Geburtstage, Ostern und Weihnachten müssen jedes Jahr gleich ablaufen, sonst sind diese Tage für Maya nicht das, was sie sind. Keine Experimente! „Aber es gibt doch immer Raclette Heiligabend. Warum sollten wir dieses Jahr etwas anderes essen?“ oder „Wo ist die CD mit den Kinder-Geburtstagsliedern, die du an meinem Geburtstag immer morgens laufen lässt? Die will ich auch dieses Jahr hören.“ Sie trägt seit Jahren einen dunkelblauen Wintermantel. Sobald der Mantel mal wieder zu klein geworden ist (und das ist er fast jedes Jahr), begeben wir uns auf die Suche nach einem ähnlichen Modell. Wie blöd, dass man aus Kleidung rauswächst. Was soll das überhaupt? Warum kann nicht einfach alles so bleiben wie es ist?  

Und nun ist es ausgerechnet Maya selbst, die sich verändert. Das macht ihr schwer zu schaffen, denn sie hat keine Chance gegenzusteuern. Sie kann ihre Barbie-Sachen aus dem Keller holen, aufbauen und sich vornehmen, ein paar Stunden damit zu spielen. Aber dann merkt sie, dass ihr die kindliche Unbefangenheit und die Freude am Spiel mit den Puppen verlorengegangen ist, und sie fängt an nachzudenken, warum das so ist. Selbst die Treffen mit den Freundinnen gestalten sich plötzlich anders. Letzte Woche hat sie sich mit ihrer besten Freundin aus Grundschulzeiten getroffen. Als ich Maya abholte, ließ sie sich frustriert und traurig in den Autositz fallen. Ich versuchte herauszubekommen, was los war, und sie sagte: „Ich kann es nicht erklären. Alles ist nun so komisch zwischen Marie und mir. Es ist, als hätten wir alle Spiele, die es gibt, schon ausgespielt. Und nun wissen wir nicht mehr, was wir miteinander anfangen sollen.“  Ich versuchte ihr zu erklären, dass sich nicht nur die eigenen Interessen, sondern auch die Beziehungen zu Freunden und Familie im Teenageralter verändern. Maya nickte frustriert und verstand. Schließlich hat sie diese Veränderung bei ihrer großen Schwester Lara (inzwischen 16) hautnah miterlebt. „Hoffentlich werde ich später nicht auch so doof wie Lara“, betont Maya in letzter Zeit oft. Maya möchte kein halbstarker Teenager wie Lara werden, die nonstop am Telefon hängt, nur noch an Klamottenkäufe und die nächste Party denkt und sich zu cool für diese Welt fühlt. Die Vorstellung, sie könnte später ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legen, findet sie schrecklich.

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01. Sep. 2020
von Sonia Heldt
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25. Aug. 2020
von Chiara Schmucker
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Und ewig tropft der Klebstoff

Sauber Kleben - die Kür des Bastelns und für manche ein Graus. Manchmal auch für die Außenstehenden.
Sauber kleben – die Kür des Bastelns und für manche ein Graus. Manchmal auch für die Außenstehenden.

Ich bekenne: Ich hasse Basteln. Das Geräusch, wenn eine Schere sich ihren Weg durch Tonpapier bahnt, verursacht mir Gänsehaut, die winzigen sichelförmigen Schnipsel am Boden (und sie landen immer am Boden, egal, wie viel Mühe man sich gibt), weil es einem eben doch nur mit Korrekturschnitten gelingt, eine halbwegs gerade oder gar runde Fläche auszuschneiden, sind mir ein Gräuel. Doch die Abneigung besteht auch umgekehrt, ich schwöre es. Wenn ich dem Transparentpapier nur nahe komme, reißt es sofort ein, die Schere stellt sich stumpf, der Bleistift versteckt sich.

Meine Aversion gegen alles, was mit Kleber, Schere und buntem Karton zu tun hat, bestand nicht immer. Früher war ich sogar einmal in einer Bastel-AG. Doch die bedauernden Blicke der anderen Kinder, Jugendlichen und Mütter haben mich eines Besseren gelehrt. Meine Mutter hat meine selbstgebastelte Brosche nie getragen, der Aschenbecher aus Ton ist längst irgendwo im Garten als Übertopf verrottet. Schaue ich mir heute meine „Kunstwerke“ aus dem Kindergarten an, wird mir klar, dass die Vögelchen in der Walnussschale und Schneemänner aus Watte eher den Händen meiner kreativen Erzieherinnen entsprungen sind als meinen. Meine „befriedigenden“ Kunstarbeiten aus der Schule habe ich neulich tutto completti in den Mülleimer befördert, als ich mein Kinderzimmer ausgeräumt habe, weil ich mich so geschämt habe, so viel Zeit und Hingabe in etwas gesteckt zu haben, was andere dann bestenfalls mittelmäßig fanden. Nur bei den Sonnenblumen von van Gogh habe ich kurz gezögert, denn ich hatte mein Werk damals wunderschön gefunden und war so stolz auf die gefälschte Signatur. Meine Lehrerin sah das anders. Also: Weg mit der Schmach!

Ich habe mir eines geschworen. Mich nie wieder wegen so etwas demütigen zu lassen. Die weiteren Bilder für den Kunstunterricht habe ich mir von begabteren Freunden zeichnen lassen. Und: Ich habe nie wieder etwas gebastelt. Nur einmal habe ich mich breitschlagen lassen, für mein Patenkind die Taufdeko zu übernehmen. Nicht nur die Mutter des Täuflings hat es bereut (und in stundenlanger Nachtarbeit „nachgebessert“).

Aber ich dachte: Es gibt Wichtigeres.

Bis ich Mutter eines Kita-Kinds wurde.

Erstes Kind, erster Kita-Herbst, erste Einladung: „Wir basteln Laternen.“ Ich habe fast geheult. Ich war so hin- und hergerissen zwischen meinem Wunsch, nicht hingehen zu müssen, und meiner Befürchtung, dass alle Eltern beim gemeinsamen Laternelaufen sehen würden, dass mein Sohn der einzige mit einer gekauften Laterne ist. Sie würden die falschen Schlüsse ziehen („Klar, die Eltern arbeiten ja auch beide voll“) und uns alle drei mitleidig ansehen. Das ist natürlich Quatsch, wahrscheinlich interessierte es keinen, aber so fühlte ich mich. Ich wollte nicht die schlechteste Mutter des Universums sein, aber auch um keinen Preis hingehen.

Mein Mann ist schließlich hingegangen – und hat eine wundervolle und sehr exzentrische Laterne gebastelt. Ich bin fast geplatzt vor Stolz. Ich weiß die Laternenkarriere unseres Sohns also in sicheren Händen. Und gewinne mit meinem Sohn doch ziemlich viel Selbstbewusstsein zurück. Ich male riesengroße Pferde, Traktoren, Fahrräder, Hunde und Wolken auf meine Terrasse – und ich schwöre es, aus dem zweiten Stock sehen die richtig gut aus! Ich knete mit Salzteig und verschenke die Ergebnisse („hat der Max für dich gemacht“), ich trickse beim Geburtstagskuchen und zaubere aus gekauftem Kuchen, runden Keksen und Schokoglasur einen Traktor. Die Verwandtschaft war beeindruckt! Ich stöbere mich durch Do-it-Yourself-Chats und habe einige Bastelmuttis auf Instagram abonniert (seither weiß ich, dass auch sie beim Kleben klecksen – sie wissen nur, wie man das später kaschiert). Während des Corona-Lockdowns habe ich aus Karton eine Parkgarage für die Matchboxautos kreiert. Ich baue Autowaschanlagen aus Duplo und Duplexgaragen aus Klorollen. Ich bastle Fracht für Traktor und Müllauto aus Pappe und Zellstoff  – und habe richtig Spaß dabei. Ich denke mir inzwischen: Ich habe ein Kind geboren – was kümmern mich da so ein paar windschiefe Kanten, Klebstoffflecken oder knitterige Seiten. „Sei frech und wild und wunderbar“ pinnen sich doch alle überall dran oder tragen den Satz auf ihrer Kaffeetasse. Ich bin frech und wild und wunderbar, ha!

Bald hat Max Geburtstag. Er wird zwei. Ein kleines Tütchen mit einer kleinen Überraschung für alle Kita-Kinder ist da Pflicht. Yellas Mutter hat neulich (angeblich mit Yella zusammen) für jedes Kind ein Salzteigtierchen ausgestochen, gebacken und bemalt. Ich habe eine bessere Idee: Ich kaufe für jedes Kind einen Stift, einen kleinen Notizblock und eine Luftschlange zum Aufpusten – sollen sie sich doch selbst was Hübsches basteln. Sieht dann auch besser aus als von mir. Und macht außerdem höllisch viel Spaß!

25. Aug. 2020
von Chiara Schmucker
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18. Aug. 2020
von Sonia Heldt und Anneli Pereira und Tanja Weisz und Chiara Schmucker
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Ist das überhaupt richtiger Urlaub?

Auf in den Pool: Urlaub in Griechenland

Griechenland, Kreta: Raki, türkisblaues Meer und Zickenkrieg

Wir wollten unsere Reise nach Kreta auf jeden Fall antreten, sollte Covid-19 es halbwegs zulassen. Wir hofften auf leere Strände, leckeres griechisches Essen und einen reibungslosen Verlauf. Die Anreise funktionierte anfangs nicht ganz so reibungslos: Der Flieger ging um 6 Uhr morgens. Das machten Mayas (12) Kreislauf und ihr Reisefieber nicht mit. Maya hatte die letzten Tage vor Abflug damit verbracht, darüber nachzudenken, was passieren würde, wenn unser Flugzeug abstürzt. Man wäre bei der Höhe definitiv tot, während man – ihrer Meinung nach – bei einem Autounfall noch gerettet werden könnte. Wir flößten ihr ein Mittel gegen Reiseübelkeit ein und kamen verspätet und hektisch am Flughafen an.

Der Flug mit Mund-Nasen-Schutz und die Einreise nach Griechenland gestalten sich dagegen unkompliziert. Ein Beamter warf am Flughafen in Heraklion einen schnellen Blick auf unsere QR-Codes und wies uns den Weg, an der Corona-Test-Station vorbei, Richtung Gepäckausgabe. Unser Urlaub konnte starten!

„Hier sieht es aus wie im Bilderbuch“, waren Laras erste Worte, als wir vor unserem charmanten, familiengeführten Strand-Hotel standen (ihr zweiter Satz lautete: „Wie iss’n der WLAN Code?“). Das Meer schimmerte türkisblau und beim Abendessen auf der großen Außenterrasse konnten wir jeden Abend beobachten, wie die Sonne im Meer zu versinken schien. Die Insel war nicht ausgestorben, aber doch merklich leerer als normal. Nicht ganz so bilderbuchmäßig gestaltete sich das Verhältnis meiner Töchter zueinander. Klar, wir waren darauf vorbereitet. Warum sollte es im Urlaub anders laufen als zu Hause? Die Mädels sind sich momentan altersbedingt überhaupt nicht grün.

Aber es gab auch harmonische Familien-Momente, wie dieser eine Abend auf unserer Hotelterrasse. Ein griechisches Duo spielte (schlechte) Live-Musik und Maya packte ihre Uno-Karten aus. „Spielst du auch mit?“, fragte ich Lara wenig hoffnungsvoll. Doch sie nickte überraschenderweise. An diesem Abend kam es zu keinem einzigen Schlagabtausch oder Zickenkrieg. Wir gaben Zitate unserer Lieblingsfilme zum Besten und Maya sagte: „Weißt du noch, Lara, vor fünf Jahren auf Kreta? Ich habe dir Mamas Glas mit Raki zu trinken gegeben, weil ich dachte, es wäre Wasser.“ Und dann erinnerten sie sich an vergangene Schwesternerlebnisse und alte Spiele und lachten miteinander.

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18. Aug. 2020
von Sonia Heldt und Anneli Pereira und Tanja Weisz und Chiara Schmucker
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13. Aug. 2020
von Matthias Heinrich
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„Heute könnt ihr Geschichte schreiben!“

Manchmal prallen die Dickschädel aneinander: Vater und Sohn beim Fußball

„Halt die Fresse, Sandmann!“ schallte es über den Schlackeplatz. 22 Leute auf dem Spielfeld und etwa genauso viele daneben erstarrten. Das Spiel stoppte. Die Worte schallten über die Sportanlage. Sie flogen über den wie immer im November gesperrten Rasenplatz nebenan. Dort donnerten sie gegen die Banden, auf denen ein Klempner, ein Versicherungsvertreter und ein Taxiservice für sich warben. Sie prallten ab wie ein satter Lattenschuss und kamen als blechernes Echo zurück. Drei, vier Sekunden lang sagte niemand ein Wort.

Das war im Herbst 1985. Wir waren elf, zwölf Jahre alt und spielten Fußball. Sandmann, der hier so heftig beleidigt wurde, war der Vater eines Mitspielers. Außerdem war er Betreuer unserer Mannschaft. Bei jedem Spiel war er dabei. Sandmann war im Grunde kein schlechter Kerl. Aber sobald der Ball rollte, veränderte er sich. Dann verwandelte er sich in einen schlimmen Motzer. Ziel seiner Beschimpfungen waren zu neunzig Prozent wir, „seine“ Mannschaft.

Sandmann stammte aus dem Ruhrgebiet, arbeitete in einer Schlachterei und war mit dem Organ eines Marktschreiers ausgestattet. Seine Wortwahl war im Grunde nicht für Kinderohren bestimmt: „Spiel ab, du Idiot!“ „Scheiß-Pass!“ „Da ist meine Omma ja schneller, du Schlappschwanz!“ „Hast du gestern gesoffen?“ So kommentierte er unsere Aktionen auf dem Spielfeld. Er sprach uns dazu grundsätzlich mit Nachnamen an. Sandmann hätte die Rolle eines überzeichneten Fußballfans in einem Peter Thorwarth-Film übernehmen können. Für uns war er aber Realität. Wir hatten Angst vor ihm.

Seit dem Sommer hatte Sandmann seine Schimpftiraden auf uns abgelassen. Niemand hatte etwas dagegen gesagt. Er hatte seinen Sohn, jeden einzelnen von uns und oft auch den Schiedsrichter beleidigt. An diesem Abend im Herbst änderte sich das. Sven, unser bester Stürmer, hatte durch irgendeine Aktion Sandmanns Zorn auf sich gezogen und war beschimpft worden. Da war dem Jungen der Kragen geplatzt: „Halt die Fresse, Sandmann!“ Der gesamte Frust der Mannschaft brach sich in diesen Worten Bann. Es war wie ein großes, stummes: „Endlich!“.  

Vom Schiedsrichter bekam Sven die gelbe Karte. „Du unverschämter Bengel, ich hätte dich vom Platz geschmissen dafür“, schnauzte ihn Sandmann wenig später in der Kabine an. Bedrohlich hatte er sich vor Sven aufgebaut. Unser Trainer, ein ruhiger Typ, ging endlich einmal dazwischen und warf ihn raus. Sandmanns Sohn, ich weiß es noch genau, saß still in einer Ecke und schämte sich. Ich schwor mir, dass ich niemals so werden würde, sollte ich einmal einen Sohn haben, der Fußball spielt.

Im Rückblick denke ich, Sandmann hat es im Grunde gut gemeint. Er fuhr uns zu den Auswärtsspielen, übernahm die Betreuung, besorgte uns Getränke, gab mal eine Pommes aus und organisierte die Abschlussfahrt. Aus irgendeinem Grund musste er ständig schimpfen und motzen. Wahrscheinlich musste er auf diese Art irgendetwas kompensieren. Er konnte einfach nicht aus seiner Haut.

Heute, knapp 35 Jahre später, spielt mein siebenjähriger Sohn Theo Fußball und ich bin sein Trainer. Es vergeht kaum ein Training, bei dem wir zwei uns nicht irgendwie in die Wolle kriegen. Ich benutze keine Kraftausdrücke wie Sandmann, aber ich sage ihm, wenn er etwas besser machen könnte. Theo dreht sich dann um und schimpft: „Mann, Papa!“ Mich nerven diese Situationen. Theo spielt gut. Er ist schnell, kann prima dribbeln und schießen, ist aber zu eigensinnig. „Spiel bitte ab, Junge!“ ermahne ich ihn. Mit ihm bin ich ungeduldiger als mit anderen Kindern, das gebe ich zu.

Mein Ton verhindert eine konstruktivere Ebene zwischen uns. Mir ist das bewusst. Ich weiß aber nicht, wie ich das ändern kann. Dabei bin ich glücklich und stolz, dass Theo Fußball spielt. Als er mit noch nicht einmal fünf Jahren sein erstes Tor erzielte, musste ich ein paar Glückstränen verdrücken. Nach unserem Umzug von Berlin nach Franken hat er im neuen Verein schnell neue Freunde und Anerkennung gewonnen. Inzwischen schauen wir sogar gemeinsam Sportschau.

Wenn Theos Mannschaft ein Spiel hat, ist es am schlimmsten. Dann stehe ich an der Seitenlinie, gebe Anweisungen, fiebere mit, feuere an und schimpfe. Warum kann ich nicht ruhig bleiben? Der Junge spielt in der F-Jugend, nicht in der Bundesliga. Es geht um nichts, außer um Erfolgserlebnisse und Spaß. Trotzdem: Ich bin so ein typischer Fußballvater, laut, parteiisch und viel zu emotional. Ich sehe mir selbst dabei zu und sage kopfschüttelnd: „Genauso wolltest du nie werden.“ Ich denke an Sandmann.

Zu meinem Glück bin ich nicht allein. Unser Trainerteam besteht aus vier Vätern. Jeder hat einen Sohn in der Mannschaft. Und jeder ist mit seinem Kind besonders ehrgeizig und streng. Der Geduldsfaden ist kürzer als bei den anderen Jungen. Gleichzeitig schalten die Söhne bei den eigenen Vätern schneller in den Contra-Modus. Es eskaliert zwar nie, aber es wird schon laut und manchmal fließen Tränen. Jeder von uns Vätern will es beim eigenen Kind besonders gut machen.

Im Winter spielte das Team um die Hallen-Kreismeisterschaft. Ich war nur Zuschauer. Zwei andere Väter bildeten das Trainerteam. Das erste Spiel endete 0:0. Danach kam Theo niedergeschlagen zu mir: „Jetzt können wir nicht mehr Geschichte schreiben, Papa.“ Ich fragte nach, was er damit meinte. Er sagte, das hätte einer der Trainer gesagt: „Jungs, heute könnt ihr Geschichte schreiben!“ Ich beruhigte Theo und sprach den Kollegen darauf an. Er bedankte sich für die Rückmeldung und gab zu, es bei der Kabinenansprache mit der Motivation etwas übertrieben zu haben. Vor dem nächsten Spiel sagte er den Kindern, sie sollten das mit der Geschichte vergessen und einfach Spaß am Spiel haben. Am Ende gewannen sie die Kreismeisterschaft.

Diese Art von Teamwork haben wir vier inzwischen ausgebaut und verfeinert: Droht eine Vater-Sohn-Situation zu eskalieren, wechseln wir. Der eine übernimmt die Trainingsgruppe des anderen. Der Effekt ist sofort spürbar. Trainer und Spieler konzentrieren sich auf Fußball. Die Kinder sind offener. Sie nehmen die Anmerkungen des neutralen Trainers besser an. Auch wir Trainer nehmen es locker, wenn Übungen anders laufen als geplant.

Außerdem hilft der Blick auf andere: Mein Freund Sven trainiert seinen Sohn schon seit Jahren. Auch er ist emotional, aber immer souverän und freundlich dabei. Das Verhältnis zu seinem Sohn und zur ganzen Mannschaft ist frei und unbelastet. Die Jungen folgen ihm. Sven vermittelt immer Spaß, greift aber auch durch, wenn es sein muss. Macht ein Kind während des Trainings Quatsch, muss es Liegestütze machen. Sven entschärft die Situation aber jedes Mal mit einem Scherz. Er führt nie einen Jungen vor, sondern nimmt alle mit. Seine Erfahrung hat er in der Jugend gemacht: Es ist der Sven, der Sandmann im Herbst 1985 auf einem Schlackeplatz zum ersten Mal Kontra gab.

13. Aug. 2020
von Matthias Heinrich
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04. Aug. 2020
von Anneli Pereira
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Warum Zwillinge auch mal getrennt werden sollten

Zwei gleich alte Jungs – sollten die alles zusammen machen? Auf keinen Fall, finden Entwicklungspsychologen.

„Unfair“ ist das neue Lieblingswort meines Sohnes Tiago. Er benutzt es ununterbrochen. Denn das Leben ist für ihn derzeit vor allem eins: Ungerecht. „Unfair, der Fabian hat eine Scheibe Brot mehr als ich! Unfair, wieso darf ich nicht neben Mama sitzen? Unfair, ich wollte zuerst in die Badewanne.“

Natürlich versuche ich meine Zwillingsjungs so gleich wie möglich zu behandeln. Geschenke gibt es meistens für beide, Eis sowieso, und spiele ich mit Tiago eine Runde „Verrücktes Labyrinth“, hat natürlich auch Fabian Anspruch auf eine exklusive Spieleinheit nur mit mir. Irgendwann verliere ich aber den Überblick. Um absolut gerecht handeln zu können, müsste ich Buch führen über Sitzordnungen, wer wann zuletzt das gelbe Mickey-Mouse-Shirt getragen hat und wie viele Küsschen ich an wen verteilt habe. Kleinigkeiten, die ich längst vergessen habe, wissen meine Kinder noch ganz genau. Und wenn irgendwo ein Ungleichgewicht zu Tage tritt, lässt die Empörung nicht lange auf sich warten: „Unfair!“

Dass sich Geschwister untereinander vergleichen, kennen wohl alle Familien. Bei Zwillingen ist die Situation extremer. Zwei Kinder, gleiches Alter, in unserem Fall auch mit dem gleichen Geschlecht, den fast ausschließlich gleichen Interessen, Spielkameraden und Vorlieben. Da fällt es manchmal schwer, die beiden nicht als Einheit anzusehen und sich nur auf ein Kind zu konzentrieren. Wie oft ertappe ich mich dabei, dass ich Tiago und Fabian nicht mit ihren Namen anspreche, sondern einfach rufe: „Freunde, räumt bitte euer Zimmer auf!“

Dabei sind die beiden bei genauerer Betrachtung ziemlich unterschiedlich. Sie kamen zwar am gleichen Tag mit einem Abstand von nur einer Minute auf die Welt, doch dann hören die Gemeinsamkeiten schnell auf. Tiago: dunkelhaarig, olivfarbene Haut, braune Augen. Und Fabian: hellhäutig, blau-grüne Augen und mit einem blonden Flaum auf dem Kopf. Es dauerte keine zwei Nächte, und mein Mann und ich konnten die beiden am Sound ihres Schreiens erkennen. Meistens war es sowieso Fabian, der schrie. Tiago schlief mit drei Monaten bereits acht Stunden am Stück. Sein Bruder hingegen wachte noch mit drei Jahren alle vier Stunden auf. Mit elf Monaten trippelte wiederum Fabian bereits durch die Wohnung und rief „Tor“, während Tiago seine ersten Schritte mehr als ein halbes Jahr später mit 18 Monaten machte. Mit zweieinhalb legte Fabian seine Windel ab, Tiago erst sechs Monate später. Natürlich durchlief er die gleiche Sauberkeitserziehung (ein schreckliches Wort!) wie sein Bruder, aber es klappte einfach nicht. Als Tiago dann drei Jahre alt war, sagte er eines morgens zu mir: „Mama, ich will heute keine Pampers, sondern eine Unterhose.“ Von da an war das Thema erledigt. Er hatte einfach beschlossen, aufs Klo zu gehen. Was man in jedem Buch über kindliche Entwicklung nachlesen kann, hat sich bei uns bewahrheitet: Jedes Kind hat sein eigenes Tempo.

Solange die Kinder die Unterschiede nicht wahrnehmen ist ja auch alles gut. Schwierig wird es zum Beispiel dann, wenn der gleich alte Bruder schon besser Fahrradfahren kann als man selbst. Fabian radelt bereits ziemlich gut. Das 16-Zoll-Kinderfahrrad ist für ihn mittlerweile viel zu klein. Eigentlich wollten wir am Wochenende daher nur mal schauen, ob er vielleicht schon bereit ist für ein 20-Zoll-Rad mit Gangschaltung und ohne Rücktritt. Ehe wir’s uns versahen, standen wir bereits an der Kasse mit einem super coolen großen Jungsfahrrad. Fabian konnte sein Glück kaum fassen und strahlte, als hätten wir ihm gerade erzählt, dass es ab sofort jeden Tag Pancakes zum Frühstück gibt. Sein Bruder Tiago machte hingegen ein Gesicht wie Rosenkohl. „Unfair, wieso kriegt der Fabian ein neues Fahrrad und ich nicht?“

Natürlich durfte Tiago auch ein großes Rad ausprobieren. Doch obwohl er genauso groß ist wie sein Bruder, schlenkert er noch sehr unsicher auf zwei Rädern durch die Gegend. Es macht noch keinen Sinn, ihm ein größeres zu kaufen. Aber erklären Sie das mal einem Fünfjährigen. Kann ich ihm es also zumuten, dass er dieses Mal leer ausgeht und ihn vertrösten, dass er ein neues Fahrrad bekommt, sobald er damit fahren kann? Ich finde schon. Mehr noch, ich finde es sogar wichtig, dass auch Zwillinge die Erfahrung machen, dass sie nicht immer beide das Gleiche bekommen. Bei „normalen“ Geschwistern ist das ja auch nicht anders. Zumindest meistens. Ich habe aber auch schon oft die Situation erlebt, dass am Geburtstag oder auch der Einschulung des großen Bruders der kleinen Schwester auch ein Geschenk gemacht wird, damit sie nicht enttäuscht oder traurig ist. Muss das sein? Ich finde nicht.

Nun könnte der Eindruck entstehen, dass Fabian so viel weiter ist und sein Bruder in seinem Schatten steht und zurückstecken muss. Dem ist glücklicherweise nicht so. Ja, Tiago war in allen motorischen Entwicklungsschritten bis jetzt immer etwas hinter seinem Bruder her, dafür ist er aber kognitiv bereits weiter. Manchmal bin ich selbst erstaunt über seine Gedankengänge und Rückschlüsse auf die Welt, das Leben und sogar den Tod. Er weiß, was er will und lässt sich nicht so schnell aus dem Konzept bringen. Wenn ich hingegen Fabian frage, welche Eissorten er in seine Waffel haben möchte, antwortet er mit einer Gegenfrage: „Was will denn der Tiago?“ So ist das bei vielen Dingen. „Will der Tiago auch Fußball spielen? Welches T-Shirt hat der Tiago heute an?“ und so weiter und so fort.

Gerade weil er alles genau so machen möchte wie sein Zwillingsbruder, planen wir, die beiden nächstes Jahr in zwei getrennte Klassen einschulen zu lassen. Einfach wird das sicher nicht. Ich würde mir wahrscheinlich viel Stress und Organisation ersparen, wenn Fabian und Tiago in dieselbe Klasse gingen. Für ihre Entwicklung ist es aber sicher besser. So werden sie nicht von Anfang an als die „Zwillinge“ wahrgenommen, sondern als zwei Individuen. Sie sollen unabhängig voneinander Freundschaften schließen, Hobbys entwickeln und lernen können. Und irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft sind es dann eben Tiago und Fabian, zwei Brüder und nicht: die Zwillinge.

Bis dahin haben wir aber noch ein wenig Zeit. Das eine oder andere Entwicklungsgespräch in der Kita steht noch an. Natürlich werde ich mich auch hier von den Pädagogen beraten lassen. Damit der Einschnitt dann auch nicht zu groß wird, nehmen mein Mann und ich uns immer wieder vor, Dinge getrennt mit den Kinder zu unternehmen und sie auch eigene, individuelle Erfahrungen machen zu lassen.

Das fängt beim exklusiven Eisessen oder Fahrradfahren mit Papa an und hört beim Play-Date für nur einen Zwilling auf. Meistens werden Tiago und Fabian natürlich gemeinsam zum Spielen eingeladen. Allzu oft kommt das aber auch nicht vor. Denn wer sich zum eigenen Kind noch zwei weitere nach Hause einlädt, hat die Bude nicht nur voll, sondern in Nullkommanix auch auf dem Kopf stehen. Wie sagte Andy Warhol mal so treffend: „Einer ist Gesellschaft, zwei sind eine Menge und drei sind eine Party.“

Bei drei Kindern entsteht meistens, ob man will oder nicht eine Dynamik, die nur schwer zu durchbrechen ist. Spielen anfangs noch alle in trauter Dreisamkeit, kommt irgendwann der Moment, an dem die Stimmung kippt und sich zwei gegen den anderen verbünden. Ich wünsche mir auch hier für meine beiden Jungs die wertvolle Erfahrung einer Zweier-Freundschaft. Andererseits: Die haben sie natürlich schon längst gefunden.

04. Aug. 2020
von Anneli Pereira
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28. Jul. 2020
von Tanja Weisz
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Lasst sie ruhig mal schuften!

Hausarbeit statt Taschengeld
Hausarbeit ist kein Spaßbringer, aber lehrreich.

Das Taschengeld und ich, wir haben es miteinander versucht. Eine ordentliche Beziehung wollten wir aufnehmen, uns regelmäßig treffen, jede Woche sonntags, damit ich in einer kleinen feierlichen Zeremonie die abgezählten Münzen an meinen Nachwuchs übergeben konnte: Mein Geld sei nun Dein Geld.

Das Taschengeld war willig, ich konnte oder wollte mich aber irgendwie nicht committen. Ein paar Wochen ging es gut, dann vergaß ich wieder unsere Verabredung, zahlte dann Wochen auf einmal nach. Versuchte mich selbst mit Strafzinsen zu mehr Disziplin zu erziehen, alles erfolglos.

Mein Kind, das offenbar zu ähnlich verantwortungsloser Nachlässigkeit wie ich neigt, vergaß die Verabredungen auch. Dabei ist Taschengeld doch so wichtig, damit Kinder den Umgang mit Geld lernen! So las sich das jedenfalls in den einschlägigen Erziehungsratgebern.

Doch lernen Kinder mit einem Einkommen von 1-2 Euro pro Woche wirklich etwas anderes, als wieviel Brausepulvertüten oder Tauschbildchen man dafür bekommen kann? Ansparen kann man damit ja nicht wirklich etwas und wenn wir zusammen ein Eis essen wollten, hab´ ich es ohnehin bezahlt. Die Sache mit dem Taschengeld schlief also wieder ein – und wurde vom Nachwuchs auch nicht groß nachgefragt. (Genügsam, ich weiß, ein Glücksfall!).

Mit Beginn des Teenageralters brachte meine Tochter das Thema wieder auf die Tagesordnung. Tenor: Alle bekommen Taschengeld, warum ich nicht. In Erinnerung an die guten alten Erziehungsratgeber, kramte ich schon zähneknirschend meine Silberlinge zusammen.

Aber was, so fragte mich eine besserwisserische Stimme in meinem Hinterkopf, lehre ich meiner Tochter da? Dass sie künftig so regelmäßig wie ich mein Gehalt von mir Geld erhält, allerdings völlig ohne Gegenleistung. Während ich gerne mal darauf hinweise, dass Miete, Essen, Klamotten und Urlaub erst durch meine nervenaufreibende Arbeit bezahlt werden kann, soll ich nun mein Kind an ein bedingungsloses Einkommen gewöhnen. Ganz so, als würde das Geld der Eltern auf dem Kirschbaum im Garten wachsen und man könne beliebig davon ernten.

Auf welches Einkommensmodell bereite ich mein Kind da eigentlich vor?

Die größten Kritiker eines bedingungslosen Grundeinkommens in der Erwachsenenwelt malen immer wieder in trüben Farben das Bild vom abgeschlafften Arbeitnehmer, der fortan nur noch in der Hängematte liegt und sich zu absolut keiner wertvollen Erwerbsarbeit mehr aufraffen mag. Wer einen ermatteten Teenager an einem Samstag um 11 Uhr zu wecken versucht, kennt dieses Bild in allen Details. Wo bleibt da der Anreiz für jedwede Tätigkeit?

Ich schloss also die Finger um mein sauer verdientes Geld wieder fester und trat in neue Verhandlungen ein. Dabei halfen mir ausgerechnet ein Paar furchtbar hässliche Schuhe, auf die mein Kind ein Auge geworfen hatte: Schwarze Plateauschuhe mit Teufelshuf und bedrohlichen Spikes am Ende, garniert mit einem roten Stoffherz, das wohl dem Elend noch einen Hauch Harmlosigkeit verleihen sollte. Ich würde ihr diese Schuhe jedenfalls niemals kaufen, aber wenn sie dafür arbeiten wolle, bitte.

Der Glanz in ihren Augen war ein seltenes Schauspiel, ebenso der Elan, den sie seither an den Tag legt: Sie bügelt, sie schrubbt das Bad und arbeitet zuverlässig Wäscheberge ab. Ich bezahle sie für Hilfe bei der Hausarbeit. Nicht bei den kleinen Dingen des Alltags, wie Tisch ab- oder Geschirrspülmaschine ausräumen, Selbstverständlichkeiten also. Aber für all jene Tätigkeiten, für die ich zeitweise auch eine Putzfrau bezahlt habe.  

Netter Nebeneffekt: Das Kind hat den Wert der Hausarbeit kennengelernt. Das ist nicht länger etwas Diffuses, das zwischen Sonnenauf- und bis nach Sonnenuntergang von Eltern auf magische Art und Weise erledigt wird. Meine Tochter kann nun beziffern, wie teuer es ist, wenn jemand anderes die Wäsche für einen macht. Indem man einen Stundensatz vereinbart und dann gemeinsam durchexerziert, wie lange es dauert, bis alle Socken gedreht und die Wäsche nach Farben sortiert ist, wie man die Waschmaschine bedient, danach die Kleidung aufhängt und nach dem Trocknen wieder zusammenlegt und schließlich ordentlich in den richtigen Schrank packt. Jeder Schritt wird in Minutenlänge zerlegt und am Ende addiert.

Das ist heilsam und nicht nur lehrreich für das Kind, sondern auch für die Eltern, die dadurch mal die Stunden zusammenrechnen, die sie so nebenher in den Haushalt investieren. (Ich antworte übrigens seither nie mehr auf die Frage, wie man einen scheinbar ereignislosen Tag verbracht hat, mit „Och, nicht Besonderes“. Ich sage: „Ich hab´ den Haushalt geschmissen. Es ist jetzt wieder sauber, wir haben alle was zu essen und zum Anziehen.“)

Denn auch darauf kommt es an: dass wir unseren Töchtern (und Söhnen, sofern vorhanden) mit auf den Weg geben, dass die ewige Hausarbeit nicht ohne Grund ARBEIT im Titel trägt und etwas ist, das keiner naturgegeben gern so nebenher macht und deshalb keiner weiteren Würdigung bedarf. Dass auch ein „Danke“ dafür manchmal zu wenig ist. Dass man diese Arbeit auch bewerten kann.

Und ich kein schlechtes Gewissen habe, wenn ich dabei auch die angemessenen Opportunitätskosten im Blick behalte: Ich bügele so ungern, dass mir 1 Stunde Freizeit, in der ich nicht bügeln muss, glatt 10 Euro wert sind. Die gebe ich stattdessen meinem Kind, das in der Zwischenzeit alle meine Blusen plättet. 

Win-Win.

Wichtig bei dieser Gleichung ist aber vor allen Dingen eines: Wer weiter den unbezahlten Teil der Hausarbeit macht, Mann oder Frau, sollte sich dafür öfter mal eine Gegenleistung gönnen. Ein familienfreier Abend, eine Massage, ein Restaurantbesuch – alles erlaubt, was als großes „Gut gemacht“ empfunden wird, wo das tägliche „Danke“ meist gewohnheitsmäßig ausbleibt.

28. Jul. 2020
von Tanja Weisz
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23. Jul. 2020
von Sonia Heldt
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Wenn Kinder uns den Spiegel vorhalten

Nicht gleich, aber doch oft verblüffend ähnlich: Genetik ist eine wundersame Angelegenheit.

Wir fahren in den Urlaub und meine Töchter werden sich zwei Wochen lang ein Hotelzimmer teilen, was bei beiden Mädchen nicht auf Begeisterung stößt. Maya (12): „Ich will mit der nicht in ein Hotelzimmer. Lara ist rücksichtslos und unordentlich.“ Lara (16): „Meinst du etwa, ich mache das freiwillig? Maya spinnt doch. Die regt sich über jede Kleinigkeit auf! Als wir uns in Berlin ein Zimmer geteilt haben, hat sie einen Aufstand gemacht, weil ich mein Bett nicht gemacht habe. Ey, das war ein Hotel! Da gab es Zimmermädchen!“ Ich muss lachen. Maya ist schon arg pingelig, aber ich kann ihren Ärger über Lara absolut nachvollziehen. „Mich regt Papas Durcheinander auch ständig auf. Aber da müssen wir alle durch und uns arrangieren“, sage ich.  Maya schmollt. „Kann ich nicht mit dir in ein Zimmer und Papa geht mit Lara in eines? Das würde viel besser passen.“ Ich schüttele den Kopf, obwohl die Idee, Team Chaos in ein Hotelzimmer zu stecken, wirklich nicht schlecht ist. Maya und ich hätten es herrlich ordentlich und mein Mann und Lara könnten wie gewohnt alles rumfliegen lassen und würden sich in ihrem Saustall auch noch wohlfühlen. Die fehlende Ordnungsliebe hat Lara eindeutig von meinem Mann.    

Es ist schon wunderbar, was Mutter Natur so zaubern kann. Zwei Menschen vereinen ihre Gene: 23 Chromosomen schenkt der Vater seinem Kind, 23 Chromosomen die Mutter. Die werden einmal kräftig durchgemischt und heraus kommt ein völlig neuer Mensch. Und obwohl einige Gene dominant sind, wie z.B. dunkles Haar, und einige eher rezessiv, spielt der Zufall eine nicht unwesentliche Rolle. Die Geburt eines Kindes ist daher jedes Mal aufs Neue spannend und aufregend: Welche kleine Persönlichkeit wird da wohl die Welt erblicken? Wird es Mamas große Augen und ihre Sommersprossen erben? Wird es ein Sturkopf wie Papa mit seinen blonden Locken? Oder wird es vielleicht sogar hochmusikalisch wie die Oma?

Als Maya vor zwölf Jahren als mein zweites Kind auf die Welt kam, war mein erster Gedanke: „Sie sieht aus wie Lara.“ Tatsächlich sahen sich meine Töchter bei ihrer Geburt verblüffend ähnlich. Sie können nicht abstreiten, dass sie Geschwister sind, auch wenn sie sich nicht mehr so stark ähneln: Lara ist optisch eher Mama, Maya eher Papa. Sie haben beide exakt die gleiche Haarfarbe (Mama) und die gleichen kleinen Ohren (Papa). Maya hat als einzige von uns blaue Augen, die verstärkt in meiner Familie mütterlicherseits vorkommen. Laras Haut wird im Sommer genauso unverschämt tiefbraun wie die meines Mannes, was Maya und ich neidisch zur Kenntnis nehmen müssen, während wir stattdessen mit sehr trockener Haut kämpfen. Beide Mädchen sind kreativ, fantasievoll, arbeiten gerne mit Sprache, lesen und schreiben viel (Mama). Im Gegenzug liegen ihnen die Naturwissenschaften nicht (Mama und Papa), wobei die Schwäche für Mathe bei der einen mehr (Papa) und der anderen weniger (Mama) ausgeprägt ist.

Lara und ich ticken in sehr vielen Dingen gleich, was nicht immer leicht zu ertragen ist. Es ist nicht schön, den Spiegel vorgehalten zu bekommen, wenn es sich bei dem Spiegelbild um die eigene Tochter handelt. Da erkennt man zuweilen Eigenschaften, die man an sich selbst gerne ablegen würde, wenn man nur könnte. Meine Ungeduld, zum Beispiel, oder meine Ungeschicklichkeit. Ich pflegte als Kind, genau wie Lara, allmorgendlich meinen Kakao umzuschmeißen. Wir kreieren gerne neue Dinge, sind aber immer etwas schlampig in der Ausführung, wenn es um handwerkliche Arbeiten geht. Meistens, weil es uns nicht schnell genug geht. Ich habe beim Zusammenbau eines dämlichen Kinderbrettspiels schon einmal so die Geduld verloren, dass ich das Spiel an die Wand geworfen habe, weil die Kleinteile meine Feinmotorik überforderten. Ich hätte das Spiel am liebsten anschließend noch verkloppt. Nach dem Kochen oder Backen muss ich mich fast immer umziehen und den Boden saugen. Wenn Lara Weihnachtsplätzchen verzierte, kleben Schokolade und Zuckerguss später in der gesamten Küche, in ihrem Gesicht, auf ihren Klamotten und in ihrem Haar. Ihre Kekse dekorierte sie schnell, einfallsreich, aber weniger sorgfältig als ihre geduldige Schwester. Bei Maya wurde jeder einzelne Keks zum Kunstwerk, fast ohne Kleckerei. Mit einer Engelsgeduld und geschicktem Pinzettengriff angelte sie die Zuckerkügelchen einzeln aus der Schüssel und drapierte sie vorsichtig auf den Keks. Mein Mann hat zwar den Pinzettengriff nicht so drauf, aber er ist ebenfalls sehr geduldig. Ihn bringt so schnell nichts aus der Ruhe.

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23. Jul. 2020
von Sonia Heldt
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16. Jul. 2020
von Matthias Heinrich
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Mamas Koffer

Wenn ein Elternteil viel herumreisen muss, kann das auch für den Nachwuchs seelischen Ballast bedeuten.

Wir leben inzwischen seit einem Jahr in Franken. Beim Frühstück läuft trotzdem immer noch der Radiosender, den wir immer in Berlin gehört haben. Es gibt einfach nichts Vergleichbares hier im Süden. Die Musikausauswahl gefällt uns, die Stimmen der Moderatoren sind uns so vertraut wie die Orte in den Beiträgen. Im Verkehrsfunk staut sich der Berufsverkehr noch immer auf den gleichen Straßen wie zu unserer Berliner Zeit. Es ist schön, das alles mitzubekommen. Da ist dieses Gefühl, auch hier in der Provinz noch dabei zu sein, zu hören, was geht und nicht geht in der großen Stadt.

Bevor wir vergangenen Sommer alle hierherzogen, gab es eine Übergangszeit. Ein Dreivierteljahr lang ist meine Frau zwischen Berlin und Franken gependelt. Das war nicht ohne. Für sie, für mich und natürlich auch für die Kinder. Theo, gerade eingeschult, stand kurz vor seinem sechsten Geburtstag, unsere Tochter Tina war noch keine vier Jahre alt. Vor allem für sie muss es rückblickend eine ziemlich schwere Zeit gewesen sein, wie wir neulich feststellen mussten. Tina hatte ein Bild gemalt. Die ganze Familie mit fröhlichen Gesichtern. Als wir sie fragten, was denn das eckige Ding neben ihrer Mutter sei, sagte sie: „Mamas Koffer.“

Ich dachte an die Pendelzeit zurück: Wenn sich meine Frau montags in aller Herrgottsfrühe aus dem Haus schlich, schliefen die Kinder noch. „Wo ist Mama?“ waren Tinas erste Worte nach dem Wachwerden. Es flossen große Tränen, als ich sagte, dass Mama schon im Zug auf dem Weg zur Arbeit säße. Natürlich hatten wir den Kindern abends gesagt, dass ihre Mutter zurück nach Franken fuhr. Sie hatten sich ausgiebig verabschiedet. Theo konnte schnell in den Schulmodus umschalten. Er sagte sich: „So und so viel Mal schlafen, dann ist Mama wieder da“ – und damit hatte es sich. Tina aber benötigte jeden Montagmorgen viel Trost.

Als sei das noch nicht genug, stand die nächste Herausforderung schon vor der Tür: Theo musste um zehn vor acht in der Schule sein und Tina, die morgens immer – auch wenn ihre Mutter da ist – eine gewisse Anlaufphase benötigte, musste mit. Egal, ob wir einen extra Zeitpuffer einplanten, es mit gutem Zureden oder sanftem Druck versuchten, es war fast jeden Morgen ein Gehetze, ein Kampf, ein Krampf. Da passten, wir waren schon auf dem Weg nach unten, auf einmal die Schuhe nicht richtig, die Lieblingspuppe fehlte oder das Kind wollte trotz Minusgraden keine Jacke anziehen. Das alles kostete viel Zeit und noch mehr Nerven. Oft strampelte Tina unter Tränen auf ihrem kleinen Rad neben mir her. Und ich trieb sie noch zur Eile an. Nachdem Theo in der Schule war, brachte ich sie in die Kita. Danach musste ich erst einmal durchatmen, einen Kaffee holen und damit in die S-Bahn steigen, Richtung Mitte, ins Büro.

Wenn ich das jetzt schreibe, denke ich: „Hätte ich den Kaffee mal weggelassen und mir stattdessen mehr Zeit für meine Tochter genommen.“ Anderseits habe ich ihr so viele Nähe und Aufmerksamkeit geschenkt, wie ich konnte. Viele Bücher gelesen, gespielt, gesungen, gekuschelt. Abends bin ich regelmäßig neben ihr eingeschlafen. Trotzdem war ich eben „nur“ ihr Vater, der die Mutter nicht ersetzen konnte. Wie schwer dem Kind die temporäre Trennung zu schaffen gemacht hatte, zeigte sich nach dem Umzug: In der ersten Zeit wich Tina meiner Frau nicht von der Seite. Wenn sie in ihrem Zimmer spielte, rief sie regelmäßig: „Mama, wo bist du?“ Nur eine konkrete Antwort ließ das Kind wieder in die Puppenwelt eintauchen.

Inzwischen hat sich die Lage ziemlich normalisiert. Meine Frau ist für Tina zwar immer noch der Nabel der Welt, aber es geht. Inzwischen kann sie das Haus verlassen, ohne dass das Kind Theater macht. Ich möchte dieses Koffer-Bild auch nicht zu hoch hängen. Aber es zeigt, dass die Pendelsituation das Kind mehr belastet hat, als uns bewusst war. Offenbar hat Tina einen Großteil ihres Frusts hinuntergeschluckt, um uns – in dem Fall mich – zu schützen, weil sie meine Anspannung gespürt hat.

Freunde von uns haben die umgekehrte Erfahrung gemacht. Der Vater, der sonst pendelt, ist Corona-bedingt seit März im Homeoffice. Dadurch hat sich sein Verhältnis zur Tochter verändert. Es ist enger geworden. Sie kommt viel häufiger zu ihm, stellt Fragen, die sie früher ihrer Mutter gestellt hätte, oder will einfach nur schmusen. So oder so: Wenn ein Elternteil pendelt, diese Erkenntnis ist wahrscheinlich keine riesige Überraschung, ist das auch für Kinder eine Belastung. Vielleicht eine größere, als Eltern wahrhaben wollen.

16. Jul. 2020
von Matthias Heinrich
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