Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

30. Nov. 2021
von Matthias Heinrich
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Kinder und Nationalsozialismus: Wann fängt man mit Hitler an?

„Gar nicht“, würde Alexander Gauland sehr wahrscheinlich antworten, wenn jemand auf die Idee käme, ihm diese Frage zu stellen. Schließlich sind diese zwölf Jahre Nationalsozialismus seiner Meinung nach ja nur „ein Fliegenschiss“ in der großen deutschen Geschichte.

Diese Aussage ist ein alter Hut. Ich wollte nur noch einmal daran erinnern, dass ein deutscher Politiker, der immer noch im Bundestag ist, so etwas wirklich gesagt hat. Das Zitat ist mir beim Schreiben dieses Textes sofort wieder eingefallen. Wie alt sollten Kinder sein, wenn man mit ihnen über den Nationalsozialismus spricht?

Der zerstörte Turm der Gedächtniskirche ist eine der vielen heute noch sichtbaren Spuren des Zweiten Weltkriegs in Berlin.
Der zerstörte Turm der Gedächtniskirche ist eine der vielen heute noch sichtbaren Spuren des Zweiten Weltkriegs in Berlin.

Es ist knapp drei Jahre her. Ich sitze mit unserem Sohn Theo, damals sechs Jahre alt, in der Berliner S-Bahn. Wir schauen aus dem Fenster und zählen die Kräne. In Berlin wird viel gebaut. Wir fahren von Mitte nach Westen. Am Hauptbahnhof vorbei, Bellevue, Tiergarten, Zoologischer Garten. Am Ku´damm ruft Theo plötzlich: „Papa, guck mal die Kirche da. Warum ist die kaputt?“ Ich überlege kurz: „Weißt du, da ist eine Bombe reingefallen.“ Mein Sohn macht große Augen. „Warum? Wer hat die Bombe denn da reingeschmissen?“ „Weil Krieg war. Das waren englische Flieger.“ „Warum haben die das gemacht? Waren die böse?“ „Naja, weißt du, eigentlich war Deutschland damals böse. Es wurde von einem Mann regiert, der die ganze Welt beherrschen wollte. Alle sollten so sein, wie er das für richtig hielt. Darum hat er Krieg und großes Unheil über ganz viele Menschen gebracht.“ Theo überlegt. „Wie hieß der Mann?“ „Adolf Hitler.“ „Sind auch Menschen gestorben?“ „Ganz viele. Millionen.“ „Millionen?“ Theo denkt nach. „Und darum haben die die Bombe in die Kirche geworfen? Damit er damit aufhört?“ „Ja, so ungefähr. Toll war das nicht. Dabei sind auch Menschen gestorben, die gar nichts mit dem Krieg zu tun hatten.“ Ich habe Theos volle Aufmerksamkeit. „Weißt du, die Kirche war kaputt. Dann hat man sie repariert, aber das Dach hat man so kaputt gelassen. Es soll die Menschen daran erinnern, dass Krieg etwas Fürchterliches und absolut Sinnloses ist. Die Kirche steht dafür, dass wir nie wieder Krieg führen.“ Theo schaut aus dem Fenster. „Papa, der böse Mann… Adolf Hitler… lebt der noch?“ „Nein, der ist schon lange tot.“ Wie ist er gestorben?“ Ich überlege kurz: „Er hat sich umgebracht.“

Ähnliche Gespräche hatten wir auf Rügen in Prora, in Nürnberg und natürlich an anderen Orten in Berlin. Die Fragen kommen. Warum gab es die Berliner Mauer? Wer hat Prora gebaut und wer das Zeppelinfeld? Warum steht mitten im Treptower Park in Berlin das Sowjetische Ehrenmal? Warum hat Berlin eigentlich zwei Zoos? Es ist nicht möglich, mit Kindern offen durch die Welt zu laufen, ohne auf etwas zu stoßen, das mittelbar oder unmittelbar mit den 12 Jahren nationalsozialistischer Diktatur in diesem Land zu tun hat. Ich wüsste nicht, wie ich das anders erklären könnte, ohne Hitler zu nennen. Soll ich mein Kind anlügen?

Theo ist gerade neun geworden und geht in die 4. Klasse. Neulich hatten wir Elternsprechtag. Ich habe seine Klassenlehrerin gefragt, ab wann man Hitler und den Nationalsozialismus thematisieren sollte. „Das ist jetzt schon Thema bei uns“, antwortete sie. „Als wir in HSU (das ist das Schulfach Heimat- und Sachunterricht in Bayern) vor der Bundestagswahl über die parlamentarische Demokratie gesprochen haben und warum wir sie haben in Deutschland, fiel sofort der Name Hitler.“ Nationalsozialismus sei in der Grundschule noch nicht explizit Thema, aber der Name Hitler fiele schon im Unterricht. Und dann gehe sie darauf ein.  

Ein Tabuthema gibt es für die Klassenlehrerin allerdings: „Über den Holocaust sprechen wir noch nicht. Die Kinder sind neun Jahre alt. Das hat noch Zeit.“ Da bin ich bei ihr. Unser Theo ist extrem sensibel. Er muss noch nicht erfahren, wie Hitler und die Nazis Millionen von Juden in den Konzentrationslagern ermordeten. Wie sie auch Kinder vergasten und Menschen wie Ungeziefer behandelten. Aber wir werden bald darüber reden. Er erfährt es ohnehin irgendwann.  

Auch wenn es einigen Leuten nicht passt: 76 Jahre nach Hitlers Tod und dem Ende dieser Schreckenszeit sind der Nationalsozialismus und seine Spuren in Deutschland gegenwärtig – sichtbar, auch und speziell für Kinder. Überall stehen Bauwerke, die in dieser Zeit oder in der Folge dieser Zeit entstanden. Kinder sind neugierig, sehen Gebäude, lesen Gedenktafeln und stellen Fragen. Mit Fliegenschissen sollte man seine Zeit wirklich nicht vergeuden. Hitler und der Nationalsozialismus gehören nicht dazu.

30. Nov. 2021
von Matthias Heinrich
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23. Nov. 2021
von Chiara Schmucker
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Wie ich mich mit dem Basteln aussöhnte

Wer beim Basteln das richtige Material hat, kann besser seine Phantasie spielen lassen.

In ganz Deutschland werden in diesem Jahr Christbäume ungeschmückt und Geschenke unverschenkt bleiben (Lieferprobleme aus China). Ganz Deutschland? Nein! Ein kleiner Haushalt in der Nähe von Frankfurt leistet Widerstand – und legt einfach selbst Hand an. Schon Ende November sind die Fenster mit Goldsternen geschmückt, Plätzchen gebacken, Wachskerzen gerollt und Weihnachtsdeko an Omas und Opas, Onkel und Tanten geschickt. In diesem Hause leben seit einigen Monaten zwei Bastelfanatiker – mein Sohn Max und ich. Lieferengpässe kümmern uns nicht, wir arbeiten von sechs Uhr früh bis in die Abendstunden.

Wer diese Kolumne öfter liest und mich und meine Familie schon einige Zeit begleitet, wird sich gerade sehr wundern, da ich mich noch im vergangenen Jahr als inkompetente Bastelphobikerin geoutet habe. Tonpapier, Krepppapier und Klebstoff, wir waren uns spinnefeind. Zwei Coronawinter und drei Wellen später bin ich schlauer und muss gestehen: Ich bin geläutert. Im Basteln mit meinem Sohn habe ich meine Berufung gefunden und er seine Erdung.

Doch Schritt für Schritt.

Es begann damit, dass ich für Max eine kleine Bastelschere kaufte, eine, die nur Papier schneidet, damit die Fingerchen des unruhigen Kindes unversehrt blieben. Doch schnell merkte ich: Auch der Spaß blieb damit auf der Strecke. Denn die Schere schnitt nur, wenn sie akkurat im 90-Grad-Winkel auflag. Zackige Kurven waren damit nicht drin. Auch bei Tonkarton, Transparentpapier oder Tesafilm streikte das dumme Ding.

Die Stifte, mit denen ich Max in einen Pappkarton setzte (hatte ich auf Instagram gesehen, der ultimative „So bleibt der Esstisch sauber“-Trick), erwiesen sich als ebenso unbrauchbar. Sie waren auf der dunklen Pappe kaum zu sehen.

Und so stand ich am Scheideweg der künstlerischen Ausübung und gab vollen Einsatz: No Risk no fun an der Bastelfront. Ich besorgte Stifte, die als Mischung aus Bunt- und Wachsmalstift so weich sind, dass sich damit mühelos alle Materialien bemalen lassen, inklusive Finger, Wangen, Tisch und Wand. Glücklicherweise sind sie auch sehr leicht abwischbar. Ich kaufte eine richtige Schere (immerhin mit abgerundeter Spitze), Kleber und weißes Papier und fing an, meine Freundinnen wie einst auf dem Pausenhof zu beäugen: Was haben die in ihren Bastelboxen? Was schnappen sich die Kinder als erstes? Was bleibt immer liegen?

Mit Max zu basteln, zu malen und zu phantasieren wurde immer mehr ein gemeinsames Ritual. Er wünschte sich Traktoren, Bagger und Autos, ich bot ihm unterschiedliche Materialien und Basteltechniken an. Wir beklebten Klorollen mit Krepppapier, malten mit Fingerfarbe, stempelten mit Kartoffeln, Händen und Füßen. Wir kneteten mit Salzteig, Kuchenteig, Knete und Wachs, zerschnitten Zeitschriften, Kalender und Wimmelbilder und klebten sie neu zusammen. Es gab eine Zeit, da hatte ich noch vor dem Frühstück ein Aquarium aus einer Schuhschachtel gebastelt, mit schwebenden Fischen, Pflanzen und Sand. Die gemeinsame Zeit machte uns beide glücklich, das Training unserer Fertigkeiten steigerte unser beider Selbstwertgefühl.

Beim Basteln legt Max oft seine kleine Hand auf meine große und sagt: „Bravo Mama“, oder „Das hast du gut gemacht“. Er muss es sich in einer seiner Kindersendungen abgeschaut haben, ich habe auch einen Verdacht, in welcher. Aber ich genieße diese Momente des Zuspruchs enorm. Offenbar so sehr, dass ich inzwischen in wahre Höhenflüge der Kreativität abhebe. Ich speichere mir die besten Bastelideen im Handy als Screenshots, kaufe Sticker- und Schnippelbücher und lege jeden Abend schon die wichtigsten Bastelutensilien bereit, damit mein Großer am Morgen ungebremst loslegen kann.

Seit Juli geht Max in den Kindergarten. Er ist noch ein Stück kleiner als die anderen, er spricht etwas undeutlicher als sie, aber „im Basteln ist er ein echter Überflieger“, sagt seine Erzieherin. Sie muss es wissen, denn sie ist die Meisterin der Kindergartenbastelperfektion. Ich platze vor Stolz. Mein Kind.

Seit Max mit ihr bastelt, ist sein Elan in neue Sphären aufgestiegen, und meiner gleich mit. Bringt er eine aus einer Klorolle gefertigte Eule mit nach Hause, zücke ich grüne Wasserfarbe, Schere und Klebstoff und wir basteln aus einer Zewarolle ein grünes Krokodil als Freund. Wir pressen Blätter und kleben daraus stachelige Dinosaurier. Wir bemalen Pappe mit Filzstiften, Max schneidet Igel, Dinosaurier und schlafende Wildschweine aus und malt sie mit Wasserfarbe und Deckweiß an. Kürzlich haben wir gerade, bauchige und runde Kerzen aus Wachsplatten gerollt und mit ausgestochenen Sternen und Herzen verziert. Eine will Max seiner Erzieherin zu Weihnachten schenken.

Wenn Max und ich basteln, sind wir beide ganz ruhig. Ich schaue nicht aufs Handy, er sitzt hochkonzentriert und malt, schneidet oder klebt. Den Malerkittel trägt er nur für mich, er bekleckert sich nie, er zappelt nicht. Er schnippelt und faltet, die Kanten rieseln in seinen Mülleimer. Danach saugt er unter seinem Platz und ich bestaune dieses außergewöhnliche Kind. Doch auch ich finde zu mir selbst, hole mir ein Stück meiner Kindheit und Jugend zurück, in der meine Kreativität so oft als mittelmäßig, mein Werken als durchschnittlich beurteilt wurden.

„Da hat ihnen jemand was kaputt gemacht“, sagte mir neulich ein Bastelbuchautor auf dem Buchmesse, mit dem ich mich lange darüber unterhielt, wie man Kinder beim Basteln am besten begleitet. „Loben Sie, egal wie krumm die Kante ist“, sagte er. „Und machen Sie mit, haben sie einfach Spaß.“ Wir haben sein Bastelbuch in zwei Tagen durchgebastelt, ich habe ihm ein Foto gezeigt, er konnte nicht glauben, dass Max erst drei ist. Und ich habe tatsächlich eigentlich nur die Klebefalze festgedrückt, alles andere hat Max gemacht.

Am Wochenende war mein Patenkind bei uns zu Besuch. Er ist zwölf Jahre alt und mit seinen weiten Shirts und Haaren über den Augen sieht er aus, als würde er sich gerne unsichtbar machen. Max bestürmte ihn, er solle ihm ein Motorrad im Hof mit Kreide malen, danach ein paar Sterne basteln. Aber er hatte keine Lust. „Ich kann das nicht“, sagte er missmutig. „Das habe ich auch immer von mir gedacht“, sagte ich und nahm ihn fest in den Arm. „Wenn du eines Tages jemanden hast, der deine Arbeiten bedingungslos schön findet, wirst du merken, dass auch du es kannst. Dass es nicht nur auf Perfektion ankommt. Und dass es sogar richtig Spaß macht.“

Mein Patenkind hat dann am Abend für uns Sushi gerollt und ist dabei richtig aufgeblüht. Und die Zubereitung dieser Delikatesse ist dem Basteln ja gar nicht so unähnlich. Algenpapier auf den Tisch, Reis darauf verteilen, mit einer Bambusmatte rollen, vorsichtig auseinanderschneiden. Max lobte die Schönheit der Rollen und probierte sogar ein Stück. Die Augen meines Neffen leuchteten vor Glück. Und unsere dazu. 

23. Nov. 2021
von Chiara Schmucker
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16. Nov. 2021
von Sonia Heldt
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„Für mich ist ja sowieso nichts auf der Speisekarte“

Wer sich nicht einigen kann, setzt schließlich Moos an: Statue vor einem Restaurant in Binz auf Rügen.
Wer sich nicht einigen kann, setzt schließlich Moos an: Statue vor einem Restaurant in Binz auf Rügen.

Sonntag. Die gesamte Familie hat ausgeschlafen und spät gefrühstückt. Mittags verspürt noch niemand Hunger und selbst wenn: Der Kühlschrank würde nicht viel hergegeben. Doch gegen Abend meldet sich langsam nicht nur mein Magen anklagend. „Lass uns Essen gehen“, schlägt mein Mann vor und rennt bei (fast) allen Familienmitgliedern offene Türen ein. „Gute Idee! Ich sterbe vor Hunger!“, sagt Lara (17) begeistert, und ich nicke ebenfalls zustimmend. Heute war ein trostloser Tag, und wir waren nicht ein einziges Mal vor der Tür. Nur Maya (14) zuckt unschlüssig mit den Schultern. Der ersten Euphorie weicht die Ernüchterung. Wir wissen alle, welcher Kraftakt nun auf uns zukommt: Wir müssen uns auf ein Restaurant einigen. Und das wird erfahrungsgemäß schwierig.

Der Italiener wird von vorneherein einstimmig von allen abgelehnt. Denn dort landen wir in 99% der Fälle, wenn wir uns nicht entscheiden können. Pizza, Salat und Pasta gehen immer, bei uns allen. Ist aber auf Dauer langweilig. Mein Mann würde gerne das gutbürgerliche Restaurant um die Ecke nehmen. Ihm steigt schon der Duft einer frisch gebratenen Gans in die Nase. Ich schlage das griechische Lokal vor, weil wir da schon ewig nicht mehr waren. Lara möchte unbedingt asiatisch essen. Und Maya findet, wir sollten zu Hause bleiben und Kroketten in den Backofen schieben.

Ich bin genervt. Wenn es um unsere Ernährung geht, landen wir selten auf einem Nenner. Dafür sind unsere Geschmäcker zu unterschiedlich. Es läuft meist so, wie vor ein paar Wochen in unseren Herbstferien: Wir waren auf Städtetour. Es war ein toller, aber auch mega-anstrengender Tag. Wir hatten unzählige Kilometer zu Fuß abgerissen.  Es war schon später Abend, und wir wollten endlich sitzen und Hunger und Durst stillen. Mein Mann navigierte uns via Google Maps in „ein Super-Restaurant, das wir unbedingt ausprobieren mussten“ – zumindest versprach das der Reiseführer und die Online-Bewertung. „Frischer und besser können wir nirgendwo essen. Vertraut mir!“, war er überzeugt. Als wir die Super-Location erreichten, warfen wir drei Mädels einen vernichtenden Blick auf die karge Markthalle mit den zahlreichen Selbstbedienungsrestaurants. Das hier erinnerte an eine Shopping-Mall, viel zu trubelig und ungemütlich nach einem solchen Tag. Der Vorschlag „Markthalle“ wurde mit einer Dreiviertelmehrheit abgeschmettert.

Also machten wir uns mit knurrendem Magen zu Fuß in die Altstadt auf, wurden aber auch dort nicht fündig. Entweder waren meinem Mann die Anwerber vor der Tür zu aufdringlich, oder mir passten die überteuerten Preise nicht. Mal fand Maya überhaupt nichts für sich auf der Speisekarte, oder Lara betitelte das Restaurant als unakzeptabel und schmierig. Unsere Laune sank linear zu unserem Zuckerspiegel. Mein Mann betonte alle dreißig Sekunden, dass er bereits das perfekte Restaurant vorgeschlagen hätte, aber das wäre uns Grazien ja wieder einmal nicht gut genug gewesen. Maya motzte, es würde alles sowieso nichts bringen, und verlangte, dass wir jetzt sofort den Heimweg ins Hotel antreten. Sie müsste nicht unbedingt etwas essen, für sie wäre ja sowieso nie etwas auf der Karte, und überhaupt wäre Essengehen die reinste Geldverschwendung. Lara war fest dazu entschlossen, nie – aber wirklich nie, nie wieder – mit uns in den Urlaub zu fahren. Sie schimpfte, wir wären alle einfach unsagbar anstrengend und sie die einzig vernünftige und erwachsene Person in dieser Familie.

Nachdem wir uns alle ausgiebig angeschnauzt hatten, bildeten mein Mann und Lara eine Koalition und schossen sich auf ein Burger-Restaurant ein. Ich hasse Burger-Kram, ließ aber mit mir reden. Es gab Salat und für Maya das Notfallgericht: Pommes. Wir hatten Glück und ergatterten den letzten freien Tisch. Es dauerte etwa fünfzehn Minuten – genauso lange bis das Essen auf dem Tisch stand –, bis wir uns alle wieder schlagartig liebhatten. Zufällig waren wir in einem herausragend guten Restaurant mit sehr frischen und auch veganen Gerichten gelandet. Das Bier, die selbstgemachte Limonade, der Salat, die Burger und die Pommes schmeckten. Das Ambiente war nett, und so konnten wir den schönen Tag doch noch gebührend abschließen. Auch wenn der Weg dorthin wieder sehr steinig gewesen war.

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16. Nov. 2021
von Sonia Heldt
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09. Nov. 2021
von Chiara Schmucker
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Willkommen in Bürokratien

Das Elterngeld hat es Müttern und Vätern auch überlegt, ohne Nachdenken eine Pause in einem Café einzulegen.

Endlich ist er weg. Dass der Elterngeldantrag die Pest ist, hatten wir noch vom ersten Mal, bei unserem inzwischen drei Jahre alten Sohn Max, in Erinnerung. Aber wie abstoßend und unnötig kompliziert dieser Wust an Formularen tatsächlich ist, wurde uns erst wieder so richtig bewusst, als wir uns nun ein zweites Mal an die Ausfüllerei machen mussten. Das große Zusammensuchen aller (!) Gehaltsnachweise, das Rätselraten um Begriffe wie Verschiebetatbestände und Pflichtmitgliedschaften in der Sozialversicherung.

Natürlich ist das Elterngeld ein Geschenk, um das uns junge Eltern auf der ganzen Welt beneiden. Bis zu 1800 Euro, bis zu 14 Monate lang, das gibt es sonst fast nirgendwo. Aber wenn der Staat seinen Bürgern so etwas Gutes tun will, warum macht er ihnen den Weg dahin so steinig? Das Problem an dem Antrag ist, dass er sämtliche Eventualitäten abdecken will. Dass er mich nicht einfach nach meinem Beruf fragt, sondern ich auch angeben muss, ob ich vielleicht einer Nato-Truppe angehöre, ob ich für eine (und wenn ja, welche) EU-Organisation arbeite oder ob ich Einkünfte aus Forstwirtschaft habe.

Klar, jenseits der unnötigen Verkomplizierung lässt sich das alles recht einfach mit Nein weg-x-en. Aber dann ist da die Sache mit den Verschiebetatbeständen. Die entscheidet darüber, für welchen Zeitraum man sein Gehalt nachweisen muss. Da kommen dann Satzmonster wie: „Ich hatte in den 12 Monaten vor der Geburt des Kindes und/oder im Kalenderjahr vor der Geburt des Kindes oder auch nur in Teilen der genannten Zeiträume Gewinneinkünfte (positiv, negativ oder Null) und Einkünfte aus nichtselbständiger Tätigkeit.“ Kurzum: Herzlich Willkommen in Bürokratien.

Als unser Sohn Max 2018 geboren wurde, führte unser erster Weg nicht etwa zu Oma und Opa oder den künftigen Paten – sondern ins Standesamt, das Kind offiziell anmelden. Seine erste Post kam dann wenige Tage nach seiner Geburt ebenfalls nicht von Oma und Opa – sondern vom Finanzamt, das noch nicht ganz entknitterte Neugeborene hatte jetzt eine Steuer-ID. Als wir uns nach den ersten durchwachten Nächten (Max schrie viel und schlief kaum) zum ersten Mal wieder an den PC setzten, druckten wir als erstes den Elterngeldantrag aus.

Dass wir – beide studiert, beide Journalisten, einer sogar Volkswirt – unfähig waren, ihn auszufüllen, konnten wir zuerst kaum glauben, mussten es uns dann aber doch eingestehen und professionelle Unterstützung suchen. Das ist inzwischen ein florierendes Business geworden, bis zu 500 Euro kostet es, sich den Antrag ausfüllen zu lassen. Unserer kam trotzdem dreimal zurück. Was für ein Aufwand – für beide Seiten, und letztlich auch für alle Steuerzahler, die die Gehälter der Sachbearbeiter und Sachbearbeiterinnen bezahlen.

Doch irgendwann stellten wir fest, dass die Formulare am Ende eben doch bei Menschen landen: Glücklicherweise hatten wir eine sehr nette Sachbearbeiterin, die uns dann telefonisch durch den Dschungel der Bürokratie hindurchnavigierte, weil auf uns als partielle Selbstständige mit gemeinsamer Elternzeit dann doch einige der Eventualitäten zutrafen (wenn auch nicht die Einkünfte durch Forstwirtschaft oder die adoptierten, zu früh geborenen oder Mehrlings-Kinder).

Als unser zweiter Sohn jetzt im Sommer geboren wurde, wollten wir klüger sein und den Antrag schon vor der Geburt ausfüllen, so dass am Ende nur noch der Name einzusetzen wäre. Das Formular hatte ich gerade zur Hälfte ausgefüllt, als ich über den Hinweis stolperte, es auch online ausfüllen zu können – „mit zahlreichen Vorteilen“, wie die Website versprach, und schon sechs Monate vor der Geburt: „Schnellere Entscheidung – weniger Rückfragen“, „Gezielte Antragsführung – der Antrag ,denkt’ mit“.

Das Denken war tatsächlich in Anführungszeichen zu verstehen, denn einfacher wurde der Antrag dadurch kein Stück (er fragte immer noch nach Forsteinkünften und Verschiebetatbeständen), und ein Kind ohne Namen und Geburtsdatum anzumelden, war ebenfalls nicht möglich. So stellte ich den Vertrag auf „Baby Schmucker“ und Wunschgeburtstermin aus und machte mich ans Ausfüllen. Dann wurde ich unterbrochen und fand keine Option zum Zwischenspeichern. Der Albtraum mit „Klicken Sie jetzt nicht den Zurück-Button“-Dokumenten. Am Ende habe ich den Antrag doch ganz schnöde ausgedruckt und mit der Hand ausgefüllt. Seither warte ich auf eine Antwort.

Durch Max wissen wir nun schon: es geht immer so weiter. Die Kita- und Kindergartensuche gestaltet sich zwar weniger intellektuell anspruchsvoll, aber nicht weniger bürokratisch: Anmeldung im zentralen Vergabenetz und dann für jede Wunschkita einzeln die zutreffenden Parameter ausfüllen und ein Bewerbungsschreiben formulieren. Am Ende nützt es eh alles nichts.

Nur eine einzige Freundin wurde tatsächlich über dieses Vergabenetz initial kontaktiert. Wir anderen bekamen den Platz für unser Kind am Ende nur durch Klinkenputzen, Nachtelefonieren und jede Menge Bittsteller-Emails mit Fotos und Beschreibung des Kindes. Meine Nachbarin mit Migrationshintergrund hatte das Nachsehen, weil ihr diese Art von Penetranz unhöflich erschien. Sie hatte ja schließlich das Formular ausgefüllt, nun galt es zu warten. Gemeldet hat sich nie jemand.

Die Oma von einem von Max’ Kita-Kumpels unterstützt sozial schwächere Familien oder mit Migrationsgeschichte dabei, Formulare auszufüllen – egal ob Elterngeld oder jede Art von Unterstützung. „Was ihnen durch die Lappen geht, einfach, weil sie gar nicht wissen, was ihnen zusteht und dann die Formulare nicht ausfüllen können!“, klagte sie neulich. Bei Unklarheiten hätte sie schon mal die Ämter stellvertretend angerufen – bekomme aber keine Auskunft. Datenschutz. Riefen die Familien selbst an, sagten die Sachbearbeitenden, sie könnten diese nicht verstehen, und die Familien müssten mit Dolmetscher persönlich vorbeikommen.“

Doch auch meine Freunde ohne Migrationshintergrund verzweifeln beispielsweise am Elterngeldantrag – und selbst die Steuerberater kapitulieren. „Nehmen Sie einfach den Mindestsatz von 300 Euro, alles andere wird viel zu kompliziert“, riet ein Steuerberater beispielsweise meiner selbstständigen Freundin.

Doch bevor ich ins Schimpfen abschweife: Seit Freitag ist unser großer Sohn zum ersten Mal in Corona-Quarantäne, ein Kind aus seiner Kita-Gruppe hat einen positiven Covid19-Befund erhalten. Die Betreuerin rief uns kurz an der Tür zu, dass die Gruppe wohl jetzt mindestens eine Woche geschlossen bliebe, vielleicht zehn Tage. Sonst haben wir noch nichts gehört, nicht, was das eigentlich heißt, und auch nicht, ob, wie und wann wir Max vielleicht „freitesten“ könnten. Weder von der Kita, noch vom Gesundheitsamt. Ich hätte das nicht für möglich gehalten: Aber gerade wünsche ich mir ein bisschen mehr Bürokratie. 

09. Nov. 2021
von Chiara Schmucker
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02. Nov. 2021
von Matthias Heinrich
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„Papa, wann bist du richtig glücklich?“

Ein Oktoberabend wie gemalt, mit klarer Luft und buntem Laub, das die untergehende Sonne allmählich wie eine dunkle Decke überstülpt. Ich öffne den Kofferraum, lege die Sporttasche hinein, schließe ihn und dreh mich noch einmal um, Richtung Sportplatz, der noch immer durch die vier kleinen Flutlichtmasten erleuchtet ist. Es ist frisch, aber nicht kalt und außerdem ganz still, zum ersten Mal an diesem Tag. Auf dem Rücksitz zieht Theo gemächlich seine Fußballschuhe aus. Auch er scheint in diesem Moment zum ersten Mal völlige Ruhe zu haben an diesem Tag. An seinen Stutzen klebt noch Gras. Das Fußballspiel ist seit knapp zehn Minuten vorbei. 1:7 ist es ausgegangen. Es ist die erste Saisonniederlage für Theos Mannschaft. Die Gegner hatten sich mit Spielern aus dem älteren Jahrgang verstärkt. Theos Mannschaft hatte keine Chance. Trotzdem haben sie in der zweiten Halbzeit ein tolles Spiel gemacht. Zweimal den Pfosten getroffen, und wenn der Torwart nicht so groß gewesen wäre …

Es ist egal. Theo hat seine Fußballschuhe ausgezogen. Er möchte barfuß bleiben, so ist es bequemer. Ich packe die muffigen Treter in den Kofferraum, verabschiede mich von einem anderen Fußball-Vater und steige ein. Eine gute halbe Stunde Fahrt liegt vor uns, von einem Kaff in das andere, dazwischen viel Gegend und andere Käffer. Wunderbar. Ich werfe den Motor an. Theo ist still. Wahrscheinlich denkt er über das Spiel nach. Wir rollen vom Parkplatz. „Hast du einen bestimmten Musikwunsch?“, frage ich. In diesem Moment rollen wir auf die Hauptstraße und haben freie Sicht. Vor uns Felder, ein dunkler Wald und darüber der tiefblaue Himmel. „Ja, ich möchte gerne `Lila Wolken` hören“, antwortet er ganz ruhig, „das passt gerade ganz gut.“ Ich mach das Lied an. Die einzige, große Wolke am dunklen Himmel ist wirklich lila. „Lila Wolken“ ist ein Song des Rappers Marteria, mit Miss Platnum und Yasha. Mit ihm verbinden meine Frau und ich die Jahre in Berlin, die Kinder lieben ihn einfach so.  

Mit und unter „Lila Wolken“ kurven wir durchs Frankenland. Durch den Wald, an Weiden und Weihern vorbei. Jeder für sich, Theo hinten, ich vorne. Der Junge summt leise mit. Die Dämmerung ist kurz, bald ist es dunkel. Wir fahren durch einen Ort. Ein Norma Supermarkt, Ernsting´s Family, ein Sportplatz und ein Wirtshaus, „Zum irgendwas“. Die Welt ist schön und zieht vorbei. „Papa“, sagt Theo plötzlich, „ich möchte dich was fragen.“ „Bitte sehr.“ „Wann bist du eigentlich richtig glücklich?“

‚Wow‘, denke ich, ‚was für eine Frage …‘ Der Junge ist noch keine neun Jahre alt. Bisher hatten Theos Fragen eine andere Qualität. Da wollte er wissen, ob Marcus Rashford (Fußballer von Manchester United) oder Kilian Mbappé (Fußballer von Paris St. Germain) schneller ist oder ob Steinadler immer noch meine Lieblingstiere sind. Jetzt haut er mich mit dieser Frage um. Es geht ans Eingemachte.

„Puh, Theo, das kann ich gar nicht so leicht beantworten. Aber ich finde es super, dass du sie mir stellst.“ Ich überlege. Meine Antwort muss ganz ehrlich sein. Theo meint es ernst. Ich kann ihn nicht mit irgendwas Halbgarem abspeisen. „Also…“, beginne ich, „ich bin richtig glücklich, wenn es Mama, deiner Schwester Frida und dir gut geht.“ Hinter mir bleibt es still, diese Antwort reicht noch nicht. „Außerdem bin ich glücklich über meinen neuen Job, das ist genau das, was ich machen möchte. Es macht mir richtig Spaß.“ Ich halte kurz inne. „Aber wenn du mich fragst, wann ich am glücklichsten bin: Das ist dann, wenn ich ganz ruhig und entspannt bin, wenn ich abschalten kann. Aber so richtig kann ich das in letzter Zeit immer seltener. Ich habe viel Stress und ganz viel im Kopf. Ich habe es etwas verlernt, richtig zu entspannen.“ Von hinten kommt ein „Hmh.“ „Aber ich glaube, ich kann das wieder lernen, ich muss das trainieren“, sage ich und bin der festen Überzeugung, dass das auch so ist.

„Wann bist du denn richtig glücklich?“ frage ich ihn. Theos Antwort kommt prompt: „So richtig glücklich bin ich, wenn mir ein Mädchen sagt, dass es in mich verliebt ist.“ Das ist gerade so ein Ding unter den Viertklässlern. Am Horizont winkt schon die Pubertät. „Das ist ja auch schön, wenn man so etwas gesagt bekommt“, sage ich. „Das ist ja auch mutig von dem Mädchen, so etwas zu gestehen.“ „Jaha,“ antwortet mein Sohn. „Weißt du, was Lisa sagt?“ Lisa ist Theos beste Freundin. „Sie sagt, wenn ein Mädchen so richtig in dich verliebt ist, dann sagt sie dir das nicht, weil ihr das zu peinlich ist.“ „Ja, da könnte Lisa recht haben. Es kann sehr verletzend sein, wenn man jemandem sagt, ich finde dich toll, und der andere macht sich darüber lustig. Das kann sehr wehtun.“ „Ja, da hast du recht, Papa. Das wäre richtig gemein. Papa, außerdem finde ich es richtig gut, Zeit mit meinen Freunden zu verbringen – ohne Familie.“ „Ja, das ist auch wichtig.“ Eine Erinnerung kommt hoch: Mein Bruder mit 14, 15 Jahren, sturmfrei, Sommer, Alkohol. Mein Bruder sitzt mit seinen Freunden auf der Terrasse, sie schauen in die Sterne und philosophieren über das Leben. Angetrunken, aber schlau. Heute sind sie Vertriebsleiter, Autodesigner, Unternehmensberater, und einer sitzt im Bundestag.

„Lila Wolken“ sind zu Ende und verschwunden, es ist still im Auto. „Theo, darf ich dich fragen, warum du wissen wolltest, wann ich richtig glücklich bin?“ Der Junge überlegt keine Sekunde. „Weißt du noch letztes Jahr, als uns Tom und Daniel besucht haben?“ Das sind seine Cousins. „Ja, die waren Silvester bei uns.“ „Da haben wir doch dieses Konzert von dem Mann gesehen. Wo am Ende alle Leute geweint haben, obwohl die Musik gar nicht traurig war. Du hast gesagt, er hat sich umgebracht, weil er so unglücklich war.“ Schon wieder bekomme ich eine Gänsehaut. Dieser Moment ist zehn Monate her und Theo erinnert sich noch. „Du meinst Avici?“ „Ja, genau, Avici!“ Avici ist ein DJ und Musikproduzent, der irre erfolgreich war, durch die ganze Welt reiste – und der seinem Leben mit 28 ein Ende setzte. „Wollen wir den hören?“ „Ja!“

Also spiele ich „Levels“ von Avici. Das ist der Song, der gar nicht traurig ist, bei dem aber alle Leute geweint haben, bei dem Konzert letztes Silvester im Fernsehen. Während die Musik läuft, sprechen Theo und ich über Traurigkeit, Druck, Drogen und Einsamkeit. Wir unterhalten uns über die Bedeutung von Freunden und Familie. Dass man sich kümmert, wenn es einem nahen Menschen nicht gut geht, und selber anderen erzählt, wenn man ein Problem hat.

Danach spiele ich Amy Winehouse und – ich kann es nicht lassen – auch Nirvana. Aber natürlich kann Theo mit „Smells like teen spirit“ noch nichts anfangen. Das ändert aber nichts daran, dass diese Fahrt ein besonderer Vater-Sohn-Moment ist. Wir sind uns ganz nah, es gibt nur uns und unsere Gedanken, die wir austauschen – und die Musik. Als ich später einem Freund von dieser Autofahrt erzähle und von Theos großer Frage, wann ich richtig glücklich bin, sagt der Freund: „Jetzt, in diesem Moment.“

02. Nov. 2021
von Matthias Heinrich
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26. Okt. 2021
von Sonia Heldt
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Durch die Nacht mit dem Mamataxi

Im Mamataxi läuft immer die Musik, die die reifenden Kinder von früher kennen.

Ich liege auf der Couch, schaue Medical Detectives und hadere mit Spannungskopfschmerzen. Eigentlich gehöre ich ins Bett, aber ich muss noch ein bisschen durchhalten – meine Taxizentrale hat eine nächtliche Fuhre angenommen. Ja, ich weiß, Elterntaxi – das lebhaft diskutierte Hassthema. Verweichlichte Kinder, die jeden Meter mit dem Auto kutschiert werden, am besten direkt bis auf den Schulhof. Genervte Schulleitungen, die alle paar Monate aufs Neue Infozettel ausgeben und Halteverbotsschilder vor dem Schulgebäude für nicht belehrbare Eltern aufhängen.

So ein Elterntaxi bin ich aber nur bedingt. An besonders fiesen, verregneten und kalten Wintertagen lasse zwar auch ich mich beizeiten von meinen Töchtern überreden, sie zur Schule zu fahren, schmeiße sie dann aber zweihundert Meter früher aus dem Auto. Dies sehr zu Laras (17) und Mayas (14) Leidwesen, denn sie haben morgens keine Lust, das letzte Stück im Regen zur Schule zu marschieren, wenn es gerade noch so schön warm im Wagen war. Die Straße vor der letzten Kreuzung stellt meine persönliche Grenze dar, denn ab dort wird es für Autofahrer ungemütlich. Selbst schuld, wenn man diese Grenze überschreitet und dann nichts mehr vor und zurückgeht, weil eilige Schüler auf ihren Fahrrädern haarscharf von allen Seiten an einem vorbeibrausen.  

Auf der weiterführenden Schule geht es im Vergleich zu den Kitas und Grundschulen milde zu. Es mag ja sein, dass man „früher bei Wind und Wetter eine Stunde zu Fuß in die Dorfschule gelaufen“ ist, aber die Zeiten haben sich geändert. Heute werden viele Kinder, die nicht das Glück haben, fußläufig zu wohnen, mit dem Auto zur Schule gebracht, zur Kita sowieso. Busfahren ist irgendwie out geworden (bei uns definitiv wegen der unzumutbaren schlechten Verbindung) und Schulbusse kenne ich nur noch aus meiner eigenen Schulzeit.

Der Kindergarten sowie die Grundschule meiner Töchter lagen glücklicheweise bei uns um die Ecke. Dennoch, mit zwei Kindern im unterschiedlichen Alter, mit unterschiedlichen Freunden und Hobbys, spielt man dann nachmittags trotzdem oft genug den Privatchauffeur.  Montags Tanztraining der Großen, dienstags und samstags Training der Kleinen, mittwochs Musikschule und am Donnerstag vielleicht eine Spielverabredung, Kindergeburtstag oder Arzttermine. Mein Mann übernahm die ein oder andere feste Tour, aber aus organisatorischen Gründen blieb der größte Teil dann doch an mir kleben.  

Je älter die Kinder wurden, desto mobiler wurden sie. Viele Fahrten sind bei uns inzwischen weggefallen. Die Mädchen kommen auch ohne mich von A nach B. Sie brauchen mit dem Rad nur zehn Minuten bis zur Schule. Besonders Lara reißt so gut wie alles alleine ab. Darüber bin ich auf der einen Seite froh, aber auf der anderen Seite macht es mir gar nicht so wahnsinnig viel aus, die Kinder herumzukutschieren. Wenn ich nicht gerade nachts über die Autobahn muss, fahre ich nämlich ganz gerne Auto, am besten mit etwas Gutem auf den Ohren – 80er, Musicals, Filmmusik. Mein Auto! Meine Musikwahl! Meine Macht!

Hin und wieder spielt Maya den DJ und wählt die Musik aus. Dann grölen wir gemeinsam lauthals Mamma Mia oder The Time Warp und machen Faxen. Überhaupt, die lustigsten und intensivsten Gespräche mit meinen Töchtern finden im Auto statt. In meinem Mamataxi herrscht eine entspannte und intime Atmosphäre. Auf längeren Fahrten lassen sich wunderbar Probleme analysieren und diskutieren. Maya und Lara genießen meine ungeteilte Aufmerksamkeit, ohne dass jemand dazwischen grätscht und umgekehrt. Das ist ein bisschen wie bei der Kosmetik oder beim Friseur: Die Kundschaft schüttet während der Dienstleistung ihr Herz aus.  

Seit Lara am Wochenende flügge geworden ist, bin ich für sie zwar nachmittags weniger im Einsatz, dafür aber recht häufig an den Freitag- und Samstagabenden. „Bei Niklas ist Party. Kannst du mich abholen? Sonst fahre ich mit dem Rad nach Hause“, sagt Lara dann und ich schüttele schnell den Kopf. „Auf gar keinen Fall fährst du nachts noch alleine die lange einsame Strecke. Und erst recht nicht, wenn du getrunken hast.“ Ich weiß, wie sowas aussieht. Ich habe Lara mal von einer „Runde“ (so nennen die Jugendlichen ihre Homies, die keine richtige Partys darstellen, sondern im kleineren Kreis stattfinden) abgeholt. Auf dem Weg dorthin kamen mir auf der dunklen Landstraße, Schlangenlinien fahrend, Jugendliche auf dem Rad entgegen. Automatisch drosselte ich das Tempo und war froh, dass keiner von ihnen auf meiner Motorhaube gelandet war.

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26. Okt. 2021
von Sonia Heldt
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21. Okt. 2021
von Matthias Heinrich
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„Ich will bei Dir bleiben“

Ein großer Schritt, nicht nur am ersten Schultag
Ein großer Schritt, nicht nur am ersten Schultag

„Jetzt beginnt der Ernst des Lebens“ – diesen Satz hat meine Oma tatsächlich gesagt, als ich vor gut vierzig Jahren eingeschult wurde. Knapp dreizehn Jahre später stellten wir bekannten Persönlichkeiten „Fragen an das Leben“. Wir schrieben sie an, Politiker, Künstler, Geistliche und Wissenschaftler und baten um sinnvolle Ratschläge für uns Abiturienten. Wir bekamen erstaunlich viele Antworten. Die der Regisseurin und Schauspielerin Gerda Gmelin habe ich bis heute nicht vergessen. Ihre Antwort war nur ein lakonischer Satz: „Ihr werdet es nie wieder so schön haben wie in der Schule.“

Im September hat für unsere Tochter Frida (6) der Ernst des Lebens begonnen. Sie wurde eingeschult. Schon Monate vorher war ihre Vorfreude groß. Sie begriff, dass jetzt etwas Neues, Aufregendes startet und dass das Kapitel Kita aus guten Gründen vorbei ist. Allerdings hatte sie auch riesigen Respekt vor diesem unbekannten Neuen. Denn sie kannte nicht ein einziges Kind in ihrer Klasse. Meiner Frau und mir war klar: Fridas Einschulung wird nicht ganz so einfach laufen wie bei unserem Sohn Theo (8). Der kannte nach unserem Umzug nach Franken zwar auch kein Kind in seiner Klasse, ist aber von seiner Art her unvergleichlich offener und strotzt vor Selbstbewusstsein. Als ich ihn nach seinem ersten Schultag abholte, kam er mir mit ein paar Jungen im Schlepptau entgegen: „Papa, ich habe drei neue Freunde!“

Bei Frida sollte es anders laufen. Das wurde uns schon am Tag der Einschulung klar. Bei der Begrüßungsfeier sollten die Erstklässler die ersten zwei Reihen Stühle einnehmen – allein. Die Eltern sollten weiter hinten Platz nehmen. „Setz‘ Dich hierher, ich sitze neben Mama da hinten. Guck mal, wenn du dich umdrehst, siehst du uns. Wir winken dir zu“, sagte ich zu Frida und wollte mich auf den Weg machen. Sie wollte aber nicht bei den vielen fremden Kindern sitzen. „Ich habe Angst“, schluchzte sie und brach hinter ihrer kleinen gelben Gesichtsmaske mit den blauen Sternchen in Tränen aus. Das war keine Show. Das Kind hatte wirklich Angst. Ich versuchte ihr zu erklären, dass sie anderen Kinder hinter ihren bunten Masken auch Angst hätten, dass auch für sie die Schule neu war und dass keiner von ihnen alle anderen Kinder kennen würde. Es half nichts. Sie klammerte sich mit beiden Händen um meinen Arm. Also blieb ich neben ihr sitzen. Als einziger Vater unter 25 Erstklässlern auf einem viel zu kleinen Stuhl.

Nach der Begrüßung der Schulleitung, dem Auftritt der beiden Pastoren und einer Aufführung der zweiten Klasse, die Frida angespannt und ohne große Freude und vor allem ohne ihre Finger von meiner Hand zu lösen verfolgt hatte, stellte sich ihre Klassenlehrerin vor. Eine junge, sympathische Frau, frisch zurück aus der Elternzeit und zum ersten Mal Klassenlehrerin „von Erstis“, wie sie zugab. „Das ist aber eine nette Lehrerin, Frida. Mit der wirst du sicher Spaß haben“, versuchte ich unsere Tochter zu bestärken.

Im Anschluss an die Einschulungsfeier sollte die Lehrerin den Kindern die Klasse zeigen – ohne Eltern, versteht sich.  Offensichtlich hatte die Gute uns schon von der Bühne aus beobachtet. Sie ging geradewegs, aber ganz ruhig auf Frida zu. „Wie heißt du denn?“ fragte sie meine verunsicherte Tochter. Dann nahm sie sie an der Hand und die ganze Klasse marschierte los. Wir Eltern gingen nach draußen und ich hätte nach zwölf Jahren Abstinenz fast jemanden um eine Zigarette angeschnorrt.  

Als die Elternschaft eine gute halbe Stunde später zum Klassenzimmer geführt wurden, saß Frida ganz vorne, direkt vorm Lehrerpult. Sie hatte nicht mehr geweint, sondern im Gegenteil eine ziemlich gute Zeit gehabt. „Wir haben schon Hausaufgaben auf!“, strahlte sie uns an.

In den nächsten Tagen brachte ich sie zur Schule. Bis zu ihrem Platz im Klassenraum, sie bestand darauf. Die Trennung fiel ihr schwer, und wieder flossen Tränen. So verging die erste Woche, mit Aufs und Abs. In der zweiten verabredete sie sich zum ersten Mal. Mit Tilda, einem Mädchen aus ihrer Klasse, das wie sie in der Mittagsbetreuung war. Sie ist im Grunde immer bester Laune, wenn ich sie abhole. Nicht, weil sie endlich nach Hause darf, sondern weil sie Spaß hatte. Vielleicht liegt es daran, dass die Mittagsbetreuung mehr wie die Kita ist. Die Kinder erledigen zwar ihre Hausaufgaben, können sonst aber frei spielen. Sie besteht sogar darauf, dass ich draußen vor dem Schultor auf sie warte.

Über fünf Wochen ist Frida jetzt in der Schule. Alles wurde immer unkomplizierter. Selbst nach den Wochenenden konnte sie sich schnell lösen. Montag gab es aber einen Rückschlag. Die Klassenlehrerin musste zu Hause bleiben, ihre Tochter war krank. Als ich Frida in der Klasse ablieferte, war noch kein Lehrer da. Außerdem saß ein Junge auf ihrem Platz – neben ihrer Freundin Tilda. „Ich wollte endlich mal neben Fabian sitzen“, sagte der Junge zu seiner Verteidigung und zeigte auf den Schüler zu seiner Linken. Frida passte das gar nicht. Sie war verunsichert und wusste nicht wohin. In dem Moment betrat eine Lehrerin den Raum. „Eure Klassenlehrerin kommt heute nicht, darum läuft alles etwas anders.“ Die Frau machte auf mich den Eindruck, als könne sie mit zwei Silben und einem scharfen Blick eine überfüllte Turnhalle im Nullkommanix zum Schweigen bringen.

Auf meine Tochter machte das ebenfalls Eindruck – leider nicht in die gewünschte Richtung. Sie wurde noch unsicherer angesichts dieser resoluten, fremden Frau. Die Schulglocke klingelte. Ich war das einzige Elternteil im Raum und versuchte, wenigstens Fridas Platz neben Tilda zurückzuerobern. „Du kannst doch auch neben dem Mädchen da drüben sitzen“, sagte die Lehrerin zu Frida. Frida schüttelte den Kopf und schluchzte. Ich versuchte der Frau zu erklären, dass das mit Umsetzen ausgerechnet an dem Tag, an dem die Klassenlehrerin nicht da ist, vielleicht keine gute Idee sei. Sie ignorierte meinen Einwand und sagte stattdessen: „Ich muss Sie jetzt bitten zu gehen. Wir kriegen das schon hin.“ Als ich mich in der Tür noch einmal umdrehte, kullerten Tränen auf die Maske meiner Tochter.

Im Klassenchat las ich später, dass einige Kinder ihren Eltern von einem wahren Horrortag in der Schule berichtet hatten. Die Vertretung hatte überwiegend ein Lehrer übernommen, der wegen seiner Strenge einen berüchtigten Ruf genießt. Der Mann sei über sechzig, ungeduldig und habe die Kinder mehrfach angeschrien. Ein paar Kinder hätten gesagt, sie wollten nicht mehr zur Schule gehen, wenn der Mann sie noch einmal unterrichte.

Als ich Frida abholte, war sie vergnügt wie immer. Angesprochen auf den Lehrer berichtete sie zwar, er habe geschrien und sei ganz streng gewesen. Einen traumatischen Eindruck schien er bei ihr nicht hinterlassen zu haben.  

Am nächsten Tag war die Klassenlehrerin wieder da, und alles war gut. Fast alles, denn sie sagte mir, sie werde die nächsten beiden Tage wieder bei ihrer kranken Tochter zu Hause bleiben, heute hätte ihr Mann das übernommen.

Dieser nächste Tag war gestern. Alles lief normal: Schulweg, wir setzten unsere Masken vorm Betreten des Gebäudes auf und hängten Jacke, Schal und Mütze an die Garderobe. Dann betraten wir die Klasse: Noch nie hat Frida sich so an mich geklammert. Sie hatte richtig Angst. „Ich will bei dir bleiben, kann ich nicht mit dir nach Hause gehen?“ schluchzte sie. Noch war kein Lehrer zu sehen. „Jetzt setz dich erst einmal auf deinen Platz“, versuchte ich sie zu beruhigen. „Frida, das geht nicht. Du kannst nicht nach Hause, du bist gesund, und ich muss arbeiten.“ Keine Chance, sie klammerte sich noch fester an mich, schluchzte noch tiefer und bewegte sich keinen Millimeter in Richtung ihres Platzes. Dann betrat der Lehrer den Raum. Ich brauchte keine Erklärung, ich erkannte den Mann, der die Kinder vor zwei Tagen so erschreckt hatte, auch so.

Es klingelte. Der Lehrer sagte guten Morgen – und verschwand wieder. Inzwischen waren mir zwei Mädchen zu Hilfe gekommen, die ganz lieb auf Frida einredeten, sie möge sich doch beruhigen. Das Kind wollte davon nichts wissen und klammerte weiter. Ich versuchte es mit Logik und Vernunft: „Schau mal, Frida“, flüsterte ich, „ich bin der einzige Papa hier im Raum. Das ist doch ein bisschen seltsam. Alle anderen Kinder sind allein und kommen gut zurecht. Wenn ich dich nachher wieder abhole, wird es dir gutgehen, weil du einen guten Tag hattest.“ „Ja, Frida, was ist denn los?“ fragte eine grummelige Stimme plötzlich von vorne. Es war der Lehrer, der Zettel verteilte: „Wir machen heute viele gute Sachen.“  Nachdem er mit dem Austeilen fertig war, verschwand er wieder. „Frida, ich muss jetzt wirklich gehen“, sagte ich ernst. „Wenn der Lehrer wieder da ist, ich habe Angst, wenn kein Erwachsener hier ist“, schluchzte sie. „Du, ich glaube, der Lehrer findet das nicht gut, dass ich noch hier bin“, antwortete ich, „und das kann ich auch verstehen. Wenn ich Lehrer wäre, würde ich das auch komisch finden, wenn ein Papa die ganze Zeit in meinem Unterricht wäre.“ „Wenn er wiederkommt, darfst du gehen, Papa.“ Es dauerte noch endlose anderthalb Minuten, bis er gemeinsam mit einer zierlichen, freundlichen Frau wieder auftauchte und selbst erleichtert wirkte hinter seiner FFP2 Maske. „Ich bin heute und morgen eure Lehrerin“, sagte die Frau. Ich ging.

Es wird nach und nach besser laufen mit Frida in der Schule. Und dann werden auch wieder anstrengendere Tage kommen. Wenn sie unser einziges Kind wäre, würde ich mir sicher Sorgen machen. Aber ich habe den Vergleich. Sie ist schüchterner und zurückhaltender als ihr Bruder. Sie benötigt eine Weile, sich eine neue Umgebung vertraut zu machen. Wir geben ihr Zeit und halten die kleinen Rückschläge aus. Es bedarf elterliche Ruhe, Verständnis, Geduld und vieler guter Worte. Es ist die Schule. Ein ziemlich großer Schritt für ein Kind, das eben noch in der Kita war. Aber ein „normaler “ Schritt, den alle Kinder machen und den die allermeisten unbeschadet überstehen. „Der Ernst des Lebens“, wie meine Oma sagte, ist es vielleicht nicht. Aber zum ersten Mal müssen sich Kinder in einem großen Raum behaupten, ohne ihre Eltern. Trotzdem: Die Chancen, dass Frida irgendwann ihre Schulzeit rückblickend als schön und unbeschwert empfindet, stehen ziemlich gut. Gerda Gmelin wird Recht behalten.  

21. Okt. 2021
von Matthias Heinrich
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13. Okt. 2021
von Sonia Heldt
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„Es sind nur Schuhe, sie sollte mir doch keine Niere spenden“

Wie hochhackig gehen wir zur Party? Manchen Jugendlichen fehlt das passende Equipment, sodass sie sich bei Geschwistern bedienen müssen.

Kennen Sie den Film „In den Schuhen meiner Schwester“?“  Cameron Diaz und Toni Collette spielen zwei Schwestern, die auf dem ersten Blick nichts gemeinsam zu haben scheinen – außer ihrer Schuhgröße: Das hübsche Partygirl Maggie (Diaz) genießt ihr Leben mit Nichtstun. Damit treibt sie ihre verantwortungsbewusste und leicht spießige Schwester Rose (Collette) in den Wahnsinn. Sie bedient sich heimlich an Roses Schuhen oder stürzt auf Partys so schwer ab, dass Rose sie mitten in der Nacht auflesen muss. Als Maggie Roses Chef, in den Rose verliebt ist, verführt, kommt es zum Bruch zwischen den Schwestern.

Maggie und Rose erinnern mich ein wenig an meine eigenen Töchter. Lara (17) und Maya (14) sind sehr verschieden und besitzen trotz Altersunterschieds fast die gleiche Schuhgröße. Lara ist wie Maggie – chaotisch, spontan und immer für eine Party und neue Abenteuer zu haben. Sie bedient sich gerne ungefragt an Dingen, die ihr nicht gehören oder sie vergisst, diese zurück an Ort und Stelle zu legen. Da finde ich schon mal meine Powerbank (leer) oder meine Strickjacke (dreckig) irgendwo vergraben unter einem Haufen Klamotten in ihrem Zimmer oder die Zahnpasta eingetrocknet und zerquetscht neben dem Waschbecken, während der Deckel unter dem Badschrank liegt.     

Bei Maya hat jedes Teil seinen festen Platz. Meine Jüngste bemerkt sofort, wenn jemand etwas von ihren Sachen angerührt hat. Ihre Schulbücher und Hefte sind gewissenhaft eingeschlagen und frei von Eselsohren. Ihre Kleidung darf nicht einmal ich in den Schrank räumen, denn sie hat ihre eigene, spezielle Falttechnik und Ordnung. Stifte, Nagellacke und Kleidung sortiert sie nach Farben. Sie legt jeden Abend ihre Sachen für den nächsten Tag sorgfältig zurecht. Bei ihr ist alles von vorne bis hinten organisiert und sie geht nicht gerne Risiken ein. Wie Rose schwärmt sie für hohe Schuhe. Schon als Kind stöckelte sie in meinen Pumps stundenlang durchs Haus, je höher, desto besser. Um Schuhe und Streit zwischen den Schwestern geht es auch in diesem Text:   

Es ist Samstag und Lara ruft mich aufgelöst von ihrem Aushilfsjob an: Sie ist eingeladen und hat just erfahren, dass es sich um eine Mottoparty handelt: Alle Mädchen werden in Kleidern und High-Heels einlaufen. „Ich brauche Schuhe“, jammert sie. Lara besitzt ausschließlich Turnschuhe und Flipflops, sie muss bis Ladenschluss arbeiten und steht unter Zeitdruck. „Bitte, hilf mir.“ Ich habe keine Ahnung, wie ich helfen kann. Ich lebe auf kleinem Fuß, gute drei Schuhgrößen trennen mich von meinen Töchtern. „Vielleicht passen die Schuhe, die du auf Katjas Hochzeit getragen hast, die schwarzen mit dem Riemchen und dem kleinen Absatz“, überlege ich. Allerdings ist die Hochzeit meiner Schwägerin schon ein paar Jahre her. Ich hole sie trotzdem aus dem Keller, Laras Füße sind lange ausgewachsen, vielleicht hat sie Glück. Außerdem finde ich noch Herbstboots. Im Schrank stoße ich auf Mayas schwarze Sandalen mit Keilabsatz. Maya hat sich im Sommer Schuhe mit Absatz für ihre Kleider gewünscht und ist dafür sehr lange in der Stadt rumgelaufen. Sie war unheimlich glücklich, als wir fündig wurden.

Ich frage Maya nicht explizit, ob es okay für sie ist, wenn ich die Sandalen für Lara rausstelle. Mein Fehler. Aber zum einen glaube ich nicht, dass sie für Lara überhaupt in Frage kommen und zum anderen, will Lara die Schuhe nur kurz anziehen. („Ich nehme Turnschuhe mit, wir machen ein paar Fotos und dann zieh ich die Dinger wieder aus. Ich bin doch nicht blöd und laufe den ganzen Abend in hohen Schuhen rum. Da überrage ich ja alle.“).

Was nun folgt, steht dem Drama im Film in nichts nach. Lara will zur Party. Sie ist spät dran und schlüpft hektisch in alle von mir angebotenen Modelle. Die Hochzeitsschuhe sind viel zu klein, die Boots zu eng und zu derb. Nur Mayas Keilsandalen passen wie angegossen. Maya will ihre Schuhe nicht verleihen. Lara bettelt und fleht. Sie wird hysterisch, schimpft. Maya bleibt stur. Lara kreischt. Maya kreischt zurück. Ich stehe hilflos daneben und versuche eine Lösung zu finden. Ich bitte Maya, sich nicht so anzustellen und verbürge mich für Lara. „Lara wird aufpassen. Und sollte irgendetwas passieren, kaufe ich dir höchstpersönlich neue.“ Ich google sogar im Internet und beweise ihr, dass eine Nachbestellung kein Problem darstellen würde. Denn natürlich weiß ich, wie achtlos Lara manchmal mit Sachen umgeht. Ihre weißen Turnschuhe waren mal weiß, heute sind sie grau. Ein bisschen Matsch hier und da stört sie nicht die Bohne. Und ich traue ihr durchaus zu, dass sie wie die Film-Maggie einen abgebrochenen Absatz mit Kaugummi wieder ankleben würde. Aber ich verstehe, dass sie nicht als einziges Mädchen im Kleid mit (grauen-die-mal-weiß-waren) Turnschuhen einlaufen will. Außerdem leiht und erbt Maya ständig Klamotten von Lara. Lara ist in dieser Beziehung sehr großzügig.

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13. Okt. 2021
von Sonia Heldt
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07. Okt. 2021
von Matthias Heinrich
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Schafft das Fairplay ab!

Jubel auf dem Fußballplatz: „Tor!“. Ein Junge reckt die Fäuste in den Himmel, seine Mitspieler feiern ihn. „Nein, der war nicht drin!“, empört sich plötzlich ein Junge der anderen Mannschaft. „Doch, war er wohl.“ „Nein, war er nicht. Der war noch auf der Linie“. Eine Diskussion ist entfacht.

Leser, die jetzt befürchten, sie hätten einen Text vor sich, in dem es ausschließlich um Sport geht, kann ich beruhigen. Im Kommenden geht es um Kinder mit Verantwortung, möglicherweise mit zu viel Verantwortung. Vor allem geht es um Erwachsene, die sich nicht an Regeln halten.

Ohne den Schutz eines Schiedsrichters: Torwart beim Kinderfußball
Auch bei den Kleinsten kann es schon große Konflikte geben: Torwart beim Kinderfußball

Seit über vier Jahren spielt unser Sohn Theo (8) Fußball im Verein. Er liebt das und zieht jede Menge Selbstvertrauen und Energie aus dem Sport. Er verausgabt sich und lernt, mit Erfolgserlebnissen wie mit Niederlagen umzugehen und wie es ist, Teil eines Teams zu sein.

Vor gut zwei Jahren sind wir nach Bayern gezogen. Hier haben wir schnell eine Mannschaft für ihn gefunden. Er fühlt sich wohl. Die Kinder sind erfolgreich, entwickeln sich und haben Spaß.

In Deutschland spielen Kinder bis zum Alter von zehn seit einigen Jahren Fußball nach der sogenannten Fairplay-Regel. Sie wurde im Jahr 2005 geboren, nachdem ein Kinder-Fußballspiel abgebrochen wurde, weil bei Eltern die Fäuste flogen. So viel zum Vorbildcharakter … Fairplay bedeutet, es gibt bei Spielen keine Schiedsrichter. Stattdessen sollen sich die Kinder der beiden Teams untereinander einigen. Sie sollen klären, wer den Ball ins Aus geschossen hat, ob bei einer Aktion die Hand im Spiel war oder ob der Ball hinter der Linie war oder doch nicht. Das klingt erst mal total toll.

Der Bayerische Fußballverband hat seine Vorstellung vom Fairplay folgendermaßen aufgeschrieben:

…. „Die seit Jahren bewährte ‚FairPlay-Liga‘ …. Hier findet der reguläre Spielbetrieb ganz bewusst unter geänderten Rahmenbedingungen statt. Es wird wie früher auf dem Bolzplatz oder der Wiese ohne Schiedsrichter … [gespielt]. Die Entscheidungen über ‚Tor‘, ‚Aus‘ oder ‚Foul‘ treffen die betroffenen Spieler(innen) selbst. Damit aber nicht das ‚Gesetz des Stärkeren‘ zum Tragen kommt, greifen im Zweifel die beiden Team-Betreuer, die ihre Teams aus einer gemeinsamen ‚Coaching-Zone‘ betreuen, ein und entscheiden. Das ist in der Regel kaum nötig, verlangt aber auch von Trainern, sich verantwortungsvoll und fair zu verhalten.“

(Aus: Fairplay im Fußball, Bayerischer Fußball-Verband)

Klingt super, oder? Wer allerdings annimmt, diese Zeilen hätten irgendwas mit der Realität zu tun, der glaubt auch an den Osterhasen, den Wolpertinger, die Milka-Kuh oder daran, dass es für Markus Söder wirklich ok war, dass die Union Armin Laschet zum Kanzlerkandidaten machte.

Nicht Fairplay, sondern dreist gewinnt

Fairplay, Bolzplatz, Kinder unter sich – klingt alles super. In der Realität sieht die Sache aber so aus: Wer in einer strittigen Situation am lautesten schreit, bekommt den Ball. Da wird nichts geklärt. Wer entschieden genug brüllt, gewinnt. Der bekommt den Einwurf, den Freistoß, den Elfmeter. Das „Gesetz des Stärkeren“ gilt, anders als im Text beschrieben, 1:1. Das ist nicht „Fairplay“, sondern „dreist gewinnt“, Ellenbogen raus. Survival of the fittest unter Achtjährigen.

Das ist nur ein kleiner Teil des Problems. Der Kern ist ein anderer: Auf dem Bolzplatz sind Kinder unter sich. Dort müssen sie sich einigen, sonst ist das Spiel vorbei, und es geht nach Hause. Bei richtigen Spielen stehen Eltern und Trainer am Platz und greifen in das Geschehen ein. Nicht, wie die Fairplay-Regel sagt, besonnen und moderierend, sondern häufig emotional und polarisierend. Da werden Achtjährige angeheizt, „mal richtig draufzugehen und dem Siebener zu zeigen, dass er dich nicht verarschen kann“. Wenn der gegnerische Spieler mit der Nummer sieben kurz darauf mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden liegt, wird gelobt und applaudiert.

Besonders emotional wird es bei engen Spielen, bei denen es um etwas geht. Da schreien Eltern und Trainer unreflektiert rein, was das Zeug hält. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich bin selber leidenschaftlicher Fußball-Vater, war bis vor Kurzem auch Trainer und tauge nicht als Vorbild, wenn es um besonnenes Handeln am Spielfeldrand geht.

Zwei alte Gockel beim Kinderfußball

Es ist das letztes Saisonspiel, eigentlich geht es um nichts mehr. Aber beide Mannschaften wollen gewinnen. Es entwickelt sich kein gutes, aber ein spannendes Spiel. Rund um den Platz wird es immer lauter und hektischer. Fünf Minuten vor Schluss steht es 2:2. Unser schnellster Stürmer zieht mit dem Ball am Fuß vor das gegnerische Tor. In letzter Sekunde stoppt ihn ein Verteidiger. Er trifft nicht den Ball, unseren Stürmer aber am Fuß. Der Junge sitzt auf dem Boden und beschwert sich. Leider hat er keine besonders kräftige Stimme. Es gibt keinen Protest. Die gegnerische Mannschaft inklusive Trainer scheint bei der Aktion nichts Ungewöhnliches bemerkt zu haben. Das Spiel läuft weiter.

Kurz vor Schluss fliegt ein langer Ball in unseren Strafraum. Einer unserer Verteidiger läuft rückwärts, fixiert den Ball, tritt dabei einen Gegner um und tut sich dabei selbst ziemlich weh. „Elfmeter!“ schreit plötzlich jemand neben mir. Es ist ein Betreuer oder Vater der gegnerischen Mannschaft. Wo kommt der denn her, denke ich. Vor ein paar Minuten hat er noch gegenüber bei seinen Leuten gestanden. In der Schlussphase hat ihn da offenbar nichts mehr gehalten. Ich gehe langsam auf ihn zu und sage: „Ach, hör auf.“ Er tritt mir entgegen: „Willst du mir etwa sagen, dass das kein Elfmeter war?“ Sein Kopf ist rot. Der ganze Kerl ist ziemlich emotionalisiert, um es freundlich zu sagen. „Das war kein Elfmeter!?!“ Er schaut mich herausfordernd an. Was tun? Der Typ hat recht. Unser Spieler hat den anderen, wenn auch unbeabsichtigt, gefoult. Anderseits gab es kurz vorher auch keinen Elfmeter für uns. Jetzt tritt der Typ auch noch so provozierend auf … Ich kann ihm unmöglich zustimmen, also wechsele ich in den Angriffsmodus: „Was hast du hier eigentlich zu suchen? Warum bist du nicht drüben bei deinen Leuten?“ Wie zwei Gockel stehen wir uns gegenüber.

Wahrscheinlich hätten wir uns weiter gezankt, werden aber unterbrochen. Unser Spieler liegt immer noch weinend auf dem Platz. Er ist umgeknickt. Ich laufe hin und kühle sein Gelenk. Kurze Zeit später ist das Spiel aus. Kein Elfmeter, kein weiteres Tor. Dafür gibt es wie nach jedem Spiel, egal wie es ausgegangen ist, Elfmeterschießen. Jedes Kind kommt dran. Die Stimmung entspannt sich mit jedem Schuss. Zum Ende bedanke ich mich immer bei der gegnerischen Mannschaft für das Spiel und wünsche uns allen ein schönes Wochenende. Ich gehe auf den Elfmeter-Vater zu. Wir klatschen uns ab, lachen erleichtert und umarmen uns kurz. Ist doch alles gutgegangen.

Die Lösung: Ein Spielleiter

Die Idee der Fairplay-Regel für Kinder ist an sich sinnvoll. Der Gedanke, dass sich Kinder unter sich einigen, ist gut. Dazu muss man wissen: Die Fairplay-Regel sieht ursprünglich vor, dass Eltern mindestens 15 Meter vom Spielfeld entfernt stehen. Das tut in der Praxis aber niemand. Und wenn Erwachsene nicht mitspielen, ist die Regel sinnlos. Es ist ehrlich gesagt nicht einfach, sich als Elternteil und Trainer zurückzunehmen. Natürlich wollen alle das Beste für ihr Team. Die Kinder sollen Spaß und Erfolg haben, am Ende ist Sport halt Wettkampf. Sie sollen lernen, sich durchzusetzen. Wenn es sein muss, hilft man als Erwachsener halt nach.  

Darum würde ich diese Fairplay-Regel abschaffen. Kinder müssen Verantwortung lernen, brauchen aber auch Regeln, an die sich halten, und sie brauchen Orientierung. Mein Vorschlag wäre ein Spielleiter, der anders als ein Schiedsrichter, Kinder zum Spielen motiviert und nur dann eingreift, wenn sich eine Situation festgefahren hat und die Kinder sie nicht klären können. In Berlin, wo unser Theo die ersten beiden Jahre spielte, hat das gut funktioniert. Da gab es solche Diskussionen nicht. Dann klappt das doch in Bayern sicher erst recht.

07. Okt. 2021
von Matthias Heinrich
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28. Sep. 2021
von Chiara Schmucker
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Freunde fürs Leben?

Ob man sich weiterhin trifft, wenn man Kinder hat, hängt auch davon ab, ob sich der Nachwuchs gut versteht.

„Beim vierten Treffen gleich in Jogginghose, das spricht für euch“, sagt Lottes Papa und reibt sich mit einem Handtuch die nassen Haare strubbelig. Unser erster Besuch bei Max’ neuer Kindergartenfreundin zu Hause und gleich großes Kino. Die Kinder toben durchs Haus, spielen Fangen und Verstecken und veranstalten einen Schrei-Contest. Mir ist unangenehm, dass Max mal wieder einen solchen Rambazamba veranstaltet, doch Lottes Eltern winken ab – „alles ganz normal“. Dann ab in den Garten im strömenden Regen, wo Lottes Papa die Kinder dankenswerterweise wieder einfängt als ein Gewitter losbricht. Er wechselt in trockene, bequeme Klamotten, holt dann für sich und meinen Mann ein Bier aus dem Kühlschrank und wir essen Pizza direkt aus dem Karton. Alles fühlt sich so vertraut und entspannt an als würden wir uns ewig kennen. Dabei sind es erst wenige Wochen.

Kinder katalysieren Kontakte. Und die Erfahrung einer bestimmten Lebensphase mit Schwangerschaft, Geburt, durchwachten Nächten, verheulten Tagen und verrotzten T-Shirts macht einen in gewisser Weise radikal. Man braucht Austausch in dieser Zeit, unbedingt. Gleichzeitig fühlt es sich an, als würde die japanische Aufräumexpertin Marie Kondo den Freundeskreis ausmisten. Zum Telefonieren mit alten Freunden fehlt die Ruhe und die Kraft, zum Verreisen auch meistens und dann ist da ja auch immer noch das Kind. Mit Freunden, die gerade nicht genau diese Lebensphase durchleben, fällt es manchmal schwer, gemeinsame Themen zu finden.

Wie gut tut es da, sich mit Menschen auszutauschen oder zusammenzutun, die genau in der gleichen Phase stecken. Die man beispielsweise im Rückbildungskurs oder Kinderturnen trifft und mit denen man sich direkt wieder für den Spielplatz verabredet. Denen man nicht erklären muss, warum es nach 17 Uhr schwierig ist, weil das Kind dann hungrig/müde/erschöpft ist, dass man, wenn das Kind schläft, selbst hungrig/müde/erschöpft ist, und dass man ab 21 Uhr die Stunden zählt, bis das Kind wieder aufwacht. Die samstags auch gerne schon um 9 Uhr was unternehmen wollen und zwar bei jedem Wetter, aber in Zoo, Museum oder sonst wo nicht zu langsam gehen, damit man in spätestens 90 Minuten fertig ist und eine Auszeit einlegen kann, weil das Kind sonst „drüber“ ist. Die nicht stur weiterreden und es als Störung empfinden, wenn ein Kind gerade Aufmerksamkeit braucht, sondern unterbrechen und ein Taschentuch reichen, wenn das Kleine einem gerade über die Schulter gespuckt oder das große vom Klettergerüst gefallen ist. Und die danach einfach weitererzählen, als sei man nie unterbrochen worden.

Freunde findet man im Studium, beim Sport – oder eben auf dem Spielplatz, je nach aktueller Lebenssituation. Der niederländische Soziologe Gerald Mollenhorst von der Universität Utrecht hat das erforscht und herausgefunden, dass der Freundeskreis sich je nach Lebensphase und biografischer Umgebung verändert. Geht man beispielsweise nicht mehr in den Volleyballverein, schlafen möglicherweise die Freundschaften mit den ehemaligen Teamkollegen ein – und neue kommen dazu. Mollenhorst konnte in seiner Studie belegen, dass etwa alle sieben Jahre die Hälfte eines Freundeskreises komplett „ausgetauscht“ wird.

Ich hatte schon immer viele Freunde und habe das große Glück, dass einige meiner engsten Freundinnen etwa gleichzeitig mit mir Kinder bekommen haben – wir bleiben also in der gleichen Lebensphase. Und doch merke auch ich, dass neue Freunde kommen und andere gehen. Einige Freundschaften, die ich kurz nach Max‘ Geburt geschlossenen habe, haben unseren Umzug ins Grüne nicht überstanden. Die neuen Bande waren nicht fest genug geknüpft für eine Fernfreundschaft. Mit anderen, die ebenfalls rausgezogen sind und jetzt im Nachbarort wohnen, bin ich fast täglich in Kontakt.

Seit die Kinder da sind, fällt es viel mehr ins Gewicht, dass sich auch die Partner und vor allem die Kinder miteinander verstehen. Max hat Temperament, keine Frage. Doch bei manchen Freunden haben wir schnell gemerkt, dass sie ihn eher in die Schublade „ungezogenes Monster“ packen. Vor allem die Freunde ohne Kinder, deren Wohnungen entsprechend filigran eingerichtet sind, aber auch Freunde mit ruhigen Sprösslingen. Kurzum: ein Nachmittag, an dem wir ständig unser Kind bremsen müssen oder es von anderen ermahnt wird, ist für keinen der Beteiligten schön. Einige unserer Freundschaften liegen auch weitgehend auf Eis, weil die Kinder keinen Draht zueinander finden und schon nach wenigen Minuten fragen, wann wir wieder nach Hause fahren. Das ist sehr schade. Mich mit Freundinnen allein zu treffen, gelingt natürlich viel seltener als vor den Kindern.

Neue Freundschaften entstehen, wo wir uns alle als Familie willkommen fühlen, wo unser Kind nicht stört und im besten Fall nicht mal auffällt, und niemand beleidigt ist, wenn wir vom Essen noch vor dem Nachtisch aufbrechen, weil Max plötzlich einen Wutanfall bekommt und sich nicht mehr beruhigen lässt. Er ist eben drei Jahre alt, schönstes Trotzalter. Eltern von gleichaltrigen oder etwas älteren Kindern sammeln dann schnell noch die verstreuten Spielzeuge ein oder bringen das Tütchen vom Kindergeburtstag ans Auto und reichen es durchs Fenster.

Jeffrey Hall, Kommunikationswissenschaftler an der University of Kansas, hat analysiert, dass Menschen rund 40 bis 60 Stunden brauchen, um eine unverbindliche Freundschaft aufzubauen, 80 bis 100 Stunden für eine echte Freundschaft. Richtig gut befreundet ist man den Forschern zufolge nach etwa 200 gemeinsamen Stunden. Manchmal fühlt es sich aber eben auch früher nach „mehr“ an.

Wie wertvoll es ist, auch die alten Bande zu pflegen, auch wenn es vielleicht anstrengend und aufwendig ist, haben wir am vergangenen Wochenende gemerkt. Ein guter Freund meines Mannes feierte seinen 40. Geburtstag und mietete dafür eine ganze Jugendherberge samt Außenanlage im Wald für ein ganzes Wochenende. Corona habe ihn demütig gemacht, sagte er in seiner Begrüßungsrede, dankbarer für scheinbar Selbstverständliches. Daher wolle er seine Lebensfreunde endlich einmal wieder länger um sich haben.

Wir sind zu diesem Fest gefahren, obwohl Lenny erst sechs Wochen alt ist und die Nacht dementsprechend unruhig für uns alle wurde. Doch als der eingeladene Musiker „Ein Kompliment“ von den Sportfreunden Stiller spielte („Ich wollte dir nur mal eben sagen, dass du das Größte für mich bist…“) und mein Mann und sein Studienfreund sich fest in die Arme fielen, wusste ich: Genau das war der Platz, an dem wir gerade sein sollten. Bei unseren engsten Freunden. Denn sie sind nicht für eine Phase, sie sind fürs Leben. Und damit das Wertvollste überhaupt. 

28. Sep. 2021
von Chiara Schmucker
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23. Sep. 2021
von Sonia Heldt
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„Kind, such dir einen Job!“

Lara (17) will Klamotten in dem von Jugendlichen gehypten Online-Shop mit Sitz in China bestellen. Ich weigere mich. Zum einen reagiere ich auf Labels wie SHEIN allergisch, und zum anderen empfinde ich die Teile, die Lara bestellen möchte, als unnötig. „Wenn ich achtzehn bin und PayPal habe, muss ich nicht mehr betteln und kann mir alles, was ich will, selbst bestellen“, schimpft meine Tochter, als sie bei ihrer sturen Mutter auf Granit beißt.  

Allein vom Zuschauen wird das eigene Geld bei Teenagern höchstens weniger.
Allein vom Zuschauen wird das eigene Geld bei Teenagern höchstens weniger.

Ich lache schallend und frage, ob sie einmal darüber nachgedacht hat, dass PayPal kein karikatives Unternehmen ist. „Irgendwo muss PayPal das Geld abbuchen. Wie sieht es denn auf deinem Konto gerade aus?“, frage ich und lamentiere über Mahnverfahren und Schufa-Einträge. Lara verstummt frustriert. Sie besitzt seit ihrem zwölften Lebensjahr ein Bankkonto mit EC-Karte. Wir überweisen die Hälfte ihres Taschengelds, die andere Hälfte erhält sie bar. Außerdem finanzieren wir ihr Smartphone mit Prepaid-Karte. Am Monatsende ist Laras High-Speed-Volumen längst verbraucht und auf ihrem Portemonnaie sowie ihrem Konto herrscht ebenfalls vorzeitige Ebbe: Mit der Clique im Biergarten sitzen, Geschenke und Alkohol für Partys besorgen, mit der Freundin einen Kaffee trinken oder Essen gehen, Städtetrip, neue Klamotten.  Ab einem gewissen Alter erhöht sich der Freizeitradius. Die meisten Teenager sind chronisch pleite, selbst wenn Oma hin und wieder eine Finanzspritze setzt.  

„Such dir einen Job“, sage ich ungerührt, sobald Lara über Geldnot klagt. Ich stamme aus einem Haushalt mit einer alleinerziehenden Mutter und zwei Geschwistern. In Laras Alter blieb mir nichts anderes übrig als in den Ferien und nach der Schule für die Dinge, die über die Grundversorgung hinausgingen, arbeiten zu gehen. Urlaub, Ausgehen und Klamotten waren auch mir als junger Mensch wichtig. Ich wollte mit meinen Freunden mithalten, die alle finanziell viel bessergestellt waren als ich. Ich schnappte mir damals das Telefonbuch und telefonierte die Leitung heiß, bis ich einen Job fand. Dadurch bin ich selbständig und selbstbewusst geworden. Ich kaufte den Großteil meiner Klamotten selbst, fuhr mit meinen Freundinnen in den Sommerurlaub und genoss das Nachtleben, ohne mich einschränken zu müssen.  

Der Preis dafür war oft hoch. Ich war eigentlich immer müde, und meine Leistungen in der Schule hätten besser sein können. Das lag mitunter an dem Freizeit-Arbeit-Schule-Spagat, den ich veranstaltete. Während die meisten meiner Freundinnen im Freibad weilten oder ausschliefen, stand ich in den Ferien in Vollzeit in einem Kaufhaus und zog mir auch nach der Schule und am Wochenende Arbeitsstunden rein. Auf der anderen Seite genoss ich meine finanzielle Freiheit und lernte, dass man Geld nicht so schnell verdient, wie man es ausgibt und wie gut es sich anfühlt, unabhängig zu sein. Diese Erfahrung soll auch meine Tochter machen, selbst wenn mir absolut bewusst ist, dass sie es um einiges einfacher hat als ich in ihrem Alter. Sie jammert auf hohem Niveau.

Meine Vergangenheit hat mich geprägt, dementsprechend bockig werde ich, wenn meine Töchter zu viele Wünsche äußern. Lara und Maya gehören zu den bedauernswerten Kindern dieser Welt, die kein Netflix-Abo besitzen. „Wir sind Aliens!“, werfen sie meinem Mann und mir gerne vor. „Alle haben Netflix, nur wir nicht.“

Mein Mann zieht mit mir an einem Strang. Auch er hat in seiner Jugend neben der Schule gejobbt. Wir sind uns einig, dass wir keine faulen Luxusweibchen erziehen möchten. Und manchmal ist selbst Lara von der ein oder anderen verwöhnten Freundin genervt: „Hanna braucht nur einmal kurz nachfragen, und am nächsten Tag bekommt sie die Turnschuhe, die ich mir mühsam zusammensparen oder zum Geburtstag wünschen musste. Sie bekommt alles mal eben so nebenbei und weiß das gar nicht zu schätzen.“

In den letzten Sommerferienwochen begibt sich Lara also auf Jobsuche.  Die anstrengenden Schulmonate und der Lockdown liegen hinter ihr. Sie langweilt sich. Die besten Freunde sind noch im Urlaub und ihre Sommerferien-Tätigkeit in der städtischen Bücherei, für die sie einen schönen Obolus erhält, reicht ihr nicht mehr. „Ich möchte einen Job, den ich auch nach Ferienende regelmäßig weitermachen kann.“ Laras bisherige regelmäßige Einnahmequelle besteht daraus, leere Flaschen in unserem Haus abzufischen und sich heimlich das Pfand dafür einzukassieren. Dafür muss sie nur zum Getränkemarkt fahren. Aber reich wird man damit natürlich nicht. Es ist ein bisschen Klimpergeld, das sie direkt vor Ort wieder in Wein oder Bier für das Wochenende investiert. „Der Mensch im Getränkeladen begrüßt mich schon wie einen alten Bekannten. Das ist mir langsam peinlich. Der denkt bestimmt, ich sammele Flaschen aus den Mülltonnen“, gab Lara einmal zu, als ich sagte, ich wäre nicht blöd und hätte ihre Flaschensammlung im Zimmer längst entdeckt.   

„Geh doch Babysitten“, schlage ich vor.  Sie besitzt viel Geduld und liest gerne vor. Die Kinder in der Bücherei lieben sie. Lara schüttelt den Kopf. Einen Babysitter benötigen die meisten Familien am Wochenende, um sich einen schönen kinderfreien Abend im Kino oder im Restaurant zu machen. Also fällt das weg. Lara möchte am Freitag- oder Samstagabend lieber Weggehen und Geld ausgeben, anstatt es zu verdienen.   

Sie durchforstet im Internet die Jobbörsen und bewirbt sich in der Filiale eines sehr bekannten, alteingesessenen Bekleidungsunternehmens, das explizit Schüler und Studenten auf Minijob-Basis zur Aushilfe sucht.  Schon einen Tag später lädt man sie zu einem Vorstellungsgespräch ein. „Ich habe den Job. Du musst nur den Vertrag unterschreiben“, sagt sie, als sie nach Hause kommt.  Als sie mir den Stundenlohn mitteilt, entgleiten meine Gesichtszüge: 6,50 Euro Stundenlohn empfinde ich selbst für eine Minderjährige (und Lara wird in einem halben Jahr 18) als pure Ausbeutung. Kein Wunder, dass man Schüler in der Jobanzeige anspricht, um den Mindestlohn zu umgehen. „Willst du das wirklich machen?“ Ich erinnere Lara, dass ihre Nachhilfe-Lehrerinnen im letzten Jahr zwischen 12 Euro (Abiturientin) und 15 Euro (Studentin) die Stunde verdient haben. Selbst für ihre ehrenamtliche Tätigkeit in der Bücherei, die Lara als „absolut chillig“ bezeichnet, wird sie besser bezahlt. „3,10 Euro unter dem Mindestlohn“, sage ich entrüstet und rechne meiner Tochter vor, dass sie 69 Stunden im Monat arbeiten müsste, um die steuer- und versicherungsfreie Minijobgrenze von 450 Euro auszunutzen.

Lara ist überfordert. Von Wörtern wie Mindestlohn, Steuern und Sozialversicherung hat sie bisher nur am Rande etwas gehört. Solche Dinge interessieren sie nicht. Immer, wenn ich meiner Tochter ein paar Informationen über die wichtigsten Dinge des täglichen Lebens mitgeben will, macht sie normalerweise dicht. Dabei kommen diese Themen, zumindest auf unserem Gymnasium, absolut zu kurz. Sie werden maximal in Sozialwissenschaften angekratzt, ein Fach das in der Oberstufe ein halbes Jahr als Pflichtkurs besucht werden muss.

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23. Sep. 2021
von Sonia Heldt
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13. Sep. 2021
von Matthias Heinrich
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Warum mir keine Katze ins Haus kommt

Katzen wie Kleiner Fuchs gehören in Griechenland zum Bild. Aber vergnüglich ist es nicht, beim Essen zuzusehen, wie sie eine Eidechse vertilgen. Foto Privat

Ich kann es nicht leugnen, ich mag keine Katzen. Schon als Kind waren mir die Biester unheimlich. In einem Moment streichen sie dir um die nackten Beine, schnurren, lassen sich streicheln, um dir urplötzlich und ohne Grund die Krallen in die Haut zu schlagen. Nein, um Katzen mache ich einen Bogen. Hunde sind mir lieber. Treu, brav und berechenbar, des Menschen bester Freund eben. Wir hatten früher immer Hunde.

Jetzt sind wir Eltern und haben keinen Hund, selbstverständlich keine Katze und auch sonst kein Haustier. Dabei fordern unsere Kinder, Theo (8) und Frida (6), regelmäßig: „Papa, ich möchte einen Hund.“ Oder fragen: „Papa, warum kriegen wir kein Haustier?“ Die Antwort ist einfach: Weil ihr euch nicht drum kümmern werdet, basta. Wir erleben es bei Bekannten: Nach spätestens zwei Wochen ist das Interesse am Hund, der vorher noch total süß war, verflogen. Dann gehen Mama und Papa mit dem Bello Gassi, weil die Kinder kein Interesse mehr an dem armen Tier haben. Ich möchte keinen Hund, weil ich keine Lust habe, mich um ihn zu kümmern. Wenn wir einen hätten, würde ich mich kümmern müssen.

Es gibt allerdings noch einen zweiten, ähnlich pragmatischen Grund, warum wir keine Haustiere und vor allem keinen Hund haben. Einmal im Jahr fliegen wir nach Kreta in den Urlaub. Hätten wir einen Hund, müsste er entweder mitfliegen oder jemand müsste sich während unserer Abwesenheit seiner annehmen. Beides wollen meine Frau und ich dem armen Kerl nicht zumuten. Wenn ich sehe, wie andere Touristen auf Flughäfen ihre verängstigten Hunde in diese engen Miniboxen verfrachten, tut mir das jedes Mal weh. Genauso unerträglich ist die Vorstellung, einen Hund für zwei oder mehr Wochen in die Obhut eines anderen zu geben. Ich möchte mir nicht ausmalen, welche Sehnsucht das Tier nach seiner Familie hat.  

Jetzt zu Kreta. Die größte griechische Insel ist berühmt für die Sonne, die Strände, die Berge, Sirtaki, die griechische Gastfreundschaft und ihre Katzen. Wer auf Kreta in einer Taverne isst, egal wo, kann sich darauf verlassen: Spätestens zwei Minuten, nachdem das Essen auf dem Tisch steht, tauchen aus dem Nichts mindestens eine, oft aber auch drei, vier Katzen auf. Sie belagern den Tisch.

Die Situation der meisten Katzen auf Kreta ist prekär. Es sind arme, zerzauste Kreaturen, sie leben mehr oder weniger wild, werden weder gefüttert noch medizinisch versorgt. Sie sind unterernährt, krank und tun mir unendlich leid. Trotzdem möchte ich sie nicht an meinem Tisch haben und darum verscheuche ich sie, den Protesten meiner Kinder zum Trotz.

In diesem Jahr hatten wir eine Unterkunft, in der drei Jungkatzen lebten. Wir hatten gerade im Schatten auf unserer Terrasse Platz genommen, genossen den Blick aufs Libysche Meer und wollten essen, als das Trio um die Ecke kam. Ich seufzte, aber unsere Kinder waren verzückt. Sie gaben den Tieren sofort Namen: Die Schwarze hieß Blacky, die Schwarz-Weiße Flecki und die Jüngste tauften sie Kleiner Fuchs. Nach dem Essen spielten die Kinder mit den Katzen.

Nachdem mein erster Ärger über die drei Biester verflogen war, (sie hatten versucht, unseren Tisch zu entern und waren dabei äußerst dreist, vor allem Roter Fuchs schien keinerlei Respekt vor mir zu haben, so dass ich ihn erst mit einem Spritzer Wasser verscheuchen konnte), sah ich mir die drei Tiere genauer an. Alle waren gesund, ihr Felle glänzten, ihre Augen waren klar. Trotzdem bestanden wir darauf, dass sich unsere Kinder nach jedem Kontakt mit den Katzen gründlich die Hände wuschen.

Die Katzen waren von jetzt an regelmäßig bei uns. Am nächsten Tag kam ein junges Mädchen vorbei. Es sagte, dass es jetzt nach Deutschland flöge und übergab Theo und Frida bedeutungsschwer eine Packung Katzenfutter. Sie nahm den beiden das Versprechen ab, Blacky, Flecki und Kleiner Fuchs damit zu füttern. Ich seufzte: Bis zum Ende unseres Urlaubs waren wir damit für Katzenfutter zuständig…

Wir stellten den Kindern eine Bedingung: Sie durften die Katzen füttern, aber nur auf einer Wiese, die weit von unserem Quartier entfernt war. Das klappte natürlich super: Die Kinder fütterten die Katzen auf der Wiese und kamen in Begleitung der drei zurück. Unsere Haustür war für die Katzen im Übrigen keinesfalls Endstation. Vor allem Kleiner Fuchs kannte keine Tabus. Mehrmals musste ich ihn aus unserem Haus jagen. Das schien sein Verhältnis zu mir aber kein bisschen zu belasten.

Beim nächsten Abendessen war das Trio wieder da und versuchte, den Tisch zu entern. Dieses Mal griff ich zum Wasserschlauch und konnte die Katzen vertreiben – für etwa zwei Minuten. Sie kamen zurück, hielten aber immerhin etwas Sicherheitsabstand. An einer Mauer erweckte plötzlich etwas ihr Interesse. Es war eine Eidechse. Das arme Tier war schnell, aber nicht so schnell wie Blacky. Die Katze erwischte das Reptil.

Auch das beste Essen, frisches, sonnengereiftes Gemüse, griechischer Feta und butterzartes Lamm schmeckt nur halb so gut, wenn in acht Metern Entfernung eine kleine Echse in den Fängen einer Katze vergeblich um ihr Leben kämpft. Ich erinnerte mich an Freunde, deren Katze ihren Besitzern jeden Tag ein anderes Geschenk brachte: Mal eine kleine Maus, einen kopflosen Spatzen oder einen halb zerteilten Maulwurf. Nein, Katzen würden mir nicht ins Haus kommen. Irgendwann erbarmte sich Blacky und verschlang die Echse. Ich erklärte unseren Kindern, dass Katzen eben Raubtiere sind und diese Grausamkeit in ihrer Natur liegt. Am nächsten Tag saß Theo vor unserer Haustür. Alle drei Katzen lagen auf ihm und ließen sich streicheln. Katzen und Kinder, unschlagbar und unzertrennlich.

Einmal lag ich auf einer Liege im Schatten und las ein Buch. Plötzlich sprang mir etwas auf den Bauch. Es war Kleiner Fuchs. Ich erschreckte mich fürchterlich und verscheuchte ihn. Eine Viertelstunde später kam er wieder und legte sich an meine Füße. Ich fragte ihn, ob er nicht verstehe, dass ich keine Katzen mag. Er hob kurz den Kopf, streckte sich und schmiegte sich an meinen nackten Fuß, als ob er das immer schon getan hätte. Ich ließ ihn liegen. Als würde das Tier ganz bewusst den Menschen erobern wollen, der es am wenigsten leiden kann.

An einem Morgen stand ich früh auf und ging mit einem Kaffee auf die Dachterrasse, um den Blick auf die See, die Berge und die Morgenstille zu genießen. Plötzlich streifte etwas meine Beine. Wieder war es Kleiner Fuchs. „Du bist komisch, Katze“, flüsterte ich. Er schmuste weiter. Und tatsächlich erwischte ich mich, wie ich plötzlich meinen Arm ausstreckte und das kleine Tier streichelte. „Händewaschen nicht vergessen, Papa“, dachte ich. Unten miaute jemand. Es war Flecki, der eifersüchtig, so schien es mir, nach oben schaute. Kleiner Fuchs blickte tiefenentspannt und maunzte zurück. Ich meinte, einen Triumph in diesem Maunzen zu hören.

Der Urlaub ging weiter, die Katzen kamen und gingen. Alle drei begleiteten uns bis zum Auto, wenn wir einen Ausflug machten. Ich kaufte Futter, eine große Packung. Wir gaben ihnen Wasser zu trinken. Irgendwann nicht mehr auf der Wiese, sondern direkt vor der Haustür. Dann kam der Tag des Abschieds. Meine Frau packte, ich verstaute das Gepäck im Wagen, die Kinder warteten, schauten und riefen. Die drei Katzen ließen sich aber nicht blicken. „So sind sie halt“, dachte ich. Die Enttäuschung der Kinder hielt sich erfreulicherweise in Grenzen. Sie hatten sich vorher schon von Blacky, Flecki und Kleiner Fuchs verabschiedet. Nein, eine Katze kommt mir nicht Haus. Basta. Und wenn irgendwann vielleicht doch, dann eher drei.

13. Sep. 2021
von Matthias Heinrich
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07. Sep. 2021
von Sonia Heldt
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Ich habe meine dreizehn Jahre alte Tochter impfen lassen, weil ich wütend bin

Maya (13) hat vor zwei Wochen ihre erste Impfung gegen COVID-19 erhalten. Der Kinderarzt im Impfzentrum nahm sich viel Zeit für ein persönliches Gespräch und nach vierzig Minuten saßen wir wieder im Auto. Maya tat zwei Tage der Arm weh, und ich habe sie vorsorglich eine Woche beim Sport entschuldigt. Lara (17) wurde bereits vor den Ferien geimpft. Meine Töchter gehören damit zu den aktuell 33 Prozent der Gruppe der Zwölf- bis Siebzehnjährigen, die bisher mindestens einmal in Deutschland geimpft sind. Vollständig sind aktuell 22 Prozent geimpft (RKI Tabelle – wird laufend aktualisiert).

Vorbereitung einer Corona-Impfung für ein Schulkind
Vorbereitung einer Corona-Impfung für ein Schulkind

Ich bin weder Impfgegner, noch habe ich meine Kinder in der Vergangenheit gegen alles und jedes impfen lassen. Ich bin der Meinung, mit viel Schlaf und Ruhe bekommt man die meisten Infekte auch ohne Gang zum Kinderarzt und Antibiotikum in den Griff. Ich sehe Fieber als geniales Abwehrmittel des Körpers an und nicht als Symptom, das unter allen Umständen bekämpft werden muss. Ich bin davon überzeugt, dass das kindliche Immunsystem arbeiten und lernen darf und muss. Ich habe die Windpockenimpfung bei meinen Kindern ausgelassen, denn bis 2012 riet u.a. die Stiftung Warentest von der Varizellen-Impfung noch ab, manche Ärzte wiederum bewerteten die Impfung positiv. Ich wog ab und entschied mich dagegen. Beide Kinder infizierten sich im Kindergarten mit den Windpocken und hatten einen kurzen und unkomplizierten Krankheitsverlauf. Ich glaube, dass weder Maya noch Lara im Falle einer Covid-19 Infektion im Krankenhaus landen würden. Und dennoch sind sie jetzt beide mit Biontech geimpft.

Anfang letzten Jahres (noch vor Corona) sprach Lara mich an, warum sie nicht gegen HPV geimpft wäre. Alle ihre Freundinnen wären das längst. Humane Papillomviren (HPV) sind sexuell übertragbare Erreger. Bleibt eine Infektion damit bestehen, kann sie im Lauf der Zeit eine Krebserkrankung am Gebärmutterhals verursachen. Daher impft man Jugendliche, bevor sie sexuell aktiv werden. Ich sagte, dass die Impfung kein Garant gegen Krebs sei, ich aber wüsste, dass es seit einigen Jahren diese Impfempfehlung, gerade für Mädchen, gäbe. Lara war mit fast sechzehn Jahren alt genug, um eigenverantwortlich über ihren Körper entscheiden zu dürfen. Ich machte ihr einen Termin in meiner Frauenarztpraxis, sie ließ sich beraten und impfen. 

Und so war es für mich selbstverständlich, dass meine nun Siebzehnjährige auch in der Covid-19 Frage ihre eigene erwachsene Entscheidung treffen sollte, auch wenn ich selbst dazu einen Standpunkt vertrat. „Auf jeden Fall lasse ich mich impfen. Ich will mein Leben zurück. Ich will endlich wieder normal meine Freunde treffen, mit ihnen Party machen, in die Schule und ins Schwimmbad gehen und verreisen“, sagte sie, als wir für sie ein Impfangebot erhielten. Ich war erleichtert, denn in unserer Familie pflegt sie die meisten Kontakte und trug somit von Anfang an in der Pandemie das größte Risiko einer Infektion. Ich gönnte ihr von ganzem Herzen das Mehr an Freiheit, das sie durch die Impfung erlangte.  

Bei Maya lag der Fall anders. Hier mussten wir Eltern entscheiden. Ich weiß, dass Maya mir vollkommen vertraut. Natürlich habe ich sie vorher gefragt, ob sie mit der Impfung einverstanden ist, und ich habe ihr erklärt, dass sie im Falle einer Infektion sicher nicht stark erkranken würde. „Covid-19 ist in der Regel bei Kindern und Jugendlichen keine schwere Erkrankung. Die Mehrzahl der SARS-CoV-2-Infektionen verläuft asymptomatisch oder mit milden Symptomen“, so auch die Aussage des RKI und des beratenden Impfarztes. Aber ich glaube, dass Maya sowieso nicht um die Impfung herumkäme. Zumindest nicht, wenn sie halbwegs am gesellschaftlichen Leben teilnehmen will und sich das letzte Schuljahr nicht wiederholen soll. Das zeichnet sich seit Monaten ab, machen wir uns nichts vor!  

Erst wurde den Kindern erklärt, sie müssten zurückstecken, um die Alten zu schützen. Jetzt erhielten die Alten (ich schließe mich dieser Personengruppe durchaus an) viele Freiheiten zurück, dürfen unkompliziert verreisen, Freunde treffen und ins Theater gehen. Aber die Kinder sitzen weiterhin mit Maske in der Schule, müssen sich regelmäßig selbst testen, im Winter in den Klassenräumen durch die Dauerlüfterei frieren und werden nonstop daran erinnert, dass sie potentielle Krankheitsüberträger sind. Ein bisschen viel Bürde, die den Kindern da auferlegt wird!

Mich macht das wütend. Ich will nicht mehr, dass meine dreizehnjährige Tochter nur noch mit ihren Sorgen beschäftigt ist. Maya sorgt sich, dass sie im kommenden Herbst und Winter wieder ständig in Quarantäne gehen muss, weil das Virus in der Schule grassiert. In unserem Gymnasium gibt es aktuell vier Coronafälle. Es wird ein Auf und Ab bleiben, und allen graut es vor den nächsten Monaten. „Heute waren alle negativ in der Klasse. Wir waren alle so froh“, sagte Maya heute. Schultag für Schultag halten die Kinder nun an den Testtagen den Atem an. Hat es jemanden erwischt? Oder dürfen wir mit den Unterricht beginnen? Wen es erwischt, der oder die muss unverzüglich den Klassenraum verlassen, und alle schauen ihm mitleidig hinterher. Was für ein unschönes Szenario!

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07. Sep. 2021
von Sonia Heldt
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31. Aug. 2021
von Chiara Schmucker
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Die Entdeckung der Langsamkeit

Warum unsere Autorin nach der Geburt des zweiten Kindes ein Incognito-Dasein dem launigen Get-Together vorzieht – und warum Corona-Auflagen nicht immer schlecht sind.

In der Zeit des Wochenbetts ist es nicht einfach, Zweisamkeit zu organisieren – wenn auch die Bedürfnisse des ersten Kindes, der Freunde und Verwandten berücksichtigt werden sollen.

Eine Stehparty in einem überhitzten Wohnzimmer, mehrere Verabredungen an einem Tag oder Smalltalk mit den Kollegen in der Kaffeeküche: Vor Corona konnte ich nicht genug Menschen um mich haben. Ein Wochenende ohne Termine machte mich unruhig. Logisch, dass ich nach der Geburt unseres ersten Kindes Max vor drei Jahren wenige Stunden nach der Entbindung das Krankenhaus verließ und wiederum wenige Stunden später die ersten Gäste auf unserem Sofa saßen, den Kleinen herzten und Erinnerungsfotos schossen. Wir platzten ja auch vor Stolz und ich fühlte mich wie Superwoman.

Doch unser erster Sohn war ein unruhiges Baby, Kollegen sagten, kein Wunder bei den Eltern. Doch er blieb auch unruhig, als wir die Besuche und Aktivitäten reduzierten, während seiner kurzen Schläfchen die Klingel abstellten und anfingen, uns nur noch im Flüsterton zu unterhalten. Stundenlang trugen wir ihn in den Schlaf, aus dem er dann vom Rascheln einer Zeitung oder dem Biss in ein Knäckebrot (ich schwöre: das ist nicht erfunden) aufschreckte und meist prompt zu weinen anfing.

In der Corona-Pandemie ist unser Leben ruhiger geworden. Wir sind rausgezogen aus der Stadt und haben viele Wochen wie so viele andere auch ganz auf Verabredungen und Treffen verzichtet. Als ich wieder schwanger wurde, schwor ich mir: Diesmal würde ich in den ersten Wochen alles ruhiger angehen lassen. Nicht nur für das neue Baby, sondern auch für uns. Denn wenige Wochen nach der Geburt unseres ersten Kindes fühlte ich mich so ausgelaugt und übermüdet, dass ich mich nicht mehr traute, Auto zu fahren oder Eier im heißen Wasser zu kochen. Doch: Wie Freunde und Familie einbeziehen, ohne wieder im Wochenbettstress zu enden? Wie das Kennenlernen als Familie organisieren, ohne dass sich das Kindergartenkind ausgeschlossen fühlt? Fünf Schritte, die mir helfen:

1. Die Zeit im Krankenhaus auskosten

Eine Stunde Besuchszeit für den Papa am Tag, sonst nichts – als ich vor Monaten diese strenge Corona-Auflage unseres Wunschkrankenhauses erfuhr, hielt ich das für eine Geburt im August noch für total übertrieben. Corona würde da doch längst kein Thema mehr sein, alle geimpft und die Auflagen weit gelockert. Doch als wir vor wenigen Wochen in den frühen Morgenstunden unseren zweiten Sohn endlich glücklich in die Arme schlossen und ich kurz darauf das Zimmer beziehen durfte, musste mein Mann sich tatsächlich verabschieden. Zur Besuchszeit am Nachmittag dürfe er wiederkommen, sagte die Hebamme freundlich, aber bestimmt.

Auch wenn es schade war: Was für ein Segen im Vergleich zu dem Taubenschlag, von dem mir befreundete Mamas berichteten, von Besuchsorgien der gesamten Verwandtschaft am eigenen und am Nachbarbett. So verbrachten Lenny und ich die ersten beiden Tage allein im Zimmer ausschließlich mit Kuscheln und Kennenlernen. Schnell lernte ich die „All inclusive“-Versorgung mit drei Mahlzeiten am Tag, einer Selbstbedienungstheke mit Müsli, Suppen und Getränken und die Flügelhemdchen und Babykleider des Krankenhauses schätzen, die nach dem Tragen einfach ausgetauscht wurden. Wir wurden liebevollst umsorgt, das Bett frisch überzogen und das Bad geputzt – und ansonsten in Ruhe gelassen.

In diesen ersten Tagen, die ich ganz allein mit meinem Baby für mich hatte, stellte ich nicht nur fest, wie unterschiedlich unsere beiden Söhne sind, sondern auch, wie wichtig dieses erste exklusive Mama-Kind-Bonding ist: Lenny schlief ruhig, trank gut und eifrig und weinte kaum. „Ich bin der erste außerfamiliäre Lenny-Fan“, sagte meine spätere Zimmergenossin kurz, bevor wir entlassen wurden. In ihr habe ich direkt eine neue Freundin gefunden.

2. Blitzbesuch in der Nachbarschaft

Als wir nach Hause kamen, schlief Lenny im Maxi Cosi. Wir nutzten den Moment, ihn einmal kurz den Nachbarn vorzustellen – schließlich hatten alle lange mitgefiebert. Und nun waren auch wir Eltern schon mal ordentlich frisiert und angezogen. Wir wussten ja nicht, wann dies das nächste Mal der Fall sein würde, und so hatten wir das schon einmal „erledigt“. Die Folge: Außer dem Postboten klingelte in den nächsten Tagen niemand.

3. Absagen ohne schlechtes Gewissen

„Hey, wir sind morgen in der Nähe, können wir kurz vorbeischauen?“ – Freunde und Bekannte, die wir teilweise seit Monaten nicht gesehen hatten, bekamen nach Lennys Geburt auf einmal große Sehnsucht. Doch den allermeisten sagte ich ab. Zum einen, weil ich tatsächlich noch viel liegen sollte, zum anderen, ich gestehe, weil ich einfach keine Lust hatte, um eine bestimmte Uhrzeit „besuchsbereit“ zu sein. Denn auch einen Blitzbesuch will ich in halbwegs geordnetem Zustand empfangen. Heißt: Vorher sind wir mindestens eine Stunde damit beschäftigt aufzuräumen, uns und die Kinder anzuziehen und den Dauerbegleiter Wäscheständer aus dem Wohnzimmer zu verfrachten. Danach gilt es, den sauberen Status Quo so lange aufrecht zu erhalten, bis die Gäste ankommen – kein einfaches Unterfangen mit einem Dreijährigen, der am liebsten Zeitschriften in winzigste Teile zerschneidet.

Sagte ich jemandem ab, habe ich mich anfangs immer noch entschuldigt: „Wir brauchen noch ein bisschen Zeit fürs Kennenlernen, ich hoffe, du bist mir nicht böse.“ Inzwischen lasse ich die Entschuldigung weg. Denn eigentlich haben alle es sehr gelassen aufgenommen. Und: Das Wiedersehen wird für alle Beteiligten netter, je besser es allen geht. Und wir entschädigen durch regelmäßige Fotos und Videos via Whatsapp.

4. Exklusivzeit für das Geschwisterkind

„Du wirst nie so viel Zeit allein mit dem Zweitgeborenen haben wie mit dem ersten“, flüsterten mir meine Freundinnen vor der Geburt bedauernd zu. Doch bisher ist das bei uns glücklicherweise anders. Wir befinden uns in der zugegebenermaßen luxuriösen Lage, dass mein Mann Elternzeit hat und unser Großer bis 14 Uhr im Kindergarten ist. Da bleibt viel Zeit zum Kuscheln und Ausruhen, total exklusiv. Eher müssen wir sehen, dass der Große sich genauso beachtet fühlt, wenn er morgens und am Nachmittag bei uns ist. Ich habe festgestellt: Oft reichen schon 20 bis 30 Minuten volle Aufmerksamkeit, um alle unsere Batterien wieder aufzuladen. Das entschleunigt den gesamten Alltag, und ich freue mich immer schon, wenn er wieder aus dem Kindergarten kommt.

5. Gut essen

Der für mich wichtigste Punkt für Stillmamis: Nicht das Essen vergessen oder Mahlzeiten auslassen. Aus der Erfahrung mit Max, der sich nie ablegen ließ, habe ich gelernt – und diverse Nestchen, Wippen und Stubenwagen schon vor Lennys Geburt angeschafft. Und tatsächlich schläft Lenny teilweise zwei Stunden darin. Und falls er pünktlich zum Essen aufwacht, gibt es ja noch vier weitere Arme, die ihn streicheln und wiegen, bis Mama sich wieder in Superwoman verwandelt hat. Kurzum: Die ersten Wochen mit dem zweiten Kind sind bislang wesentlich entspannter verlaufen als die mit dem ersten. Und das hätten wir nie erwartet. Vor allem, weil unser Großer, ein echter Temperamentbolzen, ja weiterhin dabei ist. Tatsächlich wirkt aber auch Max viel entspannter und ausgeglichener, seit Lenny in der Familie ist. Wahrscheinlich hat er uns einfach noch gefehlt.

31. Aug. 2021
von Chiara Schmucker
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24. Aug. 2021
von Matthias Heinrich
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Was sind moderne Eltern?

Kann Mann gleichzeitig ein Tragetuch und die Hosen anhaben?
Kann Mann gleichzeitig ein Tragetuch und die Hosen anhaben? Die Vaterrolle ist im Wandel.

Nach dem Training fragt ein Teamkollege: „Wer kommt noch mit auf ein Bier?“ Zwei Hände schießen sofort hoch, ich schüttele den Kopf: „Ich heute nicht. Meine Frau muss noch an den Schreibtisch, und ich bringe die Kinder ins Bett.“ Er grinst mich an: „Bei euch ist auch klar, wer die Hosen anhat, oder?“ Die anderen lachen. Ich denke kurz darüber nach, ob er das wirklich gerade gefragt hat, und grinse dann zurück: „Nächste Woche bin ich wieder dabei. Heute nicht, Männer.“

Kurze Zeit später bringe ich unsere Tochter Frida (6) ins Bett. „Du Papa, heute hat ein Mädchen ‚Zicke‘ zu mir gesagt.“ „Hm. Dann sag ihr doch einfach so was wie: ‚Wenn ich eine Zicke bin, dann bist du eine alte Birne'“. Frida lacht, wird dann aber wieder ernst: „Ach Papa, ich kann das nicht. Ich bin nicht so wie du. Ich möchte mich nicht streiten.“ „Ja, aber wenn dir nicht gefällt, wie dich jemand nennt, dann musst du das demjenigen sagen.“ „Ja, Papa, das ist aber schwer. In der Kita konnte ich das. Aber dieses Mädchen kannte ich nicht.“ „Ach Frida“, antworte ich und denke daran, dass unsere Tochter in ein paar Wochen eingeschult wird. „Das lernst du schon noch. Dir werden immer wieder Menschen begegnen, die komisch zu dir sind und manchmal sogar doof. Du wirst lernen, damit klarzukommen. Wenn du dabei Hilfe brauchst, kommst du zu mir.“ „Cool, Papa.“ Wir kuscheln und dann lese ich Pippi Langstrumpf vor.

Als Frida schläft, denke ich an meine drei Sportkameraden. Gute Typen sind sie, drei richtige Mannsbilder. Alle haben Fulltime-Jobs, ihre Frauen arbeiten in Teilzeit und kümmern sich um Kinder und Haushalt. Ihre Lebensentwürfe sind vollkommen okay, bei uns ist das halt anders, nämlich umgekehrt: Wenn meine Frau noch arbeiten muss, kümmere ich mich um die Kinder,

Wir haben uns immer schon gegenseitig viel Raum gegeben. Vor den Kindern hat sie in Berlin gearbeitet und ich in Niedersachsen. An den Wochenenden sind wir abwechselnd gependelt. Als unser Sohn Theo auf die Welt kam, entschieden wir uns für Berlin. Für mich war es keine Frage, dass ich Elternzeit mache und zwar gerne mehr als die üblichen zwei Monate. Meine Frau fand es klasse, dass ich Zeit mit meinem Kind verbringen wollte. Ich hatte eine ebenso klare wie naive Vorstellung, wie die Elternzeit in Berlin ablaufen sollte. Die Realität sah dann komplett anders aus, aber das ist eine andere Geschichte.

Letztlich waren es sechs Monate Elternzeit, bei jedem der Kinder. Für meine berufliche Entwicklung war das wenig förderlich, aber für das Verhältnis zu den Kindern hat es sich gelohnt. Das ist mir am wichtigsten. Ich würde es wieder so machen, mit allen Begleiterscheinungen. Es sollte auch nicht die letzte intensive Zeit mit Theo und Frida werden. Bevor wir alle zusammen in den Süden gingen, pendelte meine Frau ein Dreivierteljahr nach Bayern. Ich leitete mit dreißig Stunden eine Abteilung und kümmerte mich um die Kinder.

Und dann kam Corona. Monatelang war ich in dem, was viele Leute die klassische Mutterrolle nennen würden, nur eben als Mann: Lehrer, Spielkamerad, Hausmann und Vater. „Bei euch geht das ja auch. Du warst ja doch schon mal mit den Kindern allein, ihr seid halt eine moderne Familie“, haben Freunde gesagt, wenn wir über Corona sprachen. Ich selber nenne das nicht modern, sondern pragmatisch. Wir haben aus den Möglichkeiten das für uns Beste gemacht. Aber ist das modern? Sind Familien, in denen Väter arbeiten und Mütter sich überwiegend um die Kinder kümmern, unmodern, uncool oder altmodisch? Müssen sich Väter und Mütter in klassischen Lebensentwürfen schlechter fühlen, weil der Vater das unvergessliche Ergebnis eines Pekip-Kurses verpasst hat? Bis auf die letzte (Pekip haben wir nicht gemacht, es klang immer wie etwas, was nichts für mich ist) kann ich alle Fragen mit „nein“ beantworten.

Modern sind für mich Eltern, die offen über ihre Wünsche und Erwartungen sprechen und dann das tun, was für die Familie passt. Mit der Länge der Elternzeit des Vaters hat das nichts zu tun. Wer keine Lust hat auf Babyschwimmen, Krabbelgruppen oder Elternzeit, der lässt es halt bleiben. Ich möchte niemanden bekehren, stelle aber für mich fest, dass die Elternzeit Gold wert war. Ich habe zu unseren zwei Kindern sehr enge und vertrauensvolle Beziehungen, deren Wurzeln seit der Elternzeit gewachsen sind.

Wenn Theo etwas von seiner Mutter will, beginnt er den Satz manchmal mit einem Versprecher: „Du Papa… ich meine Mama …“ Ich finde das wunderbar. Meine Frau und ich sind für unsere Kinder absolut gleichberechtigte Ansprechpartner. Sicher gibt es Themen, bei denen die Kinder ihre Favoriten haben. Bei mir sind es aber nicht nur Fußball und Taschengeld. Noch heute benötige ich nur Sekunden, Theo nach einem schlechten Traum zu beruhigen. Er schläft noch immer zügig ein, wenn ich ihm das Lied aus seinen Babytagen vorsinge. Und er kommt zu mir, wenn er etwas ausgefressen hat, auch wenn es dafür Ärger gibt. Das gilt auch für seine Schwester, die sich am liebsten von mir vorlesen lässt und die mir offen von ihren Kita-Konflikten erzählt.   

Ich weiß aber auch von meinen Sportskameraden, dass alle drei gute Väter sind. Auch ohne einen einzigen Tag Elternzeit.

24. Aug. 2021
von Matthias Heinrich
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