Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

11. Dez. 2018
von Janosch Niebuhr
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Warum Erwachsene wieder an den Weihnachtsmann glauben sollten

© dpaSo viel Freude wie dem Weihnachtsmann möchten die echten Paketboten auch mal entgegengebracht bekommen.

Es ist bald soweit – ich spüre es schon, und es macht mich, ja, ziemlich wehmütig: Der Weihnachtsmann wird uns verlassen. Für immer. Es muss sein.

Unsere jüngste Tochter verlässt langsam das Stadium der „Präoperationalen Intelligenz“ (so hätte es der Entwicklungspsychologe Jean Piaget ausgedrückt). Bald wird auch bei ihr das Bild des jovialen, rauschebärtigen Rentierschlitten-Benutzers und Geschenkbringers vollständig von der Realität verdrängt werden, also von adventsgestressten Eltern, die überarbeiteten Paketboten die Online-Einkäufe aus der Hand reißen.

Noch aber ist alles im grün-magischen Bereich. Ich habe das kürzlich bei unserer Fünfjährigen abgeprüft:
„Was glaubst du, wer bringt wirklich die Weihnachtsgeschenke?“
„Der Weihnachtsmann. Ist doch klar.“
„Und wie macht er das?“
„Mit einem Sack.“
„Und wie kommt er hier rein?“
„Er klettert durch ein Fenster.“
„Und wenn das Fenster zu ist?“
„Dann kommt er durch die Tür.“
„Wenn wir schlafen und die Tür verschlossen ist?“
„Dann kommt er eben durch den Schornstein.“

An dieser Stelle habe ich das Verhör abgebrochen, weil ich die Entmagisierung so kurz vor Weihnachten nicht beschleunigen wollte. Das besorgen dann schon die beiden älteren Geschwister.

Forscher sind sich uneinig, ob das weihnachtliche Anlügen der Kinder und die irgendwann mit Notwendigkeit folgende Ent-Täuschung schädlich sind für die Eltern-Kind-Beziehung oder nicht. Auch unsere eigenen Erfahrungen damit sind bisher uneindeutig. Während unsere älteste Tochter, inzwischen zwölf Jahre alt, völlig geräuschlos und schadenfrei in die kalte Wirklichkeit geglitten ist, hat die mittlere doch sehr deutlich Kritik geübt, als ihr vor drei Jahren die Illusionen genommen worden: „Jetzt mal ganz ehrlich, wirklich: Stimmt das denn jetzt mit dem Weihnachtsmann oder nicht?“, wollte sie plötzlich in der Adventszeit wissen. Eine ehrliche Frage einer damals Sechsjährigen. Woraufhin sie einfühlsam aufgeklärt wurde, unter anderem mit dem Verweis auf historische Figuren (Nikolaus von Myra, Jesus, Schafe) und auf die tiefere Botschaft, die hinter dem Weihnachtskonstrukt verborgen ist. Die erste Reaktion der frisch Aufgeklärten war dennoch niederschmetternd: „Weißt du, vielleicht möchten die Kinder auch nicht mehr bei den Eltern bleiben, wenn die einen so anlügen!“ Weiterlesen →

11. Dez. 2018
von Janosch Niebuhr
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04. Dez. 2018
von Martin Benninghoff
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Eine Puppe für einen Jungen?

© dpa-ZentralbildNa, wo liegt wohl das Mädchen? Links oder rechts?

Als unser kleiner Sohn neulich Geburtstag hatte, wünschten wir uns eine Puppe für ihn. Eine, die er in die Badewanne mitschleppen, der er ein Mützchen aufsetzen oder, wie kürzlich geschehen, der er eine Windel anziehen kann. Eine Puppe eben. Nichts Besonderes, eine normale, glatzköpfige Babypuppe.

Bei einer Person in unserem Umfeld zeigte sich jedoch ein gewisser Widerstand, dem Jungen eine Puppe zu schenken. Eine Puppe für einen Jungen? Müsse das sein? Warum denn – und überhaupt? Also vergaben wir den Schenkungsauftrag an eine andere Person, die damit kein Problem hatte. Zum Glück waren das in unserem Familien- und Bekanntenkreis alle anderen.

Wir waren überrascht über das Comeback solcherlei Geschlechterklischees. Was fürchten denn Menschen, die einem Jungen eine Puppe schenken? Dass er sofort und unwiderruflich zum Mädchen umfirmiert? Ein rosa Kleidchen ordert – und sich Spängchen in die Haare macht? Oder ein drittes, viertes oder achtes Geschlecht für sich entdeckt – und zum Transmenschen wird?

Es mag eine extreme Einzelmeinung gewesen sein, aber sie passt in die Zeit. Der Begriff „Gender“ ist ja derzeit so etwas wie ein Brandbeschleuniger für die lodernde Wut mancher Menschen. Er meint die gesellschaftlich geprägten Geschlechterrollen, nicht das biologische Geschlecht. In unserem Fall also zum Beispiel die Behauptung: Ein Junge spielt nicht mit einer Puppe, das ist Mädchenkram. Andere Beispiele: Ein Junge tanzt kein Ballett, das ist unmännlich. Oder trägt keine Ohrringe. Zeigt keine Gefühle. Weint nicht. Und ein Mädchen? Soll sich eher ums Häusliche kümmern, nicht zu viel Karriere machen. Nicht raufen und toben. Mädchen sind dafür fleißig und folgsam. Jungen eher praktisch veranlagt und schwächeln beim Lerneifer.

Zwar würden die wenigsten in unseren Breitengraden solche Sätze offen formulieren. Aber manche Erziehungsstile und vermittelten Werte speisen sich aus Glaubenssätzen, die ihren Urhebern mehr oder minder bewusst sind. Das aufzudecken ist die Aufgabe, die sich Anhänger von Gender Mainstreaming gestellt haben – sie stellen die kulturellen Rollenvorstellungen auf den Prüfstand. Kritiker werfen ihnen vor, dass sie das biologische Geschlecht bis zur Unkenntlichkeit dekonstruieren und damit kleinreden. Seitdem es Gender Mainstreaming in Universitäten und EU-Texte geschafft hat, ist ein regelrechter Kulturkampf zwischen Anhängern und Gegnern entstanden.

Zu Recht? Zu Unrecht? Tut mir leid, aber mit diesem Kampf ist diese kleine Kolumne überfordert. Und ich auch. Trotzdem, die Puppe gibt einen klitzekleinen Hinweis, was an Gender bedenkenswert ist – und was mir überdreht scheint.

Kennen Sie die Bewegung „Gender Creative Parenting“? Das sind Eltern, die ihr Kind geschlechtslos erziehen wollen. Das Kind ist biologisch Junge oder Mädchen, aber ihm sollen darüber hinaus die gesellschaftlichen Attribute, die als männlich oder weiblich gelten, in den ersten Lebensjahren erst einmal erspart bleiben. Es soll frei von Rollenklischees – und damit unbelastet – die ersten Schritte tun, das erste Wort sprechen und die ersten Freundschaften schließen. Das Babyzimmer bleibt also weiß, ein pinker oder blauer Anstrich muss warten.

Mir kommt das unheimlich konstruiert vor, zumal die Umsetzung wirklichkeitsfremd scheint. Kinder können relativ früh zwischen Männern und Frauen unterscheiden, die Geschlechterfrage ist für sie eine frühe Schublade, die die Wirklichkeit stabilisiert. Und, gerade bei Kindern nicht unwichtig, sondert man die Kleinsten damit nicht unnötig aus in einer Welt, die stark auf Geschlechterkategorien setzt?

Der Grundgedanke allerdings ist sympathisch. Die biologischen Unterschiede sind ohnehin da, sie sind nicht veränderbar. Und zu häufig nutzen manche sie dazu, Althergebrachtes zu zementieren und als alternativlos darzustellen. Künstlich betonen muss man sie nicht. Die sozialen Geschlechtszuschreibungen aber sind veränderbar – und deshalb kritikfähig. Sich als Eltern vorzunehmen, nicht jedes Klischee beim eigenen Nachwuchs mitzunehmen, kann so falsch nicht sein. Wenn die Gender-Debatte extremistisch geführt wird, würde ich mich allerdings gleich wieder gerne abmelden.

Die Puppe für den Jungen ist mein vorsichtiger Versuch eines Kompromisses auf dem Gender-Minenfeld. Im Kleinkindalter soll der Kleine eine möglichst breite Palette an Erfahrungen und auch mögliche Zuschreibungen kennenlernen. Schmalspurgänger, die ihm verordnen, wie er zu sein hat oder was er zu lassen hat, sind da nicht gefragt. Das gilt für beide Seiten – die Genderisten und die Genderhasser.

Zumal gesellschaftliche Stempel ohnehin volatil sind. Bei den Germanen galten lange Haare bei Männern als schick, während sie später in der aufkommenden Bürgerlichkeit als verpönt galten, um dann bei den Achtundsechzigern zum gegenkulturellen Symbolschnitt zu avancieren. Heute gilt die Farbe Rosa für Mädchen quasi als naturgegeben, was Unsinn ist. Schrecklich, wie viele junge Eltern darauf hereinfallen! Rosa war lange Zeit eher die Farbe von Jungen und Männern,  das „kleine Rot“ hatte den Ruf, ausgesprochen männlich zu sein, während Frauen Blau trugen. Mit dem Aufkommen der blauen Arbeiterkleidung wechselte die Farbgebung ins Gegenteil – und manche tun so, als sei das immer schon so gewesen. Oder haben Sie schon einmal Bilder aus dem Kaiserreich gesehen, auf denen die kleinen Jungs Kleidchen tragen?

Abseits dieser Äußerlichkeiten geht es um den Horizont möglicher sozialer Verhaltensnormen. Eine Puppe – gilt es sie nicht zu hegen und zu pflegen? Und, Achtung, rhetorische Frage: Sind das nicht alles Zuschreibungen, die vor allem für die späteren Mütter gelten? Wohl kaum, wenn ich mir meinen heutigen Alltag anschaue: Längst ist die Kinderbetreuung nicht nur Muttersache. Wenn eine Puppe also für die frühkindliche Horizonterweiterung gut ist, umso besser. Wenn sie einfach nur zum Spielen da ist, reicht das aber auch.

04. Dez. 2018
von Martin Benninghoff
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27. Nov. 2018
von Anna Wronska
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Die Hilflosigkeit des Elternseins

© Picture AllianceNiemand „gehört“ ins Krankenhaus – aber Kinder am allerwenigsten.

Ein Spoiler vorweg, weil alles andere unpassend wäre: Die Geschichte von unserem kranken Kind hat ein Happy End. Aber das ist nicht selbstverständlich, und es war nicht von Anfang an klar. Sie hat mich gelehrt, was man gemeinhin zu wissen glaubt, ich aber bis vor kurzem nicht im Ansatz begriffen habe: was für fragile Konstrukte das Leben, die Gesundheit und das Glück sind. Hatte ich nicht kürzlich noch geschrieben, wie entspannt wir nach der Geburt meines zweiten Kindes in das Familienleben zu viert gestartet waren und wie gut wir alles, zu unserer eigenen Überraschung, im Griff hatten? Eben noch in der Neugeborenen-Glückshormon-Blase, auf einmal in der Kinderklinik. Mit einem zehn Wochen alten Baby.

So eine Kinderkrankenstation ist der zweittraurigste Ort, den ich mir in unseren Breiten überhaupt vorstellen kann. Auch wenn die Wände mit Mickey Mouse, Daisy Duck, Schiffen und Fußballspielern bemalt sind, bunte Mobiles von der Decke im langen Flur baumeln und es ein Spielzimmer gibt. Oder gerade deswegen. Niemand „gehört“ in ein Krankenhaus, aber Kinder tun es am allerwenigsten. An einem Tag sind zwei Clowns zu Besuch und singen auf dem Flur zu Akkordeonbegleitung, umringt von einem halben Dutzend Kindern im Kita- und Grundschulalter und ihren Eltern: Der Bieber, der hat Fieber, und die Eule hat ’ne Beule. Ein paar Kinder klatschen, aber ein etwa sechs Jahre alter Junge mit beiden Füßen in blauem Gips weint leise auf dem Schoß seiner Mutter, und sie schaut über seinen Kopf hinweg bekümmert zum Vater hinüber. Ich habe einen Kloß im Hals und schließe unsere Tür zum Flur. Nachts, wenn ich Lukas stille, ist oft von irgendwo Weinen oder Schreien zu hören. Tagsüber schlurfen Eltern mit müdem Blick und ihren Kindern auf dem Arm über die Gänge, man trifft sich am Kaffeewagen.

Unser kleiner Lukas ist hier gelandet, weil nach zwei unruhigen Nächten mit (mäßigem) Fieber seine Urinprobe beim Kinderarzt auffällig war: Verdacht auf Nierenbeckenentzündung. Sie beginnt als Harnwegsinfekt. Bakterien gelangen in den Harnleiter, steigen von dort auf, können die Nieren schädigen und unbehandelt zu einer Blutvergiftung führen. Bei so kleinen Kindern ist die Überweisung ins Krankenhaus obligatorisch, die Behandlung mit Antibiotika alternativlos, so erklärt man uns. Doch es dauert eine Weile, bis die Diagnose gesichert ist. Am Anfang steht die nähere Untersuchung von Urin, Blut und Stuhl. Ein Stich in die weiche Kopfhaut, die Vene dort ist die beste Stelle für die Blutabnahme und als Zugang für die Infusion. Die Ärztin hantiert etwas umständlich herum, so kleine Kinder hat man hier auch nicht jeden Tag. Lukas schreit, windet sich, eine Schwester hält das knallrote kleine Köpfchen fest. Bei Babys können die kleinen Venen schon mal durch die Infusion platzen, erfahre ich, dann müsste man noch mal pieksen. Ich tue gefasst und bin insgeheim schon am Ende. Wir haben nichts mehr im Griff. Wir müssen uns darauf verlassen, dass fremde Leute das Richtige tun.

In den Tagen darauf gehen mir an dem eisernen Gitterbett, in dem mein Kind so winzig aussieht, immer wieder die gleichen Gedanken durch den Kopf: Was, wenn es etwas noch Schlimmeres ist? Und: Warum konnten wir das nicht verhindern? Und: Warum haben wir nicht früher gehandelt? Letzteres geht auf meine Kappe: Mein Mann hatte schon nach der ersten fiebrigen Nacht gesagt, wir sollten mit Lukas zum Arzt. Doch die erhöhte Temperatur kam nur von seinem kleinen Infekt, war ich überzeugt; außerdem war er kurz zuvor geimpft worden. Tagsüber ging das Fieber dann zurück, außerdem war Wochenende; wir sollten uns nicht so anstellen, sagte ich zu meinem Mann, Berichte über überfüllte Notaufnahmen voller Bagatellfälle und Kritik an überängstlichen Helikopter-Eltern im Hinterkopf. Also haben wir uns nicht angestellt. Doch als wir nach der zweiten Nacht mit fieberndem, weinerlichem Baby schließlich doch in der Bereitschaftspraxis am Tresen standen und unseren Fall beschrieben, fragte die Arzthelferin mit hochgezogenen Augenbrauen: „Und da sind Sie nicht früher zum Arzt gegangen?“ Wie man es macht, man macht es falsch – nur war es in diesem Fall wirklich falsch, und der kleine Sohn muss es ausbaden. Dabei sollten wir ihn beschützen. Wer, wenn nicht wir?

Später im Krankenhaus sagen uns die Ärzte, wir mögen jetzt bitte nicht überängstlich werden mit Lukas. Dass wir keine übertriebenen Hygienemaßnahmen ergreifen sollen. Und dass wir nichts hätten tun können, um die Infektion zu verhindern. Die Keime, die sie verursachen, kämen in den reinlichsten Familien vor. Manche Kinder neigten zu Bronchitis, andere eben zu Harnwegsinfekten. Bei Lukas wird der Spuk, Antibiotika sei Dank, bald vorbei sein und bleibt mit einiger Wahrscheinlichkeit eine einmalige Sache, die Nieren sind gesund. Die Worte der Ärzte sind tröstlich – und doch wieder nicht. Wir mögen nicht immer schuld sein an dem, was unseren Kindern passiert. Aber wir sind immer verantwortlich. Und solange wir zumindest theoretisch Unheil von ihnen abwenden können, indem wir besonders aufpassen, fühlen wir uns nicht ganz so machtlos.

Die Tage in der Klinik vergehen, es kehrt so etwas wie Routine ein. Noch zwei Mal wird Lukas gepiekst, jedes Mal stellen die Schwestern eine „Tapferkeitsurkunde erster Klasse“ für ihn (und vermutlich auch ein bisschen für mich) aus. Antibiotika gibt es per Tropf alle acht Stunden, die anderen Schläuche sind schon ab. Abseits davon bekommt Lukas von der ganzen Aufregung nichts mit, er lernt in diesen Tagen sogar richtig zu lächeln. Nur der große Sohn ist etwas durcheinander. Lukas soll mit nach Hause, findet Ben, und steckt seine Hand bei jedem Besuch zwischen die Gitter, um ein kleines Händchen zu greifen. Ich bin so froh, dass ich ihm sagen kann, dass wir es bald geschafft haben, dass alles gut wird. Ich könnte es auch gar nicht ertragen, wenn es anders wäre, ich weiß nicht, woher andere Eltern die Kraft nehmen, wenn es anders ist. Unsere Kinderkrankenstation ist keine Intensivstation oder Kinderonkologie. Hier sind Kinder mit einem gebrochenen Bein, mit Nahrungsmittelallergien oder eben Harnwegsinfekten. Das ist alles schlimm, ohne Frage, aber früher oder später gehen die meisten wieder gesund nach Hause. Mit dem Gedanken an den allertraurigsten Ort muss sich hier niemand beschäftigen, er ist weit weg.

Zumindest denke ich das. Bis mir eines Tages auf dem Spaziergang über das weitläufige Klinikgelände plötzlich eine runde, etwas verwitterte Tafel auf einem Holzpfahl ins Auge fällt: „Garten der Palliativstation“ steht darauf, wobei man den Garten unter dem vielen Herbstlaub nur vermuten kann. Das Gebäude direkt dahinter sieht aus wie ein niedriges, langes Appartementhaus mit lauter kleinen Balkonen auf der Längsseite. Auf einem davon steht ein leerer Wäscheständer. Und auf einem anderen ein rotes Dreirad.

Ich drücke das schlafende, fast gesunde Baby in seiner Trage noch etwas näher an mich und gehe schnell weiter. Noch zwei Mal schlafen, dann dürfen wir nach Hause.

27. Nov. 2018
von Anna Wronska
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20. Nov. 2018
von Martin Benninghoff
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Von der Wiege ans Bare

© ImagebrokerNur wer die richtigen Marken im Sortiment hat, macht Kasse. Hoffentlich weiß das der Junge.

Irgendwann als Kleinkind bekam ich meine erste Persil-Packung geschenkt.

Ja, nicht die echte, aber eine täuschend echte, nur viel kleiner. Sie war aus Pappe, mit dem berühmten Logo in Rot und dem Grün, noch ohne Megaperls oder Color Gel. Mann, das waren noch die Achtziger! Die Sowjetunion war böse und das Waschmittel, nun ja, halt Waschmittel. Waschmittel für meinen Spielzeug-Kaufmannsladen.

Natürlich hatte ich eine Nivea-Dose, einen Penaten-Tiegel glaube ich auch. Irgendwas Suppenmäßiges von Knorr, Mais oder Bohnen von Bonduelle, Götterspeise von Dr. Oetker, Kaffeesahne von Bärenmarke, Kekse von Leibnitz und Schokoladiges von Ferrero. Alle Angaben ohne Gewähr, ich war vielleicht vier oder fünf und konnte Aronal noch nicht von Elmex unterscheiden. Morgens Elmex, abends Aronal. Oder umgekehrt?

Das frühkindliche Marketing hat ja schon damals bestens funktioniert. Nicht, dass ich heute nur Persil kaufe oder Nivea. Aber diese Marken stecken irgendwo tief im Bewusstsein drin, und es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn das nichts mit meinem Kaufmannsladen zu tun hat. Frühkindliche Gehirnwäsche sozusagen. Denn ansonsten kann ich zu Persil wenig Positives oder Negatives sagen. Keine Argumente. Produkttests dazu habe ich mir nie angesehen. Warum muss ich immer an Erasco denken, wenn ich eine Dose Erbsensuppe sehe?

Meine Kindheit war diesbezüglich noch sehr harmlos. Als ich mir neulich den Produktkatalog der Kinderspielzeugfirma Klein anschaute – was man so macht, wenn der eigene Sohn Geburtstag hat -, bin ich im neuen Jahrtausend des Produktmanagements angekommen. Und war leicht bis mittelschwer schockiert. Die ersten beiden Seiten waren mit grünen Mini-Rasenmähern, Schubkarren, Spaten, Gießkannen und Laubbläsern in Grün bestückt – die fast komplette Ausstattung der Firma Bosch, nur in Miniatur-Format für die Kleinsten.

Die Seite danach: Bagger und Zementmischer von Volvo. Ein paar Seiten weiter die Grillausstattung von, natürlich, Weber. Mit Zangenzubehör und Plastik-Burger. Als ich denke, perfider geht es nicht, kommt wieder Bosch um die Ecke. Dieses Mal mit Kettensägen, Werkbänken und Akkuschraubern. Auf den nächsten Seiten ist die Welt wieder in Ordnung, denn es kommen Firmen wie Mattel mit ihrer „Barbie“-Kollektion, also eine waschechte Spielzeugfirma. Bevor dann Braun zuschlägt mit Haartrocknern, Kaffeemaschinen und einem Toaster.  Wobei, das ist alles nichts gegen die kompletten Kinderküchenzeilen, die Miele auf den folgenden Seiten feilbietet. Ceranfeld inbegriffen.

Kann das so schlimm sein? Dann haben die lieben Kleinen eben was Feines zum Spielen. Aber ganz so harmlos ist diese unternehmerische Gehirnwäsche im Kindesalter dann doch nicht.

Markenhersteller versuchen, ihre Kunden emotional ans Unternehmen zu binden. Und wann geht das besser als im Kindesalter? Wir alle kennen die Fernsehserien, ja auch Marken, die zuhause über den Bildschirm flackerten oder im Regal standen – und die wir deshalb ein Leben lang nicht vergessen. Sie sind Teil unserer nostalgischen Empfindungen, und wir setzen womöglich sogar Vertrauen in sie. So entsteht Markenloyalität. Insofern kann man den Unternehmen nur raten: Ran an die Wiege. Oder?

Nivea macht das immer schon ganz klug. Zwar ist das Markenportfolio längst nach Altersklassen aufgefächert, es gibt Cremes für 30-Jährige und auch für die reifere Haut, wie es so schön unschön heißt. Im Zentrum steht aber noch immer die blaue Dose, die wir alle seit Kindertagen kennen.

Es geht nicht nur um spätere Kaufentscheidungen. Kinder beeinflussen die Kaufwahl ihrer Eltern, nörgeln im Supermarkt und wissen genau, was sie geschenkt bekommen wollen. Später lösen sie sich vom Elternhaus, schlagen sich selbst eine Schneise durchs Dickicht im Konsumdschungel. Gleichaltrige geben Trends vor, natürlich spielen Werbung im Fernsehen oder Influencer-„Empfehlungen“ auf Youtube eine große Rolle.

So weit, so schön. Aber ist es moralisch vertretbar, Kinder schon im Alter von zwei bis drei Jahren als spätere Kunden einzufangen? Entwicklungspsychologisch ist das ein günstiger Moment. Die Kleinen haben zwar kein eigenes Geld in der Tasche und kaufen nichts selbst, aber sie prägen sich die Packungen ein, die Logos und die Farben. Allerdings: Die Entwicklungspsychologie kann für Marketing an der Wiege keine Rechtfertigung sein, frei nach dem Motto: Was funktioniert, kann ja nicht verkehrt sein.

In diesem Alter ist ein Kind wirtschaftlich und auch sonst in keiner Weise selbständig. Der Markt greift ein Stück weit in die Erziehung ein, nicht direkt, aber über die Konsumlaune der Eltern. Wogegen nichts zu sagen wäre, wenn das Ziel ein pädagogisches wäre. Aber das ist natürlich nicht der Fall, im Gegenteil: Wer seine Kinder zu Selbstständigkeit erziehen möchte, auch als künftiger Konsument, lässt es ausprobieren und selbst bauen, sich vielleicht nur aus ein paar Töpfen von Mama und Papa eine „Küche“ zusammenbauen. Seine Kinder in perfekte Markenwelten eintauchen zu lassen, hat hingegen keinen entwicklungspsychologischen Mehrwert.

Zumal die Fantasie auf der Strecke bleibt. Neulich waren wir bei einem Freund, der eines dieser fertigen und batteriebetriebenen Kinderautos im Keller stehen hatte (ein Geschenk), in das man sich setzen kann. Sah toll aus, ein Sportwagen. Ich habe mich mal hineingesetzt, nur so, um zu schauen, ob es unter mir zusammenbricht. Das war nicht der Fall, ansonsten aber pure Ernüchterung. Ein paar Knöpfe sind zu bedienen, das Ding fabriziert Motorengeräusche – aber ansonsten war nicht viel zu tun. Langweilig.

Ich erinnerte mich daran, dass ich früher als kleines Kind ein paar lange Holzlöffel aus der Küche zu Schaltknüppeln umfunktioniert hatte. Ein Sessel diente als Karosserie, fertig war der Lkw, mit dem ich im Gedanken über Alpenpässe gebrettert bin. Ähnliche Erfahrungen habe ich mit zwei Seilbahnen gemacht. Die eine war selbstgebaut – ein Stück Seil, eine Seilwinde und ein Duplo-Stein oder ein Pendant für die Kabine -, die andere fertig gekauft. Die Kinderseilbahn von Rigi sah zwar toll aus, wurde aber schnell langweilig. Weil es nichts daran zu bauen gab, als sie installiert war.

Nein, früher war nicht alles besser, ganz im Gegenteil. Aber an dem Punkt ist weniger einfach mehr. Wobei: Zum Geburtstag hat unser Sohn einen Wischmob bekommen. Von Vileda. Nur so, aus hochpädagogischen Gründen: Damit die Wohnung bald einen weiteren Putzer bekommt.  Das möge man uns verzeihen.

20. Nov. 2018
von Martin Benninghoff
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13. Nov. 2018
von Janosch Niebuhr
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Warum Kinder in Sportvereine sollten – und Eltern nicht

© Picture AllianceKinder wollen sich bewegen. Und Erwachsene müssen da irgendwie durch.

Ich bin sehr froh, dass es Sportvereine gibt. Und Turnhallen. Und Wettkämpfe und Pokale. Ich möchte nur nichts damit zu tun haben.

Habe ich aber. Weil zwei meiner Töchter Sport in einem Turnverein betreiben. (Um ihre sportliche Karriere nicht zu gefährden, behaupte ich mal hier, dass sie einer exotischen, neuen Sportart anhängen, bei der sie zu Singer-Songwriter-Musik in Miniröcken Rad schlagen und dafür viel üben müssen.)

Ich bin auch froh, dass meine Kinder nicht meine Aversion gegen organisierte körperliche Betätigung übernommen haben. Oder gegen schlecht gelüftete Turnhallen. Oder gegen übellaunige Trainer. Nein, sie wollen da hin. Mindestens einmal in der Woche, manchmal sogar drei- oder viermal. Es scheint ihnen Spaß zu machen. Und ich will sie da auch nicht ausbremsen, zumindest nicht offen. Denn theoretisch weiß ich schon, wie wichtig das Ganze ist. Wie hilfreich für die Gesundheit, für die Persönlichkeitsentwicklung, für die soziale und auch die andere Intelligenz. Jede regelmäßige sportliche Betätigung ihrer Kinder sollten Eltern von ganzem Herzen fördern, unbedingt! Schließlich muss man ja heute schon dankbar sein, wenn man mal irgendwo rennende oder hüpfende oder tanzende oder kletternde Kinder sieht. Und nicht nur Kinder, die auf Smartphones starren und über Displays wischen oder Fortnite spielen. Nur 22,4 Prozent der Mädchen und 29,4 Prozent der Jungen im Alter von drei bis 17 Jahren erreichen überhaupt noch die Bewegungsempfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), sind also mindestens 60 Minuten körperlich aktiv pro Tag. So der dramatische Befund der KiGGs-Langzeitstudie des Robert Koch-Instituts zur gesundheitlichen Lage der Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Eine andere Studie im Auftrag des AOK-Bundesverbandes kommt sogar auf noch niedrigere Werte: Danach seien nur noch zehn Prozent der Kinder so aktiv wie empfohlen.

Verständlich, dass einem da als Lösung die Sportvereine einfallen. Rund 90.000 gibt es von ihnen in Deutschland. Wenn ich politischer Redenschreiber wäre, würde ich jetzt betonen, dass diese vielen tausend Sportvereine auch das Rückgrat der Gesellschaft sind, die Säule des organisierten Sports, der Motor von Integration, der Lernort für Fairplay, Respekt und Zusammenhalt. Und so weiter. Ich bin aber nur der Vater von zwei Kindern, die Spaß daran gefunden haben, in Turnhallen Rad zu schlagen. Ich denke da in der Regel nicht an das große Ganze. Für mich ist der Sportverein deshalb im Moment vor allem: zwei monatliche Abbuchungen vom Girokonto, vier bis acht zusätzliche Kindertransport-Termine im Monat, ein paar Wettkampf-Wochenenden auf harten Turnhallen-Bänken sowie der „Freiwilligeneinsatz“ bei Vereinsfesten oder -turnieren („Der Aufbau ist für alle Eltern verpflichtend, wir brauchen jede Hand.“). Für meine Frau kommen zusätzlich noch die Absprachen mit den anderen Vereinseltern und dem Trainer hinzu – ich krieg das bisher nicht hin. Wirklich. Weiterlesen →

13. Nov. 2018
von Janosch Niebuhr
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06. Nov. 2018
von Chiara Schmucker
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Natürliche Geburt? „Wie 30 Stunden Metzgerei“

© Picture AllianceWenn andere Mütter oder Väter Anekdoten von der Geburt erzählen, halten Schwangere sich besser die Ohren zu.

„Na, du willst es aber wissen!“ Mein Sitznachbar beim Grillfest schaut mich ehrlich schockiert an, und ich bin irritiert. Was meint er? „Naja, in deinem Zustand, zu Fuß rauf in den zweiten Stock…“, fängt er stockend an. „Du willst doch nicht, dass dein Baby noch hier und heute auf die Welt kommt, oder?“ Ein Baby, das zu früh geboren wird, weil die Mutter mal pieseln musste und deshalb zwei Treppen nach oben marschiert ist? „Stimmt schon, hast recht“, beantwortet er meinen fragenden Blick gleich selbst, „so einfach geht das nicht. Es ist ja deine erste Geburt; bei meiner Frau war das 30 Stunden Metzgerei.“ Na, schönen Dank auch. So genau wollte ich es zwei Wochen vor der Geburt eigentlich tatsächlich nicht wissen. Und wenn schon, dann bitte nicht so blutig. Denn raus muss das Kind ja doch irgendwann.

Seit ich eine Endzeitkugel vor mir hertrage, bin ich Expertin für Geburtstraumata geworden, mein Bauch fungiert als Katalysator für die „Stories from Hell“, wie ich sie nenne. Ich kenne die Geschichten jetzt alle: Die von der 30-Stunden-Geburt, die dann doch in einem Kaiserschnitt endete. Die von der Geburt im Krankenwagen. Die von der Gebärenden, die ohnmächtig wurde, nachdem sich der Oberarzt kräftig auf ihren Bauch geworfen hatte (der sogenannte Kristeller-Handgriff soll eine ins Stocken geratene Geburt voranbringen). Und die von den Kindern, die viel größer sind, als die Ärzte vorher berechnet hatten, und dann im Becken steckenbleiben und weder vor noch zurück können. Welche Schäden Mutter und Kind danach davontragen, könnte man sich mit etwas Phantasie ausmalen, aber das ist gar nicht nötig. Ich bekomme detailgenau alles erzählt – mit dem Nachsatz: „Aber mach dir jetzt keine Sorgen, bei dir geht sicher alles gut.“

Dabei hatte ich eigentlich gar keine Zweifel, dass meine Geburt ganz gut verlaufen würde. Doch die Geschichten haben mich dann doch verunsichert. Tatsächlich kam mein Sohn in wenigen Stunden mit durchschnittlichem Gewicht und durchschnittlicher Größe durch mein durchschnittliches Becken gerutscht. Es tat weh, natürlich, aber auch das eher durchschnittlich. Die Geschichte meiner Geburt ist eher langweilig – und gerade deshalb erzähle ich sie so häufig. Denn ich will den Horrorgeschichten über Gewalt in der Geburtshilfe etwas entgegensetzen, zeigen, dass man vor einer Geburt eigentlich keine Angst zu haben braucht, weil sie etwas Natürliches ist, das Milliarden Menschen bereits geschafft haben. Und tatsächlich weiß der Körper im Moment der Geburt so absolut unbeirrbar, was zu tun ist, dass es fast beängstigend ist. So war es zumindest bei mir.

Nicht falsch verstehen, bitte. Ich finde die Diskussion um unterbesetzte Geburtsstationen, gestresstes Personal, unnötige Eingriffe und Traumata durch psychische Grobheiten oder physische Handlungen enorm wichtig und nehme sie sehr ernst. Nur habe ich den Fehler gemacht, kurz vor der Geburt in das neue Buch „Gewalt unter der Geburt“ hineinzublättern, und habe dann große Angst bekommen. Würde mich jemand anbinden während der Geburt? Mich alleine in einem Zimmer liegenlassen, obwohl ich vor Schmerzen schreie? Mich verletzen, ohne dass ich vorher um mein Einverständnis gefragt wurde? Solche Fälle beschreibt das Buch – und sie sind so beängstigend, weil sie wahr sind. Doch sind sie die Regel?

Geholfen hat mir letztlich der Rat meiner Hebamme: „Geben Sie sich nicht an der Tür zum Kreißsaal ab, es ist Ihre Geburt, und Sie gestalten sie mit.“ Das habe ich getan. Als alle schon auf das Baby warten, genehmige ich mir noch einen letzten etwas unvermittelten Positionswechsel. Die Ärztin fällt daraufhin fast über die Kabel des CTG. Doch in meinem Kreißsaal ist alles erlaubt. Keine Minute bin ich allein und zwei Wehen später halte ich mein Kind zum ersten Mal.

Ich erzähle meine Geschichte, weil ich nicht will, dass Frauen den Eindruck haben, eine „normale“ Geburt sei ohnehin kaum noch möglich und eigentlich auch nicht erstrebenswert. Sätze wie „nach all dem, was ich bisher von Geburten gehört habe, bin ich froh, dass das Kind per Kaiserschnitt geholt wird“ machen mich traurig, und ich möchte den Frauen zurufen: „Nein! Sei nicht froh! Sei glücklich, dass wir die Medizin haben, die Kaiserschnitte ermöglicht, aber fürchte dich nicht so sehr, dass du einer natürlichen Geburt von vornherein keine Chance gibst“. Die Horrorgeschichten über Geburten sind so infam, weil sie das Vertrauen in den eigenen Körper und dessen Hochleistung während der Geburt schmälern. Viel treffender als „30 Stunden Metzgerei“ würde ich eine Geburt als „das härteste Workout meines Lebens“ beschreiben – ich hatte ungelogen tagelang Muskelkater. Und den trägt man ja irgendwie auch mit Stolz.

06. Nov. 2018
von Chiara Schmucker
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30. Okt. 2018
von Anna Wronska
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Eltern, die auf Smartphones starren

© Picture AllianceNicht auszuschließen, dass dieses Kind missbilligend auf das Smartphone seiner Mutter blickt

Kennen Sie sie auch? Diese modernen Mütter und Väter, die alle Hände voll damit zu tun haben, sich um all ihre Babys gleichzeitig zu kümmern: um ihr Kind und um ihr Smartphone. Eine Hand am Buggy, eine Hand am Display, verpassen sie vor lauter Tipperei die Grünphase an der Ampel. Im Supermarkt versperren sie mit ihrem Einkaufswagen den Gang, weil sie ihre Nachrichten checken, während sich ihr Kleinkind unbemerkt auf den Weg zum Süßigkeitenregal macht. Und auf dem Spielplatz hört man sie, den Blick auf das Handy gerichtet, auf „Mama, guck mal!“ immer erst mit Verzögerung antworten, oder mit: „Warte Schatz, gleich!“

Also, ich kenne diese Eltern. Wir gehören dazu, wenn Sie so wollen. Denn wir haben Kinder, und wir haben Smartphones. Wir benutzen sie häufig, auch im Beisein von Ben (4) und Lukas (zwei Monate). Und die oben beschriebenen Szenen sind zwar übertrieben, aber es ist nicht total abwegig zu glauben, dass sich die eine oder andere durchaus schon mal so ähnlich abgespielt haben könnte. Und nun – Feuer frei? Schließlich warnen Studienautoren und Medienpädagogen, dass mobile Telefone die Eltern-Kind-Beziehung störten und bei Kindern zu Verhaltensauffälligkeiten führten. Frustriert sei der Nachwuchs ob der fehlenden Aufmerksamkeit der „Smartphone-Eltern“, hyperaktiv und neige zu Wutanfällen, berichteten Forscher im amerikanischen Fachmagazin „Pedriatic Research“. In Hamburg hat kürzlich gar ein Siebenjähriger eine Kinderdemo gegen den nervigen Handykonsum von Eltern organisiert.

Das ist alles überaus beunruhigend. Ich fühlte mich beim Lesen der Studie, natürlich auf dem Handy, gleich ertappt und für einen Moment schuldig. Denn mein Mann und ich sind allein schon aus beruflichen Gründen ausgiebige Handynutzer, und zumindest an Wutanfällen herrscht bei uns zu Hause in letzter Zeit kein Mangel (wie Sie hier nachlesen können). Aber mit denen hätten wir ganz sicher auch ohne Smartphones zu kämpfen. Das vermeintlich unheilbringende Gerät komplett aus unserem Alltag zu verbannen, ist für uns jedenfalls nicht die richtige Lösung. Für mich ist das Smartphone längst nicht nur Telefon, sondern unter anderem auch Notizblock, Zeitung, Kochbuch, Terminkalender, Wecker, Fitnesscoach (zumindest habe ich die App dafür), Einkaufszettel, Supermarkt und Nachschlagewerk. Theoretisch könnte es sogar die Heizung hochdrehen, kurz bevor wir nach Hause kommen, oder das Licht ausmachen, wenn wir es mal wieder vergessen haben. Nur hapert es praktisch noch an der smarten Haustechnik dafür. Kurzum: Das Smartphone kann bei vielen Dingen des Alltags behilflich sein – gerade bei solchen, die oft im Familienleben anfallen und teilweise viel Mühe machen oder Zeit fressen. Gut möglich also, dass ich im Supermarkt mit meinem Einkaufswagen den Gang versperre, weil ich gerade durch meinen Einkaufszettel scrolle oder schnell noch mal google, welche Zutaten ich für das Abendessen brauche. Ist das verwerflich? (Ich komme natürlich noch am Süßigkeitenregal vorbei, und dort wartet Ben dann wahrscheinlich mit bettelndem Blick, aber ansonsten völlig unschuldig.)

Es gibt aber eine Sache, für die ich dem Smartphone noch dankbarer bin als für die Einkaufshilfe: Es ermöglicht, die Welt mit Kindern ganz anders zu erklären und zu erleben als früher. Klar sollte man den Kleinen ihre Fragen möglichst mit eigenen Worten beantworten, mit ihnen Bücher anschauen, zum Erkunden der Natur mit ihnen in den Wald gehen, reisen etc.. Das tun wir auch, soweit möglich. Aber mithilfe des Smartphones können wir Ben auch zeigen, wie eine Rakete startet, ein Gewitter entsteht und unsere Straße aus dem Weltall aussieht. Wenn wir auf eine Frage keine Antwort wissen, können wir es schnell nachschlagen und lernen nicht selten selbst noch dazu (es soll Ehemänner geben, die Stunden damit zubringen, bei Wikipedia auf „Zufälliger Artikel“ zu klicken). Und wenn Ben der entfernt lebenden Tante sein neues Piratenschiff zeigen will, kann er das per Smartphone-Videoschalte tun. Ganz zu schweigen von den unzähligen Schnappschüssen, über die Oma und Opa aus der Ferne fast in Echtzeit an Bens Erlebnissen teilhaben (und sich in unsere Erziehung einmischen) können. All das wäre ohne Smartphone und Internet nicht möglich.

Noch ein Punkt zur Verteidigung des Smartphones als Familienmitglied: Mein Handy ist auch Auszeit, bewusste Ablenkung, Zerstreuung. Alles Dinge, die vermeintlich nicht nötig sind – und dennoch so elementar, gerade wenn man kürzlich ein Kind bekommen hat und dadurch in Sachen Freizeitgestaltung und Erwachsenenunterhaltung vorübergehend ziemlich limitiert ist. Ein Beispiel: Es gibt wenig Einsameres, als nachts um drei in gedämpftem Licht dem Saugen und Schmatzen eines hungrigen Säuglings zuzuhören. Das Smartphone hält mich in dieser Zeit wach und verbindet mich mit der Welt da draußen, während das schlaftrunkene Baby ohnehin keinen gesteigerten Wert auf Blickkontakt legt. Freilich könnte ich auch zu einem Buch greifen; wenn Sie zu jenen Menschen gehören, die in jeder freien Minute den Dostojewski zücken – herzlichen Glückwunsch. Ich für meinen Teil lese nachts um drei manchmal politische Analysen, manchmal Klatschgeschichten (und könnte mir Dostojewski jederzeit aufs Handy laden), oder ich beantworte Whatsapp-Nachrichten. Und habe das auch schon oft auf dem Spielplatz getan. Sandburgen sind etwas ganz Tolles, aber ich bin der Meinung, dass ich mein Kind nicht gleich fürs Leben versaue, wenn ich nicht auch noch bei seiner vierten Sandburg in Begeisterungsstürme und Lobeshymnen ausbreche, sondern zwischenzeitlich etwas lese oder schreibe.

Ja, es ist mir auch schon passiert, dass ich so vertieft in mein Handy war, dass ich meinem Sohn nicht sofort geantwortet habe, wenn er etwas zu mir sagte – wobei ich bisher noch immer unterscheiden konnte, ob es eine Wortmeldung der Sorte „Guck mal kurz“ oder „Ich brauche dich jetzt dringend“ war. Aber mein Mann und ich sind uns einig: Ben zeigt bislang keine Anzeichen für ein Aufmerksamkeitsdefizit, und das Neugeborene kann sich ebenfalls (noch) nicht beschweren. Manchmal habe ich eher das Gefühl, das Gegenteil ist der Fall: Oft genug kreist mein ganzes Denken und Tun nur noch um die Kinder. Hat Lukas heute schon in die Windel gemacht? Was hat Ben da für einen roten Fleck am Ohr? Holst du ihn von der Kita ab oder ich? Fahr mal schnell rechts ran, der Große muss kotzen. Es muss erlaubt sein, mich inmitten des täglichen Wahnsinns weiterhin auch um die Welt um mich herum zu interessieren. Und auch wenn es verrückt klingt: Manchmal können einen gerade Tiervideos, Low-Carb-Rezepte und Modesünden der Stars davor bewahren, verrückt zu werden.

30. Okt. 2018
von Anna Wronska
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23. Okt. 2018
von Janosch Niebuhr
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Reden wir über Geld – und zwar mit Kindern

© Picture AllianceWarum muss ich mein Geld abgeben? Das haben wir uns doch alle schon mal gefragt.

In den nächsten Tagen ist es soweit: Unsere jüngste Tochter wird den überlieferten Initiationsritus durchlaufen, den schon ihre älteren Geschwister vor einigen Jahren absolviert haben. Ich weiß: Manche Familien verzichten inzwischen darauf oder sie halten dieses Ritual für überholt. Aber da bin ich Traditionalist – der Glaube braucht Rituale. Und deshalb werde ich unsere Jüngste in den nächsten Tagen zur örtlichen Sparkassenfiliale schleppen. Wenn wir Glück haben, wird dort ein armer Sparkassen-Azubi in einem Maskottchen-Ganzkörperkostüm auf uns warten und Luftballons und Plastikspielzeug verteilen. Wenn wir Pech haben, drückt uns ein gelangweilter Kundenbetreuer ein Zählbrett in die Hand, auf das wir den Inhalt unseres Familiensparschweins sortieren sollen. Es ist ja auch nur eine zweitrangige Frage, wer am Weltspartag beziehungsweise in den sogenannten Sparwochen mehr leidet: Die Eltern, die zusammen mit ihrem Nachwuchs 1-, 2- und 5-Cent-Münzen zählen. Oder doch eher die Kundenbetreuer, die sich aus kalendarischen Gründen eine unsichtbare Clownsnase aufziehen müssen, sobald das Filialpublikum mal nicht das Rollator-Alter erreicht.

Trotzdem will ich, dass auch unsere Jüngste das mindestens einmal mitmacht – und ich werde sie voll und ganz dabei unterstützen. So wie die älteren Geschwister. Zuvörderst natürlich wegen der Naturalprämien. Also wegen der Malstifte, Taschen, Spielfiguren, Hörspiele, Handtücher, Kugelschreiber, Schlüsselanhänger und so weiter, die sie für die Einzahlung von 3,11 Euro oder ähnlichen Beträgen überreicht bekommen. In einem Jahr brachten die Kinder sogar Kinofreikarten mit von ihrem Ausflug in die Sparkassenfiliale – damit wurde die Rendite ihrer Sparguthaben in schwindelerregende Höhen katapultiert, völlig unabhängig von irgendwelchen Niedrigzinsphasen. En passant haben die Kinder so die erste Lektion Finanzwissen gelernt: Es zählt, was unterm Strich rauskommt. (Die zweite Lektion schiebe ich dann meist hinterher: Es gibt nichts umsonst im Leben – there is no free lunch, not even at Weltspartag. Die Sparkasse oder Bank will euch nur als künftige erwachsene Kunden ködern…)

Wenn sie das verinnerlichen, haben sie mehr Finanzwissen als die meisten Erwachsenen. Dann werden sie später irgendwann getrost auch die eindrucksvollen Bezeichnungen für die vielen Spar-, Investment- und Vorsorgeprodukte ignorieren, mit denen sich Erwachsene kirre machen lassen, die Schaubilder, die bunten Broschüren mit den Versprechungen, den Slang der Berater und Experten und Versicherungsvertreter. Im Mathematikunterricht können sie noch lernen, die gewonnene Erkenntnis zu formalisieren – Rendite gleich Ertrag durch Aufwand minus eins, super! – und dann können sie ihr Leben lang vergleichen so viel sie wollen: Riesterverträge und Kombi-Index-Select-Alpha-Anlagen und Sparguthaben. Hauptsache, sie kapieren dabei, dass das eine Technik fürs Finanzielle ist und nicht fürs Liebes-, Freundschafts- oder Familienleben oder all die anderen nicht-finanziellen Bereiche des Lebens. Das Paradoxe ist ja, dass Erwachsene inzwischen fast in jedem Lebensbereich vergleichen, ihr persönliches Engagement als Investment sehen, Aufwand- und Ertragsrechnungen für alles Mögliche anstellen und nach dem Return on Investment fragen – nur nicht im Finanziellen. Da lassen sie sich gnadenlos über den Tisch ziehen und murmeln dabei kleinklaut: „Ach, ich versteh‘ ja dieses Wirtschaftszeug nicht.“

Der Weltspartag ist deshalb auch für Eltern, Großeltern und andere Erwachsene mit Sparschweinen eine gute Gelegenheit, das eigene Finanzwissen zu erweitern. Überhaupt ist er ja ursprünglich mit einer pädagogischen Zielsetzung ins Leben gerufen worden. Nur darf man die finanzielle Aufklärungsarbeit nicht von den Geldinstituten erwarten. (Ich informiere mich ja auch nicht bei Winzern oder in der Bierbrauerei über die gesundheitlichen Auswirkungen des Alkoholkonsums.) Weiterlesen →

23. Okt. 2018
von Janosch Niebuhr
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16. Okt. 2018
von Anna Wronska
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Mein Kind, das Ungeheuer

© Picture AllianceEs ist nur eine Phase? Ja, und man nennt sie Kindheit.

Eltern sind darauf programmiert, ihre Kinder toll zu finden. Sie können gar nicht anders, als sie ständig zu bewundern und jede neue Fähigkeit zu feiern, als sei es das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass ein Kind sie erwirbt (und dann gleich so ausgesprochen perfekt beherrscht, nicht wahr?). Und so verwundert es nicht, dass auch mein Mann und ich große Fans unserer Kinder sind. Unser vierjähriger Sohn Ben ist, wie wir finden, ein aufgewecktes, empathisches, lustiges Kind. Ein echter Goldschatz. Außer manchmal. Da wird er zum Inferno.

Der Wutanfall kommt meistens aus heiterem Himmel, die Auslöser sind vielfältig. Ben muss zum Beispiel den Fernseher nach zwei Folgen „Dino-Zug“ (fragen Sie nicht) ausmachen. Es spielt keine Rolle, dass er weiß, dass er immer nur zwei Folgen gucken darf. Oder er muss sich die Schuhe anziehen (was er hervorragend selber kann, bestimmt besser als alle anderen Kinder in der Geschichte der Menschheit). Oder mein Mann oder ich beenden nach mehreren Verwarnungen das wilde, unfallträchtige Wettrennen, das er mit seinem Kumpel gerade durch die Wohnung veranstaltet. Manchmal ist es aber auch „nur“ der falsche Becher beim Abendessen, die falsche Hose für die Kita. Ein falscher Satz, der falsche Zeitpunkt für irgendetwas.

Natürlich rufen nicht immer die gleichen Situationen einen Wutanfall hervor, das wäre viel zu einfach, weil berechenbar. Manchmal laufen die genannten Szenen völlig konfliktfrei ab. Oft genug aber bricht für 10 bis 15 Minuten die Hölle los. Ben fängt an zu brüllen, entweder mit Text („Manno! Ich will aber noch eine Folge!“ /“Ich ZIEH mich aber nicht an!“/ „Du blöde Kackwurst!“) oder ohne, was fast noch schlimmer ist, weil das Brüllen einem schon rein akustisch durch Mark und Bein geht. Er wirft mit Gegenständen – bestenfalls mit Sofakissen, schlimmstenfalls mit hölzernen Eisenbahnschienen. Wenn es richtig doof läuft, wird auch noch gehauen und getreten.

Dass Ben mal sauer wird, ist nichts Neues. Als er kleiner war, gab es auch Heulattacken, aber die waren kurz und leicht erträglich, denn man wusste: Das Kind versteht vieles einfach noch nicht, es kann seine Bedürfnisse und seinen Frust nicht anders mitteilen, die Folgen seines Handelns noch nicht abschätzen etc.. Doch mit vier Jahren versteht Ben schon eine Menge. Er weiß, was er will, was er darf – und was weh tut. Deshalb ist es schwierig, ihm bei den beschriebenen Aggro-Attacken nicht bewusste Provokation und gar Boshaftigkeit zu unterstellen. Und das ist ungeheuer schmerzhaft: Mein geliebtes Kind, ein Scheusal? Dabei bemühen wir uns seit Jahr und Tag, Ben liebevoll, aber konsequent zu erziehen, ihm soziale Kompetenz und Rücksichtnahme zu vermitteln. Wir finden, dass das im Großen und Ganzen auch funktioniert. Doch die Ausraster kommen trotzdem.

Dass es sich um normale Entwicklungsphasen handelt, habe ich mir schon oft gesagt, um mich zu trösten, und höre den Satz auch oft von Freunden und Verwandten. Das stimmt wahrscheinlich auch, aber es hilft nicht wirklich weiter, weil man nie weiß, was genau für eine „Phase“ das dann gerade sein soll, wie lange sie dauert, ob und wie oft sie wiederkehrt und wie man sich als Elternteil darauf jeweils richtig verhält. Zum anderen klingt es auch nach einem allzu durchsichtigen Rechtfertigungsversuch: „Das ist nicht mein Kind, das ist nur eine Phase!“ Es verfängt nicht wirklich, wenn die „Phase“ einen gerade wieder einmal gerade mit einem großen Bauklotz nur knapp verfehlt hat. Auch der Erklärungsversuch „Das hat er sich in der Kita abgeguckt“ ist zwar verlockend, aber tröstet ebenso wenig. Es ist eben keine „höhere Macht“ und keine Ausnahme und kein anderes Kind, sondern wirklich mein Sohn, der sich so verhält.

Bemerkenswerterweise spielen sich die Wutanfälle fast immer nur bei uns zu Hause ab; die klassische Kernschmelze vor dem Süßigkeitenregal im Supermarkt haben wir bislang nicht erlebt. Auch in der Kita können sie es nicht fassen. Ben sei im positiven Sinne ein „unauffälliges“ Kind; zusammen mit seinen Kumpeln hecke er zwar manchmal Quatsch aus, aber nichts, was uns Sorgen machen müsste, heißt es von den Erziehern. Er könne sich lange selbst oder mit anderen beschäftigen, ohne dass sie intervenieren müssten; kleinere Konflikte könne er selbst lösen. Bens Kontakterzieherin hat uns kürzlich stattdessen eine erstaunliche Erklärung für seine Wutanfälle geliefert: „Er testet seine Grenzen aus – und das nur bei euch Eltern, weil er sich eurer Liebe immer sicher sein kann.“

Moment mal. Mein Kind weiß, dass ich es bedingungslos liebe und glaubt, dass es sich seine Amokläufe deshalb erlauben kann? Na toll. Was als Aufmunterung gemeint war, macht die Ratlosigkeit erst einmal nur größer. Denn das heißt ja, dass es mit den Wutanfällen weniger schlimm wäre, wenn Ben diese Gewissheit nicht hätte. Kann man seinem Kind zu viel Liebe geben? Fordern wir es dazu heraus, uns auf der Nase herumzutanzen, indem wir ihm signalisieren, dass wir es auch dann liebhaben, wenn es ein Kotzbrocken ist? Es gibt sicher Menschen, die das so sehen, noch vor nicht allzu langer Zeit war es geradezu ein Erziehungsgrundsatz: Zuneigung gegen Benehmen. Wer nicht parierte, den hatten sich die Eltern eben nicht richtig erzogen – und der wurde schlimmstenfalls nicht nur mit Liebesentzug, sondern auch mit Gewalt bestraft. Wie wir heute zum Glück wissen, ist das verheerend und hat mit Erziehung überhaupt nichts zu tun. Die Erzieherin hat mir mit ihrer Interpretation klargemacht: Es gibt nichts, das wir tun könnten, um die Wutanfälle zu verhindern, weil Kinder in einem gewissen Alter eben ihre Grenzen austesten und es keine Alternative dazu gibt, sie dabei mit Liebe zu begleiten. Wir müssen einfach da durch.

Im Grunde wissen mein Mann und ich auch ganz genau, wie das geht. „Ruhe bewahren, Ruhe bewahren!“, ich sage es mitunter sogar laut zu mir selbst, während der kleine Wutbürger um mich herum tobt. Bloß nicht schreien, sonst schreit er noch lauter. Auf Abstand gehen, aber ihm trotzdem zeigen, dass wir ihn nicht alleine lassen. Aber das ist nicht so einfach. Die Versuchung, seine Macht als Erwachsener auszuspielen, ist in diesen Momenten groß, und wir tun es auch: indem wir Konsequenzen androhen und umsetzen – beispielsweise alle Spielzeuge, die geflogen sind, für den restlichen Tag verschwinden lassen. Das wirkt mal besser, mal schlechter, aber wir ziehen es durch. Manchmal gehen mir allerdings zugegebenermaßen die Ideen für geeignete Konsequenzen aus, die idealerweise in logischem Zusammenhang zu dem Unfug stehen sollen, den Ben macht (beispielsweise: Wer keine Schuhe anziehen will, geht auch nicht auf den Spielplatz). Ich habe mich auch schon heulend aufs Sofa gesetzt und Ben gesagt, dass ich jetzt echt nicht mehr weiß, was ich machen soll. Das hat ihn so überrumpelt, dass er vergaß, sich weiter aufzuregen – aber das dürfte ein Einmaleffekt gewesen sein.

Ich wünschte, ich hätte nach all den Wutanfällen der letzten Monate nun endlich einmal eine Antwort darauf, was die richtige Reaktion ist und, besser noch, wie man sie verhindert. Doch letztlich kann uns wohl niemand sagen, wie man sich als Elternteil richtig verhält in dieser „Phase“, die sich Kindheit nennt. Wir müssen uns jeden Tag neu durchkämpfen und ausprobieren. Immerhin: Bens Wut schlägt am Ende von unendlich langen 15 Minuten oftmals schlagartig in enormen Kuschelbedarf um. Dann ist, schwupps, der kurzzeitig verlorene Goldschatz wieder da. Und mit ganz viel Glück ist der Becher beim Abendessen sogar auch mal genau der richtige.

16. Okt. 2018
von Anna Wronska
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09. Okt. 2018
von Martin Benninghoff
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Frisch geschlüpft, schon getauft?

Und wenn das Baby nicht will?

Vermutlich habe ich ein Mal zu viel eine katholische Taufe besucht.

Immer dann, wenn der Priester am Taufbecken den Eltern und Paten die Frage „Widersagt ihr dem Satan, dem Urheber des Bösen?“ in dieser oder einer ähnlichen Formulierung stellte, wäre ich am liebsten sofort aus der Kirche gelaufen oder aus dem nächstbesten Kirchenfenster gesprungen. „Ich widersage“, die erwartete Antwort, machte die Sache nicht besser, es ist für viele nur die Kapitulation vor einem Kirchen-Schauspiel, das sie unter Androhung familiärer Konsequenzen zu ertragen bereit sind.

Es ist schon klar, dass Theologen an dieser Stelle einhaken möchten, um mir die Abrenuntiatio diaboli einzuordnen und zu erklären. Aber aus einer lebensweltlichen Perspektive gedacht, sind Begriffe wie „Satan“ und „das Böse“ schlichtweg keine, die ich aussprechen möchte. Da kann man mir gleich drohen, den Rest meines Lebens mit Bruder Malachias von Hildesheim aus „Der Name der Rose“ eine karge Kemenate bei Wasser und Brot zu teilen, natürlich bei entsprechender täglicher Bibel-Exegese auf Latein.

Aber nicht nur deshalb haben wir uns erst einmal gegen die Taufe unseres Sohnes Elias entschieden – katholisch wäre die ohnehin nicht geworden. Die Taufe ist vielmehr für Katholiken und Protestanten eine ernste Sache, ein Sakrament. Also nichts, das man aus gesellschaftlichem Druck oder Opportunismus unterschreiben sollte. Das Kind wird durch sie ein Leben lang in die Glaubensgemeinschaft der Christen aufgenommen, und wenn die Eltern damit wenig anfangen können, warum sollte es für das Kind gut sein? Wobei: Ganz so einfach ist der Fall bei mir nicht, dazu später mehr.

Längst ist die Taufe kein gesellschaftliches Muss mehr. Zwar sind die Zahlen immer noch beachtlich: 2016 wurden laut der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) 163.000 Kinder evangelisch getauft, 2015 etwas mehr als 161.000. In der römisch-katholischen Kirche wurden 2015 laut Statistischem Bundesamt 167.226 Kinder getauft, die Verteilung zwischen Protestanten und Katholiken entspricht ungefähr dem Verhältnis der beiden Konfessionen in Deutschland. Mittlerweile sind geringfügig mehr Menschen katholisch als evangelisch getauft, das war einmal umgekehrt. Allerdings ist bei beiden Konfessionen die Taufbegeisterung seit Jahrzehnten im Sinkflug begriffen, daran können auch gelegentliche Tauf-Hypes wie zuletzt im ansonsten eher säkularen Berliner Kiez Prenzlauer Berg nichts ändern.

Das Gute ist: Dass die Taufe heute kein Muss mehr ist, sondern eine freiwillige Feier mit ungewisser Bedeutung  für die Zukunft, führt zu einer Entkrampfung des Themas. So dachte man früher, ein Säugling, der ungetauft stirbt, würde nicht von Gott angenommen werden. Solcher Kinderglaube ist zumindest in hiesigen Breitengraden wenn auch nicht ausgestorben, so doch zumindest marginalisiert. Sowohl die römisch-katholische Kirche als auch die EKD halten so etwas für unvereinbar mit dem Bild eines liebenden Gottes. Allerdings: Auf dem Rückzug ist damit auch das Unhinterfragte und Hingenommene, das Tradierte und Eingeübte, eben das Religionsverständnis früherer Generationen.

Wer heute sein Kind taufen lässt, muss wissen warum. Wer heute sein Kind nicht taufen lässt, muss wissen warum. Ein paar Diskussionsanregungen, kein Anspruch auf Vollständigkeit:

Warum ein Kind taufen?

  • Menschen werden in Religionen hineinsozialisiert, man lernt den Glauben nicht neutral-wissenschaftlich. Nur wer dabei ist, kann sich ein Bild machen.
  • Glaube ist nicht in erster Linie eine rationale Angelegenheit, sondern wird über Emotionen vermittelt. Kinder hinterfragen nicht direkt logische Lücken, sie nehmen hin, das kann stabilisierend wirken.
  • Im Glauben transportieren sich schöne Emotionen und Erlebnisse der Kindheit, an die man sich ein Leben lang erinnern kann: Trost und Erhabenheit, Weihnachten, Ostern, Erntedank.
  • Das Christentum vermittelt christliche Werte wie Nächstenliebe.
  • Die Taufe ist eines der großen Riten, die das Leben strukturieren. Wie sonst später die Konfirmation oder Kommunion, Hochzeit und Trauerfeiern.
  • Kindergartenplatz oder Job bei einem kirchlichen Träger? Die können als Gemeindemitglied einfacher zu bekommen sein.
  • Kirche macht einen vertraut mit Kirchenmusik und anderen kulturellen Errungenschaften.
  • Kirche schafft Gemeindeleben, sorgt für soziale Kontakte und für Taufpaten, die eine besondere soziale Beziehung eingehen. Und von Paten gibt es Geschenke.
  • In manchen Regionen fällt das Kind auf, wenn es nicht getauft ist (bayerische Landstriche, katholisches Rheinland).

Warum eine Taufe unnötig ist:

  • Wer etwas über Religion erfahren möchte, sollte sich lieber aus anderen Quellen informieren und die Religionen miteinander vergleichen. Nur so kann man sich ein neutrales Bild machen.
  • Glaube ist eine irrationale Angelegenheit, die Kinder noch nicht durchschauen. Man sollte sie damit nicht indoktrinieren.
  • Ein Mensch sollte selbst entscheiden, ob er Kirchenmitglied sein möchte. Kindtaufen sind daher abzulehnen.
  • Wenn die Eltern nichts mit Kirche zu tun haben: Wäre es nicht rückgratlos, wenn sie ihr Kind trotzdem taufen ließen?
  • Weihnachten und Ostern kann man auch feiern und als wichtig erachten, ohne getauft zu sein.
  • Die sogenannten christlichen Werte speisen sich auch aus anderen Quellen. Ein aufgeklärter Humanismus braucht keine Kirchen.
  • Riten und Lebensereignisse sind wichtig, aber dafür braucht es die Kirche nicht: Im Osten wird mitunter noch die Jugendweihe gefeiert, bei Hochzeiten können freie Redner für Feierlichkeit sorgen.
  • Für einen Säugling ist der Taufvorgang eine Zumutung. Deswegen brüllen ja viele Kinder die Kirchengemeinde in Grund und Boden.
  • Wer nicht getauft ist, zahlt später keine Kirchensteuer.
  • In manchen Regionen fällt das Kind auf, wenn es getauft ist (Teile von Ostdeutschland, Berlin, Großstadtmilieus)

Das entscheidende Argument der Taufgegner ist die kindliche Religionsunmündigkeit bei Kindtaufen, ein schlagendes Argument. Ein Säugling oder Kleinkind hat keinerlei Einfluss, in welches Bekenntnis es geworfen wird. Es müsste sich später als Erwachsener in einem aktiven Willensakt dazu durchringen, aus der Kirche auszutreten, wenn es damit nichts anfangen kann. So etwas ist schwer, für manche zumindest, mit einigem Abstand vergleichbar mit der Abgabe einer Staatsbürgerschaft.

Andererseits: Wem das schwerfällt, bleibt besser sowieso gleich dabei. So geht es mir seit Jahren. Ich lebe in einem permanenten kognitiven Dissens, finde vieles, was die Evangelische Kirche in Deutschland tut, unterstützenswert, manches lehne ich ab, bin aber eher ein Papiertiger ohne aktives Engagement. Heute wäre mir die Kirche wohl nicht wichtig genug, um in sie einzutreten. Insofern war meine Kindtaufe gut für die Kirche und wohl auch für mich,  zumindest da ich keine schlechten Erfahrungen gemacht habe. Im Gegenteil: Gerne erinnere ich mich an die „Konfi-Zeit“ zurück, mit all den Freizeiten und Freunden. Aber eine freie Entscheidung, ja eine Entscheidung schlechthin, war die Taufe natürlich überhaupt nicht.

Ein Ausweg aus dem Dilemma ist die spätere Taufe im religionsmündigen Alter von 14 Jahren. Jugendliche können ja trotzdem ungetauft am Konfirmationsunterricht teilnehmen und sich, wenn es denn zusagt, kurz vor der Konfirmation taufen lassen. Strenggenommen wäre die Konfirmation als Erneuerung des Taufversprechens dann hinfällig, aber wer möchte dann schon auf die Feier verzichten? Auch bei den Katholiken gibt es die Möglichkeit der Erwachsenentaufe. Und in der Schule können ohnehin alle Ungetauften den katholischen oder evangelischen Religionsunterricht besuchen, um sich die Sache erst einmal in Ruhe anzuschauen.

Zudem gibt es zunehmend mehr Anbieter von freien Taufen, so wie es auch freie Trauredner gibt. Mir persönlich wäre eine freie Taufe zu inhaltsleer, bei einer Trauung kann ich mir das aber gut vorstellen. Wir haben deshalb erst einmal rund um den ersten Geburtstag von Elias ein kleines Willkommensfest in der Familie gefeiert, weil uns solche Rituale durchaus etwas bedeuten. Als Ersatz-Taufe wollten wir das nicht verstanden wissen, das war es nicht. Solche Rituale abzuschaffen scheint mir in einer immer stärker atomisierten Gesellschaft, in der es außer Weihnachten und Fußball-Weltmeisterschaften kaum noch Ereignisse gibt, die (fast) alle teilen, wenig erstrebenswert. Mit der richtigen Taufe warten wir vorerst noch – und überlegen dann nochmal, ob sie vielleicht später eine Option für den Kleinen ist.  Oder eben nicht. Dann muss ich vorerst auch nicht dem Satan abschwören, was mir meinen Alltag doch erheblich erleichtert.

09. Okt. 2018
von Martin Benninghoff
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02. Okt. 2018
von Janosch Niebuhr
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So gelingt die Vegetarisierung der Eltern

© Picture AllianceDass vegetarische Kinder Gemüse essen, ist natürlich ein Gerücht. Aber es gibt wirklich sehr viele Nudeln auf der Welt.

Als Kind dachte ich, „vegetarisch“ sei irgendwas Schlimmes. Eine Krankheit vielleicht, irgendwas im Kopf, das nicht so richtig funktioniert und deshalb auf den Magen schlägt. „Vegetarier“ waren mir in etwa so unheimlich wie die Leute auf dem RAF-Fahndungsplakat, das in unserem Bahnhof hing. Blassgesichtig, düster, mit leicht irrem Blick. Natürlich kannte ich keine Vegetarier. Woher auch? In meiner Familie gab es zwar fleischlose Tage, aber die waren der knappen Haushaltskasse geschuldet. Und selbst an diesen traurigen Tagen wurde mindestens eine Wurstdose geöffnet – wahlweise Bierschinken, Schwartenmagen, Blutwurst oder Hausmacher Bratwurst. Auf meine Pausenbrote bekam ich immer Kalbsleberwurst aus dem Golddarm und die Liste meiner Lieblingsgerichte führte bis zur Oberstufe Kaninchenbraten an, gefolgt von Wiener Schnitzel und Grillhähnchen. Mit irgendeiner Beilage und verkochter Gemüsedekoration. Ich glaube, meine Ernährungsgewohnheiten haben sich damals nicht sehr von denen in meiner Alterskohorte unterschieden. Es gab keine Ankläger, nirgends, vor allem nicht am eigenen Esstisch. Es war der unschuldige Frühling meiner Fleischeslust.

Das hat sich inzwischen verändert. Sehr verändert. Das liegt aber nicht an den Berichten und Dokumentationen über die Massentierhaltung, an dem Wissen über die Konsequenzen unseres Fleischkonsums für Umwelt und Gesundheit oder an einer romantischen Ahnung vom Leid der Tiere. Nein. Zeig mir ein schönes Steak und ich finde immer noch 1000 Gründe, warum ein Veggieday der Weg in den Bevormundungsstaat ist. Es bleibt dabei: Erst kommt das Fressen, dann die Moral (und die Vernunft). Nein, das, was inzwischen alles verändert hat, ist einzig und allein die tonlose Frage unserer ältesten Tochter, wenn das Mittagessen auf den Tisch kommt: „Ist das mit Fleisch?“

In Gedanken habe ich schon verschiedene Antworten auf diese Frage durchgespielt:

  • die aggressiv-linguistische zum Beispiel: „Das ist Chili con Carne. Con Carne! Das heißt: ‚Mit Fleisch!‘. Nicht Chili con Körner!“
  • oder die aggressiv-vergleichende: „Weißt du wie viele Menschen auf dieser Welt froh wären, wenn etc. pp.“
  • oder die aggressiv-anthropologische Antwort: „Ohne Fleischkonsum hätte es nie eine menschliche Zivilisation gegeben.“
  • oder, ganz fies, die aggressiv-besorgt-medizinische: „Wir müssen echt aufpassen, dass du keine Mangelerscheinungen entwickelst. Vielleicht sollten wir mal wieder eine Blutprobe machen lassen.“

Man darf ja mal träumen. In Wirklichkeit beantworten meine Frau oder ich die Frage, ob denn Fleisch im Essen sei, in der Regel mit einem schlichten „Nein“. Falls wir rumdrucksen, beschränkt sich unsere Tochter auf die eindeutig als fleischfrei identifizierbaren Teile des Essens – Nudeln zum Beispiel, Kartoffeln, Reis. (Seltsamerweise können wir sie fast nie davon überzeugen, dass Gemüse und Salate auch zu den fleischfreien Speisen zählen.) Jetzt könnte man ja sagen: Lass sie doch – ihr Problem, wenn sie tatsächlich auf Fleisch verzichten möchte. Bleibt mehr für alle anderen übrig. Es gibt da nur einen Haken: Das Ganze ist ansteckend. Unser Fleischkonsum in der Familie ist radikal gesunken, obwohl wir nur eine praktizierende Vollzeit-Vegetarierin bei fünf Familienmitgliedern haben. Wir anderen sind wohl Flexitarier geworden, ohne darüber nachgedacht zu haben. Plötzlich gibt es Linsen statt Lende, Aufstrich statt Aufschnitt. Und das liegt nicht an irgendeiner aggressiven Rhetorik, mit der unsere Älteste uns das Fleisch madig macht. Sie verdreht auch nicht die Augen, wenn – selten genug – mal ein Braten auf dem Tisch steht. Sie klagt nicht an, sie zeigt uns auch keine PETA-Videos auf ihrem Handy über Schweinemastbetriebe oder Rinderhinrichtungen. Nein. Sie schweigt, füllt sich gegebenenfalls ihren Teller mit einer vegetarischen Sättigungsbeilage und lässt uns in Ruhe. Weiterlesen →

02. Okt. 2018
von Janosch Niebuhr
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27. Sep. 2018
von Chiara Schmucker
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Ekelst du dich noch – oder isst du schon?

© Picture AllianceFalls Sie ganz sicher sind, dass Sie hier statt dieser niedlichen Ultraschallaufnahme lieber eine nachgeborene Plazenta gesehen hätten, googeln Sie einfach.

„Was möchten Sie nach der Geburt mit Ihrer Plazenta anstellen?“ – Freundlich ruhen die Augen der Hebamme beim Infogespräch zur Geburtsanmeldung in der Klinik auf mir. „Du musst ein kleines Stück davon essen“, hat eine Freundin mir eingeschärft. „Da wird die Bindung zum Kind enger, du bekommst keine Wochenbettdepression und das Stillen klappt besser.“ Sie selbst habe nach der Geburt ihres Sohnes ein fingernagelgroßes Stückchen hinuntergewürgt („Schmeckte nach nichts, ich schwör’s!“), dann die Plazenta in einer Tüte mit nach Haus genommen, im Garten vergraben und einen Baum darauf gepflanzt.

Nur zur Info: Die Plazenta, auch Mutterkuchen genannt, ist etwa handgroß und ein halbes Kilo schwer. Die eine Seite blutrot und fleischig, die andere schleimig-glänzend, durchzogen von verästelten Blutgefäßen, die an einen Baum erinnern. Mediziner und Hebammen haben ein Faible für dieses Organ, das die Babys im Mutterleib versorgt; doch die Begeisterung überträgt sich eher selten auf werdende Eltern. Bei den Fotos der Plazenta, mit denen den Chefarzt der Gynäkologie den Infoabend im Krankenhaus eröffnete, drehte sich einigen Männern im Saal der Magen um. Die Frauen übten schon mal meditative Bauchatmung.

Dieses schwabbelige Ding essen? Allein von der Vorstellung wird mir flau, obwohl ich nicht generell ein Problem mit Blut oder Fleisch habe – Rindersteaks können nicht blutig genug vom Grill auf meinem Teller landen.

In den vergangenen Jahren hat sich ein regelrechter Hype entwickelt um das Essen der Nachgeburt, Plazentophagie oder wenig beschönigend auch „Plazenta-Kannibalismus“ genannt. Kim Kardashian oder Schauspielerin Alicia Silverstone („Clueless“) haben sich aus ihren Plazenten Pillen drehen lassen und schwören auf deren heilende Wirkung. Findige Apotheken bieten auch in Deutschland an, aus einem bohnengroßen Stück Plazenta Globuli herzustellen, die Frau und Kind durchs Leben begleiten. Selbst Männer bleiben offenbar nicht verschont: Tom Cruise soll die Plazenta seiner Tochter gegessen haben, Jamie Oliver hat auf Instagram einen Kuchen aus Plazenta gepostet. (Das war kein Scherz von wegen Mutterkuchen, er meinte das ernst!)

Ich werde meine Plazenta sicher nicht als Steak braten, in Lasagne oder Spaghetti Bolognese verarbeiten oder getrocknet und gemahlen ins Müsli rühren. Dabei könnte ich das problemlos tun: Step-by-Step-Anleitungen für die Verwendung der Plazenta in der heimischen Küche gibt es im Internet. Nicht weil ich feige bin oder nicht wüsste, dass meine Plazenta ein Super-Organ ist, das mein Baby mit allem ausstattet, was es braucht, und es zugleich gegen Gift- und Schadstoffe abschirmt. Sondern genau aus diesem Grund. Die Gefahr besteht, dass ich mein Kind durch das Plazentaessen mit Krankheitserregern anstecke oder Schadstoffen belaste. Ich bin sicher, dass es einen Grund hat, dass der Körper die Plazenta nach der Geburt abstößt und für jedes Kind neu bildet.

Da kann mich auch nicht umstimmen, dass selbst vegetarische Säugetiere ihre Plazenta auffressen. Möglicherweise brauchen Tiere nach der Geburt Eisen und Nährstoffe aus der Plazenta und nehmen die Schadstoffe in Kauf. Vielleicht wollen Rinder oder Schafe verhindern, dass Fressfeinde durch den Geruch angelockt werden. Ein in deutschen Krankenhäusern eher unwahrscheinliches Szenario. Auch habe ich noch nie davon gehört, dass eine Frau nach der Geburt unstillbares Verlangen nach einem Happen Plazenta hatte.

So jung der Hype um das Verspeisen der Plazenta ist – es geht noch schräger: „Lotusgeburt“ heißt das neue Stichwort. Das Kind wird dabei nicht abgenabelt, sondern bleibt mit der Plazenta verbunden, bis die Nabelschnur sich optisch in den getrockneten Schwanz einer überfahrenen Ratte verwandelt hat und von alleine abfällt. Das soll Babys einen sanfteren Start ermöglichen und einen Energie-Booster fürs ganze Leben geben. Beim täglichen Salzen und Einreiben der Plazenta mit Ölen und Kräuern ist die ganze Familie dabei. Möchte jemand das Baby auf den Arm nehmen, bekommt er die Plazenta in einer Tasche mit dazu gereicht. Positiver Nebeneffekt: Niemand beharre mehr darauf, das Neugeborene auf den Arm nehmen zu dürfen. Ekelfaktor? Ziemlich hoch. Dabei werden Fans der Lotusgeburt in Internetforen nicht müde zu betonen, dass die Plazenta bei richtiger Pflege überhaupt nicht stinke und man sie, nachdem sie vollständig ausgetrocknet sei, sogar aufheben könne. Schon die Indianer sprachen der Nabelschnur schließlich magische Kräfte zu. Kritiker warnen vor Schäden am Nabel und Infektionsgefahr.

Ich bin meiner Plazenta sehr dankbar dafür, dass sie mein Baby bis zu seiner Geburt so gut versorgt. Und doch will ich danach nichts mit ihr anstellen. Komische Vorstellung, in einigen Jahren mit den Nachbarn bei einem Glas Weißwein unter einem Plazentabaum zu sitzen. „Ach ja, der wächst so wunderbar, weil wir hier vor Jahren meine Plazenta verbuddelt haben. Prost!“ Unsere jetzige Wohnung hat auch gar keinen Garten. Was also tun? Im Balkonkübel vergraben? Oder in der Hofeinfahrt? Gedanklich sehe ich mich schon in einer konspirativen Nachtaktion mit Schäufelchen und Plazenta bewaffnet in der begrünten Verkehrsinsel vor unserem Haus herumscharren.

Wie gut, dass es auch für so hoffnungslose Plazenta-Verweigerer wie mich eine geeignete Lösung gibt: Ich kann meine Super-Plazenta für die Forschung spenden. Die Option kann man im Personalbogen der Klinik ankreuzen, dann gehört die Plazenta nach der Geburt dem Krankenhaus. Ich hoffe, der Chefarzt grillt sie sich nicht zum Salat.

27. Sep. 2018
von Chiara Schmucker
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25. Sep. 2018
von Martin Benninghoff
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Glückliche Kindheit – auf dem Land oder in der Stadt?

© Astrid Lindgrens Värld Was hätte Michel aus Lönneberga wohl alles in der Stadt anstellen können?

Wir wollen aufs Land ziehen. Ein Satz wie eine Sturzgeburt. Gestern noch jung und hip und Großstadtbewohner – heute Familienmensch und plötzlich verantwortlich für einen neuen Menschen, der andere Bedürfnisse hat als man selbst. Irgendwann zwischen 30 und 40 setzt dann bei manchen Eltern die Stadtflucht ein, sie ziehen aufs Land in ein Dorf, in eine Kleinstadt – oder in den Speckgürtel einer Metropole. Das klingt ja zu verführerisch: Auf dem Land ist mehr Platz, die Blumen blühen, die Bienen summen, die Welt ist noch in Ordnung. Soweit die Klischees. Aber ganz davon abgesehen, dass Land nicht gleichbedeutend mit Astrid Lindgrens Bullerbü oder Michels Katthult-Hof ist, und nicht jeder Landbewohner ein freistehendes Eigenheim mit großem Garten, gleich einen ganzen Bauernhof oder einen Streichelzoo zur Verfügung hat: Wo lebt es sich denn nun besser, auf dem Land mit all dem Platz, dem Grün und Güllegeruch, oder der Stadt mit all ihren Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten?

Die Frage berührt mehr als das bloße Familienglück, denn, so viel sei vorweg gesagt, eine glückliche Kindheit ist überall möglich. In einem föderal organisierten Land wie Deutschland, das erst spät zur Einheit fand und gedanklich noch immer in kleine Fürstentümer zersplittert ist, wird die Debatte schlichtweg schon seit Jahrhunderten geführt, oft unversöhnlich: Schon im Mittelalter galten Städte in den Augen vieler Landbewohner als dreckig, korrumpiert und voller schräger Vögel, Diebe und Hurenböcke aller Art. Städter reagieren zu allen Zeiten sauer bis belustigt, wenn sie solche pauschalen Urteile hören. Die Landeier! Keine Ahnung haben die! Auch heute noch spielen Stadt-Land-Konflikte eine Rolle, zum Beispiel als der ehemalige Berlin-Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky seinen Bestseller „Neukölln ist überall“ veröffentlichte. Der Berliner Kiez mit dem hohen Migrantenanteil und den sozialen Problemen ist spätestens seitdem vor allem auf dem Land so etwas wie die Chiffre für Parallelgesellschaften und Kriminalität. Und überhaupt für alles, was in der Stadt schieflaufen kann.

Dass das einseitig ist, wissen zum Glück nicht nur diejenigen, die gerne in Neukölln abends rausgehen, die Restaurants besuchen und die quirligen Straßen mit ihren abwechslungsreichen Angeboten an Geschäften nutzen. Soziale Probleme, Gewalt und Kriminalität kommen ebenso vor in Neukölln, Schwarz-Weiß-Erzählungen aber helfen keinem weiter, es sei denn, man fühlt sich wohl in seinen Elfenbeintürmen an Ressentiments und Klischees. Und so verhält es sich generell mit den Klischees über Stadt und Land: Wer Dörfer für Kulissen der neuen Folge von „Bauer sucht Frau“ hält, wird im Hunsrück, Westerwald oder der Schwäbischen Alb nur Bauerntölpel entdecken. Wer Städte für den Hort aller gesellschaftlichen Probleme schlechthin hält, wird nur noch Clanstrukturen erkennen und selbst die Eisdiele unter Aspekten der Schutzgeldkriminalität betrachten. Dass beide Haltungen in ihrer Pauschalität blanker Unsinn sind, muss hier nicht weiter erörtert werden. Im harmlosen Fall dienen Stereotype ja auch nur der Auszeit und der Erholung für stressgeplagte Städter und Landbewohner – Zeitschriften wie „Landlust“ leben davon. Auch der Deutsche Alpenverein, der in seiner neuesten Ausgabe des „Panorama“-Heftes eine Geschichte bringt, in der die Großstadt als mehr oder minder übler Gegenpol zum idyllischen Alpenland herhalten muss, stimmt gelegentlich in den Chor ein. Als wenn das die Alternativen sind.

Dabei ist das eine Erwachsenendiskussion: Für Kinder ist die intakte Natur zwar wichtig, aber nicht für die Erholung. Kinder brauchen ein vernünftiges soziales und familiäres Umfeld und viel Kontakt zu Gleichaltrigen. Was nützt einem Kind die schöne Blumenwiese, wenn es darauf alleine spielt? Was nutzen die vielen kulturellen Angebote einer Großstadt, wenn es vereinsamt in einer Hochhaussiedlung hockt? Darüber hinaus haben Stadt und Land ihre Eigenheiten – und damit auch Vor- und Nachteile:

Entdeckerland

Kinder wollen auf Entdeckertour gehen, bauen, basteln, gestalten. Solche Räume gibt es in Dörfern, im Wald, auf abgeernteten Feldern. Aber auch in Städten, auf Spielplätzen, Bauspielplätzen, in Parks. Studien und der gesunde Menschenverstand belegen allerdings, dass Landkinder früher auf eigene Faust losziehen, derweil Stadtkinder länger an der Hand der Eltern unterwegs sind, aus nachvollziehbaren Gründen: Autoverkehr, Straßenbahnen, Fahrradfahrer, insgesamt die viel größere Bevölkerungsdichte, sorgen für größere Gefahrenquellen. Die Luft ist in der Regel auf dem Land besser, das ist natürlich ein wichtiger Standortfaktor, der fürs Land spricht. Die Zahl der Atemerkrankungen soll deshalb in urbanen Gegenden höher sein. Luftschadstoffe können Krankheiten wie Pseudokrupp begünstigen, aber dazu reicht auch eine Raucherwohnung auf dem Land.

Gleichaltrige

Je älter Kinder werden, desto mehr treten sie aus dem elterlichen Schatten und desto wichtiger werden gleichaltrige Freunde. Kinder lernen so, sich mit anderen auseinanderzusetzen, Bündnisse zu schließen, sich zu behaupten – und Empathie für die Bedürfnisse anderer zu entwickeln. Zwar kann es in ländlichen Gemeinden einen stärkeren Zusammenhalt durch die gewachsenen Nachbarschaften und oftmals umtriebigen Vereine geben, dafür ist die Betreuungsquote in Städten höher, auch weil das Angebot an Betreuungsmöglichkeiten besser ist. Der engere Raum und die Bevölkerungsdichte in Städten sorgen für dichte Kontaktmöglichkeiten, in der Siedlung, den Spielplätzen, auf den Bürgersteigen und Innenhöfen. In Städten sind die Distanzen kürzer – vor allem die Eltern von Teenagern auf dem Land dürften ein Klagelied anstimmen, dass sie ihre Kinder überall hinfahren müssen, weil der öffentliche Nahverkehr so schlecht ausgebaut ist.

Vorbereiten fürs Leben

Dörfer und Landkreise sind in der Regeln homogener, was die soziale und kulturelle Herkunft angeht. Wer in Großstädten aufwächst, erfährt Migration zum Beispiel nicht nur als Medienthema, sondern als Alltag. Alltag in der Nachbarschaft, in der Schule, auf dem Spielplatz. Und im persönlichen Kontakt verliert vieles den Schrecken, das gilt genauso für die soziale Herkunft: Zwar separieren sich die Bevölkerungsschichten und Einkommensklassen auch in der Stadt. Wer in Berlin-Charlottenburg lebt, tut dies in anderer Nachbarschaft als in besagtem Neukölln. Aber die Distanzen sind geringer, man begegnet sich leichter. Wenn man nicht gerade im Nobelstadtteil Grunewald wohnt und mit seinem Porsche nur direkt auf die Autobahn nach Potsdam fährt, wird man als Berliner zwangsläufig leichter andere Lebensentwürfe kennenlernen als zum Beispiel in einem kleinen Dorf an der Mosel. Das kann anstrengend sein – in der Regel gewinnt man aber mehr als man verliert. Und da wir alle in einer zunehmend vielfältigen Gesellschaft leben, kann es nicht schaden, schon als Kind ein wenig vorbereitet zu sein.

Im Idealfall haben alle die freie Wahl, wo sie leben. Aber die Mietpreissituation zwingt gerade junge Familien oder Alleinverdiener in die Außenbezirke oder ganz aufs Land. Die Gutverdiener können es sich leisten, in die Reißbrett-Siedlungen am Stadtrand zu ziehen, die oftmals nicht schlecht an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen sind. Ob einem das gefällt, ist Geschmackssache: Zum einen sind die oft ideal für Kinder, weil bestens ausgestattet mit Spielplätzen, und der Verkehr hält sich auch in Grenzen. Andererseits neigen diese Siedlungen zur sozialen Homogenität und damit Abgeschlossenheit. Eltern sollten ja auch nicht ihre eigenen Bedürfnisse vergessen und überlegen, wo sie sich am wohlsten fühlen. Und dann gibt es ja noch den Urlaub, um das zu genießen, was einem sonst im Alltag fehlt: Wandertouren für den Städter, Städtereisen für die Dorfbewohner. Als Auszeit für stadtgeplagte Städter oder landgenervte Landbewohner. Und als Horizonterweiterung.

25. Sep. 2018
von Martin Benninghoff
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18. Sep. 2018
von Anna Wronska
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Mit der Gelassenheit kommen die Lösungen

© Picture AllianceKnutschalarm: Ein zweites Kind in der Familie kann ein Riesendrama bedeuten – muss es aber nicht.

Als ich mit meinem zweiten Kind schwanger wurde, mischte sich in die Vorfreude auch die Sorge, ob auch beim zweiten Mal alles gut gehen würde – in der Schwangerschaft, bei der Geburt und überhaupt im Leben zu viert. Man hört und googelt ja so viel, und leider bin ich in solchen Dingen traditionell ein ängstlicher Typ.

Vor zwei Wochen sind wir nun zum zweiten Mal Eltern geworden, und was soll ich sagen: Es ist, Gott (und ein paar Göttern in Weiß) sei Dank, alles gut gegangen. Und nicht nur das. Trotz der gewaltigen Umstellung, die wir gerade durchleben, sind mit unserem zweiten Sohn eine Zuversicht und ein Selbstvertrauen bei uns eingezogen, die ich bis vor kurzem nicht für möglich gehalten hätte – und die ich nach der Geburt meines ersten Kindes vor vier Jahren auch nicht (so früh) so empfunden habe. Das liegt zum einen sicher daran, dass unser Zweitgeborener, Lukas, bislang ein ausgesprochen entspannter Zeitgenosse ist. Er trinkt, schläft, pupst, wie es sich für ein Neugeborenes gehört und sieht dabei – da bin ich zugegebenermaßen befangen – relativ possierlich aus. Drama ist nur angesagt, wenn das Essen nicht schnell genug geliefert wird, da kommt er ganz nach mir.

Es kann aber nicht allein am Kind liegen, denn unser großer Sohn Ben war, wenngleich etwas anstrengender, auch alles andere als ein schwieriges Kind. Mein Mann und ich haben vielmehr in den letzten Tagen bemerkt, wie sehr wir uns mit und seit der Geburt von Ben verändert haben: Wir haben einfach unglaublich viel gelernt. Das klingt banal, doch es war uns nicht so bewusst. Einiges an Erlebtem und Erlerntem kommt jetzt, da sich die Szenen wiederholen, erst wieder – und hilft uns, diesmal gelassener zu bleiben. Wir zucken nicht jedes Mal zusammen, wenn Lukas anfängt zu schreien oder sich beim Trinken einmal verschluckt. Wir halten und heben ihn vorsichtig, aber wissen auch, dass sein Arm nicht gleich abfällt, wenn man ihn durch den Ärmel zieht. Wir fotografieren seinen Windelinhalt bei auffälliger Färbung nicht, um ihn mit der Bildersuche von Google abzugleichen (wovon ich an dieser Stelle auch explizit allen anderen Eltern abraten möchte). Wir haben unsere Babywaage von vor vier Jahren noch, benutzen sie aber nicht – denn Lukas ist zwar wie sein Bruder ein zierliches Kind, aber es reicht, wenn die Hebamme ihn wiegt und uns sagt, dass er zunimmt. Und während es bei Ben bereits in der Klinik allerlei Hilfsmittel zum Füttern gab, weil das Stillen nicht gleich perfekt klappte, habe ich mir diesmal mehr Zeit gegeben (und auch das Klinikpersonal war geduldiger), und siehe da, es funktioniert – und zwar ohne Still-Tracking-App, die mich bei Ben monatelang wahnsinnig gemacht hat.

Nun ist all dies natürlich sehr subjektiv und kann bei anderen ganz anders laufen; ganz sicher gibt es Familien, in denen das erste Kind weniger Trubel verursacht hat als das zweite, aus welchen Gründen auch immer. Nicht zuletzt kann ich nur deshalb so halbwegs lässig daherreden, weil ich zwei gesunde Kinder habe, die über ihre Neugeborenen-Ansprüche hinaus keine besonderen Bedürfnisse haben. Aber wir haben drei frisch gebackene Elternpaare in unserem Freundeskreis, die Ähnliches berichten wie wir: Entspannteres zweites Kind, entspanntere Eltern – und umgekehrt, denn vermutlich wirkt sich die Gelassenheit der Eltern auch wiederum positiv auf das Kind aus. Das bestätigt auch meine Hebamme.

Das heißt natürlich nicht, dass wir den Dreh nach den ersten zwei Wochen für alle Zeit raus haben. Vielleicht ist das noch eine Art trügerische Neugeborenen-Glückshormonblase, in der wir uns bewegen. Natürlich mache ich mir weiterhin Sorgen um nunmehr zwei Kinder – und das, machen wir uns nichts vor, perspektivisch bis zu meinem letzten Atemzug auf dieser Welt. Bislang nur in Ansätzen erprobt ist beispielsweise, wie unsere zwei Söhne miteinander auskommen. Bisher akzeptiert Ben den Neuzugang ohne Probleme und beklagt sich auch nicht, wenn ich längere Zeit mit dem Baby beschäftigt und daher nicht für ihn verfügbar bin. Hier hilft es ungemein, dass mein Mann zu Hause ist und übernehmen kann. Spannend wird, wie sich das nach seiner Elternzeit entwickelt. Was mache ich, wenn Ben einen seiner seltenen, dann aber überaus eindrucksvollen Wutanfälle bekommt, während ich allein mit den Kindern bin und das Baby stille? Keine Ahnung. Aber der Gedanke daran macht mich nicht verrückt. Irgendetwas wird mir dann schon einfallen.

Ich bin mittlerweile überzeugt: Gelassenheit kann man sich nicht vornehmen oder einreden oder aufzwingen, aber man erlangt sie sukzessive durch seine Erfahrungen, auch die schlechten. Zumindest solange am Ende immer alles gut geht, und das tut es gottlob in den allermeisten Fällen. Und mit der Gelassenheit kommen die Lösungen. Für den Typ Bedenkenträger, zu dem ich charakterlich gehöre, ist das eine ungeheuer erleichternde Erkenntnis. Und es gibt vielleicht auch anderen werdenden Eltern eines zweiten Kindes – gerade solchen, die mit dem ersten Kind am Anfang eine harte Zeit hatten – etwas Zuversicht, dass alles gut wird. Weil sie schließlich nicht von Null anfangen müssen, auch wenn kein Kind ist wie das andere. Zugegeben, es gibt im Leben keine Garantie für ein „Happy End“ – aber so ein „Happy Beginning“ ist ja auch schon eine ganze Menge wert.

18. Sep. 2018
von Anna Wronska
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13. Sep. 2018
von Janosch Niebuhr
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Die Wahrheit über Kindergeburtstage

© Picture AllianceKlar ist so ein Kindergeburtstag spaßig. Für die Kinder.

Es wird Zeit, die Wahrheit über Kindergeburtstage zu erzählen. Also über die Geburtstagsfeiern der eigenen Kinder. Eltern kennen die Wahrheit zwar, aber sie sprechen nicht darüber. Vor allem nicht mit anderen Eltern. Da ist nur dieser Blick, wenn die Kinder abgegeben werden. “Wann soll ich N.N. (Name des Kindes, das mit Geschenk in den Händen ungeduldig neben einem Erwachsenen steht) wieder abholen?” Und in diesem Blick der abgebenden Eltern liegt so viel Mitleid, so viel Verstehen, manchmal aber auch, ja: Schadenfreude. Die Konvention verlangt, dass die gastgebenden Eltern fröhlich lächelnd, mindestens aber völlig entspannt antworten: “Ach, wie es euch passt. So um sechs rum.” Nur absolute Anfänger würden die eigentliche Botschaft überhören: Punkt 18 Uhr ist Schluss – und wehe, ihr holt eure Blagen später ab!

Ein Freund – Vater von sieben Kindern – sagte vor unserem ersten Kindergeburtstag, dass wir diese Veranstaltungsreihe irgendwann hassen werden. Inzwischen haben wir (mit unseren drei Töchtern) 25 Kindergeburtstage hinter uns – und immer, wenn wieder einer ansteht, denke ich vorher: Der Freund hatte Recht. Kindergeburtstage sind die Pest, sie lassen Eltern schneller altern als übermäßiger Alkoholkonsum oder Kettenrauchen. Sie nehmen regelmäßig so viel Familienressourcen (Energie, Nerven, Geld) in Anspruch, wie sonst für eine ganze Woche Normalbetrieb zur Verfügung steht. Und sie führen in 10 von 10 Fällen zu Streitereien – vor allem vorher („Auf den Einladungen fehlt unsere Adresse!“, „Diesmal kannst du das Catering übernehmen!“, „Hast du an die Tütchen gedacht?“). Manche gastgebende Eltern bekommen bei der Planung so schlechte Laune, dass sie ihre Kindergeburtstage übrigens bewusst auf sonntags von 11 bis 14 Uhr legen, damit möglichst auch die anderen Eltern schlechte Laune bekommen („Wir freuen uns, wenn du Zeit hast!“)

Wie konnte es so weit kommen? Was hat dazu geführt, dass aus fröhlichen Erinnerungsfeiern an beglückendste Familienereignisse (Kind kommt auf die Welt!) stresserfüllte Events mit eigenem Projektmanagement wurden? In meiner Kindheit im Paläolithikum war das jedenfalls ganz anders. Glaube ich zumindest. Ich war ja damals auf der anderen Seite, Konsument elterlicher Dienstleistungen. Aber ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass meine Eltern an meinen Kindergeburtstagsfeiern irgendwie in Erscheinung traten. Irgendwann stand da ein Rührkuchen auf dem Tisch und ein Krug Kakao. Das muss wohl meine Mutter hingestellt haben. Die Freunde kamen (allein, ohne Erwachsene, ohne schriftliche Einladung), wir spielten (allein, ohne Erwachsene), wir aßen und tranken (allein), dann gingen sie wieder (allein). Schluss. Wenn meine Freunde weg waren, habe ich mit meinen Geschenken gespielt (allein) – und irgendein Erwachsener hat wohl aufgeräumt. Ich kann mich nicht erinnern, was meinen sechsten von meinem siebten, achten oder neunten Geburtstag unterschieden hätte. Es gab immer Kuchen, Gäste und Geschenke. Mehr war nicht. Aber ich glaube, ich hatte Spaß.

Es gibt nun verschiedene Theorien, warum Kindergeburtstage heutzutage ganz anders ablaufen. Anders ablaufen müssen. Warum Kindergeburtstage längst eventisiert sind. Warum sie inszenierte Ereignisse geworden sind, interaktiv und erlebnisorientiert. Und warum es so schwer fällt, sich dem zu widersetzen. Früher war ein Kindergeburtstag ein Kalendertag mit Kuchen, Gästen und Geschenken – ob der Spaß brachte oder nicht, hing von vielen Dingen ab, am wenigsten aber von den Eltern. Heute ist der Kindergeburtstag ein Event – und für den sind die Eltern verantwortlich. Haben sie sich zumindest erfolgreich eingeredet. Ein Event ist „ein zu Werbezwecken inszeniertes Ereignis bzw. Erlebnis“ (Metzler-Lexikon Kultur der Gegenwart). Das stimmt auch für Kindergeburtstage: Ein erfolgreicher Kindergeburtstag bringt immer Distinktionsgewinne für die feiernden Kinder, vor allem aber für die verantwortlichen Eltern: „Letztes Jahr hatten wir ja schon die GPS-geführte naturkundliche Schatzsuche mit Kletterwand und anschließendem Töpfern. Vielleicht können wir dieses Jahr im Polizeimuseum einen Kriminalfall lösen oder ins Kino oder ins Spaßbad gehen. Oder einfach mal nur zuhause Papier schöpfen.“ Weiterlesen →

13. Sep. 2018
von Janosch Niebuhr
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