Schlaflos

Schlaflos

Das Familienblog der F.A.Z.

25. Feb. 2020
von Anneli Pereira
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Drei Kinderzimmer, Küche, Bad

Das Leben mit Kindern ist bunt. Ob man das so möchte oder nicht.

Manche Menschen stellen sich Möbel in die Wohnung, wieder andere haben sogar Interieur. Und ich? Ich habe Kinder. Unsere Münchner Wohnung besteht aus drei Kinderzimmern, Küche und Bad. Und meine beiden Söhne beanspruchen jeden Quadratzentimeter davon. Kleine Tour gefällig? In unserer offenen Wohnküche erhebt sich eine Playmobilwelt, bestehend aus einer Marsstation und einer Raketen-Abschussrampe. Während ich diese Zeilen schreibe, entsteht unter dem Küchentisch das, was der Deutschen Bahn nicht gelingen mag: ein Schienennetz, das seinen Namen auch verdient. Unser Parkett durchziehen kraterähnliche Furchen, die Wände sind von Einwurflöchern gezeichnet und das hellgraue Sofa sieht aus, als wäre es eine Leinwand von Jackson Pollock. Dazwischen findet sich allerlei, was Marie Kondo wohl als Komono bezeichnen würde: Kleinkram in Form von Plastikspielzeug aus Überraschungseiern, einem Stempel mit Dinosauriermotiv, verknickte UNO-Karten, oh, ein Spielwürfel (den hab ich schon gesucht) und: Legosteinchen! Mein persönlicher Aufräum-Endgegner. Seit sich die Fünfjährigen für Lego interessieren, ist das Tor zur Hölle offen. Wir sprechen hier von mehr als 500 Teilen pro Set. Winzige Schwerter, Kristallsteinchen und Ritterhelme. Es ermüdet mich schon darüber zu schreiben. Wenn ich ans Aufräumen denke, möchte ich auf der Stelle in einen 15-jährigen Tiefschlaf verfallen und erst wieder aufwachen, wenn Tiago und Fabian mit gepackten Koffern im Flur stehen, um in ihr erstes WG-Zimmer zu ziehen.

Es muss doch zu schaffen sein, trotz Kindern Ordnung und ein gewisses Maß an Design in die Bude zu bekommen. Oder? Zuerst habe ich es mit Aufräumen und Ausmisten probiert. Natürlich nicht ohne vorher Marie Kondos Bestseller „Magic Cleaning“ zu lesen. Alles muss raus. Zumindest das, was einen nicht glücklich macht und somit Freude versprüht. Kein Problem! Zumindest für mich. Während ich Klamotten, Sandwichmaker und sogar Postkarten kaltblütig entsorge, sind meine Männer da sehr zartbesaitet. „Die Weinkorken brauch ich noch, da will ich eine Fußmatte draus basteln“, jammert mein Mann. „Oh, und dieser kitschige Teller aus Chiang Mai, mit meinem unscharfen Foto drauf, ist doch so eine schöne Erinnerung an unseren Thailand-Urlaub.“ Okay, bei solchen Souvenirs kann ich das ekstatische Hochgefühl ja noch einigermaßen nachvollziehen, aber irgendwann hört es auf. „Mama, nein! Nicht die Stöcke wegschmeißen!“, kreischt Tiago. Einen ganzen Nachmittag hat er Treibgut am Ammersee gesammelt. Große, kleine und vor allem morsche Äste. Mit einem guten Filter auf der richtigen Kommode fotografiert, wäre dieses Totholz eigentlich ein super Instagram-Post: #solebich.  

Auf Instagram swipe ich mich gerne durch Profile, die herein.spaziert oder the_salonette heißen, und tauche ein ins Einrichtungs-Paradies. Kinder leben dort auch, aber die spielen nicht mit Lego, sondern mit fotogenen Holzregenbögen. Manchmal steht auch ein Bobby-Car, das an einen Mercedes-Oldtimer erinnert, mitten im Petrol gestrichen Wohnzimmer. Und Ablageflächen werden zu Arrangements diverser Vasen und Deko-Artikel genutzt. Alles Fake? Vielleicht. Und ich liebe es trotzdem! Seitdem träume ich von einem Designer-Stuhlmix, schön arrangiert um einen neuen, weißen Esstisch. „So ein Tisch überlebt bei uns keine zwei Tage“, sagt mein Mann. Und er hat recht, ich weiß, dass er recht hat. Doch ich will es nicht wahrhaben und phantasiere weiter.

Anstatt zu akzeptieren, dass das Wohnen mit Kindern zwar schön, aber eben nicht „Schöner Wohnen“ ist, bin ich zum absoluten Interior-Victim geworden. Warum sollte ich mir schicke Klamotten und hohe Schuhe kaufen, wenn sich sowieso keine Gelegenheit ergibt, so was anzuziehen? Das Nest muss schön sein! Schließlich verbringen wir hier die meiste Lebenszeit. Und wenn da draußen schon alles drunter und drüber geht, Klimakatastrophen und Killerviren drohen, dann ziehe ich mich doch lieber in meine eigenen perfekt gestrichenen vier Wände zurück.

Meine Wohnung, meine Welt. Das war bei mir schon immer so. Mein Kinderzimmer habe ich früher monatlich umdekoriert. In Ermangelung neuer Möbel verrückte ich mein Bett, tauschte hier und da ein Poster an der Wand aus oder pinselte in meiner ganz wilden Phase Sprüche von Rage against the Machine an die Wand: „Fuck you, I won’t do what you tell me“. Zu mehr Rebellion hat es in meiner Pubertät nicht gereicht. Was ich damit aber eigentlich sagen möchte: Die Wohnsituation spiegelt unser Leben wider. Und wenn letzteres im Familienchaos zu versinken droht, dann könnte ein picobello aufgeräumtes Wohnzimmer vielleicht die Ruhe ausstrahlen, die mir so oft abgeht. Mein Mann sieht das auch so, ist aber realistischer, was den Zeithorizont angeht: „Amor, wir renovieren, wenn die Kinder groß sind.“


Die nächsten zehn Jahre leben wir dann halt einfach und wohnen weniger.

25. Feb. 2020
von Anneli Pereira
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18. Feb. 2020
von Sonia Heldt
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Zwischen den Stühlen sitzt es sich schlecht

Kann man es allen recht machen? Viele Mütter sind zumindest fest entschlossen, es zu versuchen.

Es herrscht dicke Luft. Alle sind sauer. Mein Mann auf mich. Meine Große auf meinen Mann. Meine Jüngste auf meine Große. Und ich auf mich selbst! Ich habe mich mal wieder in die Rolle der Familienrichterin drängen lassen, die nach sorgfältiger Abwägung der Sachlage eine gerechte Entscheidung treffen muss. Der Fall „Heldt gegen Heldt“ steckt in der letzten, heißen Verhandlungsphase. In unserem Rechtsstreit geht es um sechs freie Tage. Karneval steht vor der Tür und in unserer Region kommt man an den jecken Tagen kaum vorbei. Wie gut, dass die Schule das auch so sieht und dieses Jahr direkt vier statt der üblichen drei freien Tage locker gemacht hat. Eine tolle Sache, die den Familien entweder reichlich Zeit zum Feiern oder die Gelegenheit zu einem Kurzurlaub gewährt.

Letzteres hat meinem Mann und mir in den letzten Jahren immer besser gefallen. Wir setzten die Pappnasen gar nicht erst auf, sondern luden am Altweiberfasching die Koffer und unsere Töchter ins Auto und flüchteten dahin, wo man uns auf der Straße garantiert nicht mit Helau oder Alaaf begrüßte. Das war all die Jahre richtig schön: Städtereise nach Ostdeutschland, friedliches Entschleunigen an der See, erlebnisreiche Tage in Frankreich. Natürlich lief die Urlaubsplanung im Vorfeld nicht gänzlich ohne Einspruch seitens der Kinder ab: „Aber alle meine Freunde feiern Karneval!“; „Dann kann ich mein Kostüm ja nur die paar Stunden in der Schule anziehen.“ Sobald jedoch genügend Kilometer zwischen uns und den Karnevalshochburgen lagen, waren die ollen Kamellen kaum noch Thema.

Letztes Jahr reichte Lara dann einen Antrag ein. „Ich bin die letzten Jahre immer nach eurer Pfeife getanzt und mit euch in den Urlaub gefahren. An Karneval bin ich fast sechzehn und ich will endlich mal wieder ein Jahr zu Hause feiern.“ Maya stimmte ihrer großen Schwester zu. Welches Kind ist nicht gerne jeck?! Mein Mann und ich nickten schließlich zustimmend. Als Kind und Teenager war auch für uns die fünfte Jahreszeit etwas Besonderes gewesen.

Karneval rückte näher und die Sehnsucht meines Manns und mir nach einer Alltagsunterbrechung ebenfalls. Wenn et Trömmelche jeht, wollten wir den Dom en Kölle lasse und en Superjeilezick am Meer verbringen. Jetzt, wo die Schule noch einen zusätzlichen freien Tag lockergemacht hatte, schrie alles nach einem Kurzurlaub. Ich zog erst Maya auf unsere Seite. „In meiner Klasse fahren viele weg“, sagte sie achselzuckend und damit war der Fall für sie erledigt. Bei Lara, das wusste ich, würden wir härtere Überzeugungsarbeit leisten müssen. Ich wollte den richtigen Moment abpassen (der nie kam) und dann saßen wir eben alle beim Mittagessen, als Lara ihre Karnevalsplanung vor uns ausbreitete und mit einem vorwurfsvollen Unterton sagte: „Ihr wisst, was ihr versprochen habt! Kommt mir also bloß nicht damit, dass wir doch wegfahren.“ Sie hatte längst Lunte gerochen.

Für meinen Mann war die Sache klar: Angesichts des zusätzlichen Brückentages hätte Lara sich zu fügen. Es entstand eine emotionsgeladene Diskussion unter Tränen. Versprochen hätten wir es! Hoch und heilig! Und jetzt das! Wo sie sich doch schon alle Tage verabredet hätte. Es wurde unsachlich und mein Mann holte die autoritäre Keule raus: „Wir fahren. Punkt.“ Lara flippte komplett aus: „Du kannst mich nicht zwingen! Ich habe keinen Bock mit euch und meiner kleinen Schwester irgendwo rumzuhängen, wenn alle anderen feiern gehen.“ Maya heulte nun ebenfalls. Sie war verletzt, denn sie liebt es mit ihrer Schwester intensiv Zeit verbringen und kommt immer noch nicht damit klar, dass Lara immer mehr ihr eigenes Ding macht. Ich versuchte, alle zu beruhigen, bat um Ruhe im heimischen Gerichtssaal und merkte an, dass noch nicht endgültig entschieden wäre. Damit wurde die Verhandlung unterbrochen.

Jetzt sind alle sauer. Mein Mann auf mich, weil er der Meinung ist, ich wäre viel zu schnell eingeknickt. Lara auf meinen Mann, weil er sein Versprechen brechen und sie zwingen will. Maya auf Lara, weil sie sich von ihr beleidigt fühlt. Und ich auf mich selber, weil ich wieder einmal automatisch in die Rolle der Justitia geschlüpft bin. Selbst schuld?

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18. Feb. 2020
von Sonia Heldt
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11. Feb. 2020
von Sonia Heldt
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„Kann die ihr Kind nicht erziehen?“

Wo kommen nur diese Hörnchen her? Manche Kinder kann man einfach nicht zu sanften Engeln erziehen.

Heute bin ich in der Stadt einer Mutter mit ihrem bockigen Kleinkind begegnet. Der kleine Junge lief weg und forderte seine Mutter regelrecht heraus. Sie schimpfte und sah verzweifelt und sehr, sehr müde aus. Ich hatte Mitgefühl mit ihr, denn ich kenne die Reaktionen der Leute, wenn man mit so einem Kind in einem Café oder Restaurant sitzt. Nach spätestens zehn Minuten wird man giftig angeschaut oder die Leute schütteln scheinbar wissend den Kopf und murmeln Sätze wie: „Die hat ihr Kind nicht im Griff“ oder „Unmöglich, kann die ihr Kind nicht richtig erziehen?“

Als „brav“ oder „gut erzogen“ werden häufig die Kinder wahrgenommen, die scheinbar funktionieren, ohne Widerstand an der Hand laufen und nie heulen. Ich hatte so ein Kind. Maya wich mir als Kleinkind nicht von der Seite. Das hätte sie sich auch gar nicht getraut. Zu groß war ihre Angst, mich verlieren zu können. Ich empfand Mayas Anhänglichkeit immer als sehr angenehm. Man konnte sie problemlos überall hin mitnehmen. „Die ist aber lieb“, lobten Fremde, wenn sie friedlich ihr Eis im Café löffelte oder mir half, beim Einkaufen die Sachen aufs Einkaufsband zu legen, und am Ende der Kasse geduldig wartete, bis ich bezahlt hatte. Maya war Balsam für meine Nerven. Die Wiedergutmachung für ihre große Schwester Lara, die mich in ihren ersten Lebensjahren körperlich und seelisch oft an meine Grenzen gebracht hatte.

Sobald Lara mit knapp einem Jahr laufen konnte, war sie auch schon weg. So richtig weg! Sie rannte wohin sie wollte, immer ein schelmisches Grinsen auf den Lippen. Je besser ihre Beine trainiert waren, umso schneller wurde sie. Jeder Spaziergang wurde zur Machtprobe. Angst existierte in ihrer Welt nicht. Es war ihr egal, wenn wir aus ihrem Blickfeld verschwanden. Wir mussten nach links, sie rannte nach rechts. Aufenthalte in Restaurants oder Cafés waren mit Lara eine Tortur. Sie turnte überall rum, fummelte an fremden Handtaschen oder rannte plötzlich dem Kellner in die Küche hinterher. „Muss doch mal möglich sein, dass wir uns zum Brunchen im Restaurant treffen. XY bringt ihr Kind ständig mit und da ist das auch kein Problem“, sagte eine kinderlose Freundin, als ich sie einmal fragte, ob wir uns zum Oster-Frühstück nicht lieber bei uns Hause treffen könnten. Es war anstrengend, das erklären zu müssen.

Im Urlaub aßen mein Mann und ich unser Hotelabendessen in Rekordzeit und kämpften regelmäßig mit Sodbrennen. Lara pflegte die Teller vom Tisch zu fegen, wenn sie satt war und nicht mehr sitzenbleiben wollte. Sah sie in einem Geschäft etwas, das ihr Interesse weckte, war sie kaum davon abzuhalten, es genauer zu begutachten und anzufassen. Um den bösen Blicken und Kommentaren vorzubeugen, war ich wie ein Panther auf der Jagd stets zum Absprung bereit, um sie einzufangen. Mein Mann unterschätzte Lara damals sehr oft. „Lass sie nicht aus den Augen! Halt sie fest!“, mahnte ich ihn, als ich mich einmal in der Weihnachtszeit an der vollen Kaufhauskasse anstellte. „Klar“, lachte er lässig, um keine Minute später leichenblass den Kinderwagen samt Weihnachtseinkäufen stehen zu lassen und durch die brechend volle Kaufhausetage zu rennen.

Ich erinnere mich an einen Nachmittag, an dem ich mit Lara in der Stadt unterwegs war. Sie war noch keine zwei Jahre alt. Nach zwei Stunden war ich völlig erledigt, brauchte aber noch dringend etwas fürs Abendessen und ging in einen kleinen Lebensmittelladen. Lara rannte wie wild durch die Gänge, während ich meine Einkäufe auf dem Arm balancierte und versuchte sie wieder einzufangen. Als mir das schließlich gelang und ich mich in die Schlange an der Kasse stellte, wehrte sie sich mit vollem Krafteinsatz. Ich war inzwischen klatschnass geschwitzt, packte sie am Schlafittchen und wurde laut. Eine Frau hinter mir sagte zu ihrer Begleitung: „Manche Leute haben wirklich keine Geduld mit ihren Kindern. Man fragt sich, warum sich solche Leute Kinder anschaffen.“ Ich drehte mich zu ihr um und fragte sie, was ich ihrer Meinung nach machen sollte. „Lassen Sie das arme Kind doch los!“, schlug die Frau vor. Sie hatte absolut keine Ahnung, was passiert wäre, wenn ich ihrem Rat gefolgt wäre: Lara wäre aus dem Laden Richtung Straße gelaufen und ich hätte meine Einkäufe fallenlassen müssen, um ihr hinterher zu hechten.

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11. Feb. 2020
von Sonia Heldt
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06. Feb. 2020
von Anneli Pereira
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Ein Kind ist kein Kind

„Da schlägt ja noch ein Herz“, sagte meine Frauenärztin beiläufig, während sie den ersten Ultraschall machte. „Zwillinge?“, rief ich, „wie wundervoll!“ Mein Mann und ich wollten immer zwei Kinder, und so wie es gerade auf diesem krisseligen Bildschirm aussah, bekamen wir gleich zwei Babys zum Preis von nur einer Schwangerschaft. Ein super Deal! Klar, Zwillinge laufen unter dem Label „Risikoschwangerschaft“ und in den ersten Wochen und Monate kreisten meine Gedanken um Frühgeburten, verkürzte Gebärmutterhälse und Entwicklungsverzögerungen. Doch: Nichts von alledem trat ein. In meinem Bauch wuchsen zwei Jungs heran. Wir verpassten ihnen den Arbeitstitel Cristiano und Ronaldo und ich sah schon bald so aus, als ob ich alle Ballon d`Ors des portugiesischen Starfußballers auf einmal verschluckt hätte. Und trotzdem fühlte ich mich blendend. So blendend, dass ich einen Tag vor der Geburt bei Ikea war. Meine Zwillingsschwangerschaft? E-A-S-Y!

Womit natürlich keiner rechnen konnte: Irgendwann waren sie dann da. Per Kaiserschnitt kamen Tiago und Fabian kurz vor Weihnachten in unser Leben. Pumperlgesund mit fast drei Kilo pro Kind. Während der Schwangerschaft war ich so mit Ausbrüten beschäftigt gewesen, dass ich mir kaum Gedanken darüber gemacht hatte, wie das Leben wohl mit zwei Babys sein könnte. Nur die ersten vier Wochen nach der Geburt hatte ich mir ausgemalt: Draußen rieselt leise der Schnee, die Lichterkette am Weihnachtsbaum leuchtet, und wir kuscheln uns zu viert aufs Sofa. Mein Mann und ich schauen uns verliebt an und dann noch viel verliebter auf unsere süßen Kinder, die selig in unseren Armen schlummern…  So viel schon mal vorweg: Geschneit hat es tatsächlich.

Der Rest entsprang meinem präpartalen Wunschdenken, dem so viele Eltern verfallen und das mit der Realität ungefähr so viel gemeinsam hat wie das „Literarische Quartett“ mit „Bachelor in Paradise“. Die Wahrheit ist: Das erste Jahr mit Zwillingen war das Anstrengendste und Herausforderndste, was ich je erlebt habe und wahrscheinlich erleben werde. Doch der Reihe nach.

Die Milchbar macht dicht: Stillen ist das beste für Ihr Kind! Ja, aber eine stabile und einigermaßen ausgeschlafene Mutter ist vielleicht noch einen Tick besser. Ich habe es mit dem Stillen versucht. Ehrlich! Es klappte einfach nicht. Mein Körper war schlauer. Der dachte sich von Anfang an: Wenn wir das durchziehen, können wir uns nach vier Wochen einweisen lassen. Und mein Körper hatte recht. Also produzierte er so gut wie keine Milch. „Sie müssen sich entspannen, Frau Pereira, und alle zwei Stunden abpumpen, dann wird das schon“, sagten mir die Schwestern im Krankenhaus immer wieder. Zu Befehl! Entspannung, jetzt! Ach nee, geht ja nicht, ich füttere ja jede Stunde ein hungriges Neugeborenes. Zum Glück hatte ich eine grandiose Hebamme: Monika. Nach zehn Tagen sagte sie die erlösenden Worte: „Anneli, wir lassen es jetzt einfach mit dem Stillen!“

Wir stellten auf Fläschchen um und kauften die Pre-Nahrung aller Drogeriemärkte in der näheren Umgebung auf. Tiago und Fabian waren ordentliche Trinker und futterten in Spitzenzeiten eine ganze Packung pro Tag. Beim Füttern konnten mein Mann und ich uns abwechseln und nach etwa vier Wochen wussten wir dann auch, wann die Kinder wirklich Hunger haben, und wann sie aus anderen Gründen schrien. Manchmal schrien sie auch einfach ohne Grund. Aber auch das muss man ja erst einmal verstehen.

Schlaf? Was ist das? Ich wollte nur das Eine und konnte an nichts anderes denken: Schlaf! Ein tiefer, langer Schlaf von mindestens vier Stunden. Ich schaute mir die Menschen in der Schlange beim Bäcker an und dachte nur: Ihr könnt euch einfach hinlegen und schlafen, wann ihr wollt, und schaut trotzdem schlecht gelaunt aus. Undankbares Volk! Mein Mann und ich schliefen nämlich eigentlich überhaupt nicht. Anfangs dauert das nächtliche Prozedere aus Füttern, Wickeln (pro Tag etwa 16 Windeln) und wieder Hinlegen so lange, dass im Anschluss gleich das zweite Kind wach war. Außerdem schliefen die Jungs in den ersten drei Wochen bei uns im Bett. Oder besser gesagt, jeder von uns hatte ein Baby auf dem Bauch liegen. Allein deswegen tat ich kein Auge zu. Mein Mann und ich verwandelten uns immer mehr in Zombies. Es musste etwas passieren. Vor allem, weil mein Mann nach vier Wochen wieder arbeiten gehen würde. Also brachten wir die Babys gegen 19 Uhr gemeinsam in ihr eigenes, gemeinsames Bettchen, das direkt neben unserem im Schlafzimmer stand. Wenn sie schrien, trösteten wir und hielten Händchen, verließen aber sobald sie ruhig waren den Raum. Nach etwa drei Tagen dauerte das Hinlegen und Einschlafen nur noch ein paar Minuten. Vom Durchschlafen waren wir natürlich noch lange entfernt, aber wir hatten uns ein kleines Zeitfenster am Abend geschaffen, um etwas Kraft zu schöpfen. Die Kinder schliefen in ihrem Bett und wir in unserem. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Was wir uns hätten sparen können und was nicht: Es gibt ein paar wenige Dinge, die das Leben von Zwillingseltern echt erleichtern (jede Menge Spucktücher und ein Trockner!). Und dann gibt es sehr viel Zeug, was kein Mensch braucht. Ein Zwillingsstillkissen zum Beispiel. Selbst wenn ich länger gestillt hätte, diesen monströsen Bauchladen hätte ich mir nicht auf Dauer umgeschnallt. Auch die zwei Tragehilfen kamen bei uns, wenn überhaupt, ein oder zwei Mal zum Einsatz. Am liebsten lagen Tiago und Fabian auf ihrer Krabbeldecke im Wohnzimmer und schauten sich fasziniert ihre Zehen an. Zumindest so lange, bis sie mit etwa sechs oder sieben Monaten zu Krabbeln begannen. Ich dachte anfangs, mit Neugeborenen wäre es besonders anstrengend, doch nun sehnte ich mich schlagartig in die Zeit zurück, als ich die Kinder auf ihrer Decke legte und sie an Ort und Stelle blieben. Nun konnte ich sie keine einzige Sekunde mehr aus den Augen lassen. Für kurze Zeit hatten wir daher einen „Krabbelpark“ im Wohnzimmer: einen etwa vier Quadratmeter großen Laufstall. Dieses Baby-Alcatraz schafften wir aber schnell wieder ab.  Und aufs Klo konnte ich dann eben nur, wenn sie schliefen.

Ein Kind ist kein Kind: Ich gestehe, lange Zeit habe ich Eltern mit nur einem Baby nicht ernst genommen. Umgekehrt erntete ich oft anerkennende Blicke von Einlings-Eltern, wenn ich meinen Zwillingswagen an ihnen vorbeischob. Wirklich verstehen konnten sie mich aber nicht. Ich durchwühlte daher das Internet nach Zwillingsforen, las einen Zwillingsblog nach dem anderen und fühlte mich anschließend nicht mehr ganz so allein. Meine Hebamme Monika stellte schließlich den Kontakt zu Katharina her, einer jungen Mutter, mit der ich heute noch gut befreundet bin. Sie rückte meine Sichtweise auf ein Leben mit Zwillingen noch einmal ins rechte Licht: Eigentlich ist alles doch ganz einfach. Zwei Kinder, denke ich seitdem, das ist kaum der Rede wert! Katharina hat nämlich Drillinge.

06. Feb. 2020
von Anneli Pereira
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04. Feb. 2020
von Tanja Weisz
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Warum auch Teenager Babysitter haben sollten

Legendäre Babysitterin: Emily Blunt als Mary Poppins

Was für eine Erleichterung, wenn man endlich keine Babysitter mehr braucht: Diese Ersparnisse! Keine logistischem Verrenkungen mehr! Die Kinder werden groß, mögen ohnehin keine Beaufsichtigung, wollen ihre Ruhe. Bestens. Und doch fehlt damit etwas. Etwas Wichtiges.

Kindererziehung ist eine Herkulesaufgabe. Wie gut, wenn man ein ganzes Dorf hat, das mithilft. Viele Kümmerer, eine harmonische Gemeinschaft, die sich um die Brut sorgt. Eine Idylle, ein Elterntraum im Hormondelirium.

Tatsächlich lassen in meinem Umfeld erstaunlich wenig Eltern das Dorf auch nur an die Haustürschwelle. Im wirklich wahren Leben verbitten sich viele Eltern so rigoros jede Einmischung in ihre Erziehung, dass jeder Helfer zurückschrecken muss.

Warum machen sie es sich denn so schwer? Sich derart abzuschotten gegen Ratschläge und Hilfe von außen konnte ich mir als Alleinerziehende nie leisten. Es war von Anfang an klar, dass ich Unterstützung brauchen würde, wenn ich diese Aufgabe bewältigen soll. Am besten von einem ganzen Dorf. 

Als erstes mobilisierte ich Freunde und Familie, die sich – ob kinderlos oder kinderreich – begeistert auf die neue Aufgabe stürzten. Ich spüre noch heute das Glücksgefühl, als ich das erste Mal mein Neugeborenes einer Freundin zum Spaziergang in den Park mitgab. Wie sie fröhlich winkend mit dem Kinderwagen davonzog, wie alles um mich herum zum ersten Mal seit Tagen wieder ruhig wurde, in meiner Wohnung, in meinem Kopf, in meinem Herzen. Und mich eine Kuscheldecke der Dankbarkeit umhüllte, weil ich die neu gewonnene Verantwortung kurz mal abgeben durfte. 

Meine Freundin hatte schon ein Kind großgezogen, ich wusste also, dass sie – anders als ich – eine Erfolgsbilanz vorweisen konnte. Wie hätte ich ihr nicht vertrauen sollen? Sie war nur die erste von vielen, die halfen, bis eine ganze Gemeinschaft entstand. 

In mein Dorf zogen nach und nach die unterschiedlichsten Charaktere ein. Als das Kind noch kein Jahr alt war, stand eines Tages mein Nachbar mit seiner Mutter vor der Tür. Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen, aber sie strahlte mich an, als ob ich ihr einen Lottogewinn versprochen hätte. Sie hätte ja noch keinen eigenen Enkel (Augenrollen des Nachbarn), würde aber kleine Kinder so lieben, ob sie mit meinem wohl mal Zeit verbringen dürfte? (Da-kannst-du-nichts-machen-Achselzucken des Nachbarn). Ich war kurz sprachlos, dann hab ich sie lachend hereingelassen. Eine meiner weisesten Entscheidungen. Sie holte daraufhin meine Tochter immer mal wieder für Spazierfahrten in den Park ab und spielte mit ihr. Im Jahr darauf jauchzte mein Kind schon laut voller Vorfreude, wenn sie Mirjana das Treppenhaus heraufkommen hörte.

Bei diesen gemeinsamen Ausfahrten der beiden gab es sicher nicht nur Pastinakenbrei, womöglich war das Kind auch dünner oder wärmer angezogen, als ich es getan hätte, aber immer wurde es mir zufrieden und entspannt zurück gebracht. Das Kind abgeben bedeutet, dem anderen Erwachsenen auch Freiräume zu lassen. Wenn das Ergebnis stimmt, warum nicht mal die eigenen Erziehungsregeln außer Kraft setzen?

Das Dorf ist auch der Ort, an dem Kinder lernen, dass Erwachsene die Dinge unterschiedlich sehen und unterschiedlich handhaben. Nicht nur Vater und Mutter, sondern auch der Rest der biologischen und der Herzenssippe.

Die vielleicht größte Freude war, als ein junger Tagesvater in unser Dorf zog.  Ein Mann, Anfang 20, von buddhaähnlicher innerer Ruhe, entsprungen einem pädagogischen Lehrbuch, gesegnet mit beruhigender Gesangs- und Vorlesestimme und der Spiellust eines Kleinkindes. Wo meine Geduld schon lange am Ende gewesen wäre, konnte er kaum aufhören, mit meiner Tochter zu spielen. Jeder Euro, den ich für ihn ausgab, war eine Investition in den Erhalt meiner Nerven und die Freude meiner Tochter. Beides eigentlich nicht zu bezahlen.

Wie speziell die Vorurteile gegenüber fremder Betreuung jedoch sein können, machte mir auch die Bemerkung einer Bekannten, ebenfalls Mutter, klar: Ob ich bei einem Tagesvater nicht Angst vor sexuellen Übergriffen auf mein Kind hätte? Ich verzichtete darauf, sie zu fragen, ob sie denn immer ein unruhiges Gefühl hat, wenn sie ihre Kinder im Kindergarten oder der Schule abgibt, wo ja zum Glück immer mehr Männer als Bezugspersonen arbeiten.

Es kamen noch viele andere Helfer im Lauf der Zeit: Babysitterinnen aus der Ukraine, Deutschland und Argentinien, Verwandte und Freunde. Manche brachten einen strengeren Ton oder Ungeduld mit, andere das totale Chaos und viel zu viel Schokoladeneis, manche liebten laute Musik und Youtube, andere Ritter Rost und russische Märchen. Das Panorama, das sich vor meiner Tochter entfaltete, war beeindruckend.

Denn diese vielen verschiedenen Kontakte bedeuteten eben jedes Mal neue Anregungen.  Plätzchen backen mit der Tante, ganze Papierbahnen mit Fantasiewelten bemalen mit dem Tagesvater, aufräumen mit der Oma, Fußballspielen mit dem Nachbarn. Es hat sich jedes Mal gelohnt, mein Kind jemand anderem anzuvertrauen. Weil ich auch anerkennen musste, dass ich das nicht alles bieten kann, entweder weil mir schlicht die Ideen fehlten oder weil ich einfach keine Lust hatte, schon wieder im Kreis mit allen Kuscheltieren zu sitzen und von leeren Tellern zu Abend zu essen. Andere liebten das. Stundenlang. 

Im Kindergarten schließlich, der penibel darüber Buch führte, wer ein Kind abholen durfte, sprengte mein Helferkreis jedes Formular. Und jeder dieser Helfer brachte mir andere Eindrücke mit. Denn das Geschenk dieser Helfer war nicht nur ihre Zeit, sondern auch der liebevolle gemeinsame Blick aufs Kind. Auf das, was sich entwickelte ganz ohne unser Zutun, aber auch auf das, was wir gemeinsam vielleicht angeregt hatten. Der Tagesvater kommt übrigens immer noch ab und zu im Dorf vorbei. Zu Weihnachten hat er meiner nun 14-jährigen Tochter einen gemeinsamen Theaterabend geschenkt, auch etwas, das mit mir bisher undenkbar war.  Ich bedauere aus tiefster Seele, heute keine Babysitter mehr zu brauchen. Sie sind einfach zu gut, um wahr sein.

04. Feb. 2020
von Tanja Weisz
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30. Jan. 2020
von Sonia Heldt
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Warum schon Teenager mit Beauty-Eingriffen liebäugeln

Beauty-Milliardärin Kylie Jenner behauptet, erst ihre aufgespritzten Lippen hätten ihr zu mehr Selbstbewusstsein verholfen.

Lara ist unzufrieden mit ihren Augenbrauen. „Wann erlaubst du mir endlich ein Microblading?“ „Nie“, erwidere ich. Beim Microblading schlitzen Fach- und (noch schlimmer) Nicht-Fachleute mit einem kleinen scharfen Messer Ritze in die Haut und arbeiten anschließend Farbe hinein, um die Illusion echter Augenbrauenhärchen nachzuempfinden. Eine blutige Angelegenheit, die zu unschönen Vernarbungen führen kann. „Dann eben Tätowieren. Hauptsache, ich kann ins Schwimmbad gehen, ohne ständig meine Augenbrauen nachmalen zu müssen“, lässt Lara nicht locker. „Gleiche Antwort“, sage ich. „Kein Permanent-Makeup.“

Ich frage Lara, ob sie sich mal die Augenbrauen meiner Mutter angeschaut hat, die in den 70er Jahren anfing, ihre sehr dichten und dunklen Brauen viel zu dünn und exzessiv zu zupfen, sodass sie irgendwann nicht mehr nachwuchsen. Greta Garbo und Marlene Dietrich rasierten sich ihre Augenbrauen in den 30ern ab und malten sich anschließend einen dünnen, hochgesetzten Bogen über die Augen. Später in den 40er- und 50er-Jahren wurden die Augenbrauen wieder natürlicher und buschiger. In den 90ern wurden sie gerne mal grün oder gelb gefärbt, Marusha und der Techno-Szene sei Dank. Und aktuell ist es eben in, seine Augenbrauen auffällig in dicken Balken in Szene zu setzen. Junge Mädchen und Frauen malen stundenlang an ihren Augenbrauen herum oder lassen sie direkt plakativ tätowieren, um für NIKE als kostenlose Werbeplattform rumzulaufen. Klar, mir muss das nicht gefallen! Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, aber Geschmack und Mode unterliegen Trends, die sich manchmal schneller ändern, als man gucken kann.

„Hätte ich dich vor zehn Jahren gefragt, ob du dir eine Prinzessin Lillifee auf den Arm tätowieren lassen willst, hättest du begeistert genickt. Noch vor zwei Jahren wäre es der Harry Potter Schriftzug gewesen. Heute wärst du darüber entsetzt. Und daher gibt’s auch jetzt nix Tätowiertes auf oder über die Augen. Basta.“ Ich erzähle ihr vom Arschgeweih-Trend in den 90er Jahren, den unzählige Frauen mitmachten und schnell bereuten. Natürlich muss auch Daniela Katzenberger als Beispiel herhalten. Die hat sich damals ja auch nicht hässlicher, sondern schöner machen wollen, als sie sich die Augenbrauen fast mitten auf die Stirn tätowieren ließ. Heute lacht „die Katze“ sehr selbstbewusst über ihren Fauxpas. Aber nicht immer lassen sich Beauty-Sünden problemlos mit dem Laser rückgängig machen und nicht jeder kann so selbstbewusst wie Daniela Katzenberger damit umgehen.    

Hyaluron in den Lippen, ein operiertes kleines Näschen und eine ausladende Silikon-Oberweite, scheinen inzwischen die Voraussetzungen zu sein, um als Kandidat in diversen Fernsehshows teilnehmen zu dürfen oder als Influencer erfolgreich zu sein. Mit jedem weiteren Influencer jenseits der Natürlichkeit sinkt die Hemmschwelle der viel zu vielen und viel zu jungen Follower und Fans, die sich ebenfalls operativ „aufzuhübschen“. Machen doch alle, warum also nicht auch ich? Dass Beauty-Eingriffe dadurch immer mehr an Normalität gewinnen, finde ich erschreckend. Manchmal bin ich ganz schön sauer auf diese „Vorbilder“, die dafür sorgen, dass die Schönheitsideale von heute „operiert“, „gespritzt“ und „für die Ewigkeit aufgemalt“ lauten. Dabei gaukeln die sozialen Netzwerke mit Hilfe von Fotofiltern und der richtigen Belichtung doch sowieso schon eine unnatürliche Perfektion vor.

Wenn ich aktuell beim „Bachelor“ reinschalte, habe ich den Eindruck, das Casting-Team von RTL hat die Hälfte der Kandidatinnen im Wartezimmer einer Schönheitspraxis akquiriert. Auffällig viele Mädchen der diesjährigen Staffel haben „etwas an sich machen lassen“. Und wenn Heidis Mädchen ab heute Abend wieder laufen, können wir versichert sein, dass sich spätestens in ein paar Monaten die ein oder andere Kandidatin die Beichte abnehmen lassen wird: „Diese Beauty-Eingriffe habe ich machen lassen, um mir meinen großen Traum von Germany’s Next Topmodel zu erfüllen!“

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30. Jan. 2020
von Sonia Heldt
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23. Jan. 2020
von Anneli Pereira
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Das Leben ist keine Hüpfburg

Heute nach dem Kindergarten musste ich mit meinen Jungs Tiago und Fabian noch etwas erledigen. Tiagos Brille brauchte einen neuen Bügel. Also fuhr ich mit zwei übermüdeten Fünfjährigen in die Innenstadt: Parkplatz suchen, zum Optiker laufen, drei Ampeln passieren und dann auf die Reparatur warten. Stress! Doch ich will nicht klagen, denn die beiden haben sich einigermaßen gut benommen. Die Wartezeit verbrachten wir in einem nahegelegenen Café, eigentlich mehr eine Bäckerei mit ein paar Tischen. Dort saßen ein paar ältere Damen mit Hut und zwei Mütter mit ihren Kleinkindern. Der Geräuschpegel war moderat, kein Tohuwabohu, aber es waren eben gut und gerne sechs Kinder anwesend.

Als ich gerade bestellte und Tiago und Fabian die süßen Teilchen in der Auslage kommentierten, kam ein Mann, etwa Mitte 50, mit Hornbrille und schickem Schaltuch um den Hals herein. Ich hatte gleich so ein Gefühl, dass die Kinder und ich seine Aufmerksamkeit erregten. Es war offensichtlich, dass ihm das alles, obwohl er gerade erst die Bäckerei betreten hatte, nicht schnell genug ging. Ein Wunder, dass er sich nicht noch vorgedrängelt hatte. Ich wartete also auf meinen Cappuccino und ein paar Waffeln, sprach kurz mit Fabian, der sich erlaubterweise ein stilles Wasser aus dem Selbstbedienungskühlschrank holte und sicher gehen wollte, dass es auch ja kein Sprudelwasser war. Kurzum, die Anwesenheit meiner Kinder war weder zu überhören, noch zu übersehen, aber sie waren weit von einem Trotzanfall oder anderen Aktionen entfernt. Ich zumindest war entspannt und setzte mich mit den Jungs an einen freien Tisch in Hörweite der Theke. Nah genug, um mitzubekommen, dass der Herr beim Bestellen die Verkäuferin, so viel verstand ich, auf das Thema Kinder ansprach. Nachdem der Mann bezahlt hatte und gegangen war, ließ es mir keine Ruhe und ich sprach die Verkäuferin an. „Was hatte der Mann für ein Problem?“ Sie lächelte mich etwas unsicher an und war sichtlich irritiert, beugte sich zu mir vor und sagte: „Der Mann wollte wissen, ob mich die vielen Kinder hier nicht nerven würden. Ich habe aber Nein gesagt.“ Die Verkäuferin tippte sich mit dem Finger an die Stirn und in mir kochte es.

Was in aller Welt hat diesen Mann in dieser Situation gestört? Wir trödelten weder beim Bestellen, noch haben die Kinder ihn angepöbelt, angerempelt oder angeschrien. Wenn alleine die Anwesenheit von ein paar Kindern jemanden dazu bringt, gegenüber der Verkäuferin diesen inakzeptablen Zustand „Kindern in einer Bäckereikette an einem Dienstagnachmittag“ zu kommentieren, dann will ich nicht wissen, wie er auf Kinder in einem Restaurant, Hotel oder, Gott bewahre, im Nachbargarten reagiert.

Ich verstehe, wenn Leute sich über laute, tobende Kinder aufregen. Wenn jemand nämlich oft genervt ist von Kindern, dann bin ich es. Deshalb achte ich auch sehr darauf, dass meine Jungs in der Öffentlichkeit so leise wie möglich sind. Klappt nicht immer, aber immer öfter. Ich habe vollstes Verständnis, wenn sich jemand über außer Kontrolle geratene Kinder echauffiert, aber das habe ich ehrlich gesagt selten erlebt. Stattdessen sind es oft die Momente, in denen ich denke, was für herzige Menschlein ich doch da auf die Welt gebracht habe, wenn mir die Umwelt genau das Gegenteil vermittelt. Zum Beispiel, wenn die Jungs bei 35 Grad jauchzend ins Planschbecken im Garten springen und es nach 5 Sekunden bereits vom Balkon des Nachbarhauses krakelt: „Geht das auch ein bisschen leiser?“ Das ist doch nun wirklich kein nervtötender Lärm. Das müsste doch der letzten versteinerten Seele noch ein kleines Lächeln abringen, oder nicht?

Wohl nicht. Aber woher kommt diese Kinderfeindlichkeit? Waren Kinder früher wirklich besser erzogen, oder waren sie einfach viel mehr Teil der Gesellschaft? Heute gibt es Adult-Only für die einen und Kinderhotels für die anderen. Familien tummeln sich in nach Plastik stinkenden Indoorspielplätzen. In „normale“ Cafés traut man sich mit seiner Brut ja schon gar nicht mehr rein. Es muss schon das Beerencafé mit Heuballen- Labyrinth, Spielplatz und Bobby-Car-Parcours sein. Und am Wochenende trifft sich alles, was einen Bugaboo schieben kann, im Zoo, dem ultimativen Familien-Ghetto.

Familien mit kleinen Kindern sind wie Antilopen in der Savanne: Herdentiere. Denn in der freien Wildbahn haben Eltern mit einem schreienden Zweijährigen genauso wenig Chancen wie ein einsames Jungtier am Wasserloch. Die Familien bleiben unter sich, während der Rest der Welt beim Brunch im „moki’s goodies“ weilt. Jenem Hamburger Café, in dem unter Sechsjährige keinen Zutritt haben und das unter dem Hashtag #Schnullergate landesweite Berühmtheit errungen hat. Was kommt als nächstes? Familienwohnanlagen versus kinderfreie Gated Communities?

Ich gebe zu, wir waren auch schon mal in einem Kinderhotel und, ohne es zu wissen, in den Flitterwochen sogar in einem Adult-Only-Hotel. Mit Kleinkindern würde ich niemals ein Sternelokal aufzusuchen. Darum geht es aber gar nicht. Kleine Kinder sind nicht nur in Gourmetrestaurants nicht gerne gesehen, sondern allgemein in allen Einrichtungen, die nicht das Label „kinderfreundlich“ vor sich hertragen. Der Effekt: Die Toleranz für Familien im öffentlichen Raum sinkt und Kinder wachsen in dem Glauben auf, dass die Welt ein einziger, sich um sie drehender Abenteuerspielpatz ist.

Kleinkinder im Beerencafé, bitte gerne, aber einfach im Bäckereicafé ums Eck: Eine Zumutung! Was wir brauchen, ist eine Kinder-Inklusion in der Öffentlichkeit. Das würde allen guttun. Kinder gehören zum Leben, zum Alltag. Kinder müssen aber auch lernen, dass das Leben eben nicht nur aus Hüpfburgen besteht, sondern dass es auch Restaurants gibt, in denen sie am Tisch sitzen bleiben müssen und in denen es keine Spielecke gibt. Dass ihre Eltern an einem Samstagnachmittag ins Lenbachhaus gehen wollen, und zwar nicht zur Familienführung, sondern einfach so. Und Kinderlose und Eltern ohne kleine Kinder würden auch davon profitieren, wenn Familien mehr an ihrem Alltagsleben teilnehmen. Wie heißt es immer: Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen. Von Eltern, und meistens trifft es natürlich die Mütter, wird aber erwartet, den Nachwuchs fernzuhalten. Bloß keine Störung, bloß kein Geschrei. Wir müssen raus aus der Sandkastenblase und wieder hinein ins echte Leben!

23. Jan. 2020
von Anneli Pereira
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21. Jan. 2020
von Anna Wronska
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Nach mir die Sintflut

Auf dem Weg zur Kita – nicht immer sind die Beteiligten so guter Dinge wie auf diesem Bild

Unser zweiter Sohn ist jetzt auch ein Kita-Kind. Und damit so gut wie aus dem Haus. So fühlt es sich zumindest an. Ich weiß, das Abschiednehmen bleibt uns Eltern nicht erspart, wenn wir wollen, dass unsere Kinder immer besser ohne uns klar kommen in dieser Welt. Und das wollen wir doch, stimmt’s? Deshalb läuft bei uns gerade die Kita-Eingewöhnung mit Lukas (16 Monate). Die erste Woche war nicht aussagekräftig, weil wir nur drei Mal hingehen konnten. Die zweite Woche lief super, ich war allerdings stets im Hintergrund dabei. Heute, zu Beginn der dritten, bin ich das erste Mal für eine Viertelstunde ohne ihn nach draußen gegangen. Es war eine sehr lange Viertelstunde.

„Knuddel ihn fest, sag, dass du gleich wiederkommst – und dann geh zügig“, hatte seine Kontakt-Erzieherin gesagt. Als ich mich anziehe, denkt Lukas zuerst noch, er kommt mit wie immer, und patscht aufgeregt mit den Händen an die Glastür. Nicht umdrehen, sage ich mir, nicht umdrehen, als ich ihn hinter der zufallenden Tür losbrüllen höre. Nein, ich fange an der Schleuse zur Straße nicht an zu heulen. Aber ich muss tief durchatmen, um meinen Puls herunterzuregeln. Dabei habe ich das alles schon mal durch, mit unserem großen Sohn Ben (5). Auch damals war die Eingewöhnung schmerzhaft, das weiß ich, aber meine Erinnerung an diese Zeit ist irgendwie verblasst. Heute muss ich Ben nachmittags manches Mal regelrecht aus der Kita zerren, weil er noch weiterspielen will. Aber auch, wenn viele etwas anderes behaupten: Man mag sich ein bisschen besser damit auskennen, wie es läuft oder laufen sollte, aber man wird eben nicht „mit jedem Kind entspannter“. Zumindest nicht ich. Letztes Mal war es hart, weil es das erste Kind war. Jetzt ist es hart, weil es das letzte ist.

In wenigen Wochen werde ich wieder arbeiten, in Teilzeit, meistens im Home Office, für meine „alte“ Firma, in der alle Führungskräfte selbst Eltern sind. Ich habe also großes Glück und könnte einigermaßen entspannt sein (mal abgesehen von der Sache mit der Rente). Doch gerade weil ein neues Kapitel mit einem komplett neuen Alltag bevorsteht, fällt mir der Abschied doppelt schwer. Ich habe keine Babys mehr zu Hause. Und ich habe keine Ahnung, wie das klappt als Working Mum mit zwei Kindern. Bei aller Emanzipation und bei aller ehrlichen Freude auf den Job ist die Priorität klar: erst Mum, dann Working. Aber schon bei Ben ist mir das schwer gefallen, weil ich beidem gerecht werden wollte. Und ich werde jetzt schon nervös, als klar ist, dass es mit der Eingewöhnung länger dauern könnte als geplant und ich womöglich erst später anfangen kann zu arbeiten. Ich will keine Klischees bedienen. Aber als ich nach 15 Minuten wiederkomme und sehe, dass Lukas knallrot und tränenüberströmt dasteht, würde ich diesen ganzen Eingewöhnungsquatsch am liebsten sofort hinschmeißen und den Job gleich mit. Mein Baby gehört zu mir!

Zu allem Überfluss geht in den zwei ersten Eingewöhnungswochen, in denen ich den Kita-Alltag im Hintergrund beobachte, manches Mal das Kopfkino mit mir durch. Mit welcher Lässigkeit die Erzieher die Kinder zeitweise sich selbst überlassen! Ist Lukas hier überhaupt sicher aufgehoben? Kinder teils weit unter zwei Jahren schlappen in ihren ledernen Lauflernschuhen zwischen Herden größerer Kinder über die Gänge, verschwinden mal in dem einen, mal in dem anderen Raum. Ich selbst soll auf Anweisung unserer Kontakterzieherin „möglichst langweilig“ und passiv bleiben, wenn mein Kind auf seinen Erkundungstouren bei mir vorbeikommt. Ich zwinge mich also, sitzenzubleiben, als er ohne Begleitung im Kinder-Bad verschwindet, auch wenn mir Übles schwant. Wenig später kommt Lukas mit triefnassen Ärmeln zurück, weil er ein paar Bauernhoftiere im Klo versenkt hat. „War ja zum Glück nur Wasser drin“, lacht die Erzieherin, die ihn eingesammelt hat, und ich lache auch und überlege fieberhaft, ob ich irgendwo im Rucksack noch Desinfektionsspray habe.

Ich weiß, ich darf nicht unfair sein. Die Erzieher sind zu wenige; sie können nicht überall gleichzeitig sein, echte Katastrophen sind selten (außerdem passieren sie oft genug in Anwesenheit von Eltern), Kinder sind robust und die meisten von ihnen sichtlich zufrieden hier. Zwei etwa fünfjährige Mädchen haben sich beieinander untergehakt und rennen kichernd auf und ab, ein anderes Mädchen trägt stolz seine Kinderkamera mit sich – es ist Spielzeugtag – und lässt einen Jungen, der sie ausleihen will, mit Genuss abblitzen. Ein Geburtstagskind stolziert in goldbemalter Pappkrone vorbei, und ich muss an Rolf Zukowski denken, ausgerechnet: „Im Kindergarten, im Kindergarten: Da fangen alle mal als kleine Leute an!“

Also eigentlich alles halb so wild. Ich bin schon fast eingewöhnt hier, da kommt eines Tages im Gang ein kleiner Junge vorbei geschlurft, vielleicht zwei Jahre alt. „Mama“, schnieft er, nicht besonders laut, aber deutlich hörbar. Ein zweiter Junge, etwa drei Jahre, kommt dazu, fasst ihn am Oberarm und zieht ihn mit sich, und ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, als er zu ihm sagt: „Mama is arbeiten! Mama tommt!“ Und dann schlappen sie gemeinsam davon, als wollten sie mir mit der Szene beweisen: „Siehste! Läuft doch. Wir kommen klar.“ Und das wollten wir doch so, stimmt’s?

21. Jan. 2020
von Anna Wronska
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16. Jan. 2020
von Sonia Heldt
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Lesen? Nein, danke!

Nicht alle Kinder lesen gern. Aber man kann wenigstens versuchen, es ihnen von klein auf nahezubringen.

Lesen nimmt in unserem Haushalt einen großen Stellenwert ein. Ich habe meinen Töchtern von klein auf vorgelesen – täglich und manchmal stundenlang. Erst waren es Bilderbücher, die wir gemeinsam betrachteten, dann die ersten Geschichten aus Vorlesebüchern und später umfangreichere Kinderromane.

Als sie sich später durch die ihre ersten Erstleserbücher kämpften, habe ich sie motiviert und nicht lockergelassen. Das Lesen der aneinandergereihten Buchstaben, die anfangs vermeintlich noch kaum Sinn ergeben, ist für Leseanfänger anstrengend und frustrierend. „Komm lies zwei Sätze, dann lese ich den Rest der Seite“, lockte ich oder: „Wenn du jetzt noch eine ganze Seite schaffst, dann lese ich dir noch ein weiteres Kapitel vor.“ Später, als die Kinder längst flüssig lesen konnten, las ich weiter vor. Manchmal greifen wir heute noch zu den Lieblingsgeschichten aus den alten Kinderbüchern. Das mag Maya besonders. Es erinnert sie an ihre frühe Kindheit und die vielen gemeinsamen Abende, an denen ich mit einem Buch in der Hand an ihrem Bett gesessen habe. Kürzlich hat sie den Vorlesewettbewerb der 6. Klassen ihrer Schule gewonnen. Der jährlich stattfindende Vorlesewettbewerb wird von der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Zusammenarbeit mit Buchhandlungen, Bibliotheken, Schulen und kulturellen Einrichtungen veranstaltet. Ich war nicht überrascht. Maya weiß, wie man eine Geschichte so betont und lebhaft vorlesen kann, dass man ihr gerne zuhört.

Lesen – die wichtigste Grundlage der Bildung  

Ohne Lesen keine Bildung. Ohne Bildung keine Chance auf einen erfolgreichen Bildungsweg. Ganz einfach! Einfach für meine Kinder und die Kinder, deren Eltern es ähnlich handhaben wie ich. Die Freude am Lesen und Schreiben ist meinen Kindern in die Wiege gelegt worden. Aber gerade in bildungsfernen Schichten kommen Kinder in der Frühförderung immer noch viel zu kurz.

Laut der aktuellen Pisa-Studie der OECD ist der Leistungsunterschied im Bereich Lesekompetenz zwischen Schülerinnen und Schülern mit günstigem sozioökonomischem Hintergrund und solchen mit ungünstigem Hintergrund in Deutschland beträchtlich und hat sich seit 2009 um 9 Prozentpunkte ausgeweitet.

Für diese Kinder verringern sich schon im Kindesalter die Chancen auf einen erfolgreichen Werdegang drastisch. Es ist wichtig, mit der Leseförderung lange vor dem Schuleintritt zu beginnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind später selber öfter zum Buch greift, ist bei den Kindern, denen schon früh und regelmäßig vorgelesen wurde, größer als bei anderen Kindern. Abends noch einmal vor dem Schlafengehen Quality Time mit den Eltern genießen und in eine Geschichte abtauchen. Gemeinsam gruseln, rätseln oder lachen, welches Kind würde sich dem verweigern? Der Einstieg ist so simpel, eigentlich gibt es für Eltern hier keine Ausrede. Wer abends geschlaucht vom Tag ist, der legt sich einfach zu seinem Kind mit ins Bett oder liest auf dem Sofa vor, um gleichzeitig die Beine hoch zu legen. Zwanzig Minuten oder vielleicht auch nur fünfzehn Minuten Zeit für sein Kind. Das muss drin sein! So entwickelt sich über viele Jahre ein festes Eltern-Kind-Ritual und das Kind greift später – hoffentlich – selbst zum Buch. 

„Lesen ist uncool“

Mehr als die Hälfte der Jugendlichen, die an der aktuellen Pisa Studie teilgenommen haben, gaben an, vor allem zu lesen, um benötigte Informationen zu bekommen. Nur ein Viertel liest wirklich gerne. Ein Drittel hält Lesen gar für Zeitverschwendung. Jeder fünfte Fünfzehnjährige kann nicht einmal auf Grundschulniveau lesen. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek findet das bedenklich und betonte, dass sie die ins Leben gerufenen verschiedene Programme zur frühkindlichen Förderung konsequenter weiterverfolgen werde.

Ich hoffe sehr, dass das Bildungsministerium aktiv am Ball bleibt und ich hoffe auch, dass Lesen irgendwann wieder ein besseres Image bekommt. Denn Lesen gilt, nicht nur in bildungsfernen Kreisen, häufig als uncool. Maya liest gerne, im direkten Vergleich zu ihrer großen Schwester Lara aber gemäßigt. Lieber treibt Maya Sport. Nach dem Duschen hockt sie sich für eine Stunde in ihre Kuschelecke oder macht es sich abends im Bett gemütlich und liest, um zu entspannen. Lara tickte da immer schon etwas anders und extremer. Sie hatte als Kleinkind einen sehr großen Bewegungsdrang und war körperlich eine echte Herausforderung für mich. Las ich ihr jedoch vor, war sie das ruhigste und konzentrierteste Kind der Welt. Sobald sie einigermaßen flüssig lesen konnte, wurden wir Stammgast in der Stadt-Bücherei und brachten die ausgeliehenen Bücher gleich körbeweise nach Hause. Erst las sie sich durch das gesamte Regal mit den Pferde- und Einhornbüchern und ging bald zu dicken Fantasy-Büchern und den gängigen Mädchenbuch-Reihen über. Egal, ob sie im Auto, im Garten, im Restaurant oder am Strand im Sommerurlaub saß – Laras Nase steckte stets in einem Buch. Sie nahm ihre Bücher mit in die Schule, um in jeder noch so kurzen Pause schnell noch ein paar Seiten zu inhalieren. So wurde sie von den Klassenkameraden schnell als Freak und langweiliger Bücherwurm abgestempelt. Lesen und dann auch noch ständig über Bücher reden – wie uncool! Das hat Lara damals sehr verletzt und frustriert.

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16. Jan. 2020
von Sonia Heldt
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14. Jan. 2020
von Chiara Schmucker
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Ein Umzug für die Ewigkeit

Kind raus, Klamotten rein – oder andersrum? Bei einem Umzug mit Kleinkind fühlt man sich öfter wie Sisyphos.

Eine Bekannte von mir führt einen Podcast übers Schlussmachen. Darin geht es um alles, was weh tut: gegenseitige Verletzungen, Enttäuschungen, Wege, die sich irgendwann trennen, Lebensvorstellungen, die irgendwann auseinanderdriften.

Kürzlich sprach meine Freundin, die übrigens eine sehr kluge Gesprächspartnerin ist, mit einem Mann Mitte 40 darüber, wann seine Beziehung, die als echte große Liebe begonnen hatte, auseinanderging. „Solange die Kinder ganz klein sind“, erzählte dieser Mann, „verzichtet man auf große Veränderungen. Man zieht nicht um, man wechselt nicht den Job, man braucht seine ganze Energie dafür, diese ersten Monate zu überstehen.“ Dass sich zwischen ihm und seiner Frau ein Gesprächsvakuum gebildet hat, merkten beide erst, als die Kinder fünf oder sechs Jahre alt gewesen seinen, durchschliefen und nicht mehr nonstop an Mama oder Papa klebten, und überhaupt wieder Raum dagewesen sei, sich miteinander als Paar zu beschäftigen.

Ich höre den Podcast meiner Freundin sehr gerne, weil ich es spannend finde, wie vielfältig Beziehungen sind und wie unterschiedlich die Momente, in denen die Partner rückblickend erzählen, dass sie einander verloren haben. Vielleicht kann ich mir diese Podcasts nur anhören, weil ich in meiner eigenen Beziehung so sicher bin. Wir sind seit einem Jahrzehnt zusammen, haben tolle Reisen miteinander unternommen und sind vor eineinhalb Jahren Eltern geworden.

Als ich den Mittvierziger erzählen höre, liege ich gerade in der Badewanne. Ich habe mich mal für einen kurzen Moment verkrochen, mein Mann macht Kinderdienst. Denn wir haben getan, was viele andere auch tun, die kleine Kinder haben – und wovon der Mittvierziger sagte, dass man keine Energie haben wird: Wir sind umgezogen. Mit einem Kleinkind. Haben 90 Quadratmeter Stadtloft in Kisten verpackt, in vielen Nacht- und Frühschichten und 30-Minuten-Einheiten, weil Max uns nicht länger Zeit gelassen hat.

Ich habe eine Kiste gepackt und er währenddessen das Bücherregal ausgeräumt. Ich habe eine weitere Kiste ein- und er zwei andere ausgepackt. Gefühlt habe ich mich wie Sisyphos. Am Schluss habe ich meist einfach am Boden gesessen und mit Max gespielt, während meine Eltern in Akkordarbeit Bücher,  DVDs, Bettwäsche und Geschirr zusammenpackten. Ohne sie hätten wir es nicht geschafft, fürchte ich.

Als wir das letzte Mal umgezogen sind, hatten wir bis Weihnachten fast alle Kartons ausgepackt und die Großfamilie zum Weihnachtsbrunch eingeladen. In diesem Jahr schaffen wir in der gleichen Zeit gerade einmal das Nötigste: Das Geschirr, einige Kleider, die Bücherkisten im Wohnzimmer, die uns den Weg versperren. Der Rest: muss warten.

Zu Weihnachten sind wir vor allem eins: ausgebrannt. Sitzen auf dem Sofa, der Fernseher tut’s noch nicht, und haben Lichterketten um die Kartons geschlungen. Daran, Besuch einzuladen, war nicht zu denken. Wir sind froh, dass wir in den vielen Kisten die Weihnachtsgeschenke und die Christbaumkugeln wiedergefunden haben – denn ein Baum muss trotzdem sein, sagte mein Mann, und schleppte am Tag vor Weihnachten eine kleine buschige Tanne ins Haus.

Spricht man mit anderen Eltern, erzählen sie einem etwas beschämt, dass sie auch fünf oder zehn Jahre nach einem Umzug immer noch unausgepackte Kartons im Keller haben. Den Inhalt haben sie entweder nicht vermisst oder nachgekauft, weil sie die Sachen nicht wiedergefunden haben. Seit die Kinder da sind, erzählen sie, war halt immer irgendwas wichtiger.

Ich ziehe gerne um. Umzüge haben für mich etwas Kathartisches. Ich mag Abschiede und ich mag Neuanfänge, vielleicht weil ich bis zu meinem 18. Geburtstag immer am gleichen Ort gewohnt habe. Die Kinder in meinen Büchern, Liedern und Lieblingsserien zogen oft um, ich stellte es mir als großes Abenteuer vor. Ich träumte davon, meinen Besitz in Kisten und Kästen zu packen und dabei hinter den Schränken und Regalen all die Puzzleteile, Kassetten, Playmobilfigürchen und andere Kostbarkeiten zu entdecken, die ich schon so lange vermisst hatte. Meine Sachen an einem neuen Ort anders anzuordnen, ein neues Haus zu entdecken und im Garten unter unbekannte Hecken zu kriechen, erschien mir unwiderstehlich.

Ich habe mal nachgezählt: Seit meinem Studienbeginn bin ich zehn Mal umgezogen, ich habe die sesshaften 18 Jahre meines Lebens also mehr als wettgemacht. Ich habe diese Zäsuren immer für einen Neuanfang genutzt, beim Ein- als auch beim Auspacken kräftig ausgemistet und viele Stunden damit verbracht, die perfekten Möbel für das neue Surrounding zu finden. Doch diesmal war es anders.

Wir hatten eigentlich nicht vor, aus unserer Stadtwohnung noch einmal auszuziehen, und wie der Mittvierziger es prophezeit hatte, hatten wir eigentlich auch keine Kraft dazu. Kurze Nächte, lange Tage, ein quengelndes Kind, das beachtet werden möchte und dazu sogar die Kistenberge zu erklimmen versucht. Das unruhig wird, weil sein Zuhause Stück für Stück in Kisten verschwindet und die Wohnung jeden Tag, wenn es aus der Kita kommt, anders aussieht.

Etwas Reinigendes hatte unser Umzug diesmal nicht, wir schmissen die Sachen einfach in die Kisten, ohne groß auszusortieren. Diesmal war nicht das Umziehen das Unwiderstehliche – sondern die Aussicht auf unser neues Zuhause: ein Haus im Grünen, auf drei Etagen, mit einem kleinen Garten und Apfelbäumen rings herum.

Auch unsere Möbel zeigen, dass wir nicht so bald wieder an einen Umzug gedacht hatten. „Ihr Schrank ist für die Ewigkeit gebaut – aber ne ganz schöne Bitch“, sagen die Möbelbauer, nachdem sie über Stunden nur damit beschäftigt sind, ihn auseinanderzubauen. Auch unsere Lampen, unser Bett, unsere Regale und unser Esstisch sind wuchtig, schwer und eher für Sesshafte.

Wir haben es trotzdem geschafft, aber das war jetzt erst mal mein letzter Umzug, hoffe ich. Wir hatten Kind und Hund am Umzugstag bei meinen Schwiegereltern untergebracht – und bis zum Schluss war nicht sicher, ob wir Max noch vor dem Schlafengehen würden holen können. Es wurde schon dunkel, als unsere Umzugshelfer unser Bett noch schnell über den Balkon in den ersten Stock wuchteten. Doch wir schlafen inzwischen ganz wunderbar darin und wenn wir morgens die Vorhänge aufziehen, fühlen wir uns wie im Urlaub. Bis wir im Badezimmer über Kartons stolpern …

Neulich rief mich eine Freundin an, die im September umgezogen ist, wann sie mal unser Haus anschauen könnte. Ob wir schon alle Kartons ausgepackt hätten?, fragte sie. „Was denkt die denn“, wollte ich schon sagen, als sie schon weitersprach: „Wahrscheinlich eine blöde Frage, oder? Ich weiß, ein Umzug mit Kind dauert gefühlt Monate.“ Recht hat sie.

14. Jan. 2020
von Chiara Schmucker
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07. Jan. 2020
von Martin Benninghoff
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Klavier! Geige! Chinesisch!

Nicht jeder ist zum Mozart bestimmt. Aber ein bisschen Frühförderung darf schon sein.

Als wir vor einiger Zeit ein Elterngespräch im Kindergarten hatten, ließ mich eine beiläufig gefallene und witzig gemeinte Äußerung eines Erziehers aufhorchen: Ob wir bestimmte Vorstellungen hätten, was der kleine Elias vielleicht besonders lernen sollte, oder wo man ein besonderes Augenmerk drauflegen sollte? „Klavier? Geige? Chinesisch?“, fragte er amüsiert. Meine Antwort, sarkastisch gemeint: „Klar, genau in dieser Reihenfolge.“ Gelächter. Thema erledigt. Dachten wir.

Im Nachhinein empfinde ich diese kleine Szene als etwas deprimierend, zeigt sie doch, wie sehr wir bei pragmatischen Fragen in einen nicht sonderlich klugen Debattenmodus rutschen, der nur noch Schwarz- und Weißtöne und einen unproduktiven Sarkasmus kennt. Schulterklopfen und Gelächter inklusive. Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Klare Sache, entweder bist du ein zurückgebliebener Nesthüter oder ein herzloser Karrierist. Frühförderung von Kleinkindern? Entweder bist du ein Provinzling, der nicht an die globalisierte Wirklichkeit denkt, oder ein rücksichtsloser Tigerpapa, der nur an die goldene Karriere seines Sprösslings denkt – und dem Kind die Kindheit raubt.

Was für ein Unsinn.

Natürlich hätte ich in dem Gespräch lieber über Frühfördermöglichkeiten für Elias gesprochen. In unserem Haus lebt ein deutsch-amerikanisches Pärchen mit kleiner Tochter, die bilingual aufwächst. Ich fände es gut, wenn kompetente Pädagogen auch unserem Kleinen ein paar erste Schnupperangebote im Englischen machen würden oder beim Erlernen eines Instruments behilflich sein könnten. Leider wird das in unserer Lernkultur vorschnell als Allüre überehrgeiziger Helikoptereltern abqualifiziert, die ihren Kindern die Kindheit madig machten. Als sei der Ehrgeiz der Eltern die neue Prügelstrafe im 21. Jahrhundert.

Was für ein Unsinn, zumindest in dieser Pauschalität.

Die Vorstellung, dass gezielte Frühförderung von Kindern im Kindergartenalter Teufelswerk sei, entstammt den Vorstellungen kapitalismuskritischer Pädagogen. In der Tat ist nicht abzustreiten, dass Kindheiten in den Gesellschaften hochproduktiver Industriestaaten wie Deutschland zunehmend unter dem Druck eines globalisierten Wirtschaftsmodells stehen. Wer heute nicht vernünftig Englisch spricht und am besten eine weitere Fremdsprache, gehört fast schon zu den Ladenhütern auf den (akademischem) Arbeitsmärkten, zunehmend auch darüber hinaus. Welcher Handwerker kann es sich heute noch leisten, kein Englisch zu sprechen? Früh übt sich also nicht nur, wer Karriere machen will, sondern auch, wer nicht abgehängt sein möchte. Das stresst manche Eltern, wenn sie an die Zukunft ihrer Kinder denken.

Und ja, es stimmt auch, dass zeitliche Verdichtung und Leistungsdruck Schülern psychisch stark zusetzen können. Die Fallzahlen psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sind in den vergangenen Jahren gestiegen, vor allem in Bezug auf Angststörungen. Laut einer Studie der Krankenkasse DAK haben in Nordrhein-Westfalen rund ein Viertel der Schüler mit psychischen Auffälligkeiten zu kämpfen. Woran das liegt, ist aber nicht restlos geklärt, weshalb sich vorschnelle Urteile verbieten. Ein Grund mag auch sein, dass Eltern eher sensibilisiert sind und aufgrund gestiegener gesellschaftlicher Akzeptanz von psychischen Erkrankungen eher mit ihren Kindern zum Psychologen gehen.

Und um gleich den erwartbaren Gegenargumenten zuvorzukommen: Ja, es gibt auch überehrgeizige Tigereltern, die ihre eigenen Wünsche oder knapp oder deutlich verfehlten Karriereziele auf ihre unschuldigen Kinder projizieren. In anderen Kulturkreisen, zum Beispiel in China, ziehen Elternteile in teuer gekaufte Wohnungen direkt am Schulgelände, damit Leben und Arbeiten näher zusammen rücken. Darin steckt viel aufholender Ehrgeiz in einem Land, das in rasender Geschwindigkeit aus der Armut kommt. Gerade China gilt vielen in Deutschland dennoch als abschreckendes Beispiel.

Alles richtig und alles falsch! Und doch, es ist geradezu typisch für unsere schräge Debattenkultur, aus Übertreibungen, die unsere Welt hervorbringt, gleich wieder Politik zu machen – und alles in Bausch und Bogen zu verdammen, was nach Leistung, Selbstdisziplin und Ehrgeiz aussieht. China inklusive! Freunde, die in China und Vietnam leben und dort ihre Kinder aufziehen, berichten von Förderangeboten wie Gesangs- und Englischunterricht, die wie selbstverständlich in die Vorschulangebote integriert sind. Ob die Kinder daran leiden, ist schwer zu sagen aus der Distanz, es sieht aber nicht so aus. Warum nicht davon lernen?

Leistung, Selbstdisziplin und Ehrgeiz kleiden sich bei Kleinkindern und in vernünftiger (nicht übertriebener) Dosis in spielerisches Gewand. Wer Kleinkinder im Alter von drei, vier oder fünf Jahren aufwachsen sieht, weiß, dass ihnen Lernen nicht gleich Pflicht und Mühsal ist. Kinder stehen zum ersten Mal auf Skiern – und fahren gleich los wie alte Skihasen, die nie etwas anderes gemacht haben. Sie schnappen Worte auf – und internalisieren sie gleich im Langzeitgedächtnis. Kleinkinder lernen permanent, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, das flexible Kindergehirn verfügt über genügend Kapazitäten und saugt Informationen auf wie ein Schwamm. Lernen kann ihnen Spaß machen, wenn die Qualität stimmt.

Schreckensbild Frühförderung in China?

Das heißt natürlich nicht, dass Kleinkinder Geige, Klavier und Chinesisch lernen sollen. Zur Erinnerung: Was für ein Unsinn! Aber was spricht dagegen, wenn ein Mal die Woche ein eigens für Kleinkinder ausgebildeter Musikpädagoge in die Kita kommt, um spielerischen und kompetenten Musikunterricht zu geben und die Kinder bei den ersten Schritten hin zum Erlernen eines Instrumentes zu begleiten? Die Qualität der Lehre ist entscheidend: Die Schrammel-Gitarre zum Sankt-Martins-Lied reicht eben nicht unbedingt aus, um Kinder für Musik zu begeistern. Dafür braucht es Zusatzausbildungen. Und was spricht dagegen, neben dem Deutschen auch noch eine Fremdsprache spielerisch zu erlernen? Auch das angeleitet durch eine kompetente Person, die Kurse in der Kita anbietet?

Gute Englischkenntnisse sind längst keine Frage mehr alleine der ökonomischen Verwertbarkeit im Berufsleben – sie sind schlichtweg Voraussetzung für ein kommunikatives und damit zufriedenes Leben. Es sei denn, man glaubt, die Kinder werden sich in ihrer Zukunft nur zwischen Flensburg und Passau bewegen und keine Ausländer kennenlernen. Das war einmal!

„Lernen ist nicht pure Mühsal“

Der Bildungsauftrag ist ja längst Teil der Kita-Gesetze. Und alle Jahre wieder kommt die Debatte auf, ob Erzieher nicht lieber studieren sollten. Ob das viel verändern würde? Vielleicht, vielleicht nicht, darum geht es hierbei nicht – und es ist schwer, sich darüber ein Urteil zu bilden. Es geht vielmehr um die grundsätzliche Bereitschaft, über den eigenen Tellerrand zu schauen. In Kitas gibt es ja bereits immer mal wieder Angebote der musikalischen Früherziehung, auch Sprachförderung existiert hier und dort. Viel zu häufig ist sie allerdings bilingualen Kitas vorbehalten, die sich an ein zweisprachiges Publikum aus binationalen Familien richten. Das ist auch wichtig – andererseits haben vor allem nicht-binationale Familien Lern- und Nachholbedarf in diesem Bereich. „Normale“ Kitas fremdeln aber gelegentlich noch mit solchen Erkenntnissen.

Über den eigenen Tellerrand schauen heißt auch, in Länder zu schauen, die nun nicht auf breiter Front zum Vorbild taugen – zum Beispiel, weil sie Diktaturen sind. Aber in China oder Vietnam gibt es eine bemerkenswerte Bereitschaft zum Lernen und Weiterbilden sowie zu gezielter, aber spielerischer Förderung. Singen, Tanzen, technisches Know-how und Sprachen werden hier als selbstverständlicher Teil der Persönlichkeitsentwicklung gesehen – so wie das Spielen im „Schonraum Kindergarten“ bei uns. Aber nochmal: Singen, Tanzen, Sprachen taugen natürlich auch zum Spiel, das ordentlich Spaß macht und nicht zwingend als pure Mühsal und zu vermeidende Nebenwirkung eines durch und durch ökonomisierten Weltbilds zu betrachten ist. Die Offenheit zu einem solchen Weltbild ist der Grundstein für ein kommunikatives Leben, das zufrieden macht.

Die manchmal pathologische Sorge, Kinder zu überfordern, ist übertrieben und möglicherweise der Angst der Erwachsenen vor einer Welt geschuldet, die sie aus eigener Warte heraus ablehnen, zum Beispiel vor dem Hintergrund ihrer Kapitalismuskritik. Sie sollten diese Weltsicht nicht auf ihre Kinder projizieren. Aktivität heißt eben nicht per se negativer Stress. Ein geistig reges und sportlich bewegungsfreudiges Kind kann zu einem optimistischen und kommunikativen Erwachsenen heranwachsen, der mit Siegen, aber auch Niederlagen umgehen kann. Natürlich macht die Dosis das Gift, ob Frühförderung gut oder fürs Kind zu viel des Guten – und damit des Schlechten – ist. Doch gleich vom Schlechten auszugehen, versperrt eben den Blick auf die Chancen. Und das gilt allgemein für unsere Debattenkultur, die zu sehr zwischen Schwarz und Weiß changiert.

07. Jan. 2020
von Martin Benninghoff
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31. Dez. 2019
von Sonia Heldt
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Der Zauber der lauten Silvesternacht

Feuerwerk trotz der Buschbrände: Im australischen Brisbane hat 2020 bereits begonnen.

Heute war ich beim Discounter, um ein paar Sachen einzukaufen. Als ich an dem Sonderstand mit dem Feuerwerks- und Silvesterkram hängenblieb, ging eine Frau an mir vorbei und sagte zu ihrem etwa acht Jahre alten Sohn sehr deutlich und sehr laut: „So einen Mist brauchen wir nicht. Da wird nur viel Geld in die Luft geschossen und die Luft verpestet.“ Dann schob sie ihren Sohn demonstrativ weg. Ich fühlte mich angesprochen, dabei hatte ich gar nicht die Absicht, die Luft zu verpesten und unnötig viel Geld in die Luft zu schießen. Ich wollte die familien- und kindertaugliche Packung mit Tischfeuerwerk und Knallbonbons kaufen, die Maya sie sich für unsere heimische Silvesterparty wünscht. Denn was Sinn und Unsinn der Silvester-Böllerei betrifft, vertrete ich eine ähnliche Meinung.

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, es ginge mir in erster Linie um die Feinstaubbelastung am Neujahrstag, auch wenn man diese Diskussion nicht außer Acht lassen sollte, wie das Umweltbundesamt ganz deutlich erklärt: Am ersten Tag des neuen Jahres ist die Luftbelastung mit gesundheitsgefährdendem Feinstaub vielerorts so hoch wie sonst im ganzen Jahr nicht. Ich bin starke Allergikerin, schon von daher sollte mir viel an guter Luft liegen. Aber mich nervt in erster Linie die unbedachte Rumböllerei vor und nach Silvester. In der Silvesternacht sind alle darauf vorbereitet. Tiere (zumindest die Haustiere) und Kinder werden im Notfall abgeschottet, und wenn es einem zu laut und zu stinkig wird, kann man ja ins Haus und der Knallerei aus dem Weg gehen. Ich habe es früher auf öffentlichen Partys gehasst, wenn man draußen nett mit den Freunden anstoßen wollte, und plötzlich ein Böller haarscharf an einem vorbeizischte, der einen nur mit viel Glück nicht erwischte. Zu viel Alkohol, zu viel Testosteron, zu viel jugendlicher Leichtsinn in dieser speziellen Nacht! Ich weiß schon jetzt, welche Ratschläge ich Lara, meiner fünfzehnjährigen Tochter, nächstes Jahr mit auf dem Weg geben werde (sie wird es hassen, aber ich tu’s trotzdem), wenn sie den Silvesterabend nicht mehr zu Hause, sondern auf einer Party verbringen wird.  

Bereits an den Tagen vor Silvester hört man es in unregelmäßigen Abständen durch die geschlossenen Fenster knallen. Mehr als 30 Stunden zu früh! 30 Stunden, in denen Freigänger-Katzen noch ihre Runden drehen, Hunde mit ihren Besitzern Gassigehen und Kinder auf den Straßen spielen. Vor zwei Jahren waren wir am frühen Silvesterabend mit den Kindern unterwegs zu einer Veranstaltung, als ein paar Meter von uns entfernt ein paar Idioten (ich kann sie leider nicht anders bezeichnen) eine ganze Batterie Knallkörper stark verfrüht abfeuerten. Es traf uns unvorbereitet aus nächster Nähe und war entsprechend laut. Mir blieb kurz das Herz stehen und meine Ohren klingelten unangenehm. Maya fing an zu weinen und wollte sofort zurück zum Auto und auf keinen Fall die 100 Meter zur Veranstaltungshalle weiterlaufen. Sie zitterte am ganzen Körper und wir hatten große Mühe sie zu beruhigen und zum Weitergehen zu überreden. Da war ich sauer auf den Feuerwerksverkauf, weil die Böller viel zu häufig in die falschen Hände geraten. Es kann ja nicht sein, dass man Kindern und Tieren zwei Tage vor und nach Silvester Ausgehverbot erteilt, um kein Risiko einzugehen!

Ich bin kein Schwarz-Weiß-Denker und finde nichts nerviger als einseitige, radikale Ansichten à la „Wenn du Tiere isst, kannst du auch kein Tierliebhaber sein“ oder „Wenn du eine gute Mutter sein willst, dann musst du stillen“. Und so gibt es auch für mich bei der Feuerwerksdebatte eine Grauzone. Ich persönlich hätte nichts dagegen, wenn man den Verkauf von Feuerwerkskörpern komplett verbieten würde, auch wenn ich zum Jahreswechsel selber gerne in den Himmel schaue, das laute Treiben um mich herum mit einem Glas Sekt in der Hand genieße und dann mit Familie, Freunden und Nachbarn anstoße. Aber ein geplantes, an einem zentralen Ort organisiertes Feuerwerk ginge für mich in Ordnung. Ich befürworte die Verbotszonen an sensiblen öffentlichen Plätzen wie dem Kölner Dom, der Düsseldorfer Altstadt oder dem Brandenburger Tor. Mehr Sicherheit für die Besucher (auch später für meine eigenen Töchter), damit man ohne Angst, es könnte einem ein Böller in den Ausschnitt fliegen oder die Haare abfackeln, feiern kann und damit Polizei, Feuerwehr und Notfallambulanz entlastet werden.        

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31. Dez. 2019
von Sonia Heldt
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24. Dez. 2019
von Sonia Heldt und Janosch Niebuhr und Martin Benninghoff und Tanja Weisz und Anna Wronska
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Bitte keine Weihnachtsturnübung

Sehr in Mode sind derzeit Weihnachtsbäume, die nicht abgeholzt wurden, sondern weiterwachsen.

Sonia Heldt: Heiligabend ist die Kür, den Rest der Weihnachtstage verbuche ich unter Pflichtteil.“

Heiligabend ist für mich der gemütliche Part der Weihnachtstage, den ich mit meinem Mann, meinen Töchtern und meiner Freundin zwanglos zu Hause verbringe. Vor allem Maya legt Wert darauf, dass Festtage wie Geburtstage und Weihnachten, immer gleich ablaufen. Sie braucht dieses Gefühl von Vertrautheit und dass sich bestimmte Dinge in ihrem Leben nicht so schnell ändern. Und so wird sie auch dieses Jahr, wie all die vielen Jahre davor, mittags mit meinem Mann die Weihnachtsvorstellung des Puppentheaters besuchen. Auch wenn sie bereits 12 Jahre alt ist und nicht mehr durch den Kindereingang in den Saal schlüpfen wird. Lara mag inzwischen nicht mehr mitgehen und wird sich sicherlich in ihr Zimmer verziehen, um die letzten Geschenke einzupacken und das zu tun, was sie sonst auch tut: mit ihren Freundinnen telefonieren oder chatten und sich x-mal umziehen. Ich bereite in der Zeit alles vor und decke den Esstisch in der Küche weihnachtlich ein. Wir lassen den ganzen Tag unsere Playlist Christmas Rock & Pop laufen und die Kerzen brennen. Nachmittags kommt dann meine Freundin. Wir trinken Kaffee und das erste Glas Wein und quatschen ein bisschen.

Gegen 18 Uhr schmeißen wir langsam den Raclette-Grill an. Da ich im Alltag fast täglich koche, bin ich froh, Heiligabend kein kompliziertes Menü auf den Tisch bringen zu müssen. Die Mädchen lieben es, Pizzateig auf der heißen Platte zu backen. Wir mögen diese gemütliche Art des Essens, das man so wunderbar in die Länge ziehen kann. Seit die Kinder älter sind, haben sie es nicht mehr so eilig mit der Bescherung. Ich vermisse ihre vor Aufregung glühenden, roten Wangen und die Frage „Wann ist es denn soweit?“ und werde von Jahr zu Jahr wehmütiger, wenn ich an die vergangenen Weihnachtsfeste zurückdenke. Früher, als für beide Kinder Weihnachten noch so schön und aufregend war! Lara gibt sich dieses Jahr große Mühe, alles boring zu finden. Und ich denke, nächstes Jahr wird auch Maya ihre kindliche Vorfreude ablegen. Das ist schon ein wenig traurig.

Zur Bescherung lassen wir leise Weihnachtsmusik laufen und packen unsere Geschenke abwechselnd aus. Inzwischen finden die Mädchen es aufregender andere zu beschenken, als selbst Geschenke zu erhalten. Gedichte aufsagen, ein Lied auf der Gitarre spielen, singen, tanzen oder eine Geschichte vorlesen – das lief bei uns schon immer ganz leger ab. Wir haben nie darauf bestanden, dass die Mädchen etwas vortragen. Meistens hat Maya aber etwas Kleines vorbereitet. Sie singt gerne. Als die Mädchen kleiner waren, habe ich die Weihnachtsgeschichte aus ihrem Lieblings-Kinderbuch vorgelesen und wir haben ein Weihnachtslied angestimmt, bevor es ans Auspacken ging.   

Den ersten Weihnachtstag verbringen wir bei der Familie meines Mannes, den zweiten bei meiner Mutter. Vor einigen Jahren habe ich durchgesetzt, dass wir bei meinen Schwiegereltern erst nachmittags einlaufen und das Mittagessen schwänzen. Ich stehe nämlich überhaupt nicht auf die Völlerei an den Feiertagen und auf traditionelle Gerichte wie Ente oder fettige Gänsekeule. Ich bin eine ähnlich pingelige Esserin wie Maya, die froh darüber ist, wenn sie nicht „fremd essen“ muss. Außerdem finde ich, dass sechs Stunden Zusammenkunft völlig ausreichen. Und so gehört uns der Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages noch ganz allein. Nach dem Frühstück setzen wir uns, meist noch in Schlafanzügen, gemütlich vor die Glotze und schauen „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ oder „Der kleine Lord“. Erst gegen Mittag geht’s dann unter die Dusche und von der Kür zum Pflichtteil über. 

Weihnachten kennt keine Temperatur: Vater und Tochter im burmesischen Rangun

Janosch Niebuhr: Im Stall war es wahrscheinlich auch eng. Und still war die Stille Nacht bestimmt nicht.“

Wir fünf sind dieses Jahr wieder bei meinen Schwiegereltern – einmal mit dem Zug quer durch die Republik. Die Schwägerin mit Freund und den zwei Jungs kommt auch. Es wird also voll. Zusammen mit unseren drei Mädchen sind es fünf Kinder zwischen sechs und 13 Jahren. Es wird also auch laut, auf jeden Fall nicht langweilig. Die Schwiegereltern freuen sich schon. Sagen sie. (Was sollen sie anderes sagen?) Meine Frau sagt: „Ich bin soooo froh, dass wir dort feiern.“

Was Weihnachten im Allgemeinen und den Heiligabend im Besonderen angeht, habe ich mir im Laufe der Jahre eine stoische Grundhaltung zu eigen gemacht: „Verlange nicht, dass alles so geschieht, wie du es wünschest, sondern wolle, dass alles so geschieht, wie es geschieht, und es wird dir gut gehen“ (Epiktet). Das fängt damit an, dass ich eben nicht wie in frohen Kindertagen erwarten kann, dass andere die Weihnachts-Orga machen – außer wenn wir bei den Schwiegereltern feiern. „Ja, ich bin auch froh, dass wir dort feiern!“

Wir kommen zwei Tage vorher und bleiben über die Weihnachtstage. Ich muss sagen: Gast sein ist toll, besonders in dieser Zeit, denn man kann die Weihnachtserwartungen des eigenen Nachwuchs oder der Partnerin gegebenenfalls an die Gastgeber auslagern. Natürlich helfen wir alle mit bei der Vor- und Nachbereitung der Festivitäten, jeder nach seinem Können und seinen Fähigkeiten, mein Spezialgebiet ist die zeitnahe Entsorgung des Papiermülls am Heiligabend.

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24. Dez. 2019
von Sonia Heldt und Janosch Niebuhr und Martin Benninghoff und Tanja Weisz und Anna Wronska
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17. Dez. 2019
von Janosch Niebuhr
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Fünf Koffer, drei Kinder, ein Zugabteil

Zugfahren mit Kindern: Mehr als maximal eine Hand hat man nie frei.

Die Zeit um die Festtage ist immer auch Reise- und Besuchszeit. Oma, Opa, Tanten, Onkel, Cousinen und Nichten, Vettern und Neffen, manchmal – wenn zwischen Weihnachten und Neujahr noch Luft ist – sogar auch ein paar alte Freunde wollen wir sehen. Dieses Jahr müssen wir dazu wieder einmal quer durch die Republik (und zurück). Mein Verkehrsmittel der Wahl ist dabei die Bahn. Theoretisch ist das bequem, entspannt, mit drei kostenfrei fahrenden Kindern und Super Sparpreis unschlagbar günstig, irgendwie wahrscheinlich sogar umweltfreundlich – und seit wir alle „Polarexpress“ gesehen haben, passt das Ganze auch zu Weihnachten.

Wenn ich unsere Reise plane, male ich mir das alles – dank einer speziell auf meine letzten Familienbahnreisen beschränkte Amnesie – immer in den schönsten Farben aus: Wie wir völlig relaxed in unser Abteil schlendern, unsere zwei leichten Koffer über den Sitzen verstauen. Die Kinder warten geduldig, bis sie ihre Plätze einnehmen können. Dann vertiefen sich alle Reisenden in ihre elektronik- und lärmfreie, pädagogisch wertvolle Reisebeschäftigung. Draußen huscht eine weiße Winterlandschaft an uns vorbei. Weihnachtliche Vorfreude erfüllt die Herzen, selbst der Schaffner hat eine rote Mütze auf und verteilt bei der Fahrkartenkontrolle Lebkuchen. Die nächsten sechs Stunden vertiefe ich mich in den Roman, den ich schon seit Monaten lesen wollte; nur ein, zwei Mal unterbreche ich meine Lektüre, um mit der Familie im Speisewagen Kuchen zu essen oder mit allen ein Kartenspiel zu spielen. Und wenn wir ausgeruht und mit guter Stimmung am Zielort ankommen, fällt eine Sternschnuppe vom Himmel und ich sag mir: Brauch ich gar nicht – alle Wünsche erfüllt!

Man muss nicht zum Bahn-Bashing neigen, um zu wissen, dass nichts, überhaupt gar nichts von dem oben beschriebenen Szenario Wirklichkeit werden wird. Das fängt schon damit an, dass natürlich schon alle Super Spartickets ausgebucht sind, wenn ich zum Fahrkartenkauf schreite. (Natürlich gibt es immer noch die eine oder andere günstige Bahnverbindung mit Abfahrt um 5.15 Uhr in der Frühe oder mit dreimaligem Umsteigen. Das kann man natürlich machen. Wenn man gerade sein Abi gemacht hat. Aber nicht in fortgeschrittenem Alter mit drei Kindern und vier Gepäckstücken.) Weshalb mich auch die jetzt angekündigten Preissenkungen der Bahn nur schwach enthusiasmieren: Theoretisch ist die Bahn schon jetzt sehr günstig für Familien mit Kindern. Praktisch fehlen aber vor allem in der Hauptreisezeit die Züge und Plätze für die günstig reisen wollenden Familien.

Aber was soll der Geiz? Es ist ja Weihnachten! Und der Ticketkauf ist wahrlich die geringste Hürde einer Bahnreise mit Kindern. Wie kann die Bahnreise mit Kindern also zumindest eine erträgliche Veranstaltung werden? Es gibt da ein paar bewährte Tipps von der Bahn selbst. Das Ganze hängt natürlich auch und vor allem vom Alter der Kinder ab. Außerdem haben mich die Erfahrungen der vergangenen Jahre drei eherne Grundsätze gelehrt – die stimmen ganz unabhängig davon, wie familienfreundlich die Bahn nun ist oder nicht. Hier sind sie:

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17. Dez. 2019
von Janosch Niebuhr
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12. Dez. 2019
von Sonia Heldt
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Wünschen Ihre Kinder noch oder bestellen sie schon?

Wenn sie noch an das Christkind glauben, basteln sie schöne Wunschzettel – für die Eltern darf es oft profaner sein.

Keine zwei Wochen mehr bis Heiligabend, und ich habe noch nicht alle Geschenke für meine Töchter (12 und 15 Jahre) zusammen. In unserem Keller steht eine kleine Kiste, in der ich die Briefe, Zeichnungen, Geburtstags- und Muttertags-Karten der Kinder sammele. Eben bin ich in den Keller gestiefelt, habe diese Kiste durchkramt und nach alten Wunschzetteln der Kinder für diesen Beitrag gesucht. Fast wäre dieser Text dadurch nicht mehr zustande gekommen, denn plötzlich saß ich auf unserem kalten Kellerboden, um mich herum überall alte Wunschzettel verteilt. Ich musste sie einfach alle lesen! Die ersten Wunschzettel der Kinder waren gemalt, später wurden die Wünsche aus Werbeprospekten ausgeschnitten und aufgeklebt, bis Maya und Lara jeweils alt genug waren, um ihre Wünsche genauer zu formulieren. Typische Kinderwünsche: der Palast der Eiskönigin, Schleichtiere, das Maulwurfspiel, ein Stoff-Marienkäfer und Bücher. Ich habe meinen Kindern – so wie ich es aus meiner eigenen Kindheit kannte – das Christkind als Geschenkbote verkauft. Lara, meine Große, fand das jedoch irgendwann etwas widersprüchlich, denn das Christkind war ja das Jesuskind und sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass ein Baby aus der Krippe fliegt und Geschenke verteilt. Sie sympathisierte daher schon sehr früh mit dem Weihnachtsmann. Schon allein, weil sie die KIKA-Serie „Beutolomäus“ in der Weihnachtszeit so sehr liebte und sie sich den Weihnachtsmann besser vorstellen konnte.    

Erzählte sie jedoch in Anwesenheit meiner Schwiegermutter vom Weihnachtsmann, behauptete diese steif und fest, Coca-Cola hätte den Weihnachtsmann erfunden. Nur das Christkind würde Geschenke bringen! Die Behauptung, Santa Claus wäre allein auf den Mist des amerikanischen Getränkeherstellers gewachsen, ist nach wie vor nicht totzukriegen. Dabei hat Santa Claus eigentlich einen europäischen Ursprung. Niederländische Auswanderer brachten im 17. Jahrhundert ihren Sinterklaas-Brauch nach New York. Aus Sinterklaas wurde im Laufe der Zeit der amerikanische Santa Claus und Coca-Cola gab 1931 dem Künstler Haddon Sundblom den Auftrag Santa Claus, so wie wir ihn heute alle kennen, zu zeichnen. 

Mir war es immer schon total egal, ob meine Kinder nun an das Christkind oder den Weihnachtsmann glaubten (selbst wenn Coca-Cola ihn erfunden hätte). Ich zuckte daher einfach die Achseln und behauptete, dass ich das auch nicht so genau wüsste, wer denn da nun die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legen würde. Schließlich wäre ich bisher weder dem Weihnachtsmann noch dem Christkind (nicht einmal dem Nikolaus) persönlich über den Weg gelaufen. Aber einer von denen müsste es ja sein! Es gibt Eltern, die ihren Kindern erzählen, dass der Weihnachtsmann die großen Geschenke bringt, die für das Christkind zu schwer sind. Auch eine mögliche Erklärung! Hauptsache der besondere Zauber der Weihnachtszeit geht für die Kinder nicht allzu schnell verloren. Denn die Realität holt sie schon früh genug auf den Boden der Tatsachen – und uns auch. Lassen wir ihnen ihren kindlichen Glauben solange es geht, egal an wen! Ein Jahr hat Lara ihren Wunschzettel sicherheitshalber an den Weihnachtsmann mit seinem Freund Beutolomäus und gleichzeitig an das Christkind adressiert und dann in unseren Briefkasten gelegt. Die Wünsche mussten bei uns traditionell spätestens am 1. Dezember an dieser Stelle deponiert werden, damit das Christkind (oder wer auch immer) es zeitig genug abholen konnte. Ich habe mir die Wunschzettel immer sehr gerne angesehen, mich über die holprigen Sätze der Kinder amüsiert und die Zettel später in besagte Kiste in den Keller geworfen.

Nun ist Maya zwölf und Lara fünfzehn Jahre alt und natürlich glauben sie schon längst nicht mehr an das Christkind. Dieses Jahr hat Maya ihre Wünsche als Notiz in ihr Handy getippt und mir die Liste per WhatsApp geschickt. Da es die Eltern sind, die die Geschenke kaufen und nicht das Christkind, hat sie den Wunschzettel nicht mehr mit hübschen Zeichnungen verziert und auch keinen Glitzerpuder in den Umschlag gestreut. Leider kann ich elektronische Wunschzettel nicht in meiner Kiste aufbewahren, was ich sehr schade finde. Mayas Wünsche sind übersichtlich: ein paar Bücher, Sportsachen, Oreo-Kekse mit weißer Schokolade, eine Badekugel und als technisches Highlight eine mobile Lautsprecherbox. Lara hat ihre Wünsche nicht einmal mehr schriftlich festgehalten, denn dafür wäre jeder Zettel verschwendet: „Ich wünsche mir Klamotten und Geld oder am besten nur Geld für Klamotten.“ Einer Fünfzehnjährigen Klamotten zu schenken, die a) passen und b) ihren Geschmack treffen, dürfte sich als äußert schwierige Aktion gestalten. Reine Geldgeschenke finde ich wiederum doof. Also habe ich sie selbst ein paar Kleidungsstücke aussuchen lassen.

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12. Dez. 2019
von Sonia Heldt
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