Schlaflos

Schlaflos

Das Familienblog der F.A.Z.

15. Okt. 2019
von Anna Wronska
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Ich esse deine Suppe nicht

Papa, mir schmeckt’s nicht! Dieser Essplatz sieht allerdings viel zu ordentlich aus, um echt zu sein.

Ein durchschnittliches Abendessen läuft bei uns ungefähr so ab: Mein Mann schmiert Ben (fünf Jahre) die Butterstulle, ich reiche Lukas (13 Monate) im Wechsel einen Löffel Brei und ein Frischkäse-Brot. Der Große will Milch, nein Wasser, nein Milch. Und bitte die linke Hälfte der Stulle mit Käse, die rechte mit Salami, auf keinen Fall andersherum! Mein Mann und ich schlingen zwischen diversen Hilfestellungen ein paar Happen von unserem eigenen Essen herunter. Wir setzen mehrfach dazu an, einander von unserem Tag zu erzählen, unterbrochen von Geplapper, Gesang oder Geschrei. Der Kleine schmeißt seine Trinklerntasse herunter und malt mit Frischkäse Kreise auf den Tisch. Dreht sich im Hochstuhl um die eigene Achse (ja, das geht), steht dann auf und reißt grinsend die Arme hoch. Ich fange ihn auf, bevor er sich fallen lassen kann – wir kennen das Spiel schon. Anschließend snackt er auf dem Boden noch den einen oder anderen Krümel, womöglich vom Vortag oder von dem davor, wer weiß das schon. Der Große hat zwischenzeitlich das Käsebrot aufgegessen, vom Salamibrot aber nur einmal abgebissen. „Ich bin satt!“ Ich schaue auf seinen Teller und dann fragend zu Papa. Papa winkt ab. „Gib her“, seufze ich und ziehe Bens Teller zu mir herüber. Die gute Bio-Salami!

Das gemeinsame Essen ist bei uns ein wichtiger Tagesordnungspunkt. Am Abendbrottisch sind wir nach einem mehr oder weniger chaotischen Tag voller Termine und Verpflichtungen wieder zusammen, und das ist etwas Wunderbares. Es ist aber auch eine kräftezehrende, manchmal frustrierende Angelegenheit, zumindest für uns Eltern. Am Ende sind die Kinder satt und halbwegs zufrieden, aber der Essplatz sieht aus wie ein Schlachtfeld, auf dem Teppich unter dem Tisch kleben irgendwelche festgetretenen Obst- oder Gemüsestückchen (warum liegt da eigentlich ein Teppich?), und ich sitze erschöpft vor einem Teller mit Essensresten und denke: „Das kann ich doch nicht wegschmeißen!“ Ich bin mit drei Geschwistern aufgewachsen, ohne echte finanzielle Not, aber auch ohne Überfluss. Der Spruch: „Tu das weg, das schmeckt später nicht mehr!“ ist mir fremd. Wir wurden nicht zum Aufessen gezwungen, aber wenn etwas übrig blieb, kam es eben in den Kühlschrank. Das Mindesthaltbarkeitsdatum beeindruckt bei meinen Eltern zu Hause bis heute niemanden, Lebensmittel landen erst im Müll, wenn man den Schimmel schon sieht und/oder nicht wegschneiden kann. Wenn wir bei ihnen am Tisch sitzen, holt meine Mutter schon mal ihre Lunchbox heraus, sagt entschuldigend: „Hab‘ ich im Büro nicht geschafft“ und schmiert sich etwas Senf oder Sahnemeerrettich auf die durchgeweichte Stulle. „So schmeckt die noch super!“

Das geht mir dann doch manchmal etwas zu weit, aber im Grundsatz finde ich ihren bewussten bzw. sparsamen Umgang mit Essen vorbildlich und will das auch an meine Kinder weitergeben. Essen hat ja nicht nur einen Preis, sondern auch einen Wert. Und auch wenn ein Stück Käse oder Wurst heutzutage nicht viel kostet (was ein Skandal ist, insbesondere bei Fleisch), so ist es für mich trotzdem unmoralisch, es leichtfertig wegzuwerfen. Nur bringt mich das als Mutter fast jeden Tag an meine Grenzen. Was tun, wenn man zwei kleine Kinder hat, die das mit dem Hungergefühl und dem Appetit noch nicht so richtig heraus haben und für die Essen noch Experimentieren bedeutet?

Dabei ist das oben genannte Brotzeit-Beispiel noch harmlos, immerhin ist hinterher ein bisschen Nahrung in den Kindern drin. Oft genug gelingt das gar nicht erst – und zwar vor allem dann, wenn ich den Fehler mache, etwas zu kochen, das der Große noch nicht kennt. Schließlich soll man den Kindern Abwechslung bieten und neue Geschmackserlebnisse ermöglichen. Auffällig oft läuft das Ganze dann so ab: Ben nimmt (wenn er gut drauf ist) mit Enthusiasmus eine volle Gabel in den Mund, kaut erst energisch, dann immer langsamer, bis er schließlich innehält, den Mund aufmacht und Speisebrei durch seinen leicht geöffneten Mund quellen lässt, mit den vernuschelten Worten: „Daff fmeckt mir doff nifft.“ Und wer hält dann schnell die Hand hin? Richtig.

Es gibt zwei Dinge, die mir bei allem Frust als Reaktion nicht in den Sinn kommen würden. Zum einen, Sätze zu sagen wie „Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!“ oder: „Wenn du nicht aufisst, gibt es schlechtes Wetter“ oder: „In Afrika verhungern Kinder!“ Mein Mann und ich sind uns einig, dass Essen niemals Zwang oder Druckmittel oder Machtdemonstration sein darf. Zum anderen werde ich aber auch nicht anfangen, Vollkornbrot zu Sternchen zu stanzen und Krokodile aus Salatgurken zu schnitzen, um das Thema Essen mit mehr Ästhetik und Entertainment aufzuladen. Ich weiß, es gibt kreative Eltern, die das mit viel Ehrgeiz und Begeisterung tun und anschließend Fotos beeindruckender Schul-Lunchboxen bei Instagram hochladen. Aber ich fluche ja schon, wenn ich für den Kindergeburtstag Obst-Käse-Spieße machen muss – nein, es gibt Opfer, die ich nicht bereit bin zu bringen.

Was also tue ich? Ich koche, je nach Tagesform, tapfer weiter neue Gerichte, kaufe immer mal neue Brotbeläge ein und freue mich, wenn es mir gelingt, die Jungs zu überzeugen, davon zumindest zu probieren. Wenn es dann heißt „schmeckt nicht“, ist das okay – nur Kommentare wie „bäh“ oder „eklig“ sind am Tisch nicht erlaubt. Und dann gibt es Tage, an denen koche ich einfach Spaghetti mit Butter und Salz, weil mir die Energie für Aufwändigeres fehlt und wir uns darauf immer einigen können. Es soll sogar vorgekommen sein, dass es mehrere Tage hintereinander Spaghetti gab… Wenn mich das schlechte Gewissen packt, denke ich daran, was mir meine Schwiegermutter vor Jahren erzählt hat: Mein Mann hat sich als Kind wochenlang auf eigenen expliziten Wunsch nur von Bratkartoffeln ernährt, und es ist trotzdem etwas aus ihm geworden (und kochen kann er auch, besser als ich).

Auch was das Thema Reste angeht, mache ich mir keine Illusionen: Es ist unmöglich, Lebensmittelverschwendung komplett zu vermeiden. Bei undefinierbarer Matschepampe, die bereits einmal durch den Kauapparat des Kindes durch ist, fällt einem das Entsorgen auch nicht so schwer. Weil ich es aber nur schwer ertragen kann, unangerührtes Essen in den Mülleimer zu kippen, esse ich oftmals einfach die Reste meiner Kinder auf, obwohl ich schon satt bin und ihr Essen vielleicht gar nicht mag (wobei Gläschenbrei mitunter besser schmeckt, als man vermuten würde!) und meine Schwangerschafts-Kilos so ganz bestimmt nicht loswerde. Oder aber, was noch schlimmer ist: Ich stelle die Reste in den Kühlschrank, um sie dort so lange zu „vergessen“, bis sie nicht mehr gut sind und mir nichts anderes übrig bleibt, als sie wegzuwerfen.

Es ist beim Essen wie auch sonst im Familienleben: Ein bisschen Selbstbetrug ist immer dabei. Die meisten Eltern kennen ihn, diesen ewigen inneren Kampf zwischen „Das müsste man ganz anders machen“ und „Es GEHT aber (gerade) nicht anders“. Am Ende des Tages geht es um die Schonung von Ressourcen – auch die der eigenen. Wenn am Esstisch also die Kinder gewinnen, muss und kann ich damit leben. Mein Trost ist mein heimliches guilty pleasure: Der Herrscher über den Nachtisch und die Süßigkeitenbox bin ich. Und die Kinder gehen abends mitunter echt früh ins Bett.

15. Okt. 2019
von Anna Wronska
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08. Okt. 2019
von Janosch Niebuhr
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Ferien for Future

Es müssen nicht immer die Seychellen sein – auch wenn die Kinder sich das so vorstellen.

Am letzten Schultag vor den Herbstferien kam unsere jüngste Tochter (6) merkwürdig wortkarg nach Hause. Das war in doppelter Hinsicht verwunderlich: Erstens sprudelt sie normalerweise schon an der Tür mit dem heraus, was sie so in der Schule erlebt hat. Und zweitens ist ja der letzte Schultag meist ein so erfreuliches Datum für Schulkinder, dass sich deren gute Laune auch in einem schwer zu bändigenden Redeschwall äußert. Normalerweise.

„Was ist denn los?“, fragte ich so einfühlsam, wie ich das neben meiner Beschäftigung mit zwei zu heißen Bratpfannen und einer Schüssel leicht verklumptem Pfannkuchenteig hinbekam. „Komm, sag schon!“ Ein Fehler, wie sich schnell herausstellte, solche Fragen stellt man nicht, wenn Essen auf dem Herd steht. Denn da brach es schon aus dem armen Kind heraus. Schluchzend berichtete unsere Tochter davon, dass sie heute im Abschlusskreis ihrer Klasse gar nicht erzählen konnte, was sie in den Herbstferien machen würde. „Ich weiß doch gar nicht“, stieß sie unter Tränen hervor, „ich weiß doch gar nicht, was wir machen!“

Gott sei Dank übernahm an dieser Stelle meine Frau die psychologische Nachsorge unserer stuhlkreisgeschädigten Tochter. Denn das Thema „Was machen wir eigentlich in den Schulferien?“ ist inzwischen ein rotes Tuch für mich. Ich schwanke da regelmäßig zwischen selbstgerechtem Moralismus, hedonistischem Anpassungswahn und zynischer Weltverachtung. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich Aussagen wie „Ich weiß doch gar nicht, was wir machen“ (plus Tränen) schnell als Vorwurf verstehe. Sollten fürsorgliche Eltern nicht mindestens ein Jahr vorher wissen, was sie mit ihrem schulpflichtigen Nachwuchs in den Herbst-, Weihnachts-, Winter-, Oster-, Pfingst- und Sommerferien anstellen? (Vor allem, falls sie verreisen möchten? Ich bin immer vollkommen entgeistert, wenn ich auf Eltern treffe, die tatsächlich jetzt schon die gesamte Urlaubsplanung des Folgejahres abgeschlossen haben.)

Unsere älteren Töchter wissen inzwischen in der Regel, dass ich bei diesem Thema eine kurze Zündschnur habe. Manchmal starten sie trotzdem einen Vorstoß, um das Terrain zu erkunden:
Älteste Tochter (12): „Übrigens fliegt [Name einer Mitschülerin] mit ihrer Familie in den Herbstferien nach Florida.“ Ich presse die Lippen zusammen, dann nuschle ich irgendwas von „Fridays for Future“ und bin wieder still. Da nimmt die Große den Ball wieder auf, nennt weitere Mitschüler-Namen und Herbstferien-Destinationen (Mallorca, London, Südafrika, Türkei), sie scheint sogar die väterliche Abscheu über die verbreitete Öko-Ignoranz zu teilen, um dann das Ganze mit einem unabsichtlich vergiftetem Trost zu beenden: „Man kann sich‘s ja auch zuhause schön machen.“

Das ist noch schlimmer als die Tränen der Jüngsten. Wenn die Großen ihre Urlaubsträume vorsorglich relativieren, um die Unfähigkeit oder Unwilligkeit der Eltern zu kaschieren. Und sich dafür sogar mit Klimaschutz-Argumenten munitionieren. Das kann doch nicht gesund sein.

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08. Okt. 2019
von Janosch Niebuhr
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03. Okt. 2019
von Martin Benninghoff
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Alles auf Zucker

Kann man übermäßigem Süßigkeitenkonsum, ausgerechnet, einen Riegel vorschieben?

Als wir Kinder waren, zogen wir zu Sankt Martin mit den Laternen um die Häuser, von Haustür zu Haustür der Nachbarn, um uns singend volle Tüten leckerer Süßigkeiten zu verdienen. Die wohlgesinnten Nachbarn schöpften aus dem Vollen, indem sie uns Schokolade, Lutscher, Saure Zungen und Weiße Mäuse in Hülle und Fülle in die mitgebrachten Beutel gaben, selbst mir, obwohl ich, wie mir später erzählt wurde, meist mit zugekniffenem Munde dabei stand; nur dann und wann verirrte sich eine Apfelsine in die Schar zuckersüßer Überraschungen. Welch, im wahrsten Sinne des Wortes, gelegentlich herbe Enttäuschung!

Nur eine Familie, das wussten wir natürlich alsbald, scherte aus der Süßigkeiten-Phalanx aus. Eine Familie, wenig überraschend eine Zahnarztfamilie, bot uns meist nur Nüsse, Pistazien, Studentenfutter, Mandarinen und Apfelsinen an. Was all zu sehr nach Mutters Obstteller und Vaters Nussschale aussah und auch roch, interessierte uns eher nicht. Nicht wirklich. Wenn wir hingingen, dann nur, um die Familie nicht vor den Kopf zu stoßen, die sich Mühe und Gedanken gemacht hatte und auch eine brennende Kerze ins Fenster. Aber wir sangen schneller und schiefer. Wobei: Ich sang vermutlich gar nicht.

Die Episode ist mir neulich wieder eingefallen, als ich darüber nachgedacht habe, wie sehr Süßes die Kinder reizt und wie viel davon eigentlich noch vertretbar ist. Auch mein Kind! Mein Sohn ist fast drei Jahre alt, und Süßigkeiten üben auf ihn denselben Reiz aus wie schon auf Generationen von Kindern vor ihm. Was in den Pippi-Langstrumpf-Filmen noch die Dauerlutscher und groben Malz-Bonbons im Schaufenster des Süßwarengeschäftes waren, sind heute Gummibärchen, Schokolade (alles bis auf Zartbitter) und süße Säfte. Apfelsaft, Orangensaft, Traubensaft. Ja, süß muss es sein. Und es gibt kaum ein Entrinnen.

Ein einziger Spießrutenlauf

Früher dachte ich, es sei leicht, sein Kind von Süßigkeiten beziehungsweise deren übermäßigem Konsum abzuhalten. Einfach Nüsse geben. Und Wasser statt Saft. Limonaden sind bei uns zuhause ohnehin nur anzutreffen, wenn es eine Party gegeben hat. Und auf die Einsicht des Kleinen bauen. Wie naiv. In Wahrheit ist es ein einziger Spießrutenlauf, dafür zu sorgen, dass Elias nicht permanent einen Lutscher im Mund hat. Im Supermarkt gibt es zwar an der Fleischtheke immer noch das gute alte Stück Fleischwurst auf die Hand (das, im Übermaß gegessen, wohl kaum gesunder wäre), überall sonst aber scheint es noch immer en vogue zu sein, Kleinkindern Süßigkeiten zu schenken. Selbst in der Apotheke gibt es Traubenzucker-Bonbons, bei der Bank Kaubonbons. Wenn man Elias fragt, ob er gerne mal wieder in ein Flugzeug steigen möchte, sagt er: Ja, da könne man so viel Gummibärchen essen wie man möchte. Lufthansa und Emirates sei Dank.

Seine Erfahrung gibt ihm recht. Auf Flügen sind die Stewardessen wenig sparsam mit Gummibärchen – das ist auch nett, sympathisch und extrem hilfreich, kein Vorwurf: Den Ohrendruck bei Start und Landung jedenfalls kaut Elias beharrlich weg. Aber zugleich ist das natürlich die Crux: Weil Süßigkeiten als Ablenkung und Anreiz für ein bestimmtes erwünschtes Verhalten perfekt funktionieren, hat man sie schnell zur Hand. Auch die Tagesmutter, die ihre Aufforderung zum Zimmeraufräumen gerne mit der Aussicht auf ein, zwei oder drei Gummibärchen flankiert. Funktioniert. Und sicher auch beim nächsten Mal; das zu wissen, ist ein Pfund für jede Betreuungsperson.

Ich werde da manchmal auch schwach: Wenn Elias wieder einmal vor unseren Treppen steht und getragen werden möchte, ich aber ohnehin schon bepackt bin mit zwei Beuteln Einkauf und meiner Arbeitstasche und mich die Stufen hoch ächze, verspreche ich ihm auch schon mal Gummibärchen. Seitdem die Aussicht auf salzige Brezel bei ihm nicht mehr automatisch als ein überzeugendes Argument zieht, flüchte ich mich wie viele andere auch in die süße Verheißung. Man könnte einen Apfel in Aussicht stellen. Aber das ist in der Gegend, wo ich wohne, inmitten von Apfelfeldern, ungefähr so effektiv, wie einem Beduinen auf dem Sinai Sand anzubieten.

Natürlich gibt es Schlimmeres als Süßigkeiten. Nur, das Problem ist: Im Gegensatz zu Astrid Lindgrens Kinderzeiten steckt unsere Ernährung voller Zucker und Kohlenhydrate, Mehlspeisen, Süßigkeiten, Marmeladen, Waffeln hier, Plätzchen dort. Gemeint ist vor allem der Industriezucker, der künstlich zugesetzt wird. Natürlich enthalten Obstsorten Zucker, Fructose, Milch und verarbeitete Milchprodukte Lactose. In einem bestimmten Maße braucht der menschliche Kleinkindkörper natürlich ebenso wie Erwachsene diese Kohlenhydrate, so wie er auch Eiweiße und Fette benötigt, um mit Energie durch den Tag zu kommen. Aber in aller Regel reichen die Kohlenhydrate der natürlichen Lebensmittel, die wir und die Kinder zu uns nehmen.

Die dicken Kinder von Deutschland

Der durch die vielen Industriezucker-Leckereien übermäßige Zuckerkonsum ist in vielerlei Hinsicht bedenklich. Zum einen, weil er dazu führen kann, dass Kinder zu schnell und zu heftig Körperfett aufbauen. Nach mehreren Studien ist jedes vierte bis siebte Kind in Deutschland übergewichtig. Schuld daran sind nicht in erster Linie die schweren Knochen, hervorgerufen durchs Familienerbgut, sondern die Lebensbedingungen. Anders sind die starken Zunahmen – welch treffendes Wort – an fettleibigen Kindern in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht zu erklären. Zum anderen für die Zähne. Wenn man Kinder schon früh daran gewöhnt, Saft statt Wasser zu trinken, dann verinnerlichen sie den Geschmack und wollen nichts anderes mehr haben. Von Fanta oder Sprite gar nicht erst zu sprechen.

Es ist wie bei sehr alten Menschen, die nur noch Salziges und Süßes schmecken. Auch Kinder werden magisch angezogen von diesen besonders starken Geschmacksträgern. Pommes. Salzbrezel. Aber vor allem Zucker! Das ist vor allem deshalb bedenklich, da Zucker gewissermaßen süchtig macht. In der Zeit, da sich der Geschmackssinn beim Kind erst zu bilden hat, also in den ersten beiden Lebensjahren, wird somit der Pfad gepflastert, der höchstwahrscheinlich im weiteren Leben begangen wird. Gerade vor dem Hintergrund, dass die meisten Kinder im späteren Leben eher vor dem Computer statt auf dem Bau arbeiten werden, die Unbeweglichkeit also zum Normalzustand zementiert wird, sind die zu sich genommenen Kalorien einfach zu viel des Guten. Davon abgesehen, dass später Diabetes entstehen und übermäßiger Zucker die Darmflora aus dem Ruder bringen kann.

Was also tun? Es ist nicht leicht, aber aus eigener Erfahrung darf ich das sagen: Nein sagen! Auch wenn das Kind dann in Tränen ausbricht, das muss man aushalten. Vielleicht hilft der Gedanke daran, dass Eltern ihren Kindern dadurch nicht schaden, weil sie ihnen etwas Begehrtes vorenthalten, sondern sie schützen sie vor etwas Schädlichem! Wie eine heiße Herdplatte oder ein spitzes Messer. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Aber die zeitliche Verdichtung unseres Alltags darf nicht dazu führen, dass wir aus Bequemlichkeit permanent Ja und Amen zu Süßigkeiten sagen, nur damit wir Eltern unsere Ruhe haben. Ausnahmen sollen natürlich weiterhin sein, ist doch klar.

In unserem Falle funktionieren andere Belohnungen: Joghurt zum Beispiel, und damit meine ich jetzt nicht den leckeren, aber heillos überzuckerten Fertigjoghurt. Natur-Joghurt (am besten Bio) enthält oftmals nur wenige Gramm Milchzucker (Lactose) auf 100 Gramm. Das ist die bessere Option und schmeckt, mit ein paar Himbeeren vermanscht, mindestens genauso gut. Sogar dem Kleinen, der darüber glatt die Gummibärchen vergessen könnte. Eine Riesen-Arbeit ist es auch nicht, schnell gemacht und bekömmlicher.

Allerdings währt das nur kurze Zeit, wenn wir, das heißt die Eltern, unser Verhalten nicht auch gleich ändern. Wir zuhause ersetzen beispielsweise permanent leere Gummibärchentüten, so dass der Kleine mit Sicherheit davon ausgehen kann, dass welche da sind, wenn er auf die Schranktür zeigt. Und wir ersetzen häufig die verputzten Schokoladentafeln, die „Kauf mich!“ heißen könnten, weil sie im Geschäft mittlerweile fast immer im Angebot sind. Bleibt schön im Regal liegen, ihr Zuckerblöcke! Das zumindest kann ich mir ja mal vornehmen. Ansonsten ist vielleicht der Blick auf die Lebensmittel-Ampel Nutri Score, die bald kommt, ein Ansporn: Zucker wirkt sich da bei der Beurteilung eher ungünstig aus.

03. Okt. 2019
von Martin Benninghoff
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01. Okt. 2019
von Sonia Heldt
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Ein Hoch auf den Spielkeller

Ein Spielzimmer ist nicht nur für Kinder ein großer Segen. Hier stört es nicht, wenn es unordendlich ist und manchmal gehen dort die besten Partys ab.

Lieber Kellerraum,

zwischen uns war es keine Liebe auf den ersten Blick. Als ich dich das erste Mal vor gut dreizehn Jahren sah, warst du staubig, feucht und sehr dunkel. Du brauchtest eine gründliche Sanierung, genau wie der Rest des Hauses. Dennoch erkannte ich sofort dein Potential. „Hier könnte doch später mal ein kleines Spielzimmer entstehen“, sagte ich. Aber mein Mann schüttelte nur den Kopf und deutete auf die Rohre, die an deiner Decke quer durch den Raum führten. Er meinte, es würde sich nicht lohnen sie umzulegen, du wärst ja sowieso viel zu düster und es gäbe so viele andere Baustellen in unserem neuen Haus. So zog die Heizungsanlage bei dir ein. Wir rissen nebenan die Wände ein und bauten dort neue Fenster und Türen ein. Es wurde hell in meinem neuen Waschkeller mit direktem, ebenerdigem Gartenzugang. Auch du bekamst ein kleines Fenster, aber eher aus lüftungstechnischen Gründen, denn durch deine Lage warst du immer noch sehr dunkel. Dein Boden und die Seitenwände wurden schulterhoch gefliest. Praktisch und sauber wollte man dich haben. Ich bestand drauf, wenigstens den Rest der Wände farbig zu streichen und den Boden zusätzlich mit buntem Teppich auszulegen, um dir deine kalte Erscheinung zu nehmen. Deine hässlichen Rohre überzog ich lose mit Stoff und brachte vor der Heizungsanlage einen Vorhang an. Du warst immer noch keine Schönheit, aber ich wusste, du würdest mir einmal von Nutzen sein!

In dieser Zeit wurde Maya geboren und Lara kam in den Kindergarten. Als Maya krabbeln und sitzen konnte, dientest du dann doch als Spielzimmer. Während ich die Wäsche machte und bügelte, hörten die Mädchen auf ihrem kleinen Kinderkassettenrekorder Hörspiele oder Musik und spielten auf deinem Boden. So hatte ich die Mädchen gut im Blick. Laras fünften Geburtstag wollte ich dann probeweise im Keller ausrichten. Mein Mann versuchte mir die Idee auszureden. Er fand dich immer noch viel zu hässlich und dunkel. Aber ich setzte mich durch, schob die Spielsachen zur Seite, stellte Tische und Bänke zu einer kleinen Tafel zusammen, dekorierte alles farbenfroh und räumte den Waschkeller aus, damit die Kinder auch diesen nutzen und von dort aus in den Garten laufen konnten. Es war so praktisch, denn dir machten all der Dreck, die Kuchen- und Flipskrümel nichts aus.

Ab da an wurdest du zweimal im Jahr zum Partykeller. Ich lebte meine ganze Kreativität und das Kind in mir aus und verwandelte dich mit Kunststoff-Wandfolien und jeder Menge Deko in eine Unterwasserwelt, in einen Eisköniginnenpalast, in einen bunten Dschungel, in eine Gruselkammer und in den Weltraum. In einem Jahr wurdest du zur Rollerdisco. Ich improvisierte eine Bühne aus zwei Holzpaletten und verkleidete sie. Im bunten Discolicht brausten die Partygäste auf ihren Rollschuhen und Inlinern rein und raus und sangen auf der Bühne Karaoke.

Nach jeder Party habe ich dich vom Dreck befreit, deinen Boden gesaugt, gewischt und die Reste der Dekoration bis zur nächsten Party und Umgestaltung belassen. Ich habe mal nachgerechnet: Ganze achtzehn Mal haben wir dieses Szenario nun schon gestemmt. Nur einige wenige Male wollten die Mädchen ihren Geburtstag außer Haus feiern. Zwischen den Partys fungiertest du wieder als Spielkeller. Die Mädchen bauten ihren Playmobilreiterhof oder die Schleichfeen-Welt auf deinem Boden auf und ließen ihr Werk über Wochen stehen. In den Wohnräumen musste es halbwegs ordentlich sein, aber hier hat es nie gestört, wenn man keinen Fuß mehr auf deinem Boden setzen konnte. Auch nicht, wenn Lara und Maya sich mit ihren Freundinnen verkleideten und der ganze Inhalt der Verkleidungskiste anschließend bei dir rumflog.


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01. Okt. 2019
von Sonia Heldt
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26. Sep. 2019
von Anna Wronska
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Sprechen lernen: Die Rückkehr des Da-da-ismus

Nach „Dadada“ kommt die rhetorisch brillante Rede, ganz bestimmt. Aber wie lange dauert das?

Schon seit längerem sind die ersten Bücher unseres fünfjährigen Sohnes Ben wieder im Einsatz, mit Lukas (zwölf Monate) haben wir einen begeisterten Zweitnutzer. Und mich hat mit den teils schon ziemlich abgerockten Büchern aus dickem Pappkarton die Vergangenheit eingeholt. Ich habe kürzlich in diesem Blog darüber sinniert, wie schmerzhaft es ist, sich von bestimmten Phasen des Lebens mit kleinen Kindern zu verabschieden. Ich möchte präzisieren: Das galt nicht für die Phase, in der man ihnen täglich dieselben Bilder von Baustellenfahrzeugen zeigt, sie in „Fühlbüchern“ über Hasenfell-Imitate streicheln lässt und Pferdewiehern und Affenlaute nachahmt (wenn Sie eine Ahnung haben, wie Kaninchen und Igel machen, lassen Sie es mich wissen). Ich war froh, als wir diese Etappe mit Kind eins hinter uns hatten.

Nun ist es unser Zweitgeborener, der aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Alles, was bunt ist, Geräusche macht und sich bewegt, zieht ihn in seinen Bann. Den größten Gefallen tut man ihm, wenn man sich mit ihm im Buggy an eine Kreuzung stellt. Wenn das nicht geht, schaut er sich mit Vorliebe Bilder von Dingen an, die bunt sind, Geräusche machen und sich bewegen. Und er kommentiert alles, derzeit vornehmlich mit „Da da da“ oder „Ba Ba Ba“. Ja, es ist etwas Wunderschönes, wenn Kinder anfangen, sich auszudrücken, und Eltern sind darauf programmiert, sie dabei nach Kräften zu unterstützen. Die Welt mit Kinderaugen zu betrachten, tut sowieso allen mal ganz gut, heißt es.

Aber es macht auch sehr, sehr müde. Ständig sagen wir „Boah!“ und „Wow!“ und „Guck mal!“, obwohl wir kein bisschen beeindruckt oder überrascht sind. Wir machen uns zum Affen, suchen den Himmel nach Vögeln und Helikoptern ab, legen die Stimme eine halbe Oktave höher und plappern Babysprache – wohl wissend, dass man die eigentlich vermeiden soll, aber nicht in der Lage, das zu befolgen, weil diese Art von Dialog das Kleinkind einfach so köstlich amüsiert. Ich habe heute wieder dutzende Male Sätze zu Lukas gesagt wie: „Das ist ein Baum! BAUM!“ Und: „Wow, ein Doppeldecker!“ Und: „Donnerwetter, ein Betonmischer!“ All dies allerdings auf Polnisch (wussten Sie, dass „tatütata“ mit „I-o-i-o“ übersetzt wird?). Man glaubt gar nicht, wie viele Bäume, Doppeldecker und Betonmischer es in Berlin gibt, und Lernen geht bekanntlich am besten durch Wiederholung. Beim Spaziergang habe ich diverse Stöckchen, Kastanien und bunte Blätter in den Buggy gereicht und Lukas auch das an eine oder andere „Ba Ba Ba“ (hier: Auto) patschen lassen, denn durch Anfassen lernt man auch. Zurück zu Hause habe ich, bemüht um enthusiastische Betonung, Zeilen vorgelesen wie diese:

„Ben Bauer ruft: Auweia!

Alles voller Eier!“

Ich kann es nicht anders sagen: Man wird ein bisschen irre dabei. Denn man kommt aus dem „Guck mal, da da!“-Modus nicht mehr heraus. Vor etwa drei Jahren habe ich mich dabei ertappt, wie ich, an einer Baustelle vorbei radelnd, lauthals rief: „Boah, Bagger Bagger Bagger!“, bis mir auffiel, dass ich Ben an diesem Tag gar nicht mit hatte. Wenn wir früher auf dem Weg zur Oma an einer der riesigen Autobahnbaustellen vorbeikamen, waren wir jedes Mal selbst ein bisschen aufgeregt – und tief enttäuscht, wenn Baby Ben das Spektakel verschlief. Jüngst ist mir aufgefallen, dass mir nach besonders intensiven Tagen voller Gebrabbel, Kinderliedern und -reimen abends im Gespräch mit meinem Mann regelrecht die Worte für eine „erwachsene“ Unterhaltung fehlen. Aber das macht hoffentlich nur die Erschöpfung – oder hat jemand Informationen darüber, dass Rolf-Zuckowski-Musik das elterliche Gehirn zersetzt?

Damit das nicht falsch verstanden wird: Es ist total in Ordnung, dass das Entdecken und Sprechen lernen seine Zeit braucht. (In dem Moment, in dem ich das hier schreibe, ist von nebenan ein inbrünstiges „Da da da da!“ zu hören, und eine erwachsene Stimme erwidert: „Pa! Pa! Sag PA! PA!“ Darauf: Stille.) Vermutlich strengt es mich deshalb manchmal so an, Lukas dabei zu helfen, weil ich es mittlerweile gewohnt bin, mit unserem ersten Sohn „normal“ zu sprechen – und auf Deutsch, was es für mich noch mal einfacher macht. Ben hat nicht nur sehr früh sprechen gelernt, sondern auch einen enormen Wortschatz angesammelt, der mich bis heute manchmal erstaunt (an dieser Stelle ein herzlicher Gruß an die „Sendung mit der Maus“). Er kommentiert natürlich auch alles, nur eben auf höherem Niveau. Allerdings habe ich auch gemerkt: Mit den Gaga-Dialogen und stumpfsinnigen Büchern wird es mit den Jahren nicht durchgängig besser. Es gibt endlose Diskussionen, Rückfälle in Babysprache und auch fragwürdige neue Gesprächsthemen und Interessen. Bens absoluten Lieblingshit aus der Bücherei musste ich eben erst verlängern, weil er ihn gar nicht mehr hergeben möchte – er trägt den Titel „Der Kackofant“ und enthält zahlreiche eindrückliche Illustrationen. Das sagt einem vorher auch keiner, aber junge Eltern sollten es wissen: All die Wörter, die wir unseren Kindern liebevoll beibringen, nutzen sie später, um uns beim Abendessen eklige Dinge zu erzählen.

26. Sep. 2019
von Anna Wronska
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24. Sep. 2019
von Anna Wronska
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Die Melancholie der letzten Male

Nie wieder Krabbeln: Die ersten eigenen Schritte sind nur der Anfang von vielen kleinen Abschieden.

Abstillen, wie ging das noch mal? Ich habe es schon mal durch, aber im Moment erscheint es mir ein Ding der Unmöglichkeit. Während unser erster Sohn Ben (5 Jahre) mit sechseinhalb Monaten meine Brust immer weniger brauchte, denkt Lukas (zwölf Monate) gar nicht daran, diese komfortable Art der Nahrungsaufnahme aufzugeben. Mehrmals am Tag zeigt er mit einem resoluten „Da!“ auf mein Dekolleté, und wenn ich nicht schnell genug mein Shirt lüpfe, tut er es.

Das mag nach Still-Terror klingen, das Gegenteil ist der Fall. Ich liebe es. Trotz der 14 Zähne, die Lukas mittlerweile hat, trotz der zappelnden Füße, die je nach Stillposition in meinem Bauch oder in meinem Gesicht landen und trotz seiner aktuellen Angewohnheit, den Pinzettengriff an meiner nackten Haut zu trainieren: Wenn das Baby, an mich geschmiegt, mit seinen blauen Augen zu mir aufschaut und sich langsam ins Milchkoma nuckelt, empfinde ich so einen tiefen Frieden und eine solche Dankbarkeit, dass ich auch nach einem Jahr immer noch heulen könnte – und es je nach Tagesform auch tue.

Allerdings ist das Baby genau genommen kein Baby mehr. Es ist mit fast 13 Monaten offiziell ein Kleinkind. Das heißt nicht, dass ich es nicht mehr stillen kann, aber irgendwann hat es sich ausgenuckelt. Es wird wieder einer der Abschiede sein, derer es in den letzten Monaten schon so viele gab und die mir immer einen kleinen Stich versetzen: Die Schnuller habe ich schon vor Monaten mit einem Seufzen entsorgt, Lukas konnte nur in den ersten Wochen etwas damit anfangen. Die Strampler in Größe 50/56 warten abgepackt auf die nächste Schwangere in Familie oder Freundeskreis (sie sind ohnehin nicht sehr praktikabel, aber wer kann diesen niedlichen Teilen schon widerstehen?). Die ersten Rasseln und Spieluhren interessieren Lukas schon lange nicht mehr und kommen bald in einer großen Plastikkiste in den Keller unserer neuen Wohnung. (Die zwei positiven Schwangerschaftstests behalte ich aber! So.) Und bei jeder Aussortier-Aktion der Gedanke: Das war’s. Das Zeug werden wir nie wieder brauchen. Denn unsere Familienplanung ist abgeschlossen. Es sei denn, ich halte gerade irgendjemandes Neugeborenes auf dem Arm, in diesen Momenten fragt man mich lieber nicht danach.

Hermann Hesse wusste es, jeder weiß es: Keine Lebensstufe darf ewig dauern. Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Abschieden, ab dem ersten Tag, wenn man so will. Das ist total okay. Es gibt Dinge und Zeiten, die lässt man nur allzu gerne zurück. Den Zauber der ersten Monate und Jahre mit unseren Kindern hingegen würde ich gerne noch ein bisschen festhalten, und es macht mich traurig, dass ich es nicht kann. Denn auch wenn uns der Spruch zu den Ohren herauskommt: Die Zeit vergeht wirklich unsagbar schnell. Vor einem Jahr hatten wir unser zweites Bündel gerade ein paar Tage im Arm. Einen Wimpernschlag später ist es unvorstellbar, dass Lukas jemals so winzig war wie auf den Fotos aus dem Krankenhaus. Heute wackelt er mit seinem Windelhintern hinter seinem großen Bruder her durch die Wohnung und grinst schelmisch, wenn ich nicht schnell genug bin, um zu verhindern, dass er den Backofen auf Grillfunktion, 250 Grad, stellt.

Jetzt geht es also darum, diesen zwei großen Kindern zu einem eigenständigen Leben zu verhelfen, und das ist ein bisschen gemein, heißt es doch nichts anderes, als dass sie sich immer mehr von uns entfernen. Die Schulanmeldung für den Erstgeborenen liegt auf dem Wohnzimmertisch zum Unterschreiben bereit, der Kleine hat seinen Kita-Platz ab Januar sicher. Wenn er eingewöhnt ist, werde ich wieder anfangen zu arbeiten. Aus der Elternzeit zurück in den Working-Mum-Modus, und zwar diesmal für den Rest meines Berufslebens, das wird hart – ich sehe das an meinem Mann, der im Büro ebenfalls oft Sehnsucht nach seiner Familie hat oder sich Sorgen macht, nur fragt die Männer leider immer noch kaum einer danach.

Die Melancholie, die mich in letzter Zeit immer wieder befällt, rührt vermutlich auch daher, dass damit langsam eine Lebensphase zu Ende geht, die sich in weiten Teilen anfühlte wie ein schützender, friedlich-warmer Kokon um uns herum. Unsere Wohnung ein Saustall, aber eben auch ein Kuschelnest, ein Mikrokosmos, in dem es nur um die wirklich wichtigen Dinge geht (Klötzchentürme, Bilderbücher, Spaghetti-nur-mit-Butter-und-Salz), während das Böse draußen bleibt. Ich verkläre das natürlich völlig; es gab wahrlich auch hässliche Szenen und anstrengende Phasen, es gab wunde Brustwarzen, durchwachte Nächte, Berge dreckiger Klamotten, bange Stunden an kleinen Krankenhausbetten, Wutanfälle bei Groß und Klein. Es gab und gibt diesen Alltag, der uns und auch den Zauber manchmal aufzufressen droht. Aber am Ende eines jeden Tages liegen zwei gesunde, behütete Kinder unschuldig in ihrem Bett (oder in unserem), und in der Retrospektive legt sich so ein Filter in sanftem Pastell über die dunkleren Stunden, das hat die Natur schon sehr klug eingerichtet.

Und deshalb fühle mich irgendwie alt, wenn ich dran denke, dass ich nie wieder eine „frischgebackene“ Mutter sein werde. Dass wir mit den einschneidenden Entscheidungen und Ereignissen in unserem Leben durch sind: Ausbildung, Heirat, Kinder, Eigentumswohnung. Es ist so schön, bald ist es schon vorbei. Oh Gott, habe ich mit 34 schon eine Midlife-Crisis? Das darf nicht sein. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass neben all den letzten Malen ja immer noch viele, viele erste Male mit zwei – in Wahrheit noch sehr jungen – Kindern auf uns warten, aufreibende und schöne oder auch furchtbare, aber in jedem Fall Anfänge: erste Schultage, erste Klassenfahrten, erste Liebe, all das in doppelter Ausführung. Und die Abschiede haben einen Vorteil: Sie schaffen neuen Raum, vielleicht kehrt auch lang Vergessenes zurück! Vielleicht schlafe ich eines Tages wieder durch, vielleicht auch wieder in einem Bett mit meinem Mann. Vielleicht tut der Rücken nicht mehr so weh, wenn ich keine Kinder auf dem Arm trage, und ich trainiere mir meinen Babybauch endlich ab und werde eine unwiderstehliche Working-Mum, die im Büro wie auch zu Hause alles im Griff hat (okay, das wäre neu).

Immerhin, eine Sache bleibt bei aller Veränderung und allem Loslassen-Müssen beruhigend konstant. All jenen Lesern unter Ihnen, die sich vielleicht gerade winzige Bündel wünschen, welche erwarten oder schon welche haben: Fragen Sie sich manchmal, ob man die auch später noch genau so toll finden kann, wenn sie keine niedlichen Windelhintern mehr haben und es auch keine Bodys in ihrer Größe mehr gibt? Die Antwort ist: Man kann. Es wird schwerer, wenn sie anfangen zu müffeln, aber man kann.

24. Sep. 2019
von Anna Wronska
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17. Sep. 2019
von Janosch Niebuhr
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Vielleicht wird es nur eine Vier

Mit der Schulzeit beginnt auch die Zeit der Prüfungen – für viele Kinder eine harte Lektion in Erwartungsmanagement.

Es gibt eine Disziplin, die Eltern mindestens genauso gut beherrschen müssen wie Trösten – und das ist: Erwartungsmanagement. Man könnte es auch prophylaktisches Trösten nennen. „Was ist, wenn ich nur eine Vier bekomme?“, fragt unsere Mittlere, die gerade ihre erste Klassenarbeit an der neuen Schule geschrieben hat. So what! Das haben schon viele überlebt, außerdem gibt es Wichtigeres im Leben als das Ergebnis einer Deutsch-Klausur in der 5. Klasse! Aber ich beherrsche mich: „Also eine Vier bedeutet ‚ausreichend‘, das heißt dann, dass dein Ergebnis a-u-s-r-e-i-c-h-t.“ Ich spreche extra langsam und schaue sie dabei an, als ob ich etwas sehr Bedeutsames gesagt hätte. Unsere Tochter will daraufhin auch noch mal alle andere Schulnoten übersetzt bekommen. Ich weiß natürlich, dass sie das alles kennt, aber irgendwie scheint meine überflüssige Erklärung sie zu beruhigen.

Ein gutes Erwartungsmanagement erleichtert allen Beteiligten den späteren Umgang mit einer möglichen Katastrophe oder Enttäuschung. Aber es ist keine Erfolgs- beziehungsweise Frustvermeidungsgarantie. Genauso wenig wie Bestnoten in der Grundschule eine Garantie für Schulerfolg am Gymnasium sind. Das haben auch die Lehrerinnen und Lehrer beim ersten Elternabend gesagt, die Schulleitung hat es im Willkommensbrief geschrieben, und ältere Geschwisterkinder raunen es dunkel beim Frühstück aus vollen Müsli-Mündern („Das ist jetzt was gaaaaanz anderes“).

Unsere Mittlere ist eine sehr gute Schülerin, zumindest ist sie das bisher gewesen. In der Grundschule ist ihr das Lernen leicht gefallen. Ich habe jedenfalls nichts Gegenteiliges mitbekommen. Manchmal fand ich sogar, dass die Grundschulzeit den in diesem Alter ohnehin latenten Hang zum Größenwahn bei Kindern verstärkt, auch bei ihr. Jedenfalls will sie Schauspielstar werden. Das kann sie natürlich auch noch mit einer 4 in Deutsch werden, aber das werde ich ihr jetzt nicht sagen. Und ich werde ihr auch nicht sagen, dass wahrscheinlich sehr sehr sehr viele zehnjährige Mädchen Schauspielstar werden möchten. So viel Erwartungsmanagement muss dann doch nicht sein.

Überhaupt darf man es nicht übertreiben mit dem Erwartungsmanagement. „Wir machen jetzt eine Fahrradtour zusammen. Wir müssen 18,5 Kilometer auf einer Schotterpiste durch den Wald. Es wird anstrengend, ihr werdet schwitzen. Es gibt kein Eis unterwegs, sondern erst wenn wir am Ziel sind.“ Eine zu realistische Beschreibung raubt schnell die notwendige Energie und den Impuls zur Tat. Deshalb – selbst wenn es im Sinne eines ehrlichen Erwartungsmanagements angemessen wäre – niemals am Tag vor einer Klassenarbeit

  • das Kind über die zu knappe Vorbereitungszeit informieren,
  • über die auch nach dem Lernen noch klar erkennbaren Wissenslücken aufklären, oder
  • die Sinnhaftigkeit von Klassenarbeiten oder Benotungssystemen generell in Frage stellen.

Das kann man dann alles hinterher loswerden. Beim Trösten.

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17. Sep. 2019
von Janosch Niebuhr
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12. Sep. 2019
von Sonia Heldt
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Das bisschen Aufräumen… mach ich doch allein

Wenn sich das Chaos nicht lichtet, hilft nur eins: Eine Hausordnung muss her

Als ich unter der Dusche stehe, platzt mir der Kragen. Duschgel und Shampoo sind leer und die Flaschen stehen nur zu Dekoration in der Ablage. Klatschnass und frierend watschele ich aus der Duschkabine. Während ich das Badezimmer volltropfe und im Badschrank nach Nachschub suche, sinkt meine Laune gegen Null. In der Kaffeemaschine befindet sich nicht ein Tropfen Wasser und keine einzige saubere Tasse steht im Schrank. Die Spülmaschine ist schon längst durchgelaufen, muss aber ausgeräumt werden und daher türmt sich das dreckige Geschirr bereits wieder auf der Ablage. Ich sammele drei leere Wasserflaschen ein, bringen sie in den Keller, wische über die schmierige Arbeitsplatte und beseitige das Chaos. Im Flur räume ich fünf Paar Schuhe in den Schrank, hebe ein Paar Socken vom Wohnzimmerboden auf, richte die Decken auf dem Sofa und sammele auch hier Gläser, Schokoladenpapier und Zeitschriften ein. Es ist egal, welchen Raum ich betrete, die Arbeit ist bereits vor mir da und wartet nur auf mich. Gestern Abend, bevor alle nach Hause gekommen sind, sah hier alles noch tipptopp aus. Mir reicht es! Ich trommele meine Familie, bestehend aus Mann und zwei Töchtern, zusammen und brülle los: „So geht das nicht. Ich mache das nicht mehr mit! Bin ich denn der Depp für alle?!“ Ich halte eine Gardinenpredigt über Rücksichtlosigkeit, fehlende Wertschätzung und Faulheit. Als ich langsam wieder durchatme, springt mein Mann in die Offensive: „Du musst einfach früher was sagen und Aufgaben verteilen.“  

Es ist sein hilfloser Ansatz einer Verteidigung. Dabei geht es mir doch nicht um das Verteilen von irgendwelchen festen Aufgaben. Es existieren bereits Regelungen. Maya hat z.B. an den geraden Tagen Spülmaschinendienst, Lara an den ungeraden. Aber wenn die Mädchen in der Schule oder sonst wo sind, kann ich keine vier Stunden warten, bis die entsprechende Spülmaschinentochter zu Hause ist. Mal davon abgesehen, dass es ständig Diskussionen gibt, dass man die Spülmaschine aber nun nicht sofort ausräumen kann, weil man gerade an den Hausaufgaben sitzt. Oft mache ich es dann doch (auch wenn es unklug ist) selbst. Mein Mann hatte früher dafür Sorge zu tragen, dass die Mülltonnen an den Abfuhrterminen rausgestellt werden. Da ich aber wiederholt im Morgenmantel der Müllabfuhr mit meinen Tonnen hinterhergerannt bin, weil er die Abfuhrtermine einfach nicht auf die Kette bekam, denke ich auch hier lieber wieder selber daran. Und ich kann doch keinen Duschgel-Nachfülldienst oder Sockenaufräum-Dienst vergeben. Ist es so schwer, dass alle in diesem Haus einfach ihre Augen aufsperren, das Gehirn einschalten und erledigen, was gerade anfällt? Es sollte doch möglich sein, dass sich jeder zumindest für seinen eigenen Kram zuständig fühlt! Ich habe weder Lust, den ganzen Tag Aufgaben zu delegieren (das ist nämlich nicht minder zermürbend), noch in einem Saustall zu leben. Ich muss mich abreagieren und fahre zum Sport.    

Als ich wiederkomme, ist das Haus aufgeräumt und Maya, meine Elfjährige, überreicht mir feierlich einen Zettel. Meine Familie scheint sich während meiner Abwesenheit zusammengerottet zu haben. In einem Vertrag geloben die drei Besserung. Maya will nun immer den Tisch decken und die Küche aufräumen (außer nach dem Frühstück, denn das ist ihr morgens dann doch zu stressig). Meine Große verspricht, dauerhaft die Milch und Wasservorräte aus dem Keller zu holen und mein Mann will ab sofort jeden Abend seine Arbeitsunterlagen aus dem Wohnzimmer räumen und nichts mehr rumfliegen lassen. Und überhaupt: Ab jetzt wird alles besser werden. Versprochen! Am Ende hat jeder seine Unterschrift darunter gekrickelt.    

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12. Sep. 2019
von Sonia Heldt
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05. Sep. 2019
von Sonia Heldt
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Instagram und Snapchat: So kommuniziert unser Nachwuchs

Digital Natives kommunizieren nicht nur verbal, sondern auch mit Bildern. Das obligatorische Selfie gehört für sie selbstverständlich dazu.

Meine 15-jährige Tochter Lara sitzt mir am Esstisch gegenüber. Wir plaudern ein bisschen, während sie sich ein Toast mit Käse überbackt. Zwischendurch hält sie ihr Smartphone hoch, legt den Kopf schief und lächelt. Klick. Sie beugt den Kopf zur anderen Seite, etwas ernster. Klick. Dann drapiert sie ihr Toast auf dem Teller. Klick. Nebenbei unterhält sie sich mit mir und hämmert dabei mit fettigen Fingern auf ihrem Handydisplay herum. Multitasking. „Was soll das eigentlich?“, frage ich genervt, weil mir ihre ständige Fotografiererei auf die Nerven geht. „Ich kommuniziere mit meinen Freundinnen. Snapchat“, erwidert sie. „Du verschickst blöde Fotos“, sage ich. „Und das ununterbrochen.“ Lara seufzt, und weil sie gerade Zeit und gute Laune hat, bekomme ich von ihr einen kleinen Einführungskurs in die Welt der modernen U25-Kommunikation.  

Die junge Generation tauscht sich nämlich nicht ausschließlich verbal aus, sondern sie kombiniert Text- und Sprachnachrichten mit Bildern. Vorzugsweise benutzt sie dafür Snapchat, Instagram und Whatsapp. Snapchat erklärt Lara, bedeutet sozusagen „Ihr Fenster zur Welt“. Hier erfährt sie, wo eine Party steigt, wer sich gerade auf dem Weg ins Freibad befindet, oder an welcher Stelle sie ihre Leute in der Stadt antreffen kann. Dabei versucht sie möglichst regelmäßig mit ihren Freunden zu chatten, sonst verliert man auf Snapchat nämlich seine Flammen. Flammen? Chatten? Snapchat? Snapchat ist doch die App, mit der man lustige Hasenöhrchen-Selfies machen kann?! Manchmal, wenn ich mit Maja, meiner Elfjährigen, auf dem Sofa sitze – ungeschminkt, mit zerzausten Haaren und Augenringen – albern wir mit der App auf meinem Handy herum. Dem Snapchat-Filter ist es nämlich egal, wie ich gerade aussehe. Er zaubert mich in Nullkommanix schön: Makelloser Teint, perfekter Lidstrich, Kulleraugen und Kussmund. Maja und ich verwenden den Babyfilter, tauschen unsere Gesichter oder benutzen den Stimmverzerrer für ein Video. Dass die junge Generation aber eigentlich in erster Linie über Snapchat (im Grunde sagt es der Name aber schon!) kommuniziert, war mir nicht so klar.

Während wir alten Facebook-Hasen also langsam Instagram für uns entdecken und denken, wir wären modern und auf dem neuesten SocialMedia Stand, haben uns die Digital Natives schon längst wieder virtuell ausgesperrt und tummeln sich auf einer neuen Spielwiese. Sie schaukeln auf Snapchat und wir sollen ruhig weiter im Sandkasten spielen. „Snapchat ist ziemlich privat. Man kann einen Snap nur zweimal anschauen, dann ist er weg. Man entscheidet, wem man seinen Snap schicken möchte und blockiert die Leute, die ihn nicht bekommen sollen. Das geht bei Instagram nicht, weil man einfach zu viele Follower hat. Zu viele Stalker“, sagt Lara und grinst. Ich fühle mich angesprochen. Bei Snapchat bleibt man unter sich.      

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05. Sep. 2019
von Sonia Heldt
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02. Sep. 2019
von Martin Benninghoff
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Die Wutprobe

Nichts geht mehr – wenn das Kind nicht will.

Der Anlass nichtig, die Wirkung groß: Als Elias die mit Milch und Haferflocken gefüllte Frühstücksschale vor sich sah, war Schluss mit lustig. Erst schaute er entgeistert, dann brach sich die kindliche Empörung vollends Bahn. Nein, so nicht, die Milch hatte er doch selbst einfüllen wollen! Was von mir also als harmlose väterliche Dienstleistung gedacht war, hatte er als Affront verstanden. Weil er doch selbst einfüllen wollte. Mit allen Konsequenzen: Weinen, Schreien, rückwärts fallen lassen. Der Anfall dauerte danach fast eine Viertelstunde. Ein eher unakademisches Viertel.

Für Eltern mit einem Kind im Alter von zwei oder drei Jahren hat dieses Schreckensszenario einen Namen: Trotzphase. Kennt man, macht jeder durch, lässt sich nur schwer abstellen – raubt aber den letzten Nerv. Die Trotzphase beginnt – je nachdem – im Alter von anderthalb Jahren und kann dauern, die absolute Hochphase aber liegt um die Jahre zwei und drei. Die Hochphase zieht allerdings ziemlich runter, zumindest die Eltern, die ihr zuvor zuckersüßes Kind von einer anderen Seite kennenlernen, wenn sich der Junge im Supermarkt vorm Süßigkeitenregal auf den Boden wirft oder die Tochter im Restaurant einen Schreianfall bekommt.

Was die Sache nicht leichter macht: Man weiß ja genau, wo es herkommt: Der sich entwickelnde kindliche Intellekt drängt nach neuen Erfahrungen und sieht die Welt erstmals als Spielfeld, das sich durch das eigene Handeln steuern lässt. Das Kind will sich ausprobieren und nicht gebremst werden durch Regeln, die Erwachsene setzen, und die ihm unverständlich sind oder besser: bleiben müssen. Es ist vielleicht ein Trost für genervte Eltern, dass die Kinder vor allem deshalb bocken, weil sie sich im Kreise ihrer Eltern, ihren wichtigsten Bezugspersonen, sicher fühlen.

Es ist ja in diesem Alter so: Wenn Elias seinem geliebten Nachbarmädchen an den Haaren zieht, fängt es an zu weinen – was er wiederum als mindestens interessant, wenn nicht sogar spannend findet. Um zu verstehen, dass es dem Mädchen wehtut, müsste er etwas entwickelt haben, was meist erst nach dem dritten Lebensjahr entsteht: Empathie. Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, ist die Voraussetzung, um die Sinnhaftigkeit von Regeln zu begreifen. Bis sich das halbwegs entwickelt hat, ist Trotz die natürliche Reaktion eines Kindes, das seine kleine Welt plötzlich nicht mehr versteht, weil sich ein Wunsch nicht erfüllt, oder es etwas tun muss, das es partout nicht will.

So wie: Staubsaugerkabelaufrollen. Staubsaugerkabelausrollen. Überhaupt selbst Staubsaugen! Milcheinfüllen. Milchschütten. Überhaupt Schütten! Deckelaufschrauben. Deckelzuschrauben. Ganz allgemein Schrauben. Fensterheberbedienen. Autotüraufmachen. Besenschwingen. Gabelhalten. Gummibärchenessen. Eislutschen. Apfelsaftrinken. Und zwar nicht drei Gummmibärchen, sondern dreißig. Und nicht ein halbes Glas Apfelsaft, sondern am liebsten: literweise. Oder: Helfen beim Sachenzusammensuchen und Zimmeraufräumen.  Oder: nicht mehr zu seiner Freundin hinuntergehen, weil es gleich Abendessen gibt. Stattdessen: Zähneputzen!

In dem einen Fall muss das Kind also lernen, dass manche Dinge gerade nicht angesagt sind – und es manchmal wiederum Dinge gibt, die man, obwohl unangenehm, tun muss. Vertrackt. Wie soll man da den Überblick behalten, zumal, wie wir ja wissen, die Fähigkeit, sich in jemandes Gedanken hineinzuversetzen, fast noch gar nicht entwickelt ist? Es gibt deshalb auch keine Aussicht, mit Vernunftappellen oder intellektuellen Brücken, die man als Erwachsener zu bauen glaubt, die Situation zu entschärfen. Der Trotzanfall ist roh und ungeschminkt und im Brustton der Überzeugung vorgetragen, mitunter als Brustton der Verzweiflung bei nichtigem Anlass.

Wie reagieren? Die wichtigste Lektion als Erwachsener ist wohl die, sich nicht mit auf die Reise dieser emotionalen Achterbahnfahrt zu begeben. Ruhe bewahren, entspannt bleiben, lächeln – statt die Anspannung des Kindes in sich aufzunehmen und deshalb noch mehr Gereiztheit in die Situation hineinzugießen. Was allerdings verdammt schwer ist, zumal Trotzanfälle gerne morgens zwischen Aufstehen und Aufbruch ausbrechen, also dann, wenn Kinder und Erwachsene in ihren Routinen aus Zähneputzen, Frühstücken und Schuhebinden eigentlich geräuschlos funktionieren sollten. Just in jener halber Stunde Ruhe, die wir morgens vor der Arbeit zum Frühstücken haben, knallt Elias‘ Trotzanfall gerne dazwischen. Trotz-Kinder brauchen eben auch ihr Publikum, und beide Elternteile sind entweder abends oder eben morgens anwesend.

Wenn sich die Eltern durch diese Stimmung anstecken lassen, geht das Geschrei erst recht weiter. Milderung ist in Sicht, wenn Vater oder Mutter Verständnis zeigen und demonstrative Gelassenheit zur Schau stellen, sich vielleicht ein paar Meter wegbewegen, mal kurz in einen anderen Raum (in Hörweite) gehen oder das Kind einfach in den Arm nehmen. Jedenfalls die Situation kontrollieren, souveränes Verständnis zeigen, dabei aber klar die Regeln beachten und bei wichtigen Dingen nicht einknicken – und sich bei weniger wichtigen Themen flexibel zeigen. Zugegebenermaßen, das ist gar nicht so leicht, zumal man morgens ja durchaus selbst in Eile und deshalb ja nur bedingt entspannt ist.

Wenn alle Stricke reißen: besser in die neutrale Zone bringen. Bei Elias wirkt die Auszeit mit Wasserfläschen auf dem Bett wahre Wunder. Nach ein paar Minuten der Ruhe kühlt er gewöhnlich wieder schnell in seinen normalen Modus herunter – und kommt zu uns zurück ins Wohnzimmer, fast so, als sei nichts gewesen. Das ist ja sowieso das erstaunlichste Momentum bei der Kindererziehung: Wie schnell ein Kind so tun kann, als sei nichts gewesen – als Eltern ist man nicht mehr ganz so flexibel, und man reibt sich nur verwundert die Augen. Und ist erleichtert.

02. Sep. 2019
von Martin Benninghoff
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29. Aug. 2019
von Janosch Niebuhr
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Warum der Schulbeginn so teuer wie Weihnachten ist

Ehrlich, Papa, ich brauche das alles: Wenn die Kinder in die Schule kommen, wird es teuer.

Es gibt eine Zeit im Jahresverlauf, da sind Eltern von schulpflichtigen Kindern völlig wehrlos. Da kann man ihnen fast alles andrehen, aufschwatzen, aus den Rippen schneiden. Es ist die Zeit der ersten Wochen nach den Sommerferien, manchmal dauert diese Zeit auch länger. Besonders wenn – wie bei uns – „Übergangssituationen“ zu bewerkstelligen sind, in diesem Fall die Einschulung unserer Jüngsten in die 1. Klasse und der Übergang unserer Mittleren von der Grundschule ins Gymnasium. „Schulanfang“ ist im Grunde nichts anderes als die bewusst herbeigeführte Überforderung von Erziehungsberechtigten zum Zwecke der Gefügigmachung. Der Einzelhandel stellt sich darauf ein mit eigenem „Back to school“-Marketing, die Schulen und die Lehrkräfte auch, Schulvereine und Mensabetreiber und Bücherläden und Kioske und Bäckereien. Ja, sogar der Versandhandel scheint die günstige Gelegenheit abzupassen, auch wenn ich das nicht beweisen kann.

„Hallo Herr Niebuhr, haben Sie vielleicht einen Moment Zeit für ein exklusives Angebot?“ „Eigentlich…“ „Otto wird dieses Jahr 70 und möchte Ihnen fünf Euro schenken!“ Es sind diese Anrufe, die mich inzwischen an ein Schulanfangs-Komplott glauben lassen – kurz vor dem Abendbrot, die Kinder haben gerade die Ergänzungseinkaufslisten der Schulmaterialien bei mir abgegeben, außerdem braucht die Große neue Turnschuhe, die Mittlere eine Sporthose, die Sechsjährige will ein Smartphone (Hahahahaha! Träum weiter, Kind!). Nicht, dass ich irgendetwas davon jetzt bestellen würde. Ich will nichts, ich brauch nichts, und geschenkte Einkaufsgutscheine überfordern mich. Meine Frau hat mir schon oft empfohlen, meine Einwilligung für solche Werbeanrufe zurückzuziehen. Aber auch diesmal schaffe ich nur, das Problem zu vertagen: „Ich hab gerade überhaupt keine Zeit.“ „Wann würde es Ihnen denn passen? Vielleicht nächste Woche, dann können Sie in Ruhe überlegen und was Schönes aussuchen!“ „Ja, okay, nächste Woche.“ Ich mache eine völlig sinnfreie Terminangabe für einen weiteren Werbeanruf.

Woran liegt das? Warum fühle ich mich in diesen Schulanfangs-Wochen oft so hilflos und ausgeliefert und willige in Angebote und Anfragen ein, die ich unter normalen Umständen längst abgelehnt hätte? Warum kaufe ich einen Schreibmaterialien-Vorrat und verstaue ihn in irgendeiner Schublade, so dass die Kinder ihn garantiert nicht benutzen werden? Und was machen drei Kinder eigentlich mit zehnmal so vielen Radiergummis? Reicht das bis zum Abitur oder sogar noch bis zum Studienabschluss?

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29. Aug. 2019
von Janosch Niebuhr
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27. Aug. 2019
von Chiara Schmucker
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Alte Freunde, neues Baby – geht das im Urlaub?

Kenne dein Baby: Wenn es Abenteuer mag, ist es bei einem großen Freundeskreis gut aufgehoben.

Mittelhessen, 2017. Es ist halb neun, als ich mit einem Auge auf mein Handy linse. Viel zu früh zum Aufstehen. Viertel nach 11 – alles im Haus ist ruhig, ich drehe mich also noch einmal um. 12 Uhr 30. Ich habe Kaffeedurst und so schäle ich mich gezwungenermaßen doch einmal aus dem Bett. Im Wohnzimmer feixen mich meine Freunde an. Sie haben längst gefrühstückt, waren im Wildpark Rehe streicheln, dehnten sich bei einer Runde Kinderyoga und spielten schon etliche Matches Tischtennis, mit Finale. Sie haben die Kaninchen hinterm Haus entdeckt und dass der Supermarkt schon um 12 Uhr schließt. Sie waren einkaufen, haben Nudeln mit Tomatensoße gekocht und sich gewundert, was wir eigentlich so machen. Wir haben: geschlafen. Sie haben: Kinder.

Mallorca, 2019. Es ist halb 7, als mein Sohn sich zum ersten Mal mit seinem Füßen über mein Gesicht einen Weg durch das Bett zum Fenster bahnt. „Da!“ Hinter dem Fenster liegt erst der Spielplatz und dann das Meer. Da will er hin. Um viertel nach 11 haben wir geduscht, gefrühstückt, unsere Strandsachen gepackt, Max im Buggy zum Morgenschläfchen durch die Anlage gefahren, ihn zum zweiten Mal eingecremt, die Badesachen samt Buggy an den Strand gehievt, einen Babypool in den Sand gegraben, das 25. Mal den Sonnenhut wieder aufgesetzt, einmal im Pool und zwei Mal im Meer gebadet, einen Eiskaffee in der Strandbar getrunken, einen Zeitungsartikel dreimal angefangen und kein Mal fertiggelesen und dann alle Badesachen wieder ins Hotelzimmer geschleppt, etwas hektisch der Blick auf die Armbanduhr. Wir sollen schließlich zum Mittagessen bei der Clique im Ferienhaus sein. Als wir um 12.30 Uhr bei unseren Freunden ankommen, liegen sie auf Luftmatratzen im Pool oder noch im Bett. Keiner rührt sich.

Das Leben mit Kind ist nicht vergleichbar mit dem Leben, das man vorher führte, das haben wir längst gemerkt. Und obwohl Freunde es einem prophezeit haben, fragt man sich jetzt, womit man eigentlich seine Zeit verbrachte, bevor das Kind geboren war. Als man noch nicht nach jeder Mahlzeit die Wohnung grundsanieren musste. Als man noch nicht viele Stunden damit verbrachte, jemand anderen zum Einschlafen zu überreden. Als man im Urlaub nachts mallorquinischen Rotwein trinken konnte und den Tag mit einem Kaffee und ein paar Oliven in der Strandbar startete.

Es waren aber auch Zeiten, in denen man sich dann doch nie aus dem Bett quälte, um den Sonnenaufgang anzuschauen, der an vielen Orten der Welt einfach nur Wow ist. In denen man die Wochenenden mit Nichtstun oder Serienschauen verbrachte, viel zu viel arbeitete, zu wenig draußen war und sich viel zu häufig mit Dingen beschäftigte, auf die man eigentlich keine Lust hatte – Steuererklärung, Höflichkeitsbesuche, Pflicht-Zeitungsartikel lesen.

Seit wir Max haben, verbringen wir unsere Tage im Freien, spazieren barfuß durch den Sand, beobachten, wie der Essigbaum auf dem Balkon unbeirrt im Blumenkasten heranwächst, wohlwissend, dass er giftig ist und weichen muss, sobald Max’ kleine Hände bis hinauf reichen. Wir lernen, die Welt wieder durch Kinderaugen zu sehen, um Max die kleinen Wunder zu zeigen, denen wir täglich begegnen. „Siehst du die Katze? Sie schläft, so wie du auch oft. Schau mal, wie ihr Schwanz zuckt.“ Unser Leben ist klein geworden, einerseits, und irgendwie auch größer. Jeder Tag ist neu. Für Nichtstun bleibt uns einfach keine Zeit mehr.  

Max ist ein Abenteuer-Baby und liebt Action. Nirgendwo ist er so ausgeglichen wie auf chaotischen Flughäfen, an überfüllten Mittelmeerstränden oder in großen Gruppen Menschen, die Spielklötze aufsammeln, Türme bauen, Grimassen schneiden und mit ihm eine sehr vorhersehbare Form von Fangen spielen. Dennoch zögerten wir anfangs, ob wir wirklich fünf Tage lang zu zwölft mit zwei Babys in einem Ferienhaus mit Pool gut aufgehoben sind. Max ist sehr sozial, aber auch etwas raumgreifend. Wären die anderen nach einem Tag genervt von ihm? Würde er permanent versuchen, sich in den Pool zu stürzen? Müssten wir ihm auf Schritt und Tritt folgen, um Unfälle mit dem Grill zu verhindern und herumliegende Handys, Sonnenbrillen, Mückenschutzmittel und Urlaubsromane in Sicherheit zu bringen?

Unsere Sorgen zerstreuten sich bald: Wir passten bettenmäßig ohnehin nicht alle ins Haus, und so wählten wir mit unserem Hotelzimmer die Option „das Beste aus zwei Welten“. Im Ferienhaus waren immer genug Hände da, um Max und seinen Spielkameraden von Treppen, Grill und Feuerlöscher fernzuhalten. Der Pool interessierte die Kinder kaum – es gab genug andere Unterhaltung. Und wenn Max ausgepowert oder morgens früh wach war, konnten wir am Hotel unternehmen, wonach uns der Sinn stand: Baden, Klettern, die Strände erkunden, nach Palma fahren, Treppensteigen üben, die ersten Burgen bauen und kaputthauen, einkaufen, Laufen üben, Eiskaffee trinken.

Und eines überraschte uns dann am meisten: Wir hatten befürchtet, mit Baby nicht mehr bei der Feiergemeinde mithalten zu können, weil wir außer Übung sind und das Baby irgendwann ins Bett muss. Doch letztlich waren wir die Engagiertesten beim Abendprogramm, wir konnten einfach nicht genug bekommen. Das Baby schlief nebenan auf ein paar Polsterauflagen. Als wir eine Runde Limbo starteten, saßen die Nicht-Eltern um uns herum und hielten erstaunt ihre Handykameras auf uns gerichtet. Sie waren noch erschöpft davon, dass sie bis am Vortag im Büro gesessen hatten, und wollten erst mal chillen. Wir erinnern uns mit etwas Wehmut an diese Zeit zurück, die für uns erst einmal Vergangenheit ist. Auf uns warten jetzt Wildpark, Spaghetti Bolognese und Kaninchen hinterm Haus. Und irgendwie freuen wir uns sogar drauf.

27. Aug. 2019
von Chiara Schmucker
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20. Aug. 2019
von Anna Wronska
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Höhenflug für Helikopter-Eltern

Überfürsorgliche Mutter, erfolgreiche Tochter? Das mag hinhauen – aber darum geht es echten Helikopter-Eltern gar nicht.

Wir wohnen in der Einflugschneise eines Rettungshubschraubers, und wenn er sich knapp über unserem Dach knatternd in den Himmel schraubt, weiß ich, da ist gerade Hilfe für jemanden unterwegs, der sie dringend braucht. Ist das nicht eine tolle Erfindung? Davon abgesehen behält man in so einem Helikopter stets den Überblick über mitunter chaotisches Geschehen. Und nicht zuletzt habe ich eine Schwäche für Piloten. Also mag ich Helikopter.

Unglücklicherweise hat jemand mit dem Begriff „Helikopter-Eltern“ eine ziemlich gemeine neue Verknüpfung geschaffen. Eine offizielle Definition gibt es nicht, aber dem gängigen Verständnis nach handelt es sich dabei um überfürsorgliche Eltern, die ihr Kind ständig bewachen und es in ihrem SUV am liebsten bis ins Klassenzimmer chauffieren würden (warum sich angesichts dessen nicht der Begriff „SUV-Eltern“ etabliert hat, ist mir ein Rätsel – da käme doch gleich noch viel mehr Hass auf). So ein Erziehungsstil kann nicht gut sein für die Kinder, möchte man meinen, und tatsächlich haben die Autoren einer Studie vergangenes Jahr ein bedrückendes Bild gezeichnet: Indem Kinder von Helikopter-Eltern ständig und vor allem beschützt würden, anstatt eigene Erfahrungen machen zu dürfen, fehle dem Nachwuchs die Grundlage für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung.

Wissenschaftler unter anderem der Uni Yale kommen allerdings in ihrem Buch „Love, Money and Parenting: How Economics Explains The Way We Raise Our Kids“ zu einer viel positiveren Wertung. Demnach bringt die sogenannte Helikopter-Erziehung – verstanden als besonders „bestimmende“ oder „energische“ Auffassung von Kindheit und Erziehung – den Kindern ein Leben lang Vorteile, insbesondere im Hinblick auf Bildungschancen und Beruf. Die Forscher hatten für ihre Untersuchung betrachtet, wie 15-Jährige im PISA-Test abschnitten, und dies mit den jeweiligen Erziehungsstilen und dem Umgang in den Familien in Beziehung gesetzt. Es kam heraus: Je „intensiver“ die Erziehung, je mehr „Helikopter“ also, desto besser die Leistungen der Kinder.

Ich gebe zu, dass mir letztere Untersuchung (vom diskussionswürdigen Studiendesign mal abgesehen) argumentativ zunächst einmal recht gelegen kam. Denn wir haben zwar keinen SUV – darauf lege ich großen Wert – aber je nachdem, wie weit man die Definition des Helikopter-Eltern-Daseins fasst, bin ich wohl auch so eine Helikopter-Mutter. Ein riesengroßer Teil meines Denkens kreist um unsere zwei Söhne (fast fünf Jahre und fast ein Jahr alt) und ihr Wohlergehen, erst recht, wenn sie einmal nicht in meiner Nähe sind. Mein Mann und ich sind schon relativ überzeugt, dass wir am besten wissen, was gut für unsere Jungs ist. Wir versuchen, Ben und Lukas negative Erfahrungen zu ersparen, wo es geht. Wir stehen auf dem Spielplatz nicht direkt unter dem Klettergerüst, aber nie weit weg, auch beim großen Sohn nicht. Wir würden am liebsten immer sofort den Kinderarzt konsultieren, wenn einer von ihnen mal eine etwas härtere Landung hinlegt oder einen komischen Hubbel unter der Haut hat (meistens verkneifen wir es uns allerdings). Als Ben vor ein paar Monaten auf großer Kita-Reise war, konnten wir uns nicht wirklich entspannen.

Andererseits, ganz ehrlich: Bei welchen Eltern ist das nicht so? Ab wann beginnt eigentlich dieses Helikoptern? Es mag unter Eltern heute en vogue sein, sich gegenseitig seine Lässigkeit in Erziehungsfragen zu demonstrieren, nach dem Motto: „Och, der ist robust, der steht gleich wieder auf.“ Aber bei einer schonungslosen Selbstbetrachtung müssten sich wahrscheinlich sehr viele als Helikopter-Eltern bezeichnen – oder eben keiner. Denn wir hängen doch alle ziemlich an unseren Kindern und versuchen, Unheil von ihnen abzuwenden. Das ist auch nicht neu. Oder hat wirklich jemals einer sein Kind auf die Herdplatte fassen oder es auf der viel befahrenen Straße nach dem Ball jagen lassen, „denn sonst lernt es ja nicht daraus“? Klar: Früher gab es kein Handy, kein Whatsapp fürs Abstimmen von Abholzeiten und Treffpunkten und damit auch nicht die Versuchung, mal eben nachzufragen, wo der Junior ist und ob alles in Ordnung ist (keine Sorge, der Vierjährige hat noch kein Handy). Kinder waren den ganzen Tag irgendwo draußen unterwegs und sowohl der Nachwuchs als auch die Eltern haben es in der Regel überlebt. Aber soll man heute auf solche Hilfsmittel verzichten, nur um sich oder irgendjemandem zu beweisen, wie entspannt man ist? Traut ein Kind, das sich beschützt fühlt, sich automatisch selbst nichts zu? Ist die Welt so ein vertrauenswürdiger Ort, dass man sich als Erziehender nur selber lockermachen muss, dann wird alles gut?

Ich bin also geneigt, einen gewissen Grad an „Helikopterei“ zu verteidigen. Dennoch ist mir bei der oben genannten Untersuchung bei näherer Beschäftigung mit dem Thema etwas übel aufgestoßen, und zwar die explizit „ökonomische“ Betrachtung: Es geht um die Folgen des Erziehungsstils speziell für die Leistungsfähigkeit der Kinder – wobei im Buch keine Kausalität bewiesen wird, nur eine Korrelation. Sicher, es wird sich wohl kaum ein Elternteil beschweren, wenn sein Kind im Leben erfolgreich ist. Aber ist das wirklich das Ziel einer (über-)fürsorglichen Erziehung? Es mag naiv von mir sein, aber ich behaupte: Mein Antrieb in der Erziehung, ob überängstlich oder nicht, ist nicht, dass meine Kinder einen Doktortitel und ein dickes Bankkonto haben. Mein Antrieb ist diese unsagbar große Liebe zu diesen kleinen Menschen, die die Natur in mich eingepflanzt hat und der ich ausgeliefert bin. Ich will nicht nur, dass sie am Leben bleiben, sondern auch, dass ihnen niemand etwas Böses zufügt und dass sie glücklich werden, egal in welchem Beruf und in welcher Einkommensklasse. Ich habe das Bedürfnis, dafür alles in meiner Macht Stehende zu tun. Und solange ich dabei niemand Drittem schade, verbitte ich mir Spott und gehässige Kommentare dazu.

Ich weiß aber auch: Die Gefahr ist groß, dass sich meine Motivation um das Thema Leistung/Erfolg erweitert, sobald die Kinder in die Schule kommen, sobald der Leistungsdruck von außen kommt. (Deshalb überlegen wir auch gerade, unseren Großen noch ein Jahr von der Schule zurückzustellen, aber das ist ein anderes Thema.) Natürlich wollen wir dann, dass sie bestehen in einer Welt, in der es immer mehr Ungleichheit zu geben scheint, in der es vermeintlich fast nur noch „die da unten“ oder „die da oben“ gibt und immer weniger Mitte. Die Wissenschaftler selbst legen dar, dass der Hang zum Helikoptern mit dem Grad der wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten innerhalb einer Gesellschaft zunehme. Die Eltern erhöhten den erzieherischen Druck, um zu verhindern, dass ihre Kinder abgehängt werden. Letztlich also auch schlicht aus Liebe zu ihnen. Damit schließt sich der Kreis. Gleichwohl sind Kinder der Untersuchung zufolge gerade dann am erfolgreichsten, wenn ihre Helikopter-Eltern sie nicht autoritär bevormunden, sondern den Nachwuchs autoritativ davon überzeugten, das Richtige zu tun. „Helikoptern light“, sozusagen.

Das zeigt: Eltern haben stets Spielraum in der Frage, wie sie das Helikoptern in der Praxis auslegen und ausleben – ob sie „nur“ beschützen oder kontrollieren, ob sie „nur“ liebevoll mahnen oder bestrafen, ob sie mit Motivation oder mit Zwang arbeiten. Und auch in der Frage, welche Werte und Regeln sie ihnen für den Umgang mit ihren Mitmenschen in der Leistungsgesellschaft vermitteln. Ich traue mir derzeit zu, dass ich meinen Söhnen später, bei aller Fürsorge, keine Whatsapp-Nachrichten in den Unterricht sende, unliebsame Lehrer verklage oder Lückentexte selber ausfülle. Mit dem Stempel „Helikopter-Mutter“ kann ich leben. Aber ich hoffe, mir sagt jemand Bescheid, wenn ich versuche, zugunsten der „Performance“ meiner Kinder rücksichtslos alles aus dem Weg zu räumen, das sich mir oder ihnen in den Weg stellt. Für jene Elternspezies gibt es übrigens auch schon eine Wortschöpfung, die ein eigentlich sehr nützliches Utensil verunglimpft: „Rasenmäher-Eltern“. Gemein, oder? So eine tolle Erfindung.

20. Aug. 2019
von Anna Wronska
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15. Aug. 2019
von Sonia Heldt
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Babysitter, verzweifelt gesucht

Gute Babysitter sind schwer zu finden – und schenken den Eltern Freiheit.

Wenn Paare zu Eltern werden, bedeutet das immer eine riesige Veränderung für die Partnerschaft. Kinder bestimmen viele Jahre unseren Tagesablauf und rauben uns einen großen Teil unserer Freiheit. Vor allem in den ersten Monaten und Jahren stellt ein Kind die Welt seiner Eltern auf den Kopf. Eine Zeit, in der ich wenig Verlangen verspürte, am Wochenende in High-Heels und Abendkleid zu schlüpfen um Sekt schlürfen zu gehen, da meine Energie nicht mal für Jeans, Turnschuhe und Kino ausgereicht hätte. In Ruhe duschen oder mit der Freundin ungestört einen Kaffee trinken bedeuten für viele Mütter mit kleinen Babys und Kleinkinder schon Luxus.

Dennoch kommt irgendwann der Moment, in dem man abends doch mal wieder vor die Tür gehen will. Zu zweit, als Paar. Wohl dem, der Großeltern in unmittelbarer Nähe wohnen hat, ein gutes Verhältnis zu ihnen pflegt und somit den idealen Babysitter besitzt. Uns fehlte damals beides: Entweder ich musste eine halbe Weltreise zu meiner Mutter antreten oder ich hätte über meinen Schatten springen und meine Schwiegereltern fragen müssen, zu denen die Beziehung viele Jahre schwierig war. Zudem empfand ich den Aufwand, meine Kinder mit Sack und Pack woanders hin zu karren und sie am nächsten Tag abholen zu müssen, unangemessen und lästig. Meine Kinder sollten in ihren eigenen Betten einschlafen und aufwachen. „Kennst du einen guten Babysitter“?“, fragte ich mich durch den Bekanntenkreis. „Nein, wir suchen auch. Wenn ihr einen findet, dann sagt mal Bescheid.“

Je kleiner die Kinder sind, desto schwieriger die Suche nach jemanden, dem man sein Kind anvertrauen möchte. Das Bauchgefühl muss stimmen, wenn ich eine fremde Person in mein Leben und in meine vier Wände lasse. Nichts kann Eltern den Abend so sehr verderben wie das ständige Kopfkino und die Sorge, dass es dem Nachwuchs gerade nicht gut gehen könnte. Meine Jüngste, Maya, war ein totales Mama-Kind, das nie von meiner Seite wich, fremdelte und sehr lange brauchte um aufzutauen. Die Hoffnung, für meine damals Dreijährige einen geeigneten Babysitter zu finden, hatte ich langsam aufgegeben. Ihre ältere Schwester Lara war in der Hinsicht immer schon pflegeleichter und offener und stellte nie ein Problem dar. Wir suchten aktiv, aber die Babysitter-Vermittlungen auf Onlineportalen überzeugten mich nicht. Mir fehlten im Vorfeld ein Bild und der persönliche Eindruck der Person, und ich hatte auch keine Lust, massenhaft Vorstellungsgespräche zu veranstalten.

Eines Tages holte ich Maya vom Kindergarten ab und wunderte mich. Maya saß im Abschlusskreis auf dem Schoß einer neuen, jungen Praktikantin. So schnell und innig ließ sie sich selten auf neue Bezugspersonen ein. Aber zu Katharina, der siebzehnjährigen Praktikantin, hatte sie sofort Vertrauen gefasst. Katharina strahlte eine angenehme Ruhe aus und wollte Erzieherin werden. Nach einiger Zeit sprach ich sie auf den Babysitter-Job an, und so kam sie zu einem ersten Probe-Nachmittag zu uns. Wir hatten sofort ein gutes Gefühl mit ihr. Ab diesem Zeitpunkt gönnte ich mir mit meinem Mann wieder mehr oder weniger regelmäßige Dates. Die Mädchen freuten sich immer sehr auf die Abende mit Katharina. Schon Tage vorher überlegten sie, welche Bücher sie mit ihr lesen, welchen Film sie mit ihr schauen und welche Spiele sie mit ihr spielen könnten.

Auch für meinen Mann und mich waren die Auszeiten etwas Besonderes, allein aus Kostengründen. Jede Stunde länger im Restaurant oder bei Freunden verteuerte den Abend, wenn das Babysitter-Taxameter lief. Deswegen – und auch aus Rücksicht auf Katharina und weil wir wegen der Kinder sowieso nie richtig ausschlafen konnten – zogen wir die Abende nie unnötig in die Länge. Und dann gab es da die Tage, an denen wir eigentlich keine Lust hatten, das Haus überhaupt zu verlassen. Ich erinnere mich an einen verregneten, kalten Novemberabend, den mein Mann und ich lieber im Jogger vor der Glotze verbracht hätten. Wir waren müde und lustlos, wollten Katharina aber nicht absagen. Schließlich hatte sie sich diesen Abend für uns freigehalten. Sie war immer zuverlässig und auf die Minute pünktlich, im Gegenzug wollten auch wir ihr eine gewisse Planungssicherheit bieten. Unter keinen Umständen wollten wir sie vergraulen. Aus lauter Not sahen mein Mann und ich uns im Kino einen Film an, den wir eigentlich gar nicht sehen wollten, und versuchten anschließend die Zeit im Auto totzuschlagen. Letztendlich fuhren wir nach Hause, entschuldigten uns zerknirscht für unsere vorzeitige Rückkehr und bezahlten entsprechend mehr.   

Erst nach dreizehn langen Jahren erlangten wir unsere Freiheit und Spontanität endlich wieder. Maya war neun, Lara fast dreizehn. Wir hatten Karten für ein Popkonzert, auf das ich mich schon ewig freute. Ich hatte verschwitzt, Katharina Bescheid zu geben, und ärgerte mich. Nun waren wir abhängig von ihrem Terminplan. Würde sie nicht können, müssten wir das Konzert abblasen oder uns andere kreative Wege suchen, die Kinder unterzubekommen. Vielleicht könnte die Nachbarin? Oder die Mädchen könnten bei ihren Freundinnen übernachten? Während ich laut nachdachte, verkündete Maja ganz nebenbei: „Ich kann mit Lara allein zu Hause bleiben.“ Hatte ich mich verhört? „Wirklich?“, fragte ich ein paarmal sicherheitshalber nach. Ich sagte ihr, dass wir vierzig Autominuten entfernt und während des Konzerts nicht erreichbar sein würden. Ich wollte auf jeden Fall mit offenen Karten spielen. Dies bedeutete eine Chance! Wenn dieser Abend funktionierte, würde sich unsere Freizeitgestaltung in Zukunft erheblich vereinfachen. Zwar hätte ich lieber klein angefangen, etwa mit einem Restaurantbesuch in der Nähe, schnell erreichbar für den Notfall, aber Mayas Angebot war einfach zu verlockend, als dass ich es hätte ausschlagen können. Außerdem war Katharina inzwischen längst mit ihrer Ausbildung fertig und arbeitete Vollzeit als Erzieherin. Uns war klar, dass sie nicht mehr ewig zu uns kommen würde.

Wir unternahmen alles, um die Premiere unseres Babysitter-freien Lebens so optimal wie möglich zu gestalten. Ich besorgte Popcorn, Chips, Gummibärchen, kaufte den Film auf DVD, den Maya immer schon einmal anschauen wollte und erlaubte den Mädchen so lange aufzubleiben, wie sie wollten. Ich gab von unterwegs Updates per Whatsapp: „Sind jetzt da und gleich nicht mehr erreichbar.“ Ich genoss das Konzert so sehr, dass ich vergaß mir Sorgen zu machen. Was sollte auch passieren? Maya war längst alt genug, um mit ihrer Schwester allein zu Hause zu bleiben. Nach dem Konzert, noch in der Schlange zur Garderobe, meldete ich mich sofort bei meinen Töchtern: „In einer dreiviertel Stunde sind wir zurück.“  Die Mädchen schickten Fotos, auf denen sie mit ihren Popcornschüsseln in der Hand vor dem Fernseher hockten. Sie hatten einen tollen Abend! Wir hatten einen tollen Abend! Alles war perfekt gelaufen.

Zuhause rechnete ich spaßeshalber die gesparten Betreuungskosten zusammen und freute mich. Jahrelang mussten wir auf Einladungen mit „Wir kommen gerne, vielleicht aber nur einer von uns, falls unsere Babysitterin nicht kann“, reagieren. Nun konnten wir einfach zusagen. Sogar spontane Spaziergänge mit anschließender Einkehr in den Biergarten wurden wieder möglich, selbst nach Einbruch der Dunkelheit. Maya blieb tagsüber auch ohne ihre Schwester alleine zu Hause. Wir rückten als Paar wieder zusammen. Waren nicht mehr nur Eltern.

Inzwischen sind meine Töchter elf und fünfzehn. Mein Mann und ich können das Haus allein verlassen, wann immer wir wollen. Zu Katharina pflege ich noch losen Kontakt, gratuliere ihr zum Geburtstag und schicke hin und wieder Fotos von den Mädchen. „Wahnsinn, wie groß die schon sind“, schreibt sie dann zurück. In diesem Sommer hat sie geheiratet. Sie im Brautkleid zu sehen war für mich sehr emotional. Ich erinnerte mich an die vielen Abende, an denen wir Katharina schlafend auf unserem Sofa vorfanden, begraben unter ihren Fachbüchern, geschlaucht von der Woche und der Lernerei. In all den Jahren hat sie uns nicht ein einziges Mal im Stich gelassen. Sie war ein Glücksfall. „Wenn du irgendwann mal einen Babysitter brauchst“, schrieb ich mit unseren Hochzeitswünschen, „dann melde dich. Lara und Maya übernehmen den Job gerne!“ Denn ich weiß, wie schwierig die Suche nach einer Person ist, der man mit gutem Gefühl sein Kind anvertrauen möchte.

15. Aug. 2019
von Sonia Heldt
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06. Aug. 2019
von Sonia Heldt
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Mama, ich will nach Hause!

Auch bei Schwestern kann das Heimweh extrem ungleich verteilt sein: Die eine hat’s, die andere nicht.

Lara fährt weg. 14 Tage. Betreute Feriengruppenreise nach England. Wie die meisten Eltern gebe ich Standardsätze von mir: „Melde dich, wenn du angekommen bist“ ; „Wenn irgendetwas sein sollte…“ ; „Und pass auf, wenn…“  Meine Tochter rollt die Augen. Auf Sorgen reagieren Fünfzehnjährige generell allergisch. Selbstverständlich auch meine. Dennoch will ich wenigstens ein Minimum meines Repertoires an Ratschlägen, Warnungen und Bitten loswerden und hoffe, dass sie wenigstens ab und zu mal etwas von sich hören lässt.

Ich weiß, wie sehr sie sich auf die Reise freut. Weg von Zuhause. Neue Eindrücke. Neues Land. Neue Leute. Sie liebt das. Heimweh?! Ein Wort, das in ihrem Sprachgebrauch nie vorkam, auch nicht als sie kleiner war. Egal ob Abschlussfahrt im Kindergarten, Klassenfahrt in der Schule oder die ersten Bauernhofferien mit der Freundin mit neun Jahren. Für sie bedeutete Verreisen immer schon pures Abenteuer, in das sie sich nur allzu gerne stürzte. Seit sie zehn ist, legt sie nicht einmal mehr Wert auf die Begleitung einer Freundin. Sie benötigte keine vertraute Person an ihrer Seite, um sich in der Fremde wohlzufühlen. „Ich habe doch die Pferde und bin da sowieso nicht richtig allein“, stellte sie klar, als ihre Cousine sie dennoch in einem Sommer auf die Reiterferienwoche begleitete. Und während die Cousine an dem ein oder anderen Abend vom Heimweh geplagt wurde, verstand meine Tochter die Welt nicht mehr. Es war doch alles super auf dem Hof! Jeden Tag Ausreiten! Rund um die Uhr Programm! Und die Woche sowieso viel zu kurz! Immerhin lief sie uns am Abholtag freudig in die Arme. Aber nur, weil sie unbedingt ihr Pflege-Pferd und den Hof zeigen wollte, nicht weil sie uns so vermisst hatte.

Als in der fünften Klasse eine Klassenfahrt anstand, war Lara reisetechnisch bereits ein alter Hase. Erwartungsgemäß hörten wir die ganze Woche nichts von ihr. Selbstverständlich hätte ich gerne gewusst, wie es ihr geht und gefällt, aber auch Eltern müssen mal eine Woche ohne ihr Kind aushalten können. Solange man nichts hört, ist alles in Ordnung. Uralte Regel! Und ich war froh darüber, dass Lara nie vom Heimweh geplagt wurde. Wer will schon sein Kind leiden sehen?  Dennoch war ich ein klitzekleines bisschen beleidigt, als ich am Tag der Rückkehr neben den anderen Eltern auf dem Parkplatz stand und auf den Bus mit den Kindern wartete. „Nele hat mich jeden Tag angerufen. Sie hatte Heimweh“, sagte die eine Mutter. Die andere: „Emely hat sich bei mir nur alle zwei Tage per Whatsapp gemeldet, aber dafür einmal angerufen.“ Ich bekam von den anderen Eltern Vorabinfos über die Ausflüge, die Zimmerverteilung und kleinere Anekdoten, die auf der Klassenfahrt stattgefunden hatten, noch bevor ich sie von meiner Tochter selbst erfahren konnte. Während wir dort rumstanden, trudelten nach und nach Nachrichten auf den Handys ein. „Melina fragt, ob ich schon da bin.“; „Julian hat geschrieben, dass der Bus gerade von der Autobahn runterfährt.“ Und dann – ich konnte es kaum glauben – ging auch bei mir eine Nachricht ein. In Erwartung eine Mama-ich-freu-mich-auf-dich-Nachricht oder ähnlich Nettes zu erhalten, las ich Laras Mitteilung: „Hi Mama, ich will mir eine App runterladen. Ist das okay?“  

Natürlich trage ich meiner Ältesten die fehlende Sehnsucht nach Hause nicht nach. So ist sie einfach. Neugierig, abenteuerlustig und immer gerne auf neuen Wegen unterwegs. Maya, meine Elfjährige, ist dafür das genaue Gegenteil zu ihrer stets fernwehgeplagten Schwester. Natürlich hat auch sie schon an Klassenfahrten und sogar an der, damals obligatorisch stattfindenden, Kindergartenabschlussfahrt teilgenommen. Fahrten, die für sie okay waren, weil die Freundinnen mitfuhren und die Länge der Reisen überschaubar war. Trotzdem war sie froh, wenn die Tage überstanden waren. Allein das fremde Essen in den Jugendherbergen verursachten ihr im Vorfeld Kopfzerbrechen. Für sie ist es zu Hause immer noch am schönsten. „Ich will nach Hause“, seufzt sie in regelmäßigen Abständen, selbst während des schönsten Familienurlaubs. „Ich will in mein eigenes Bett. In mein Zimmer. Alles soll wieder normal sein. Ich vermisse unser Haus.“

Ich würde Maya nie zu einer Ferienreise drängen, litt ich als Kind doch selbst schlimm unter Heimweh. Ich habe unschöne Erinnerungen an einen sechswöchigen Kuraufenthalt, zu dem mich meine Mutter kurz vor meiner Einschulung schickte. Ich wurde noch auf der Reise dorthin krank, und die sechs Wochen kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Auch die Feriengruppenfahrten, die ich die Jahre danach antreten musste, waren mir jedes Jahr aufs Neue ein Graus. Meine Mutter wollte mir damals etwas Gutes tun und mir eine gute Zeit ermöglichen. Vielleicht weil sie selbst als Kind so unheimlich gern auf Kinderfreizeiten fuhr, von denen sie noch heute in den buntesten Farben schwärmt. Doch mein Heimweh war damals einfach zu groß, als dass ich heute gerne auf diese Zeit zurückblicken könnte. Ich würde meiner Tochter das niemals antun wollen. Statt lustiger, atmosphärischer Abende am Lagerfeuer sind Kummer und das Gefühl des Verlorenseins in meinem Gedächtnis haften geblieben. Erst im fortgeschrittenen Teenageralter zog es mich irgendwann von selbst in die Ferne.

„Wenn ich erwachsen bin, möchte ich in einem Haus in der Nähe meiner Familie wohnen“, schrieb Maya letztens in ein Freundschaftsbuch auf die Frage, wie sie sich ihre Zukunft vorstelle. „Ich bin froh, wenn ich irgendwann mal ausziehen kann. Am besten in eine WG in einer richtig coolen Großstadt wie Amsterdam oder Berlin“, ist dagegen Laras Aussage. Jedes Kind besitzt ein anderes Gemüt und sollte nicht unter Zwang über seinen Schatten springen müssen. Daher bleibt Maya die restlichen Ferienwochen zu Hause, in ihrer bevorzugten, vertrauten Umgebung, während ihre große Schwester nur allzu gern Urlaub vom Gewohnten und der Familie macht.  

„Sag mal, was mache ich eigentlich, wenn ich in England mit meinem Internet Highspeed Volumen nicht auskomme?“, fragte Lara kurz vor der Abfahrt. „Dann meldest du dich und wir kümmern uns darum. Kannst ja anrufen“, sagte ich fröhlich. Sie wird sich diesmal bei uns melden, da bin ich mir ganz sicher!

06. Aug. 2019
von Sonia Heldt
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