Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

13. Sep. 2021
von Matthias Heinrich
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Warum mir keine Katze ins Haus kommt

Katzen wie Kleiner Fuchs gehören in Griechenland zum Bild. Aber vergnüglich ist es nicht, beim Essen zuzusehen, wie sie eine Eidechse vertilgen. Foto Privat

Ich kann es nicht leugnen, ich mag keine Katzen. Schon als Kind waren mir die Biester unheimlich. In einem Moment streichen sie dir um die nackten Beine, schnurren, lassen sich streicheln, um dir urplötzlich und ohne Grund die Krallen in die Haut zu schlagen. Nein, um Katzen mache ich einen Bogen. Hunde sind mir lieber. Treu, brav und berechenbar, des Menschen bester Freund eben. Wir hatten früher immer Hunde.

Jetzt sind wir Eltern und haben keinen Hund, selbstverständlich keine Katze und auch sonst kein Haustier. Dabei fordern unsere Kinder, Theo (8) und Frida (6), regelmäßig: „Papa, ich möchte einen Hund.“ Oder fragen: „Papa, warum kriegen wir kein Haustier?“ Die Antwort ist einfach: Weil ihr euch nicht drum kümmern werdet, basta. Wir erleben es bei Bekannten: Nach spätestens zwei Wochen ist das Interesse am Hund, der vorher noch total süß war, verflogen. Dann gehen Mama und Papa mit dem Bello Gassi, weil die Kinder kein Interesse mehr an dem armen Tier haben. Ich möchte keinen Hund, weil ich keine Lust habe, mich um ihn zu kümmern. Wenn wir einen hätten, würde ich mich kümmern müssen.

Es gibt allerdings noch einen zweiten, ähnlich pragmatischen Grund, warum wir keine Haustiere und vor allem keinen Hund haben. Einmal im Jahr fliegen wir nach Kreta in den Urlaub. Hätten wir einen Hund, müsste er entweder mitfliegen oder jemand müsste sich während unserer Abwesenheit seiner annehmen. Beides wollen meine Frau und ich dem armen Kerl nicht zumuten. Wenn ich sehe, wie andere Touristen auf Flughäfen ihre verängstigten Hunde in diese engen Miniboxen verfrachten, tut mir das jedes Mal weh. Genauso unerträglich ist die Vorstellung, einen Hund für zwei oder mehr Wochen in die Obhut eines anderen zu geben. Ich möchte mir nicht ausmalen, welche Sehnsucht das Tier nach seiner Familie hat.  

Jetzt zu Kreta. Die größte griechische Insel ist berühmt für die Sonne, die Strände, die Berge, Sirtaki, die griechische Gastfreundschaft und ihre Katzen. Wer auf Kreta in einer Taverne isst, egal wo, kann sich darauf verlassen: Spätestens zwei Minuten, nachdem das Essen auf dem Tisch steht, tauchen aus dem Nichts mindestens eine, oft aber auch drei, vier Katzen auf. Sie belagern den Tisch.

Die Situation der meisten Katzen auf Kreta ist prekär. Es sind arme, zerzauste Kreaturen, sie leben mehr oder weniger wild, werden weder gefüttert noch medizinisch versorgt. Sie sind unterernährt, krank und tun mir unendlich leid. Trotzdem möchte ich sie nicht an meinem Tisch haben und darum verscheuche ich sie, den Protesten meiner Kinder zum Trotz.

In diesem Jahr hatten wir eine Unterkunft, in der drei Jungkatzen lebten. Wir hatten gerade im Schatten auf unserer Terrasse Platz genommen, genossen den Blick aufs Libysche Meer und wollten essen, als das Trio um die Ecke kam. Ich seufzte, aber unsere Kinder waren verzückt. Sie gaben den Tieren sofort Namen: Die Schwarze hieß Blacky, die Schwarz-Weiße Flecki und die Jüngste tauften sie Kleiner Fuchs. Nach dem Essen spielten die Kinder mit den Katzen.

Nachdem mein erster Ärger über die drei Biester verflogen war, (sie hatten versucht, unseren Tisch zu entern und waren dabei äußerst dreist, vor allem Roter Fuchs schien keinerlei Respekt vor mir zu haben, so dass ich ihn erst mit einem Spritzer Wasser verscheuchen konnte), sah ich mir die drei Tiere genauer an. Alle waren gesund, ihr Felle glänzten, ihre Augen waren klar. Trotzdem bestanden wir darauf, dass sich unsere Kinder nach jedem Kontakt mit den Katzen gründlich die Hände wuschen.

Die Katzen waren von jetzt an regelmäßig bei uns. Am nächsten Tag kam ein junges Mädchen vorbei. Es sagte, dass es jetzt nach Deutschland flöge und übergab Theo und Frida bedeutungsschwer eine Packung Katzenfutter. Sie nahm den beiden das Versprechen ab, Blacky, Flecki und Kleiner Fuchs damit zu füttern. Ich seufzte: Bis zum Ende unseres Urlaubs waren wir damit für Katzenfutter zuständig…

Wir stellten den Kindern eine Bedingung: Sie durften die Katzen füttern, aber nur auf einer Wiese, die weit von unserem Quartier entfernt war. Das klappte natürlich super: Die Kinder fütterten die Katzen auf der Wiese und kamen in Begleitung der drei zurück. Unsere Haustür war für die Katzen im Übrigen keinesfalls Endstation. Vor allem Kleiner Fuchs kannte keine Tabus. Mehrmals musste ich ihn aus unserem Haus jagen. Das schien sein Verhältnis zu mir aber kein bisschen zu belasten.

Beim nächsten Abendessen war das Trio wieder da und versuchte, den Tisch zu entern. Dieses Mal griff ich zum Wasserschlauch und konnte die Katzen vertreiben – für etwa zwei Minuten. Sie kamen zurück, hielten aber immerhin etwas Sicherheitsabstand. An einer Mauer erweckte plötzlich etwas ihr Interesse. Es war eine Eidechse. Das arme Tier war schnell, aber nicht so schnell wie Blacky. Die Katze erwischte das Reptil.

Auch das beste Essen, frisches, sonnengereiftes Gemüse, griechischer Feta und butterzartes Lamm schmeckt nur halb so gut, wenn in acht Metern Entfernung eine kleine Echse in den Fängen einer Katze vergeblich um ihr Leben kämpft. Ich erinnerte mich an Freunde, deren Katze ihren Besitzern jeden Tag ein anderes Geschenk brachte: Mal eine kleine Maus, einen kopflosen Spatzen oder einen halb zerteilten Maulwurf. Nein, Katzen würden mir nicht ins Haus kommen. Irgendwann erbarmte sich Blacky und verschlang die Echse. Ich erklärte unseren Kindern, dass Katzen eben Raubtiere sind und diese Grausamkeit in ihrer Natur liegt. Am nächsten Tag saß Theo vor unserer Haustür. Alle drei Katzen lagen auf ihm und ließen sich streicheln. Katzen und Kinder, unschlagbar und unzertrennlich.

Einmal lag ich auf einer Liege im Schatten und las ein Buch. Plötzlich sprang mir etwas auf den Bauch. Es war Kleiner Fuchs. Ich erschreckte mich fürchterlich und verscheuchte ihn. Eine Viertelstunde später kam er wieder und legte sich an meine Füße. Ich fragte ihn, ob er nicht verstehe, dass ich keine Katzen mag. Er hob kurz den Kopf, streckte sich und schmiegte sich an meinen nackten Fuß, als ob er das immer schon getan hätte. Ich ließ ihn liegen. Als würde das Tier ganz bewusst den Menschen erobern wollen, der es am wenigsten leiden kann.

An einem Morgen stand ich früh auf und ging mit einem Kaffee auf die Dachterrasse, um den Blick auf die See, die Berge und die Morgenstille zu genießen. Plötzlich streifte etwas meine Beine. Wieder war es Kleiner Fuchs. „Du bist komisch, Katze“, flüsterte ich. Er schmuste weiter. Und tatsächlich erwischte ich mich, wie ich plötzlich meinen Arm ausstreckte und das kleine Tier streichelte. „Händewaschen nicht vergessen, Papa“, dachte ich. Unten miaute jemand. Es war Flecki, der eifersüchtig, so schien es mir, nach oben schaute. Kleiner Fuchs blickte tiefenentspannt und maunzte zurück. Ich meinte, einen Triumph in diesem Maunzen zu hören.

Der Urlaub ging weiter, die Katzen kamen und gingen. Alle drei begleiteten uns bis zum Auto, wenn wir einen Ausflug machten. Ich kaufte Futter, eine große Packung. Wir gaben ihnen Wasser zu trinken. Irgendwann nicht mehr auf der Wiese, sondern direkt vor der Haustür. Dann kam der Tag des Abschieds. Meine Frau packte, ich verstaute das Gepäck im Wagen, die Kinder warteten, schauten und riefen. Die drei Katzen ließen sich aber nicht blicken. „So sind sie halt“, dachte ich. Die Enttäuschung der Kinder hielt sich erfreulicherweise in Grenzen. Sie hatten sich vorher schon von Blacky, Flecki und Kleiner Fuchs verabschiedet. Nein, eine Katze kommt mir nicht Haus. Basta. Und wenn irgendwann vielleicht doch, dann eher drei.

13. Sep. 2021
von Matthias Heinrich
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07. Sep. 2021
von Sonia Heldt
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Ich habe meine dreizehn Jahre alte Tochter impfen lassen, weil ich wütend bin

Maya (13) hat vor zwei Wochen ihre erste Impfung gegen COVID-19 erhalten. Der Kinderarzt im Impfzentrum nahm sich viel Zeit für ein persönliches Gespräch und nach vierzig Minuten saßen wir wieder im Auto. Maya tat zwei Tage der Arm weh, und ich habe sie vorsorglich eine Woche beim Sport entschuldigt. Lara (17) wurde bereits vor den Ferien geimpft. Meine Töchter gehören damit zu den aktuell 33 Prozent der Gruppe der Zwölf- bis Siebzehnjährigen, die bisher mindestens einmal in Deutschland geimpft sind. Vollständig sind aktuell 22 Prozent geimpft (RKI Tabelle – wird laufend aktualisiert).

Vorbereitung einer Corona-Impfung für ein Schulkind
Vorbereitung einer Corona-Impfung für ein Schulkind

Ich bin weder Impfgegner, noch habe ich meine Kinder in der Vergangenheit gegen alles und jedes impfen lassen. Ich bin der Meinung, mit viel Schlaf und Ruhe bekommt man die meisten Infekte auch ohne Gang zum Kinderarzt und Antibiotikum in den Griff. Ich sehe Fieber als geniales Abwehrmittel des Körpers an und nicht als Symptom, das unter allen Umständen bekämpft werden muss. Ich bin davon überzeugt, dass das kindliche Immunsystem arbeiten und lernen darf und muss. Ich habe die Windpockenimpfung bei meinen Kindern ausgelassen, denn bis 2012 riet u.a. die Stiftung Warentest von der Varizellen-Impfung noch ab, manche Ärzte wiederum bewerteten die Impfung positiv. Ich wog ab und entschied mich dagegen. Beide Kinder infizierten sich im Kindergarten mit den Windpocken und hatten einen kurzen und unkomplizierten Krankheitsverlauf. Ich glaube, dass weder Maya noch Lara im Falle einer Covid-19 Infektion im Krankenhaus landen würden. Und dennoch sind sie jetzt beide mit Biontech geimpft.

Anfang letzten Jahres (noch vor Corona) sprach Lara mich an, warum sie nicht gegen HPV geimpft wäre. Alle ihre Freundinnen wären das längst. Humane Papillomviren (HPV) sind sexuell übertragbare Erreger. Bleibt eine Infektion damit bestehen, kann sie im Lauf der Zeit eine Krebserkrankung am Gebärmutterhals verursachen. Daher impft man Jugendliche, bevor sie sexuell aktiv werden. Ich sagte, dass die Impfung kein Garant gegen Krebs sei, ich aber wüsste, dass es seit einigen Jahren diese Impfempfehlung, gerade für Mädchen, gäbe. Lara war mit fast sechzehn Jahren alt genug, um eigenverantwortlich über ihren Körper entscheiden zu dürfen. Ich machte ihr einen Termin in meiner Frauenarztpraxis, sie ließ sich beraten und impfen. 

Und so war es für mich selbstverständlich, dass meine nun Siebzehnjährige auch in der Covid-19 Frage ihre eigene erwachsene Entscheidung treffen sollte, auch wenn ich selbst dazu einen Standpunkt vertrat. „Auf jeden Fall lasse ich mich impfen. Ich will mein Leben zurück. Ich will endlich wieder normal meine Freunde treffen, mit ihnen Party machen, in die Schule und ins Schwimmbad gehen und verreisen“, sagte sie, als wir für sie ein Impfangebot erhielten. Ich war erleichtert, denn in unserer Familie pflegt sie die meisten Kontakte und trug somit von Anfang an in der Pandemie das größte Risiko einer Infektion. Ich gönnte ihr von ganzem Herzen das Mehr an Freiheit, das sie durch die Impfung erlangte.  

Bei Maya lag der Fall anders. Hier mussten wir Eltern entscheiden. Ich weiß, dass Maya mir vollkommen vertraut. Natürlich habe ich sie vorher gefragt, ob sie mit der Impfung einverstanden ist, und ich habe ihr erklärt, dass sie im Falle einer Infektion sicher nicht stark erkranken würde. „Covid-19 ist in der Regel bei Kindern und Jugendlichen keine schwere Erkrankung. Die Mehrzahl der SARS-CoV-2-Infektionen verläuft asymptomatisch oder mit milden Symptomen“, so auch die Aussage des RKI und des beratenden Impfarztes. Aber ich glaube, dass Maya sowieso nicht um die Impfung herumkäme. Zumindest nicht, wenn sie halbwegs am gesellschaftlichen Leben teilnehmen will und sich das letzte Schuljahr nicht wiederholen soll. Das zeichnet sich seit Monaten ab, machen wir uns nichts vor!  

Erst wurde den Kindern erklärt, sie müssten zurückstecken, um die Alten zu schützen. Jetzt erhielten die Alten (ich schließe mich dieser Personengruppe durchaus an) viele Freiheiten zurück, dürfen unkompliziert verreisen, Freunde treffen und ins Theater gehen. Aber die Kinder sitzen weiterhin mit Maske in der Schule, müssen sich regelmäßig selbst testen, im Winter in den Klassenräumen durch die Dauerlüfterei frieren und werden nonstop daran erinnert, dass sie potentielle Krankheitsüberträger sind. Ein bisschen viel Bürde, die den Kindern da auferlegt wird!

Mich macht das wütend. Ich will nicht mehr, dass meine dreizehnjährige Tochter nur noch mit ihren Sorgen beschäftigt ist. Maya sorgt sich, dass sie im kommenden Herbst und Winter wieder ständig in Quarantäne gehen muss, weil das Virus in der Schule grassiert. In unserem Gymnasium gibt es aktuell vier Coronafälle. Es wird ein Auf und Ab bleiben, und allen graut es vor den nächsten Monaten. „Heute waren alle negativ in der Klasse. Wir waren alle so froh“, sagte Maya heute. Schultag für Schultag halten die Kinder nun an den Testtagen den Atem an. Hat es jemanden erwischt? Oder dürfen wir mit den Unterricht beginnen? Wen es erwischt, der oder die muss unverzüglich den Klassenraum verlassen, und alle schauen ihm mitleidig hinterher. Was für ein unschönes Szenario!

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07. Sep. 2021
von Sonia Heldt
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31. Aug. 2021
von Chiara Schmucker
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Die Entdeckung der Langsamkeit

Warum unsere Autorin nach der Geburt des zweiten Kindes ein Incognito-Dasein dem launigen Get-Together vorzieht – und warum Corona-Auflagen nicht immer schlecht sind.

In der Zeit des Wochenbetts ist es nicht einfach, Zweisamkeit zu organisieren – wenn auch die Bedürfnisse des ersten Kindes, der Freunde und Verwandten berücksichtigt werden sollen.

Eine Stehparty in einem überhitzten Wohnzimmer, mehrere Verabredungen an einem Tag oder Smalltalk mit den Kollegen in der Kaffeeküche: Vor Corona konnte ich nicht genug Menschen um mich haben. Ein Wochenende ohne Termine machte mich unruhig. Logisch, dass ich nach der Geburt unseres ersten Kindes Max vor drei Jahren wenige Stunden nach der Entbindung das Krankenhaus verließ und wiederum wenige Stunden später die ersten Gäste auf unserem Sofa saßen, den Kleinen herzten und Erinnerungsfotos schossen. Wir platzten ja auch vor Stolz und ich fühlte mich wie Superwoman.

Doch unser erster Sohn war ein unruhiges Baby, Kollegen sagten, kein Wunder bei den Eltern. Doch er blieb auch unruhig, als wir die Besuche und Aktivitäten reduzierten, während seiner kurzen Schläfchen die Klingel abstellten und anfingen, uns nur noch im Flüsterton zu unterhalten. Stundenlang trugen wir ihn in den Schlaf, aus dem er dann vom Rascheln einer Zeitung oder dem Biss in ein Knäckebrot (ich schwöre: das ist nicht erfunden) aufschreckte und meist prompt zu weinen anfing.

In der Corona-Pandemie ist unser Leben ruhiger geworden. Wir sind rausgezogen aus der Stadt und haben viele Wochen wie so viele andere auch ganz auf Verabredungen und Treffen verzichtet. Als ich wieder schwanger wurde, schwor ich mir: Diesmal würde ich in den ersten Wochen alles ruhiger angehen lassen. Nicht nur für das neue Baby, sondern auch für uns. Denn wenige Wochen nach der Geburt unseres ersten Kindes fühlte ich mich so ausgelaugt und übermüdet, dass ich mich nicht mehr traute, Auto zu fahren oder Eier im heißen Wasser zu kochen. Doch: Wie Freunde und Familie einbeziehen, ohne wieder im Wochenbettstress zu enden? Wie das Kennenlernen als Familie organisieren, ohne dass sich das Kindergartenkind ausgeschlossen fühlt? Fünf Schritte, die mir helfen:

1. Die Zeit im Krankenhaus auskosten

Eine Stunde Besuchszeit für den Papa am Tag, sonst nichts – als ich vor Monaten diese strenge Corona-Auflage unseres Wunschkrankenhauses erfuhr, hielt ich das für eine Geburt im August noch für total übertrieben. Corona würde da doch längst kein Thema mehr sein, alle geimpft und die Auflagen weit gelockert. Doch als wir vor wenigen Wochen in den frühen Morgenstunden unseren zweiten Sohn endlich glücklich in die Arme schlossen und ich kurz darauf das Zimmer beziehen durfte, musste mein Mann sich tatsächlich verabschieden. Zur Besuchszeit am Nachmittag dürfe er wiederkommen, sagte die Hebamme freundlich, aber bestimmt.

Auch wenn es schade war: Was für ein Segen im Vergleich zu dem Taubenschlag, von dem mir befreundete Mamas berichteten, von Besuchsorgien der gesamten Verwandtschaft am eigenen und am Nachbarbett. So verbrachten Lenny und ich die ersten beiden Tage allein im Zimmer ausschließlich mit Kuscheln und Kennenlernen. Schnell lernte ich die „All inclusive“-Versorgung mit drei Mahlzeiten am Tag, einer Selbstbedienungstheke mit Müsli, Suppen und Getränken und die Flügelhemdchen und Babykleider des Krankenhauses schätzen, die nach dem Tragen einfach ausgetauscht wurden. Wir wurden liebevollst umsorgt, das Bett frisch überzogen und das Bad geputzt – und ansonsten in Ruhe gelassen.

In diesen ersten Tagen, die ich ganz allein mit meinem Baby für mich hatte, stellte ich nicht nur fest, wie unterschiedlich unsere beiden Söhne sind, sondern auch, wie wichtig dieses erste exklusive Mama-Kind-Bonding ist: Lenny schlief ruhig, trank gut und eifrig und weinte kaum. „Ich bin der erste außerfamiliäre Lenny-Fan“, sagte meine spätere Zimmergenossin kurz, bevor wir entlassen wurden. In ihr habe ich direkt eine neue Freundin gefunden.

2. Blitzbesuch in der Nachbarschaft

Als wir nach Hause kamen, schlief Lenny im Maxi Cosi. Wir nutzten den Moment, ihn einmal kurz den Nachbarn vorzustellen – schließlich hatten alle lange mitgefiebert. Und nun waren auch wir Eltern schon mal ordentlich frisiert und angezogen. Wir wussten ja nicht, wann dies das nächste Mal der Fall sein würde, und so hatten wir das schon einmal „erledigt“. Die Folge: Außer dem Postboten klingelte in den nächsten Tagen niemand.

3. Absagen ohne schlechtes Gewissen

„Hey, wir sind morgen in der Nähe, können wir kurz vorbeischauen?“ – Freunde und Bekannte, die wir teilweise seit Monaten nicht gesehen hatten, bekamen nach Lennys Geburt auf einmal große Sehnsucht. Doch den allermeisten sagte ich ab. Zum einen, weil ich tatsächlich noch viel liegen sollte, zum anderen, ich gestehe, weil ich einfach keine Lust hatte, um eine bestimmte Uhrzeit „besuchsbereit“ zu sein. Denn auch einen Blitzbesuch will ich in halbwegs geordnetem Zustand empfangen. Heißt: Vorher sind wir mindestens eine Stunde damit beschäftigt aufzuräumen, uns und die Kinder anzuziehen und den Dauerbegleiter Wäscheständer aus dem Wohnzimmer zu verfrachten. Danach gilt es, den sauberen Status Quo so lange aufrecht zu erhalten, bis die Gäste ankommen – kein einfaches Unterfangen mit einem Dreijährigen, der am liebsten Zeitschriften in winzigste Teile zerschneidet.

Sagte ich jemandem ab, habe ich mich anfangs immer noch entschuldigt: „Wir brauchen noch ein bisschen Zeit fürs Kennenlernen, ich hoffe, du bist mir nicht böse.“ Inzwischen lasse ich die Entschuldigung weg. Denn eigentlich haben alle es sehr gelassen aufgenommen. Und: Das Wiedersehen wird für alle Beteiligten netter, je besser es allen geht. Und wir entschädigen durch regelmäßige Fotos und Videos via Whatsapp.

4. Exklusivzeit für das Geschwisterkind

„Du wirst nie so viel Zeit allein mit dem Zweitgeborenen haben wie mit dem ersten“, flüsterten mir meine Freundinnen vor der Geburt bedauernd zu. Doch bisher ist das bei uns glücklicherweise anders. Wir befinden uns in der zugegebenermaßen luxuriösen Lage, dass mein Mann Elternzeit hat und unser Großer bis 14 Uhr im Kindergarten ist. Da bleibt viel Zeit zum Kuscheln und Ausruhen, total exklusiv. Eher müssen wir sehen, dass der Große sich genauso beachtet fühlt, wenn er morgens und am Nachmittag bei uns ist. Ich habe festgestellt: Oft reichen schon 20 bis 30 Minuten volle Aufmerksamkeit, um alle unsere Batterien wieder aufzuladen. Das entschleunigt den gesamten Alltag, und ich freue mich immer schon, wenn er wieder aus dem Kindergarten kommt.

5. Gut essen

Der für mich wichtigste Punkt für Stillmamis: Nicht das Essen vergessen oder Mahlzeiten auslassen. Aus der Erfahrung mit Max, der sich nie ablegen ließ, habe ich gelernt – und diverse Nestchen, Wippen und Stubenwagen schon vor Lennys Geburt angeschafft. Und tatsächlich schläft Lenny teilweise zwei Stunden darin. Und falls er pünktlich zum Essen aufwacht, gibt es ja noch vier weitere Arme, die ihn streicheln und wiegen, bis Mama sich wieder in Superwoman verwandelt hat. Kurzum: Die ersten Wochen mit dem zweiten Kind sind bislang wesentlich entspannter verlaufen als die mit dem ersten. Und das hätten wir nie erwartet. Vor allem, weil unser Großer, ein echter Temperamentbolzen, ja weiterhin dabei ist. Tatsächlich wirkt aber auch Max viel entspannter und ausgeglichener, seit Lenny in der Familie ist. Wahrscheinlich hat er uns einfach noch gefehlt.

31. Aug. 2021
von Chiara Schmucker
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24. Aug. 2021
von Matthias Heinrich
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Was sind moderne Eltern?

Kann Mann gleichzeitig ein Tragetuch und die Hosen anhaben?
Kann Mann gleichzeitig ein Tragetuch und die Hosen anhaben? Die Vaterrolle ist im Wandel.

Nach dem Training fragt ein Teamkollege: „Wer kommt noch mit auf ein Bier?“ Zwei Hände schießen sofort hoch, ich schüttele den Kopf: „Ich heute nicht. Meine Frau muss noch an den Schreibtisch, und ich bringe die Kinder ins Bett.“ Er grinst mich an: „Bei euch ist auch klar, wer die Hosen anhat, oder?“ Die anderen lachen. Ich denke kurz darüber nach, ob er das wirklich gerade gefragt hat, und grinse dann zurück: „Nächste Woche bin ich wieder dabei. Heute nicht, Männer.“

Kurze Zeit später bringe ich unsere Tochter Frida (6) ins Bett. „Du Papa, heute hat ein Mädchen ‚Zicke‘ zu mir gesagt.“ „Hm. Dann sag ihr doch einfach so was wie: ‚Wenn ich eine Zicke bin, dann bist du eine alte Birne'“. Frida lacht, wird dann aber wieder ernst: „Ach Papa, ich kann das nicht. Ich bin nicht so wie du. Ich möchte mich nicht streiten.“ „Ja, aber wenn dir nicht gefällt, wie dich jemand nennt, dann musst du das demjenigen sagen.“ „Ja, Papa, das ist aber schwer. In der Kita konnte ich das. Aber dieses Mädchen kannte ich nicht.“ „Ach Frida“, antworte ich und denke daran, dass unsere Tochter in ein paar Wochen eingeschult wird. „Das lernst du schon noch. Dir werden immer wieder Menschen begegnen, die komisch zu dir sind und manchmal sogar doof. Du wirst lernen, damit klarzukommen. Wenn du dabei Hilfe brauchst, kommst du zu mir.“ „Cool, Papa.“ Wir kuscheln und dann lese ich Pippi Langstrumpf vor.

Als Frida schläft, denke ich an meine drei Sportkameraden. Gute Typen sind sie, drei richtige Mannsbilder. Alle haben Fulltime-Jobs, ihre Frauen arbeiten in Teilzeit und kümmern sich um Kinder und Haushalt. Ihre Lebensentwürfe sind vollkommen okay, bei uns ist das halt anders, nämlich umgekehrt: Wenn meine Frau noch arbeiten muss, kümmere ich mich um die Kinder,

Wir haben uns immer schon gegenseitig viel Raum gegeben. Vor den Kindern hat sie in Berlin gearbeitet und ich in Niedersachsen. An den Wochenenden sind wir abwechselnd gependelt. Als unser Sohn Theo auf die Welt kam, entschieden wir uns für Berlin. Für mich war es keine Frage, dass ich Elternzeit mache und zwar gerne mehr als die üblichen zwei Monate. Meine Frau fand es klasse, dass ich Zeit mit meinem Kind verbringen wollte. Ich hatte eine ebenso klare wie naive Vorstellung, wie die Elternzeit in Berlin ablaufen sollte. Die Realität sah dann komplett anders aus, aber das ist eine andere Geschichte.

Letztlich waren es sechs Monate Elternzeit, bei jedem der Kinder. Für meine berufliche Entwicklung war das wenig förderlich, aber für das Verhältnis zu den Kindern hat es sich gelohnt. Das ist mir am wichtigsten. Ich würde es wieder so machen, mit allen Begleiterscheinungen. Es sollte auch nicht die letzte intensive Zeit mit Theo und Frida werden. Bevor wir alle zusammen in den Süden gingen, pendelte meine Frau ein Dreivierteljahr nach Bayern. Ich leitete mit dreißig Stunden eine Abteilung und kümmerte mich um die Kinder.

Und dann kam Corona. Monatelang war ich in dem, was viele Leute die klassische Mutterrolle nennen würden, nur eben als Mann: Lehrer, Spielkamerad, Hausmann und Vater. „Bei euch geht das ja auch. Du warst ja doch schon mal mit den Kindern allein, ihr seid halt eine moderne Familie“, haben Freunde gesagt, wenn wir über Corona sprachen. Ich selber nenne das nicht modern, sondern pragmatisch. Wir haben aus den Möglichkeiten das für uns Beste gemacht. Aber ist das modern? Sind Familien, in denen Väter arbeiten und Mütter sich überwiegend um die Kinder kümmern, unmodern, uncool oder altmodisch? Müssen sich Väter und Mütter in klassischen Lebensentwürfen schlechter fühlen, weil der Vater das unvergessliche Ergebnis eines Pekip-Kurses verpasst hat? Bis auf die letzte (Pekip haben wir nicht gemacht, es klang immer wie etwas, was nichts für mich ist) kann ich alle Fragen mit „nein“ beantworten.

Modern sind für mich Eltern, die offen über ihre Wünsche und Erwartungen sprechen und dann das tun, was für die Familie passt. Mit der Länge der Elternzeit des Vaters hat das nichts zu tun. Wer keine Lust hat auf Babyschwimmen, Krabbelgruppen oder Elternzeit, der lässt es halt bleiben. Ich möchte niemanden bekehren, stelle aber für mich fest, dass die Elternzeit Gold wert war. Ich habe zu unseren zwei Kindern sehr enge und vertrauensvolle Beziehungen, deren Wurzeln seit der Elternzeit gewachsen sind.

Wenn Theo etwas von seiner Mutter will, beginnt er den Satz manchmal mit einem Versprecher: „Du Papa… ich meine Mama …“ Ich finde das wunderbar. Meine Frau und ich sind für unsere Kinder absolut gleichberechtigte Ansprechpartner. Sicher gibt es Themen, bei denen die Kinder ihre Favoriten haben. Bei mir sind es aber nicht nur Fußball und Taschengeld. Noch heute benötige ich nur Sekunden, Theo nach einem schlechten Traum zu beruhigen. Er schläft noch immer zügig ein, wenn ich ihm das Lied aus seinen Babytagen vorsinge. Und er kommt zu mir, wenn er etwas ausgefressen hat, auch wenn es dafür Ärger gibt. Das gilt auch für seine Schwester, die sich am liebsten von mir vorlesen lässt und die mir offen von ihren Kita-Konflikten erzählt.   

Ich weiß aber auch von meinen Sportskameraden, dass alle drei gute Väter sind. Auch ohne einen einzigen Tag Elternzeit.

24. Aug. 2021
von Matthias Heinrich
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21. Jul. 2021
von Matthias Heinrich
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Zwischen Haftbefehl und Mascha Kaleko – Kinder, Eltern und Musik

Stones oder Haftbefehl? Für die Identität von Kindern und Jugendlichen ist wichtig, ob sie die Musik selbst gefunden haben.

Eltern sind Vorbilder – manchmal gute, manchmal schlechte. Bevor Kinder ihren eigenen Musikgeschmack entwickeln, sind sie mehr oder weniger den musikalischen Vorlieben ihrer Eltern ausgeliefert. Was Vater und Mutter im Radio, auf Platte oder über den Streamingdienst hören, verfängt sich ihren Ohren. Manchmal hat das unvorhersehbare Folgen.

Meine Mutter ist 1965 als Teenager auf dem Sozius einer Mofa zum ersten Deutschland-Konzert der Rolling Stones nach Münster gefahren. Fünfzig Kilometer hin, fünfzig zurück. Seitdem war es um sie geschehen. Bis heute liebt sie die Stones. In meiner Kindheit liefen Songs wie „I Cant´t Get No (Satisfaction)“ und „Paint it Black“ rauf und runter. Im Laufstall, beim Spielen, beim Aufräumen, im Auto und wahrscheinlich sogar im Schlaf hörte ich kaum etwas anderes. Mich nervte das irgendwann. Meine Mutter liebte Keith Richards, Charlie Watts, damals noch Bill Wyman und vor allem Mick Jagger. Der dünne Frontmann mit den vollen Lippen hatte es ihr vor allem angetan.

Einmal schenkte sie mir zum Nikolaus eine Maxisingle. „Dancing in the Street“ von David Bowie und Mick Jagger. Kaum hatte ich die Platte ausgepackt, riss sie sie mir aus den Händen. „Irre, oder? Das ist ein Wahnsinnssong, mach ich gleich mal an.“ Zehn Sekunden später „dancete“ sie. Zwar nicht „in the street“, dafür aber durch unser Wohnzimmer, im Pyjama. Ich kann mich nicht erinnern, das Lied vorher gemocht und mir die Platte explizit gewünscht zu haben. Meine Mutter hat sich die Platte damals mehr oder weniger selbst geschenkt. Als ich ihr Jahre später diese Geschichte erzählte, lachte sie sich kaputt.

Was habe ich von dieser musikalischen Früherziehung mitgenommen? Ein großer Stones-Fan bin ich nicht geworden. Dafür kann ich es bis heute nicht leiden, wenn mich jemand zu sehr für eine Sache begeistern will, die er selber ganz toll findet.  Ich wehre mich mit allem dagegen, bekehrt zu werden. Dann mache ich zu und bin stur. Ich bin mir sicher, dass mir deshalb schon gute Platten, Filme, Bücher oder gar Menschen versperrt geblieben sind, die mich mit sicher begeistert hätten, wenn ich sie auf anderem Weg kennen gelernt hätte. Zum Beispiel mochte ich Boris Becker am Anfang nicht, weil ihn alle liebten.

Wie gehe ich mit diesen Erfahrungen um? Wie halte ich es heute mit meinen Kindern und der Musik? Der Anfang klingt total gut und schlüssig, wie ein 80er-Jahre-Popsong: Ich lasse sie hören, was sie wollen und mache Vorschläge, spiele ihnen Lieder vor, die ich selbst mag. Mit meiner Tochter Frida klappt das ausgezeichnet: Sie mag vor allem Frauenstimmen. Der Weg zur Kita ist jeden Morgen unsere Musikzeit. „Was möchtest Du hören?“, frage ich, wenn der Anschnaller einrastet. „Etwas, das du kennst oder was Neues?“ Und so haben wir während der zehn Minuten zur Kita schon Joy Denalane, Alicia Keys und Adele kennengelernt, Erykah Badu, Mia, Amy Winehouse und Zaz. Bei Macy Gray fragte sie: „Ist das wirklich eine Frau?“ Vor dem Aussteigen muss ich ihr immer Fotos der Sängerinnen zeigen: „Ach, das ist die? Hat die Kinder? Wie sieht ihr Mann aus? Oh, die sieht aber hübsch aus. Ist die französisch?“

Unser liebster Song ist das Mascha-Kaleko-Gedicht „Für eine Leierkastenmelodie“, gesungen von Dota und Hannes Wader. Kaum saßen wir im Auto, da kam schon vom Rücksitz: „Kannst du das Lied von den Leuten anmachen, die sich zu spät getroffen haben?“ Diesen Song haben wir über Wochen jeden Morgen gehört und mitgesungen. Manchmal zweimal auf der kurzen Strecke.

Unser Sohn und ich haben nicht den einen Song. Er ist acht, zwei Jahre älter als seine Schwester. Wenn er mit dem Roller von der Skatebahn kommt, hören er und seine Freunde vor allem deutschen Hiphop. Zu den Fantastischen Vier, Peter Fox und den Beginnern hat sich jetzt auch Capital Bra gesellt. Was ich gut finde: Er spielt mir die Lieder vor und wir reden drüber. Wenn wir allein mit dem Auto unterwegs sind, fordert er manchmal: „Papa, mach mal was krasses an.“ So hat er einen Eindruck von Rammstein, Metallica und Faithless gewonnen.

Neulich habe ich übertrieben. Wir brausten über eine leere Landstraße und fühlten uns spitze. Irgendwie wollte ich der obercoole Dude-Vater sein und spielte den sehr prolligen, aber auch sehr fetten Song „Ich roll mit meinen Besten“ von Haftbefehl an. Ich liebe den Beat und die Energie dieser Nummer. Auch Theo war ziemlich beeindruckt: „Krasser Song, Papa!“ Mir war klar: Vom Text her ist das überhaupt nichts für Achtjährige. Aber wir sprachen darüber und das Thema war durch.

Eine Woche später hatten Theos bester Schulfreundin und ihren Eltern zu Gast. Es war ein schöner Abend, die Kinder hüpften auf dem Trampolin, die Eltern saßen im Garten und sprachen über Urlaub und Schule. Dann erzählte die Mutter, was ihre Tochter vom Musikunterricht berichtet hatte. Die Schüler sollten ihre Lieblingssongs vorstellen. Theo wählte den Haftbefehl-Song aus dem Auto. Unmittelbar nach der Textzeile „In die Fresse Rap, jetzt gibt’s Heckmeck, Fick-Deine-Mutter-Mucke – das ist die Message“ stoppte die Lehrerin die Aufnahme.

Ärger hatte er deshalb nicht. Es gab keinen Vermerk im Schulbuch und keine Nachricht mit der Bitte um ein Gespräch. Am nächsten Morgen fragte ich Theo, warum er ausgerechnet den Song vorgestellt habe. Weil er seine Mitschüler beeindrucken wollte, gab er zu. Das fand ich zumindest ehrlich. Das könne ich verstehen, sagte ich, aber ob er wirklich der Meinung sei, dass die Schulklasse – samt Lehrerin – für diesen Song die richtige Bühne sei? Wohl nicht, meinte er.

Diese Aktion war eine gute Erfahrung für Theo. Er hatte schon vorher verstanden, dass Rapper nicht so sprechen wie normale Leute und absichtlich derbe Worten benutzen, um „krass“ zu sein, zu provozieren und sich abzugrenzen und dass das in Ohren von Schülern cool klingen kann. Theo spricht mit seinen Freunden nicht so. Klar fallen Worte wie „Alter“ und Digga“, aber keine Kraftausdrücke.

Mir selber muss ich eingestehen, dass ich dem Jungen den Song aus demselben Grund vorgespielt wie Theo seiner Klasse: Ich wollte ihn beeindrucken. Ihm sagen: ‚Dein alter Vater ist ein krasser Typ‘. Ziemlich blöd. Aber auch nicht schlimm. Künftig werde ich sorgfältig darauf achten, nur die Songs vorzuspielen, die ich selbst richtig gut finde und die keine Schockmomente nach sich ziehen. Haftbefehl ist bei Theo gerade nicht angesagt. Wenn er ihn wieder hören will, dann macht er das – ohne mich. Das ist völlig okay. Meine Mutter hat sich übrigens kaputtgelacht, als ich ihr diese Geschichte erzählt habe.

Jetzt läute ich die Ferien ein, das ist der letzte Text dieses Blogs aller Autoren für die nächsten Wochen. Ich klappe den Laptop zu, springe ins Auto und hole meine Tochter ab. Auf dem Hinweg drehe ich die Anlage auf und höre meinen Lieblings-Stones-Song: „Sympathy for the Devil.“ Ganz laut und ganz für mich allein.

21. Jul. 2021
von Matthias Heinrich
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13. Jul. 2021
von Sonia Heldt
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Goodbye Schuljahr 2020/2021 – es war nicht schön mit dir

Mit Maske, nach langen Wochen des Distanzunterrichts: Zeugnisausgabe im zweiten Corona-Sommer
Mit Maske, nach langen Wochen des Distanzunterrichts: Zeugnisausgabe im zweiten Corona-Sommer

Bei uns in NRW wurden am 2. Juli die Zeugnisse ausgegeben. Noch nie habe ich das Schuljahresende so sehr herbeigesehnt wie diesen Sommer. Mit der offiziellen Verabschiedung des Schuljahres 2020/2021 setzte ich feierlich einen Schlussstrich unter eine schwierige Zeit. Das letzte halbe Jahr hat mich eine Menge Nerven und Kraft gekostet. Obwohl im Juni mit neuerlichem Start des Präsenzunterrichts und Schulausflügen ein Stück Normalität in unseren Alltag zurückgekehrt ist, habe ich die Tage bis zu den Ferien gezählt.

Wie sehr mich die letzten Monate gefordert haben, kann man zwischen den Zeilen der Briefe lesen, die ich meinen Töchtern zum Zeugnis geschrieben habe. Es ist unsere kleine Tradition: Jedes Jahr, am Tag der Zeugnisausgabe vor den Sommerferien, erwartet meine Kinder an ihrem Platz am Esstisch ein Kuchen, ein kleines Geschenk,  ein paar Süßigkeiten oder besondere Schulmaterialien. Bei uns gibt es das klassische Zeugnis- oder Notengeld nicht. Ich finde nicht, dass man eine Eins oder eine Zwei mehr honorieren sollte als beispielsweise eine hart erkämpfte Drei oder Vier.  Natürlich freue ich mich über gute Noten, aber viel wichtiger ist doch, dass man seinen Kindern signalisiert, wie stolz man auf sie ist, und würdigt, was sie das gesamte Schuljahr über geleistet haben. Dass man ihre Versetzung, die Empfehlung für die weiterführende Schule oder den Schulabschluss nicht als selbstverständlich hinnimmt und immer nur Bestleistungen erwartet. Kinder brauchen Anerkennung, egal, wie alt sie sind.

Daher lasse ich in einem schön gestalteten Brief jedes Schuljahr Revue passieren. So handhabe ich es seit der ersten Klasse für beide Mädchen. Anfangs habe ich auf eine große, gut lesbare Schrift geachtet und den Text mit Verzierungen und Zeichnungen versehen, altersgerecht und jeweils den Lesekenntnissen entsprechend. Später wurden die Briefe umfangreicher. Ich sage meinen Kindern, dass wir Eltern stolz auf sie sind, was in dem Schuljahr besonders schön oder schwierig für sie war, erwähne Meilensteine wie Schulwettbewerbe oder Klassenfahrten und wünsche ihnen schöne wohlverdiente Ferien.

Dieses Jahr habe ich meinen Text am PC getippt. Die Worte strömten nur so aus meinen Finger. Ich bin Schreiberling mit Leib und Seele und konnte mich noch nie besonders gut kurzhalten. Schreiben bedeutet für mich Ballast abwerfen. Auch dieses Blog hier hilft mir, Geschehnisse zu reflektieren und zu verarbeiten. Ich fühle mich befreit, wenn ich Dinge, die mich beschäftigen, niederschreiben und dann loslassen kann. Manchmal sind die Gedanken, die ich hier teile, sehr persönlich und emotional. Dann frage ich mich, ob es nicht zu viel ist, was ich von mir preisgebe. Aber dann fühle ich mich gut, es ausgesprochen zu haben. Und vielleicht geht es dem ein oder anderen ja ähnlich, und er findet sich in meinen Texten wieder.

Bei Lara lief es im ersten Halbjahr schulisch nicht sonderlich gut. Die Umstellung von der Mittel- auf die Oberstufe, in der von den Schülern des G8-Gymnasiums viel Eigeninitiative und Selbstständigkeit verlangt wird, setzte ihr zu. Sie kämpfte mit drei Fremdsprachen und ihrer Matheschwäche. Dieser Umstand, Covid19 und das Homeschooling traf sie daher mit voller Wucht. Ich hatte viele schlaflose Nächte. Ich machte mir Sorgen, weil es Lara nicht gut damit ging. Würde Lara es schaffen und vor allen Dingen wollen, das Ruder rumzureißen, oder würde sie sich komplett gehen lassen und aufgeben? Ich habe mir die Nächte mit YouTube-Videos um die Ohren geschlagen und versucht, sie in Mathe zu unterstützen. Ich habe ihr eine Nachhilfe gesucht. Ich habe mir den Mund fusselig geredet. Ich blieb an ihr dran und ließ mich nicht abwimmeln, wenn sie mir die Tür vor der Nase zuschlug. Und war froh, wenn Lara ihre Tür wieder öffnete und mich reinließ, in ihr Leben und ihre Seele.
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13. Jul. 2021
von Sonia Heldt
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06. Jul. 2021
von Chiara Schmucker
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Wenn aus Kleinen Große werden

Auf einmal wird ein Kleines groß: Momentaufnahme einer langen Annäherung
Auf einmal wird ein Kleines groß: Momentaufnahme einer langen Annäherung

Unser großer Sohn ist in der vergangenen Woche in den Kindergarten gekommen. Vielleicht waren wir aufgeregter als er, wie er die Umstellung von einer winzigen Krabbelstube für Unter-Dreijährige in einen Kindergarten mit fünf Gruppen und insgesamt hundert Kindern meistern würde, zu der auch noch ein Hort für Schulkinder gehört.

Mein Mann und ich lagen abends wach in den Betten, angespannt, als wenn wir selbst am nächsten Tag unseren ersten Arbeitstag oder ein wichtiges Gespräch hätten. Ist er reif genug? Oder doch noch zu jung? Wird er beim Abschied weinen? Gewöhnen sie ihn behutsam genug ein?

In den vergangenen Monaten kam er uns so groß vor, eindeutig der Krabbelstube entwachsen, wo die Einjährigen gerade auf wackeligen Beinen erste eigene Erkundungen anstellen. Max läuft wie ein Weltmeister, fährt Roller und Laufrad und klettert auf den Baum in unserem Garten. Mit ihm kann man inzwischen richtige Gespräche führen, Lego bauen und Kuchen backen. Längst schläft er durch, schneidet Autos aus Zeitschriften aus und hat erste Freundschaften geschlossen.

Doch jetzt, wo wir bald unser zweites Kind erwarten, kommt er mir auch wieder so klein vor. Zumindest noch lange nicht aus dem Gröbsten raus. „Ich bin auch ganz klein“, sagte er neulich selbst und kletterte dann in den Stubenwagen, der schon für seinen kleinen Bruder aufgebaut ist. Er kommt nachts ab und zu wieder zu mir ins Bett und stellt sich beim Puzzlen extra ungeschickt an, damit wir ihm helfen. „Du wirst immer mein erstes Baby sein, Max“, sage ich liebevoll, während ich ihn in der Babywiege streichle. „Aber für deinen Bruder wirst du der Große sein, du kannst ihm zeigen, wie du Fußball spielst, und ihm das Fläschchen geben, wenn du magst.“

Seit mein Bauch sichtbar größer geworden ist, haben wir Max erzählt, dass er ein Geschwisterchen bekommen wird. Er durfte den Bauch eincremen und dem Baby durch vorsichtiges Klopfen zeigen, dass er sich auf es freut. Nicht immer ist das ganz friedlich verlaufen. Ich habe auch Frauenarzt-Termine gehabt, an denen die Ärztin irritiert auf die roten Striemen schaute – Max hatte nach zärtlichem Streicheln mehrmals den Bauch gekratzt. Er hat mir gesagt, dass er sich darauf freut, wenn das Baby da ist, „weil du dann wieder mit mir rennen kannst“. Und er hatte eine Phase, in der er beim Einschlafen so fest den Bauch streichelte, dass er darüber selbst nicht mehr in den Schlaf fand.

Wir hatten schwierige Wochen in der Kita, in denen er sich nicht von mir trennen und nur auf meinen Arm wollte, und super Wochen, in denen er allen erzählte, das Baby werde „Papa“ heißen und er sei stolz, bald großer Bruder zu sein. Er wollte Geschichten von sich als Baby hören und Fotos sehen.

Etwa ein Jahr dauere es, bis das größere Kind sich an seine „Entthronung“ gewöhnt habe, habe ich gelesen, und ich finde dieses Wort wirklich abscheulich. Nicht nur, weil es impliziert, die Eltern hätten das Kind in seinem bisherigen Leben auf einen Thron gestellt, sondern weil es dem großen kleinen Kind auch eine verständliche emotionale Reaktion auf eine tiefgreifende Veränderung abspricht. Auch mit drei Jahren ist ein Kind noch sehr klein – auch wenn es Lego bauen und Kuchen mitbacken kann. Es hat alle Rechte, emotional zu reagieren. Ich kenne Eltern, die mit großen Geschenken, die angeblich das Neugeborene für das Geschwisterkind mitgebracht habe, die Wogen schon von Anfang an zu glätten versucht hatten. „Ich hätte lieber einen Hund gehabt, oder zumindest ein Feuerwehrauto“, soll schon meine große Schwester vor über vierzig Jahren meinen Eltern erklärt haben, als die mit der rotgesichtigen kleinen Schwester aus dem Krankenhaus kamen.

Wenn der Kleine plötzlich der Große sein soll, ist das ein Einschnitt, der Zeit braucht, für alle Beteiligten. Wir haben den Abschied von der Krabbelstube bewusst vor die Geburt des Babys gelegt, damit Max nicht zu viele Veränderungen gleichzeitig bewältigen muss. Zu Hause wird er der Große und weiterhin Mamas Baby sein, im Kindergarten wird er erst einmal wieder der Kleine sein. Aber auch der Große, der mutig auf Neues zugeht und sich bei den „wirklichen Großen“ ganz viel Spannendes abschauen darf.

06. Jul. 2021
von Chiara Schmucker
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29. Jun. 2021
von Matthias Heinrich
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Pendeln – zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Weg zu sein kann Vorteile bringen – aber wenn in der Abwesenheit zu Hause das Chaos ausbricht, kann man sie dann auch nicht genießen.

Ich habe einen neuen Job. Es ist genau das, was ich immer schon machen wollte, sozusagen mein ganz persönlicher Traumjob. Eine Aufgabe, die mich erfüllt, fordert und glücklich macht. Die Sache klingt zu schön, um wahr zu sein und das ist sie auch, denn es gibt natürlich einen Haken: Ein Teil der Arbeit lässt sich zwar im Homeoffice erledigen, aber ich muss regelmäßig für ein paar Tage im Hauptquartier arbeiten. Das liegt hunderte Kilometer entfernt in einer anderen Stadt. Das heißt, ich muss pendeln und bin manchmal tagelang nicht zu Hause.

Als das Angebot kam, hat meine Frau sofort gesagt: „Du musst das machen“. Ich habe mich sehr über ihre klare, selbstverständliche Haltung gefreut. Lange Zeit hatte ich ihr den Rücken freigehalten, damit sie sich beruflich weiterentwickeln kann. Ich war bei den Kindern, habe meine Stunden reduziert und sie ist von Berlin nach Bayern gependelt. Neun endlose Monate waren das, manchmal frage ich mich, wie wir – ehrlich gesagt: vor allem ich – diese Zeit ohne familiäre Unterstützung durchgehalten haben. Ja, ich weiß, das ist vielleicht Klagen auf hohem Niveau, Alleinerziehende haben es noch schwerer. Trotzdem war es eine enorme Belastung für uns und unsere zwei Kinder.

„Irgendwie kriegen wir das hin“, hat meine Frau gesagt. Ja, ich erinnere mich. „Irgendwie kriegen wir das hin“, das habe ich auch immer gesagt. „Irgendwie“ stimmte das auch, aber wie genau das war, das weiß ich nicht mehr. Es war vor allem der Satz, der dem Pendelnden das Pendeln leichter machen sollte: „Fahr du mal, geht schon, muss ja.“ Aber wir haben es ja auch geschafft. Wir leben inzwischen seit zwei Jahren hier in Franken und sind wohlauf.

Nicht zuletzt diese Tatsache hat mir meine Zweifel genommen: Wenn wir das damals geschafft haben, schaffen wir es dieses Mal auch.

Und dann habe ich an mich gedacht und ganz ehrlich „Yippie“ gerufen und zwar nicht besonders leise. Die Aussicht, nach dieser Corona-Endlosschleife mal wieder Zeit zum Durchatmen zu haben, mich voll in die Arbeit stürzen zu können und regelmäßig für niemanden anders Verantwortung zu haben als für mich selbst, ehrlich, das klang verheißungsvoll. Keine Kinder, yeah! Ja, ist egoistisch, war mir aber Wurscht.

„Mach bloß viel Sport, geh ins Museum oder setze Dich einfach ins Kaffee und mach gar nichts“, hat mir meine Frau geraten. Sie meint das ehrlich. Sie weiß, wovon sie spricht. Sie ist, wie gesagt, selbst lange gependelt und hatte Zeit für sich. Im Rückblick hat sie diese Zeit zu wenig für sich selbst genutzt, meint sie. Gedanklich wäre sie viel bei uns gewesen und konnte deshalb nicht richtig abschalten. „Mach viel für Dich, genieße es“, hat sie mir beim ersten Abschied am Bahnhof ins Ohr geflüstert. Ich habe alle umarmt, gedrückt und bin trotz der traurigen Augen meiner Kinder entschlossen in den Zug gestiegen. „Genieße es“, das habe mir fest vorgenommen. Und mir eingebildet, das besser zu können als meine Frau.

Nach zwei kürzeren Einsätzen mit jeweils zwei Übernachtungen übers Wochenende war ich jetzt zum ersten Mal vier Werktage weg. Montagvormittag hin, Donnerstagvormittag zurück. Meine Frau hätte trotz aller wohlwollenden und bestärkenden Worte zuvor dieses Mal bevorzugt, dass ich dageblieben wäre. Sie arbeitet für ein großes Unternehmen, leitet seit Januar ein Team und ausgerechnet in meiner Abwesenheit war ihr Terminkalender noch voller als sonst.

Selbstverständlich ist dann genau das passiert, was nicht passieren soll, aber immer in solchen Konstellationen passiert. Ob es Murphy´s Law, Zufall, selbsterfüllende Prophezeiung oder einfach Pech ist, keine Ahnung. Jedenfalls hatte unser Sohn Theo am Montagabend plötzlich 40,2 Grad Fieber. Eine kurze WhatsApp und ein längeres Telefonat, bei dem meine Frau mir ihr Leid klagte.

Der Junge ist krank. Sie musste alle Termine umschmeißen, ihr akkurat durchgetakteter Wochenplan war dahin. Letztlich hat dann alles irgendwie trotzdem hingehauen, aber eben mit Stress, Belastung und Frust.

Meine Entspanntheit war dahin. Natürlich kann weder meine Frau noch ich etwas dafür, wenn unser Sohn plötzlich Fieber bekommt. Trotzdem fühlt man sich doch so, als ließe man den anderen allein. Es frühstückt sich im Hotel eben nicht so entspannt und es joggt sich auch nicht so locker, wenn man weiß, dass der Ehepartner Zuhause 300 Kilometer entfernt gerade in alle Richtungen rotiert, um irgendwie seinen Alltag zu wuppen.

Dazu kommen die Telefonate mit den Kindern. Von denen hört man kein: „Irgendwie kriegen wir das schon hin“, sondern eher: „Papa, ich vermisse dich, ich möchte, dass du mir Pippi Langstrumpf vorliest.“ „Ja, meine Kleine, das mache ich am Donnerstag, dann zwei Kapitel.“ „Papa, ich finde es so schade, dass ich nicht mit Dir Deutschland gegen Ungarn schauen kann.“ „Ja, ich würde das auch gerne mit dir gucken. Vielleicht kommt Deutschland ja weiter, dann schauen wir das Achtelfinale zusammen, versprochen!“

Dann die Dinge, die im Alltag passieren: Theo schreibt eine Matheprobe, unsere Tochter Frida ist bei einer Kitafreundin zum Geburtstag eingeladen. Normalerweise sind das meine Jobs, Mathe üben, mit Eltern der Freundin sprechen und ein Geschenk besorgen. Wenn man diese Dinge erfährt, während man auf der zu weichen Matratze eines Hotelzimmers liegt, in dem alle paar Minuten die Kühlung der Minibar anspringt und der Blick aus dem regennassen Fenster über den Parkplatz an der Ruine einer alten Gießerei endet, dann fühlt man sich ziemlich unbeteiligt. Irgendwie hat man sich das doch anders vorgestellt.

Aber: Wir machen das Beste daraus, so ist es ja immer. Seit meiner Rückkehr habe ich viel mit den Kindern unternommen. Außerdem hatten wir Besuch aus Berlin, dort sind ja schon Sommerferien. Am Sonntag hatte Theo ein Fußballspiel, danach waren wir im Freibad, damit meine Frau ein paar Stunden Ruhe hatte, das über die Woche verloren gegangene Arbeitspensum wieder aufzuholen.

Die Frage, ob der beste Job der Welt diese Pendelei rechtfertigt, dieses Getrenntsein wert ist, werden wir uns in ein paar Monaten stellen und beantworten.

Heute Abend werde ich meiner Tochter Pippi Langstrumpf vorlesen, zwei Kapitel. Das Versprechen, mit Theo das Achtelfinale der Deutschen zu schauen, kann ich nicht halten. Ich steige morgen wieder in den Zug und komme erst Donnerstag wieder.

29. Jun. 2021
von Matthias Heinrich
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22. Jun. 2021
von Sonia Heldt
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Elternhilfe, das geliebte und gehasste Ehrenamt

Ohne Begleitung von Eltern undenkbar: Schulklasse auf Waldexkursion
Ohne Begleitung von Eltern undenkbar: Schulklasse auf Waldexkursion

Mayas Klassenlehrerin möchte zum Ende des Schuljahres zwei Wandertage durchführen. Man sucht Fahrdienstwillige für den einen und Begleiteltern für den anderen Tag. Ich führe ein Zwiegespräch mit meinem Gewissen:

Du weißt schon, dass du gerade vor den Sommerferien in Arbeit schwimmst und es dir eigentlich nicht leisten kannst, nun auch noch den Ausflug zu begleiten oder Taxi zu spielen?“ 

Irgendjemand muss es doch machen, und rein theoretisch geht es ja mit ein bisschen hier und da schieben.“

„Sollen doch die anderen.“

„Aber man kann sich nicht drauf verlassen, dass es andere machen. Du weißt selbst, wie schwierig sich das oft gestaltet.“

„Das kann nicht dein Problem sein. Erinnerst du dich an Mayas letzten Ausflug in der Grundschule? Du musstest sogar die Busfahrkarte selbst bezahlen. Muss ich dich daran erinnern, wie sehr du dich geärgert hast?“

Ja, ich erinnere mich. Die Busfahrkarte war eigentlich nicht das Problem. Sie hat mich nicht arm gemacht. Die Busfahrkarte steht für mich als symbolisches Warnmal, damit ich meine Hilfe nicht allzu leichtfertig anbiete. Ehrenämter sind undankbare Ämter, für die man keinen Dank erwarten kann und auch nicht darf. Dennoch war bei mir irgendwann der Moment erreicht, an dem ich mich ausgenutzt fühlte. An besagtem Grundschulausflug, zu dem ich mich als Begleitperson bereiterklärt hatte, fragte ich Mayas Lehrerin nebenbei, wer denn nun eigentlich die ganzen Koffer am Zielort ausladen würde: Die Abschlussfahrt der vierten Klasse sollte in einer nahegelegenen Jugendherberge stattfinden. Man hatte beschlossen, mit den Kindern in öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen und die Koffer von „bereitwilligen Eltern“ zur Jugendherberge transportieren zu lassen.

„Bereitwillig“ stellte wie üblich ein Problem dar. Mein Mann bot seinen großen Transportwagen an. Da er erst kurz zuvor einen Bandscheibenvorfall erlitten hatte, musste beim Ausladen Hilfe her. Mayas Lehrerin antwortete mir auf meine Frage lapidar, ich solle mich in der Klasse umhören, denn ich wäre sicher gut vernetzt. Anscheinend hatten mein Mann und ich wie selbstverständlich die weitere Organisation gewonnen. In diesem Moment wurde die Busfahrkarte für mich zum Symbol. Nicht einmal 2,10 Euro aus der Klassenkasse oder eine Tasse Kaffee (es war kalt) war mein Einsatz an diesem Tag wert gewesen. Wer am Ende die dreißig Koffer in der Jugendherberge auslud? Mein Mann mit seinem Bandscheibenvorfall, die Klassenlehrerin, ihr Sohn und ich.

Maya und Lara besuchten eine städtische Grundschule, die ich vom sozialen Gefüge her als bunt bezeichnen würde. Besonders die Elternabende von Laras Klasse waren schlecht besuchte Veranstaltungen. Es meldeten sich nur einzelne und immer dieselben Eltern, wenn es mal wieder hieß: „Wir können den Ausflug nur mit Elternhilfe durchführen, sonst muss er ausfallen.“  Ich engagierte mich ehrenamtlich in der Schülerbücherei, half Erstklässlern beim Lesenlernen und trug mich brav ein, wenn für Schulfeste Kaffee- und Kuchenspenden oder Helfer für die Cafeteria gesucht wurden. Ich ging als Elternbegleitung ins Theater. Ich backte Weihnachtsplätzchen, säuberte Tische, verbrannte mir die Finger am Backblech, putzte den dreckigen Boden und hatte danach oft keine Lust mehr, mit meinen eigenen Kindern zu Hause zu backen. Ich blockte mir Vormittage für das Fahrradtraining und die Radfahrprüfung („Wir haben zu wenig bereitwillige Eltern, die das Radfahrtraining und die Prüfung begleiten wollen. Wir müssen es sonst leider komplett ausfallen lassen. Kann denn wirklich niemand?“) um legte mich mit aufmüpfigen, rotzfrechen Grundschulkindern an, die weder das Radtraining noch mich ernstnehmen wollten.

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22. Jun. 2021
von Sonia Heldt
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15. Jun. 2021
von Philipp Krohn
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Was wir in der Pandemie als Familie gelernt haben

Ein Fall für die familiäre Mittagspause im Lockdown: ein TKKG-Hörspiel

Es hat 38 Jahre gedauert, bis ich die entscheidende Textzeile verstanden habe. „Karl lässt schnell die Fakten tanzen“, heißt es im ursprünglichen Titelsong der TKKG-Hörspielreihe. Aus Rechtsstreitigkeiten wurde er später durch das Lied mit der Zeile „TKKG, die Profis in spe“ ersetzt, genauso wie der Name Tarzan zu Tim getauscht wurde – nicht etwa, weil der Dschungelheld nicht als Vorbild für die Jugend taugte, sondern weil seine Verwendung gegen Trademark-Bestimmungen verstieß. Das weiß ich alles, weil Pandemie ist.

In fünfzehn Monaten Gesundheitskrise sortiert sich einiges neu. Und so ist das gemeinsame Hörspielhören beim Mittagessen während der Homeschooling-Wochen zu einem kleinen Ritual geworden. Jetzt finden wir irgendwann anders Zeit für die Folgen der jugendlichen Ermittlerbande, die in einer Großstadt lebt („eine Stadt, die so groß ist wie die unsere“, sagt der hauptberufliche Kommissar Emil Glockner an einer Stelle), deren Attribute klar auf München schließen lassen, und die auch zur Verbrechensbekämpfung im Umland ausschließlich mit dem „Drahtesel“ unterwegs sind.

In der Pandemie hat sich unsere Familie natürlich ein bisschen neu sortiert. Hatten wir das Gefühl, dass Familie und Kinder immer Priorität hatten, wie es die Bundesregierung als Parole ausgegeben hat? Das sind die zwei Themen, um die es in diesem Blogbeitrag gehen soll.

Gestern traf ich einen Sportsfreund. Wir alle waren merklich nicht in Form. Homeoffice hat Bewegungsarmut erzeugt. Ich wunderte mich, ihn zu sehen, denn vor Corona war er mit seiner Familie in eine andere Stadt in der Nähe gezogen. Nun war er offensichtlich wieder da. Nach unserer mehr oder weniger erfolgreichen Rückkehr auf den Hallenboden erzählte er über die Gründe. Es sei nicht leicht gewesen, am neuen Wohnort Anschluss zu finden. Nicht nur wegen Covid-19, aber auch deshalb. Einige Male sei die Familie zu Besuch in der Großstadt gewesen, die Kinder hätten immer Freunde getroffen, wenn sie auf Spielplätzen waren. Irgendwann reifte der Wunsch zurückzukommen.

Als eine der positiven Erfahrungen wertete er, dass die Familie einen neuen Rhythmus gefunden habe. Habe es früher immer geheißen, wegen der Kinder müsse man ganz schnell nach draußen, hätten die Begriffe „Chillen“ und „Gammeln“ nun eine Bedeutung bekommen. Halt so etwas wie unsere TKKG-Sessions – alle hören zu, können aber auch ein bisschen vor sich hinträumen, langsamer oder schneller essen als der Rest. Auch in anderen Dimensionen lässt sich das bei uns beobachten: Früher haben wir uns immer gefragt, wann eigentlich Comics und Bücher mal Zeit finden. Mit Covid-19 teilt sich ein Wochenend-Tag nicht mehr in eine Vormittagseinheit und eine Nachmittagseinheit, sondern lässt auch Müßiggang zu.

Wird das bleiben? Immerhin haben viele über diese Erfahrung auch schon nach dem ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr berichtet. Genauso wie sich Waldspaziergänge und Fahrradtouren als passable Alternativen zum Hallenbad und zur Schlittschuhbahn erwiesen. Aber etwas ist doch anders nach fünfzehn Monaten Pandemie. Viele Familien sind an ihre psychischen Grenzen gestoßen und sprechen das auch aus. So lange Zeit Kinder ruhig zu halten, die kaum Freunde, keinen Sport, wenig Abwechslung, Unterricht am Bildschirm und permanenten engen Austausch mit Eltern und Geschwistern hatten, dürfen sich Eltern ruhig als große Lebensleistung ans Revers heften. „Wer hätte gedacht, dass es schlecht für die Psyche ist, monatelang den Stress um 300 % zu erhöhen und den Spaß um 90 % zu reduzieren?“, schrieb kürzlich der Comiczeichner Krieg und Freitag (Tobias Vogel) auf Twitter.

Und dann ist da noch die politische Komponente. Während des ersten Lockdowns fielen Hunderttausende Familien von einem auf den anderen Tag (für viele der 15. auf den 16. März vergangenen Jahres) in eine völlig neue Lebenssituation: Eltern wurden Lehrer, Köchinnen, Erzieher und Homeoffice-Arbeiterinnen zur gleichen Zeit. Um bei Krieg und Freitag zu bleiben: Wie viel Erholung und Ausgleich brauchen sie jetzt eigentlich, um den um 300 Prozent erhöhten Stress und den um 90 Prozent reduzierten Spaß auszugleichen? Weiß das vielleicht eine gute Psychologin oder ein versierter Psychoanalytiker?

In der ersten Phase der Pandemie hatten viele noch Verständnis für eine Politik, die noch nie mit einer solche Situation konfrontiert war. Je länger sich die Krise hinzog, desto sichtbarer wurden strukturelle Defizite, die man sicherlich auch nicht vom einen auf den anderen Tag beheben kann. Doch woran sich die meisten Familien abarbeiten, ist die scheinbare Priorität für Kinder, die pausenlos deklamiert, aber nicht gelebt wurde. So etwa die Ignoranz gegenüber Kindern in ärmeren Stadtteilen, deren Hilfeinfrastruktur wegbrach und jetzt, da man mehr über die Risiken der Pandemie weiß, wieder etwas besser funktioniert. Doch dass immer etwa zwei Wochen, nachdem dringend notwendige Erleichterungen in den Schulen verkündet wurden, dieselben Erleichterungen auch für andere gesellschaftliche Bereiche verkündet wurden, ließ zumindest Zweifel an der Ehrlichkeit der Behauptung aufkommen, dass Kinder ganz oben stehen.

Wir haben mal wieder eine Etappe genommen. Immer mehr Menschen sind geimpft, die Inzidenzen so niedrig, dass das Leben allmählich wieder lebenswerter wird. Wir treffen Freunde beim Sport wieder, gehen mit angezogener Handbremse EM im bescheidenen Public Viewing schauen. Und wir haben einiges gelernt, von dem wir nicht gedacht hätten, dass wir es lernen. Es heißt nicht: „Karl ist schnell die Faktentasche.“ Es heißt auch nicht: „TKKK, die Profis im Spähen.“ Und man erfährt auch nie, was Sabine Lenz eigentlich dazu sagt, dass ihr Versicherungsheini so ein gemeiner Dieb ist. Ab Folge 50 steigen wir dann auf Die drei ??? um – aber die mit der Originalmusik von Bert Brac und Phil Moss, die eigentlich Carsten Bohn heißen und im früheren Leben mal der Drummer der besten deutschen Rockband Frumpy waren. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

15. Jun. 2021
von Philipp Krohn
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08. Jun. 2021
von Matthias Heinrich
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Keine Oma ist wie die andere

Niemand weiß besser als die beiden, was sie aneinander haben.
Niemand weiß besser als die beiden, was sie aneinander haben.

In den Pfingstferien sind wir endlich einmal wieder nach Norddeutschland gefahren. Wir haben unsere Familien besucht. Nach über einem Jahr haben unsere Kinder ihre Großmütter wiedergesehen. Ein Fazit kann ich vorwegnehmen: Es hat sich nicht viel geändert.

Meine Mutter hat bisher vier Enkelkinder. Ein besonderes Verhältnis zu ihrer Oma hat unsere Tochter Frida (6). Vielleicht, weil Frida das einzige Mädchen unter den Enkeln ist und mit zweitem Namen wie ihre Oma heißt. Dass die beiden sich so mögen, ist schön, bleibt aber ein kleines Rätsel. Denn so oft haben sich die zwei noch nicht gesehen. Frida wurde in Berlin geboren, meine Mutter lebt über 400 Kilometer entfernt. Da sie selber nicht reist, waren es immer wir, die zu Besuch kamen. Auch jetzt, wo wir nach Franken gezogen sind.

Außerdem ging es meiner Mutter eine Weile schlecht. Sie war im Krankenhaus. Inzwischen hat sie ihr Tief überwunden, fast ohne fremde Hilfe. Sie lebt allein und hat gerade während der Pandemie keine besonders angenehme Zeit gehabt. Außerdem wird sie mit zunehmendem Alter verwirrt und vergesslich. Ob Frida und ihr Bruder Theo (8) diese Verwirrtheit mitbekommen, kann ich nur vermuten. Thematisiert haben wir das bis jetzt noch nicht. Ich denke, dass sie merken, dass mit Oma etwas seltsam ist. Sie gehen nur unterschiedlich damit um.

Auch Theo liebt meine Mutter, hat aber aus meiner Sicht ein engeres Verhältnis zu meiner Schwiegermutter, seiner anderen Oma. Vielleicht, weil er sie als Baby häufiger gesehen hat als meine Mutter. Ich erinnere mich, wie sie ihn auf einer Feier einmal stundenlang mit einem zusammengeknüllten Papiertaschentuch unterhalten hat. Der Junge war wie hypnotisiert.

Mit Sicherheit hat Theos größere Zuneigung mit den Geschenken zu tun. Während meine Schwiegermutter den Kindern regelmäßig zu allen Anlässen Pakete schickt und die Kinder bei jedem Besuch etwas zum Spielen von ihr bekommen, macht meine Mutter ihnen fast nie Geschenke. Sie denkt einfach nicht daran. Vielleicht müssten wir ihr dabei etwas unter die Arme greifen.

Theo kommt mit meiner Schwiegermutter auch deshalb besser klar, weil sie aktiv mit den Kindern spiel. Oma schlüpft in andere Rollen, macht Quatsch, und alle lachen. Daran erinnert er sich zu Hause dann immer wieder gerne. „Wir müssen mal wieder zu Oma fahren, Mama“, sagt er dann. Frida ergänzt immer mit Nachdruck: „Ja, aber wir müssen auch mal wieder die andere Oma besuchen.“ Dabei schaut sie mir in die Augen und erwartet meine Bestätigung.

Vergangene Woche haben wir beide Omas besucht. Eine Woche lang quartierten wir uns auf einem kleinen Reiterhof in Norddeutschland ein. Dort halfen die Kinder jeden Morgen beim Stallausmisten und durften hinterher an der Longe reiten.

Beim ersten Wiedersehen mit meiner Mutter war die Freude riesig. Es wurde gekuschelt und gedrückt. Während sich Theo aber schnell mit seinen Cousins auf dem Trampolin vergnügte, setzte sich Frida immer wieder zu ihrer Oma und löcherte sie mit Fragen: „Hast du früher auch geritten? Hattet ihr auch einen Hund?“ Das Mädchen wollte sie integrieren. Und Oma machte mit: „Pferde hatten wir nur, wenn auf dem Feld gearbeitet wurde. Da hat mein Papa sich eins ausgeliehen, und ich durfte auf seinem Rücken sitzen. Einen Hund hatten wir aber: Der hatte kurze Beine, hellbraune Locken und hieß Wolfi.“ Frida hörte aufmerksam zu, fragte weiter und setzte irgendwann ihr Spiel fort.

Am nächsten Tag – meine Frau musste arbeiten – machten Theo, Frida, meine Mutter und ich einen Spaziergang durch meinen Heimatort. Es war herrlich: Die Kinder tobten durch den Park, warfen Steinchen in den Teich, und Oma erzählte, dass man früher für 30 Pfennige ein Boot mieten und zur Enteninsel rüberfahren konnte. Die Kinder staunten. Frida fand eine Gänsefeder und war auf einmal Indianerin. Am Schluss gab es für die Kinder ein Eis und für Oma einen Espresso und eine Zigarette.

An den nächsten Tagen sahen wir meine Mutter regelmäßig und unternahmen etwas zusammen. Dann besuchten wir die andere Oma. Sie wohnt fast hundert Kilometer entfernt nahe der Grenze zu Holland. Meine Schwiegermutter ist eine sehr gute Gastgeberin, freut sich immer schon Tage vorher auf unseren Besuch und bereitet jede Menge zu Essen vor.

Nachmittags regnete es, darum verschoben wir das obligatorische Pizza-Essen einfach nach vorne. Dabei erinnerten wir uns mit den Kindern an die Eichenprozessionsspinner vom vorletzten Sommer, die Oma mit einem Kehrblech weggefegt hatte, und an Theos folgenden Hautausschlag. „Oh Mann, das hat gejuckt!“ rief er.

Worüber wir mit den Kindern nicht sprachen, waren die Probleme, die Sorgen, die es auch in der Familie meiner Schwiegermutter gibt. Aber immerhin sprachen wir Erwachsenen einmal offen wie noch darüber, während die Kinder unten auf der regennassen Wiese barfuß einem Ball hinterherjagten.

Am Abend begann der Regen wieder. Die Kinder saßen in Schlafanzügen und mit geputzten Zähnen auf der Rückbank und winkten Oma traurig zu, die in der Tür stand und mit den Tränen kämpfte. „Das ist ungerecht“, schimpfte Theo. „Wir sind eine ganze Woche hier im Norden und besuchen Oma nur an einem einzigen Nachmittag.“ Meine Frau und ich beschlossen, unseren nächsten Urlaub in der Heimat etwas gerechter zwischen den Omas aufzuteilen.

Die Woche ging rasend schnell vorbei. Am Abreisetag verpassten wir durch ein Missverständnis meine Mutter und konnten uns nicht von ihr verabschieden. Ich rief sie von unterwegs an und wir sagten bis zum nächsten Mal und dass ich ihr Fotos schicke.

Jedes Mal, wenn ich von ihr wegfahre, denke ich, ob ich sie beim nächsten Mal noch gesund und munter wiedersehen werde.

Unsere Omas sind unterschiedlich wie ihre Enkel. Es gibt keinen Wettbewerb, keine noch irgendwie geartete Rivalität. Bei ihren seltenen Treffen haben sie sich sehr gut verstanden. Unsere Kinder lieben die beiden, wie ein Kind seine Oma eben lieben sollte. Sie sind zwei Frauen jenseits der siebzig, mit denen es das Leben nicht immer gut gemeint hat. Ich frage mich, wann der richtige Zeitpunkt ist, mit den Kindern darüber zu sprechen. Noch ist er nicht da.

08. Jun. 2021
von Matthias Heinrich
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01. Jun. 2021
von Sonia Heldt
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Hormonhölle: Wenn die Pubertät eine Rolle rückwärts macht

Wenn die eigenen Kinder erwachsen werden, tanzt alles: die Hormone von jung und alt, da hilft nur ein Tangokurs, für den jetzt wieder Zeit ist.

„Schau dir mal diesen fiesen Pickel hier an“, sagt Maya (13) und zeigt auf ein Pickelchen an ihrer Nase. „Kann ich toppen“, sage ich und drücke auf die dicke, hochrote und schmerzende Beule an meinem Kinn. Hormone können einen ganz schön piesacken. Mal sind Östrogene, Testosteron und Progesteron im Einklang miteinander, dann sind von dem einen zu viel und von dem anderen zu wenig vorhanden. Die Hormone tanzen gerne Samba, leider nicht immer im Takt. Anscheinend freuen sie sich, wenn wir durch ihre Unausgewogenheit reizbar, manchmal regelrecht aggressiv und unberechenbar werden. An manchen Tagen kochen sie so hoch, dass sie uns in hochemotionale und weinerliche rohe Eier verwandeln. Das gilt für meine Töchter und auch für mich.

Bei Laras Geburt war ich 32 Jahre alt (sie ist heute 17), bei Mayas 35. Schon damals habe ich durchgerechnet, dass Lara einige Monate nach meinem 50. Geburtstag volljährig wird. Wie krass, dachte ich, das werden emotionale Tage, an denen ich sicher ein paar Tränen vergießen werde: Freudentränen, aber auch Tränen des Aufbruchs und Umbruchs. Lara wird dann fast die schlimmste Pubertätsphase hinter sich haben, mutmaßte ich weiter, Maya wird mittendrin stecken und ich werde wahrscheinlich geradewegs in die Wechseljahre galoppieren – die Pubertät in einer Rolle rückwärts. Hilfe! Hormonhölle! Mein armer Mann! Da kann er sich ja in ein paar Jahren warm anziehen mit uns drei Mädchen. Und 50! Mein Gott! Was für eine Zahl! Das ist uralt!

Nun müsste man meinen, dass ich genug Zeit hatte, mich mit diesen Gedanken anzufreunden. Und überhaupt, in einer Beziehung ist das Leben absolut gerecht: Niemand kann sich dem Alterungsprozess entziehen. Ich finde es dennoch unfair, dass Frau diesen Hormonschwankungs-Mist immer und immer wieder durchmachen muss: Pubertät, PMS, Hormonschübe während und nach der Schwangerschaft und alles, was sonst noch zum weiblichen Dasein dazugehört. Das krönende Finale bilden die Wechseljahre, die ich mit dem Verlust meiner Fruchtbarkeit, Weiblichkeit und Attraktivität verbinde. Adieu Stringtanga und Knackpopo, willkommen Tena Lady Pants und Elefantenhintern. Hitzewallungen und Herzklopfen, die leider nicht auf hoffnungslose Verliebtheit zurückzuführen sind, kommen on top. Da muss man nichts schönreden.

Als wäre die Aussicht auf all das nicht schlimm genug, wird mir gleichzeitig im Theaterstück meiner Kinder nach und nach die Hauptrolle entzogen. Von der Nebenrolle ist es dann nicht mehr weit bis zur Zweitbesetzung. Sicher, ich werde nie ganz von ihrer Bühne verschwinden. Ich bleibe immer eine Mutter. Aber die Ansprüche an mein Spiel werden stetig anspruchsloser. Meine Töchter können sich selbständig waschen, anziehen, essen, backen, den Blu-ray-Player bedienen und ihre Termine selbst organisieren. Wir spielen nun öfter mit vertauschten Rollen: Meine Töchter erinnern ihre immer vergesslicher werdende Mutter daran, dass sie den Herd noch ausmachen muss und die Schlüssel nicht vergessen soll. Sie verraten ihr, wo sie das Auto geparkt und wohin sie ihre Brille verlegt hat, wie man mit der App richtig umgeht und wie man den Namen der Sängerin Billie Eilish korrekt ausspricht.

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01. Jun. 2021
von Sonia Heldt
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25. Mai. 2021
von Chiara Schmucker
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Wie viel Job verträgt meine Familie?

Ein ausgeglichenes Nebeneinander gibt es zwischen Elternsein und Erwerbsarbeit höchst selten.
Ein derart ausgeglichenes Nebeneinander gibt es zwischen Elternsein und Erwerbsarbeit höchst selten.

„Ich brauche meine 100 Prozent im Job für mein Selbstverständnis“, sagt die Bekannte beim gemeinsamen Spazierengehen zu mir. „Ich will nicht so ’ne Teilzeitmuddi sein!“ Sie arbeitet momentan mit einem eineinhalb Jahre alten Kind wieder 80 Prozent. Ich arbeite 86 Prozent. Es geht nicht ums Geld. Ihr Satz trifft mich dennoch. Das Wort „Muddi“ verletzt mich dabei mehr als das Wort „Teilzeit“, denn ich bin eigentlich sehr zufrieden mit meiner Teilzeit, meinem Arbeitspensum und den zugehörigen Projektverantwortlichkeiten. Ich bin voll integriert im Team und kann meinen Sohn dennoch jeden Nachmittag von der Kita abholen. Und wenn wir ehrlich sind: 86 Prozent sind ja nicht einfach Vollzeit minus 14 Prozent; auch die sonst selbstverständlichen (unbezahlten) Überstunden fallen für mich jetzt einfach seltener an – und falls doch, kann ich einen Ausgleich nehmen. Mehr würde aber auch nicht gehen, da mache ich mir keine Illusionen, denn ich bin nun mal nicht nur Angestellte, sondern eben auch Mutter.  

Ich habe mich schon oft gefragt, warum ausgerechnet Mütter sich gegenseitig so kritisch beäugen und manchmal auch richtig fies sind – als wäre etwas falsch daran, gerne Zeit mit seinem Kind zu verbringen oder dafür beruflich zumindest zeitweise ein wenig kürzer zu treten.

Die Frage, wie viel wir als Eltern mit Kleinkind arbeiten möchten, beschäftigt meinen Mann und mich momentan sehr: Wir bekommen nämlich im Spätsommer unser zweites Baby, teilen uns die Elternzeit und möchten dann gerne beide wieder möglichst viel arbeiten gehen, weil wir unsere Jobs eben auch lieben. Doch seit mein Bauch runder und mein zweieinhalbjähriger Sohn ob der Veränderung entsprechend anhänglicher werden, bin ich mir nicht mehr so sicher, wie viel Job eine Eltern-Kind-Beziehung verträgt. „Ich hab dich so vermisst“, säuselt mir mein Sohn Max ins Ohr, als ich kurz auf der Toilette war. „Aber wann denn?“, frage ich. „Ich war doch immer da.“ „Einfach so“, sagt er mit seinem kleinen Kinderherz und schmiegt sich enger an mich. Seit er spürt, dass sich bei uns etwas verändert, gibt es wieder häufiger Tränen morgens an der Kita-Tür, nachts kommt er wieder öfter in mein Bett, und seine Kuscheleinheiten sind intensiv wie nie.

Kürzlich habe ich einen Text darüber gelesen, dass eine junge schweizerische Familie sich dazu entschieden hat, dass die Frau nicht arbeitet, sondern sich um die drei Kinder kümmert, was natürlich auch Arbeit ist, das wird jedem klar sein. „Ich bin eine Provokation für andere Frauen“, erzählte sie. Und dass sie sich sehr viele sehr übergriffige Sprüche für ihre Entscheidung für das angeblich traditionelle Familienmodell anhören müsse, das doch inzwischen eigentlich eher die Ausnahme geworden ist.

Ich bin weit davon entfernt (und mein Mann übrigens auch), unsere Jobs komplett an den Nagel hängen zu wollen. Aber wie diese Familie darüber berichtete, dass ihr Familienleben harmonisch, weitgehend stressfrei und irgendwie auf Augenhöhe stattfindet, das gab mir doch zu denken. Unser Leben funktioniert auch meistens ganz gut – aber es ist mit den täglichen Konflikten garniert, die es mit sich bringt, wenn nicht nur zwei Erwachsene funktionieren müssen, sondern auch das Kita-Kind pünktlich, satt und mit geputzten Zähnen zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein muss. Wenn wir dann durch unseren Arbeitsalltag hetzen, um am Nachmittag ein Kind wieder in Empfang zu nehmen, das einen Tag erlebt hat, in den wir nur begrenzt Einblick erlangen können. Hatte es Frust, hat es uns vermisst, spielte es unbeschwert oder schluckte es seine Tränen hinunter? Es schnürt mir ein wenig die Kehle zu, ein so kleines Kind allein durch einen ganzen Tag zu schicken, natürlich nicht unbegleitet, aber eben ohne uns.

Seit Max auf der Welt ist, sind wir damit beschäftigt, die bestmögliche Betreuung für ihn zu organisieren. Wir haben ihn schon kurz nach seiner Geburt in diversen Kitas angemeldet, um dann letztlich doch erst acht Wochen vor Eingewöhnungsbeginn kurz nach seinem ersten Geburtstag eine Zusage zu bekommen. Bis dahin war das dumpfe Gefühl im Magen unser ständiger Begleiter: Wird alles klappen, wie wir es uns ausgemalt und mit unseren Arbeitgebern abgesprochen haben? Bekommen wir einen Vollzeitplatz? Wie lange dauert die Eingewöhnung? Im Sommer kommt Max in den Kindergarten – wieder nach einer (diesmal virtuellen) Odyssee durch die Betreuungsstätten der Umgebung und dem unsicheren Warten. Und für das neue Geschwisterchen haben wir jetzt schon nur zwei Optionen für einen Platz im nächsten Jahr angeboten bekommen: Mai oder Dezember – für Kind, Job und Familienleben natürlich ein immenser Unterschied.

Ich frage mich manchmal, ob das Leben mit Kindern immer zu einem so großen Teil daraus bestehen wird, sie „wegzuorganisieren“, ihren Alltag mit unseren Vorstellungen und Erwartungen bestmöglich in Einklang zu bringen – und dann doch manchmal nächtelang wach zu liegen und darüber zu grübeln, ob sich wohl alles fügen oder doch eher implodieren wird.

Das zurückliegende Jahr hat gezeigt, dass vieles möglich ist und wir als Eltern viel stärker sind, als wir vielleicht dachten. Wir schaffen Homeoffice und Lockdown, Notbetreuung und Krankheitsphasen. Doch die Frage ist: Ist dies das Leben, das wir uns vorstellen? Wären wir vielleicht doch glücklicher mit etwas weniger Programm, Orga-Punkten auf der To-do-Liste und Termin-Tetris?

Und die wesentlichste Frage ist: Wäre auch unser Leben besser, einfacher, harmonischer, konfliktfreier, wenn wir weniger arbeiten würden? Wären wir glücklicher – oder würden uns unsere Jobs nicht doch sehr fehlen? Wären unsere Kinder glücklicher – oder würden ihnen nicht auch ihre Freunde und Erfahrungen ohne uns fehlen? Unsere Wochenenden sind häufig noch anstrengender als die Wochentage, meine Schwester sagte immer, die Zeiten, in denen sie nicht arbeitete, waren besonders frustrierend, weil sie dann gerne alles perfekt gehabt hätte – und das mit fünf Kindern eben einfach nicht geht, selbst wenn sie nicht arbeitet. Hat sie selbst einen Ausgleich, ist sie gelassener.

„Die Zeit, in der die Kinder so klein sind, kommt nicht wieder“, höre ich in meinem Kopf. Doch ich weiß auch noch genau, wie sehr ich mich nach Max‘ Geburt darauf gefreut hatte, wieder arbeiten zu gehen. Wir werden es wohl – wie so vieles – auf uns zukommen lassen müssen, schauen, wie es sich schüttelt, und im Zweifel gegensteuern.

Der Mann meiner Bekannten ist mit seiner Vollzeit-100-Prozent-Partnerin im Moment übrigens schwer im Stress. Denn seit sie aufgestockt hat, ist er es, der das Kind von der Kita abholt und sich dann nach Feierabend noch einmal an den Schreibtisch setzt. Ob er vielleicht lieber ein Teilzeit-Vaddi wäre? Ich glaube, das hat ihn (noch) niemand gefragt.

25. Mai. 2021
von Chiara Schmucker
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18. Mai. 2021
von Sonia Heldt
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Was ich aus Pfannkuchen-Gate lerne

Wenn man selbst unter Strom steht, kann man nicht noch eine Tochter gebrauchen, die über das Essen nörgelt.

Ich klappe genervt meinen Laptop zu. Es war ein blöder Vormittag und ich habe wenig geschafft. Gleich werden meine Töchter nacheinander ihre Köpfe durch die Tür stecken und den von mir gehassten Satz von sich geben: „Hast du schon gekocht? Was gibt es denn?“ Ich habe noch nichts vorbereitet, eigentlich nicht einmal etwas geplant. Daher inspiziere ich den Kühlschrank, auf der Suche nach einer Idee für das Mittagessen. Irgendjemand hat es mit dem Eier-Kauf übertrieben – gleich zwei Zehner-Kartons stehen im Kühlschrank. Da ist sie, die Eingebung: Pfannkuchen. Ich versüße uns den Tag!   

Maya (13) isst ihren Pfannkuchen am liebsten mit Marmelade, Lara (17) mit Äpfeln. Äpfel haben wir zur Genüge vorrätig. Außerdem finde ich noch zwei Schalen Blaubeeren im Gemüsefach. Lara liebt Blaubeeren. Erleichtert, eine schnelle Lösung gefunden zu haben, schäle ich die Äpfel, wasche die Beeren ab und rühre eine riesige Schüssel Teig an. Maya strahlt: „Wie lecker!“ Sie beginnt am Esstisch mit den Hausaufgaben, während ich den ersten Pfannkuchen für sie backe.

Kurze Zeit später kommt Lara zwischen ihren nächsten Homeschooling-Konferenzen in die Küche: „Was gibt es heute?“, fragt sie. „Pfannkuchen“, erwidert Maya mit vollem Mund. Ich lächele meine Große zufrieden an: „Ich kann dir deinen mit Äpfeln oder Blaubeeren machen. Blaubeeren magst Du …“ Weiter komme ich nicht. Lara unterbricht mich wutentbrannt: „Mann, Mama! Wie oft muss ich dir noch sagen, dass ich mich gesund ernähren will! Das kann ich doch nicht essen!“, kreischt sie. Dann flippt sie völlig aus und schimpft: „Was ist daran so verdammt schwer zu verstehen? Koch doch nicht immer so einen Mist! Echt! Was soll das denn?!“

Ich bin so baff, dass es mir die Sprache verschlägt. Mit offenem Mund starre ich sie an. Hä? Bevor ich mich sammeln und reagieren kann, ist Lara schon in den Flur abgerauscht, schlüpft in ihre dreckigen Sneakers, grabscht nach ihrer Jacke und öffnet die Haustür. „Immer muss man hier alles selbst machen. Ich gehe jetzt für mich etwas Anständiges einkaufen“, ruft sie im Hinausgehen und knallt lautstark die Haustür hinter sich zu.  Maya und ich schauen uns perplex an. „Was hat die denn jetzt schon wieder?“, sagt Maya nur kopfschüttelnd und grinst amüsiert. Mir ist nicht nach grinsen. Mir ist danach, etwas gegen die Wand zu feuern! Was für eine doofe Kuh! So viel Spaß macht mir das Kochen auch nicht, dass ich mich nun noch für meine hochgradig ungesunde Ernährung entschuldigen muss. Ich zetere los: „Acht Eier! Acht Eier habe ich da drin!“ „Blaubeeren! Extra für sie! Weil sie Blaubeeren so gerne mag!“ „Da meint man es gut.“ „Aber ich kann ja riechen, dass Madame heute ihren Gesundheitstrip fährt!“

Ich würde Pfannkuchen weder als ideales, kalorienarmes Mittagessen bezeichnen, noch beanspruche ich den Titel „Fünfsterne-Köchin“ für mich. Aber verdammt nochmal, ich gebe mir hier echt Mühe, jeden Mittag etwas Warmes für die Familie auf den Tisch zu bringen. Und seit wann sind Pfannkuchen ungesünder als die Pizza, die Chips, die Burger, die Gummibärchen, die Cola und die überzuckerten Energie-Drinks, die sich Lara ständig mit ihren Freundinnen vor dem Fernseher reinschiebt? Über den Billigwein im Tetra Pak und die anderen alkoholischen Getränke, die nach meinem Verständnis ebenfalls nicht auf einen Low-Carb-Ernährungsplan gehören, wollen wir gar nicht erst reden!

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18. Mai. 2021
von Sonia Heldt
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11. Mai. 2021
von Matthias Heinrich
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Wenn Freunde türmen

River Phoenix (l.) und Wil Wheaton 1986 in Rob Reiners Stephen-King-Verfilmung "Stand by me"
River Phoenix (l.) und Wil Wheaton 1986 in Rob Reiners Stephen-King-Verfilmung „Stand by me“

Ich renne durch den Wald. Meine Jacke habe ich Lara gegeben. Es ist kalt, aber ohne komme ich schneller voran. Lara war irgendwann einfach losgelaufen. Es dauerte, bis ich sie einholte. Länger als ich dachte. Dann blieb sie plötzlich stehen, keuchend, die Hände in die Hüften gestemmt. „Ich kann nicht mehr. Du bist der Jogger“, keuchte sie. „Lauf!“

Zehn Minuten ist das jetzt her oder vielleicht zwanzig. Keine Ahnung. Lara nimmt einen anderen Weg durch den Wald. Ich höre sie irgendwo hinter mir rufen. „Felix! Theo!“ Ihre Stimme treibt mich an. Ich erhöhe das Tempo nochmal. „Theo“, rufe ich. „Felix“. Das Echo wabert durch die Kiefernreihen rechts von mir. Beim Rennen fällt mir auf, dass die Bäume vollkommen symmetrisch zueinander stehen. Sie schießen an mir vorbei, aber das Bild ändert sich nicht. Ich komme mir vor wie ein einem riesigen Rad, und mein Kopf spinnt. In einem Moment denke an die Fluchtpunktperspektive im Kunstunterricht und im nächsten an diese irre Treppe in diesem Hitchcock-Film. Flucht und Hitchcock. Es gibt hier Wölfe, hatte Sascha am Abend erzählt. Vier Rudel. Vier Rudel in dieser gottverlassenen Gegend in Brandenburg, südlich von Berlin, in der zwei Jungen spurlos verschwunden sind. Ich renne weiter.  

Wir sind bei Lara und Sascha zu Besuch. Sie sind vor ein paar Jahren raus aufs Land und haben hier in Brandenburg gebaut. Bis gerade eben ist das Wochenende völlig harmonisch verlaufen. Unsere Töchter Frieda und Elsa spielen toll zusammen, unsere Söhne Theo und Felix sind beste Freunde. Immer noch, obwohl sie sich seit über einem Jahr nicht gesehen haben. Sie kennen sich seit der Kita und sind unzertrennlich, spielen Fußball, tauschen Spielerkarten, klettern auf ein Baumhaus, hauen Nägel in eine Wand und genießen jede Sekunde ihres Zusammenseins. Hoffentlich auch jetzt noch.

Nach dem Frühstück sind wir zu einer Wanderung aufgebrochen. Eine Stunde ist das jetzt her. Felix und Theo haben sich gleich an die Spitze gesetzt. Bald haben wir die beiden nicht mehr gesehen, was meine Frau und mich ärgerte. Wir hatten mit Theo vereinbart, dass er uns immer sehen muss, auch wenn er vorläuft. Lara beruhigt uns: „Felix kennt den Weg. Die warten vorne an der Kreuzung auf uns.“

Als wir ankommen, wartet dort niemand. Stattdessen setzt sich ein altes, verblichenes Wohnmobil in Bewegung. Langsam fährt es die Straße runter, weg von uns. Die Scheiben sind dreckig und dunkel, den Fahrer habe ich nicht gesehen. Augenblicklich muss ich an „Breaking Bad“ denken. In der US-Serie hatten die beiden Hauptcharaktere ein ähnliches Wohnmobil zu ihrem Drogenlabor umgebaut. Ich schaue zu meiner Frau rüber. Sie denkt offenbar etwas ähnliches. „Hm, komisch. Vielleicht sind die beiden doch andersherum zum Bolzplatz gelaufen“, sagt Sascha. „Lauft ihr doch mal weiter, ich gehe nochmal zurück.“

Vorne spricht Lara eine Familie mit einem Jungen an. Sie ruft: „Sascha, stopp! Sie haben die beiden Jungs gesehen. Die sind da langgelaufen. Die warten bestimmt am See auf uns.“ Die allgemeine Erleichterung ist groß. Nur meine Frau bleibt angespannt. „Ich laufe schon mal vor, mir lässt das keine Ruhe.“

Lara und ich schlendern hinterher. „Ach, ich glaube, die Jungen quatschen einfach die ganze Zeit und haben uns vergessen“, meint sie. „Felix möchte Theo beeindrucken. Der will seinem Freund zeigen, wie gut er sich auskennt. Die stehen gleich am Wasser und sagen: ‚Wo bleibt ihr denn, ihr lahmen Enten?‘“ In diesem Moment kommt meine Frau zurückgerannt. Am Wasser ist niemand.

Ich renne durch den Wald in Brandenburg, in dem es vor Wölfen wimmelt. Ganz in der Nähe ist eine Autobahn. In einer Richtung geht´s nach Potsdam, in der anderen nach Polen. Das Wohnmobil könnte mit den Jungen schon über alle Berge sein, schießt es mir durch den Kopf.

Der Weg gabelt sich. Ich habe keine Ahnung, wo ich lang muss und rufe Lara an, die irgendwo hinter mir ist. „Siehst du eine Bar?“, fragt sie außer Atem. „Was?“ „Ist da ein Brett, das waagerecht an zwei Bäumen befestigt ist?“ Ich drehe mich nach allen Seiten um. „Nein, keine Bar“, sage ich. „Dann musst Du weiterlaufen.“ Das tue ich.

Der Wald ist mir fremd. Die Kiefern huschen an mir vorbei, ein Labyrinth aus dunkelbraunen Pfählen auf kargem Boden voller toter Nadeln. Immer wieder rufe ich die Namen der Jungen und lausche. Wo trägt der Wald das Echo hin? Meine Lunge brennt. Es geht leicht bergauf. Es ist anstrengend. Ich trage keine Joggingschuhe. Ich sehe mich durch diesen Wald laufen und denke: Die Jungen sind nicht hier.    

Irgendwann stehe ich atemlos vor einem Zaun. Dahinter ist ein Hügel. So alter Müllberg, auf dem jetzt Rasen wächst, mit niedrigen Schloten für das Gas. Von den Hügeln gibt es viele in Brandenburg. So weit sind die Kinder niemals gerannt, denke ich. Zwei Mountainbiker rasen auf mich zu. „Habt ihr zwei Jungs gesehen?“ rufe ich ihnen entgegen. „Nein!“ antworten sie wie aus einem Mund und preschen an mir vorbei. Irgendwo ganz in der Nähe höre ich das Rauschen der Autobahn.

Mein Telefon klingelt. Lara. Die Jungs haben bei Sascha angerufen, sie sind zu Hause. Sie klingt atemlos und leer und kein bisschen erleichtert. Die beiden hätten keinen Bock auf die Wanderung gehabt und einfach beschlossen abzuhauen. „Okay, bis gleich“, wir beenden das Gespräch. Ich bin erleichtert und stinksauer. Der Schweiß rinnt mir unter den Klamotten den Körper herunter.

Jetzt muss ich mich orientieren. Meine mobilen Daten zeigen ein E. E wie Edge. Am Rand – so fühle ich mich auch in diesem brandenburgischen Kiefernwald. Google Maps kann ich vergessen. Also muss ich selbst den Weg finden. Ich halte mich südlich. Kein Mensch ist unterwegs. Wieder klingelt das Telefon. Meine Frau. Sie ist mit Sascha auf dem Heimweg. Sie klingt nicht erleichtert, ist es aber. Ich kenne sie. Und sie ist völlig fertig. Ich sage, dass ich auf dem Weg bin, mich aber erst einmal zurechtfinden muss. Wir legen auf.

Im Wald sagt mir ein Schild, dass ich richtig laufe. Zweieinhalb Kilometer bis zum Ortszentrum. Wenn Theo jetzt vor mir stehen würde, würde ich ihm eine kleben. Was sind die zwei für Idioten, versauen uns allen den Tag, denke ich und stapfe weiter. Wissen die beiden eigentlich, was für Sorgen wir uns gemacht haben? Die Bäume lichten sich allmählich. Ich trete aus dem Wald und laufe an einem Feld entlang. Links von mir steht ein einsamer Hof, der schon vor vierzig Jahren genauso ausgesehen haben muss.

Etwa 35 Jahre alt ist die Erinnerung, die plötzlich in mir hochkommt. Damals bin ich mit zwei Freunden ausgebüxt. Kurz zuvor hatten wir „Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers“ im Kino gesehen. Der Film hatte uns umgehauen und war wahrscheinlich der Auslöser für unseren Ausbruch. Wir ließen den Schulbus abfahren und machten uns auf den Weg. Einfach so, ohne groß nachzudenken, ohne Ziel. Wir wollten einfach los. Irgendwann liefen wir wie die Jungen in „Stand by me“ über Bahnschienen. Aber die Sache verlief wesentlich undramatischer als in dem Rob-Reiner-Film. Der Lokführer drückte einmal auf die Hupe, und schon waren runter von den Gleisen.

Irgendwann sammelte meine Mutter uns ein, die den Schulweg mehrfach abgefahren war. Wenn ich mich richtig erinnere, hat es keinen großen Ärger gegeben, obwohl sie sicher stinksauer war. Sie hatte aber immer schon ein großes Herz für Freiheitsliebende. Jetzt denke ich an Bruce Springsteen und „Born to run“ und stelle fest, dass ich keine Kopfhörer dabeihabe. Dann summe ich halt.

Irgendwann erreiche ich Saschas und Laras Haus. Felix und Theo haben von ihren Müttern einiges zu hören bekommen. Sie sitzen reumütig in Felix´ Zimmer und lassen sich nicht blicken. Ich beschließe, es dabei zu belassen und später in Ruhe mit Theo über die Sache zu reden.

Alle Kinder, Jungen und Mädchen, haben diesen Drang in sich, auf eigene Faust etwas Neues zu entdecken und vielleicht auch mal auszubrechen. Das sollte uns Eltern klar sein. Wir werden das nicht verhindern und sollten es auch nicht unterdrücken. Stattdessen sollten wir ihnen einen Rahmen geben, in dem sie sich frei bewegen können. Wichtig ist, dass sie nicht ganz alleine losziehen. Dieser Rahmen ist zurzeit etwa einen Quadratkilometer groß: von der Schule, an der Eisdiele vorbei bis zum Fluss und auf der anderen Seite bis zum Spielplatz hinter den Sportplätzen. Er wird immer größer und unüberschaubarer, je älter sie werden.

Während ich diesen Beitrag aufschrieb, ploppte eine Meldung in den Sozialen Netzwerken auf: In meiner alten Heimat suchte die Polizei einen zehn Jahre alten Jungen. Am Abend war er wieder zu Hause. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie sich die Eltern bei der Suche gefühlt haben und was in ihren Köpfen vorging. Unser Theo war immerhin mit seinem besten Freund unterwegs.

11. Mai. 2021
von Matthias Heinrich
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