Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

15. Jun. 2021
von Philipp Krohn
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Was wir in der Pandemie als Familie gelernt haben

Ein Fall für die familiäre Mittagspause im Lockdown: ein TKKG-Hörspiel

Es hat 38 Jahre gedauert, bis ich die entscheidende Textzeile verstanden habe. „Karl lässt schnell die Fakten tanzen“, heißt es im ursprünglichen Titelsong der TKKG-Hörspielreihe. Aus Rechtsstreitigkeiten wurde er später durch das Lied mit der Zeile „TKKG, die Profis in spe“ ersetzt, genauso wie der Name Tarzan zu Tim getauscht wurde – nicht etwa, weil der Dschungelheld nicht als Vorbild für die Jugend taugte, sondern weil seine Verwendung gegen Trademark-Bestimmungen verstieß. Das weiß ich alles, weil Pandemie ist.

In fünfzehn Monaten Gesundheitskrise sortiert sich einiges neu. Und so ist das gemeinsame Hörspielhören beim Mittagessen während der Homeschooling-Wochen zu einem kleinen Ritual geworden. Jetzt finden wir irgendwann anders Zeit für die Folgen der jugendlichen Ermittlerbande, die in einer Großstadt lebt („eine Stadt, die so groß ist wie die unsere“, sagt der hauptberufliche Kommissar Emil Glockner an einer Stelle), deren Attribute klar auf München schließen lassen, und die auch zur Verbrechensbekämpfung im Umland ausschließlich mit dem „Drahtesel“ unterwegs sind.

In der Pandemie hat sich unsere Familie natürlich ein bisschen neu sortiert. Hatten wir das Gefühl, dass Familie und Kinder immer Priorität hatten, wie es die Bundesregierung als Parole ausgegeben hat? Das sind die zwei Themen, um die es in diesem Blogbeitrag gehen soll.

Gestern traf ich einen Sportsfreund. Wir alle waren merklich nicht in Form. Homeoffice hat Bewegungsarmut erzeugt. Ich wunderte mich, ihn zu sehen, denn vor Corona war er mit seiner Familie in eine andere Stadt in der Nähe gezogen. Nun war er offensichtlich wieder da. Nach unserer mehr oder weniger erfolgreichen Rückkehr auf den Hallenboden erzählte er über die Gründe. Es sei nicht leicht gewesen, am neuen Wohnort Anschluss zu finden. Nicht nur wegen Covid-19, aber auch deshalb. Einige Male sei die Familie zu Besuch in der Großstadt gewesen, die Kinder hätten immer Freunde getroffen, wenn sie auf Spielplätzen waren. Irgendwann reifte der Wunsch zurückzukommen.

Als eine der positiven Erfahrungen wertete er, dass die Familie einen neuen Rhythmus gefunden habe. Habe es früher immer geheißen, wegen der Kinder müsse man ganz schnell nach draußen, hätten die Begriffe „Chillen“ und „Gammeln“ nun eine Bedeutung bekommen. Halt so etwas wie unsere TKKG-Sessions – alle hören zu, können aber auch ein bisschen vor sich hinträumen, langsamer oder schneller essen als der Rest. Auch in anderen Dimensionen lässt sich das bei uns beobachten: Früher haben wir uns immer gefragt, wann eigentlich Comics und Bücher mal Zeit finden. Mit Covid-19 teilt sich ein Wochenend-Tag nicht mehr in eine Vormittagseinheit und eine Nachmittagseinheit, sondern lässt auch Müßiggang zu.

Wird das bleiben? Immerhin haben viele über diese Erfahrung auch schon nach dem ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr berichtet. Genauso wie sich Waldspaziergänge und Fahrradtouren als passable Alternativen zum Hallenbad und zur Schlittschuhbahn erwiesen. Aber etwas ist doch anders nach fünfzehn Monaten Pandemie. Viele Familien sind an ihre psychischen Grenzen gestoßen und sprechen das auch aus. So lange Zeit Kinder ruhig zu halten, die kaum Freunde, keinen Sport, wenig Abwechslung, Unterricht am Bildschirm und permanenten engen Austausch mit Eltern und Geschwistern hatten, dürfen sich Eltern ruhig als große Lebensleistung ans Revers heften. „Wer hätte gedacht, dass es schlecht für die Psyche ist, monatelang den Stress um 300 % zu erhöhen und den Spaß um 90 % zu reduzieren?“, schrieb kürzlich der Comiczeichner Krieg und Freitag (Tobias Vogel) auf Twitter.

Und dann ist da noch die politische Komponente. Während des ersten Lockdowns fielen Hunderttausende Familien von einem auf den anderen Tag (für viele der 15. auf den 16. März vergangenen Jahres) in eine völlig neue Lebenssituation: Eltern wurden Lehrer, Köchinnen, Erzieher und Homeoffice-Arbeiterinnen zur gleichen Zeit. Um bei Krieg und Freitag zu bleiben: Wie viel Erholung und Ausgleich brauchen sie jetzt eigentlich, um den um 300 Prozent erhöhten Stress und den um 90 Prozent reduzierten Spaß auszugleichen? Weiß das vielleicht eine gute Psychologin oder ein versierter Psychoanalytiker?

In der ersten Phase der Pandemie hatten viele noch Verständnis für eine Politik, die noch nie mit einer solche Situation konfrontiert war. Je länger sich die Krise hinzog, desto sichtbarer wurden strukturelle Defizite, die man sicherlich auch nicht vom einen auf den anderen Tag beheben kann. Doch woran sich die meisten Familien abarbeiten, ist die scheinbare Priorität für Kinder, die pausenlos deklamiert, aber nicht gelebt wurde. So etwa die Ignoranz gegenüber Kindern in ärmeren Stadtteilen, deren Hilfeinfrastruktur wegbrach und jetzt, da man mehr über die Risiken der Pandemie weiß, wieder etwas besser funktioniert. Doch dass immer etwa zwei Wochen, nachdem dringend notwendige Erleichterungen in den Schulen verkündet wurden, dieselben Erleichterungen auch für andere gesellschaftliche Bereiche verkündet wurden, ließ zumindest Zweifel an der Ehrlichkeit der Behauptung aufkommen, dass Kinder ganz oben stehen.

Wir haben mal wieder eine Etappe genommen. Immer mehr Menschen sind geimpft, die Inzidenzen so niedrig, dass das Leben allmählich wieder lebenswerter wird. Wir treffen Freunde beim Sport wieder, gehen mit angezogener Handbremse EM im bescheidenen Public Viewing schauen. Und wir haben einiges gelernt, von dem wir nicht gedacht hätten, dass wir es lernen. Es heißt nicht: „Karl ist schnell die Faktentasche.“ Es heißt auch nicht: „TKKK, die Profis im Spähen.“ Und man erfährt auch nie, was Sabine Lenz eigentlich dazu sagt, dass ihr Versicherungsheini so ein gemeiner Dieb ist. Ab Folge 50 steigen wir dann auf Die drei ??? um – aber die mit der Originalmusik von Bert Brac und Phil Moss, die eigentlich Carsten Bohn heißen und im früheren Leben mal der Drummer der besten deutschen Rockband Frumpy waren. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

15. Jun. 2021
von Philipp Krohn
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08. Jun. 2021
von Matthias Heinrich
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Keine Oma ist wie die andere

Niemand weiß besser als die beiden, was sie aneinander haben.
Niemand weiß besser als die beiden, was sie aneinander haben.

In den Pfingstferien sind wir endlich einmal wieder nach Norddeutschland gefahren. Wir haben unsere Familien besucht. Nach über einem Jahr haben unsere Kinder ihre Großmütter wiedergesehen. Ein Fazit kann ich vorwegnehmen: Es hat sich nicht viel geändert.

Meine Mutter hat bisher vier Enkelkinder. Ein besonderes Verhältnis zu ihrer Oma hat unsere Tochter Frida (6). Vielleicht, weil Frida das einzige Mädchen unter den Enkeln ist und mit zweitem Namen wie ihre Oma heißt. Dass die beiden sich so mögen, ist schön, bleibt aber ein kleines Rätsel. Denn so oft haben sich die zwei noch nicht gesehen. Frida wurde in Berlin geboren, meine Mutter lebt über 400 Kilometer entfernt. Da sie selber nicht reist, waren es immer wir, die zu Besuch kamen. Auch jetzt, wo wir nach Franken gezogen sind.

Außerdem ging es meiner Mutter eine Weile schlecht. Sie war im Krankenhaus. Inzwischen hat sie ihr Tief überwunden, fast ohne fremde Hilfe. Sie lebt allein und hat gerade während der Pandemie keine besonders angenehme Zeit gehabt. Außerdem wird sie mit zunehmendem Alter verwirrt und vergesslich. Ob Frida und ihr Bruder Theo (8) diese Verwirrtheit mitbekommen, kann ich nur vermuten. Thematisiert haben wir das bis jetzt noch nicht. Ich denke, dass sie merken, dass mit Oma etwas seltsam ist. Sie gehen nur unterschiedlich damit um.

Auch Theo liebt meine Mutter, hat aber aus meiner Sicht ein engeres Verhältnis zu meiner Schwiegermutter, seiner anderen Oma. Vielleicht, weil er sie als Baby häufiger gesehen hat als meine Mutter. Ich erinnere mich, wie sie ihn auf einer Feier einmal stundenlang mit einem zusammengeknüllten Papiertaschentuch unterhalten hat. Der Junge war wie hypnotisiert.

Mit Sicherheit hat Theos größere Zuneigung mit den Geschenken zu tun. Während meine Schwiegermutter den Kindern regelmäßig zu allen Anlässen Pakete schickt und die Kinder bei jedem Besuch etwas zum Spielen von ihr bekommen, macht meine Mutter ihnen fast nie Geschenke. Sie denkt einfach nicht daran. Vielleicht müssten wir ihr dabei etwas unter die Arme greifen.

Theo kommt mit meiner Schwiegermutter auch deshalb besser klar, weil sie aktiv mit den Kindern spiel. Oma schlüpft in andere Rollen, macht Quatsch, und alle lachen. Daran erinnert er sich zu Hause dann immer wieder gerne. „Wir müssen mal wieder zu Oma fahren, Mama“, sagt er dann. Frida ergänzt immer mit Nachdruck: „Ja, aber wir müssen auch mal wieder die andere Oma besuchen.“ Dabei schaut sie mir in die Augen und erwartet meine Bestätigung.

Vergangene Woche haben wir beide Omas besucht. Eine Woche lang quartierten wir uns auf einem kleinen Reiterhof in Norddeutschland ein. Dort halfen die Kinder jeden Morgen beim Stallausmisten und durften hinterher an der Longe reiten.

Beim ersten Wiedersehen mit meiner Mutter war die Freude riesig. Es wurde gekuschelt und gedrückt. Während sich Theo aber schnell mit seinen Cousins auf dem Trampolin vergnügte, setzte sich Frida immer wieder zu ihrer Oma und löcherte sie mit Fragen: „Hast du früher auch geritten? Hattet ihr auch einen Hund?“ Das Mädchen wollte sie integrieren. Und Oma machte mit: „Pferde hatten wir nur, wenn auf dem Feld gearbeitet wurde. Da hat mein Papa sich eins ausgeliehen, und ich durfte auf seinem Rücken sitzen. Einen Hund hatten wir aber: Der hatte kurze Beine, hellbraune Locken und hieß Wolfi.“ Frida hörte aufmerksam zu, fragte weiter und setzte irgendwann ihr Spiel fort.

Am nächsten Tag – meine Frau musste arbeiten – machten Theo, Frida, meine Mutter und ich einen Spaziergang durch meinen Heimatort. Es war herrlich: Die Kinder tobten durch den Park, warfen Steinchen in den Teich, und Oma erzählte, dass man früher für 30 Pfennige ein Boot mieten und zur Enteninsel rüberfahren konnte. Die Kinder staunten. Frida fand eine Gänsefeder und war auf einmal Indianerin. Am Schluss gab es für die Kinder ein Eis und für Oma einen Espresso und eine Zigarette.

An den nächsten Tagen sahen wir meine Mutter regelmäßig und unternahmen etwas zusammen. Dann besuchten wir die andere Oma. Sie wohnt fast hundert Kilometer entfernt nahe der Grenze zu Holland. Meine Schwiegermutter ist eine sehr gute Gastgeberin, freut sich immer schon Tage vorher auf unseren Besuch und bereitet jede Menge zu Essen vor.

Nachmittags regnete es, darum verschoben wir das obligatorische Pizza-Essen einfach nach vorne. Dabei erinnerten wir uns mit den Kindern an die Eichenprozessionsspinner vom vorletzten Sommer, die Oma mit einem Kehrblech weggefegt hatte, und an Theos folgenden Hautausschlag. „Oh Mann, das hat gejuckt!“ rief er.

Worüber wir mit den Kindern nicht sprachen, waren die Probleme, die Sorgen, die es auch in der Familie meiner Schwiegermutter gibt. Aber immerhin sprachen wir Erwachsenen einmal offen wie noch darüber, während die Kinder unten auf der regennassen Wiese barfuß einem Ball hinterherjagten.

Am Abend begann der Regen wieder. Die Kinder saßen in Schlafanzügen und mit geputzten Zähnen auf der Rückbank und winkten Oma traurig zu, die in der Tür stand und mit den Tränen kämpfte. „Das ist ungerecht“, schimpfte Theo. „Wir sind eine ganze Woche hier im Norden und besuchen Oma nur an einem einzigen Nachmittag.“ Meine Frau und ich beschlossen, unseren nächsten Urlaub in der Heimat etwas gerechter zwischen den Omas aufzuteilen.

Die Woche ging rasend schnell vorbei. Am Abreisetag verpassten wir durch ein Missverständnis meine Mutter und konnten uns nicht von ihr verabschieden. Ich rief sie von unterwegs an und wir sagten bis zum nächsten Mal und dass ich ihr Fotos schicke.

Jedes Mal, wenn ich von ihr wegfahre, denke ich, ob ich sie beim nächsten Mal noch gesund und munter wiedersehen werde.

Unsere Omas sind unterschiedlich wie ihre Enkel. Es gibt keinen Wettbewerb, keine noch irgendwie geartete Rivalität. Bei ihren seltenen Treffen haben sie sich sehr gut verstanden. Unsere Kinder lieben die beiden, wie ein Kind seine Oma eben lieben sollte. Sie sind zwei Frauen jenseits der siebzig, mit denen es das Leben nicht immer gut gemeint hat. Ich frage mich, wann der richtige Zeitpunkt ist, mit den Kindern darüber zu sprechen. Noch ist er nicht da.

08. Jun. 2021
von Matthias Heinrich
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01. Jun. 2021
von Sonia Heldt
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Hormonhölle: Wenn die Pubertät eine Rolle rückwärts macht

Wenn die eigenen Kinder erwachsen werden, tanzt alles: die Hormone von jung und alt, da hilft nur ein Tangokurs, für den jetzt wieder Zeit ist.

„Schau dir mal diesen fiesen Pickel hier an“, sagt Maya (13) und zeigt auf ein Pickelchen an ihrer Nase. „Kann ich toppen“, sage ich und drücke auf die dicke, hochrote und schmerzende Beule an meinem Kinn. Hormone können einen ganz schön piesacken. Mal sind Östrogene, Testosteron und Progesteron im Einklang miteinander, dann sind von dem einen zu viel und von dem anderen zu wenig vorhanden. Die Hormone tanzen gerne Samba, leider nicht immer im Takt. Anscheinend freuen sie sich, wenn wir durch ihre Unausgewogenheit reizbar, manchmal regelrecht aggressiv und unberechenbar werden. An manchen Tagen kochen sie so hoch, dass sie uns in hochemotionale und weinerliche rohe Eier verwandeln. Das gilt für meine Töchter und auch für mich.

Bei Laras Geburt war ich 32 Jahre alt (sie ist heute 17), bei Mayas 35. Schon damals habe ich durchgerechnet, dass Lara einige Monate nach meinem 50. Geburtstag volljährig wird. Wie krass, dachte ich, das werden emotionale Tage, an denen ich sicher ein paar Tränen vergießen werde: Freudentränen, aber auch Tränen des Aufbruchs und Umbruchs. Lara wird dann fast die schlimmste Pubertätsphase hinter sich haben, mutmaßte ich weiter, Maya wird mittendrin stecken und ich werde wahrscheinlich geradewegs in die Wechseljahre galoppieren – die Pubertät in einer Rolle rückwärts. Hilfe! Hormonhölle! Mein armer Mann! Da kann er sich ja in ein paar Jahren warm anziehen mit uns drei Mädchen. Und 50! Mein Gott! Was für eine Zahl! Das ist uralt!

Nun müsste man meinen, dass ich genug Zeit hatte, mich mit diesen Gedanken anzufreunden. Und überhaupt, in einer Beziehung ist das Leben absolut gerecht: Niemand kann sich dem Alterungsprozess entziehen. Ich finde es dennoch unfair, dass Frau diesen Hormonschwankungs-Mist immer und immer wieder durchmachen muss: Pubertät, PMS, Hormonschübe während und nach der Schwangerschaft und alles, was sonst noch zum weiblichen Dasein dazugehört. Das krönende Finale bilden die Wechseljahre, die ich mit dem Verlust meiner Fruchtbarkeit, Weiblichkeit und Attraktivität verbinde. Adieu Stringtanga und Knackpopo, willkommen Tena Lady Pants und Elefantenhintern. Hitzewallungen und Herzklopfen, die leider nicht auf hoffnungslose Verliebtheit zurückzuführen sind, kommen on top. Da muss man nichts schönreden.

Als wäre die Aussicht auf all das nicht schlimm genug, wird mir gleichzeitig im Theaterstück meiner Kinder nach und nach die Hauptrolle entzogen. Von der Nebenrolle ist es dann nicht mehr weit bis zur Zweitbesetzung. Sicher, ich werde nie ganz von ihrer Bühne verschwinden. Ich bleibe immer eine Mutter. Aber die Ansprüche an mein Spiel werden stetig anspruchsloser. Meine Töchter können sich selbständig waschen, anziehen, essen, backen, den Blu-ray-Player bedienen und ihre Termine selbst organisieren. Wir spielen nun öfter mit vertauschten Rollen: Meine Töchter erinnern ihre immer vergesslicher werdende Mutter daran, dass sie den Herd noch ausmachen muss und die Schlüssel nicht vergessen soll. Sie verraten ihr, wo sie das Auto geparkt und wohin sie ihre Brille verlegt hat, wie man mit der App richtig umgeht und wie man den Namen der Sängerin Billie Eilish korrekt ausspricht.

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01. Jun. 2021
von Sonia Heldt
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25. Mai. 2021
von Chiara Schmucker
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Wie viel Job verträgt meine Familie?

Ein ausgeglichenes Nebeneinander gibt es zwischen Elternsein und Erwerbsarbeit höchst selten.
Ein derart ausgeglichenes Nebeneinander gibt es zwischen Elternsein und Erwerbsarbeit höchst selten.

„Ich brauche meine 100 Prozent im Job für mein Selbstverständnis“, sagt die Bekannte beim gemeinsamen Spazierengehen zu mir. „Ich will nicht so ’ne Teilzeitmuddi sein!“ Sie arbeitet momentan mit einem eineinhalb Jahre alten Kind wieder 80 Prozent. Ich arbeite 86 Prozent. Es geht nicht ums Geld. Ihr Satz trifft mich dennoch. Das Wort „Muddi“ verletzt mich dabei mehr als das Wort „Teilzeit“, denn ich bin eigentlich sehr zufrieden mit meiner Teilzeit, meinem Arbeitspensum und den zugehörigen Projektverantwortlichkeiten. Ich bin voll integriert im Team und kann meinen Sohn dennoch jeden Nachmittag von der Kita abholen. Und wenn wir ehrlich sind: 86 Prozent sind ja nicht einfach Vollzeit minus 14 Prozent; auch die sonst selbstverständlichen (unbezahlten) Überstunden fallen für mich jetzt einfach seltener an – und falls doch, kann ich einen Ausgleich nehmen. Mehr würde aber auch nicht gehen, da mache ich mir keine Illusionen, denn ich bin nun mal nicht nur Angestellte, sondern eben auch Mutter.  

Ich habe mich schon oft gefragt, warum ausgerechnet Mütter sich gegenseitig so kritisch beäugen und manchmal auch richtig fies sind – als wäre etwas falsch daran, gerne Zeit mit seinem Kind zu verbringen oder dafür beruflich zumindest zeitweise ein wenig kürzer zu treten.

Die Frage, wie viel wir als Eltern mit Kleinkind arbeiten möchten, beschäftigt meinen Mann und mich momentan sehr: Wir bekommen nämlich im Spätsommer unser zweites Baby, teilen uns die Elternzeit und möchten dann gerne beide wieder möglichst viel arbeiten gehen, weil wir unsere Jobs eben auch lieben. Doch seit mein Bauch runder und mein zweieinhalbjähriger Sohn ob der Veränderung entsprechend anhänglicher werden, bin ich mir nicht mehr so sicher, wie viel Job eine Eltern-Kind-Beziehung verträgt. „Ich hab dich so vermisst“, säuselt mir mein Sohn Max ins Ohr, als ich kurz auf der Toilette war. „Aber wann denn?“, frage ich. „Ich war doch immer da.“ „Einfach so“, sagt er mit seinem kleinen Kinderherz und schmiegt sich enger an mich. Seit er spürt, dass sich bei uns etwas verändert, gibt es wieder häufiger Tränen morgens an der Kita-Tür, nachts kommt er wieder öfter in mein Bett, und seine Kuscheleinheiten sind intensiv wie nie.

Kürzlich habe ich einen Text darüber gelesen, dass eine junge schweizerische Familie sich dazu entschieden hat, dass die Frau nicht arbeitet, sondern sich um die drei Kinder kümmert, was natürlich auch Arbeit ist, das wird jedem klar sein. „Ich bin eine Provokation für andere Frauen“, erzählte sie. Und dass sie sich sehr viele sehr übergriffige Sprüche für ihre Entscheidung für das angeblich traditionelle Familienmodell anhören müsse, das doch inzwischen eigentlich eher die Ausnahme geworden ist.

Ich bin weit davon entfernt (und mein Mann übrigens auch), unsere Jobs komplett an den Nagel hängen zu wollen. Aber wie diese Familie darüber berichtete, dass ihr Familienleben harmonisch, weitgehend stressfrei und irgendwie auf Augenhöhe stattfindet, das gab mir doch zu denken. Unser Leben funktioniert auch meistens ganz gut – aber es ist mit den täglichen Konflikten garniert, die es mit sich bringt, wenn nicht nur zwei Erwachsene funktionieren müssen, sondern auch das Kita-Kind pünktlich, satt und mit geputzten Zähnen zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein muss. Wenn wir dann durch unseren Arbeitsalltag hetzen, um am Nachmittag ein Kind wieder in Empfang zu nehmen, das einen Tag erlebt hat, in den wir nur begrenzt Einblick erlangen können. Hatte es Frust, hat es uns vermisst, spielte es unbeschwert oder schluckte es seine Tränen hinunter? Es schnürt mir ein wenig die Kehle zu, ein so kleines Kind allein durch einen ganzen Tag zu schicken, natürlich nicht unbegleitet, aber eben ohne uns.

Seit Max auf der Welt ist, sind wir damit beschäftigt, die bestmögliche Betreuung für ihn zu organisieren. Wir haben ihn schon kurz nach seiner Geburt in diversen Kitas angemeldet, um dann letztlich doch erst acht Wochen vor Eingewöhnungsbeginn kurz nach seinem ersten Geburtstag eine Zusage zu bekommen. Bis dahin war das dumpfe Gefühl im Magen unser ständiger Begleiter: Wird alles klappen, wie wir es uns ausgemalt und mit unseren Arbeitgebern abgesprochen haben? Bekommen wir einen Vollzeitplatz? Wie lange dauert die Eingewöhnung? Im Sommer kommt Max in den Kindergarten – wieder nach einer (diesmal virtuellen) Odyssee durch die Betreuungsstätten der Umgebung und dem unsicheren Warten. Und für das neue Geschwisterchen haben wir jetzt schon nur zwei Optionen für einen Platz im nächsten Jahr angeboten bekommen: Mai oder Dezember – für Kind, Job und Familienleben natürlich ein immenser Unterschied.

Ich frage mich manchmal, ob das Leben mit Kindern immer zu einem so großen Teil daraus bestehen wird, sie „wegzuorganisieren“, ihren Alltag mit unseren Vorstellungen und Erwartungen bestmöglich in Einklang zu bringen – und dann doch manchmal nächtelang wach zu liegen und darüber zu grübeln, ob sich wohl alles fügen oder doch eher implodieren wird.

Das zurückliegende Jahr hat gezeigt, dass vieles möglich ist und wir als Eltern viel stärker sind, als wir vielleicht dachten. Wir schaffen Homeoffice und Lockdown, Notbetreuung und Krankheitsphasen. Doch die Frage ist: Ist dies das Leben, das wir uns vorstellen? Wären wir vielleicht doch glücklicher mit etwas weniger Programm, Orga-Punkten auf der To-do-Liste und Termin-Tetris?

Und die wesentlichste Frage ist: Wäre auch unser Leben besser, einfacher, harmonischer, konfliktfreier, wenn wir weniger arbeiten würden? Wären wir glücklicher – oder würden uns unsere Jobs nicht doch sehr fehlen? Wären unsere Kinder glücklicher – oder würden ihnen nicht auch ihre Freunde und Erfahrungen ohne uns fehlen? Unsere Wochenenden sind häufig noch anstrengender als die Wochentage, meine Schwester sagte immer, die Zeiten, in denen sie nicht arbeitete, waren besonders frustrierend, weil sie dann gerne alles perfekt gehabt hätte – und das mit fünf Kindern eben einfach nicht geht, selbst wenn sie nicht arbeitet. Hat sie selbst einen Ausgleich, ist sie gelassener.

„Die Zeit, in der die Kinder so klein sind, kommt nicht wieder“, höre ich in meinem Kopf. Doch ich weiß auch noch genau, wie sehr ich mich nach Max‘ Geburt darauf gefreut hatte, wieder arbeiten zu gehen. Wir werden es wohl – wie so vieles – auf uns zukommen lassen müssen, schauen, wie es sich schüttelt, und im Zweifel gegensteuern.

Der Mann meiner Bekannten ist mit seiner Vollzeit-100-Prozent-Partnerin im Moment übrigens schwer im Stress. Denn seit sie aufgestockt hat, ist er es, der das Kind von der Kita abholt und sich dann nach Feierabend noch einmal an den Schreibtisch setzt. Ob er vielleicht lieber ein Teilzeit-Vaddi wäre? Ich glaube, das hat ihn (noch) niemand gefragt.

25. Mai. 2021
von Chiara Schmucker
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18. Mai. 2021
von Sonia Heldt
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Was ich aus Pfannkuchen-Gate lerne

Wenn man selbst unter Strom steht, kann man nicht noch eine Tochter gebrauchen, die über das Essen nörgelt.

Ich klappe genervt meinen Laptop zu. Es war ein blöder Vormittag und ich habe wenig geschafft. Gleich werden meine Töchter nacheinander ihre Köpfe durch die Tür stecken und den von mir gehassten Satz von sich geben: „Hast du schon gekocht? Was gibt es denn?“ Ich habe noch nichts vorbereitet, eigentlich nicht einmal etwas geplant. Daher inspiziere ich den Kühlschrank, auf der Suche nach einer Idee für das Mittagessen. Irgendjemand hat es mit dem Eier-Kauf übertrieben – gleich zwei Zehner-Kartons stehen im Kühlschrank. Da ist sie, die Eingebung: Pfannkuchen. Ich versüße uns den Tag!   

Maya (13) isst ihren Pfannkuchen am liebsten mit Marmelade, Lara (17) mit Äpfeln. Äpfel haben wir zur Genüge vorrätig. Außerdem finde ich noch zwei Schalen Blaubeeren im Gemüsefach. Lara liebt Blaubeeren. Erleichtert, eine schnelle Lösung gefunden zu haben, schäle ich die Äpfel, wasche die Beeren ab und rühre eine riesige Schüssel Teig an. Maya strahlt: „Wie lecker!“ Sie beginnt am Esstisch mit den Hausaufgaben, während ich den ersten Pfannkuchen für sie backe.

Kurze Zeit später kommt Lara zwischen ihren nächsten Homeschooling-Konferenzen in die Küche: „Was gibt es heute?“, fragt sie. „Pfannkuchen“, erwidert Maya mit vollem Mund. Ich lächele meine Große zufrieden an: „Ich kann dir deinen mit Äpfeln oder Blaubeeren machen. Blaubeeren magst Du …“ Weiter komme ich nicht. Lara unterbricht mich wutentbrannt: „Mann, Mama! Wie oft muss ich dir noch sagen, dass ich mich gesund ernähren will! Das kann ich doch nicht essen!“, kreischt sie. Dann flippt sie völlig aus und schimpft: „Was ist daran so verdammt schwer zu verstehen? Koch doch nicht immer so einen Mist! Echt! Was soll das denn?!“

Ich bin so baff, dass es mir die Sprache verschlägt. Mit offenem Mund starre ich sie an. Hä? Bevor ich mich sammeln und reagieren kann, ist Lara schon in den Flur abgerauscht, schlüpft in ihre dreckigen Sneakers, grabscht nach ihrer Jacke und öffnet die Haustür. „Immer muss man hier alles selbst machen. Ich gehe jetzt für mich etwas Anständiges einkaufen“, ruft sie im Hinausgehen und knallt lautstark die Haustür hinter sich zu.  Maya und ich schauen uns perplex an. „Was hat die denn jetzt schon wieder?“, sagt Maya nur kopfschüttelnd und grinst amüsiert. Mir ist nicht nach grinsen. Mir ist danach, etwas gegen die Wand zu feuern! Was für eine doofe Kuh! So viel Spaß macht mir das Kochen auch nicht, dass ich mich nun noch für meine hochgradig ungesunde Ernährung entschuldigen muss. Ich zetere los: „Acht Eier! Acht Eier habe ich da drin!“ „Blaubeeren! Extra für sie! Weil sie Blaubeeren so gerne mag!“ „Da meint man es gut.“ „Aber ich kann ja riechen, dass Madame heute ihren Gesundheitstrip fährt!“

Ich würde Pfannkuchen weder als ideales, kalorienarmes Mittagessen bezeichnen, noch beanspruche ich den Titel „Fünfsterne-Köchin“ für mich. Aber verdammt nochmal, ich gebe mir hier echt Mühe, jeden Mittag etwas Warmes für die Familie auf den Tisch zu bringen. Und seit wann sind Pfannkuchen ungesünder als die Pizza, die Chips, die Burger, die Gummibärchen, die Cola und die überzuckerten Energie-Drinks, die sich Lara ständig mit ihren Freundinnen vor dem Fernseher reinschiebt? Über den Billigwein im Tetra Pak und die anderen alkoholischen Getränke, die nach meinem Verständnis ebenfalls nicht auf einen Low-Carb-Ernährungsplan gehören, wollen wir gar nicht erst reden!

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18. Mai. 2021
von Sonia Heldt
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11. Mai. 2021
von Matthias Heinrich
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Wenn Freunde türmen

River Phoenix (l.) und Wil Wheaton 1986 in Rob Reiners Stephen-King-Verfilmung "Stand by me"
River Phoenix (l.) und Wil Wheaton 1986 in Rob Reiners Stephen-King-Verfilmung „Stand by me“

Ich renne durch den Wald. Meine Jacke habe ich Lara gegeben. Es ist kalt, aber ohne komme ich schneller voran. Lara war irgendwann einfach losgelaufen. Es dauerte, bis ich sie einholte. Länger als ich dachte. Dann blieb sie plötzlich stehen, keuchend, die Hände in die Hüften gestemmt. „Ich kann nicht mehr. Du bist der Jogger“, keuchte sie. „Lauf!“

Zehn Minuten ist das jetzt her oder vielleicht zwanzig. Keine Ahnung. Lara nimmt einen anderen Weg durch den Wald. Ich höre sie irgendwo hinter mir rufen. „Felix! Theo!“ Ihre Stimme treibt mich an. Ich erhöhe das Tempo nochmal. „Theo“, rufe ich. „Felix“. Das Echo wabert durch die Kiefernreihen rechts von mir. Beim Rennen fällt mir auf, dass die Bäume vollkommen symmetrisch zueinander stehen. Sie schießen an mir vorbei, aber das Bild ändert sich nicht. Ich komme mir vor wie ein einem riesigen Rad, und mein Kopf spinnt. In einem Moment denke an die Fluchtpunktperspektive im Kunstunterricht und im nächsten an diese irre Treppe in diesem Hitchcock-Film. Flucht und Hitchcock. Es gibt hier Wölfe, hatte Sascha am Abend erzählt. Vier Rudel. Vier Rudel in dieser gottverlassenen Gegend in Brandenburg, südlich von Berlin, in der zwei Jungen spurlos verschwunden sind. Ich renne weiter.  

Wir sind bei Lara und Sascha zu Besuch. Sie sind vor ein paar Jahren raus aufs Land und haben hier in Brandenburg gebaut. Bis gerade eben ist das Wochenende völlig harmonisch verlaufen. Unsere Töchter Frieda und Elsa spielen toll zusammen, unsere Söhne Theo und Felix sind beste Freunde. Immer noch, obwohl sie sich seit über einem Jahr nicht gesehen haben. Sie kennen sich seit der Kita und sind unzertrennlich, spielen Fußball, tauschen Spielerkarten, klettern auf ein Baumhaus, hauen Nägel in eine Wand und genießen jede Sekunde ihres Zusammenseins. Hoffentlich auch jetzt noch.

Nach dem Frühstück sind wir zu einer Wanderung aufgebrochen. Eine Stunde ist das jetzt her. Felix und Theo haben sich gleich an die Spitze gesetzt. Bald haben wir die beiden nicht mehr gesehen, was meine Frau und mich ärgerte. Wir hatten mit Theo vereinbart, dass er uns immer sehen muss, auch wenn er vorläuft. Lara beruhigt uns: „Felix kennt den Weg. Die warten vorne an der Kreuzung auf uns.“

Als wir ankommen, wartet dort niemand. Stattdessen setzt sich ein altes, verblichenes Wohnmobil in Bewegung. Langsam fährt es die Straße runter, weg von uns. Die Scheiben sind dreckig und dunkel, den Fahrer habe ich nicht gesehen. Augenblicklich muss ich an „Breaking Bad“ denken. In der US-Serie hatten die beiden Hauptcharaktere ein ähnliches Wohnmobil zu ihrem Drogenlabor umgebaut. Ich schaue zu meiner Frau rüber. Sie denkt offenbar etwas ähnliches. „Hm, komisch. Vielleicht sind die beiden doch andersherum zum Bolzplatz gelaufen“, sagt Sascha. „Lauft ihr doch mal weiter, ich gehe nochmal zurück.“

Vorne spricht Lara eine Familie mit einem Jungen an. Sie ruft: „Sascha, stopp! Sie haben die beiden Jungs gesehen. Die sind da langgelaufen. Die warten bestimmt am See auf uns.“ Die allgemeine Erleichterung ist groß. Nur meine Frau bleibt angespannt. „Ich laufe schon mal vor, mir lässt das keine Ruhe.“

Lara und ich schlendern hinterher. „Ach, ich glaube, die Jungen quatschen einfach die ganze Zeit und haben uns vergessen“, meint sie. „Felix möchte Theo beeindrucken. Der will seinem Freund zeigen, wie gut er sich auskennt. Die stehen gleich am Wasser und sagen: ‚Wo bleibt ihr denn, ihr lahmen Enten?‘“ In diesem Moment kommt meine Frau zurückgerannt. Am Wasser ist niemand.

Ich renne durch den Wald in Brandenburg, in dem es vor Wölfen wimmelt. Ganz in der Nähe ist eine Autobahn. In einer Richtung geht´s nach Potsdam, in der anderen nach Polen. Das Wohnmobil könnte mit den Jungen schon über alle Berge sein, schießt es mir durch den Kopf.

Der Weg gabelt sich. Ich habe keine Ahnung, wo ich lang muss und rufe Lara an, die irgendwo hinter mir ist. „Siehst du eine Bar?“, fragt sie außer Atem. „Was?“ „Ist da ein Brett, das waagerecht an zwei Bäumen befestigt ist?“ Ich drehe mich nach allen Seiten um. „Nein, keine Bar“, sage ich. „Dann musst Du weiterlaufen.“ Das tue ich.

Der Wald ist mir fremd. Die Kiefern huschen an mir vorbei, ein Labyrinth aus dunkelbraunen Pfählen auf kargem Boden voller toter Nadeln. Immer wieder rufe ich die Namen der Jungen und lausche. Wo trägt der Wald das Echo hin? Meine Lunge brennt. Es geht leicht bergauf. Es ist anstrengend. Ich trage keine Joggingschuhe. Ich sehe mich durch diesen Wald laufen und denke: Die Jungen sind nicht hier.    

Irgendwann stehe ich atemlos vor einem Zaun. Dahinter ist ein Hügel. So alter Müllberg, auf dem jetzt Rasen wächst, mit niedrigen Schloten für das Gas. Von den Hügeln gibt es viele in Brandenburg. So weit sind die Kinder niemals gerannt, denke ich. Zwei Mountainbiker rasen auf mich zu. „Habt ihr zwei Jungs gesehen?“ rufe ich ihnen entgegen. „Nein!“ antworten sie wie aus einem Mund und preschen an mir vorbei. Irgendwo ganz in der Nähe höre ich das Rauschen der Autobahn.

Mein Telefon klingelt. Lara. Die Jungs haben bei Sascha angerufen, sie sind zu Hause. Sie klingt atemlos und leer und kein bisschen erleichtert. Die beiden hätten keinen Bock auf die Wanderung gehabt und einfach beschlossen abzuhauen. „Okay, bis gleich“, wir beenden das Gespräch. Ich bin erleichtert und stinksauer. Der Schweiß rinnt mir unter den Klamotten den Körper herunter.

Jetzt muss ich mich orientieren. Meine mobilen Daten zeigen ein E. E wie Edge. Am Rand – so fühle ich mich auch in diesem brandenburgischen Kiefernwald. Google Maps kann ich vergessen. Also muss ich selbst den Weg finden. Ich halte mich südlich. Kein Mensch ist unterwegs. Wieder klingelt das Telefon. Meine Frau. Sie ist mit Sascha auf dem Heimweg. Sie klingt nicht erleichtert, ist es aber. Ich kenne sie. Und sie ist völlig fertig. Ich sage, dass ich auf dem Weg bin, mich aber erst einmal zurechtfinden muss. Wir legen auf.

Im Wald sagt mir ein Schild, dass ich richtig laufe. Zweieinhalb Kilometer bis zum Ortszentrum. Wenn Theo jetzt vor mir stehen würde, würde ich ihm eine kleben. Was sind die zwei für Idioten, versauen uns allen den Tag, denke ich und stapfe weiter. Wissen die beiden eigentlich, was für Sorgen wir uns gemacht haben? Die Bäume lichten sich allmählich. Ich trete aus dem Wald und laufe an einem Feld entlang. Links von mir steht ein einsamer Hof, der schon vor vierzig Jahren genauso ausgesehen haben muss.

Etwa 35 Jahre alt ist die Erinnerung, die plötzlich in mir hochkommt. Damals bin ich mit zwei Freunden ausgebüxt. Kurz zuvor hatten wir „Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers“ im Kino gesehen. Der Film hatte uns umgehauen und war wahrscheinlich der Auslöser für unseren Ausbruch. Wir ließen den Schulbus abfahren und machten uns auf den Weg. Einfach so, ohne groß nachzudenken, ohne Ziel. Wir wollten einfach los. Irgendwann liefen wir wie die Jungen in „Stand by me“ über Bahnschienen. Aber die Sache verlief wesentlich undramatischer als in dem Rob-Reiner-Film. Der Lokführer drückte einmal auf die Hupe, und schon waren runter von den Gleisen.

Irgendwann sammelte meine Mutter uns ein, die den Schulweg mehrfach abgefahren war. Wenn ich mich richtig erinnere, hat es keinen großen Ärger gegeben, obwohl sie sicher stinksauer war. Sie hatte aber immer schon ein großes Herz für Freiheitsliebende. Jetzt denke ich an Bruce Springsteen und „Born to run“ und stelle fest, dass ich keine Kopfhörer dabeihabe. Dann summe ich halt.

Irgendwann erreiche ich Saschas und Laras Haus. Felix und Theo haben von ihren Müttern einiges zu hören bekommen. Sie sitzen reumütig in Felix´ Zimmer und lassen sich nicht blicken. Ich beschließe, es dabei zu belassen und später in Ruhe mit Theo über die Sache zu reden.

Alle Kinder, Jungen und Mädchen, haben diesen Drang in sich, auf eigene Faust etwas Neues zu entdecken und vielleicht auch mal auszubrechen. Das sollte uns Eltern klar sein. Wir werden das nicht verhindern und sollten es auch nicht unterdrücken. Stattdessen sollten wir ihnen einen Rahmen geben, in dem sie sich frei bewegen können. Wichtig ist, dass sie nicht ganz alleine losziehen. Dieser Rahmen ist zurzeit etwa einen Quadratkilometer groß: von der Schule, an der Eisdiele vorbei bis zum Fluss und auf der anderen Seite bis zum Spielplatz hinter den Sportplätzen. Er wird immer größer und unüberschaubarer, je älter sie werden.

Während ich diesen Beitrag aufschrieb, ploppte eine Meldung in den Sozialen Netzwerken auf: In meiner alten Heimat suchte die Polizei einen zehn Jahre alten Jungen. Am Abend war er wieder zu Hause. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie sich die Eltern bei der Suche gefühlt haben und was in ihren Köpfen vorging. Unser Theo war immerhin mit seinem besten Freund unterwegs.

11. Mai. 2021
von Matthias Heinrich
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04. Mai. 2021
von Tanja Weisz
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Das riecht nach Alkohol

Die ersten Alkohol-Erfahrungen von Jugendlichen können anstrengend für ihre Eltern sein – oder für ihre gleichaltrigen Freunde.

Die Textnachricht meiner Tochter klang aufgeregt: Ob eine Freundin bei uns übernachten könne, sie hätte zu Hause viel Drama. Da ich grundsätzlich nichts gegen Übernachtungsgäste einzuwenden habe, weil auch in Corona-Zeiten ein eigenes Zimmer für sie zur Verfügung steht, war meine einzige Einschränkung, den Eltern Bescheid zu sagen, wo sich deren Brut befindet.

Dass diese kurzentschlossene Gastfreundschaft vielleicht keine so gute Idee war, merkte ich, als das lächelnde Mädchen mit glasigem Blick und einer deutlichen Fahne von meiner Tochter an mir vorbei gezerrt wurde. Beide verschwanden im Kinderzimmer. Während ich in der nächsten halben Stunde mit mir haderte, was zu tun sei, nahmen die Dinge ihren unvermeidlichen Lauf: Meine Tochter holte sich wortlos einen Eimer und verschwand wieder.

Mich schüttelte es bei dem Gedanken, gleich den Boss der Aufräumarbeiten geben zu müssen. Mein Kind, das normalerweise in lautes Ekelgeschrei ausbricht, sobald sie fünf eigene Haare aus dem Ausguss fischen soll, würde es da drin wahrscheinlich keine weiteren fünf Minuten länger aushalten. Nun härtet man als Elternteil im Lauf der Jahre gegen gewisse Dinge ab, man schafft es entgegen jeder Wahrscheinlichkeit, volle Windeln und später nasse Betten zu wechseln, ohne das eigene Kind weniger zu lieben, aber bei fremden Kindern wirkt dieser Zauber nur bedingt.

Meine Überwindung war allerdings gar nicht gefragt. Die Tür blieb zu. Irgendwann schlich ich vorbei und hörte meine Tochter tröstende Worte zu ihrer sterbenselenden Freundin sagen: „Lass alles raus“. Nach einer Stunde kam mein Kind heraus, um mit mir zusammen das Gästebett zu beziehen. Zu mehr wurde ich nicht gebraucht. Meine Tochter verfrachtete die Freundin nach nebenan, zog ihr eigenes Bett ab, füllte die Waschmaschine und gönnte sich neues Bettzeug. Schließlich fand ich sie gegen 23 Uhr in der Küche, wo sie ihr Abendessen nachholte.

Als sie am nächsten Morgen die frisch gewaschenen Klamotten ihrer Freundin vor der Schule trockenbügelte, sagte sie schon voll Überzeugung. „Ich glaube, ich wäre eine gute Mutter“. Ich hätte gerne spontan applaudiert.

Während sich das unglückliche fremde Kind im Bad einigermaßen frisch machte, googelten meine Tochter und ich, womit man einem Menschen mit Kater etwas Gutes tun kann. Wir lasen auch etwas darüber, was das Mädchen mit ihrem Körper angestellt hatte (Zellgifte!) und ich strich in Gedanken das abendliche Glas Wein bis auf weiteres. Es war ein wahrhaft ernüchterndes Erlebnis für mich.

Am nächsten Abend habe ich mir meine Tochter dann noch mal in Ruhe vorgeknöpft. Nicht wegen des Ausfalls ihrer Freundin, sondern weil sie eine wichtige Erfahrung unbedingt abspeichern sollte: Wie stark sie sein kann, wenn es drauf ankommt und wie vorbildlich sie einer Freundin beisteht, wenn es der wirklich dreckig geht. Am liebsten hätte ich ihr davon einen Linolschnitt angefertigt.

Im Umgang mit meinem Kind neige ich dazu, die Geduld zu verlieren, wenn sich die Dinge ganz anders als erhofft entwickeln. Dieses Mal hatte ich gelernt, wie hilfreich das Stillhalten sein kann. Meine Tochter hatte Raum, die Situation souverän zu meistern, auch wenn sie am nächsten Tag aufstöhnte: „Das brauche ich nicht noch mal“. Und ich sah sie seit langem wieder voller Bewunderung und Stolz an und nicht mehr als diese träge, schwere Teenagermasse, die wir Eltern immer irgendeinen Berg hinaufschieben müssen.  

Es tat beiden Seiten gut, die eingefahrenen Rollen zu verlassen. Meine Tochter hatte sich erwachsen verhalten und ich hatte es zugelassen. Nicht gebraucht zu werden fiel mir allerdings in dieser außergewöhnlichen Situation auch besonders leicht, sonst bin ich das Einmischen schon sehr gewohnt. Aber auch ich kann ja noch dazulernen.

Seit diesem Vorfall reden mein Kind und ich wieder öfter miteinander, offener, freundlicher. Und ich bin diesem fremden Mädchen fast dankbar. Fast.

04. Mai. 2021
von Tanja Weisz
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27. Apr. 2021
von Chiara Schmucker
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Zusammen ist man weniger allein

Für ein paar Tage ein anderes familiäres Gleichgewicht: Ein Neffe zu Besuch kann allen guttun.
Für ein paar Tage ein anderes familiäres Gleichgewicht: Ein Neffe zu Besuch kann allen guttun.

Am Wochenende hatten wir einen Notfall in unserer Familie. Meine Schwiegermutter rief an. Mattis, mein Neffe, sei ständig niedergeschlagen, spreche kaum noch und schlafe jetzt immer wieder im Bett seiner Eltern. Er ist neun Jahre alt. Sie habe das Gefühl, er rutsche in eine Kinderdepression.

Niedergeschlagen saßen mein Mann und ich beim Abendessen. Auch wir hatten beim letzten Treffen das Gefühl, den sonst so lebensfrohen Jungen kaum wiederzuerkennen. Unser eigener Sohn Max veranstaltete derweil sein übliches Abendessenschaos, stand ständig auf, rannte hin und her und schmiss unsere Bücher im Wohnzimmer herum. Ich weiß nicht, wer von uns zuerst laut wurde. Der Stress und die Anspannung der Hochleistungsbetreuung der vergangenen Monate haben auch an uns ihre Spuren hinterlassen. Unser letzter Urlaub liegt fast ein Jahr zurück. Seit Herbst 2020 ist unser Haus zu unserem einzigen Lebensraum geworden – es ist Büro, Kantine, Fitnessstudio, Shoppingmall und Ort des Abendprogramms zugleich. Und wenn die Nerven blank liegen, nehmen uns die Wände die Luft zum Atmen.

Nach dem abrupt beendeten Abendessen griffen wir zum Telefon. Mattis könne doch das Wochenende mal wieder zu uns kommen und bei uns übernachten, schlugen wir der Schwester meines Mannes vor. Einfach mal wieder was anderes machen. Die war erst mal baff. „Übernachten gehört zur Zeit überhaupt nicht zum Repertoire“, sagte sie, als hätten wir ihr vorgeschlagen, Mattis mit zum Nordpol zu nehmen. Seit fast einem Jahr treffe er sich nur mit einem Freund, Sicherheit geht vor, gerade auch wegen der Großeltern. Auch uns haben sie in dieser Zeit nur zwei oder dreimal getroffen, jedes Mal draußen bei gutem Wetter, mit Abstand und ohne Anfassen. Aber sie würden es besprechen.

„Wir könnten uns doch alle testen lassen, auch Max, dann sind wir doch relativ sicher, oder?“, schrieb mein Mann danach per WhatsApp – und sowohl meine Schwägerin als auch mein Schwager schrieben liebevoll zurück, dass ein Treffen ja eigentlich eine super Idee sei und wir das schon irgendwie hinbekämen. Und so begannen in zwei Familien etliche Tests mit erfreulichen Ergebnissen – und am Samstagmorgen erreichte uns eine Sprachnachricht, dass sie im Anflug seien. Mattis wünsche sich vor allem, dass Mutter und Schwester schnellstmöglich wieder losführen nach dem Bringen, damit er möglichst viel Zeit mit uns verbringen könnte.

Er reiste mit seinem Bettzeug und drei Taschen voller Dingen an, die er uns zeigen wollte – und unser Sohn Max hörte nicht mehr auf zu lächeln. Beim Abendessen stand Max kein einziges Mal auf, sondern himmelte ohne Pause den großen Jungen am Tisch an, der mit strahlenden Augen von seinen Lieblingscharakteren bei Harry Potter berichtete. Keine Spur von Niedergeschlagenheit bei Mattis – er plauderte und erzählte, als wäre es sehr lange her, dass er jemandem mit seinen Geschichten etwas Neues erzählen konnte. Danach wünschte er sich einen Film, und während ich unseren Sohn zu Bett brachte, machte er es sich mit meinem Mann auf dem Sofa bequem. Um halb zehn saßen mein Mann und ich ganz ohne Kinder auf dem Sofa (unser kleiner Gast war ohne ein Wort der Widerrede direkt nach Ende des Films in sein Gästebett abgezogen, Max war kurz zuvor völlig ermattet ebenfalls eingeschlafen) und wünschten uns, doch öfter die Kernfamilie etwas zu erweitern. „Ist alles gleich viel entspannter“, sagte mein Mann und holte sich ein Glas Rotwein.

Vor Corona waren wir sehr gesellig, hatten oft Übernachtungsgäste und waren beliebte Anlaufstelle für diverse Nichten und Neffen. Seit Corona ist echter Kontakt selten geworden. „Die Kinder haben sich entwöhnt“, sagt meine Schwester am Telefon. Ihre beiden Töchter hätten nach monatelangen Zwangspausen zu Hause keine Lust mehr, in Kindergarten und Grundschule zu gehen. Es sei ihnen zu laut, zu viele Kinder, morgens gibt es jetzt oft Tränen. Dabei sind beide gerne hingegangen, bis zum großen Lockdown im vergangenen Jahr.

Auch die Kinder meiner anderen Schwester wollen nicht mehr zur Schule. Der älteste findet es bequemer zu Hause, der zweite hat regelrecht Panik davor, einen ganzen Schultag wieder außer Haus ableisten zu müssen.

Kürzlich habe ich gelesen, dass die Schauspielerin Nora Tschirner pünktlich zum Lockdown vor einem Jahr mit ihrem Kind in eine Wohngemeinschaft gezogen ist und diese Lebensform gleich als Entlastung empfunden habe. Auch andere schreiben jetzt häufiger darüber, dass sie in Mehrgenerationenhäusern leben oder sich mit anderen Familien als (Unterstützungs-)Gemeinschaft zusammengetan hätten. Ich beneide sie. Uns fehlt – wie den allermeisten auch – diese selbstverständliche Unterstützung durch das alltägliche Zusammensein mit anderen. Irgendjemand habe immer Bock, was mit den Kindern zu spielen, beschreibt Nora Tschirner die Vorzüge der Wohngemeinschaft.

Genauso verlief auch unser Wochenende. Mein Mann startete mit seinem Neffen ein Tischtennismatch, das beide zum Schwitzen brachte, während Max und ich auf dem Spielplatz nebenan rutschten und Fangen spielten. Wir alle waren so viel entspannter, weil jeder ein bisschen mehr Freiraum bekam. Das erzwungene Zurückgeworfensein auf die Kernfamilie ist nicht nur schlecht für die Kinder, sondern auch für uns – und damit gleich doppelt schlecht für die Kinder.

„Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“, heißt ein afrikanisches Sprichwort. Doch auch das Kind braucht das Dorf, um gesund und glücklich aufwachsen zu können. Wir haben uns jetzt jedenfalls vorgenommen, meinen Neffen häufiger zu uns zu holen – und ihn auch ab und zu beim Homeschooling zu begleiten. Denn nicht nur er hat die gemeinsame Zeit genossen. Es tat uns allen einfach mal wieder so richtig gut.

27. Apr. 2021
von Chiara Schmucker
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19. Apr. 2021
von Matthias Heinrich
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Wenn (nur noch) Neymar beim Lesen hilft

Nicht für jedes Kind ist es attraktiv, Lesen zwischen zwei Buchdeckeln zu lernen. Für manchen ist auch „Bravo Sport“ ein guter Einstieg.

Theo kommt in der Schule ganz gut zurecht. Den Umzug von Berlin nach Bayern und den damit verbundenen Schulwechsel hat unser Sohn ohne größere Probleme hinbekommen. Auch Corona hat seine Leistungen bisher nicht geschwächt. Er beteiligt sich eifrig im Unterricht, ist immer voll dabei, auch bei den Videokonferenzen. Seine Lernerfolge in Mathe, HSU (zu meiner Schulzeit hieß das Fach Sachkunde), Englisch, Kunst und in Deutsch sind durchweg gut. Im Sommer kommt er in die vierte Klasse.

Das Einzige, was uns nicht gefällt, ist Theos Rechtschreibung. Die ist, um es mal positiv auszudrücken, äußerst kreativ. Es kommt schon vor, dass er in einem kurzen Text ein und dasselbe Wort dreimal anders schreibt. Bis jetzt ist das nicht sonderlich relevant. Weil keine Diktate mehr geschrieben werden, hat seine miese Rechtschreibung keine Auswirkungen auf die Note. Trotzdem stört es uns. Nein, um ehrlich zu sein, ich ärgere mich sehr, wenn der Junge das Wort „kann“ zweimal richtig schreibt und beim dritten Mal plötzlich nur noch mit einem „n“. Das kan(n) doch gar nicht sein!

Eine Leuchte in Rechtschreibung war ich – ehrlich gesagt – auch nicht. Ich erinnere mich, wie ich in unserer kleinen Küche saß und mir meine Mutter stundenlang Texte diktierte, nachdem ich eine vier in einem Diktat mit nach Hause brachte. Es sind keine schönen Erinnerungen. Meine Mutter hatte genauso wenig Verständnis für meine Fehler wie ich jetzt für Theos, nur ließ sie mich das auch spüren. Haben mir diese Stunden in unserer kleinen Küche letztlich wirklich geholfen, Wörter richtig zu schreiben? Ich weiß es nicht.

Dabei ist jedem klar, was wirklich hilft: nämlich lesen, lesen, lesen. Nur ist das nicht so einfach. Denn Theo hat nicht besonders viel Lust zu lesen. Ja, er macht seine Hausaufgaben und liest auch die Texte im Lesebuch. Aber darüber hinaus hat er wenig Interesse an Büchern. Warum ist das so?

Seit dem Kleinkindalter lesen wir Theo und seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Frieda vor. Abends vorm Schlafengehen oder auch mal zwischendurch. Die Kinder lieben das, auch heute noch. Ab der zweiten Klasse habe ich das Buch Theo weitergegeben und er hat absatzweise vorgelesen. Das klappte nicht so gut, vor allem weil Frieda keine Gnade mit ihrem sich stockend durch die Zeilen quälenden Bruder kannte: „Oh Mann!“ seufzte sie ungeduldig, wenn Theo an einem langen Wort hängenblieb, um dann zu fragen: „Papa, kannst du bitte weiterlesen?“

Für Theo war das hart. Er wollte dann irgendwann nicht mehr vorlesen. Gut, dann sollte er eben für sich selbst schmökern. Nur was? Zunächst versuchten wir es mit den Abenteuern des kleinen Drachen Kokosnuss. Die hatte ich den Kindern vorgelesen und Theo hatte sich köstlich amüsiert dabei. Allein sprang der Funke aber nicht über. Dann vielleicht die Klassiker von Astrid Lindgren und Erich Kästner, die ich selbst verschlungen hatte: „Pippi Langstrumpf“, „Kalle Blomquist“, „Pünktchen und Anton“ und „Das doppelte Lottchen“? Nein, auch das war nichts für Theo.

Ich dachte nach. Laut meiner Mutter hatte ich plötzlich mit dem Lesen begonnen, als ich ihre Asterix-Hefte entdeckte. Na klar, Asterix und Obelix – das muss es sein! In unserem Keller stehen anderthalb Meter Comics im Regal. Aber auch da sprang der Funke nicht über. Kein Asterix, kein Lucky Luke, kein Percy Pickwick, kein Tim und kein Struppi konnten Theos Interesse wecken. Ich war enttäuscht.

Seine Schulfreunde lasen in der Zwischenzeit „Die Schule der magischen Tiere“ (da gefallen ihm die Hörbücher, immerhin), „Die drei Fragezeichen junior“ (die sind ihm zu gruselig) und sogar schon Harry Potter. Als ich mich gerade damit abfinden wollte, dass Theo vor seinem 18. Geburtstag sehr wahrscheinlich keine drei Bücher gelesen haben wird, passierte es. Eher zufällig brachte ich ihm aus dem Zeitschriftenladen eine „Bravo Sport“ mit – das ist der „Kicker“ für Kinder.

Theo liebt Fußball. Das Eis war gebrochen. „Papa, wusstest du, dass Haaland der geilste Stürmer der Welt ist? Papa, glaubst du, dass Götze noch einmal in der Nationalmannschaft spielen wird? Der ist übrigens jetzt in Eindhoven in Holland, wusstest du das? Papa, war dir klar, dass Neymar und Mbappé die besten Freunde sind?“ Solche Fragen bekomme ich täglich rund um die Uhr gestellt. Ich will aber nicht klagen, denn es hat funktioniert, der Junge liest. „Bravo Sport“ und vor allem Fußball sei Dank. Nach einem Champions-League-Spieltag bekommt das Kind jetzt am nächsten Morgen das Smartphone, liest die Spielberichte und gibt mir dann eine Zusammenfassung.

Auch das „Fifa Zocken“ auf der Spielekonsole hat eine neue Qualität. Theo managt im Karrieremodus eine Mannschaft. Er muss E-Mails lesen, beantworten, Verträge verhandeln und Spieler kaufen und verkaufen. Ob das pädagogisch fragwürdig ist, ist mir absolut Wurscht. Der Junge liest endlich. Inzwischen spielt er mit einem Softball in seinem Zimmer die Champions League nach. Er notiert die Spiele auf einem Zettel.

Unsere Geduld hat sich also ausgezahlt. Zwang oder zu viel Druck bringen gar nichts. Dem Kind zu sagen, wenn du liest, machst du weniger Fehler beim Schreiben, bringt aus meiner Erfahrung auch nicht viel. Kinder sollten Lesen und Schule trennen. Wenn ein Kind keine Lust hat, hilft es, Literatur zu einem Thema zu finden, zu dem ein generelles Interesse besteht. Eine Sportart, ein Hobby oder etwas in der Art. Irgendwann springt der Funke über. Was sich bei uns ebenso als hilfreich erwiesen hat: Man muss dem Kind immer wieder klarmachen, dass es durch die Fähigkeit zu lesen unabhängiger wird. Denn wenn man lesen kann, kann man auch entscheiden, was man liest.

In den Osterferien haben Theo und Frieda wieder einmal in einem Zimmer geschlafen. Abends hat er ihr vorgelesen. Es war ein Abenteuer des kleinen Drachen Kokosnuss. Es ging um seinen ersten Schultag in der Drachenschule. Frieda hat nicht einmal über seine Art zu lesen gemeckert. Im Sommer wird sie eingeschult. Anders als ihr Bruder wird sie eine Leseratte, da bin ich sicher.

19. Apr. 2021
von Matthias Heinrich
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13. Apr. 2021
von Sonia Heldt
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„Kann das weg und wenn ja, wohin?“

Was einmal unentbehrliches Spielzeug war, wird bald darauf nicht mehr gebraucht. Und dann? Foto: Mascha Brichta

Maya (13) stellt einen Stapel mit Brettspielen, Bücher und ihren Frisierkopf in den Flur. „Das kann alles weg“, sagt sie resolut. Meine Tochter hat ihr Kinderzimmer in den letzten Monaten nach und nach in ein cooles und urgemütliches Teenie-Quartier verwandelt. Der Startschuss dazu fiel kurz vor Weihnachten. Ihre große Schwester Lara (17) wünschte sich seit Ewigkeiten ein großes Boxspringbett. Bisher hatten mein Mann und ich auf Durchzug gestellt, hatten wir doch erst kürzlich einen neuen Lattenrost und eine neue Matratze für das massive Landhausbett gekauft. Doch dann gaben wir Laras sehnlichstem Weihnachtswunsch nach.

Es bot sich an, Laras Bett an Maya weiterzugeben und dafür endlich das Kinderhochbett, das bereits seit einiger Zeit kritisch wackelte, abzubauen. Maya reagierte skeptisch, erbat sich Bedenkzeit, stimmte dann zu und präsentierte uns gleichzeitig ihr ausgeklügeltes Zimmer-Neugestaltungs-Konzept. Sie wünschte sich neue Beleuchtung, ein Wand-Tattoo, einen neuen Teppich und einige weitere kleinere Veränderungen. Die Kinderlampe, die seit ihrer Geburt an der Decke hing, die Puppenecke und einiger anderer Krimskrams sollten weg.  

Die Puppenecke rauszuschmeißen fiel meiner Tochter leichter als mir. Es handelte sich schließlich nicht um irgendeine Puppenecke, sondern um das Zuhause der Puppenschwestern Johanna und Lena: Lena, die Puppe, bei der ich schon anspruchsvolle Reparatur-OPs hatte durchführen müssen. Und Johanna, die edle Puppe mit den wunderschönen Haaren, in die Maya sich Weihnachten 2011 auf den ersten Blick verliebt hatte und die ihr lange Zeit sehr viel bedeutete. Johanna und Lena besitzen alles, was das Puppenherz begehrt: Etagenbett, Kleiderschrank und Outfits für jede erdenkliche Gelegenheit. Doch in Mayas Konzept war kein Platz mehr für das alles.

Wohin aber mit den Puppen und ihrem Hausstand? Und wohin mit dem ganzen Kleinkram und den Stofftieren aus den Spielkisten? Wohin mit den ausrangierten Büchern?

Gemeinsam mit den Kinder ausmisten, auch schon mit den kleinsten

Ein Kinderzimmer auszumisten kann ein wahrer Kampf sein. Doch es geht kein Weg daran vorbei, wenn Kinder und Erwachsene nicht irgendwann im hoffnungslosen Chaos versinken wollen. Sich von überflüssigen Dingen zu trennen, schafft nicht nur Ordnung in Haus und Wohnung, sondern auch im Kopf. Es kann sich auf die Seele sehr befreiend auswirken!  

Schon als die Kinder klein waren, habe ich sie mit ins Boot geholt und selbst aussortieren lassen. Schließlich weiß man auch als Elternteil manchmal nicht, dass der hässliche Kirmes-Stoffteddy oder der billige Plastikring aus der Kinderzeitung eine besondere Bedeutung für das Kind haben. Manche Dinge entsorgt man besser nicht ungefragt! Diese Erfahrung machen alle Eltern früher oder später, wenn sie das schlechte Gewissen plagt, weil sie annahmen, dem Kind würde nicht auffallen, dass etwas heimlich entsorgt wurde.

Je kleiner die Kinder sind, desto schwerer fällt es ihnen in der Regel, sich von Dingen zu trennen. Teenager sind da bisweilen schon ambitionierter, wenn sie plötzlich und sprunghaft das Kapitel „Kindheit“ hinter sich lassen möchten. So wie ich es gerade bei Maya feststelle, die in den letzten Monaten ohne mit der Wimper zu zucken konsequent und radikal ihr Zimmer angegangen ist.

Kinder am Verkaufserlös beteiligen und selbst aktiv werden lassen

Früher hat das bei ihr anders ausgesehen. Als ich beispielsweise vor zwei Jahren die seit Ewigkeiten ungenutzte Kinderküche loswerden wollte, sträubte sie sich vehement. Ab und zu könnte sie ja für die Puppen noch einen Eintopf kochen oder die kleine Kaffeemaschine für ein Kaffeekränzchen anschmeißen. Erst als wir gemeinsam einen Verkaufspreis festgelegt und vereinbart hatten, dass sie sich davon einen Wunsch erfüllen kann, gab sie nach. Ich stellte die Küche bei den Kleinanzeigen ein, und kurz darauf holte eine junge Mutter sie für ihre zweijährige Tochter bei uns ab. Maya freute sich über das Geld, ich mich über den Platz im Keller und über die Vorstellung, dass ein kleines Mädchen die schöne Holz-Kinderküche nun ausgiebig bespielen und in Ehren halten würde.

Die Kinder am Verkaufserlös zu beteiligen, ist ein wunderbares Mittel, um ihnen den Abschied zu versüßen. Meine Töchter waren zeitweise sehr geschäftstüchtig. Der Großteil der aussortierten Dinge landete in einem gemeinsamen Topf. Da Lara schon immer ihre Spielsachen an die kleine Schwester weitergeben hatte, war vieles nicht mehr klar einem Kind zuzuordnen. Also wurde grundsätzlich gerecht geteilt.

Meine Töchter schütteten die Playmobil-Kisten aus (und davon gab es jede Menge!), sortierten die Kleinteile und bauten stundenlang für die Verkaufsfotos alles wieder themenbezogen zusammen. Dabei schwelgten sie in Erinnerungen: „Weißt du noch, Lara, die Feenwelt haben wir immer mit unseren Schleich-Elfen kombiniert.“ – „Ja, und neben dem großem Pferdestall befand sich der Bauernhof, auf dem die Ferienkinder ihre Reiterferien verbracht haben. Oh, mein Gott, dieses kleine, braune Pferd habe ich so geliebt. Das darf auf keinen Fall weg. Das behalten wir als Andenken.“ 

Was sich nicht für den Internetverkauf lohnte, sammelten die Mädchen in einem Umzugskarton. Sie schnappten sich im Sommer eine Decke und veranstalteten auf dem Gehweg vor unserem Haus ihren privaten Trödelmarkt. An manchen Tagen saßen sie stundenlang bei brütender Hitze unter einem Regenschirm und waren frustriert, weil der Verkauf sich nur schleppend gestaltete. An anderen Tagen wiederum wurden sie für ihre Hartnäckigkeit belohnt, und die Kasse klingelte ordentlich. Aufgeregt und mit erhitzten Gesichtern kamen sie dann ins Haus gestürmt und hielten mir einen Zwanzig-Euro-Schein unter die Nase: „Mama, unsere Kundin hat nur großes Geld. Kannst du wechseln?“

Der Kassensturz am Ende des Tages war für sie jedes Mal aufs Neue ein Highlight. Nebenbei lernten sie, sich zu einigen, wenn sie über Verkaufspreise diskutierten, und dass man etwas tun muss, wenn man Geld verdienen will.

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13. Apr. 2021
von Sonia Heldt
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06. Apr. 2021
von Matthias Heinrich
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Wenn Eltern die besseren Ärzte sein wollen

Wird das Kind krank, stehen Eltern oft vor der eigenen Hilflosigkeit.
Zwischen Hilflosigkeit und Entschlossenheit: Wird das Kind krank, stehen Eltern mitunter vor schwierigen Entscheidungen.

Wir waren auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Bus bewegte sich zäh durch den Feierabendverkehr im Berliner Winter. Unser Sohn saß vor mir im Kinderwagen und kränkelte vor sich hin. Er war gerade zwei Jahre alt geworden. Seit ein paar Tagen klagte er über Halsschmerzen und hatte Fieber. Das war nichts Ungewöhnliches. Seit er in die Kita ging, war er immer mal krank. Wir gaben ihm ein Fiebermittel und ließen ihn schlafen. So hatte es uns die Kinderärztin geraten. Das hatte sich bewährt. Blöderweise kam das Fieber aber nach kurzer Zeit zurück. Wir riefen bei der Ärztin an. Leider war die Praxis geschlossen.

In unserem Kiez Baumschulenweg im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick gab es zwar viele Kinder, aber zu der Zeit nicht besonders viele Kinderarztpraxen. Also schaute ich im Nachbarbezirk Neukölln nach einer Alternative. Schnell entschied ich mich für einen Arzt, der Theo schon einmal erfolgreich bei einer Mittelohrentzündung geholfen hatte.

Als wir am späten Nachmittag die Praxis erreichten, erfuhr ich bei der Anmeldung, dass der Doktor nicht da sei, sich seine Vertretung aber unseres Sohnes annehmen werde. Kurze Zeit später betrat ein älterer Herr das Behandlungszimmer. „Oje“, dachte ich in einem Anflug von Sarkasmus, „der Gute hat sicher schon Walter Momper behandelt.“ Der Arzt schien meine Skepsis zu bemerken. Er klärte mich auf, dass er diese Praxis einmal aufgebaut, sich inzwischen aber zur Ruhe gesetzt habe und jetzt ausnahmsweise für seinen Nachfolger einspringe. Dann untersuchte er Theo. Er hörte ihn ab, kontrollierte Rachen und Nase, runzelte die Stirn und brummte: „Hm …“ Ich wartete ab. Schließlich sagte er: „Ich kann es nicht sicher sagen, die Symptome sprechen eigentlich nicht unbedingt dafür, aber mein Gefühl sagt mir, der Junge hat Scharlach. Ich verschreibe Ihnen ein Antibiotikum.“

Kurz darauf kam ich mit dem Medikament, Theo und jeder Menge Zweifel aus der Apotheke. „Mein Gefühl sagt mir…“, dachte ich. „Der kann mir viel erzählen von seinem Gefühl. Der hat keine Ahnung.“ Bei Antibiotika hörte für mich der Spaß auf. Ich plagte mich selbst über ein Jahr lang mit einer chronischen Mandelentzündung herum. Sie wurde immer wieder mit Antibiotika behandelt, und es dauerte regelmäßig Wochen, bis mein Körper wieder hergestellt war.

Das „Gefühl“ des alten Arztes reichte mir nicht, und so bekam Theo kein Antibiotikum. „Das kriegen wir auch so in den Griff“, sagte ich entschlossen. Zwei Tage litt das Kind, dann fuhren wir ins Krankenhaus in Neukölln. Wir hatten damals kein Auto. Der Weg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln war umständlich: Erst S-Bahn, dann ein kleines Stück U-Bahn und zum Schluss einige Stationen in einem vollen Bus.

Ich kam mit einem Mann ins Gespräch. Er war klein, etwa sechzig Jahre alt und sprach sehr leise. Er führe zur Routineuntersuchung ins Krankenhaus, sagte er. Alle zwei Wochen müsse er dorthin. Fast vierzig Jahre habe er auf dem Bau gearbeitet und sich mit Asbest seine Gesundheit ruiniert. Er habe Lungenkrebs. Wie lange er noch zu leben hätte, wisse er nicht. Wir schwiegen eine Weile, ich sah zum fiebernden Theo hinunter.

Dann sagte der Mann, er sei immer eine halbe Stunde vor seinem Termin im Krankenhaus. Manchmal käme er dann eher dran. Dann wäre er schneller zu Hause, und seine Frau wäre nicht so lange allein. Die mache sich vor jedem Termin große Sorgen, dass er mit einer Hiobsbotschaft heimkäme.

Kurz darauf stiegen wir aus dem Bus. Ich ließ den Mann vor. Wir verabschiedeten uns vor dem riesigen Krankenhausgebäude. Bald saß ich mit Theo im Sprechzimmer. Ein sehr junger Arzt kam herein. Er erkundigte sich in kurzen Sätzen nach Theos Beschwerden. Ich berichtete – auch von meiner Skepsis seinem Kollegen gegenüber. Der Arzt nahm einen Rachenabstrich und verließ den Raum. Nach einer Viertelstunde kam er mit dem Ergebnis zurück: „Kein Zweifel, Ihr Sohn hat Scharlach. Das Antibiotikum haben sie ja bereits.“

Kurz darauf waren wir wieder im Bus. Ich schob den Kinderwagen hin und her und betrachtete meinen Sohn, der eingekuschelt in seiner Decke schlief. Wir fuhren durch den dunklen Berliner Winter. Ich dachte an die beiden Kinderärzte, an den krebskranken Mann und an seine wartende Frau.

Ich fühlte mich schlecht, meinem Sohn und dem alten Arzt gegenüber. Der hatte nichts falsch gemacht, sondern im Gegenteil sehr professionell agiert: Er teilte seine Zweifel mit mir, stellte aber trotzdem eine Diagnose und verschrieb ein Medikament. Ich dagegen nahm sein Zögern als Inkompetenz wahr und sprach ihm seine Expertise ab. Für mich war er im Grunde gar kein richtiger Arzt mehr, weil er nicht mehr praktizierte und zu alt war. Dass ich damit auf dem Holzweg war, machte der junge Arzt deutlich, der die Diagnose des ersten bestätigte. Wegen meiner falschen Interpretation hat unser Sohn zwei Tage vor sich hingekränkelt. Seit dieser Erfahrung holen wir bei Zweifeln sofort eine zweite Meinung ein und verabreichen den Kindern bei Bedarf auch selbstverständlich Antibiotika.

06. Apr. 2021
von Matthias Heinrich
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30. Mrz. 2021
von Chiara Schmucker
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Beim Zweiten ist alles schöner

Knapp drei Jahres ist es her, dass ich an dieser Stelle über ein Phänomen geschrieben habe, dass ich damals „Bauchfixierung“ genannt habe: Dass das gesamte Umfeld sich mit dem Tag, an dem eine Frau ihre Schwangerschaft bekannt gibt, bemüßigt fühlt, sie – und ihren Körper – dabei zu beobachten, ob auch alles richtig läuft. Wächst der Bauch auch schnell genug („Du hast ja gar keinen Bauch, bist du sicher, dass alles ok ist?“), verzichtet die Schwangere auch brav auf Koffein und Kantinensalat („da hab ich gleich gewusst, dass was im Busch ist“), und macht sie auch weiterhin ausreichend Sport („wir sind doch so Frauen, die auch nach der Schwangerschaft gleich wieder starten wollen, wo wir vorher aufgehört haben, nicht wahr?“)?

Ich weiß noch, wie schwierig es oft für mich war, diese Kommentare wegzulächeln, zu ignorieren oder charmant zu kontern. Wenn ich den Text von damals heute wieder lese, denke ich mir: Was sollte das eigentlich alles? Wie weit weg sind seit Corona alle diese Befindlichkeiten, Sticheleien und dass Sich-Gegenseitig-Stress-Machen. Als hätte die Einsamkeit der Pandemie, das Zurückgeworfensein auf die kleinste Einheit – als Familie, Paar oder Einzelperson – all das Plaque der zwischenmenschlichen Beziehungen weggespült und den Blick auf das Wesentliche freigelegt: Es gibt nichts Wichtigeres als die Gemeinschaft. Seien wir froh, solange wir sie haben, und halten uns nicht mit Nebensächlichkeiten auf!

Inzwischen bin ich zum zweiten Mal schwanger, doppelt so rund wie beim ersten Mal, dafür halb so geschminkt und dreimal so entspannt – und wo immer ich mit meinem Kugelbauch auftauche, freuen sich einfach alle. Ein neues Baby ist so etwas wie eine kleine Insel der Hoffnung in diesen Zeiten. Wen interessiert es da, ob die Mutter gewaschene Haare oder gezupfte Augenbrauen hat? Wir haben alle andere Sorgen – und außerdem sind die anderen weder besser frisiert noch trainiert. Niemand beäugt meinen Bauch, niemand gibt mir ungefragt Tipps, alle freuen sich einfach für uns.

Auch bei mir selbst merke ich nach einer unproblematischen ersten Schwangerschaft und Geburt, dass ich dieser zweiten Schwangerschaft völlig anders gegenüberstehe. Ich kann für mich sagen: Beim Zweiten ist alles schöner.

Was ich bei Max noch nicht konnte – loslassen, zulassen, daran glauben, dass dieses Kind trotz nicht ganz einfacher Vorgeschichte bleiben wird – ist diesmal kein Thema. Ich kenne die kleinen Signale meines Körpers und und gebe ihnen bereitwillig nach. Ich genieße es, mich voll in diese Schwangerschaft hineinzuwerfen, Gelüsten nachzugeben und für mich selbst völlig entspannt zu wissen, dass ich schon wenige Wochen nach der Geburt meinen „alten“ Körper zurückhaben werde.

Ich lege mich aufs Sofa, bevor ich nach dem Homeoffice in die Kita flitze, auch wenn die Küche dringend aufgeräumt werden müsste oder ich eigentlich noch schnell mal, ach was auch immer. Ich lege meine Hände auf den Bauch und fühle die erstaunlich kraftvollen Bewegungen des kommenden Geschwisterchens.

Als Max vor zweieinhalb Jahren zu uns kam, war das eine riesige Umstellung für uns. Alles war anders als geplant, er schlief nicht und weinte umso mehr. Wir, die wir immer spontan und flexibel waren und sein wollten, übernahmen schließlich die strengen zeitlichen Abläufe aus der Kita, da wir merkten, dass sie Max Sicherheit und Ruhe gaben. Frühstück um 8, Snack um 10, 11.30 Uhr Mittagessen, danach Mittagsschlaf. Wie ein Uhrwerk steht er seit vielen Monaten morgens um 6.45 Uhr an meinem Bett, und ich muss zugeben, dass auch mir diese Berechenbarkeit Ruhe gibt. So sehr ich den Wochenenden nachweine, an denen wir erst zu Mittag aus dem Bett krochen, um dann zum Sport zu gehen, zu kochen und Freunde zu treffen, so charmant finde ich es doch, ohne schlechtes Gewissen mehrmals in der Woche einfach mit Max zusammen abends ins Bett zu gehen, mich während seines Mittagsschlafs ebenfalls aufs Sofa zu legen und so gut wie keine Freizeitverpflichtungen zu haben.

Zu zweit seit Monaten im Homeoffice, teilen mein Mann und ich uns selbstverständlich Care- und Haushaltsarbeit. Ich genieße es, dass er einfach da ist, selbst wenn er noch arbeiten muss, wenn ich schon mit Max spiele. Es entspannt mich zu wissen, dass er auch beim Zweiten dann „einfach mal kurz“ beim Binden des Tragetuchs assistieren kann, das Baby „ganz kurz mal“ schaukeln kann, damit ich in Ruhe zur Toilette kann oder einen Teller Spaghetti verschlingen. Denn dass es auch beim Zweiten nicht unanstrengend sein wird, darüber mache ich mir keine Illusionen. Doch ich weiß jetzt – oder glaube zu wissen –, was auf mich zukommt. Die Erstausstattung überfordert mich nicht mehr, ich kann wickeln in allen Lebenslagen und ich weiß, dass wir diesmal einfach besser vorbereitet sein müssen. Bei Max wollten wir erst einmal abwarten, wer da zu uns kommt, und es alles entspannt angehen – und als er dann da war, lief uns die Zeit davon. Zwischen Elterngeldantrag und U2 mussten wir noch den Kinderwagen abholen (er war falsch geliefert worden), den Wickeltisch aufbauen und Hühnersuppe kochen. All das mit einem Baby im Arm, das sich keine Minute ablegen ließ. Wir hatten den Start zu Dritt unterschätzt.  

Das wird mir diesmal nicht mehr passieren: Ich bin jetzt schon voll ausgestattet, von der Babygarderobe, über Kinderwagen und zwei Maxi Cosi (einer fürs Auto von Oma und Opa), und allem, was man sonst so braucht. Bei Max mussten wir schnell lernen und noch schneller reagieren. Diesmal setze ich auf „doppelt gut vorbereitet sein – und doppelt genießen“.

30. Mrz. 2021
von Chiara Schmucker
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23. Mrz. 2021
von Matthias Heinrich
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Lasst sie anziehen, was sie wollen

Nicht überall ist das Kleid das praktischste Kleidungsstück, aber ganz bestimmt auf dem Trampolin.

Endlich mal wieder ein „leichtes“ Thema ohne Homeschooling, Corona und Verzichte. Wobei, letzteres stimmt nicht ganz. Unsere Tochter Frieda verzichtet seit geraumer Zeit auf Hosen. Nein, das klingt zu positiv. Sie weigert sich vielmehr mit allem, was sie hat, Hosen zu tragen. Vor allem, wenn es in die Kita geht, muss es ein Kleid sein. Es haben sich schon Dramen abgespielt, wenn keins zur Hand war oder ich auf Leggins und Matschhose bestand, weil es mit der Kita-Gruppe in den herbstlichen Wald ging.

Nur an Wochenenden, wenn wir einen Wanderausflug machen, etwa in die Fränkische Schweiz, darf es eine Hose sein. Da hat sie inzwischen begriffen, dass es sich ohne Kleid einfach bequemer über Stock und Stein oder durchs Gebüsch laufen lässt.

In der Kita geht es aber weder über Stock noch Stein noch durchs Gebüsch. Darum wird gefälligst Kleid getragen, denkt sich unsere Tochter. Sie ist sechs Jahre alt. Seit vergangenem Sommer gehört sie zu den Großen in der Vorschulgruppe. Diese wird von einer Clique von fünf, sechs Mädchen dominiert. Eine davon ist Frieda. Sie spielen sehr viel zusammen.

Natürlich stehen in der Kita-Clique wie bei vielen Mädchen in dem Alter Barbies und Einhörner ganz hoch im Kurs und am allerhöchsten Anna und Elsa. Das sind die beiden Prinzessinnen aus den „Die Eiskönigin“ Filmen. Alle Mädchen in Friedas Clique können die Songs „Ich bin frei“ und „Zum ersten Mal seit Ewigkeiten“ auswendig mitsingen. Ich im Übrigen auch. Das ist aber nicht allein der Grund, warum Anna und Elsa für mich keine schlechten Idole sind. Beide haben starke Charaktere, sind moderne Frauen, die ihr Glück selber in die Hand nehmen und Probleme persönlich lösen. Die Männerfiguren im Film sind entweder Dumpfbacken oder Bösewichte. Das ist schon ein Fortschritt, früher haben die Prinzessinnen darauf gewartet, dass der Held sie rettet.

Anna und Elsa tragen, wie es sich für Prinzessinnen gehört, sehr auffällige Kleider. Und natürlich finden die Mädchen das wunderbar und eifern den beiden nach. Ich kann mich an drei oder vier Anna-und-Elsa-Partys in der Vor-Corona-Zeit erinnern. Je auffälliger die Kleider, desto besser. Allerdings sind diese Partys inzwischen auch einige Monate her. Trotzdem besteht Frieda weiter darauf, ein Kleid zu tragen, wenn es in die Kita geht. „Die anderen lachen mich sonst aus“, sagt sie. Anfangs habe ich das geglaubt, inzwischen habe ich meine Zweifel.

Neulich kam sie an einem kitafreien Tag die Treppe hinuntergelaufen. Sie trug eine Jeans mit roten Streifen an den Seiten. Ich war so überrascht, dass ich nicht auf ihre Mine achtete. „Wow!“ rief ich. „Eine Jeans, das sieht ja klasse aus. Warum trägst du die nicht öfter?“ Zu spät sah ich ihre schlechte Laune. „Hör auf, Papa! Das sieht gar nicht gut aus. Ich habe nur kein Kleid mehr, die sind alle in der Wäsche und jetzt muss ich diese doofe Hose…“ Die letzten Wörter musste ich raten, denn ihre Stimme ging über in wütendes Geschrei und dann folgte ein Tränenausbruch. Seitdem äußere ich mich bewusst so gut wie gar nicht mehr zu ihren Outfits. Wenn es mir gleich ist, ob sie Hose oder Kleid trägt, ist es ihr vielleicht auch egal.  

Vor ein paar Wochen bekam Frieda von einer Nachbarin eine ausrangierte Lederjacke (aus Kunstleder) geschenkt. So eine schwarze im Achtzigerjahre-Stil, wie sie Michael Jackson im Video von „Bad“ trug. Unsere Tochter war stolz wie Bolle und wollte das Stück unbedingt am nächsten Tag zur Kita anziehen. Da es draußen schneite und das Thermometer zehn Grad minus anzeigte, legten wir natürlich unser Veto ein. Bevor es zu einem neuen Drama kommen konnte, einigten wir uns auf einen Kompromiss: Frieda zog Winterjacke, Mütze, Schal und Handschuhe an, durfte die Lederjacke aber mitnehmen. Darunter trug sie – natürlich – ein Kleid.

Als ich sie neulich zur Kita brachte, achtete ich in Vorbereitung auf diesen Beitrag auf ihre Clique, also auf ihre Peer Group, und war erstaunt. Ein einziges Mädchen außer Frieda trug ein Kleid, alle anderen Strumpfhosen oder Leggins. Dass die anderen sie auslachten, wenn sie mit Hose zur Kita käme, halte ich für ein Gerücht. Vielmehr kann ich mir vorstellen, dass die anderen das ungewöhnlich fänden und sagen würden: „He Frieda, du trägst ja heute ausnahmsweise eine Hose.“ Diese Art von Aufmerksamkeit wäre ihr wahrscheinlich unangenehm.

Ich glaube, Frieda trägt ganz einfach gerne Kleider, lieber als andere Mädchen. Das ist ihr Ding. Sie spielt gerne Prinzessin. Aber genauso gerne hilft sie mir im Garten, bei Handwerksarbeiten und beim Kochen. Seit ein paar Tagen haben wir ein neues gemeinsames Ding: Wir bauen den Lego-Kran zusammen, den ihr großer Bruder zu Weihnachten bekommen hatte und der seitdem unbeachtet in seiner Verpackung herumstand. Ihr Bruder ist in gewisser Weise auch ein „Fashion Victim“: Bei ihm müssen Oberteil und Socken immer zueinander passen.  

Unsere Faustregel lautet: Solange kein Erfrierungstod droht oder sonst irgendwelche gesundheitlichen Schäden, können unsere Kinder anziehen, was sie wollen. Wenn die Klamotten farblich gewagt kombiniert sind, weisen wir unsere Kinder gelassen daraufhin, überlassen ihnen aber die Entscheidung. Mit Kleidung ist es genauso wie mit allen anderen Dingen im Leben: Kinder müssen ihre eigenen Erfahrungen machen. Da müssen wir vielleicht auch mal einen Schnupfen oder einen blöden Spruch in Kauf nehmen.  

23. Mrz. 2021
von Matthias Heinrich
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16. Mrz. 2021
von Sonia Heldt
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Was ein Jahr Corona mit uns als Familie gemacht hat

Am Wochenende habe ich mein Familien-Fotobuch für 2020 zusammengestellt. Es ist recht dünn ausgefallen. Unser Fotobuch von 2019 dagegen – vollgepackt mit schönen Dingen, die wir unternommen und erlebt haben – kommt mir wie ein Relikt aus einer längst vergessenen Zeit vor.  

Jugend mit angezogener Handbremse

Seit gut einem Jahr beschäftigt uns das Virus. Lara wurde im Frühjahr 2020, kurz vor dem ersten Lockdown, sechzehn. Ich erzählte damals in meinem Beitrag „Waren wir etwa auch so leichtsinnig“, wie sehr sie sich auf dieses besondere Lebensjahr freute. Um den Anlass gebührend zu feiern, plante sie für den Hochsommer eine große Gartenparty. Aber es kam bekanntlich anders. Die große Sause konnte bis heute nicht stattfinden. Inzwischen ist Lara siebzehn, und ihre Jugend verläuft mit angezogener Handbremse.

Selbst wenn eine Familie insgesamt glücklich durch das vergangene Jahr gekommen ist: Der Lockdown hinterlässt Spuren.
Selbst wenn eine Familie insgesamt glücklich durch das vergangene Jahr gekommen ist: Der Lockdown hinterlässt Spuren.

Auf die Frage, wie sie ihr letztes Lebensjahr empfunden hat, erwidert sie: „Och, der Sommer war eigentlich okay.“ Die Inzidenzwerte waren niedrig, das öffentliche Leben lief nach dem ersten Lockdown wieder an, Lara war oft im Schwimmbad und mit Freunden unterwegs. Sie genoss den Familienurlaub auf Kreta, zu dem sie sich ursprünglich nur widerwillig hatte überreden lassen. Wir verbrachten zwei Wochen in unserer Familien-Blase in einem kleinen Hotel ohne Action. Die Abende bestanden aus Cocktail-Trinken mit den Eltern und der kleinen Schwester, alleine am Strand sitzen und mit den Freunden in der Heimat telefonieren. Kein Urlaub, den sich Sechzehnjährige unter normalen Umständen wünschen würden. Lara erging es wie den vielen anderen Jugendlichen, die sich auf ihre erste Reise ohne Eltern, auf den Auslandsaustausch oder die Work-and-Travel Monate gefreut hatten und ihre Pläne auf ungewisse Zeit verschieben mussten. 

Seit November hocken wir gefühlt 24/7 zu Hause. Wir haben versucht, das Beste aus den dunklen und endlos langen Monaten zu machen. Mit Kochen. Mit Backen. Mit Renovierungen im Haus. Aber langsam gehen uns die Projekte aus, und die Stimmung ist zunehmend gereizter. Wir verbringen zu viel Zeit miteinander und können uns nur schwer aus dem Weg gehen. 

Mir macht es als Endvierzigerin wenig aus, mein Wochenende mit einem Glas Wein vor der Glotze zu verbringen, auch wenn mir das kulturelle Leben und die Abwechslung abgeht. Als junger Mensch kam mir jedes Wochenende ohne Action und jeder Tag ohne meine Freunde wie eine Bestrafung vor. Nun hockt eine ganze Generation zu Hause, weil Festivals, Konzerte, Geburtstagspartys und alles, was in diesem Alter so verdammt viel Spaß macht und unbedingt zum Erwachsenwerden dazugehört, verboten sind.

Manche Dinge lassen sich nicht nachholen. Wie traurig, dass sich viele junge Leute später ausschließlich an die stressige Zeit vor ihren Schul- oder Berufsabschlüssen und ihren Prüfungen erinnern werden, nicht aber an das große Befreiungsgefühl und die verdienten festlichen Feiern danach, weil die wegen eines blöden Virus nicht stattfinden durften.

Auf Facebook taucht in regelmäßigen Abständen ein Post auf, der mich inzwischen unsagbar nervt. Er beginnt mit: „Stell dir für einen Moment vor, du wärst im Jahr 1900 geboren. Wenn du 14 Jahre alt bist, beginnt der 1. Weltkrieg. Er endet nach 4 Jahren, wenn du 18 bist. Mit 22 Millionen Toten weltweit…“ Klar, schlimmer geht immer. Die meisten, die diesen Post teilen oder liken, sind Leute meiner Generation, die selbst keinen Krieg erleben mussten und ihre (schöne?) Jugend bereits hinter sich haben.  

Homeschooling: Dresscode Schlafanzug

Ich würde uns zu den privilegierten Familien zählen, die das Homeschooling unter optimalen Bedingungen wuppen können. Meine Mädchen sind mit dreizehn und siebzehn „aus dem Gröbsten raus“. Wir besitzen ein Haus und jedes Mädchen sein eigenes Zimmer. Wir sind digital ausgerüstet. Lara hat zum Sechzehnten einen neuen Laptop bekommen. Für Maya habe ich meinen PC-Arbeitsplatz im Wohnzimmer geräumt und sitze seitdem mit meinem Laptop in der Küche. Unser Gymnasium arbeitet mit Microsoft Teams, das technisch von Anfang an einwandfrei lief. Nach der ersten holprigen Homeschooling-Phase hat die Schule ihre Hausaufgaben gemacht. Der Unterricht ist im Großen und Ganzen, den Umständen entsprechend, gut organisiert. 

Ich bin weder Krankenpflegerin, die Doppelschichten schiebt, noch alleinerziehende Kassiererin, die morgens mit schlechtem Gewissen ihr Kind alleine vor den PC sitzen lassen muss. Ich bin es gewohnt, im Homeoffice zu arbeiten. Mein Mann verlässt jeden Morgen das Haus, um zur Arbeit zu gehen. Die Pandemie hat uns wirtschaftlich bisher nicht direkt geschadet. Ich koche jeden Tag. Ich bin für die Mädchen jederzeit ansprechbar. Ich helfe Maya, wenn der PC spinnt, der Ausdruck im Drucker hängenbleibt oder sie mit der PowerPoint-Präsentation nicht klarkommt. Ich schieße den Großteil des Mathestoffs der Mittelstufe aus der Hüfte und bin in Englisch einigermaßen fit.   

Mir ist bewusst, dass sich die Pandemie und das Homeschooling für viele Familien sehr viel problematischer darstellt. In erster Linie werden Kinder aus bildungsfernen Familien noch sehr, sehr lange das Nachsehen haben. Und doch gehen selbst Leute wie wir, denen es unter diesen Umständen denkbar gut geht, inzwischen auf dem Zahnfleisch. Es war kein normales Schuljahr! Während in den unteren Klassen der verlorene Stoff bestimmt aufgeholt werden kann, so ist es für Lara in der 10. Klasse des G8-Gymnasiums schwierig. Sie ist im letzten Jahr gleich in mehreren Fächern um eine Note abgerutscht. „Mir tut das Homeschooling nicht gut“, gibt Lara selbst zu. „Dieses Rumlungern zu Hause macht mich lahm. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich mich motivieren und aus dem Bett kommen soll.“ Deswegen blieb sie die letzten Wochen morgens einfach liegen, schnappte sich ihren Laptop und wartete, bis sie sich wach genug zum Aufstehen fühlte.     

Den Mädchen fehlt der alltägliche, morgendliche Stress, die Fahrt mit dem Rad zur Schule, auf der sie wach werden und ihr Kreislauf in Schwung kommt. Der Austausch mit den Freunden. Ein Ausgleich zum Schulstress, körperlich wie seelisch. Besonders Maya, die normalerweise fast schon gruselig diszipliniert ist und am Anfang der Pandemie wie ein Uhrwerk funktionierte, setzt die Situation immer mehr zu. Sie wirkt von Tag zu Tag mut- und lustloser. Auf ihr Sportprogramm, das sie letztes Jahr noch konsequent und fast täglich durchzog, verspürt sie kaum noch Lust. Zog sie sich anfänglich während des Homeschoolings morgens nach dem Frühstück sofort an und setzte sich dann kerzengerade vor den PC, so läuft sie inzwischen bis nachmittags im Schlafanzug rum.

Immer häufiger ertappe ich sie, wie sie abwesend vor dem Computer sitzt und mit irgendetwas rumspielt: „Ich kann nicht mehr stundenlang auf diesen blöden Bildschirm starren. Es ist so anstrengend! Ständig hat einer aus meiner Klasse Verbindungsprobleme, oder man versteht die Hälfte der Schüler akustisch nicht. Das crasht den Unterricht. Manche machen es inzwischen extra und behaupten einfach nur, sie können ihre Stummschaltung nicht aufheben.“ Den Lehrern geht es nicht besser: „Mir fehlen eure Gesichter, an denen ich ablesen kann, ob ihr wirklich versteht, was ich euch erkläre“, beschrieb letztens Mayas Mathelehrerin ihre Situation.

Nun wurde in dieser Woche der Präsenzunterricht für die Klasse 5 bis 10 wieder aufgenommen. Meine Töchter haben bis zu den Osterferien Wechselunterricht. Das bedeutet, fünf Tage Unterricht in der Schule und fünf Tage selbständiges Arbeiten alleine von zu Hause aus, ohne Videokonferenzen. Immerhin, der erste Schultag des Präsenzunterrichts fühlte sich für uns alle wunderbar normal an. Selbst Lara schwang ihre Beine morgens mühelos aus dem Bett.

Am liebsten würde Maya auf die Osterferien verzichten: „Was soll ich denn dann den ganzen Tag machen, wenn ich niemanden sehen darf und wir nicht wegfahren können?“, fragt sie, und ich zucke mit den Achseln, weil ich das auch nicht weiß.

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16. Mrz. 2021
von Sonia Heldt
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09. Mrz. 2021
von Sonia Heldt
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„Immer nur dein Lieblingskind!“

Von klein auf achten Kinder darauf, ob sie genauso viel Aufmerksamkeit erhalten wie ihre Geschwister.

Ich helfe Maya (13) am Küchentisch bei ihren Englisch-Hausaufgaben. Lara (16) macht sich etwas zu Essen. Sie öffnet die Besteckschublade und kreischt mit einem Mal so ohrenbetörend auf, dass ich zusammenzucke. „Mein Gott“, sage ich genervt. Lara hebt theatralisch ihren linken Zeigefinger in die Höhe. „Ich habe voll ins scharfe Messer gegriffen“, jammert sie lautstark. Ich kneife die Augen zusammen, um den Finger aus der Ferne zu begutachten. Kein Blut. Nicht einmal ein einziger Tropfen. „Lass kaltes Wasser drüber laufen und uns hier arbeiten.“ Damit wende ich mich wieder dem Englischbuch zu. Lara ist eingeschnappt: „Das ist so typisch! Immer geht es nur um dein Lieblingskind und mich lässt du hier eiskalt verbluten!“   

Ich schmunzele in mich hinein und gebe nichts auf Laras Vorwurf. Ihre Gefühlsausbrüche sind grundsätzlich etwas drüber. Sie neigt dazu, sich in Situationen emotional hineinzusteigern. Ein trauriges Buch oder ein trauriger Film kann ihr den ganzen Tag verderben. Dann kämpft sie nonstop mit den Tränen und wiederholt in einer Tour: „Das kann doch nicht sein. Wie traurig ist das denn? Ich bin fix und fertig.“ Das ist auf der einen Seite süß, kann in manchen Situationen aber richtig nerven.

Ging es früher mit Maya und Lara zu einem gemeinsamen Impftermin, zuckte Maya, als dreieinhalb Jahre jüngere, beim Einstich der Nadel nicht einmal zusammen, während Lara losheulte und so schnell nicht damit aufhörte. Da half irgendwann kein verständnisvolles Trösten mehr, sondern nur eine resolute Ansage: „So, jetzt ist aber endlich gut!“ Wenn Maya sich als Kleinkind aufregte (selten und nur aus Wut, dann aber so heftig, dass sie sich wegschrie und blau anlief), musste man ihr sanft und ruhig zureden, damit sie sich beruhigte.

Meine Dreizehnjährige ist sehr taff und trägt ihre Gefühle sparsam nach außen. Letztens ist sie die Kellertreppe heruntergefallen und so übel auf den Rücken geknallt, dass ihr im ersten Moment die Luft wegblieb. Doch sie rappelte sich sofort auf und versuchte leichenblass und zitternd den Sturz herunterzuspielen: „Nichts passiert“, flüsterte sie tapfer, bevor ihr der Kreislauf wegsackte und ich sie gerade noch auffangen konnte. Ich habe sie in der Vergangenheit immer wieder ermutigt, Schwäche zu zeigen, aber sie ist nun einmal so, wie sie ist. Genau wie Lara so ist, wie sie ist.  

Jedes Kind hat einen eigenen Charakter und individuelle Bedürfnisse, auf die wir Eltern individuell reagieren und agieren. Wir behandeln Menschen unterschiedlich, weil Menschen unterschiedlich sind. Ich gehe lieber mit Maya einkaufen als mit Lara. Maya ist mir nicht nur im Supermarkt eine echte Hilfe. Wenn ich krank im Bett liege, pflegt sie mich wie eine kleine Mutter und sorgt für Ordnung im Haus. Lara schmeißt beim Einkaufen unkontrolliert ausschließlich ihre Lieblingsspeisen in den Wagen und verbreitet mit ihrer chaotischen Art immer ein bisschen Unruhe mehr als nötig. Wegen ihrer Unordnung geraten wir ständig aneinander.  Aber liebe ich Lara deswegen weniger? Auf gar keinen Fall! Die Beziehung zu meiner Großen ist hin und wieder konfliktgeladen, aber nicht weniger intensiv und innig als zu meiner Jüngsten. Maya ist das bügelfreie Baumwollhemd, Lara der pflegeaufwendige Wollpullover.

Maya fühlt sich in Situationen ausgeschlossen, in denen Lara und ich eine Einheit bilden. Wenn Lara und ich ohne Worte kommunizieren, weil wir wissen, was der andere gerade denkt. Wenn wir gemeinsam alte Doris-Day- oder Miss-Marple-Filme schauen oder über Bücher und Themen diskutieren, mit denen Maya nichts anfangen kann. Wenn wir uns an unsere Mutter-Tochter-Kurzreisen zu zweit erinnern. „Blöd, du hast immer schon viel mehr mit Lara gemacht“, sagt Maya dann. Das ist eine Tatsache und eine alters- und interessenbedingte Nebenerscheinung. Dabei sind die unzähligen Stunden, die ich bisher in meinem Leben vor Mathebüchern und Youtube-Videos verbracht habe, um Lara in Mathe zu unterstützen, nicht ansatzweise eingerechnet.

Niemand hört gerne von seinem Kind, dass es sich benachteiligt fühlt, man angeblich Unterschiede zwischen den Geschwistern macht oder ein „Lieblingskind“ besitzt. Als Folge wählt man Oster- und Weihnachtsgeschenke so aus, dass kein Kind das Gefühl bekommt, schlechter weggekommen. Man versucht für jeden da und ansprechbar zu sein. Man beteuert, dass man alle Kinder gleich liebhabt. Für kleine Kinder kann man fixe Zeiten für gemeinsame Rituale einplanen, zum Beispiel eine feste Vorlese- oder Kuschelzeit. Ältere Kinder freuen sich, wenn es sich einen ganzen Tag nur allein um sie dreht und sie die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Elternteils erhalten, beispielsweise während eines Mutter-Sohn-Shopping-Tages oder einer coolen Papa-Tochter-Radtour.  

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09. Mrz. 2021
von Sonia Heldt
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