Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

19. Feb. 2019
von Janosch Niebuhr
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Sind wir arm oder reich, Papa?

© Picture AllianceSind wir eigentlich reich? Und wenn nein, warum nicht?

Eine unserer Töchter hat eine Freundin, die mich regelmäßig sprachlos macht. Sie sagt dann etwas, was so außerhalb meines Erwartungshorizontes liegt, und ich denke: Mädchen, von welchem Stern kommst du eigentlich? Dann muss ich grinsen und sie weiß nicht warum. So wie bei der Rückfahrt vom Kinobesuch. Wir warten auf den Bus, der uns in fünf Minuten nach Hause fahren wird. Vier Kinder, ein Erwachsener (ich). Es regnet, es ist kalt und auch ein bisschen langweilig. Plötzlich fragt die Freundin ganz ernsthaft: „Warum können wir nicht mit dem Taxi fahren? Da drüben stehen doch welche!“

Ich mag diese Freundin meiner Tochter, aber es gibt eben diese Augenblicke der Fassungslosigkeit. Weiß sie wirklich nicht, was Taxifahrten kosten? Oder ein Kinobesuch für fünf Personen plus Knabberkram? Oder sind Budgetlimits einfach noch keine Kategorie für sie?

Und dann ahne ich, dass sie ihren Eltern noch nie die Frage gestellt hat, die alle meine Kinder schon gestellt haben. Selbst die Fünfjährige. Dass sie nicht zu den Kindern gehört, die diese Frage stellen müssen. Es ist eine verständliche, wenn auch sehr komplexe Frage: „Sind wir arm oder reich, Papa?“ Mit dieser Frage werden wahrscheinlich nur Eltern konfrontiert, die statistisch irgendwo in der Mitte der Einkommens- oder Vermögens-Verteilung angesiedelt sind – wobei „Mitte“ ein sehr weites Feld ist, sie reicht von „knapp über Hartz IV“ bis zu „Spitzensteuersatz trotz Ehegattensplitting“. Die Kinder der reichsten zehn Prozent jedenfalls wissen schlicht, dass sie reich sind, die müssen nicht nachfragen. Und die der ärmsten zehn Prozent ahnen ihren Status auch sehr bald. Nur der Nachwuchs dazwischen braucht Orientierung bei der Selbstverortung. Meine Kinder zum Beispiel. „Also sag schon, Papa! Sind wir arm oder reich?“

Ich habe mir angewöhnt, sehr konträre Botschaften als Antwort auf diese Frage zu senden. Die erste Botschaft: „Wir sind ziemlich reich.“ Und ich meine das dann nicht mal im Vergleich zu irgendwelchen Familien in irgendwelchen Entwicklungsländern. Die Aussage ist auch völlig losgelöst von einer realistischen Selbsteinschätzung in deutschen Einkommens- oder Vermögens-Dezilen, von Nettoäquivalenzeinkommen oder anderen statistischen Größen. Damit ist auch nichts Vergeistigtes à la „Wir sind reich, weil wir uns lieb haben“ gemeint – für derlei Kitsch sind Kinder bei dieser Fragestellung nicht empfänglich. Hier geht’s um was anderes – ums Trösten, ums Beruhigen. „Wir sind reich“ heißt hier: Alles ist gut, alles wird gut, wir werden auch künftig ein Dach über dem Kopf haben; ihr werdet auch künftig Kleider bekommen, wenn die alten nicht mehr passen; es wird zu essen geben, Urlaub ist auch drin. Ihr habt sogar ein bisschen eigenes Geld. Vor allem: Ihr werdet nicht beschämt werden, weil ihr arm seid. Alles ist gut. Das ist natürlich reine Psychologie, nicht durch irgendwelche antizipierten ewigen Zahlungsströme gedeckt oder vom Family Office einer Erbengemeinschaft. Aber es ist notwendige Psychologie. Denn hinter der Frage, wie arm oder reich wir sind, versteckt sich eine große Sorge. Und die gilt es zuallererst zu beantworten. Es ist wichtig, Kindern ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, gerade in Bereichen, die sie nicht oder wenig beeinflussen können, wie bei Finanzthemen. Weiterlesen →

19. Feb. 2019
von Janosch Niebuhr
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14. Feb. 2019
von Anna Wronska
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#fauleEltern machen glückliche Kinder

 

© Picture AllianceSieht nach Spaß aus: Warum sollte ein kleines Kind nicht auch mal helfen, die Waschmaschine zu befüllen?

Ich habe jetzt einen Mutti-Account bei Twitter. Es gibt ja noch nicht so viele, dachte ich… nicht. Aber da ich ohnehin eine Rabenmutter bin, die ständig auf dem Smartphone daddelt, würde ich dort mit Sicherheit ein paar Gleichgesinnte treffen und als Familienbloggerin up to date bleiben. Soweit der Plan.

Nachdem ich zunächst mit dem Hashtag #ehrlicheEltern noch meine Schwierigkeiten hatte (hier steht, warum), hat sich die Entscheidung spätestens seit dem Hashtag #fauleEltern total gelohnt. Unter dem Sammelbegriff gaben Eltern zum Besten, wie sie sich den oftmals stressigen Alltag mit Kids zu erleichtern versuchen. Da findet das Haarewaschen ausschließlich im wöchentlichen Schwimmunterricht statt. Bei einer anderen Familie hingegen kommen die Kids immer dann in die Wanne, wenn die Eltern einmal ihre Ruhe haben wollen (mein Mann und ich würden uns hier eingruppieren). In die Schulbrotdose kommt mitunter die kalte Pizza vom Vortag, und Beilagenreis schmeckt, wie man lesen kann, auch aus der Tüte hervorragend (probiere ich bald mal aus). Zum Schlafen bleiben die Tagesklamotten an, statt den Nachwuchs in den Pyjama zu zwingen. Und fürs Schulfest werden Brezeln gekauft statt Kuchen gebacken (ich hätte vermutlich Kuchen gekauft).

Ach, ich mag dieses Eltern-Twitter! Leider habe ich den Hashtag einen Tick zu spät mitbekommen, sonst hätte ich den ganzen Twitter-Kosmos vollschreiben können mit Beispielen aus unserem eigenen „faulen“ Elterndasein:

  • Ich wollte zum Beikost-Start Brei kochen, habe aber die Möhren anbrennen lassen (ja, das geht) – und nehme seitdem Gläschenkost. Die kann Lukas genauso genüsslich und Blasen werfend wieder ausspucken.

  • Ganze zwei Mal im Leben habe ich Kinderklamotten gebügelt: jeweils einmal in jeder Schwangerschaft. Okay, das Ergebnis sah beeindruckend aus. Aber nicht so, dass es den Aufwand rechtfertigen würde.

  • Wenn mal wieder die Strumpfhosen für den Großen aus sind, wühlen und schnüffeln mein Mann und ich uns schon mal durch den Schmutzwäschekorb („Hier, die geht noch mal!“)

  • Wenn ich Ben (4) von der Kita abhole, nehme ich immer eine Dose „Proviant“ (a.k.a. Gummibärchen oder Ähnliches) mit, um ihn auf dem Rückweg bei Laune zu halten.

  • Auf Zugfahrten gibt es kein Zeitlimit fürs Feuerwehrmann-Sam-auf-dem-iPad-Gucken.

  • Wer morgens im Winter keine Mütze anziehen will, zieht morgens im Winter keine Mütze an. 

  • Gerade eben habe ich dem Baby seinen Beißring über den Fuß gestreift, damit es selbst drankommt und ich die Hände frei habe, um diesen Beitrag zu schreiben…

  • … derweil der große Sohn neben mir auf der Couch die zweite Folge „Paw Patrol“ guckt.

Man kann trefflich darüber streiten, inwieweit die oben genannten Anekdoten wirklich etwas mit Faulheit auf Elternseite zu tun haben. „Faul“, das klingt nach erhobenem Zeigefinger, zweifellos war der Hashtag aber mit einem Augenzwinkern gemeint. Die Initiatorin des Hashtags hatte im Sinn, „unkonventionelle Methoden“ zu sammeln, die Eltern das Leben leichter machen. Es gehe um „Ressourcen und Nerven schonende Maßnahmen“, formulierte es eine Twitter-Userin, „darum, Energie zu sparen“, schrieb eine andere.

So sehe ich das auch. Und trotzdem überkommt mich manchmal das schlechte Gewissen, dass ich im Familienalltag zu oft alle Fünfe gerade sein lasse, der große Sohn zu viel iPad spielt, die Wäsche zu lange liegen bleibt. Ich bin sicher, dass sich da meine eigene Kindheit meldet. Meine Eltern haben sich stets verausgabt, damit im Alltag alles funktioniert: die Schule, das Arbeitsleben, der Haushalt. Die Erschöpfung, die das bei vier Kindern mit sich gebracht haben muss, hielt insbesondere meine Mutter mit Selbstdisziplin in Schach. Und hat umgekehrt auch von uns Kindern Disziplin und Mithilfe verlangt, was uns sicher nicht geschadet hat. Bis heute finden meine Eltern es aber bestimmt total wichtig, dass Kinder immer gleichfarbige Socken tragen. Und halten es für selbstverständlich, dass Eltern sich jeden Tag für ihre Kinder aufopfern.

Wenn wir das heutzutage nicht mehr so sehen, sondern auch ein bisschen an unsere eigenen Nerven und Energiereserven denken, ist das meines Erachtens völlig legitim. Und wenn wir unter #fauleEltern mit kleinen Alltags-Nachlässigkeiten kokettieren, ist den meisten von uns sicher bewusst, dass es in Wahrheit Luxusprobleme sind, mit denen wir es da zu tun haben. Weil es hier ja nicht um echte Vernachlässigung oder Überforderung und echte Sorgen geht (das gibt es natürlich auch, aber es hat nichts mit der Intention von #fauleEltern zu tun). Unseren Kindern jedenfalls schadet so ein bisschen Bequemlichkeit ganz sicher nicht. Ich glaube, oft ist das Gegenteil der Fall: Was Eltern das Leben leichter macht, kommt den Kindern bisweilen sogar entgegen – wenn die Eltern beispielsweise nicht darauf bestehen, dass das Kind seine Erbsen aufisst oder die doofe dicke Mütze anzieht. „Bedürfnisorientierte Erziehung“ lautet das Modewort dafür, auf die Grundbedürfnisse eines Kindes so weit wie möglich einzugehen, um die – als elementar erachtete – Bindung zwischen Eltern und Kind zu fördern. Es gibt, wie auch einige Twitter-User bemerkten, Parallelen zwischen den Anekdoten unter #fauleEltern und dieser Art von Erziehung. Denn viele der Twitter-Beispiele drehen sich darum, dem Kind etwas zu erlauben, was es selbst gerne täte, man ihm aber eigentlich nicht erlauben würde, wäre man nicht so „faul“ – also unglaublich müde oder erschöpft oder einfach nicht zu unnötigen Diskussionen aufgelegt.

An bedürfnisorientierter Erziehung wird oft kritisiert, dass Eltern sich dabei zu sehr aufopferten und dem Willen des Kindes unterordneten. Das ist aber ein Missverständnis, finde ich. Natürlich gibt es Dinge, die sind nicht verhandelbar, auch wenn sie meinem Kind nicht in den Kram passen: Nur bei Grün über die Straße gehen. Nicht hauen, nicht spucken, nicht treten. Nicht mit Fremden mitgehen. Aber es gibt Kämpfe, die muss man als Eltern nicht gewinnen – wobei „Kämpfe“ hier der falsche Begriff ist, denn das Kind legt es ja nicht darauf an, sich zu messen und als Sieger hervorzugehen, sondern es artikuliert eben seine Bedürfnisse. Es gibt vielmehr Situationen, in denen haben Eltern und Kinder gleichlaufende Interessen – das ist doch toll, wir sollten es uns wann immer möglich zunutze machen! Ich habe für mich selbst jedenfalls festgestellt, dass es sich lohnt, manchmal innezuhalten und mich zu fragen: Ist es jetzt wirklich wichtig, dass ich nicht nachgebe, als Elternteil meine Überlegenheit demonstriere? Dass wir den anstrengenderen Weg gehen, obwohl es einen einfacheren gäbe – für beide Seiten? 

Anders gefragt: Schadet Pizza vom Lieferservice, wenn sie allen schmeckt und Arbeit spart? Nein. Schadet es dem Kind, ein paar Minuten kalte Ohren zu bekommen, bevor dann doch ziemlich schnell und freiwillig die Mütze aufgesetzt wird? Nein. Schadet eine weitere Folge „Paw Patrol“, also, sprechenden Hunden in bunten Uniformen unter dem Schlachtruf „Kein Job ist zu groß, kein Hund ist zu klein!“ bei ihren Einsätzen rund um Adventure Bay zuzusehen?

Okay, bei „Paw Patrol“ muss ich noch mal nachdenken.

14. Feb. 2019
von Anna Wronska
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12. Feb. 2019
von Martin Benninghoff
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Wenn der Willi mit der Maja …

Duo mit vier Flügeln: Biene Maja (r.) und ihr lethargischer Kumpel Willi in der alten Serienversion

Langsam kommt Elias in das Alter, in dem er sich für den großen Bildschirm interessiert, der bei uns zuhause in der Ecke steht: für den Fernseher. Noch gibt es keinerlei Notwendigkeit, Kinderserien zu sehen, im Alter von knapp zweieinhalb ist alles andere interessanter als der Flachbildschirm, aber die herumliegenden Fernbedienungen wecken zunehmend sein Interesse. Ich bereite mich sozusagen vor, zumindest achte ich stärker als früher auf das, was im Fernsehen für Kleinkinder läuft und was YouTube bietet. Wenig überraschend bleibe ich vor allem bei den Serien hängen, die ich noch aus der eigenen Kindheit in dieser oder einer alten Version kenne.

„Es hat sich etwas geändert auf der Blumenwiese und dem Nordmeer. Und das ist schade.“

Und hier ist der Knackpunkt: Die alten Verfilmungen aus früheren Jahren laufen kaum noch, dafür aber etliche Neuverfilmungen oder Comicvarianten. Biene Maja, Wickie, Michel aus Lönneberga, Heidi. Serien, die in meiner Kindheit liefen, heute aber in runderneuerten Varianten über die Bildschirme flackern, in 3-D-Optik wie die Biene Maja oder Wickie. Ich finde die, ehrlich gesagt, schwer erträglich. Und bevor ich mir den Vorwurf einhandle, aus nostalgischen Erwägungen die Serien meiner Kindheit durch die rosarote Kindheitsbrille zu betrachten und sie deshalb blind und geschichtsvergessen zu verteidigen: Ja, da ist etwas dran. Und doch, es hat sich etwas geändert auf der Blumenwiese und dem Nordmeer. Und das ist schade.

Nehmen wir Wickie, die Geschichte über einen Jungen, der bei den Beutezügen seines Vatern Halva mit dessen Wikingertruppe allerlei Abenteuer zu bestehen hat und die Männer mehr als ein Mal aus misslicher Lage befreit. Die Buchvorlage des Schweden Runer Jonsson aus dem Jahr 1963 wurde in der ersten Serie von 1974 einigermaßen werkgetreu verfilmt. Die rüde Art der Wikinger, ihre Flüche und Ohrfeigen, nichts wurde verschwiegen, außerdem haben sich die Männer rund um Kapitän Halva auch gerne den ein oder anderen Humpen hinter die Binde gekippt. Es war keine echte Gewalt zu sehen, sondern eher eine Bud-Spencer-artige-Pseudobrutalität, die daraus bestand, dass der „schreckliche Sven“ seine Metallkugel schwang, sie jemand gegen den Kopf bekam, der dann kurzzeitig Vögelchen sah und in der Ecke lag, um wenig später wieder fit zu sein. Nichts passiert also.

Und heute? Halva, Wickies Vater, ist zwar immer noch liebenswert, aber insgesamt perfekter, eine positive Elternfigur. Vorbei die Zeiten, als er vor allem überfordert und tumb war. Trinken und Fluchen gehören der Vergangenheit an, die Jungs sind zahnlos geworden, ganz im Gegensatz zum Holzkopf am Schiffsbug in der Serie aus den siebziger Jahren. Wickie, der kluge und gewitzte Sohn, verliert dadurch enorm, denn der Hintergrund – eine dümmliche Erwachsenenwelt voller Raufbolde – fehlt, so dass der Junge kaum noch brillieren kann. Alles ist perfekt, aber der Witz, der sich aus den krassen Gegensätzen ergab, ist weg. Möglicherweise ist die Serie dadurch kindgerechter geworden, aber ob sich mein Sohn später an diese Serie voller Nostalgie zurückerinnert? Wir werden sehen, ich frage ihn dann mal, sagen wir: 2040.

Und so sieht die Biene, die ich meine, heute aus.

Die Biene Maja ist in der neuen Variante ebenfalls kreuzlangweilig geworden. Die antiautoritäre und chronisch aufsässige Mädchenfigur der Biene, die in der früheren Version aus den siebziger Jahren so herrlich burschikos durch die Blumenwelt summte und ihren lethargischen Kumpel Willi durchs Leben schleifte, ist heute ein mädchenhafteres, kicherndes Bienchen geworden, das kaum noch etwas Aufsässiges an sich hat. Insgesamt ist die Wiese, die früher voller gefährlicher Hornissen und der bösen Spinne Thekla war, heute eher ein Spiegel unserer Gesellschaft geworden: Wir gehen zwar gerne raus in die Natur, aber bitte gut angeseilt am Klettersteig oder hinter Geländer und Plexiglasscheiben, wenn es steil wird. Mit einem freien Leben hat das nicht mehr viel zu tun.

Dabei ist es ja richtig, dass sich die Interpretationen und damit die Serienversionen an die Zeit anpassen. Das Frauenbild bei Wickie war, gelinde gesagt, eine Vollkatastrophe. Halva nannte seine Frau wahlweise „Weib“ oder „Alte“, die Angesprochene, ohnehin blass als Charakter, stand allenfalls mit dem Nudelholz hinter der Tür oder mit dem Taschentuch am Pier, wenn sich die starken Männer mal wieder aufs Meer wagten. Das zu ändern ist sinnvoll, denn solche Bilder prägen sich ein, zumal es in der Serie, die wohl eher für Jungs gemacht war, an positiv besetzten Mädchenrollen mangelte (mit Ausnahme von Wickies Freundin Ylvie). Genauso ist es natürlich richtig, bei Pippi Langstrumpf aus dem „Negerkönig“ einen „Südseekönig“ zu machen, alleine schon deshalb, da Kinder heute mit dem ersten Begriff gar nichts mehr anfangen können und man solche Stereotype aus kolonialen Zeiten nicht weitergeben sollte.

„Wickie zeigt, wozu das männliche Geschlecht in der Lage ist, wenn es sich mal abgewöhnt, zu röhren wie ein Hirsch in der Brunft.“

Dass die Männer bei Wickie meist tumb dargestellt werden, ist jedoch etwas anderes, da ihnen eine starke Jungenfigur entgegengestellt wird, die klug und gewitzt ist und zudem keines der männlichen Rollenklischees an sich hat, im Gegenteil: Wickie zeigt, wozu das männliche Geschlecht in der Lage ist, wenn es sich mal abgewöhnt, zu röhren wie ein Hirsch in der Brunft. Und Heidi? Wie bei Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga und Ronja Räubertochter ist die Hauptfigur aus Johanna Spyris Roman aus dem 19. Jahrhundert eine hochinteressante, weil in der Zerrüttung ihrer familiären Verhältnisse sehr zeitgemäße Vorbildfigur. Die Kunst besteht doch darin, solche Anteile kindgerecht und zeitgemäß aufzuarbeiten – und nicht, sie zur Unkenntlichkeit abzumildern.

Bei neueren Serien wie Bob, der Baumeister beispielsweise fällt eher auf, wie sehr typische Jungs-Klischees Eingang in eine Erzählweise finden, die wenig ausbricht aus den Rollenerwartungen. Der Prinzessin-Lillifee-Horror, der vor Jahren die Mädchenzimmer reihenweise in grässliches Rosa stürzte, ist ja zum Glück überwunden. Aber es zeigt, wie sehr Kinderserien der letzten Zeit wieder durchtränkt sind von althergebrachten Rollenklischees von Bauarbeitern oder aggressiven Jungs wie in „Der ultimative Spiderman“ (bis 2017) und harmoniesüchtigen Mädchen, die vor allem auf die Entwicklung der sozialen Intelligenz ausgelegt sind. Wenn die Pädagogik meint, bei Fernsehserien müssten die Kinder bei ihren Gewohnheiten abgeholt werden, kann man sich fragen, was das nun wieder für Gewohnheiten sind.

Manche führen ins Feld, dass die Kinderserien der siebziger und achtziger Jahre von Vertretern der Achtundsechziger geschrieben und produziert worden seien, wodurch sie einen volkspädagogischen Charakter gehabt hätten. Das mag stimmen, es ist schon auffällig, wie sehr die damaligen Fernsehmacher die antiautoritäre Figur in den Mittelpunkt stellten. Zu behaupten, heute sei weniger Volkspädagogik am Werk, ist aber nicht stichhaltig. Nur geht sie heute in eine andere Richtung, in eine konfliktarme und glattgebügelte, ja, vielleicht auch in eine kindgerechtere. Aber wäre es nicht wünschenswert, dass der Humor einer Serie dergestalt ist, dass die Eltern gerne mit ihren Kindern zusammen eine Folge schauen und nicht entnervt das Weite suchen?

Die zweidimensional gezeichneten „Simpsons“ – obwohl natürlich keine Serie für Kleinkinder – funktionieren deshalb seit Jahren so gut, weil sie so vielschichtig sind: Die Andeutungen und Anspielungen sind was für die Erwachsenen, die Actionanteile und „lustigen“ Geschichten etwas für die Kleineren. Die Charakterzüge der Figuren kommen häufig besser durch die wenigen Striche der zweidimensionalen Zeichnungen zur Geltung als durch die grobschlächtigen computeranimierten 3-D-Versionen. Das gilt auch für die Peanuts. Mal schauen, mit welcher Serie mich mein Sohn „traktiert“. Wie gesagt, wir sprechen dann auch später über unsere Erfahrungen, also spätestens 2040!

12. Feb. 2019
von Martin Benninghoff
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05. Feb. 2019
von Anna Wronska
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Mobbing: Es sind nicht immer nur die anderen

© Picture AllianceAllein auf dem Bolzplatz: Hier fehlt nicht nur ein Ball, sondern vor allem ein Freund.

In Berlin ist ein elfjähriges Mädchen an den Folgen seines Suizidversuchs gestorben. Die genauen Hintergründe sind noch unklar, aber es heißt, das Mädchen habe sich von Schulkameraden gemobbt gefühlt. Man muss keine eigenen Kinder haben, um von dieser Nachricht schlichtweg entsetzt zu sein.

Dass es in einer solchen Katastrophe mündet, liest man zum Glück äußerst selten, aber es gibt leider wohl kaum eine Schule, in der nicht täglich Mobbing irgendeiner Art stattfindet. Ich habe es vor einer gefühlten Ewigkeit selbst erlebt. So wie es in jeder Klasse den Klassenclown gibt und den Jungen- oder Mädchenschwarm, gibt es auch den Streber, und der war ich. Ich hatte gute Noten, deshalb war ich ein Feindbild – außer, wenn es ums Hausaufgaben abschreiben ging, da war ich offenbar ganz okay. Fast jedes Mal, wenn wir eine Klassenarbeit zurückbekamen oder wenn ich mich im Unterricht zu Wort meldete, gab es Sprüche und Getuschel. Erschwerend kam hinzu, dass ich nie die Modetrends mitmachen konnte, die es zu der Zeit so gab. Ich erinnere mich, wie in der sechsten oder siebten Klasse in der Clique der coolen Mädchen eines nach dem anderen mit der gleichen Hose auftauchte: gelb mit grünen Karos. Ich habe diese Hose natürlich nicht bekommen, ich habe es nicht einmal darauf angelegt, denn sie war hässlich, und sie war teuer. Aber vor allem unterteilte sie die Mädchen der Klasse optisch in die, die dazugehörten – und die, die es nicht taten.

Es tat mal mehr, mal weniger weh, Außenseiter zu sein. In der Oberstufe wurde es besser und ich selbstbewusster, aber ich habe das Gefühl nie vergessen. Damals gab es freilich noch kein Facebook zum Angeben oder Instagram für den Schönheits-Wettbewerb oder Whatsapp zum bequemen virtuellen Dissen. Deshalb frage ich mich, wie es heutigen Strebern und Uncoolen wohl erst ergehen muss. Und mir wird angst und bange, wenn ich daran denke, dass mein großer Sohn in spätestens zweieinhalb Jahren eingeschult wird. Als Eltern haben wir nur wenig Einfluss darauf, wie er sich in diesem neuen sozialen Umfeld einfügt, in welcher „Schublade“ er landet. Wir könnten uns dafür einsetzen, dass er mit seinen Kita-Kumpels in eine Klasse kommt, damit er einen Kreis von Vertrauten um sich hat. Wir könnten ihm theoretisch die spektakulärsten Kindergeburtstage ausrichten und die angesagtesten Sachen kaufen, damit er stets up-to-date ist (praktisch ist mir das absolut zuwider) – kurzum: versuchen, alles zu tun, damit er nicht zum Opfer wird. Doch wer weiß, ob das reicht? Die soziale Dynamik innerhalb einer Gruppe ist unberechenbar, und wenn es nicht das „falsche“ Outfit oder das „falsche“ Smartphone ist, dann suchen sich die vermeintlich Stärkeren eben irgendetwas anderes, für das sie die vermeintlich Schwächeren hänseln können.

Die Sorge, dass ihre Kinder zu den Schwächeren gezählt werden und Gemeinheiten von Schulkameraden ertragen müssen, kennen vermutlich sehr viele Eltern. Aber was man häufig vergisst: Es kann auch andersherum kommen. Was, wenn die eigenen Kinder diejenigen sind, die sich als die Stärkeren fühlen und andere hänseln? Können wir die Hand dafür ins Feuer legen, dass unsere Kinder nicht zu Tätern werden?

Mein großer Sohn Ben ist vier Jahre alt und hat in unserer altersgemischten Kita eine kleine „Gang“ aus ähnlich alten Kindern, größtenteils Jungs, die gemeinsam oftmals ordentlich auf die Pauke hauen, aber selten groben Unfug verzapfen. Erschrocken erfuhr ich eines Tages, dass ein Junge namens Leo, der mit dreieinhalb Jahren etwas jünger ist als der Rest, innerhalb dieser Gruppe manchmal ausgegrenzt wird – auch von meinem Sohn Ben. Leo darf dann schlicht plötzlich nicht mehr mitspielen. Auf meine Frage, was man denn da machen könne, sagte die Erzieherin: erst mal nichts. Konflikte innerhalb einer Gruppe seien normal, gerade beim Spielen, und die Kinder müssten sie ein Stück weit selbst zu lösen lernen. Sie selbst würde erst dann eingreifen, wenn immer nur das gleiche Kind unter die Räder käme, das war ihrer Meinung nach aber nicht der Fall. Ich war erst einmal beruhigt. Kurze Zeit später habe ich dann beobachtet, wie Leo auf dem Kindergeburtstag meines Sohnes auf dem Spielplatz allein und weinend im Gras saß, während die anderen Kinder lachend im Pulk hinter einem Wurfgleiter aus Styropor herrannten. Offenbar hatte Leo ihn auch einmal halten oder werfen wollen, aber irgendwie hatten ihn die anderen abgedrängt. Seine Mutter kannte ähnliche Szenen offenbar schon, tröstete ihn und die Sache war schnell vergessen, aber mir war es sehr unangenehm.

Nicht mitspielen dürfen oder mal stehengelassen werden – davon allein dürften zwar die wenigsten Kinder in diesem Alter ein Trauma fürs Leben bekommen, und ganz sicher haben mein Sohn und die anderen Kinder hier kein bewusstes, systematisches Mobbing betrieben. Insofern ist jetzt sicher noch keine Panik angebracht. Aber irgendwo fängt es ja an, mit der Grüppchenbildung, mit dem Ausschließen von anderen. Und mir ist bewusst geworden: Es ist eben kein Automatismus, dass das eigene Kind immer zu den „Guten“ gehört, also zu denen, die gegen Gemeinheiten anderer verteidigt werden müssen (mal davon abgesehen, dass das ohnehin nur bedingt funktioniert). Es sind nicht immer nur die anderen. Nicht „die Mitschüler, die angefangen haben“. Nicht „die Lehrer, die nichts dagegen unternommen haben“. In erster Linie sind wir Eltern gefragt. Wir müssen aufpassen, dass das (wünschenswerte) Selbstbewusstsein unserer Kinder nicht in Überheblichkeit umschlägt und Stärke nicht in Arroganz. Hoffentlich merken wir das rechtzeitig und können verhindern, dass es passiert. Wie das in der Praxis funktioniert? Keine Ahnung. Wir können nur versuchen, Ben klarzumachen, dass weder Noten noch Hosen etwas über den Wert von Menschen aussagen, und dass man auf andere Kinder Rücksicht nehmen soll. Wir müssen hoffen, dass unter seinen Schulkameraden einige sind, die das auch so lernen und unter den Lehrern solche, die das auch so lehren. Und vor allem, dass er sich niemals zwischen einem Opfer- und Täterdasein entscheiden muss.

05. Feb. 2019
von Anna Wronska
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31. Jan. 2019
von Janosch Niebuhr
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Nehmt die Kinder mit ins Erwachsenenkonzert!

Staatsoper für alle? Vielleicht wollen auch Kinder Barenboim hören.

Kurze Vorbemerkung: Es gibt wirklich ganz hervorragende Konzerte speziell für Kinder, zu kindgerechten Tageszeiten und in kindgerechter Länge. Herausragende musikpädagogische Programme, in denen Kindern die Welt der Musik altersgerecht nahegebracht wird. Mit Orchester-Musikern, die ihre Instrumente erklären (oder sogar anfassen lassen) – und offensichtlich Spaß dabei haben. Mit KiKA-Moderatoren, die locker und phantasievoll durch klassische Musikprogramme führen können. Mit Geschichten- und Märchen-Setting, Publikums-Interaktionen, Ausmalbildern.

Und das alles beschränkt sich nicht auf Klassiker wie „Peter und der Wolf“ oder „Karneval der Tiere“ – heute scheut kindergerechte Musikvermittlung auch nicht davor zurück, „Klang- und Geräuscheabenteuer“ aus hermetischeren Werken schwer auszusprechender russischer Komponisten vorzustellen. (Meist werden die Kinderkonzerte übrigens „Familienkonzerte“ genannt, damit sich die Erwachsenen nicht so uneingeladen vorkommen.) Ich finde das alles wunderbar. Und ich beneide meine Kinder darum, dass sie theoretisch diese Möglichkeiten haben, sich eine Welt spielerisch und unverkrampft zu erschließen.

Es gibt da nur ein Problem: Wenn ich mich daran erinnere, dass ich mich mal für die Kinder um Karten für eines dieser kindgerechten Konzerte kümmern könnte, sind diese Veranstaltungen längst schon ausverkauft. Selbst wenn ich eine Woche vorher dran denke. Was also tun?

Die Lösung ergab sich kürzlich an einem Dienstagabend ganz spontan.
„Will eine von euch heute Abend mitkommen?“ Die Zwölfjährige schaute nur müde von ihren Hausaufgaben auf und winkte ab. Die Neugier der Neunjährigen aber war geweckt: „Was denn machen?“ „Mama und ich gehen heute ins Konzert.“ Mehr sagte ich erst mal nicht.  Aus mir nicht mehr erfindlichen Gründen hatte ich vor sechs Monaten (!) drei Konzertkarten für diesen Abend gekauft, vielleicht hatte ich eine Freundin oder einen Freund bedenken wollen. Egal, jetzt war die Karte übrig. Und da war ein neugieriges Kind.

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31. Jan. 2019
von Janosch Niebuhr
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29. Jan. 2019
von Chiara Schmucker
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Gott des Gemetzels

© dpa picture allianceDas sieht entspannt aus. Dabei ist die Frage der richtigen Ernährung bei Babys mitunter umkämpftes Terrain.

„Gib Max doch einfach ein bisschen gematschte Banane, das mochtet ihr auch immer“, sagt meine Mutter, als Max am Nachmittag quengelt, aber nicht gestillt werden möchte. Gematschte Banane? Mama, ernsthaft? Im 21. Jahrhundert, wo doch grammgenau nachzulesen ist, wie die optimale Ernährung für Babys auszusehen hat? Wo nach einem strengen Beikost-Plan die Mission Brei angegangen werden muss, in dem sowohl die Tageszeit (mittags Gemüse-Füllstoff-Fleisch, morgens und abends Getreidebrei) als auch die genaue Reihenfolge der einzuführenden Lebensmittel vorgegeben ist. Und in dem Banane böse ist, weil sie zuviel Zucker enthält und zudem stopft.

Ich weiß, Spaß am Essen sieht anders aus, aber wenn es dem Kind nützt? Gehen wir es also an.

Max an feste Nahrung heranzuführen, sieht in Kurzform so aus: Mit dem vollendeten vierten Lebensmonat sollten wir nach Empfehlung der Kinderärzte mit Beikost beginnen. Der kleine Darm ist zu diesem Zeitpunkt für Schadstoffe, die über das Supermarktgemüse eventuell in selbstgekochtem Brei landen könnten, zwar noch nicht ausgereift, der frühe Zeitpunkt aber angeblich wichtig wegen der Allergieprävention – und für was gibt es schließlich Gläschen? Also rein in den Drogeriemarkt und ran an Kürbis, Zucchini und Pastinake – denn in Deutschland startet Beikost mit Gemüse, nicht mit Obst. Zuckerfalle, das gilt auch für Fruchtzucker. Dann folgen im Wochentakt Kohlenhydrate wie Kartoffel, Süßkartoffel oder Quinoa, dann Fleisch, dazu jeweils ein Teelöffel Rapsöl und zwei Löffel Fruchtsaft. Nur dann ist das Kind optimal versorgt. Morgens und abends folgen sukzessive Getreidebrei mit Obst.

Der Haken ist nur: Max interessiert sich nicht für meine Mission. Pastinake kippe ich in die Toilette, nachdem ich es selbst probiert habe und auch nicht hätte essen wollen. Bevor wir selbst ein Baby hatten, kannten wir Pastinake nur als Fleck auf der Jeans meines Mannes, nachdem mein Neffe ihm schwungvoll einen Löffel Pastinake-Rindfleisch-Brei darauf gepfeffert hatte. Er mochte es offenbar auch nicht. Das Kürbisgläschen frisst am Schluss der Hund. Ich habe Verständnis für Max’ Desinteresse. Er begeistert sich mehr für den lila Löffel als für das, was ich kunstvoll darauf drapiere, bevor er es mir lächelnd wieder aus dem Mund entgegenlaufen lässt. Die Weltgesundheitsorganisation rät dazu, nach Möglichkeit sechs Monate voll zu stillen, keine Prenahrung, kein Wasser, kein Pastinake-Rindfleisch. Und doch schaffe ich es nicht, mich zu widersetzen.

Beikost ist ein Reizthema, behaftet mit Frust, Scham und sogar Angst, das merke ich, als ich meine Freundinnen um Rat frage. „Der Kinderarzt hat mir so Druck gemacht“, erzählt eine Freundin. „Ich hab mich so gestresst, weil Kalle nicht zugenommen hat, aber auch keinen Brei wollte. Jeden Mittag hätte ich heulen können.“ Sie hat den Kinderarzt gewechselt, aber immer noch Horror vor der nächsten Vorsorgeuntersuchung, dem Wiegen und den bohrenden Fragen. „Was isst das Kind?“ – „Nur Milch.“ – „Warum?“ – „Weil es nichts anderes möchte.“ Acht Wochen lang habe eine Bekannte es täglich mit eiswürfelgroßen Portionen Brei versucht, erzählt mir eine andere Freundin. Erfolglos. Am Ende riet die Hebamme, das Kind nicht mehr zu stillen, bis es esse. Es habe zwei Tage gebrüllt und dann gegessen. So konnte es in die Kita. Was für eine Vorstellung!

Bin ich eine Rabenmutter, weil ich diesen Affentanz nicht mitmachen will? Weil ich weder täglich ein halbes Gläschen in den Ausguss kippen, noch meinem Kind die rudernden Arme beim Füttern festhalten will, während es energisch den Kopf wegdreht? Oder wäre ich eine Rabenmutter, wenn ich ihn damit weiter behellige? Wir haben doch noch so viel Zeit. Ich steige erst an Max’ erstem Geburtstag wieder in den Job ein und muss ihm also keinen künstlichen Druck machen. Seinen Geburtstagskuchen wird er sicher essen – auch wenn da mit Zucker, Nüssen und Eiern alles drin sein wird, was im ersten Jahr tabu ist.

Ehrlich gesagt glaube ich, dass Max den Brei nicht will, weil ich dem auch nichts abgewinnen kann. Weil Essen für mich so ein sinnliches Erleben ist, dass ich es beinahe respektlos finde, wohlschmeckende Lebensmittel in fade Gläschennahrung zu verwandeln. Kürzlich habe ich ihm dann ein bisschen Banane gematscht und siehe da: Hat ihm geschmeckt. Und jetzt nicht weitersagen: Den Rest habe ich gegessen, mir schmeckt das nämlich immer noch, da hat meine Mama Recht.

Ich glaube, die Lösung für unser Brei-Dilemma ist so alt wie die Menschheit, auch wenn sie jetzt einen fancy Namen hat: Baby-led weaning, „Baby geführte Entwöhnung“, kurz BLW. Eine Riesenschweinerei, aber ein Riesenspaß für das Baby. Sobald es sitzen kann, nimmt es an den regulären Familienmahlzeiten teil und bedient und füttert sich dabei quasi selbst. Es knabbert an gekochtem Gemüse, Nudeln mit Tomatensoße oder auch Fleisch. Seien wir ehrlich: So essen die meisten Geschwisterkinder ohnehin. Aber beim ersten Kind will man halt alles machen wie es sich gehört.

Das Chaos auf unserem Esszimmerboden will ich mir noch gar nicht vorstellen, doch schon jetzt lutscht Max begeistert an Apfel, Gurke oder Hirsekringel. Die Mengen, die Babys beim BLW tatsächlich essen, sind anfangs so verschwindend gering, dass die Hauptnahrungsquelle noch lange Muttermilch oder Prenahrung bleibt. Doch verrückt machen lasse ich mich damit jetzt nicht mehr. Denn wie eine Freundin mich beruhigte, gilt in diesem Fall: „Food before one is just for fun.“

29. Jan. 2019
von Chiara Schmucker
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24. Jan. 2019
von Tanja Weisz
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Diese fiesen, wunderbaren Abschiede

© Picture AllianceKann das Kind wirklich schon alleine in eine andere Stadt fahren? Und sollte es nicht Socken tragen?

Morgen, verkündete meine 13-jährige Tochter eines Tages während der Ferien, morgen wolle sie mit einer Freundin im Bus nach Köln fahren. Ohne Erwachsene. Es war eine dieser unvermittelten Ankündigungen, die Eltern zusammenzucken lassen, weil sie so plötzlich wie ein Sommergewitter auftauchen. Gerade noch grämt man sich über das seit Wochen wort- und antriebslose Pubertier, da verwandelt es sich plötzlich in eine tatkräftige Zugmaschine, die skeptische Eltern in Alarmbereitschaft versetzt.

Also mal kurz innehalten, nachfragen, staunen. Was will das Kind in Köln? Warum denn morgen? Mit dem grünen Billigbus um 6.40 Uhr, Dein Ernst? Weiß das Kind, was auf so einem Ausflug alles passieren kann? Weiß ich es? (Ja, in allen Farben!)

Als alle laut gestellten Erwachsenen-Fragen beantwortet sind, meldet sich die leise Stimme im Kopf: Kann sie das überhaupt? Und wenn sie es kann, komme ich damit zurecht? Diese Fragen quälten mich die ganze Nacht.

Die meiste Zeit wissen wir Eltern einfach, was wir unseren Kindern zutrauen können: Eine Mischung aus Beobachtung, Erfahrung und Wortwechseln gibt uns die nötige Gewissheit. Wir kennen sie ja mit ihren Stärken, ihren Schwächen, ihren Kenntnissen und Fähigkeiten. Wir standen ja fast daneben, als sie sie entwickelt haben.

Aber dann gibt es Momente, in denen sie uns von den Füßen hauen, weil sie sich viel mehr zutrauen als wir ihnen. Das sind Herausforderungen, die den Älteren fast noch mehr abverlangen als den Jüngeren. Weil Eltern all die Probleme voraussehen, die sich Kinder zum Glück noch gar nicht vorstellen können. Und man nun von ganz alleine die bremsende Sorge und die voranschubsende Ermutigung fein und möglichst richtig austarieren soll.  

Mein scheues Kind, das sich gerne ums Einkaufen oder Bestellen im Restaurant drückt, weil man da mit fremden Erwachsenen sprechen muss, will plötzlich hinaus in die Welt? Es war nicht das erste Mal, dass ich staunend und schaudernd zugleich aufs eigene Kind schaute.

Den wohl denkwürdigsten Moment dieser Art hatte sie mir sieben Jahre zuvor geschenkt. Auf dem Plan stand Verkehrserziehung im Kindergarten, die Vorschulkinder sollten vor den Augen eines echten Polizisten zeigen, dass sie fit für den Großstadtverkehr waren. Eingeteilt waren auch ein paar übermotivierte Elternteile wie ich, die an Zebrastreifen und Straßenecken postiert wurden, um die Kinder bei ihrer ersten Solo-Runde um den Block  im Auge zu behalten.

Albern kichernd standen wir zunächst an einem Zebrastreifen herum und erwarteten die Ankunft unserer Sechsjährigen. Dann kamen sie, einzeln, den sonst menschenleeren Gehweg entlang. Ich werde nie den Anblick meiner Tochter vergessen, wie sie da mit finsterer Miene und einer nie dagewesenen Konzentration den scheinbar kilometerlangen Fußweg hinter sich brachte. Sie: winzig. Die Autos rundum: alle in SUV-Größe. Die Federn unter meinen Armen begannen sofort zu wachsen, aber ehe ich die Flügel schützend über sie ausbreiten konnte, war sie schon grußlos und mit todernstem Gesicht an mir vorbeigegangen, kurzer Stopp an der Bordsteinkante, Kopf nach links, nach rechts, nach links und dann ohne Zögern über die wahrscheinlich autobahnbreite Straße.

Da war zum ersten Mal diese glasklare Erkenntnis: Sie packt das. Geht ganz allein in die Welt hinaus und macht alle Anstalten, auch wieder heil zurück zu kommen. Sie hat etwas dazugelernt und kann es anwenden. Ist selbständiger geworden. Sie braucht mich nicht mehr. Wie wunderbar. Wie schrecklich.

Weil loslassen ja so schwer ist, bin ich dennoch bei ihrem ersten alleinigen Gang zur Schule hinterhergeschlichen, wie ein schlechter Detektiv von Baum zu Glascontainer zu Litfaßsäule, um das grandiose Spektakel auch in allen Einzelheiten mitzuerleben. Ein großer pädagogischer Reinfall, weil mich das aufmerksame Kind dann auch noch entdeckte und vorwurfsvoll fragte, was ich da bitte zu suchen hätte. Da bin ich zum ersten Mal vor meinem Kind rot geworden.

Und nun wollte das Kind noch viel weiter weg. Nur mit einer gleichaltrigen Freundin im Gefolge, allen Widrigkeiten der Welt ausgesetzt. Würde sie im Notfall fremde Leute ansprechen und um Hilfe fragen? Würde sie die richtigen ansprechen?

Als ich mich schließlich zu einem Ja durchgerungen hatte, einem Ja, das voller Vorschussvertrauen war, ging alles ganz  leicht. Mein Kind hatte schon längst online herausgefunden, wo der Bus genau abfuhr, wie man in Köln in die Innenstadt kam und – festhalten – in welches Museum die Mädchen gehen wollten. Weil sie dort als Kinder gratis reinkamen und das Wetter schlecht werden sollte. Dass meine Tochter so gut planen konnte, hatte ich nicht gewusst. Vielleicht hatte ich sie das auch noch nie machen lassen.

Dass die Mädchen auch tatsächlich am Ziel ihrer Wünsche ankamen, konnte ich den Fotos entnehmen, die sie mir alle drei Stunden sichtlich stolz schickten.  Selfies vor dem Dom, am Busbahnhof, im Museum, auch Langeweile im Café. Abends kamen sie müde und glücklich wieder zurück und waren irgendwie auf der Reise auch drei Zentimeter größer geworden. Und viel selbständiger.

Wie schrecklich. Wie wunderbar.

Ich werde mich dran gewöhnen müssen. Denn das ist erst der ganz kleine Anfang vom großen Abschied.

24. Jan. 2019
von Tanja Weisz
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22. Jan. 2019
von Martin Benninghoff
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Wenn zwischen Mutter und Kind kein Blatt Papier passt

Vorsicht, Unfallgefahr: Manchmal sind die Interessen gegenläufig – auch bei Vätern und Müttern.

Das soll hier zwar kein Fortsetzungsroman werden, aber aufgrund der Leserzuschriften und der Kommentare zu meinem Artikel „Ich verbitte mir die Einmischung“, der hier kürzlich erschienen ist, scheint es noch Gesprächsbedarf zu geben. In dem Stück ging es darum, dass man sich als Vater gelegentlich seinen Platz zwischen Kind und Mutter erkämpfen muss. Natürlich gibt es tausendfache Gegenbeispiele, bei denen der Vater die meiste Zeit mit dem Kind verbringt – und die Mutter Schwierigkeiten hat, ihren Platz zu finden. Aber in der Mehrzahl leben die Familien dann doch noch das „klassische Modell“, bei denen die Mutter das größere Stück Kindererziehung zu schultern hat.

In dem Artikel hatte ich versucht, meine eigenen persönlichen Eindrücke etwas humorvoll aufzuschreiben, weil gerade Familienthemen nicht automatisch bierernst sein müssen. Immerhin ein Leser hat das bemerkt und geschrieben, dass er beim Lesen „schmunzeln“ musste, weil es ihm „verdammt ähnlich ergangen“ sei. Offenbar gibt es also andere Väter, die ihre Frau gelegentlich daran erinnern, dass auch der Vater Platz braucht in einer ansonsten engen Mutter-Kind-Beziehung. Die Zuschrift lässt erahnen, dass sich mitunter die Väter schwerer als die Mütter tun, ihr Herz in solchen Fragen auszuschütten: „Ich habe meinen Unmut über drei Jahre in mich hinein gegrummelt“, schreibt der Leser.

Väter dürfen also auch ihr Herz ausschütten. Ja, warum eigentlich nicht? Eine Leserin scheint damit nicht so ganz einverstanden zu sein, denn sie schreibt leicht bis mittelschwer erbost: „Der ganze Text geht also darum, dass ein Vater sich beschwert, dass er in der Gunst seines Kindes nicht an erster Stelle steht.“ Ja, kann ich nur antworten, muss auch mal sein. Zumal sich die meisten Väter, soweit ich das beurteilen kann, nicht in den entsprechenden Erziehungs- und Familienforen wie „Urbia“ herumtreiben, es sei denn als „Bienchen 82“ oder unter einem anderen geschlechtsverschleiernden Nickname. Deshalb sollte es schon okay sein, sich auch als Mutter mal die Perspektive eines Vaters anzuhören oder durchzulesen.

Aber davon abgesehen: Die meisten Leserinnen und Leser schildern aus ihrer Erfahrung, dass diejenige Person, die die meiste Zeit mit dem Kind verbringt, auch den besten Draht zu ihm entwickelt. Das ist geschlechtsneutral und kann deshalb selbstverständlich auch der Vater sein. Nur wenige behaupten, dass es so etwas wie eine naturgegebene Rollenverteilung gibt, und auch ich glaube das nicht. Abgesehen vom Stillen kann der Mann alles übernehmen, was eine Frau kann. Was viele daran hindert, sind vielmehr die gesellschaftlich bedingten Rollenzuweisungen  – und vor allem die Erwartungshaltungen.

Eine Leserin kann das nur bestätigen: „Nach der Geburt meines Sohnes bekam ich ständig Kritik zu Kleidung, Gesundheitszustand, Weinen des Kindes, während mein Partner gelobt wurde, wenn er es schaffte, den Kinderwagen unfallfrei durch den Park zu schieben.“ Mich hat das sehr daran erinnert, wie das so in der Generation meiner Eltern funktionierte: Wenn der Vater ein einziges Mal die Königsberger Klopse in der Mikrowelle aufwärmte (die natürlich von der Mutter vorgekocht waren), wurde davon ein Leben lang berichtet. Dass die Mutter an allen anderen 364 Tagen gekocht hat, war kaum der Rede wert.

Aber das Beispiel zeigt zugleich das Dilemma: Die Männer haben sich früher vielleicht zu wenig an der Erziehung beteiligt, aber sie saßen ja nicht nur herum. Sie waren fürs meist alleinige Geldverdienen und andere Dinge des Haushalts (Steuererklärung und Winterreifenwechsel) zuständig und deshalb alles andere als faul. Auch in Bezug auf die heutigen Väter vergessen ihre Kritiker oft, dass es kein Zuckerschlecken ist, Vollzeit zu arbeiten und sich zudem in jeder freien Minute um den Nachwuchs zu kümmern – und zwar auch um die unerfreulichen und anstrengenden Aspekte, nicht nur um das majestätische Unterschreiben von Klassenarbeiten und die abendliche Vorlesegeschichte. Der Begriff „Sugardaddy“ taucht dann prompt in einer der Leserzuschriften auf. Wer so etwas schreibt, sieht das Thema aus der Perspektive des Kampfes Vater gegen Mutter, Mutter gegen Vater. Wer da unter die Räder kommt, ist klar: die Kinder. Geholfen ist damit jedenfalls keinem.

Die Konflikte entstehen vielmehr aus mangelnder Absprache. Und damit meine ich nicht die Absprache, wer das Kind wann von der Kita abholt – in dem Stadium ist es bereits zu spät. Ich meine vielmehr die Absprachen, die man vorm Kinderkriegen treffen sollte. Das funktioniert aber nur, wenn man über sich und seinen Partner reflektiert – und über Lebenseinstellungen und Motive spricht. Die Zuschriften zeigen, dass es daran zu oft hapert.

Zum Beispiel ist von zentraler Bedeutung, wie viel man selbst und wie viel der Partner an beruflicher Anerkennung braucht, um sich wohlzufühlen. Davon hängt nämlich ab, ob Vater oder Mutter Teilzeit in Erwägung ziehen. Natürlich spielt auch eine Rolle, ob sich Teilzeit im jeweiligen Beruf überhaupt vernünftig realisieren lässt und ob das Geld reicht. Oder auch: Wer möchte wie viel Zeit mit den Kindern verbringen – oder reicht es einem Partner, stundenweise Erziehungsaufgaben zu übernehmen, während der andere Partner unbedingt mehr davon haben möchte, weil er „das Würmchen beim Aufwachsen erleben möchte“? Letzteres ist ein Argument, das ich oft von Frauen gehörte habe, aber nur selten von Männern.

Offenbar leben zu selten Menschen als Paar zusammen, die für diese Fragen dieselben Antworten haben. Das wären ein Vater und eine Mutter, die beide in Teilzeit arbeiten, damit sie die Kindererziehung gemeinsam stemmen können.  Der Konflikt, der zweifellos entsteht, sobald Kinder da sind, wäre somit gleich im Keim erstickt. Aber woran liegt es denn nun, dass sich solche Traumpaare selten finden? Liegt es vielleicht an dem Bild, das viele Männer noch von sich als Haupternährer haben? An dem Bild, das Frauen noch von sich als Haupterzieher haben? Oder liegt es an dem Bild, das Männer noch von Frauen als Haupterzieher haben? Oder an dem Bild, das Frauen noch von Männern als Haupternährer haben?

Wahrscheinlich ist es eine Kombination daraus. Einseitige Schuldzuweisungen jedenfalls halte ich eher für ein Teil des Problems als die Lösung. Am Anfang steht die Bereitschaft, sich mit seinen eigenen Motiven und Klischees im Kopf auseinandersetzen. Da darf man mal sein Herz ausschütten – auch als Mann, ohne sofort von den wütenden Müttern eins auf den Deckel zu bekommen. Oder? Übrigens: Hier unten können Sie Kommentare schreiben.

22. Jan. 2019
von Martin Benninghoff
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17. Jan. 2019
von Anna Wronska
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Leben mit dem Tüdeldü-Opa

© Picture AllianceDemenz und Baby mag noch angehen, bei einem lauten Kind mit Bewegungsdrang wird es schwierig: Opa und Enkel

„Ihr dürft auf keinen Fall herkommen, auf mich wird geschossen!“, sagte Opa neulich am Telefon. Wir waren gerade mit unseren beiden Kindern in den Zug gestiegen, um ihn zu besuchen. Ich sah zunächst nur, wie meinem Mann am Handy die Gesichtszüge entglitten und hörte ihn merkwürdige Nachfragen stellen. Wie ich später erfuhr, ging die ganze Geschichte so: Sein Vater hatte auf der Hochzeit seines Angestellten, eines Kraftfahrers, den Chauffeur gespielt, als Unbekannte das Feuer eröffneten. Wir sollten umkehren, oder nein, lieber nicht umkehren, aber am Bahnhof gleich zur Polizei gehen und unseren Namen nennen, dort wisse man Bescheid. „Aber Heinrich, du hast doch gar keine Angestellten!“, sagte mein Mann zu ihm. „Es ist etwas kompliziert“, gab Opa zu. Er werde sich wieder melden, wenn die Gefahr vorüber sei.

Drei Stunden später, es war früher Nachmittag, saß derselbe Opa im abgewetzten Bademantel entspannt auf seinem Sofa, streichelte seinen alten English Setter und freute sich, uns zu sehen. „Hattet ihr eine gute Fahrt?“ Unser Vierjähriger setzte sich zu ihm und plapperte drauflos, von dem Aussetzer zuvor hatte er nichts mitbekommen. Glück gehabt, wieder einmal. Die Gefahr war vorüber.

Der Vater meines Mannes ist 80 Jahre alt und dement, und zwar seit mindestens sechs Jahren, schätzen wir. Die Diagnose bekam er vor drei Jahren, nach einem mysteriösen Kollaps in seinem Haus. Er ist Witwer und wohnt 200 Kilometer von uns entfernt. Der Versuch, ihn nach einem längeren Krankenhausaufenthalt in einem Seniorenwohnheim mit Demenzstation unterzubringen, endete erfolglos und mit hässlichen Vorwürfen seinerseits. (Das Gute an der Krankheit: Er ist nicht mehr nachtragend.) Seit einiger Zeit bringt die örtliche Sozialstation ihm Essen und Medikamente, eine Nachbarin hält sein Haus in Schuss und versorgt den Hund und die zwei Katzen, ein anderer Nachbar kümmert sich um den Garten. Wenn wir ihn nicht besuchen, rufen wir regelmäßig an; haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir es mal vergessen haben; hoffen, dass er nicht wieder gestürzt ist, wenn die Nummer eines Nachbarn auf dem Handydisplay erscheint.

Mein Schwiegervater vergisst und verliert nicht nur Dinge und stellt mehrmals dieselben Fragen, sondern macht auch abenteuerliche Sachen, die ihm so gar nicht ähnlich sehen. „Tüdeldü-Opa“ nennen wir ihn, wenn wir solche Schoten über ihn erzählen – etwa, wie er einmal lange vermisst wurde und sich schließlich herausstellte, dass er sich zum wiederholten Male ein paar schöne Stunden im Saunaclub gemacht hatte. Meistens aber gibt es nichts zu lachen. Die sogenannte vaskuläre Demenz ist undurchschaubar und unberechenbar. Der Zustand des Erkrankten verschlechtert sich nicht linear, sondern quasi kaskadenartig, und man weiß nie, wann der nächste Einbruch kommt. Manchmal wirkt mein Schwiegervater auch wochenlang fast normal, weiß die Namen unserer Kinder, den Wochentag und sogar seine Bank-PIN, und wir fragen uns, ob das die Medikamente machen oder ob WIR womöglich den Schuss nicht gehört haben. Manchmal wiederum ist es einfach zum Verzweifeln mit ihm, oder auch tieftraurig – etwa, wenn die Erinnerung an seine verstorbene Ehefrau wiederkommt und er anfängt zu schluchzen.

Die Demenz frisst nicht nur seine Erinnerungen, sondern mehr und mehr seine Persönlichkeit auf. Bei einigen seiner Charaktereigenschaften ist das freilich kein Verlust – er ist ein schwieriger Mensch, und mein Mann und er hatten schon immer ein eher durchwachsenes Verhältnis. Es ist eben nicht wie in diesem unerträglich süßlich-klebrigen Film „Honig im Kopf“, in dem der liebenswert-trottelige Opa heute die Diagnose bekommt, morgen die Küche in Brand setzt und übermorgen mit seiner Enkelin auf Abenteuerreise geht, um am Schluss noch mal allen zu sagen, wie lieb er sie hat.

In unserer Realität wird gerade das Verhältnis zu seinen Enkeln immer mehr zum Problem. Opa war noch nie ein Typ für Abenteuerreisen, das ist auch nicht schlimm. Unser Sohn Ben mag ihn und sucht den Kontakt zu ihm. Allerdings wirkt mein Schwiegervater bei unseren Besuchen zunehmend überfordert von der Anwesenheit der Kinder, es ist ihm zu laut und zu chaotisch, man merkt, er kann dem Gewusel nicht folgen. Zwar ist er in der Regel freundlich zu Ben, und das Baby in der Trageschale hat er kürzlich eine Weile lang mit einem seligen Lächeln beobachtet. Oft aber kommt Bens Geplapper bei ihm gar nicht richtig an, er starrt ins Leere und antwortet ihm nicht, und Ben wird ungeduldig. Und wenn er mit dem Kind spricht, dann scheint es manchmal, als fehlten ihm die richtigen Worte: „AUS!“, schrie er Ben einmal an, als er zu laut war, so als wäre sein Enkel ein English Setter.

Vieles ist nicht wirklich schlimm, aber irritierend für Ben: Opa ist für Spiele nicht zu haben; Opa raucht in der Wohnung; Opa mieft manchmal etwas; Opa braucht sehr lange zum Fertigmachen; Opa wartet mit dem Essen nie bis zum Tischspruch. Geschenke zum Geburtstag oder zu Weihnachten gibt es von Opa nicht. Meistens kennt er ja nicht mal die Daten. Wenn wir gemeinsam unterwegs sind, kann es schon mal sein, dass mein Schwiegervater sich mit seinem wackeligen Gang von uns absetzt und wir uns verwundert umschauen, wo er abgeblieben ist. Beim letzten Besuch überquerte er einfach unvermittelt eine Straße. Ich lief ihm erschrocken hinterher und sah nicht, dass Ben, der hinter meinem Mann lief, sich empörte und schon mit einem Fuß auf der Straße stand: „Man DARF nicht einfach über die Straße gehen! Ich will auch!“

Kräftezehrend sind die Besuche beim Opa schon lange, langsam aber werden sie gefährlich. Die Situation beginnt, uns über den Kopf zu wachsen, aber wir können nichts tun – ihn gegen seinen Willen ins Seniorenheim zu stecken, selbst wenn das medizinisch möglich wäre, erscheint uns unmenschlich. Also müssen wir uns mit der Angst arrangieren – und er selbst merkt hoffentlich nicht mehr allzu oft, dass er zwar frei, aber auch unendlich einsam ist. Wenn wir die Haustür aufschließen, geht mein Mann immer ein paar Schritte voraus und ich und die Kinder warten, weil wir nie wissen, in welchem Zustand wir meinen Schwiegervater antreffen. Zwar hat Ben uns bisher nicht gefragt, was mit dem Opa los ist, und ich weiß auch nicht, was ich ihm dann antworten sollte. Aber wir glauben, dass er unsere Anspannung spürt. Auch, weil wir jetzt noch ein zweites Kind haben, das uns zusätzlich in Beschlag nimmt, sind die Besuche beim Opa seltener und kürzer geworden. Wir können nicht über längere Zeit auf zwei kleine Kinder und ein großes Kind gleichzeitig aufpassen.

Immerhin, die Krankheit hat auch etwas zum Positiven verändert. Mein Schwiegervater sagt mittlerweile Dinge wie: „Ich freue mich, dass ihr kommt“, das hätte man früher von ihm nie gehört. Und beim Abschied ist er zwar immer ein bisschen erschöpft von dem Trubel, aber auch sichtbar geknickt. „Nächstes Mal könnt ihr ja ein paar Tage länger bleiben“, sagt er jedes Mal. „Auf jeden Fall!“, lügen wir jedes Mal. Und hoffen, dass er das wieder vergisst.

17. Jan. 2019
von Anna Wronska
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15. Jan. 2019
von Janosch Niebuhr
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Wie mein Kind lernte, TikTok zu misstrauen

© Picture AllianceWo geht das Foto hin? Darüber machen sich viele keine Gedanken.

Wie alle Kinder müssen auch meine die pädagogischen Deformationen aushalten, die ihre Eltern in der eigenen Kindheit erlitten haben. Unsere älteste Tochter (12) bekommt zum Beispiel von mir zurzeit eine gehörige Portion Misstrauen eingeimpft. Das liegt wahrscheinlich daran, dass mir selbst als Kind oft und gern Gruselgeschichten erzählt wurden, und ich schon als Neunjähriger „Aktenzeichen XY ungelöst“ angeschaut habe (und zwar allein). Ich behaupte, dass mir das nicht geschadet hat – meine Frau sieht das anders. Jedenfalls halte ich es heute für eine meiner erzieherischen Hauptaufgaben, Misstrauen beim Nachwuchs zu säen. (Und zwar die richtige Art von Misstrauen!) Ich weiß, das kommt nicht gut an und ist das Gegenteil von dem, was einem Erziehungsberater empfehlen. Aber es ist notwendig – nicht nur bei Kindern.

Auslöser für meinen jüngsten Misstrauens-Schub war ausgerechnet eine Wirtschaftsmeldung. Und die seit einiger Zeit auffällig oft verschlossene Tür unserer Zwölfjährigen. In der Wirtschaftsmeldung ging es um das chinesische Unternehmen Bytedance, das kürzlich zum wertvollsten Startup der Welt erkoren wurde – noch vor Uber und Airbnb, von denen ich zumindest schon mal gehört habe. Aber Bytedance? Was machen die denn? Eine Frage, die sehr viel mit der verschlossenen Tür meiner Tochter zu tun hat, wie ich später feststellte.

Bytedance ist der Software-Konzern hinter „TikTok“. Wer TikTok (vormals Musical.ly) nicht kennt, frage einfach den nächstbesten Teenager. Der oder die wird dann in der Regel das Smartphone zücken und ein kurzes, selbstgedrehtes Filmchen zeigen können, in dem der gleiche Pubertierende in mehr oder minder ästhetisierter Umgebung mehr oder minder gekonnt ein paar Takte eines Songs im Full-Playback vorführt. Wikipedia beschreibt TikTok als Videoportal für die Lippensynchronisation von Musik- und anderen Videos. Meine Tochter hat mit mir auch einen Song aufgenommen – mein ganz persönliches Cover des „Human“-Songs von Rag‘n‘Bone Man. Das Ergebnis war grausam – eine Mischung aus einem Trailer für die Zombie-Apokalypse und einem Werbespot für betreutes Wohnen. Weshalb ich auf sofortige Löschung des Filmchens bestanden habe. Aber ist das Ding damit wirklich weg? Wirklich? Weiterlesen →

15. Jan. 2019
von Janosch Niebuhr
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10. Jan. 2019
von Chiara Schmucker
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Sei doch einfach unperfekt! Ein Plädoyer für mehr Spaß

© Picture AlliancePerfektion wird überschätzt – und die Wand kann man wieder streichen.

„Frühstücken gehen um 10 Uhr morgens?“ – Entgeistert schaut mich meine Nebensitzerin im Rückbildungskurs von ihrer Yogamatte aus an. „Vollkommen ausgeschlossen, da bin ich froh, wenn ich meine Zähne geputzt habe.“ Auch bei den anderen Kursteilnehmerinnen versandet meine Idee. „Wir sind noch nicht so weit, vielleicht in vier Wochen“, sagt die eine. „Lio ist zu unruhig im Moment“, die andere. Oder: „Greta schläft nicht im Kinderwagen, nur im Auto, deshalb kann ich nicht mit den Öffentlichen kommen. Und das Auto hat mein Mann.“

Mädels, was ist los mit euch, frage ich mich? Unsere Babys sind doch jetzt schon einige Wochen alt und ein Treffen müsste doch möglich sein. Da könnten wir die unruhigen Kinder zusammen bespaßen, über unsere Spuckflecken auf den Pullis lachen oder einander einfach mal kurz das Baby in die Hand drücken. Entspannt euch doch ein bisschen; wir haben doch alle die gleichen Herausforderungen. Für mich ist es auch nicht immer einfach, morgens loszukommen: Bei uns ist es auch hektisch, manchmal gibt es Tränen oder Max spuckt zuerst über seinen und dann über meinen Pulli, wenn wir eigentlich gerade los wollen. Manchmal komme ich zu spät, manchmal vergesse ich seine Mütze und muss ihn dann in dicke Tücher wickeln.

Manchmal vergesse ich meine Handschuhe und friere mir beim Kinderwagenschieben die Finger ab, und ich bin auch schon ohne Geld aus dem Haus gegangen. Neulich habe ich mich ausgeschlossen, zum zweiten Mal. Wenn ich zurückkomme, erschrecke ich oft über das Chaos, das wir hinterlassen haben, als wir aus der Wohnung geeilt sind, weil gerade ein guter Moment war – satt, frisch gewickelt und nicht vollgespuckt. Doch seit Max auf der Welt ist, habe ich eines begriffen: Perfekt gibt es nicht. Nicht mehr. Oder noch nicht wieder. Ende: nicht absehbar.

Schlimmer kann es bei euch doch nicht sein, oder? Ist es sicherlich auch nicht. Weil ihr es nicht möchtet. Ihr wartet den perfekten Moment ab, um loszugehen (der kommt nie), die perfekte Tageszeit (die ändert sich jeden Tag), das perfekte Outfit des Babys (das es dann kurz vor dem Aufbruch besudelt, ich schwöre es euch!). Raus kommt ihr damit meist gar nicht mehr, vielleicht mal eine Stunde allein spazieren im Park, aber sicher kein Treffen mit fester Uhrzeit und anderen Menschen.

Das Chaos und ich hingegen haben uns arrangiert. Ich habe mich an die Hektik beim Aufbruch gewöhnt und die Tatsache, dass Max zwar frisch gewickelt ist, ich es aber nicht mehr auf die Toilette geschafft habe. Dass meine Zähne vielleicht morgens um 10 auch noch nicht geputzt sind, wir aber dafür schon unterwegs in unserem Viertel oder auf unserem nächsten großen Abenteuer, weil Max gerade gute Laune hatte. Dass ich von meiner Familie liebevoll als „die Flodders“ spreche, weil bei uns immer irgendwas nicht perfekt sitzt, wir spät dran sind oder halt mal wieder improvisieren.

Denn was ich im Gegenzug dafür bekomme, wiegt all das locker auf: „Es braucht ein Dorf, um ein Kind aufzuziehen“, sagt doch dieses weise afrikanische Sprichwort. Das ist wahr, ich versichere es euch – und es funktioniert auch in einer Großstadt. Warum nicht einfach mal in diese Hängematte fallen lassen? Max und ich unternehmen viel. Wir gehen ins Museum und ins Café, in die Bibliothek und auf den Markt. Wir fahren mit der Bahn und sind auch schon geflogen. Und wie viele Arme haben ihn freundlich und ohne zu zögern aufgenommen! Der Wirt, der das Kind schaukelt, damit mein Mann und ich in Ruhe essen können, die Nebensitzerin im Flugzeug, die ihn sofort auf den Schoß nimmt, damit ich mein Gepäck verstauen kann. Der Mann in der Bahn, der erst seinen Platz für mich räumt und dann meinen schlafenden Sohn bewacht, weil ich ihn im Kinderwagen nicht in die Toilette bugsiert bekomme. Vieles ist in der Gemeinschaft einfacher als zu Hause, wo wir zwei alleine miteinander zugegebenermaßen manchmal ein bisschen frustriert sind, weil unsere Bedürfnisse gegeneinander prallen. Max, weil er sich langweilt, wenn ich mich weiter als einen Meter entferne, ich, weil ich doch zu nichts komme, die Waschmaschine nicht befüllen kann, die Spülmaschine nicht ausräumen, den Tisch decken. Sind wir unterwegs, hat er meine volle Aufmerksamkeit – und ich seine. Ich zeige ihm Hunde auf den Straßen und andere Babys, imitiere Vogelstimmen und setze mich in der Spielecke im Café zu ihm auf den Boden. Er erkundet von meinem Schoß aus die Welt oder lächelt mit Nachdruck andere Leute an und zaubert ihnen ein Lächeln auf ihre Lippen.

Klar, manchmal ist es sehr anstrengend, auch mit Kind aktiv zu sein, und manchmal bin auch ich unzufrieden. Hätte gerne mal ein perfekt angezogenes Kind statt einem Flodder-Baby, oder einen ruhigen Moment für mich auf dem Sofa, während er am Boden spielt. Auch bin ich manchmal müde, immer wieder andere Menschen ansprechen zu müssen, mir mit dem Kinderwagen beim Aussteigen aus der Bahn oder beim Reinkommen in ein Café zu helfen. Doch wenn ich dann wieder etwas geschafft habe, bin ich stolz auf uns beide, und das gibt mir Selbstvertrauen. Deshalb werden wir auch weiterhin jeden Tag etwas unternehmen, uns mit Freunden treffen oder Bekannte besuchen. Ich habe übrigens auch doch noch einige Mütter kennengelernt, die genauso unperfekt mit sich und ihren Kindern umgehen wie ich. Einmal in der Woche treffen wir uns, und ich muss sagen: Wir haben richtig Spaß!

10. Jan. 2019
von Chiara Schmucker
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08. Jan. 2019
von Martin Benninghoff
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Ich verbitte mir die Einmischung!

Vielleicht einfach mal selbst Hand anlegen? Dann darf die Mutter auch zuschauen.

Manchmal komme ich mir vor wie jemand, der sich beim Grillen oder Spülmaschineausräumen demonstrativ so doof anstellt, dass ihm alle Arbeiten abgenommen werden.  Das betrifft bei uns weder Grillen noch Spülmaschineausräumen, denn in beiden Disziplinen bin ich ganz patent, würde ich sagen. Es betrifft aber die Kindererziehung.

Wenn unser Sohn morgens aus dem Bettchen ruft und ich zu ihm gehe, kann es passieren, dass meine Frau schon da ist. Spreche ich mit ihm am Abendbrottisch, stelle ihm eine Frage – „Wie war es bei der Tagesmutter?“ –, kann es passieren, dass sie antwortet. Oder noch besser: Sie ergänzt meinen Satz, vervollständigt ihn, fügt an, relativiert ihn oder betont einen Aspekt, den ich gar nicht meinte. Es ist zum Mäusemelken!

Das führt gelegentlich zu meinem von Reaktanz getriebenen Verhalten, mir jegliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten zwischen Sohn und Vater zu verbitten. Ich poche dann wenig diplomatisch auf mein Recht auf die väterliche Souveränität und Unverletzlichkeit meiner Autonomie. So wie Nordkorea sauer reagiert, wenn die Vereinten Nationen oder die Vereinigten Staaten mal wieder gute Ratschläge für Kim Jong-un parat haben.

Damit ist die Verteilung klar, meine Frau ist die UN  – und ich bin Nordkorea. Natürlich bin ich schuldig, und das jetzt fast ohne Ironie. Ich habe es selbst begünstigt, dass man mir nichts mehr zutraut und mich an die Hand nimmt, als wäre ich das Kind und nicht der Kleine. Ich arbeite Vollzeit, meine Frau halbtags. Ergo verbringt sie mehr Zeit mit dem Kind – und verantwortet all das, vor dem ich mich unverschuldet und verschuldet drücke.

Zum Beispiel, wenn es ans Windelwechseln geht. Sagen wir mal so, ich pflege einen gewissen Langmut, was die Wechselintervalle angeht. Meine Frau ist kürzer getaktet, also springt sie häufiger als ich zur familieninternen Säuberung auf. Selbst bei lebenswichtigen Verrichtungen wie dem Essenfassen baue ich gelegentlich stärker als sie auf die körpereigenen Fettreserven. Wenn dazu Fragen aufkommen, reagiere ich schon mal mit einem interessiert-abwartenden „gleich“.

Ich bin selbst schuld, das gebe ich zu, ja, ja und ja. Aber ich weiß auch, dass dieses kleine Problem bei vielen Familien vorkommt, ich bin nicht allein der Dumme. Auch von anderen Vätern – und wenigen Müttern – höre ich, dass es schwierig sein kann, zwischen Kind und Erstversorger zu schlüpfen und das eigene Plätzchen zu finden. Viele ziehen sich als Reaktion in ihren Schmollwinkel zurück und sind froh, ihre Ruhe zu haben.

Es wird vor allem den Vätern leichtgemacht, denn die klassische Rollenverteilung ist längst noch nicht aus den Köpfen verbannt. Die meisten Mütter, die ich kenne, akzeptieren sehr schnell, wenn sich ihre Männer gedanklich oder auch sonst für eine Zeitlang aus dem Staub machen.  Sie sind durchaus selbst dafür verantwortlich, wenn sie so stark ans Kind gebunden sind, dass kaum noch für andere Platz ist.

Was hilft? Spitzen und kritische Bemerkungen gegenüber dem Partner helfen zwar für den Moment, als psychologisches Entlastungsventil, aber ich garantiere, die nächste Übergriffigkeit erfolgt in Kürze. Nachhaltiger ist es, die Verantwortlichkeiten von Beginn an etwas gleichverteilter anzugehen. So viel zur Theorie, die nicht immer leicht in die Realität übertragen werden kann.  

Es ist ja so, wenn zwei berufstätig sind, der eine aber mehr, der andere weniger, ergeben sich zwangsläufig unterschiedliche Bindungen ans Kind. Wenn der Kleine sich den Kopf stößt oder vom Sofa purzelt, bin ich der Vize-Tröster und meine Frau die Nummer Eins. Erst wenn sie nicht da ist, rücke ich auf den ersten Platz, und mein Sohn tut so, als sei das immer schon so gewesen. Das kann ich nicht verhindern, es sei denn, ich würde halbtags arbeiten gehen und meine Frau voll berufstätig sein.  

Aber vieles schleicht sich ein, weil es bequem ist. Wer nicht so gerne Windeln wechselt, reißt sich nicht nach dieser Tätigkeit. Und wird dann als Konsequenz vom Kind nicht mehr als verlässliche Institution wahrgenommen. Ich werde deshalb meine Windelintervalle kürzen und meine Verlässlichkeit damit in den familiären Beziehungen unter Beweis stellen. So schafft man Vertrauen fürs Kind, und so schafft man Vertrauen, Kim!

08. Jan. 2019
von Martin Benninghoff
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01. Jan. 2019
von Anna Wronska
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Es gibt keine kindgerechte Version von Gott

© Picture AllianceBeim Osterfest auf den Philippinen ist ein Mädchen als Engel verkleidet. Aber wie erklärt man ihm Kreuzigung und Auferstehung?

Unser Sohn Ben geht in eine evangelische Kita. Das steht zumindest vorne dran (an der Kita, nicht am Kind). Ich weiß, dass die Kinder einmal im Monat gemeinsam in die Kirche gehen, dass sie in der Adventszeit Weihnachtslieder singen und im Eingangsbereich eine Krippe steht, aber viel mehr als das scheint es an frühkindlicher religiöser Prägung nicht zu geben. Das hat mich auch nie gestört, obwohl ich selbst christlich erzogen bin – zumal Ben lange Zeit kein besonderes Interesse an spirituellen Fragen zeigte.

Anfang vergangenen Jahres, Ben war drei Jahre alt, warf der Tod seiner polnischen Ur-Oma die ersten Fragen auf. Der „Klassiker“, dass sie in den Himmel zu Gott gekommen war, kam von uns Eltern wie auch den anderen Verwandten automatisch, und er nahm das ohne weitere Nachfragen hin. Doch mit der Zeit wurde ihm die Sache unheimlich, und wir hörten Aussagen wie: „Ich mag den Himmel nicht. Der ist mir zu hoch.“ Oder, abends vor dem Schlafengehen: „Ich habe Angst, dass Ur-Opa Paul aus dem Himmel herunterkommt.“ Wir lernten also: Himmel weglassen. Himmel ist nicht gut. Und beim vermeintlich unverfänglichen Thema Dinosaurier/Fossilien bekamen wir vor ein paar Monaten zu hören: „Müssen wir auch sterben, wie die Dinos?“

Und so war es irgendwie klar, dass uns das Überirdische an Weihnachten mit voller Breitseite treffen würde. Ben, mittlerweile vier Jahre alt, wollte wissen, wie das ist mit dem Himmel und dem Weihnachtsmann, äh, dem Nikolaus, äh, dem Christkind. „Wie sieht der Weihnachtsmann aus?“ Und: „Ist das Christkind ein Engel aus dem Himmel?“ Und: „Wie kommt das Christkind zu uns rein?“ Und: „Das Christkind war bestimmt schon da, weil, ich war heute sehr lieb!“ Allesamt weniger tiefsinnige als vielmehr praktische Fragen und Überlegungen, aber schon die brachten uns in Erklärungsnöte: Ja, WIE soll das Christkind reinkommen, wenn es – wie man regelmäßig beteuern muss, damit der Sohn beruhigt einschlafen kann – ganz bestimmt kein Einbrecher in unsere Wohnung schafft? Ist es so klein, dass es durch das gekippte Fenster passt? Wenn ja – wie kriegt es dann die Geschenke da durch? Und: Wenn das Christkind nur den lieben Kindern Geschenke bringt, dann sind die nicht so lieben ja traurig! GEMEIN!

Das Heikle ist, nicht nur an Weihnachten: Alles, was wir den Kindern erzählen, ist für sie erst einmal wahr. Und jede Antwort macht ein Bild im Kopf. Das weiß ich von mir selbst. Ich habe mir den Himmel als Kind sehr lange vorgestellt als einen Ort, an dem Menschen nackig auf übergroßen Laubblättern als Betten schlafen. So hatten meine Eltern mir das beschrieben, und diese Vorstellung fand ich damals sehr gemütlich (heute eher nicht so). Umgekehrt kann man das auch ganz schön vermasseln mit den Bildern und mit den Antworten allgemein. Ich kann mich erinnern, dass ich im Grundschulunterricht referiert habe, was mir ein Verwandter über den Krebstod eines befreundeten Kindes erzählt hatte: Es musste sterben, weil der liebe Gott es gerne bei sich im Himmel haben wollte – und weil es zu viel ferngesehen hatte (ein erzieherischer Komplettausfall, Sie schütteln zu Recht den Kopf). Mein Klassenlehrer sagte daraufhin: Das mit dem lieben Gott könne er unterschreiben, das mit dem Fernsehen nicht. Weitere Erläuterungen gab es aber nicht. Ich bin sicher, dass ich mich an diese Antwort deshalb so gut erinnern kann, weil es mich verstörte, dass der Lehrer dem widersprach, was ich von anderen Erwachsenen gelernt hatte. Irgendeiner von ihnen musste also Quatsch erzählen. Aber Erwachsene wussten doch alles…?

Eine der härtesten Nüsse am Elternsein ist für mich, dass es mich zwingt, mich mit mir selbst und meiner eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Um Werte und Botschaften zu vermitteln, müssen mein Mann und ich uns darüber im Klaren (und dann auch noch einig) sein: Was hat uns als Kindern Halt gegeben, was war und ist uns wichtig? Was glauben wir, und was wollen wir, dass die Kinder für wahr halten – wenn auch nur für die ersten Jahre? Denn dass Ben im Moment und noch für eine ganze Weile zumindest ein paar Orientierungspunkte, ein paar Skizzen für ein erstes Weltbild braucht, bevor er sein eigenes zeichnet, davon bin ich überzeugt. Nur: Braucht er dafür auch ein paar geflügelte Wesen, die Geschenke bringen? Braucht er dafür einen lieben, beschützenden Gott, oder gar einen strengen, strafenden?

Ich selbst habe lauter „absolute“, vermeintlich selbstverständliche Wahrheiten vermittelt bekommen: Man streitet nicht mit Lehrern, man läuft nicht einfach auf die Straße. Aber eben auch: Es gibt Gott. Es gibt ein Leben nach dem Tod. Es findet im Himmel statt, zumindest für die Guten, und deshalb sieht man da auch die Ur-Omas und die Ur-Opas wieder. Eine etwas melodramatische Großtante von mir sagte häufig mit bebender Stimme: „Wenn man an Gott glaubt und es gibt ihn gar nicht – das ist nicht schlimm. Aber wehe, man glaubt nicht – und es gibt ihn!“ Erst als ich älter wurde, stellte ich solche „Weisheiten“ in Frage. Ich war nicht enttäuscht darüber, dass man mich belogen oder sich mangels echten Wissens einfach Dinge ausgedacht hatte. Ich habe auch nicht gewütet, als ich herausfand, dass die Eltern die Geschenke bringen und nicht das Christkind – ich war eher stolz, als ich sie endlich überführt hatte. Ich fand einfach nach und nach meine eigenen Antworten, und reichlich neue Fragen.

Als Mutter stelle ich mir heute vor allem eine: Wie viel Glauben/Religion will und soll ich meinen Kindern vermitteln, um ihnen Nächstenliebe, Empathie, Toleranz, Zuversicht beizubringen? Und: Taugt Religion überhaupt dafür? Man muss kein Historiker sein, um das anzuzweifeln. Es reicht, Weltnachrichten zu schauen. Selbst die Pfarrerin in der Kirche sagte in ihrer Weihnachtspredigt sinngemäß: „Der Heiland ist geboren! Hurra! Aber es stimmt: Vom versprochenen Frieden sind wir bis heute weit entfernt… also: Beten wir! Für den Frieden!“ Wie soll ich meinem Kind überzeugend die frohe Botschaft erklären, wenn selbst die Profis es nicht vermögen?

Und dennoch: Irgendwie habe ich das Bedürfnis, Ben von Gott zu erzählen. Vermutlich, weil ich ein paar der Geschichten über ihn selbst nicht aufgeben will. Ich mag den Gedanken, meine Ur-Omas und Ur-Opas wiederzusehen. Oder den Gedanken, dass ich meine Kinder niemals für immer verlassen muss, Wissenschaft und Aufklärung hin oder her. Ich bin aber auf der Suche nach einer kindgerechten Version der Geschichte. Deshalb haben wir uns von der Oma im Herbst ein buntes Erklärbuch für Kinder zum Thema Bibel schenken lassen (an die deutschen und polnischen Kinderbibeln im Regal habe ich mich bislang nicht herangetraut) . Die Einleitung las sich vielversprechend: Vor tausenden von Jahren „hatten die Menschen ein anderes Wissen als heute. Sie glaubten, dass nur eine große Kraft wie Gott diese schöne Schöpfung zustande bringen konnte“. Das klang etwas weniger absolut, das gefiel mir. Beim Vorlesen kam ich bei der Sache mit Adam und Eva und der Schlange noch einigermaßen durch. Bei Kain und Abel formulierte ich bereits etwas um („Er ging mit Abel aufs Feld und… äh… schimpfte mit ihm“). Bei der Arche Noah kam ich vollends ins Schwimmen („Aber sie logen, betrogen und töteten einander, sodass Gott irgendwann beschloss, seine Schöpfung mit einer gewaltigen Überschwemmung wieder zu vernichten“). Komisch, kurze Zeit später verschwand das Buch… Und mir wurde klar: Es gibt keine kindgerechte Version von Gott – es sei denn, man lässt die Menschen weg.

Wir führen Ben aus diesem Grund bisher nicht aktiv an Glaube und Religion heran und hoffen, dass die ganz tiefgehenden Fragen noch eine Weile auf sich warten lassen. Und dann wird es hoffentlich auch okay sein, zu sagen: Kind, ich weiß wirklich nicht, ob es stimmt, aber ich möchte es gern glauben (nicht das mit dem Christkind, aber die guten, tröstlichen Sachen). Meine Schwester, die Erzieherin ist, hat mir einen Tipp gegeben: Nicht zu viele Bilder auf einmal in den Kopf pflanzen. Immer nur das beantworten, was das Kind wirklich wissen will, und erst ergänzen, wenn es Nachfragen stellt. Denn manchmal setzten Eltern zu wortreichen Erklärungen an, obwohl die Kinder mit einer knappen Antwort schon zufrieden seien. Wir versuchen also, uns kurz zu fassen. Und weil man sich bei allem Wissen oder Nichtwissen auf diese eine Sache ganz gut einigen kann (sofern man nicht gerade Atheist ist), halten wir es auf der Danksagungskarte für die Glückwünsche zu unserem zweiten Sohn kurz und pathetisch mit Martin Luther: „Wenn du ein Kind siehst, hast du Gott auf frischer Tat ertappt.“

01. Jan. 2019
von Anna Wronska
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25. Dez. 2018
von Janosch Niebuhr
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Mit einem Plastikpferd der Ewigkeit nachspüren

In der Spielwelt ergibt vieles Sinn. Auch dass das „Pferd“ ein lila Einhorn ist.

Irgendwann ist es soweit. Jedes Jahr. Noch ein Eierlikör für die Erwachsenen vielleicht, aber dann hat immer irgendeiner in der Familie die Idee, zusammen ein Spiel zu spielen. Das neue Brettspiel, das noch unter dem Weihnachtsbaum liegt, oder vielleicht doch eins von den alten – dann muss man nicht noch zehn Seiten Regelwerk studieren. Vielleicht liegt es an der kalorienreichen Ernährung oder am saisonalen Alkoholkonsum, am Dämmerlicht oder an der Tatsache, dass sehr viel mehr Menschen als sonst sehr viel länger als sonst zusammen Zeit verbringen sollen, jedenfalls gelten die sonst üblichen Ausreden in diesen Tagen nicht („Ich hab zu viel zu tun“, „Es ist schon zu spät“, „Am Wochenende haben wir viel mehr Zeit“ etc.pp.).

Vor einiger Zeit habe ich hier versucht zu erklären, warum Eltern nie wirklich mitspielen, wenn der kindliche Homo ludens zum Spiel auffordert. Das war natürlich grob vereinfachend, und wenn ich mich so selbst beobachte, mit welcher Leidenschaft und Freude ich zum Beispiel bei Risiko die Armeen meiner Mitspieler vernichte, dann glaube ich fast, dass ich mich korrigieren muss. Zumindest eine Klarstellung tut Not: Tatsächlich spielen Erwachsene auch gern, aber nur, wenn die Spiele so funktionieren wie die Erwachsenenwelt. Dazu später mehr. Zu meiner neuen Einsicht hat mir unsere jüngste Tochter verholfen sowie die Lektüre eines dreißig Jahre alten Taschenbuchs eines amerikanischen Religionswissenschaftlers.

„Papa, spielst du mit mir Pferdehof?“, fragte unsere Jüngste kürzlich. Das ist für eine Fünfjährige eine vollkommen vernünftige Frage, schließlich stand da vor uns ein bunt zusammengewürfeltes Gebäudeensemble auf den Teppich sowie ein halbes Dutzend Plastikpferde verschiedener Provenienz (Schleich, Playmobil, no name). Obwohl das nicht das erste Mal für mich war, dass ich bei „Pferdehof“ oder ähnlichen freien Spielen mitspielen sollte, erwischen mich solche Spiele immer eiskalt: Wie spielt man das? Was muss ich jetzt tun? Was sind die Regeln? Wer gewinnt wie? Und vor allem: Wie lange dauert das? Wann ist es zu Ende? Meistens hocke ich mich bei solchen Spielen einigermaßen uninspiriert auf den Teppich, greife mir ein Pferd und stoße Töne aus, die irgendwie an ein Wiehern erinnern sollen. „Papa, so geht das nicht. Du musst richtig spielen!“, sagt dann meine Tochter.

Das ist eine harte Aussage. Aber sie hat Recht. Ich kann das nicht. Nicht mehr. Ich vermute, dass es den meisten Erwachsenen so geht. (Interessanterweise verwenden die älteren Geschwister die gleiche Formulierung, wenn sie die Jüngste bei „echten Spielen“ nicht dabei haben wollen: „Die kann ja noch gar nicht richtig spielen.“ Sie meinen damit Spiele wie Risiko oder Monopoly oder Siedler von Catan, die auch manche Erwachsene gern spielen.)

Sehr selten gelingt es mir doch für einige Momente, mich auf „Pferdehof“ oder „Einhorn-Weide“ oder ein anderes freies Spiel einzulassen. Es erinnert so ein bisschen an Improvisationstheater. Die Tochter sagt zum Beispiel „Sabrina [ein Pferd, Anm. d. Red.] will heute nicht in die Schule.“ Darauf antworte ich dann mit einem anderen Pferd in der Hand: „Dann kommt jetzt das Lehrer-Pferd zum Stall.“ Und so weiter. Das alles macht Sinn in dieser Pferdehof-Welt und es ist in sich stimmig, nur ist es eben nicht vermittel- oder wiederholbar. Es passiert ganz in der Gegenwart und man kann sich nicht darauf berufen, dass eine höhere Instanz, ein Spieleentwickler, die Regeln festgelegt hat. Das freie Spiel endet übrigens nicht. Nie. Die Mitspieler stehen einfach auf, weil zum Beispiel das Essen fertig ist oder sie lieber etwas anderes machen wollen. Deshalb ist es so unheimlich für Erwachsene. Weiterlesen →

25. Dez. 2018
von Janosch Niebuhr
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18. Dez. 2018
von Anna Wronska
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#EhrlicheEltern brauchen Freunde, keine Hashtags

© Picture AllianceMein Kind bohrt in der Nase – das ist nichts für Instagram, aber verschweigen muss man es auch nicht.

Kürzlich geisterte der Hashtag „#ehrlicheEltern“ durch Twitter. User gaben unter dem Begriff Einblick in ihr Familienleben. Darunter waren launige Anekdoten der Sorte „Bei uns gibt es eine Punktewertung fürs Rülpsen“ oder: „Seit ich Papa bin, verbringe ich viel mehr Zeit auf dem Klo, als ich müsste.“ Andere Einträge wiederum waren so gar nicht zum Lachen. Eine Frau berichtete, nicht gerne schwanger gewesen zu sein und sich selbst nach der Entbindung noch gefragt zu haben, ob das wirklich die richtige Entscheidung war. Eine weitere schrieb: „Stillen war nicht Liebe, sondern Hass.“  Eine dritte gab zu, ihren Sohn manchmal fernsehen zu lassen, weil sie aus Überforderung in der Küche heule und er das nicht mitbekommen solle. Ein Vater berichtete, die letzten vier Jahre „alles für meinen Kurzen und meine Frau getan, für mich selbst keine Zeit genommen“ zu haben. Am Wochenende, als der Stuhl zum dritten Mal mitsamt Kind umgekippt sei, sei er dann sehr laut geworden. „Die Kraft fehlte, noch leise Worte zu finden.“

Als Replik auf solche ernsten Einträge waren wiederum zahlreiche Dankesbekundungen anderer Eltern zu lesen: Es sei „richtig und wichtig,  mit eigenen Leiden rauszurücken und zu sehen, dass ich damit nicht allein bin“, schrieb einer. Oder: „Den Hashtag #ehrlicheEltern entdecken und sich endlich verstanden und nicht mehr alleine fühlen.“

Wir sind also nicht die Einzigen mit unperfekten Kindern in einem unperfekten Leben? Surprise! Danke, Twitter! Im Ernst: Mich hat das Ganze eher irritiert. Was ist schiefgelaufen, dass „ehrliche Eltern“ auf Twitter trenden? Warum müssen Eltern in die virtuelle Welt flüchten, um sich dort mal so richtig auszukotzen und ein bisschen Zuspruch zu bekommen? Es mag nicht für alle zutreffen, aber viele der Autoren haben ja selbst zugegeben, im „normalen“ Leben nicht offen über die hässlichen Seiten des Familienlebens sprechen zu können. Weiterlesen →

18. Dez. 2018
von Anna Wronska
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