Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

07. Mrz. 2023
von Matthias Heinrich
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Eine Schulform als Ausgrenzungsinstrument

Der Comedian Felix Lobrecht ist zurzeit in aller Munde. Sein Roman „Sonne und Beton“ wurde verfilmt und läuft in den Kinos. Er erzählt die Geschichte eines Jungen, der in der Gropiusstadt im Berliner Bezirk Neukölln aufwächst. Sein Alltag wird von Gewalt, Ablehnung, Drogen und einer lähmenden Perspektivlosigkeit bestimmt. Nur wer hart ist, wer Nehmerqualitäten hat, scheint sich seinen Platz in diesem Milieu sichern zu können. Auch wenn die Geschichte fiktiv ist, zeichnet Lobrecht darin das Bild seiner eigenen Jugend in dem „Problembezirk“.

Lobrecht selbst hat es geschafft. Er ist mit seiner Kunst, mit seinen Bühnen-Shows, so erfolgreich, dass er sich leisten könnte, überall auf der Welt leben zu können. Er wohnt aber weiter in Berlin – nicht mehr in den Hochhäuserschluchten der Gropiusstadt, aber mitten in einem anderen Brennpunkt der Hauptstadt, am Kottbusser Tor in Kreuzberg. Anders als die meisten anderen Menschen, die sich aus der Armut herausgekämpft haben, ist ihm seine Vergangenheit weder peinlich noch gleichgültig. Lobrecht ist sich seiner Herkunft bewusst, und er geht damit offensiv in die Öffentlichkeit. Damit ist der 34-jährige Kindern eine Stimme, die aufwachsen, wie er selbst aufgewachsen ist. Und nicht nur das: Er macht konstruktive, radikale Änderungsvorschläge.

Felix Lobrecht (l.) mit den Schauspielern Vincent Wiemer und Aaron Maldonado-Morales Mitte Februar 2023 beim Fototermin für "Sonne und Beton" auf der Berlinale
Felix Lobrecht (l.) mit den Schauspielern Vincent Wiemer und Aaron Maldonado-Morales Mitte Februar 2023 beim Fototermin für „Sonne und Beton“ auf der Berlinale

In seinem Podcast „Gemischtes Hack“ mit dem Moderator und Autor Tommi Schmitt hat Lobrecht kürzlich gefordert, Gymnasien abzuschaffen. „Es gibt keinen Grund dafür, warum es Gymnasien gibt. Gymnasien dienen einzig und allein der Abgrenzung nach unten“, sagte er. Das ist mehr als bloße Provokation. Für Lobrecht verhindert die Schulform Gymnasium den Austausch zwischen Kindern aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Deshalb plädiert er für eine Gesamtschule für alle Schüler. Sie sollen gemeinsam in einem Klassenverband sitzen, während einzelne Fächer je nach Begabung und Stärke in unterschiedlichen Kursen unterrichtet werden. Dieses Schulmodell, da ist er sich sicher, würde positive Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft haben.

Lobrecht kennt beides: Auf seinem Gymnasium war er das einzige Kind in der Klasse, das Lernmittelhilfe bekommen hat. Das war für ihn, so sagt er, ein einschneidendes Erlebnis. Wie er erzählt, ist ihm in diesem Moment zum ersten Mal vor Augen geführt geworden, dass er arm ist. Nach kurzer Zeit flog er wegen auffälligen Benehmens von der Schule und fand sich auf einer Gesamtschule wieder. Hier machten die Lehrer ihm und seinen Mitschülern täglich klar, dass sie Verlierer sind und im Leben nicht viel erreichen werden. 

Die Idee mit den Gesamtschulen ist nicht neu. Allerdings hat mich diese radikale Forderung ins Grübeln gebracht. Ist das Gymnasium zeitgemäß? Ist es so elitär wie Lobrecht sagt? In meiner Familie war ich der Erste, der aufs Gymnasium ging. Für meine Eltern und ihre Geschwister war es im Nachkriegsdeutschland und im ländlichen Niedersachsen einfach nicht drin. Ganz ehrlich, ich war damals sehr stolz, und meine Eltern waren es mit mir. Im Rückblick kann ich schwer beurteilen, ob eine andere Schulform möglicherweise besser gewesen wäre. Allerdings kann ich mich an einen Vorfall erinnern. Als frischgebackener Gymnasiast habe ich einmal meinen alten Klassenlehrer aus der Orientierungsstufe besucht. Die war in einem Schulzentrum mit Haupt- und Realschule. In der großen Pause stand ich allein auf dem Hof. Plötzlich kam ein Hauptschüler ohne Grund auf mich zu und drohte: „Du Gymi-Schwein, ich hau dir eine rein.“ Irgendwie bin ich aus der Situation herausgekommen, ohne Prügel zu kassieren. Dieses Erlebnis zeigt: Es gab ein unterschiedliches Klassen-Bewusstsein zwischen den Schulformen – bei dem Hauptschüler und ehrlicherweise auch bei mir.

Unser Sohn Theo (10) ist seit dem Sommer auf einem Gymnasium. Meiner Frau und mir war es wichtig, dass er das schafft. Nach unserem Selbstverständnis sollte unser Kind aufs Gymnasium gehen. Nach einem halben Jahr habe ich meine Meinung geändert. Theo geht für sich selbst zur Schule und nicht für irgendein krummes Elitenbewusstsein seiner Eltern. Klar soll er so viel möglich lernen. Aber vor allem soll er gerne in die Schule gehen und Spaß haben. Das Gymnasium in Bayern hat sich im ersten halben Jahr exakt als die harte Nuss erwiesen, als die es immer bezeichnet wird. Der Stoff ist umfangreich und anspruchsvoll. Die Lehrer bewerten die Klassenarbeiten sehr streng. Das ist halt so auf einem Gymnasium, könnte man sagen. Da wird ausgesiebt, „nur die Harten kommen in den Garten“. Aber warum muss das so sein? Und warum muten Eltern ihren Kindern das zu?

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07. Mrz. 2023
von Matthias Heinrich
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28. Feb. 2023
von Sonia Heldt
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Er ist einfach nicht der Richtige

Die Tochter ist verliebt. Ob er der Richtige ist?

Letztes Frühjahr waren wir auf einer Geburtstagsfeier. Ich gesellte mich gerade zu einer Runde, als sich einer der Männer über den neuen Freund seiner jugendlichen Tochter ausließ: „Als ich letztens nach Hause kam, saß der in meiner Sofaecke. Einfach so! Auf meinem Platz! … Außerdem fängt der immer schon an zu essen, obwohl noch nicht alles auf dem Tisch steht.“ Er trank ein Schluck Bier aus seinem Glas, schüttelte den Kopf und kam zu dem Schluss: „Der ist einfach nicht der Richtige für sie.“ Mein Mann hörte interessiert zu, denn seit ein paar Wochen war Elias ganz frisch in das Leben unserer achtzehn Jahre alten Tochter Lara getreten – und somit indirekt auch in unseres. Mein Mann wusste noch nicht, was er von dieser neuen Situation halten sollte.

Elias‘ Art ist – zumindest uns gegenüber – ruhig und zurückhaltend. Er ist anders als unsere extrovertierte Lara, die schon als kleines Kind jeden Fremden fröhlich und ohne Hemmungen begrüßte. Mein Mann und sie ähneln sich da sehr. Wenn Lara Freunde in den Garten einlädt, bietet mein Mann sich schon mal als Grillmaster an und spielt Bier Pong mit den Jugendlichen. Er feixt gerne und ist immer zu einem Späßchen und einem lockeren Gespräch aufgelegt. Und so schwärmte er nach einer Party von Julian, einem Klassenkameraden von Lara: „Der Julian, also nein, was für ein witziger, cooler Kerl. So eine Quasselstrippe. Der Junge ist genau nach meinem Geschmack. Ich habe mich kringelig gelacht.“ Der würde doch prima zu Lara passen, fand er. Was er aber wohl eher meinte war, dass Julian gut zu ihm, meinem Mann, passen würde. Meiner jüngeren Tochter Maya (15) und mir dagegen gefiel der hübsche Tobi. Als Reaktion auf unsere Kommentare verdrehte Lara die Augen. „Tobi und Julian sind zwei meiner besten Freunde, aber mehr auch nicht. Tobi ist supereitel und eine echte Drama-Queen, und Julian ist überhaupt nicht mein Typ.“

Wer genau ihr Typ ist, erfuhren wir kurz darauf, als Elias das erste Mal unser Haus betrat. Lara strahlte, als es an der Tür klingelte, und schwebte mit einem freudigen „Ich mach schon auf“ die Treppe herunter. Man erblickte für den Bruchteil eines Moments einen blonden Schopf, hörte ein leises „Hallo“, und schon waren die beiden in Laras Zimmer verschwunden. Als Quasselstrippe würde ich ihn bis heute nicht bezeichnen, aber das ist auch überhaupt nicht schlimm. Ich würde ihm nie das Gefühl geben wollen, dass wir ihn nicht mögen oder wir es nicht gutheißen, dass er mit Lara zusammen ist. Die Hauptsache ist doch, dass Lara glücklich ist. Wahrscheinlich braucht er einfach etwas Auftauzeit und bindet nicht gerne jedem direkt sein halbes Leben auf die Nase. Vielleicht tickt er in dieser Beziehung ähnlich wie ich. Und ich weiß, wie blöd sich das anfühlt und wie verletzend es ist, wenn man als Mensch von der Familie des Partners nicht so akzeptiert wird, wie man ist und bedrängt wird.

Meine Schwiegereltern hatten damals eine hohe Erwartungshaltung an die neue Frau an der Seite ihres Sohnes. Ich war in ihren Augen zu verschlossen und störrisch. Reagierte allergisch auf ihre ungefragten Ratschläge und Einmischungen. War nicht bereit, Hilfe anzunehmen. Später warfen sie mir einmal vor, ich hätte von Anfang an nichts über mich erzählen wollen und ihnen keine Gelegenheit gelassen, mich kennenzulernen. In Wirklichkeit fühlte ich mich von ihnen bevormundet und überfahren.

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28. Feb. 2023
von Sonia Heldt
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14. Feb. 2023
von Chiara Schmucker
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Auf gepackten Koffern

„Und was macht ihr mit all euren Sachen?“ Ich höre die Ungläubigkeit in der Stimme meiner Mutter. „Naja, wir werden viel verkaufen, verschenken, vielleicht was einlagern, aber schon auch ein paar Sachen mitnehmen“, sage ich. Ich verstehe, warum sie besorgt klingt. Wir ziehen ins Ausland um, in wenigen Monaten schon – und müssen vorher ein dreistöckiges Haus mit Keller ausräumen. Was wir mitnehmen wollen, muss am Ende in einen Container passen.

Wir sind weder Messies noch Minimalisten, wir haben, was eine Familie mit zwei kleinen Kindern braucht. Dachte ich. Denn seit ich Keller, Spielzimmer und unsere vielen Schränke durchforste, merke ich: Wir haben sehr viel, was man eigentlich gar nicht braucht, sondern was sich still und heimlich Schritt für Schritt bei uns angesammelt hat. Der geschenkte (Zweit-)Schlitten, die unzähligen Matschhosen und Gummistiefel, die Spiele, an denen unser Großer nicht vorbeigehen konnte, als die Nachbarn im Lockdown ihre „zu Verschenken“-Kisten auf die Straße stellten. Ausgedehnte Bücher- und DVD-Regale und massenweise „vielleicht brauchen wir das irgendwann doch einmal“-Dinge.

Als mein Mann und ich frisch zusammen waren, hatten wir großen Spaß daran, einander zu zeigen, was uns geprägt hat. Wir wollten einander die Lieblingsfilme unserer Kindheit und Jugend zeigen und schenkten einander unsere Lieblingsbücher, damit der andere etwas von unserer Welt erfahre. Wir warteten sehnsüchtig auf den Moment, in dem der Partner mit strahlenden Augen verkündete, dass er unsere Begeisterung uneingeschränkt teile. Die Wochenenden verbrachten wir gerne in Plattenläden. Wir schlenderten und blätterten durch die Papierhüllen und präsentierten uns später an der Kasse stolz unsere Funde. Wir wollten gemeinsame Erinnerungen schaffen an gemeinsame Tage an besonderen Orten.

Über die Jahre wurde es ein Sport für uns, liebevoll ausgewählte Geschenke in möglichst irreführenden Verpackungen zu verschenken, einfach um das Gesicht des anderen beim Auspacken zu sehen. So erhielt ich Karten für ein Muse-Konzert in einem Reiseprospekt über eine Flussfahrt an der Loreley, ein andermal mussten Heino oder „Dirty Dancing“ herhalten. All diese Dinge, eigentlich nur als Witz eines Augenblicks gedacht, blieben in unserem Besitz. Während der Corona-Pandemie konnten wir uns von gar nichts trennen. Die Welt um uns herum schien im Chaos zu versinken, wir brauchten unsere Sachen wie einen Anker. Doch jetzt ist Zeit für einen Abschied, und mit einem Ziel vor Augen fällt es uns leicht wie nie.

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14. Feb. 2023
von Chiara Schmucker
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07. Feb. 2023
von Maria Lobrecht
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Und trotzdem bin ich eine gute Mutter

Ein Morgen Anfang Oktober am Berliner Südkreuz: Es ist kurz nach halb sechs und saukalt. Gerade bin ich aus der S-Bahn gestiegen, die Rolltreppe runtergefahren, nun stehe ich frierend und müde am Gleis. Gleich kommt mein Zug. Neben mir steht mein Koffer. Er platzt aus allen Nähten und ist so schwer, dass ich am Flughafen Übergewicht zahlen müsste. Gut drei Stunden Bahnfahrt liegen vor mir. Es geht schnurstracks Richtung Süden. Wenn ich am Ziel bin, werde ich mir ein Taxi nehmen und in mein Büro fahren. Es ist ein neues Büro. Ich fange einen neuen Job an.

Beruflich ist es ein Aufstieg. Ich übernehme eine Abteilung bei einem DAX-Konzern. Aufgabe und Unternehmen sind spannend, und meine Stelle ist gut bezahlt. So gut, dass mein Mann beruflich kürzertreten wird – oder besser gesagt – kürzertreten muss. Es bleibt uns nichts anderes übrig. Mein Büro ist fast 500 Kilometer von unserem Zuhause in Berlin entfernt. Montags pendele ich gen Süden. Donnerstagsabends steige ich wieder in den Zug und komme zurück. Freitags dann Homeoffice. Wochenende. Montag dasselbe Spiel von vorn. Ich hasse pendeln. Mein Mann und ich sind schon vor den Kindern jedes Wochenende zwischen Berlin und Westniedersachsen hin und her gefahren. Zweieinhalb harte Jahre waren das. Aufgelöst dann durch die Geburt unseres ersten Kindes. 

Jetzt habe ich zwei Kinder und pendele wieder. Mein Mann hat seine Stunden reduziert und kümmert sich unter der Woche um die beiden. Leni (4) geht noch in den Kindergarten, Paul (6) wurde im Sommer eingeschult. Mein Mann bringt die beiden morgens auf den Weg und fährt dann zur Arbeit nach Berlin-Mitte.

Auch wenn ich gern noch mehr für meine Kinder da wäre: Ich bin für sie da.
Auch wenn ich gern noch mehr für meine Kinder da wäre: Ich bin für sie da.

Das klingt alles ok, und das ist es im Grunde auch. Aber ich habe trotzdem ein mulmiges Gefühl. Schließlich bin ich die Mutter. Manchmal ist mir, als vernachlässigte ich meine Kinder zugunsten meiner Karriere. Ich habe Jura studiert, zwei Staatsexamen absolviert und wurde promoviert. Das war anstrengend. Ich habe mein Studium durch Nebenjobs vollständig selbst finanziert und mir das alles hart erarbeitet. Die neue Stelle habe ich nicht durch Beziehungen bekommen, sondern weil ich gut bin in dem, was ich tue. Ich habe mir das verdient. Außerdem sichert mein Einkommen unserer Familie einen Lebensstandard, den mein Mann in seinem Beruf nur schwer erwirtschaften könnte. 

Auf der anderen Seite schaue ich mir meine Freundinnen an. Wir sechs haben uns im Studium kennengelernt. Alle haben gute Abschlüsse gemacht. Einige sind in die Justiz gegangen oder arbeiten wie ich für ein großes Unternehmen. Alle haben Familien gegründet. Und alle haben sich hintangestellt. Trotz zum Teil besserer Ausbildung haben sie ihren Männern den Vortritt gelassen. Sie haben ihre Stunden reduziert und sind in Teilzeit gegangen. Kinder statt Karriere, wenn man es drastisch ausdrücken will. Ich bin in unserem Kreis die Ausnahme. Wir – mein Mann und ich – sind die Ausnahme. Wie so oft.

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07. Feb. 2023
von Maria Lobrecht
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31. Jan. 2023
von Sonia Heldt
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„Bei Ihrer Tochter ist es besonders schwierig“, sagt der Kieferorthopäde

Meine Tochter ist happy. Ihre festsitzende Zahnspange ist Vergangenheit. Über Unverständnis und Einsicht, Qual und Konsequenz – und die Entscheidung, nicht noch einmal acht Monate dranzuhängen.

Gesundes Zahnfleisch und weiße Zähne, ohne Defekte und Fehlstellungen, sind mehr als ein Schönheitsideal. Die Zähne beeinflussen die Gesundheit unseres gesamten Körpers – und das Selbstbewusstsein. Das alles hat man längst erkannt, die Aufklärung ist groß. Schon in der Kita kommt der Zahnarzt, um die Zähne aller Kinder unter die Lupe zu nehmen.

Denn manche Eltern nehmen es trotz Aufklärung nicht so genau mit der Mundhygiene ihrer Kinder – nach dem Motto: „Die Milchzähne sind nicht wichtig, sie fallen ja eh aus.“ In Laras Kindergartengruppe mussten einem Jungen zahlreiche Kronen eingesetzt werden, weil der Großteil seiner Milchzähne stark kariös und zerstört war. Die Erzieherin setzte sich mit Nachdruck dafür ein, dass der Junge behandelt wurde.    

Kinder haben anfänglich keinen Einfluss auf ihre Zahnpflege. Das ist ab dem ersten Milchzahn Aufgabe der Eltern und der bricht bei Babys in der Regel zwischen dem vierten und siebten Monat durch. Ich weiß noch, wie süß ich es fand, als Maja (heute 15) auf meinem Schoß saß, auf meinem Finger nuckelte und ich die Spitze ihres ersten unteren Schneidezahns spürte.

Ein paar winzige Frontzähnchen zu putzen bedeutet keinen Aufwand. Es wird erst schwieriger, wenn sich der Mund füllt. Übermüdete Kleinkinder verspüren häufig keine Lust auf die tägliche Prozedur und mögen es nicht, wenn man ihnen im Mund rumfummelt.

Wir waren streng und taten alles, um unseren Töchtern die Zahnpflege schmackhaft zu machen, zu erklären und zu erleichtern. Einige Bücher halfen uns: „Mein erstes Zahnputzbuch“; „Jakob und seine Zahnbürste“; „Karius und Baktus“. Besonders letztere Geschichte mochten meine Töchter gerne, so alt sie auch war. 

Wir gingen regelmäßig zum Kinderzahnarzt, ließen die Fissuren versiegeln, benutzten Zahnseide, hingen lustige Spiegel im Bad in Kinderhöhe auf, kauften kleine Sanduhren und elektrische Zahnbürsten mit ihren Lieblings-Disneymotiven. Wir putzen so lange nach, bis die Kinder motorisch weit genug waren. Heute gibt es etliche Apps, um die Zahnputzzeit für Kinder kurzweilig und effektiv zu gestalten.  

In gesunde Kindergebisse haben wir einiges investiert. Die gesetzliche Krankenkasse übernimmt, zum Beispiel, nur die Versiegelung der letzten beiden bleibenden Backenzähne. Sind weitere tiefe Fissuren auf den vorderen Zähnen vorhanden, empfehlen viele Zahnärzte, sie vorsorglich ebenfalls zu versiegeln.  Die Kosten von etwa zwanzig Euro pro Zahn waren für uns zur Prophylaxe tragbar. Aber der richtig große Kostenfaktor stand noch an! Ich rede hier nicht von der Zahnfee, die war bescheiden und gab sich mit ein oder zwei Euro zufrieden, die sie in unserem Namen unter das Kissen legte. Ich rede von der kieferorthopädischen Behandlung.

Nicht alle Zahnspangenträger zeigen ihr Gebiss so ungeniert vor der Kamera.
Nicht alle Zahnspangenträger zeigen ihr Gebiss so ungeniert vor der Kamera.
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31. Jan. 2023
von Sonia Heldt
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19. Jan. 2023
von Matthias Heinrich
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„Darf man in der Schule so sein wie zuhause, Papa?“

Manchmal gibt es unversehens Situationen, in denen uns unser Kinder ganz besonders nah sind. Näher als morgens beim Frühstück oder bei den Hausaufgaben, beim Zähneputzen oder Uno Spielen. Solche Momente kommen einfach so. Vorausahnen kann man sie nicht und herbeirufen schon gar nicht. Es sind Momente, in denen eine Tür aufgeht, die sich selten öffnet. Selbst, wenn das Verhältnis zwischen Kind und Elternteil noch so innig und vertraut ist. Ich liebe diese Situationen, diese Magic Moments.

Neulich abends saß ich lesend im Wohnzimmer, als unsere Tochter Frida (8) die Treppe herunterkam. Ich bemerkte gleich, dass ihr etwas auf dem Herzen lag. Langsam und zögerlich, aber trotzdem bestimmt kam sie zu mir. Ich legte mein Buch zur Seite. „Was ist los, mein Schatz?“, fragte ich. Sie setzte sich und fragte leise: „Papa, darf man in der Schule so sein wie zuhause?“ Ich stutzte. „Wie meinst du das?“ Sie überlegte kurz: „Naja, weißt du, hier bin ich so wie ich bin. Ich tanze und bin verrückt. In der Schule bin ich nicht so. Da wäre mir das peinlich.“ Ich nickte. „Um was geht es denn? Warum bist du in der Schule anders?“ Sie zögerte. „Ich bin verliebt.“ „Oh“, ein großes Wort für eine Zweitklässlerin, dachte ich, antworte aber stattdessen: „Das ist doch schön.“ „Ja, aber ich weiß nicht, ob ich es dem Jungen sagen soll oder besser nicht. Er heißt Tom.“ „Hm, das ist auch nicht leicht zu beantworten. Wenn dir das unangenehm ist, dann warte ab. Du musst es Tom doch auch nicht sagen.“ Sie sah mich unglücklich an. „Weißt du, ich habe es Greta gesagt.“ „Dass du in Tom verliebt bist?“ Sie nickte und sah noch unglücklicher aus. „Oh, und Greta hat es Tom gesagt?“ Frida sah mich empört an. „Nein, hat sie nicht!“ Jetzt stand ich auf dem Schlauch. „Was ist dann das Problem?“ „Sie hat ihm gesagt, dass sie ihn toll findet und er hat sie auf die Wange geküsst. Und mich nicht!“ Jetzt kullerten ein paar Tränen. „Jetzt versteh ich“, seufzte sich. „Weißt du, Frida, das ist eines der schwierigsten Dinge, die es gibt – auch für Erwachsene.“ Ich strich ihr über den Kopf. „Wir können nie wissen, wem wir vertrauen können. Wir lernen das, je älter wir werden, mit jedem neuen Freund oder Freundin, die wir kennenlernen.“ Sie hörte mir aufmerksam zu. „Manchmal wird man enttäuscht von Menschen. Man verrät ihnen ein Geheimnis, und sie sagen es weiter. Das ist dann doof und tut weh. Aber so bekommen wir nach und nach ein Gefühl dafür, wem wir etwas anvertrauen können und wem nicht. Verstehst du?“

Zum Steinerweichen: küssende Kinder als Figuren für den Garten
Zum Steinerweichen: küssende Kinder als Figuren für den Garten
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19. Jan. 2023
von Matthias Heinrich
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10. Jan. 2023
von Matthias Heinrich
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Elternzeit ist nichts für Romantiker

Dirk ist ein alter Freund. Mit Mitte vierzig wird er zum ersten Mal Vater. Wie jeder moderne Mann spielt auch Dirk mit dem Gedanken, Elternzeit zu nehmen. Die Frage ist: wie lange und wann? Dirk hat mich nach meinen Erfahrungen gefragt. Bei unseren Kindern Theo (heute zehn Jahre alt) und Frida (acht) habe ich jeweils ein halbes Jahr Elternzeit genommen. Im Rückblick bin die Sache damals sehr naiv angegangen.

Manchmal ist es ganz schön viel. Meistens mehr, als man gedacht hat.
Manchmal ist es ganz schön viel. Meistens mehr, als man gedacht hat.
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10. Jan. 2023
von Matthias Heinrich
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03. Jan. 2023
von Maria Lobrecht
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Mehr Zeit für mich. Nur für mich.

Ich will hier raus. Immer wieder mal. Und das ist kein Fluchtreflex, sondern eher ein guter Vorsatz für das neue Jahr. Raus aus der Doppelrolle, in der ich mich oft gefangen fühle. Zum einen als Managerin auf dem aufsteigenden Karrierepfad, zum anderen nicht weniger als Hausfrau und Mutter, zumindest in meiner gefühlten Wirklichkeit.

In einer alten Fernsehwerbung, ich weiß nicht mehr für welches Produkt, strahlt eine gutaussehende Blondine in die Kamera und sagt in einer fiktiven Vorstellungsrunde, sie sei erfolgreiche Managerin eines kleinen Familienunternehmens. Gemeint war die Organisation ihres Familienalltags. Platt, aber irgendwie auch ziemlich zutreffend. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass die Rolle als Mutter und Hausfrau nicht weniger wertvoll und vor allem intensiv ist und die berufliche Seite durchaus kompensiert. Bei mir prallen beide Seiten aufeinander.

Ein Blick aus dem Fenster, ein Blick in die Ferne oder nach vorne
Ein Blick aus dem Fenster, ein Blick in die Ferne oder nach vorne

Der Weihnachtsbaum steht in der Ecke zwischen der Vitrine und der Terrassentür. Er sieht immer noch schön aus. Mein Mann und meine Tochter haben ihn Mitte Dezember in einem kleinen Weihnachtsbaumwäldchen ausgesucht und selbst geschlagen. Gestern nun hatte mein Mann die Idee, ihn abzuschmücken und zu entsorgen, weil er Weihnachten allmählich leid sei. Aber ich möchte den Baum noch ein paar Tage behalten. Vielleicht, weil er mich an die entspannten Weihnachtsfeiertage erinnert.

Draußen strahlt die Sonne. Sofort fallen mir die striemigen Fenster auf. Sie müssten dringend geputzt werden. Keine Zeit – und eigentlich auch keine Lust.

Morgen kommt schon wieder der nächste Besuch. Meine Schwägerin und ihre Mädchen wollen die letzten Ferientage bei uns genießen. Einfach mal raus aus dem Alltag, sagte sie. Bis gestern hatten wir über Silvester Besuch von Freunden aus Hamburg. Auch sie haben Ferien und brauchten mal einen Tapetenwechsel. Es war schön, aber vier Tage können eine lange Zeit sein.

Kochen, einkaufen, Spülmaschine ein- und ausräumen, die Kinder x-mal auffordern, ihre Zimmer aufzuräumen, Betten beziehen, Wäsche waschen, Staub saugen: das volle, normale Programm. Eigentlich haben mein Mann und ich jemanden, der einmal die Woche kommt und uns daheim hilft. Anders in den Weihnachtsferien, weil – man ahnt es – unsere Haushaltshilfe über die Feiertage einen Tapetenwechsel brauchte. Es sei ihr von Herzen gegönnt.

Die Waschmaschine läuft ohne Unterbrechung, erst Handtücher, dann das Bettzeug. Mein Mann muss noch einen Auftrag erledigen, den er schon längst fertig haben wollte. Die Kinder (Paul, 11, und Leni, 9) bekommen am Nachmittag Besuch von Freunden und räumen – nach endgültiger Androhung, diese Spielverabredungen sonst wieder abzusagen – endlich ihre Zimmer auf. Danach müssen sie etwas für die Schule machen, das hatten wir so für die letzte Ferienwoche vereinbart. Sie müssen den verpassten Stoff aus den beiden Krankheitswochen Mitte Dezember aufholen. So steht noch Englisch lernen mit Paul und Mathe mit Leni auf dem Programm. Da mein Mann sich in seinem Arbeitszimmer verkrochen hat, bleibt das an mir – mal wieder. Einkaufen müssen wir auch noch heute, mal sehen, wer das erledigt. Im Zweifel ich.

Es keimt wieder Frust in mir auf. Eigentlich wollte ich die Ferien auch für mich nutzen, mal abschalten von meinem stressigen Job-Alltag, Kraft und Energie für alle anstehenden Herausforderungen tanken, die neuen und die altbekannten.

Mein Mann und ich leben die umgekehrte Rollenverteilung: Ich arbeite in Vollzeit in Führungsposition in einem DAX-Konzern, mein Mann ist selbständig und kann sich seine Zeit freier einteilen. Damit ist er auch für viele Aufgaben in unserem Familienalltag zuständig. Zumindest in der Theorie. Eigentlich kriegen wir die Aufgabenverteilung und das auch in unserem Freundes- und Bekanntenkreis immer noch eher ungewöhnliche (und für viele auch unverständliche) Rollenmodell gut hin. Aber heute ist wieder so ein Tag, an dem ich hadere: Warum kriegen es Männer in der Hauptverdiener-Rolle eigentlich besser hin, sich nicht auch noch zu Hause für alles und jeden verantwortlich zu fühlen?

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03. Jan. 2023
von Maria Lobrecht
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27. Dez. 2022
von Chiara Schmucker
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Warme Herzen, kalte Häuser

„Tür zu“, brülle ich meinem Sohn hinterher, als er vom Wohnzimmer ins Treppenhaus schlüpft, um in seinem Spielzimmer weiter zu puzzeln. „Und dreh dir oben die Heizung auf 5 und setz dich auf den Teppich.“ Ich lausche, tapp, tapp, tapp auf der Treppe. „Hast du die Heizung an?“, rufe ich. „Jaaa“, kommt es von oben. „Guhut! Dann mach die Zimmertür zu, damit es warm bleibt.“

Unterhalte ich mich gerade wirklich mit einem Vierjährigen übers Energiesparen? Könnte man meinen. Es geht aber vor allem um seine Gesundheit. In diesem Winter ist es in unserem Haus nämlich in vielen Zimmern so kalt, dass man sich leicht erkälten könnte, wenn man sich länger dort aufhält. Wir heizen nur noch das Wohn- und Esszimmer, das ist für uns jetzt die Bauernstube geworden. Hier steht unser Kamin und auch der Herd mit Backofen, der nach dem Backen noch schön viel Restwärme abstrahlt. In den anderen Zimmern ist es oft so frisch, dass an den Scheiben Kondenswasser steht, das ich mit sorgenvoller Miene jeden Morgen abwische.

Mit Handschuhen und Mütze auf dem Sofa: eine Option für die ganze Familie?
Mit Handschuhen und Mütze auf dem Sofa: eine Option für die ganze Familie?

Dieser Winter hat es in sich – für uns alle. Wir als Familie haben unseren Energieschreck schon im Oktober erlebt, als unsere Vermieterin mit der Nebenkostenabrechnung vor der Tür stand. „Eigentlich wollte ich euch Weingummi mitbringen, weil es wirklich schlimm ist, was ich euch jetzt mitteilen muss“, sagte sie. 1500 Euro Nachzahlung für die Gasheizung, ein gestiegener Abschlag um 250 Euro im Monat. Wir kippten fast hinten über. Klar, wir haben seit vergangenem Jahr ein weiteres Baby im Haus, saßen fast das ganze Jahr im Homeoffice, und die Energiepreise sind seit dem Angriff auf die Ukraine explodiert. Aber so krass? Und das war ja noch die Rechnung für 2021. Nach dem ersten Schock sah ich mir die Zusammenstellung in Ruhe an und stellte fest, dass unsere Vermieterin sich verrechnet hatte. Aber der Schreck sitzt tief. Das Gefühl, auf einmal mehrere Tausend Euro mehr für Energie bereithalten zu müssen, bleibt ja bestehen. Wenn nicht mit dieser, so vielleicht mit der nächsten Abrechnung. Wir haben es oft genug in den Medien gehört.

Seither sparen wir Energie – und in unserem Haus ist es kalt geworden.

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27. Dez. 2022
von Chiara Schmucker
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22. Dez. 2022
von Chiara Schmucker und Sonia Heldt und Matthias Heinrich
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Das Fest, ein Kraftakt

Mit Weihnachtsbaum auf dem Nachhauseweg
Mit Weihnachtsbaum auf dem Nachhauseweg

Weihnachten mit hohem C

Wir hatten es uns so schön ausgemalt: Das erste halbwegs normale Weihnachten seit Beginn der Pandemie, die Großeltern im Haus, der Baum bei einem gemeinsamen Adventsevent mal wieder selbst geschlagen und nicht verschämt mit FFP2-Maske schnell im Baumarkt gekauft. Die Kinder gesund, das Haus geputzt, doch wir haben die Rechnung ohne das hohe C gemacht. „Der Papa hat Corona, da ist ein zweiter Strich auf seinem Test“, rief meine Mutter am 17. Dezember aufgeregt ins Telefon. „Chiara, ich muss aufhören, das erwischt uns grade eiskalt.“ In meinem Kopf rattere ich die Daten zusammen, 17 plus X ist gleich … Mist, auf jeden Fall zu wenig Zeit, um zusammen Weihnachten zu feiern. Inzwischen liegen beide Eltern flach, und wenn sie so lange positiv sind, wie wir es im Sommer waren, dann mindestens bis Silvester.

Seit der Pandemie ist bei uns weihnachtsmäßig der Wurm drin. 2020 haben wir uns allesamt zerstritten, weil ich schwanger mit unserem zweiten Sohn und sehr vorsichtig in Bezug auf Corona war. Testen war noch nicht üblich. Als meine Schwester, die im Gesundheitssektor arbeitete, spontan bei meinen Eltern vor der Tür stand, weil sie sich mit ihrem Freund verstritten hatte, ergriff ich panisch die Flucht. Lauter Wortwechsel, traurige Gesichter, ein verschnupftes Weihnachten.

Im vergangenen Jahr eröffnete uns mein Schwiegervater beim ersten Biss in den Weihnachtsbraten, dass er am Morgen einen positiven Test gehabt hatte, die zwei Tests danach seien aber negativ gewesen. Auch hier: Tränen, fluchtartiger Aufbruch, böse Worte und Enttäuschung auf beiden Seiten. Unser Baby hatte gerade zehn Tage das RS-Virus hinter sich, das auch in diesem Jahr wieder grassiert und die Kinderstationen in den Ausnahmezustand versetzt.

In diesem Jahr sind wir schon abgestumpft. Wir haben die Geschenke für meine Eltern in ein großes Paket verpackt und ein paar Smileys obendrauf gemalt. Wir haben gelernt, mit dem Virus zu leben, so traurig das ist. Wir haben akzeptiert, dass es unberechenbar ist, dass es schlummert und angreift, noch bevor Tests zwei Striche zeigen. Dass ein keine Garantie gibt, sich nicht zu infizieren, wenn man sich in einer Gruppe trifft. Wir werden es uns Weihnachten trotzdem schön machen, extra laut singen und mit einem Videoanruf die fehlende Nähe zumindest ein wenig ersetzen. Und vielleicht feiern wir nächstes Jahr einfach im Sommer.

(Chiara Schmucker)

Könnte bitte jemand eine Decke über mich und die Weihnachtszeit werfen?

Früher habe ich mich darüber aufgeregt, wenn es den Großeltern zu lästig war, die Weihnachtsgeschenke einzupacken. Dabei hatten sie es super bequem. „Kauft ihr etwas in unserem Namen für die Kinder? Wir geben euch das Geld zurück.“ Taten wir. Sie mussten es nur einpacken, an die glücklichen Enkelkinder übergeben und sich an ihren strahlenden Gesichtern erfreuen. Aber das Einpacken schien sie zu überfordern. In einem Jahr wünschte Lara sich ein FurReal-Pferdchen. Am ersten Weihnachtstag stand es unter dem Christbaum und meine Schwiegermutter hatte einfach lieblos eine Decke darüber geworfen. Ein anderes Jahr war es ein kleinerer Rucksack, der gefaltet problemlos hätte verpackt werden können und über den ebenfalls nur eine Decke geworfen wurde. Damals habe ich mich geärgert. Für Kinder gehört das Auspacken zum Weihnachtszauber dazu. Der spannendste Moment überhaupt! Man will das Päckchen schütteln und drücken. Ist wirklich das darin, was ich mir gewünscht habe? Man will die Sekunden der Enthüllung zelebrieren. Obwohl es schon so viele Jahre her ist, kann sich Lara (18) an ihre Enttäuschung, dass man ihr diese Vorfreude genommen hatte, noch sehr genau erinnern.

Meine eigene Mutter machte es nicht besser. Sie verwendet bis heute mit Vorliebe Geschenktüten und verzichtete ebenfalls größtenteils auf das zusätzliche Einpacken. Also versorgte ich für alle die Geschenke, packte sie ein und beschriftete die Päckchen mit Namen, um Verwechslungen zu vermeiden. 

In diesem Jahr kann ich meine Schwiegermutter und meine Mutter verstehen. Weihnachtsdeko aus dem Keller holen. Geschenke kaufen und einpacken. Plätze zum Verstecken finden und – noch wichtiger – sich an diese Plätze später wieder erinnern können. Einkäufe im vollen Supermarkt erledigen. Den Baum schmücken. Nach all den Jahren – die Kinder inzwischen groß, der Zauber der Weihnacht verflogen – empfinde ich diese jährlich wiederkehrenden Tätigkeiten als ermüdend und anstrengend. Tradition hin oder her.

Wenn es nach mir ginge, würde ich dieses Jahr am liebsten über die gesamte Weihnachtszeit eine Decke werfen. Ich bin so schrecklich müde und erschöpft. Die Weihnachtsgeschenke für meine Töchter habe ich fast alle online bestellt. Ich bat Maya (15) um Hilfe: „Kannst du wenigstens Laras Geschenke einpacken? Ich muss hier noch so viel tun.“  Doch Maya schüttelte den Kopf. „Weißt du wie gestresst ich gerade bin? Ich habe wirklich keine Zeit.“

Seit November grassieren die Viren in allen möglichen Varianten. Irgendjemand im Haus ist immer gerade verschnupft, fühlt sich unwohl, hustet oder ist heiser. In einer Woche saßen in Mayas Klasse von neunundzwanzig gerade mal zehn (halbwegs) gesunde Kinder. Den kompletten versäumten Unterrichtsstoff nachzuarbeiten, ist so gut wie unmöglich.  Maya schrieb in der letzten zwei Schulwochen vier Arbeiten. Der ständige Unterrichtsausfall durch kranke Lehrer nervt, weil dadurch die Arbeiten teilweise verschoben wurden und sich stauten. Neben der Schule liefen andere wichtige und zeitaufwendige Dinge. Maya betreibt Kunstlauf im Verein. Das gesamte letzte Wochenende war sie bei den Aufführungen eingespannt, für die Wochen und Monate vorher intensiv geprobt wurden. Drei Tage voller Adrenalin, ohne Zeit für irgendetwas anders.

Lara macht nächstes Jahr Abi und steckte im Dezember in der Klausurphase. An ihrer Zimmerwand hängen riesigen Plakate über Chromosomenmutationen, DNA-Informationen und Zuckermoleküle. An den Wochenenden geht sie arbeiten, um sich etwas dazuzuverdienen. Wenn sie dann nachmittags nach Hause kommt, ist sie meistens so kaputt, dass sie bis abends schläft. Ich arbeite zurzeit die Nächte durch, weil ich meine Abgabetermine sonst nicht schaffe. Die gesamte Familie pumpt sich mit Vitaminen voll und hofft, nicht komplett schlappzumachen. Von besinnlicher Vorweihnachtszeit ist in unserem Haus nichts zu spüren. Gemütliches Adventsfrühstück? Plätzchen backen? Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt schlürfen? Dazu fehlte uns bisher allen die Zeit und Energie. Es gab kurze Einheiten, wie der Weihnachtsmarktbesuch mit Maya nach dem Kieferorthopäden-Termin. Sie verdrückte ihr Crêpe und drängelte dann: „Mama, ich muss unbedingt heute noch Französischvokabeln üben, und du hast versprochen, mir bei Mathe zu helfen.“

Vor zwei Wochen nahm ich mir die Zeit, die ich eigentlich nicht hatte, und fuhr zu meiner Mutter. Wir waren frühstücken, und anschließend beriet ich sie beim Geschenkeeinkauf. Es war ein verregneter Montagvormittag. Die Stadt war menschenleer und alles entspannt. „Soll ich ihnen die Sachen weihnachtlich verpacken?“, fragte die Verkäuferin an der Kasse. Meine Mutter und ich nickten dankbar. „Ja, sehr gerne und wenn sie die Päckchen noch mit Namen beschriften könnten, wäre das großartig.“

(Sonia Heldt)

Gnadenbringende Weihnachtszeit

Ehrlich gesagt, kann mir Weihnachten dieses Jahr jetzt gerade gestohlen bleiben. Am Montag habe ich erfahren, dass ein Projekt, in das ich seit anderthalb Jahren sehr viel Energie und Enthusiasmus gesteckt habe, am Jahresende eingestellt wird. Angeblich finden sich keine Investoren, Ukraine-Krieg und Corona sind schuld. Die Geschäftsführung hat das den freien Mitarbeiter in einer Mail mitgeteilt, die so kalt formuliert war, dass Wladimir Putin wahrscheinlich anerkennend genickt hätte.

Wenn ich an meine Kollegen denke, von denen einige rechnerisch meine Kinder sein könnten, wird mir übel. Sie haben kurz vor Weihnachten diese Hiobsbotschaft bekommen und wissen nicht, wie sie ab Januar ihre Miete bezahlen sollen. Einer ist erst im November Vater geworden. Der Schlag in ihr Kontor ist so viel härter als bei mir. Darüber könnte ich froh sein und denken, nun sei mal happy mit dem, was du hast. Aber so bin ich nicht. Nein, bei mir kommt keine Weihnachtsstimmung auf.

Dabei sind wir in diesem Jahr so gut vorbereitet wie lange nicht. Die Adventskalender für unsere Kinder hingen tatsächlich schon vor dem 1. Dezember – komplett gefüllt. Die Weihnachtsgeschenke sind schon im Sack, die Essensfrage ist mit Raclette für alle zufriedenstellend beantwortet, und den Weihnachtsbaum haben meine Tochter und ich schon vor Wochen besorgt. Die Weihnachts-Playlist von Rolf Zuckowski bis George Michael läuft bei uns in Dauerschleife. Alles paletti, die Infrastruktur funktioniert. Dumm nur, dass unsere komplette Familie – meine Frau, unsere beiden Kinder (8 und 10 Jahre alt) und ich – in der Vorweihnachtszeit fast zwei Wochen krank zuhause waren. Alle waren nölig, genervt und verschnupft. Die Aussicht, in ein paar Wochen endlich Quality Time mit der Familie zu haben, war für mich ähnlich verlockend wie eine Nebenhöhlenentzündung …

Angesichts von Hiobsbotschaften kommt der Mensch ins Grübeln. Ich zumindest tue das, wenn ich aus heiterem Himmel erfahre, dass ich einen mir sehr wichtigen Job verloren habe. Dann kommen mir merkwürdige Dinge in den Sinn. Ich frage mich, welcher Impuls die Erinnerung an ganz konkrete Situationen auslöst. Ich habe keine Antwort darauf. Diese kam mir auf einer Fahrt zur Autowerkstatt. Im Radio lief keine Weihnachts-, sondern eine 80s-Playlist, vielleicht war es das.

Vor fast dreißig Jahren, kurz vor dem Abitur, hatten wir ein Kurstreffen mit unserer Mathe-Lehrerin. Die Frau war fast 60 und in ihrem Job weder gut noch beliebt. Ihr schlechter Ruf eilte ihr voraus. Weil wir aus irgendeinem Grund auf dieses Kurstreffen drängten, lud sie uns schließlich zu sich nach Hause ein. Sie lebte allein in einer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus. Sie hatte sich richtig ins Zeug gelegt. Unter anderem servierte sie uns eine köstliche Gazpacho, die erste meines Lebens. In ihrer Küche hingen viele Urlaubspostkarten aus den unterschiedlichsten Ländern. Mensch, die gute Frau kennt ja doch einige Leute, dachte ich. Dann sah ich mir die Karten genauer an. Sie hatte sich alle selbst geschrieben, von jeder einzelnen ihrer einsamen Reisen. Nicht eine einzige war von jemand anderem. Jede begann mit den Worten „Liebe Erika…“

Das menschliche Gehirn sucht sich einen Weg, um mit einer bestimmten, unangenehmen Situation klarzukommen. Davon bin ich überzeugt. Unser Sohn Theo geht seit dem Sommer aufs Gymnasium. Seit dem Sommer hat er ein Handy. Seit dem Sommer hat er sich verändert. Seit einigen Wochen spielt er wieder mit Dingen, die er seit fast zwei Jahren nicht mehr in die Hand genommen hat, mit Drachen und Schleich-Figuren. Auf seinem Wunschzettel fürs Christkind, an das er selbst nicht mehr glaubt, seiner Schwester zur Liebe aber mitmacht, stehen entsprechende Geschenkewünsche. Sein Leben ist neu, sein Alltag anders. Darum greift der Junge zwischen dem Berechnen von Termen und den Englisch-Vokabeln auf Bekanntes zurück, um wieder etwas fester auf dem Boden zu stehen.

Seine Schwester Frida zählt seit Wochen die Tage bis zum Heiligabend: „Wann stellen wir den Baum auf, Papa?“ Als wir am Sonntag die vierte Kerze angezündet haben, hat sie vor Freude gejuchzt. Gleich werde ich in den Keller gehen und den Weihnachtsbaumständer hochholen. Wir stellen ihn heute Abend auf, geschmückt wird er am Heiligabend, während im Hintergrund die Weihnachts-Playlist laufen wird. Was ist es für ein Glück, Weihnachten nicht allein zu sein.

(Matthias Heinrich)

22. Dez. 2022
von Chiara Schmucker und Sonia Heldt und Matthias Heinrich
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13. Dez. 2022
von Matthias Heinrich
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Zu krumm, zu kahl, zu klein – der ewige Streit um den Weihnachtsbaum

Vater, Tochter und der Weihnachtsbaum Privatfoto von Matthias Heinrich
Eine heikle Wahl: Nachdem der Weihnachtsbaum geholt wurde, haben Vater und Tochter das erlebte in Bildern festgehalten. (Privataufnahme)

Bei uns in der Familie gilt beim Thema Weihnachtsbaum Teamwork. Meistens suchen wir (zwei Erwachsene, zwei Kinder) gemeinsam einen Baum aus. In unserer Berliner Zeit haben wir aus Verlegenheit schon einmal bei einem Baumarkt zugegriffen. Aber seit wir in Franken leben, steuern wir immer den gleichen Christbaumhof an. Hier gibt es nicht nur Nordmanntannen und Blaufichten in Hülle, Fülle und allen Größen, sondern auch heiße Waffeln und Glühwein. Wir lassen uns Zeit. Das sollte man bei der Wahl des Baumes immer tun. Vier, sechs oder acht Augen sehen mehr als zwei. Gerade in Sachen Weihnachtsbaum ein Rat, den ich gerne teile.

Stressig, aber vor allem schön. Das waren die Weihnachten meiner Kindheit. Kurz vor den Feiertagen ging es in der Bäckerei meines Vaters im wahrsten Sinne des Wortes heiß her. Es duftete nach Stollen und Spekulatius, die Konditoren hatten – damals wirklich noch mit den eigenen Händen – kleine Kunstwerke wie Würfel und Schneemänner aus Marzipan geformt und mit dunkelbrauner Kuvertüre verziert.

Das war für Kinder paradiesisch, wie sich die Leserinnen und Leser denken können, bedeutete für meinen Vater und seine Leute aber harte Arbeit. Am Tag vor Heiligabend ging es um acht Uhr abends los in der Backstube. Die ganze Nacht hindurch wurde geschuftet, damit die Kunden, wie mein Vater immer zu sagen pflegte, über die Feiertage genug Kuchen, Brot und Brötchen hatten. Bis zwölf Uhr hielt der Trubel an, dann schlossen unsere Backläden. Mein Vater machte die Abrechnungen, dann legte er sich erstmal schlafen, bis kurz vor der Bescherung.

Ich weiß nicht genau, wie er es angestellt hat, auf alle Fälle besorgte mein Vater jedes Jahr auch unseren Weihnachtsbaum. Zwischendurch, von irgendeinem Hof irgendeines Kunden. Warum er das nicht schon Tage eher tat, wie meisten anderen Väter, oder warum nicht unsere Mutter einfach losging, um den Baum zu organisieren, sind gute Fragen, die ich im Nachhinein nicht klar beantworten kann.

Feststeht: An jedem Heiligabend stand mittags ein Tannenbaum in unserem Wohnzimmer. Bevor meine zwei jüngeren Geschwister (Schwester und Bruder) und ich mit dem Schmücken begonnen, inspizierte unsere Mutter den Baum kritisch. Sie fand immer etwas, das ihr nicht passte: „Der Baum ist krumm, guck mal, wie schief der ist.“ Oder: „Einen kleineren konntest du wohl nicht finden?“ Oder: „Schaut mal, wie kahl der ist. Der hat oben überhaupt keine Zweige. Da gibt es nichts zu schmücken.“ Mein Vater nahm das meistens kommentarlos hin. Manchmal antwortete er aber: „Es gab keinen anderen Baum mehr. Das war der schönste, den sie hatten.“ „Das kann ich mir nicht vorstellen“, antwortete unsere Mutter. „Du kannst ihn ja nächstes Jahr gerne besorgen.“ „Das mach ich auch.“ Machte sie aber nie – zumindest nicht, bevor ich erwachsen wurde. Der Weihnachtsbaumstreit setzte sich all die Jahre fort, bis wir irgendwann nach dem Tod meines Großvaters in dessen riesiges Bauernhaus umzogen.

In meiner Erinnerung war der Streit um den Baum harmlos. Ein wiederkehrendes Spiel, das zu unserem Heiligabend gehörte wie das „Oh du Fröhliche“ beim Gottesdienst, das helle Glöckchen, das zur Bescherung läutete und die Bockwurst mit Kartoffelsalat. Ich vermute, dass meine jüngeren Geschwister diese Streitereien bedrohlicher fanden. Meine Schwester beteuerte jedem gnadenlosen mütterlichen Urteil entgegen, wie schön sie den Baum fände, und stellte sich damit demonstrativ an die Seite unseres Vaters. Es besteht kein Zweifel daran, dass unsere Mutter es genoss, meinen Vater wegen der für ihren Geschmack krummen, kahlen und kleinen Bäume alljährlich aufzuziehen. Ob ihr die Bäume tatsächlich missfielen, bleibt ihr Geheimnis.

Dann kam das Weihnachten, bei dem ich die Sache in die Hand nahm. Es sollte der – neudeutsch – Gamechanger sein. „Mama, dieses Jahr besorgen wir den Weihnachtsbaum“, sagte ich eines Tages noch vor dem Heiligabend entschlossen. Bevor sie sich versah, saßen wir schon in ihrem alten Volvo. Das war ein Schiff von einem Auto, mit Platz genug für den Weihnachtsbaum der Weihnachtsbäume, der stattlich, üppig begrünt und kerzengerade sein sollte. Sogar die Rücksitzbank hätte ich schon eingeklappt. Es sollte nichts schiefgehen.

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13. Dez. 2022
von Matthias Heinrich
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06. Dez. 2022
von Matthias Heinrich
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„Ich komme nur zu deinem Geburtstag, wenn Franzisca nicht an meinem Tisch sitzt!“

Ein Kindergeburtstag ist eine tolle Sache – für die Kinder. Für die Eltern bedeutet eine Feier bei aller Freude immer Stress. Man muss den Aufwand im Blick halten und hat – über das Kuchenbacken hinaus – eine Menge zu organisieren. Eine gute Vorbereitung ist (fast) alles. Aber es gibt Dinge, auf die haben Eltern keinen Einfluss. Das betrifft vor allem die Partygäste, wie meine Frau und ich jetzt feststellen durften.

Unsere Kinder haben eine Woche nacheinander Geburtstag. Mit Theo ging es los. Er ist zehn geworden. Nachdem seine Partys coronabedingt zweimal ins Wasser fielen, gingen wir in die Soccerhalle. Erst Kuchen, dann anderthalb Stunden Fußball spielen, zum Abschluss Pizza.

Dann eine Woche später war unsere Tochter Frida dran. Entgegen aller Vorschläge mit Trampolinhalle oder Indoor-Kletterwand wollte sie ihren achten Geburtstag partout zu Hause feiern. Das Programm stand schnell. Nach dem Begrüßungskuchen sollte es eine Schatzsuche geben, danach Disco im Keller und zum Abendessen Hot Dogs und Spaghetti.

An dieser Stelle dürfen Leserinnen und Leser gerne einen Tipp abgeben, welche der beiden Veranstaltungen – Soccerhalle oder Schatzsuche – eskalierte. Long Story short: Die Fußballer waren es nicht. Dabei hatte ich ziemlichen Respekt vor dem Geburtstagskick. Denn ich war allein mit zehn zehnjährigen Jungen. Darunter sehr starke Charaktere, die schnell mal sauer werden, wenn es nicht so läuft wie sie es gerne hätten – allen voran Theo selbst.

Kindergeburtstage aus Elternsicht? Augen zu und durch!
Kindergeburtstage aus Elternsicht? Augen zu und durch!

Diese Sorgen waren unbegründet. Das Geburtstagskind stellte zwei absolut gleichstarke Teams auf. Es ging heiß und laut zu, natürlich gab es ein paar Meinungsverschiedenheiten, und die mitgebrachten Kühlpacks kamen zwei-, dreimal zum Einsatz. Aber meine Aufgabe während der neunzig Minuten Spielzeit bestand im Grunde nur daran, den Eifer der Jungen alle Viertelstunde für die vorher vereinbarte Trinkpause zu unterbrechen. Zum Schluss durfte ich ein paar Minuten mitspielen, weil es in der riesigen Halle ziemlich kalt war. Darum musste ich intensiv betteln. Beim Pizzaessen wurde es nochmal laut und trubelig. Aber am Ende des Abends meldete ich meiner besorgten Frau: „Keine besonderen Vorkommnisse“.

Das gleiche Fazit erwartete ich, auch eine Woche später nach Fridas Party ziehen zu können. Ehrlich gesagt, hatte ich daran keinen Zweifel. Zumal meine Frau und ich die Sache dieses Mal gemeinsam in die Hand nahmen. Sie bereitete Kuchen, den zu findenden Schatz und die Disco vor. Ich erarbeitete in zwei Stunden konzentrierter Arbeit – wie ich unbescheiden feststellen möchte – eine ziemlich gute Schatzsuche. Diese führte uns quer durch unser Städtchen und letztlich zu einem Spielplatz, wo die Mädchen den Schatz unter Triumphgeheule aus seinem Laubversteck bergen sollten. So hatten wir uns das zumindest vorgestellt.

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06. Dez. 2022
von Matthias Heinrich
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21. Nov. 2022
von Matthias Heinrich
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Kinder und Qatar: Warum wir mit reinem Gewissen die WM gucken

Thomas Müller, Joshua Kimmich und Youssoufa Moukoko beim Training in Al Shamal

Theo hat bald Geburtstag. Er wird zehn Jahre alt. Nachdem die letzten beiden Geburtstagsfeiern Corona-bedingt ausgefallen sind, wird dieses Jahr wieder richtig gefeiert. Mit zehn Jungs geht´s in die Soccerhalle. Erst anderthalb Stunden kicken, dann Pizza essen. Am Wochenende hat er die Einladungen gebastelt. Jeder Gast bekommt eine ganz individuell gestaltete. Dafür hat Theo ein paar seiner heißgeliebten Fußball-Sammelkarten geopfert. Jeder Gast bekommt eine Einladungskarte, auf die ein Spieler geklebt wurde. „Felix spielt gerne in der Mitte, der bekommt Kimmich. Mbappé ist für Miguel, der ist schnell und fummelt immer. Und Peter, der alte Bayernfan, bekommt Müller“, so hat Theo seine Auswahl begründet.

Und so kommt es, dass wir bald mit einer Fußball-Weltauswahl Theos Geburtstag feiern. Kicken und danach Pizza und Papageienkuchen essen. Der Junge kann sich nichts Schöneres vorstellen. Natürlich interessiert er sich für die WM. In seinem Zimmer hängt der Spielplan, jeden Morgen checkt er bei „kicker“, was es Neues gibt in der Fußballwelt. Er spielt Fußball im Verein. Manchmal freut er sich schon morgens beim Frühstück: „Heute ist endlich wieder Training. Papa, ich muss dir nachher einen neuen Trick zeigen.“

Die WM in Qatar steht aus so vielen Gründen unglaublich berechtigt in der Kritik. Wir kennen alle die Dinge, die in dem kleinen Land in der Wüste im Argen liegen: Menschenrechte, Unterstützung von Terroristen, Diskriminierung von Minderheiten, fehlende Gleichberechtigung, Korruption, Energiepolitik. Mehr als die Hälfte der Deutschen will sich einer Umfrage zufolge die Spiele der Fußball-WM darum nicht anschauen. Erst einmal beeindruckende Zahlen. Das Eröffnungsspiel haben gut sechs Millionen Menschen in Deutschland gesehen, vor viereinhalb Jahren in Russland waren es mehr als zehn Millionen.

Ich mache es wie immer. Aller Missstände zum Trotz, werde ich so viele WM-Spiele wie möglich ansehen. Das mach ich, seit ich acht Jahre alt bin. Seit der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien. Seitdem gab es bei uns zu Hause keinen Streit mehr zwischen meinem Vater und mir, ob wir samstags die Sportschau oder die Sesamstraße schauen. Seit dieser WM 1982 bin ich Fußballfan: Skandalspiel, Fallrückzieher, Elfmeterschießen, Endspielniederlage. Ich liebe den Sport. Seit über zwanzig Jahren bin ich außerdem Sportreporter und schaue die Weltmeisterschaften allein schon deshalb.

Jetzt habe ich einen Sohn, der den Fußball liebt wie ich. Wie ich es mir immer gewünscht habe, ehrlicherweise. Der im Verein spielt und dessen Trainer ich bin. In Theos Zimmer hängen Fußballer-Poster, Haaland und Sané. Er hat ein kleines Tor und einen Schaumstoffball. Damit spielt er stundenlang seine eigenen Weltmeisterschaften, die er auf einem Zettel dokumentiert. Für Theo gibt es nichts Schöneres als gemeinsam mit seinem Vater samstagabends die Sportschau zu schauen. Er hält mir sogar einen Platz frei, obwohl außer uns eh keiner schaut.

Theo geht in die fünfte Klasse eines Gymnasiums. Ihn interessiert, was in der Welt passiert. Natürlich haben wir darüber gesprochen, dass Qatar auf dem größten Erdgasfeld der Welt liegt und die Qataris darum sehr viel Geld haben, ohne dass sie die Weltmeisterschaft höchstwahrscheinlich nicht bekommen hätten. Geld, mit dem sie riesige Stadien gebaut haben, die nach der WM niemand mehr brauchen wird.

Wir haben darüber gesprochen, dass beim Bau der Stadien viele Arbeiter gestorben sind, dass diese Bauarbeiter aus ärmeren Ländern kamen. Viele aus Nepal, wo der Mount Everest ist, aber halt kein Gas. Dass diese Menschen nach Qatar gekommen sind, um Geld für ihre Familien zu verdienen.

Theo hat erfahren, dass die Qataris, obwohl sie reich sind, den Arbeitern wenig Geld bezahlt haben, viel weniger als Bauarbeiter in Deutschland verdienen. Und dass sie unter Bedingungen gearbeitet haben, unter denen niemand in Deutschland freiwillig arbeiten würde und dass viele Arbeiter auf den Bauställen in der Hitze der Wüste gestorben sind. Theo wollte wissen, warum niemand etwas dagegen macht. Ich habe ihm erklärt, dass die halbe Welt das weiß. Auch der Fußball-Weltverband, die FIFA, die aber nichts dagegen unternimmt, weil sie so unglaublich viel Geld mit dieser Weltmeisterschaft verdient.

Theo und ich haben ein paar Mal über Gastgeber Qatar gesprochen, auch noch einmal bevor ich diesen Text geschrieben habe. Auch in der Schule und bei seiner Fußballmannschaft war Thema, was in Qatar passiert. Er fand es irre, dass in Deutschland Energie gespart werden muss, Turnhallen kälter sind als sonst, während in Qatar in den Stadien die Klimaanlagen laufen, ohne die niemand bei der Hitze Fußball spielen könnte.  

Sonntag haben wir das Eröffnungsspiel zwischen Ecuador und Qatar geschaut. Es war eher ein langweiliger Kick, aber dann wurde der Emir von Qatar eingeblendet. „Ist das der Mann, der die Bauarbeiter hat sterben lassen?“ fragte Theo. „Naja, das ist der Mann, der die WM in sein Land geholt hat.“ Neben ihn saß ein kahlköpfiger Mann im Anzug und lächelte, Fifa-Präsident Gianni Infantino.

Am Samstag lächelte Infantino nicht. Da holte er bei einer Pressekonferenz zur Generalwatschen gegen das demokratische Europa aus. Gegen die Länder, die die Dinge, die in Qatar zu kritisieren sind, immer wieder kritisieren. Außerdem sprach Infantino von Doppelmoral und Geschichte. Das war schon peinlich, er steigerte es aber noch, indem er sagte: „Heute fühle ich mich als Katarer, heute fühle ich mich als Araber, heute fühle ich mich afrikanisch. Heute fühle ich mich homosexuell. Heute fühle ich mich behindert. Heute fühle ich mich als Arbeitsmigrant“.

In einem einzigen Satz verspottet der Mann alle Minderheiten dieser Welt. Ein Mann, der, wenn er sich nicht gerade als etwas „fühlt“, was er nicht ist, dem reichsten und skrupellosesten Sportverband der Welt vorsteht, der in Korruptionsskandale verwickelt war und der eine Fußball-WM in die Wüste vergeben hat. Infantino selbst wohnt seit ein paar Monaten mit seiner Familie in Qatar. Er hat sich seine Macht gesichert, in dem er sich gut mit Despoten und Tyrannen stellt, die in ihren Ländern auf die Rechte der Menschen pfeifen, als die sich Infantino bei seiner Rede „gefühlt“ hat.

Seine Wiederwahl als Fifa-Präsident kommendes Jahr gilt als sicher. Vier der sechs Fußball-Kontinentalverbände hat er hinter sich, nur Europa (UEFA) und Südamerika (COMEBOL) sind skeptisch. Es gibt keinen Gegenkandidaten, weil sich niemand traut, gegen den Schweizer anzutreten. Der konnte sich am Montag plötzlich nicht mehr an all das erinnern, als das er sich am Samstag „gefühlt“ hatte. Wohl auf Druck Qatars drohte die Fifa Strafen für den Fall an, wenn die Kapitäne europäischer Teams mit den „One Love“-Binden auflaufen, mit denen sie ein Statement für sexuelle Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit setzen wollten. Die Binden bleiben jetzt im Schrank.  

All diese Machenschaften, diese Zusammenhänge sind einem Zehnjährigen schwer zu vermitteln. Aber allesamt sind sie gute Gründe, diese Weltmeisterschaft zu boykottieren, diesem kaputten Fußballsystem die kalte Schulter zu zeigen, den Fernseher aus zu lassen. Aber trotzdem werden mein Sohn und ich uns das ansehen. Weil es geht, weil es stattfindet, weil Fußball trotz gekaufter Weltmeisterschaften und Fans sowie Hochglanzstadien, an denen Blut klebt, noch immer ein wunderbareres Spiel ist, das verzaubern kann.

Diese Haltung mag mancher für egoistisch oder ignorant halten. Die Frage ist, ob wir all das Schlechte ausblenden können, ob das für mich funktioniert, diese WM wirklich mit gutem Gewissen zu verfolgen? Ja, das funktioniert, weil ich mir und meinem Sohn klargemacht habe, dass die Umstände, wie diese WM zustande gekommen ist, skandalös sind. Kindern geht es beim Fußball nur um Fußball. Um nichts mehr.

21. Nov. 2022
von Matthias Heinrich
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15. Nov. 2022
von Naima Nebel
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Entlastung beim Geburtstagskuchen

In unserem fünfköpfigen Haushalt fallen drei Geburtstage auf den November, einer auf den Juni und einer auf den September. Da ich gerne backe und auch gerne Gastgeberin bin, bedeutete dies lange Zeit für mich, dass ich mich komplett austoben kann.

Mit der freundlichen Unterstützung von Pinterest und Instagram habe ich je nach Alter und individueller Präferenz Dinosaurier-, Piraten-, Starwars- und auch Eisköniginnen-Feiern ausgerichtet. Dabei haben Samra, Malik und Amir ihre Einladungen für die Freundinnen und Freunde selbst gebastelt und auch die Mitgebsel gepackt.

Unser erstgeborener Amir feiert seinen Geburtstag mit der Familie, mit seinen Freunden und im Turnen, Malik feiert seinen Geburtstag mit der Familie, mit seinen Klassenkameraden und dann noch mal mit der Fußballmannschaft. Und was die großen Jungs können, kann das Nesthäkchen Samra schon lange. Sie nimmt Kuchen mit in den Kindergarten, mit zu ihrer Turngruppe und auch für ihre Feier mit ihren Freundinnen wird gebacken. Um es auf den Punkt zu bringen, im November komme ich gefühlt aus dem Backen, Dekorieren und Verpacken nicht raus.

Während ich mich glücklich in meiner Perfect-Mom-Bubble von einer Feier zur anderen hangele, hat mein Mann Basti dafür nur ein müdes Lächeln übrig. Sein Beitrag zu der Partyorganisation beschränkt sich auf das Benennen verschiedener Optimierungsmöglichkeiten und die Last-Minute-Besorgungen.

Hätte er mal lieber Klartext gesprochen, welche Geister ich da herbeibeschwöre.

Denn jetzt liegt die Messlatte für Geburtstage doch leider ziemlich hoch und die Anzahl der Feiern pro Kind lässt sich nur schwer reduzieren. Gleichzeitig gab es bei mir aber durch die coronabedingte Feierpause einen Reality-Check. Braucht es wirklich drei Feiern pro Kind und: muss ich drei Mal pro Kind backen?  

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15. Nov. 2022
von Naima Nebel
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