Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

19. Apr. 2021
von Matthias Heinrich
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Wenn (nur noch) Neymar beim Lesen hilft

Nicht für jedes Kind ist es attraktiv, Lesen zwischen zwei Buchdeckeln zu lernen. Für manchen ist auch „Bravo Sport“ ein guter Einstieg.

Theo kommt in der Schule ganz gut zurecht. Den Umzug von Berlin nach Bayern und den damit verbundenen Schulwechsel hat unser Sohn ohne größere Probleme hinbekommen. Auch Corona hat seine Leistungen bisher nicht geschwächt. Er beteiligt sich eifrig im Unterricht, ist immer voll dabei, auch bei den Videokonferenzen. Seine Lernerfolge in Mathe, HSU (zu meiner Schulzeit hieß das Fach Sachkunde), Englisch, Kunst und in Deutsch sind durchweg gut. Im Sommer kommt er in die vierte Klasse.

Das Einzige, was uns nicht gefällt, ist Theos Rechtschreibung. Die ist, um es mal positiv auszudrücken, äußerst kreativ. Es kommt schon vor, dass er in einem kurzen Text ein und dasselbe Wort dreimal anders schreibt. Bis jetzt ist das nicht sonderlich relevant. Weil keine Diktate mehr geschrieben werden, hat seine miese Rechtschreibung keine Auswirkungen auf die Note. Trotzdem stört es uns. Nein, um ehrlich zu sein, ich ärgere mich sehr, wenn der Junge das Wort „kann“ zweimal richtig schreibt und beim dritten Mal plötzlich nur noch mit einem „n“. Das kan(n) doch gar nicht sein!

Eine Leuchte in Rechtschreibung war ich – ehrlich gesagt – auch nicht. Ich erinnere mich, wie ich in unserer kleinen Küche saß und mir meine Mutter stundenlang Texte diktierte, nachdem ich eine vier in einem Diktat mit nach Hause brachte. Es sind keine schönen Erinnerungen. Meine Mutter hatte genauso wenig Verständnis für meine Fehler wie ich jetzt für Theos, nur ließ sie mich das auch spüren. Haben mir diese Stunden in unserer kleinen Küche letztlich wirklich geholfen, Wörter richtig zu schreiben? Ich weiß es nicht.

Dabei ist jedem klar, was wirklich hilft: nämlich lesen, lesen, lesen. Nur ist das nicht so einfach. Denn Theo hat nicht besonders viel Lust zu lesen. Ja, er macht seine Hausaufgaben und liest auch die Texte im Lesebuch. Aber darüber hinaus hat er wenig Interesse an Büchern. Warum ist das so?

Seit dem Kleinkindalter lesen wir Theo und seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Frieda vor. Abends vorm Schlafengehen oder auch mal zwischendurch. Die Kinder lieben das, auch heute noch. Ab der zweiten Klasse habe ich das Buch Theo weitergegeben und er hat absatzweise vorgelesen. Das klappte nicht so gut, vor allem weil Frieda keine Gnade mit ihrem sich stockend durch die Zeilen quälenden Bruder kannte: „Oh Mann!“ seufzte sie ungeduldig, wenn Theo an einem langen Wort hängenblieb, um dann zu fragen: „Papa, kannst du bitte weiterlesen?“

Für Theo war das hart. Er wollte dann irgendwann nicht mehr vorlesen. Gut, dann sollte er eben für sich selbst schmökern. Nur was? Zunächst versuchten wir es mit den Abenteuern des kleinen Drachen Kokosnuss. Die hatte ich den Kindern vorgelesen und Theo hatte sich köstlich amüsiert dabei. Allein sprang der Funke aber nicht über. Dann vielleicht die Klassiker von Astrid Lindgren und Erich Kästner, die ich selbst verschlungen hatte: „Pippi Langstrumpf“, „Kalle Blomquist“, „Pünktchen und Anton“ und „Das doppelte Lottchen“? Nein, auch das war nichts für Theo.

Ich dachte nach. Laut meiner Mutter hatte ich plötzlich mit dem Lesen begonnen, als ich ihre Asterix-Hefte entdeckte. Na klar, Asterix und Obelix – das muss es sein! In unserem Keller stehen anderthalb Meter Comics im Regal. Aber auch da sprang der Funke nicht über. Kein Asterix, kein Lucky Luke, kein Percy Pickwick, kein Tim und kein Struppi konnten Theos Interesse wecken. Ich war enttäuscht.

Seine Schulfreunde lasen in der Zwischenzeit „Die Schule der magischen Tiere“ (da gefallen ihm die Hörbücher, immerhin), „Die drei Fragezeichen junior“ (die sind ihm zu gruselig) und sogar schon Harry Potter. Als ich mich gerade damit abfinden wollte, dass Theo vor seinem 18. Geburtstag sehr wahrscheinlich keine drei Bücher gelesen haben wird, passierte es. Eher zufällig brachte ich ihm aus dem Zeitschriftenladen eine „Bravo Sport“ mit – das ist der „Kicker“ für Kinder.

Theo liebt Fußball. Das Eis war gebrochen. „Papa, wusstest du, dass Haaland der geilste Stürmer der Welt ist? Papa, glaubst du, dass Götze noch einmal in der Nationalmannschaft spielen wird? Der ist übrigens jetzt in Eindhoven in Holland, wusstest du das? Papa, war dir klar, dass Neymar und Mbappé die besten Freunde sind?“ Solche Fragen bekomme ich täglich rund um die Uhr gestellt. Ich will aber nicht klagen, denn es hat funktioniert, der Junge liest. „Bravo Sport“ und vor allem Fußball sei Dank. Nach einem Champions-League-Spieltag bekommt das Kind jetzt am nächsten Morgen das Smartphone, liest die Spielberichte und gibt mir dann eine Zusammenfassung.

Auch das „Fifa Zocken“ auf der Spielekonsole hat eine neue Qualität. Theo managt im Karrieremodus eine Mannschaft. Er muss E-Mails lesen, beantworten, Verträge verhandeln und Spieler kaufen und verkaufen. Ob das pädagogisch fragwürdig ist, ist mir absolut Wurscht. Der Junge liest endlich. Inzwischen spielt er mit einem Softball in seinem Zimmer die Champions League nach. Er notiert die Spiele auf einem Zettel.

Unsere Geduld hat sich also ausgezahlt. Zwang oder zu viel Druck bringen gar nichts. Dem Kind zu sagen, wenn du liest, machst du weniger Fehler beim Schreiben, bringt aus meiner Erfahrung auch nicht viel. Kinder sollten Lesen und Schule trennen. Wenn ein Kind keine Lust hat, hilft es, Literatur zu einem Thema zu finden, zu dem ein generelles Interesse besteht. Eine Sportart, ein Hobby oder etwas in der Art. Irgendwann springt der Funke über. Was sich bei uns ebenso als hilfreich erwiesen hat: Man muss dem Kind immer wieder klarmachen, dass es durch die Fähigkeit zu lesen unabhängiger wird. Denn wenn man lesen kann, kann man auch entscheiden, was man liest.

In den Osterferien haben Theo und Frieda wieder einmal in einem Zimmer geschlafen. Abends hat er ihr vorgelesen. Es war ein Abenteuer des kleinen Drachen Kokosnuss. Es ging um seinen ersten Schultag in der Drachenschule. Frieda hat nicht einmal über seine Art zu lesen gemeckert. Im Sommer wird sie eingeschult. Anders als ihr Bruder wird sie eine Leseratte, da bin ich sicher.

19. Apr. 2021
von Matthias Heinrich
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13. Apr. 2021
von Sonia Heldt
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„Kann das weg und wenn ja, wohin?“

Was einmal unentbehrliches Spielzeug war, wird bald darauf nicht mehr gebraucht. Und dann? Foto: Mascha Brichta

Maya (13) stellt einen Stapel mit Brettspielen, Bücher und ihren Frisierkopf in den Flur. „Das kann alles weg“, sagt sie resolut. Meine Tochter hat ihr Kinderzimmer in den letzten Monaten nach und nach in ein cooles und urgemütliches Teenie-Quartier verwandelt. Der Startschuss dazu fiel kurz vor Weihnachten. Ihre große Schwester Lara (17) wünschte sich seit Ewigkeiten ein großes Boxspringbett. Bisher hatten mein Mann und ich auf Durchzug gestellt, hatten wir doch erst kürzlich einen neuen Lattenrost und eine neue Matratze für das massive Landhausbett gekauft. Doch dann gaben wir Laras sehnlichstem Weihnachtswunsch nach.

Es bot sich an, Laras Bett an Maya weiterzugeben und dafür endlich das Kinderhochbett, das bereits seit einiger Zeit kritisch wackelte, abzubauen. Maya reagierte skeptisch, erbat sich Bedenkzeit, stimmte dann zu und präsentierte uns gleichzeitig ihr ausgeklügeltes Zimmer-Neugestaltungs-Konzept. Sie wünschte sich neue Beleuchtung, ein Wand-Tattoo, einen neuen Teppich und einige weitere kleinere Veränderungen. Die Kinderlampe, die seit ihrer Geburt an der Decke hing, die Puppenecke und einiger anderer Krimskrams sollten weg.  

Die Puppenecke rauszuschmeißen fiel meiner Tochter leichter als mir. Es handelte sich schließlich nicht um irgendeine Puppenecke, sondern um das Zuhause der Puppenschwestern Johanna und Lena: Lena, die Puppe, bei der ich schon anspruchsvolle Reparatur-OPs hatte durchführen müssen. Und Johanna, die edle Puppe mit den wunderschönen Haaren, in die Maya sich Weihnachten 2011 auf den ersten Blick verliebt hatte und die ihr lange Zeit sehr viel bedeutete. Johanna und Lena besitzen alles, was das Puppenherz begehrt: Etagenbett, Kleiderschrank und Outfits für jede erdenkliche Gelegenheit. Doch in Mayas Konzept war kein Platz mehr für das alles.

Wohin aber mit den Puppen und ihrem Hausstand? Und wohin mit dem ganzen Kleinkram und den Stofftieren aus den Spielkisten? Wohin mit den ausrangierten Büchern?

Gemeinsam mit den Kinder ausmisten, auch schon mit den kleinsten

Ein Kinderzimmer auszumisten kann ein wahrer Kampf sein. Doch es geht kein Weg daran vorbei, wenn Kinder und Erwachsene nicht irgendwann im hoffnungslosen Chaos versinken wollen. Sich von überflüssigen Dingen zu trennen, schafft nicht nur Ordnung in Haus und Wohnung, sondern auch im Kopf. Es kann sich auf die Seele sehr befreiend auswirken!  

Schon als die Kinder klein waren, habe ich sie mit ins Boot geholt und selbst aussortieren lassen. Schließlich weiß man auch als Elternteil manchmal nicht, dass der hässliche Kirmes-Stoffteddy oder der billige Plastikring aus der Kinderzeitung eine besondere Bedeutung für das Kind haben. Manche Dinge entsorgt man besser nicht ungefragt! Diese Erfahrung machen alle Eltern früher oder später, wenn sie das schlechte Gewissen plagt, weil sie annahmen, dem Kind würde nicht auffallen, dass etwas heimlich entsorgt wurde.

Je kleiner die Kinder sind, desto schwerer fällt es ihnen in der Regel, sich von Dingen zu trennen. Teenager sind da bisweilen schon ambitionierter, wenn sie plötzlich und sprunghaft das Kapitel „Kindheit“ hinter sich lassen möchten. So wie ich es gerade bei Maya feststelle, die in den letzten Monaten ohne mit der Wimper zu zucken konsequent und radikal ihr Zimmer angegangen ist.

Kinder am Verkaufserlös beteiligen und selbst aktiv werden lassen

Früher hat das bei ihr anders ausgesehen. Als ich beispielsweise vor zwei Jahren die seit Ewigkeiten ungenutzte Kinderküche loswerden wollte, sträubte sie sich vehement. Ab und zu könnte sie ja für die Puppen noch einen Eintopf kochen oder die kleine Kaffeemaschine für ein Kaffeekränzchen anschmeißen. Erst als wir gemeinsam einen Verkaufspreis festgelegt und vereinbart hatten, dass sie sich davon einen Wunsch erfüllen kann, gab sie nach. Ich stellte die Küche bei den Kleinanzeigen ein, und kurz darauf holte eine junge Mutter sie für ihre zweijährige Tochter bei uns ab. Maya freute sich über das Geld, ich mich über den Platz im Keller und über die Vorstellung, dass ein kleines Mädchen die schöne Holz-Kinderküche nun ausgiebig bespielen und in Ehren halten würde.

Die Kinder am Verkaufserlös zu beteiligen, ist ein wunderbares Mittel, um ihnen den Abschied zu versüßen. Meine Töchter waren zeitweise sehr geschäftstüchtig. Der Großteil der aussortierten Dinge landete in einem gemeinsamen Topf. Da Lara schon immer ihre Spielsachen an die kleine Schwester weitergeben hatte, war vieles nicht mehr klar einem Kind zuzuordnen. Also wurde grundsätzlich gerecht geteilt.

Meine Töchter schütteten die Playmobil-Kisten aus (und davon gab es jede Menge!), sortierten die Kleinteile und bauten stundenlang für die Verkaufsfotos alles wieder themenbezogen zusammen. Dabei schwelgten sie in Erinnerungen: „Weißt du noch, Lara, die Feenwelt haben wir immer mit unseren Schleich-Elfen kombiniert.“ – „Ja, und neben dem großem Pferdestall befand sich der Bauernhof, auf dem die Ferienkinder ihre Reiterferien verbracht haben. Oh, mein Gott, dieses kleine, braune Pferd habe ich so geliebt. Das darf auf keinen Fall weg. Das behalten wir als Andenken.“ 

Was sich nicht für den Internetverkauf lohnte, sammelten die Mädchen in einem Umzugskarton. Sie schnappten sich im Sommer eine Decke und veranstalteten auf dem Gehweg vor unserem Haus ihren privaten Trödelmarkt. An manchen Tagen saßen sie stundenlang bei brütender Hitze unter einem Regenschirm und waren frustriert, weil der Verkauf sich nur schleppend gestaltete. An anderen Tagen wiederum wurden sie für ihre Hartnäckigkeit belohnt, und die Kasse klingelte ordentlich. Aufgeregt und mit erhitzten Gesichtern kamen sie dann ins Haus gestürmt und hielten mir einen Zwanzig-Euro-Schein unter die Nase: „Mama, unsere Kundin hat nur großes Geld. Kannst du wechseln?“

Der Kassensturz am Ende des Tages war für sie jedes Mal aufs Neue ein Highlight. Nebenbei lernten sie, sich zu einigen, wenn sie über Verkaufspreise diskutierten, und dass man etwas tun muss, wenn man Geld verdienen will.

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13. Apr. 2021
von Sonia Heldt
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06. Apr. 2021
von Matthias Heinrich
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Wenn Eltern die besseren Ärzte sein wollen

Wird das Kind krank, stehen Eltern oft vor der eigenen Hilflosigkeit.
Zwischen Hilflosigkeit und Entschlossenheit: Wird das Kind krank, stehen Eltern mitunter vor schwierigen Entscheidungen.

Wir waren auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Bus bewegte sich zäh durch den Feierabendverkehr im Berliner Winter. Unser Sohn saß vor mir im Kinderwagen und kränkelte vor sich hin. Er war gerade zwei Jahre alt geworden. Seit ein paar Tagen klagte er über Halsschmerzen und hatte Fieber. Das war nichts Ungewöhnliches. Seit er in die Kita ging, war er immer mal krank. Wir gaben ihm ein Fiebermittel und ließen ihn schlafen. So hatte es uns die Kinderärztin geraten. Das hatte sich bewährt. Blöderweise kam das Fieber aber nach kurzer Zeit zurück. Wir riefen bei der Ärztin an. Leider war die Praxis geschlossen.

In unserem Kiez Baumschulenweg im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick gab es zwar viele Kinder, aber zu der Zeit nicht besonders viele Kinderarztpraxen. Also schaute ich im Nachbarbezirk Neukölln nach einer Alternative. Schnell entschied ich mich für einen Arzt, der Theo schon einmal erfolgreich bei einer Mittelohrentzündung geholfen hatte.

Als wir am späten Nachmittag die Praxis erreichten, erfuhr ich bei der Anmeldung, dass der Doktor nicht da sei, sich seine Vertretung aber unseres Sohnes annehmen werde. Kurze Zeit später betrat ein älterer Herr das Behandlungszimmer. „Oje“, dachte ich in einem Anflug von Sarkasmus, „der Gute hat sicher schon Walter Momper behandelt.“ Der Arzt schien meine Skepsis zu bemerken. Er klärte mich auf, dass er diese Praxis einmal aufgebaut, sich inzwischen aber zur Ruhe gesetzt habe und jetzt ausnahmsweise für seinen Nachfolger einspringe. Dann untersuchte er Theo. Er hörte ihn ab, kontrollierte Rachen und Nase, runzelte die Stirn und brummte: „Hm …“ Ich wartete ab. Schließlich sagte er: „Ich kann es nicht sicher sagen, die Symptome sprechen eigentlich nicht unbedingt dafür, aber mein Gefühl sagt mir, der Junge hat Scharlach. Ich verschreibe Ihnen ein Antibiotikum.“

Kurz darauf kam ich mit dem Medikament, Theo und jeder Menge Zweifel aus der Apotheke. „Mein Gefühl sagt mir…“, dachte ich. „Der kann mir viel erzählen von seinem Gefühl. Der hat keine Ahnung.“ Bei Antibiotika hörte für mich der Spaß auf. Ich plagte mich selbst über ein Jahr lang mit einer chronischen Mandelentzündung herum. Sie wurde immer wieder mit Antibiotika behandelt, und es dauerte regelmäßig Wochen, bis mein Körper wieder hergestellt war.

Das „Gefühl“ des alten Arztes reichte mir nicht, und so bekam Theo kein Antibiotikum. „Das kriegen wir auch so in den Griff“, sagte ich entschlossen. Zwei Tage litt das Kind, dann fuhren wir ins Krankenhaus in Neukölln. Wir hatten damals kein Auto. Der Weg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln war umständlich: Erst S-Bahn, dann ein kleines Stück U-Bahn und zum Schluss einige Stationen in einem vollen Bus.

Ich kam mit einem Mann ins Gespräch. Er war klein, etwa sechzig Jahre alt und sprach sehr leise. Er führe zur Routineuntersuchung ins Krankenhaus, sagte er. Alle zwei Wochen müsse er dorthin. Fast vierzig Jahre habe er auf dem Bau gearbeitet und sich mit Asbest seine Gesundheit ruiniert. Er habe Lungenkrebs. Wie lange er noch zu leben hätte, wisse er nicht. Wir schwiegen eine Weile, ich sah zum fiebernden Theo hinunter.

Dann sagte der Mann, er sei immer eine halbe Stunde vor seinem Termin im Krankenhaus. Manchmal käme er dann eher dran. Dann wäre er schneller zu Hause, und seine Frau wäre nicht so lange allein. Die mache sich vor jedem Termin große Sorgen, dass er mit einer Hiobsbotschaft heimkäme.

Kurz darauf stiegen wir aus dem Bus. Ich ließ den Mann vor. Wir verabschiedeten uns vor dem riesigen Krankenhausgebäude. Bald saß ich mit Theo im Sprechzimmer. Ein sehr junger Arzt kam herein. Er erkundigte sich in kurzen Sätzen nach Theos Beschwerden. Ich berichtete – auch von meiner Skepsis seinem Kollegen gegenüber. Der Arzt nahm einen Rachenabstrich und verließ den Raum. Nach einer Viertelstunde kam er mit dem Ergebnis zurück: „Kein Zweifel, Ihr Sohn hat Scharlach. Das Antibiotikum haben sie ja bereits.“

Kurz darauf waren wir wieder im Bus. Ich schob den Kinderwagen hin und her und betrachtete meinen Sohn, der eingekuschelt in seiner Decke schlief. Wir fuhren durch den dunklen Berliner Winter. Ich dachte an die beiden Kinderärzte, an den krebskranken Mann und an seine wartende Frau.

Ich fühlte mich schlecht, meinem Sohn und dem alten Arzt gegenüber. Der hatte nichts falsch gemacht, sondern im Gegenteil sehr professionell agiert: Er teilte seine Zweifel mit mir, stellte aber trotzdem eine Diagnose und verschrieb ein Medikament. Ich dagegen nahm sein Zögern als Inkompetenz wahr und sprach ihm seine Expertise ab. Für mich war er im Grunde gar kein richtiger Arzt mehr, weil er nicht mehr praktizierte und zu alt war. Dass ich damit auf dem Holzweg war, machte der junge Arzt deutlich, der die Diagnose des ersten bestätigte. Wegen meiner falschen Interpretation hat unser Sohn zwei Tage vor sich hingekränkelt. Seit dieser Erfahrung holen wir bei Zweifeln sofort eine zweite Meinung ein und verabreichen den Kindern bei Bedarf auch selbstverständlich Antibiotika.

06. Apr. 2021
von Matthias Heinrich
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30. Mrz. 2021
von Chiara Schmucker
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Beim Zweiten ist alles schöner

Knapp drei Jahres ist es her, dass ich an dieser Stelle über ein Phänomen geschrieben habe, dass ich damals „Bauchfixierung“ genannt habe: Dass das gesamte Umfeld sich mit dem Tag, an dem eine Frau ihre Schwangerschaft bekannt gibt, bemüßigt fühlt, sie – und ihren Körper – dabei zu beobachten, ob auch alles richtig läuft. Wächst der Bauch auch schnell genug („Du hast ja gar keinen Bauch, bist du sicher, dass alles ok ist?“), verzichtet die Schwangere auch brav auf Koffein und Kantinensalat („da hab ich gleich gewusst, dass was im Busch ist“), und macht sie auch weiterhin ausreichend Sport („wir sind doch so Frauen, die auch nach der Schwangerschaft gleich wieder starten wollen, wo wir vorher aufgehört haben, nicht wahr?“)?

Ich weiß noch, wie schwierig es oft für mich war, diese Kommentare wegzulächeln, zu ignorieren oder charmant zu kontern. Wenn ich den Text von damals heute wieder lese, denke ich mir: Was sollte das eigentlich alles? Wie weit weg sind seit Corona alle diese Befindlichkeiten, Sticheleien und dass Sich-Gegenseitig-Stress-Machen. Als hätte die Einsamkeit der Pandemie, das Zurückgeworfensein auf die kleinste Einheit – als Familie, Paar oder Einzelperson – all das Plaque der zwischenmenschlichen Beziehungen weggespült und den Blick auf das Wesentliche freigelegt: Es gibt nichts Wichtigeres als die Gemeinschaft. Seien wir froh, solange wir sie haben, und halten uns nicht mit Nebensächlichkeiten auf!

Inzwischen bin ich zum zweiten Mal schwanger, doppelt so rund wie beim ersten Mal, dafür halb so geschminkt und dreimal so entspannt – und wo immer ich mit meinem Kugelbauch auftauche, freuen sich einfach alle. Ein neues Baby ist so etwas wie eine kleine Insel der Hoffnung in diesen Zeiten. Wen interessiert es da, ob die Mutter gewaschene Haare oder gezupfte Augenbrauen hat? Wir haben alle andere Sorgen – und außerdem sind die anderen weder besser frisiert noch trainiert. Niemand beäugt meinen Bauch, niemand gibt mir ungefragt Tipps, alle freuen sich einfach für uns.

Auch bei mir selbst merke ich nach einer unproblematischen ersten Schwangerschaft und Geburt, dass ich dieser zweiten Schwangerschaft völlig anders gegenüberstehe. Ich kann für mich sagen: Beim Zweiten ist alles schöner.

Was ich bei Max noch nicht konnte – loslassen, zulassen, daran glauben, dass dieses Kind trotz nicht ganz einfacher Vorgeschichte bleiben wird – ist diesmal kein Thema. Ich kenne die kleinen Signale meines Körpers und und gebe ihnen bereitwillig nach. Ich genieße es, mich voll in diese Schwangerschaft hineinzuwerfen, Gelüsten nachzugeben und für mich selbst völlig entspannt zu wissen, dass ich schon wenige Wochen nach der Geburt meinen „alten“ Körper zurückhaben werde.

Ich lege mich aufs Sofa, bevor ich nach dem Homeoffice in die Kita flitze, auch wenn die Küche dringend aufgeräumt werden müsste oder ich eigentlich noch schnell mal, ach was auch immer. Ich lege meine Hände auf den Bauch und fühle die erstaunlich kraftvollen Bewegungen des kommenden Geschwisterchens.

Als Max vor zweieinhalb Jahren zu uns kam, war das eine riesige Umstellung für uns. Alles war anders als geplant, er schlief nicht und weinte umso mehr. Wir, die wir immer spontan und flexibel waren und sein wollten, übernahmen schließlich die strengen zeitlichen Abläufe aus der Kita, da wir merkten, dass sie Max Sicherheit und Ruhe gaben. Frühstück um 8, Snack um 10, 11.30 Uhr Mittagessen, danach Mittagsschlaf. Wie ein Uhrwerk steht er seit vielen Monaten morgens um 6.45 Uhr an meinem Bett, und ich muss zugeben, dass auch mir diese Berechenbarkeit Ruhe gibt. So sehr ich den Wochenenden nachweine, an denen wir erst zu Mittag aus dem Bett krochen, um dann zum Sport zu gehen, zu kochen und Freunde zu treffen, so charmant finde ich es doch, ohne schlechtes Gewissen mehrmals in der Woche einfach mit Max zusammen abends ins Bett zu gehen, mich während seines Mittagsschlafs ebenfalls aufs Sofa zu legen und so gut wie keine Freizeitverpflichtungen zu haben.

Zu zweit seit Monaten im Homeoffice, teilen mein Mann und ich uns selbstverständlich Care- und Haushaltsarbeit. Ich genieße es, dass er einfach da ist, selbst wenn er noch arbeiten muss, wenn ich schon mit Max spiele. Es entspannt mich zu wissen, dass er auch beim Zweiten dann „einfach mal kurz“ beim Binden des Tragetuchs assistieren kann, das Baby „ganz kurz mal“ schaukeln kann, damit ich in Ruhe zur Toilette kann oder einen Teller Spaghetti verschlingen. Denn dass es auch beim Zweiten nicht unanstrengend sein wird, darüber mache ich mir keine Illusionen. Doch ich weiß jetzt – oder glaube zu wissen –, was auf mich zukommt. Die Erstausstattung überfordert mich nicht mehr, ich kann wickeln in allen Lebenslagen und ich weiß, dass wir diesmal einfach besser vorbereitet sein müssen. Bei Max wollten wir erst einmal abwarten, wer da zu uns kommt, und es alles entspannt angehen – und als er dann da war, lief uns die Zeit davon. Zwischen Elterngeldantrag und U2 mussten wir noch den Kinderwagen abholen (er war falsch geliefert worden), den Wickeltisch aufbauen und Hühnersuppe kochen. All das mit einem Baby im Arm, das sich keine Minute ablegen ließ. Wir hatten den Start zu Dritt unterschätzt.  

Das wird mir diesmal nicht mehr passieren: Ich bin jetzt schon voll ausgestattet, von der Babygarderobe, über Kinderwagen und zwei Maxi Cosi (einer fürs Auto von Oma und Opa), und allem, was man sonst so braucht. Bei Max mussten wir schnell lernen und noch schneller reagieren. Diesmal setze ich auf „doppelt gut vorbereitet sein – und doppelt genießen“.

30. Mrz. 2021
von Chiara Schmucker
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23. Mrz. 2021
von Matthias Heinrich
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Lasst sie anziehen, was sie wollen

Nicht überall ist das Kleid das praktischste Kleidungsstück, aber ganz bestimmt auf dem Trampolin.

Endlich mal wieder ein „leichtes“ Thema ohne Homeschooling, Corona und Verzichte. Wobei, letzteres stimmt nicht ganz. Unsere Tochter Frieda verzichtet seit geraumer Zeit auf Hosen. Nein, das klingt zu positiv. Sie weigert sich vielmehr mit allem, was sie hat, Hosen zu tragen. Vor allem, wenn es in die Kita geht, muss es ein Kleid sein. Es haben sich schon Dramen abgespielt, wenn keins zur Hand war oder ich auf Leggins und Matschhose bestand, weil es mit der Kita-Gruppe in den herbstlichen Wald ging.

Nur an Wochenenden, wenn wir einen Wanderausflug machen, etwa in die Fränkische Schweiz, darf es eine Hose sein. Da hat sie inzwischen begriffen, dass es sich ohne Kleid einfach bequemer über Stock und Stein oder durchs Gebüsch laufen lässt.

In der Kita geht es aber weder über Stock noch Stein noch durchs Gebüsch. Darum wird gefälligst Kleid getragen, denkt sich unsere Tochter. Sie ist sechs Jahre alt. Seit vergangenem Sommer gehört sie zu den Großen in der Vorschulgruppe. Diese wird von einer Clique von fünf, sechs Mädchen dominiert. Eine davon ist Frieda. Sie spielen sehr viel zusammen.

Natürlich stehen in der Kita-Clique wie bei vielen Mädchen in dem Alter Barbies und Einhörner ganz hoch im Kurs und am allerhöchsten Anna und Elsa. Das sind die beiden Prinzessinnen aus den „Die Eiskönigin“ Filmen. Alle Mädchen in Friedas Clique können die Songs „Ich bin frei“ und „Zum ersten Mal seit Ewigkeiten“ auswendig mitsingen. Ich im Übrigen auch. Das ist aber nicht allein der Grund, warum Anna und Elsa für mich keine schlechten Idole sind. Beide haben starke Charaktere, sind moderne Frauen, die ihr Glück selber in die Hand nehmen und Probleme persönlich lösen. Die Männerfiguren im Film sind entweder Dumpfbacken oder Bösewichte. Das ist schon ein Fortschritt, früher haben die Prinzessinnen darauf gewartet, dass der Held sie rettet.

Anna und Elsa tragen, wie es sich für Prinzessinnen gehört, sehr auffällige Kleider. Und natürlich finden die Mädchen das wunderbar und eifern den beiden nach. Ich kann mich an drei oder vier Anna-und-Elsa-Partys in der Vor-Corona-Zeit erinnern. Je auffälliger die Kleider, desto besser. Allerdings sind diese Partys inzwischen auch einige Monate her. Trotzdem besteht Frieda weiter darauf, ein Kleid zu tragen, wenn es in die Kita geht. „Die anderen lachen mich sonst aus“, sagt sie. Anfangs habe ich das geglaubt, inzwischen habe ich meine Zweifel.

Neulich kam sie an einem kitafreien Tag die Treppe hinuntergelaufen. Sie trug eine Jeans mit roten Streifen an den Seiten. Ich war so überrascht, dass ich nicht auf ihre Mine achtete. „Wow!“ rief ich. „Eine Jeans, das sieht ja klasse aus. Warum trägst du die nicht öfter?“ Zu spät sah ich ihre schlechte Laune. „Hör auf, Papa! Das sieht gar nicht gut aus. Ich habe nur kein Kleid mehr, die sind alle in der Wäsche und jetzt muss ich diese doofe Hose…“ Die letzten Wörter musste ich raten, denn ihre Stimme ging über in wütendes Geschrei und dann folgte ein Tränenausbruch. Seitdem äußere ich mich bewusst so gut wie gar nicht mehr zu ihren Outfits. Wenn es mir gleich ist, ob sie Hose oder Kleid trägt, ist es ihr vielleicht auch egal.  

Vor ein paar Wochen bekam Frieda von einer Nachbarin eine ausrangierte Lederjacke (aus Kunstleder) geschenkt. So eine schwarze im Achtzigerjahre-Stil, wie sie Michael Jackson im Video von „Bad“ trug. Unsere Tochter war stolz wie Bolle und wollte das Stück unbedingt am nächsten Tag zur Kita anziehen. Da es draußen schneite und das Thermometer zehn Grad minus anzeigte, legten wir natürlich unser Veto ein. Bevor es zu einem neuen Drama kommen konnte, einigten wir uns auf einen Kompromiss: Frieda zog Winterjacke, Mütze, Schal und Handschuhe an, durfte die Lederjacke aber mitnehmen. Darunter trug sie – natürlich – ein Kleid.

Als ich sie neulich zur Kita brachte, achtete ich in Vorbereitung auf diesen Beitrag auf ihre Clique, also auf ihre Peer Group, und war erstaunt. Ein einziges Mädchen außer Frieda trug ein Kleid, alle anderen Strumpfhosen oder Leggins. Dass die anderen sie auslachten, wenn sie mit Hose zur Kita käme, halte ich für ein Gerücht. Vielmehr kann ich mir vorstellen, dass die anderen das ungewöhnlich fänden und sagen würden: „He Frieda, du trägst ja heute ausnahmsweise eine Hose.“ Diese Art von Aufmerksamkeit wäre ihr wahrscheinlich unangenehm.

Ich glaube, Frieda trägt ganz einfach gerne Kleider, lieber als andere Mädchen. Das ist ihr Ding. Sie spielt gerne Prinzessin. Aber genauso gerne hilft sie mir im Garten, bei Handwerksarbeiten und beim Kochen. Seit ein paar Tagen haben wir ein neues gemeinsames Ding: Wir bauen den Lego-Kran zusammen, den ihr großer Bruder zu Weihnachten bekommen hatte und der seitdem unbeachtet in seiner Verpackung herumstand. Ihr Bruder ist in gewisser Weise auch ein „Fashion Victim“: Bei ihm müssen Oberteil und Socken immer zueinander passen.  

Unsere Faustregel lautet: Solange kein Erfrierungstod droht oder sonst irgendwelche gesundheitlichen Schäden, können unsere Kinder anziehen, was sie wollen. Wenn die Klamotten farblich gewagt kombiniert sind, weisen wir unsere Kinder gelassen daraufhin, überlassen ihnen aber die Entscheidung. Mit Kleidung ist es genauso wie mit allen anderen Dingen im Leben: Kinder müssen ihre eigenen Erfahrungen machen. Da müssen wir vielleicht auch mal einen Schnupfen oder einen blöden Spruch in Kauf nehmen.  

23. Mrz. 2021
von Matthias Heinrich
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16. Mrz. 2021
von Sonia Heldt
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Was ein Jahr Corona mit uns als Familie gemacht hat

Am Wochenende habe ich mein Familien-Fotobuch für 2020 zusammengestellt. Es ist recht dünn ausgefallen. Unser Fotobuch von 2019 dagegen – vollgepackt mit schönen Dingen, die wir unternommen und erlebt haben – kommt mir wie ein Relikt aus einer längst vergessenen Zeit vor.  

Jugend mit angezogener Handbremse

Seit gut einem Jahr beschäftigt uns das Virus. Lara wurde im Frühjahr 2020, kurz vor dem ersten Lockdown, sechzehn. Ich erzählte damals in meinem Beitrag „Waren wir etwa auch so leichtsinnig“, wie sehr sie sich auf dieses besondere Lebensjahr freute. Um den Anlass gebührend zu feiern, plante sie für den Hochsommer eine große Gartenparty. Aber es kam bekanntlich anders. Die große Sause konnte bis heute nicht stattfinden. Inzwischen ist Lara siebzehn, und ihre Jugend verläuft mit angezogener Handbremse.

Selbst wenn eine Familie insgesamt glücklich durch das vergangene Jahr gekommen ist: Der Lockdown hinterlässt Spuren.
Selbst wenn eine Familie insgesamt glücklich durch das vergangene Jahr gekommen ist: Der Lockdown hinterlässt Spuren.

Auf die Frage, wie sie ihr letztes Lebensjahr empfunden hat, erwidert sie: „Och, der Sommer war eigentlich okay.“ Die Inzidenzwerte waren niedrig, das öffentliche Leben lief nach dem ersten Lockdown wieder an, Lara war oft im Schwimmbad und mit Freunden unterwegs. Sie genoss den Familienurlaub auf Kreta, zu dem sie sich ursprünglich nur widerwillig hatte überreden lassen. Wir verbrachten zwei Wochen in unserer Familien-Blase in einem kleinen Hotel ohne Action. Die Abende bestanden aus Cocktail-Trinken mit den Eltern und der kleinen Schwester, alleine am Strand sitzen und mit den Freunden in der Heimat telefonieren. Kein Urlaub, den sich Sechzehnjährige unter normalen Umständen wünschen würden. Lara erging es wie den vielen anderen Jugendlichen, die sich auf ihre erste Reise ohne Eltern, auf den Auslandsaustausch oder die Work-and-Travel Monate gefreut hatten und ihre Pläne auf ungewisse Zeit verschieben mussten. 

Seit November hocken wir gefühlt 24/7 zu Hause. Wir haben versucht, das Beste aus den dunklen und endlos langen Monaten zu machen. Mit Kochen. Mit Backen. Mit Renovierungen im Haus. Aber langsam gehen uns die Projekte aus, und die Stimmung ist zunehmend gereizter. Wir verbringen zu viel Zeit miteinander und können uns nur schwer aus dem Weg gehen. 

Mir macht es als Endvierzigerin wenig aus, mein Wochenende mit einem Glas Wein vor der Glotze zu verbringen, auch wenn mir das kulturelle Leben und die Abwechslung abgeht. Als junger Mensch kam mir jedes Wochenende ohne Action und jeder Tag ohne meine Freunde wie eine Bestrafung vor. Nun hockt eine ganze Generation zu Hause, weil Festivals, Konzerte, Geburtstagspartys und alles, was in diesem Alter so verdammt viel Spaß macht und unbedingt zum Erwachsenwerden dazugehört, verboten sind.

Manche Dinge lassen sich nicht nachholen. Wie traurig, dass sich viele junge Leute später ausschließlich an die stressige Zeit vor ihren Schul- oder Berufsabschlüssen und ihren Prüfungen erinnern werden, nicht aber an das große Befreiungsgefühl und die verdienten festlichen Feiern danach, weil die wegen eines blöden Virus nicht stattfinden durften.

Auf Facebook taucht in regelmäßigen Abständen ein Post auf, der mich inzwischen unsagbar nervt. Er beginnt mit: „Stell dir für einen Moment vor, du wärst im Jahr 1900 geboren. Wenn du 14 Jahre alt bist, beginnt der 1. Weltkrieg. Er endet nach 4 Jahren, wenn du 18 bist. Mit 22 Millionen Toten weltweit…“ Klar, schlimmer geht immer. Die meisten, die diesen Post teilen oder liken, sind Leute meiner Generation, die selbst keinen Krieg erleben mussten und ihre (schöne?) Jugend bereits hinter sich haben.  

Homeschooling: Dresscode Schlafanzug

Ich würde uns zu den privilegierten Familien zählen, die das Homeschooling unter optimalen Bedingungen wuppen können. Meine Mädchen sind mit dreizehn und siebzehn „aus dem Gröbsten raus“. Wir besitzen ein Haus und jedes Mädchen sein eigenes Zimmer. Wir sind digital ausgerüstet. Lara hat zum Sechzehnten einen neuen Laptop bekommen. Für Maya habe ich meinen PC-Arbeitsplatz im Wohnzimmer geräumt und sitze seitdem mit meinem Laptop in der Küche. Unser Gymnasium arbeitet mit Microsoft Teams, das technisch von Anfang an einwandfrei lief. Nach der ersten holprigen Homeschooling-Phase hat die Schule ihre Hausaufgaben gemacht. Der Unterricht ist im Großen und Ganzen, den Umständen entsprechend, gut organisiert. 

Ich bin weder Krankenpflegerin, die Doppelschichten schiebt, noch alleinerziehende Kassiererin, die morgens mit schlechtem Gewissen ihr Kind alleine vor den PC sitzen lassen muss. Ich bin es gewohnt, im Homeoffice zu arbeiten. Mein Mann verlässt jeden Morgen das Haus, um zur Arbeit zu gehen. Die Pandemie hat uns wirtschaftlich bisher nicht direkt geschadet. Ich koche jeden Tag. Ich bin für die Mädchen jederzeit ansprechbar. Ich helfe Maya, wenn der PC spinnt, der Ausdruck im Drucker hängenbleibt oder sie mit der PowerPoint-Präsentation nicht klarkommt. Ich schieße den Großteil des Mathestoffs der Mittelstufe aus der Hüfte und bin in Englisch einigermaßen fit.   

Mir ist bewusst, dass sich die Pandemie und das Homeschooling für viele Familien sehr viel problematischer darstellt. In erster Linie werden Kinder aus bildungsfernen Familien noch sehr, sehr lange das Nachsehen haben. Und doch gehen selbst Leute wie wir, denen es unter diesen Umständen denkbar gut geht, inzwischen auf dem Zahnfleisch. Es war kein normales Schuljahr! Während in den unteren Klassen der verlorene Stoff bestimmt aufgeholt werden kann, so ist es für Lara in der 10. Klasse des G8-Gymnasiums schwierig. Sie ist im letzten Jahr gleich in mehreren Fächern um eine Note abgerutscht. „Mir tut das Homeschooling nicht gut“, gibt Lara selbst zu. „Dieses Rumlungern zu Hause macht mich lahm. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich mich motivieren und aus dem Bett kommen soll.“ Deswegen blieb sie die letzten Wochen morgens einfach liegen, schnappte sich ihren Laptop und wartete, bis sie sich wach genug zum Aufstehen fühlte.     

Den Mädchen fehlt der alltägliche, morgendliche Stress, die Fahrt mit dem Rad zur Schule, auf der sie wach werden und ihr Kreislauf in Schwung kommt. Der Austausch mit den Freunden. Ein Ausgleich zum Schulstress, körperlich wie seelisch. Besonders Maya, die normalerweise fast schon gruselig diszipliniert ist und am Anfang der Pandemie wie ein Uhrwerk funktionierte, setzt die Situation immer mehr zu. Sie wirkt von Tag zu Tag mut- und lustloser. Auf ihr Sportprogramm, das sie letztes Jahr noch konsequent und fast täglich durchzog, verspürt sie kaum noch Lust. Zog sie sich anfänglich während des Homeschoolings morgens nach dem Frühstück sofort an und setzte sich dann kerzengerade vor den PC, so läuft sie inzwischen bis nachmittags im Schlafanzug rum.

Immer häufiger ertappe ich sie, wie sie abwesend vor dem Computer sitzt und mit irgendetwas rumspielt: „Ich kann nicht mehr stundenlang auf diesen blöden Bildschirm starren. Es ist so anstrengend! Ständig hat einer aus meiner Klasse Verbindungsprobleme, oder man versteht die Hälfte der Schüler akustisch nicht. Das crasht den Unterricht. Manche machen es inzwischen extra und behaupten einfach nur, sie können ihre Stummschaltung nicht aufheben.“ Den Lehrern geht es nicht besser: „Mir fehlen eure Gesichter, an denen ich ablesen kann, ob ihr wirklich versteht, was ich euch erkläre“, beschrieb letztens Mayas Mathelehrerin ihre Situation.

Nun wurde in dieser Woche der Präsenzunterricht für die Klasse 5 bis 10 wieder aufgenommen. Meine Töchter haben bis zu den Osterferien Wechselunterricht. Das bedeutet, fünf Tage Unterricht in der Schule und fünf Tage selbständiges Arbeiten alleine von zu Hause aus, ohne Videokonferenzen. Immerhin, der erste Schultag des Präsenzunterrichts fühlte sich für uns alle wunderbar normal an. Selbst Lara schwang ihre Beine morgens mühelos aus dem Bett.

Am liebsten würde Maya auf die Osterferien verzichten: „Was soll ich denn dann den ganzen Tag machen, wenn ich niemanden sehen darf und wir nicht wegfahren können?“, fragt sie, und ich zucke mit den Achseln, weil ich das auch nicht weiß.

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16. Mrz. 2021
von Sonia Heldt
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09. Mrz. 2021
von Sonia Heldt
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„Immer nur dein Lieblingskind!“

Von klein auf achten Kinder darauf, ob sie genauso viel Aufmerksamkeit erhalten wie ihre Geschwister.

Ich helfe Maya (13) am Küchentisch bei ihren Englisch-Hausaufgaben. Lara (16) macht sich etwas zu Essen. Sie öffnet die Besteckschublade und kreischt mit einem Mal so ohrenbetörend auf, dass ich zusammenzucke. „Mein Gott“, sage ich genervt. Lara hebt theatralisch ihren linken Zeigefinger in die Höhe. „Ich habe voll ins scharfe Messer gegriffen“, jammert sie lautstark. Ich kneife die Augen zusammen, um den Finger aus der Ferne zu begutachten. Kein Blut. Nicht einmal ein einziger Tropfen. „Lass kaltes Wasser drüber laufen und uns hier arbeiten.“ Damit wende ich mich wieder dem Englischbuch zu. Lara ist eingeschnappt: „Das ist so typisch! Immer geht es nur um dein Lieblingskind und mich lässt du hier eiskalt verbluten!“   

Ich schmunzele in mich hinein und gebe nichts auf Laras Vorwurf. Ihre Gefühlsausbrüche sind grundsätzlich etwas drüber. Sie neigt dazu, sich in Situationen emotional hineinzusteigern. Ein trauriges Buch oder ein trauriger Film kann ihr den ganzen Tag verderben. Dann kämpft sie nonstop mit den Tränen und wiederholt in einer Tour: „Das kann doch nicht sein. Wie traurig ist das denn? Ich bin fix und fertig.“ Das ist auf der einen Seite süß, kann in manchen Situationen aber richtig nerven.

Ging es früher mit Maya und Lara zu einem gemeinsamen Impftermin, zuckte Maya, als dreieinhalb Jahre jüngere, beim Einstich der Nadel nicht einmal zusammen, während Lara losheulte und so schnell nicht damit aufhörte. Da half irgendwann kein verständnisvolles Trösten mehr, sondern nur eine resolute Ansage: „So, jetzt ist aber endlich gut!“ Wenn Maya sich als Kleinkind aufregte (selten und nur aus Wut, dann aber so heftig, dass sie sich wegschrie und blau anlief), musste man ihr sanft und ruhig zureden, damit sie sich beruhigte.

Meine Dreizehnjährige ist sehr taff und trägt ihre Gefühle sparsam nach außen. Letztens ist sie die Kellertreppe heruntergefallen und so übel auf den Rücken geknallt, dass ihr im ersten Moment die Luft wegblieb. Doch sie rappelte sich sofort auf und versuchte leichenblass und zitternd den Sturz herunterzuspielen: „Nichts passiert“, flüsterte sie tapfer, bevor ihr der Kreislauf wegsackte und ich sie gerade noch auffangen konnte. Ich habe sie in der Vergangenheit immer wieder ermutigt, Schwäche zu zeigen, aber sie ist nun einmal so, wie sie ist. Genau wie Lara so ist, wie sie ist.  

Jedes Kind hat einen eigenen Charakter und individuelle Bedürfnisse, auf die wir Eltern individuell reagieren und agieren. Wir behandeln Menschen unterschiedlich, weil Menschen unterschiedlich sind. Ich gehe lieber mit Maya einkaufen als mit Lara. Maya ist mir nicht nur im Supermarkt eine echte Hilfe. Wenn ich krank im Bett liege, pflegt sie mich wie eine kleine Mutter und sorgt für Ordnung im Haus. Lara schmeißt beim Einkaufen unkontrolliert ausschließlich ihre Lieblingsspeisen in den Wagen und verbreitet mit ihrer chaotischen Art immer ein bisschen Unruhe mehr als nötig. Wegen ihrer Unordnung geraten wir ständig aneinander.  Aber liebe ich Lara deswegen weniger? Auf gar keinen Fall! Die Beziehung zu meiner Großen ist hin und wieder konfliktgeladen, aber nicht weniger intensiv und innig als zu meiner Jüngsten. Maya ist das bügelfreie Baumwollhemd, Lara der pflegeaufwendige Wollpullover.

Maya fühlt sich in Situationen ausgeschlossen, in denen Lara und ich eine Einheit bilden. Wenn Lara und ich ohne Worte kommunizieren, weil wir wissen, was der andere gerade denkt. Wenn wir gemeinsam alte Doris-Day- oder Miss-Marple-Filme schauen oder über Bücher und Themen diskutieren, mit denen Maya nichts anfangen kann. Wenn wir uns an unsere Mutter-Tochter-Kurzreisen zu zweit erinnern. „Blöd, du hast immer schon viel mehr mit Lara gemacht“, sagt Maya dann. Das ist eine Tatsache und eine alters- und interessenbedingte Nebenerscheinung. Dabei sind die unzähligen Stunden, die ich bisher in meinem Leben vor Mathebüchern und Youtube-Videos verbracht habe, um Lara in Mathe zu unterstützen, nicht ansatzweise eingerechnet.

Niemand hört gerne von seinem Kind, dass es sich benachteiligt fühlt, man angeblich Unterschiede zwischen den Geschwistern macht oder ein „Lieblingskind“ besitzt. Als Folge wählt man Oster- und Weihnachtsgeschenke so aus, dass kein Kind das Gefühl bekommt, schlechter weggekommen. Man versucht für jeden da und ansprechbar zu sein. Man beteuert, dass man alle Kinder gleich liebhabt. Für kleine Kinder kann man fixe Zeiten für gemeinsame Rituale einplanen, zum Beispiel eine feste Vorlese- oder Kuschelzeit. Ältere Kinder freuen sich, wenn es sich einen ganzen Tag nur allein um sie dreht und sie die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Elternteils erhalten, beispielsweise während eines Mutter-Sohn-Shopping-Tages oder einer coolen Papa-Tochter-Radtour.  

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09. Mrz. 2021
von Sonia Heldt
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02. Mrz. 2021
von Matthias Heinrich
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„Bevor du kamst, war hier alles schön“

Wenn die Nachbarskinder auf einmal keine Freunde mehr sein wollen, wird es hart.
Wenn die Nachbarskinder auf einmal keine Freunde mehr sein wollen, wird es hart.

„Schlaflos“ ist der Name dieses Familienblogs. Meistens geht es um Herausforderungen, die uns Eltern im Alltag mit unseren Kindern begegnen. Manches ist lustig oder ernst, anderes ärgerlich oder einfach lästig. Manchmal nagen Dinge so tief an uns, dass wir wirklich schlaflose Nächte haben. Vor allem, wenn wir diese Dinge nicht selbst in der Hand haben. So war es jetzt bei mir. Dieser Text war schon seit Wochen fertig. Er wartete eigentlich nur noch darauf, veröffentlicht zu werden. Aber, so ist das als Autor und Vater, manchmal grätscht dir das Leben dazwischen und haut dir eine fertige Geschichte von den Beinen. In diesem Fall bin ich dankbar dafür.

Das war mein ursprünglicher Einstieg: Es klingelt. Ich mache auf. Sechs Kinder schauen mich mit ernsten Mienen an. Sie stehen nicht direkt vorm Eingang, sondern lehnen am Zaun zum Nachbargrundstück, gut fünf Meter entfernt. Alle tragen Winterklamotten, sie kommen vom Rodeln. Als sie losgingen, waren sie zu siebt. Der, der fehlt, ist mein Sohn Theo. Die Kinder stehen dicht nebeneinander. Wie eine Wand, denke ich. Dann ergreift ein Junge das Wort: „Theo hat gesagt, er ist nicht mehr unser Freund. Er ist mit einem anderen Jungen nach Hause gegangen.“ „Okay“, antworte ich und bin im ersten Moment erst einmal erleichtert, dass sie mir sagen, wo Theo steckt. Dann frage ich: „Was ist denn passiert?“ „Wir waren rodeln. Theo wollte mit seinem Schlitten Schnee holen. Plötzlich hat er uns angeschrien: ‚Ihr seid keine Freunde! Ich gehe jetzt zu dem anderen Jungen nach Hause, das ist jetzt mein Freund!’“ „Aha“, sage ich. „Und sonst ist nichts passiert? Ihr habt gar nichts gemacht?“ „Nein“, antworten zwei der Kinder, zwei andere nicken, und die anderen beiden machen gar nichts. „Okay. Danke fürs Bescheidsagen“, sage ich und schließe die Tür.

Natürlich habe ich Theo später gefragt, was aus seiner Sicht passiert ist. Er schildert die Sache anders, natürlich. Die anderen Kinder hätten vorher seinen Schlitten genommen, ohne ihn zu fragen, und obwohl er nein gesagt hätte, wären sie damit gefahren. Dann hätten sie ihn angemeckert, er solle sich mit dem Schneeholen beeilen, und dann habe es ihm gereicht. Er sei nicht mehr ihr Freund, habe er sie angeschrien, und dann sei er mit dem anderen Jungen gegangen. Eigentlich keine große Sache. Ein Streit, wie er immer mal wieder vorkommt. Eine Banalität, könnte man sagen. War es aber nicht.

Am nächsten Tag ging Theo zum Spielen raus auf die Straße zu den anderen Kindern. Kurze Zeit später kam er mit hängendem Kopf wieder rein. Die beiden Jungen hatten ihm erklärt, dass die anderen Kinder nicht mehr mit ihm spielen wollten. An dieser Stelle muss ich kurz die Struktur unserer Nachbarschaftsgruppe erklären: Theo ist acht Jahre alt. Die zwei großen Jungen werden bald zwölf. Sie sind drei Klassen über ihm. Dazu kommen drei Mädchen zwischen elf und acht Jahren und ein siebenjähriger Junge. Mit ihm trifft sich Theo am häufigsten.

So auch am nächsten Tag: Theo klingelte nebenan. Der Streit vom Vortag kam zwischen den beiden noch einmal zur Sprache, aber sie spielten miteinander. Dann kamen die großen Jungen. Im Keller nahmen sie Theo in die Mangel. „Wir wollen nicht mehr mit dir spielen, das haben wir doch gesagt. Hier war früher alles schön, bevor du kamst.“ Theo konnte aus der Situation herauskommen, ohne den anderen seine Emotionen zu zeigen. Aber zu Hause brach er in Tränen aus.

Wir wohnen in einer kleinen Sackgasse, zu der nur vier Familien Zugang haben. Die Einfahrt, die Garagen, die Gärten – alles ist miteinander verbunden. Es ist ein Paradies für Kinder. Aber es ist eine Hölle für ein Kind, das ausgeschlossen wird.

„Bevor du hier warst, war alles schöner“ – das ist ein ziemlich heftiger Satz für einen Achtjährigen, vor allem wenn er aus dem Mund von zwei älteren Kindern kommt, die wahrscheinlich wissen, wie sehr sie ihn damit verletzten. Theo war ausgeschlossen.

Meine Frau und ich beschlossen, die Sache zu klären. Wir schlugen ein Gespräch zwischen den Kindern vor – mit den Müttern als Moderatorinnen und Vermittlerinnen. Die Kinder sollten einander zuhören und verstehen, wie die anderen die Situation erlebt haben. Die Eltern eines der älteren Jungen waren gegen dieses Gespräch. Warum, wurde mir nicht ganz klar. Wahrscheinlich wollten sie die Entscheidung ihres Kindes respektieren, nicht mehr mit Theo zu spielen. Das ist natürlich ihr gutes Recht und vollkommen in Ordnung. Trotzdem hatten wir daran zu knabbern. Es erschien uns nicht richtig.

Eine Aussprache hätte für mich nicht automatisch auch eine Versöhnung bedeutet. Die Kinder hätten auch so auseinander gehen können: Wir haben uns gestritten, ich bin sauer, wir machen jetzt erst einmal eine Spielpause. Das wäre ein Szenario gewesen. Aber wir haben sie nicht miteinander reden lassen und den Kindern allein die Entscheidung überlassen. Aus meiner Sicht haben wir als Eltern hier versagt.

Aus Sicht des fast Zwölfjährigen und seiner Familie war das in Ordnung. Sie hatten ja auch kein Problem damit. Für uns war es eine richtige Belastung. Zumal wir mitten im Lockdown waren. Wenn die Nachbarskinder draußen nach dem Homeschooling miteinander spielten, war unser Sohn allein. Natürlich hörte er die anderen, wenn sie schrien und juchzten. Jeden Tag. Ein Achtjähriger, ein fröhliches, kontaktfreudiges Kind, wurde zum Außenseiter gemacht. Isoliert von den anderen, weil es zwei Fast-Teenager so wollten. 

Wenn Theo in seinem Kinderzimmer aus dem Fenster schaut, sieht er direkt in das Zimmer des Nachbarjungen. Einmal sah er die drei Jungen dort miteinander spielen. Sie sahen zu ihm rüber, zogen Grimassen, lachten und machten sich über ihn lustig. Er ließ die Jalousie herunter und kam traurig zu mir. Darauf spielte ich anderthalb Stunden mit ihm Fußball – natürlich mit hochgezogener Jalousie. Als die Jungen mich sahen, verschwanden sie vom Fenster. Nicht, dass ich mich gut dabei gefühlt hätte. Es ist nicht zu leugnen, ich bin ein emotionaler Mensch.

Auf der anderen Seite habe ich Verständnis für die drei, vor allem für die älteren. Bevor wir hierherzogen, war ihre Welt intakt. Die Rollen waren verteilt. Dann kam der neue Junge aus Berlin mit der großen Klappe und einem starken Charakter, der beim Spielen gerne die Regeln aufstellt und sich vom Alter der anderen nicht einschüchtern lässt. Logischerweise sorgt das für Reibereien. Darauf haben ältere Kinder keine Lust. Als ich zwölf war, hätte ich mir von keinem „Furzknoten“ etwas erzählen lassen. Zudem sind die Jungen in der Schlusskurve zur Pubertät. Da ist sowieso alles komisch und nichts mehr wie vorher.

Trotzdem, bei allem Verständnis: Vier Wochen isoliert im Lockdown, das ist zu hart. Das ist unangemessen. Theo hatte weder geschlagen, noch gestohlen oder sonst etwas ähnlich Schlimmes gemacht. Er ist laut, selbstbewusst und manchmal egoistisch. Er kann damit furchtbar nerven. Aber er ist weder brutal, noch feige oder hinterhältig.

Das gute Verhältnis zu den Nachbarn kühlte merklich ab. Es frostete, drinnen und draußen. Wir grüßten einander, befreiten in stiller Übereinkunft unseren Hof vom Schnee – das war es aber auch. Mit den Eltern des Siebenjährigen sprachen wir. Das tat gut. Aber was sollte ihr Junge machen? Er saß zwischen den Stühlen. Mit den Eltern des Älteren gab es bis auf das Grüßen keine Gespräche. Eiszeit im Lockdown. Unsere sechsjährige Tochter traute sich nicht, die Schwestern des Jungen zu fragen, ob sie mit ihr spielen wollen. Aus Angst, in den Konflikt hineingezogen zu werden.

Ich gehe Konflikten selten aus dem Weg. Mit unseren Kindern fechten wir Meinungsverschiedenheiten aus, und im besten Fall klären wir sie. Wir sprechen über alles und sind überzeugt, dass ihnen das bei künftigen Konflikten nützen wird. Das Schweigen der Nachbarn mussten wir akzeptieren, aber es fiel insbesondere mir schwer. Keine Kommunikation ist halt auch Kommunikation. Zumal ich weiß, dass unsere Nachbarn das Gespräch suchen, wenn eines ihrer Kinder aus ihrer Sicht nicht korrekt behandelt wird.

Am vergangenen Wochenende nahm die Geschichte dann einen unerwarteten Lauf. Als ich vom Brötchenholen zurückkam, hörte ich in Nachbars Garten Kinder auf dem Trampolin spielen. Mittendrin hüpfte unser Theo. Er jauchzte und alberte mit den anderen herum, als wäre nichts gewesen. Fassungslose Freude ist wohl der Begriff, der meinen Gemütszustand in diesem Moment am besten beschreibt. Theo kam nicht zum Frühstück. Die Kinder spielten den ganzen Tag – auf dem Hof, im Garten, auf dem Bolzplatz oben bei der Schule.

Am Abend fragten wir ihn, wie die Versöhnung zustande kam. Theo hatte sich im Garten mit dem siebenjährigen Jungen unterhalten. Das hatte der Ältere aus seinem Fenster gesehen und die beiden zu sich in den Garten gerufen. Beim Trampolinspringen hatte sich dann jeder beim anderen entschuldigt. So einfach war es. Ob das sonnige Frühlingswetter bei der Versöhnung eine Rolle spielte, kann ich nicht sagen.

Von Friede, Freude, Eierkuchen sind wir noch ein Stück entfernt. Inzwischen ist eine weitere Woche vergangen. Es gab wieder ein paar Konflikte. Im Grunde läuft es aber ganz gut.

Es gehört zu diesem Blog, dass wir den Leser*innen etwas an die Hand geben, das ihnen bei der Bewältigung eines Problems nützlich sein kann und sie bestenfalls wieder gut schlafen lässt. Ich tue mich in diesem Fall etwas schwer damit. Es gibt kein Patentrezept für den Umgang mit einem Kind, das in seinem Freundeskreis plötzlich in Ungnade fällt. Man kann selber wenig tun. Geduld und Vertrauen in die beteiligten Personen haben sich am Ende ausbezahlt. Aktiv sollte man sein Kind in einer solchen Situation immer wieder bestärken und ablenken. Schon in der Homeschooling-Phase haben wir Theo regelmäßig mit Kindern aus der Schule und der Fußballmannschaft verabredet. Das hat ihm gutgetan. Er war ausgeglichener und nicht im ständigen Wettbewerbsmodus wie mit den Großen. Auch wenn er jetzt wieder mit den Nachbarskindern spielt, streuen wir tageweise Pausen ein.

Für mich selbst hoffe ich, dass mich Konflikte künftig nicht mehr so mitnehmen. Steuern kann ich das nicht. Ich ermahne mich zu Gelassenheit und werde versuchen, auf die Erfahrungen aus dieser Zeit zurückzuschauen. Wir haben nicht alles in der Hand, das ist die größte Lehre. Ich kann von anderen Eltern nicht erwarten, mit ihren Kindern so umzugehen, wie ich es gerne hätte. Das zu akzeptieren, ist die größte Aufgabe.

02. Mrz. 2021
von Matthias Heinrich
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22. Feb. 2021
von Tanja Weisz
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Ist mein Kind magersüchtig?

Nicht immer schaut man gemeinsam auf die Waage, um zu überprüfen, ob der Body-Mass-Index passt.

Es fing alles mit einem gut gemeinten Hinweis an. Eine Lehrerin meiner Tochter druckste am Telefon erst etwas herum, aber gab dann die Besorgnis einer Kollegin weiter, die mein Kind für magersüchtig halte. Ich lachte, vielleicht ein bisschen zu laut, es sollte schließlich Souveränes-Drüberstehen signalisieren. Ja, meine 15 Jahre alte Tochter sei schon immer sehr schlank gewesen, aber magersüchtig, nein, dass sei sie nicht.

Wir hatten alle Check-Ups beim Kinderarzt gemacht, die Daten der Tochter immer mit dem Durchschnitt verglichen und uns sicher gefühlt: Am unteren Ende der Skala, aber immer im grünen Bereich. Außerdem kann sie essen wie ein Scheunendrescher, wenn es ihr schmeckt: Pizza mit Extra Mozzarella, Kartoffelbrei, Schokoladenkekse. Kein Kalorienzählen, nie eine Bemerkung, dass sie sich zu dick fände. Wozu also sorgen?

Doch die Widerhaken der gut gemeinten Hinweise sollte man nie unterschätzen. Sie verkeilen sich in den Gedankengängen und tauchen unerwartet wieder auf, als ich mich selbst mal wieder auf die Waage stelle. Wieviel wiegt mein Kind eigentlich im Augenblick? Als ich sie danach frage, hat sie selbst keine Ahnung (ein gutes Zeichen, oder?), also sehen wir gemeinsam nach. Wie sie da so vor mir steht in Unterwäsche, sehe ich sie genauer denn je an: Sie ist schmal, viel schmaler gebaut als ich. Aber auch eine Kontrolle des BMI zeigt: Normal, aber am unteren Ende der Skala. Es ist das erste Mal, dass ich in eine Body-Mass-Index-Tabelle für Jugendliche schaue.

Schlank ist mein Kind sicher nicht wegen der Pizza oder ihrem Bewegungsmangel, aber wohl wegen all der Mahlzeiten, die sie vergisst. Essen ist ihr schlicht nicht wichtig und wenn ihr etwas nicht schmeckt oder sie im Kühlschrank nichts passendes findet, dann lässt sie eben eine Mahlzeit weg. Eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Essen, die sie sichtbar weder mit ihrem Vater noch ihrer Mutter teilt. Für sie ist Essen ein notwendiges Übel, das zeitraubend und meist langweilig ist. Seit sie sich vegetarisch ernährt, ist sie noch wählerischer geworden.

Zählt keine Kalorien, aber kultiviert auch kaum Vorlieben. Essen aus purem Genuss, Appetit auf etwas haben ohne Hunger, das erlebe ich selten bei ihr. Dabei steht das doch als hehres Ziel in allen Diätratgebern für Erwachsene: Esst nur, wenn ihr hungrig seid und nur so lange, bis ihr satt seid.

Und trotzdem geht die Saat der Zweifel auf: Fehlt meinen Kind da nicht etwas? Ich fange plötzlich an, vermehrt die wenigen Lieblingsspeisen zu kochen, die ich sicher kenne. An manchen Tagen, wenn ich noch einen Extra-Klacks Butter in der Kartoffelbrei mische, komme ich mir schon vor wie eine Hexe, die Gretel mästen will.

Bis zu der Bemerkung der Lehrerin war Essen selten ein Thema zwischen meiner Tochter und mir gewesen. Mittlerweile ist es auf die Tagesordnung gerutscht, ohne dass ich es beabsichtigt habe. Ich frage nach, was sie mittags gegessen hat, worauf sie abends Appetit hätte, bringe ihr mögliche Leckereien mit. Nahrung, etwas Normales, Gesundes, ist plötzlich ein Sorge-Thema geworden und damit wird es ungesund.

Manchmal ist es so schwierig, die richtige Balance zu finden zwischen dem elterlichen Bauchgefühl, das sagt, an diesem schlanken Kind ist alles in Ordnung und der Angst, auf einen guten Rat von außen vor lauter Scheuklappen nicht rechtzeitig reagiert zu haben. Sie ist nun mal in einem Alter, in dem viele Mädchen mit Argusaugen auf ihre Figur schauen. Aber nun, ist mein Eindruck, sehen Erwachsene genauso kritisch hin.

Aber weder hat das Kind deutlich abgenommen, noch scheut es Kalorienbomben. Allein das lustlose Essen taucht in einer Anzeichen-für-Magersucht -Liste auf, da musste ich ein Häkchen setzen. Aber das reicht mir nicht, um sie gleich in die Beratungsstelle zu schleppen.

Wie so oft half es, etwas auszusprechen, was sich zu einem stillen dicken Sorgenbär aufplusterte. Dass jemand sie für magersüchtig halten könnte, fand meine Tochter überraschend, andere Mädchen seien doch viel dünner. Wir haben vereinbart, ihr Gewicht im Auge zu behalten, einmal im Monat der Waage einen kurzen Blick zu gönnen und ansonsten weiter zu essen wie bisher. Sie kommt jetzt öfter zum Einkaufen mit und sucht sich selbst Sachen aus, die sie dann bei Bedarf im Kühlschrank wiederfinden kann. Gerade macht sie sich über ein Stück Torte her. Wie beruhigend.

22. Feb. 2021
von Tanja Weisz
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16. Feb. 2021
von Sonia Heldt
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Feiern verboten?!

Die Straßen sind leer, die Clownsnase muss auf der Maske halten: Straßenkarneval an Rosenmontag in Düsseldorf.
Die Straßen sind leer, die Clownsnase muss auf der Maske halten: Straßenkarneval an Rosenmontag in Düsseldorf.

Sie hieß Cordula Grün.
Ich hab‘ sie tanzen gesehen…“

Unser Regional-Radiosender beglückt seine Hörer heute nonstop mit Karnevals- und Partymusik. Gerade laufen Die Draufgänger mit Cordula Grün. Ich wechsele den Sender. Für dieses Musikgenre benötige ich die richtige Stimmung oder einen gewissen Alkoholpegel. Hat es eigentlich noch keiner mitbekommen? Karneval fällt aus! Mir ist das eigentlich egal. Ich bin mit meinem Mann und den Mädchen die letzten Jahre während der dollen Tage lieber in den Kurzurlaub gefahren. Doch 2020 trat meine Tochter Lara in den Streik. Sie wollte zu Hause bleiben, um den Straßenkarneval ausgiebig mit ihren Freunden zu feiern. Nach einer heftigen Diskussion („Wir lassen eine Fünfzehnjährige auf gar keinen Fall über die Karnevalstage alleine zu Hause“) setzte Lara sich schließlich durch. Wir blieben ihr zuliebe daheim. Lara feierte so ausgelassen, dass wir Aschermittwoch drei Kreuze schlugen, als alles überstanden war und wir wieder ruhig schlafen konnten.   

2021: Kein Februar-Kurzurlaub für uns und auch kein Karneval für Lara. Zumindest können wir beruhigt schlafen. Es besteht keine Gefahr, dass sich meine Tochter leicht bekleidet bei eisigen Temperaturen den Tod holt, weil die Feiglinge sie von innen so schön wärmen und sie die Kälte nicht spürt, nicht mal, wenn sie nicht mehr aufstehen kann. Sie wird das Wochenende brav zu Hause verbringen und sich die Langeweile schon irgendwie vertreiben.

Oft leistet ihr Freundin Gina beim Vertreiben der Langeweile Gesellschaft. „Weißt du, dass Gina und ich inzwischen die einzigen Singles in unserem Freundeskreis sind?“, fragte Lara letztens. Ich hatte meine Tochter auch schon darauf angesprochen. Der Lockdown eignet sich doch hervorragend für die erste große Liebe. Der Freundeskreis kann einem kein schlechtes Gewissen machen, dass man mit dem Liebsten abgetaucht ist, denn die Regierung liefert das perfekte Argument: Während des Lockdowns ist ein Treffen nur mit einer einzigen nicht dem Haushalt angehörenden Person erlaubt. Beste Voraussetzung also für intensive Zeit zu zweit mit langen, romantischen Wald-Spaziergängen und anschließendem Filmabend, eng aneinander gekuschelt unter einer Decke. Aber Lara hatte erwidert, sie würde es doch reichlich übertrieben finden, sich aus purer Langeweile einen Freund anzuschaffen. Und außerdem wüsste sie nicht, wo sie mal so eben einen passenden Typen herzaubern sollte.

Also ist ihre Freundin Gina meist „die nicht dem festen Haushalt angehörende eine Person“. Gina zählt praktisch zur Familie. Sie übernachtet häufig bei uns und veranstaltet mit Lara DVD-Nächte. Sie saß in der Vorweihnachtszeit mit uns bei Grillwürstchen und Glühwein an der Feuertonne im Garten, backte mit uns Weihnachtsplätzchen und feierte Silvester mit uns. An diesem letzten Abend des Jahres taten mir die Mädchen besonders leid. Statt aufgebrezelt auf der coolsten Party ever aufzuschlagen, hockten sie mit meinem Mann, Maya (13) und mir am Küchentisch, nippten zivilisiert an ihrem Hugo-Cocktail und spielten mit uns Therapie – ein uraltes Spiel aus meiner Jugendzeit. Ich hätte mir für zwei Sechzehnjährige wirklich einen spektakuläreren Jahresausklang gewünscht!

Und daher überlege ich nicht lange, als Lara mich fragt: „Spielen Papa und Du mit mir und Gina heute Abend eine Runde Beer-Pong? Gina und ich wollen im Keller ein bisschen feiern und Musik hören.“ Ich weiß zwar nur, dass dieses Spiel etwas mit Bechern, einem Tisch und Bier zu tun hat, stimme aber sofort zu. Meine sechzehnjährige Tochter will Zeit mit ihren Eltern verbringen! An Karneval! Ich wische mir gerührt eine Träne aus dem Auge und versuche auszublenden, dass sie unsere Anwesenheit nur aus totaler Alternativlosigkeit in Betracht zieht. Lara hat in den letzten Tagen wiederholt nachgebohrt „ob es wirklich total verboten ist ein paar wenige – wirklich nur ein paar – Freunde in den Keller einzuladen, um mit sehr viel Abstand zur Karnevalsmusik zu schunkeln und dabei ganz diszipliniert ein oder maximal zwei Bier zu trinken.“ Da wir ihr diese Frage mit „Ja, total verboten“, beantworten mussten, versuchen Lara und Gina nun, wie schon das gesamte Jahr über, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Und irgendjemand muss ja den Alkohol und die Knabbereien bezahlen und die Tischtennisplatte aus dem Garten durch den Schnee schleppen.

Kurz darauf finden mein Mann und ich uns mit Lara im Supermarkt wieder. Gutgelaunt geht sie ihre Einkaufsliste in ihrem Smartphone durch, rennt durch die Gänge und schmeißt neben Chips und Süßigkeiten auch Bio-Erdnusscreme, Mandelmilch, Avocados und kiloweise Beeren und Bananen in unseren Einkaufswagen. Lara ist in den letzten Monaten zur experimentierfreudigen Superköchin geworden: Egal ob healthy und sugarfree Banana-Pancakes, Gemüse-Pasta, Good Life Salad Bowl oder Beeren-Smoothies, Lara ist kein Rezept zu kompliziert.

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16. Feb. 2021
von Sonia Heldt
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09. Feb. 2021
von Matthias Heinrich
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Macht uns der Lockdown zu empathielosen Egoisten?

30.01.2021, Mecklenburg-Vorpommern, Pokrent: Spaziergänger sind in einer verschneiten Allee unterwegs. Mit zum Teil kräftigem Schneefall und Sonnenschein zeigt sich der Winter in Norddeutschland von seiner schönen Seite. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

In der Krise zeigt sich der Charakter. Der Satz stammt angeblich von Helmut Schmidt. Ich erinnere mich an einen Herbststurm vor ein paar Jahren in Berlin. Mitten im Feierabendverkehr kam das Leben von jetzt auf gleich zum Erliegen. Die S-Bahn fuhr nicht. Darum quetschten sich die Leute in die U-Bahnen, die deshalb nur im Schneckentempo fahren konnten. Busse hielten auf freier Strecke an, und es kam die Durchsage: „Endstation, alle raus!“ und die Passagiere wurden wie Ballast abgeworfen. Jeder versuchte, irgendwie nach Hause zu kommen. Die Leute zankten sich um Taxis. Mütter mit Kinderwagen wurden angerempelt und angeraunzt, gefälligst aus dem Weg zu gehen. Sie blickten sich hilfesuchend um, doch niemand kam. Schutzlose Wesen im Chaos. Ich war mittendrin und auch bemüht, irgendwie von Mitte nach Treptow zu kommen, um meine Kinder aus der Kita abzuholen. Darwin, das Gesetz des Stärkeren, dachte ich. In der Not wird der Mensch zum Einzelkämpfer. Jeder denkt nur noch an sich. Ein Herbststurm reicht aus und wir verlieren jedes Mitgefühl, jede Empathie.

Nun ist der Lockdown kein Herbststurm und das Homeschooling kein Bus, aus dem plötzlich alle aussteigen müssen. Der Effekt ist aber ähnlich, allerdings kommt er nicht wie eine Lawine angerollt, sondern eher schleichend. Wie langsam fallender Schnee, der nach und nach alles bedeckt. Wir sind inzwischen in der fünften Homeschooling-Woche. Der Tag hat immer noch 24 Stunden, aber die Dinge, mit denen wir uns beschäftigen, sind wenige: Es passiert einfach nichts.

In Gesprächen mit Familie und Freunden wird immer wieder deutlich, dass jeder vor allem mit sich selbst beschäftigt ist. Das ist an sich auch keine schlechte Sache. Aber es führt zu Isolation, zum Verpuppen. Wir kapseln uns von anderen ab, übersehen Dinge, die vor uns liegen. Und andere sehen zu, wie sie sich selbst diese Zeit möglichst angenehm gestalten und nehmen dabei wenig Rücksicht auf andere.   

Ein Beispiel dafür ist die Notbetreuung in Kitas. Deren Idee ist ja, Eltern in systemrelevanten Berufen zu entlasten. Aber das Angebot nehmen nicht nur Krankenschwestern, Altenpfleger und Supermarktkassiererinnen wahr. Ende Januar wurden hierzulande mehr als ein Drittel der Kinder zwischen null und sechs Jahren in Kitas betreut – trotz Corona und aller Appelle der Politik. Ganz vorne war das Bundesland Hamburg: Dort brachte jeder zweite sein Kind in die Kita, in Bayern war es jeder fünfte.  

Wobei Bayern auch nicht Bayern ist: Eine Freundin erzählte uns von einer Betriebskita im Freistaat. Deren Leitung habe kürzlich einen Hilferuf an die Eltern verschickt, weil sechzig Prozent von ihnen ihre Kinder in die Notbetreuung schicken. Bei dieser Menge sei der Sinn des Lockdowns ausgehebelt, hieß es. Die Leiterin appellierte eindringlich an die Solidarität der Eltern. Denn fast alle kehrten, nachdem sie ihren Nachwuchs abgeliefert hatten, zurück nach Hause ins Homeoffice. Auch wenn dieses Verhalten natürlich nicht illegal ist und in manchen Fällen nachvollziehbare Gründe gibt, steckt dahinter ein gehöriges Maß an Bequemlichkeit und Egoismus. Als wolle man den Erziehern sagen: „Kümmere dich gefälligst um mein Kind. Das ist dein Job, ich mache meinen.“

Es gibt weitere Beispiele für Egoismus und Empathieverlust: Eine Jugendpflegerin in einer norddeutschen Kleinstadt erzählte meiner Schwester, von einer Flüchtlingsfamilie aus Nigeria. Der fünfjährige Sohn nimmt die Notbetreuung in der Kita in Anspruch, denn genau für solche Fälle ist sie da. Seine alleinerziehende Mutter ist Analphabetin, spricht kein Wort Deutsch und hat keinen Job. Ihr großer Sohn hat weniger Glück als sein Bruder. Die Leiterin der Grundschule weigert sich, den Jungen in die Notbetreuung aufzunehmen. Begründung: Die Mutter sei ja zu Hause. Ich frage mich, wie dieses Kind unter diesen Voraussetzungen jemals den Anschluss schaffen soll? Allein zu Hause mit Büchern in einer fremden Sprache und einer Mutter, die nicht lesen kann. Die Schulleiterin hat sich diese Frage nicht gestellt.

Genauso wenig wie die Frage, ob es in Ordnung ist, an einem Montagvormittag einen Spaziergang durch den Heimatort zu machen, während ihre Schüler allein oder mit gestressten Eltern im Homeschooling sitzen. Denn genau das hat sie getan. Von einer erstaunten Mutter darauf angesprochen, antwortete sie: „Man muss ja auch mal raus.“ Auch wenn die Leiterin natürlich jedes Recht der Welt hat, spazieren zu gehen, wo sie will, fällt es mir persönlich schwer, mich nicht über dieses Verhalten zu ärgern.  

Auch in meinem unmittelbaren Umfeld gibt es reichlich Konfliktstoff. Im Gespräch mit unserer Klassenlehrerin habe ich erfahren, wie die Schule die Rückkehr der Kinder plant. Es soll Wechselunterricht geben, allerdings anders als im ersten Lockdown. Statt wie bisher im wöchentlichen sollen die Kinder nun im täglichen Wechsel unterrichtet werden. Der Elternbeirat habe dem im Gespräch mit der Schulleitung zugestimmt, sagte mir die Lehrerin.

Unser Elternbeirat besteht aus elf Mitgliedern. Das Gremium ist normalerweise äußerst kommunikativ. Ob ein Flohmarkt ansteht, Bücher getauscht werden oder eine Lehrkraft verabschiedet wird – in der Chat-Gruppe werden alle möglichen Dinge fleißig geteilt und besprochen. Nur die Sache mit dem Wechselunterricht wurde irgendwie vergessen. Als die Eltern unserer Klasse von diesen Plänen erfuhren, war das Geschrei groß. „Wenn wir täglich wechseln, lass ich mein Kind nicht in die Schule“, ärgerte sich eine Mutter. „Ich arbeite im Schichtbetrieb, mein Kind muss dann allein zurechtkommen. Wie soll das klappen?“ empörte sich ein Vater. Um die Gemüter zu beruhigen, ließ ich als Elternsprecher darüber abstimmen, welche Form des Wechselunterrichts unsere Klasse bevorzugt. Das Ergebnis war ausgeglichen. Das teilte ich der Schulleitung und dem Elternbeirat mit. Ob das jetzt noch irgendeinen Einfluss auf die finale Entscheidung hat, ist offen.

Dann geschah etwas Unerwartetes: Eine Mutter, die immer hilfsbereit, aber auch sehr still ist, ergriff das Wort: „Ich fände es schön, wenn wir uns statt zu schimpfen, gegenseitig beim Homeschooling unterstützen würden. Ein Kind pro anderer Haushalt ginge ja.“ Schnell gab es Zustimmung und der Vorschlag wurde umgesetzt. Die Eltern solidarisierten sich. Plötzlich war die Möglichkeit des täglichen Wechselunterrichts kein Tabu mehr. „Dann sehen sich die Kinder ja viel öfter. Das ist doch toll“, schrieb der Schichtarbeiter. Inzwischen haben sich kleine Lern-Duos gebildet. Unser Sohn ist heute bei einer Schulfreundin, vergangene Woche war sie bei uns. Ein anderer Junge kommt jetzt immer donnerstags zu uns, um seine alleinerziehende Mutter ein wenig zu entlasten. Es geht also.

Ob sich die Situation in der bayerischen Betriebskita entspannt hat, kann ich nicht sagen. Aber wie ich erfahren habe, ist der nigerianische Junge inzwischen in der Notbetreuung seiner Schule untergebracht. Er sitzt jeden Tag mit anderen Kindern zusammen, lernt und spricht Deutsch. Außerdem besucht die Mutter auf Initiative der Schulleiterin einen Sprachkurs.

Es ist total banal und vielleicht naiv: Aber ob im Herbststurm oder während eines Corona-Lockdowns – ich glaube, Darwin liegt falsch. Denn wir können selbst entscheiden, wie wir mit einer Krise umgehen. Ob wir die Menschen um uns herum ausblenden oder ob wir schauen, wo wir uns möglicherweise gegenseitig unterstützen können. Das ist letztlich auch eine Charakterfrage.

09. Feb. 2021
von Matthias Heinrich
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02. Feb. 2021
von Chiara Schmucker
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Auch ich habe Bedürfnisse

Wenn das Kind seinen Willen nicht bekommt, muss es mit seinen Gefühlen trotzdem nicht alleingelassen werden.
Wenn das Kind seinen Willen nicht bekommt, muss es mit seinen Gefühlen trotzdem nicht alleingelassen werden.

„Vielleicht braucht Max einfach mehr Mama“, sagt meine Freundin mitleidig, nachdem ich ihr erzählt habe, dass unser Zweijähriger seit Monaten schlimme Einschlafprobleme hat. Ich spüre, wie Tränen bei mir aufsteigen. Bin ich also an den Problemen schuld, weil wir Max an fünf Tagen in der Woche in die Kita bringen, seit er ein Jahr alt ist? Weil ich arbeite und wir erst ab nachmittags zusammen unsere Zeit verbringen? Weil er zwar von mir in den Schlaf begleitet wird, danach aber in seinem eigenen Bett weiterschlafen soll?

„Nein“, sage ich, vielleicht etwas heftiger als beabsichtigt und wische die Tränen zornig weg. „Diesen Schuh ziehe ich mir nicht an.“ Max war ein absolutes Wunschkind. Ich habe gerne und sehr intensiv über ein Jahr lang gestillt, noch länger getragen, stundenlang abends mit ihm einen Weg gesucht, wie er friedlich einschlafen kann. Ich habe von Anfang an sehr aufmerksam auf Max’ Bedürfnisse geachtet, ihn nicht absichtlich weinen lassen und ich würde ihn auch nicht abends allein in seinem Bett schreien lassen, damit er das Einschlafen vielleicht doch noch lernt. Eine gute Bindung und Beziehung zu meinem Kind steht für mich an oberster Stelle. Und doch möchte ich auch weiterhin meinem Job nachgehen und meine Nächte ohne Kinderfüße im Gesicht verbringen.

Und ich möchte meine Tage ohne schlechtes Gewissen verbringen, meinem Kind nicht genug Mama zu sein. Und dazu gehört auch, mich nicht weiter vom vor allem in sozialen Medien propagierten Schlagwort der bindungs- oder bedürfnisorientierten Erziehung (Attachement Parenting) unter Druck setzen zu lassen. Dieser Erziehungsstil, der in sieben Kategorien sehr genaue und vor allem sehr enge Empfehlungen in Bezug auf Stillen, Schlafen oder Tragen gibt, die Frauen mitunter bis zur Selbstaufgabe Verschiedenes abverlangen, geht ursprünglich auf einen evangelikalen Kinderarzt aus den USA zurück.

Anhänger der Ideologie lassen die Kinder entscheiden, wann sie sich selbst abstillen, den Weg aus dem Elternbett oder dem Tragetuch suchen. Daran ist nichts auszusetzen, solange das für beide Seiten in Ordnung ist. Doch häufig ist es das eben nicht (mehr), und ich lese täglich auf Instagram, wie sich Mütter allein für ihre Wünsche geißeln, irgendwann einmal wieder eine Nacht durchschlafen oder die Dreijährige langsam abstillen zu wollen.

Es überrascht nicht, dass einige der Anhänger der Ideologie eine bedenkliche Nähe zu Impfskeptikern, Schulpflichtkritikern und rechten Kreisen aufweisen, wie im vergangenen Jahr bekannt wurde. Auch ich habe das in den Debatten bemerkt. Genauso wie mir inzwischen auffällt, dass die Aufforderungen „Lasst die Leute reden, die euch sagen, euer Kind sei zu groß für die Brust oder muss alleine schlafen lernen“ auch gleichzeitig enormen Druck für die Frauen aufbaut, die– aus welchen Gründen auch immer – nicht oder nur kurz stillen wollen oder der nächtlichen Ruhe wegen die Kinder ungern dauerhaft im eigenen Bett schlafen lassen möchten.

Ich brauchte den Rat einer befreundeten Psychologin, der mir die Augen öffnete. „Auch die Mutter hat Bedürfnisse“, sagte sie. Und: „Allen Konflikten mit dem Kind immer nur aus dem Weg zu gehen und immer nachzugeben, führt dazu, dass das Kind sich bald gar nicht mehr orientieren kann.“ Sie nannte Beispiele von Familien, die nur noch am Boden essen, weil die Mutter es nicht über sich brachte, Nein zu sagen. Von Müttern, die es über Monate nicht schafften abzustillen, weil sie Angst hatten, die Mutter-Kind-Beziehung zu beschädigen.  

Seit sie bei uns war, gibt es bei uns häufiger mal einen (auch lauten) Konflikt mit unserem Zweijährigen. Wenn wir nicht wollen, dass er die Spielzeugkiste umkippt, halten wir sie fest – und ertragen mit ihm zusammen einen Zornausbruch de luxe. Doch das wirkt (zumindest bei uns) oft wirklich wie ein reinigendes Gewitter. Danach kann sich Max häufig plötzlich wieder auf das konzentrieren, was eigentlich wirklich sein Bedürfnis ist (mit Mama spielen, essen, schlafen oder ein Buch ansehen). Ich bin von der passiven in die aktive Rolle gerutscht und habe mein Kind durch diese Situation begleitet – und dennoch mein Bedürfnis befriedigt, die Kiste später nicht noch ein weiteres Mal aufräumen zu müssen.

Eine Leserin hat mir vor einiger Zeit auf einen meiner Texte hier geschrieben: „Jedes Kind hat das recht auf eine ausgeschlafene Mutter“. Dieser Satz hat mich lange beschäftigt, denn ich fand, sie hat recht, wusste aber nicht, wie ich dort hinkommen sollte. Mit den Konflikten, die wir inzwischen anders angehen, hat sich auch das Einschlafthema schlagartig verändert. Wir begleiten Max auch weiterhin, haben aber einige Regeln aufgestellt, die wir strikt befolgen: Kein Herumrennen, kein Bettenwechsel, kein Spielzeug im Bett. Die Ausbrüche waren laut und emotional, doch inzwischen geben die Regeln uns allen dreien Struktur. Und unsere Beziehung ist dadurch nicht nur intensiver geworden, sondern hat auch eine Leichtigkeit (zurück)gewonnen, die ich bei all der Bedürfnisorientierung vermisst habe.

02. Feb. 2021
von Chiara Schmucker
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26. Jan. 2021
von Matthias Heinrich
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Wie wir im Homeschooling unsere Elternrolle nicht verlieren

Manchmal würden Eltern auch einfach nur gern mit ihren Kindern zocken – zumindest Eltern sein.

Gerade reicht´s mal wieder. Es ist kurz nach zwölf. Ich habe mich im Badezimmer eingeschlossen und schaue in den Spiegel. Und ich begreife, was der Begriff aschfahl bedeutet. Die dunklen Krater unter den Augen runden das Bild ab. Rasieren müsste ich mich mal. Ich habe einen Vollbart. Hipstermäßig, könnte man glauben. Aber hip ist rein gar nichts an mir.

Eher sehe ich aus wie ein Holzfäller, der abgeschieden in der Wildnis von Alaska lebt. Der seit Monaten keinen Spiegel gesehen hat und dem das offenbar vollkommen egal ist. Leider schaue ich aber in so ein verdammtes Ding. Ich trage immer noch die Sachen, in denen ich geschlafen habe. Normalerweise flüchte ich mich in solchen unangenehmen Momenten in Sarkasmus. Aber dazu habe ich keine Kraft. Dazu sind die unangenehmen Momente gerade zu viele und vor allem immer gleich.

Homeschooling, der x-te Tag. Für Millionen Schüler im ganzen Land. Uns Eltern kommen dabei mehr Rollen zu als den gefragtesten Mimen am Schauspielhaus: Hilfslehrer, Weckdienst, Sekretär, Koch, Tröster, Übersetzer, Putzkraft. Es sind alles Nebenrollen, aber eben sehr viele. Durch die Überforderung drohen wir unsere Hauptrolle außer Acht zu lassen. Auch in Zeiten des Lockdowns und der Endlosschleife Homeschooling sind wir an allererster Stelle Eltern.

Ich schaue in den Spiegel. Es ist schon mittags, wie gesagt. Was habe ich eigentlich heute schon geleistet, dass ich so fertig bin?

Nach dem Frühstück geht es los: „Womit möchtest du anfangen?“ frage ich den Drittklässler. Wir schauen gemeinsam auf den Wochenplan: In Deutsch stehen eine Übung zu den Lernwörter mit „i“ und ie“ auf dem Programm, ein Arbeitsblatt mit Fragen zu einem Text über „Wintersport und Winterschlaf“, zwei Seiten im Lesebuch und Übungen mit Anton. Anton, das ist ein Online-Lernprogramm in Mathe und Deutsch, das die Kinder am Smartphone, Tablet oder Computer selbst bedienen können. Zurück zum Wochenplan: In Mathe gibt es das Arbeitsblatt „Das weiß ich schon über die Zahlen bis 1000“ und ein Zahlenrätsel – ebenfalls auf Anton. Die anderen Fächer spare ich mir. Unser Sohn trifft seine Wahl schnell und greift zum Tablet.  

Glücklicherweise haben wir zwei dieser Geräte. Denn unsere Tochter, die im Sommer eingeschult wird, möchte auch Anton machen. So suche ich für sie Übungen für Erstklässler heraus, bei dem sie einzelne Buchstaben kennenlernt. Natürlich ist es toll, dass sie sich für Schule interessiert. Nicht so toll ist, dass sie bei der Hälfte der Übungen meine Hilfe braucht. Sie kann halt noch nicht lesen. Mitten drin meldet sich der Drittklässler: Er ist mit den Online-Aufgaben fertig und möchte eine Pause machen.

Die ist laut Plan aber erst in einer halben Stunde. „Mach doch bitte noch das Arbeitsblatt, dann hast du dir die Pause richtig verdient.“ Protest, Gemaule, ich bleibe hart. „Das ist unfair.“ Ja, weiß ich, denke ich. Das ist alles unfair. Er grapscht sich das Blatt und fängt widerwillig an. Seine Schwester zeigt mir das Tablet und will wissen wo im Wort „Nase“ das „n“ steht: am Anfang, in der Mitte oder am Ende?

Ich bekomme eine Nachricht im Klassenchat. Eine Mutter fragt auf Englisch, wie die Aufgabenstellung beim Deutsch-Arbeitsblatt zu verstehen ist. Ich antworte ihr, als Elternvertreter sehe ich mich in der Pflicht. Sie bedankt sich. Kurze Zeit später eine neue Nachricht im Klassenchat. Eine andere Mutter fragt, wann wir eigentlich das wegen des Lockdowns zu viel gezahlte Essensgeld zurückbekommen. Meine Elternsprecher-Pflicht ist mir jetzt Wurscht, denn ich habe keine Ahnung und außerdem die Hoffnung, dass sich jemand anders aus unserem Elternsprecher-Team der Frage annimmt. Den Gefallen tut mir aber keine der beiden.

„Fertig!“ ruft stattdessen mein Sohn. Ich schaue mir sein Arbeitsblatt an, mache ihn auf einen kleinen Fehler aufmerksam, lobe ihn aber. „Hefte den Zettel bitte in deine gelbe Mappe, so steht es im Wochenplan. „Wo ist die denn?“ fragt mich das Kind mit vollem Ernst. „Ich weiß nicht, wo du deine Mappe hast“, antworte ich genauso ernst. „Ja, Papa, ich auch nicht!“ Ich fordere ihn auf, in seinem Zimmer nach dem Ding zu suchen. Protestierend verschwindet er. Eine neue Nachricht im Klassenchat. Leider geht es wieder ums Essensgeld. Eine Mutter sagt, das sei im November erhöht worden. Auch ihr sei das von März bis Juni zu viel gezahlte Geld noch nicht rückerstattet worden.

„Ich geh spielen, Papa“ sagt meine Tochter plötzlich, lässt ihr Tablet auf dem Sofa liegen und verschwindet in ihrem Zimmer. Ich schaue nach meinem Sohn. Er hat sich umgezogen, trägt jetzt ein Werder-Bremen-Trikot und spielt Fußball in seinem Zimmer. „Hast du die gelbe Mappe gefunden?“ „Nein.“ „Wo kann die denn sein? In der Schule vielleicht?“ „Keine Ahnung.“ Ich seufze und lass ihm seine Pause. „In einer halben Stunde geht´s weiter, ja?“ „Okay.“

Eigentlich will ich jetzt das Mittagessen vorbereiten. Aber im Klassenchat herrscht Hochbetrieb. Es geht noch immer um das Essensgeld. „Wir haben auch nichts zurückbekommen.“ „Wir auch nicht.“ Eine Mutter will die Zahlung ganz einstellen, eine andere möchte von den Elternsprechern wissen, was die Schulleitung eigentlich dazu sagt. Ich schreibe, dass wir uns kümmern werden.

Plötzlich Geschrei. Meine Tochter kommt weinend angerannt. Sie zeigt auf ihren Mund. Beim Versuch, einer Playmobilfigur mit den Zähnen die Haare vom Kopf zu trennen, hat sie sich an dem kantigen Plastik verletzt. Ich trockne die Tränen und versorge sie mit Eiswürfeln. Dann schaue ich auf den Esstisch, auf dem sich Schulbücher und Hefte stapeln. Mit Sicherheit verbirgt sich in dem Haufen eine gelbe Deutsch-Mappe, denke ich. Dann fange ich an. Essen zu kochen. Eine weitere Nachricht im Klassenchat: Jemand möchte wissen, wie wir die Religionsaufgabe gelöst haben. Ein Blick auf den Wochenplan: Religion ist erst übermorgen dran. Irgendwer wird schon antworten.

Fünf Minuten später steht der Werder-Bremen-Fan in der Küche, in einer Pfanne zischt es und ein Topf kocht fast über: „Ich habe Hunger. Kannst Du mir einen Gemüseteller machen?“

Im Spiegel schaue ich dem überforderten Menschen ins Gesicht. Was hilft? Sarkasmus, Ironie, Selbstmitleid oder die alltägliche Frage, ob drei Uhr am Nachmittag noch zu früh ist, um den Wein zu entkorken? Diese Situationen kennen Hunderttausende Eltern. Es gibt aber auch immer noch die schönen Momente. Ein Kollege erzählte neulich, er sei mit seinen Kindern im Mondlicht Schlitten gefahren. Dabei habe er sich seit langem mal wieder als Vater gefühlt und eben nicht als Koch, Wecker oder Lehrer.

Solche Momente hat jede Mutter und jeder Vater. Es ist aber gerade jetzt wichtig, wo wir so viel und eng mit den Kindern zusammen sind, solche guten Eltern-Kind-Situationen zu haben. Man kann dabei nachhelfen, in dem man etwas tut, was Kind und Elternteil wirklich gerne tun.  Bei unserem Jungen und mir ist es Fußball. Wir spielen mit dem Softball Bundesligaspiele nach, schauen uns gemeinsam die Sportschau an und er bombardiert mich mit Fragen.

Mit meiner Tochter ist ein Lego-Kran unser gemeinsames Ding. Den hat ihr Bruder zu Weihnachten bekommen, aber kein Interesse daran. Jetzt bauen sie und ich den Kran nach und nach zusammen. Es haut mich um, mit welcher Beharrlichkeit sie die Steine zusammensucht und mit welcher Strenge sie mich beim Zusammenbauen korrigiert. Außerdem haben wir noch etwas für uns drei entdeckt: beim Zu-Bett-Bringen gibt es ein neues Ritual: Jeder darf sich drei ganz individuelle Fragen überlegen, die dann alle beantworten. Zum Beispiel: Was ist deine Lieblingseissorte, dein Lieblingstier in Afrika, der schönste Strand, an dem du warst? Wir genießen das alle drei.

Trotz Homeschooling, Überforderung und Frust dürfen wir nicht vergessen: Für unsere Kinder sind wir immer Mutter und Vater, wir sind immer Eltern. Auch in Situationen, in denen wir uns selbst als Hilfslehrer fühlen oder Koch, als Privatsekretär oder Putzkraft. Und auch, wenn wir selbstmitleidig vor einem Spiegel stehen.

26. Jan. 2021
von Matthias Heinrich
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19. Jan. 2021
von Sonia Heldt
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Zeig mir deinen Style, und ich sage dir, wer du bist

Style, ein Fest: Tänzer des Ballet National de Marseille beim Internationalen Mode-Festival in Hyères, Frankreich. © Jana Call Me J/ABACAPRESS.COM

Lara sichtet alte Fotos: Ich, 1992, Spanienurlaub mit meinen Mädels. „Hast du die Oberteile auf den Bildern noch?“, fragt sie. Natürlich nicht. Wer bewahrt schon seinen Kram drei Jahrzehnte auf?! Lara schnaubt enttäuscht. „Mann, Mama, in der Stadt hat gerade ein neuer Laden aufgemacht, mit Vintage und Second-Hand-Sachen. Die Klamotten sind voll angesagt. Du hattest so schöne Tops. Hättest ja ruhig mal daran denken können, dass du irgendwann Töchter bekommst.“ Sie seufzt. „Ich würde so gerne in deiner Zeit leben.“ Lara mag die Trends der achtziger, neunziger aber auch der frühen zweitausender Jahre. Sie schaut mit ihren Freundinnen mit Vorliebe alte amerikanische High-School-Filme, wie Clueless, 10 Dinge die ich an dir hasse oder Girls Club mit Lindsay Lohan. „Und der Fotoapparat von früher ist auch weg?“, forscht Lara nach. Neuerdings fotografiert sie mit einer Einwegkamera aus dem Drogeriemarkt. Sie findet es spannend, dass der Film entwickelt werden muss und man die Fotos erst später anschauen kann. Ich nicke. Die alte Pocketkamera landete natürlich irgendwann genauso in der Tonne wie die Kleidungsstücke aus meiner Teenager- und Twen-Zeit.

Bis zur 6. oder 7. Klasse war es Lara egal, ob ihre Klamotten angesagt waren. Sie ging äußerst widerwillig mit mir shoppen, wenn ihre Hosen oder Schuhe zu klein geworden waren, und man bekam sie nur unter Gewaltandrohung in eine Umkleidekabine. Sie besaß Lieblingsteile, aber ihr war nicht wichtig, wie andere sie darin beurteilten. In der Mittelstufe und mit fortschreitender Pubertät schnappte sie dann gewisse Mode-Trends auf. „In der siebten Klasse sahen wir echt alle gleich aus“, sagt Lara heute, mit Abstand. „Hattest du keine Superstars-Turnschuhe von Adidas, warst du uncool, und das wollte man nicht. Ich war neidisch auf die Leute, die ständig mit neuen Markenklamotten von Hollister oder Abercrombie in der Schule aufschlugen und direkt mehrere Superstars-Paare besaßen. Das ist typisch für die Mittelstufe: Alle laufen total geschmack- und stillos rum. Eine Zeit lang habe ich diese Tattoo-Ketten getragen. Die wurden irgendwann als extrem peinlich bezeichnet, und dann habe ich alle weggeschmissen.“      

Nun ist Lara sechzehn und auf der Suche nach ihrer Persönlichkeit, die sie durch ihr Äußeres unterstreichen will. Im Moment bevorzugt sie High-Waist-Jeans mit überlangen Säumen und weitgeschnittenen Hosenbeinen, aber auch Schlaghosen und Carmen-Oberteile. Als Lara mir ihr neues schulterfreies Shirt mit weiten Trompetenarmen und einer Schlaghose kombiniert vorführt, erinnert mich das doch sehr an die Siebziger. Ich stimme Super Trouper von ABBA an, worauf sie die ihren Look verteidigt: „Das ist voll mein Style!“ Als ich sie frage, ob sie ihren Style irgendwie benennen kann, wird sie nachdenklich: „Er geht in die Vintage Richtung, aber so ganz habe ich meinen persönlichen Stil noch nicht gefunden. Weißt du, der Style ist unglaublich wichtig. Er macht uns aus und zeigt uns, wo wir hingehören. Meist scanne ich eine Person kurz und weiß sofort, mit wem ich es zu tun habe und zu welcher Gruppe sie gehört.“ Lara erklärt, dass sie eigentlich nicht jedem Trend hinterherlaufen will und nur trägt, was ihr wirklich gefällt. Andererseits, gibt sie zu, wüsste sie nicht, ob sie die Schlaghosen tragen würde, wenn die gerade nicht total angesagt wären.

Dass Teenager sich über ihren Style definieren, war schon in meiner Jugend so. Auch wir wollten mit unserem Aussehen ein Statement setzen, uns abgrenzen und auf keinen Fall uncool wirken. In den Achtzigern waren wir Punker, Popper, Mods, Teds, Waver oder Gruftis (die schlecht gelaunte Variante der Waver, die auch gerne mal auf Friedhöfen rumhingen). Meist genügte wirklich ein einziger Blick auf sein Gegenüber, um zu erkennen, auf welche Musik sie oder er stand und in welchen Läden sie oder er am Wochenende anzutreffen war. Meine damals allerbeste Freundin verwandelte sich mit fünfzehn Jahren immer mehr in eine Waverin. In ihrem Kleiderschrank wurde es schwarz. Sie trug spitz zulaufende Schuhe mit auffälligen Schnallen oder Reißverschlüssen, färbte sich ihr Haar tiefschwarz, bearbeitete es mit einem Kreppeisen, hörte The Cure, Sisters of Mercy oder New Model Army und besuchte nur noch entsprechende Diskotheken, in denen entsprechende Musik gespielt wurde.

Wie die meisten meiner übrigen Freunde, war ich nicht einhundertprozentig einer Gruppe zuzuordnen. Aber Mode und Styling war uns allen ausgesprochen wichtig. Einige machten jeden modischen Trend mit, andere wiederum nicht. Das variierte je nach Geld und Elternhaus. Mit bestimmten Leuten gab man sich damals nicht ab. So rümpften wir bei Moonwashed Jeans oder Joggingklamotten die Nase, aber auch bei extrem spießigen Popper-Outfits.

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19. Jan. 2021
von Sonia Heldt
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12. Jan. 2021
von Matthias Heinrich
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Homeschooling: „Wie Sie sehen, sehen Sie nichts“

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Digital ging nicht viel. Der Homeschooling-Start war für viele Schüler frustrierend.

Draußen schneit es. Es hat gefroren. Der Schnee wird liegen bleiben. Die Kinder stehen am Fenster und freuen sich. Gleich wollen sie einen Schneemann bauen. Aber erst einmal geht es zurück zum Schreibtisch. Der Wochenplan will ordnungsgemäß abgearbeitet werden. Deutsch ist fertig, jetzt ist Mathe dran.

Heute ist Dienstag. Erst in der vergangenen Woche hatte ich über Homeschooling geschrieben. In dem Text hatte ich vor allem uns Eltern in die Pflicht genommen. Wir sollten Vorbilder sein und den Heimunterricht mit Eifer und Optimismus angehen. „Den Stier bei den Hörnern packen“, wie es so schön heißt. Ich wollte auch eine Fortsetzung zum Homeschooling schreiben – allerdings erst in der kommenden Woche. Aber der Stoff, der in den ersten anderthalb Tagen angefallen ist, reicht schon jetzt für eine Fortsetzung.

Meine Frau und ich haben uns wirklich gut auf Homeschooling 2.0 vorbereitet. Am Wochenende waren wir joggen, der Kühlschrank ist voll. Sonntagabend haben wir einen knackigen Wochenplan entworfen: Um 6:30 Uhr klingelt der Wecker, ein erster Kaffee. Um 7 Uhr wecken wir die Kinder. Um 7:30 h gibt´s Frühstück, den zweiten und dritten Kaffee. Um 8 Uhr sitzen wir am Schreibtisch. Die Kinder dürfen noch eine Weile spielen, um 8:30 Uhr beginnt dann der Unterricht.

Theo geht in die 3. Klasse, seine Schwester Tina kommt zwar erst im Sommer in die Schule, möchte aber auch unbedingt Schularbeiten machen. Also haben wir ihr ein Vorschulheft mit verschiedenen Aufgaben besorgt, die sie emsig beackert.

Auch die Lehrerin hat gute Vorarbeit geleistet. Sie hat ihrer Klasse einen abwechslungsreichen Wochenplan zusammengestellt, mit analogen und digitalen Aufgaben. Schreiben, lesen, rechnen, malen – mit Stift und Zettel sowie am Tablet. Da gibt es nichts zu klagen.

Das Material hat sie über die App schul.cloud verschickt. Über diese kommunizieren wir Eltern seit Beginn des Schuljahres mit ihr. Bis jetzt lief es einigermaßen, aber am Montagmorgen gab es erste Probleme: Das System schien überlastet. Es war immer wieder offline, zeigte Nachrichten gar nicht oder mit Verspätung an. Die Unsicherheit in der Elternschaft wuchs, denn für den heutigen Dienstag waren drei Videokonferenzen mit je drei Schülern anberaumt. Damit meinte es die Lehrerin gut: Wenn die Kinder sich schon nicht in der Schule sehen können, sollen sie wenigstens digital miteinander reden.

Den Prozess zu schildern, der nötig war, um diese drei Chat-Gruppen zusammenzustellen, wäre einen eigenen Beitrag wert. Hier würde es den Rahmen sprengen. Darum nur so viel: Als Elternsprecher haben zwei Mütter und ich die Gruppen mit Hilfe einer Online-Umfrage schließlich zusammengepuzzelt.

Die erste Gruppe sollte heute am Dienstag um 9.30 Uhr starten. Die Klassenlehrerin wollte einen Link verschicken, über den wir uns dann via schul.cloud einwählen sollten. Es wurde 9.30 Uhr, dann 9.32 Uhr und 9.33 Uhr. Theo stand erwartungsfroh vor dem Rechner, freute sich auf seine Freunde und fragte, wann es denn nun losgehe. Ich starrte ebenfalls mit Herzklopfen und nicht ohne Skepsis auf mein Handy. Nichts geschah. Es wurde 9.35 Uhr.

Zum Glück kommunizieren wir Eltern untereinander über einen Messenger-Dienst. Der funktioniert immer, auch heute. Ich schrieb: „Acht Kinder samt einem Elternteil sitzen gebannt vor dem Rechner und warten. Ich habe es direkt vor Augen. …“

Antwort einer Mutter: „Du hast sooo recht (Lach-Smiley).“

„Exactly“, meinte eine andere Mutter.

Wir warteten weiter.

„Wie Sie sehen, sehen Sie nichts“, dachte ich.

Die erste Mutter schrieb – jetzt ohne Lach-Smiley – es war inzwischen 9.40 Uhr: „Ich hoffe, es klappt in den nächsten zehn Minuten. Ich muss zur Arbeit.“

Unsere Kinder habe ich inzwischen zum Schneemannbauen nach draußen geschickt. Ich hatte einfach keine Geduld mehr für Theos Dauergefrage.

Dann endlich eine Nachricht über die schul.cloud: Die Klassenlehrerin. „Es tut mir leid, aber das Programm schickt mir keinen Konferenzraum und meldet mir auch nicht warum. Ich nehme an, dass das Videokonferenztool überlastet ist. Was machen wir? Warten oder später einen zweiten Versuch starten? Vielleicht sind dann weniger Nutzer unterwegs.“

Nach einem kurzen Hin und Her schlug sie einen Videochat über Zoom vor. Das ist die Plattform, vor deren Gebrauch Datenschützer während des ersten Lockdowns noch warnten. Mir war es egal. Sie wollte die Konferenz gleich einrichten und den Link schicken. Ich wartete und wartete, bekam aber nichts. Seltsam. Plötzlich zeigte mir die App eine Nachricht an. Die Lehrerin hatte den Link geschickt – vor zwölf Minuten.

Ich hastete zum Rechner und wählte mich ein. „Ah, da ist ja auch… Theos Vater“, sagte sie erfreut, als die Verbindung stand. Ich blickte ihr Gesicht und in die von sieben neugierigen Kindern. Ich rief Theo. Dann konnten die Kinder endlich miteinander reden. Es ging um Weihnachtsgeschenke, Silvester und Böller. Ich atmete durch, ging zum Kühlschrank und brach mir von einer XXL-Tafel ein daumendickes Stück Schokolade ab. Wie gesagt, alles gut vorbereitet.

Die Kinder waren kurz darauf wieder im Garten mit dem Schneemann beschäftigt. Sie rollten große Schneekugeln über den Rasen und hatten Spaß. Ich griff wieder zum Handy und bat im Klassenchat darum, den Zoom-Link künftig über den Messenger zu teilen und erzählte von meiner Erfahrung mit der verspäteten Nachricht.

„Welcome to Germany“, kommentierte eine Mutter sarkastisch.

Dann ging es um den nächsten Chat. Gegen Zoom hatte niemand Einwände. Irgendwie ging es allen Eltern gleich: Hauptsache, es funktioniert jetzt mal etwas. Der zweite Chat lief dann problemlos.

Ich holte mir einen Kaffee und ein weiteres Stück Schokolade. Im Garten stand jetzt ein stolzer Schneemann mit Karottennase und grinste mich an.

„Welcome to Germany“ – ich dachte darüber nach. In Schulen im ganzen Land gab es seit Montag Probleme mit Lernprogrammen – ob sie Moodle, Mebis, oder iServ heißen. Einige Schüler konnten überhaupt nicht digital arbeiten oder flogen immer wieder aus ihren Chats.

Ich habe viel Verständnis und wenig Ahnung von Technik. Aber dass die Zugriffe auf die Lernprogramme steigen würden, wenn das ganze Land im Homeschooling ist, das war selbst für mich absehbar. Meiner Meinung nach haben die Verantwortlichen die Sache vor die Wand fahren lassen – frei nach der Devise: „Wird schon schiefgehen“.

Wer die Schuld für dieses Desaster trägt, die Anbieter, die ihre Server nicht entsprechend verstärkt haben oder Politiker, die zu wenig Druck ausgeübt haben, ist offen. Die Verlierer stehen aber fest. Das sind die Schüler, die sich mit genervten, überforderten Eltern herumschlagen müssen, die ihrerseits einfach möglichst ohne Schaden durch diese Zeit kommen wollen. Ich kann mich des Eindrucks trotz aller Appelle und Beteuerungen nicht erwehren: Kinder und Familien sind in dieser Gesellschaft irgendwie nicht so wichtig wie andere Dinge. Das zeigt der Start dieses Homeschoolings.

Ein dumpfes Geräusch im Garten, ich schaue aus dem Fenster: Der Schneemann ist eingestürzt. Die Karottennase liegt im Dreck.

12. Jan. 2021
von Matthias Heinrich
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