Deus ex Machina

Deus ex Machina

Über Gott und die WWWelt

31. Mrz. 2018
von Don Alphonso
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Ein Internet ohne Kommentare ist möglich, aber sinnlos

Dieses Blog gibt es schon seit ein paar Jahren, und noch nie habe ich hier eine Geschichte gestohlen. Das hier jedoch ist der letzte Beitrag an dieser Stelle, und Ehre und Anstand haben nur wenig Nährwert, habe in in letzter Zeit gelernt – deshalb werde ich nun eine Geschichte ohne Quellenangabe stehlen. Ich bin in der Toskana fern meiner Bibliothek, ich glaube, Herbert Rosendorfer hat sie erfunden, und ich entschuldige mich natürlich für die Übernahme.

Jedenfalls gab es einmal eine Abtei, die einen besonders guten Wein unter einem besonders guten Abt kelterte. Die Abtei hatte die besten Weinberge und Abnehmer in höchsten Kreisen, aber das war nicht alles: War der Wein gepresst und in Fässer gefüllt, zerschnitt der Abt seine alten Stiefel und warf die Stücke in die Fässer. Eines Tages starb er, und sein strenger Nachfolger beendete diese Tradition sofort. Der neue Wein war daraufhin ungenießbar, und bei Hofe, wo man sonst huldvoll das Getränk lobte, ärgerte man sich über den sauren Tropfen ohne Charakter und Esprit. Jahrelang versuchte das Kloster mit allen Mitteln, die Qualität zu steigern, aber es gelang nicht. Irgendwann schlich der mürbe gewordene neue Abt in das Gewölbe und setzte wieder zerschnittene Stiefel zu – und siehe, es wurde besser. Aber nie mehr so gut wie früher.

Ich erzähle das, weil die Gegenwart ganz ähnlich ist: Es gab einige sehr freundliche Angebote zur Fortführung des Blogs bei anderen Medien, allerdings oft unter dem Hinweis, man hätte gern die Texte, aber nicht die Kommentare. Im Prinzip wäre das eine Gelddruckmaschine: Bei meinen Blogs sind die Texte selbst die geringste Arbeit, selbst wenn ich nicht stehle. Vier von fünf Stunden Arbeit nimmt das Gegenlesen, Beantworten, seltenst auch mal das Löschen oder Editieren der Kommentare in Anspruch. Es ist eine Frage der Mentalität, was man als Journalist machen will: Sieht man sich als Verkünder, kann man die Kommentare ganz schliessen oder nur jene durchlassen, von denen man denkt, sie wären anspruchsvoll genug. Oder sieht man sich als Communitymanager, als Hüter in einem Zirkus der Meinungen: Dann ist man Malocher im Kommentarbergwerk, Plauderer, Danksager, Dompteur und Schlichter in einer Person, und mit 10 Beiträgen im Monat vollauf beschäftigt. Meine Blogs hatten in den letzten zwei Jahren im Schnitt über 500 Kommentare pro Beitrag. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: 400 Kommentare am Tag sind das Maximum, das man wirklich betreuen kann.

Insofern verstehe ich es, wenn manche Redaktionen inzwischen sagen, sie verzichten ganz auf die Kommentare, Und ich denke auch, dass es wenig Sinn macht, Kommentare zu haben, die nicht wenigstens ab und zu vom Verfasser des Textes betreut und beantwortet werden. Der Verfasser ist schließlich Stichwortgeber und erster Ansprechpartner in einer Person, und man sollte schon auch den Mut haben, seine eigene Meinung zu erklären: Mit der Möglichkeit zum Editieren und Löschen hat man immer noch eine Machtposition, und man kann auch einfach mal nicht antworten. Die Stellung des Autors ist privilegiert, man bricht sich keinen Zacken aus der Krone, wenn man selbst in den Ring steigt oder, was häufiger ist, danke für das Lob sagt.

Natürlich gibt es auch Kommentatoren, die, für sich betrachtet, keine reine Freude sind, aber ich denke, man muss das ganzheitlich sehen. Fleisch hat Fettes und Mageres, im Stollen sind Zitronat und Nüsse, ich habe hier gerade Feigen-Panforte gekauft, obwohl Mandeln drin sind… so ist das das auch mit den Kommentaren, Nicht jede Zutat muss für sich alleine schmecken. Es kann auch nicht jeder gleich schlau sein. Wenn man es aber gut macht, wenn man gut miteinander umgeht, kann das Niveau schon recht ansprechend sein.

Besonders in einer Zeit, in der abweichende Meinungen gern mal dem Shitstorm, siehe Tellkamp, oder der Entlassung, man denke an Thomas Fischer bei der Zeit, zum Opfer fallen. Es ist kein Wunder, dass die SZ nicht nur die Kommentare geschlossen hat und jetzt betreutes Diskutieren über vorgegebene Themen anbietet. Leute, die ich dort kenne, und die nicht auf der Linie der Redaktion und der jüngeren Radikalen liegen, erzählen mir, dass sie gewisse Themen nicht mehr vorschlagen, weil klar ist, dass man sich damit keine Freunde macht. Ich denke, es gibt bei dem Beschneiden von Sichtweisen ein Folgeproblem bei den Kommentaren: Werden Verbrechen wie in Kandel oder Freiburg zu lokalen Ereignissen herunter gestuft, werden Proteste in den Medien als “friedlich” bezeichnet, während die Polizei bei Twitter schreibt, die Autonomen, die manche Politiker loben, hätten Beamte angegriffen und verletzt, ist es ziemlich offensichtlich, dass etwas nicht richtig funktioniert, und wird gleichzeitig von “Faktencheckern” dagegen gehalten, die selbst eine politische Agenda nahe der Antifa haben, fallen die Kommentare um so unangenehmer aus. Das Spektrum der Meinungen wird ja nicht anders. Medien geben nur einen gewissen Bereich auf, das Publikum ermächtigt sich in Kommentaren, das Spektrum abzubilden. Manche Medien ziehen dann die Reißleine, schließen die Kommentare ganz und verstärken den Eindruck, eine Diskussion sei nicht erwünscht. Dabei ist die Debatte eigentlich eine gute Sache, auch wenn es für manchen Redakteur keine reine Freude sein mag, sich mit den Mobs, die da teilweise auf allen Seiten auch unterwegs sind, zu beschäftigen.

Ich mache diese Arbeit jetzt schon ziemlich lange und kenne noch ene Zeit vor 20 Jahren, da war man überwältigt, wenn sich fünf Leute nach einem Beitrag meldeten. Kommentare sind immer auch ein Zeichen, ob man als Journalist den Nerv getroffen hat, und ich wage es zu behaupten, dass man fähig sein sollte, jedes Thema so aufzubauen, dass die Leser sich ermuntert fühlen, sich zu äußern: Nichts ist im Journalismus schlimmer als die Gleichgültigkeit, die einem als völlig austauschbarer Informationssklave entgegen gebracht wird. Es ist nun mal nicht mehr so, dass man Teil einer Zeitung ist, und, egal wie gut oder schlecht man arbeitet, mitgekauft wird. Für die einen Kollegen in meinem Alter wäre die Entlassung das Ende, ich sitze hier und muss immer noch freundliche Absagen schreiben. Auch an Medien, die nicht im Verdacht stehen, jemanden wie mich haben zu wollen: Ich nehme aus dem Gesprächen mit den Verantwortlichen mit, dass die Notwendigkeit der thematischen Stiefelschnitzel im Wein durchaus verstanden wird, man hat nur Probleme, dafür eine passende Stiefelmarke zu finden. Aber wenn um Kommentare und deren Freischaltung geht, die leider oft als der Dreck erachtet werden, der solchen Stiefeln anhaftet: Da ist man dann doch meistens ziemlich vorsichtig und reserviert. Ma will gute Zahlen, aber keinen Ärger. Man möchte Debatten, aber keine harte Kritik. Man will den Wein zum Preis des Wassers.

Das ist menschlich nachvollziehbar, aber ich denke, wer einen menschlichen Job will, hat im Journalismus, der noch kommen wird, wenig verloren. Das war früher vielleicht anders, aber die Medienkrise und das Internet sind nun mal keine Streichelzoos. Am Ende muss es wieder Menschen geben, die sagen: Ja, aus diesem und jenem Grund bin ich bereit, für diese Leistung auch im Netz zu zahlen, und wenn es für die Kommentare und diesen speziellen Autor ist, dann finde ich das gut. Alles andere führt in den Abgrund der von Reichen als Machtmittel gekauften Presse, der in Amerika und der Türkei sichtbar wird. Oder in den Gremiensumpf der angeblich öffentlich-rechtlichen Medien mit den verhassten Zwangsabgaben und dem abstoßenden Geschacher der Politiker und ihrer Seilschaften um Macht, Einfluss und Komplizenschaft.

Natürlich ist auch eine zu enge Leser-Autoren-Bildung nicht ohne Risiko, und der Gedanke, für Geld der Leser direkt zu schreiben, ist in meinen Augen nicht schön: Ich hasse bekanntlich alle Menschen gleich und glaube nicht, dass der normale Leser für Unangenehmes empfänglicher als der normale Lokalpolitiker ist. Will man so etwas beruflich machen, ist ein dazwischen geschaltetes Medium meines Erachtens immer noch die beste aller möglichen Welten – mag sein, dass ich da in zwanzig Jahren auch anders denke, denn wenn mir vor 20 Jahren jemand erzählt hätte, ich würde heute zwei recht erfolgreiche Blogs zu einem anderen Medium transferieren, inmitten einer öffentlichen Debatte um meine Person und einer sensationellen Menge der Hilfsbereitschaft – ich hätte das nie geglaubt. Aber ich bin hier auf der Welle der Kommentare geritten und ich weiß auch, was für ein gutes Gefühl es ist, wenn sie heranbrandet. Ich mag das, und es ist etwas schade, dass zumindest in Deutschland momentan eher gebremst wird.

Der eigentliche Punkt ist: Inzwischen ist so gut wie jeder im Internet. Was man als Kunden bekommen kann, hat man, und der Aufwand, der für weitere Zugewinne an Klicks getrieben werden muss, ist immens und führt oft in die Abhängigkeit von Google und Facebook. In einem System, in der so viel für die Gewinnung von Lesern getan wird, muss man sich auch überlegen, wie man die Leser halten kann. Agenturmeldungen und verrammelte Kommentarmöglichkeiten sind da sicher nicht hilfreich, und bei der Entwicklung eines Mediums als eine Art Heimat im digitalen Raum wird man mit Schweigezwängen nicht bestehen. Ich hoffe, ich konnte da zusammen mit den Gastautoren in den letzten Jahren ein Gegenmodell anbieten, den Lesern zum Genuss und den Kommentatoren zum erfreulichen Austausch. Ich bedanke mich bei Frank Schirrmacher, der das alles möglich gemacht hat, und bei den Kollegen Mathias Müller von Blumencron und Michael Hanfeld, deren vollkommen berechtigtes Zähneknirschen bei manchem frechen Beitrag und abseitiger Bemerkung nicht ungehört blieb, und die mir eine grossartige Hilfe waren.

Es war eine phantastisch Zeit, und ich wäre dankbar, den ein oder anderen demnächst an einem anderen Ort wieder als Leser und Kommentator begrüssen zu dürfen.

Diesmal bleiben Kommentare leider unbeantwortet – meine Tätigkeit

endet heute um 24 Uhr, danach kann ich nichts mehr

freischalten, und was noch zu sagen wäre,

geschieht an einem Ort des neuen

Anfangs. Danke für alles,

gern geschehen,

Don Alphonso.

31. Mrz. 2018
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20. Mrz. 2018
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Das Internet mit den Methoden der Religionskriege gestalten

Oiso, irgendwie und sowieso is des scho so a Sach, wos da Seehofa da so mim Islahm gsogd hod, wei mia Bayan ned woah, mia Bayan san wann iwahaubs im finfdn Joahundad Anno Domini vo den Behman ind Brovinds Rädsia vo de Remma ganga und hom a neamnands ned im rehmischn Senahd grofgd ob mia do mid da Frienhain-Brestowitsche Guitur einebassn, und schaugsd wos aus uns gwoan is, as schehnste Fleggal Ördn mid de besdn Leid wos iwahaubds gibt ned woah, owa de Slawan, de Schlawinah, drom in Beahlin, de worn no nia ned woandserd und schaugsd es Eich nua grod oh.

Das ist Bayerisch und heisst auf Deutsch, dass man schon einmal, historisch betrachtet, nach Horst Seehofers grundsätzlicher Berechtigung für sein Urteil über den Islam fragen sollte, ist der Volksstamm, aus dem er und wohl zum Teil auch ich stammen, doch selbst im 5. Jahrhundert aus dem böhmischen Raum in Form der Friedenhain-Prestovice-Gruppe eingewandert, ohne vorher einen förmlichen Antrag bei den verbliebenen Restromanen zu stellen – mit im Vergleich durchaus beachtlichen Resultaten.

Das da oben habe ich so aufgeschrieben, weil ich es mitunter in meiner bayerischen Heimat tatsächlich so sage, und da gibt es Orte, da tragen alle, wirklich alle Tracht und alle kennen Sie die Nummer der Rosi, und genauso, ich habe es selbst gesehen, stehen sie am Ende der Rede des Herr Söder auf und intonieren die bayerische Nationalhymne: Gott mit Dir, Du Land der Bayern, deutsche Erde, Vaterland… Würde ich das in Berlin niederschreiben, müsste ich nachher mal überprüfen, ob mein Auto schon angezündet wurde, aber hier bin ich bayerischer Mensch, hier darf ich sein, und auch, wenn ich da nicht mitsinge – ich singe ganz grässlich, es ist eine Gnade, wenn ich den Mund halte – so darf ich doch mit meiner differenzierten Haltung sein. Tatsächlich bin auch ich der Meinung, dass nicht jede Migration schlecht ist: Es hängt halt von der Bereitschaft zur Integration und Mitwirkung im allgemein gewünschten Rahmen ab. Andere wegen ihrer Religion ausgrenzen: Das hat man in Mitteleuropa nach den Religionskriegen zwischen Papisten und Ketzern weitgehend eingestellt, aber von meinem Wohnhaus aus wurde 170 Jahre brutale Gegenreformation betrieben: Das war 170 Jahre zu lang. Ich bin nicht erpicht auf eine Monokultur der Meinungen in der öffentliche Debatte. Deshalb beginne ich solche Gespräche öfters mal mit halbironischen Ablenkungen. Das tut keinem weh und mit einem Lächeln diskutiert es sich leichter. Historisch gesehen weiß ich natürlich auch, dass die undogmatischen Spötter gern mal von beiden Seiten auf den Scheiterhaufen gestellt werden, aber sei’s drum.

Dafür gab es in den letzten Jahren einiges an Empörung im Netz, wenn ich nicht ganz nett über radikalen Genderismus schrieb, und meine diesbezüglichen Aussagen werden oft, sehr oft, mit gerade irrwitziger Nachdrücklichkeit gemeldet. Weniger in der Zeitung, da müsste man ja mit seinem Namen einstehen, aber bei Twitter, wo man dank NetzDG anonym wie bei der Heiligen Inquisition denunzieren kann. Es gibt Leute, die richtiggehend dazu aufrufen, mich zu melden und auf diese Weise aus Twitter zu entfernen, und ein paar von denen, die in mir eine zu beseitigende Gefahr sehen, der die Plattformen entzogen werden müssen, auf dass ich allenfalls im Biergarten so etwas wie da oben sagen kann – genau diese Leute beschweren sich nun lauthals, wenn Seehofer im Kern das gleiche sagt: Der Muslim kann im Land bleiben, seine religiöse Überzeugung hat aber mit dem Land und seinen Traditionen und Werten nichts zu tun.

Nun ist es fraglos eher so, dass ich im realen Leben Auffassungen vertrete, die lediglich bei Twitter und dortselbst den deutschen Meinungsführern wie Stefan Niggemeier und Jan Böhmer-mann (Böhme! Wahrscheinlich auch ein entlaufener Bayer!) nicht der Mehrheitsmeinung entsprechen, gemäß dem Motto, dass die Realität immer das Gegenteil von dem ist, was die Lauten bei Twitter sagen. Seehofer kann sich bei seiner Auffassung darauf verlassen, dass zumindest in allen Altersschichten und Regionen die Menschen mehr zu seiner Einschätzung neigen. Selbst bei Anhängern linker Parteien, die selbst übrigens mit der radikalen Ablehnung von Religionen groß wurden, gibt es starke Minderheiten, die Seehofer recht geben. Ich habe es jetzt nicht ausprobiert, was geschieht, sollte eine Reizfigur wie ich schreiben “Der Islam gehört nicht zu Deutschland ” – wie gesagt, ich habe dazu eie differenzierte Meinung, die damit beginnt, dass es “den Islam” eh nicht gibt und es zu einfach ist, kulturelle Phänomene allein an der Religion fest zu machen. Aber es ist absehbar, dass nach weniger die ersten sofort fordern würden, jetzt sofort meinen Account und meine Blogs dicht zu machen. Eine laute Minderheit schickt sich an zu definieren, was in einer Art öffentlichen Raum gesagt werden kann, und was nicht, und welche Einstellung durch den Verlust von Verbreitungsmöglichkeiten zu bestrafen ist. So, wie bei uns bis in die 60er Jahre Leute tatsächlich noch aus den Wirtshäusern geworfen wurden, wenn sie am Stammtisch in die falsche Richtung politisierten. Oder wie man bei uns noch in der Schülerzeitung mit der Vorzensur durch den Direktor Probleme bekommen konnte. Ich weiß schon, warum ich in Bayern beim Gesprächsbeginn sicherheitshalber solche Volten schlage, nur ist dafür bei Twitter kein Platz, und meine Gegner – und die von Martenstein, Kelle und vielen andere – lesen meines Erachtens gar nicht so weit.

Zumindest im Internet, also da, wo Journalisten heute ihre früheren Straßenumfragen zur Meinungsbildung des Volkes machen, legen sie Wert auf eine Hegemonie, die auch mit Methoden durchgesetzt wird, die sich erst gar nicht mit feiner Abstufung des Instrumentariums aufhalten. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man sich in diesen Kreisen schon verdächtig macht, wenn man einfach mal nichts zu sagen hat – mir ist das im Fall der Gruppe Freital passiert, dazu habe ich genauso viel wie zu Sprengstofffunden bei der Antifa verlauten lassen, nämlich nichts, aber es wurde mir per Kommentar hineingedrückt, so etwas käme davon, wenn man keinen Widerstand leiste. In dieser Szene reicht es nicht, einfach nur zu schweigen und die Gerichte ihre Arbeit tun zu lassen, man muss sich auch äußern. Wer nicht mitredet, wer die richtige Gesinnung nicht öfters verkündet, gilt schnell mal als verdächtig und als Biedermann, der die Brandstifter nicht aufhält – Propagandalieder der Rechten du Linken lassen grüssen, und die betreffenden Personen wissen vermutlich schon, warum sie Max Frisch bemühen und nicht etwa, sagen wir mal, den totalitären Impetus im Film “Hitlerjunge Quex”, der den Aufstand für die laut NS-Propaganda “richtige” Überzeugung lernt. Pardon, ich mache es schon wieder, ich “deraile” wie oben die Debatte, aber so ist das mit diesen Mechanismen nun mal, wenn unbeugsame Bekenntnisse ergebnisoffene Debatten ersetzen.

In letzter Zeit wurden tatsächlich Accounts bei Twitter geschlossen, wie etwa “Patriarchator”, da war der Jubel groß, und ich habe auch die Befriedigung miterlebt, als ein Nutzer unter öffentlichem Druck verschwand, der lediglich Polizeimeldungen verbreitete. Es geht da nicht nur um den Einzelnen, sondern um Meilensteine auf dem Weg zur bereinigten Plattform. Eine Plattform, in der eine “richtige” Auffassung zumindest klar dominiert, wenn man die andere schon nicht ganz verhindern kann. Ich höre das übrigens gerade auch von einer Veranstaltung über gute Ernährung: Da hat ein Teilnehmer früher einmal etwas Kritisches zum Thema Klimawandel geschrieben. Klimawandel ist nicht das Thema der Veranstaltung, und trotzdem versucht jetzt eine Gruppe, den Abweichler hinaus zu drängen. Es reicht nicht mehr, grosso mono am gleichen Ziel zu arbeiten: Man muss in allen Konsequenzen die richtige, wahre Einstellung haben. Das sind dann die Leute, die sich beschweren, wenn andere ein Bild ihres Schinkens bei Instagram mit dem Wort “Mein Salat heute” abbilden. Dass so ein Verhalten vielleicht abschreckend ist, spielt keine Rolle: Hegemonie lebt nun mal von Ausgrenzung der anderen.

Für Seehofer gehört nicht die Religion, aber immerhin noch der Mensch zu Deutschland. Das ist nach meinem Erlebnis schon eine Stufe toleranter als das, was ich im Netz der letzten Jahre miterlebt habe. Da gibt es diese Form der Differenzierung gar nicht mehr, das Ziel ist der Mensch mit seiner Existenz, der nur noch als Kohlenstoffbasis einer Meinung gesehen wird. Das mag im Netz schlichtweg eine Folge der begrenzten Kommunikationsmöglichkeiten sein, zusätzlich erschwert durch den Umstand, dass alles Private und Persönliche inzwischen zusätzliche Angriffsflächen bietet. Man lernt schnell, das Profil niedrig zu halten und wenig Zielfläche zu bieten, weil schon der kleinste Ausrutscher unabsehbare Folgen haben kann. Die anderen Aspekte hinter den Meinung werden im Netz bewusst ausgeblendet und weggeschnitten, die Meinungen werden manichäisch in “Gut” und “Böse” eingeteilt, und ich fürchte, es wird hier ähnlich über den anderen geschrieben, wie vor 300 Jahren in meinem Jesuitenseminar über die Ketzer, die man nur aus den Schriften der anderen kannte – der nächste Protestant war zwei Tagesreisen entfernt und hätte auch gar nicht mit einem gesprochen. Es ist, historisch gesehen schon etwas bitter, und noch übler als das Vergessen um die Einwanderung der Bajuwaren im frühen Mittelalter, dass solche Einstellungen in einer Welt der Reisefreiheit und des Verschwindens der Glaubensideologien gerade wieder eine Renaissance erleben.

Vielleicht sollte man dazu für die Vollüberzeugten einen Hashtag einführen, #CPS, für “Cum Permissu Superiorum”, mit Erlaubnis der Oberen, wenn wieder einmal die Moral verbreitet wird, die als einzig Wünschenswerte gelten kann. Das hat bei den Büchern der Gegenreformation auch eine Weile funktioniert, weil Bücher ohne diesen Eintrag nicht verbreitet werden durften. Der Entzug von Plattformen ist eine uralte Idee, man sollte das Bemühen mit einem uralten Hashtag sichtbar machen, damit jedem Betrachter klar ist: Das freie Netz, das ist hier nicht erwünscht.

20. Mrz. 2018
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10. Mrz. 2018
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Tellkamp und wie man sich mit kultureller Hegemonie zu Tode siegt

So schnell kann es gehen: Man wird auf eine Podiumsdiskussion eingeladen, vertritt die eine Meinung mit einer gewissen Klarheit des Wortes – und dann werden ein paar Sätze per Twitter aus dem Saal ins Internet verbreitet, dort von diversen Journalisten aufgegriffen, eine Gruppe von Leuten, die sich gern empört, empört sich, ein überforderter Verlag wird angegriffen und der sagt etwas weniger Schlaues. Fertig ist der Literaturskandal um Uwe Tellkamp und seine eigentlich nicht wirklich drastischen Aussagen, befeuert von einem Internet, das gar nicht dabei war. Aber so eine Gelegenheit, einen Literaten als Rechten und Sympathisanten von falschen Meinungen vorzuführen, kann man sich nicht entgehen lassen.

Die spannende Frage ist, ob das überhaupt etwas bringt. Eine gültige Antwort dafür wird erst in der Zukunft zu finden sein, und natürlich werden die Empörten glauben, einen wichtigen Beitrag zur richtigen Einstellung des Volkes zu leisten, das um diese moralische Orientierung bittet. Ich bin mir da nicht so ganz sicher, und das liegt an meinem Wohnsitz nahe der Grenze zu Österreich. In Österreich dominiert eine neue Regierung aus nationalkonservativer ÖVP und rechtspopulistischer FPÖ, und bei exakt jener Wahl, bei der diese Parteien siegten, sind die ärgsten Gegner der FPÖ, die dauernd vor Nazis warnenden Grünen, hochkant aus dem Parlament geflogen. Es war für die Grünen eine immens harte Landung nach dem riesigen Erfolg, den Grünen Alexander van der Bellen zum Präsidenten der Republik zu machen.

Aber dann spielte den Grünen das Glück und der Zufall in die Hände. In zwei Burschenschaften mit deutlichen Verbindung zur FPÖ tauchten alte Nazilieder auf. Nicht nur Rechtsrock mit Anspielungen, sondern wirklich übelstes, antisemitisches Zeug mit Befürwortung von Völkermord. Es gab eine riesige Empörung, Kandidaten und Mitarbeiter der FPÖ mussten zurücktreten, und der Parteichef Strache sah sich gezwungen, sich öffentlich – und unter Protest vieler Burschenschaftler – von diesen irren Einstellungen zu distanzieren. Im Gegensatz zur deutschen Tellkamp- Empörung hatte man da jetzt echte, böse, kriminelle Nazitexte. So etwas sieht man heute, da der Rechte Rand für viele Empörte schon bei Sarah Wagenknecht und Boris Palmer beginnt, eher selten. Echte rechtsextreme Altnaziumtriebe, die mit FPÖ-Vertretern schwach, aber immerhin, in Verbindung zu bringen sind.

Daraufhin war allen klar, dass die FPÖ doch superböse ist, wie das immer von Linken behauptet wurde und die Grünen gewannen dank ihrer Standhaftigkeit gegen Rechts haushoch die anstehenden Wahlen in Tirol und Kärnten, während die FPÖ vom Wahlvolk wegen der Nazilieder auf den Müllhaufen der Geschichte – äh, nun, nicht wirklich, es ging anders und für viele deutsche Beobachter vermutlich auch überraschend aus. Die FPÖ hatte trotzdem erhebliche Zugewinne bei beiden Wahlen, und die empörungsfreudigen Grünen stürzten ab. In Tirol, wo wegen der Aufgabe früherer Alternativgruppierungen viele Stimmen zu verteilen waren, kamen sie nur auf den vierten Platz hinter ÖVP, FPÖ und SPÖ. Und in Kärnten flogen sie ganz aus dem Parlament, runter von 12 auf 3 Prozent. Während die SPÖ auch manchmal mit der FPÖ koaliert, hatten sich die Grünen immer klar abgesetzt. Und jetzt konnten sie wirklich zeigen, dass sie immer recht hatten – und wurden trotzdem brutal abgestraft. Die Empörung hat ihnen nichts, gar nichts geholfen. Die politisch korrekten Grünen kämpfen mit Frauenquote und Gendersternchen um ihr Überleben, es wählen trotzdem deutlich mehr Frauen die FPÖ. Warum?

Ich denke, der echte Naziskandal hat nichts gebracht, weil es in Österreich solche Tellkamp-Empörungen auch schon lange gibt. Seit über 10 Jahren wird bei vielen kleineren Anlässen ebenfalls vor rechten Umtrieben gewarnt und zum Totalboykott aufgerufen. Was bei den Burschenschaften gefunden wurde, war eindeutig, aber für Empörung reichten auch schon weitaus weniger klare Fälle. Und diese Empörung richtete sich gegen alle, die nicht den Vorstellungen der progressiven Kreise in Wien, Innsbruck, Berlin, Hamburg, Graz entsprachen, egal wie beliebt und populär sie jenseits der empörungstonangebenden Kreise sind. Beispiele gibt für Gesinnungsprüferei es genug. Frei.Wild darf man nicht hören, sie müssen ausgeschlossen werden, ihre Konzerte müssen verhindert werden, weil es angeblich Rechtsrock ist und sie von Heimat singen. Das ist eine stehende Beurteilung seit vielen Jahren, die den Erfolg nicht schmälern kann: Bei mir daheim am Achensee, am Tegernsee und im Altmühltal fahren haufenweise tiefer gelegte VWs mit Frei.Wild-Aufklebern an der Stelle, an der in meiner Jugend noch “Panasonic” stand. Niemand zündet deshalb diese Autos wegen Neonaziverdacht an. Das ist hier Teil der Populärkultur.

Die Ursprung Buam sind in Deutschland weitgehend unbekannt, aber wenn ich an den Achensee fahre, bekomme ich ihre CDs an der Tankstelle und im M-Preis. So weit muss man es als Kulturphänomen aus dem Zillertal erst einmal bringen. Die Ursprung Buam, oder kurz “de Buam” – jeder bei uns weiss, wer damit gemeint ist – haben den Fehler gemacht, ein derb-satirisches Lied über die Sexualmoral in Saudi-Arabien zu schreiben, und sollten nach der Vorstellung von Empörern unter anderem deshalb von Sendungen der öffentlich rechtlichen Medien in Deutschland und Österreich ausgeschlossen werden. Man übersieht dabei in der Beurteilung leicht, was für eine Sprengkraft die unterschiedlichen kulturellen Einstellungen der alpinen Urlaubsgäste aus dem Orient mit sich bringen, und wie gut derartige Lieder bei denen ankommen, die sich überfremdet fühlen. Für den deutschen Kulturberichterstatter sind de Buam tumbe, volkstümliche Toren ohne Geschmack, die rechte Einstellungen bedienen. Aber daheim in den Dörfern des Zillertals machen de Buam vor Weihnachten die Kirchenmusik für alle. Dort sind sie Helden.

Der Musiker Andreas Gabalier hat eine eher traditionelle Vorstellung von Gleichberechtigung, die ihm zwar nicht seine weiblichen Fans übel nehmen. Aber sehr wohl der Standard in Wien und in der Folge auch die deutschen Nachrichtenseiten: Gabalier gilt Linken mit seiner Mischung aus Pop und Volksmusik als einer, der den Macho-Soundtrack der neuen FPÖ-Buberlpartie komponieren soll, weshalb es richtig ist, ihn zu beschimpfen. Seit seinen privaten Sympathiebekundungen für die FPÖ steht auch der Extremsportler Felix Baumgartner unter Medienbeobachtung. Aus dem Weltrekordspringer ist in der öffentlichen Darstellung ein übler Sexist geworden, während seine Gegnerin von den Medien gefeiert wird.

Zur Popgruppe Wanda gibt es einen Beitrag der Autorin Stefanie Sargnagel in der SZ, der nachhaltig dafür sorgte, dass die eher apolitische Gruppe von Feministinnen inzwischen als rechts und als Soft-Sexismus gebrandmarkt wird. Die Aussage, man glaube nicht, dass man mit einem 3-Minuten-Lied die Welt verändern könnte, und der Videoauftritt der bei Feministinnen umstrittenen Autorin Ronja von Rönne reichen aus, um Wanda als zumindest nicht ausreichend linientreu zu beurteilen. Und wenn Stefanie Sargnagel mal wieder andere unflätig beschimpft und dafür mit einer Sperre in sozialen Medien die Quittung bekommt, findet die gleichen Medien, die Netzwerke sollten sich nicht so haben und bittschön nur die Richtigen sperren.

Da halte ich dann fast immer meinen Mund, denn es ist ja nicht meine Musik und auch nicht mein Konflikt. Ich habe ganz andere Interessen, die weitgehend systemkonform mit der Hochkultur sind. Man kann mit mir besser über Formenentwicklung des Porzellans vom Rokoko bis zum Historismus reden. Aber nun regiert in Österreich eine Koalition aus ÖVP und FPÖ unter der Leitung von eher jungen, weissen Männern, die konservativ bis rechtspopulistisch sind. Gewonnen haben die Politiker, deren Wähler Frei.Wild und Gabalier hören, und Baumgartner bewundern. Man kann Herrn Kurz in Deutschland bei seinem Auftaktbesuch in die rechte Ecke stellen, für das, was er in Sachen Flüchtlinge sagt. Weil man wie Tellkamp natürlich alles sagen darf, es gibt kein Sprechverbot, und danach fallen die Empörten eben über sie her. Wie auch schon bei Wanda, Gabalier, den Ursprung Buam. Baumgartner, bei all den anderen jungen, adrett aussehenden, volksnahen Männer aus dem Bergland, die sich nicht konform äussern.

Ich habe meistens den Mund gehalten, denn warum sollte ich mich für die Ursprung Buam engagieren, oder für die Südtiroler, denen ihr Land heilig ist. Ich bin da nicht so, ich verstehe nur, warum die so sind, und finde, man kann es auch so sehen, wie die das tun, oder auch anders. Es gibt nicht die eine wahre Einstellung, Es ist kein Verbrechen, zur Staatsangehörigkeit der Südtiroler oder zu den Beinen von Modellen eine andere Meinung zu haben. Das sind Leute mit einem anderen Dialekt, anderen Einstellungen zur Heimat, und denen singt in Berlin Kreuzberg keiner ein Lied über ihre Befindlichkeiten. Also machen sie es selbst. In Wien und in Deutschland hat man das belächelt und nur darauf gewartet, dass einer von denen etwas Dummes sagt, um ihn in den braunen Sumpf zu planieren. Das Böse kommt seit Hitler immer aus Österreich, und es waren leichte Gegner. Aber halt Gegner, die etwas sangen und sagten, was viele andere mochten.

Kurz und Strache war es egal, was man in den Elfenbeintürmen dachte. Die mussten diese junge, männliche Klientel mitsamt seinen nicht in die Medienwelt passenden Einstellungen und Werten nur noch ansprechen, sie bestätigen und einsammeln. Diese Leute stehen jetzt trotz der diversen Skandale zu ihnen. Man hat weiten Teilen der österreichischen Gesellschaft die gesamte Populärkultur bis hin zu Leuten, die bei Flüchtlingskonzerten auftreten, mit Verdachts- und Unterstellungsberichterstattung zu verleiden versucht. Auf den Heckscheiben bei uns steht trotzdem Frei.Wild. Die tonangebenden Medien wollen diese fremde Welt nicht verstehen und nach ihren eigenen Regeln einordnen, und diese fremde Welt lächelt in Person von Herrn Kurz konziliant in Talkshows, weil es mehr Frei.Wild-Aufkleber als Schauspielintendanten gibt, und in der Demokratie nicht die Retweets bei Twitter, sondern die Mehrheit entscheidet. Diese Mehrheit hat jetzt in Kärnten und Tirol wieder gehört, dass es ganz schrecklich rechte Lieder gibt, und das so an sich abprallen lassen, wie schon in all den Jahren und Kampagnen davor – selbst wenn es diesmal echte Nazilieder waren. Die Wahlergebnisse zeigen überdeutlich, dass die Wähler bei Nazivorwürfen desensibilisiert sind: Die FPÖ baut ihre Machtbasis in Österreich trotzdem deutlich aus. Und die Grünen fliegen mit ihren Vorwürfen aus den Parlamenten. Rechte Wahlerfolge und linke Empörungskultur schließen sich nicht aus, und vielleicht, möchte ich vorsichtig anregen, ist es gar nicht so klug und weise, undifferenziert jeden in einen schlimmstmöglichen Topf zu werfen und abzuurteilen, nur weil er halt anders denkt und lebt und Sachen sagt, die man selbst nicht sagen würde. Weil das die anderen erst zusammen bringt.

In Östereich wurde das so weit getrieben, dass die Empörten die Parlamente verlassen müssen, und es nicht einmal mehr eine nennenswerte Protestbewegung gegen die Regierung gibt. Als der Autor Thomas Glavinic vor den Wahlen eine derartige Entwicklung beschrieb, wurde er als angeblicher „FPÖ-Versteherselbst kritisiert, weil nicht sein kann, was nicht sein darf..Aus meiner Sicht am Rande des Berglandes ist die Bestätigung von Glavinic durch die Wahlen eine klare Warnung, aber was weiss ich schon. Über Tellkamp urteilen andere ähnlich wie über Glavinic und freuen sich schon, dass er in Zukunft bei Auftritten Ärger und Streit mit Aktivisten bekommen wird, die böse Sachen über ihn sagen.

Und wie es ausgeht, wird man sehen.

10. Mrz. 2018
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03. Mrz. 2018
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Fahrverbote mit Kontrollinfrastruktur und Massenüberwachung

Ich mag es, wenn Deutsche ihre italienische Seite entdecken. Als Nebenwohnortsitaliener versöhnt mich eine offen zur schau getragene Italianita auch mit dem schlimmsten deutschen Winterwetter, und es freut mich natürlich, wenn Deutsche so findig sind, wenn es um das Herumwuseln um Probleme geht. Das drohende Dieselfahrverbot ist so eine Sache: Kaum hatte die Polizei im besonders stickoxidbelasteten Stuttgart erklärt, sie könnte unmöglich ein Fahrverbot für Diesel überprüfen, kamen hier im Blog auch schon erste Ideen des kreativen Umgangs mit ehernen Gerichtsentscheidungen: Man könnte am Heck des Fahrzeugs ein anderes Typenschild montieren, etwa ein schlichtes 420 statt eines 320TDI, und schon erscheint der Diesel als Benziner – akustisch ist da ohnehin kaum ein Unterschied mehr zu erkennen. Das macht doch nichts, das merkt doch keiner. Und wenn das jeder macht, ist der Staat machtlos.

Das ist ohne jeden Zweifel der italienische Weg im Umgang mit diversen Vergnügungen wie Sexarbeit. Steuerminderung, roten Ampeln in Rom, Bauaufträgen und Einbahnstraßen in Agrigent, und glauben Sie mir, Sie kommen da wirklich nicht ins Parkhaus über dem Fischmarkt, wenn Sie sich wie ein Deutscher verhalten. Das macht jeder so, das fällt keinem auf. Aber Agrigent und Rom und Neapel sind Städte, die für sich stehen, und Italien hat auch noch einen Norden. Und wie es der Zufall will, lebe ich desöfteren im schönen Mantua, durch das man früher nach Belieben fahren konnte. Das ist gut 20 Jahre her, und dann entschied man sich, dem Vorbild von Ferrara zu folgen, und die Innenstadt vom Durchgangsverkehr zu befreien. Wie früher üblich, wurde das mit versenkbaren Pollern gemacht: Wer in die Stadt durfte, hatte einen Infrarotsender, um den Poller zu versenken. Alle anderen mussten draußen bleiben. Oder, wie mir das einmal bei der Hatz hoch zur Citta Alta in Bergamo passiert ist, das macht doch nichts, das merkt doch keiner, hinter einem Einwohner noch schnell über den aufsteigenden Poller durchhuschen.

So eine Lösung taugt für eine kleine Altstadt, in der ohnehin nicht viele Autobesitzer wohnen, und hat viele Nachteile: Behinderte können nicht zum Arzt, Hotels können nicht direkt von Touristen angesteuert werden, der Lieferverkehr sorgt an den Pollern am Morgen für Staus, zu viele deutsche Touristen mit Italienkomplex halten sich für Wahlitaliener und brausen noch schnell durch, solange es geht. Das System war starr, unflexibel, erlaubte keine Ausnahmen, und war Stand der Technik der mittleren 90er Jahre. Wer einen Schlüssel wollte, musste einen beantragen, wer ihn verlor, hatte ein Problem, und das alles war kompliziert und teuer in der Verwaltung. Wer italienische Beamte kennt: Sie sind nicht wirklich Freunde komplexer Arbeitsvorgänge, die viel Zeit in Anspruch nehmen. Deshalb ist das alte Pollersystem zwar im innersten Bereich des Weltkulturerbes Mantua noch in Kraft, aber daneben gibt es eine erheblich grössere Schutzzone vor Autos und ihrem Lärm und Abgasen, die sogenannte “Zone des beschränkten Verkehrs”, ZTL. Mit so wenig Verkehr, dass eine Nonne eine Einbahnstraße ignorieren kann, aber das macht doch nichts, das merkt doch keiner.

Denn man muss sich so eine ZTL wie eine permanente Verbotszone vorstellen, in die nur gewisse Fahrzeuge fahren dürfen. Unterschieden wird nicht anhand des Brennstoffs in den Motoren, sondern nach Bedürfnissen: Rein darf mit Verbrennungsmotor lediglich, wer innerhalb der Zone wohnt, drinnen in einem Hotel wohnt, den Markt beliefert, Geschäfte versorgt, nicht anders einen Arzt aufsuchen kann, medizinische Notfälle versorgt, den Müll abholt, und so weiter und so fort – also jeder, der in der Stadt wirklich etwas Sinnvolles zu tun hat, oder darin wohnt. Der Rest muss draußen bleiben, darf nicht durch die Stadt fahren, muss sich einen anderen Weg suchen und außerhalb parken. Oder, wie ich das immer mache, mit dem Rad fahren, wenn ich in Cittadella auf der anderen Seite des Sees von Mantua wohne, daher macht mir das nichts, das merkt in Cittadella keiner.

Letztes Jahr musste ich wegen einiger Verwicklungen aber einige Zeit eine Wohnung innerhalb der ZTL buchen, und natürlich auch mit dem Auto hinein fahren. Es war im Randbereich der ZTL, und das Kontrollsystem funktioniert dort so: An allen Einlass- und Ausfallstrassen der ZTL sind Videokameras angebracht. Fährt ein Auto in die Strasse, wird ein Sensor ausgelöst, und die Kamera macht ein Bild. Dieses Bild wird automatisch digital mit einer Erkennung des Nummernschilds verarbeitet. Das System weiss dann, dass ein deutsches Auto mit dem Kennzeichen MB-DA 666 am Mittwoch, den 17. Mai, um 19.52 Uhr in die Via Vespucci hinein gefahren ist. Es gleicht das Nummernschild mit der Datenbank der für die ZTL zugelassenen Fahrzeuge ab und ahnt, dass ich im Glauben, das sei Italien, das mache doch sicher nichts, das merke doch keiner, verbotenerweise die vielen Schilder mit dem Befahrverbot ignoriert habe.

Das System weiß nun, dass ich mich illegal verhalten habe, und wartet nun geduldig darauf, dass mein Auto die ZTL bei einer anderen Kamera, die wieder ein Bild macht, verlässt. Dann weiß das System genau, wann ich kam und wann ich wieder gefahren bin. Wenn vor mir Antonio della Viamala als Anwohner sein Fahrzeug in die gleiche Zone gesteuert hat, macht das System ebenso ein Bild, gleicht es mit der Datenbank ab, und vergisst es sofort wieder, wenn es das passende Nummernschild gefunden hat. Das ´Scheiden der italienischen Lämmer von den deutschen Böcken läuft vollautomatisch, kein Beamter muss deshalb seinen Kaffee kalt werden lassen, das macht ihm nichts, das merkt gar keiner, so digital, wie das abläuft.

Nun bin ich also drin, aber möglicherweise habe ich ja einen guten Grund dafür – nämlich eine entzückende Mietwohnung, von der aus ich die Geschäfte der Stadt bereichere. Das sieht dann so aus, dass der Vermieter sich ebenfalls mein Autokennzeichen und den Typ des Fahrzeugs notiert, mir für die Dauer des Aufenthalts eine Lizenz für die ZTL ausfertigt, und das online bei der Stadt über ein Internetformular meldet. Das System weiß dann, dass ich nicht illegal dort bin, und würde allenfalls aktiv werden, wenn ich erst einen Tag nach Ende meines Aufenthalts die ZTL verlassen würde. Dann bekäme ich, ebenfalls vollautomatisch durch den EU-Abgleich, jene saftige Rechnung, die ich auch ohne Meldung beim Hotel bekäme. Mantua ist ziemlich penibel, Ravenna hat ein ganz ähnliches System, das aber dem Vernehmen nach aber deutlich toleranter sein soll. Das ganze System besteht nur aus Kameras, einer Bildanalyse und einer Datenbank, in die neben den festen Nummern von Geschäftsleuten flexibel weitere Nummern eingetragen werden können – und einem Strafsystem, das garantiert etwas macht, das jeder bemerkt, selbst wenn er nach Deutschland entkommen sollte..

Es wäre überhaupt kein Problem, so ein System auf stark befahrene Strassen und Motortypen umzurüsten. Die Kameras müssten die aufgenommenen Nummern nur mit dem Zulassungsverzeichnis abgleichen, aber was tut man nicht alles für die saubere Luft. Die Kennzeichen, die zu Autos mit den theoretisch erträglichen Schadstoffmengen gehören, wie mein in der Stadt schnell mal 17 Liter saufender 3,5Liter-V6 mit 272 PS, dürften dann straffrei fahren, während die verpeilte Oma mit ihrem Fiesta 1,2D mit 54 PS und Minimalrente eine satte Strafe bekommt, dass sie sich einen Monat kein Essen mehr leisten kann. So ist das eben, wenn man flächendeckend Überwachung einführt und Bürger automatisch kontrolliert. Mein privater Vorschlag wäre angesichts des orwellschen Irrsinns übrigens das Propagieren des Radverkehrs für faule Innenstadtbewohner, die Italiener schaffen das schließlich auch, und dazu testweise ein Stopp der Diesel-LKW-Nahrungsanlieferung aus dem Umland für vier Wochen. Danach diskutieren urbane Hipster von sich aus gern die Anhebung der Grenzwerte auf längerfristige Mittelwerte und über das Verbot der Deutschen Umwelthilfe, aber das ist nur meine private Meinung und jedes Volk bekommt die Regierung und ihre Privilegierten, gegen die es nicht auf die Barrikaden geht. Aber prinzipiell ist es natürlich möglich, Zonen mit Verkehrsbegrenzung auszuweisen und mit Zugriff auf die Zulassungen zu überwachen: Wer sich korrekt verhält – ich brauche 2,3 Sekunden auf Tempo 50 mit enormer Geräuschprachtentfaltung bei 6500 UpM – wird zwar abgelichtet, aber auch gleich wieder vergessen. Überwacht werden nur die Sünder mit Diesel, die aber total.

Das System gibt es, es ist technisch ausgereift, es ist ausreichend flexibel, wenn die Mille Miglia durch die Stadt röhrt und Öl verspritzt, und stellt keinerlei Behinderung des Verkehrs dar. Wer sich nun wundert, warum die Polizei sagt, sie könnte das alles gar nicht überwachen, obwohl es technisch viel einfacher zu machen wäre, kennt lediglich die frühere Debatte nicht. Tatsächlich hat sich das grüne Verkehrsministerium in Baden-Württemberg wirklich überlegt, so ein System im Falle von Fahrverboten anzuschaffen. Die Folge war ein Aufschrei angesichts der datenschutzrechtlichen Konsequenzen und der faktischen Totalüberwachung des Verkehrs. Das Ministerium ruderte danach schnell zurück, aber heute stellt sich die Frage erneut und dringlicher denn je. Das unreflektierte Mitkreischen der Medien wird 2018 unter Vorzeigung der gepeinigten Kinderlungen in den gentrifizierten Stadtteilen nach meinem Empfinden für den nötigen Stimmungsumschwung sorgen und eine Überwachung erlauben, die 2017 noch ein Skandal gewesen wäre. Als es mit ähnlichen Tricks um die Einführung von Internetsperren wegen Kinderpornographie ging, hat das vielen schließlich auch nichts ausgemacht. Der Dieselmörder steht da in einer Sündenbocklinie mit dem Pornokonsumenten, der etwas Illegales sehen könnte, und dem Netzteilnehmer, der eine juristisch schwammige Hatespeech begeht.

Selbstverständlich wird durch den Aufbau einer kompletten Kontrollinfrastruktur auf der anderen Seite kein Stadtbewohner aufgehalten, seine Karre in die Provinz zu bewegen und dort die Luft mit jenen Abgasen zu verpesten, die er daheim nicht haben will. In den italienischen ZTLs geht es vorrangig um das Gemeingut der Konservierung von historischen Bausubstanz eines Weltkulturerbes, in Deutschland dagegen um eine privilegierte Gruppe, die mit Überwachung von den Nachteilen ihrer zentrumsnahen Wohnlage befreit werden will, während sie selbst innerhalb ihrer Wohnbereiche selbst oft, zu oft, das Auto benutzt. Die ZTL der italienischen Städte reduziert jeden Verkehr auf das absolute Minimum und ist nur ein durchdachtes Instrument unter vielen, um eine lebenswerte Stadt zu erschaffen. Die überwachten Dieselverbote dagegen werden lediglich bestimmte Gruppen benachteiligen, ohne die Städte grundsätzlich zu verbessern. Mit der permamenten Kontrollinfrastruktur der Kameras, den Datenbanken und einem Meinungsumschwung in der Bevölkerung geht das.

Aber nur die Italiener bekommen am Ende eine lebenswerte Stadt, durch die man sich zu Fuß und mit dem Rad so bewegt, wie es für Städte eigentlich angemessen wäre. Es wäre die Zeit für eine entspannte und lebensbejahende Radfahrdebatte. Statt dessen werden wir über orwellsche Kameras und Totalüberwachung reden müssen, weil die deutschen Verbotspolitiker und Verbände nun mal Deutsche sind, und das italienische System sehr deutsch als umfassendes Überwachungsinstrument pervertieren werden, ohne sich um den Segen so einer ZTL im Verbund mit anderen Stadtkonzepten zu kümmern. Die Grundlagen für dieses ignorante Herumwurschteln an Symptomen auf Kosten der Bürgerrechte werden momentan in den Medien geschaffen, das grundrechtsfeindliche NetzDG von Heiko Maas lässt grüssen.

Das macht denen nichts. Das merkt bei uns keiner. Das Rad rechts gehört übrigens mir, mit dem fahre ich durch Mantua.

03. Mrz. 2018
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25. Feb. 2018
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Menschenexperimente mit dem Internet of Things

Jüngste Aufschreie aus dem Automobilbereich haben gezeigt, dass Versuche mit Affen und Menschen für Empörung sorgen, und vielleicht sollte ich warten, bis etwas Gras über die Sache gewachsen ist, aber:

Ich habe auch Menschenexperimente mit Technik gemacht.

Und zwar ist das so: Momentan werden hier aufgrund von ein paar Zufällen umfangreiche Bauarbeiten durchgeführt, und in nächster Zeit sind daher ein paar Wohneinheiten zur Vermietung fertig. Ich wohne in einer absoluten Boomregion des Landes, bei uns ist die Immobilienblase daheim, wir haben in der Altstadt bei WG-Gesucht Mietangebote, die deutlich über 30€/m² im Monat liegen.

Sprich, ein gewisser Reichtum ist empfehlenswert, wenn man hier ernsthaft wohnen will, und auch jenseits der WG-Vermieter liegen die Quadratmeterpreise in dieser Lage deutlich über 10€/m² bei der Miete und 5000€ beim Kauf – Businessapartmentlöcher für die reisende Elite dieser Welt kosten auch schon mal das Doppelte. Kennen Sie den Frankfurter Markt, kennen sie auch unseren, und dazu kommt, dass die Stadt ein Weltzentrum der technischen Innovation ist. Auch Ingenieure müssen irgendwo wohnen, und weil die Baustelle so offensichtlich ist – und nebenan eine Schule für höhere Töchter – komme ich vermehrt mit potenziellen Mieterinnen und Mietern in Kontakt. Und lasse, das ist der Menschenversuch, natürlich auch fallen, dass wir den EEBUS natürlich in keinster Weise berücksichtigen können.

Den was?

Den EEBUS.

Kennen sie nicht.

Niemand kennt den EEBUS, obwohl er die moderne Kommunikationsschnittstelle des Internet of Things ist. So eine Art USB-Anschluss für Gerätekommunikation, und enorm wichtig, damit alle Geräte miteinander reden können, und natürlich per App steuerbar sind. Die frisch verbaute Heizung hat natürlich keine EEBUS-Schnittstelle, sage ich, und ernte ein

Aha.

So ein Aha, wie man es auch hört, wenn man gegenüber dem gemeinen Volk über stilistische Unterschiede zwischen Duccio di Boninsegna und Giotto di Bondone spricht. So ein “Oh Gott, ein Nerd, wie kann ich mich schnell aus dem Gespräch verabschieden”-Aha. Ich kriege dann die Kurve und erkläre, warum ich den EEBUS gerade nicht will: Das sei zwar Stand der Technik, aber man müsste eben jedes Gerät, das man steuern möchte, mit dieser Schnittstelle erwerben, und niemand wisse da wirklich, wo die Reise hinginge. Ich, betone ich, sei da ja nicht so, aber weil das eben ein grosses Thema ist, erwähne ich das eben. Nur zur Vorsicht.

Aha.

Tatsache ist, niemand, mit dem ich gesprochen habe, vom Geschäftemacher einer Asylunterkunft bis zum Fahrwerksentwickler, kannte das. Eine, in Zahlen 1 Person, die viel mit Programmierung zu tun hat, konnte den Begriff einordnen.

Wer überhaupt keine Ahnung davon hatte, waren dagegen die Handwerker. Unter anderem eben auch die Heizungseinbauer, die das Kernstück des angeblichen Smart Homes liefern: Die Heizung, deren ferngesteuerter Betrieb per App immer als Paradebeispiel der tatsächlichen Anwendung gilt. Der jungdynamische Singlemanager ruft nicht seine Nachbarn an, damit die nach seinem einwöchigen Trip zu den Produktionsanlagen von Vietnam rechtzeitig die Heizung aufdrehen. Er macht das per Smartphone aus Hanoi, damit es schön kuschelig ist, und er gleich nach der Ankunft in den vorgefüllten Jacuzzi steigen kann, während die Mikrowelle schon mal das georderte Conveniance Food erhitzt – so sieht die Vision aus. Die Praxis ist bei der Frage nach der Vernetzung des Boilers ein Kopfkratzen, und die Ansage, man werde da mal in der Firma fragen, ob und was es da gibt. Hinweis: Unsere Heizung kommt von einem anerkannt guten Fachbetrieb, und gefragt habe ich auch den Schornsteinfeger, den Kaminbauer, und die normalen Handwerker. Keiner kennt sich damit aus. Keiner machte den Eindruck, als ob er etwas damit zu tun haben wollte. Im Gegenteil, ich wurde gewarnt, man wisse ja nie, wie die Technik sich entwickle und wo die Reise hingeht.

Bei meiner Immobilie in München gab es übrigens jahrelange Debatten, ob man die Heizungen modern per Funk ablesen sollte, was inzwischen auch geschieht, aber bei meiner Immobilie am Tegernsee wehrt man sich nach Kräften gegen Umrüstung. Stromablesung am Tegernsee geht so, dass ein Brief kommt, in dem ein Formular ist, dann geht man in den Keller, liest selbst ab, schreibt die Zahl in das Formular und schickt es briefpostalisch zurück an den Anbieter, wo vermutlich eine Fachkraft das Geschmier entziffert und manuell über Tastatur in das Verwaltungssystem einträgt. Das ist Stand der Technik 2018 in einer der besten Wohnlagen des Landes. Es ginge sicher inzwischen anders. Der Druck, es zu ändern, ist nur nicht gross genug. Oder anders gesagt, der Gewinn durch die Einrichtung scheint die Kosten nicht zu rechtfertigen.

Wir hatten hier im letzten Herbst einen Wasserrohrbruch, und wenn man zwei Tage lang wieder Eimer in Wohnungen des 3. Stocks schleppt, merkt man, wie toll fließend Wasser ist – bis in die 50er Jahre war das bei weitem nicht Stand der Technik in vielen Altbauten. Vor ein paar Jahren erwischte es einmal die Stromversorgung im ganzen Komplex, und das macht das moderne Leben tatsächlich schwer. Die Telekom versagt seit über einer Woche beim Versuch, mir nach erfolgter Ankündigung neue Zugangsdaten für meinen Internetzugang am Tegernsee zu schicken. Das ist nachteilig. Und manche wollen tatsächlich Lautsprecher mit Rückkanal, die es erlauben, verbal von zu Hause aus Bestellungen aufzugeben – man wird sehen, ob das Bestand hat, oder sich die Privatinsolvenzen häufen. Aber bei diesen ganzen Smart-Home-Angeboten trifft die Innovation auf eine extrem kostensensible Kundschaft, die in ihrer ganz großen Mehrheit ohnehin schon japst, wenn sie Mieten und Kaufpreise hört, und in aller Regel am unteren Ende der eigenen Erwartungen einziehen muss. In der Realität trifft man auf Leute, die sich erst vor 6 Jahren einen neuen Herd und Kühlschrank geleistet haben, und keinesfalls alle technischen Geräte erneuern wollen. Das machen sie Stück für Stück, wenn Geräte obsolet werden, aber so lange müssten sie die grundsätzlichen Kosten für die Vernetzung des Hauses tragen. Wir als Vermieter könnten theoretisch Heizungssteuerung und elektrische Jalousien anbieten, der Rest müsste vom Mieter kommen. Wenn der Mieter es aber nicht nachfragt – und es tut wirklich niemand – machen wir das auch nicht. Und damit steigt auch der Mieter nicht mit ein. Diese verteilten Rollen sind der Unterschied zwischen dem Internet of Things und der Installation of Toilets oder der Heating of Rooms. Es müsste einen gemeinsamen Willen von Handwerkern, Besitzern und Mietern geben. Aber zwei von drei Beteiligten finden alles ohnehin schon viel zu teuer. Weshalb die Handwerker erst gar nicht das nötige Fachwissen haben.

Dazu kommt noch etwas anderes: Auch bei uns merkt man deutlich die gestiegenen Ansprüche an den verfügbaren Raum: so wenige Leute wie momentan werden auch nach der Sanierung weiter Teile des Anwesens nie pro Wohnung gelebt haben. Das Haus war früher ein gesellschaftlicher Kosmos mit diversen Älteren und Familien – heute leben hier durchwegs mitteljunge Menschen. Und seit drei, viel Jahren werden die Mülltonnen zu klein, obwohl wir Wertstofftrennung mit dem gelben Sack haben. Die simple Wahrheit ist, dass wir für Pizzakartons und ähnliche Essensverpackungen allein die ganze Papiertonne verbrauchen. Früher roch das ganze Haus am Mittag und am Abend nach Essen, heute merkt man es sofort, wenn doch mal jemand kocht. Kochen ist bei weitem nicht mehr alternativlos, es ist eine schwindende Kulturtechnik und wird im städtischen Raum – also dort, wo die jungen Innovativen leben – zunehmend als komplette Dienstleistung an Restaurants ausgelagert. Und die Ökoeinkäufer, die ich vom Wochenmarkt kenne, sind zumeist auch eher zukunftsfeindlich, angefangen bei der Impfung bis zur Freude, dass der McDonalds in der Innenstadt, dieser Schandfleck, jetzt endlich verschwindet. Die idealtypische SUV-Fahrerin mit gut verdienendem Mann, die nach dem Yoga ihre Tochter bei der Schule gegenüber abholt, indem sie mein Hoftor zuparkt, fährt nachher zu den fleißigen Italienerinnen, die hier Pasta machen, genau zu den Zeiten, wenn die Schule aus ist, und wirft die Nudeln daheim ins Wasser auf dem Induktionsherd. Genau diese Frauen wären aber auch die Innovationstreiberinnen, die ihre Männer auf die neuen Möglichkeiten hinweisen müssten. Ist das wirklich so begehrenswert wie zwei Wochen Wellnessurlaub, die wegen des Smart Homes eingespart werden müssten?

Ich weiß es nicht. Ich habe nur anekdotische Menschenexperimente gemacht und festgestellt, dass es in meiner kleinen, dummen Stadt an der Donau von den Handwerkern über mich bis zu den potenziellen Kunden weder Wissen noch Interesse am Smart Home und seinen Möglichkeiten gibt. Mag sein, dass es irgendwann kommt, weil es ohnehin überall verbaut ist, und jedes Gerät versucht, Daten über den Besitzer nach Hause zu funken. Da wird dann nicht mehr mit Geld, sondern mit Informationen – sofern es Internet gibt. Wie das Menschenexperiment des Smart Home Erfrierings jetzt bei mir am Tegernsee wäre, wo die Telekom meine Internetzugangsdaten nicht per Mail zu schicken in der Lage ist, will ich lieber gar nicht wissen, und streichle liebevoll mein manuelles Thermostatventil an der Heizung.

25. Feb. 2018
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20. Feb. 2018
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Mit Metoo Gegner aus dem Weg räumen

Ich wurde das Opfer einer sexuellen Belästigung.

Und zwar ohne es zu wissen. Das ist schon ein paar Jahre her, aber trotzdem wende ich mich jetzt damit an die Öffentlichkeit. Bei der Täterin handelt es sich um eine junge Frau, die mein Blog hier las und nach einigen Mails fragte, ob wir uns vielleicht einmal treffen wollten, um miteinander auszugehen, sie wäre demnächst in Bayern. Der Zeitpunkt war extrem ungünstig, ich musste nach Italien, also sagte ich, wie man das so macht, leider Nein. Zwei Monate später kam sie erneut durch Bayern und fragte, ob ich diesmal vielleicht Lust hätte, sie zu treffen.

Ich hatte Zeit und sagte zu, wir trafen uns, und es war sehr angenehm. Ich lernte eine junge, schöne, kluge Frau kennen, die sich gewählt ausdrücken konnte und von einem reizenden Charme war.

Trotzdem hat sie mich sexuell belästigt, aber nicht etwa, weil sie mir dann unter dem Tisch ans Knie gefasst hätte, sondern weil ich beim ersten Versuch eines Treffens Nein gesagt habe, und sie es dann noch einmal versuchte. Jetzt werden Sie vielleicht sagen, ich hätte nicht mehr alle Nymphenburgtassen in der Rokokovitrine und es sei doch keine sexuelle Belästigung, noch mal nachzufragen. Sie täuschen sich. Das allein ist schon sexuelle Belästigung. Zumindest an der Universität Harvard, wo man bei einer Untersuchung entdeckte, dass fast jede zweite Frau schon einmal während des Studiums Opfer einer Übergriffs wurde. Das ist für die Ivy League der US-Universität eine extrem hohe Zahl – und eben nur möglich, weil eine zweite Frage um ein gemeinsames Ausgehen nach einer ersten Absage als sexueller Übergriff gilt. Manche MeToo-Aktivistinnen behaupten, es ginge ihnen gar nicht um das normale Verhalten zwischen Männern und Frauen – aber sie argumentieren dann mit solchen “Untersuchungen”, deren Definition von Sexualität in dieser Form allenfalls noch in islamischen Kalifaten geteilt wird.

Es sind diese kleinen Nachrichten, die einen Eindruck vom grossen Kulturkampf geben, der da momentan ausgetragen wird. Vor zwei Monaten etwa schwappte die Diskussion über das Missbrauchsverhalten der Filmindustrie auch in den Bereich der Hochkultur. Ein prominentes Opfer mehrfacher Anschuldigungen ehemaliger Kollegen, die sich offensichtlich zu diesem Angriff zusammen getan hatten, war Peter Martins, der Leiter des New York City Ballet and der School of American Ballet. Die New York Times hatte eine ganze Liste von Verfehlungen: Martins sollte für Sex bessere Engagements geboten haben, Sex ohne Einverständnis erzwungen haben, und ganz allgemein Tänzer und andere Angestellte massiv unter Druck gesetzt und beleidigt haben. Martins zog sich nach den Vorwürfen zurück und beteuerte seine Unschuld. 2 Monate haben die Institutionen die Vorwürfe der Times untersuchen lassen, und das Ergebnis ist: Kein einziger Vorwurf konnte erhärtet werden,

Bezeichnenderweise ist der Freispruch für Martins, ganz im Gegensatz zu den Anschuldigungen, die weltweit verbreitet wurden, in den gleichen Medien allenfalls eine typische, kleine Meldung auf den hinteren Seiten ohne jede Relevanz. Und wenn eine Zeitung wie die New York Times derartig massive Vorwürfe durch eine ganze Reihe von angeblichen Zeugen vorstellt, damit eine erdrückende Beweislast wie im Fall Harvey Weinstein suggeriert, und am Ende bleibt nach einer unabhängigen Untersuchung nichts von diesen Vorwürfen übrig – dann wäre es auch einmal eine gute Gelegenheit zu fragen, ob sich nicht auch Schwergewichte wie die New York Times im MeToo-Taumel bei der Jagd nach immer neuen, spektakulären Missbrauchsgeschichten für gezielten Rufmord haben benutzen lassen. Man hat Martins Karriere beendet und ihn dem MeToo-Mob vorgeworfen – eine Entschuldigung sucht man vergeblich.

Die New York Times hat statt dessen ganz andere Probleme bekommen, und die zeigen exemplarisch, wie schwierig es selbst für so ein Medium heute ist, die lange selbst gefütterten, digitalen Aufschreifreunde zufrieden zu stellen. Ein Anlass war die Einstellung der Technikjournalistin Quinn Norton. Theoretisch ist Norton über jeden Verdacht erhaben: Sie arbeitete und kämpfte lange mit dem legendären Internetaktivisten Aaron Swartz zusammen für ein besseres und gerechteres Internet. Und im Herbst letzten Jahres machte sie ihre Erfahrungen mit dem sog. „Tech Evangelist“ Robert Scoble  öffentlich, der lange Zeit als Inbegriff einer neuen Schule der Firmenkommunikation galt: Offen, authentisch und nicht ohne Kritik gegenüber dem eigenen Arbeitgeber. Laut Quinn hat Scoble sie im Rahmen einer Konferenz anfangs des Jahrzehnts unter Alkoholeinfluss sexuell belästigt und begrabscht.  Quinn, die nach eigenen Angaben selbst bereits vergewaltigt wurde, stellt im Rahmen der MeToo-Debatte klar, dass Scobles Verhalten ein offenes Geheimnis innerhalb der Internetszene war, und sorgte damit für die eigentlich gewünschte Debatte. Scoble reagierte erratisch und veröffentlichte zuerst eine Entschuldigung, die er nach weiteren Vorwürfen wieder zurück zog. Trotzdem hatte damit auch diese Szene ihren eigenen, prominenten Fall. Und Quinn Norton verkündete dann letzte Woche ihren neuesten Coup bei Patreon: Sie werde fest angestellte Technologie-Autorin im Editorialressort der New York Times, das sie trotz ihrer Eigenheiten unbedingt haben wollte

Also, I tried to imply, strongly, I’m kind of weird. As I interviewed with Katie, then James, they made it clear that they weren’t going to get put off by a little weird. As for how weird, well that’s for them to discover.

Danach ging sie dem Vernehmen nach ins Kino. Eine MeToo-Aufklärerin und Journalistin mit klarer Expertise wechselt zur New York Times, was kann da schon schief gehen?

Sechs Stunden später war das alles nur noch Makulatur, und die New York Times trennte sich von ihrer neuen Autorin.  Denn Quinn Norton war dem Mob, der sich gegen sie formierte, trotz ihrer Vorgeschichte als Aktivistin und MeToo-Betroffene nicht linientreu genug. Vor Jahren hatte sie in erhitzten Twitterdebatten ein paar Mal mittelschlimme Schimpfwörter für Minderheiten verwendet, und mehrfach ihre kritische und politisch distanzierte Freundschaft mit umstrittenen Personen auch aus dem rechtsextremen Spektrum verteidigt – darunter ist auch der Troll “weev”, bekannt unter anderem auch durch seine Beziehung zur Feministin Shanley Kane.  Außerdem schrieb Norton positiv über John Rabe, ein Mitglied der NSDAP, der beim Einmarsch japanischer Truppen in Nanjing 1937 vermutlich mehreren hunderttausend Chinesen das Leben rettete, und in Deutschland wegen seiner Kritik an Japan von der Gestapo verhaftet wurde. Die Bekanntschaft mit einem Rechtsextremisten, ein paar steinalte Streitereien im Netz und die Bezugnahme auf eine ambivalente Figur der Geschichte reichte manchen Internetdenunzianten schon aus, Norton als “Nazi-Sympathisantin” zu brandmarken. Entsprechend gross war dann die Schadenfreude in diesem Lager, als die Times vor den Empörten einknickte und sich von Norton wieder trennte.

Die Solidarität mit Opfern, von der bei MeToo so viel gesprochen wird, gilt nichts, wenn die Opfer die falschen politischen Ansichten haben – dann gibt es keine Gnade. Eine ganz ähnliche Gruppe rottete sich vor den digitalen Toren der Times schon kurz davor zusammen: Diesmal ging es aber mehr um die Begleichung alter Rechnungen für die judenfeindliche Hijab-Feministin Linda Sarsour, an deren Auftritten sich die amerikanische Frauenbewegung spaltete. Die jüdischstämmige Times-Redakteurin Bari Weiss hatte die japanischstämmige US-Eiskunstläuferin Miral Nagasu erkennbar in Ablehnung der neuen Fremdenfeindlichkeit der Trump-Administration mit den Worten gefeiert: ““Immigrants: we get the job done”. Der Umstand, dass Nagasu in den USA geboren wurde, also Amerikanerin ist, und nur ihre Eltern tatsächlich Einwanderer sind, löste eine immense Serie von Angriffen auf Weiss aus. Weiss hatte sich zur Zielscheibe gemacht, weil sie zwei wichtige Beiträge gegen den linken Konsens geschrieben hatte: einmal gegen Linda Sarsour  und einmal zur Unterstützung des indischstämmigen Komiker Aziz Ansari. Ansari wurde auf einer Trashseite im Rahmen der MeToo-Kampagne ein Verhalten vorgeworfen wurde, das nur harte Feministinnen der 3. Welle, aber kein Gericht der USA für einen sexuellen Übergriff halten würde. Mit ihrem Spruch über Nagasu bot Weiss ihren Gegnern endlich eine Gelegenheit, ihr eine negative Intention zu unterstellen: Ein gefundenes Fressen für den islamfreundlichen Teil der Bewegung, der Weiss ihre offenen Sympathien für Israel nicht verziehen hat.

In diesem Fall blieb die Times aber hart und stellte sich nicht gegen die Autorin. Andere Gehässigkeiten im Netz gehen im Rahmen des Kulturkampfes dagegen nicht so gut aus: Kurz zuvor hatte sich Jill Messick das Leben genommen, die 1997 Managerin von Rose McGowan war, als Letztere nach eigenen Aussagen von Harvey Weinstein vergewaltigt wurde. Messick litt schon unter Depressionen, als sie von beiden Seiten in den Skandal gezogen wurde, und ihre Familie macht nicht nur Weinstein, sondern auch McGowan und die allgemeine Mentalität des Beschuldigens im Internets für den Tod mit verantwortlich.

Donald Trump dagegen hat offensichtlich auch seine mit einer Schweigeverpflichtung beendete Beziehung zu einem Pornostar nicht weiter geschadet. Von so einer Unverwundbarkeit im eigenen Lager können Harvard-Studenten, anonym beschuldigte Schauspieler und Tänzer und Journalistinnen, die nicht genau das schreiben, was dem linken Lager in den Kram passt, nur träumen.

20. Feb. 2018
von Don Alphonso
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06. Feb. 2018
von Don Alphonso
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Tarantino und wie der Sexismus ins Netz kommt

Die Zeiten der politisch korrekten Morddrohung sind offensichtlich auch für Linke vorbei. Zwei herausragende Beispiele, deren Gegenstand ich wegen meiner Tätigkeit wurde, geizten nicht mit linken, popkulturellen Anspielungen. Die eine wollte mich wie Hanns-Martin Schleyer in einem Kofferraum sehen, ermordet durch die RAF. Eine andere wünschte sich, ich würde Opfer einer Hinrichtung wie im Film Inglorious Basterds von Quentin Tarantino. Nur die erste Drohung entspricht heute noch der linksextremen Vorstellungswelt, für die zweite könnte der Verfasser inzwischen auch in seinen eigenen Kreisen Ärger bekommen: Denn seitdem sich Uma Thurman darüber beschwerte, wie brutal Tarantino zu ihr gewesen sein soll, als er aus dem schon wieder halb vergessenen Star der “Gefährlichen Liebschaften” mit “Pulp Fiction” und “Kill Bill” eine Ikone der weiblichen Durchsetzungsfähigkeit und eine erneut gefragte Actrice machte – seitdem ist auch die Jagd auf Quentin Tarantino und sein Werk eröffnet. Ich wette keine kleine Summe, dass bald andere der New York Times dringend erzählen wollen, wie gemein er zu ihnen war, denn die MeToo-Kampagne braucht frische Opfer.

Nun ist mein Leben – wie das der meisten Bundesbürger – zum Glück in der Realität unendlich fern der Gewaltorgien von Tarantino, die ich, das muss ich zugeben, auch kaum kenne, weil ich keinen Fernseher habe. Ich war einmal gezwungen, mir “Pulp Fiction” anzuschauen, und mochte es nicht sonderlich. Auch die Zeit der RAF ist weitgehend vorbei, ihre Verharmlosung kenne ich nur noch aus dem Internet, aber nicht aus dem realen Leben. Ähnlich ist es mit sexueller Gewalt und Übergriffen: Das habe ich schon mal aus dem Fenster meiner Wohnung gesehen und die Polizei gerufen, die dann auch schnell da war und einen Kerl mitgenommen hat. Ansonsten sind Gewalt, “sexualisierte Gewalt” und Sexismus in der Form, die eine Mehrheit der Gesellschaft als solche erkennen würde, angesichts der bürgerlichen Konventionen relativ selten bis nicht existent. Es gibt zwar gewisse Artefakte vergangener Kulturen, die mit den heutigen Vorstellungen nicht mehr vereinbar wären.

Aber die Betrachtung von ins Kloster gesperrter junger Damen, die sicher schon 200 Jahre tot sind, macht einen noch nicht zum Befürworter von arrangierten Hochzeiten. Oder zum Freund einer alten Gouvernanten-Prüderie, die solche Verhüllung erzwang, und früher ähnlich wie das neofeministische Klischee vom Mann als Wüstling und der Frau als Dulderin klang, das jüngst auch bei einer pauschalen Aussage der ARD-Journalistin Anja Reschke durchschimmerte.

Ich wüsste nicht, wo ich mich “so anstelle”. Ich bin etwas älter und kann mich nicht wirklich daran erinnern, beim ersten zarten Wort gleich eine Frau auf dem Schoss gehabt zu haben. Es gibt ein durchaus kunstvolles Spiel des verbalen Abtastens, und viele, sehr viele Frauen erzählen mir, der X. hätte sie angesprochen und sie hätten sich wie die letzte Trotteline verhalten und keinen Ton heraus gekriegt, nur spitze Bemerkungen, und die lägen nun auf dem Weg zur erschwerten Wiedervereinigung und warum zum Teufel hat der nach 48 Stunden nicht wenigstens angerufen und versichert, dass es sehr schön war und er sie toll fand, obwohl sie abweisend waren? Die Welt dieser Beziehungen ist nach meiner bescheidenen Meinung zu komplex für 280 Zeichen kampagnenkonformer Verhaltensanweisung, selbst wenn sie im Kontext mit dieser Debatte im TV zu sehen ist. Ich habe kein TV-Gerät, ich lese das, was gesprochen wurde, beim Kollegen Lübberding nach, bevor ich mich wieder meinen Büchern hinter pastoralen Porzellanfiguren zuwende.

Oder mich im Netz über hochwertige Tonmöbel informiere. Dazu habe ich gestern Nacht bei Google und indirekt bei Ebay über Marken wie Düvel, Naim, Atoll und Opera Audio recherchiert, und ich tat es ausnahmsweise mit ausgeschaltetem Trackerblocker – das sind diese Browserhelfer, die ein Ausspionieren meiner Wege durch das Netz verhindern. Heute morgen war der Blocker immer noch aus, und deshalb habe ich bei der FAZ auch Ebay-Werbung zu sehen bekommen, die ansonsten nicht ausgeliefert wird. Die eine Hälfte der Anzeigen zeigt sinnlos meine Interessen des gestrigen Tages. Die andere Hälfte ist offensichtlich mit dem Sex- bzw. Sexismusthema der besprochenen TV-Debatte verbunden. Der Algorithmus hat mir auf den Bildschirm die Angebote geschaufelt, die er dafür passend fand.

Ich kann Ihnen versichern, in meiner Lebensrealität wird einem nur äußerst, äußerst selten auf Gesichtshöhe die weibliche Anatomie dergestalt entgegen gestreckt. Das tut man einfach nicht. Auch die anderen Nichtaudioprodukte entsprechen in kleinster Weise dem bei uns üblichen Kleidungsübereinkommen zwischen Mann und Frau und Frauen untereinander. Außerdem wäre ich sicher der Letzte, der so etwas kaufen würde.

Der Algorithmus ist fraglos dumm, er versteht weder den Text noch die Haltung der Klickenden, und obendrein gibt es bei Ebay vermutlich wirklich mehr Interessentinnen für knallenge Wabennetzüberzüge denn für all die Bücher, die zum Thema sexueller Belästigung und 3.-Welle-Feminismus geschrieben werden. Es ist das spezifische Kaufverhalten der Frauen, das zum Angebot und zur Werbung für solche Kleidung im Netz führt, und es spiegelt den Umstand wider, dass Spitzenunterwäsche und Galanteriewaren auch heute noch bei der breiten Mehrheit mehr Zuspruch als feministische Pornos, Gleichstellungsberichte und Bücher über die “100 besten queer-transidenten Flirtratschläge ohne Genderassumung” finden. Was Frauen wollen und was Feministinnen denken, dass Frauen wollen sollten, ist nicht ganz deckungsgleich, und wie man sieht: Der Markt sagt etwas ganz anderes als Talkshows im Fernsehen. Wenn das Fernsehen recht hätte, würden sich die Werbenden anpassen oder pleite gehen, was mich im Falle der Wabennetzleggins noch nicht einmal stören würde. Die Konsumrealität der einen ist nun mal die Rape Culture der anderen.

Besonders ist sie das bei Spiegel Online, wo jede Woche 5 Kolumnisten für sozialen Fortschritt aus ihrer Sicht schreiben, und zusammen mit anderen die Fortführung der MeToo-Kampagne betreiben. Das gleiche, von einer Frau geleitete Medium beschäftigt nicht nur Frauen, die mit pauschalen Verdächtigungen gegen Männer auffallen, sondern auch eine Autorin für das Dschungelcamp. Beim Ebay-Algorithmus kann man die sexistische Lieferung noch auf die Technik schieben, bei Anja Rützel ist es sicher kein Zufall, wenn das Unwort “Kopulationsverhandlungen” geprägt wird.

Weil angeblich Leute, denen es langweilig wird, halt “antomisch” werden. Darunter ein Bild von gut erkennbaren, knapp bekleideten C-Promis im Wasser. In meiner Welt fragt man sich, welches Menschenbild Spiegel Online jenseits ihrer feministischen Kampagnen sonst so hat: Es ist jedenfalls nichts, was man in meiner Welt in dieser Form ohne Sanktionen sagen oder über Dritte annehmen könnte. Aber im Netz ist das alles gleichzeitig möglich, die pauschale Verdächtigung gegen Männer und die Reduktion von Sex auf Kopulation als Gegenstand von Absprachen. Weil Menschen das halt so tun, wenn ihnen langweilig ist, zumindest bei Spiegel Online. Da gibt es natürlich keinen Aufschrei, so darf man auch in der Post-Weinstein-Wedel-Zeit schreiben, wenn es mit viel nackter Haut nur die nötigen Klicks gibt. Oder haben Frau Stokowski und Frau Berg schon gekündigt, weil sie mit solchen Inhalten nicht in Verbindung gebracht werden wollen? Schämt sich Jakob Augstein nicht, dass seine Erlöse aus dem Spiegel-Verlag mit solchen Aussagen bestritten werden? Wer bestimmt, dass die Entwürdigung der einen Schauspieler eine Damnatio Memoriae nach sich zieht, und die Entwürdigung der anderen Schauspieler einen bösen Lacher?

Der kollektive, sich Bahn brechende Hass gegen Quentin Tarantino (alter, weißer Mann), der die junge, zerbrechliche Frau Thurman beinahe auf dem Gewissen gehabt hätte, und der sich obendrein zu Beginn der Affaire nicht genug von Harvey Weinstein distanzierte, ist natürlich einfacher als die Festlegung, welche Form der Entmenschlichung und Degradierung legitim ist, und welche nicht. Für das Lager der sog. “Guten” beginnt die Grenze bei einer nicht erwiderten Annäherung, wie immer man das auch beurteilen will. Für die Verlage der gleichen “Guten” ist es aber auch völlig in Ordnung, eine auf Erniedrigung aufgebaute Sendung mit zusätzlich erniedrigenden Begriffen zu begleiten, oder in einer anderen Kampagne mit der überführten Täterin Gina Lisa zu stehen, ohne anderen auch nur das Recht einzuräumen, ihre Sicht der Ereignisse zu schildern. Diese argumentativen Brüche müssen mit neuen Fällen für die Empörung überdeckt werden. Dass inzwischen auch Hillary Clinton für eine mögliche, 10 Jahre alte Fehlentscheidung in ihrem Wahlkampfteam von 2008 kritisiert wird, ist da nur folgerichtig. Nur die Reinsten der Reinen haben immer alles richtig gemacht, weshalb die anonymen Helfer der “Guten” jetzt also besser aufpassen sollten, wie sie im Netz drohen: Tarantino sollte man jetzt besser schlecht finden, wenn man nicht auch noch in Verdacht geraten will. Das geht ganz schnell heutzutage, automatisch wie ein Algorithmus von Ebay und rücksichtslos wie der Hohn über Teilnehmer am Dschungelcamp.

Danach dann wieder eine Talkshow, ab wann welche Anmache schon sexualisierte Gewalt ist, für die man wenigstens seine bürgerliche Existenz verlieren sollte, wenn es dagegen schon keine Gesetze gibt.

06. Feb. 2018
von Don Alphonso
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30. Jan. 2018
von Don Alphonso
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Böse Dienstleister: Von der analogen Option zum digitalen Zwang

Vor 20, 30 Jahren kamen die digitalen Alternativen. Als ich mit dem Journalismus begann, wurde im Radio noch vom Tontechniker mit Tonbändern geschnitten, also richtig geschnitten: An den Bandmaschinen waren Schneidevorrichtungen, und darunter Spuren, in die man das geschnittene und von Ähs und Uhms befreite Band mit dem Interview einlegte. Meine ersten Bilder, die in New York erschienen, warf ich als Film in einen Briefkasten, dahinter wurden sie dann entwickelt, und man konnte noch auswählen, ob man das Bild mit Expresspost verschicken oder schon eine digitale Übertragung haben wollte. Scanner waren damals grosse und für normale Menschen unerschwingliche Geräte, und Daten wurden auf Floppy Discs gespeichert. Digital galt als Alternative, wenn man es sich leisten konnte, und es schnell gehen musste. Um 1995 herum war Film immer noch das Maß aller Dinge.

Im Laufe der Zeit wurde im Hintergrund digitalisiert, Behörden und Firmen rüsteten von Lochkarten auf Magnetbänder und Festplatten um, um nach hohen Anfangskosten die Verwaltung zu vereinfachen. Mischformen wie Telefax und Bildschirmtext kamen und blieben auch, selbst wenn sie in ihrer Bedeutung verloren haben, und bislang gab es an der Sparkasse auch einen Briefschlitz aus Bronze, in den man Überweisungsformulare einwerfen konnte. Ein analoge Ebene war mit Einschränkungen lange beim Endverbraucher möglich, auch wenn dahinter bereits alle Vorgänge digitalisiert waren. Das war der Trick bei der Digitalisierung: Man bot Menschen eine digitale Alternative. Es gab lange Zeit keinen digitalen Zwang, und wer wollte, konnte auf Mischformen zurückgreifen. Ich beispielsweise kenne Leute aus Sicherheitskreisen, die gegenüber den digitalen Fähigkeiten von Banken und Nutzern und deren Sicherheitsvorstellungen kritisch sind, und mache kein Online-Banking. Die Bank, meine Bank, hat auch Überweisungsautomaten. Die finde ich eigentlich praktisch.

Denn damit kann ich begründen, warum ich nicht nach jedem Kauf im Netz sofort bezahle, sondern wenigstens noch die paar hundert Meter zum nächsten Automaten gehe. Dieser Gang hat auf mich eine disziplinierende Wirkung. Denn bei Paypal und beim Online Banking drückt man einfach auf den Knopf, und weg ist das Geld. Beim Kauf denke ich jedes Mal nicht nur, brauche ich das jetzt? Sondern auch: Brauche ich das so, dass ich mich auch noch vom Sofa erhebe, durch den Regen einer Altstadt gehe, die vielleicht nicht schmutzig, aber kalt und regnerisch ist, und mich an den Überweisungsautomaten stelle, um die elend lange IBAN in die Stahltastatur zu tippen? Das ist wie bei einer gefährlichen Einrichtung so eine Art zweite Sicherung, die erst einmal überwunden werden muss, und oft genug danke ich mir: Da kommt nach dem Kauf sofort eine drängelnde Mail mit Zahlungsaufforderung, mein Pflichtgefühl treibt mich dann in die Nacht, und wer weiss, was für Leute dann wieder in der Bankhalle herum lungern, Samstag um 23.40 Uhr sind da wirklich schräge Gestalten unter Alkohol… so nötig habe ich es doch nicht.

Kurz, die Überweisungsmaschine hat wenigstens noch etwas vom Kassenschalter, den jeder noch kennt, der grössere Summen in bar will, und hinter dem einen ein älterer Herr über eine randlose Brille anschaut und stumm fragt: Wollen Sie das wirklich und dann das Geld sinnlos verprassen? Sollen Sie es lieber nicht in unseren bewährten Händen lassen? Es ist nicht wirklich angenehm, und das ist auch gut so, denn man merkt, dass hier nicht nur ein Knopf gedrückt, sondern tatsächlich eine Geldleistung erbracht wird. Das macht vermutlich den Erfolg dieser Automaten bei älteren Semestern aus. Rechts zieht die Jugend das Bargeld aus den Automaten, links begleicht meine Generation die fälligen Pflichten. Manche denken, sie werden ohnehin durch Bitcoin reich, andere haben zu hören bekommen, dass man nur durch Geld behalten und nicht Geld ausgeben reich wird. Ist das Verprassen nicht komplett angenehm, rattert einen ein unfreundlicher Belegdrucker an, stehen nebenan sieben Jugendliche mit Wegbier, fragt man sich, ob man das nächste pastorale Idyll auch noch erwerben will.

So machte es bislang jeder nach seinen Wünschen, und auch Leute, die ihr ganzes Leben lang Überweisungsträger vom Falschparken bis zum Hausbau ausgefüllt haben, wurden vorsichtig an eine halbdigitale Variante heran geführt. Das ist jetzt allerdings vorbei, denn erstens gibt meine Bank nur noch kostenpflichtig und merkbar widerwillig Überweisungsträger aus, so dass ich schon gefragt wurde, ob ich die nicht auch scannen und erneut ausdrucken könnte. Und zweitens werden die Überweisungsautomaten ersatzlos abgeschafft. Zuerst die alten Automaten, denen die Tastaturen mit Stahldeckeln verschlossen werden. Ab Mitte Februar dann auch ein brandneuer Automat, der erst seit einem Jahr in einer neuen Filiale steht. Die Leute regen sich auf, denn es gibt Bedarf: Die Bank ist dagegen uneinsichtig. Die Maschinen seien alt, man wollte diese Technik nicht mehr, der ´Kunde möge sich am Schalter über Alternativen der Onlineüberweisung informieren.

Anders gesagt, die Bank schafft den halbdigitalen Zugang ab, und bietet eine digitale Lösung für alle. Man kann der Bank natürlich noch auf die Nerven gehen und Überweisungen am Privatkundenschalter ausfüllen lassen. Also, ich kann das zumindest machen, ab einem gewissen Vermögen wird man nicht mehr zu Onlinediensten gezwungen, da ist man bekannt, und auch schräge Marotten werden noch bedient. Aber so generell sagt mein Bestandsschutz nichts über die Realität aus, in der es eben nur noch einen Zugang für die meisten Menschen gibt. Und der Rest, die Digitalverweigerer, die keinen Netzzugang und Rechner haben, die müssen sich eben anpassen oder für jeden Vordruck zahlen oder sterben oder schauen, ob sie Alternativen finden, haha, kleiner Scherz am Rande, nein, ernsthaft, alle Banken müssen sparen, die Boni für die Spitzenkräfte gibt es nicht umsonst, da muss eben jeder mit Opfern rechnen.

Und dabei bleibt es nicht. In Bayern hätte man beinahe das Programm Bayern 4 Klassik ins Digitalradio verbannt, in dem kaum ältere Hörer sind, also quasi zum Sterben – das konnte noch verhindert werden. Wie bekommen eigentlich ältere Menschen ohne Internet einen Termin in den Städten, wenn Termine nur online vergeben werden? Das sind alles so Fragen, die mir von den Älteren gestellt werden, weil die Antwort von allen Einrichtungen schon heute ist, man möge sich doch bitte anpassen und alles im Netz machen. Analoge Alternativen sind nicht mehr vorgesehen, und reihum geht die Befürchtung, dass es demnächst auch mit dem Geld so sein könnte: Denn Geld verursacht auch Kosten, und es gibt genug staatliches Überwachungsinteresse. Digitales Zahlen ist angeblich so viel bequemer. Für Leute wie mich, die ohnehin dazu übergehen, ihre Käufe in möglichst engen geographischen Räumen zu tätigen, weil man eben bar bezahlen kann, ist das eine weitere hässliche Vorstellung. Versprochen waren Alternativen des Fortschritts, keine Diktatur des Digitalen und des Staates, wie man was zu tun hat. Das Digitale sollte sich nützlich machen, und nicht das, was viele als nützlich betrachten, alternativlos verdrängen.

Natürlich ist es nicht in allen Bereichen so. In Italien gibt es Supermärkte, die seit Jahren vergeblich versuchen, die Kunden zum

enutzen von elektronischen Kassen zu zwingen – einfach, damit die Käufer-Kassierer-Maschine-Schnittstelle ersetzt werden kann. Da steht dann zwischen zwei digitalen Kassen eine hektische, unfreundliche, die Leute instruierende Aufpasserin, und die langen Schlangen bleiben weiterhin bei den normalen Kassen. In einigen wichtigen Kunstdenkmälern führt der Versuch einer erzwungenen Online-Vorbestellung dazu, dass in den Nebensaisonen viele auf eine Buchung verzichten, und theoretisch vorgesehene Zeitkontingente und ihre Überwachung angesichts der Kunstwerke gar nicht eingehalten werden müssen. Da entsteht ein Markt und Konkurrenz, speziell, weil analoges Publikum nicht zwangsweise arm sein muss und es sich gerne etwas kosten lässt, wenn man keine aufgerufene Nummer ist. Wäre es anders, gäbe es bei uns keine sorgsam gekleideten Dirndlträgerinnen in Cafes und Restaurants, die zwar mit einem Digitalsystem die Bestellung in die Küche schicken, aber ansonsten höchst zuvorkommend und menschlich auftreten. Es gibt keinen rationalen Grund, warum man eine Frau in die Küche rennen nd eine schnell hingeschmierte Bestellung ablegen lassen sollte, und es hilft, wenn sie rechtzeitig weiss, wann die Teller zu holen sind. Die Kundschaft ist bereit, die verbleibende Leistung, das freundliche Lächeln, auch finanziell zu honorieren. Analoges lohnt sich durchaus.

Nur denken jetzt Institutionen, an denen man leider nicht vorbei kommt, man könnte sich das auch noch sparen, und allen einen einzigen Digitalzwang aufdrücken. Weil es auch alle machen. Ich frage mich dann, was mein Vorteil als Kunde ist, wenn meine echte Bank wie eine x-beliebige Onlinebank behandelt werden will, die zur Gewinnmaximierung auf Geschäftsstellen verzichtet. Am Überweisungsautomaten lese ich die Bankverbindungen, und mein Eindruck ist, dass die dominierenden Sparkassen und Raiffeisenbanken schon viele Kunden verloren haben. Als Kind bekam man ein analoges Sparschwein und ein analoges Knax-Heft von den Sparkassen. Die nächste Generation kennt Banken dann nur noch als austauschbare Apps auf den Smartphones. Vielleicht wollen sie es auch so, aber der Ärger über die Zwangsdigitalisierung in meiner Heimatstadt scheint mir ein nicht ganz dezenter Hinweis zu sein, dass das Digitale nicht als Verheißung, sondern auch als Unterdrückung gesehen wird, wenn es keine anderen Optionen mehr gibt.

30. Jan. 2018
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11. Jan. 2018
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Prügel, Pranger, Pöbeleien: MeToo hasst kritische Autorinnen

Es ist der große Traum vieler Journalisten, einmal so viel Aufmerksamkeit im Netz zu bekommen, dass ihre Arbeit weltweit Beachtung findet, und sie auf die Titelseiten der Medien bringt. In den letzten 24 Stunden ist dieses Kunststück gleich zwei Autorinnen gelungen. Aber beide hatten eigentlich gar nicht vor, Gegenstand eines solchen Erfolgs zu werden – und eine der beiden erlaubt jetzt einen phantastischen Einblick in die Dynamiken, die das Netz ermöglicht.

Eine Beteiligte ist Katie Roiphe. Sie ist Autorin führender Medien, Professorin für Journalismus, und eine emanzipierte und eigenständige Frau vom Alten Schlag. Sie hat seit den 90er Jahren in erfolgreichen Büchern und Essays die Rolle der Frau in der Gesellschaft analysiert, ohne sich dabei ideologisch festlegen zu lassen. Ihr bekanntestes Buch behandelt das Problem sexueller Übergriffe, und hat ihr bei jüngeren Feministinnen den Ruf eingebracht, bei den Opfern eine Mitschuld zu suchen. Ungeachtet dessen hat Roiphe nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Harvey Weinstein beim Magazin Harpers begonnen, einen Beitrag über eine besondere Episode der MeToo-Bewegung zu schreiben: Die Shitty Media Men Liste, ein anonymes, von vielen Personen im Internet zusammengetragenes Prangerdokument, das im Oktober 2017 nach nur 12 Stunden die Namen von über 70 mehr oder weniger bekannten Journalisten und ihre angeblichen Vergehen enthielt. Das Dokument machte schnell die Runde und schaffte es in kurzer Zeit zu einer Weltnachricht, und Roiphe recherchierte dem Fall für die März-Ausgabe von Harper’s Bazaar hinterher.

Brianna Wu ist im Gegensatz zu Roiphe eine Feministin vom Neuen Schlag. Bekannt wurde sie durch ihre führende Rolle in der Gamergate-Kontroverse, die zwischen Feministinnen und verbündeten Medien einerseits und wütenden Gamern und Breitbart andererseits in eine Reihe von gegenseitigen Vergewaltigungswünschen, Mordphantasien und Bombendrohungen mündete. Wu hat den Internetkampf inzwischen auf eine politische Ebene gehoben, und kandidiert mit ihrer feministischen Agenda auf Seiten der Demokraten für den US-Kongress. Gestern schaffte Wu es schlagartig wieder in die Medien, als sie anbot, sich an den Kosten einer Boykottaktion gegen Harper’s zu beteiligen: Im Internet kursierte das Gerücht, Harpers würde den Namen der Initiatorin der Shitty Media Men Liste veröffentlichen. Die TV-Autorin und Feministin Nicole Cliffe hat Journalisten angeboten, ihre Beiträge für Harper’s zu bezahlen, wenn sie diese Texte zurück ziehen.

Brianna Wu bot an, sich an den Kosten zu beteiligen, und spätestens ab diesem Moment und dem Eintritt einer Prominenten war allen Beobachtern klar, dass aus einem simplen Bericht bei Harper’s die nächste, große MeToo-Eskalation werden würde. Harper’s sah sich in der Folge einer wütenden Twitterkampagne ausgesetzt: Feministinnen forderten, das Blatt dürfte auf keinen Fall den Namen der Initiatorin bringen. Aktivistinnen verlangten eine Trennung von Kathie Roiphe und eine Entschuldigung des Magazins, und angeblich waren auch einige Autoren bereit, ihre Beiträge für Harpers zurück zu ziehen.

Die nächste Eskalationsstufe war eigentlich keine: Die New York Times setzte sich mit Katie Roiphe in Verbindung, und die Autorin versicherte, es hätte nicht beabsichtigt, den Namen der Erstellerin der Shitty Media Men Liste zu veröffentlichen. Lediglich ein Fact Checker, der die Inhalte der Geschichte prüfte, hatte die mutmaßliche Initiatorin angeschrieben und um die Bestätigung einer Angabe im Text gebeten.

Das wäre möglicherweise der Moment gewesen, um den grossen Knall noch zu verhindern: Die eine Seite hat der anderen das Recht zugestanden, anonym und sicher zu bleiben, und die andere Seite hat sich mit dem Verlangen durchgesetzt, sich ohne Bedrohung und Gefahr im Internet über Probleme austauschen zu können – so wie die Liste ursprünglich als klandestines Netzwerk geplant war. Aber offensichtlich ging es Cliffe und ihren Mitstreiterinnen um deutlich mehr – nämlich um die bei ihnen verhasste Katie Roiphe, in der es angeblich keinen einzigen ehrlichen Knochen gäbe:

Und prompt wurde der Vorwurf laut, Katie Roiphe hätte gelogen – von einer Person, die angab, sie hätte bessere Kentnisse über den wahren Ablauf der Dinge und die Erlebnisse der Betroffenen:

Damit war für die Anhängerinnen der Shitty Men Liste klar, dass Roiphe die Unwahrheit gesagt hat, und aus dem Fall der bis dahin noch anonymen Autorin ein Fall Roiphe und Harper’s werden sollte:

Zu diesem Zweck schwappte der laute Twitteraktionismus dann aus dem Netz zu den Telefonanschlüssen von Harper’s, damit das Magazin den Namen nicht nennen würde:

Aber Cliffe, die zusammen mit Wu den Fall erst richtig groß und bekannt gemacht hatte, um die Identität der Initiatorin zu schützen, fand es auf einmal gut, wenn sie sich nach all dem Geschrei doch selbst äußern würde.

Was eine gewisse Moira Donegan dann unter dem enormen Druck der Ereignisse auch tat. Die Geschichte hinter der Liste und ihrem enormen Erfolg, die sie selbst erzählt, ist aber weder eine wütende Anklage gegen Katie Roiphe, noch Jubel über das eigene Tun: Es ist vielmehr die Geschichte einer jungen Frau, die ”unglaublich naiv” war und denkt, man könnte mit einer still zusammen getragenen Liste den ein oder anderen unschönen Fall verhindern. Größere Gedanken um moralische Implikationen oder die unerwartet schnelle Verbreitung hatte sie sich nach eigenen Angaben vorab nicht gemacht: Sie schildert sich ruhig und klar als Opfer einer Wirkung, die sie nie erwartet hätte. Für den Kampf der jungen Feministinnen gegen eine alte Feministin bietet der Text eher wenig Munition, denn der Fact Checker fragte sie nach Donegans Eigenangabe lediglich, ob sie eine – und nicht die einzige – Person hinter der Entstehung der Liste sei, “wie weithin angenommen werde“. Donegans Befürchtung war inzwischen, dass der Aufschrei im Netz schon vorab ihre Identität bekannt machen würde:

The outrage made it seem inevitable that my identity would be exposed even before the Roiphe piece ran.

Dafür schildert der Text anschaulich die Dynamiken, die in Zeiten der MeToo-Erregung nicht nur über mögliche Täter, sondern auch über Randfiguren hinweg rollen können. Donegan hat den eigenen Angaben zufolge Freunde und später auch eine Stelle verloren, nicht alle in ihrem Umfeld waren mit der Liste einverstanden – offensichtlich hat sie ihre Urheberschaft nicht allzu gut geheim gehalten. Es ist ein reflektierter Text über ein Ereignis, ganz anders als die ruppigen Anklagen und Großkonflikte, die sonst das Thema beherrschen. Sie hat Angst, findet die Liste und das, was daraus wurde, aber weiterhin gut:

Like a lot of feminists, I think about how women can build power, help one another, and work toward justice. But it is less common for us to examine the ways we might wield the power we already have. Among the most potent of these powers is the knowledge of our own experiences. The women who used the spreadsheet, and who spread it to others, used this power in a special way, and I’m thankful to all of them.

Ungeachtet dessen läuft der eigentliche Konflikt um anonyme Listen und Kritiker wie Katie Roiphe mit aller Härte und Verbissenheit weiter.

Das feministische Portal Jezebel macht aus der Recherche den Vorwurf des Doxxings gegen Harper’s.

Und nachdem sich Amy Siskind von The New Agenda, einem wichtigen Frauennetzwerk um Hilary Clinton, auch noch einmischt und obendrein Nicole Cliffe für ihr Engagement dankt, das mit dem Shitstorm letztlich erst zum Selbstbekenntnis von Donegan führte

ist der Kampf Frauen gegen Frauen, neue Feministinnen gegen alte Feministinnen, Twittermob gegen etablierte Journalistin auch in den oberen politischen Sphären angelangt.

Warum? Weil eine Journalistin ihre Arbeit gewissenhaft gemacht hat und zutreffend die Hintergründe einer Weltnachricht recherchierte, und einer Person zweimal die Gelegenheit gegeben hat, sich zu äußern. Katie Roiphe hat keinen erkennbaren Fehler gemacht, Moira Donegan sagt selbst, dass sie zu naiv war – aber der Mob hat entschieden, dass Harper’s und Roiphe dafür bestraft werden müssen.

Eigentlich sollte es bei MeToo mal um den Schutz von Frauen gehen, aber das gilt offensichtlich nur, wenn es die richtigen Frauen mit der richtigen Einstellung und ohne kritische Fragen sind. Denn bei Jezebel spricht sich jemand offen dafür aus, Roiphe für ihre Arbeit zusammenzuschlagen.

Möglicherweise dachte Catherine Deneuve bei ihrer Kritik an MeToo an solche Aktivisten.

11. Jan. 2018
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09. Jan. 2018
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NetzDG oder wie Freunde lernten, das Denunzieren zu lieben

Ich bin sicher der Letzte, der der Fehleinschätzung erliegen würde, schlimme persönliche Erfahrungen im eigenen Umfeld oder der eigenen Familie würden Menschen irgendwie “edler” oder “geprägt von Erkenntnis” machen, nach dem Motto “was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu”. Ich bin nach Gesprächen mit Menschen, die im 2. Weltkrieg oder in den Nah- und Mittelostkonflikten ganz erhebliche Gewalt ausübten und auch Menschen umbrachten, schon froh, wenn sie später einmal vorsichtig über die Vergangenheit reflektieren. Aber das machen nicht alle und die meisten sind der grimmigen Meinung, dass es “halt so war”. “Leider”. Insofern bin ich jetzt auch nicht überrascht, dass Dunja Hayali, die von einer oft unterdrückten, religiösen Minderheit aus dem Irak abstammt, hier in Deutschland nun Verständnis für das Netzwerkdurchsetzungsgesetz äußert. Sie stellt, erstaunlich für eine führende Journalistin eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks, den Gummibegriff “Hassrede” – unschön, aber nach der laufenden Rechtsprechung sehr oft durch das Grundrecht der Meinungsfreiheit gedeckt – auf eine Stufe mit dem klar definierten Straftatbestand der Volksverhetzung.

Die SPD-Politikerin Sawsan Chebli kommt aus einer palästinensischen Familie, die 1970 aus dem beginnenden Bürgerkrieg im Libanon nach Deutschland geflohen ist. Wer den Libanon kennt: Da macht einen die politische Meinung in der einen Strasse zum Vertreter der einzig wahren Sichtweise und eine Strasse weiter zum Ziel von Anschlägen. Der Libanon war jahrzehntelang ein Paradebeispiel dafür, was passiert, wenn man sich dem politischen Diskurs verweigert, und trotzdem schreibt Chebli:

Der Vater der früheren taz- und jetzigen Zeit-Journalistin Mariam Lau musste sowohl vor dem Regime des persischen Schahs als auch vor dem Regimes der Mullahs aus dem Iran fliehen. Twitter wird per Gesetz gezwungen, jeder Denunziation nach dem NetzDG nachzugehen und macht das auch so intensiv, weil es nun mal die Rechtslage in Deutschland ist. Trotzdem hat Frau Lau da einen Verdacht, Twitter könnte absichtlich so agieren:

Das sind drei Beispiele von Personen, bei denen man eigentlich annahmen könnte, sie würden über das NetzDG und seine Folgen genauer reflektieren. Dass es westdeutsche Wohlstandskinder ohne Diktaturerfahrung nicht tun, weil sie der Meinung sind, dass sie recht haben, und sich zu den 87% zählen, die gegen die AfD antreten, war nicht anders zu erwarten – speziell, wenn sie für die SPD, in ihren Vorfeldorganisationen oder in den öffentlich-rechtlichen Sendern sind, die sich in dieser Frage betont politiknah zeigen. Es sind viele Leute im Netz unterwegs, die wirklich glauben, die Ehe-für-alle- und Einwanderungsnation BRD, in der die Steuern für mehr Windstrom erhöht werden sollen und Vermieter per Gesetz zu billigen Mieten gezwungen werden, sei auf dem Weg nach rechts, und müsste mit allen Mittel gestoppt werden, gnadenlos. Es ist kein Zufall, dass die erste bekannte Löschung in diesem hysterischen Klima nach Neujahr nach dem NetzDG gar keinen Rechten betraf, sondern einen missverstandenen Witz einer Autorin – mit SPD-Parteibuch.

Ich teile die Befürchtung des Kollegen Wieduwilt, dass die SPD um so verbissener um das Gesetz kämpfen wird, je stärker die Kritik wird. Nicht nur wegen der AfD und ihr Umfeld, gegen die sich das Gesetz richtet und die natürlich, im Gegensatz zur ebenfalls betroffenen Titanic, keinerlei Unterstützung der Medien erhalten. Sondern auch, weil das Verhältnis der SPD zu Bürgerrechten traditionell so ist, egal ob bei der Vorratsdatenspeicherung, dem neuen Sexualstrafrecht, das uns mittelfristig neue Debatten über steigende Fallzahlen durch Flüchtlinge bringen wird, bei HartzIV, beim Leistungsschutzrecht, oder bei CETA, TTIP und dem angeblichen “Prostitutionsschutzgesetz“. Die SPD ist dort unten, wo sie nun ist, nicht angekommen, weil sie so eine tolle Politik gemacht hat, sondern weil das NetzDG idealtypisch für das Regierungshandeln der Sozialdemokratie steht. Heiko Maas, Anetta Kahane und andere Exponenten der Netzkontrolle halten sich für Drachentöter, auch wenn sie für eine Entwicklung stehen, die zurück nach Ostberlin vor 1989 weist, gerade so, als wollte sich die SPD für die Umschreibung “SED-Nachfolgepartei” bewerben.

Wie gesagt, ich bin Historiker, und als solcher weiß ich, dass die Möglichkeit zur Denunziation genutzt wird, sobald man sie anbietet. Ich erlebe das auch eigentlich täglich, denn selten einmal schreibe ich einen Beitrag, für den mich dann nicht jemand bei meinem Arbeitgeber verpetzt. Das letzte Beispiel ist von gestern, die Dame ist Pressesprecherin der SPD im hessischen Kronberg und dort auch im Gemeinderat, und sie wendet sich hier mit Mention auch direkt an die FAZ:

Das ist die banale Mentalität der kleinen Anschwärzung, aus der heraus das Denunzieren erwächst. Würde Twitter tatsächlich etwas von mir löschen, würde der Denunziant das vermutlich auch stolz mitteilen, wie man das momentan laufend erlebt. Es ist ziemlich hässlich. Und erwartbar. Nur eine Sache hat mich wirklich verstört, vermutlich so, wie es einen Bürger der frühen DDR verstört hat, wenn der frühere kommunistische Widerständler aus dem KZ dann in der STASI aufsteigt. Denn das Denunzieren beim Arbeitgeber ist nicht neu. Und zwei frühere Bekannte, die sich dem NetzDG gewogen zeigen, wissen genau, wie hoch die Risiken sind. Weil dieses Denunzieren zusammen mit dem lockeren Mundwerk beiden fast die Karriere gekostet hätte.

Bei solchen Ausrutschern gibt es Leute wie die deutsch-österreichischen Moderatoren Stermann und Grissemann, die sich einmal in eine Erschiessungsbemerkung gegen Jörg Haider hineingeplaudert haben, als das Aufnahmegerät eingeschaltet war. Das kann passieren, es wurde knapp, die beiden haben sich entschuldigt und aufgrund ihrer enormen Popularität ihre Karriere fortgesetzt. Das sind aber die Grossen in diesem Geschäft. Die Mittelschicht, die von ihren Aktivitäten zwischen Medien und Netz leben kann, ist bei weitem nicht so sicher, und die beiden Fälle, die ich kenne, sind ganz ähnlich: Die beiden Personen haben jeweils etwas gesagt, das “man nicht sagt”. etwas aus dem Graubereich zwischen sehr blöd, geschmacklos und noch nicht strafbar, aber doch arbeitsrechtlich relevant. Egal ob Youtuber oder Webjournalist: Es gibt zwar Meinungsfreiheit, aber nicht jede öffentlich getätigte Aussage muss der Arbeitgeber hinnehmen. Öffentliche Beispiele gab es schon: Der selbst von Strafverfolgung bedrohte Herr Böhmermann hat im Mai 2017 den früheren Nachrichtensprecher Hans Meiser wegen Verbindung zu einem fragwürdigen Portal entlassen. Oder die Entlassung einer Autorin, die nicht für Blumenmädchen bei der schwulen Hochzeit das Wort ergriff, und von Volker Beck und seinen Mitarbeitern gehetzt wurde. Die beiden Fälle, die ich persönlich gut kenne, waren nicht rechts oder konservativ, sondern einfach nur “doof” und in einem Fall offensichtlich nicht bei vollem Bewusstsein abgeschickt. Wir wissen eigentlich alle, dass solche kurzen, dummen Wutausbrüche passieren. Ich gehe dann radeln, andere sagen es ihren 56.000 Followern. Brühwarm. So wie Heiko Maas es Sarrazin gesagt hat.

Aber der kleine Netzjournalist ist nun mal kein Minister, den eine Partei halten will, und auch kein Idol grosser Gruppen, sondern nur ein mehr oder weniger ersetzbarer Leistungsbringer. Sehr oft sind diese Leute in einem prekären Anstellungsverhältnis, und auf jeden von uns kommen 100 andere, die gern unsere Jobs hätten. Und die Fälle, die ich mit ihren Details kenne, betreffen zwar durchaus eher linke Personen, aber die Vorwürfe haben mit der politischen Ausrichtung überhaupt nichts zu tun. Beide Fälle hatten eher zufällige Auslöser, beide sagten am falschen Ort die falsche Sache und gerieten damit an die falsche Person. Im normalen Gespräch hätte man vielleicht die Augen verdreht und das alles schnell wieder vergessen, aber hier draußen im Netz wurde daraus eine Nachricht, und irgendwo in den Konzernen trafen die Denunzianten dann auch auf Vorgesetzte, die nicht umhin kamen, das zur Kenntnis zu nehmen. Und so kommt es dann, dass jemand, der jahrelang eigentlich nur das “Richtige” sagte, einmal aus dem Impuls heraus ein einziges Mal das Falsche tut, und dabei in Konflikt mit Verhaltensrichtlinien kommt, die eigentlich Vorschriften sind.

Jedem ist eigentlich klar, dass es unvermeidlich ist. Das Leben ist keine Verhaltensrichtlinie, niemand macht immer alles richtig und je unwichtiger die Nebenschauplätze sind, desto öfters leistet man sich manchmal einen weniger gelungenen Spruch. Politisch gesprochen haben wir jenseits unserer Moralpanzer auch viele weiche Flanken, die uns angreifbar machen, und dazu kommt auch noch die Neigung diverser kreativer köpfe, Betäubungsmittel und Mobiltelefon gleichzeitig zu benutzen. Ich habe nur einen Rechner und trinke keinen Alkohol, aber bei manchen gehört eine gelöste Stimmung ohne Impulskontrolle irgendwie dazu . Das macht aber noch niemanden zu einem schlechten Menschen. Wenn aber auf der anderen Seite des Bildschirms dann ein kühler, überlegter Stratege sitzt, und den richtigen Zeitpunkt erwischt, wird das zur Bedrohung. Manche wollen das genau so haben, ein gewisser Jürgen Geuter betreibt sogar in Bezug auf mich und meine Tätigkeit schon lange eine eigene Webseite:

Andere planen genau, warten auf den richtigen Moment, oder haben einfach nur Glück, weil ihre Mail die “richtige” Stelle erreicht. Das ist alles kein Ergebnis des NetzDG, das war alles schon länger da, und speziell Twitter ist mitunter brandgefährlich gewesen. Das NetzDG trägt mit seiner privatisierten und fehlerhaften Zensurinfrastruktur und nachweisbaren Denunziationserfolgen zu einer Verschärfung bei, weil es Fehltritte dokumentierbar macht. Es wird mit Email von Twitter belegbar, dass jemand daneben gegriffen hat, und zur perfekten Dystopie für alle braucht man nur noch einen verbindlichen Internetausweis, den ich der neu-alten GroKo jederzeit auch zutrauen würde.

Sie werden es auch machen können, denn die geschlossenen Reihen derer, die dagegen sind, gibt es nicht mehr. Es gibt viele, die sich mit dem NetzDG arrangiert haben und es für ungeschickt, aber nötig erachten. Sie sagen das Wort “Leider” dazu, selbst wenn sie aus eigener Ansicht die Risiken kennen. Sie sind bereit, diese Risiken auch für andere in Kauf zu nehmen, weil sie denken, es diene ihrer größeren Sache und ihren Vorstellungen. In den letzten Jahren haben genau diese Leute immer darauf hingewiesen, wie schnell ein Land Richtung 1933 kippen könnte. Jetzt geht es wieder gegen den innersten Kern und den Geist des Grundgesetzes, und sie sagen, ihre Haltung sei vielleicht unpopulär, aber es sei nun mal angesichts der vielen Bedrohungen nötig. Leider. Es ist eine Argumentation, mit der man auch Selbstschussanlagen an der deutsch-deutschen Grenze aufstellen kann.

Wie gesagt, es machen nicht irgendwelche Leute aus dem Netz,, sondern enge Bekannte, von denen ich mir sicher war, dass ich sie sehr gut gekannt habe, und die selbst die Risiken nur zu gut kennen. Ich hätte mir das nie vorstellen können. Denn eigentlich wissen sie, dass Menschen fehlbar, aber integer sein können, und welchen Preis man letztlich alle zahlen, wenn man das aus den Augen verliert.

09. Jan. 2018
von Don Alphonso
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03. Jan. 2018
von Don Alphonso
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Der private Hass hinter dem Niedernetzen von Alice Weidel

Vor ein paar Jahren hat eine junge Frau versucht, mit einem Bekannten ein SPD-Mitgliederbegehren gegen die Vorratsdatenspeicherung durchzusetzen. Mit, das sage ich ganz offen, beeindruckender Hartknäckigkeit und einer gelungenen Netzkampagne. Die junge Frau hat damals hier im Blog einen Beitrag über den Entscheid geschrieben, sich später mit der SPD und auch mit mir überworfen, und ist heute eine Netzfeministin. Heute hat die SPD das Netzwerkdurchsetzungsgesetz vor allem gegen ihre politischen Gegner in Stellung gebracht – ich denke, das kann man angesichts der Lässigkeit, mit der Twitter nicht gegen Doxing vorgeht, wenn es “die Guten” machen, schon so sagen.

Jetzt hat der Bannstrahl nicht nur einen der denunzierten Feinde der besagten Netzfeministin, sondern auch eine nicht heterosexuelle und politisch erfolgreiche Frau in einer Führungsposition getroffen. Eine Frau, die damit eigentlich feministische Ideale lebt, nämlich Alice Weidel von der AfD, und die Feministin und frühere Kämpferin gegen die Vorratsdatenspeicherung schreibt dazu:

Sie passt damit zu anderen aus dem gleichen Lager, die es gut finden, wenn eine Frau sich nicht mehr nach eigenem Willen frei äußern kann. Ich will hier nicht darüber schreiben, dass es sich dabei um eine Doppelmoral handelt, oder um ein Zeichen, wie das NetzDG letztlich auf seine Erfinder zurückschlägt, weil sich Weidel und die ebenfalls betroffene Beatrix von Storch nun als Opfer von Zensurmaßnahmen und Denunziation darstellen.

 

Dass führende Politiker des Bundestages von der Plattform gesperrt werden, ist eine ziemlich einzigartige Entwicklung, und auch ein Zeichen dafür, dass die amerikanische Vorstellung von Meinungsfreiheit hier jedenfalls vorbei ist. Ich kann nur raten, die eigene Herkunftsnation auf “Estland” umzustellen, eventuell kritische Inhalte eher in ein Blog zu schreiben und das von Twitter aus lediglich zu verlinken – und sich schon einmal Gab.ai anzuschauen. Und zwar nicht nur wegen der deutschen Netzautokratie, sondern auch, weil Zensur Personen mit anderen Ansichten vermutlich auch in Polen und Österreich drohen könnte. Die guten Zeiten sind vorbei, sogar für Satire.

Und tatsächlich trifft das NetzDG, wenn es trifft, auch normal kritische, witzige und kluge, aber ansonsten friedfertige und überhaupt nicht intolerante Journalistinnen:

Die Löschkohorten im Netz scheinen durchzudrehen. Ich will hier nicht die Tweets vorstellen, in denen Frau Weidel nun in einer Art angegriffen wird, die ebenfalls Verstöße gegen die internen Regeln und das NetzDG wären – es gibt einige davon, man sollte das nicht weiter verbreiten. Die Meinung jedenfalls ist ziemlich einheitlich, endlich wird Weidel der Mund verboten, sie hätte es so verdient, und einiges mehr, was bei Politikerinnen mit anderer politischer Ausrichtung eindeutig als Frauenfeindlichkeit ausgelegt werden würde. Der Anlass wird bejubelt, es werden weitere Konsequenzen gefordert, und zwar durchaus von Leuten, die ansonsten der Regulierung des Internets und Angriffen auf Bürgerrechte höchst kritisch gegenüber stehen. Das sind die, die ansonsten gern Martin Niemöller zitieren; “Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.” Schauen Sie mich nicht so an, ich habe Piraten gewählt. Es hat sich aber etwas geändert, universelle geltende Lehren aus der Geschichte und Rechte werden von deren früheren Verteidigern zur Disposition gestellt.

Warum?

Weil Frau Weidel den Beweis verkörpert, dass die universellen Rechte, die sich die Progressiven auf die Fahnen geschrieben haben, tatsächlich zwar Diversity und Minderheiten fördern – aber diejenigen, die sich letztlich durchsetzen, überhaupt nicht den Erwartungen entsprechen müssen. Progressive haben diese Erfahrungen bei diversen sozialistischen Diktatoren Afrikas gemacht, bei der Schwulenverfolgung in Kuba, beim ANC, bei der Fatah, und momentan droht angesichts der Demonstrationen im Iran die nächste Pleite für den auch in Deutschland geförderten, angeblich feministischen Kopftuchislamismus.

Niemand sieht sich gern auf Seiten der Verlierer, und das Problem bei Frau Weidel ist, dass sie mit dem Image der erfolgreichen, geradlinigen Gewinnerin durch die öffentliche Aufmerksamkeit schreitet. Jemand hat mal geschrieben, Frauen wie sie würde man auf Korpsfeiern treffen, und ich möchte hinzufügen: Auch bei Finanzkongressen, Urheberrechtskanzleien, Pharmafirmenübernahmen und Bankabteilungsleitungspositionen findet man genau diesen Typ Frau. Auch bei uns im Konzertverein, meist an der Seite von ebenfalls reichlich erfolgreichen Männern. Nassforsch, durchsetzungsfreudig, nachdrücklich, leistungsorientiert, zuverlässig. Der Typ Frau, bei dem man immer genau weiß, woran man ist, und der, das darf ich hier privat einfließen lassen, vollkommen inkompatibel zu meinem eigenen Lebensstil ist, selbst wenn es aus Sicht der sozialen Klasse passen könnte. Es gibt nun mal schlechtere Kinder aus besserem Hause, und bessere Kinder. Dazwischen ist ein Abgrund, über den hinweg man Dank der ähnlichen Erfahrung kommunizieren, aber nicht zusammen kommen kann. Allerdings erlebe ich den “Typ Weidel” auch im wenig einfühlsamen Umgang mit Menschen mit anderer Biographie: Die scheinbar unangreifbare Dominanz und die Hybris der Vorankommenden sind es, die weniger effektive Personen innerlich zur Weißglut bringen. Denn die Weidels dieser Welt haben immer alle Scheine rechtzeitig abgegeben, sie haben immer die perfekten Bewerbungsphotos, und sie bekommen die Berufe, die andere gern hätten, weil sie den Eindruck erwecken, sie seien Problemlöser, und nicht Problemverursacher.

Problemverursacher werden dann später einmal twitternde Onlinejournalisten, grüne Hassanweisungsbildpixelschubser, oder linke Fraktionsvorstandsassistentinnen auf Probe, und schauen von da aus zu, wie sie selbst nicht weiterkommen, der Typ Weidel aber schon. Und wir können ja offen darüber reden: Wer ernsthaft auf der Suche nach einer Partnerin ist, mit der man das Projekt Familie, Haus, vier Kinder, drei Autos, zwei Katzen, eine Haushälterin, ein Ferienhaus und Vorstandsposten durchziehen will, ist froh um die gut sortierten Weidels. Wer eine Apotheke oder eine Praxis betreiben will, wer jeden Monat einen Repräsentationstermin hat, wer sich auf den Partner verlassen will, geht eher nicht in dem Bereich suchen, aus dem bunte Autoren und Projektemacher kommen. Nach 20 Semestern Ethnographie und freier Mitarbeit beim Tagesspiegel hat man in seinem 1-Zimmer-Appartment wirklich allen Grund, auf Leute neidisch zu sein, die im gleichen Zeitraum schon Beruf, Haus und Familie meistern. Und natürlich gibt es da auch keinen Bonus für Frauen, die sich in Männerdomänen – und die AfD ist deren absolute Verkörperung – durchgesetzt haben.

Alice Weidel ist nicht nur eine Politikerin. Sie ist ein Symbol für eine Welt, zu der kaum jemand Zutritt erlangen wird, der zur Arbeitszeit anderer Leute eine Twittersäuberung bejubelt. Diese Freude speist sich nach meiner bescheidenen Meinung nicht nur aus der Erleichterung, dass man möglicherweise die Plattform wieder mehr für sich hat, und die anderen zu Gab.ai ausweichen müssen. Es ist ein unterschwelliger Klassenkampf, der im ersten Jahrzehnt von den Debatten um die Veränderungen durch das Internet überlagert wurde. Das Netz versptach eine neue Gleichheit, und befeuerte insgeheim auch die Erwartung, “die Guten” wären so kompetent, dass “die Anderen” im Neuland nichts zu melden hätten. Die AfD ist im Netz, ob man das mag oder nicht, wie viele andere rechte Bewegungen und Donald Trump sehr erfolgreich, egal wie “die Guten” dabei nun die Augen verdrehen.

Nur reicht das nicht: Weil sich im realen Leben der Typ Weidel durchsetzt, und allgemein die Meinung vorherrscht, dass man sich lieber von den Energischen und Erfolgreichen etwas erklären lässt, als von Netzberühmtheiten mit scheckigen Biographien mit Irrwegen und gravierenden Fehleinschätzungen, und Sie dürfen mich da gern auch dazu zählen. Leute wie ich schreiben vielleicht, Leute wie Weidel entscheiden, ob Leute wie ich in die Konzernstrategie passen, oder, wie man das schon bei Spiegel Online sah, der Platz einer älteren Feministin von einer noch männerfeindlicheren, jüngeren Feministin übernommen wird. Im Berufsleben gerät man heute zwangsläufig an die Weidels, weil der Kapitalismus diesen Typ hervorbringt und fördert. Und das archaische Gegenmodell, die alles moderierende Übermutter, hat gerade die letzte Bundestagswahl verloren, und weiß nach Eigenaussage auch nicht, was sie anders hätte machen sollen. Es ist eine Ironie der Geschichte der Frauenrechte, dass die Verkörperung von Erfolg, Selbstbestimmung und Diversity nun jener Fraktion vorsteht, die Genderwahn und Merkelablehnung zu Quellen ihres Erfolgs gemacht hat.

Dieser Kampf um die Deutungshoheit ist ein Großkonflikt in der Gesellschaft, und darüber ernsthaft zu diskutieren, würde an vielen innig geliebten Gewissheiten und Selbstbildern rütteln. Die AfD macht für eine rechte Bewegung momentan erstaunlich wenig Fehler, aber selbst wenn sie verschwinden sollte, ändert es nichts daran, dass der Bedarf an bestimmten Sekundärtugenden und Einstellungen vom Durchmarsch der Frauen auf Führungspositionen nicht tangiert wird. Feministinnen erzählen mir, mit Frauen und Diversity an der Spitze werde die Gesellschaft netter und freundlicher, und Weidel beweist allein mit ihrer Existenz jeden Tag, dass es überhaupt nicht stimmen muss.

Und deshalb laufen Progressive, die vor 5 Jahren noch ganz anders dachten, jetzt zur SPD über, die mit dem NetzDG Weidel zu zähmen verspricht, und selbst bei Twitter solche anMaasenden Aussagen durch Mitglieder zulässt. Leute, die sich jahrelang beklagten, Frauen würden vom Patriarchat zum Schweigen gebracht, melden Frauen mit einem reaktionären Zensurgesetz. Es sind Leute dabei, die früher zu mir privat und als Freunde sagten, so etwas gehe überhaupt nicht. Ich weiß heute nicht mal mehr, ob sie mich – und obwohl ich mit Frauen vom Typ Weidel nur schlecht umgehen kann – nicht auch melden würden, wenn ich etwas Abweichendes wie das hier schreibe. Gemeldet wird inzwischen wirklich alles.

Ich darf das vielleicht noch persönlich sagen: Ich war nach 2017 ziemlich ausgelaugt und habe gehofft, erwartet, ich war mir eigentlich sicher, dass 2018 besser wird.

Da habe ich mich wohl geirrt.

Es wird dank Heiko Maas und den Befürwortern des Zensurmonsters NetzDG hässlich bleiben.

03. Jan. 2018
von Don Alphonso
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29. Dez. 2017
von Don Alphonso
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Diese krassen Medien werden 2018 mit billigen Nudelvideos vom Markt gefegt

Das Projekt heisst “Struggle Meals” und gibt sich nicht die geringste Mühe, das dahinter stehende Elend der Zielgruppe zu verheimlichen. Bei Struggle Meals geht es darum, jungen und zumeist kochunfähigen Leuten zu erklären, wie sie in ihrer durch Netflix, iPhones und Studienkrediten verursachten Finanznot für weniger als 2 Dollar ein Essen zubereiten, Die Ratschläge sind ganz einfach: “Just add water“ und “Put an egg over ist”, heisst es in der Beschreibung. Dazu gibt es Videos, die für Facebook optimiert sind, und sich mit Untertitelung auch ohne Ton und auf dem Mobiltelefon abspielen lassen. Und wenn nun jemand denken sollte, das sei ja wie bei den Asozialen und warum haben die Eltern den Kindern nicht beigebracht, wie man kocht, dem muss ich sagen: Es kann schon sein. Aber wichtiger ist: Dieses Reduziertsozialenprogramm wird darüber entscheiden, wie Medien 2018 in Deutschland aussehen.

Denn die Videoserie Struggle Meals und die dahinter stehende Firma Tastemade machen nicht nur Videos, eine gewisse Menge an Eigenwerbung für ihre Produkte, und weitere Serien über das Kochen. Sie sind damit auch wichtiger Partner von Facebook. Und Facebook wiederum kennt seine Nutzer genau und weiss, welcher Nutzer am Monatsende eher pleite ist, und solche Ratschläge brauchen kann. Facebook entscheidet selbst, welches Kochvideo im Nachrichtenstrom dem Nutzer vorgeschlagen wird, und Tastemade ist ein sehr erfolgreicher Partner mit seinen Videos. Ausserdem sind die Videos inzwischen nicht mehr kurz, sondern bis zu 5 Minuten lang. Das erlaubt es Facebook, in die Videos eigene Werbung einzubauen. Tastemade und Facebook sind bei Kochvideos also sehr gute Partner. Trotzdem wäre das Erziehungsversagen der Amerikaner für Deutschland bedeutungslos – gäbe es nicht zwei Konkurrenten von Tastemade, die in diesem Bereich ebenfalls hohe Erwartungen auf Wachstum und Gewinn hatten: Die Medienkonzerne Vice, hervorgegangen aus einem Punkmagazin in Kanada, und Buzzfeed, eine Seite mit früher leicht konsumierbaren Witzeleien und Katzenvideos – und beide sind die Vorbilder für deutsche Trashseiten wie Bento, Ze.tt, Watson und jetzt.de.

2016 war noch das Jahr, in dem der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg dieser Netzpublikationen die klassischen Medien bedrohte: Buzzfeed und Vice wussten, wie man Beiträge so anreisst, dass sie bei den sozialen Netzwerken verlinkt und geklickt wurden, und orientierten sich gnadenlos an den Nutzerinteressen. Beide Firmen definieren mit ihrem Stil heute auch in Deutschland das Anteasern von Beiträgen, und beide zwangen die deutschen Medien., vermehrt in Social Media Abteilungen zu investieren – oder eben selbst Konkurrenzangebote zu entwickeln. Und tatsächlich blieb in Deutschland der Durchmarsch der Amerikaner aus: Buzzfeed leistete sich unter der ersten Chefredakteurin Juliane Leopold einen, vorsichtig gesagt, verhaltenen Start. Und Vice versuchte sich auf dem deutschen Markt als Content Netzwerk mit vielen gut besuchten, aber finanziell eher erfolglosen Blogs aufzustellen. Allzu viel ist davon nicht übrig, frühe Beteiligte zeigten sich enttäuscht über die Ergebnisse der Zusammenarbeit. 2014 schloss Vice noch eine Vermarktungskooperation mit Gruner + Jahr – die Pressemitteilung prahlt mit den Vice-Partnerblogs Amy & Pink und We make the cake. Heute vermarktet sich Amy & Pink selbst, und das Modeblog we make the cake hat die letzten Pantoffeln im Frühjahr 2017 ausgezogen. Vice konzentriert sich inzwischen unter der Leitung der früheren Stern-Journalistin Laura Himmelreich eher auf die eigenen Seiten, teils mit übersetzten US-Inhalten, teils mit deutschen Eigenproduktionen.

Aber weder Vice noch Buzzfeed ist es in Deutschland gelungen, mit ihren reisserischen Geschichten eine dominante Rolle in den sozialen Medien zu erreichen Vice hat mittlerweile bei Nischenthemen wie Linksextremismus, Polizeigewalt, Drogen, Porno und Feminismus eine Art relativer Marktführerschaft erreicht. Diese Position hat sich folgerichtig darin niedergeschlagen, dass in den amerikanischen Arbeitsverträgen ein “non traditional workplace agreement” unterzeichnet werden musste: Mitarbeiter erklärten sich einverstanden, dass bei der Erstellung der Inhalte auch die Beschäftigung mit extremen Themen wie Sex, Drogen und Gewalt eine Rolle spielen konnte. Die New York Times, deren Spitzenstellung auf dem Medienmarkt lange von Vice und Buzzfeed bedroht war, hat diesen nicht traditionellen Arbeitsbedingungen jetzt einen grossen Beitrag gewidmet, in dem es um sexuelle Belästigung bei Vice geht: Ein Zeichen dafür, dass Vice schon länger kein Jäger der Etablierten mehr ist, sondern eine Marke mit ethischen und finanziellen Wachstumsschwierigkeiten.

Die internen Sexskandale der Nachwuchsmedien ließen sich noch mit Entschuldigungen und Entlassungen im Rahmen der #MeToo-Debatte bereinigen. Aber schon davor war das Geschäftsmodell der lustigen und krassen Inhalte an Grenzen gestoßen, weil sich allerorten Nachahmer wie Heftig.co und Upcoming fanden, die den Stil und die Machart der Originale kopierten. Mitte dieses Jahres hat Vice noch einmal 450 Millionen Dollar erhalten, und einen Börsengang in Aussicht gestellt. Auch Buzzfeed deutete an, man könnte mit üppigen Gewinnen für die Investoren im Jahr 2018 an die Börsen gehen. Aber gleichzeitig entließen die beiden Firmen im Zuge der Neuorientierung auf die wachsenden Videosparten 60 bzw. 200 Mitarbeiter – nicht wirklich ein Signal für gelungene Unternehmensführung. Im November machte dann die Runde, Buzzfeed würde das Umsatzziel von 350 Millionen Dollar um 50 bis 70 Millionen verfehlen, und auch bei Vice vermuten Beobachter, dass der Konzern beim Umsatz deutlich hinter den Erwartungen zurück bleibt. Der kleinere Konkurrent Refinery29 nutzte die Weihnachtszeit, um ebenfalls ein paar Leute zu entlassen.

In dieser Situation hat John Peretti, der Chef von Buzzfeed, eine Memo an alle geschrieben. Er beruft sich auf jene allgemeine Medienkrise, der Buzzfeed in Zeiten des rasanten Wachstums scheinbar mühelos widerstanden hatte. Peretti klagte über das Verhalten von Google und Facebook, die zu viel Geld behielten und den Content-Lieferanten zu wenig Erlöse erlaubten. Im gleichen Text äußerte er sich auch zu den grossen Hoffnungen, die der Konzern in seine eigenen Kochvideosparte namens “Tasty” setzt. Dort jedoch ist Buzzfeed trotz einer umfassenden Strategie ebenso wenig der Marktführer wie der auch zum Kochgeschäft hin expandierende Konkurrent Vice. Perettis Manager werden von anderen Diensten wie Tastemade bedrängt, die sich auf dieses Thema spezialisieren, und Facebook wunschgemäße Videos liefern – und einen Markt beliefern, in dem manche Konsumenten weniger als 2 Dollar für das Essen ausgeben. Das ist nicht wirklich die kaufkräftige Zielgruppe, die alle bewerben wollen.

Das Drama spielt sich vor einen robusten US-Konjunktur, einer unternehmensfreundlichen Steuerreform, einer andauernden Krise der Printmedien und einem Allzeithoch der US-Börsen ab – die Rahmenbedingungen für neue Medien könnten eigentlich gar nicht besser sein. Da mag es für Buzzfeed tröstlich sein, wenn es hierzulande schadenfroh einen Beitrag namens “20 Menschen, die ein deutlich schlimmeres Jahr 2017 hatten als du ” bringen kann, Aber trotz der diversen Unternehmungen bis hin zum “branded content” der werbenden Industrie ist der Siegeszug erst einmal vorbei. Um eventuelle Käufer und Investoren gnädig zu stimmen, bräuchten beide Firmen entweder außergewöhnlich gutes Wachstum, oder erkennbare Schritte in Richtung Gewinne der Anteilseigner. Letztere sind nur durch Sparbemühungen zu erreichen, etwa durch den Ausstieg aus teuren und unprofitablen Märkten, in denen sich die Firmen gegen die Konkurrenz nicht durchsetzen können. Gegner sind dabei in Deutschland nicht nur Bento und Heftig bei den Inhalten, sondern auch all die Videoinfluencer mit ihren total vermarkteten Kosmetik- und Spielekanälen. Deren Inhalte sind zwar mitunter noch etwas flacher, aber sie verfügen als eigenständige Marken über jene begeisterten Anhänger, die die Amerikaner hierzulande bislang nicht gefunden haben.

Es kann durchaus sein, dass “ein Nordfriese wohl ungestraft mit seiner Hanf-Plantage davonkommt”, wie Vice Deutschland schreibt, aber wie diese Portale die Fehler und Versäumnisse auf dem deutschen Markt 2018 aufholen wollen, wird sich noch zeigen müssen. Ich wäre, höflich formuliert, nicht überrascht, wenn das ein oder andere nicht gerade mit Werbung überfrachtete Projekt als Kostenfaktor auf den Prüfstand kommt.

Das ist natürlich nur eine Vermutung. Aber das Geschäftsmodell der Videos ist für diese Firmen zu wichtig, und wurde in Zeiten des Nutzerwechsels weg vom Rechner und hin zum Handybildschirm zum leuchtenden Pfad in die Zukunft erklärt. Das alte Geschäftsmodell ist ausgereizt: Irgendwann kennt jeder die 999 besten Gründe, warum man nach dem Klicken bei Buzzfeed enttäuscht wird, und weiss, was passiert, wenn man als bekiffte Drag-Queen auf den AfD-Parteitag geht. Gleichzeitig versuchen beide Portale auch, seriöse Inhalte zu erstellen, um bei Erwachsenen besser anzukommen. Aus den Vorreitern werden damit Nachahmer, die sich bei herkömmlichen Medien Personal beschaffen müssen. Die Erfahrung zeigt, dass Nachahmer in heftig umkämpften Märkten bei hohen Verlusten und stagnierendem Wachstum nicht mehr die Vorbilder anderer Medien sind. Die New York Times und die Katzenvideos werden natürlich im Netz bleiben, und vielleicht spricht man über Vice und Buzzfeed 2019 immer noch.

Als abschreckendes Beispiel des letzten, gescheiterten Internethypes.

29. Dez. 2017
von Don Alphonso
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22. Dez. 2017
von Don Alphonso
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Linke und das wirkungslose NetzDG: Mobbing, Doxing, Polizisten verfolgen

Ich habe vor meinem letzten Beitrag zur Löschpolitik an die Pressestelle von Twitter geschrieben. Es ging um den Fall des wegen antideutscher Bemerkungen umstrittenen Grünen-Politikers Matthias Oomen. Oomen hatte nach Eigenaussage die Löschung eines feindlichen Accounts erfolgreich mit einer Meldung betrieben. Ich habe bei Twitter gefragt, welche Seite Oomen gemeldet haben soll, um welchen Vorwurf es sich handelte, welche Aussage des Betroffenen zur Abschaltung des Accounts führte, und wie sich Twitter zur offenen Absprache, andere Accounts mit Meldung in Folge des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes abschalten zu lassen, positioniert. Die Antwort kam für den Beitrag deutlich zu spät und lautete;

Hi there,
Thank you for reaching out.
We don’t comment on individual accounts for privacy and security reasons.
Best,
Ian 

Das ist alles, wenn sich Twitternutzer offen absprechen, wie man gegen Andersdenkende operiert, damit diese die Plattform verlieren, und man selbst unbehelligt bleibt. Tatsächlich wurden Oomen und sein Partner wegen Regelverstoß gemeldet: Ètwas Offensichtliches ist ihnen deshalb bislang nicht passiert. Das ist erstaunlich, denn eigentlich sagt Twitter:

Es ist uns wichtig, eine Kultur von Vertrauen, Sicherheit und Respekt zu schaffen.

Wo die Sicherheit noch sein soll, wenn sich andere zum Cybermobbing zusammentun, ist nicht erkennbar. Nun hat so eine Zensur durch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz NetzDG immer so seine zwei Seiten: Es gibt Aussagen, die zur Löschung oder zur Nichtverfügbarmachung in Deutschland führen – da reicht leise Kritik am Islamismus mitunter schon aus. Und es gibt Aussagen, die das Netzwerk nicht beanstandet. Twitter will über diese individuellen Fälle nicht reden, aber es gab in den letzten Tagen durchaus ein paar bemerkenswerte Wortmeldungen, die für Aufsehen sorgten, und deren Verursacher nicht ohne Kritik blieben. Geschehen ist aber seitens Twitter nichts.

Beispielsweise hat der besagte Matthias Oomen am Tag nach dem Gedenken an die Opfer des Terroranschlags vom Breitscheidplatz folgende Umfrage eines wenig erbaulichen Trolls an seine über 73.000 Follower verbreitet:

Die originale Umfrage ist noch im Netz, denn Twitter hatte offensichtlich – ähnlich wie manches deutsche Gericht mit Galgen – mit dieser pietätlosen Art “Humor“ kein besonderes Problem. [https://twitter.com/impUbermensch/status/943524097442623488] Ebenfalls nicht beanstandet wird das sog. “Zentrum für politische Schönheit“, das seit gestern ganz unkünstlerisch mit Angabe der Telefonnummer dazu aufruft, eine Bank anzurufen und auf sie einzuwirken, dass die Identitäre Bewegung ihr dort angelegtes Konto verliert. In den vergangenen Monaten gab es solche Aktionen schon von der Antifa – diesmal macht es die Truppe von Philipp Ruch und hängt gleich noch eine üble Verdächtigung an den Aufruf, die nicht mehr von der Meinungsfreiheit gedeckt sein muss.[https://twitter.com/politicalbeauty/status/943757823040729089]

112.000 Follower hat die Gruppe, und gemeinhin wird dieses Verhalten als Doxing bezeichnet. Wegen derartiger Übergriffe hat Twitter sogar eine „Report doxing“ Funktion eingeführt. Aber im Fall des ZPS und der betroffenen Bank wurden bislang keinerlei Initiativen ergriffen – obwohl bis zum jetzigen Zeitpunkt schon 213 Personen den Aufruf gegen das Institut weiter verbreitet haben.

Der Nutzer Mica4711 wurde nach meinen Informationen bereits mehrfach gemeldet, weil er offensichtlich anlasslos und reihenweise Listen politischer Gegner erstellt und mit dem Hashtag #reportthemob dazu aufruft, die Betreffenden bei Twitter zu denunzieren – von der Islamkritik bis zum Satireaccount ist da alles mögliche betroffen, was nicht in den linken Aktivismus passt [https://twitter.com/Mica4711/status/942426289536995328] Der Account betreibt durchwegs „Feindbeobachtung“ und zielt darauf ab, andere löschen zu lassen. Für Twitter ist das aber kein Grund, aktiv zu werden.

Das ändert sich auch nicht, wenn nicht mehr angebliche “Rechte“ oder ihre angeblichen “Unterstützer“ im Fokus der Denunziation sind, sondern Vertreter des Staates. So beschwerte sich die Berliner Polizei über das Treiben der Besetzer der Rigaer Strasse, die Dutzende von Bildern von Polizisten in einem linksextremistischen “Fahndungsaufruf“ veröffentlich hatten. Die Polizei hat in diesem Fall, der sich gegen die persönliche Sicherheit der Beamten richtet, den Staatsschutz eingeschaltet:

Völlig unbehelligt davon bezichtigt sich der Twitteraccount der Besetzer dieser Tat und ruft nun schon seit fast einer Woche ungehindert bei Twitter dazu auf, die mutmaßliche Straftat zu unterstützen. [https://twitter.com/rigaer94/status/942515883112648705]

Es wäre für Twitter leicht, anhand der 185 Retweets den Kreis der gewaltbereiten Unterstützer der Aktion festzustellen und deren Accounts im Zweifelsfall wie auch den der Rigaer94 lahmzulegen – schließlich war die Befürchtung, aus Hass im Netz könnte reale Gewalt werden, früher eine Begründung für die Einführung des NetzDG. Trotzdem kann der Aufruf weiter verbreitet werden. Weil offensichtlich andere befürchteten, der Tweet könnte gelöscht werden, haben sie es auf ihren eigenen Accounts gespiegelt – aber wie man sieht, war die Vorsicht vollkommen unbegründet: [https://twitter.com/keinhelfer/status/942736296946135041]

Das ist um so erstaunlicher, als am Montag neue, scharfe Regeln bei Twitter in Kraft traten, die politische Gewalt und Mobbing von Gruppen wie der Autonomen Antifa effektiv verhindern sollen. Es geht dabei angeblich gegen

Accounts that affiliate with organizations that use or promote violence against civilians to further their causes. Groups included in this policy will be those that identify as such or engage in activity — both on and off the platform — that promotes violence.

Nach weiteren neuen Regeln müssten sich, und zwar ganz ohne das von Heiko Maas eingeführte NetzDG, auch die Aktivisten rund um Herrn Ruch vor Konsequenzen fürchten:

Our hateful conduct policy and rules against abusive behavior prohibit promoting violence against or directly attacking or threatening other people on the basis of their group characteristics, as well as engaging in abusive behavior that harasses, intimidates, or uses fear to silence another person’s voice.

Twitter kennt die Leute. Sie wurden gemeldet, sie stehen in den Medien, sie sind kinderleicht mitsamt ihren Unterstützern zu finden. Sie sind aber immer noch da, und wenn ich dort nachfrage, beruft man aich pauschal auf die Privatsphäre und auf die Sicherheit – die manche Polizisten und Bankmitarbeiter vielleicht auch gerne hätten.

Dass sich Twitter ansonsten durchaus mit grossen Accounts anlegt und sie entfernt, zeigte sich diese Woche bei der rechtsradikalen Kleinpartei “Britain First“ und anderen rechten Accounts, die von der Plattform verstossen wurden.

22. Dez. 2017
von Don Alphonso
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18. Dez. 2017
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Erdogans Mob und grüne Denunzianten: Wem das SPD-NetzDG nützt

In den letzten vier Jahren habe ich so einiges erlebt. Zum Beispiel, dass die SPD selbst die Vorratsdatenspeicherung gegen den erklärten Willen diverser Parteigliederungen in den Koalitionsvertrag mit der CDU schreiben liess. Die gleiche SPD stimmte basisdemokratisch über das Gesamtpaket ab, ich lehnte es wegen der VDS ab – Gabriel hat gewonnen, mir reichte es, und ich trat nach fast 30 Jahren aus der Partei aus, und betrachtete den Niedergang von der Seitenlinie aus. Die Partei kassierte vor dem EuGH eine Schlappe , der Justizminister behauptete, mit ihm werde es keine VDS mehr geben, und dann propagierte diese Partei aus eigenem Willen eine Mindestspeicherfrist. Der gleichen Partei war es völlig egal, dass bei CETA und TTIP fundamentale digitale Bürgerrechte zugunsten von politiknahen Lobbyisten geopfert wurden. Die Partei machte sich auch keine erkennbare Mühe, die Besetzung des Datenschutzbeauftragten im Bund mit einer kompetenten Person zu fordern, oder den NSA-Skandal aufzuklären. Asyl für Snowden gab es natürlich nicht, dafür durfte mit Unterstützung der SPD wirklich jeder andere kommen, und die SPD-regierten Länder NRW und Berlin zeigten dann im Fall Amri, wie wenig sie dazu in der Lage sind, die auf Kosten der Bürgerrechte erreichten Mittel praktisch einzusetzen. Wer sich wegen der Amris Sorgen machte, war für Sigmar Gabriel schnell “Pack”, und SPD-Politiker finanzierten im Netz Propagandaaktionen wie “Doppeleinhorn“ oder die Sprachpolizei “No Hatespeech”. Die letzten Jahre, die SPD und die Bürgerrechte – das war schon so ein spezielles Thema.

Ach so, und beim nationalen IT-Gipfel forderte Gabriel unter dem 1984er Neusprechwort “Datensouveränität” auch schon mal eine Aufweichung des Datenschutzes zugunsten wirtschaftlicher Interessen. Um so mehr erstaunt es mich 4 Jahre nach dem Parteientscheid und einer krachenden Niederlage für Gabriel, dass besagter Herr jetzt nicht nur eine früher dem Pack überlassene Debatte zu “Heimat” und “Leitkultur” in der abgewirtschaftsminsterten SPD fordert, sondern über seine Partei auch noch sagt, “Datenschutz war wichtiger als innere Sicherheit”. Ganz so, als ob die pollerverstellten Weihnachtsmärkte nicht Folge der den Terror früher verharmlosenden CDU/SPD-Asylpolitik gewesen wäre, sondern dem Umstand geschuldet seien, dass es einen gut begründeten Widerstand gegen den Datenhunger der Regierung und ihrer Freunde bei der NSA und den Konzernen gibt.

Die Nachwahlbescheidenheit der SPD ist offensichtlich vorbei, sie will wieder in die Regierung, und statt Erneuerung sagt der Hauptverantwortliche für die Wahlniederlage, wo es jetzt weitergeht: Mehr innere Sicherheit bei weniger Datenschutz und gleichzeitigem Familiennachzug für Leute, die kein politisches Asyl erhalten haben, sondern nur subsidiär schutzbedürftig sind. Und natürlich soziale Gerechtigkeit für alle. Das will die SPD, im Gegensatz zu Bürgerrechten wie freier Rede, und wie die freie Rede dank der SPD ruiniert wird, sieht man seit ein paar Tagen bei Twitter. Da gibt es nämlich eine neue Meldemaske für Beiträge, die man denunzieren möchte, und die sieht so aus:

Twitter wurde vom Bundesjustizminister Heiko Maas und einer grossen Mehrheit der Abgeordneten im Deutschen Bundestag per Netzwerkdurchsetzungsgesetzt NetzDG dazu gezwungen, eine privat organisierte Vorzensur für seine Dienste einzuführen. Das Gesetz ist kompliziert, höchst umstritten und wird möglicherweise vom Bunderverfassungsgericht außer Kraft gesetzt, weil es staatliche Zensurbemühungen verschleiert und an private Firmen delegiert. Aufgrund der Tragweite ist die Materie höchst komplex, aber jeder normale Twitternutzer kann nun jede Aussage jedes anderen Nutzers bei der Zensurstelle mit Berufung auf das NetzDG denunzieren. Einfach so. Der Minister überträgt die verfassungsrechtlich fragwürdigen Eingriffe auf die sozialen Netzwerke, Twitter überträgt die Hilfe bei der Vorabzensur auf die Nutzer. Jeder, wirklich jeder, vom Islamisten bis zum ántideutschen Bombenbefürworter, bekommt damit ein weiteres Mittel gegen ihm unangenehme Meinungsäußerungen in die Hand gedrückt. Denn die Communitystandards bei Twitter sind deren eigenes Problem. Aber das Zensurgesetz von Maas sieht eindeutig Strafen für die Netzwerke vor, wenn sie ihrer Löschverpflichtung nicht rasch nachkommen. Jeder kann erst einen anderen denunzieren – und wenn Twitter nicht spurt, kann sich jeder beschweren, dass Twitter seinen Aufgaben nicht nachkommt. Dafür gibt es demnächst auch ein eigenes Formular.

Die deutsche Geschichte lehrt von Oskar Panizza bis Anetta Kahane, dass, wenn die Gelegenheit zur Denunziation geboten wird, auch diejenigen zu finden sind, die regen Gebrauch davon machen. Es ist vermutlich kein Zufall, dass kurz nach dem Angebot von Twitter an seine Nutzer der meines Wissens Erste den Erfolg des Gesetzes bei der Beseitigung von Nutzern mit anderer Meinung bestätigte:

Der Autor des Tweets freut sich in einer Antwort darüber, dass Twitter jetzt gleich ganze Accounts löscht, und zwar “sogar im Zweifel”

Was einen anderen so erfreut, dass er jetzt auch die Arme hochkrempeln will.

Daraufhin sprechen sich Oomen und sein Bekannter ab, wie sie strategisch am besten vorgehen:

Denn sein Partner mag das Anlegen von “privaten Listen”

Der angebliche Melder schweigt sich trotz Nachfrage sich dazu aus, welcher angebliche Account mit 5000 Followern es wegen eines einzigen Tweets gelöscht worden sein soll. Auch ist unklar, was der Account gemacht haben soll, um ihn als “Neonazi” zu bezeichnn. Das Problem an der Geschichte ist die Person desjenigen, der hier gemeldet hat: Es handelt sich ausgerechnet um den Grünen-Politiker Matthias Oomen. Oomen erreichte bundesweit eine gewisse Aufmerksamkeit für sein eigenes Twitterverhalten, das sogar den Grünen peinlich war. Ganz im Stil der antideutschen Antifa äußerte er sich über den Fund einer Bombe aus dem 2. Weltkrieg in Dresden, das nach Ansicht von Linksextremisten erneut von den Alliierten bombardiert werden sollte:

Auch gutes Zureden der grünen Parteiprominenz brachte Oomen weder zu einer Entschuldigung noch zu einer Löschung des Tweets, der vermutlich von der Meinungsfreiheit gedeckt, aber angesichts der Freude über einen Bombenfund ganz offensichtlich alle Kriterien sogenannter Hatespeech erfüllt. Es stellt sich die Frage, wie jemand mit dieser Einstellung beurteilen will, was ein “Neonazi” ist. Aber Twitter scheint sich, wenn man Oomen ernst nimmt, nicht daran zu stören, dass von feindlichen Lagern gezielt versucht wird, politische Gegner bei Twitter auszuschalten.

Davon ist offensichtlich auch Facebook betroffen: Wenn es um Islamismus geht, werden schnell Inhalte, die eindeutig von der Meinungsfreiheit gedeckt sind, rabiat gelöscht, und die Verfasser teilweise auch gesperrt. In den letzten Tagen hat der Bann den von Erdogan-Anhängern gezielt angefeindeten Ali Utlu getroffen:

Er reiht sich damit in die lange Liste anderer Personen und Gruppen ein, die von Facebook am Publizieren gehindert wurden, von der agnostischen Richard Dawkins Foundation bis zu all jenen Fällen, die der Anwalt Joachim Steinhöfel veröffentlicht und teilweise gegenüber Facebook bzw. Twitter mit recht gutem Erfolg vertritt. Tatsächlich ist das Problem der gezielten Denunziation politischer Gegner spätestens seit dem Zeitpunkt bekannt, als Anhänger der Identitären Bewegung das Facebook-Profil der linken Autorin Stefanie Sargnagel meldeten und dadurch abschalten liessen. Das war vor dem Beschluss des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes. Seitdem nimmt die Zahl der Eingriffe auch gegen prominente Personen deutlich zu. Noch nicht einmal Medien sind vor den Nachstellungen sicher: Als die Basler Zeitung lediglich in Frage stellte, ob es mehr als zwei Geschlechter gäbe, griff Facebook nach Spam-Meldungen offensichtlich rigoros durch.

Die Profiteure der Zensur sind nicht nur antideutsche Bombenfreunde, Erdogans Handlanger und feministische Mobs, sondern auch exakt jene Politiker, die für diese Eskalation verantwortlich sind: Denn in den Statistiken, mit denen die Netzwerke ihre Effektivität bei der Umsetzung des NetzDG beweisen, werden derartige Fälle dann tatsächlich als rigoroses Vorgehen gegen Neonazis, rechte Islamfeinde und Sexisten auftauchen. Und Politiker wie Heiko Maas und Sigmar Gabriel können damit begründen, warum der Eingriff in die Meinungsfreiheit der Bürger im Internet wichtig war: Man zeigt das an den vielen Löschungen, die die Netzwerke jetzt unter dem Druck des Gesetzes vornehmen müssen.

Wer die vom NetzDG profitierenden Denunzianten sind, die dahinter stecken, und was sie antreibt, steht natürlich in keiner Statistik und in keiner moralisch aufrüttelnden Politikerrede, man müsste zur Förderung der inneren Sicherheit im Netz möglichst früh gegen die Gefahren des Hasses aufstehen. Und auch in keinem Antrag auf Fördergelder partei- und regierungsnaher NGOs für den Kampf gegen den angeblichen “Hass im Netz”.

Auf die Frage, wie man mit gezielte Meldungsabsprachen durch Oomen und andere reagiert, hat Twitter nicht geantwortet.

18. Dez. 2017
von Don Alphonso
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10. Dez. 2017
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10 Dinge, die man über Trump nicht mehr schreiben muss

Auch ich bin Mediennutzer. Als solcher möchte klug und umfassend aufgeklärt werden, mit Charme und Esprit und Leidenschaft. Ich möchte wissen, welche politischen Entscheidungen getroffen werden, und welche Auswirkungen sie auf mich haben. Was mich dagegen, ehrlich gesagt, mit grösstem Respekt natürlich, weniger interessiert, weil ich es nun schon seit über zwei Jahren sehr nachdrücklich gesagt bekomme: Dass die meisten Medien Trump nicht leiden können und ihm weder verzeihen, dass er die Kandidatur der Republikaner gewonnen hat, noch dass er Hillary Clinton schlug. Und das, obwohl alle Medien, speziell die deutschen Redaktionen, ihr Möglichstes getan haben, das zu verhindern. Ich möchte eine Absolution erteilen, bevor ich mich weiter einlasse: An den deutschen Medien lag es nicht.sie haben alles getan, mehr kann man nicht tun. Und deshalb kann man langsam auch wieder aufhören. Gelassenheit möchte ich raten. Contenance. Eine gute Tasse Tee. Und ein paar Einsichten, was mich, den Leser, den Kunden, inzwischen hin und wieder genervt seufzen lässt. Ich meine es nur gut.

Ich darf daher hier exemplarisch 10 Themen ansprechen, die in Wirklichkeit keine sind, und nur vorgebracht werden, weil man den Lesern beweisen will, wie recht man doch in den letzten Jahren hatte:

1. Melanias Weihnachtsdekoration. Ja, sie ist üppig, aber immer noch schöner als das, was der deutsche Journalist bei seinem Januartrip auf Malle zu sehen bekommt. Amerikaner mögen es gross und üppig und märchenhaft, wenn die Wirtschaft durch Scheinkonjunktur brummt. Get over it.

2. Trumps Gebiss. Keine Ahnung, ob er eines hat, aber Atombomben ist es egal, ob der Marschbefehl über echte oder falsche Zähne kommt. Wir haben genug Politiker mit falschem Kopfhaar oder gar falschen Versprechungen, mit ihnen werde es keine Vorratsdatenspeicherung geben. Get over it. Besonders, wenn die gleichen Journalisten empört sind, wenn Trump ebenso Leute wegen körperlicher Gebrechen demütigt. Und ja, seine Anzüge sitzen schlecht. Ich denke mir auch immer: Wie ein Journalist.

3. Trumps Verhältnis zu den Medien. Trump sagt nur das offen über Twitter, wozu andere Politiker Heerscharen von Anwälten, PR-Agenturen und Regimesender betreiben. Jeder Politiker fühlt sich schlecht dargestellt, jeder sieht sich von Fake News verfolgt. Vielleicht fühlt sich sogar Frau Merkel von der ARD nicht freundlich genug behandelt. Get over it.

4. Trumps Weigerungen, sich nach der Presse zu richten. Weil er beispielsweise Roy Moore die Treue hält, obwohl die gesamten amerikanischen Medien alles getan haben, damit sich angebliche Opfer seiner Untaten melden.  Die wichtigste Zeugin musste gerade zugeben, dass sie einen scheinbaren Beweis, der durch die Weltpresse ging, manipuliert hat. Get over it. Es nervt, wenn sich Medien und Präsident unwürdig beharken, wer ehrloser ist.

5. Trunps Geisteszustand. Trump war eigentlich gegen diesen Kandidaten Roy Moore, hat sich dann aber hinter ihn gestellt – im Gegensatz zu vielen in seiner Partei. Und wie man sieht, gewinnt er in Alabama vermutlich damit, während die Demokraten ihre Senatoren auch bei fragwürdigen Vorwürfen reihenweise zum Rücktritt nötigen. Trump mag erratisch wirken, er ist ein Hasardeur, ein verbissener Kämpfer, der stur weiter macht – aber er geht damit bislang nicht unter, er hat bislang Erfolg damit. Get over it.

6. Trumps Impeachmnent. Dazu gibt es bei New Republic  einen phantastischen und weit verbreiteten Beitrag mit dem Resümee: Impeachment klingt einfach, wird aber nicht passieren, get over it und setzt auf politische Arbeit. Die Leute, auch die Demokraten, mögen den Beitrag vielleicht auch, weil er sich wohltuend von den “Lock him up”-Wünschen absetzt, Trump vor dem Gericht der Weltpresse zu sehen.

7. Trumps Neigung, Dinge zu tun: Es mag seltsam erscheinen, dass Trump Dinge tut, die er vorher auch angekündigt hat. Das ist für westliche Politiker atypisch, die gemeinhin immer warten, bis ihre Reaktionen alternativlos sind. Präsident Obama hätte auch Dinge tun können, wie etwa das Verbot von Schnellfeuerwaffen: Er hat aber die kulturellen Konflikte lieber ausgesessen und moderiert, von denen Trump zeigt, dass man sie auf der anderen Seite gewinnen kann. Get over it.

8. Was Promis über Trump sagen. Harvey Weinstein war gegen Trump. Bill Clinton war gegen Trump. Lena Dunham, die Hillary Clinton vor Weinstein warnte, war gegen Trump – und wollte im Falle seiner Wahl das Land verlassen. Arnold Schwarzenegger war gegen Trump, und hat sein eigenes MeToo-Problem. Die Bushs waren gegen Trump, und haben ihre eigenen Probleme. Die meisten Journalisten und Künstler, die in der MeToo-Serie gefeuert wurden, waren gegen Trump. Kevin Spacey war gegen Trump. Möglicherweise bringt es einfach schlechtes Karma, gegen Trump zu sein, weil jeder gegen Trump ist. Es sind billige Schlagzeilen, die mit solchen populären Kronzeugen produziert werden, aber sie fallen mit Leuten, die vielleicht auch nicht besser als Trump sind, auf die Medien zurück. Get over them.

9. Umfragen zu Trump. Alle Umfragen vor der Wahl waren falsch. Alle Einschätzungen der politischen Realität waren falsch. Vielleicht hat Trump auch einfach nur ein besseres Verständnis der Menschen, mit denen man die Wahlen dort gewinnt oder verliert, was sie wollen, und was sie an die Wahlurnen treibt. Ich vermute, dass sich bei einer Umfrage unter deutschen Journalisten 99% gegen die amerikanische Botschaft in Jerusalem aussprechen, aber amerikanische Juden gehen in den Vereinigten Staaten geschlossen zur Wahl, und haben bis in die 80er Jahre fast durchgehend für die bombensicher israeltreuen Demokraten gestimmt. Trump mag jetzt drei Tage des Zorns ausgelöst haben – unter Leuten in Palästina, die dauernd Gründe suchen, um zornig zu sein und in Amerika nicht wählen. So pragmatisch sehen das zumindest die amerikanischen Juden. Der Gedanke, dass ein demokratischer Bewerber einen Rückzieher machen könnte – und er oder sie wird es vermutlich tun, um die Linksradikale und Judenhasser wie Linda Sansour oder Black Lifes Matter zu befriedigen, die sich unter der Obama-Ära hinter den Demokraten gesammelt haben – der Gedanke wird diese Wählergruppe eher zu den Republikanern bringen. Der Slogan “Alte, weisse Männer” hat dank BDS-Kampagne und MeToo längst einen antisemitischen Beigeschmack. Ich habe jahrelang für diese Leute gearbeitet und geschrieben, ich kenne sie und kann nur sagen: Get over it. Oder macht weiter und wundert euch bei der nächsten Wahl, warum Trump an Ost- und Westküste das nächste Mal deutlich besser abschneidet. Denn traditionell haben Präsidenten seit 1995 versprochen, die Botschaft zu verlagern. Sie haben es dann nur nicht gemacht. Trump hat jetzt geliefert. Das macht ihn glaubwürdig.

10. Alles was Trump bei Twitter macht. Trump macht das bei Twitter, damit es jeder selbst lesen kann, und ja, er nennt einen kurzen und korpulenten Nordkoreaner klein und fett, und verstösst damit vielleicht gegen die Community-Richtlinien und diplomatische Gewohnheiten. Ich finde das lustig. Ich habe gelacht. Ich fühle mich auf eine mitunter schreckliche Art bestens unterhalten und möchte nicht alle drei Minuten von Sam the Eagle erinnert werden, dass ich diese Mischung aus Gonzo, Fuzzy Bear, Das Tier und Statler und Waldorf schlimm finden muss. Trump ist nicht Merkel, die manche vor ein paar Monaten noch zur Führerin der Freien Welt hochgeschrieben haben, und die vor den Angehörigen und Opfer des Breitscheidplatzes kneift, oder Sigmar Gabriel, der in zähen Reden eine Lunte an die Westbindung legt, weil er sich nicht von Trump verstanden fühlt. Wo von der Leyen ihre schmalen Lippen zusammenpresst, lobt Trump seine Armee überschwänglich. Es ist, als würde ich Simpsons schauen, und ständig würde mich jemand anbrüllen, ich dürfte Homers Umgang mit Bier und Nuklearbrennstäben nicht lustig finden. Medien machen genau das, sie verbreiten Trump und finden es ganz schrecklich. Get covfefe it!

Das alles muss ich nicht mehr lesen. Es kommt meistens zuerst irgendwo bei Twitter, dann bei den seichten Portalen Vice, Buzzfeed und Jezebel, und wird begierig vom Guardian nach vorne gestellt, bis es durch alle deutschen Seiten läuft. Das hat dem Leser das fragwürdige Russland Dossier eingebracht, das inzwischen nachweislich von den Demokraten bezahlt wurde, den neuen Medienskandal von CNN beim Umgang mit den Mails zwischen Trumps Team und Wikileaks, und neue Empörungswellen der immer gleichen Aktivisten-Journalisten, die Trump noch nie mochten und ihn auch nicht wählen werden. Journalisten, die reisserische Edel-Gonzalez-Covers in Auftrag geben und feststellen müssen, dass sie damit nicht besser ankommen als der kriselnde Guardian in Amerika oder Buzzfeed, die gerade zweihundert Leute gefeuert haben. Daneben gehen dann aber viele wichtige Themen unter, als da beispielsweise wären:

Neuregelungen bei der Besteuerung von erlassenen Studiengebühren. Es liegt nahe, dass sich Trump mit solchen Ideen bei den ihn wenig schätzenden Studenten an Ost- und Westküste revanchiert, aber das wird auch Auswirkungen auf den Wissenschaftsstandort haben.

Das Fortbestehen des demokratischen Establishments, das nach der verheerenden Niederlage immer noch die Partei fest im Griff hat, obwohl es wegen der Verhinderung von Bernie Sanders zutiefst kompromittiert ist.

Die Krise durch Drogen- und Medikamentenmissbrauch. Ein extrem unschönes Thema, das Trump nicht geschaffen, sondern von Obama geerbt hat. Diese Krise würde natürlich Fragen aufwerfen, ob in der Obama-Ära des Booms an den Küsten nicht vielleicht doch gravierende Fehler gemacht wurden. Fragen, die nicht weniger wichtig als die Kritik an den fragwürdigen Trickle-Down-Vorstellungen bei Trumps Steuerreform sind. Denn angebliche Trickle Down Effekte haben jetzt Befürworter, weil beim Obama-Boom das gesamte Wachstum der Küstenelite vorbehalten blieb.

Oder ein Erklärbeitrag, warum die Debatte um Migration, Sanctuary Cities und Dreamers in Amerika nicht nur mit den in Deutschland üblichen Kinderaugen geführt wird, sondern auch mit der spektakulären Tötung eines Zufallsopfer durch die Hand eines schon fünf mal abgeschobenen Kriminellen, der in Kalifornien für die Tötung auch noch freigesprochen wird.

Oder, bei der nächsten Klage des amtierenden Aussenministers der Bundesrepublik über die Notwendigkeit einer europäischen Sicherheitspartnerschaft, weil er Probleme mit Trump hat: Die Frage, mit welcher Bundeswehr er denn die Vereinigten Staaten als Sicherheitsfaktor ersetzen will. Die, bei der kein einziges U-Boot einsatzbereit ist? Die, die einen Eurofighter hat, den die Österreicher gerade ausmustern?  Mit Osteuropäern, die nach dem Willen der Bundesregierung gerade wegen der Asylpolitik verklagt werden, und die ihre Waffensysteme bei den USA kaufen? Die Realitätsblase des Sigmar Gabriel macht mir mitunter mehr Angst als die Realitätsblase von Trump.

Wie man bei den unerwarteten Auswirkungen der Steuerpolitik, die Reiche an den Küsten überhaupt nicht entlastet, deutlich sieht: Politik ist komplex. Es gibt keine einfachen Antworten auf schwierige Fragen, auch wenn Trump dauernd öffentlich diesen Eindruck vermitteln will. Wenn das als Fehler erkannt wird, sollten die Medien nicht den gleichen Fehler machen. Dann kann es sein, dass ich auch wieder Beiträge lese, ohne von der simplen Weltsicht der Autoren von Breitbart bis ARD genervt zu sein.

10. Dez. 2017
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08. Dez. 2017
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Diversität als moralische Hegemonie

Weihnachten naht, und natürlich haben auch Kommunikationsfirmen einige ganz besonders warme Herzenswünsche. Ganz weit oben, knapp hinter “mehr Gewinn” , “mehr Auflage” und “mehr Politiker, die tun, was man ihnen sagt” kommt, typisch für diese bescheidene Branche, der Wunsch nach mehr Diversity. Der alte, weisse Mann ist out, andere feiern schon lange ihre multinationalen und gendergetriebenen Mitarbeiter, die mutig Deutschland für sich reklamieren und Medienhäuser moderner machen.

Anlässe zum Umdenken gibt es genug: So kam es nach der diesjährigen Verleihung des Georg von Holtzbrinck-Preises für Wirtschaftspublizistik zum Eklat, als alle Preisträger männlich waren.  Gabor Steingart, der Herausgeber des Handelsblatts, distanzierte sich daraufhin von der Veranstaltung und kündigte an, das werde in seinem Beisein nicht noch einmal passieren. Kritisiert wurde in diesem Zusammenhang auch die Wahl des mittelalten, skandalerprobten, weissen SPD-Mannes Marc Jan Eumann zum Direktor der Landeszentrale für Medien und Kommunikation in Rheinland-Pfalz  – nicht nur wegen des roten Postengeschachers, sondern auch wegen des Umstandes, dass hier erneut ein Mann zum Zuge kommt, obwohl seine Partei ansonsten für die Frauenförderung eintritt. Diese Partei mit der Andrea „Bätschi“ Nahles  sieht sich gerade mit Forderungen nach einer teilweise weiblichen Doppelspitze konfrontiert. Der mittelalte, weisse Chef der Nachrichtenagentur dpa, die eigentlich für die unbestechliche und faktenbasierte Berichterstattung zuständig sein sollte, will „mehr Mahrzan“ und Mitarbeiter mit Migrationshintergrund, und betont den Wert der Ausgrenzungserfahrung.  Über Ausgrenzungserfahrungen bei falscher Meinung könnte dagegen Denise Young Smith, die frühere schwarze, weibliche Vizepräsidentin von Apple für Diversity berichten: Sie hat jüngst den Fehler gemacht zu behaupten; auch weisse, blauäugige Männer könnten sehr wohl divers sein, und musste sich dafür vor ihrer Trennung vom Konzern entschuldigen, denn die Zeiten, da hassgeifernde Mobs eine rein weisse Angelegenheit waren, sind lang vorbei:

Die Gelegenheit scheint also durchaus günstig zu sein, mehr Diversity zu fordern, und dank einiger Zufälle meiner privaten Geschichte, an denen ich keinerlei Anteil habe, könnte auch ich die Zugehörigkeit zu mindestens zwei „marginalisierten Gruppen“ ins Feld führen, und fordern, mir dafür medialen Raum zu geben. Ich sitze auch oft an der Tastatur und denke mir: Ihr habt überhaupt keine Ahnung, wie das wirklich ist, na wartet, euch werde ich es zeigen…

Und das erklärt vielleicht auch schon, warum zwar Diversity in der Theorie eine gute Idee ist, in der Praxis aber, auch wenn es manchmal weh tut, journalistisch problematisch ist. Die Ansicht, man wisse aufgrund der eigenen Erfahrung etwas besser als viele andere, mag nicht zwingend falsch sein. Aber es bedeutet nicht, dass solche Sichtweisen dann ausgewogen oder besser sind. Ein schönes Beispiel ist der Survivor-Bias, an dem ich in meiner eigenen Benachteiligung auch erkrankt bin. Ich habe gelernt, mich trotz diverser Gebrechen und Befreiung vom Schulsport auf die höchsten Alpenpässe durchzubeißen. Deshalb überschätze ich jetzt selbst chronisch den Leistungswillen und den Kampfgeist anderer Leute. Politiker wie Edmund Stoiber und Gerhard Schröder haben sich aus bescheidenen Verhältnissen mit Fleiss und Härte nach oben gekämpft. Es ist bei allen Nachteilen von Hartz IV nachvollziehbar, warum sie bei der Sozialpolitik weniger auf Mitleid und denn auf Leistung gesetzt haben. Survivor Bias ist auch, sich vom Sohn eines Analphabeten aus Anatolien zum Besitzer eines Supermarktes hochgearbeitet zu haben – und der Meinung zu sein, dass die neuen Migranten faul seien und man eigentlich mit dem bosnischen Kumpel aus der Muckibude eine Bürgerwehr machen sollte. Anders gesagt: Nicht jeder, der Diversity selbst kennt, ist der Meinung, dass diese Diversity etwas Positives ist, das man beschönigend oder mit Forderung nach Empathie vermitteln sollte. Folglich kommen mit die härtesten Medienurteile zur Migrationspolitik der Deutschen heute von einer deutschen Bürgerin mit chinesischen Wurzeln.

Dabei liegt der Mangel an Diversity nicht nur darin, dass Medien oft eine Art geschlossene Gesellschaft sind. Mein türkischer Bürgerwehrfreund kann durchaus erklären, warum er das so sieht – er könnte es aber nicht aufschreiben, und wenn ich es für ihn täte, würde man es nicht veröffentlichen. Die Ausgrenzungserfahrung beginnt aber nicht an den Toren der Medien, sondern bei den Familien, die mit der Bildung der Kinder sicher den grössten Einfluss auf das spätere Leben haben. Natürlich kann man unter denen, die sich bis zum Volontariat durchbeissen, eine Art Quote vereinbaren: Es ändert aber nichts am Umstand, dass die entscheidenden Weichenstellungen lange davor getroffen werden. Und zwar oft genug von Eltern, die ihre Kinder „etwas Anständiges“ lernen lassen wollen. Ich merke das, wenn mich der Bürgerwehrfreund etwas abwertend als „FAZ-Mann“ anspricht, und nicht etwa als „Mitarbeiter des Feuilletons der F.A.Z.“: Die Selbstbeurteilung der Branche als Krönung der sozialen Karriere wird noch nicht einmal von meinem Klempner geteilt. Es wäre also vorab zu klären, ob die Vorstellung von Diversity und ihren Quoten in den Medien wirklich den Berufswünschen derer entspricht, denen damit geholfen werden soll. Und ob die Geförderten wirklich für jene stehen können, die sie angeblich repräsentieren – auch daran habe ich öfters mal Zweifel, aber vielleicht kenne ich auch nur die falschen Minderheiten.

Und wenn doch jemand unbedingt seine Benachteiligungserfahrungen einbringen will? Es gab in dieser Hinsicht schon einige Versuche. Die Tageszeitung taz ist damit ein Nischenprodukt geblieben. Die Teen Vogue wurde eingestellt. Der Guardian wollte das in den USA gross aufziehen – und musste massiv Stellen streichen. Der Freitag steht dem Vernehmen nach vor einer Entlassungsrunde, die Krautreporter sind sehr klein geblieben, und außerdem sind „sozial issues“ nun schon etwas länger in Mode, speziell bei den öffentlich-rechtlichen Medien: Es ist für den geneigten Betrachter überhaupt kein Problem, sich intensiv und umfassend mit den Belangen von Minderheiten zu beschäftigen. Der Mainstream verdaut inzwischen so gut wie alle Minderheiten, gefühlt gibt es mehr Beiträge über transsexuelle Kinder als über das Spielen im Schlamm. In meiner Lebensrealität spielen diese Minderheitenthemen aber kaum eine Rolle. Wenn Minderheitenthemen gut laufen sollen, und nicht nur durch Trollerei und Clickbait der Leser, müssen sie auch die Mehrheit erreichen, und besser als der Durchschnitt dargestellt werden. Ich kenne paar wenige Beispiele wie die Österreicherin Melisa Merkurt. Bei den meisten habe ich als Leser eher den Eindruck, dass hier Autoren für ihre eigenen Moralräumen und Echokammern mit Holzhammermethodik Anerkennung und Anhänger fordern. Das hier ist ein Screenshot des Jetzt-Projekts der Süddeutschen Zeitung der letzten Woche: Drei von vier Themen sehen in Männern den Übergriffigen, das vierte feiert einen Mann, der Trump bei Twitter abgeschaltet hat. Diversity verkehrt sich in ihr Gegenteil:

Welcher Jugendliche will nur solche Schwerpunkte? Natürlich können Medien Sichtweisen und Erfahrungen sehr unterschiedlicher Menschen brauchen, um möglichst viele Menschen anzusprechen. Nur ist „Diversity“ momentan ein rein linkes Projekt, das im Extrem die Sprachpolizisten der Neuen Deutschen Medienmacher erklären lässt, dass Bezeichnung „deutsche Dreckskultur“ aus der Berliner taz durch eine Diversityautorin keine Diskriminierung sei. Die real existierende Diversity wünscht sich nicht die Knochenbrechereinstellung des bosnischen Muckibudenbesitzers und den Umstand, dass bei meinem türkischen Lebensmittelgeschäft die Jungs „saure Kamelhoden“ zum Lutschen und die Mädchen Überraschungseier mit Tannenbaum bekommen. Sie will klare Meinungen zum weißen Patriarchat und Hijab-Barbies. Man will quotiertes Fachpersonal, so eine Art Söldnerschreiber, die die Richtigkeit der eigenen Weltsicht unterfüttern, und helfen, die moralische Oberhoheit zu bewahren.

Man kennt dieses “Einige meiner besten Freunde sind Juden und die sagen auch”-Spiel zum Überfluss aus der Debatte um den Nahost-Kriegsprozess. Niemand aus den Kreisen der Diversity fordert dagegen eine Quote für Necla Kelek oder ein Interview mit meinem fachkundigen Bosnier, wohin man Ausgrenzungserfahrungen treten sollte, damit es weh tut. Niemand will einen Beitrag, warum der Diversitybefürworter Benjamin Netanjahu auf eine maliziöse Art manchmal, naja, nicht ganz uncharmant ist, oder ein Interview mit einem Araber, warum in Berlin bei Xhamster nach “arab” gesucht wird, und was das über die Integration sagt. Diversität muss gefallen, sie muss sich an die Forderungen anpassen, und wenn sie nicht genug Klicks bekommt, kann sie auch schnell mal entbehrlich werden. Schlecht für die Quotengeförderten, wenn sie dann keine alternativen Themen anbieten können, und der Weg in die Redaktionen auf dem Abstellgleis endet.

08. Dez. 2017
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30. Nov. 2017
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Hauptsache Milliarden – und nicht mit den Menschen reden

Wie so oft, ist es eigentlich ganz einfach: Es gibt im Winter sogenannte Inversionswetterlagen, bei denen sich warme Luftschichten über kalte Luftschichten schieben. Das sorgt zuerst einmal dafür, dass ich in den Bergen über der kalten Luft im Sonnenschein rodeln und davor stundenlang bräunen kann. Unten dagegen ist es kalt, und einige selbstverstärkende Faktoren sorgen dafür, dass über den Städten Abgase und Staub in einer Art Dunstglocke verdichtet werden. Wenn man auf der Neureuth Richtung München schaut, zeigt sich diese hässliche Abdeckung der Stadt als schwefelgelber Steifen in einer ansonsten makellosen Fernsicht. München bekommt das, was es absondert.

Manchmal, wenn die Luft klar ist, sehe ich die Glocke über München mit kalter, dunstiger Luft auch vom Radweg auf den Höhen über der Donau – sie macht in der Mitte beim Blick nach Süden das Alpenpanorama unscharf. An der Existenz der Inversionswetterlage kann man nicht rütteln. Manche Faktoren wie der Ausstoss von Rauch und Staub sind vom Menschen gemacht, andere, wie Winter, Lage in Tiefebenen, Windstille und ungünstige Luftschichten, sind natürlichen Ursprungs. Inversionswetterlagen gibt es auch ohne menschlichen Einfluss, in Städten jedoch trägt der Mensch mit diversen Abgasen, darunter aus Verbrennungsmotoren, deutlich dazu bei. Dann schrillen die Stationen, die die Belastung messen, Grenzwerte werden überschritten, und die Deutsche Umwelthilfe droht mit Prozessen, und kann sich auch Beugehaft gegen Minister vorstellen. Selbst wenn die, wie im Fall vom CSU-Bayern, nicht voll verantwortlich für die Verkehrspolitik der SPD-Stadt München sind. In meinem CSU-Kaff in den Bergen jedenfalls ist der Schnee weiss und ohne Schadstoffe – sofern nicht der Schadmünchner hierher fährt, weil die Schad-Prantlhausener Zeitung nach dem freundlichen Beitrag über die Umwelthilfe einen Beitrag über die schönsten Frühwinterregionen bringt, die man mit einer kurzen, abgasfördernden Autofahrt erreichen kann.

Ohne dass es übrigens wirklich nötig wäre, denn der Schadmünchner könnte auf schönen und frisch ausgewiesenen Radrouten des Fernwegs München-Venezia zu uns kommen, was er aber nur selten macht. An der Donau hat man übrigens entlang einer Strasse im Westen der ebenfalls smoggeplagten Stadt einen Radweg angelegt, der es den Bewohnern schnell wachsender Dörfer erlauben würde, ins Zentrum zu radeln: Im Sommer machen das einige, aber unter der Woche im Winter sieht man fast nur Radsportler und kaum Radpendler. Ein Meter Radweg kostet 250€, ein Kilometer kostet 250.000. Ohne neue Strassenrandbegrünung haben zwei Landkreise hier in den letzten Jahren weit über eine Million Euro investiert, und es ist klug, weil es helfen könnte, den Schadstoffeintrag aus dem Westen zu verringern – es nutzt nur keiner, wenn das Wetter so ist, dass die Benutzung ein klein wenig gegen die winterliche Smogglocke helfen würde.

Eine Milliarde klingt nach viel Geld, und diese Milliarde wurde beim neuen Dieselgipfel der Kanzlerin versprochen. Im August hatte man den Topf noch von 500 Millionen auf die besagte Milliarde angehoben, jetzt soll die Milliarde jedes Jahr fliessen. Das klingt so lange gut, bis man nachliest, wie sich die Regierung von Frau Merkel das vorgestellt hat: Das Geld wurde im August versprochen. Das Umwektministerium von Baden-Württemberg wollte, dass die Kommunen bis zum 10. September ihre Vorschläge vorstellten. Es ist vollkommen klar, dass diese Vorschläge irgendwie zu weniger Emissionen führen müssen, oder einfach gesagt: Ein paar Leute werden ihre Autos nicht mehr in der bisher bekannten Form nicht mehr fahren können, sondern stehen lassen müssen. Wer das mit einer anderen Infrastruktur erreichen will – absperrbare Radboxen, Radwege, Straßenumwidmung, E-Bikes, was man da halt so machen kann – ist als Kommune verpflichtet, solche Maßnahmen sorgfältig zu planen. Das ist in sechs Wochen nicht möglich, es sei denn, man reicht Vorschläge ein, die schon geplant und nahe der Ausführung sind. Die Informationsveranstaltung für die Kommunen in Baden-Württemberg war am 6. September, also gerade einmal 4 Tage vor der Deadline des Verkehrsministeriums.

Im Ergebnis ist, wenig erstaunlich, das Geld nicht geflossen. Jetzt soll das alles leichter werden, man möchte Lotsen anbieten, die Kommunen helfen, ihre Anträge zu formulieren. Laut Frau Merkel stünde das Geld “ab morgen” bereit – ganz erstaunlich, dass man die Förderung solcher Projekte mitsamt Prüfung und Genehmigung hier so schnell umsetzen kann. Infrastruktur, Raumordnung und Verkehrsplanung waren bisher eigentlich die hohe Kunst der Verwaltung: Jetzt soll das alles in ein paar Tagen möglich sein. Zum Vergleich: Der Radweg, auf dem ich in die Alpen schauen kann, hat über 10 Jahre von der Planung bis zur Realisierung benötigt. In einer Stadt, die im Geld schwimmt und in Deutschland sicher zu den besseren Radverkehrsorten zählt.

Ich wollte mir einfach als Bürger mal anschauen, was Kommunen denn so einreichen können, und suchte heute morgen länger nach “Mobilitätsfonds für Kommunen”, “nachhaltige mobilität für die stadt fonds” “Masterplan Green City”, worunter das Milliardenprojekt bekannt ist. Ich habe bei Twitter das Verkehrsministerium gefragt, ob sie so eine Website haben – bei einer Milliarde, die da fließen soll, wäre das doch sicher auch interessant für Parteien, Gruppen und Bürger der 28 Regionen, die sich beteiligen können. Ich würde das gern zeigen – allein, es scheint nichts dergleichen zu geben. Vertreter der Kommunen können vielleicht in Berlin Frau Merkel, Frau Hendricks und Herrn Dobrindt fragen, aber für den normalen Bürger ist es so. dass “ab morgen” angeblich Geld fliesst. Wohin, wofür, wo Flächen für Park-and-Ride-Parkplätze versiegelt werden, Stromtankstellen in die Innenstädte kommen, oder Radfernwege geplant sind, das wird meines Wissens nirgendwo erklärt. Dabei wäre es schon interessant zu sehen, wohin diese Milliarde so geht – ein Parkplatz bevorzugt andere Menschen als eine Stromtankstelle oder ein Radweg. Ich würde da als Bürger gern mitreden. Zum Beispiel darüber, dass wir hier zwar einen Radweg haben, aber der Bevölkerung nicht nahe gelegt wird, den zu benutzen. Hier bei uns wurde das Geld in den Boden betoniert. Und das liegt im Winter so rum. Und wenn das Wetter schlecht ist und der Smog droht und Wasser zu Eis gefriert, wenn man also radeln sollte – dann macht keiner das Eis weg. Dann wird der Radweg erst mal die Schneeräumablagerungsfläche. Darüber würde ich gern reden.

Ich sage das, weil ich es auch anders kenne, aus Städten, in denen man sich wirklich Mühe gibt. Turin liegt nahe der Alpen und hat auch oft übles Schmuddelwetter. Aber in Turin gibt es auch eine Bürgermeisterin, die sich dann an ihren Twitter- und Facebookaccount setzt und die Bürger über die Lage und Probleme direkt informiert. Sie sagt ihnen, dass es jetzt fein wäre, wenn mehr Leute das Rad benutzen würden, und weist darauf hin, dass es angesichts des Smogs an den Verleihstationen billigere E-Bikes gäbe. Sie wäre dankbar, wenn die Menschen das tun würden. In Mantua, das im Winter unter Nebel leidet, wirbt der Regionalpräsident für sich mit einem Video, mit dem er durch die Stadt radelt. Der Radweg München-Venezia, seit kurzem beginnend in einer jahrzehntelang rot-grün regierten Stadt, ist nur eine gerade erst eingeführte Verlängerung eines Radwegenetzes in Südtirol, das bereits in den 90er Jahren eingerichtet wurde. Ich kann mich darüber in Südtirol an eigens eingerichteten Stationen informieren. In Südtirol, in Mantua, in Ferrara bin ich König.

In Deutschland sitzen die Minister in Berlin und sagen, dass eine Milliarde ab morgen fließt. Sie sagen aber nicht, dass die Umsetzung schon mal 10 Jahre oder länger dauert, und man bis dahin auch 10 Jahre unverändert die Inversionswetterlagen hat. Und die Belastung noch länger anhält, wenn die Menschen die mehr oder weniger sinnvolle Infrastruktur einfach links liegen lassen, weil “der Staat” von der Bundeskanzlerin über die Minister und Staatssekretäre bis zu den Bürgermeistern es nicht auf die Reihe bekommt, den Menschen zu sagen, dass sie mitspielen müssen – und zwar, bevor die Inversionswetterlage die Messwerte hochtreibt. Das würde den Staat dank Internet übrigens praktisch nichts kosten, denn die Kanäle sind da. Es wird halt, im Gegensatz zu teuren Plakatkampagnen zugunsten der Dämmstoffindustrie, nicht gemacht. Das Milliardenversprechen ist bequemer. Die Kanzlerin sagt “eine Milliarde ab morgen” anstelle von “es sind eure Abgase, ihr hättet gestern schon das Rad nehmen sollen”. Ab morgen kann es durchaus sein, dass wieder ein ominöser Grenzwert überschritten wird, auf den man sich vor Jahren einigte, weil man dachte, die Industrie wird das schon machen. Dann gibt es wieder Schlagzeilen über die Belastung der Luft und erst recht keinen Grund, in diesen Abgasen auf das Auto und die Klimaanlage zu verzichten.

In der Privatwirtschaft wäre es undenkbar, einen Milliardenfonds mit solchen Zielen aufzulegen, ohne verbindlich und nachvollziehbar gegenüber dem Geldgeber – in diesem Fall uns allen – festzuschreiben, was durch welche Maßnahmen erreicht werden soll. Vor allem hätte man bei diesem Fonds das Zielpublikum im Auge – und das sind zig Millionen Menschen, die in den betroffenen und geförderten Ballungszentren leben. Infrastruktur allein ist weder eine Garantie für die Nutzung wie mein Radweg, noch eine Garantie für eine auch nur halbwegs vertretbare Umsetzung, wie die scheiternden Riesenprojekte BER und Stuttgart21. In der Privatwirtschaft würde man Projekte aufzeigen, die messbare Erfolge brachten, und die erweitert werden sollen. In der Spätphase der Regierung Merkel fliesst Geld “ab morgen”, und vielleicht auch in Zukunft jedes Jahr. Mit dem Klima und dem Feinstaub ist es dabei wie mit dem Fortschritt und dem Atom der 60er Jahre: Man muss es nicht mehr begründen oder erklären, es wird einfach gemacht, und Mitsprache und Kommunikation ist wegen des guten Zwecks überflüssig, die reine Luft kommt aus der Förderung wie früher der Strom aus der Steckdose.

Ich habe diesen Tweet, ähnlich wie er on Turin verbreitet wird, vor vier Stunden, als ich mit dem Schreiben begann, abgesetzt. 77 Retweets, 8,216 Impressions. Das mag nicht viel sein, aber es hat 8.216 Leser mehr als die nicht existierende Empfehlungsseite der Bundesregierung oder des Verkehrsministeriums zum Milliardenfonds und zur Frage, was denn das angemessene Verhalten der Bürger beim kommenden Wintersmog wäre. Und 8.216 Leser haben die Schönheit meines Radweges gesehen, der pro Kilometer eine viertel Million Euro kostete, und dennoch nicht von denen genutzt wird, die lieber daneben Auto fahren. Weil die Infrastruktur da ist, aber nicht die Erkenntnis, dass nicht “die Autoindustrie” den Smog macht, sondern alle zusammen: Diejenigen, die einfach stur Auto fahren und diejenigen, die ohne jede Kommunikation einfach stur Milliarden ins Blaue hinein ausschütten – und jeder, weil man das in dieser Epoche der Erstarrung halt schon immer so gemacht hat.

30. Nov. 2017
von Don Alphonso
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24. Nov. 2017
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Alien vs. Feministin: Wenn Metoo-Linke Donald Trump zuarbeiten

Jeder kennt vermutlich die klassische Filmhandlung über gefährliche Wesen aus dem Weltall: Ziemlich faschistische Aliens kommen auf die Erde, werden zuerst nicht wirklich als Bedrohung aufgefasst und unterschätzt, bis sie dann beginnen, den Planeten mit fiesen Taktiken zu unterwerfen. Die Menschen leisten erst erbittert, aber wenig erfolgreich Widerstand, bis dann durch Zufall ein Alien den Menschen in die Hände fällt, und auf Schwachstellen, Pläne und Absichten untersucht werden kann. Den Menschen ist dann bewusst, was sie sich da aus den Weiten des Alls eingefangen haben, entwickeln eine Gegenstrategie und wehren sich letztlich erfolgreich dank ihrer Lernfähigkeit. Am besten haben mir die bei Jodelmusik zu grünem Schleim zerplatzenden Alienköpfe in Mars Attacks gefallen, und vielleicht gibt es ja auch deshalb im jodelfreudigen Bayern so wenige Aliens.

Ich will nicht sagen, dass es da einen Kausalzusammenhang mit der niedrigen Genderistinnenrate im Oberland gibt. Aber während man in Berliner und Hamburger Gazetten noch darüber diskutiert, wie weit es in Ordnung ist, wenn bei der Metoo-Debatte Männer unschuldig oder generell unter die Räder geraten – Kollektivschuld ist übrigens auch so eine totalitäre Einstellung – ist im fernen Washington gerade eine führende Aktivistin etwas vorschnell mit dem Herausposaunen der Ziele ihrer Bewegung gewesen. Wenig erstaunlich ist die Strategie ein Problem – weniger für Leute wie mich, die es prima finden, wenn ihre Beiträge in der ARD-Kantine so gut ankommen wie das Jodeln bei Aliens. Sondern für diejenigen Männer, die glauben, es könnte so etwas wie ein friedliches Übereinkommen mit Pussyhat-Trägerinnen geben.

Der Anlass ist ausgesprochen hässlich und bestätigt ein wenig den Verdacht, dass die Metro-Bewegung auch gezielt von der rechten Seite befeuert wird, um Linken zu schaden. Jedenfalls wusste ein rechter Politikberater schon Stunden vorher, dass der beliebte demokratische Seantor und vormalige Comedystar Al Franken Probleme wegen des Vorwurfs sexuellen Fehlverhaltens bekommen würde. Tatsächlich meldete sich dann das frühere Modell und die jetzige Radiomoderatorin Leeann Tweedan zu Wort: Franken habe sie während einer Reise zur Truppenunterhaltung nach Afghanistan im Jahr 2006 gegen ihren Willen umklammert und ihr einen Zungenkuss gegeben. Ausserdem wartete sie mit einem Photo auf, das bei der offiziellen Dokumentation der Reise entstanden war, und einen grinsenden Al Franken zeigt, der scheinbar nach den Brüsten der in Flakweste und Helm gekleideten und schlafenden Moderatorin greift.

Al Franken entschuldigte sich zweimal für das Bild, und erklärte sich bereit, den Vorfall vom Senat untersuchen zu lassen. Was er nicht getan hat, war das, was sofort von vielen Aktivistinnen gefordert wurde: Franken sollte zurücktreten. Darin waren sich die meisten Feministinnen mit den Rechtsauslegern der US-Politik und Donald Trump einig. Für die Republikaner ist Franken ein rotes Tuch, weil er nicht nur populär ist, sondern seinen Sitz im Senat in einem konservativen Staat mit sehr knapper Mehrheit gewonnen hat, und vermutlich bei den nächsten Wahlen wegen seiner Beliebtheit auch behalten wird. Der Skandal kam für die Breitbarts und Aktivistinnen dieser Welt genau zum richtigen Zeitpunkt, um die Nachfolge von Franken anzutreten.

Nur gab Franken eben nicht nach, und bekam Unterstützung. Hillary Clinton stellte sich öffentlich hinter ihn. Seine ehemaligen Mitarbeiterinnen im Showgeschäft veröffentlichten einen Brief, in dem sie ihre Solidarität ausdrückten und Frankens Umgang mit Frauen lobten. Der Leibwächter von Franken auf der Reise bestritt die Anschuldigungen ebenso. Die Anklägerin dagegen sah sich Kritik ausgesetzt, als weiteres Material der fraglichen Truppenbetreuung auftauchte. Es gibt ein Bild des vermutlich kritisierten Kusses auf offener Bühne, wo sie sich, vorsichtig gesagt, nicht eben wehrt. Es gibt ein Bild, in dem Tweedan offensichtlich einem Gitarristen beim Auftritt auf der Bühne an das Gesäss greift und sich an ihm reibt. Und es gibt ein Video, in dem sich Tweedan ebenfalls auf der Bühne dem verheirateten Schauspieler Robin Willams an den Hals wirft, ihn mit einem Bein umklammert, und küsst. Der Eindruck, die Truppenbetreuung der US-Armee sei generell ein wenig von sexuellen Andeutungen geprägt, ist nicht ganz zu bestreiten. Nach dem Bekanntwerden der Bilder akzeptierte Tweedan schnell die Entschuldigung von Franken, und Breitbart, Präsident Trump und Konsorten versuchen weiterhin, ihn gegen den Fall des republikanischen Politikers Roy Moore auszuspielen.

Damit wäre der Fall erledigt – gäbe es nicht die Washington Post, die sich mittlerweile an der Spitze der Social Justice Bewegung positioniert, und uns wie bei Aliens nebenbei einen Blick in die Hirne der totalitären, neuen Mächte erlaubt. Daher hat sie auch die Autorin Kate Harding zu Wort kommen lassen – eine Demokratin, die nach Eigenangabe “Rape Culture” studiert und die Auffassung von toxischer Maskulinität vertritt,  also die Überzeugung, dass die ganze Gesellschaft von Vergewaltigungsakzeptanz geprägt sei. Sie kann da als Expertin im eigenen Lager gelten, ihr Buch nennt sich: “Asking for It: The Alarming Rise of Rape Culture–and What We Can Do about It”. Der Artikel heisst, und das klingt im ersten Moment durchaus versöhnlich, “I’m a feminist. I study rape culture. And I don’t want Al Franken to resign.” Der Artikel erschien auf dem Höhepunkt der Erregung, und noch vor der Erkenntnis, dass bei den Vorwürfen etwas faul ist, und wurde begeistert aufgenommen. Weil er den Blick vom Einzelfall hebt und eine Gesamtstrategie erkennen lässt. Alte, weisse Männer wie ich, die Vergleiche zwischen bösartigen Aliens und Genderistinnen nicht ausdrücklich ausschliessen, sind damit übrigens gar nicht gemeint. Harding geht es um Liberale.

Denn die Republikaner, so Harding, seien ohnehin unbelehrbar und würden sich nur gegen Frauen engagieren. Den überwältigenden Wahlerfolg von Donald Trump bei weissen Frauen ignoriert sie dabei, und erklärt, dass sie selbst Demokratin ist. Aber nicht, weil sie bei den Demokraten die richtige Politik erkennt, sondern nur, weil deren Amtsträger nicht immer etwas gegen Frauen tun, und im Vergleich zu den Republikanern etwas besser sind. Sie will nicht, dass Franken zurücktritt – aber die Gründe sind beachtenswert. Harding argumentiert, dass es in ihrer Partei noch viele weitere Fälle von Amtsträgern geben könnte, die bei ähnlichen Vorwürfen zurücktreten müssten, wenn Franken seinen Hut nimmt. In diesem Fall müssten die Gouverneure in den fraglichen Staaten neue Senatoren bestimmen, und un einigen dieser Staaten sind die Gouverneure keine Demokraten, sondern Republikaner, die auch Republikaner bestimmen können – es droht also eine weitere Erosion der Macht der Demokraten. Dieses taktische Kalkül spricht Harding ganz offen an, und erklärt dann, wie sie sich die weiteren Geschicke von Franken und anderen mit Vorwürfen konfrontierten, demokratischen Politikern vorstellt:

Sie sollten bis zum Ende ihrer Amtszeit im Senat bleiben und die Zeit nutzen, daheim eine Nachfolgerin aufzubauen. Diese Nachfolgerin sollte natürlich feministisch, links, queer und für Minderheitenrechte sein, und vielleicht auch noch einer benachteiligten Minderheit angehören. Leute wie Franken sollten sich bis dahin auf einen – so interpretiere ich das – Canossagang begeben und versuchen, in ihrer verbleibenden Zeit bei den Harding genehmen Randgruppen Vergebung und Erleuchtung zu suchen, wie man das halt so macht, wenn man zu Kreuze kriecht. Republikaner sind ohnehin verdammt. Aber Demokraten dürften, wenn sie ihre Fehler bitterlich bereut und den Platz zum richtigen Zeitpunkt geräumt haben, und ihre Wahlkampfmaschine den neuen Herrscherinnen den Sieg gebracht hat, als Elder Statesmen das Privileg geniessen, das Unvermeidliche getan zu haben und der wahrhaft richtigen Entwicklung nicht im Weg gestanden zu sein. Nach diesem Plan kann laut Harding eine Art Vergebung der Frauen mit pinkfarbenen Mützen erreicht werden.

Wie gesagt, die Karriere von Franken soll wegen eines 11 Jahre alten, gestellten Fotos und eines angeblich unerwünschten Zungenkusses eines Komikers vor seiner Zeit als Senator beendet werden, nicht etwa wegen millionenschwerer Korruption, des Berliner Flughafens, einer Stasi-Mitarbeit oder eines Sexualverbrechens. Es ist nicht viel nötig, um eine erfolgreiche politische Karriere nach Harding zu zerstören, und durch eine Machtübernahme von denen, die sich betroffen fühlen, zu ersetzen. Was Harding da vorschnell gefordert hat, bevor der Vorwurf in Misskredit kam, und was ihren Kolleginnen gefallen hat, ist keine Gefahr für echte sexistische Monster, aber sehr wohl für alle, die sich um die Stimmen, Unterstützung und wohlmeinenden Texte der Hardings dieser Welt bemühen müssen. Hier sind nicht nur die Maßstäbe besonders streng, und die Bereitschaft, dem angeblichen Opfer sofort und ausschließlich zu glauben, besonders hoch – wie auch beim politischen Gegner.

Trump hat die Affäre um seine “grab them by the pussy”-Aussagen bei der Wahl nicht wirklich geschadet, aber für Demokraten, die sich auch um das Lager der linken Aktivisten bemühen müssen, können solche Vorwürfe tatsächlich das Ende bedeuten. Sei es, weil dort die Losung gilt, alle männlichen Politiker seien Schweine und müssten durch politisch richtige Minderheiten ersetzt werden. Oder sei es, dass Gerüchte über angebliche Zungenküsse nach 11 Jahren gezielt gestreut werden, um im parteiinternen Nominierungsverfahren Konkurrenten auszuschalten.

Franken hat so einen Anschlag schon früher überlebt, als ihm Republikaner einen Beitrag im Playboy über Porno vorgehalten haben, und es sieht so aus, als würde er auch diesmal den Zangenangriff durch die Steve Bannons und Kate Hardings dieser Welt überstehen. Aber die bedenkliche Erkenntnis bleibt, dass es bei Metoo längst nicht mehr um individuelle Verfehlungen geht, sondern ganz konkret um die Durchsetzung umfassender politischer Ideologien, und um die Ausschaltung derer, die sich nicht konform verhalten. Erwartet wird Unterwerfung. Demut und Akzeptanz der anderen Seite, und es ist leicht, weil momentan alle Maßstäbe verrutscht sind: Echte Sexualverbrecher werden auf eine Stufe mit jenen gestellt, die sich nicht konform mit der Genderideologie verhalten, und Aktivistinnen gehen in den Medien mit vagen Drohungen hausieren, sie könnten noch viel mehr erzählen. In den USA sind es die Anhängerinnen des Mattress Girls und des UVA-Hoaxes, in Deutschland die Leute, die Team Gina Lisa waren und sich für einen falschen Vergewaltigungsvorwurf stark gemacht haben. Der Liberale kann sich da sicher konform verhalten und unterwerfen, um den aktuellen Gesinnungsterror zu überstehen – auch so eine Szene gibt es in Mars attacks.

Die anderen sollten vielleicht besser das laute und standhafte Jodeln lernen.

24. Nov. 2017
von Don Alphonso
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17. Nov. 2017
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Die Neue Ordnung der sogenannten Werte im Netz

Ich füge den unten stehenden Link nur der Vollständigkeit halber ein – und auch nur nicht aktiv – weil ich denke, dass solche Inhalte nicht verbreitet werden sollten. Es geht da um einen Beitrag von Buzzfeed, in dem der neue Chef eines britischen Schwulenmagazins moralisch hingerichtet wird, weil er in den letzten Jahren ab und zu ein paar wenig geschmackvolle Sachen auf Twitter geschrieben haben soll – ich muss zugeben, ich habe ein paar Mal laut gelacht.

https://www.bu zzfeed.com/patrickstrudwick/the-editor-of-gay-times-posted-dozens-of-offensive-tweets?utm_term=.dnaK7eEDGa#.yew025ogVW

Wer eine Weile mit Mitarbeitern eines schwulen Magazins zugebracht hat, der kennt das, denn diese Szene ist nun mal in den klassischen Kanon bürgerlicher Tugenden und Ausdrucksformen eingebunden, und das ist auch witzig so. Da sind solche Scherze nicht ungewöhnlich. Nicht gelacht hat der von Buzzfeed dann stolz zitierte Arbeitgeber, der den Betroffenen auf den Beitrag hin gefeuert hat – da steht dann irgendwas mit “values”. Man darf davon ausgehen, dass die Bemerkungen über fette, körperlich hässliche und moralisch abstoßende Personengruppen diverser Abstammung den kommerziellen Interessen der Zeitung entgegen stehen. Buzzfeed garniert das alles noch mit Krokodilstränen der linken Szene, bisher seien die Chefs der Zeitung immer nur weiße Männer gewesen, und nun endlich käme jemand mit nicht rein weißem Hintergrund, und dann so etwas. Schrecklich! Das müssen Sie gelesen haben! Skandal.

Nun leben wir in Zeiten, in denen eine vom Staat bezahlte “NGO” namens No Hate Speech es völlig in Ordnung findet, wenn eine iranischstämmige Fett-Akzeptanz-Aktivistin in der taz in Bezug auf Deutsche von “Kartoffeln” und “deutscher Dreckskultur” spricht. Diese Person wird dann auch noch in drei Beiträgen von taz-Autoren verteidigt, und Kritik an den Aussagen wird als “rechts” diffamiert. Der Unterschied ist, dass sich die lockeren Sprüche im britischen Fall gegen das richtete, was man allgemein als Minderheiten bezeichnet, wohingegen die taz ernsthaft gegen die deutsche Mehrheitsgesellschaft zu Felde zieht. Zweimal Rassismus, einmal fühlt ein Magazin seine Werte betroffen, und einmal fühlt eine angeblich antirassistische Zeitung ihre Werte bewahrt. Und bei Buzzfeed meint man, mit dieser Denunziation auf der richtigen Seite gewesen zu sein.

Den Link übeer den schwulen Journalisten habe ich übrigens von Twitter, von einem Journalisten des Guardian. Der gleiche Journalist hat vor ein paar Tagen eine weitere Geschichte von Buzzfeed verlinkt. In diesem Fall ging es um den Guardian selbst, namentlich einen leitenden Angestellten der Onlinebereichs, der wegen des Verdachts sexuell unangemessenen Verhaltens freigestellt wurde. Das kann man prinzipiell richtig oder angemessen finden, aber ich frage mich schon, ob sich dieser Kollege gut fühlt, wenn er so etwas über seine eigenen Kollegen öffentlich verbreitet. Vermutlich findet er das richtig, denn Journalisten geben oft vor, auf der richtigen Seite zu stehen.

Ein anderer, deutscher Journalist, der ansonsten nicht eben ein Freund des ausgeglichenen Wortes ist, wartete heute empfehlend mit einem Link zu einem Beitrag auf, in dem die Meinung vertreten wird, der Feminismus müsste sich jetzt noch einmal mit seinen Fehlern in Bezug auf Bill Clinton auseinander setzen. Seit über zwei Jahren lese ich bei rechten Verschwörungstheoretikern immer wieder Versuche, den früheren US-Präsidenten moralisch doch noch zu diskreditieren, ihm Lustreisen nachzusagen oder ihn in Verbindung mit pädophilien Zirkeln zu bringen. Die Rechten hassen Clinton, seitdem das Impeachment gegen ihn gescheitert ist. Sie kamen damit nicht durch. Aber jetzt wird das Tribunal wieder eröffnet. Von denen, die Clinton damals eigennützig verteidigt haben, weil sie Angst vor einem politischen Umschwung hatten´. Feministen sollten sich jetzt beeilen und auch ein paar Hit Pieces über Clinton verbreiten, und so auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

Nur über den Umstand, dass die von den meisten Medien einseitig gelobte Gina Lisa Lohfink nun auch nach der Revision zu einer Geldstrafe wegen der Falschbehauptung einer Vergewaltigung verurteilt wurde: Davon schweigt das Unterstützerteam jetzt lieber. Aber die Frage für mich ist: Wann wurde das hier draußen im Netz eigentlich so moralisch, dass man jetzt noch mal Bill Clinton jagen und schwulen Journalisten die Existenz zerstören muss?

Denn wer wirklich eine bombensichere Moral ohne Debatte und Widersprüche will, benötigt eigentlich kein Internet. Rudimentäre Lateinkenntnisse und ein Besuchsschein für jede theologische Fakultät reichen aus, um sich ein ganzes Leben lang in katholischer Moralliteratur zu vertiefen. Ich kann da besonders das 18. Jahrhundert empfehlen. denn damals hatte sich die Geistlichkeit mit Büchern wie “Die philosophische Therese” oder “Die Nonne” herumzuschlagen, die einen direkten Angriff auf jene Ideale von Keuschheit und Zurückhaltung darstellten, die heute wieder im Mode sind. “Shut up and listen” war damals schon die übliche Erwartungshaltung gegenüber abweichenden Meinungen, da unterscheidet sich der kahlrasierte Dominikaner nicht von der grünhaarigen SPON-Aktivistin. Wer ein schweigendes Publikum will, muss sich selbst eines suchen.

Das Problem, speziell im Internet, sind die quasi unbegrenzten Möglichkeiten. Es ist nicht so erfolgreich, weil dort alles steht, was bislang gedruckt und erlaubt wurde, sondern alles, was man daneben unkompliziert schreiben will und braucht. Kleines Beispiel, weil wir oben die linke taz und den Kartoffel-Rassismus hatten: Ich habe gestern etwas über die “Strategie der Spannung” in Italien recherchiert, und bin dabei auf den Ordine Nuovo-Gründer, Neofaschisten und Rassisten Pino Rauti gestoßen, der sich selbst auch für “links” hielt. Rauti war Anhänger des Rassentheoretikers und Antisemiten Julius Evola. Ich bin absolut unverdächtig, Evola zu schätzen, aber es ist angenehm, dass ich im Netz ein pdf seines Werks “Revolte gegen die Moderne Welt” herunterladen und betrachten kann, ohne es bei einem obskuren, rechten Verlag bestellen und bezahlen zu müssen. Im Buch steht, dass auch Evola wie die neuen, exterminatorischen Moralisten des Netzes einer von der Sorte ist, die in der modernen Welt die Verrottung und schlimme Moral erkennt – und beseitigen will.

Es gäbe durchaus Gründe, warum Evolas faschistisches Werk besser vergessen wäre, aber so, wie es im Netz steht, kann sich wenigstens jeder sein eigenes Bild machen, und darüber zu lachen: Evola ist wie so viele Dogmatiker, egal ob Marx oder Rosenberg, gefangen im Irrglauben an einen Idealzustand, den es weder jemals gegeben hat, noch jemals geben wird. Das Beste, was man aus Evola lernen kann ist, auf keinen Fall wie Evola zu werden. Evola war ein widerlicher Frauenhasser, er schrieb wörtlich von der “Frau als Ding” – gestern suchte dagegen eine taz-Autorin Männer, die wegen des “Patriarchats” Angst vor sexuellem Versagen haben.

Das muss einem nicht gefallen, aber so, wie man hier draußen Evola lesen kann, Karl Marx oder Anhänger eines Israelboykotts, kann man auch fragen, ob nicht Männer Lust haben, ihre Erektionsprobleme in der Öffentlichkeit dem feministischen Bild des Patriarchats zuzuschreiben. Die Freiheit, die uns garantiert, Evola lesen zu können, garantiert auch anderen die Freiheit, völlig konträre Meinungen lesen zu können. Das geht aber nur mit einer gewissen moralischen Gelassenheit und Differenzierungsvermögen gut aus: Wenn Evola ein Neofaschist ist, ist nur er ein Neofaschist, aber nicht jeder, der nicht 100% auf der Linie der Antifa ist. Diese Differenzierung geht momentan aber rapide verloren: Wenn beispielsweise eine Feministin im grünenfreundlichen österreichischen Standard einen Harvey Weinstein auf eine Stufe mit dem Ex-Grünen Peter Pilz stellt, und dann im nächsten Schritt Grüne in Innsbruck die Hexenjagd nutzen wollen, einen innerparteilichen Kritiker mit falschen Gerüchten zu ruinieren.

So macht frau das heute. Ich kann mir da noch eine gewisse Freiheit leisten, aber ich kenne etliche Personen in Berlin, die in den letzten Jahren schlau genug waren, mit niedrigen Zinsen Immobilien zu kaufen. Diese Personen haben allesamt einen guten Schnitt gemacht. Manche haben vor ein paar Jahren auch noch offen ins Internet geschrieben, dass ihnen ihr entslumtes Viertel besser als früher gefallt, als sich dort noch Leute herumtrieben, die nicht westdeutsch waren. Vor dem Immobilienboom konnte man ganz offen über solche Themen in sozialen Netzwerken reden. Heute sind die Gewinner allesamt verstummt. Weil der Zeitgeist in Berlin und in den Netzen dazu tendiert, jeden Eigentümer vom mühsamen Sparer bis zum börsennotierten Immobilienkonzern in einen Topf zu werfen. So, wie man jeden Verteidiger früherer Gesellschaftsordnungen in die Nähe von Evola rücken will, wird jeder, der kein Geschmier an der Wand und keine Beule im Auto haben will, zum Miethai und antisozialen Verdränger. In den Massenmedien finden sich viele entsetzte Artikel über steigende Mieten, aber nur sehr wenige weisen darauf hin, dass Miete in Deutschland lang zu billig war, was sich jetzt in Zeiten steigender Preise wegen der niedrigen Eigentümerquote rächt. Im Ergebnis kenne ich zwar viele Profiteure der Entwicklung, aber die Sichtweise in den sozialen Medien sieht so aus, dass eine “Refugees welcome” rufende Soziologin unwidersprochen meint, jetzt auch noch Anspruch auf 2 Zimmer und Balkon für 750€ warm in einer beliebten Großstadt zu haben.

Gäbe es eine vernünftige Debatte im Netz, gäbe es so etwas wie einen Diskurs, der im Abgleichen von Erfahrungen keine Beleidigung und keinen Verstoß gegen die richtige Ideologie sieht, wäre die Konstruktion der Realität aus vielen Sichtweisen einfacher. Dazu müsste man den Wünschen und Erwartungen der anderen aber zuerst einmal ein Existenzrecht einräumen. Die grüne Partei in Österreich war fraglos vorbildlich feministisch und ist gerade aus dem Parlament geflogen, weil sie damit auch Frauen kaum angesprochen hat. Das liegt daran, dass es auf der einen Seite durchaus so etwas wie eine Diskurshoheit gibt, die in Parteien mit internen Regeln, in Religionen mit Dogmen, im Faschismus mit Faschismus und im Netz mit Meldeknöpfen, Shitstorms und Schweigespiralen erzwungen wird. Auf der anderen Seite gibt es aber genug Privatleben, das davon nicht berührt wird, und sich unerwartet zur Wehr setzt. Es gibt gute Gründe, warum man heute in theologischen Bibliotheken viel Platz hat, warum die Bürger in Polen gegen die Regierung auf die Strasse gehen, und manche, die brav Angriffe auf Sexismus in den deutschen Medien retweeten, privat trotzdem nehmen, was sie aufgrund ihrer Netzbekanntheit kriegen können. Wenn ich nach dem gehe, was ich bei Twitter sehe, kennt zwar jeder die New York Times und den Guardian, aber Anbieter von Pornoseiten und sexuellen Dienstleistungen hätten dortselbst keine Kundschaft.

Ich glaube das nicht so ganz, denn wenn es so wäre, bräuchten wir hier nur ein paar Druckereien und einen Vertrieb und eine Beilage aus der Feder von Herrn Ratzinger, und keinen weiteren Netzausbau. Julius Evola würde das sicher auch begrüssen, aber der normale Mensch ist nun mal kein spiritueller Krieger, der das Richtige tut und das Falsche vernichtet, ohne vorher auch nur ein Wort mit ihm gewechselt zu haben. Im normalen Leben, vom Kantinenbrei bis zum in China zusammengeschraubten Handy, dominiert nicht die Reinheit, sondern die Einsicht, dass man Kompromisse eingehen muss. Leider laufen im journalistisch-aktivistischen Komplex nach dem Kantinenessen solche ethisch reinen Aufpasser mit Kontrollhandy herum. Da gibt es einen, der ein Opfer eines schmerzlichen Diebstahls zur verbalen Ordnung rufen wollte, weil die Betroffene das klauende Gesindel als „Gesindel“ bezeichnete. Das sind die moralisch reinen Intoleranten, die tatsächlich eine neue Ordnung und ein System wollen, das keine Abweichung zulässt: Weil sie alle Werte haben, die bis aufs Blut der anderen verteidigt werden.

Evolas Anhänger haben zu diesem Zweck Bomben gelegt, aber die Methoden von Buzzfeed und diverser anderer mag ich deshalb noch lange nicht. Ich kann im Netz prima ohne solche Werte leben.

 

 

17. Nov. 2017
von Don Alphonso
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02. Nov. 2017
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Sex, Missbrauch und Radikalisierung

Die Empörung trieft aus den Zeilen von Jezebel, einer Seite aus dem untergegangenen Gawker-Imperium, die soziale Anliegen, Entertainment, Sonderangebote für in Fernost genähte Kleidung, angeblich „Sex“ und Karrieretipps für die Sorte Frau bringt, die sich diese derartige Kombination aus Konsum, Eigeninteresse und Empörung interessiert. Jezebel kann sich nur schlecht damit abfinden, dass ihre Partnerseite Defamer schon vor Jahren ein ganzes Dossier übelster Schmuddelgeschichten über Kevin Spacey aus Hörensagen und Aufforderung zur Denunziation zusammen getragen hat. Die Berichte verpufften damals aber ohne jeden Skandal. Gawker jedoch rutschte wegen einer ähnlichen Dreckschleuderei gegen Hulk Hogan in die Insolvenz. Gawker hatte viel Material, aber zum falschen Zeitpunkt

Und jetzt war es die direkte und ähnlich seriöse Konkurrenz von Buzzfeed, die im Rahmen des Weinstein-Skandals Spacey zu Fall brachte. Denn Defamer hatte zwar den ganzen aktuellen Schmuddel aus zweiter Hand, aber Buzzfeed die 33 Jahre zurück liegende Geschichte, dass Spacey einen Kollegen, der damals 14 Jahre alt war, sexuell belästigt haben soll. Spacey verscherzte sich zudem viele Sympathien bei Schwulen und Minderheitenaktivisten, als er in einem Statement neben Erinnerungslücken die Neuigkeit seiner eigenen Homosexualität ins Feld führte. Die Verbindung von Missbrauch an Minderjährigen und Coming Out ist nicht wirklich ideal für Leute, die alles Schlechte im Patriarchat des alten, weissen, heterosexuellen Mann erkennen wollen, und nun im laufenden Skandal schon wieder eingestehen müssten, dass es fragwürdiges Verhalten auch bei den ansonsten immer als Opfer dargestellten Minderheiten gibt. Entsprechend wurde die Erklärung des Senders Netflix, wegen der Vorwürfe die Serie House of Cards zu beenden, auch von jenen zustimmend zur Kenntnis genommen, die diese Dystopie der amerikanischen Politik gelobt hatten.

Während inzwischen schon darüber spekuliert wird, wann und durch wen der Weinstein-Skandal eine Wendung hin zum Pädophilieskandal nimmt, und zum Problem für das System Hollywood an sich werden kann, gibt es aber auch noch kleinere Opfer der bisher bekannt gewordenen Vorwürfe. Es sind tatsächlich Opfer, also auf den ersten Blick Unbeteiligte, die eigentlich nur ihren Job gemacht haben, aber offensichtlich nicht gut genug. Denn Variety gelangte in den Besitz einer Email des Medienkonzerns Buzzfeed, die an die Mitarbeiter verschickt wurde, bevor das Portal mit den Vorwürfen gegen Spacey an die Öffentlichkeit ging. Und diese Mail sagt vieles über das neue Denken in der schönen, neuen Internet-Medienwelt:

Over the past few years, the BuzzFeed News Entertainment team has worked diligently to keep us up to date on the latest in TV, movies, and celebrity and industry news, delight us with smart takes on the latest in Hollywood, and keep us primed on what shows we should — or should not — be spending our time watching.
But, as we’ve seen since the election — and in entertainment stories like our great R. Kelly coverage and most of all the Weinstein scandal — the crucial stories sit at the intersection of entertainment, culture, politics and media. The holes in our Weinstein coverage made clear that we needed to change the way we cover entertainment to put ourselves in a position to tell great stories. Our audience wants to see how changing social norms, gender dynamics, and political issues are being reflected in their culture and entertainment

Buzzfeed gehört zwar zu den am schwersten betroffenen Portalen auf der Liste der Shitty Media Men, die der Kundige mittlerweile bei Reddit herunterladen und einsehen kann – die Firma ist also nicht nur Stimme im Chor der Empörten, sie hat teilweise recht weit oben in der Hierarchie Klärungsbedarf. Jedenfalls war Buzzfeed in den ersten Wochen des Skandals zumeist lediglich Nacherzähler dessen, was andere schon veröffentlicht hatten., während die in der Mail erwähnte Geschichte über den Rapper R. Kelly und seine Beziehungen zu Frauen einige Wochen davor nicht für das gewünschte Aufsehen gesorgt hatte. Wie schon Gawker musste Buzzfeed hier erfahren, dass es nicht nur auf den Inhalt ankommt, sondern auch auf den richtigen Zeitpunkt und den Umfang der moralischen Empörung. Sexskandale gibt es schließlich immer wieder, aber nur wenige haben globalen Aktivismus zur Folge.

Buzzfeed jedenfalls reagiert auf die selbst erkannten Fehlstellen in der Berichterstattung mit der Entlassung dreier hochrangiger Mitarbeiter in der Führungsriege des Entertainmentbereichs und führt eine völlig neue Struktur ein. Wichtigster Punkt ist eine neue Abteilung, die sich offensichtlich den Kernanliegen der Social Justice Warriors, auch bekannt als Snowflakes, widmen soll:

Moving forward, we’ll be splitting our entertainment reporting into three distinct areas: one team, which will report into Kovie Biakolo, will be dedicated to in-depth reporting and analysis of the entertainment industry — honing in on cultural conversations like those about race and gender issues in Hollywood and helping us and our audience navigate what’s worth our time

Die Karriere der aus Nigeria stammenden und in New York lebenden Autorin an die Spitze eines wichtigen Teams bei Buzzfeed ist erstaunlich – es gibt von ihr bei Buzzfeed, wo die Mitarbeiter zur Textmassenproduktion angehalten werden, lediglich 5 Beiträge  Bei Twitter hat sie in Zeiten ihrer Beförderung gleich einmal ihre Einstellung zu Männern dokumentiert:

Und – alles andere als selbstverständlich für den Ruf als seichte Kätzchenplattform, den Buzzfeed immer noch geniesst – ihre Beiträge werden auch auf der linkslastigen Plattform Alternet vorgestellt, Wie etwa ein typisches Stück eben jener zum Minderheitenrassismus fortentwickelten Identitätspolitik, die als ein Hauptgrund für das schlechte Abschneiden der Demokraten bei ihren herkömmlichen Wählern aus der weissen Arbeiterschicht gilt. Biakolo steht für eine radikale Einstellung, die eineinhalb Monate vor der alles entscheidenden Wahl Rassismus erkennt, wenn Weisse “kulturelle Aneignung” etwa in der Übernahme der Rezepte anderer Weltregionen begehen. Diese elitäre Denkweise, in der das weisse Patriarchat als Kern alles Übels ausgemacht wird, hat bekanntlich nicht ganz gegen Donald Trump gewinnen können, der so herkömmliche Themen wie Wirtschaft, Arbeit, Wohlstand und Verachtung für eben jene Eliten ins Zentrum seines Wahlkampfes stellte. Jetzt lässt Buzzfeed diese Autorin auf Hollywood und den Entertainment-Bereich los, der auf eine eher traditionelle und um Mehrheiten bedachte Weise auf Seiten der Demokraten stand. Biakolo soll mehr Veränderungen in den Bereichen Gender und Minderheiten fördern und den Lesern nahe bringen.

Und an Kevin Spacey hat Buzzfeed gleich einmal ein Exempel statuiert, wie man sich das weitere Vorgehen vorstellt. Die Unterhaltungsindustrie, die es vor allem auf die jungen Konsumenten von Buzzfeed abgesehen hat, wird es nicht einfach haben, wenn dort an der Spitze ideologische Vorstellungen herrschen, nach denen grosse Teile der bisherigen Tätigkeiten den moralischen Ansprüchen nicht genügen. Mit Spacey hat es übrigens nach Weinstein erneut einen persönlichen Freund der Clintons erwischt – dass Biakolo nicht zu viel von den traditionellen Demokraten im Allgemeinen und auch nicht von Clinton im Besonderen hält, hat sie bei ihrer früheren Plattform Thougt Catalog gezeigt, die noch mehr als Buzzfeed die sogenannten “Progressiven” fördert.

Die Kluft, die durch das amerikanische Kulturleben geht, wird durch solche strategischen Personalentscheidungen sicher nicht kleiner. Auf der einen Seite sind da Empörungsportale wie Buzzfeed, Jezebel oder Vice mit Broadley, die alle ihre Stunde gekommen sehen und den Skandal ohne Rücksicht auf Überprüfung der Anklagen am Laufen halten. Auf der anderen Seite freuen sich Breitbart und konservative Medien über das Massensterben der Clintonanhänger in Medien und Kulturbetrieb. Und Hollywood muss irgendwie zwischen den wütenden Rufen nach Aufklärung, den kulturrevolutionären Säuberungswünschen der Linksradikalen und dem Massengeschmack des oft genug Trump wählenden Publikums durchlavieren. Buzzfeed hat jedenfalls eine klare Richtungsentscheidung gegen “White Privilege”getroffen und sich ideologisch weit links positioniert.

Zumindest inhaltlich. Davon unberührt sind natürlich die Pläne, den Konzern im kommenden Jahr an die Börse und an alte, weisse, privilegierte Männer zu bringen. Dort jedoch hat Buzzfeed ein gewisses Problem: Das Wachstum der Plattform ist nicht so gut wie erhofft, und die Firma schreibt immer noch massive Verluste. In manchen Ländern wie Deutschland stockt die globale Expansion, und neue Geschäftsfelder wie simple Videos mit einfachsten Gerichten sind von anderen leicht kopierbar. Auch der schönste Skandal ernährt niemanden, wenn die Werbemaschine dahinter kein Geld abwirft. Buzzfeed und Co. sind da weiterhin massiv von der Gunst und den Netzwerkeffekten der grossen Techkonzerne Facebook und Google abhängig, deren Plattformen sie zur Verbreitung ihrer Inhalte benutzen. Hollywoods Schauspieler mögen eine fragwürdige Vergangenheit nach heutigen Moralvorstellungen haben. Die Zukunft der Jugendportale, die die Empörung darüber zum Geschäftsmodell machen wollen, ist aber auch kaum sicherer.

Das illustriert unfreiwillig aktuell übrigens auch das Schicksal der Teen Vogue, die während der letzten Jahre verstärkt auf Gender-Themen und intersektionellen Feminismus setzte – und jetzt mangels Erfolg eingestellt wird. Betroffen davon ist übrigens auch die oben verlinkte Lauren „male consequences“ Duca.

 

 

02. Nov. 2017
von Don Alphonso
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