Deus ex Machina

Deus ex Machina

Über Gott und die WWWelt

06. Feb. 2018
von Don Alphonso
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Tarantino und wie der Sexismus ins Netz kommt

Die Zeiten der politisch korrekten Morddrohung sind offensichtlich auch für Linke vorbei. Zwei herausragende Beispiele, deren Gegenstand ich wegen meiner Tätigkeit wurde, geizten nicht mit linken, popkulturellen Anspielungen. Die eine wollte mich wie Hanns-Martin Schleyer in einem Kofferraum sehen, ermordet durch die RAF. Eine andere wünschte sich, ich würde Opfer einer Hinrichtung wie im Film Inglorious Basterds von Quentin Tarantino. Nur die erste Drohung entspricht heute noch der linksextremen Vorstellungswelt, für die zweite könnte der Verfasser inzwischen auch in seinen eigenen Kreisen Ärger bekommen: Denn seitdem sich Uma Thurman darüber beschwerte, wie brutal Tarantino zu ihr gewesen sein soll, als er aus dem schon wieder halb vergessenen Star der “Gefährlichen Liebschaften” mit “Pulp Fiction” und “Kill Bill” eine Ikone der weiblichen Durchsetzungsfähigkeit und eine erneut gefragte Actrice machte – seitdem ist auch die Jagd auf Quentin Tarantino und sein Werk eröffnet. Ich wette keine kleine Summe, dass bald andere der New York Times dringend erzählen wollen, wie gemein er zu ihnen war, denn die MeToo-Kampagne braucht frische Opfer.

Nun ist mein Leben – wie das der meisten Bundesbürger – zum Glück in der Realität unendlich fern der Gewaltorgien von Tarantino, die ich, das muss ich zugeben, auch kaum kenne, weil ich keinen Fernseher habe. Ich war einmal gezwungen, mir “Pulp Fiction” anzuschauen, und mochte es nicht sonderlich. Auch die Zeit der RAF ist weitgehend vorbei, ihre Verharmlosung kenne ich nur noch aus dem Internet, aber nicht aus dem realen Leben. Ähnlich ist es mit sexueller Gewalt und Übergriffen: Das habe ich schon mal aus dem Fenster meiner Wohnung gesehen und die Polizei gerufen, die dann auch schnell da war und einen Kerl mitgenommen hat. Ansonsten sind Gewalt, “sexualisierte Gewalt” und Sexismus in der Form, die eine Mehrheit der Gesellschaft als solche erkennen würde, angesichts der bürgerlichen Konventionen relativ selten bis nicht existent. Es gibt zwar gewisse Artefakte vergangener Kulturen, die mit den heutigen Vorstellungen nicht mehr vereinbar wären.

Aber die Betrachtung von ins Kloster gesperrter junger Damen, die sicher schon 200 Jahre tot sind, macht einen noch nicht zum Befürworter von arrangierten Hochzeiten. Oder zum Freund einer alten Gouvernanten-Prüderie, die solche Verhüllung erzwang, und früher ähnlich wie das neofeministische Klischee vom Mann als Wüstling und der Frau als Dulderin klang, das jüngst auch bei einer pauschalen Aussage der ARD-Journalistin Anja Reschke durchschimmerte.

Ich wüsste nicht, wo ich mich “so anstelle”. Ich bin etwas älter und kann mich nicht wirklich daran erinnern, beim ersten zarten Wort gleich eine Frau auf dem Schoss gehabt zu haben. Es gibt ein durchaus kunstvolles Spiel des verbalen Abtastens, und viele, sehr viele Frauen erzählen mir, der X. hätte sie angesprochen und sie hätten sich wie die letzte Trotteline verhalten und keinen Ton heraus gekriegt, nur spitze Bemerkungen, und die lägen nun auf dem Weg zur erschwerten Wiedervereinigung und warum zum Teufel hat der nach 48 Stunden nicht wenigstens angerufen und versichert, dass es sehr schön war und er sie toll fand, obwohl sie abweisend waren? Die Welt dieser Beziehungen ist nach meiner bescheidenen Meinung zu komplex für 280 Zeichen kampagnenkonformer Verhaltensanweisung, selbst wenn sie im Kontext mit dieser Debatte im TV zu sehen ist. Ich habe kein TV-Gerät, ich lese das, was gesprochen wurde, beim Kollegen Lübberding nach, bevor ich mich wieder meinen Büchern hinter pastoralen Porzellanfiguren zuwende.

Oder mich im Netz über hochwertige Tonmöbel informiere. Dazu habe ich gestern Nacht bei Google und indirekt bei Ebay über Marken wie Düvel, Naim, Atoll und Opera Audio recherchiert, und ich tat es ausnahmsweise mit ausgeschaltetem Trackerblocker – das sind diese Browserhelfer, die ein Ausspionieren meiner Wege durch das Netz verhindern. Heute morgen war der Blocker immer noch aus, und deshalb habe ich bei der FAZ auch Ebay-Werbung zu sehen bekommen, die ansonsten nicht ausgeliefert wird. Die eine Hälfte der Anzeigen zeigt sinnlos meine Interessen des gestrigen Tages. Die andere Hälfte ist offensichtlich mit dem Sex- bzw. Sexismusthema der besprochenen TV-Debatte verbunden. Der Algorithmus hat mir auf den Bildschirm die Angebote geschaufelt, die er dafür passend fand.

Ich kann Ihnen versichern, in meiner Lebensrealität wird einem nur äußerst, äußerst selten auf Gesichtshöhe die weibliche Anatomie dergestalt entgegen gestreckt. Das tut man einfach nicht. Auch die anderen Nichtaudioprodukte entsprechen in kleinster Weise dem bei uns üblichen Kleidungsübereinkommen zwischen Mann und Frau und Frauen untereinander. Außerdem wäre ich sicher der Letzte, der so etwas kaufen würde.

Der Algorithmus ist fraglos dumm, er versteht weder den Text noch die Haltung der Klickenden, und obendrein gibt es bei Ebay vermutlich wirklich mehr Interessentinnen für knallenge Wabennetzüberzüge denn für all die Bücher, die zum Thema sexueller Belästigung und 3.-Welle-Feminismus geschrieben werden. Es ist das spezifische Kaufverhalten der Frauen, das zum Angebot und zur Werbung für solche Kleidung im Netz führt, und es spiegelt den Umstand wider, dass Spitzenunterwäsche und Galanteriewaren auch heute noch bei der breiten Mehrheit mehr Zuspruch als feministische Pornos, Gleichstellungsberichte und Bücher über die “100 besten queer-transidenten Flirtratschläge ohne Genderassumung” finden. Was Frauen wollen und was Feministinnen denken, dass Frauen wollen sollten, ist nicht ganz deckungsgleich, und wie man sieht: Der Markt sagt etwas ganz anderes als Talkshows im Fernsehen. Wenn das Fernsehen recht hätte, würden sich die Werbenden anpassen oder pleite gehen, was mich im Falle der Wabennetzleggins noch nicht einmal stören würde. Die Konsumrealität der einen ist nun mal die Rape Culture der anderen.

Besonders ist sie das bei Spiegel Online, wo jede Woche 5 Kolumnisten für sozialen Fortschritt aus ihrer Sicht schreiben, und zusammen mit anderen die Fortführung der MeToo-Kampagne betreiben. Das gleiche, von einer Frau geleitete Medium beschäftigt nicht nur Frauen, die mit pauschalen Verdächtigungen gegen Männer auffallen, sondern auch eine Autorin für das Dschungelcamp. Beim Ebay-Algorithmus kann man die sexistische Lieferung noch auf die Technik schieben, bei Anja Rützel ist es sicher kein Zufall, wenn das Unwort “Kopulationsverhandlungen” geprägt wird.

Weil angeblich Leute, denen es langweilig wird, halt “antomisch” werden. Darunter ein Bild von gut erkennbaren, knapp bekleideten C-Promis im Wasser. In meiner Welt fragt man sich, welches Menschenbild Spiegel Online jenseits ihrer feministischen Kampagnen sonst so hat: Es ist jedenfalls nichts, was man in meiner Welt in dieser Form ohne Sanktionen sagen oder über Dritte annehmen könnte. Aber im Netz ist das alles gleichzeitig möglich, die pauschale Verdächtigung gegen Männer und die Reduktion von Sex auf Kopulation als Gegenstand von Absprachen. Weil Menschen das halt so tun, wenn ihnen langweilig ist, zumindest bei Spiegel Online. Da gibt es natürlich keinen Aufschrei, so darf man auch in der Post-Weinstein-Wedel-Zeit schreiben, wenn es mit viel nackter Haut nur die nötigen Klicks gibt. Oder haben Frau Stokowski und Frau Berg schon gekündigt, weil sie mit solchen Inhalten nicht in Verbindung gebracht werden wollen? Schämt sich Jakob Augstein nicht, dass seine Erlöse aus dem Spiegel-Verlag mit solchen Aussagen bestritten werden? Wer bestimmt, dass die Entwürdigung der einen Schauspieler eine Damnatio Memoriae nach sich zieht, und die Entwürdigung der anderen Schauspieler einen bösen Lacher?

Der kollektive, sich Bahn brechende Hass gegen Quentin Tarantino (alter, weißer Mann), der die junge, zerbrechliche Frau Thurman beinahe auf dem Gewissen gehabt hätte, und der sich obendrein zu Beginn der Affaire nicht genug von Harvey Weinstein distanzierte, ist natürlich einfacher als die Festlegung, welche Form der Entmenschlichung und Degradierung legitim ist, und welche nicht. Für das Lager der sog. “Guten” beginnt die Grenze bei einer nicht erwiderten Annäherung, wie immer man das auch beurteilen will. Für die Verlage der gleichen “Guten” ist es aber auch völlig in Ordnung, eine auf Erniedrigung aufgebaute Sendung mit zusätzlich erniedrigenden Begriffen zu begleiten, oder in einer anderen Kampagne mit der überführten Täterin Gina Lisa zu stehen, ohne anderen auch nur das Recht einzuräumen, ihre Sicht der Ereignisse zu schildern. Diese argumentativen Brüche müssen mit neuen Fällen für die Empörung überdeckt werden. Dass inzwischen auch Hillary Clinton für eine mögliche, 10 Jahre alte Fehlentscheidung in ihrem Wahlkampfteam von 2008 kritisiert wird, ist da nur folgerichtig. Nur die Reinsten der Reinen haben immer alles richtig gemacht, weshalb die anonymen Helfer der “Guten” jetzt also besser aufpassen sollten, wie sie im Netz drohen: Tarantino sollte man jetzt besser schlecht finden, wenn man nicht auch noch in Verdacht geraten will. Das geht ganz schnell heutzutage, automatisch wie ein Algorithmus von Ebay und rücksichtslos wie der Hohn über Teilnehmer am Dschungelcamp.

Danach dann wieder eine Talkshow, ab wann welche Anmache schon sexualisierte Gewalt ist, für die man wenigstens seine bürgerliche Existenz verlieren sollte, wenn es dagegen schon keine Gesetze gibt.

06. Feb. 2018
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30. Jan. 2018
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Böse Dienstleister: Von der analogen Option zum digitalen Zwang

Vor 20, 30 Jahren kamen die digitalen Alternativen. Als ich mit dem Journalismus begann, wurde im Radio noch vom Tontechniker mit Tonbändern geschnitten, also richtig geschnitten: An den Bandmaschinen waren Schneidevorrichtungen, und darunter Spuren, in die man das geschnittene und von Ähs und Uhms befreite Band mit dem Interview einlegte. Meine ersten Bilder, die in New York erschienen, warf ich als Film in einen Briefkasten, dahinter wurden sie dann entwickelt, und man konnte noch auswählen, ob man das Bild mit Expresspost verschicken oder schon eine digitale Übertragung haben wollte. Scanner waren damals grosse und für normale Menschen unerschwingliche Geräte, und Daten wurden auf Floppy Discs gespeichert. Digital galt als Alternative, wenn man es sich leisten konnte, und es schnell gehen musste. Um 1995 herum war Film immer noch das Maß aller Dinge.

Im Laufe der Zeit wurde im Hintergrund digitalisiert, Behörden und Firmen rüsteten von Lochkarten auf Magnetbänder und Festplatten um, um nach hohen Anfangskosten die Verwaltung zu vereinfachen. Mischformen wie Telefax und Bildschirmtext kamen und blieben auch, selbst wenn sie in ihrer Bedeutung verloren haben, und bislang gab es an der Sparkasse auch einen Briefschlitz aus Bronze, in den man Überweisungsformulare einwerfen konnte. Ein analoge Ebene war mit Einschränkungen lange beim Endverbraucher möglich, auch wenn dahinter bereits alle Vorgänge digitalisiert waren. Das war der Trick bei der Digitalisierung: Man bot Menschen eine digitale Alternative. Es gab lange Zeit keinen digitalen Zwang, und wer wollte, konnte auf Mischformen zurückgreifen. Ich beispielsweise kenne Leute aus Sicherheitskreisen, die gegenüber den digitalen Fähigkeiten von Banken und Nutzern und deren Sicherheitsvorstellungen kritisch sind, und mache kein Online-Banking. Die Bank, meine Bank, hat auch Überweisungsautomaten. Die finde ich eigentlich praktisch.

Denn damit kann ich begründen, warum ich nicht nach jedem Kauf im Netz sofort bezahle, sondern wenigstens noch die paar hundert Meter zum nächsten Automaten gehe. Dieser Gang hat auf mich eine disziplinierende Wirkung. Denn bei Paypal und beim Online Banking drückt man einfach auf den Knopf, und weg ist das Geld. Beim Kauf denke ich jedes Mal nicht nur, brauche ich das jetzt? Sondern auch: Brauche ich das so, dass ich mich auch noch vom Sofa erhebe, durch den Regen einer Altstadt gehe, die vielleicht nicht schmutzig, aber kalt und regnerisch ist, und mich an den Überweisungsautomaten stelle, um die elend lange IBAN in die Stahltastatur zu tippen? Das ist wie bei einer gefährlichen Einrichtung so eine Art zweite Sicherung, die erst einmal überwunden werden muss, und oft genug danke ich mir: Da kommt nach dem Kauf sofort eine drängelnde Mail mit Zahlungsaufforderung, mein Pflichtgefühl treibt mich dann in die Nacht, und wer weiss, was für Leute dann wieder in der Bankhalle herum lungern, Samstag um 23.40 Uhr sind da wirklich schräge Gestalten unter Alkohol… so nötig habe ich es doch nicht.

Kurz, die Überweisungsmaschine hat wenigstens noch etwas vom Kassenschalter, den jeder noch kennt, der grössere Summen in bar will, und hinter dem einen ein älterer Herr über eine randlose Brille anschaut und stumm fragt: Wollen Sie das wirklich und dann das Geld sinnlos verprassen? Sollen Sie es lieber nicht in unseren bewährten Händen lassen? Es ist nicht wirklich angenehm, und das ist auch gut so, denn man merkt, dass hier nicht nur ein Knopf gedrückt, sondern tatsächlich eine Geldleistung erbracht wird. Das macht vermutlich den Erfolg dieser Automaten bei älteren Semestern aus. Rechts zieht die Jugend das Bargeld aus den Automaten, links begleicht meine Generation die fälligen Pflichten. Manche denken, sie werden ohnehin durch Bitcoin reich, andere haben zu hören bekommen, dass man nur durch Geld behalten und nicht Geld ausgeben reich wird. Ist das Verprassen nicht komplett angenehm, rattert einen ein unfreundlicher Belegdrucker an, stehen nebenan sieben Jugendliche mit Wegbier, fragt man sich, ob man das nächste pastorale Idyll auch noch erwerben will.

So machte es bislang jeder nach seinen Wünschen, und auch Leute, die ihr ganzes Leben lang Überweisungsträger vom Falschparken bis zum Hausbau ausgefüllt haben, wurden vorsichtig an eine halbdigitale Variante heran geführt. Das ist jetzt allerdings vorbei, denn erstens gibt meine Bank nur noch kostenpflichtig und merkbar widerwillig Überweisungsträger aus, so dass ich schon gefragt wurde, ob ich die nicht auch scannen und erneut ausdrucken könnte. Und zweitens werden die Überweisungsautomaten ersatzlos abgeschafft. Zuerst die alten Automaten, denen die Tastaturen mit Stahldeckeln verschlossen werden. Ab Mitte Februar dann auch ein brandneuer Automat, der erst seit einem Jahr in einer neuen Filiale steht. Die Leute regen sich auf, denn es gibt Bedarf: Die Bank ist dagegen uneinsichtig. Die Maschinen seien alt, man wollte diese Technik nicht mehr, der ´Kunde möge sich am Schalter über Alternativen der Onlineüberweisung informieren.

Anders gesagt, die Bank schafft den halbdigitalen Zugang ab, und bietet eine digitale Lösung für alle. Man kann der Bank natürlich noch auf die Nerven gehen und Überweisungen am Privatkundenschalter ausfüllen lassen. Also, ich kann das zumindest machen, ab einem gewissen Vermögen wird man nicht mehr zu Onlinediensten gezwungen, da ist man bekannt, und auch schräge Marotten werden noch bedient. Aber so generell sagt mein Bestandsschutz nichts über die Realität aus, in der es eben nur noch einen Zugang für die meisten Menschen gibt. Und der Rest, die Digitalverweigerer, die keinen Netzzugang und Rechner haben, die müssen sich eben anpassen oder für jeden Vordruck zahlen oder sterben oder schauen, ob sie Alternativen finden, haha, kleiner Scherz am Rande, nein, ernsthaft, alle Banken müssen sparen, die Boni für die Spitzenkräfte gibt es nicht umsonst, da muss eben jeder mit Opfern rechnen.

Und dabei bleibt es nicht. In Bayern hätte man beinahe das Programm Bayern 4 Klassik ins Digitalradio verbannt, in dem kaum ältere Hörer sind, also quasi zum Sterben – das konnte noch verhindert werden. Wie bekommen eigentlich ältere Menschen ohne Internet einen Termin in den Städten, wenn Termine nur online vergeben werden? Das sind alles so Fragen, die mir von den Älteren gestellt werden, weil die Antwort von allen Einrichtungen schon heute ist, man möge sich doch bitte anpassen und alles im Netz machen. Analoge Alternativen sind nicht mehr vorgesehen, und reihum geht die Befürchtung, dass es demnächst auch mit dem Geld so sein könnte: Denn Geld verursacht auch Kosten, und es gibt genug staatliches Überwachungsinteresse. Digitales Zahlen ist angeblich so viel bequemer. Für Leute wie mich, die ohnehin dazu übergehen, ihre Käufe in möglichst engen geographischen Räumen zu tätigen, weil man eben bar bezahlen kann, ist das eine weitere hässliche Vorstellung. Versprochen waren Alternativen des Fortschritts, keine Diktatur des Digitalen und des Staates, wie man was zu tun hat. Das Digitale sollte sich nützlich machen, und nicht das, was viele als nützlich betrachten, alternativlos verdrängen.

Natürlich ist es nicht in allen Bereichen so. In Italien gibt es Supermärkte, die seit Jahren vergeblich versuchen, die Kunden zum

enutzen von elektronischen Kassen zu zwingen – einfach, damit die Käufer-Kassierer-Maschine-Schnittstelle ersetzt werden kann. Da steht dann zwischen zwei digitalen Kassen eine hektische, unfreundliche, die Leute instruierende Aufpasserin, und die langen Schlangen bleiben weiterhin bei den normalen Kassen. In einigen wichtigen Kunstdenkmälern führt der Versuch einer erzwungenen Online-Vorbestellung dazu, dass in den Nebensaisonen viele auf eine Buchung verzichten, und theoretisch vorgesehene Zeitkontingente und ihre Überwachung angesichts der Kunstwerke gar nicht eingehalten werden müssen. Da entsteht ein Markt und Konkurrenz, speziell, weil analoges Publikum nicht zwangsweise arm sein muss und es sich gerne etwas kosten lässt, wenn man keine aufgerufene Nummer ist. Wäre es anders, gäbe es bei uns keine sorgsam gekleideten Dirndlträgerinnen in Cafes und Restaurants, die zwar mit einem Digitalsystem die Bestellung in die Küche schicken, aber ansonsten höchst zuvorkommend und menschlich auftreten. Es gibt keinen rationalen Grund, warum man eine Frau in die Küche rennen nd eine schnell hingeschmierte Bestellung ablegen lassen sollte, und es hilft, wenn sie rechtzeitig weiss, wann die Teller zu holen sind. Die Kundschaft ist bereit, die verbleibende Leistung, das freundliche Lächeln, auch finanziell zu honorieren. Analoges lohnt sich durchaus.

Nur denken jetzt Institutionen, an denen man leider nicht vorbei kommt, man könnte sich das auch noch sparen, und allen einen einzigen Digitalzwang aufdrücken. Weil es auch alle machen. Ich frage mich dann, was mein Vorteil als Kunde ist, wenn meine echte Bank wie eine x-beliebige Onlinebank behandelt werden will, die zur Gewinnmaximierung auf Geschäftsstellen verzichtet. Am Überweisungsautomaten lese ich die Bankverbindungen, und mein Eindruck ist, dass die dominierenden Sparkassen und Raiffeisenbanken schon viele Kunden verloren haben. Als Kind bekam man ein analoges Sparschwein und ein analoges Knax-Heft von den Sparkassen. Die nächste Generation kennt Banken dann nur noch als austauschbare Apps auf den Smartphones. Vielleicht wollen sie es auch so, aber der Ärger über die Zwangsdigitalisierung in meiner Heimatstadt scheint mir ein nicht ganz dezenter Hinweis zu sein, dass das Digitale nicht als Verheißung, sondern auch als Unterdrückung gesehen wird, wenn es keine anderen Optionen mehr gibt.

30. Jan. 2018
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Prügel, Pranger, Pöbeleien: MeToo hasst kritische Autorinnen

Es ist der große Traum vieler Journalisten, einmal so viel Aufmerksamkeit im Netz zu bekommen, dass ihre Arbeit weltweit Beachtung findet, und sie auf die Titelseiten der Medien bringt. In den letzten 24 Stunden ist dieses Kunststück gleich zwei Autorinnen gelungen. Aber beide hatten eigentlich gar nicht vor, Gegenstand eines solchen Erfolgs zu werden – und eine der beiden erlaubt jetzt einen phantastischen Einblick in die Dynamiken, die das Netz ermöglicht.

Eine Beteiligte ist Katie Roiphe. Sie ist Autorin führender Medien, Professorin für Journalismus, und eine emanzipierte und eigenständige Frau vom Alten Schlag. Sie hat seit den 90er Jahren in erfolgreichen Büchern und Essays die Rolle der Frau in der Gesellschaft analysiert, ohne sich dabei ideologisch festlegen zu lassen. Ihr bekanntestes Buch behandelt das Problem sexueller Übergriffe, und hat ihr bei jüngeren Feministinnen den Ruf eingebracht, bei den Opfern eine Mitschuld zu suchen. Ungeachtet dessen hat Roiphe nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Harvey Weinstein beim Magazin Harpers begonnen, einen Beitrag über eine besondere Episode der MeToo-Bewegung zu schreiben: Die Shitty Media Men Liste, ein anonymes, von vielen Personen im Internet zusammengetragenes Prangerdokument, das im Oktober 2017 nach nur 12 Stunden die Namen von über 70 mehr oder weniger bekannten Journalisten und ihre angeblichen Vergehen enthielt. Das Dokument machte schnell die Runde und schaffte es in kurzer Zeit zu einer Weltnachricht, und Roiphe recherchierte dem Fall für die März-Ausgabe von Harper’s Bazaar hinterher.

Brianna Wu ist im Gegensatz zu Roiphe eine Feministin vom Neuen Schlag. Bekannt wurde sie durch ihre führende Rolle in der Gamergate-Kontroverse, die zwischen Feministinnen und verbündeten Medien einerseits und wütenden Gamern und Breitbart andererseits in eine Reihe von gegenseitigen Vergewaltigungswünschen, Mordphantasien und Bombendrohungen mündete. Wu hat den Internetkampf inzwischen auf eine politische Ebene gehoben, und kandidiert mit ihrer feministischen Agenda auf Seiten der Demokraten für den US-Kongress. Gestern schaffte Wu es schlagartig wieder in die Medien, als sie anbot, sich an den Kosten einer Boykottaktion gegen Harper’s zu beteiligen: Im Internet kursierte das Gerücht, Harpers würde den Namen der Initiatorin der Shitty Media Men Liste veröffentlichen. Die TV-Autorin und Feministin Nicole Cliffe hat Journalisten angeboten, ihre Beiträge für Harper’s zu bezahlen, wenn sie diese Texte zurück ziehen.

Brianna Wu bot an, sich an den Kosten zu beteiligen, und spätestens ab diesem Moment und dem Eintritt einer Prominenten war allen Beobachtern klar, dass aus einem simplen Bericht bei Harper’s die nächste, große MeToo-Eskalation werden würde. Harper’s sah sich in der Folge einer wütenden Twitterkampagne ausgesetzt: Feministinnen forderten, das Blatt dürfte auf keinen Fall den Namen der Initiatorin bringen. Aktivistinnen verlangten eine Trennung von Kathie Roiphe und eine Entschuldigung des Magazins, und angeblich waren auch einige Autoren bereit, ihre Beiträge für Harpers zurück zu ziehen.

Die nächste Eskalationsstufe war eigentlich keine: Die New York Times setzte sich mit Katie Roiphe in Verbindung, und die Autorin versicherte, es hätte nicht beabsichtigt, den Namen der Erstellerin der Shitty Media Men Liste zu veröffentlichen. Lediglich ein Fact Checker, der die Inhalte der Geschichte prüfte, hatte die mutmaßliche Initiatorin angeschrieben und um die Bestätigung einer Angabe im Text gebeten.

Das wäre möglicherweise der Moment gewesen, um den grossen Knall noch zu verhindern: Die eine Seite hat der anderen das Recht zugestanden, anonym und sicher zu bleiben, und die andere Seite hat sich mit dem Verlangen durchgesetzt, sich ohne Bedrohung und Gefahr im Internet über Probleme austauschen zu können – so wie die Liste ursprünglich als klandestines Netzwerk geplant war. Aber offensichtlich ging es Cliffe und ihren Mitstreiterinnen um deutlich mehr – nämlich um die bei ihnen verhasste Katie Roiphe, in der es angeblich keinen einzigen ehrlichen Knochen gäbe:

Und prompt wurde der Vorwurf laut, Katie Roiphe hätte gelogen – von einer Person, die angab, sie hätte bessere Kentnisse über den wahren Ablauf der Dinge und die Erlebnisse der Betroffenen:

Damit war für die Anhängerinnen der Shitty Men Liste klar, dass Roiphe die Unwahrheit gesagt hat, und aus dem Fall der bis dahin noch anonymen Autorin ein Fall Roiphe und Harper’s werden sollte:

Zu diesem Zweck schwappte der laute Twitteraktionismus dann aus dem Netz zu den Telefonanschlüssen von Harper’s, damit das Magazin den Namen nicht nennen würde:

Aber Cliffe, die zusammen mit Wu den Fall erst richtig groß und bekannt gemacht hatte, um die Identität der Initiatorin zu schützen, fand es auf einmal gut, wenn sie sich nach all dem Geschrei doch selbst äußern würde.

Was eine gewisse Moira Donegan dann unter dem enormen Druck der Ereignisse auch tat. Die Geschichte hinter der Liste und ihrem enormen Erfolg, die sie selbst erzählt, ist aber weder eine wütende Anklage gegen Katie Roiphe, noch Jubel über das eigene Tun: Es ist vielmehr die Geschichte einer jungen Frau, die ”unglaublich naiv” war und denkt, man könnte mit einer still zusammen getragenen Liste den ein oder anderen unschönen Fall verhindern. Größere Gedanken um moralische Implikationen oder die unerwartet schnelle Verbreitung hatte sie sich nach eigenen Angaben vorab nicht gemacht: Sie schildert sich ruhig und klar als Opfer einer Wirkung, die sie nie erwartet hätte. Für den Kampf der jungen Feministinnen gegen eine alte Feministin bietet der Text eher wenig Munition, denn der Fact Checker fragte sie nach Donegans Eigenangabe lediglich, ob sie eine – und nicht die einzige – Person hinter der Entstehung der Liste sei, “wie weithin angenommen werde“. Donegans Befürchtung war inzwischen, dass der Aufschrei im Netz schon vorab ihre Identität bekannt machen würde:

The outrage made it seem inevitable that my identity would be exposed even before the Roiphe piece ran.

Dafür schildert der Text anschaulich die Dynamiken, die in Zeiten der MeToo-Erregung nicht nur über mögliche Täter, sondern auch über Randfiguren hinweg rollen können. Donegan hat den eigenen Angaben zufolge Freunde und später auch eine Stelle verloren, nicht alle in ihrem Umfeld waren mit der Liste einverstanden – offensichtlich hat sie ihre Urheberschaft nicht allzu gut geheim gehalten. Es ist ein reflektierter Text über ein Ereignis, ganz anders als die ruppigen Anklagen und Großkonflikte, die sonst das Thema beherrschen. Sie hat Angst, findet die Liste und das, was daraus wurde, aber weiterhin gut:

Like a lot of feminists, I think about how women can build power, help one another, and work toward justice. But it is less common for us to examine the ways we might wield the power we already have. Among the most potent of these powers is the knowledge of our own experiences. The women who used the spreadsheet, and who spread it to others, used this power in a special way, and I’m thankful to all of them.

Ungeachtet dessen läuft der eigentliche Konflikt um anonyme Listen und Kritiker wie Katie Roiphe mit aller Härte und Verbissenheit weiter.

Das feministische Portal Jezebel macht aus der Recherche den Vorwurf des Doxxings gegen Harper’s.

Und nachdem sich Amy Siskind von The New Agenda, einem wichtigen Frauennetzwerk um Hilary Clinton, auch noch einmischt und obendrein Nicole Cliffe für ihr Engagement dankt, das mit dem Shitstorm letztlich erst zum Selbstbekenntnis von Donegan führte

ist der Kampf Frauen gegen Frauen, neue Feministinnen gegen alte Feministinnen, Twittermob gegen etablierte Journalistin auch in den oberen politischen Sphären angelangt.

Warum? Weil eine Journalistin ihre Arbeit gewissenhaft gemacht hat und zutreffend die Hintergründe einer Weltnachricht recherchierte, und einer Person zweimal die Gelegenheit gegeben hat, sich zu äußern. Katie Roiphe hat keinen erkennbaren Fehler gemacht, Moira Donegan sagt selbst, dass sie zu naiv war – aber der Mob hat entschieden, dass Harper’s und Roiphe dafür bestraft werden müssen.

Eigentlich sollte es bei MeToo mal um den Schutz von Frauen gehen, aber das gilt offensichtlich nur, wenn es die richtigen Frauen mit der richtigen Einstellung und ohne kritische Fragen sind. Denn bei Jezebel spricht sich jemand offen dafür aus, Roiphe für ihre Arbeit zusammenzuschlagen.

Möglicherweise dachte Catherine Deneuve bei ihrer Kritik an MeToo an solche Aktivisten.

11. Jan. 2018
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09. Jan. 2018
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NetzDG oder wie Freunde lernten, das Denunzieren zu lieben

Ich bin sicher der Letzte, der der Fehleinschätzung erliegen würde, schlimme persönliche Erfahrungen im eigenen Umfeld oder der eigenen Familie würden Menschen irgendwie “edler” oder “geprägt von Erkenntnis” machen, nach dem Motto “was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu”. Ich bin nach Gesprächen mit Menschen, die im 2. Weltkrieg oder in den Nah- und Mittelostkonflikten ganz erhebliche Gewalt ausübten und auch Menschen umbrachten, schon froh, wenn sie später einmal vorsichtig über die Vergangenheit reflektieren. Aber das machen nicht alle und die meisten sind der grimmigen Meinung, dass es “halt so war”. “Leider”. Insofern bin ich jetzt auch nicht überrascht, dass Dunja Hayali, die von einer oft unterdrückten, religiösen Minderheit aus dem Irak abstammt, hier in Deutschland nun Verständnis für das Netzwerkdurchsetzungsgesetz äußert. Sie stellt, erstaunlich für eine führende Journalistin eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks, den Gummibegriff “Hassrede” – unschön, aber nach der laufenden Rechtsprechung sehr oft durch das Grundrecht der Meinungsfreiheit gedeckt – auf eine Stufe mit dem klar definierten Straftatbestand der Volksverhetzung.

Die SPD-Politikerin Sawsan Chebli kommt aus einer palästinensischen Familie, die 1970 aus dem beginnenden Bürgerkrieg im Libanon nach Deutschland geflohen ist. Wer den Libanon kennt: Da macht einen die politische Meinung in der einen Strasse zum Vertreter der einzig wahren Sichtweise und eine Strasse weiter zum Ziel von Anschlägen. Der Libanon war jahrzehntelang ein Paradebeispiel dafür, was passiert, wenn man sich dem politischen Diskurs verweigert, und trotzdem schreibt Chebli:

Der Vater der früheren taz- und jetzigen Zeit-Journalistin Mariam Lau musste sowohl vor dem Regime des persischen Schahs als auch vor dem Regimes der Mullahs aus dem Iran fliehen. Twitter wird per Gesetz gezwungen, jeder Denunziation nach dem NetzDG nachzugehen und macht das auch so intensiv, weil es nun mal die Rechtslage in Deutschland ist. Trotzdem hat Frau Lau da einen Verdacht, Twitter könnte absichtlich so agieren:

Das sind drei Beispiele von Personen, bei denen man eigentlich annahmen könnte, sie würden über das NetzDG und seine Folgen genauer reflektieren. Dass es westdeutsche Wohlstandskinder ohne Diktaturerfahrung nicht tun, weil sie der Meinung sind, dass sie recht haben, und sich zu den 87% zählen, die gegen die AfD antreten, war nicht anders zu erwarten – speziell, wenn sie für die SPD, in ihren Vorfeldorganisationen oder in den öffentlich-rechtlichen Sendern sind, die sich in dieser Frage betont politiknah zeigen. Es sind viele Leute im Netz unterwegs, die wirklich glauben, die Ehe-für-alle- und Einwanderungsnation BRD, in der die Steuern für mehr Windstrom erhöht werden sollen und Vermieter per Gesetz zu billigen Mieten gezwungen werden, sei auf dem Weg nach rechts, und müsste mit allen Mittel gestoppt werden, gnadenlos. Es ist kein Zufall, dass die erste bekannte Löschung in diesem hysterischen Klima nach Neujahr nach dem NetzDG gar keinen Rechten betraf, sondern einen missverstandenen Witz einer Autorin – mit SPD-Parteibuch.

Ich teile die Befürchtung des Kollegen Wieduwilt, dass die SPD um so verbissener um das Gesetz kämpfen wird, je stärker die Kritik wird. Nicht nur wegen der AfD und ihr Umfeld, gegen die sich das Gesetz richtet und die natürlich, im Gegensatz zur ebenfalls betroffenen Titanic, keinerlei Unterstützung der Medien erhalten. Sondern auch, weil das Verhältnis der SPD zu Bürgerrechten traditionell so ist, egal ob bei der Vorratsdatenspeicherung, dem neuen Sexualstrafrecht, das uns mittelfristig neue Debatten über steigende Fallzahlen durch Flüchtlinge bringen wird, bei HartzIV, beim Leistungsschutzrecht, oder bei CETA, TTIP und dem angeblichen “Prostitutionsschutzgesetz“. Die SPD ist dort unten, wo sie nun ist, nicht angekommen, weil sie so eine tolle Politik gemacht hat, sondern weil das NetzDG idealtypisch für das Regierungshandeln der Sozialdemokratie steht. Heiko Maas, Anetta Kahane und andere Exponenten der Netzkontrolle halten sich für Drachentöter, auch wenn sie für eine Entwicklung stehen, die zurück nach Ostberlin vor 1989 weist, gerade so, als wollte sich die SPD für die Umschreibung “SED-Nachfolgepartei” bewerben.

Wie gesagt, ich bin Historiker, und als solcher weiß ich, dass die Möglichkeit zur Denunziation genutzt wird, sobald man sie anbietet. Ich erlebe das auch eigentlich täglich, denn selten einmal schreibe ich einen Beitrag, für den mich dann nicht jemand bei meinem Arbeitgeber verpetzt. Das letzte Beispiel ist von gestern, die Dame ist Pressesprecherin der SPD im hessischen Kronberg und dort auch im Gemeinderat, und sie wendet sich hier mit Mention auch direkt an die FAZ:

Das ist die banale Mentalität der kleinen Anschwärzung, aus der heraus das Denunzieren erwächst. Würde Twitter tatsächlich etwas von mir löschen, würde der Denunziant das vermutlich auch stolz mitteilen, wie man das momentan laufend erlebt. Es ist ziemlich hässlich. Und erwartbar. Nur eine Sache hat mich wirklich verstört, vermutlich so, wie es einen Bürger der frühen DDR verstört hat, wenn der frühere kommunistische Widerständler aus dem KZ dann in der STASI aufsteigt. Denn das Denunzieren beim Arbeitgeber ist nicht neu. Und zwei frühere Bekannte, die sich dem NetzDG gewogen zeigen, wissen genau, wie hoch die Risiken sind. Weil dieses Denunzieren zusammen mit dem lockeren Mundwerk beiden fast die Karriere gekostet hätte.

Bei solchen Ausrutschern gibt es Leute wie die deutsch-österreichischen Moderatoren Stermann und Grissemann, die sich einmal in eine Erschiessungsbemerkung gegen Jörg Haider hineingeplaudert haben, als das Aufnahmegerät eingeschaltet war. Das kann passieren, es wurde knapp, die beiden haben sich entschuldigt und aufgrund ihrer enormen Popularität ihre Karriere fortgesetzt. Das sind aber die Grossen in diesem Geschäft. Die Mittelschicht, die von ihren Aktivitäten zwischen Medien und Netz leben kann, ist bei weitem nicht so sicher, und die beiden Fälle, die ich kenne, sind ganz ähnlich: Die beiden Personen haben jeweils etwas gesagt, das “man nicht sagt”. etwas aus dem Graubereich zwischen sehr blöd, geschmacklos und noch nicht strafbar, aber doch arbeitsrechtlich relevant. Egal ob Youtuber oder Webjournalist: Es gibt zwar Meinungsfreiheit, aber nicht jede öffentlich getätigte Aussage muss der Arbeitgeber hinnehmen. Öffentliche Beispiele gab es schon: Der selbst von Strafverfolgung bedrohte Herr Böhmermann hat im Mai 2017 den früheren Nachrichtensprecher Hans Meiser wegen Verbindung zu einem fragwürdigen Portal entlassen. Oder die Entlassung einer Autorin, die nicht für Blumenmädchen bei der schwulen Hochzeit das Wort ergriff, und von Volker Beck und seinen Mitarbeitern gehetzt wurde. Die beiden Fälle, die ich persönlich gut kenne, waren nicht rechts oder konservativ, sondern einfach nur “doof” und in einem Fall offensichtlich nicht bei vollem Bewusstsein abgeschickt. Wir wissen eigentlich alle, dass solche kurzen, dummen Wutausbrüche passieren. Ich gehe dann radeln, andere sagen es ihren 56.000 Followern. Brühwarm. So wie Heiko Maas es Sarrazin gesagt hat.

Aber der kleine Netzjournalist ist nun mal kein Minister, den eine Partei halten will, und auch kein Idol grosser Gruppen, sondern nur ein mehr oder weniger ersetzbarer Leistungsbringer. Sehr oft sind diese Leute in einem prekären Anstellungsverhältnis, und auf jeden von uns kommen 100 andere, die gern unsere Jobs hätten. Und die Fälle, die ich mit ihren Details kenne, betreffen zwar durchaus eher linke Personen, aber die Vorwürfe haben mit der politischen Ausrichtung überhaupt nichts zu tun. Beide Fälle hatten eher zufällige Auslöser, beide sagten am falschen Ort die falsche Sache und gerieten damit an die falsche Person. Im normalen Gespräch hätte man vielleicht die Augen verdreht und das alles schnell wieder vergessen, aber hier draußen im Netz wurde daraus eine Nachricht, und irgendwo in den Konzernen trafen die Denunzianten dann auch auf Vorgesetzte, die nicht umhin kamen, das zur Kenntnis zu nehmen. Und so kommt es dann, dass jemand, der jahrelang eigentlich nur das “Richtige” sagte, einmal aus dem Impuls heraus ein einziges Mal das Falsche tut, und dabei in Konflikt mit Verhaltensrichtlinien kommt, die eigentlich Vorschriften sind.

Jedem ist eigentlich klar, dass es unvermeidlich ist. Das Leben ist keine Verhaltensrichtlinie, niemand macht immer alles richtig und je unwichtiger die Nebenschauplätze sind, desto öfters leistet man sich manchmal einen weniger gelungenen Spruch. Politisch gesprochen haben wir jenseits unserer Moralpanzer auch viele weiche Flanken, die uns angreifbar machen, und dazu kommt auch noch die Neigung diverser kreativer köpfe, Betäubungsmittel und Mobiltelefon gleichzeitig zu benutzen. Ich habe nur einen Rechner und trinke keinen Alkohol, aber bei manchen gehört eine gelöste Stimmung ohne Impulskontrolle irgendwie dazu . Das macht aber noch niemanden zu einem schlechten Menschen. Wenn aber auf der anderen Seite des Bildschirms dann ein kühler, überlegter Stratege sitzt, und den richtigen Zeitpunkt erwischt, wird das zur Bedrohung. Manche wollen das genau so haben, ein gewisser Jürgen Geuter betreibt sogar in Bezug auf mich und meine Tätigkeit schon lange eine eigene Webseite:

Andere planen genau, warten auf den richtigen Moment, oder haben einfach nur Glück, weil ihre Mail die “richtige” Stelle erreicht. Das ist alles kein Ergebnis des NetzDG, das war alles schon länger da, und speziell Twitter ist mitunter brandgefährlich gewesen. Das NetzDG trägt mit seiner privatisierten und fehlerhaften Zensurinfrastruktur und nachweisbaren Denunziationserfolgen zu einer Verschärfung bei, weil es Fehltritte dokumentierbar macht. Es wird mit Email von Twitter belegbar, dass jemand daneben gegriffen hat, und zur perfekten Dystopie für alle braucht man nur noch einen verbindlichen Internetausweis, den ich der neu-alten GroKo jederzeit auch zutrauen würde.

Sie werden es auch machen können, denn die geschlossenen Reihen derer, die dagegen sind, gibt es nicht mehr. Es gibt viele, die sich mit dem NetzDG arrangiert haben und es für ungeschickt, aber nötig erachten. Sie sagen das Wort “Leider” dazu, selbst wenn sie aus eigener Ansicht die Risiken kennen. Sie sind bereit, diese Risiken auch für andere in Kauf zu nehmen, weil sie denken, es diene ihrer größeren Sache und ihren Vorstellungen. In den letzten Jahren haben genau diese Leute immer darauf hingewiesen, wie schnell ein Land Richtung 1933 kippen könnte. Jetzt geht es wieder gegen den innersten Kern und den Geist des Grundgesetzes, und sie sagen, ihre Haltung sei vielleicht unpopulär, aber es sei nun mal angesichts der vielen Bedrohungen nötig. Leider. Es ist eine Argumentation, mit der man auch Selbstschussanlagen an der deutsch-deutschen Grenze aufstellen kann.

Wie gesagt, es machen nicht irgendwelche Leute aus dem Netz,, sondern enge Bekannte, von denen ich mir sicher war, dass ich sie sehr gut gekannt habe, und die selbst die Risiken nur zu gut kennen. Ich hätte mir das nie vorstellen können. Denn eigentlich wissen sie, dass Menschen fehlbar, aber integer sein können, und welchen Preis man letztlich alle zahlen, wenn man das aus den Augen verliert.

09. Jan. 2018
von Don Alphonso
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03. Jan. 2018
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Der private Hass hinter dem Niedernetzen von Alice Weidel

Vor ein paar Jahren hat eine junge Frau versucht, mit einem Bekannten ein SPD-Mitgliederbegehren gegen die Vorratsdatenspeicherung durchzusetzen. Mit, das sage ich ganz offen, beeindruckender Hartknäckigkeit und einer gelungenen Netzkampagne. Die junge Frau hat damals hier im Blog einen Beitrag über den Entscheid geschrieben, sich später mit der SPD und auch mit mir überworfen, und ist heute eine Netzfeministin. Heute hat die SPD das Netzwerkdurchsetzungsgesetz vor allem gegen ihre politischen Gegner in Stellung gebracht – ich denke, das kann man angesichts der Lässigkeit, mit der Twitter nicht gegen Doxing vorgeht, wenn es “die Guten” machen, schon so sagen.

Jetzt hat der Bannstrahl nicht nur einen der denunzierten Feinde der besagten Netzfeministin, sondern auch eine nicht heterosexuelle und politisch erfolgreiche Frau in einer Führungsposition getroffen. Eine Frau, die damit eigentlich feministische Ideale lebt, nämlich Alice Weidel von der AfD, und die Feministin und frühere Kämpferin gegen die Vorratsdatenspeicherung schreibt dazu:

Sie passt damit zu anderen aus dem gleichen Lager, die es gut finden, wenn eine Frau sich nicht mehr nach eigenem Willen frei äußern kann. Ich will hier nicht darüber schreiben, dass es sich dabei um eine Doppelmoral handelt, oder um ein Zeichen, wie das NetzDG letztlich auf seine Erfinder zurückschlägt, weil sich Weidel und die ebenfalls betroffene Beatrix von Storch nun als Opfer von Zensurmaßnahmen und Denunziation darstellen.

 

Dass führende Politiker des Bundestages von der Plattform gesperrt werden, ist eine ziemlich einzigartige Entwicklung, und auch ein Zeichen dafür, dass die amerikanische Vorstellung von Meinungsfreiheit hier jedenfalls vorbei ist. Ich kann nur raten, die eigene Herkunftsnation auf “Estland” umzustellen, eventuell kritische Inhalte eher in ein Blog zu schreiben und das von Twitter aus lediglich zu verlinken – und sich schon einmal Gab.ai anzuschauen. Und zwar nicht nur wegen der deutschen Netzautokratie, sondern auch, weil Zensur Personen mit anderen Ansichten vermutlich auch in Polen und Österreich drohen könnte. Die guten Zeiten sind vorbei, sogar für Satire.

Und tatsächlich trifft das NetzDG, wenn es trifft, auch normal kritische, witzige und kluge, aber ansonsten friedfertige und überhaupt nicht intolerante Journalistinnen:

Die Löschkohorten im Netz scheinen durchzudrehen. Ich will hier nicht die Tweets vorstellen, in denen Frau Weidel nun in einer Art angegriffen wird, die ebenfalls Verstöße gegen die internen Regeln und das NetzDG wären – es gibt einige davon, man sollte das nicht weiter verbreiten. Die Meinung jedenfalls ist ziemlich einheitlich, endlich wird Weidel der Mund verboten, sie hätte es so verdient, und einiges mehr, was bei Politikerinnen mit anderer politischer Ausrichtung eindeutig als Frauenfeindlichkeit ausgelegt werden würde. Der Anlass wird bejubelt, es werden weitere Konsequenzen gefordert, und zwar durchaus von Leuten, die ansonsten der Regulierung des Internets und Angriffen auf Bürgerrechte höchst kritisch gegenüber stehen. Das sind die, die ansonsten gern Martin Niemöller zitieren; “Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.” Schauen Sie mich nicht so an, ich habe Piraten gewählt. Es hat sich aber etwas geändert, universelle geltende Lehren aus der Geschichte und Rechte werden von deren früheren Verteidigern zur Disposition gestellt.

Warum?

Weil Frau Weidel den Beweis verkörpert, dass die universellen Rechte, die sich die Progressiven auf die Fahnen geschrieben haben, tatsächlich zwar Diversity und Minderheiten fördern – aber diejenigen, die sich letztlich durchsetzen, überhaupt nicht den Erwartungen entsprechen müssen. Progressive haben diese Erfahrungen bei diversen sozialistischen Diktatoren Afrikas gemacht, bei der Schwulenverfolgung in Kuba, beim ANC, bei der Fatah, und momentan droht angesichts der Demonstrationen im Iran die nächste Pleite für den auch in Deutschland geförderten, angeblich feministischen Kopftuchislamismus.

Niemand sieht sich gern auf Seiten der Verlierer, und das Problem bei Frau Weidel ist, dass sie mit dem Image der erfolgreichen, geradlinigen Gewinnerin durch die öffentliche Aufmerksamkeit schreitet. Jemand hat mal geschrieben, Frauen wie sie würde man auf Korpsfeiern treffen, und ich möchte hinzufügen: Auch bei Finanzkongressen, Urheberrechtskanzleien, Pharmafirmenübernahmen und Bankabteilungsleitungspositionen findet man genau diesen Typ Frau. Auch bei uns im Konzertverein, meist an der Seite von ebenfalls reichlich erfolgreichen Männern. Nassforsch, durchsetzungsfreudig, nachdrücklich, leistungsorientiert, zuverlässig. Der Typ Frau, bei dem man immer genau weiß, woran man ist, und der, das darf ich hier privat einfließen lassen, vollkommen inkompatibel zu meinem eigenen Lebensstil ist, selbst wenn es aus Sicht der sozialen Klasse passen könnte. Es gibt nun mal schlechtere Kinder aus besserem Hause, und bessere Kinder. Dazwischen ist ein Abgrund, über den hinweg man Dank der ähnlichen Erfahrung kommunizieren, aber nicht zusammen kommen kann. Allerdings erlebe ich den “Typ Weidel” auch im wenig einfühlsamen Umgang mit Menschen mit anderer Biographie: Die scheinbar unangreifbare Dominanz und die Hybris der Vorankommenden sind es, die weniger effektive Personen innerlich zur Weißglut bringen. Denn die Weidels dieser Welt haben immer alle Scheine rechtzeitig abgegeben, sie haben immer die perfekten Bewerbungsphotos, und sie bekommen die Berufe, die andere gern hätten, weil sie den Eindruck erwecken, sie seien Problemlöser, und nicht Problemverursacher.

Problemverursacher werden dann später einmal twitternde Onlinejournalisten, grüne Hassanweisungsbildpixelschubser, oder linke Fraktionsvorstandsassistentinnen auf Probe, und schauen von da aus zu, wie sie selbst nicht weiterkommen, der Typ Weidel aber schon. Und wir können ja offen darüber reden: Wer ernsthaft auf der Suche nach einer Partnerin ist, mit der man das Projekt Familie, Haus, vier Kinder, drei Autos, zwei Katzen, eine Haushälterin, ein Ferienhaus und Vorstandsposten durchziehen will, ist froh um die gut sortierten Weidels. Wer eine Apotheke oder eine Praxis betreiben will, wer jeden Monat einen Repräsentationstermin hat, wer sich auf den Partner verlassen will, geht eher nicht in dem Bereich suchen, aus dem bunte Autoren und Projektemacher kommen. Nach 20 Semestern Ethnographie und freier Mitarbeit beim Tagesspiegel hat man in seinem 1-Zimmer-Appartment wirklich allen Grund, auf Leute neidisch zu sein, die im gleichen Zeitraum schon Beruf, Haus und Familie meistern. Und natürlich gibt es da auch keinen Bonus für Frauen, die sich in Männerdomänen – und die AfD ist deren absolute Verkörperung – durchgesetzt haben.

Alice Weidel ist nicht nur eine Politikerin. Sie ist ein Symbol für eine Welt, zu der kaum jemand Zutritt erlangen wird, der zur Arbeitszeit anderer Leute eine Twittersäuberung bejubelt. Diese Freude speist sich nach meiner bescheidenen Meinung nicht nur aus der Erleichterung, dass man möglicherweise die Plattform wieder mehr für sich hat, und die anderen zu Gab.ai ausweichen müssen. Es ist ein unterschwelliger Klassenkampf, der im ersten Jahrzehnt von den Debatten um die Veränderungen durch das Internet überlagert wurde. Das Netz versptach eine neue Gleichheit, und befeuerte insgeheim auch die Erwartung, “die Guten” wären so kompetent, dass “die Anderen” im Neuland nichts zu melden hätten. Die AfD ist im Netz, ob man das mag oder nicht, wie viele andere rechte Bewegungen und Donald Trump sehr erfolgreich, egal wie “die Guten” dabei nun die Augen verdrehen.

Nur reicht das nicht: Weil sich im realen Leben der Typ Weidel durchsetzt, und allgemein die Meinung vorherrscht, dass man sich lieber von den Energischen und Erfolgreichen etwas erklären lässt, als von Netzberühmtheiten mit scheckigen Biographien mit Irrwegen und gravierenden Fehleinschätzungen, und Sie dürfen mich da gern auch dazu zählen. Leute wie ich schreiben vielleicht, Leute wie Weidel entscheiden, ob Leute wie ich in die Konzernstrategie passen, oder, wie man das schon bei Spiegel Online sah, der Platz einer älteren Feministin von einer noch männerfeindlicheren, jüngeren Feministin übernommen wird. Im Berufsleben gerät man heute zwangsläufig an die Weidels, weil der Kapitalismus diesen Typ hervorbringt und fördert. Und das archaische Gegenmodell, die alles moderierende Übermutter, hat gerade die letzte Bundestagswahl verloren, und weiß nach Eigenaussage auch nicht, was sie anders hätte machen sollen. Es ist eine Ironie der Geschichte der Frauenrechte, dass die Verkörperung von Erfolg, Selbstbestimmung und Diversity nun jener Fraktion vorsteht, die Genderwahn und Merkelablehnung zu Quellen ihres Erfolgs gemacht hat.

Dieser Kampf um die Deutungshoheit ist ein Großkonflikt in der Gesellschaft, und darüber ernsthaft zu diskutieren, würde an vielen innig geliebten Gewissheiten und Selbstbildern rütteln. Die AfD macht für eine rechte Bewegung momentan erstaunlich wenig Fehler, aber selbst wenn sie verschwinden sollte, ändert es nichts daran, dass der Bedarf an bestimmten Sekundärtugenden und Einstellungen vom Durchmarsch der Frauen auf Führungspositionen nicht tangiert wird. Feministinnen erzählen mir, mit Frauen und Diversity an der Spitze werde die Gesellschaft netter und freundlicher, und Weidel beweist allein mit ihrer Existenz jeden Tag, dass es überhaupt nicht stimmen muss.

Und deshalb laufen Progressive, die vor 5 Jahren noch ganz anders dachten, jetzt zur SPD über, die mit dem NetzDG Weidel zu zähmen verspricht, und selbst bei Twitter solche anMaasenden Aussagen durch Mitglieder zulässt. Leute, die sich jahrelang beklagten, Frauen würden vom Patriarchat zum Schweigen gebracht, melden Frauen mit einem reaktionären Zensurgesetz. Es sind Leute dabei, die früher zu mir privat und als Freunde sagten, so etwas gehe überhaupt nicht. Ich weiß heute nicht mal mehr, ob sie mich – und obwohl ich mit Frauen vom Typ Weidel nur schlecht umgehen kann – nicht auch melden würden, wenn ich etwas Abweichendes wie das hier schreibe. Gemeldet wird inzwischen wirklich alles.

Ich darf das vielleicht noch persönlich sagen: Ich war nach 2017 ziemlich ausgelaugt und habe gehofft, erwartet, ich war mir eigentlich sicher, dass 2018 besser wird.

Da habe ich mich wohl geirrt.

Es wird dank Heiko Maas und den Befürwortern des Zensurmonsters NetzDG hässlich bleiben.

03. Jan. 2018
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29. Dez. 2017
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Diese krassen Medien werden 2018 mit billigen Nudelvideos vom Markt gefegt

Das Projekt heisst “Struggle Meals” und gibt sich nicht die geringste Mühe, das dahinter stehende Elend der Zielgruppe zu verheimlichen. Bei Struggle Meals geht es darum, jungen und zumeist kochunfähigen Leuten zu erklären, wie sie in ihrer durch Netflix, iPhones und Studienkrediten verursachten Finanznot für weniger als 2 Dollar ein Essen zubereiten, Die Ratschläge sind ganz einfach: “Just add water“ und “Put an egg over ist”, heisst es in der Beschreibung. Dazu gibt es Videos, die für Facebook optimiert sind, und sich mit Untertitelung auch ohne Ton und auf dem Mobiltelefon abspielen lassen. Und wenn nun jemand denken sollte, das sei ja wie bei den Asozialen und warum haben die Eltern den Kindern nicht beigebracht, wie man kocht, dem muss ich sagen: Es kann schon sein. Aber wichtiger ist: Dieses Reduziertsozialenprogramm wird darüber entscheiden, wie Medien 2018 in Deutschland aussehen.

Denn die Videoserie Struggle Meals und die dahinter stehende Firma Tastemade machen nicht nur Videos, eine gewisse Menge an Eigenwerbung für ihre Produkte, und weitere Serien über das Kochen. Sie sind damit auch wichtiger Partner von Facebook. Und Facebook wiederum kennt seine Nutzer genau und weiss, welcher Nutzer am Monatsende eher pleite ist, und solche Ratschläge brauchen kann. Facebook entscheidet selbst, welches Kochvideo im Nachrichtenstrom dem Nutzer vorgeschlagen wird, und Tastemade ist ein sehr erfolgreicher Partner mit seinen Videos. Ausserdem sind die Videos inzwischen nicht mehr kurz, sondern bis zu 5 Minuten lang. Das erlaubt es Facebook, in die Videos eigene Werbung einzubauen. Tastemade und Facebook sind bei Kochvideos also sehr gute Partner. Trotzdem wäre das Erziehungsversagen der Amerikaner für Deutschland bedeutungslos – gäbe es nicht zwei Konkurrenten von Tastemade, die in diesem Bereich ebenfalls hohe Erwartungen auf Wachstum und Gewinn hatten: Die Medienkonzerne Vice, hervorgegangen aus einem Punkmagazin in Kanada, und Buzzfeed, eine Seite mit früher leicht konsumierbaren Witzeleien und Katzenvideos – und beide sind die Vorbilder für deutsche Trashseiten wie Bento, Ze.tt, Watson und jetzt.de.

2016 war noch das Jahr, in dem der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg dieser Netzpublikationen die klassischen Medien bedrohte: Buzzfeed und Vice wussten, wie man Beiträge so anreisst, dass sie bei den sozialen Netzwerken verlinkt und geklickt wurden, und orientierten sich gnadenlos an den Nutzerinteressen. Beide Firmen definieren mit ihrem Stil heute auch in Deutschland das Anteasern von Beiträgen, und beide zwangen die deutschen Medien., vermehrt in Social Media Abteilungen zu investieren – oder eben selbst Konkurrenzangebote zu entwickeln. Und tatsächlich blieb in Deutschland der Durchmarsch der Amerikaner aus: Buzzfeed leistete sich unter der ersten Chefredakteurin Juliane Leopold einen, vorsichtig gesagt, verhaltenen Start. Und Vice versuchte sich auf dem deutschen Markt als Content Netzwerk mit vielen gut besuchten, aber finanziell eher erfolglosen Blogs aufzustellen. Allzu viel ist davon nicht übrig, frühe Beteiligte zeigten sich enttäuscht über die Ergebnisse der Zusammenarbeit. 2014 schloss Vice noch eine Vermarktungskooperation mit Gruner + Jahr – die Pressemitteilung prahlt mit den Vice-Partnerblogs Amy & Pink und We make the cake. Heute vermarktet sich Amy & Pink selbst, und das Modeblog we make the cake hat die letzten Pantoffeln im Frühjahr 2017 ausgezogen. Vice konzentriert sich inzwischen unter der Leitung der früheren Stern-Journalistin Laura Himmelreich eher auf die eigenen Seiten, teils mit übersetzten US-Inhalten, teils mit deutschen Eigenproduktionen.

Aber weder Vice noch Buzzfeed ist es in Deutschland gelungen, mit ihren reisserischen Geschichten eine dominante Rolle in den sozialen Medien zu erreichen Vice hat mittlerweile bei Nischenthemen wie Linksextremismus, Polizeigewalt, Drogen, Porno und Feminismus eine Art relativer Marktführerschaft erreicht. Diese Position hat sich folgerichtig darin niedergeschlagen, dass in den amerikanischen Arbeitsverträgen ein “non traditional workplace agreement” unterzeichnet werden musste: Mitarbeiter erklärten sich einverstanden, dass bei der Erstellung der Inhalte auch die Beschäftigung mit extremen Themen wie Sex, Drogen und Gewalt eine Rolle spielen konnte. Die New York Times, deren Spitzenstellung auf dem Medienmarkt lange von Vice und Buzzfeed bedroht war, hat diesen nicht traditionellen Arbeitsbedingungen jetzt einen grossen Beitrag gewidmet, in dem es um sexuelle Belästigung bei Vice geht: Ein Zeichen dafür, dass Vice schon länger kein Jäger der Etablierten mehr ist, sondern eine Marke mit ethischen und finanziellen Wachstumsschwierigkeiten.

Die internen Sexskandale der Nachwuchsmedien ließen sich noch mit Entschuldigungen und Entlassungen im Rahmen der #MeToo-Debatte bereinigen. Aber schon davor war das Geschäftsmodell der lustigen und krassen Inhalte an Grenzen gestoßen, weil sich allerorten Nachahmer wie Heftig.co und Upcoming fanden, die den Stil und die Machart der Originale kopierten. Mitte dieses Jahres hat Vice noch einmal 450 Millionen Dollar erhalten, und einen Börsengang in Aussicht gestellt. Auch Buzzfeed deutete an, man könnte mit üppigen Gewinnen für die Investoren im Jahr 2018 an die Börsen gehen. Aber gleichzeitig entließen die beiden Firmen im Zuge der Neuorientierung auf die wachsenden Videosparten 60 bzw. 200 Mitarbeiter – nicht wirklich ein Signal für gelungene Unternehmensführung. Im November machte dann die Runde, Buzzfeed würde das Umsatzziel von 350 Millionen Dollar um 50 bis 70 Millionen verfehlen, und auch bei Vice vermuten Beobachter, dass der Konzern beim Umsatz deutlich hinter den Erwartungen zurück bleibt. Der kleinere Konkurrent Refinery29 nutzte die Weihnachtszeit, um ebenfalls ein paar Leute zu entlassen.

In dieser Situation hat John Peretti, der Chef von Buzzfeed, eine Memo an alle geschrieben. Er beruft sich auf jene allgemeine Medienkrise, der Buzzfeed in Zeiten des rasanten Wachstums scheinbar mühelos widerstanden hatte. Peretti klagte über das Verhalten von Google und Facebook, die zu viel Geld behielten und den Content-Lieferanten zu wenig Erlöse erlaubten. Im gleichen Text äußerte er sich auch zu den grossen Hoffnungen, die der Konzern in seine eigenen Kochvideosparte namens “Tasty” setzt. Dort jedoch ist Buzzfeed trotz einer umfassenden Strategie ebenso wenig der Marktführer wie der auch zum Kochgeschäft hin expandierende Konkurrent Vice. Perettis Manager werden von anderen Diensten wie Tastemade bedrängt, die sich auf dieses Thema spezialisieren, und Facebook wunschgemäße Videos liefern – und einen Markt beliefern, in dem manche Konsumenten weniger als 2 Dollar für das Essen ausgeben. Das ist nicht wirklich die kaufkräftige Zielgruppe, die alle bewerben wollen.

Das Drama spielt sich vor einen robusten US-Konjunktur, einer unternehmensfreundlichen Steuerreform, einer andauernden Krise der Printmedien und einem Allzeithoch der US-Börsen ab – die Rahmenbedingungen für neue Medien könnten eigentlich gar nicht besser sein. Da mag es für Buzzfeed tröstlich sein, wenn es hierzulande schadenfroh einen Beitrag namens “20 Menschen, die ein deutlich schlimmeres Jahr 2017 hatten als du ” bringen kann, Aber trotz der diversen Unternehmungen bis hin zum “branded content” der werbenden Industrie ist der Siegeszug erst einmal vorbei. Um eventuelle Käufer und Investoren gnädig zu stimmen, bräuchten beide Firmen entweder außergewöhnlich gutes Wachstum, oder erkennbare Schritte in Richtung Gewinne der Anteilseigner. Letztere sind nur durch Sparbemühungen zu erreichen, etwa durch den Ausstieg aus teuren und unprofitablen Märkten, in denen sich die Firmen gegen die Konkurrenz nicht durchsetzen können. Gegner sind dabei in Deutschland nicht nur Bento und Heftig bei den Inhalten, sondern auch all die Videoinfluencer mit ihren total vermarkteten Kosmetik- und Spielekanälen. Deren Inhalte sind zwar mitunter noch etwas flacher, aber sie verfügen als eigenständige Marken über jene begeisterten Anhänger, die die Amerikaner hierzulande bislang nicht gefunden haben.

Es kann durchaus sein, dass “ein Nordfriese wohl ungestraft mit seiner Hanf-Plantage davonkommt”, wie Vice Deutschland schreibt, aber wie diese Portale die Fehler und Versäumnisse auf dem deutschen Markt 2018 aufholen wollen, wird sich noch zeigen müssen. Ich wäre, höflich formuliert, nicht überrascht, wenn das ein oder andere nicht gerade mit Werbung überfrachtete Projekt als Kostenfaktor auf den Prüfstand kommt.

Das ist natürlich nur eine Vermutung. Aber das Geschäftsmodell der Videos ist für diese Firmen zu wichtig, und wurde in Zeiten des Nutzerwechsels weg vom Rechner und hin zum Handybildschirm zum leuchtenden Pfad in die Zukunft erklärt. Das alte Geschäftsmodell ist ausgereizt: Irgendwann kennt jeder die 999 besten Gründe, warum man nach dem Klicken bei Buzzfeed enttäuscht wird, und weiss, was passiert, wenn man als bekiffte Drag-Queen auf den AfD-Parteitag geht. Gleichzeitig versuchen beide Portale auch, seriöse Inhalte zu erstellen, um bei Erwachsenen besser anzukommen. Aus den Vorreitern werden damit Nachahmer, die sich bei herkömmlichen Medien Personal beschaffen müssen. Die Erfahrung zeigt, dass Nachahmer in heftig umkämpften Märkten bei hohen Verlusten und stagnierendem Wachstum nicht mehr die Vorbilder anderer Medien sind. Die New York Times und die Katzenvideos werden natürlich im Netz bleiben, und vielleicht spricht man über Vice und Buzzfeed 2019 immer noch.

Als abschreckendes Beispiel des letzten, gescheiterten Internethypes.

29. Dez. 2017
von Don Alphonso
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22. Dez. 2017
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Linke und das wirkungslose NetzDG: Mobbing, Doxing, Polizisten verfolgen

Ich habe vor meinem letzten Beitrag zur Löschpolitik an die Pressestelle von Twitter geschrieben. Es ging um den Fall des wegen antideutscher Bemerkungen umstrittenen Grünen-Politikers Matthias Oomen. Oomen hatte nach Eigenaussage die Löschung eines feindlichen Accounts erfolgreich mit einer Meldung betrieben. Ich habe bei Twitter gefragt, welche Seite Oomen gemeldet haben soll, um welchen Vorwurf es sich handelte, welche Aussage des Betroffenen zur Abschaltung des Accounts führte, und wie sich Twitter zur offenen Absprache, andere Accounts mit Meldung in Folge des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes abschalten zu lassen, positioniert. Die Antwort kam für den Beitrag deutlich zu spät und lautete;

Hi there,
Thank you for reaching out.
We don’t comment on individual accounts for privacy and security reasons.
Best,
Ian 

Das ist alles, wenn sich Twitternutzer offen absprechen, wie man gegen Andersdenkende operiert, damit diese die Plattform verlieren, und man selbst unbehelligt bleibt. Tatsächlich wurden Oomen und sein Partner wegen Regelverstoß gemeldet: Ètwas Offensichtliches ist ihnen deshalb bislang nicht passiert. Das ist erstaunlich, denn eigentlich sagt Twitter:

Es ist uns wichtig, eine Kultur von Vertrauen, Sicherheit und Respekt zu schaffen.

Wo die Sicherheit noch sein soll, wenn sich andere zum Cybermobbing zusammentun, ist nicht erkennbar. Nun hat so eine Zensur durch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz NetzDG immer so seine zwei Seiten: Es gibt Aussagen, die zur Löschung oder zur Nichtverfügbarmachung in Deutschland führen – da reicht leise Kritik am Islamismus mitunter schon aus. Und es gibt Aussagen, die das Netzwerk nicht beanstandet. Twitter will über diese individuellen Fälle nicht reden, aber es gab in den letzten Tagen durchaus ein paar bemerkenswerte Wortmeldungen, die für Aufsehen sorgten, und deren Verursacher nicht ohne Kritik blieben. Geschehen ist aber seitens Twitter nichts.

Beispielsweise hat der besagte Matthias Oomen am Tag nach dem Gedenken an die Opfer des Terroranschlags vom Breitscheidplatz folgende Umfrage eines wenig erbaulichen Trolls an seine über 73.000 Follower verbreitet:

Die originale Umfrage ist noch im Netz, denn Twitter hatte offensichtlich – ähnlich wie manches deutsche Gericht mit Galgen – mit dieser pietätlosen Art “Humor“ kein besonderes Problem. [https://twitter.com/impUbermensch/status/943524097442623488] Ebenfalls nicht beanstandet wird das sog. “Zentrum für politische Schönheit“, das seit gestern ganz unkünstlerisch mit Angabe der Telefonnummer dazu aufruft, eine Bank anzurufen und auf sie einzuwirken, dass die Identitäre Bewegung ihr dort angelegtes Konto verliert. In den vergangenen Monaten gab es solche Aktionen schon von der Antifa – diesmal macht es die Truppe von Philipp Ruch und hängt gleich noch eine üble Verdächtigung an den Aufruf, die nicht mehr von der Meinungsfreiheit gedeckt sein muss.[https://twitter.com/politicalbeauty/status/943757823040729089]

112.000 Follower hat die Gruppe, und gemeinhin wird dieses Verhalten als Doxing bezeichnet. Wegen derartiger Übergriffe hat Twitter sogar eine „Report doxing“ Funktion eingeführt. Aber im Fall des ZPS und der betroffenen Bank wurden bislang keinerlei Initiativen ergriffen – obwohl bis zum jetzigen Zeitpunkt schon 213 Personen den Aufruf gegen das Institut weiter verbreitet haben.

Der Nutzer Mica4711 wurde nach meinen Informationen bereits mehrfach gemeldet, weil er offensichtlich anlasslos und reihenweise Listen politischer Gegner erstellt und mit dem Hashtag #reportthemob dazu aufruft, die Betreffenden bei Twitter zu denunzieren – von der Islamkritik bis zum Satireaccount ist da alles mögliche betroffen, was nicht in den linken Aktivismus passt [https://twitter.com/Mica4711/status/942426289536995328] Der Account betreibt durchwegs „Feindbeobachtung“ und zielt darauf ab, andere löschen zu lassen. Für Twitter ist das aber kein Grund, aktiv zu werden.

Das ändert sich auch nicht, wenn nicht mehr angebliche “Rechte“ oder ihre angeblichen “Unterstützer“ im Fokus der Denunziation sind, sondern Vertreter des Staates. So beschwerte sich die Berliner Polizei über das Treiben der Besetzer der Rigaer Strasse, die Dutzende von Bildern von Polizisten in einem linksextremistischen “Fahndungsaufruf“ veröffentlich hatten. Die Polizei hat in diesem Fall, der sich gegen die persönliche Sicherheit der Beamten richtet, den Staatsschutz eingeschaltet:

Völlig unbehelligt davon bezichtigt sich der Twitteraccount der Besetzer dieser Tat und ruft nun schon seit fast einer Woche ungehindert bei Twitter dazu auf, die mutmaßliche Straftat zu unterstützen. [https://twitter.com/rigaer94/status/942515883112648705]

Es wäre für Twitter leicht, anhand der 185 Retweets den Kreis der gewaltbereiten Unterstützer der Aktion festzustellen und deren Accounts im Zweifelsfall wie auch den der Rigaer94 lahmzulegen – schließlich war die Befürchtung, aus Hass im Netz könnte reale Gewalt werden, früher eine Begründung für die Einführung des NetzDG. Trotzdem kann der Aufruf weiter verbreitet werden. Weil offensichtlich andere befürchteten, der Tweet könnte gelöscht werden, haben sie es auf ihren eigenen Accounts gespiegelt – aber wie man sieht, war die Vorsicht vollkommen unbegründet: [https://twitter.com/keinhelfer/status/942736296946135041]

Das ist um so erstaunlicher, als am Montag neue, scharfe Regeln bei Twitter in Kraft traten, die politische Gewalt und Mobbing von Gruppen wie der Autonomen Antifa effektiv verhindern sollen. Es geht dabei angeblich gegen

Accounts that affiliate with organizations that use or promote violence against civilians to further their causes. Groups included in this policy will be those that identify as such or engage in activity — both on and off the platform — that promotes violence.

Nach weiteren neuen Regeln müssten sich, und zwar ganz ohne das von Heiko Maas eingeführte NetzDG, auch die Aktivisten rund um Herrn Ruch vor Konsequenzen fürchten:

Our hateful conduct policy and rules against abusive behavior prohibit promoting violence against or directly attacking or threatening other people on the basis of their group characteristics, as well as engaging in abusive behavior that harasses, intimidates, or uses fear to silence another person’s voice.

Twitter kennt die Leute. Sie wurden gemeldet, sie stehen in den Medien, sie sind kinderleicht mitsamt ihren Unterstützern zu finden. Sie sind aber immer noch da, und wenn ich dort nachfrage, beruft man aich pauschal auf die Privatsphäre und auf die Sicherheit – die manche Polizisten und Bankmitarbeiter vielleicht auch gerne hätten.

Dass sich Twitter ansonsten durchaus mit grossen Accounts anlegt und sie entfernt, zeigte sich diese Woche bei der rechtsradikalen Kleinpartei “Britain First“ und anderen rechten Accounts, die von der Plattform verstossen wurden.

22. Dez. 2017
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18. Dez. 2017
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Erdogans Mob und grüne Denunzianten: Wem das SPD-NetzDG nützt

In den letzten vier Jahren habe ich so einiges erlebt. Zum Beispiel, dass die SPD selbst die Vorratsdatenspeicherung gegen den erklärten Willen diverser Parteigliederungen in den Koalitionsvertrag mit der CDU schreiben liess. Die gleiche SPD stimmte basisdemokratisch über das Gesamtpaket ab, ich lehnte es wegen der VDS ab – Gabriel hat gewonnen, mir reichte es, und ich trat nach fast 30 Jahren aus der Partei aus, und betrachtete den Niedergang von der Seitenlinie aus. Die Partei kassierte vor dem EuGH eine Schlappe , der Justizminister behauptete, mit ihm werde es keine VDS mehr geben, und dann propagierte diese Partei aus eigenem Willen eine Mindestspeicherfrist. Der gleichen Partei war es völlig egal, dass bei CETA und TTIP fundamentale digitale Bürgerrechte zugunsten von politiknahen Lobbyisten geopfert wurden. Die Partei machte sich auch keine erkennbare Mühe, die Besetzung des Datenschutzbeauftragten im Bund mit einer kompetenten Person zu fordern, oder den NSA-Skandal aufzuklären. Asyl für Snowden gab es natürlich nicht, dafür durfte mit Unterstützung der SPD wirklich jeder andere kommen, und die SPD-regierten Länder NRW und Berlin zeigten dann im Fall Amri, wie wenig sie dazu in der Lage sind, die auf Kosten der Bürgerrechte erreichten Mittel praktisch einzusetzen. Wer sich wegen der Amris Sorgen machte, war für Sigmar Gabriel schnell “Pack”, und SPD-Politiker finanzierten im Netz Propagandaaktionen wie “Doppeleinhorn“ oder die Sprachpolizei “No Hatespeech”. Die letzten Jahre, die SPD und die Bürgerrechte – das war schon so ein spezielles Thema.

Ach so, und beim nationalen IT-Gipfel forderte Gabriel unter dem 1984er Neusprechwort “Datensouveränität” auch schon mal eine Aufweichung des Datenschutzes zugunsten wirtschaftlicher Interessen. Um so mehr erstaunt es mich 4 Jahre nach dem Parteientscheid und einer krachenden Niederlage für Gabriel, dass besagter Herr jetzt nicht nur eine früher dem Pack überlassene Debatte zu “Heimat” und “Leitkultur” in der abgewirtschaftsminsterten SPD fordert, sondern über seine Partei auch noch sagt, “Datenschutz war wichtiger als innere Sicherheit”. Ganz so, als ob die pollerverstellten Weihnachtsmärkte nicht Folge der den Terror früher verharmlosenden CDU/SPD-Asylpolitik gewesen wäre, sondern dem Umstand geschuldet seien, dass es einen gut begründeten Widerstand gegen den Datenhunger der Regierung und ihrer Freunde bei der NSA und den Konzernen gibt.

Die Nachwahlbescheidenheit der SPD ist offensichtlich vorbei, sie will wieder in die Regierung, und statt Erneuerung sagt der Hauptverantwortliche für die Wahlniederlage, wo es jetzt weitergeht: Mehr innere Sicherheit bei weniger Datenschutz und gleichzeitigem Familiennachzug für Leute, die kein politisches Asyl erhalten haben, sondern nur subsidiär schutzbedürftig sind. Und natürlich soziale Gerechtigkeit für alle. Das will die SPD, im Gegensatz zu Bürgerrechten wie freier Rede, und wie die freie Rede dank der SPD ruiniert wird, sieht man seit ein paar Tagen bei Twitter. Da gibt es nämlich eine neue Meldemaske für Beiträge, die man denunzieren möchte, und die sieht so aus:

Twitter wurde vom Bundesjustizminister Heiko Maas und einer grossen Mehrheit der Abgeordneten im Deutschen Bundestag per Netzwerkdurchsetzungsgesetzt NetzDG dazu gezwungen, eine privat organisierte Vorzensur für seine Dienste einzuführen. Das Gesetz ist kompliziert, höchst umstritten und wird möglicherweise vom Bunderverfassungsgericht außer Kraft gesetzt, weil es staatliche Zensurbemühungen verschleiert und an private Firmen delegiert. Aufgrund der Tragweite ist die Materie höchst komplex, aber jeder normale Twitternutzer kann nun jede Aussage jedes anderen Nutzers bei der Zensurstelle mit Berufung auf das NetzDG denunzieren. Einfach so. Der Minister überträgt die verfassungsrechtlich fragwürdigen Eingriffe auf die sozialen Netzwerke, Twitter überträgt die Hilfe bei der Vorabzensur auf die Nutzer. Jeder, wirklich jeder, vom Islamisten bis zum ántideutschen Bombenbefürworter, bekommt damit ein weiteres Mittel gegen ihm unangenehme Meinungsäußerungen in die Hand gedrückt. Denn die Communitystandards bei Twitter sind deren eigenes Problem. Aber das Zensurgesetz von Maas sieht eindeutig Strafen für die Netzwerke vor, wenn sie ihrer Löschverpflichtung nicht rasch nachkommen. Jeder kann erst einen anderen denunzieren – und wenn Twitter nicht spurt, kann sich jeder beschweren, dass Twitter seinen Aufgaben nicht nachkommt. Dafür gibt es demnächst auch ein eigenes Formular.

Die deutsche Geschichte lehrt von Oskar Panizza bis Anetta Kahane, dass, wenn die Gelegenheit zur Denunziation geboten wird, auch diejenigen zu finden sind, die regen Gebrauch davon machen. Es ist vermutlich kein Zufall, dass kurz nach dem Angebot von Twitter an seine Nutzer der meines Wissens Erste den Erfolg des Gesetzes bei der Beseitigung von Nutzern mit anderer Meinung bestätigte:

Der Autor des Tweets freut sich in einer Antwort darüber, dass Twitter jetzt gleich ganze Accounts löscht, und zwar “sogar im Zweifel”

Was einen anderen so erfreut, dass er jetzt auch die Arme hochkrempeln will.

Daraufhin sprechen sich Oomen und sein Bekannter ab, wie sie strategisch am besten vorgehen:

Denn sein Partner mag das Anlegen von “privaten Listen”

Der angebliche Melder schweigt sich trotz Nachfrage sich dazu aus, welcher angebliche Account mit 5000 Followern es wegen eines einzigen Tweets gelöscht worden sein soll. Auch ist unklar, was der Account gemacht haben soll, um ihn als “Neonazi” zu bezeichnn. Das Problem an der Geschichte ist die Person desjenigen, der hier gemeldet hat: Es handelt sich ausgerechnet um den Grünen-Politiker Matthias Oomen. Oomen erreichte bundesweit eine gewisse Aufmerksamkeit für sein eigenes Twitterverhalten, das sogar den Grünen peinlich war. Ganz im Stil der antideutschen Antifa äußerte er sich über den Fund einer Bombe aus dem 2. Weltkrieg in Dresden, das nach Ansicht von Linksextremisten erneut von den Alliierten bombardiert werden sollte:

Auch gutes Zureden der grünen Parteiprominenz brachte Oomen weder zu einer Entschuldigung noch zu einer Löschung des Tweets, der vermutlich von der Meinungsfreiheit gedeckt, aber angesichts der Freude über einen Bombenfund ganz offensichtlich alle Kriterien sogenannter Hatespeech erfüllt. Es stellt sich die Frage, wie jemand mit dieser Einstellung beurteilen will, was ein “Neonazi” ist. Aber Twitter scheint sich, wenn man Oomen ernst nimmt, nicht daran zu stören, dass von feindlichen Lagern gezielt versucht wird, politische Gegner bei Twitter auszuschalten.

Davon ist offensichtlich auch Facebook betroffen: Wenn es um Islamismus geht, werden schnell Inhalte, die eindeutig von der Meinungsfreiheit gedeckt sind, rabiat gelöscht, und die Verfasser teilweise auch gesperrt. In den letzten Tagen hat der Bann den von Erdogan-Anhängern gezielt angefeindeten Ali Utlu getroffen:

Er reiht sich damit in die lange Liste anderer Personen und Gruppen ein, die von Facebook am Publizieren gehindert wurden, von der agnostischen Richard Dawkins Foundation bis zu all jenen Fällen, die der Anwalt Joachim Steinhöfel veröffentlicht und teilweise gegenüber Facebook bzw. Twitter mit recht gutem Erfolg vertritt. Tatsächlich ist das Problem der gezielten Denunziation politischer Gegner spätestens seit dem Zeitpunkt bekannt, als Anhänger der Identitären Bewegung das Facebook-Profil der linken Autorin Stefanie Sargnagel meldeten und dadurch abschalten liessen. Das war vor dem Beschluss des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes. Seitdem nimmt die Zahl der Eingriffe auch gegen prominente Personen deutlich zu. Noch nicht einmal Medien sind vor den Nachstellungen sicher: Als die Basler Zeitung lediglich in Frage stellte, ob es mehr als zwei Geschlechter gäbe, griff Facebook nach Spam-Meldungen offensichtlich rigoros durch.

Die Profiteure der Zensur sind nicht nur antideutsche Bombenfreunde, Erdogans Handlanger und feministische Mobs, sondern auch exakt jene Politiker, die für diese Eskalation verantwortlich sind: Denn in den Statistiken, mit denen die Netzwerke ihre Effektivität bei der Umsetzung des NetzDG beweisen, werden derartige Fälle dann tatsächlich als rigoroses Vorgehen gegen Neonazis, rechte Islamfeinde und Sexisten auftauchen. Und Politiker wie Heiko Maas und Sigmar Gabriel können damit begründen, warum der Eingriff in die Meinungsfreiheit der Bürger im Internet wichtig war: Man zeigt das an den vielen Löschungen, die die Netzwerke jetzt unter dem Druck des Gesetzes vornehmen müssen.

Wer die vom NetzDG profitierenden Denunzianten sind, die dahinter stecken, und was sie antreibt, steht natürlich in keiner Statistik und in keiner moralisch aufrüttelnden Politikerrede, man müsste zur Förderung der inneren Sicherheit im Netz möglichst früh gegen die Gefahren des Hasses aufstehen. Und auch in keinem Antrag auf Fördergelder partei- und regierungsnaher NGOs für den Kampf gegen den angeblichen “Hass im Netz”.

Auf die Frage, wie man mit gezielte Meldungsabsprachen durch Oomen und andere reagiert, hat Twitter nicht geantwortet.

18. Dez. 2017
von Don Alphonso
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10. Dez. 2017
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10 Dinge, die man über Trump nicht mehr schreiben muss

Auch ich bin Mediennutzer. Als solcher möchte klug und umfassend aufgeklärt werden, mit Charme und Esprit und Leidenschaft. Ich möchte wissen, welche politischen Entscheidungen getroffen werden, und welche Auswirkungen sie auf mich haben. Was mich dagegen, ehrlich gesagt, mit grösstem Respekt natürlich, weniger interessiert, weil ich es nun schon seit über zwei Jahren sehr nachdrücklich gesagt bekomme: Dass die meisten Medien Trump nicht leiden können und ihm weder verzeihen, dass er die Kandidatur der Republikaner gewonnen hat, noch dass er Hillary Clinton schlug. Und das, obwohl alle Medien, speziell die deutschen Redaktionen, ihr Möglichstes getan haben, das zu verhindern. Ich möchte eine Absolution erteilen, bevor ich mich weiter einlasse: An den deutschen Medien lag es nicht.sie haben alles getan, mehr kann man nicht tun. Und deshalb kann man langsam auch wieder aufhören. Gelassenheit möchte ich raten. Contenance. Eine gute Tasse Tee. Und ein paar Einsichten, was mich, den Leser, den Kunden, inzwischen hin und wieder genervt seufzen lässt. Ich meine es nur gut.

Ich darf daher hier exemplarisch 10 Themen ansprechen, die in Wirklichkeit keine sind, und nur vorgebracht werden, weil man den Lesern beweisen will, wie recht man doch in den letzten Jahren hatte:

1. Melanias Weihnachtsdekoration. Ja, sie ist üppig, aber immer noch schöner als das, was der deutsche Journalist bei seinem Januartrip auf Malle zu sehen bekommt. Amerikaner mögen es gross und üppig und märchenhaft, wenn die Wirtschaft durch Scheinkonjunktur brummt. Get over it.

2. Trumps Gebiss. Keine Ahnung, ob er eines hat, aber Atombomben ist es egal, ob der Marschbefehl über echte oder falsche Zähne kommt. Wir haben genug Politiker mit falschem Kopfhaar oder gar falschen Versprechungen, mit ihnen werde es keine Vorratsdatenspeicherung geben. Get over it. Besonders, wenn die gleichen Journalisten empört sind, wenn Trump ebenso Leute wegen körperlicher Gebrechen demütigt. Und ja, seine Anzüge sitzen schlecht. Ich denke mir auch immer: Wie ein Journalist.

3. Trumps Verhältnis zu den Medien. Trump sagt nur das offen über Twitter, wozu andere Politiker Heerscharen von Anwälten, PR-Agenturen und Regimesender betreiben. Jeder Politiker fühlt sich schlecht dargestellt, jeder sieht sich von Fake News verfolgt. Vielleicht fühlt sich sogar Frau Merkel von der ARD nicht freundlich genug behandelt. Get over it.

4. Trumps Weigerungen, sich nach der Presse zu richten. Weil er beispielsweise Roy Moore die Treue hält, obwohl die gesamten amerikanischen Medien alles getan haben, damit sich angebliche Opfer seiner Untaten melden.  Die wichtigste Zeugin musste gerade zugeben, dass sie einen scheinbaren Beweis, der durch die Weltpresse ging, manipuliert hat. Get over it. Es nervt, wenn sich Medien und Präsident unwürdig beharken, wer ehrloser ist.

5. Trunps Geisteszustand. Trump war eigentlich gegen diesen Kandidaten Roy Moore, hat sich dann aber hinter ihn gestellt – im Gegensatz zu vielen in seiner Partei. Und wie man sieht, gewinnt er in Alabama vermutlich damit, während die Demokraten ihre Senatoren auch bei fragwürdigen Vorwürfen reihenweise zum Rücktritt nötigen. Trump mag erratisch wirken, er ist ein Hasardeur, ein verbissener Kämpfer, der stur weiter macht – aber er geht damit bislang nicht unter, er hat bislang Erfolg damit. Get over it.

6. Trumps Impeachmnent. Dazu gibt es bei New Republic  einen phantastischen und weit verbreiteten Beitrag mit dem Resümee: Impeachment klingt einfach, wird aber nicht passieren, get over it und setzt auf politische Arbeit. Die Leute, auch die Demokraten, mögen den Beitrag vielleicht auch, weil er sich wohltuend von den “Lock him up”-Wünschen absetzt, Trump vor dem Gericht der Weltpresse zu sehen.

7. Trumps Neigung, Dinge zu tun: Es mag seltsam erscheinen, dass Trump Dinge tut, die er vorher auch angekündigt hat. Das ist für westliche Politiker atypisch, die gemeinhin immer warten, bis ihre Reaktionen alternativlos sind. Präsident Obama hätte auch Dinge tun können, wie etwa das Verbot von Schnellfeuerwaffen: Er hat aber die kulturellen Konflikte lieber ausgesessen und moderiert, von denen Trump zeigt, dass man sie auf der anderen Seite gewinnen kann. Get over it.

8. Was Promis über Trump sagen. Harvey Weinstein war gegen Trump. Bill Clinton war gegen Trump. Lena Dunham, die Hillary Clinton vor Weinstein warnte, war gegen Trump – und wollte im Falle seiner Wahl das Land verlassen. Arnold Schwarzenegger war gegen Trump, und hat sein eigenes MeToo-Problem. Die Bushs waren gegen Trump, und haben ihre eigenen Probleme. Die meisten Journalisten und Künstler, die in der MeToo-Serie gefeuert wurden, waren gegen Trump. Kevin Spacey war gegen Trump. Möglicherweise bringt es einfach schlechtes Karma, gegen Trump zu sein, weil jeder gegen Trump ist. Es sind billige Schlagzeilen, die mit solchen populären Kronzeugen produziert werden, aber sie fallen mit Leuten, die vielleicht auch nicht besser als Trump sind, auf die Medien zurück. Get over them.

9. Umfragen zu Trump. Alle Umfragen vor der Wahl waren falsch. Alle Einschätzungen der politischen Realität waren falsch. Vielleicht hat Trump auch einfach nur ein besseres Verständnis der Menschen, mit denen man die Wahlen dort gewinnt oder verliert, was sie wollen, und was sie an die Wahlurnen treibt. Ich vermute, dass sich bei einer Umfrage unter deutschen Journalisten 99% gegen die amerikanische Botschaft in Jerusalem aussprechen, aber amerikanische Juden gehen in den Vereinigten Staaten geschlossen zur Wahl, und haben bis in die 80er Jahre fast durchgehend für die bombensicher israeltreuen Demokraten gestimmt. Trump mag jetzt drei Tage des Zorns ausgelöst haben – unter Leuten in Palästina, die dauernd Gründe suchen, um zornig zu sein und in Amerika nicht wählen. So pragmatisch sehen das zumindest die amerikanischen Juden. Der Gedanke, dass ein demokratischer Bewerber einen Rückzieher machen könnte – und er oder sie wird es vermutlich tun, um die Linksradikale und Judenhasser wie Linda Sansour oder Black Lifes Matter zu befriedigen, die sich unter der Obama-Ära hinter den Demokraten gesammelt haben – der Gedanke wird diese Wählergruppe eher zu den Republikanern bringen. Der Slogan “Alte, weisse Männer” hat dank BDS-Kampagne und MeToo längst einen antisemitischen Beigeschmack. Ich habe jahrelang für diese Leute gearbeitet und geschrieben, ich kenne sie und kann nur sagen: Get over it. Oder macht weiter und wundert euch bei der nächsten Wahl, warum Trump an Ost- und Westküste das nächste Mal deutlich besser abschneidet. Denn traditionell haben Präsidenten seit 1995 versprochen, die Botschaft zu verlagern. Sie haben es dann nur nicht gemacht. Trump hat jetzt geliefert. Das macht ihn glaubwürdig.

10. Alles was Trump bei Twitter macht. Trump macht das bei Twitter, damit es jeder selbst lesen kann, und ja, er nennt einen kurzen und korpulenten Nordkoreaner klein und fett, und verstösst damit vielleicht gegen die Community-Richtlinien und diplomatische Gewohnheiten. Ich finde das lustig. Ich habe gelacht. Ich fühle mich auf eine mitunter schreckliche Art bestens unterhalten und möchte nicht alle drei Minuten von Sam the Eagle erinnert werden, dass ich diese Mischung aus Gonzo, Fuzzy Bear, Das Tier und Statler und Waldorf schlimm finden muss. Trump ist nicht Merkel, die manche vor ein paar Monaten noch zur Führerin der Freien Welt hochgeschrieben haben, und die vor den Angehörigen und Opfer des Breitscheidplatzes kneift, oder Sigmar Gabriel, der in zähen Reden eine Lunte an die Westbindung legt, weil er sich nicht von Trump verstanden fühlt. Wo von der Leyen ihre schmalen Lippen zusammenpresst, lobt Trump seine Armee überschwänglich. Es ist, als würde ich Simpsons schauen, und ständig würde mich jemand anbrüllen, ich dürfte Homers Umgang mit Bier und Nuklearbrennstäben nicht lustig finden. Medien machen genau das, sie verbreiten Trump und finden es ganz schrecklich. Get covfefe it!

Das alles muss ich nicht mehr lesen. Es kommt meistens zuerst irgendwo bei Twitter, dann bei den seichten Portalen Vice, Buzzfeed und Jezebel, und wird begierig vom Guardian nach vorne gestellt, bis es durch alle deutschen Seiten läuft. Das hat dem Leser das fragwürdige Russland Dossier eingebracht, das inzwischen nachweislich von den Demokraten bezahlt wurde, den neuen Medienskandal von CNN beim Umgang mit den Mails zwischen Trumps Team und Wikileaks, und neue Empörungswellen der immer gleichen Aktivisten-Journalisten, die Trump noch nie mochten und ihn auch nicht wählen werden. Journalisten, die reisserische Edel-Gonzalez-Covers in Auftrag geben und feststellen müssen, dass sie damit nicht besser ankommen als der kriselnde Guardian in Amerika oder Buzzfeed, die gerade zweihundert Leute gefeuert haben. Daneben gehen dann aber viele wichtige Themen unter, als da beispielsweise wären:

Neuregelungen bei der Besteuerung von erlassenen Studiengebühren. Es liegt nahe, dass sich Trump mit solchen Ideen bei den ihn wenig schätzenden Studenten an Ost- und Westküste revanchiert, aber das wird auch Auswirkungen auf den Wissenschaftsstandort haben.

Das Fortbestehen des demokratischen Establishments, das nach der verheerenden Niederlage immer noch die Partei fest im Griff hat, obwohl es wegen der Verhinderung von Bernie Sanders zutiefst kompromittiert ist.

Die Krise durch Drogen- und Medikamentenmissbrauch. Ein extrem unschönes Thema, das Trump nicht geschaffen, sondern von Obama geerbt hat. Diese Krise würde natürlich Fragen aufwerfen, ob in der Obama-Ära des Booms an den Küsten nicht vielleicht doch gravierende Fehler gemacht wurden. Fragen, die nicht weniger wichtig als die Kritik an den fragwürdigen Trickle-Down-Vorstellungen bei Trumps Steuerreform sind. Denn angebliche Trickle Down Effekte haben jetzt Befürworter, weil beim Obama-Boom das gesamte Wachstum der Küstenelite vorbehalten blieb.

Oder ein Erklärbeitrag, warum die Debatte um Migration, Sanctuary Cities und Dreamers in Amerika nicht nur mit den in Deutschland üblichen Kinderaugen geführt wird, sondern auch mit der spektakulären Tötung eines Zufallsopfer durch die Hand eines schon fünf mal abgeschobenen Kriminellen, der in Kalifornien für die Tötung auch noch freigesprochen wird.

Oder, bei der nächsten Klage des amtierenden Aussenministers der Bundesrepublik über die Notwendigkeit einer europäischen Sicherheitspartnerschaft, weil er Probleme mit Trump hat: Die Frage, mit welcher Bundeswehr er denn die Vereinigten Staaten als Sicherheitsfaktor ersetzen will. Die, bei der kein einziges U-Boot einsatzbereit ist? Die, die einen Eurofighter hat, den die Österreicher gerade ausmustern?  Mit Osteuropäern, die nach dem Willen der Bundesregierung gerade wegen der Asylpolitik verklagt werden, und die ihre Waffensysteme bei den USA kaufen? Die Realitätsblase des Sigmar Gabriel macht mir mitunter mehr Angst als die Realitätsblase von Trump.

Wie man bei den unerwarteten Auswirkungen der Steuerpolitik, die Reiche an den Küsten überhaupt nicht entlastet, deutlich sieht: Politik ist komplex. Es gibt keine einfachen Antworten auf schwierige Fragen, auch wenn Trump dauernd öffentlich diesen Eindruck vermitteln will. Wenn das als Fehler erkannt wird, sollten die Medien nicht den gleichen Fehler machen. Dann kann es sein, dass ich auch wieder Beiträge lese, ohne von der simplen Weltsicht der Autoren von Breitbart bis ARD genervt zu sein.

10. Dez. 2017
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08. Dez. 2017
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Diversität als moralische Hegemonie

Weihnachten naht, und natürlich haben auch Kommunikationsfirmen einige ganz besonders warme Herzenswünsche. Ganz weit oben, knapp hinter “mehr Gewinn” , “mehr Auflage” und “mehr Politiker, die tun, was man ihnen sagt” kommt, typisch für diese bescheidene Branche, der Wunsch nach mehr Diversity. Der alte, weisse Mann ist out, andere feiern schon lange ihre multinationalen und gendergetriebenen Mitarbeiter, die mutig Deutschland für sich reklamieren und Medienhäuser moderner machen.

Anlässe zum Umdenken gibt es genug: So kam es nach der diesjährigen Verleihung des Georg von Holtzbrinck-Preises für Wirtschaftspublizistik zum Eklat, als alle Preisträger männlich waren.  Gabor Steingart, der Herausgeber des Handelsblatts, distanzierte sich daraufhin von der Veranstaltung und kündigte an, das werde in seinem Beisein nicht noch einmal passieren. Kritisiert wurde in diesem Zusammenhang auch die Wahl des mittelalten, skandalerprobten, weissen SPD-Mannes Marc Jan Eumann zum Direktor der Landeszentrale für Medien und Kommunikation in Rheinland-Pfalz  – nicht nur wegen des roten Postengeschachers, sondern auch wegen des Umstandes, dass hier erneut ein Mann zum Zuge kommt, obwohl seine Partei ansonsten für die Frauenförderung eintritt. Diese Partei mit der Andrea „Bätschi“ Nahles  sieht sich gerade mit Forderungen nach einer teilweise weiblichen Doppelspitze konfrontiert. Der mittelalte, weisse Chef der Nachrichtenagentur dpa, die eigentlich für die unbestechliche und faktenbasierte Berichterstattung zuständig sein sollte, will „mehr Mahrzan“ und Mitarbeiter mit Migrationshintergrund, und betont den Wert der Ausgrenzungserfahrung.  Über Ausgrenzungserfahrungen bei falscher Meinung könnte dagegen Denise Young Smith, die frühere schwarze, weibliche Vizepräsidentin von Apple für Diversity berichten: Sie hat jüngst den Fehler gemacht zu behaupten; auch weisse, blauäugige Männer könnten sehr wohl divers sein, und musste sich dafür vor ihrer Trennung vom Konzern entschuldigen, denn die Zeiten, da hassgeifernde Mobs eine rein weisse Angelegenheit waren, sind lang vorbei:

Die Gelegenheit scheint also durchaus günstig zu sein, mehr Diversity zu fordern, und dank einiger Zufälle meiner privaten Geschichte, an denen ich keinerlei Anteil habe, könnte auch ich die Zugehörigkeit zu mindestens zwei „marginalisierten Gruppen“ ins Feld führen, und fordern, mir dafür medialen Raum zu geben. Ich sitze auch oft an der Tastatur und denke mir: Ihr habt überhaupt keine Ahnung, wie das wirklich ist, na wartet, euch werde ich es zeigen…

Und das erklärt vielleicht auch schon, warum zwar Diversity in der Theorie eine gute Idee ist, in der Praxis aber, auch wenn es manchmal weh tut, journalistisch problematisch ist. Die Ansicht, man wisse aufgrund der eigenen Erfahrung etwas besser als viele andere, mag nicht zwingend falsch sein. Aber es bedeutet nicht, dass solche Sichtweisen dann ausgewogen oder besser sind. Ein schönes Beispiel ist der Survivor-Bias, an dem ich in meiner eigenen Benachteiligung auch erkrankt bin. Ich habe gelernt, mich trotz diverser Gebrechen und Befreiung vom Schulsport auf die höchsten Alpenpässe durchzubeißen. Deshalb überschätze ich jetzt selbst chronisch den Leistungswillen und den Kampfgeist anderer Leute. Politiker wie Edmund Stoiber und Gerhard Schröder haben sich aus bescheidenen Verhältnissen mit Fleiss und Härte nach oben gekämpft. Es ist bei allen Nachteilen von Hartz IV nachvollziehbar, warum sie bei der Sozialpolitik weniger auf Mitleid und denn auf Leistung gesetzt haben. Survivor Bias ist auch, sich vom Sohn eines Analphabeten aus Anatolien zum Besitzer eines Supermarktes hochgearbeitet zu haben – und der Meinung zu sein, dass die neuen Migranten faul seien und man eigentlich mit dem bosnischen Kumpel aus der Muckibude eine Bürgerwehr machen sollte. Anders gesagt: Nicht jeder, der Diversity selbst kennt, ist der Meinung, dass diese Diversity etwas Positives ist, das man beschönigend oder mit Forderung nach Empathie vermitteln sollte. Folglich kommen mit die härtesten Medienurteile zur Migrationspolitik der Deutschen heute von einer deutschen Bürgerin mit chinesischen Wurzeln.

Dabei liegt der Mangel an Diversity nicht nur darin, dass Medien oft eine Art geschlossene Gesellschaft sind. Mein türkischer Bürgerwehrfreund kann durchaus erklären, warum er das so sieht – er könnte es aber nicht aufschreiben, und wenn ich es für ihn täte, würde man es nicht veröffentlichen. Die Ausgrenzungserfahrung beginnt aber nicht an den Toren der Medien, sondern bei den Familien, die mit der Bildung der Kinder sicher den grössten Einfluss auf das spätere Leben haben. Natürlich kann man unter denen, die sich bis zum Volontariat durchbeissen, eine Art Quote vereinbaren: Es ändert aber nichts am Umstand, dass die entscheidenden Weichenstellungen lange davor getroffen werden. Und zwar oft genug von Eltern, die ihre Kinder „etwas Anständiges“ lernen lassen wollen. Ich merke das, wenn mich der Bürgerwehrfreund etwas abwertend als „FAZ-Mann“ anspricht, und nicht etwa als „Mitarbeiter des Feuilletons der F.A.Z.“: Die Selbstbeurteilung der Branche als Krönung der sozialen Karriere wird noch nicht einmal von meinem Klempner geteilt. Es wäre also vorab zu klären, ob die Vorstellung von Diversity und ihren Quoten in den Medien wirklich den Berufswünschen derer entspricht, denen damit geholfen werden soll. Und ob die Geförderten wirklich für jene stehen können, die sie angeblich repräsentieren – auch daran habe ich öfters mal Zweifel, aber vielleicht kenne ich auch nur die falschen Minderheiten.

Und wenn doch jemand unbedingt seine Benachteiligungserfahrungen einbringen will? Es gab in dieser Hinsicht schon einige Versuche. Die Tageszeitung taz ist damit ein Nischenprodukt geblieben. Die Teen Vogue wurde eingestellt. Der Guardian wollte das in den USA gross aufziehen – und musste massiv Stellen streichen. Der Freitag steht dem Vernehmen nach vor einer Entlassungsrunde, die Krautreporter sind sehr klein geblieben, und außerdem sind „sozial issues“ nun schon etwas länger in Mode, speziell bei den öffentlich-rechtlichen Medien: Es ist für den geneigten Betrachter überhaupt kein Problem, sich intensiv und umfassend mit den Belangen von Minderheiten zu beschäftigen. Der Mainstream verdaut inzwischen so gut wie alle Minderheiten, gefühlt gibt es mehr Beiträge über transsexuelle Kinder als über das Spielen im Schlamm. In meiner Lebensrealität spielen diese Minderheitenthemen aber kaum eine Rolle. Wenn Minderheitenthemen gut laufen sollen, und nicht nur durch Trollerei und Clickbait der Leser, müssen sie auch die Mehrheit erreichen, und besser als der Durchschnitt dargestellt werden. Ich kenne paar wenige Beispiele wie die Österreicherin Melisa Merkurt. Bei den meisten habe ich als Leser eher den Eindruck, dass hier Autoren für ihre eigenen Moralräumen und Echokammern mit Holzhammermethodik Anerkennung und Anhänger fordern. Das hier ist ein Screenshot des Jetzt-Projekts der Süddeutschen Zeitung der letzten Woche: Drei von vier Themen sehen in Männern den Übergriffigen, das vierte feiert einen Mann, der Trump bei Twitter abgeschaltet hat. Diversity verkehrt sich in ihr Gegenteil:

Welcher Jugendliche will nur solche Schwerpunkte? Natürlich können Medien Sichtweisen und Erfahrungen sehr unterschiedlicher Menschen brauchen, um möglichst viele Menschen anzusprechen. Nur ist „Diversity“ momentan ein rein linkes Projekt, das im Extrem die Sprachpolizisten der Neuen Deutschen Medienmacher erklären lässt, dass Bezeichnung „deutsche Dreckskultur“ aus der Berliner taz durch eine Diversityautorin keine Diskriminierung sei. Die real existierende Diversity wünscht sich nicht die Knochenbrechereinstellung des bosnischen Muckibudenbesitzers und den Umstand, dass bei meinem türkischen Lebensmittelgeschäft die Jungs „saure Kamelhoden“ zum Lutschen und die Mädchen Überraschungseier mit Tannenbaum bekommen. Sie will klare Meinungen zum weißen Patriarchat und Hijab-Barbies. Man will quotiertes Fachpersonal, so eine Art Söldnerschreiber, die die Richtigkeit der eigenen Weltsicht unterfüttern, und helfen, die moralische Oberhoheit zu bewahren.

Man kennt dieses “Einige meiner besten Freunde sind Juden und die sagen auch”-Spiel zum Überfluss aus der Debatte um den Nahost-Kriegsprozess. Niemand aus den Kreisen der Diversity fordert dagegen eine Quote für Necla Kelek oder ein Interview mit meinem fachkundigen Bosnier, wohin man Ausgrenzungserfahrungen treten sollte, damit es weh tut. Niemand will einen Beitrag, warum der Diversitybefürworter Benjamin Netanjahu auf eine maliziöse Art manchmal, naja, nicht ganz uncharmant ist, oder ein Interview mit einem Araber, warum in Berlin bei Xhamster nach “arab” gesucht wird, und was das über die Integration sagt. Diversität muss gefallen, sie muss sich an die Forderungen anpassen, und wenn sie nicht genug Klicks bekommt, kann sie auch schnell mal entbehrlich werden. Schlecht für die Quotengeförderten, wenn sie dann keine alternativen Themen anbieten können, und der Weg in die Redaktionen auf dem Abstellgleis endet.

08. Dez. 2017
von Don Alphonso
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30. Nov. 2017
von Don Alphonso
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Hauptsache Milliarden – und nicht mit den Menschen reden

Wie so oft, ist es eigentlich ganz einfach: Es gibt im Winter sogenannte Inversionswetterlagen, bei denen sich warme Luftschichten über kalte Luftschichten schieben. Das sorgt zuerst einmal dafür, dass ich in den Bergen über der kalten Luft im Sonnenschein rodeln und davor stundenlang bräunen kann. Unten dagegen ist es kalt, und einige selbstverstärkende Faktoren sorgen dafür, dass über den Städten Abgase und Staub in einer Art Dunstglocke verdichtet werden. Wenn man auf der Neureuth Richtung München schaut, zeigt sich diese hässliche Abdeckung der Stadt als schwefelgelber Steifen in einer ansonsten makellosen Fernsicht. München bekommt das, was es absondert.

Manchmal, wenn die Luft klar ist, sehe ich die Glocke über München mit kalter, dunstiger Luft auch vom Radweg auf den Höhen über der Donau – sie macht in der Mitte beim Blick nach Süden das Alpenpanorama unscharf. An der Existenz der Inversionswetterlage kann man nicht rütteln. Manche Faktoren wie der Ausstoss von Rauch und Staub sind vom Menschen gemacht, andere, wie Winter, Lage in Tiefebenen, Windstille und ungünstige Luftschichten, sind natürlichen Ursprungs. Inversionswetterlagen gibt es auch ohne menschlichen Einfluss, in Städten jedoch trägt der Mensch mit diversen Abgasen, darunter aus Verbrennungsmotoren, deutlich dazu bei. Dann schrillen die Stationen, die die Belastung messen, Grenzwerte werden überschritten, und die Deutsche Umwelthilfe droht mit Prozessen, und kann sich auch Beugehaft gegen Minister vorstellen. Selbst wenn die, wie im Fall vom CSU-Bayern, nicht voll verantwortlich für die Verkehrspolitik der SPD-Stadt München sind. In meinem CSU-Kaff in den Bergen jedenfalls ist der Schnee weiss und ohne Schadstoffe – sofern nicht der Schadmünchner hierher fährt, weil die Schad-Prantlhausener Zeitung nach dem freundlichen Beitrag über die Umwelthilfe einen Beitrag über die schönsten Frühwinterregionen bringt, die man mit einer kurzen, abgasfördernden Autofahrt erreichen kann.

Ohne dass es übrigens wirklich nötig wäre, denn der Schadmünchner könnte auf schönen und frisch ausgewiesenen Radrouten des Fernwegs München-Venezia zu uns kommen, was er aber nur selten macht. An der Donau hat man übrigens entlang einer Strasse im Westen der ebenfalls smoggeplagten Stadt einen Radweg angelegt, der es den Bewohnern schnell wachsender Dörfer erlauben würde, ins Zentrum zu radeln: Im Sommer machen das einige, aber unter der Woche im Winter sieht man fast nur Radsportler und kaum Radpendler. Ein Meter Radweg kostet 250€, ein Kilometer kostet 250.000. Ohne neue Strassenrandbegrünung haben zwei Landkreise hier in den letzten Jahren weit über eine Million Euro investiert, und es ist klug, weil es helfen könnte, den Schadstoffeintrag aus dem Westen zu verringern – es nutzt nur keiner, wenn das Wetter so ist, dass die Benutzung ein klein wenig gegen die winterliche Smogglocke helfen würde.

Eine Milliarde klingt nach viel Geld, und diese Milliarde wurde beim neuen Dieselgipfel der Kanzlerin versprochen. Im August hatte man den Topf noch von 500 Millionen auf die besagte Milliarde angehoben, jetzt soll die Milliarde jedes Jahr fliessen. Das klingt so lange gut, bis man nachliest, wie sich die Regierung von Frau Merkel das vorgestellt hat: Das Geld wurde im August versprochen. Das Umwektministerium von Baden-Württemberg wollte, dass die Kommunen bis zum 10. September ihre Vorschläge vorstellten. Es ist vollkommen klar, dass diese Vorschläge irgendwie zu weniger Emissionen führen müssen, oder einfach gesagt: Ein paar Leute werden ihre Autos nicht mehr in der bisher bekannten Form nicht mehr fahren können, sondern stehen lassen müssen. Wer das mit einer anderen Infrastruktur erreichen will – absperrbare Radboxen, Radwege, Straßenumwidmung, E-Bikes, was man da halt so machen kann – ist als Kommune verpflichtet, solche Maßnahmen sorgfältig zu planen. Das ist in sechs Wochen nicht möglich, es sei denn, man reicht Vorschläge ein, die schon geplant und nahe der Ausführung sind. Die Informationsveranstaltung für die Kommunen in Baden-Württemberg war am 6. September, also gerade einmal 4 Tage vor der Deadline des Verkehrsministeriums.

Im Ergebnis ist, wenig erstaunlich, das Geld nicht geflossen. Jetzt soll das alles leichter werden, man möchte Lotsen anbieten, die Kommunen helfen, ihre Anträge zu formulieren. Laut Frau Merkel stünde das Geld “ab morgen” bereit – ganz erstaunlich, dass man die Förderung solcher Projekte mitsamt Prüfung und Genehmigung hier so schnell umsetzen kann. Infrastruktur, Raumordnung und Verkehrsplanung waren bisher eigentlich die hohe Kunst der Verwaltung: Jetzt soll das alles in ein paar Tagen möglich sein. Zum Vergleich: Der Radweg, auf dem ich in die Alpen schauen kann, hat über 10 Jahre von der Planung bis zur Realisierung benötigt. In einer Stadt, die im Geld schwimmt und in Deutschland sicher zu den besseren Radverkehrsorten zählt.

Ich wollte mir einfach als Bürger mal anschauen, was Kommunen denn so einreichen können, und suchte heute morgen länger nach “Mobilitätsfonds für Kommunen”, “nachhaltige mobilität für die stadt fonds” “Masterplan Green City”, worunter das Milliardenprojekt bekannt ist. Ich habe bei Twitter das Verkehrsministerium gefragt, ob sie so eine Website haben – bei einer Milliarde, die da fließen soll, wäre das doch sicher auch interessant für Parteien, Gruppen und Bürger der 28 Regionen, die sich beteiligen können. Ich würde das gern zeigen – allein, es scheint nichts dergleichen zu geben. Vertreter der Kommunen können vielleicht in Berlin Frau Merkel, Frau Hendricks und Herrn Dobrindt fragen, aber für den normalen Bürger ist es so. dass “ab morgen” angeblich Geld fliesst. Wohin, wofür, wo Flächen für Park-and-Ride-Parkplätze versiegelt werden, Stromtankstellen in die Innenstädte kommen, oder Radfernwege geplant sind, das wird meines Wissens nirgendwo erklärt. Dabei wäre es schon interessant zu sehen, wohin diese Milliarde so geht – ein Parkplatz bevorzugt andere Menschen als eine Stromtankstelle oder ein Radweg. Ich würde da als Bürger gern mitreden. Zum Beispiel darüber, dass wir hier zwar einen Radweg haben, aber der Bevölkerung nicht nahe gelegt wird, den zu benutzen. Hier bei uns wurde das Geld in den Boden betoniert. Und das liegt im Winter so rum. Und wenn das Wetter schlecht ist und der Smog droht und Wasser zu Eis gefriert, wenn man also radeln sollte – dann macht keiner das Eis weg. Dann wird der Radweg erst mal die Schneeräumablagerungsfläche. Darüber würde ich gern reden.

Ich sage das, weil ich es auch anders kenne, aus Städten, in denen man sich wirklich Mühe gibt. Turin liegt nahe der Alpen und hat auch oft übles Schmuddelwetter. Aber in Turin gibt es auch eine Bürgermeisterin, die sich dann an ihren Twitter- und Facebookaccount setzt und die Bürger über die Lage und Probleme direkt informiert. Sie sagt ihnen, dass es jetzt fein wäre, wenn mehr Leute das Rad benutzen würden, und weist darauf hin, dass es angesichts des Smogs an den Verleihstationen billigere E-Bikes gäbe. Sie wäre dankbar, wenn die Menschen das tun würden. In Mantua, das im Winter unter Nebel leidet, wirbt der Regionalpräsident für sich mit einem Video, mit dem er durch die Stadt radelt. Der Radweg München-Venezia, seit kurzem beginnend in einer jahrzehntelang rot-grün regierten Stadt, ist nur eine gerade erst eingeführte Verlängerung eines Radwegenetzes in Südtirol, das bereits in den 90er Jahren eingerichtet wurde. Ich kann mich darüber in Südtirol an eigens eingerichteten Stationen informieren. In Südtirol, in Mantua, in Ferrara bin ich König.

In Deutschland sitzen die Minister in Berlin und sagen, dass eine Milliarde ab morgen fließt. Sie sagen aber nicht, dass die Umsetzung schon mal 10 Jahre oder länger dauert, und man bis dahin auch 10 Jahre unverändert die Inversionswetterlagen hat. Und die Belastung noch länger anhält, wenn die Menschen die mehr oder weniger sinnvolle Infrastruktur einfach links liegen lassen, weil “der Staat” von der Bundeskanzlerin über die Minister und Staatssekretäre bis zu den Bürgermeistern es nicht auf die Reihe bekommt, den Menschen zu sagen, dass sie mitspielen müssen – und zwar, bevor die Inversionswetterlage die Messwerte hochtreibt. Das würde den Staat dank Internet übrigens praktisch nichts kosten, denn die Kanäle sind da. Es wird halt, im Gegensatz zu teuren Plakatkampagnen zugunsten der Dämmstoffindustrie, nicht gemacht. Das Milliardenversprechen ist bequemer. Die Kanzlerin sagt “eine Milliarde ab morgen” anstelle von “es sind eure Abgase, ihr hättet gestern schon das Rad nehmen sollen”. Ab morgen kann es durchaus sein, dass wieder ein ominöser Grenzwert überschritten wird, auf den man sich vor Jahren einigte, weil man dachte, die Industrie wird das schon machen. Dann gibt es wieder Schlagzeilen über die Belastung der Luft und erst recht keinen Grund, in diesen Abgasen auf das Auto und die Klimaanlage zu verzichten.

In der Privatwirtschaft wäre es undenkbar, einen Milliardenfonds mit solchen Zielen aufzulegen, ohne verbindlich und nachvollziehbar gegenüber dem Geldgeber – in diesem Fall uns allen – festzuschreiben, was durch welche Maßnahmen erreicht werden soll. Vor allem hätte man bei diesem Fonds das Zielpublikum im Auge – und das sind zig Millionen Menschen, die in den betroffenen und geförderten Ballungszentren leben. Infrastruktur allein ist weder eine Garantie für die Nutzung wie mein Radweg, noch eine Garantie für eine auch nur halbwegs vertretbare Umsetzung, wie die scheiternden Riesenprojekte BER und Stuttgart21. In der Privatwirtschaft würde man Projekte aufzeigen, die messbare Erfolge brachten, und die erweitert werden sollen. In der Spätphase der Regierung Merkel fliesst Geld “ab morgen”, und vielleicht auch in Zukunft jedes Jahr. Mit dem Klima und dem Feinstaub ist es dabei wie mit dem Fortschritt und dem Atom der 60er Jahre: Man muss es nicht mehr begründen oder erklären, es wird einfach gemacht, und Mitsprache und Kommunikation ist wegen des guten Zwecks überflüssig, die reine Luft kommt aus der Förderung wie früher der Strom aus der Steckdose.

Ich habe diesen Tweet, ähnlich wie er on Turin verbreitet wird, vor vier Stunden, als ich mit dem Schreiben begann, abgesetzt. 77 Retweets, 8,216 Impressions. Das mag nicht viel sein, aber es hat 8.216 Leser mehr als die nicht existierende Empfehlungsseite der Bundesregierung oder des Verkehrsministeriums zum Milliardenfonds und zur Frage, was denn das angemessene Verhalten der Bürger beim kommenden Wintersmog wäre. Und 8.216 Leser haben die Schönheit meines Radweges gesehen, der pro Kilometer eine viertel Million Euro kostete, und dennoch nicht von denen genutzt wird, die lieber daneben Auto fahren. Weil die Infrastruktur da ist, aber nicht die Erkenntnis, dass nicht “die Autoindustrie” den Smog macht, sondern alle zusammen: Diejenigen, die einfach stur Auto fahren und diejenigen, die ohne jede Kommunikation einfach stur Milliarden ins Blaue hinein ausschütten – und jeder, weil man das in dieser Epoche der Erstarrung halt schon immer so gemacht hat.

30. Nov. 2017
von Don Alphonso
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24. Nov. 2017
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Alien vs. Feministin: Wenn Metoo-Linke Donald Trump zuarbeiten

Jeder kennt vermutlich die klassische Filmhandlung über gefährliche Wesen aus dem Weltall: Ziemlich faschistische Aliens kommen auf die Erde, werden zuerst nicht wirklich als Bedrohung aufgefasst und unterschätzt, bis sie dann beginnen, den Planeten mit fiesen Taktiken zu unterwerfen. Die Menschen leisten erst erbittert, aber wenig erfolgreich Widerstand, bis dann durch Zufall ein Alien den Menschen in die Hände fällt, und auf Schwachstellen, Pläne und Absichten untersucht werden kann. Den Menschen ist dann bewusst, was sie sich da aus den Weiten des Alls eingefangen haben, entwickeln eine Gegenstrategie und wehren sich letztlich erfolgreich dank ihrer Lernfähigkeit. Am besten haben mir die bei Jodelmusik zu grünem Schleim zerplatzenden Alienköpfe in Mars Attacks gefallen, und vielleicht gibt es ja auch deshalb im jodelfreudigen Bayern so wenige Aliens.

Ich will nicht sagen, dass es da einen Kausalzusammenhang mit der niedrigen Genderistinnenrate im Oberland gibt. Aber während man in Berliner und Hamburger Gazetten noch darüber diskutiert, wie weit es in Ordnung ist, wenn bei der Metoo-Debatte Männer unschuldig oder generell unter die Räder geraten – Kollektivschuld ist übrigens auch so eine totalitäre Einstellung – ist im fernen Washington gerade eine führende Aktivistin etwas vorschnell mit dem Herausposaunen der Ziele ihrer Bewegung gewesen. Wenig erstaunlich ist die Strategie ein Problem – weniger für Leute wie mich, die es prima finden, wenn ihre Beiträge in der ARD-Kantine so gut ankommen wie das Jodeln bei Aliens. Sondern für diejenigen Männer, die glauben, es könnte so etwas wie ein friedliches Übereinkommen mit Pussyhat-Trägerinnen geben.

Der Anlass ist ausgesprochen hässlich und bestätigt ein wenig den Verdacht, dass die Metro-Bewegung auch gezielt von der rechten Seite befeuert wird, um Linken zu schaden. Jedenfalls wusste ein rechter Politikberater schon Stunden vorher, dass der beliebte demokratische Seantor und vormalige Comedystar Al Franken Probleme wegen des Vorwurfs sexuellen Fehlverhaltens bekommen würde. Tatsächlich meldete sich dann das frühere Modell und die jetzige Radiomoderatorin Leeann Tweedan zu Wort: Franken habe sie während einer Reise zur Truppenunterhaltung nach Afghanistan im Jahr 2006 gegen ihren Willen umklammert und ihr einen Zungenkuss gegeben. Ausserdem wartete sie mit einem Photo auf, das bei der offiziellen Dokumentation der Reise entstanden war, und einen grinsenden Al Franken zeigt, der scheinbar nach den Brüsten der in Flakweste und Helm gekleideten und schlafenden Moderatorin greift.

Al Franken entschuldigte sich zweimal für das Bild, und erklärte sich bereit, den Vorfall vom Senat untersuchen zu lassen. Was er nicht getan hat, war das, was sofort von vielen Aktivistinnen gefordert wurde: Franken sollte zurücktreten. Darin waren sich die meisten Feministinnen mit den Rechtsauslegern der US-Politik und Donald Trump einig. Für die Republikaner ist Franken ein rotes Tuch, weil er nicht nur populär ist, sondern seinen Sitz im Senat in einem konservativen Staat mit sehr knapper Mehrheit gewonnen hat, und vermutlich bei den nächsten Wahlen wegen seiner Beliebtheit auch behalten wird. Der Skandal kam für die Breitbarts und Aktivistinnen dieser Welt genau zum richtigen Zeitpunkt, um die Nachfolge von Franken anzutreten.

Nur gab Franken eben nicht nach, und bekam Unterstützung. Hillary Clinton stellte sich öffentlich hinter ihn. Seine ehemaligen Mitarbeiterinnen im Showgeschäft veröffentlichten einen Brief, in dem sie ihre Solidarität ausdrückten und Frankens Umgang mit Frauen lobten. Der Leibwächter von Franken auf der Reise bestritt die Anschuldigungen ebenso. Die Anklägerin dagegen sah sich Kritik ausgesetzt, als weiteres Material der fraglichen Truppenbetreuung auftauchte. Es gibt ein Bild des vermutlich kritisierten Kusses auf offener Bühne, wo sie sich, vorsichtig gesagt, nicht eben wehrt. Es gibt ein Bild, in dem Tweedan offensichtlich einem Gitarristen beim Auftritt auf der Bühne an das Gesäss greift und sich an ihm reibt. Und es gibt ein Video, in dem sich Tweedan ebenfalls auf der Bühne dem verheirateten Schauspieler Robin Willams an den Hals wirft, ihn mit einem Bein umklammert, und küsst. Der Eindruck, die Truppenbetreuung der US-Armee sei generell ein wenig von sexuellen Andeutungen geprägt, ist nicht ganz zu bestreiten. Nach dem Bekanntwerden der Bilder akzeptierte Tweedan schnell die Entschuldigung von Franken, und Breitbart, Präsident Trump und Konsorten versuchen weiterhin, ihn gegen den Fall des republikanischen Politikers Roy Moore auszuspielen.

Damit wäre der Fall erledigt – gäbe es nicht die Washington Post, die sich mittlerweile an der Spitze der Social Justice Bewegung positioniert, und uns wie bei Aliens nebenbei einen Blick in die Hirne der totalitären, neuen Mächte erlaubt. Daher hat sie auch die Autorin Kate Harding zu Wort kommen lassen – eine Demokratin, die nach Eigenangabe “Rape Culture” studiert und die Auffassung von toxischer Maskulinität vertritt,  also die Überzeugung, dass die ganze Gesellschaft von Vergewaltigungsakzeptanz geprägt sei. Sie kann da als Expertin im eigenen Lager gelten, ihr Buch nennt sich: “Asking for It: The Alarming Rise of Rape Culture–and What We Can Do about It”. Der Artikel heisst, und das klingt im ersten Moment durchaus versöhnlich, “I’m a feminist. I study rape culture. And I don’t want Al Franken to resign.” Der Artikel erschien auf dem Höhepunkt der Erregung, und noch vor der Erkenntnis, dass bei den Vorwürfen etwas faul ist, und wurde begeistert aufgenommen. Weil er den Blick vom Einzelfall hebt und eine Gesamtstrategie erkennen lässt. Alte, weisse Männer wie ich, die Vergleiche zwischen bösartigen Aliens und Genderistinnen nicht ausdrücklich ausschliessen, sind damit übrigens gar nicht gemeint. Harding geht es um Liberale.

Denn die Republikaner, so Harding, seien ohnehin unbelehrbar und würden sich nur gegen Frauen engagieren. Den überwältigenden Wahlerfolg von Donald Trump bei weissen Frauen ignoriert sie dabei, und erklärt, dass sie selbst Demokratin ist. Aber nicht, weil sie bei den Demokraten die richtige Politik erkennt, sondern nur, weil deren Amtsträger nicht immer etwas gegen Frauen tun, und im Vergleich zu den Republikanern etwas besser sind. Sie will nicht, dass Franken zurücktritt – aber die Gründe sind beachtenswert. Harding argumentiert, dass es in ihrer Partei noch viele weitere Fälle von Amtsträgern geben könnte, die bei ähnlichen Vorwürfen zurücktreten müssten, wenn Franken seinen Hut nimmt. In diesem Fall müssten die Gouverneure in den fraglichen Staaten neue Senatoren bestimmen, und un einigen dieser Staaten sind die Gouverneure keine Demokraten, sondern Republikaner, die auch Republikaner bestimmen können – es droht also eine weitere Erosion der Macht der Demokraten. Dieses taktische Kalkül spricht Harding ganz offen an, und erklärt dann, wie sie sich die weiteren Geschicke von Franken und anderen mit Vorwürfen konfrontierten, demokratischen Politikern vorstellt:

Sie sollten bis zum Ende ihrer Amtszeit im Senat bleiben und die Zeit nutzen, daheim eine Nachfolgerin aufzubauen. Diese Nachfolgerin sollte natürlich feministisch, links, queer und für Minderheitenrechte sein, und vielleicht auch noch einer benachteiligten Minderheit angehören. Leute wie Franken sollten sich bis dahin auf einen – so interpretiere ich das – Canossagang begeben und versuchen, in ihrer verbleibenden Zeit bei den Harding genehmen Randgruppen Vergebung und Erleuchtung zu suchen, wie man das halt so macht, wenn man zu Kreuze kriecht. Republikaner sind ohnehin verdammt. Aber Demokraten dürften, wenn sie ihre Fehler bitterlich bereut und den Platz zum richtigen Zeitpunkt geräumt haben, und ihre Wahlkampfmaschine den neuen Herrscherinnen den Sieg gebracht hat, als Elder Statesmen das Privileg geniessen, das Unvermeidliche getan zu haben und der wahrhaft richtigen Entwicklung nicht im Weg gestanden zu sein. Nach diesem Plan kann laut Harding eine Art Vergebung der Frauen mit pinkfarbenen Mützen erreicht werden.

Wie gesagt, die Karriere von Franken soll wegen eines 11 Jahre alten, gestellten Fotos und eines angeblich unerwünschten Zungenkusses eines Komikers vor seiner Zeit als Senator beendet werden, nicht etwa wegen millionenschwerer Korruption, des Berliner Flughafens, einer Stasi-Mitarbeit oder eines Sexualverbrechens. Es ist nicht viel nötig, um eine erfolgreiche politische Karriere nach Harding zu zerstören, und durch eine Machtübernahme von denen, die sich betroffen fühlen, zu ersetzen. Was Harding da vorschnell gefordert hat, bevor der Vorwurf in Misskredit kam, und was ihren Kolleginnen gefallen hat, ist keine Gefahr für echte sexistische Monster, aber sehr wohl für alle, die sich um die Stimmen, Unterstützung und wohlmeinenden Texte der Hardings dieser Welt bemühen müssen. Hier sind nicht nur die Maßstäbe besonders streng, und die Bereitschaft, dem angeblichen Opfer sofort und ausschließlich zu glauben, besonders hoch – wie auch beim politischen Gegner.

Trump hat die Affäre um seine “grab them by the pussy”-Aussagen bei der Wahl nicht wirklich geschadet, aber für Demokraten, die sich auch um das Lager der linken Aktivisten bemühen müssen, können solche Vorwürfe tatsächlich das Ende bedeuten. Sei es, weil dort die Losung gilt, alle männlichen Politiker seien Schweine und müssten durch politisch richtige Minderheiten ersetzt werden. Oder sei es, dass Gerüchte über angebliche Zungenküsse nach 11 Jahren gezielt gestreut werden, um im parteiinternen Nominierungsverfahren Konkurrenten auszuschalten.

Franken hat so einen Anschlag schon früher überlebt, als ihm Republikaner einen Beitrag im Playboy über Porno vorgehalten haben, und es sieht so aus, als würde er auch diesmal den Zangenangriff durch die Steve Bannons und Kate Hardings dieser Welt überstehen. Aber die bedenkliche Erkenntnis bleibt, dass es bei Metoo längst nicht mehr um individuelle Verfehlungen geht, sondern ganz konkret um die Durchsetzung umfassender politischer Ideologien, und um die Ausschaltung derer, die sich nicht konform verhalten. Erwartet wird Unterwerfung. Demut und Akzeptanz der anderen Seite, und es ist leicht, weil momentan alle Maßstäbe verrutscht sind: Echte Sexualverbrecher werden auf eine Stufe mit jenen gestellt, die sich nicht konform mit der Genderideologie verhalten, und Aktivistinnen gehen in den Medien mit vagen Drohungen hausieren, sie könnten noch viel mehr erzählen. In den USA sind es die Anhängerinnen des Mattress Girls und des UVA-Hoaxes, in Deutschland die Leute, die Team Gina Lisa waren und sich für einen falschen Vergewaltigungsvorwurf stark gemacht haben. Der Liberale kann sich da sicher konform verhalten und unterwerfen, um den aktuellen Gesinnungsterror zu überstehen – auch so eine Szene gibt es in Mars attacks.

Die anderen sollten vielleicht besser das laute und standhafte Jodeln lernen.

24. Nov. 2017
von Don Alphonso
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17. Nov. 2017
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Die Neue Ordnung der sogenannten Werte im Netz

Ich füge den unten stehenden Link nur der Vollständigkeit halber ein – und auch nur nicht aktiv – weil ich denke, dass solche Inhalte nicht verbreitet werden sollten. Es geht da um einen Beitrag von Buzzfeed, in dem der neue Chef eines britischen Schwulenmagazins moralisch hingerichtet wird, weil er in den letzten Jahren ab und zu ein paar wenig geschmackvolle Sachen auf Twitter geschrieben haben soll – ich muss zugeben, ich habe ein paar Mal laut gelacht.

https://www.bu zzfeed.com/patrickstrudwick/the-editor-of-gay-times-posted-dozens-of-offensive-tweets?utm_term=.dnaK7eEDGa#.yew025ogVW

Wer eine Weile mit Mitarbeitern eines schwulen Magazins zugebracht hat, der kennt das, denn diese Szene ist nun mal in den klassischen Kanon bürgerlicher Tugenden und Ausdrucksformen eingebunden, und das ist auch witzig so. Da sind solche Scherze nicht ungewöhnlich. Nicht gelacht hat der von Buzzfeed dann stolz zitierte Arbeitgeber, der den Betroffenen auf den Beitrag hin gefeuert hat – da steht dann irgendwas mit “values”. Man darf davon ausgehen, dass die Bemerkungen über fette, körperlich hässliche und moralisch abstoßende Personengruppen diverser Abstammung den kommerziellen Interessen der Zeitung entgegen stehen. Buzzfeed garniert das alles noch mit Krokodilstränen der linken Szene, bisher seien die Chefs der Zeitung immer nur weiße Männer gewesen, und nun endlich käme jemand mit nicht rein weißem Hintergrund, und dann so etwas. Schrecklich! Das müssen Sie gelesen haben! Skandal.

Nun leben wir in Zeiten, in denen eine vom Staat bezahlte “NGO” namens No Hate Speech es völlig in Ordnung findet, wenn eine iranischstämmige Fett-Akzeptanz-Aktivistin in der taz in Bezug auf Deutsche von “Kartoffeln” und “deutscher Dreckskultur” spricht. Diese Person wird dann auch noch in drei Beiträgen von taz-Autoren verteidigt, und Kritik an den Aussagen wird als “rechts” diffamiert. Der Unterschied ist, dass sich die lockeren Sprüche im britischen Fall gegen das richtete, was man allgemein als Minderheiten bezeichnet, wohingegen die taz ernsthaft gegen die deutsche Mehrheitsgesellschaft zu Felde zieht. Zweimal Rassismus, einmal fühlt ein Magazin seine Werte betroffen, und einmal fühlt eine angeblich antirassistische Zeitung ihre Werte bewahrt. Und bei Buzzfeed meint man, mit dieser Denunziation auf der richtigen Seite gewesen zu sein.

Den Link übeer den schwulen Journalisten habe ich übrigens von Twitter, von einem Journalisten des Guardian. Der gleiche Journalist hat vor ein paar Tagen eine weitere Geschichte von Buzzfeed verlinkt. In diesem Fall ging es um den Guardian selbst, namentlich einen leitenden Angestellten der Onlinebereichs, der wegen des Verdachts sexuell unangemessenen Verhaltens freigestellt wurde. Das kann man prinzipiell richtig oder angemessen finden, aber ich frage mich schon, ob sich dieser Kollege gut fühlt, wenn er so etwas über seine eigenen Kollegen öffentlich verbreitet. Vermutlich findet er das richtig, denn Journalisten geben oft vor, auf der richtigen Seite zu stehen.

Ein anderer, deutscher Journalist, der ansonsten nicht eben ein Freund des ausgeglichenen Wortes ist, wartete heute empfehlend mit einem Link zu einem Beitrag auf, in dem die Meinung vertreten wird, der Feminismus müsste sich jetzt noch einmal mit seinen Fehlern in Bezug auf Bill Clinton auseinander setzen. Seit über zwei Jahren lese ich bei rechten Verschwörungstheoretikern immer wieder Versuche, den früheren US-Präsidenten moralisch doch noch zu diskreditieren, ihm Lustreisen nachzusagen oder ihn in Verbindung mit pädophilien Zirkeln zu bringen. Die Rechten hassen Clinton, seitdem das Impeachment gegen ihn gescheitert ist. Sie kamen damit nicht durch. Aber jetzt wird das Tribunal wieder eröffnet. Von denen, die Clinton damals eigennützig verteidigt haben, weil sie Angst vor einem politischen Umschwung hatten´. Feministen sollten sich jetzt beeilen und auch ein paar Hit Pieces über Clinton verbreiten, und so auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

Nur über den Umstand, dass die von den meisten Medien einseitig gelobte Gina Lisa Lohfink nun auch nach der Revision zu einer Geldstrafe wegen der Falschbehauptung einer Vergewaltigung verurteilt wurde: Davon schweigt das Unterstützerteam jetzt lieber. Aber die Frage für mich ist: Wann wurde das hier draußen im Netz eigentlich so moralisch, dass man jetzt noch mal Bill Clinton jagen und schwulen Journalisten die Existenz zerstören muss?

Denn wer wirklich eine bombensichere Moral ohne Debatte und Widersprüche will, benötigt eigentlich kein Internet. Rudimentäre Lateinkenntnisse und ein Besuchsschein für jede theologische Fakultät reichen aus, um sich ein ganzes Leben lang in katholischer Moralliteratur zu vertiefen. Ich kann da besonders das 18. Jahrhundert empfehlen. denn damals hatte sich die Geistlichkeit mit Büchern wie “Die philosophische Therese” oder “Die Nonne” herumzuschlagen, die einen direkten Angriff auf jene Ideale von Keuschheit und Zurückhaltung darstellten, die heute wieder im Mode sind. “Shut up and listen” war damals schon die übliche Erwartungshaltung gegenüber abweichenden Meinungen, da unterscheidet sich der kahlrasierte Dominikaner nicht von der grünhaarigen SPON-Aktivistin. Wer ein schweigendes Publikum will, muss sich selbst eines suchen.

Das Problem, speziell im Internet, sind die quasi unbegrenzten Möglichkeiten. Es ist nicht so erfolgreich, weil dort alles steht, was bislang gedruckt und erlaubt wurde, sondern alles, was man daneben unkompliziert schreiben will und braucht. Kleines Beispiel, weil wir oben die linke taz und den Kartoffel-Rassismus hatten: Ich habe gestern etwas über die “Strategie der Spannung” in Italien recherchiert, und bin dabei auf den Ordine Nuovo-Gründer, Neofaschisten und Rassisten Pino Rauti gestoßen, der sich selbst auch für “links” hielt. Rauti war Anhänger des Rassentheoretikers und Antisemiten Julius Evola. Ich bin absolut unverdächtig, Evola zu schätzen, aber es ist angenehm, dass ich im Netz ein pdf seines Werks “Revolte gegen die Moderne Welt” herunterladen und betrachten kann, ohne es bei einem obskuren, rechten Verlag bestellen und bezahlen zu müssen. Im Buch steht, dass auch Evola wie die neuen, exterminatorischen Moralisten des Netzes einer von der Sorte ist, die in der modernen Welt die Verrottung und schlimme Moral erkennt – und beseitigen will.

Es gäbe durchaus Gründe, warum Evolas faschistisches Werk besser vergessen wäre, aber so, wie es im Netz steht, kann sich wenigstens jeder sein eigenes Bild machen, und darüber zu lachen: Evola ist wie so viele Dogmatiker, egal ob Marx oder Rosenberg, gefangen im Irrglauben an einen Idealzustand, den es weder jemals gegeben hat, noch jemals geben wird. Das Beste, was man aus Evola lernen kann ist, auf keinen Fall wie Evola zu werden. Evola war ein widerlicher Frauenhasser, er schrieb wörtlich von der “Frau als Ding” – gestern suchte dagegen eine taz-Autorin Männer, die wegen des “Patriarchats” Angst vor sexuellem Versagen haben.

Das muss einem nicht gefallen, aber so, wie man hier draußen Evola lesen kann, Karl Marx oder Anhänger eines Israelboykotts, kann man auch fragen, ob nicht Männer Lust haben, ihre Erektionsprobleme in der Öffentlichkeit dem feministischen Bild des Patriarchats zuzuschreiben. Die Freiheit, die uns garantiert, Evola lesen zu können, garantiert auch anderen die Freiheit, völlig konträre Meinungen lesen zu können. Das geht aber nur mit einer gewissen moralischen Gelassenheit und Differenzierungsvermögen gut aus: Wenn Evola ein Neofaschist ist, ist nur er ein Neofaschist, aber nicht jeder, der nicht 100% auf der Linie der Antifa ist. Diese Differenzierung geht momentan aber rapide verloren: Wenn beispielsweise eine Feministin im grünenfreundlichen österreichischen Standard einen Harvey Weinstein auf eine Stufe mit dem Ex-Grünen Peter Pilz stellt, und dann im nächsten Schritt Grüne in Innsbruck die Hexenjagd nutzen wollen, einen innerparteilichen Kritiker mit falschen Gerüchten zu ruinieren.

So macht frau das heute. Ich kann mir da noch eine gewisse Freiheit leisten, aber ich kenne etliche Personen in Berlin, die in den letzten Jahren schlau genug waren, mit niedrigen Zinsen Immobilien zu kaufen. Diese Personen haben allesamt einen guten Schnitt gemacht. Manche haben vor ein paar Jahren auch noch offen ins Internet geschrieben, dass ihnen ihr entslumtes Viertel besser als früher gefallt, als sich dort noch Leute herumtrieben, die nicht westdeutsch waren. Vor dem Immobilienboom konnte man ganz offen über solche Themen in sozialen Netzwerken reden. Heute sind die Gewinner allesamt verstummt. Weil der Zeitgeist in Berlin und in den Netzen dazu tendiert, jeden Eigentümer vom mühsamen Sparer bis zum börsennotierten Immobilienkonzern in einen Topf zu werfen. So, wie man jeden Verteidiger früherer Gesellschaftsordnungen in die Nähe von Evola rücken will, wird jeder, der kein Geschmier an der Wand und keine Beule im Auto haben will, zum Miethai und antisozialen Verdränger. In den Massenmedien finden sich viele entsetzte Artikel über steigende Mieten, aber nur sehr wenige weisen darauf hin, dass Miete in Deutschland lang zu billig war, was sich jetzt in Zeiten steigender Preise wegen der niedrigen Eigentümerquote rächt. Im Ergebnis kenne ich zwar viele Profiteure der Entwicklung, aber die Sichtweise in den sozialen Medien sieht so aus, dass eine “Refugees welcome” rufende Soziologin unwidersprochen meint, jetzt auch noch Anspruch auf 2 Zimmer und Balkon für 750€ warm in einer beliebten Großstadt zu haben.

Gäbe es eine vernünftige Debatte im Netz, gäbe es so etwas wie einen Diskurs, der im Abgleichen von Erfahrungen keine Beleidigung und keinen Verstoß gegen die richtige Ideologie sieht, wäre die Konstruktion der Realität aus vielen Sichtweisen einfacher. Dazu müsste man den Wünschen und Erwartungen der anderen aber zuerst einmal ein Existenzrecht einräumen. Die grüne Partei in Österreich war fraglos vorbildlich feministisch und ist gerade aus dem Parlament geflogen, weil sie damit auch Frauen kaum angesprochen hat. Das liegt daran, dass es auf der einen Seite durchaus so etwas wie eine Diskurshoheit gibt, die in Parteien mit internen Regeln, in Religionen mit Dogmen, im Faschismus mit Faschismus und im Netz mit Meldeknöpfen, Shitstorms und Schweigespiralen erzwungen wird. Auf der anderen Seite gibt es aber genug Privatleben, das davon nicht berührt wird, und sich unerwartet zur Wehr setzt. Es gibt gute Gründe, warum man heute in theologischen Bibliotheken viel Platz hat, warum die Bürger in Polen gegen die Regierung auf die Strasse gehen, und manche, die brav Angriffe auf Sexismus in den deutschen Medien retweeten, privat trotzdem nehmen, was sie aufgrund ihrer Netzbekanntheit kriegen können. Wenn ich nach dem gehe, was ich bei Twitter sehe, kennt zwar jeder die New York Times und den Guardian, aber Anbieter von Pornoseiten und sexuellen Dienstleistungen hätten dortselbst keine Kundschaft.

Ich glaube das nicht so ganz, denn wenn es so wäre, bräuchten wir hier nur ein paar Druckereien und einen Vertrieb und eine Beilage aus der Feder von Herrn Ratzinger, und keinen weiteren Netzausbau. Julius Evola würde das sicher auch begrüssen, aber der normale Mensch ist nun mal kein spiritueller Krieger, der das Richtige tut und das Falsche vernichtet, ohne vorher auch nur ein Wort mit ihm gewechselt zu haben. Im normalen Leben, vom Kantinenbrei bis zum in China zusammengeschraubten Handy, dominiert nicht die Reinheit, sondern die Einsicht, dass man Kompromisse eingehen muss. Leider laufen im journalistisch-aktivistischen Komplex nach dem Kantinenessen solche ethisch reinen Aufpasser mit Kontrollhandy herum. Da gibt es einen, der ein Opfer eines schmerzlichen Diebstahls zur verbalen Ordnung rufen wollte, weil die Betroffene das klauende Gesindel als „Gesindel“ bezeichnete. Das sind die moralisch reinen Intoleranten, die tatsächlich eine neue Ordnung und ein System wollen, das keine Abweichung zulässt: Weil sie alle Werte haben, die bis aufs Blut der anderen verteidigt werden.

Evolas Anhänger haben zu diesem Zweck Bomben gelegt, aber die Methoden von Buzzfeed und diverser anderer mag ich deshalb noch lange nicht. Ich kann im Netz prima ohne solche Werte leben.

 

 

17. Nov. 2017
von Don Alphonso
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02. Nov. 2017
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Sex, Missbrauch und Radikalisierung

Die Empörung trieft aus den Zeilen von Jezebel, einer Seite aus dem untergegangenen Gawker-Imperium, die soziale Anliegen, Entertainment, Sonderangebote für in Fernost genähte Kleidung, angeblich „Sex“ und Karrieretipps für die Sorte Frau bringt, die sich diese derartige Kombination aus Konsum, Eigeninteresse und Empörung interessiert. Jezebel kann sich nur schlecht damit abfinden, dass ihre Partnerseite Defamer schon vor Jahren ein ganzes Dossier übelster Schmuddelgeschichten über Kevin Spacey aus Hörensagen und Aufforderung zur Denunziation zusammen getragen hat. Die Berichte verpufften damals aber ohne jeden Skandal. Gawker jedoch rutschte wegen einer ähnlichen Dreckschleuderei gegen Hulk Hogan in die Insolvenz. Gawker hatte viel Material, aber zum falschen Zeitpunkt

Und jetzt war es die direkte und ähnlich seriöse Konkurrenz von Buzzfeed, die im Rahmen des Weinstein-Skandals Spacey zu Fall brachte. Denn Defamer hatte zwar den ganzen aktuellen Schmuddel aus zweiter Hand, aber Buzzfeed die 33 Jahre zurück liegende Geschichte, dass Spacey einen Kollegen, der damals 14 Jahre alt war, sexuell belästigt haben soll. Spacey verscherzte sich zudem viele Sympathien bei Schwulen und Minderheitenaktivisten, als er in einem Statement neben Erinnerungslücken die Neuigkeit seiner eigenen Homosexualität ins Feld führte. Die Verbindung von Missbrauch an Minderjährigen und Coming Out ist nicht wirklich ideal für Leute, die alles Schlechte im Patriarchat des alten, weissen, heterosexuellen Mann erkennen wollen, und nun im laufenden Skandal schon wieder eingestehen müssten, dass es fragwürdiges Verhalten auch bei den ansonsten immer als Opfer dargestellten Minderheiten gibt. Entsprechend wurde die Erklärung des Senders Netflix, wegen der Vorwürfe die Serie House of Cards zu beenden, auch von jenen zustimmend zur Kenntnis genommen, die diese Dystopie der amerikanischen Politik gelobt hatten.

Während inzwischen schon darüber spekuliert wird, wann und durch wen der Weinstein-Skandal eine Wendung hin zum Pädophilieskandal nimmt, und zum Problem für das System Hollywood an sich werden kann, gibt es aber auch noch kleinere Opfer der bisher bekannt gewordenen Vorwürfe. Es sind tatsächlich Opfer, also auf den ersten Blick Unbeteiligte, die eigentlich nur ihren Job gemacht haben, aber offensichtlich nicht gut genug. Denn Variety gelangte in den Besitz einer Email des Medienkonzerns Buzzfeed, die an die Mitarbeiter verschickt wurde, bevor das Portal mit den Vorwürfen gegen Spacey an die Öffentlichkeit ging. Und diese Mail sagt vieles über das neue Denken in der schönen, neuen Internet-Medienwelt:

Over the past few years, the BuzzFeed News Entertainment team has worked diligently to keep us up to date on the latest in TV, movies, and celebrity and industry news, delight us with smart takes on the latest in Hollywood, and keep us primed on what shows we should — or should not — be spending our time watching.
But, as we’ve seen since the election — and in entertainment stories like our great R. Kelly coverage and most of all the Weinstein scandal — the crucial stories sit at the intersection of entertainment, culture, politics and media. The holes in our Weinstein coverage made clear that we needed to change the way we cover entertainment to put ourselves in a position to tell great stories. Our audience wants to see how changing social norms, gender dynamics, and political issues are being reflected in their culture and entertainment

Buzzfeed gehört zwar zu den am schwersten betroffenen Portalen auf der Liste der Shitty Media Men, die der Kundige mittlerweile bei Reddit herunterladen und einsehen kann – die Firma ist also nicht nur Stimme im Chor der Empörten, sie hat teilweise recht weit oben in der Hierarchie Klärungsbedarf. Jedenfalls war Buzzfeed in den ersten Wochen des Skandals zumeist lediglich Nacherzähler dessen, was andere schon veröffentlicht hatten., während die in der Mail erwähnte Geschichte über den Rapper R. Kelly und seine Beziehungen zu Frauen einige Wochen davor nicht für das gewünschte Aufsehen gesorgt hatte. Wie schon Gawker musste Buzzfeed hier erfahren, dass es nicht nur auf den Inhalt ankommt, sondern auch auf den richtigen Zeitpunkt und den Umfang der moralischen Empörung. Sexskandale gibt es schließlich immer wieder, aber nur wenige haben globalen Aktivismus zur Folge.

Buzzfeed jedenfalls reagiert auf die selbst erkannten Fehlstellen in der Berichterstattung mit der Entlassung dreier hochrangiger Mitarbeiter in der Führungsriege des Entertainmentbereichs und führt eine völlig neue Struktur ein. Wichtigster Punkt ist eine neue Abteilung, die sich offensichtlich den Kernanliegen der Social Justice Warriors, auch bekannt als Snowflakes, widmen soll:

Moving forward, we’ll be splitting our entertainment reporting into three distinct areas: one team, which will report into Kovie Biakolo, will be dedicated to in-depth reporting and analysis of the entertainment industry — honing in on cultural conversations like those about race and gender issues in Hollywood and helping us and our audience navigate what’s worth our time

Die Karriere der aus Nigeria stammenden und in New York lebenden Autorin an die Spitze eines wichtigen Teams bei Buzzfeed ist erstaunlich – es gibt von ihr bei Buzzfeed, wo die Mitarbeiter zur Textmassenproduktion angehalten werden, lediglich 5 Beiträge  Bei Twitter hat sie in Zeiten ihrer Beförderung gleich einmal ihre Einstellung zu Männern dokumentiert:

Und – alles andere als selbstverständlich für den Ruf als seichte Kätzchenplattform, den Buzzfeed immer noch geniesst – ihre Beiträge werden auch auf der linkslastigen Plattform Alternet vorgestellt, Wie etwa ein typisches Stück eben jener zum Minderheitenrassismus fortentwickelten Identitätspolitik, die als ein Hauptgrund für das schlechte Abschneiden der Demokraten bei ihren herkömmlichen Wählern aus der weissen Arbeiterschicht gilt. Biakolo steht für eine radikale Einstellung, die eineinhalb Monate vor der alles entscheidenden Wahl Rassismus erkennt, wenn Weisse “kulturelle Aneignung” etwa in der Übernahme der Rezepte anderer Weltregionen begehen. Diese elitäre Denkweise, in der das weisse Patriarchat als Kern alles Übels ausgemacht wird, hat bekanntlich nicht ganz gegen Donald Trump gewinnen können, der so herkömmliche Themen wie Wirtschaft, Arbeit, Wohlstand und Verachtung für eben jene Eliten ins Zentrum seines Wahlkampfes stellte. Jetzt lässt Buzzfeed diese Autorin auf Hollywood und den Entertainment-Bereich los, der auf eine eher traditionelle und um Mehrheiten bedachte Weise auf Seiten der Demokraten stand. Biakolo soll mehr Veränderungen in den Bereichen Gender und Minderheiten fördern und den Lesern nahe bringen.

Und an Kevin Spacey hat Buzzfeed gleich einmal ein Exempel statuiert, wie man sich das weitere Vorgehen vorstellt. Die Unterhaltungsindustrie, die es vor allem auf die jungen Konsumenten von Buzzfeed abgesehen hat, wird es nicht einfach haben, wenn dort an der Spitze ideologische Vorstellungen herrschen, nach denen grosse Teile der bisherigen Tätigkeiten den moralischen Ansprüchen nicht genügen. Mit Spacey hat es übrigens nach Weinstein erneut einen persönlichen Freund der Clintons erwischt – dass Biakolo nicht zu viel von den traditionellen Demokraten im Allgemeinen und auch nicht von Clinton im Besonderen hält, hat sie bei ihrer früheren Plattform Thougt Catalog gezeigt, die noch mehr als Buzzfeed die sogenannten “Progressiven” fördert.

Die Kluft, die durch das amerikanische Kulturleben geht, wird durch solche strategischen Personalentscheidungen sicher nicht kleiner. Auf der einen Seite sind da Empörungsportale wie Buzzfeed, Jezebel oder Vice mit Broadley, die alle ihre Stunde gekommen sehen und den Skandal ohne Rücksicht auf Überprüfung der Anklagen am Laufen halten. Auf der anderen Seite freuen sich Breitbart und konservative Medien über das Massensterben der Clintonanhänger in Medien und Kulturbetrieb. Und Hollywood muss irgendwie zwischen den wütenden Rufen nach Aufklärung, den kulturrevolutionären Säuberungswünschen der Linksradikalen und dem Massengeschmack des oft genug Trump wählenden Publikums durchlavieren. Buzzfeed hat jedenfalls eine klare Richtungsentscheidung gegen “White Privilege”getroffen und sich ideologisch weit links positioniert.

Zumindest inhaltlich. Davon unberührt sind natürlich die Pläne, den Konzern im kommenden Jahr an die Börse und an alte, weisse, privilegierte Männer zu bringen. Dort jedoch hat Buzzfeed ein gewisses Problem: Das Wachstum der Plattform ist nicht so gut wie erhofft, und die Firma schreibt immer noch massive Verluste. In manchen Ländern wie Deutschland stockt die globale Expansion, und neue Geschäftsfelder wie simple Videos mit einfachsten Gerichten sind von anderen leicht kopierbar. Auch der schönste Skandal ernährt niemanden, wenn die Werbemaschine dahinter kein Geld abwirft. Buzzfeed und Co. sind da weiterhin massiv von der Gunst und den Netzwerkeffekten der grossen Techkonzerne Facebook und Google abhängig, deren Plattformen sie zur Verbreitung ihrer Inhalte benutzen. Hollywoods Schauspieler mögen eine fragwürdige Vergangenheit nach heutigen Moralvorstellungen haben. Die Zukunft der Jugendportale, die die Empörung darüber zum Geschäftsmodell machen wollen, ist aber auch kaum sicherer.

Das illustriert unfreiwillig aktuell übrigens auch das Schicksal der Teen Vogue, die während der letzten Jahre verstärkt auf Gender-Themen und intersektionellen Feminismus setzte – und jetzt mangels Erfolg eingestellt wird. Betroffen davon ist übrigens auch die oben verlinkte Lauren „male consequences“ Duca.

 

 

02. Nov. 2017
von Don Alphonso
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26. Okt. 2017
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Medien, Kunst, Sex: Die Weinsteins im Kulturdorf lassen

Es gibt da einen bemerkenswerten Beitrag im Guardian. Der Guardian ist vom Weinstein-Skandal selbst betroffen, zwei frühere Mitarbeiter der linken, britischen Tageszeitung gehören zu denen, die bislang wegen Anschuldigungen des sexuellen Fehlverhaltens ihre Arbeit verloren. Der Guardian weiss also, dass er auf der einen Seite zwar Feministinnen wie Jessica Valenti schreiben lässt, aber auf der anderen Seite Leute beschäftigt hat, deren Verhalten im krassen Gegensatz zur Blattlinie und den von ihnen verfassten Artikeln stand. Es erinnert ein wenig an Harvey Weinstein, der selbst ein liberales, feministische Anliegen unterstützendes Aushängeschild Hollywoods darbot, aber sein eigenes Verhalten war den Anwürfen zufolge ganz anders. Der Guardian jedenfalls beschäftigt sich mit der sogenannten “Shitty Media Men”-Liste, auf der 70 Namen von problematischen Vertretern der Branche vor allem aus New York zusammen mit ihren Verfehlungen aufgeführt werden.

Wer gedacht hätte, dass der nach weiteren Informationen gierende Guardian als Aufklärer die Namen veröffentlicht, sieht sich allerdings getäuscht. Es gibt zwar inzwischen mit dem Publizisten Leon Wieseltier einen Fall, der auch auf der Liste stand, seinen Job verlor und sich veranlasst sah, sich für sein Verhalten zu entschuldigen – insofern ist es zumindest plausibel, dass die Liste kein Hoax rechtsextremer Kreise ist, die linke Journalisten beschädigen wollen. Die Guardian-Autorin Helen Gould beschreibt die Liste als eine Zusammenstellung der Notwehr, um Betroffene vorab still über Problemfälle zu informieren. Sie fordert dann eine kulturelle Änderung der Gesamtsituation, damit Fälle wie jene 70 nicht mehr vorkommen. Es geht also nicht primär darum, 70 vermutete Skandalpersonen in den Medien für ihre Taten haftbar zu machen, sondern um alles und jeden. Um die gesellschaftliche Realität, die geändert werden soll, um die Machtverhältnisse, um den Siegeszug des Feminismus.

Darüber kann man nur lächeln, wenn man selbst in linken Projekten mit feministischen Ansprüchen tätig war und Fälle kennt, sei nun in fortschrittlichen Medien oder in sozialen Kontexten, in denen mittelalte Frauen mit Minderjährigen für die Männerseite reichlich frühe sexuelle Erfahrungen teilten. Die Geschichten sind in diesem Kontext wie immer, es gibt eine von den 68ern herrührende, eher distanzlose Feierkultur, die Einnahme von Drogen ist nicht wirklich atypisch, und rückblickend würden die beteiligten Frauen heute vermutlich auch das sagen, was Harvey Weinstein zu seiner Verteidigung angebracht hat: Dass sie eben aus einer anderen Zeit stammen. Diese Verteidigungslinie gab es auch beim Skandal um den sexuellen Missbrauch von Kindern im Umfeld der damals noch jungen grünen Partei, oder bei anderen Vertretern der Öffentlichkeit, die sich in Folge der sexuellen Revolution provokant gaben, und derartige Aussagen heute nicht mehr treffen würden. Ich will das hier nicht bewerten – kaum zu bestreiten ist jedenfalls, dass die westlichen Gesellschaften bis in die 60er bis 80er Jahre von rigiden Sexualnormen dominiert waren, und bei deren Durchbrechung tatsächlich bisweilen wenig zimperlich argumentiert, mit fragwürdigen Gruppen koaliert und gehandelt wurde. Ich habe mal ein Interview mit einem Starphotographen gemacht – heute ein alter Mann, verheiratet, Kinder – und der meinte, man könnte das nicht vergleichen, damals seien die Drogen viel weicher gewesen, und der Sex wurde als gewünscht vorausgesetzt – das wusste jeder, deshalb wurde man Teil der Bewegung, und wer das nicht wollte, war einfach nicht in diesen Kreisen unterwegs, nach deren Details nun lüstern im Guardian gefragt wird.

Der Photograph, der früher wüste Backstage-Orgien abgelichtet hat, macht heute Portraits bekannter Künstler und Politiker, und ist, wie so viele aus dieser Generation, im Mainstream angekommen. Andere haben sich totgefixt oder umgebracht, vielen Heroen war kein langes Leben beschieden, 2016 hat uns das noch einmal deutlich vor Augen geführt. Die Gesellschaft jedoch hat sich mit dem Erbe der sexuellen Revolution in Form einer allgemeinen Sexualisierung arrangiert – was man am Aufschrei merkt, wenn plötzlich eine junge Muslima meint, im schwarzen Burkini ihre Runden zwischen der Rentnerinnenschwimmgruppe in bunten, freizügigen Badeanzügen drehen zu können. Pornographie ist leicht verfügbar, und statt Perversionen der Vergangenheit gibt es heute einfach Kategorien von Wunschdarstellungen. Bei Elitepartner findet man das erwartete Vermögen des Anderen, bei den diversen Seiten für düstere Leidenschaften kann man sich die nächste Traumorgie zusammenklicken. Wer in den Medien heute homosexuelle Praktiken verurteilen würde, bekäme schnell den Ärger der Lobby zu spüren. Wir leben in einer Gesellschaft, die Wagenladungen von Halbnackten inzwischen auch von konservativen Parteien auffahren lässt, und die gleichzeitig selbstgerecht und mit Medienunterstützung Gruppen blockiert, die für ein traditionelles Familienbild stehen.

Um das klar zu sagen: Ich war mit schwulen Freunden auf dem Hans-Sachs-Strassenfest, als das noch kein Mainstream war, und empfinde Abtreibungen als Ausdruck des gesellschaftlichen Fortschritts, der mit Zähnen und Klauen verteidigt werden muss – ich weiss nämlich noch, was für ein Drama das im Bayern der 90er Jahre war. Sex hat diese Gesellschaft zum Guten verändert und ihre Fundamente komplett neu organisiert, und vor allem wurde Sex demokratisiert: Der Markt, vor allem im Internet, macht möglich, was früher in kleinen Kreisen machbar war. Ich könnte rückblickend auch #metoo twittern, einfach, weil eine bekannte amerikanische Schriftstellerin das Morizz in München schätzte, und ich eine Stunde dort auf sie wartete: Das, was heute als “unwanted advances” Karrieren beenden kann, war in diesem Raum gegenüber allein herumsitzenden Männern völlig normal. Allein die Anwesenheit galt als Zeichen der Verfügbarkeit. Ich habe das aber nicht als Belästigung empfunden. Und wenn ich auf der Strasse gewartet hätte, wäre es schlagartig vorbei gewesen.

Feministinnen im Guardian und in anderen Medien wollen nicht an die Shitty Media Men in ihrem eigenen Morizz heran, sondern lieber das gesamte System vor der Tür ändern. Sie gehen von einer Rape Culture aus, aber ich, als Wanderer zwischen den Welten, sehe darin die Liste der vor allem betroffenen Medien: Darunter sind auch Vice, Mother Jones und Buzzfeed, die sich den Feminismus auf die Stirn gemalt haben. Kunst, Kultur, Theater, Medien, Film, diese Szenen sind durchsetzt mit den Bunten, den Kreativen, den Säufern, den Anderen, den Freaks und generell denen, die im engen Korsett einer reaktionären Gesellschaft keine Chance hätten. Die gesellschaftliche Veränderung zur Dienstleistungsgesellschaft bringt es aber mit sich, dass in diesem Bereich nicht mehr jeder ein Caravaggio, eine Lee Miller, ein Hendrix, eine Sackville-West, ein Cohn-Bendit oder eine Kiki de Montparnasse ist. Die Folge ist, dass nun die Trennschärfe verloren geht: Metoo ist aus Sicht der Betroffenen oder sich betroffen Fühlenden undifferenziert alles von den widerwärtigsten Erscheinungen der Pädophilie bis Verhaltensweisen der Annäherungen oder Komplimente, die nur Lieschen Müller-Chebli aus dem HU Genderseminar wirklich schockieren. Aber nicht diejenigen, die zur eigenen Freude und Erholung die Clubvorhöfe der Kreativbranche besucht haben. Für die Nachgeborenen reicht es, wenn sie einmal eine alte Ausgabe der Tempo um 1990 herum lesen. Da findet man freizügige Texte, die heute von keinem Medium mehr abgenommen würden, das auf der anderen kein Problem hat, Antifagewalt zu fördern.

Das weiss jeder, der damals dabei war. Es gab zwei Sphären, die einen tanzten am Montag morgen im Springbrunnen vor dem Parkcafe und die anderen fuhren von der Familie aus daran vorbei zur Arbeit. Wir sangen in Zegna und Moschino höhnisch “Holzfällerhemd und Samenstau, er studiert Maschinenbau”. Extrempositionen, Abgrenzung vom Normalen, Hedonismus und hemmungsloses Überschreiten von Grenzen gehörten zum Prinzip der Selbstdefinition. Wir hatten damals in den späten 80er Jahren das Glück, dass wir die Hippies schon abstoßend finden konnten, und uns nicht sexuell, sondern luxuriös revolutionär geben durften. Aber das, was wir damals alle, gleich welches Geschlecht oder welche sexuelle Orientierung, als Befreiung vom restriktiven Druck der Kleinstädte empfanden, wäre nach den strengeren Massstäben der #Metoo-Bewegung höchst fragwürdig. Es trifft nicht die Maschinenbauer, die wir ausgelacht haben, und die mit zwei Kindern und Frau glücklich wurden. Es trifft nicht Alt Right, wo man in einer männerbündischen Szene die Vergangenheit beschwört. Es betrifft vor allem den Bereich der Lebens- und Arbeitswelt, der die Anderen, die Schrägen, die nicht Passenden magnetisch anzieht.

Die Shitty Media Men gehören vermutlich in diese Kategorie, und man darf davon ausgehen, dass es wirklich eine Vielzahl von Problemfällen gibt. Für manche macht diese Halbwelt auch den Reiz aus – ich möchte in diesem Kontext an den taz-Journalisten mit der Keylogger-Software erinnern, der sich um die jungen Mädchen bemühte. Der Guardian und andere Medien sitzen auf einer brisanten Liste, und es wäre wirklich spannend, sie durchzugehen und zu schauen, was diese Leute angetrieben hat, und wie sie an ihre Machtpositionen gelangten. Es ist anzunehmen, dass Leute die wirtschaftliche und publizistische Macht, die sie hatten – und dank des Schweigens über die Liste immer noch haben – hemmungslos benutzten. Meine Bekanntschaft mit Maschinenbauern sagt mir gefühlsmäßig: Die Branchen, bei denen Kreativität, Enthemmung und Egomanie zwingende Teile des beruflichen Erfolgs sind, sind dafür anfällig. Speziell, wenn die Abhängigkeitsverhältnisse so ausgeprägt wie im Bereich von Kunst und Kreativität sind, und das Leben derartig prekär ist. Das Erpressungspotenzial muss übrigens noch nicht mal sexuell sein: Man hört böse Geschichten über von Journalistinnen betreute Jugendportale, bei denen andere Journalistinnen zu möglichst krassen Texten gedrängt werden, die sie mit Sicherheit später bedauern werden. Auf einen wie mich, der die Aufmerksamkeitsmaschinerie des Netzes reiten kann, kommen viele Abgenutzte der Klickzuhälterei mit Burnout und sozialer Traumatisierung.

Und linkskreative Kreise leiden hier unter dem Umstand, dass momentan der 3.-Welle-Feminismus mit seinen Rape-Culture-Verschwörungstheorien zugeführt wird, der unbedingt seine Weltsicht durchsetzen will. Da liegt es natürlich nahe, den Inquisitorinnen, die im Morizz keine 10 Minuten ohne Herzinfarkt überstanden hätten, den Weg zur allgemeinen Gesellschaft zu weisen, zu den Spiessern, zu den Normalos, und zu den weissen, heterosexuellen Männern, die bitte auch twittern sollen, wie schlimm sie das finden. Spätestens seitdem es aber auch um Schwule und Pädophilie auf der Besetzungscouch geht, seitdem eine Liste, die vermutlich inzwischen jeder hat, unterdrückt werden muss, und dort eine Vorsicht im Umgang angeraten wird, die dem alten, weissen, heterosexuellen Mann als Hauptschuldigem nicht gegönnt wird – seitdem würde ich fast annehmen, dass hier ein spezielles Problem einer speziellen Schicht zur Kollektivschuld verallgemeinert werden soll.

Sie haben die hochbrisante Liste. Sie kennen die Namen. Sie würden aber lieber über alle anderen reden. Auch das erinnert mich an Harvey Weinstein, der beim Women’s March mitgegangen ist, um es allen draußen zu zeigen – aber das Problem in sich selbst trug. Ich kann vollkommen verstehen, dass niemand in der kreativen Szene jetzt selbst mit dem Strafkatalog der Genderreligionspolizei von Stokowski, Butler und Aufschreierinnen beurteilt werden möchte, die man so lange gehätschelt hat und die lustig waren, solange ihre extreme Empfindlichkeit mit ihren Gendersternchen nur andere traf. Die Anklägerinnen werden selbst vermutlich nicht beurteilen wollen, was die 50-Jährige damals in der linken Szene mit dem Joint und dem Nachwuchsdemonstranten gemacht hat, ganz zu schweigen von dem, was die famose Melisa Erkurt über Flüchtlinge und Frauen recherchiert hat. Mein Vorschlag wäre wirklich, Vergehen als das zu sehen, was sie sind: Etwas, das einem Schuldigen unter Berücksichtigung der Umstände nach klaren Kriterien nachgewiesen werden sollte.

Alles andere sorgt nur für einen Generalverdacht, in dem die Täter dann wieder untertauchen können, weil angeblich “alle” so sind. Wir sind nicht alle, und wir sind in einem Bereich, in dem alle individuell sein wollen. So leben wir. So sollten wir auch beurteilt werden.

26. Okt. 2017
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17. Okt. 2017
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Mit grüner Selfiepolitik gegen Erfahrung und Substanz

Eigentlich ist in Österreich gar nicht so viel passiert: Die bisherige Kanzlerpartei SPÖ und das Lager der in Deutschland gefürchteten Freiheitlichen haben ihre bisherigen Ergebnisse in etwa behalten – die Freiheitlichen profitierten dabei von der Aufgabe der eigenen Abspaltung BZÖ. Die ÖVP hat unter dem Jungpolitiker und Balkanroutenschliesser Sebastian Kurz dagegen über 7% dazu gewonnen – also fast so viel, wie seine politische Widersacherin Angela Merkel mit CDU und CSU jüngst verloren hat. Allerdings relativiert sich dieser Sieg, wenn man die Aufgabe der Partei des Autoindustriellen Frank Stronach berücksichtigt, die 2013 noch mit 5,7% erfolgreich war: Das Team Stronach hatte sich schon während der letzten vier Jahre zerlegt, und trat wie das BZÖ nicht mehr an. Kurz ist es offensichtlich gelungen, dessen liberal-konservativ-populistische Wähler an sich zu binden.

Eine relevante Wählerwanderung gab es trotzdem: Die SPÖ verlor einen Teil ihrer Wähler an die FPÖ und ÖVP, und glich diese Verluste durch massive Zugewinne von den Grünen aus. Die Grünen sind die eigentlichen Wahlverlierer – sie verloren über 8 Prozentpunkte und kommen aller Wahrscheinlichkeit mit 3,9% nicht mehr in den Nationalrat. Der Umstand, dass eine Oppositionspartei 2 von 3 Wählern verliert, während eine unbeliebte grosse Koalition herrscht, ist ebenso erklärungsbedürftig wie interessant. Denn die Katastrophe ist selbst verschuldet und kennt einen weiteren Sieger: Die Liste des grünen Urgesteins und Skandalaufdeckers Peter Pilz, der die Grünen kur vor der Wahl verlassen hat, weil diese bei der Listenaufstellung dem Jungpolitiker Julian Schmid den Vorzug gaben. Die Grünen scheiterten an der 4%-Hürde, die Liste Pilz dagegen nahm sie mit minimaler Vorbereitung und wenig Geld ohne Probleme im ersten Anlauf.

Es lohnt sich, den zugrunde liegenden Konflikt zwischen dem Politsenior Pilz und dem Nachwuchsstar Schmid etwas genauer anzuschauen, weil ähnliche Entwicklungen auch bei deutschen Parteien des linken Lagers erkennbar sind. Pilz hat in der Migrations- und Heimatpolitik deutlich vertretene Ansichten, die von den Grünen als rechts und populistisch kritisiert wurden. Er ähnelt dabei grünen Parteirebellen wie Winfried Kretschmann und Boris Palmer, deren politische Vorstellungen ebenfalls von den migration- und integrationspolitischen Vorgaben der grünen Parteibasis abweichen. Auch die Partei Die Linke erlebt momentan einen derartigen Konflikt, weil das Lager rund um die Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht bei der klassisch sozialistischen Parteiführung rund um Katja Kipping in Verdacht steht, offen für rechte Thesen zu sein. Ähnlich wie die Grünen in Österreich tobt in den linken, deutschen Parteien ein Konflikt um die Ausrichtung der Politik aud die Interessen der jungen, gebildeten, urbanen Wähler, während klassische Protestwählergruppen und sozial Benachteiligte, speziell auf dem flachen Land, eher zu Rechtspopulisten abwandern. Die Liste Pilz hat sich dagegen – ähnlich wie Wagenknecht, Oskar Lafontaine und Boris Palmer – nicht radikal gegen die kritische Hinterfragung von Migration und deren soziale Folgen abgesetzt.

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Nun haben die Grünen in Österreich mit ihrem Dogmatismus – eines der Wahlplakate lautete “Sei ein Mann – wähl eine Frau. Das ist Grün.“ – sicher viele Fehler gemacht, weshalb sie in ihren Hochburgen in den Städten ebenso wie in der Provinz verloren haben. Es gab einen abrupten Wechsel an der Parteispitze, Gerüchte über fragwürdige Kandidatenwahlen und die Abspaltung der Parteijugend. Aber trotzdem sind sie die Partei, die hinter dem auch in Deutschland gefeierten Sieg des Bundespräsidenten van der Bellen gegen den Vertreter der FPÖ steht, und diesen Absturz von der Mehrheitspartei zur ausserparlamentarischen Opposition muss man erklären. Und das ist gar nicht so schwer, wenn man sich einmal anschaut, wie die Grünen sich um die junge, urbane, netzaffine Zielgruppe gekümmert hat.

„Hey! Ich bin Grüner Abgeordneter im Nationalrat, vertrete die Jungen & will mit euch die Welt retten“ schreibt Pilz-Bezwinger Julian Schmid und Platz vier auf der Liste für die Wahl bei Twitter über sich. Dahinter steht gleich seine Whatsapp-Nummer, über die er für jeden erreichbar ist. Als er nach seinem Sieg über Pilz nach seiner Bekanntheit und seinen Methoden in der öffentlichen Darstellung gefragt wurde, sagte er dem Standard:

„Meine Generation kommuniziert anders. Nennen Sie es Augenzwinkern oder Optimismus. Viele Vertreter älterer Generationen können das nicht nachvollziehen, auch in den Medien. Dazu kommt, dass junge Menschen andere Medienkanäle als die klassischen Zeitungen nutzen. Ich habe immer darauf geschaut, dass ich zeitgemäß kommuniziere. Dass das manchmal poppig ist, ist mir klar.“

Damit wurde Julian Schmid schon bei der letzten Wahl in Wien 2015 bekannt, als er sich als “Öffi für alles” mit Lippenstiftküsschen auf einem Wahlplakat zeigte – in einer Zeit, da sich Peter Pilz mit dem NSA-Umtrieben und dem Skandal rund um den Verkauf des Eurofighters an Österreich beschäftigte. Diese Methode hat Schmid in den letzten Jahren perfektioniert: Bei Twitter, Instagram und Facebook präsentiert er sich als Selfie-Politiker, zumeist in einer Schar glücklich lächelnder junger Leute.

Peter Pilz, dessen Blick unbestätigten Gerüchten zufolge bei schlechter Laune Wasser zu Eis verwandeln kann, schrieb dagegen detailliert auf seiner eigenen Seite im Internet über seine Arbeit in Untersuchungsausschüssen und beim Studium staubtrockener Akten. Seine Pressearbeit – oft auch an der eigenen Partei und am Parlamentsklub vorbei – zeigte sich in einer Flut an Pressemitteilungen und Interviews zu schwerer und komplizierter Materie. Pilz hat den Anspruch, die Unregelmäßigkeiten von Politik und Wirtschaft aufzudecken, während bei Schmid mit seinem Bekenntnis zur Klimapolitik im Ungefähren bleibt, wie er mit Facebook und Selfies das hohe Ziel der Weltenrettung erreichen will.

Das ist fraglos poppig, jung, offen und anpassbar, so wie es in den Empfehlungen der modernen Politik-PR steht. Die Weltenrettung ist da keine harte Arbeit und kein Kampf, sondern ein nettes Treffen unter jungen, gut aussehenden Menschen, die auch für Zahnpasta oder Almdudler werben könnten. Keine Demonstration, kein Aufstand, sondern ein Event mit einem Promi, den man liken, retweeten oder folgen kann. Schmid hat den immer gleichen, immer jungen Gesichtsausdruck des Lächelns, es sieht immer so aus, als stünde die Jugend hinter ihm, egal ob in Schulen, bei Lehrlingen oder auf der Strasse beim Wahlkampf. Schmid gibt sich als Mann und Stimme des Jungvolks. Er ist ein Multiplikator und eine Marke.

Und er hat sein Mandat damit verloren, während sein alter, weisses, nicht gekussmundeter und menschlich nicht ganz einfacher Gegner Pilz mit Sicherheit im neuen Nationalrat sitzen wird. Es zeigte sich, dass 64.000 Wähler der Grünen überhaupt kein Problem mit der Islamkritik haben, und auch gut damit leben können, wenn ein Grüner seine Bewegung für Vertreter nichtgrüner Überzeugungen öffnet, solange sie ehrlich und nicht skandalbelastet sind. Die Grünen haben versucht, Schmid gegen den Nimbus des unbestechlichen Pilz zu setzen. Schmid sei “0% dirty, 100% Grün.”

Sachmid sei der “sexy Posterboy” der Grünen, jubelte das Jugendmagazin Vice. Schmid verwendete in seiner Kommunikation modische Emojis und sprach mit Worten, die jeder urbane, junge Buchstabierer von Bento und Buzzfeed verstehen kann: “Wer Grün im Parlament will, muss auch Grün wählen!” Schmid schrieb nicht wie Pilz detailreiche Bücher über Machenschaften, sondern so epische Sätze wie: “Gemeinsam mit Cem Özdemir von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  #dasistgrün #Klimaschutz #Europa #Bildung #Solidarität #Respekt” Darunter lächelnde Politiker. Was daran Respekt, Klimaschutz, Europa, Bildung, Solidarität und Respekt sein soll, und was das in der konkreten Umsetzung bedeutet – egal. Rother, Anna Yesilyurt, Magdalena Elkmann und 49 anderen gefällt das.

Von solcher Zustimmung in sozialen Netzwerken können andere Politiker nur träumen, aber es ist wie bei den Piraten in Deutschland: Die Zustimmung in der eigenen politischen Filterblase im Netz deckt nicht die Realität ab. Von der Realität hatte Pilz offensichtlich mehr Verständnis als das Spitzenpersonal seiner früheren Partei. Die hat immer noch den sexy Posterboy Schmid, und Vice ist sicher nicht das Netzmedium, das jetzt freundlich über die Liste von Pilz und deren islamkritische Töne schreiben wird.

Schmid flogen nur die Sympathien und Herzen derer zu, die sich für ein Selfie mit ihm zeigten. Schmid kommt bei Facebook gut an und weiss, wie man sich dort inszeniert. Damit ähnelt er den Resten der Piraten, die inzwischen bei Grünen, SPD und Linken angedockt haben, und dort im Bereich Netzpolitik aktiv sind – und inzwischen auch bei Debatten helfen, um Personen wie Wagenknecht, Lafontaine, Palmer und Kretschmann zu isolieren. Auch sie haben Freunde bei Vice und Bento, die sie als Stimme der Jugend, speziell der gut ausgebildeten und trotzdem unzufriedenen, linken, urbanen Millenials präsentieren können.

Man muss das fatale Ergebnis dieser Bemühungen nicht mögen, aber in Österreich hat sich gezeigt, dass die Wähler solcher Parteien nicht im Mindesten ein ideologisch gleichgeschalteter Block sind, der genau das will, was im Parteiprogramm und in bildungsreduzierter Form und leichter Sprache bei Facebook steht. Ein erheblicher Teil der früher grünen Wähler stimmte für die Liste eines Kritikers des politiuschen Islams. Und was geblieben ist, zwingt den sexy Posterboy zum Abtritt von der Karriere als jener grüne Weltenretter, der immer lächelt. Es ist nicht so, dass diverse Medien die Grünen in Östereich nicht deutlich vor diesem Kurs gewarnt hätten. Sie haben sich trotzdem für den Netzprotagonisten und die lächelnde, ideologisch zuverlässige, urbane, junge Filterblase entschieden. Schmid schweigt seit der Wahl auf seinen Netzkanälen, sieht aber im Interview nicht die Schuld für das Debakel bei sich selbst.

Wieviele Prozente die Linke und die Grünen wohl ohne Wagenknecht und Kretschmann noch bekämen?

17. Okt. 2017
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11. Okt. 2017
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Wie der Weinstein-Skandal Trump an der Macht hält

Das erste Jahr seit der für viele überraschenden Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten neigt sich dem Ende zu, und zwei Aspekte kann man zumindest jetzt schon festhalten. 1. Es war nicht langweilig. 2. Es gab noch keinen Atomkrieg (Stand heute 10.15 Uhr). Bleiben also noch 7 Jahre, die hoffentlich genau so bleiben, aber sollte sich in der zweiten Amtszeit etwas am zweiten Aspekt ändern, so werden sich die Überlebenden vielleicht am Lagerfeuer fragen, wie es so weit kommen konnte. Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Schuld sind die Feministinnen, die Trump eine zweite Amtszeit ermöglichten.

Denn Trump ist fraglos ein in vielerlei Hinsicht schlechter, schrecklicher, unbeherrschter und peinlicher Präsident, und jetzt geht es eigentlich nur noch darum, seine unbestreitbar schlechten Seiten so auszuleuchten, dass eine Mehrheit der Wahlmänner für seinen Gegner der demokratischen Partei durch die Stimmen des Volkes zustande kommt. Die Kräfte der Ausleuchtung sollten sich zusammen tun, und erklären, belegen und aufzeigen, nüchtern natürlich und beherrscht, dass es auch anders geht. Möglicherweise finden die Demokraten auch eine Person, die das Volk mehr als Frau Clinton überzeugen kann. Senator Sanders, dem die Herzen der Jugend zuflogen, ist dann vermutlich zu alt, und privat denke ich, dass Frau Obama beispielsweise eine phantastische Präsidentin wäre. Aber wer auch immer es ist – er müsste erst einmal gewinnen. Und dass es nicht klappen wird, liegt nicht nur am traurigen Zustand der Demokraten, sondern auch am Feminismus und Harvey Weinstein.

Denn der Filmproduzent Weinstein soll laut den Veröffentlichungen der New York Times auch ein schlechter, schrecklicher, unbeherrschter und peinlicher Schürzenjäger sein. Trump tätigte bei eingeschaltetem Mikrophon den Satz über das Pussy grabben, der ihm beinahe zum Verhängnis geworden wäre. Glaubt man der New York Times und weiteren Frauen, die Weinstein inzwischen belasten, könnte Weinstein Frauen gegenüber real in etwa so aufgetreten sein, wie Trump das verbal ausgedrückt hat. Bei Trump wissen wir, dass er es wirklich gesagt hat. Für Weinstein dagegen sollte trotz der schwierigen Lage und der allgemeinen Empörung gelten, dass er als unschuldig zu gelten hat, bis die Schuld erwiesen ist.

Denn die New York Times zitiert Fälle, die sehr unterschiedlich sind, und mitunter mit dem Makel von Zahlungen für Schweigeabkommen versehen sind. Manche Angreiferin ist eine erklärte Aktivistin mit einer Agenda, nicht alle haben einen guten Leumund, und es wäre nun an einem Richter oder an einer wie auch immer gearteten Jury herauszufinden, was denn nun wirklich stimmt. Die Fälle von sexueller Belästigung liegen teilweise Jahrzehnte zurück, eine Vergewaltigung konnte die New York Times zuerst nicht beibringen – erst jetzt gibt es Anklagen, die in diese Richtung gehen. Vieles, was da aufgelistet wird, wäre menschlich äußerst unangenehm und durch das Machtgefälle zwischen Produzent und Untergebenen moralisch hässlich – aber nicht zwingend strafbar. Gäbe es so etwas wie ein unabhängiges Gericht, könnte man sich ein umfassendes Bild machen, Fakten von Hörensagen trennen, und zu einer Gesamtbewertung kommen. Vermutlich würde die Bewertung in diesem Fall dann kein gutes Bild von Weinstein zeigen. Vielleicht wäre er gar nicht das zynische Monster, als das er momentan dargestellt wird, sondern auch ein Typ, dem mit dem Aufstieg das Verhältnis zu seiner Umwelt verloren gegangen ist. Vielleicht gab es auch Menschen, die er nicht lange nach Sex fragen musste. Vielleicht ergäbe sich ein vielschichtiges, präzises Bild von den Abgründen und strahlenden Momenten Hollywoods.

Dazu wird es aber nicht kommen, denn es gibt den Empörungsfeminismus, und der kennt keine Gnade. Der Feminismus sieht die Gelegenheit, jetzt eine Welle zu reiten, und generell mit dem System Hollywood aufzuräumen: Mit der schlechten Bezahlung der Schauspielerinnen und der männlichen Dominanz der Regisseure, mit den alten, weissen Männernetzwerken in den Studios und bei der Verwertung, wo das grosse Geld verdient wird. Dafür stehen schon Denunziationsseiten im Netz. Mit Weinstein fällt ein Titan des Geschäfts, und sein Fall muss als Drohung verstanden werden: Wenn es Weinstein erwischt, kann es jeden erwischen. Und es hilft Weinstein auch nichts dass seine Frauenfiguren in den Filmen fortschrittlich waren, dass er den Film “The Hunting Ground” über sexuelle Übergriffe an Universitäten trotz aller Kritik in die Kinos brachte, und persönlich gegen Trump demonstrierte. Er war ´der beste Freund der Demokraten, er requirierte Millionen für Wahlkämpfe, und seine Filme zeigten Gesellschaftsmodelle, die ganz anders als das sind, was sich die Trumps und Penns und Huckabees wünschen: Es hat ihm nicht geholfen.

Es ist ein Megaskandal, und das Urteil wurde schon gefällt. Wer schweigt, wird öffentlich vorgeführt. Wer es dennoch wagt, sich vorsichtig für Weinstein auszusprechen, gerät im voll entflammten Internet in Verdacht, entweder auf Weinsteins Gehaltsliste zu stehen, oder gar selbst Dreck am Stecken und daher Angst vor dem anstehenden Purgatorium zu haben. Die Heldinnen sind die Frauen, die jetzt den Mund aufmachen und erzählen, wie mies sie behandelt wurden, und die früheren Täter benennen. Die Verdammten sind jene, deren Namen nun durch die Gazetten und sozialen Netzwerke getrieben werden, und es ist klar, dass Hollywood dabei als mieser, sexistischer, verkommener Sündenpfuhl gebrandmarkt wird, mit Nebenstellen im Journalismus und der das alles deckenden Unterhaltungsindustrie an beiden Küsten.

Es sollte einen stutzig machen, dass sowohl das feministische Portal Jezebel als auch das alt-right-Portal Breitbart eine stetig erweiterte Sammlung zu den Vorwürfen haben, und die Debatte gegen Hollywood von den gegenüber liegenden Rändern des politischen Spektrums gemeinsam anheizen. Ich weiss, es ist verpönt, Breitbart zu lesen und Alt-Right-Aktivisten zu folgen. Aber diese Leute haben eine gewisse Durststrecke hinter sich. Breitbart hat viele Werbekunden verloren, Alt-Right machte sich mit Verschwörungstheorien zur Pädophilie in einer Pizzeria und dem Naziaufmarsch in Charlottesville unmöglich. Die Szene war auf dem absteigenden Ast, Buzzfeed wartete mit einem Kassiber an interner Kommunikation von Breitbart auf.

Und nun kommt dieses Gottesgeschenk für diese Szene, die hier nur gewinnen kann. Mit jedem Vorwurf, mit jeder Anschuldigung wird genau jenes liberale Küstenamerika vorgeführt, das dazwischen in seiner angeblich arroganten Haltung so gehasst wird. Die Kultureliten, die alle geschlossen hinter Clinton standen, sind bei dieser Darstellung schlimmer, zynischer und korrupter als Trumps Lager . Neben dem egomanen Weinstein, den Feministinnen vorführen, ist Trump moralisch gar nicht so schlimm. Und je weiter die Kreise sind, die der Skandal zieht, desto euphorischer werden die Kommentare bei Fox und Breitbart. Das liberale Amerika misst seine Protagonisten an schärfsten Kriterien und erlaubt keine Revision. Trumps Lager muss nur zuschauen, wie CNN fordert, dass sich endlich auch Clinton und Obama öffentlich – und natürlich im Sinne des Schuldspruchs – von Weinstein distanzieren. Was sie bislang, abgesehen von kurzen Statements, nicht getan haben.

Das ist für Trump eine herrliche Gelegenheit. Ausgerechnet Clinton, die die Frauenrechte in den Mittelpunkt ihres Wahlkampfes stellte und sich mit Feministinnen aller Art zeigte, und die als Hoffnung für ein weibliches und besseres Amerika galt – diese Clinton bekommt bei Veranstaltungen den Mund nicht auf, wenn so ein Fall in ihrem eigenen Umfeld passiert. Es kann bei seinen Anhängern als der Beleg für Trumps Wahlkampf gegen “crooked Hilary” gelten, der man nicht trauen kann, und die als Teil des Establishments – oder des Swamps – nie auf die Idee käme, gegen ihre eigenen Verbündeten und Interessen vorzugehen. Clinton könnte hier mit einer harschen Reaktion beweisen, wie ernst es ihr mit den Versprechungen im Wahlkampf ist. Hier wäre ein Fall, in dem sie den Stab brechen könnte. CNN würde das gern vermelden und liefert die Demokraten ans Messer. Es kommt nichts. Clinton und Obama, der betonte, eine von fünf Frauen an den Colleges werde Opfer sexueller Gewalt – vermeiden öffentliche Einlassungen.

Völlig zurecht übrigens, wenn man das alte System von Schuld und Nachweis anwenden würde. In einem System der massvollen Betrachtung wäre der Rückzug auf das Beschweigen kein Akt der Feigheit oder des Verrats an den eigenen Idealen, sondern ein Zeichen des Respekts vor der Wahrheitsfindung. Aber wir haben alle Internet und eine gut eingefahrene Empörungsindustrie, und Weinstein ist schon am Ende: In dieser Neuinszenierung der chinesischen Kulturrevolution muss nur noch der Parteichef zeigen, dass er sofort bereit ist, seinen alten Freund hinzurichten. Freundschaft, Verdienst und Zuneigung – ist es nicht denkbar, dass Weinstein neben ein den mutmasslichen Vergehen auch ein netter Kerl ist, den man aus einer subjektiven Betrachtung heraus mögen kann? – gelten nichts mehr. In diesem liberalen Amerika kann jeder der nächste sein. Rücksichten gibt es keine, dafür jede Menge neue Beschuldigungen gegen Abweichler von der reinen Lehre. Angesichts des Umstandes, dass die realen Bedingungen in Hollywood keinem feministischen Streichelzoo entsprechen, kann das noch lange dauern, und viele werden sich noch in Selbstkritik von anderen öffentlich distanzieren müssen.

Wie so ein moralisch fragwürdiges und skandalerschüttertes Lager dann den Amerikaner erzählen will, sie hätten eine bessere Alternative zum unmoralischen Trump, und man sollte doch zu ihnen rüber kommen, wo es doch so menschlich und liebevoll zugeht, so offen und rein und frei von allem Bösen – nun, das wird sicher eine gewisse Herausforderung, kaum kleiner als der Skandal um die Nominierung Clintons durch die Partei, die Bernie Sanders mit schmutzigen Methoden verhindern wollte. Trump hat fraglos seine Fehler, aber seine Wähler empfinden das als kantig, authentisch und kraftvoll. Sie mögen es, wenn er dem republikanischen Establishment Druck macht. Die Gegenseite ist dabei, das ohnehin schon nach den Wahlen beschädigte Ansehen der Medien und Kulturbranche weiter zu ruinieren. Jezebel erkennt das Problem sogar, macht aber einfach weiter, auch wenn die Demokraten dabei frontal angegriffen werden. Aktivistinnen dieser Sorte kümmern sich nicht um langfristige strategische Ziele, sondern um maximalen Schaden für jeden, den sie für einen Gegner halten. Das Lager der Trumpgegner zerfällt in moralischen Tugendterror und genüsslich inszenierte Autodafes, während die Anhänger Trumps noch eine Dose Bier aufmachen und Magazin der AR-15 verballern, und ihre Frauen am Grill stehen, Fleischbrocken braten und dem Radioprediger zuhören.

Noch 7 Jahre.

Mindestens.

11. Okt. 2017
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28. Sep. 2017
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87% Entgrenzer, die sich wie 12,6% AfD benehmen

Eine mutmassliche, 4 Jahre alte E-Mail von Alice Weidel mit negativen Einlassungen zu Migranten, die Ankündigung von Alexander Gauland, man werde Merkel “jagen”: Die Entgrenzung der Sprache ist eine der Verhaltensweisen, die der AfD besonders angekreidet werden. Es müssten noch nicht einmal die unerträgliche Wortwahl des früheren mecklenburgischen Landtagsmitglieds Holger Arppe sein, die antisemitischen Thesen von Wolfgang Gedeon oder die Fehlleistungen der Partei in der Provinz. Die Erfahrung, dass der Gewalt der Tat die Gewalt der Worte voraus geht, ist eine Grunderkenntnis im Umgang mit radikalen und extremistischen Strömungen, egal welcher ideologischen Prägung. Es ist kein Wunder, dass Medien genau hinschauen, ob sich bei der AfD die typischen Denk- und Sprachmuster der Menschenfeindlichkeit finden. Man kennt das aus der Geschichte: Ethnisch motivierter Geschichtsrevisionismus, um anderen die historische Legitimation zu entziehen, gefolgt von genereller Abwertung von Gruppen aufgrund ihrer Herkunft und ihres sozialen Status. Diese Menschen werden verbal entmenschlicht, jeder Wert wird ihnen pauschal aufgrund ihrer Herkunft abgesprochen, und sie werden mit Müll gleichgesetzt. Das mündet dann von der Gewalt der Sprache in die Gewalt der Tat, und besonders gefährlich wird das – wir wissen es aus der Geschichte des Nationalsozialismus – wenn Bewegungen zu diesem Zweck auch noch ihre eigenen Hasspostillen betreiben, deren Zweck die Verfolgung der politischen Gegner ist.

Über die AfD wird viel gestritten, aber ich denke, bei diesen Punkten kann man sich einig sein: Es wird gefährlich, wenn es nicht mehr um politische Argumente und Lösungen für das Land geht, sondern um die verbale Ausgrenzung der Feinde, die Verleumdung ihrer Geschichte, Herkunft und ihres sozialen Umfelds, das in Kollektivhaftung genommen wird. Nur ein Bruchteil der Anhänger des Islam in Deutschland hängt islamitischen Thesen an, nur ein Teil der hier lebenden Türken, weit weniger als die Hälfte hat für Erdogan gestimmt, so wie auch nur ein geringer Teil der in Deutschland lebenden Polen überwiegend Sozialleistungen bezieht. Wir passen als Journalisten genau auf, dass aus Einzelfällen von Vergewaltigung und Terror kein ungerechtfertigter Generalverdacht gegen Flüchtlinge entsteht. Das deutsche Bemühen um Ehrlichkeit vor der eigenen Geschichte sorgt, wenn schon nicht für Reparationen, so doch für die Umbenennungen von Kasernen und Strassen mit schönen und kostenneutralen Worten, um zu zeigen, dass wir aus der Vergangenheit gelernt haben und das mit dem “Nie wieder” ernst meinen. Kein Wunder also, wenn aus dem Wahlerfolg der AfD nun die Bewegung 87% erwächst, die die Reihen fest im Kampfe gegen rechts schliessen möchte.

Formal, von meiner Wahlentscheidung her, gehöre ich auch zu diesen 87%, aber mir fällt dann immer der Satz von Frederick Douglass ein “Freedom is a road seldom traveled by the multitude”. Ausserdem wurde in Deutschland früher schon oft geschlossen marschiert, und wenn ich mich nicht ganz täusche, ging das öfters eher schlecht aus, so schlecht, dass heute öfters “Nie wieder” gesagt wird. Zumindest würde ich schon gern wissen, mit wem ich da marschieren soll, und daher habe ich mich einmal bei internetaffinen Vordenkern dieser Marschrichtung aus Medien, Politik und Gesellschaft umgeschaut. Die frühere taz- und jetzige Zeit-Autorin Mely Kiyak etwa schreibt einen Beitrag mit dem Titel “Nie wieder “Nie wieder””, der sich wütend mit dem Einzug der AfD und ihrem deutschen Wählerpotenzial auseinander setzt, und behauptet dabei über die BRD und ihre frühere Migrationspolitik [http://www.zeit.de/kultur/2017-09/afd-bundestagswahl-rassismus-deutschland-deutschstunde/komplettansicht]:

Da bin ich offen gesagt gestolpert, denn wenn man recherchiert, ist Frau Kiyak mit dieser Einschätzung der Gastarbeiter und der politischen Hintergründe doch recht einsam. Der Wiederaufbau war Anfang der 60er Jahre weitestgehend abgeschlossen, als die Deutschen Verträge über Gastarbeiter eingingen. Im Hintergrund standen neben einem gewissen Mangel an Hilfsarbeitern einerseits NATO-Bündnisverpflichtungen und andererseits die Erwartung, man könnte so die Löhne niedrig halten. Ausserdem wollte man die Wanderungsbewegungen, die sich damals schon in einigen ärmeren Regionen der Herkunftsstaaten selbst gebildet hatten, formal kontrollieren. Bei anderen Autoren könnte man noch vermuten, dass sie ihre Bildungsferne zu solchen Einschätzungen bringt. Aber bei Frau Kiyak muss man wohl davon ausgehen, dass es eine Form der Delegitimierung der deutschen Vorfahren ist, die man auch von biedermännischen Brandstiftern in die andere Richtung kennt.

So steht es in einem deutschen Leitmedium, das Frau Kiyak nun schon seit Jahren jede Möglichkeit lässt, ihre Kritik an den Deutschen – und hier durchaus pauschal und undifferenziert – vorzutragen. Das ist übrigens – meines Erachtens – das Schöne an diesem Land: Trotz Heiko Maas und dem Wirken der Stiftung der Ex-Stasi-IM Anetta Kahane ist es dank Meinungsfreiheit auch möglich, Geschichtsklitterung mit gruppenbezogener Menschenverachtung zu veröffentlichen. Aber neben Frau Kiyak marschieren? Vielleicht gibt es auch noch freundlichere Vertreter der 87%-Bewegung. Ein anderes Leitmedium, hier der „freies, tolerantes Deutschland“-SPON-Leitartikler Hasnain Kazim bei Twitter:

Das kann man insofern über Ostdeutsche leicht sagen, als Ostdeutsche damals tatsächlich, sofern verfügbar, einen Trabant fuhren. In meiner Geburtsstadt im tiefen Westen dagegen dagegen hat man 1990 so Autos wie den Audi Quattro S1 gebaut, ein Monster mit 650 PS, und heute ist hier die AfD nicht viel hinter dem ostdeutschen Schnitt: Es würde sich aus Sachgründen vermutlich verbietet, Kazims despektierliche Äusserung über den Trabant bei uns anzuwenden. Kazim würdigt “die Ostdeutschen” mit dem Trabbi herab, obwohl die Ostdeutschen schon damals Gefangene einer alternativlosen Politik waren. Es wählen aber nicht “die Ostdeutschen” AfD, sondern nur 21,5%. Herr Kazim nimmt für sich in Anspruch, “das Volk” und die “87%” zu sein. Dem ostdeutschen Volk gesteht er dagegen nicht zu, dass es dort auch eine überwältigende Mehrheit von 78,5% gegeben hat, die so wenig AfD wie seine 87% gewählt haben. Der Glaube, dass man andere Menschen aufgrund ihres Automobils beurteilen kann, ist eher eine unfeine Einstellung von Spiessern, und die Ablehnung von Menschen aufgrund ihres Geburtsortes heisst gemeinhin “Rassismus”.

Und die Kollektivhaftung von Menschen einer bestimmten Herkunft für etwas, das andere getan haben, ist auch eher ein Zeichen ethnisch geprägten Hasses. Auch hier muss man sagen: Es ist in Deutschland legal, ganze Landstriche abzulehnen, nur weil dort eine Minderheit in einer freien, demokratischen Wahl sich für eine Partei entschieden haben, die nach gängigen Kriterien des Verfassungsschutzes weder rechtsextrem noch staatsfeindlich oder gar antidemokratisch ist. Man kann das trotzdem dank Meinungsfreiheit tun, genauso, wie bei der AfD viele ähnliche konstruierte Vorurteile gegen Muslime, Araber, Afrikaner und andere Gruppen haben, die pauschal für das Fehlverhalten einiger weniger verantwortlich gemacht werden. Aber warum sollte ich bei 87% mitmarschieren, deren Mitglieder auch nicht anders als 12,6% argumentieren? Es wäre in diesem Kontext erbaulich, könnte man in solchen Formationen auch Partner finden, die einen gemässigten Zugang haben, aber auch da wurde ich in Form des Kommunikationschefs des Erzbistums Köln enttäuscht:

Sie sehen, die 87% können auch noch weiter gehen, und bieten Land und Leute im Tausch gegen Atommüll an. Scherzhaft natürlich. Satire darf bekanntlich alles. Vor ein paar Wochen wurde Gauland noch vorgeführt, weil er das Wort “entsorgen” benutzte – jetzt sind wir bereits so weit, dass man lieber Atommüll als unliebsame Menschen möchte, die übrigens auch in Sachsen in ihrer Mehrheit nicht die AfD gewählt haben. Und schon vor der Wahl schrieb der von den Piraten zur SPD gewechselte Nachwuchs-Politiker Christopher Lauer bei Twitter:

Also, die deutschen Väter waren unfähig, und die gegenwärtigen Deutschen, speziell im Osten, muss man wegen ihrer Herkunft nicht ernst nehmen, man kann manche für Atommüll eintauschen und die britische Luftwaffe wären hier auch keine schlechte Sache. Beim weiteren Rundgang durch die Truppen der besseren 87% des Volkes, in dem solche Meinungen heimisch sind, fand ich auch noch das Verlangen, dass Antifaschismus Alltag werden müsste. Margarete Stokowski schreibt dazu im Leitmedium Spiegel Online einen Spruch, den ich persönlich nur aus dem Kontext militanter Linksextremisten kenne [http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/afd-im-bundestag-antifaschismus-muss-jetzt-alltag-werden-kolumne-a-1169921.html]:

“Antifa bleibt Handarbeit”, das weiss jeder, der sich schon einmal mit dem Thema, und sei es nur mit einer Googleabfrage beschäftigt hat, ist gemeinhin eine verklausulierte Aufforderung, es nicht bei Worten zu belassen, sondern gewalttätig zu werden. In der Hinsicht hat SPON bereits eine gewisse, traurige Bento-Tradition. Nun steht ein Aufruf gegen konkrete Personen – unter ihnen 94 durch die Immunität geschützte Parlamentarier und demokratisch gewählte und legitimierte Volksvertreter – ganz offen im Netz. Es liegt in der Natur der Demokratie, dass man nicht alle Abgeordnete schätzt. Aber die Autorin, die auch schon mal darüber spekulierte, ob man politische Gegner mut Falschanzeigen zur Strecke bringen könnte, begrenzt die Absicht der Debatte nur auf die AfD-Wähler. Den Partei- und Volksvertretern will sie mit “Handarbeit” “nachhaltig auf die Nerven” gehen. Wie das aussehen kann, sah man schon bei den angeblich spontanen Demonstrationen am Wahlabend, die schon vor mehreren Wochen überhaupt nicht spontan vom militant-autonomen Bündnis NIKA unter dem Motto „Die AfD Wahlparties crashen“ angekündigt wurden.

Antidemokratisch, staatfeindlich, rassistisch, menschenverachtend, Kollektivhaftung, “Handarbeit”aufruf, geschichtsrevisionistisch, hasserfüllt, was fehlt noch? Ach so, eine Presse, die sich zweckgebunden verpflichtet sieht, den Gegner fertig zu machen. Neben den grossen Playern in diesem Feld kann man solche Dienstleistungen des publizistischen Charaktermordes auch als Angehöriger der 87% gezielt mitfinanzieren: Das Netzwerk Correctiv, das früher schon durch fragwürdige Methoden aufgefallen ist, bettelt um Spenden, damit man „Rechtsextremisten“ entlarven könnte:

Das sind also diese 87%. Nicht alle natürlich, man darf das nicht verallgemeinern, manche machen sicher nur aus edelsten Motiven mit, es sind sicher viele besorgte Bürger dabei, und es wäre auch nicht fair zu fragen, ob es angesichts der Beispiele nicht auch so eine Art migrantischen Rassismus gegen Deutsche gibt: Die Aussagen kommen so von Deutschen jeder Herkunft, wie auch bei der AfD Deutsche und Menschen mit Migrationshintergrund sprachliche Entgrenzung betreiben. Das ist alles nicht schön, das ist doch alles sehr ähnlich, und auch, wenn es überall viele andere geben mag: Diese Lauten und Drastischen – sie sind bei beiden Bewegungen die Wort-, Meinungs- und Entgrenzungsführer.

Ich habe eine Aversion gegen Führer. Ich bin keine Prozentzahl, ich bin Zivilist. Marschieren Sie bitte ohne mich.

28. Sep. 2017
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23. Sep. 2017
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Der Nazivorwurf und sein Beitrag zum Sieg der Rechtspopulisten

Es gibt Geschichte, die keinen stört, egal wie grausam sie ist. Wer seinen Tee aus einer massiv silbernen Kanne des Empire trinkt, kann davon ausgehen, dass das Basismaterial unter menschenmordenden Bedingungen in Mittelamerika in Potosi und anderen Gruben gewonnen wurde. Die Menschen wurden da auf übelste Weise verheizt, und nachdem man die indigene Gesellschaft ausgerottet hatte, importierte man für diesen Zweck Sklaven. Wer seinen Tee aus einer massiv silbernen Kanne des edwardianischen Zeitalters, also vom Beginn des 20. Jahrhunderts trinkt, hat gute Chancen, dass das Silber immer noch aus Potosi kam, aber für den Handel mit China verwendet und später durch den Einfuhr von Opium und anderer Güter des britischen Imperiums auf hässliche Art zurück geholt wurde. Man kann diese Geschichten überzeugten Linken über diese Teekannen hinweg erzählen, ohne dass sie fordern, man möchte doch bitte den Tee aus einer Rosenthalkanne servieren.

Das Empire ist historisch betrachtet weit weg, Potosi ist weit weg, das edwardianische Zeitalter hat kein heute noch lebender Mensch bewusst erlebt, und so ist es auch nicht erstaunlich, dass niemand den Abriss meines Hauses fordert, von dem aus der Katholizismus nach der Lutherketzerei erneut im Boden des Deutschen Reiches mit Wort und Krieg verankert wurde. Denn auch der 30-jährige Krieg und die Theologie der Jesuiten ist lange her, und niemand geht davon aus, dass die Bücher der Gesellschaft, die ich hier sammle, mich irgendwie beeinflussen würden. Hin und wieder übe ich mein Latein daran, aber das bringt mich nicht dazu, mich auf offener Strasse zu geisseln, wie das Bürger der Stadt hier vor 250 Jahren zum grösserem Ruhme Gottes und zur Ergötzung der Jesuiten noch taten. Auch der Gebrauch von Silberkannen bedeutet nicht, dass ich deshalb die Wiedereinrichtung von Kolonien fordern würde – selbst wenn eine dieser Kannen laut Inschrift in einem Kolonialregiment verschenkt wurde.

Und ich kann das hier auch ganz offen schreiben – niemand bei einem Konkurrenzblatt wird auf diesem Bekenntnis einen Skandalartikel über mich verfassen. Es ist zu lange her, es hat vielleicht noch eine historische, aber keine aktuelle, moralische Dimension mehr. Ich schreibe diese Geschichten an gebraucht gekauften, veralteten EEEPCs, währen die Geschíchten vieler Autoren heute an brandneuer Markenware von Apple entstehen, mit denen Zeitgenossen in China wie im Kolonialismus ausgebeutet werden. Wenn ich darüber schreibe, dass sie es tun, regt sich auch keiner auf – denn alle tun es. Wir haben uns mit gewissen Formen des Unrechts arrangiert und uns auf andere, beklagenswerte Formen des Unrechts geeinigt. Der Muslim bewirft einen Felsbrocken bei Mekka mit Steinen, der Deutsche findet das ultimativ Böse, mit gutem Recht, in der Zeit des Nationalsozialismus. Von 1933 bis 1945.

Wenn meine Grossmtter, die sich in der Stadt blendend auskannte, über jemanden sagte “Des is a Nazi”, dann meinte sie, das ist ein früheres Mitglied der NSDAP, das heute immer noch revisionistischen Gedanken nachhängt. Wenn sie sagte “Der war bei der Partei”, war es auch nicht schön, weil derjenige eben bei der Partei war, aber eben nur bis 45 und danach nicht mehr. Bei der Partei und ihren Unterorganisationen waren viele, und sie starben im Laufe der Jahrzehnte alle weg. Wer 1944 noch Mitglied der Partei werden wollte und über 18 war – was man als Jugendsünde in einer verblendeten und verhetzten Epoche sehen kann – ist heute mindestens 91 Jahre alt.

Echte Nazis im Sinne der NSDAP-Weiterführung gibt es nicht mehr, wie es auch keine echten Nazijäger mehr gibt. In den 40ern gab es die Nürnberger Prozesse der Alliierten, in den 60ern wurde Auschwitz gegen den Widerstand vieler Deutscher juristisch halbwegs aufgearbeitet, in den 80ern beschäftigte man sich unter Protesten und nicht freiwillig mit der Rolle der Wehrmacht, und in diesem Jahrzehnt kann es jemanden passieren, dass er wegen einer subalternen Rolle am Rande des Grabes noch einmal für Taten zur Rechenschaft gezogen wird, die er nach heutigem Verständnis unter Jugendstrafrecht begangen hat. Rückblickend muss man beim Blick auf die Karrieren deren, die Nazis oder bei der Partei waren, leider sagen: Man hat viele, viel zu viele laufen und wieder nach oben kommen lassen. Aber die sind zumeist tot, wie auch jene, die ihren Wiederaufstieg zugelassen haben. Und weil sie alle tot sind, geht man auch kein Risiko mehr ein, wenn man sie kritisiert. Das macht die Nazijagd 72 Jahre nach Ende des Krieges auch so beliebt.

Die letzte grosse, überregionale Jagd auf Nazi fand letzte Woche bei der SZ mit hohem Belastungseifer auf kleinem Anlass statt. Da hatten es zwei Kapellen aus Tirol gewagt, beim Trachtenzug in München beim Oktoberfest einen Marsch des Komponisten Sepp Tanzer zu spielen. Der hatte den “Standschützen-Marsch” 1942 auf Basis eines alten Volkslieds der k.u.k.-Monarchie komponiert und dem damaligen Gauleiter in Tirol gewidmet. Auch sonst findet man zu Tanzer bei Wikipedia einiges Unschönes, was vermutlich die Basis des Beitrags in der Süddeutschen Zeitung ist. Man liest bei Wikipedia, dass Tanzer einmal für Hitler dessen Lieblingsmarsch dirigierte, und es gibt den Verdacht, dass er auch nach 1945 Codes der Nazis in seiner Musik versteckte. Beschäftigt man sich tiefer mit der Person, kommt freilich heraus, dass er auch schon bis 1938 den Austrofaschisten diente, und am 1. Mai 1946 dann hinter der rotkommunistischen Fahne marschierte. Natürlich ist der Standschützenmarsch belastet, denn die Tiroler Schützen wurden von den Nationalsozialisten vereinnahmt und mit derartigem Liedgut propagandistisch benutzt. Das betraf aber nicht nur Sepp Tanzer, sondern auch alle Blasmusikkapellen und Trachtenvereine. Und nicht nur in Tirol, sondern im ganzen Reichsgebiet.

Tirol ist da ein Sonderfall, weil diese Form des Brauchtums immer einen hohen Stellenwert im Land hatte, und bis heute eine Stütze der dort regierenden ÖVP ist. Deshalb hat man sich lange, sehr lange nicht mit der Geschichte befasst. Tanzer und ähnlich engagierte Parteimitglieder stiegen nach dem Krieg wieder auf, komponierten fleißig weiter, und würde man heute jedes Musikstück aussortieren, das von einem dieser Herren komponiert würde, bliebe nicht viel übrig, was bei Schützenaufmärschen noch spielbar wäre. Das Vertuschen ist übrigens keine Tiroler Spezialität – in München zum Beispiel verliert die SZ auch kein Wort darüber, dass der Einmarsch der Festwirte auf dem Oktoberfest in seiner heutigen Form auf das Jahr 1935 und Parteirepräsentation zurückgeht. Die Zillertaler Musikanten, die Tanzer gespielt haben, hatten nur das Pech, dass gerade an diesem Stück und diesem Komponisten eine innertiroler Debatte um die NS-Zeit geführt wird – auch, weil manche ein Interesse daran haben, die im Land verankerte ÖVP und die angeschlossenen Gruppierungen schlecht aussehen zu lassen. Und was im Zillertal beim Fest eines Jubilars noch möglich ist, oder bestenfalls kritisch gesehen wird, wird in München unter den strengen Vorgaben und Netzrecherchekünsten der SZ zum Naziskandal. Auch wenn der Marsch nicht verboten ist. Sollte beim Trachtenmarsch oder auf dem Fest übrigens der höchst beliebte Marsch „Gruss an Oberbayern“ gespielt worden sein – der hiess früher „Gruss an den Obersalzberg„.

Diese auch in Österreich gepflegte Form der undifferenzierten Auseinandersetzung an symbolischen Beispielen hat mit ihrer teilweise extrem verbissenen Form übrigens nicht dazu geführt, dass sich die FPÖ als Nachfolger der Nazis oder die ÖVP als Nachfolger der Austrofaschisten unter die 5%-Marke drücken ließen. Diese Marke droht momentan eher den dortigen Grünen, die verdienstvoll Jahrzehntelang am Lack des angeblich ersten Opfers der Nazis gekratzt und all die hässlichen Geschichten von den wilden „Arisierungen“ über die „Aktion T4“ mit Beteiligung eines späteren SPÖ-Mitglieds bis zu den Kriegsendverbrechen  in der Debatte gehalten haben. ÖVP und FPÖ haben gemeinsam den Eurofighterskandal zu verantworten, Haiders BZÖ hat das Land mit der Hype-Alpe-Adria an den Rand der Insolvenz gebracht – und trotzdem stehen die beiden Parteien mitsamt ihrer Vorgeschichte vor Wahlsiegen. Man könnte also durchaus zum Schluss kommen, dass fast schon rituell vorgetragene Nazivorwürfe aus dem roten Wien ins schwarze Tirol und in andere ländliche Regionen allein nicht ausreichen, um Gegner wirksam zu bekämpfen: Sie nützen sich ab, und die andere Seite spielt vielleicht ab und zu einen belasteten Marsch, gewinnt aber die Wahlen.

In Österreich kennt man das, in Deutschland wird man das System auch morgen vielleicht verstehen lernen. Wenn die Beschimpfung einer Partei mit großzügig historisch ausgeweiteten und belasteten Begriffen etwas bringen würde, dürfte die AfD morgen auf keinen Fall mehr als 5% erhalten. Wenn sie es doch tut – und dafür spricht momentan alles – muss man davon ausgehen, dass diese Zuschreibung nicht mehr funktioniert. Es ist auch nicht sonderlich überraschend, wenn “Nazi” schon bei einem Musikstück beginnt, das weder “Bomben auf Engelland” fordert, noch davon erzählt, dass der Panzer ein eisernes Grab werde, sondern in seiner Blasmusikform wie jedes andere ein austauschbare Stück kitschige Pseudoheimatmusik klingt. Niemand wird heute beim Anhören des schmissigen Gedudels rechts indoktriniert. Nicht einmal im Forum des linksliberalen Standard gibt es für die deutsche Einschätzung ungeteilte Zustimmung. Aber der Beitrag “Zillertaler Musikanten spielen von einem bestenfalls mittelprominenten Anpasser mit allenfalls regionaler Bedeutung, der hinter jeder Fahne lief, solange es ihm half, blöderweise gerade den einen einzigen Marsch, der in einer innertiroler Debatte aufgearbeitet und jetzt kritisch gesehen wurde, aber bis vor 10 Jahren kaum einen gejuckt hat, und der vermutlich schon hundertmal auch in München gespielt wurde, nur hat es damals keiner gemerkt, und unsere eigenen braunen Seppl haben wir auch noch nicht voll aufgearbeitet” würde wohl kaum geklickt werden. Nazi muss sein, um moralische Relevanz und Aufmerksamkeit zu erreichen. Rechtspopulistisch zieht nicht mehr, Rechtsradikal zieht nicht mehr, “Nazi-Schlampe” ist auch durch den NDR schon verbraucht, also muss es jetzt der Nazi-Marsch sein, damit noch Aufmerksamkeit erzeugt wird. Moralische Überlegenheit wird nicht mehr durch historisch-kritische Analyse und Differenzierung erreicht, sondern durch maximal belastete Vorwürfe.

Es ist wenig überraschend, wenn das auf der anderen Seite nicht mehr ernst genommen wird. Und es hilft der anderen Seite, weil mit der Aufbauschung von Lappalien zum Nazi jeder andere, der sich ernsthaft mit Fragen von Rechtspopulismus auseinander setzen will, bei dem Gebrüll in maximaler Lautstärke nicht mehr durchdringt. In Bayern plakatiert die AfD möglicherweise durchaus zutreffend, dass Franz Josef Strauss die AfD und nicht die CSU gewählt hätte. Die 80er unter Strauss, die ich selbst noch erlebt habe, waren schlimm und bedrückend genug. Es ist eine Epoche, in die auch die CSU aus guten Gründen nicht zurück möchte: Bigott, brutal, zynisch und bis ins Mark korrupt. Damals war die CSU noch eine Staatspartei, die sich alles leisten konnte. Da müsste, da könnte man ansetzen, da gibt es genug, was man dieser neuen Partei und ihren Zielen vorhalten könnte – selbst wenn man in dem ein oder anderen Punkt zugestehen müsste, dass nicht jeder Aspekt dieser Epoche grundfalsch war und differenziert betrachtet werden muss. Das würde aber bedeuten, dass man auf eine Sachebene zurück kehrt und sich einer Diskussion stellt, die keine absolute Moral mehr kennt.

Wir schaffen das durchaus sachlich bei Teekannen aus Mördersilber, bei Produkten von Apple, bei der katholischen Kirche und beim Raubbau in der Dritten Welt, und ziehen ohne demonstrative Empörung die richtigen Schlüsse. Aber bei der AfD ist es den Medien gelungen, diese Wahl durch den moralischen Anspruch auch zu einem Plebiszit über ihre eigene Glaubwürdigkeit zu machen, und ich fürchte, wir werden dieses Plebiszit am Sonntag krachend und nicht ohne eigene Schuld verlieren.

23. Sep. 2017
von Don Alphonso
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18. Sep. 2017
von Don Alphonso
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Der neueste Oktoberfestlügenhit

Die Zeiten für Menschen ohne eindeutige parteipolitische Haltung sind hart: Ist man in sozialen Netzwerken etwas bekannter, und sagt man recht offen, dass man Gauland und seine Aussagen zur Wehrmacht wie auch seine ganze Partei massiv ablehnt, kommt einer daher und nennt einen Volksverräter, weil man sich für die AfD zu fein sei: In meinem Fall hat das der inzwischen gesperrte Account @felixaustria97 gemacht. Ist man aber auch regierungskritisch, und auf dem Höhepunkt der Debatte um das NetzDG und die damit verbundene Zensur durch die Regierung von Heiko Maas und Angela Merkel froh, dass man leicht nach Österreich radeln kann, meldet sich ein @littlewisehen und unterstellt mir gleich, ich hätte Probleme, in einem Rechtsstaat zu leben.

Nun ist littlewisehen kein gesperrter Nutzer, obwohl er mittlerweile schon länger damit auffällt, Andersdenkenden Sprachvorschriften zu machen, ihnen schlechte Eigenschaften nachzusagen oder ganz generell vieles anzugreifen, was seiner klar linken Haltung nicht ins Konzept passt. Hinter dem Kürzel steckt angeblich ein Wirtschaftsblogger und Anwalt, dessen Namen leicht festzustellen ist, aber wer weiss das schon? littlewisehen hat seinen Nutzern auch schon mal ein phantastisches Bild vom Tegernsee gezeigt und behauptet, er werde sein Wochenende hier verlängern:

Als Einheimischer wundert man sich über die frappierende Ähnlichkeit mit einem Bild aus dem Archiv der bekannten Webcam des Wallbergkircherls. Fast könnte man denken, die obere Leiste mit den Herkunftsangaben wurde für Twitter einfach abgeschnitten. Eine gewisse Vorsicht ist also angesagt, egal ob @felixaustria97 vor seiner Löschung den Grünen kinderschänderische Neigungen nachsagte, oder littlewisehens Thesen im Netz massiv verbreitet werden. Gestern war es mal wieder so weit: Er hat mit seiner Behauptung, die AfD würde in Sachen Oktoberfest lügen, einen Viralhit gelandet. Hintergrund ist ein AfD-Plakat, das behauptet “Oktoberfest: Gähnende Leere”. Littlewisehen setzt eine Pressemeldung vom ersten Wiesnwochenende dagegen und schreibt: Und wieder lügt die #AfD. Am ersten Wochenende kamen rund 100.000 mehr (!) als im Vorjahr, trotz ekelhaftem Wetter.

Auf der Welle reitet auch die BILD-Politik-Redakteurin Miriam Hollstein, die zur AfD “Weg mit den Fakten” sagt

Da kann das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Form von Quer/BRmit einer Fake News Behauptung natürlich auch nicht zurückstehen:

“Unfassbar, wie die AfD lügt”, titelt ein weiterer Internetaktivist:

Und auch der SPD-nahe Twitter-Account Deine SPD behauptet, es sei der erfolgreichste Oktoberfeststart seit Jahren gewesen, und bezichtigt die AfD der Wiesn-Lüge:

Nun ist nicht von der Hand zu weisen, dass 2016 tatsächlich am ersten Wochenende beim strömendem Regen rund 500.000 Besucher den Weg zum Fest fanden, und dieses Jahr rund 100.000 mehr gezählt wurden. Aber die Frage ist: Was bedeutet das wirklich für die Wiesn?

2016 war für das Fest ein Jahr des drastischen Rückgangs der Besucherzahlen am ersten Wochenende. So schlecht war es in den ganzen letzten 10 Jahren nicht mehr, und tatsächlich wurde die Situation damals wörtlich mit “gähnender Leere” im Focus und bei der Welt umschrieben. Das einzig vergleichbar schlechte Jahr seit 2000 war 2001 – direkt nach den Anschlägen auf das World Trade Center. So gesehen sind 100.000 Besucher natürlich etwas mehr, und wenn letztes Jahr unter anderem wegen der Furcht vor Terror, sexuellen Übergriffen und massiven Sicherheitsvorkehrungen tatsächlich noch weniger los war, bedeutet der Anstieg noch lange nicht, dass das Fest gut oder auch nur ausreichend besucht wäre.

Das zeigt sich, wenn man nicht nur das absolute Horrorjahr 2016 mit der leichten Verbesserung 2017 vergleicht, sondern das ganze letzte Jahrzehnt. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, das zu tun, was littlewisehen, Miriam “Weg mit den Fakten ” Hollstein, Quer „Fake News“ vom BR und Deine “der erfolgreichste Oktoberfeststart seit Jahren” SPD entweder nicht verstehen oder bewusst verschweigen.

2017: 600.000
2016: 500.000
2015 1.000.000 trotz durchwachsenem Wetter
2014: 1.000.000 trotz miserablem Wetter
2013: knapp 1.000.000
2012: 850.000 bei einem völlig verregneten Wochenende
2011: etwas unter 1.000.000 bei miserablem Wetter
2010: 900.000 bei kalter Witterung
2009: 1.000.000 bei schönem Wetter
2008: 1.000.000 bei einer richtigen Regenwiesn
2007: über 1.000.000 bei schönstem Wetter

Soviel zu “der erfolgreichste Oktoberfeststart seit Jahren”, den Deine SPD ins Internet lügt.

Betrachtet man also nicht nur den Extremwert vom letzten Jahr, sondern die tatsächliche Entwicklung und das Mittel der letzten 10 Jahre, und stellt man in Rechnung, dass für das erste Wochenende in den Medien nun Wörter wie “ruhig” und “entspannt” benutzt wurden, ist eigentlich klar, dass die Liebe zur Wiesn im Gegensatz zur zitierten SZ-Behauptung allenfalls sehr langsam wiederkommt. Die Zahlen sind ein Schlag ins Kontor – 300.000 bis 400.000 weniger Besucher am ersten Wochenende sind in der langfristigen Perspektive, und auf die gesamte Wiesn mit teilweise über 6 Millionen Bersucher bezogen, allein schon 5% weniger Besucher. Auf das Wochenende berechnet bleibt die Zahl 30-40% hinter den langfristigen Erwartungen zurück.

Möglicherweise hat es auch etwas damit zu tun, dass in Bayern wegen der Terrorangst und unlösbarer Sicherheitsprobleme die Sandkerwa in Bamberg abgesagt werden musste, und die Kirchweih in Hirschaid bei Bamberg letzte Woche kurz vor dem Abbruch stand, weil eine grössere Gruppe von Migranten Streit und sexuelle Übergriffe verursachten.

Die gähnende Leere, die die AfD erkennen will, ist Ansichtssache im Rahmen der Meinungsfreiheit – nicht mehr ganz so gähnend wie 2016, aber auch unabhängig vom Wetter immer noch zu wenig Besucher. Die 100.000 mehr, die Aktivisten, Medienvertreter und Parteienunterstützer im Chor als Argument gegen angebliche Lüge und Fake News vorbringen, reichen aber kaum aus, den massiven Rückgang zu erklären, der das Oktoberfest nach der Migrationskrise und der Offensive des islamistischen Terrors in Europa nun zum zweiten Mal trifft – zur Erinnerung: Der Wiesnauftakt wurde von einem Anschlag in London und einer Messerattacke in Paris überschattet. Egal ob der Lügenvorwurf durch die SPD-Freunde oder die “weg mit den Fakten”-Faktenfreiheit der BILD-Redakteurin oder die Fake News Phrase der Öffentlich-Rechtlichen: Im Wahlkampf zählt die ganze Wahrheit nicht besonders. Für Hunderte von Nutzern reicht in der Endphase eine Behauptung ohne jede tiefere Recherche durch einen Netzaktivisten völlig aus, um sie ungeprüft zu verbreiten – Hauptsache, die AfD kommt dabei als unglaubwürdig rüber. Das ist auch nicht besser als das ungeprüfte Verbreiten von AfD-Plakaten.

An der Erkenntnis, dass 600.000 Besucher am ersten Wiesenwochenende auch nach dem letzten Jahr immer noch eine äußerst schlechte Auslastung eines Festes sind, das spielend leicht mehr als 1 Million Besucher aufnehmen kann, führt kein Weg vorbei. Würde man sich ernsthaft nach den Gründen fragen, und etwaige Sorgen der Menschen ernst nehmen, statt sie mit Hinweis auf das geringe Allgemeinrisiko und ein paar Besucher mehr abzuwimmeln, hätte es die AfD mit derartigen Plakaten vielleicht weniger leicht, die Wähler anzusprechen. Es mag neben der Angst auch weitere Gründe geben: Die hohen Preise auf dem Fest oder ein generelles Ende des Wiesn-Hypes. Mit der die Realität negierenden Methode von littlewisehen überzeugt man vielleicht andere Twitteraktivisten. Aber kaum jemand, der sich wirklich Sorgen macht, fühlt sich vermutlich von diesem gleichtönenden Netzkonglomerat aus Medien, Parteien und Aktivisten ernst genommen. Und die AfD kann sich dank der fragwürdigen Zahlentrickserei mal wieder als Opfer einer Verschwörung der Medien präsentieren.

Nach der Wahl werden viele dann fordern, man müsste den Menschen endlich wieder besser zuhören, und Schuldige am Debakel suchen. Fake News, russische Hacker, nicht linientreue Journalisten – aber auf keinen Fall das eigene Versagen.

18. Sep. 2017
von Don Alphonso
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