Fazit – das Wirtschaftsblog

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Alte Meister (2): Zum 100. Geburtstag von Joseph Schumpeters „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“

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Wirtschaft als gnadenloser Kampf zwischen innovativen Unternehmern und den Langweilern ohne Ideen, die vom Neuen zerquetscht werden - so beschrieb Joseph A. Schumpeter den Prozess in seiner "Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung", die vor hundert Jahren erschienen ist. Ein Gastbeitrag von Heinz D. Kurz

Wirtschaft als gnadenloser Kampf zwischen innovativen Unternehmern und den Langweilern ohne Ideen, die vom Neuen zerquetscht werden – so beschrieb Joseph A. Schumpeter den Prozess in seiner „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“, die vor hundert Jahren erschienen ist.

Von Heinz D. Kurz

Ein „Meer der Finsternis“ im Verständnis wirtschaftlicher Sachverhalte sah Joseph A. Schumpeter und wollte es überwinden. Vor hundert Jahren, im Herbst 1911, hat er seine „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ veröffentlicht. (Im Impressum des Buches wird 1912 genannt: Das Buch sollte nicht schnell alt aussehen.) In ihm betont er die dynamische Methode, die an die Seite der statischen der konventionellen Ökonomik eines Léon Walras oder Eugen von Böhm-Bawerk tritt. Während diese den stationären „Kreislauf der Wirtschaft“ untersuchte, befasst sich Schumpeters Methode mit dem Kernprozess der wirtschaftlichen Entwicklung.

Das Prinzip „schöpferische Zerstörung“

Joseph Schumpeter - Foto: Harvard University

Schumpeter (Foto: Harvard University) ist gleich dem Helden seiner Geschichte ein „Unternehmer“, ein Neuerer: Die von ihm gezogene intellektuelle Spur zeugt von „schöpferischer Zerstörung“. Ohne Scheu reißt er altbekannte Doktrinen, insbesondere auch seiner Wiener Lehrer, ein und ersetzt sie durch neue. Wie sein Unternehmer ist er kein Hedoniker, kein Rationalist, der sich optimierend in gegebene Verhältnisse schickt, sondern ein Energiker, der „Freude am Erfolghaben“, am „Siegen über andere“ hat und sich die Verhältnisse selbst zu richten trachtet. „Halb pathologische Momente“ seien in der Erklärung derartigen Verhaltens heranzuziehen, lässt er den Leser vielsagend wissen.

Innovationen – die „Durchsetzung neuer Kombinationen“ – sind „die überragende Tatsache in der Wirtschaftsgeschichte der kapitalistischen Gesellschaft“. Diese Tatsache aber wird von der gängigen Wirtschaftstheorie sträflich ignoriert, mit einer einzigen Ausnahme: „Allein Marx hat es versucht die Entwicklung des Wirtschaftslebens selbst mit den Mitteln der ökonomischen Theorie zu behandeln.“ Schumpeter ist von Marx fasziniert, aber er folgt ihm nur zum Teil. Einige seiner zentralen Ideen weist er zurück, andere fasst er neu und kombiniert sie auf originelle Weise mit wieder anderen aus dem sonstigen ökonomischen Schrifttum: neue Kombinationen auch hier.

„Wie erzeugt das wirtschaftliche System die Kraft, die es unaufhörlich verwandelt“ – und mit ihm Gesellschaft und Kultur? Nichts bleibt, wie es ist. Wie vor ihm Adam Smith oder Marx geht es Schumpeter in letzter Instanz um das Begreifen des Kapitalismus als „Kulturphänomen“, um dessen endogene Dynamik und langfristiges Schicksal. Vonnöten sei die Entwicklung einer universalen Sozialwissenschaft. Und wie Marx kommt er zum Ergebnis, dass der Kapitalismus letztlich am eigenen Erfolg zugrunde gehen werde – Thema des 1942 veröffentlichten Buches „Capitalism, Socialism and Democracy“. Diese Ansicht ist in Spurenelementen bereits in der „Theorie“ präsent. 

Kapital, Kredit, Investition und Innovation

Wirtschaftliche Entwicklung begreift Schumpeter als durch Innovationen ausgelöste Übergangsprozesse zwischen jeweils stationären Kreisläufen. Sowohl in der Ausgangs- als auch in der Endlage gibt es weder „Unternehmer“ noch „Kapitalisten“, sondern nur „statische Betriebsleiter“. Entsprechend gibt es weder Profit noch Zins, sondern nur Löhne und Grundrenten. Schumpeter definiert überlieferte Begriffe radikal um. Der Unternehmer reißt die Wirtschaft aus ihrem Dornröschenschlaf mittels neuer Güter, neuer Produktionsverfahren, neuer Organisationsformen, der Erschließung neuer Rohstoff- und Absatzmärkte usw. Er tritt jedoch typischerweise mittellos auf den Plan – die Unternehmerfunktion ist „prinzipiell nicht an Vermögensbesitz geknüpft“.

Der Unternehmer bedarf des Kredits. Diesen erhält er vom Bankier, der „zusätzliches Geld schafft“. Auf diese Weise eröffnet er dem Unternehmer „gleichsam den Zutritt zu den Produktionsmitteln der Volkswirtschaft – er gibt ihm gleichsam die Vollmacht, seine Pläne auszuführen.“ Um Unternehmer zu werden, muss dieser zuerst Schuldner werden. Das Risiko trägt letztlich jedoch der Bankier. Im eigenen Interesse muss er die ihm von Möchte-gern-Unternehmern vorgelegten Investitionsprojekte sorgfältig prüfen. Gründliche Expertise und eine langfristige Orientierung sind hierbei unabdingbar. (Wer nur noch mit kurzfristiger Optimierung auf Finanzmärkten beschäftigt ist, dem wird es an beidem mangeln.)

Der Kredit ist der „Hebel des Güterentzugs“ zugunsten des Neuerers, schreibt Schumpeter. Der Anstieg der monetären Gesamtnachfrage führt in einer annahmegemäß vollbeschäftigten Wirtschaft zu einem Anstieg der Preise produktiver Ressourcen. Die kreditinduzierte Inflation wirkt wie eine Steuer auf die statischen Betriebe und spielt dem Unternehmer die benötigten Ressourcen in die Hände. Erst jetzt kommen die Kategorien Kapital, Profit und Zins ins Spiel. „Kapital“ ist Schumpeter zufolge ausschließlich die Unternehmern überlassene Kaufkraft – „ein drittes zur Produktion in der Verkehrswirtschaft nötiges Agens“. Kapital sind weder produzierte Produktionsmittel noch kumulierte Ersparnisse usw., wie es die gängigen Theorien behaupten. Ja, um einen Prozess der Entwicklung in Gang zu setzen, ist überhaupt keine Ersparnis vonnöten. Es genügt die Kreditvergabe an die Neuerer. Erst im Gefolge von deren Innovationen kommt es zu Ersparnissen aus den realisierten Gewinnen und steigenden sonstigen Einkommen. Ganz ähnlich sollte mehr als zwei Jahrzehnte später John Maynard Keynes die Auffassung vertreten, Investitionen verschafften sich über ein steigendes Sozialprodukt bei gegebener Sparquote die Ersparnisse selbst.

Der Geld- beziehungsweise Kreditmarkt ist Schumpeter zufolge gleichsam „das Hauptquartier der kapitalistischen Wirtschaft“, der Zins eine Abspaltung aus dem innovationsbedingten Gewinn für die Überlassung von Liquidität. Gewinn und Zins, behauptet Schumpeter im Widerspruch zu aller bisherigen Theorie, gibt es nur in einer dynamischen Wirtschaft.

Das Drama der Wirtschaft

Der unternehmerische Gewinn (und damit der Zins) existiert nur vorübergehend: „Er ist zugleich Kind und Opfer der Entwicklung.“ Der typische Verlauf der Verbreitung von Innovationen soll dies verdeutlichen. Er kreist um den Unterschied zwischen Invention, Innovation und Imitation. Der Unternehmer ist üblicherweise nicht auch selbst Erfinder, sondern einer, der das Talent hat, aus dem Strom an Erfindungen jene herauszufinden, die sich profitabel vermarkten lassen. Erfindern mangelt es im Allgemeinen hieran, meint Schumpeter. Für sich genommen ist eine Erfindung ökonomisch ohne Bedeutung, solange sie nicht den Test des Marktes besteht, das heißt zur Innovation wird. Erst dann entfaltet sich der „erste Akt des Dramas“ – die Einschleusung des Neuen. Der erfolgreiche Unternehmer streicht einen möglicherweise hohen „Monopolgewinn“ ein.

Zu einer Beschleunigung des Verbreitungsprozesses kommt es erst im „zweiten Akt des Dramas“, das zwei Phasen aufweist. Der Unternehmer bricht den „statischen Bann“ und ebnet der Nachahmung den Weg. In der ersten Phase kopieren andere Firmen, dem „Impuls des lockenden Gewinns“ folgend, den Neuerer. Die Folge ist eine Ausdehnung der Produktionsmenge jenes Gutes, das von der Innovation betroffen ist, sowie eine Intensivierung des Wettbewerbs unter den das Gut erzeugenden Firmen. Früher oder später drücken diese den Preis in Richtung der gesunkenen Produktionskosten hinunter.

Dies läutet die zweite Phase ein, denn jetzt geraten alle statischen „Wirte“ in Zugzwang. Bislang ohne Gewinn produzierend, fahren sie nun Verluste ein. Angesichts der „Befürchtung völliger Vernichtung“, müssen sie ihre Betriebe modernisieren und Produktionsverfahren und Arbeitsroutinen umstellen. Ein anschwellender Schwarm von Firmen stemmt sich gegen den Untergang durch Imitation der Innovation. Nicht alle werden überleben. Das sich abspielende Drama hallt wider „vom Geschrei der Zermalmten, über die die Räder des Neuen gehen“.

Mit der Verbreitung des Neuen verliert das Pionierunternehmen seine Monopolstellung und wird von der Meute der Konkurrenten eingeholt. Als Folge hiervon gehen „der Unternehmergewinn und auch die Unternehmerfunktion als solche im Strudel der nachströmenden Konkurrenz zugrunde“. Das System bewegt sich in Richtung eines neuen stationären Kreislaufs, in dem das „Kostengesetz“ wieder gilt und die Preise der Güter gleich den jetzt niedrigeren Produktionskosten sind. Durch die innovationsbedingte Steigerung der Produktivität sind im neuen stationären Zustand die Realeinkommen der breiten Masse höher als im alten.

Dies ist Schumpeters Version der Doktrin von den nicht-intendierten Folgen eigeninteressierten Verhaltens, wie sie vor allem mit dem Werk Adam Smiths in Verbindung gebracht wird: Eigennutz und Geltungssucht der Wenigen bewirken hinter deren Rücken die Steigerung des Wohlstands der Vielen.

Dies bedeutet nicht, dass die wirtschaftliche Entwicklung nur Gewinner und keine Verlierer kennt. Denn neues zum Einsatz gelangendes Wissen ist häufig der Feind des alten. Das Neue wächst nicht einfach aus dem Alten heraus, sondern tritt an seine Seite und „eliminiert es im Wettbewerb“. Der Prozess ist „evolutorisch“ und wird „ohne und selbst gegen den Willen der hedonischen Majorität erzwungen“. Wirtschaftliche Entwicklung und Gleichgewicht schließen einander aus. Technologischer Wandel revolutioniert unaufhörlich das ökonomische System, mit tief greifenden Auswirkungen auf Leben und Denken der Menschen. Er setzt neue Güter und Berufe in die Welt und mustert altbekannte aus. Er erzwingt weit reichende gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen. Harmonisches Fortschreiten ist seine Sache nicht.

„Wellenschlägen von Prosperität und Depression“

Der Prozess ist notwendig zyklisch, erfolgt in „Wellenschlägen von Prosperität und Depression“. In ihnen ist die Krise lediglich ein wiederkehrendes Moment. Die Vorstellung der Möglichkeit einer konjunkturlosen Entwicklung, wie sie jüngst von Autoren wie Robert Lucas und Ben Bernanke vertreten worden ist, hätte Schumpeter wohl ungläubig zur Kenntnis genommen. Die Durchsetzung neuer Kombinationen verläuft naturwüchsig in mehr oder weniger gleichförmigen Zyklen. Will man Letztere abschaffen, dann muss man Innovationen unterbinden. Gemildert werden können indes die regelmäßig am oberen Wendepunkt des Konjunkturzyklus auftretenden Krisen des Geld- und Finanzwesens durch ordnungs- und prozesspolitische Maßnahmen.

Ist Entwicklung gleich „Fortschritt“? Schumpeter enthält sich eines definitiven Urteils. „Ob die Entwicklung zu sozialem Wohlbefinden oder zu sozialem Elend führt, das entscheidet ihr konkreter Inhalt“, heißt es. Zwar liegt der „innerste Sinn“ der wirtschaftlichen Entwicklung in der Beschaffung neuer Güterarten und -mengen, und dies leistet sie höchst eindrucksvoll. Die nicht-intendierten Begleiterscheinungen dieses Erfolges sind jedoch nicht zu unterschätzen und haben die Kraft, die Entwicklung gesellschaftlich und kulturell in neue und möglicherweise wenig erfreuliche Bahnen zu zwingen.

Schumpeters Buch hat mehrere Auflagen erfahren, wurde in viele Sprachen übersetzt und fand in den 1939 veröffentlichten „Business Cycles“ seine Fortsetzung und Ergänzung. Von einigen Lesern begeistert aufgenommen, wurde es von anderen, darunter Schumpeters Lehrer Eugen von Böhm-Bawerk, heftig kritisiert. Aber es hat alle Anfechtungen überdauert und ist gerade auch heute noch höchst lesenswert. Den Vertretern der Evolutorischen Ökonomik und der sogenannten Schumpeterianischen Wachstumstheorie ist es eine Hauptquelle der Inspiration. Das innovative Potential des Werks ist noch nicht erschöpft.

Joseph Schumpeter: Ein wechselvolles Leben

Schumpeter wird am 8. Februar 1883 in Triesch in Mähren, damals Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, als Kind des Tuchfabrikanten Josef Schumpeter und dessen Frau Johanna geboren. (Es ist das Todesjahr von Karl Marx und das Geburtsjahr von John Maynard Keynes.) Nach dem frühen Tod des Vaters zieht die ehrgeizige Mutter mit ihrem Sohn nach Graz, wo sie den pensionierten Feldmarschalleutnant Sigismund von Kéler heiratet. Joseph besucht die Volksschule. 1893 zieht die Familie nach Wien um, wo die soziale Stellung des Stiefvaters Joseph den Eintritt in das „Theresianum“, der Eliteschule der Aristokratie, ermöglicht. Die acht Jahre Theresianum färben merklich auf den Jüngling ab: Überheblichkeit, Arroganz und Opportunismus werden ihm nachgesagt.

Nach brillantem Schulabschluss studiert er an der Universität Wien Jura und Ökonomik. Er hat Kontakt mit Ultraliberalen, Sozialisten und Marxisten, mit Ludwig von Mises, Emil Lederer, Otto Bauer und Rudolf Hilferding. Im Sommer 1905 legt er das juristische Rigorosum ab und promoviert im Februar 1906 zum Doktor der Rechte. Anschließend geht er auf Reisen, unter anderem nach London, wo er 1907 erstmals heiratet. Im gleichen Jahr wechselt er nach Kairo, um am Internationalen Gerichtshof zu arbeiten.

In dieser Zeit vollendet er sein erstes großes Werk, „Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie“; es erscheint 1908. Zurück in Wien reicht er es als Habilitationsschrift ein und wird im März 1909 zum Privatdozenten ernannt. Im Herbst nimmt er die Stelle eines außerordentlichen Professors an der Universitä Czernovitz, Bukowina, an. Dort verfasst er sein wohl bedeutendstes Werk, die „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“, und veröffentlicht es Ende 1911 – er ist gerade 28 Jahre alt. Im gleichen Jahr wird er gegen den erbitterten Widerstand eines Teils der Grazer Kollegenschaft an die Universität Graz als Ordinarius berufen. Es folgt eine Austauschprofessur an der Columbia University, New York. Seine Frau weigert sich, mit ihm nach Graz zurückzukehren und übersiedelt nach London. Für Schumpeter ist die Ehe damit faktisch beendet.

Ein Ausflug in die Politik und Schiffbruch als Bankier

Zurück in Österreich unternimmt Schumpeter verschiedene friedenspolitische Initiativen mittels informeller Memoranden an Kaiser Karl I. und spricht sich gegen ein Zollbündnis Österreich-Ungarns mit dem Deutschen Reich aus. Seine Befürchtung: Österreich könnte zu einer deutschen Kolonie werden. 1918 bis 1919 wirkt er auf Vorschlag zweier marxistischer Bekannter, Rudolf Hilferding und Emil Lederer, in der von der neuen sozialdemokratisch geführten Regierung Deutschlands eingerichteten Sozialisierungskommission mit und unterstützt den Vorschlag zur Sozialisierung der Kohleindustrie.

1919 wird er „Staatssekretär der Finanzen“ (Finanzminister) im ersten Kabinett von Karl Renger. Allerdings muss Schumpeter bereits nach sieben Monaten im Oktober 1919 seinen Hut nehmen. Anders als die meisten Kabinettskollegen spricht sich Schumpeter gegen den Anschluss Österreichs an Deutschland aus. Hinzu kommt, dass er den Verkauf des damals größten Unternehmens Österreichs, der Alpine Montan, an ein italienisches Konsortium duldet, was im Gegensatz zur Sozialisierungspolitik der Regierung stand.

Anschließend versucht Schumpeter sein Glück in der Privatwirtschaft und wird im Juli 1921 Präsident der Biedermann & Co. Bankaktiengesellschaft. Zunächst wirtschaftlich äußerst erfolgreich, trifft ihn 1924 die Wirtschaftskrise in Österreich, und er häuft einen großen Schuldenberg an. Seinen Lehrstuhl in Graz hat er 1921 aufgegeben, und so versucht er seinen Verbindlichkeiten durch Tätigkeit als bezahlter Publizist und Redner nachzukommen.

In Bonn bemüht sich derweil sein Freund Arthur Spiethoff, ihm eine Professur an der dortigen Universität zu besorgen, was ihn nach heftigem Widerstand im Jahr 1925 gelingt. Im gleichen Jahr heiratet Schumpeter die um zwanzig Jahre jüngere Anna Josefina Reisinger. Aber dunkle Wolken türmen sich über ihm auf: Im Juni 1926 stirbt seine geliebte Mutter, im August seine Frau im Kindbett und kurze Zeit darauf der ihm geborene Sohn. Von diesen Schlägen sollte sich Schumpeter nie mehr völlig erholen. Er entwickelt einen persönlichen Totenkult, hält täglich Zwiesprache mit Mutter und Frau. Als 1930 John Maynard Keynes‘ „Treatise on Money“ erscheint, überlegt Schumpeter, das große Werk zur Geldtheorie, an dem er gerade arbeitet, zu vernichten.

Emigration nach Amerika: Berühmte Schüler, „Socialism“ und die Geschichte

Nach Gastprofessuren an der Harvard University und seiner Nichtbeachtung bei der Wiederbesetzung berühmter Lehrstühle in Berlin nimmt er ein Angebot von Harvard an und zieht im Herbst 1932 in die Vereinigten Staaten. 1939 wird er amerikanischer Staatsbürger. Berühmte Ökonomen zählen zu seinen Schülern, darunter Paul A. Samuelson, James Tobin, Richard Musgrave, Paul Sweezy und Kenneth Galbraith.

Das Interesse an ihm und seinen Lehren in Amerika enthält einen merklichen Dämpfer, als 1936 Keynes‘ „General Theory of Employment, Interest and Money“ erscheint und begeistert aufgenommen wird. Ein zweites Mal hat ihm der Brite seine Aspiration auf den Titel des berühmtesten Ökonomen seiner Zeit durchkreuzt. Die 1939 erscheinenden zwei Bände seiner „Business Cycles“ erregen wenig Aufmerksamkeit. Schumpeter trägt sich mit dem Gedanken, Harvard zu verlassen und nach Yale zu wechseln. Aber die ihm von Kollegen und Studierenden entgegengebrachte Sympathie hält ihn davon ab. 1942 veröffentlicht er das Buch „Capitalism, Socialism and Democracy“, in dem er seine Analyse des Gesamtprozesses der kapitalistischen Entwicklung um politische und institutionelle Aspekte erweitert.

Während der Kriegsjahre verschlechtert sich sein Zustand zusehends. Seine dritte Frau schlüpft immer mehr in die Rolle seiner Pflegerin. 1948 wird er Präsident der American Economic Association. Ein letztes großes Werk, die monumentale „History of Economic Analysis“, vermag er nicht mehr zu vollenden. Er stirbt am 8. Januar 1950 an einer Gehirnblutung. Die „History“ wird 1954 von seiner Frau herausgebracht.

Buchcover "Schumpeter für jedermann"Der Verfasser Heinz D. Kurz ist Professor an der Universität Graz und Leiter des Graz Schumpeter Centre. Zusammen mit Richard Sturn hat er soeben das Buch „Schumpeter für Jedermann. Von der Rastlosigkeit des Kapitalismus“ im Frankfurter Allgemeine Buch-Verlag herausgebracht (258 Seiten, 17,80 Euro).

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6 Lesermeinungen

  1. Ob von Frisch ein größerer...
    Ob von Frisch ein größerer Versuch der Formalisierung stammt, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber es gibt mehrere Ansätze, wenn schon nicht die gesamte theoretische Architektur des mehrgeschossigen Gebäudes der Schumpeterschen Theorie, so doch zumindest Teile davon in Mathematik zu gießen. Zu erwähnen sind insbesondere die Arbeiten von Richard Nelson und Sidney Winter (1982) über Evolutorische Ökonomik, das Buch Stan Metcalfes über „Creative Destruction“ – seine Graz Schumpeter Lectures – und die Arbeiten über schumpeterianische Modelle des wirtschaftlichen Wachstums insbesondere von Philippe Aghion und Peter Howitt. Einzelheiten hierzu findet man in Teil III des Buches „Schumpeter für jedermann“, der sich mit der Wirkungsgeschichte des Schumpeterschen Werkes beschäftigt.
    All diese Formalisierungen sind nützlich und erhellend. Für mich selbst war es indes erstaunlich, welche Faszination von den ursprünglichen Schriften Schumpeters auf mich beim Schreiben des genannten Bandes ausging. Diese weisen in verschiedenerlei Hinsicht weiter und gehen tiefer als alle mir bekannten Formalisierungen – trotz all der Schwächen, die Schumpeters Schriften auch aufweisen. Dies ist auch einer der tieferen Gründe zugunsten einer Beschäftigung mit Theoriegeschichte. Die wirklich Großen unseres Faches, und derer hat es nicht allzu viele, sind auch viele Jahrzehnte und gegebenenfalls Jahrhunderte nach der Veröffentlichung ihrer Werke noch immer mit großem Gewinn und Genuss zu lesen. Oder Adam Smith paraphrasiert: Kann man wirklich glauben, ein gebildeter Ökonom zu sein, wenn man nur Teile der Literatur kennt, die während der letzten fünf Jahre in Fachzeitschriften erschienen ist?
    Heinz D. Kurz

  2. Heinz D. Kurz hat in seinem...
    Heinz D. Kurz hat in seinem Kommentar alles Wichtige über die Notwendigkeit geschrieben, alte Meister wie Schumpeter mit Gewinn zu lesen.
    Mit Blick auf die moderne formale Ökonomik hätte ich eine Frage an Professor Kurz: Irgendwo habe ich vor Jahren gelesen, ein bedeutender Ökonom – war es Ragnar Frisch? – habe die Entwicklungstheorie Schumpeters formalisiert, doch sei das Formelwerk verloren gegangen. Wissen Sie etwas darüber und halten Sie es für möglich, eine solche Formalisierung zu leisten, die für moderne Ökonomen möglicherweise einen einfacheren Zugang zum Hauptwerk Schumpeters leisten würde?
    Gruß
    gb.

  3. Obwohl ich kein Ökonom bin,...
    Obwohl ich kein Ökonom bin, meine ich auch, dass Wirtschaftsgeschichte und Geschichte der Wirtschaftstheorie sehr wichtig sind. Die historische Sprachwissenschaft stammt aus der älteren historischen Rechtswissenschaft, und genau so könnte man auch die Wirtschfatswissenschaft betreiben: alles mit dem Vergleich in Zeit und Raum erklären, mit der Entwicklung erklären und beschreiben. Man nehme eine billige deutsche Grammatik, zum Beispiel die von Duden: ist das eine Beschreibung der Sprache auf Grund von Beobachtungen oder eine Beschreibung dessen, was die Sprache sein sollte? Die Antwort liegt dazwischen, denn auch wenn es darum ging, dem Leser Normen, Regeln, zu geben, sind diese nicht ganz willkürlich, nicht vom Verfasser einfach so erfunden. Ähnliches kann man über manche Wirtschaftstheorien sagen, manche wollen aber Normen geben, die dem Rechtsempfinden verletzen, die eine Vorstellung von Ordnung verletzen, und das ändert sich nicht, wenn da einige Tatsachen beschrieben werden. Eine Beschreibung von Unordnung kann nicht die Grundlage für eine Wirtschaftsordnung sein, die wirtschaftspolitisch zu schaffen ist. Nicht mit Selektion, sondern mit Reflexion sollte eine Wissenschaft betrieben werden, dazu ist die Wahrnehmung sehr wichtig, selbstverständlich die Wirtschaftsgeschichte für die Wirtschaftstheorie, sonst bleibt alles nur eine Hirnspinnerei. Mein „Verstand“ für Volkswirtschaft beschränkt sich auf das, was ich über Geldpolitik gelesen habe, vor allem kleine Schriften aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert, meistens von Notenbankern, viele aus der Reichsbank. Gelesen wie ein Philologe: ohne Ökonom zu sein, ohne viel über Banken zu wissen (eigentlich am Anfang nichts), versucht zu verstehen, welche Voraussetzungen dahinten stecken, welches Modell man hatte, wie Argumentiert wird, um zu handeln. Ich kann nur sagen: auch wenn das, was ich oben zitierte teilweise der Wirklichkeit entspricht, ist es sicher aus der Vorstellung jener Zeit äußerst abstossend. Das Üble der heutigen Geldpolitik liegt darin, dass man diese abstossenden Ideen als die Regel betrachtet und die Geldordnung darauf baut, aber niemand scheint in der Lage zu sein, es zu erkennen — oder erkennen zu wollen.

  4. In einem der Kommentare wird...
    In einem der Kommentare wird zu Recht darauf hingewiesen, dass sich die Zunft der Ökonomen mitunter vorschnell von den Vorstellungen und Theorien der Alten Meister verabschiedet hat. Dies wäre dann verständlich und auch billigenswert, wenn zuträfe, was einige Fachvertreter meist implizit anzunehmen scheinen: Die Wirtschaftswissenschaft ist ein perfekt funktionierender Selektionsmechanismus, der alle Ideen und Theorien, die nicht haltbar sind oder auf allzu speziellen Annahmen basieren, ausmustert und nur jene Ideen und Theorien beibehält, auf die diese Charakterisierung nicht zutrifft. Ein Blick in die Geschichte der Volkswirtschaftslehre belehrt einen jedoch sehr schnell darüber, dass dies nicht generell zutrifft. Tatsächlich sind auch auf dem Markt für ökonomische Ideen und Theorien Blasenbildungen nichts Ungewöhnliches. Um sich dagegen zu wappnen, allzu leicht intellektueller Ansteckung und Herdenverhalten zum Opfer zu fallen, empfiehlt Schumpeter ein Studium der Wirtschafts- und der Theoriegeschichte. Ersteres konfrontiert einen mit historischen Evidenzen, die gewisse ökonomische Deutungen und Theorien auf eine harte Probe stellen, letzteres konfrontiert einen mit alternativen Sichtweisen ökonomischer Sachverhalte und Wirkungszusammenhänge. Fortschritt, ob intellektuell oder anderer Art, setzt Selektion voraus, Selektion aber setzt Varietät voraus. „Groupthink“ ist der Tod von Varietät. Es ist deshalb höchst bedauerlich und für die weitere Entwicklung der Wirtschaftswissenschaft schädlich, dass beide Gebiete – die Wirtschaftsgeschichte und die Theoriegeschichte – im Lauf der Zeit immer stärker marginalisiert worden sind.
    Die erfreuliche Resonanz, die das Buch „Schumpeter für jedermann. Von der Rastlosigkeit des Kapitalismus“ erfährt, deute ich als Beleg für das Gesagte und die weit verbreitete Unzufriedenheit mit der Leistungsfähigkeit einiger Sparten der heuten gelehrten Ökonomik. Mit einer gewissen Übertreibung könnte man sagen, dass die heutige wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung Gefahr läuft, Absolventen zu erzeugen, die „penny-wise“, aber „pound-foolish“ sind: Sie verstehen von kleinen, speziellen Dingen sehr viel, aber vom Systemzusammenhang nur wenig. Die Aneinanderreihung von Theorien partieller Gleichgewichte ergibt noch kein Verständnis für das Ganze, ja, häufig verhindert sie ein solches.
    Heinz D. Kurz

  5. >>Kapital sind weder...
    >>Kapital sind weder produzierte Produktionsmittel noch kumulierte Ersparnisse usw., wie es die gängigen Theorien behaupten< < --- >>Der Unternehmer bedarf des Kredits. Diesen erhält er vom Bankier, der „zusätzliches Geld schafft“<< --- Das mag heute stimmen, denn es ist eher eine Sache von Wirtschaftsordnung als eine Beobachtung, den Aufsatz mit den widerlichen Theorien/Wirtschaftsmodell mochte ich nicht zu Ende lesen.

  6. „Untergang des...
    „Untergang des Abendlandes“ oder Sieg der klassenlosen Gesellschaft
    .
    „Die nicht-intendierten Begleiterscheinungen dieses Erfolges sind jedoch nicht zu unterschätzen und haben die Kraft, die Entwicklung gesellschaftlich und kulturell in neue und möglicherweise wenig erfreuliche Bahnen zu zwingen.“ Alle Theorien, die nicht den Klassenkampf mit ein beziehen (den politischen Klassenkampf des revolutionären Subjekts, nicht den systemimmanenten Widerstand des „automatischen Subjekts“) müssen an dieser Stelle passen. Oder, was auf dasselbe hinausläuft: eine kulturpessimistische Perspektive einnehmen. Durch alle modernen Schriften der historischen und ökonomischen Wissenschaften zieht sich die eine Frage hindurch: Oswald Spengler oder Karl Marx, Morphologie einer „Geschichte“ (welche den sozialen Kampf „völkisch“ interpretiert) oder ökonomische Geschichtstheorie (welche in der Theorie vom Klassenkampf mündet) – „Untergang des Abendlandes“ oder Sieg der klassenlosen Gesellschaft über den Kapitalismus.

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