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Im Wein ist Wahrheit. Aber welche?

17.09.2012, 18:00 Uhr  ·  Spätlese oder Erste Lage: Der erbitterte Wettbewerb der Qualitätsbezeichnungen im deutschen Weinbau nützt dem Käufer. Von Gerald Braunberger

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Spätlese oder Erste Lage: Der erbitterte Wettbewerb der Qualitätsbezeichnungen im deutschen Weinbau nützt dem Käufer.

Von Gerald Braunberger

 Neben unserer Tastatur steht eine (noch ungeöffnete) Flasche Riesling aus dem Rheingau. Handelt es sich um einen Wein guter Qualität? Besitzt der Winzer eine hohe Reputation? Wie will man die Qualität eines Weines überhaupt messen? Weine sind, wie Parfüme, Kunstwerke oder Musik: Güter, deren Qualität sich nicht allein anhand objektiver Kriterien bemessen lässt. Vielmehr spielen in die Qualitätsbewertung auch subjektive Kriterien hinein, zu denen Produzenten und Käufer, Experten wie (selbsternannte) “Weinpäpste”, Marketingexperten oder gelegentlich auch Journalisten beitragen.

In der nahe Bordeaux gelegenen Weinbauregion Médoc kaufen seit einigen Jahren Chinesen wie die Verrückten die Weine des Hauses Lafite Rothschild. Sind diese Weine wegen der Nachfrage der Chinesen nunmehr als besser einzuschätzen als die Weine des nahegelegenen Hauses Mouton Rothschild, die vor der Ankunft der Chinesen als in etwa gleichwertig galten? Mit solchen Themen befasst sich die Wirtschaftssoziologie, und es sind mit Jörg Rössel und Jens Beckert zwei Soziologen aus dem Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, die sich mit dem Rheingau und Rheinhessen zwei bekannte Bestandteile des deutschen Weinmarktes angesehen haben. Illustration: Alfons Holtgreve

Um Orientierung in solchen Märkten zu schaffen, wurden Klassifizierungen auf der Grundlage von Qualitätsbezeichnungen geschaffen. Das deutsche Weingesetz kennt vier Klassifizierungen der Qualität vor allem nach dem Zuckergehalt der Trauben (“Oechslegrad”), die von unten nach oben lauten: Landwein, Tafelwein, Qualitätswein bestimmter Anbaugebiete und Qualitätswein mit Prädikat, heute meist Prädikatswein genannt.

Die höchste Kategorie, der Prädikatswein, unterteilt sich noch einmal in sechs Unterkategorien, die von unten nach oben lauten: Kabinett, Spätlese, Auslese, Beerenauslese, Trockenbeerenauslese und Eiswein. Eingeordnet werden auf diese Weise einzelne Weine, nicht etwa Lagen oder Regionen.

Mit diesen Einordnungen soll vor allem wenig erfahrenen Konsumenten, die nur gelegentlich Wein trinken, eine Orientierung gegeben werden. Diese Einordnung ist weit verbreitet, aber sie ist nicht exklusiv, und vor allem ist sie nicht unumstritten. Nach Angaben des Deutschen Weininstituts waren im vergangenen Jahr 95 Prozent aller klassifizierten Weine Qualitätsweine, und mehr als 50 Prozent brachten es sogar in die höchste Kategorie, den Qualitätswein mit Prädikat. Tafel- und Landweine sind fast gar nicht zu finden. Wenn 95 Prozent aller Produkte in eine hohe Kategorie eingeordnet werden, stellen sich zwei naheliegende Fragen: Taugt diese Form der Kategorisierung überhaupt etwas? Und dient sie nicht eher als Marketinginstrument denn als sachliche Orientierungshilfe? Tatsächlich lautet ein Vorwurf, die Klassifizierung nach dem Weingesetz und ihre Anwendung in der Praxis haben vor allem den Interessen der Hersteller billigen Massenweins gedient.

Unser Wein ist nicht nach den Regeln des Weingesetzes kategorisiert. Das heißt aber nicht, dass der Wein schlecht ist. Auf dem Flaschenhals ist ein Signet mit den Buchstaben “VDP” erkennbar. Es steht für Verband deutscher Prädikatsweingüter, eine Interessenvertretung von Herstellern hochwertiger Weine, die ihre Geschichte bis in das Jahr 1910 zurückführt. Dem Verband gehören knapp 200 Güter an, die 2,6 Prozent der deutschen Weinmenge herstellen und die sich zu hohen Qualitätsstandards selbstverpflichtet haben. Dazu gehört auch ein eigenes Klassifikationssystem, das sich von jenem des Weingesetzes erheblich unterscheidet und auf dem Gebiet der besseren Weine in harter Konkurrenz steht.

Beurteilt werden nicht einzelne Weine, sondern im Mittelpunkt steht das aus Frankreich übernommene Konzept des “Terroir”, ein Wort, das sich nicht einfach übersetzen lässt. In die Kategorisierung gehen ein die Güte und Lage des Weinbergs, das handwerkliche Können des Winzers und die Qualität des jeweiligen Jahrgangs. Bis zum Jahrgang 2011 wurde hier unterschieden zwischen – von unten nach oben – Gutswein, Ortswein und Erster Lage. (Unser Wein ist ein bescheidener Gutswein.) Ab dem Jahrgang 2012 findet eine Erweiterung auf vier Kategorien statt: die Höchstkategorie heißt dann Große Lage.

Rössel und Beckert haben die interessante Frage nach dem Einfluss dieser konkurrierenden Klassifikationssysteme gestellt und hierzu die Preisbildung anhand von 1890 Weinen aus 248 Gütern sehr unterschiedlicher Größe untersucht. Alle Güter befinden sich entweder im Rheingau oder in Rheinhessen.

Das erste Ergebnis lautet, dass es Weine aus dem VDP viel eher in den angesehenen französischen Weinführer Gault Millau bringen als Weine, die nach den Kriterien des Weingesetz bewertet werden. Die Auswirkung auf die Preise ist sehr unterschiedlich. Bei einfachen und billigen Weinen ist eine Klassifizierung nach dem Weingesetz hilfreich, bei teuren Weinen lässt sich diese Klassifizierung aber kaum nutzen, um hohe Preise zu erzielen. Eine gute Bewertung nach den Kriterien des VDP lässt sich schon eher nutzen, um einen hohen Preis zu erzielen.

Diese Ergebnisse lassen eine klare Segmentierung des deutschen Weinmarktes erkennen, die nach Ansicht der Autoren unter anderem mit einer unterschiedlichen Wahrnehmung solcher Klassifizierungen in unterschiedlichen sozialen Schichten erklärbar sein mag. Wie auch immer: Wir trinken jetzt ein Gläschen.

 

Dieser Beitrag ist am 16. September 2012 als “Sonntagsökonom” in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen. Die Illustration stammt von Alfons Holtgreve.

 

 

 

 

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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt in der F.A.Z.