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Goethe, das Geld und die aktuelle Krise (5): Frankfurts berühmtester Bankier starb vor 200 Jahren

22.09.2012, 09:13 Uhr  ·  In der laufenden Goethe-Festwoche in Frankfurt wird vor allem Goethes vielfältige Beziehungen zum Geld besprochen. In diese Woche fällt daneben der 200. Todestags von Frankfurts berühmtestem Bankier: Mayer Amschel Rothschild. Eine kleine Erinnerung Von Gerald Braunberger

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In der laufenden Goethe-Festwoche in Frankfurt wird vor allem Goethes vielfältige Beziehungen zum Geld besprochen. In diese Woche fällt daneben der 200. Todestags von Frankfurts berühmtestem Bankier: Mayer Amschel Rothschild. Eine kleine Erinnerung

Von Gerald Braunberger

Ob Johann Wolfgang von Goethe den nur wenige Jahre älteren Mayer Amschel Rothschild (1743/44 bis 1812) persönlich gekannt hat, ist nicht überliefert. Fritz Backhaus, von dessen aktuellem und sehr empfehlenswertem Buch über Mayer Amschel Rothschild der nachfolgende Beitrag stark beeinflusst ist, vermutet, dass sich der junge Goethe und der junge Rothschild in der Frankfurter Judengasse begegnet sein mögen. Zu Gast dürfte Goethe aber eher in den Häusern der Familien Kann, Kulp oder Speyer gewesen sein, “die die Judengasse seit Jahrhunderten beherrschten und traditionell gute Verbindungen zu den patrizischen Familien Frankfurts hielten” (Backhaus).

Goethe hat später in “Dichtung und Wahrheit” seine Erinnerungen an die Frankfurter Judengasse geschildert, die einen eher schauerlichen und einen eher anempfindsamen Teil beinhalten. Hier der schauerliche: “Zu den ahnungsvollen Dingen, die den Knaben und wohl auch den Jüngling bedrängten, gehörte besonders der Zustand der Judenstadt, eigentlich die Judengasse genannt, weil sie kaum aus mehr als einer einzigen Straße bestand, welche in früheren Zeiten zwischen Stadtmauer und Graben wie in einem Zwinger mochte eingeklemmt worden sein. Die Enge, der Schmutz, das Gewimmel, der Akzent einer unerfreulichen Sprache, alles zusammen machten den unangenehmsten Eindruck, wenn man nur am Tore vorbeigehend hineinsah. Es dauerte lange, bis ich mich alleine hineinwagte, und ich kehrte nicht leicht dahin wieder zurück, wenn ich einmal den Zudringlichkeiten so vieler, etwas zu schachern unermüdet fordernder oder anbietender Menschen entgangen war.” Dann aber schreibt der Dichter: “Indessen blieben sie doch das auserwählte Volk Gottes, und gingen, wie es nun mochte gekommen sein, zum Andenken der ältesten Zeiten umher. Außerdem waren sie ja auch Menschen, tätig, gefällig, und selbst dem Eigensinn, womit sie an ihren Gebräuchen hingen, konnte man seine Achtung nicht versagen. Überdies waren die Mädchen hübsch, und mochten es wohl leiden,wenn ein Christenknabe ihnen am Sabbat auf dem Fischerfelde begegnend, sich freundlich und aufmerksam bewies.”

Vorfahren der Rothschilds sind seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Frankfurt nachgewiesen. Im Jahre 1567 errichtete eine Vorfahr ein Haus mit dem Namen “zum roten Schild”, von dem sich der Familienname ableitet. Von den frühen Rothschilds ist nicht viel bekannt; allerdings weiß man, dass sie in der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht zu den führenden Familien in der Judengasse zählten. Um das Jahr 1760 wurde der junge Mayer Amschel nach Fürth in eine jüdische Schule geschickt. Ein paar Jahre später ging er nach Hannover, um in dem Bank- und Handelshaus von Wolf Simon Oppenheimer das Geschäftsleben zu erlernen. Um das Jahr 1763 bis 1764 kehrte Amschel Mayer Rothschild nach Frankfurt zurück. Im Jahr 1765 ging Goethe nach Leipzig, um dort Jura zu studieren.

In Frankfurt gründete Mayer Amschel mit seinem Bruder Kalman (der aber früh verstarb) ein Geschäft, das unter anderem mit Münzen, Medaillen und Antiquitäten handelte. Der junge Rothschild erwies sich vor allem als ein Fachmann für Sammlermünzen. Dies erlaubte ihm, in Geschäftskontakt mit dem in Hanau ansässigen Landgraf Wilhelm zu treten, der Rothschild im Jahr 1769 den Titel eines “Hessen-Hanauischen Hoffaktors” verlieh. Damit besaß Mayer Amschel Rothschild einen Titel, der ihm Zugang zum deutschen Adel – und damit vielen potentiellen Kunden – gestattete. Der Münzhandel galt damals eine ausgesprochene Spezialität, die hohe Kenntnisse erforderte – um diese Zeit besaß Rothschild keinen Konkurrenten in Frankfurt. Zwischen 1770 und 1780 nahm Mayer Amschel zudem den Handel mit Wechseln auf. Dies war sein Einstieg ins Bankgeschäft. Im Jahr 1786 erwarb er mit dem Haus “zum grünen Schild” eine der teuersten Immobilien in der Judengasse (mit einem Brunnen im Keller – das war damals Luxus), obgleich er nach der Steuerschätzung der jüdischen Gemeinde über ein Vermögen im Bereich der “unteren Mittelklasse” (Backhaus) verfügt haben dürfte.

Im Jahre 1789 brach in Paris die Französische Revolution aus, deren außenpolitische Konsequenzen Europa bis zum Jahr 1815 in immer neue Kriege stürzten. Für diese immerwährenden Feldzüge mussten Soldaten nicht nur mobilisiert, sondern wie die Ausrüstung und die Verpflegung auch finanziert werden. Als Heereslieferant verdiente Mayer Amschel Rothschild sehr viel Geld: “Zwischen 1793 und 1796 lief soviel Bargeld durch ihr Geschäft, dass Mayer Amschels Knecht über längere Zeit Geld in großem Umfange entwenden konnte, ohne dass dies auffiel…Täglich kamen große Geldlieferungen herein, die dann von Hersch Liebmann, seinem Bediensteten, in Säcken zu je 1000 Gulden an die Armee geliefert wurden. Es gab offensichtlich keine regelmäßige Buchführung, die es erlaubt hätte, die ein- und ausgehenden Summen genauer zu kontrollieren…In dem knapp zehn Quadratmeter großen Kontor Mayer Amschels im ‘Grünen Schild’ drängten sich oft mehrere Kunden… Das Geld wurde tagsüber in einem offenen Schrank im Kontor gelagert und abends in einer Kiste verschlossen.” (Backhaus) Ein paar Jahre später stellte Rothschild einen kundigen Buchhalter ein.

Um das Jahr 1800 begann sich Mayer Amschel, an dem damals in Wachstum befindlichen Anleihegeschäft zu betätigen; Emittenten waren üblicherweise Staaten bzw. Herrscherhäuser. In Frankfurt war in dieser Disziplin das Bankhaus Bethmann mit Abstand führend, aber Rothschild gelang es, sich innerhalb weniger Jahre eine annehmbar Marktstellung zu erobern (vermutlich aber zulasten der Profitabilität). Eine wichtigte Rolle für den Aufstieg des Hauses Rothschild in jener Zeit spielte zudem die geheime Verwaltung des Vermögens des hessischen Kurfürsten (früher: Landgrafen) Wilhelm, das wohl zum Teil in England von Mayer Amschels Sohn Nathan angelegt wurde. Die berühmte internationale Expansion des Hauses Rothschilds durch fünf Söhne Mayer Amschels hatte zuvor mit dem Eintritt in den lukrativen Tuchhandel zwischen England und dem Kontinent begonnen. Hierzu war Mayer Amschels Sohn Nathan nach Manchester gegangen; später siedelte er nach London um.

Das Privatleben Mayer Amschel Rotschilds ist aus Platzgründen ebensowenig Teil dieser kleinen Erinnerung wie seine Rolle innerhalb der jüdischen Gemeinde Frankfurts und sein Eintreten für die Emanzipation der Juden. Es kann unter anderem in dem Buch von Backhaus nachgelesen werden. Seine geschäftliche Nachfolge traf der Patriarch noch rechtzeitig: Seit dem Jahr 1810 hieß seine Firma “Mayer Amschel Rotschild & Söhne”. Kurz vor seinem Tod zwei Jahre später verfügte er, dass seine Töchter und Schwiegersöhne sowie deren Erben keinen Anteil an der Firma erlangen dürften. Die Söhne wurden zu brüderlicher Eintracht ermahnt. Sein Vermögen bezifferte er mit rund 190 000 Gulden – damit war er nach dem Maßstab seiner Zeit ein sehr gut situierter Mann, aber kein “Superreicher”. 

 

 
 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
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0 Orendel 23.09.2012, 08:35 Uhr

Das Zinssystem war ein...

Das Zinssystem war ein genialer Streich, um die Menschheit in Ketten zu legen. Die Banken verleihen kein Vermögen, welches sie besitzen, nein sie haben nur 2-5 % Eigenkapital. Der Rest des verliehenen Geldes ist nicht vorhanden (Luft, Imagination, Hirngespinst), aber die fälligen Zinsen müssen jeden Monat erwirtschaftet werden. Von IHNEN lieber Leser! Für einen Wert, welcher REAL nicht exisitiert. "Es ist gut, dass die Menschen des Landes unser Banken- und Geldsystem nicht verstehen, denn sonst, so glaube ich, hätten wir noch vor morgen früh eine Revolution." (Henry Ford) Wußten Sie, daß die Weltwährung in privater Hand ist? Die FED in Amerika ist unter keinen Umständen eine öffentliche Bundesbank. Jetzt überlegen Sie einmal, was dies für die Welt bedeutet.

0 fionn 22.09.2012, 18:53 Uhr

Goethe und Geld. Aus "Goethes...

Goethe und Geld. Aus "Goethes ganz andere Existenz in Rom" - Roberto Zapperi. C H Beck. "Herzog Carl August dispensierte ihn praktisch von allen Staatsgeschäften, und nicht nur das allein. Er erhöhte ihm sogar das Gehalt von 1600 auf 1800 Taler". Doch "Bei seiner Ankunft in Rom stellte Goethe fest, dass der römische Bankier, an den die Geldüberweisungen aus Deutschland gerichtet werden sollten, Bankrott gemacht hatte".

Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt in der F.A.Z.