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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Alte Meister (3): Friedrich Engels – der Kapitalist

| 5 Lesermeinungen

Ein großer Fabrikant und begnadeter Spekulant: Friedrich Engels muss rehabilitiert werden.

Ein großer Fabrikant und begnadeter Spekulant: Friedrich Engels muss rehabilitiert werden.

Von Rainer Hank

Es war im Spätsommer 1870, kurz vor seinem fünfzigsten Geburtstag, da zog der Unternehmer Friedrich Engels zusammen mit seiner langjährigen Geliebten Lizzie Burns von Manchester nach London. 122 Regent’s Park Road lautete die auch heute noch teure, aber schon damals elegante Adresse am Primrose Hill im Norden der Stadt: vier Schlafzimmer, ein Arbeitszimmer, zwei Wohnzimmer, eine Küche und ein „sehr geräumiges Badezimmer mit Badewanne“ mussten es schon sein. „Man gewöhnt sich nur schwer an die trübe Luft und die meist trüben Menschen“, klagte Engels über seine neue Umgebung. Aber ansonsten ließ es sich dort gut leben. Alle Frontzimmer hatten „die herrlichste freie Aussicht“.

Erst kurz vor seiner Übersiedlung nach London war Engels zum Fabrikant im Ruhestand geworden. Für die Summe von 12 500 Pfund (nach heutigem Wert etwa 1,5 Millionen Euro) hatte er sich seine Anteile aus dem familieneigenen Unternehmen, der Baumwollspinnerei Victoria Mills von „Ermen & Engels“ ausbezahlen lassen. Das war weniger Geld als erhofft. Weil inzwischen aber ein ordentliches privates Vermögen bei ihm aufgelaufen war (Aktien, Anleihen und liquide Barguthaben), erlaubte dieses Polster dem Mann im besten Alter, fortan als „Rentier“ zu leben: als sein eigener aktiver Fondsmanager, würde man heute sagen. Ein Gambler mit Freude am Gewinn.

Die Zeiten waren gut und Aktien der neueste Schrei. „Ohne sie hätten wir weder Eisenbahnen noch irgendeine andere jener großen Unternehmungen der Neuzeit“, heißt es in Émile Zolas großem Börsenroman „L’Argent“: „Man braucht ein großartiges Projekt, dann lodern die Leidenschaften auf.“ Obligationen, Anleihen hingegen, galten als „totes Material“.

Bild zu: Alte Meister (3): Friedrich Engels - der Kapitalist

Engels (Quelle: Ullstein Bild) war längst angesteckt von der Lust an der Aktienspekulation. „Wir sind jetzt hier in vollem Schwung der Prosperität und der flotten Geschäfte“, schrieb er aus London: „Kapital ist im Überfluss auf dem Markt und sucht überall nach profitablem Unterkommen.“ London war dabei, sich zur „City“ zu entwickeln: Dem Zentrum des Finanzkapitalismus, auch damals schon in gehöriger Distanz zur sogenannten Realwirtschaft. In der City wurde das Geld eingesammelt, das den Kapitalismus in Fahrt brachte. Und Friedrich Engels, der Sohn eines pietistischen Baumwollfabrikanten aus Wuppertal (Barmen, um genau zu sein), fühlte sich in dieser Welt mindestens so wohl wie der Fisch im Wasser.

„Ich habe auch Papierches, kaufe und verkaufe zuweilen“, schrieb Engels. Das dürfte Understatement sein. Bei seinem Tod hinterließ er ein Aktienpaket von immerhin 22 600 Pfund (heute etwa 2,7 Millionen Euro), darunter Anteile an der Northern Railway Company oder der Foreign & Colonial Government Trust Company (eine börsennotierte Investmentgesellschaft, aktiv vor allem in den Kolonien des riesigen Empires). Tipps fürs Investment bezog der Mann selbstredend aus dem 1843 gegründeten liberalen „Economist“: „So kindlich bin ich nicht, mir bei meinen Operationen in der sozialistischen Presse Rat zu holen.“ Neben dem beträchtlichen Finanzvermögen hinterließ Engels übrigens ein weiteres liquides Vermögen: Ein Depot von mehr als 1000 Flaschen Wein und Champagner.

Es gilt, einen Mann neu zu entdecken, dem von der Nachwelt Unrecht getan wurde: Es gilt, den erfolgreichen Unternehmer und Spekulanten Friedrich Engels zu würdigen. Wahrscheinlich musste der Kommunismus erst untergehen, um den Kapitalisten Engels angemessen porträtieren zu können: Als Textilmagnat und leidenschaftlichen Fuchsjäger, als aktives Mitglied der Börse und zugleich draufgängerischen, lebensfrohen, dem Alkohol zugeneigten Liebhaber der schönen Dinge: Das sind Hummersalat, Château Margaux, Pils (damals gerade ein Modegetränk), und, last, but not least, kostspielige Frauen in nicht geringer Zahl, wie sein Biograph, der britische Historiker und TV-Moderator Tristram Hunt, in seiner in diesem Jahr auf Deutsch erschienenen brillanten Monographie erzählt: Engels, so Hunt, war ein „begnadeter Womanizer“ und stets voller „bacchantischer Gelüste“.

„The Froack-Coated Communist“ ist Hunts Biographie im englischen Original betitelt: „Frock-coatet“, so lernen wir, ist der elegante Gehrock des viktorianischen Gentleman, nicht wirklich die Kleidung, wie man sich den Revolutionär gewöhnlich vorstellt. Die Nachwelt wollte in Engels nur den Kommunisten sehen; dass er „frock-coated“ war, war ihr peinlich.

Ohnehin hatten Marxisten wie Antimarxisten immer ein größeres Interesse an Karl Marx, der, je nach Einstellung, als Erfinder der Sowjetunion und DDR verdammt oder als Verfechter eines edlen und leidenschaftlichen Humanismus und Kommunismus verehrt wurde. Dagegen sprach man den Determinismus, Positivismus und die mechanische Denkweise des „historischen Materialismus“ dem Einfluss Engels‘ zu. Diese Lehren aber waren für Freund wie Feind stets der eher langweilige Teil der kommunistischen Bibel.

Dass Marx stets im Licht und Engels in seinem Schatten gemalt werden, ist nicht zuletzt deshalb hochgradig ungerecht, weil Engels Marx über viele Jahre teuer finanzierte (mal mit Pfundnoten, mal mit Sherry und Cognac): Mehr als die Hälfte seines Jahreseinkommens überwies er an Marx, nicht, weil dieser arm war, sondern weil er meinte, diese Mittel für ein standesgemäß bourgeoises Leben zu benötigen und weil er schlicht mit Geld nicht umgehen konnte.

Ein wenig war es auch Engels selbst, der zur Zurücksetzung gegenüber Marx das Seinige beitrug, wenn er 1884, ein Jahr nach dessen Tod, in einem Brief, gewiss nicht nur kokett, seine Rolle beschrieb: „Ich habe mein Leben lang das gemacht, wozu ich gemacht war, nämlich die zweite Violine zu spielen.“ Da ließ sich rasch übersehen, dass dieser zweite Geiger des Sozialismus als fulminanter Entrepreneur des Kapitalismus eine erste Geige spielte. Mehr noch: Engels hatte zwar weder eine philosophische Ausbildung noch Kontakte zur Universität. Dafür wusste er aber, wovon er sprach, wenn er über den Kapitalismus schrieb.

Davon kann man sich ebenfalls jetzt einen Eindruck verschaffen in dem gerade neu erschienenen und von dem britischen Historiker Gareth Stedman Jones hervorragend kommentierten „Kommunistischen Manifest“, 1848 von Marx und Engels in großer Eile gemeinsam verfasst, bei seinem ersten Erscheinen kaum beachtet, aber nach der deutschen Neuauflage von 1872 rasch zum internationalen Bestseller geworden. Die Literatur darüber, welchen Anteil die beiden Verfasser an dem Gemeinschaftswerk der kommunistischen Bibel haben, füllt Forschungsbibliotheken. Doch immer schon war den Lesern aufgefallen, dass das Manifest in seinem ersten Teil mit einer fulminanten Lobrede auf die Errungenschaften der Bourgeoisie beginnt, der fast mehr erzählerischer Platz eingeräumt wird als der Utopie von Sozialismus und Kommunismus.

Sicher ist: Das Erfahrungswissen über das bürgerliche Unternehmertum, welches das Manifest so brillant analysiert, stammt nicht vom Linkshegelianer Marx, sondern vom Schulabbrecher Engels, der, anstatt zu studieren, schon 1838, im Alter von achtzehn Jahren also, vom Vater einen Crashkurs in globalem Kapitalismus in Bremen verpasst bekommen hatte: Da galt es, Päckchen nach Havanna zu verschicken, Schinkensendungen aus der Karibik entgegenzunehmen, um dabei wie von allein die Grundlagen des Im- und Exportgeschäfts zu erlernen, was es mit Einfuhrzöllen auf sich hat und wie Währungsgeschäfte zur Absicherung funktionieren.

Wer durch diese Schule gegangen ist, seinen Adam Smith gelesen hat und, by the way, später zwanzig Jahre tagein, tagaus als Manager im eigenen Konzern seine Arbeit gemacht hat, der hat den Kapitalismus verstanden. Dazu kommt bei Engels noch die Gabe, eine wunderbare Prosa zu schreiben: „Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen ist, hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt.“

Das ist bis heute so geblieben, lässt sich am Beginn des 21. Jahrhunderts feststellen. Bürgerliche Tugenden und kapitalistischer Drive haben es verstanden, Wohlstand nicht für eine separate Klasse, sondern Wohlstand für alle zu schaffen. Der „Stolz des Systems der Handelsfreiheit“, so beschreibt Engels treffend, habe alle kleinen Monopole vernichtet, „um das eine große Grundmonopol, das Eigentum, desto freier und schrankenloser wirken zu lassen“.

Das hat seinen Preis. Es ist die ruhelose Dynamik der „freien Konkurrenz“: „Ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnen die Bourgeoisie vor allen anderen aus.“ Da spricht Engels, der kommunistische Utopist, dann viel eher wie sein Freund, der viktorianische Konservative William Carlyle: „Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden von der Bourgeoisie aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“

Engels, der mit dem klaren Blick des Soziologen und Urbanisten schon früh die „Lage der arbeitenden Klasse in England“ beschrieb, wusste als Unternehmer, dass Arbeiter, sind sie nicht produktiv, auch keinen Lohn verdienen. „Gottfried hat mir da 3 Kerle engagiert, die nichts wert sind. Ich werde sie schassen müssen“, berichtete er Marx. Wenig später feuerte er auch einen Büroangestellten: „Dies machte das Maß seiner Liederlichkeit voll, und er wurde geschasst.“

Doch wo bleibt Engels, der „marxistische“ Programmatiker? Sein Biograph Tristram Hunt behilft sich mit der Metapher des „Doppellebens“: tags Kapitalist, nachts sozialistischer Utopist, ein Mr. Jekyll und Mr. Hyde. Das leuchtet immerhin mehr ein als die marxistische Apologetik, die sein unternehmerisches Engagement als ökonomische Notwendigkeit deutet, quasi ungeliebte Pflicht, einen Brotberuf zu finden. Nein, Engels war Fabrikant und Spekulant aus Leidenschaft.

Der Kulturwissenschaftler Patrick Eiden-Offe geht einen Schritt weiter: Engels, der Fabrikant und Bohemien, war in all seinen Engagements durch und durch Entrepreneur: Immer musste er etwas unternehmen. Mal ist er Exportkaufmann, mal Betreiber der Baumwollspinnerei, dann wieder entwickelt er zahllose Zeitschriftenprojekte (die Deutsch-Französischen Jahrbücher, die Rheinischen und Deutsch-Brüsseler Zeitungen und so fort). Und mal ist der Mann eben auch „Unternehmer in Sachen Weltrevolution“. Ein echter Spieler. Der Projektemacher Engels, er verkörpert das ironisch-spontanistische Gegenmodell zum Lebensentwurf des Berufskommunisten, der aus Engels später einen Dogmatiker gemacht hat.

 

Der Mensch

Friedrich Engels (1820 bis 1895) war das älteste von neun Kindern des erfolgreichen Baumwollfabrikanten Friedrich Engels. Früh rebellierte er gegen den pietistischen Geist des Elternhauses. Der Vater nahm ihn ohne Abschluss von der Schule und schickte ihn zur Lehre ins Unternehmen. 1842 lernte Engels Karl Marx kennen; für den „Bund der Kommunisten“ verfassten sie das Kommunistische Manifest (1848). Engels arbeitete bis 1869 in der väterlichen Firma in Manchester, bevor er sich als Spekulant und revolutionärer Schriftsteller in London niederließ. Im Propyläen-Verlag ist 2012 erschienen: Tristram Hunt: Friedrich Engels. Der Mann, der den Marxismus erfand.

 

Das Unternehmen

Friedrich Engels‘ Urgroßvater Johann Caspar I. (1715 bis 1787), gab die Landwirtschaft auf zugunsten der Industrie und zog mit nur 25 Talern in der Tasche nach Barmen ans Ufer der Wupper, um ein Unternehmen zum Bleichen von Flachsfasern zu gründen. Der Enkel, Engels‘ Vater, gründete 1837 zusammen mit zwei holländischen Brüdern ein neues, erfolgreiches Unternehmen, „Ermen & Engels“, das neben Flachsbleichen auch Baumwollspinnereien in Manchester und Wuppertal betrieb. Friedrich Engels jun. arbeitete bis 1869 im Unternehmen in Manchester. 1979, im Zuge der Krise der deutschen Textilindustrie, wurde die Produktion bei Ermen & Engels für immer eingestellt.

 

Dieser Beitrag ist zuerst am 2. Dezember 2012 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen.

Eine kleine Ergänzung: Der deutsche Ökonom Wolfram Engels (1933 bis 1995) war ein Nachfahre Friedrich Engels‘.(gb.)

In der FAZIT-Reihe „Alte Meister“ sind bisher erschienen:
Alte Meister (1): Werner Sombart – Ode an den Dämon
Alte Meister (2): Leonhard Miksch – Der Mann hinter Ludwig Erhard

 

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5 Lesermeinungen

  1. <p>Der proletarische...
    Der proletarische Klassenstandpunkt ist kein Doktortitel
    .
    @rum: Es kommt nicht darauf an, welcher Klasse man entstammt, sondern für welche man sich engagiert. Marx und Engels entstammten bürgerlichen, gar großbürgerlichen Familien. Doch Marx hat auf eine bürgerliche Laufbahn verzichtet. Was ihm übrigens die Bourgeoisie nie verzeiht. Engels verkaufte seinen Anteil am Geschäft der Familie. Mit dem Geld, was ihm blieb, bzw., was er erwarb, finanzierte er sich weniger einen luxuriösen Lebensstandard – dazu hatte er gar nicht die Zeit – als vielmehr die Herausarbeitung des Wissenschaftlichen Sozialismus, und u.a. unterhielt Marx und dessen Familie daraus.
    .
    Woher ich stamme, ist eigentlich gar nicht von Bedeutung. Aber wenn es Sie interessiert: Mein Vater war Arbeiter, doch Mutter wie Vater entstammten bäuerlichen Familien. Ich selber bin Angestellter im Öffentlichen Dienst. Mitnichten Proletarier, dennoch Lohnabhängiger, denn weder Vermögen besitzend, noch dort zum Führungskader gehörend.
    .
    Doch spielt das alles keine Rolle. Denn darin begründet sich nicht meine „Rebellion“ – blog.herold-binsack.eu.
    Abgesehen von gewissen Details in meiner ganz persönlichen Biografie, vermittelte mir erst die Beschäftigung mit dem Wissenschaftlichen Sozialismus – vor etwa 40 Jahren damit beginnend – den „Proletarischen Klassenstandpunkt“. Einen Standpunkt, den man sich aber immer wieder neu erkämpfen muss. Denn er ist weder Doktortitel (blog.herold-binsack.eu), noch basiert er auf einem Geburtsrecht, sondern er ist ein lebenslanges Ideal, eine Zielorientierung, an welcher sich der Weg bewähren muss.
    Und genau darauf kam es mir an, in meinem Beitrag. Es bedeutet Engels gründlich misszuverstehen, wie nämlich geschehen, wenn man ihn als Boheme darzustellen versucht.
    Ich hoffe doch, dass das klar geworden ist – in meinen „langen Ausführungen“.

  2. <p>Eigentlich überrascht mich...
    Eigentlich überrascht mich diesen Beitrag nicht. Ich verstehe nicht, was Devin08 mit so viel Worten sagen will. Kommen nicht alle Kommunisten selbst aus der Bourgeoisie? War Marx ein Proletarier oder ein Adliger?! Bezeichnet sich Devin08 als Proletarier? Eine Interessantere Frage wäre, ob sich Marx und Engels den heutigen Finanzkapitalismus vorgestellt haben.

  3. Zwei Heroen des...
    Zwei Heroen des wissenschaftlichen Sozialismus
    .
    Diesem Lobgesang auf den „Kapitalisten Engels“ möchte ich folgendes etwas längere Zitat von Friedrich Engels selber über die Bourgeoisie, insbesondere die deutsche, nachschieben:
    .
    „Von allen nationalen Bourgeoisien hat unleugbar die englische bis jetzt den meisten Klassenverstand – d.h. politischen Verstand – sich bewahrt. Unsere deutsche Bourgeoisie ist dumm und feig; sie hat nicht einmal verstanden, die ihr 1848 durch die Arbeiterklasse erkämpfte politische Herrschaft zu ergreifen und festzuhalten; die Arbeiterklasse muß in Deutschland erst die Reste des Feudalismus und des patriarchalischen Absolutismus wegfegen, die unsere Bourgeoisie längst aus der Welt zu schaffen verpflichtet war. Die französische Bourgeoisie, die geldgierigste und genußsüchtigste von allen, wird durch ihre eigene Geldgier geblendet über ihre eigenen Zukunftsinteressen; sie sieht nur von heute auf morgen, sie stürzt sich profitwütig in die skandalöseste Korruption, erklärt eine Einkommensteuer für sozialistischen Hochverrat, kann keinem Streik anders begegnen als mit Infanteriesalven und bringt es damit fertig, daß in einer Republik mit allgemeinem Stimmrecht den Arbeitern kaum ein anderes Siegesmittel bleibt als die gewaltsame Revolution. Die englische Bourgeoisie ist weder so gierig-dumm wie die französische, noch so feig-dumm wie die deutsche. Sie hat während der Zeit ihrer größten Triumphe den Arbeitern fortwährend Konzessionen gemacht; selbst ihr borniertester Teil, die konservative Grund- und Finanzaristokratie, scheute sich nicht, den städtischen Arbeitern das Stimmrecht in einem Maß zu übertragen, daß es nur die Schuld dieser Arbeiter selbst war, wenn sie nicht seit 1868 40-50 der ihrigen im Parlament hatten. Und seitdem hat die gesamte Bourgeoisie – Konservative und Liberale vereinigt – das erweiterte Stimmrecht auch auf die Landbezirke ausgedehnt, die Größe der Wahlkreise annähernd ausgeglichen und damit der Arbeiterklasse mindestens dreißig weitere Wahlkreise zur Verfügung gestellt. Während die deutsche Bourgeoisie die Fähigkeit, als herrschende Klasse die Nation zu führen und zu vertreten, nie gehabt hat, während die französische tagtäglich – und eben jetzt wieder in den Wahlen – beweist, daß sie diese Fähigkeit – und sie besaß sie einst in höherem Grad als irgendeine andere Mittelklasse – total verloren hat, bewies die englische Bourgeoisie (worin die sog. Aristokratie aufgegangen und einbegriffen ist) bis zuletzt noch eine gewisse Gabe, ihre Stellung als leitende Klasse wenigstens einigermaßen auszufüllen.“(Friedrich Engels, Die Abdankung der Bourgeoisie, geschrieben Ende September bis Anfang Oktober 1889, aus: MEW, Bd. 21, 5. Auflage 1975, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 383-387, entnommen zuletzt am 13.12.2012, http://www.mlwerke.de/me/me21/me21_383.htm.)
    .
    Möglich, dass es solche Erkenntnisse eines deutschen Unternehmers waren, die diesen zum Kommunisten hat werden lassen. Bekannt ist auch, dass Karl Marx bei der Verfassung seiner ökonomischen Schriften, auf den Rat seines Freundes und Genossen Engels angewiesen war. (Vgl. hierzu besonders Marx-Engels Briefe über „Das Kapital“, Dietzverlag 1954, 1. Auflage 1954.)
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    Doch dass die von Engels solchermaßen positiv hervor gehobene (ja wohl nur englische) Bourgeoisie bis „heute“ so zu beschreiben sei, das entspringt wohl eher dem Wunschdenken eines damals schon satten deutschen „Philisters“ („Philister“ und „deutsche Pfahlbürger“, das waren wohl die von Marx und Engels häufigsten gebrauchten Attribute in Bezug auf das deutsche Bürgertum), als der Auffassung eines Friedrich Engels. Und solches lässt uns auch die Erfahrungen „am Beginn des 21. Jahrhunderts“ wahrlich nicht bestätigen. Ich zitiere daher Engels noch einmal:
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    „Da bricht der Streik der Dockarbeiter aus. Nicht die von den Dockgesellschaften geplünderte Bourgeoisie rebelliert; es sind die von ihnen ausgebeuteten Arbeiter, die Ärmsten der Armen, die unterste Schicht der Proletarier des Ostends, die den Dockmagnaten den Fehdehandschuh hinwerfen. Und da endlich besinnt sich die Bourgeoisie, daß auch sie in den Dockmagnaten einen Feind hat, daß die streikenden Arbeiter nicht nur in ihrem eigenen Interesse, sondern indirekt auch im Interesse der Bourgeoisklasse den Kampf aufgenommen haben. Das ist das Geheimnis der Sympathie des Publikums mit dem Streik und der bisher unerhört freigebigen Geldbeiträge aus bürgerlichen Kreisen. Aber dabei blieb’s auch. Die Arbeiter gingen ins Feuer unter dem Beifallsruf und Händeklatschen der Bourgeoisie: die Arbeiter fochten den Kampf aus und bewiesen nicht nur, daß die stolzen Dockmagnaten besiegbar waren, sondern wühlten auch durch ihren Kampf und Sieg die gesamte öffentliche Meinung derartig auf, daß Dockmonopol und feudale Hafenverfassung jetzt nicht länger zu halten sind und demnächst wohl ins Britische Museum wandern werden.
    Dies Stück Arbeit hätte die Bourgeoisie längst besorgen sollen. Sie hat es nicht gekonnt oder nicht gewollt. Jetzt haben die Arbeiter es in die Hand genommen und jetzt wird es erledigt. Mit andern Worten, hier hat die Bourgeoisie von ihrer eignen Rolle abgedankt zugunsten der Arbeiter.“ (ebenda)
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    Was wir über die Bourgeoisie, namentlich auch über die deutsche, heute zu sagen hätten, das liest sich mit dem heutigen Tage in etwa so:
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    „Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Deutsche-Bank-Chef
    12.12.2012 • 500 Beamte haben Büros der Deutschen Bank und zahlreiche Wohnungen durchsucht. Es geht um den Verdacht der Geldwäsche und der versuchten Strafvereitelung. Ermittelt wird auch gegen Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen.“ (zitiert nach http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/fuenf-mitarbeiter-nach-razzia-verhaftet-staatsanwaltschaft-ermittelt-gegen-deutsche-bank-chef-11990922.html)
    .
    Und was das Volk hierzu zu sagen hätte, das entnehme man bitteschön hieraus:
    http://www.buerger.uni-frankfurt.de/44122695/buergeruni-videos
    .
    Und was die Behauptung angeht, dass Engels eines Marxens „bourgeoisen Lebensstil“ zu finanzieren gehabt hätte, ist an Geschmacklosigkeit kaum noch zu überbieten. Aber es widerspricht auch der Wahrheit. Den oben von mir genannten Briefen über „Das Kapital“, lässt sich entnehmen, nicht nur wie groß die Not von Marx gewesen war, sondern auch wie wichtig es Engels nahm, seinem Freund (und dessen Familie) nicht nur das Elend im Exil zu mildern, sondern auch diesem Heroen des wissenschaftlichen Sozialismus sein Werk zu ermöglichen.

  4. @fionn

    In der üblichen...
    @fionn
    In der üblichen Literatur wird Engels eher nicht genannt. Hier ein Beispiel:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Manchesterliberalismus

  5. A fascinating article. I...
    A fascinating article. I would be interested to know about the role (if any?) played by Engels in the origin of the Manchester School.

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