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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Der Streit um Reinhart/Rogoff in Grafiken

| 15 Lesermeinungen

Der Ökonomenkrach um Staatsschuld und Wachstum kommt nicht zur Ruhe. Ein Überblick über den Stand der Debatte in Grafiken.

Die Ökonomen-Debatte um den Zusammenhang von Staatsschuld und Wirtschaftswachstum kommt nicht zur Ruhe. Die Harvard-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff haben ihr fehlerhaftes Papier korrigiert, wehren sich aber weiter gegen einige der Vorwürfe. Princeton-Ökonom Paul Krugman stichelt weiter. Gerade erst hat er den Stand der Debatte aus seiner Sicht zusammengefasst.

Auch in diesem Blogeintrag gibt es einen Stand der Dinge – weitgehend in grafischer Form. Deutlich wird zweierlei: Selbst die korrigierten Zahlen und Berechnungen zeigen, dass höhere Staatsschulden mit einem geringeren Wachstum einhergehen. Der Zusammenhang ist aber nicht mehr so deutlich wie ursprünglich von Reinhart und Rogoff aufgezeigt.

Darüber hinaus zeigt der grafische Vergleich, dass die Kritik der Ökonomen Thomas Herndon, Michael Ash und Robert Pollin an Reinhart und Rogoff in den Ergebnissen bei weitem nicht so dramatisch ausfällt, wie es in manchen Darstellungen anklang. Der Streit der Ökonomen ist eben vor allem auch ein Medienereignis.

Runde 1: Die Vorwürfe

Thomas Herndon, Michael Ash und Robert Pollin, im folgenden HAP abgekürzt, machen Reinhart und Rogoff (RR) im Kern drei Vorwürfe:

Vorwurf 1: Der Rechenfehler im Excel-Programm. RR hätten sich bei der Datenanalyse im Excel-Programm vertan, so dass fünf Länder (Australien bis Dänemark) im Endergebnis nicht berücksichtigt wurden.

Der Vorwurf stimmt, das ist sehr peinlich für Reinhart und Rogoff. In der Korrektur ihres Aufsatzes von 2010 haben sie en passant auch noch ein paar andere kleinere Ungenauigkeiten korrigiert.

Vorwurf 2: Einige andere Länderdaten, vor allem von Neuseeland, seien für einige Jahre “selektiv” ausgelassen worden – mit der impliziten Unterstellung, RR hätten das Ergebnis zu ihrem Vorteil verfälscht.

Das stimmt insoweit, dass RR Ende 2009, als sie ihre Analyse erstellten, an manchen Länderdaten Zweifel hatten und diese lieber wegließen – ohne das klar zu kommunizieren. Bei einigen Daten ist unklar, weshalb sie fehlten. Haben RR das bewusst getan, um sich einen Vorteil zu verschaffen? Das kann man wie HAP bösartig andeuten. Doch die RR-Erklärung, warum sie die Daten wegließen, klingt plausibel: Im Zweifel für den Angeklagten.

Vorwurf 3: Die Daten seien auf eine “unkonventionelle” Art und Weise zusammengefasst worden.

Hier steht Aussage gegen Aussage. Es geht um eine bestimmte Methode der Aggregation der Daten. HAP halten diese für ungewöhnlich, RR in Übereinstimmung mit anderen Ökonomen aber für normal und überlegen. Das ist eine ganz normale technische Debatte unter Ökonomen, die es üblicherweise nie in die Öffentlichkeit geschafft hätte.

Runde 2: HAP versus RR als Grafik

So weit, so gut. Aber entscheidend ist allein, wie sehr sich die Ergebnisse ändern, wenn die Kritik berücksichtigt wird. Dazu bedarf es zwei Vorbemerkungen. RR arbeiten in dem Papier von 2010 mit drei Datensätzen:

A) 20 Industriestaaten von 1946 bis 2009.
B) 20 Industriestaaten von 1791 bis 2009.
C) 20 Schwellenländer von 1970 bis 2009.

Die Kritik von HAP bezieht sich nur auf Datensatz A.

RR berechnen die Ergebnisse zudem immer als Durchschnitt und als Median. Sie bevorzugen die letztere Analyse, weil damit die „Ausreißer“ im Datensatz weniger stark gewichtet werden. Auch in ihren öffentlichen Äußerungen haben RR weitestgehend immer auf die Mediandaten fokussiert. HAP greifen die Mediandaten in ihrer Kritik freilich nicht auf, sie liefern auch nur Durchschnittswerte.

Warum die Kritik von HAP so „selektiv“ ist, wird deutlich, wenn man sich die Ergebnisse in Grafikform anschaut. Hier zuerst die Ergebnisse der Originalstudie von RR 2010.

© Patrick Welter 

Die Länderdaten sind in Gruppen sortiert je nach Höhe der Staatsschuld und die zugehörigen Wachstumsraten sind als Säule aufgezeigt. Deutlich ist die Kernbotschaft, dass in Ländern mit hohem Schuldenstand von mehr als 90 Prozent des BIP das Wachstum spürbar geringer ist. In der Durchschnittsbetrachtung zeigten RR für diese Länder gar eine Schrumpfung, in der Medianbetrachtung ist das Wachstum rund 1,3 Prozent niedriger als in der Ländergruppe mit Schulden von 60 bis 90 Prozent. Das ist der Vergleich, auf den RR mit ihrer Aussage von „rund 1 Prozent weniger“ immer wieder abstellten.

Grafik 2 vergleicht die korrigierten Datenreihen von HAP mit den Originaldaten von RR. Das Wachstum in der Ländergruppe mit Schulden von mehr als 90 Prozent liegt mit durchschnittlich 2,2 Prozent erheblich höher als die von RR berechneten minus 0,1 Prozent. Das ist der böse Fehler von RR.

© Patrick Welter 

Aber RR beriefen sich weitgehend immer auf die Mediananalyse. Der Aufruhr um den Fehler ist deshalb ziemlich übertrieben. Grafik 3 vergleicht die Durchschnittsanalyse von HAP und die von RR bevorzugte Mediananalyse aus dem Jahr 2010. Die Ergebnisse liegen nicht weit auseinander. HAP zeigen einen Wachstumsverlust von der dritthöchsten zur höchsten Schuldengruppe von 1 Prozentpunkt, RR einen Wachstumsverlust von 1,3 Prozentpunkte. Diese Differenz ist kaum der Rede wert.

© Patrick Welter 

 

Runde 3: Das Neuseeland-Problem

Mittlerweile haben RR ihre ursprüngliche Analyse korrigiert und ergänzt. Unter anderem fügten sie historische Daten aus Spanien für mehrere Jahre ein, die vor drei Jahren noch unklar waren. Wichtig ist dabei: RR haben die als „unkonventionell“ kritisierte Aggregation der Daten nicht geändert. Selbst ihre korrigierten Daten unterscheiden sich unter anderem deshalb weiterhin von den Daten von HAP.

© Patrick Welter 

Ein drastischeres Problem aber gibt es wegen Neuseeland – und es hilft, die Schwierigkeiten der historischen Analyse zu verstehen, mit denen RR zu kämpfen haben. Offizielle Wachstumsdaten für Neuseeland gibt es nach Angaben von RR erst von 1955 an. Daten davor beruhen teils auf wirtschaftshistorischen Arbeiten, die notgedrungen unscharf sind. Nun gab es in den frühen fünfziger Jahren in Neuseeland einen kräftigen Wirtschaftsboom, der in einem scharfen Abschwung ein Jahr später endete. Das Problem ist: Eine Datenreihe (Maddison) legt den Boom in das Jahr 1950, eine andere (Historical Statistics) legt ihn in das Jahr 1951. RR sind mittlerweile von der Maddison-Datenreihe auf die Datenreihe des Statistikamts gewechselt (Historical Statistics). Das hat für die Analyse entscheidende Folgen, wie Grafik 5 zeigt.

© Patrick Welter 

 

Runde 4: Reinhart und Rogoff’s korrigierte Daten

Hier als Überblick zwei Grafiken, die die von RR selbst korrigierten Daten zeigen – einmal für die Industriestaaten nach dem Zweiten Weltkrieg und einmal für die Industriestaaten in langfristiger Betrachtung, wobei es die ersten Daten (für die Vereinigten Staaten) von 1791 an gibt.

© Patrick Welter 

 

© Patrick Welter 

Deutlich wird, dass eine höhere Staatsschuld mit niedrigerem Wachstum einhergeht, wenn auch der Zusammenhang nicht mehr so stark ausgeprägt ist wie in der fehlerhaften Analyse von 2010. Vor allem ist bei einer Staatsschuld von 90 Prozent des BIP und mehr nicht mehr eine wirkliche Wachstumsschwelle zu erkennen.

Runde 5: Schulden im Frieden

Schon lange vor der HAP-Kritik wurde an der RR-Studie kritisiert, dass die Ergebnisse verzerrt seien, weil sie die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und damit einige außergewöhnliche Ereignisse berücksichtige. Die Demobilisierung in den Vereinigten Staaten und der damit verbundene Wirtschaftseinbruch etwa sind kaum auf die damals sehr hohe Staatsschuld zurückzuführen. Das ist ein valider Punkt. Aber gerade deshalb fokussieren RR in ihren Analysen ja auch weniger auf die Durchschnittswerte, sondern auf die Medianwerte, in denen solche Ausreißerdaten eine geringere Rolle spielen.

Ihrem Aufsatz zur Fehlerkorrektur haben RR dazu eine bemerkenswerte Notiz und Tabelle (mit gleichfalls korrigierten Daten) angehängt, deren wichtigste Ergebnisse hier als Grafik dargestellt sind.

© Patrick Welter 

Analysiert werden Schuldenstand und Wachstum von 21 Industriestaaten nach dem Zweiten Weltkrieg, wobei die Datenreihen erst 1955 (und nicht 1946) beginnen. Damit ist sichergestellt, dass Sondereinflüsse direkt nach dem Zweiten Weltkrieg die Analyse nicht verzerren (und ganz nebenbei auch das Neuseeland-Problem entfällt). Auch diese Analyse für Friedenszeiten zeigt, dass hohe Schulden mit niedrigerem Wachstum einhergehen. Der Zusammenhang ist sogar noch schärfer ausgeprägt als in dem Zeitraum, der direkt nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt. Die jüngste Einlassung von Krugman, es habe eigentlich fast nur an Neuseeland gelegen, ist damit zweifelhaft. Der Wachstumsverlust von der dritthöchsten zur höchsten Schuldenstandsgruppe beträgt übrigens wieder 1 Prozentpunkt – gerade so, wie es RR 2010 festgestellt hatten, bevor ihnen Rechenfehler nachgewiesen wurden.

Einen ähnlich hohen Wachstumsverlust in der höchsten Schuldengruppe zeigt im übrigen auch die erweiterte und vertiefte Studie des Ehepaars Reinhart und von Rogoff aus dem Jahr 2012. Manche der Kritikpunkte, die HAP noch im Jahr darauf an dem Papier von 2010 ausmachen, waren damit schon lange behoben – aber den Kritikastern war das keine Erwähnung wert.

 

Nachtrag vom 7. Juni

Viele Leser haben in den Kommentaren die Frage der Kausalität angesprochen, also die Frage, ob höhere Staatsschuld zu weniger Wachstum führt oder ob geringeres Wachstum zu höheren Schulden führt. RR sprechen in dem originären Aufsatz vorsichtig von einem empirischen Zusammenhang zwischen Schulden und Wachstum und vermeiden wohlweislich, eine Kausalität zu behaupten. Im Tenor auch ihrer Erklärungen an anderen Stellen aber ist der Aufsatz schon als Mahnung zu lesen, dass es für Länder brenzlig werden kann, wenn die  Staatsschuld mehr als 90 Prozent des BIP erreicht. In ihren Reaktionen auf die Kritik haben RR erklärt, dass sie vermuten, dass die Kausalität in beide Richtung wirkt, also vom Wachstum zu Schulden und umgekehrt.

M.E. ist die Frage der Kausalität nicht entschieden und kann von der Wirtschaftswissenschaft auch nicht entschieden werden. Siehe etwa diesen Kommentar zu dem Thema: Grenzen der Wirtschaftswissenschaft.

 

 

Quellenhinweis. Die Daten in den Grafiken stammen aus diesen Aufsätzen:

Thomas Herndon, Michael Ash und Robert Pollin (2013): „Does High Public Debt Consistently Stifle Economic Growth? A Critique of Reinhart and Rogoff“, Political Economy Research Institute, University of Massachusetts Amherst, Working Paper Nr. 322, April 2013.
Carmen M. Reinhart, Kenneth S. Rogoff (2010): „Growth in a Time of Debt“, NBER Working Paper No. 15639, Januar 2010.
Carmen M. Reinhart, Kenneth S. Rogoff (2013): „Errata: Growth in A Time of Debt“, 5. Mai.

 

Im FAZIT-Blog und auf FAZ.NET sind zu der Kontroverse um Reinhart/Rogoff bislang diese Beiträge erschienen:

Grenzen der Wirtschaftswissenschaft
Reinhart/Rogoff attackieren Krugman!
Wie schädlich sind Staatsschulden?
Der Krisenökonom
Haben sich Reinhart/Rogoff geirrt? Attacke und Verteidigung

 

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15 Lesermeinungen

  1. Hier wird wieder einmal, selektiv und tendenziös über den Streit um Reihnart-Rogoff berichtet!
    Auch wird erneut gegen Paul Krugman Stimmung gemacht: „er stichele“? Krugman erklärt eindeutig, worum es ihm geht: R-R haben nie klar gesagt, dass die Klippe ab 90% nicht existiert, sondern das Ergebnis eines Rechenfehlers.

    Weiter verschweigt man zudem einen der Hauptpunkte bei diesem Streit: die Frage der Kausalität. R-R behaupteten in ihrem Papier nicht, dass Schulden für geringes Wachstum verantwortlich seien, anstatt umgekehrt. Im Mainstream wurden aber die Schulden als Ursache des schwachen Wachstums angenommen, was R-R kaum verborgen geblieben sein kann?

    Anstatt aber darauf hinzuweisen, dass Ihre Studie nichts über Kausalität aussagt, schwiegen sie und ließen sich als „Helden“ der Antischuldenapostel feiern. Dass man die Kausalitätsfrage nicht erwähnt, dürfte auch daran liegen, dass man davon ausgeht bzw. seinen Lesern weismachen will, dass die Schulden den Wachstumsverlust verursachen.

    Das lässt sich an einigen Formulierungen erkennen, wie z.B. hier: “Schon lange vor der HAP-Kritik wurde an der RR-Studie kritisiert, dass die Ergebnisse verzerrt seien, weil sie die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und damit einige außergewöhnliche Ereignisse berücksichtige. Die Demobilisierung in den Vereinigten Staaten und der damit verbundene Wirtschaftseinbruch etwa sind kaum auf die damals sehr hohe Staatsschuld zurückzuführen.”

    Damit ist eindeutig, dass man davon ausgeht bzw. seinen Lesern weismachen will, dass es beim R-R-Papier darum gehe, dass Schulden die Ursache für schwaches Wachstum seien. Man will offenbar die Leser nicht auf die Idee kommen lassen, dass die Kausalität möglicherweise genau andersherum ist.
    Krugman unterstellt R-R übrigens nicht, dass sie bewusst getäuscht haben, nur dass sie sich gerne von Antischulden-Aposteln hofieren ließen, und dabei Fehlinterpretationen bzgl. der Kausalität haben bewusst stehen lassen. Vor diesem Hintergrund ist zu nachvollziehbar, dass eine Mehrheit in Deutschland diesem folgt?

  2. Guter Beitrag, aber bitte diskutieren Sie noch zwei Sachen: "Koerbe", und Kausalitaet
    Erstens (das hat komischerweise noch niemand erwaehnt), die Einteilung in vier Schuldenklassen ist vollkommen willkuerlich. Das heisst, die beruehmte „90%“-Zahl bedeutet gar nichts. Man sollte das ganze mit anderen Einteilungen wiederholen.
    Zweitens, und das wurde schon diskutiert, wird aber auch komischerweise fast immer ausgelassen, obwohl es entscheident ist: RR lassen durchscheinen (ich habe das Original gelesen), dass sie an eine kausale Beziehung glauben, d.h. hoehere Schulden sind die URSACHE niedrigeren Wachstums. Auf dieser Ueberzeugung wurde die Austeritaetspolitik aufgebaut, na ja, mit den Resultaten die man sieht. Allerdings deutet wirklich gar nichts in der Datenauswertung von RR auf eine kausale Beziehung hin, ganz im Gegenteil: Ihre Methode KANN gar keine kausalen Beziehungen herstellen (dafuer braucht man richtige Oekonometrie, keine Excelgrafiken). Deshalb ist auch die gegensaetzliche Kausalitat eindeutig nicht ausgeschlossen: Niedriges Wachstum (aus verschiedensten Ursachen) fuehrt zu Schwierigkeiten und DESHALB zu hoeheren Staatsschulden. Das ist ganz eindeutig z.B. in Portugal und Spanien passiert, die vor der Krise eine ganz passable Schuldenlast hatten (weit unter 90%!).

  3. Neue Analysen der korrigierten RR-Daten
    Der Ökonomenstreit erstreckt sich nun auch auf die korrigierten Daten von Reinhart und Rogoff. Im Mittelpunkt steht die Frage der Kausalität. Führen hohe Staatsschulden zu geringem Wachstum oder ist es genau umgekehrt? RR vermuten, dass die Kausalität in beide Richtungen verläuft.

    Arindrajit Dube von der University of Massachusetts findet in einem kurzen Forschungspapier in den Daten von RR keine Indizien, dass hohe Schulden das Wachstum belasten.

    https://dl.dropboxusercontent.com/u/15038936/RR%20Timepath/Dube_Growth_Debt_Causation.pdf

    Analog argumentieren Miles Kimball von der Universität Michigan und Yichuan Wang:

    http://blog.supplysideliberal.com/post/52121284524/for-sussing-out-whether-debt-affects-future-growth-the

    Eine Warnung: Diese Forschungspapiere und Blogeinträge sind sehr technischer Natur.

  4. Es geht auch einfacher!
    Es geht auch einfacher indem man sich folgende Frage stellt:

    Ist kontinuierliches Wirtschaftswachstum in einem Kreditgeldsystem möglich, ohne dass in Summe stets mehr Kredite aufgenommen als gleichtzeitig getilgt werden?

    Meiner Meinung und Beobachtung in der Welt nach: NEIN!
    Und wenn der Staat keine neuen Schulden machen soll, dann müssen es eben die Privaten tun. Tuen es die Privaten auch nicht wird es kein Wachstum, sondern Schrumpfung geben, da die bestehenden Kredite ja nach wie vor offen sind und getilgt werden wollen.

  5. Komischer Empirismus
    Vielen Dank für diese Zusammenfassung, aber was aus meiner Sicht ein wenig unterbelichtet bleibt, ist die Aussagekraft dieser Untersuchungen: Ist es wirklich sinnvoll, die Variablen „Wirtschaftswachstum“ und „Staatsverschuldung“ von der sozioökonomischen Gesamtsituation in den einzelnen Staaten, politischen Systemen und Epochen zu isolieren, eine Korrelation herzustellen und daraus dann allgemeingültige Schlüsse abzuleiten?

    Auch das bedenkenlose Herstellen von Ursache-Wirkungszusammenhängen erscheint mir fragwürdig. Natürlich wächst das BIP kurzzeitig, wenn der Staat sich verschuldet, um die Konjunktur zu stimulieren. Aber hängt die Nachhaltigkeit dieses Wachstums nicht trotzdem vom ökonomischen Gesamtklima ab? Und können Staaten sich in den letzten 222 Jahren nicht auch aus anderen Gründen verschuldet haben? Wie steht es z. B. mit der besonderen Situation in und nach Kriegen (was ja u. a. auch kritisiert wurde), wie wirken sich z. B. Reperationszahlungen aus?

    Ich meine, man sollte sich nicht an einzelnen Staaten aufhängen, sondern die Aussagekraft von Studien dieser Art insgesamt wesentlich kritischer sehen. Der Sinn und Unsinn von Staatsschulden ist schließlich höchst situationsbedingt und lässt sich mit allgemeinen Aussagen, die auf Mittelwerten beruhen, kaum begründen.

  6. Das Grundproblem der Ökonomie
    ist, dass aus vergangenen Geschehnissen auf die Zukunft geschlossen wird.

    Dieses erkenntnistheoretische Grundproblem der Empirie trifft bei den Sozialwissenschaften besonders verstärkt auf – hier werden zu strategischen Handlungen fähige Lebewesen untersucht. Wieso sollten diese ihre Strategien nicht den wissenschaftlichen „Erkenntnissen“ anpassen?

    Diese „Ökonomendiskussionen“ sind Streitgespräche über unwichtige Nebenthemen – ungefähr ähnlich sinnvoll wie die Diskussion der Scholastiker wieviele Engel auf einem Nadelkopf landen können.

    Die Realität ist einfach: Schumpeter u.a. haben bereits alles notwendige über die Grundzüger der Volkswirtschaften geschrieben.

    Es ist ein Irrglaube, dass alle politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme „ökonomisch“ gelöst werden könnten, dass Zentralbankzinssätze die Antwort auf alle Probleme wären. Die moderne Ökonomie ist ein Machtinstrument des Welthegemons, der USA.

    Ich frage mich, wie kann man eine „Wissenschaft“ ernst nehmen, die noch nicht einmal die Knappheit von Rohstoffen ernsthaft diskutiert? Die keine Zusammenhängende Theorie besitzt, wieso Nationen Krieg führen, wieso Nuklearwaffen gebaut werde usw. usf.

    Die Ökonomie besitzt keine zusammenhängende Theorie, es sind einfache Taschenspielermodelle die auf die jeweilige Situation angepasst werden – auch wenn Sie anderen Modellen widersprechen, die auf andere Situationen angewandt wurden.

    Ich verstehe einfach nicht wie man Wirtschaft von Gesellschaft, von Recht, Militär und Naturwissenschaft abkoppeln kann – und nur noch über nichtssagende Daten redet:

    „Schulden“ – Was sind Schulden? Sind es Schulden bei fremden Mächten oder sind es Schulden bei den eigenen Bürgern? Sind es Forderungen auf reale Werte, oder handelt es sich um imaginäre Zahlen in einem Computer?

    Was ist mit den Schulden gegenüber der Natur? Dem Abbau und endgültigem Verbrauch von Rohstoffen? Wer bilanziert diesen Sachverhalt monetär und stellt diesen in eine umfassene Bilanz ein?

    Wer sich einmal die Mühe bereitet die wissenschaftliche Basis der modernen Ökonomie näher zu untersuchen stößt auf viele „Glaubenssätze“ – nehmen wir das Theorem der vollständigen Konkurrenz, nachdem Unternehmen langfristig keine Gewinne erwirtschaften.

    Aber auf diese Diskussion möchte sich ja grundsätzlich niemand einlassen, man könnte sich ja die Finger verbrennen.

  7. Es scheint mir verdienstvoll dass Fazit den Streit zusammenfasst, aber
    letztlich bleibt es imho ein Streit um des Kaisers Bart.

    Als Laie stellt sich mir z.B. folgende Frage: Kleine Verschuldung korreliert mit höherem Wachstum. Ist dieses höhere Wachstum die Folge der kleineren Verschuldung, oder war umgekehrt eine gute Konjunktur mit höheren Steuereinnahmen die Ursache für die tiefere Verschuldung??

    Welche anderen Faktoren sind ebenfalls relevant aber nicht berücksichtigt?

    Als Naturwissenschaftler vertrete ich die unmassgebliche Meinung, dass der Nutzen all dieser Korrelationen und Modelle äusserst bescheiden ist, weil viel zu viele Interdependenzen eingehen.

    • Kausalität in beide Richtungen
      Die Frage der Kausalität ist nicht entschieden. Siehe dazu u.a. auch hier
      http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/oekonomenkrach-grenzen-der-wirtschaftswissenschaft-12203620.html

      RR vermuten, daß die Kausalität in beide Richtung wirkt, also vom Wachstum zu Schulden und umgekehrt. Der Schluß, z.B. der griechische Schuldenberg sei aber eine Folge der jüngsten Wirtschaftskrise, wäre freilich gewagt. Die Schulden Griechenlands – wie die anderer europäischer Peripheriestaaten – sind in den guten Wachstumsjahren nach Eintritt in den Euro_Raum deutlich gestiegen.

  8. Zeig Deine Daten!
    Eine Lehre aus dem Fall Reinhart/Rogoff: Veröffentliche Deine Daten, meint der amerikanische Ökonom Kurt Schuler.
    http.://www.freebanking.org/2013/06/01/show-your-work/

  9. "Falsche und unfaire Attacke"
    Reinhart/Rogoff erhalten Unterstützung durch Stan Fischer:

    http://www.bloomberg.com/news/2013-06-04/fischer-defends-reinhart-rogoff-against-attacks.html

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