Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Ökonomen im Gespräch (6): Thomas Piketty über seine Bewunderung des Kapitalismus

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Manche bezeichnen ihn als Rockstar-Ökonom, andere als den neuen Marx: Thomas Piketty hat mit "Das Kapital im 21. Jahrhundert" einen internationalen Bestseller verfasst, der unter Ökonomen und in einer breiten Öffentlichkeit zahlreiche Diskussionen ausgelöst hat.

Das vorliegende, ausführliche Gespräch wurde am 22. Mai 2014 in Thomas Pikettys Büro in der Paris School of Economics geführt.  Zwei Tage nach diesem Gespräch veröffentlichte Chris Giles in der Financial Times einen  Beitrag, in dem er Piketty schwere Fehler bei der Zusammenstellung und der Präsentation von Daten vorwirft und dessen Kernthese – eine wachsende Konzentration von Vermögen – zumindest für Europa in Frage gestellt sieht. Pikettys Antwort auf eine Anfrage zu dieser Kritik kam noch am Wochenende per Mail und sie steht am Beginn des Interviews. Da seine unterdessen sehr heftig gewordene Kontroverse mit der Financial Times eine ausführlichere Behandlung verdient, habe ich an das Interview eine Dokumentation dieses Streits mit einigen Links angefügt. Am 29. Mai hat Piketty detailliert der FT geantwortet und alle Vorwürfe zurückgewiesen. Mittlerweile richtet sich in der Debatte das Feuer gegen die FT und ihre Darstellung. (gb.)

 

1. Das Interview mit der F.A.Z.

Professor Piketty, in einem aktuellen Beitrag in der „Financial Times“ wurden Ihnen Fehler und Versäumnisse im Umgang mit Daten vorgeworfen. Wird dadurch die Aussagekraft Ihrer Analysen beeinträchtigt?

Nein, der Beitrag in der Financial Times ändert nichts an meinen Schlussfolgerungen. Eine Untersuchung der Ökonomen Emmanuel Saez und Gabriel Zucman, die nach meinem Buch veröffentlicht wurde, bestätigt meine Ergebnisse über den wachsenden Anteil der sehr Vermögenden am Gesamtvermögen in den Vereinigten Staaten. Dass die Financial Times dies ignoriert, untergräbt ihre Argumentation erheblich. Außerdem zeigt jedes Ranking, dass die großen Vermögen prozentual schneller wachsen als der Durchschnitt (hier sind Zahlen von Piketty). Falls der FT ein anderes Ranking vorliegt, soll sie es doch veröffentlichen.

Eine zentrale These Ihres Buches (hier eine Rezension in FAZIT) lautet: Langfristig leben wir in einer Welt, in der die Rendite auf das Kapital („r“) mit einer schnelleren Rate wächst als die Wirtschaft („g“). Daraus folgt nach Ihren Analysen unter anderem eine zunehmende Konzentration des Kapitals in den Händen besonders reicher Menschen. Warum soll das ein Problem sein? Fürchten Sie, dass die Reichen den Staat kapern können – ein Phänomen, das in Amerika „crony capitalism“ genannt wird?

„Crony capitalism“ ist viel eher ein Problem in den Vereinigten Staaten als in Europa. Ich würde nie behaupten, dass eine ungleiche Vermögensverteilung heute das wichtigste Problem in Europa wäre. Mir ist in Besprechungen meines Buches vorgeworfen worden, ich würde Pessimismus verbreiten. Das stimmt nicht, vielmehr verbreite ich viele gute Nachrichten. Denn ich bewundere den Kapitalismus…

…das scheinen manche Ihrer Kritiker noch nicht bemerkt zu haben.

Ich bewundere den Kapitalismus, ich bewundere das Privateigentum und ich bewundere die Marktwirtschaft. Natürlich sehe ich, dass Wirtschaftswachstum vornehmlich im Kapitalismus entsteht. Natürlich hänge ich am Privateigentum, weil es eine Grundlage unserer Freiheit darstellt. Es gab noch niemals so viel Kapital wie heute. Ich war 18 Jahre alt, als die Berliner Mauer fiel. Ich gehöre einer Generation an, die niemals Sympathie für den Kommunismus besaß.

Und wo sehen Sie ein Problem?

Mir kommt es darauf an, dass die wirtschaftliche Kraftentfaltung des Kapitalismus im Dienste des Gemeinwesens stattfindet. Mit anderen Worten: Der Kapitalismus soll nicht die Demokratie beherrschen, vielmehr soll die Demokratie für den Kapitalismus einen Rahmen setzen.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich finde es gut, dass in Europa im Unterschied zu den Vereinigten Staaten Grenzen für die Finanzierung von Parteien durch Unternehmen existieren. In den Vereinigten Staaten ist es möglich, dass Versicherungsunternehmen wohl orchestrierte Wahlkampagnen gegen staatliche Elemente in der Krankenversicherung finanzieren, obgleich die Ineffizienz des privat finanzierten amerikanischen Systems sehr gut dokumentiert ist.

Und was ist nun das große europäische Problem?

Wir haben ein sehr niedriges Wirtschaftswachstum und wir müssen mehr für unsere Zukunft tun, indem wir mehr in Bildung und in moderne Technologien investieren. Das ist auch eine Staatsaufgabe, aber die hohe Verschuldung vieler Staaten in Europa verhindert notwendige Investitionen. Mir scheint aber, dass die Art und Weise, wie wir die hohe Staatsverschuldung bekämpfen, nicht die richtige ist. Sie ist ökonomisch nicht richtig und sie sorgt zudem für großes Unbehagen in den betroffenen Nationen. Und hier kommt als Alternative meine Idee einer Besteuerung hoher Vermögen ins Spiel.

Wie soll man gegen die hohe Staatsverschuldung vorgehen?

Es gibt im Prinzip drei Möglichkeiten. Die erste, auf die wir heute in Europa setzen, beruht darauf, dass durch eine Kombination aus Austeritätspolitik und sehr niedriger Inflation ein Wirtschaftswachstum entsteht, mit dessen Hilfe sich die Staatsverschuldungen reduzieren lassen.

Was gefällt Ihnen nicht an dieser Strategie?

Der Blick in die Geschichte: Großbritannien hat genau auf diese Strategie gesetzt, um nach den Napoleonischen Kriegen seine Staatsverschuldung von rund 200 Prozent des BIP zurückzuführen. Während des 19. Jahrhunderts gab es Wirtschaftswachstum bei sehr niedriger Inflation und so konnte der britische Staat Primärüberschüsse erzielen. Aber es hat rund 100 Jahre gedauert, bis die Staatsverschuldung deutlich zurückgeführt war.

Was ist daran schlimm?

Schlimm ist, dass Großbritannien in dieser Zeit wenig in sein Bildungssystem investiert hat. Die Tatsache, dass die britische Arbeitsproduktivität noch heute deutlich unter der deutschen und der französischen liegt, ist möglicherweise eine Spätfolge eines ineffizienten Bildungssystems, dessen Wurzeln lange zurückreichen. Daran sollte man denken, wenn heute Südeuropa empfohlen wird, durch eine vielleicht Jahrzehnte währende Austeritätspolitik seine Staatsfinanzen zu konsolidieren.

Sie fürchten einen Verlust an Humankapital?

Mir liegt als Professor nun einmal die Universität besonders am Herzen. Ich sehe heute in Amerika und in Asien Universitäten, die besser in Schuss sind als viele europäische. Wir geben mehr Geld für Zinsen auf Staatsanleihen als für die Universitäten aus. Dabei geht es mir nicht vorrangig um den Zustand der Universitätsbauten, sondern auch um die Abwanderung von Wissenschaftlern.

Das stimmt. Gerade auch junge Ökonomen gehen aus Europa weg.

Ach, es geht nicht einmal so sehr um Ökonomen. Der Verlust an Naturwissenschaftlern ist viel schwerwiegender.

Okay, Austeritätspolitik funktioniert Ihres Erachtens nicht. Wie wäre es mit höherer Inflation zur Entschuldung von Staaten? Das wird von nicht wenigen Ökonomen vorgeschlagen.

Ich bin gegen eine höhere Inflation, obwohl wir nicht vergessen sollten, dass unsere beiden Länder nach dem Zweiten Weltkrieg durch sehr hohe Inflation ihre damaligen Staatsschulden entwertet hatten und sozusagen von Neuem anfangen konnten. Mit Blick auf die Vergangenheit gibt es nicht nur in Deutschland einen Traumatismus bezüglich der Inflation, sondern auch in Frankreich. Ich lehne eine höhere Inflation ab, weil sie zu Lasten der ärmeren Schichten der Bevölkerung ginge. Damit bleibt nur die dritte Option – eine Besteuerung der Vermögenden.

Das heißt: In Europa befürworten Sie eine Vermögenbesteuerung nicht, weil Sie in der Konzentration der Vermögen eine Gefahr sähen, sondern weil eine Besteuerung der Vermögen aus Ihrer Sicht der geeignetste Weg ist, die hohe Staatsverschuldung zu bekämpfen?

Genau. Wir können die Kosten der Bekämpfung der Staatsverschuldung nicht den Lohn- und Gehaltsempfängern aufdrücken, solange es großen internationalen Konzernen gelingt, keine oder wenig Steuern zu zahlen und solange es gelingt, auch Privatvermögen in Steueroasen zu verlagern. Man muss anerkennen, dass gerade die Vereinigten Staaten gegen die Steueroasen vorgehen. Davon profitieren auch Länder wie Frankreich und Deutschland. Was die Gewinnverlagerung internationaler Konzerne angeht, ist aber noch nichts erreicht worden. Unsere europäischen Institutionen sind zu schwach, mit diesem Problem umzugehen. Daher müssen wir sie stärken. Um das auch klar zu sagen: Ich will die internationalen Konzerne nicht enteignen. Aber es kann nicht sein, dass sie de facto niedrigere Steuersätze zahlen als kleine und mittlere Unternehmen.

Eine Heranziehung der Vermögenden zur Tilgung von Staatsschulden in Krisenländern haben auch der Internationale Währungsfonds und die Deutsche Bundesbank ins Spiel gebracht. 

Das ist in der Tat sehr interessant und deutet an, wie sich die Mentalitäten zu ändern beginnen. Die Position der Bundesbank zeigt, dass auch sie keine einfache Lösung für das Schuldenproblem zu sehen scheint.

In Deutschland existiert anders als in Frankreich und in den Vereinigten Staaten keine Vermögensteuer. Nehmen wir ein erfolgreiches mittelständisches deutsches Unternehmen, das sich in Familienbesitz befindet. Nach Ihrem Vorschlag würden diese Familieneigentümer sich schlechter stellen, weil ihnen noch eine Vermögensteuer aufgelastet würde.

Ich bin mir nicht sicher, dass meine Lösung wirklich nachteilig für diese Familie wäre. Denn wenn eine schnellere Entschuldung der Staaten in Europa gelänge, würde das Wirtschaftswachstum zunehmen. Davon profitierte dann das mittelständische Unternehmen und seine Eigentümer. Von der aktuellen wirtschaftlichen Stagnation Europas profitiert hier doch niemand – auch nicht Deutschland.

Wie soll man sich diese Vermögensteuer konkret vorstellen?

Ich trete für einen pragmatischen Ansatz ein, bei dem man mit sehr niedrigen Steuersätzen beginnen kann. Man kann auch über eine unterschiedliche Besteuerung je nach den Ertragsraten nachdenken. Ein wesentlicher Vorteil einer solchen Steuer bestünde darin, dass man endlich präzise Erkenntnisse über die Höhe der Vermögen und ihrer Verteilung erhielte. Es ist eine Sache, für die Heranziehung großer griechischer Vermögen zur Sanierung der griechischen Staatsfinanzen einzutreten. Aber die Forderung hilft nichts, solange niemand weiß, wie hoch diese Vermögen überhaupt sind.

Sie treten für eine Stärkung der europäischen Institutionen ein. Wie realistisch ist das?

Auf die Dauer wird meines Erachtens die Währungsunion einer stärkeren politischen Integration bedürfen. Ich verstehe die deutschen Vorbehalte, wenn die französische Politik für eine europäische Schuldenunion eintritt, aber die nationale Budgethoheit nicht in Frage stellen will. Ich versuche, hier kohärenter zu sein. Wenn man für eine zumindest teilweise Vergemeinschaftung der Staatsschulden eintritt, muss man auch ein Parlament für die Euro-Staaten akzeptieren, dass Entscheidungen über das Ausmaß der Neuverschuldung treffen darf.

Lassen Sie uns noch über eher theoretische Themen sprechen: Sie befassen sich in ihrem Buch mit der langfristigen Bildung von Vermögen. Gibt es überhaupt langfristig gültige Gesetze in den Wirtschaftswissenschaften?

Es existiert kein Determinismus. In den Wirtschaftswissenschaften geht es um den Menschen, um Institutionen, um politische, soziale und wirtschaftliche Kompromisse. Begriffe wie Privateigentum oder Aktiengesellschaft sind in der Welt nicht einheitlich definiert, sondern an die konkrete Situationen in einzelnen Ländern angepasst. Andererseits lassen sich durch starke Vereinfachungen Prinzipien entdecken, die nicht die Wirklichkeit komplett abbilden, aber eine Annäherung an die Wirklichkeit erlauben. Man könnte sie als „kleine Gesetze“ bezeichnen.

Damit meinen Sie unter anderem Ihre mittlerweile berühmte Formel „r größer g“; also die These, dass die Rendite des Kapitals in einer Wirtschaft über der Rate des Wirtschaftswachstums liegt?

Ja, sowohl die Wachstumsrate des Kapitals als auch die Wachstumsrate der Wirtschaft sind abstrakte Begriffe, soziale Konstrukte.  Das gilt gerade in historischer Betrachtung: Was sagt eine langfristige Rate eines Wirtschaftswachstums für ein Land aus, wenn vor 50 oder 100 Jahren ganz andere Güter und Dienstleistungen produziert wurden als heute? Es ist auch sehr schwierig, auf der Basis sehr unterschiedlicher Warenkörbe langfristige Untersuchungen der Inflationsrate anzustellen.

Gilt das auch für Analysen des Kapitals?

Sicherlich. Eine Rendite des Kapitals lässt sich unmittelbar gar nicht erfassen. Nehmen wir als Beispiel die Rendite von Land. Damit das Land eine hohe Rendite bringt, muss der Eigentümer Arbeit aufwenden, um darauf zu achten, dass seine Beschäftigten das Land ordentlich bearbeiten. Der Begriff der Kapitalrendite ist nichts anderes als eine Abstraktion. Das heißt aber nicht, dass man aus Analysen des Kapitals nichts lernen könnte. Wir sehen zum Beispiel: In Volkswirtschaften, die alleine schon wegen ihrer Demographie nur mehr langsam wachsen, besitzt ein in der Vergangenheit gebildetes Kapital eine größere Bedeutung als in Ländern, die ein dynamischeres Wirtschaftswachstum ausweisen.

Was sagen Ihre Kollegen dazu?

Es gibt Kritiker, die sagen, meine in dem Buch enthaltenen Gesetze seien zu einfach. Ich solle mehr mathematische Modelle bringen und dafür weniger Bezüge zu Balzac und Jane Austen herstellen.

Und was antworten Sie?

Die Welt ist nicht eindimensional. Es gibt in der realen Welt keine Geschichte des Kapitals. Es gibt eine Geschichte über den Boden, es gibt eine Geschichte über Immobilien und so weiter. Jede Form des Kapitals besitzt ihre eigene Geschichte. Ich möchte auch betonen, dass die Erfassung, die Bewertung und die Addition verschiedener Formen von Kapital eine sehr komplizierte und abstrakte Angelegenheit ist. Das gilt gerade auch dann, wenn man sehr lange Zeitreihen analysiert und Ländervergleiche vornimmt. Diese Vorgehensweise besitzt Grenzen und mein Buch ist ja gerade deshalb so lang geworden, weil ich es mir mit diesem Thema nicht einfach machen wollte.

Eine von dem deutschen Ökonomen Stefan Homburg geäußerte Kritik lautet sinngemäß: „Thomas Piketty argumentiert dialektisch. Erst postuliert er ein Gesetz und ansschließend relativiert er es. Man kann ihn nicht fassen, weil er sich andauernd bewegt.“

Es ist nicht meine Schuld, dass die Welt kompliziert ist. Es gibt zu diesen Fragen aber auch sehr technische Artikel in Fachzeitschriften, zum Beispiel von Gabriel Zucman und mir. Wer weniger Balzac und mehr Mathematik sucht, wird in diesem Artikel mehr Aufklärung finden.

Gibt es denn überhaupt eine Theorie, die „r größer g“ stützt?

Natürlich. Man kann hierzu ein einfaches neoklassisches Wachstumsmodell heranziehen. In Modellen mit überlappenden Generationen (OLG) gibt es einzelne Fälle, in denen r unter g fallen kann. Das hängt von der Modellierung ab. Wenn man zum Beispiel annähme, die Menschen sparten und sparten, weil sie erwarteten, 120 Jahre alt zu werden, dürfte dies eine niedrige Kapitalrendite zur Folge haben. Mir ist der Hinweis wichtig, dass ich in meinem Buch keine Prognose über die langfristige Entwicklung von Kapitalrenditen gebe. Ich kann eine solche Entwicklung nicht vorhersehen. Es ist aber wahr, dass man bei diesem Thema auch in der Fachwelt Verwirrung findet.

Wieso?

Ich möchte das gerne klar stellen: Wir vergleichen die Kapitalrendite und das Wirtschaftswachstum, aber die beiden Größen haben nicht viel miteinander zu tun. Auf das Wirtschaftswachstum wirkt unter anderem die Bevölkerungsentwicklung ein, auf die Kapitalrendite nach der neoklassischen Theorie die Grenzproduktivität des Kapitals, in der Realität aber auch Einflüsse wie die Macht von Gewerkschaften und anderes. Es gibt zunächst überhaupt keinen Grund, warum die beiden Größen identisch sein sollten und es gibt auch nur eine unrealistische Theorie, die dies behauptet. In dieser Theorie wird unterstellt, dass die Kapitalbesitzer ihre Kapitalerträge zu 100 Prozent sparen. Aus praktischer Sicht ist diese Annahme aber völlig verrückt; der materielle Reiz des Kapitaleigentums besteht ja gerade darin, dass man mit seiner Hilfe viel konsumieren kann. Auf lange Sicht kann man beobachten, dass oft etwa 20 Prozent der Kapitaleinkommen gespart und 80 Prozent konsumiert werden.

Können Sie noch etwas über die Empirie von „r größer g“ sagen?

Für die vorindustrielle Zeit ist der Zusammenhang offensichtlich. Hier hatten wir sehr lange Zeit eine Rate des Wirtschaftswachstums von nehe Null, aber durchaus Renditen auf Landbesitz. Das Interessante ist, dass die Industrialisierung die Verhältnisse nicht grundlegend verändert hat. Die Industrialisierung erlaubte zwar Raten des Wirtschaftswachstums von größer Null, aber um die Kapitalrendite zu erreichen, hätte das Wirtschaftswachstum dauerhaft bei 4 oder 5 Prozent liegen müssen. Auf sehr lange Sicht lässt sich aber kein solches Wirtschaftswachstum durchhalten.

Warum müssen wir uns heute darum kümmern, wenn jetzt „r größer g“ ist, in ein paar Jahrzehnten aber vielleicht nicht mehr?

Weil ein paar Jahrzehnte eine lange Zeit sind und wir meines Erachtens heute Institutionen schaffen müssen, die es uns erlauben, eine größere Transparenz über das existierende Kapital herzustellen. Um es klar zu sagen: Falls die Rate des Wirtschaftswachstums künftig  auf den Stand der Kapitalrendite steigt oder umgekehrt die Kapitalrendite künftig auf die Rate des Wirtschaftswachstums sinkt, würde ich zufrieden sein.  Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass ein Zusammenfallen der Kapitalrendite und der Rate des Wirtschaftswachstums zwar in der Zukunft durchaus möglich ist, aber angesichts der historischen Erfahrung ein außerordentliches Ereignis wäre.

Nun gibt es Ökonomen, die mit Blick auf die gegenwärtigen atemberaubenden technischen Fortschritt in der Digitalisierung behaupten, dass wir künftig wieder spürbar steigende Raten des wirtschaftlichen Wachstums haben werden.

Natürlich lässt sich das nicht ausschließen. Trotzdem erscheinen mir solche Prognosen etwas naiv, denn wir haben zu Beginn des 20.Jahrhunderts eine ganze Menge Innovationen wie das Auto gesehen, die den Massenkonsum stark beeinflusst haben und trotzdem sind die Raten des Wirtschaftswachstums damals nicht dauerhaft sehr hoch geblieben.

Sie verweisen in Ihrem Buch häufig auf das Verhältnis von Kapitalbestand zu Bruttoinlandsprodukt, das in vielen Ländern steigt. Manche Leser sagen, dieser Zuwachs sei gerade in Europa stark auf Wertzuwächse bei Wohnimmobilien zurückzuführen und nicht so sehr auf Zuwächse von Produktivkapital. Stimmt das?

Das ist je nach Land sehr unterschiedlich. Der Befund gilt für Frankreich und Großbritannien, aber nicht für Deutschland. Gerade Deutschland ist ein sehr interessantes Beispiel, weil man hier sehen kann, wie sehr der materielle und der soziale Wert des Kapitals  verschieden sein können. Die Börsenwerte deutscher Unternehmen sind im Vergleich zu Unternehmen aus den Vereinigten Staaten, aus Großbritannien und auch aus Frankreich nicht sehr hoch. Aber dies verhindert nicht die Fabrikation sehr guter Autos durch deutsche Unternehmen. Der rheinische Kapitalismus der Deutschen mit seiner Sozialpartnerschaft sorgt für einen hohen sozialen Wert des Kapitals. Davon profitieren Unternehmen und Arbeitnehmer.

Welche Rolle spielt die Geldpolitik für die Kapitalbildung? Es gibt eine Kritik, nach der die Geldpolitik die Bewertung mancher Anlagen aufbläst.

Die Geldpolitik spielt eine sehr wichtige Rolle. Die Zentralbanken haben nicht die Macht, das Realkapital einer Volkswirtschaft direkt zu steigern; das wäre zu einfach gedacht. Aber mit ihrer Politik verteilen sie Vermögen um. Generell denke ich, dass man in den Vereinigten Staaten und in Europa zu viel von der Geldpolitik verlangt. Ich denke nicht, dass man mit der Geldpolitik eine hohe Staatsverschuldung bekämpfen sollte. Dafür eignete sich die Finanzpolitik viel besser in Gestalt einer Besteuerung von Vermögen, aber das stößt in den Parlamenten auf Widerstand. Natürlich haben die Zentralbanken in der Krise richtig gehandelt, indem sie das Finanzsystem vor dem Zusammenbruch bewahrt haben. Aber wir sind noch zu sehr der Vorstellung Milton Friedmans verhaftet, wonach es reicht, in einer Krise eine gute Geldpolitik zu haben.

 

2. Thomas Pikettys Kontroverse mit der Financial Times

Chris Giles hat in der Financial Times vom 24. Mai 2014 einen ausführlich formulierten Angriff auf Piketty veröffentlicht (hier und hier), in dem er dem französischen Ökonomen nicht nur konkrete Fehler bei der Erstellung seiner Daten vorwirft, sondern den Verdacht zumindest andeutet, Piketty habe Daten so „frisiert“, dass sie zu seinen politischen Thesen passten. Im konkreten Fall geht es vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, um die Vermögensentwicklung Großbritanniens in der jüngeren Vergangenheit.

Piketty hat in einer von der FT veröffentlichten Reaktion den Vorwurf der Manipulation mit dem Hinweis zurückgewiesen, er habe alle Daten veröffentlicht, damit andere Forscher mit ihnen arbeiten könnten. So etwas mache niemand, der täuschen wolle. Piketty räumt – wie schon früher – ein, dass seine Daten über die Vermögensentwicklung nicht perfekt sind, aber er bezweifelt, dass seine grundsätzliche Aussage über die Konzentration von Vermögen unzutreffend sei. Mit den konkreten Vorwürfen von Giles befasst er sich in dieser Replik nicht. Dies gilt auch für eine Stellungnahme, die Piketty noch am Samstag durch die französische Nachrichtenagentur AFP verbreiten ließ. Hier benutzt er eine kräftigere Sprache und bezeichnet die Vorwürfe der FT als „lächerlich“ und bezeichnet ihre Andeutung, aus der Arbeit Giles‘ lasse sich ableiten, Pikettys These einer Vermögenskonzentration sei unzutreffend, als „unehrlich“.

Die Kontroverse hat eine Reihe von Stellungnahmen von Ökonomen und Medien zur Folge gehabt. Viele Stellungnahmen sind durch drei Punkte gekennzeichnet:

1. Giles weist auf konkrete empirische Probleme in Pikettys Arbeit hin und hat damit ein wichtiges Thema entdeckt.

2. Gleichzeitig betreibt Giles aber auch ein „overselling“ seiner Erkenntnisse; sehr wahrscheinlich ändern die bisher diagnostizierten Schwächen in der Arbeit Pikettys nichts oder kaum etwas an dessen grundsätzlichen Erkenntnissen. So kommen bei der Betrachtung einzelner Länder Giles und Piketty zu nahezu identischen Erkenntnissen.

3. Piketty sollte sich aber unbedingt konkret mit den Vorwürfen der FT auseinander setzen.

Eine die Kontroverse sehr gut erklärende Stellungnahme stammt von Ryan Avent in der Onlineausgabe des Economist; geäußert haben sich aber auch viele andere, darunter Justin Wolfers, Neil Irwin und Paul Krugman. Mit Blick auf die Situation in den Vereinigten Staaten haben sich Sufi/Mian zu Wort gemeldet. In Großbritannien wirft Simon Wren-Lewis in seinem Blog dem FT-Journalisten Giles Sensationsgier vor.

Mit Ausgabe vom 26. Mai legt die FT mit einem Artikel nach, in dem sie Piketty zu einer konkreten Stellungnahme auffordert. In Forbes hat sich Scott Winship detailliert mit der Kontroverse auseinander gesetzt. Carter Price vom Washington Center for Equitable Growth meint, dass Giles überzieht.

Chris Giles hat am 28.Mai in der FT ein „Follow up“ geschrieben, in dem er auch auf diverse Reaktionen zu der Kontroverse eingeht. Interessante Erklärungen hatte auch der Ökonom Howard Reed im „Guardian“. Und hier ist ein langer Artikel aus „Businessweek“.

Die Ökonomen Per Krusell und Tony Smith haben sich in einem Arbeitspapier aus theoretischer Sicht mit Piketty befasst – in leicht lesbarer Form in Voxeu zusammen gefasst. Auch interessant aus theoretischer Sicht ist ein Arbeitspapier von Lars Kunze. Brad de Long befasst sich sehr kritisch mit Krusell/Smith.

Am 29. Mai antwortet Piketty detailliert der FT in einem langen Aufsatz, der mittlerweile auch auf Voxeu erschienen ist.Neil Irwin fasst die Replik Pikettys in der NYT zusammen. Justin Wolfers schreibt auf Twitter: „Piketty reply decimates the FT. Debate’s over folks.“ Sehr kritisch gegenüber dem Vorgehen von Giles ist Simon Wren-Lewis.

Nunmehr hat auch Chris Giles auf Pikettys Replik geantwortet und von einer „faszinierenden und wichtigen“ Debatte gesprochen. Er sieht zum Teil einen Konsens mit Piketty, zum Teil aber auch nicht und rät interessierten Lesern, selbst Pikettys Datensätze und Erläuterungen zu studieren.

Mitte Juni 2014 hat Matt Rognlie vom MIT eine theoretische Analyse vorgelegt, die sich kritisch mit einer Kernthese Pikettys auseinander setzt. Hier reagiert Brad de Long auf Rognlie.

Hier ist Justin Wolfers mit Grafiken zu Pikettys Grundthesen. Im Economist hat daraufhin Ryan Avent die Kritik von Rognlie und Wolfers behandelt.

Dirk Niepelt hat eine sehr abgewogene und unaufgeregte Rezension von Pikettys Buch verfasst.

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Frühere Beiträge aus der Reihe Gespräche mit Ökonomen:

1. Rüdiger Bachmann (RWTH Aachen) über DSGE-Modelle in der Makroökonomik

2. Daron Acemoglu (MIT) über die Anwendung seiner Institutionenökonomik auf die Eurokrise

3. Carl Christian von Weizsäcker (Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern) über die Begründung sehr niedriger Zinsen durch die Kapitaltheorie

4. Axel Ockenfels (Universität Köln) über die Grenzen der experimentellen Ökonomik

5. Raghuram Rajan (Chicago) über Exzesse der Geldpolitik und holistische Finanzmarktregulierung

 

 

 

 

 

 

 

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19 Lesermeinungen

  1. Wishfull thinking
    Sie möchten gerne glauben, dass die Zahlenannahmen falsch sind, aber bitte : so leicht ist es nicht. Piketty und viele der Wissenschaftler, die derzeit auf diesem Gebiet forschen, arbeiten seit zwanzig Jahren über dieses Thema. Und ein Schnellschuss eines Journalisten, dem die Ergebnisse nicht in seinen Kram passen, falsifiziert Pikettys These nicht im Geringsten. Es sind die Zahl des Journalisten, die inkonsistent sind. Vgl. hierzu Pikettys Antwort, oder auch diejenige Simon Wren-Lewis‘, Wirtschaftswissenschaftler in Oxford (wahrscheinlich auch ein Charlatan, Herr Andresen ??)…

  2. 85 und 3,5 Milliarden
    Nach einer neueren Untersuchung besitzen die 85 reichsten Menschen in der Welt so viel Vermgen wie die ärmsten 3,5 Milliarden:

    http://www.project-syndicate.org/commentary/paul-polman-and-lynn-forester-de-rothschild-call-on-companies-and-governments-to-unite-in-the-search-for-an-inclusive-and-sustainable-economy#pvtOyV6MVpb3YYuM.99

  3. "Crony Capitalism" in den Vereinigten Staaten
    Zwei Politikwissenschaftler haben dazu eine sehr interessante Studie verfasst:

    https://www.princeton.edu/~mgilens/Gilens%20homepage%20materials/Gilens%20and%20Page/Gilens%20and%20Page%202014-Testing%20Theories%203-7-14.pdf

    „Multivariate analysis indicates that economic elites and organized groups representing business interests have substantial independent impacts on U.S. government policy, while average citizens and mass-based interest groups have little or no independent influence.“

    • @ braunberger: Richtig, lange schon ein Thema in USA.
      Leider wird nichts dagegen unternommen, was Wirkung zeigte.
      Historisch läßt sich ablesen an den Volten der Banker pp und Politiker, daß Cronyism dort zum „guten“ Ton gehört und selten auch verborgen wurde.

      Gehört wohl zum american way of life, der sich ja auch in Europa und Deutschland schon ausgebreitet hat.

  4. Wie auch die FAZ veröffentlicht, sind Piketty´s Zahlenannahmen falsch.
    Warum soll man sich daher mit den dazu sozialistischen Erwägungen eines oberflächlichen Autors weiter befassen?

  5. Pingback: 5 vor 10: Europawahl, Deutschland, Piketty, Wettbewerb, TTIP | INSM Blog

  6. Mathematische Modelle vs biblische Weisheiten
    Man kann Pikkety ja durchaus kritisieren, sollte ihn aber doch nicht auffordern, sich an den albernen mathematischen Modellen zu beteiligen. Der Erkenntniswert solcher Modelle tendiert oftmals gegen Null und vernebelt die Sinne und den Verstand.

    Da Wirtschaftswachstum aufgrund von Produktivitätswachstum erst durch den vermehrten Kapitaleinsatz (Realkapital bzw. Sachvermögen) möglich war, kam es vor dieser Zeit immer zu einer sehr schnellen Vermögenskonzentration. Die Jubeljahre gab es von daher in recht kurzen Abständen. In Zeiten von Produktivitätswachstum dauert das Ganze ein wenig länger. Die Gründe hierfür sind u. a. als Matthäus-Effekt bekannt: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ Oder einfacher ausgedrückt: „Der Teufel schei… immer auf den größten Haufen.“

    Unabhängig hiervon gibt es aber weitere gute Gründe, warum die Verschuldung/Vermögensbildung so stark zugenommen hat.

    Ein großer Teil der Staatsschulden wird durch den (scheinbaren) Ausstieg aus der gesetzlichen Rente induziert. Damit wurden die impliziten Schulden (staatl. Rente) lediglich in explizite Schulden transformiert. Müsste der Staat bilanzieren, dann hätten durch die Umstellung auf Riester und Co. lediglich zwei Passivposten ihre Größendimension verändert; die Gesamtverbindlichkeit wäre aber konstant geblieben. Wir hätten uns aber eine lobbyistisch induzierte Aufblähung des parasitären Finanzsektors gespart, der mit diesen expliziten Schulden auch noch so „produktiv“ spekuliert. Aber auch diese Illusionen verflüchtigen sich allmählich. AIG war da nur ein kleiner Vorgeschmack auf die noch kleineren Rentenbescheide der Verwalter der Illusionen, aka Banken und Versicherungen. Ist nicht ganz neu, wusste schon Mackenroth oder Wilfrid Schreiber. Sehr lesenswert hierzu auch die Analyse von v. Weizsäcker „Der Vorsorge-Albtraum“: http://www.wirtschaftsdienst.eu/archiv/jahr/2013/13/2918/

    Zum zweiten hat die Absenkung der Steuerprogression, die steuerliche Bevorzugung von Kapitalerträgen (Abgeltungssteuer sowie Abzugsfähigkeit von FK-Zinsen) sowie der parasitäre Steuerwettbewerb zwischen den Ländern bewirkt, dass fehlende Staatseinnahmen durch höhere Schulden finanziert werden mussten. Kann man gut daran erkennen, dass die deutschen Unternehmen inzwischen Nettosparer sind. Verkehrte Welt.

    Zu dumm, dass die Basis hierfür einvernehmlich von allen Parteien (Ausnahmen bestätigen die Regel) beschlossen wurde. Bei diesem Thema gab es eben schon damals eine Ganz Ganz Große Koalition (GaGaGroKo).

    Pikkety ist mit seinem Vorschlag der Vermögensbesteuerung zwar auf dem richtigen Weg; aber: dies ist meines Erachtens in dieser Form nicht nötig. Viel wichtiger erscheint mir die mit weniger Verlustängsten behaftete Erbschaftssteuer zu sein, da sie das angehäufte Vermögen erst post mortem besteuert. Zudem ist ererbtes Vermögen potenziell leistungsfeindlich und passt damit nicht in eine marktwirtschaftliche Leistungsgesellschaft. Auch die Erbengeneration sollte nicht in Versuchung geführt werden, ihr Leben in vollkommener konsumtiver Sinnlosigkeit zu vergeuden. Eine Besteuerung der Vermögen wird aber alleine nicht reichen. Weitere Maßnahmen sind notwendig: http://zinsfehler.wordpress.com/2013/10/13/neun-masnahmen-fur-ein-europa-in-frieden-freiheit-und-wohlstand/

  7. Der Mainstream und der neue Star am Ökonomenhimmel
    Piketty kann ein dickes Buch schreiben und lange Interviews geben und braucht bei Kapitalrenditen, die schneller als die Realwirtschaft wachsen sollen, kein Sterbenswörtchen über Geld verlieren. Er redet über Inflation, Staatsschulden, Vermögenssteuern und sagt überhaupt nichts über Geld in diesen Zusammenhängen. Worin unterscheidet er sich dann vom Mainstream der Ökonomen?
    Demgegenüber strotzt das Interview nur so von Gemeinplätzen über die Wirtschaft und die Wirtschaftspolitik.
    Was meint Piketty wohl, wenn er mehr Investitionen in Bildung fordert? Sollen für jeden Schüler jährlich Tausend Euro mehr und für jeden Studenten Zehntausend Euro mehr ausgegeben werden. Wäre Doppelt, Fünffach, Zehnfach so viel besser? Es werden doch schon die Hälfte eines Schülerjahrgangs hochschulreif. Sollen es bald 90 Prozent sein, wie in den USA? Wer will dann noch einfache Arbeit, Koch und Kellner im Restaurant, Pfleger im Krankenhaus, Erzieher in der Vorschule, Bauarbeiter, Busfahrer, Reinigungskraft werden? Sollen das alles Bachelor- oder besser Masterabschlüsse werden, wie in den USA?
    Seiner Bewunderung über den Kapitalismus, lässt Piketty freien Lauf, ohne ein Wort zur kapitalistischen Marktwirtschaft zu verlieren. Er ergeht sich in Spekulationen über investitionsinduziertes Wachstum, welches durch niedrigere Staatsverschuldung angeschoben werden könnte. Meint er wirklich, dass durch steigende Vermögenssteuern solche Investitionen angekurbelt werden könnten? Dann müsste der Staat für Piketty der bessere Investor sein. Warum sollte der Staat dann nicht sämtliche Investitionen aus Steuern finanzieren und so zu Vollbeschäftigung beitragen?
    Kommen wir zum Hauptproblem: Was bringt die Feststellung, dass die Kapitaleinkommen schneller steigen als die Realwirtschaft wächst? Die Konzentration von großen Vermögen in immer weniger Händen mag ja kritikwürdig sein. Wo liegt das Optimum der Vermögensverteilung für maximales Wirtschaftswachstum? Die Frage wird nicht gestellt und deshalb auch nicht beantwortet. Seine Vorschläge zur Umverteilung bleiben deshalb Wunschträume, ohne Realitätsbezug.
    So könnte man nun unendlich weitermachen.
    Welche Ersparnisse wurden in den letzten 13 Jahren in den USA gebildet, die dann investiert werden konnten? Die meisten Ersparnisse, die in den USA „investiert“ wurden, kamen aus China und Deutschland. Viele Petrodollar aus OPEC Staaten gehören dazu. Das neoklassische Wachstumsmodell durch Ersparnisse abstrahiert vom Welthandel und der Globalisierung. Dieses Modell ist folglich falsch.
    Die Vermögensverteilung in den USA mag ja besonders krass sein. Es geht schon nicht mehr um das oberste Dezil. Was demonstriert Occupy? Wir sind die 99 Prozent. Auch das ist noch zu breit angelegt. Es geht um die Vermögenskonzentration bei den obersten Zehntausend, oder um 3 Hunderttausendstel Prozent der Bevölkerung, die ca. 20 Prozent sämtlicher Vermögen besitzen.
    Beispiel Deutschland: Da kann man doch trefflich streiten, wenn man keine Daten zugrunde legen muss. Was sagt uns destatis am 23. Mai 2014? Im ersten Quartal sind die Arbeitsentgelte um 3,5 % gestiegen, während die Einkommen aus Vermögen und von Unternehmern NUR um 5,8 % stiegen.
    Demgegenüber stiegen die Lohnsteuereinnahmen des Staates um 6,7 % fast doppelt so schnell wie die Lohne. Während die Einnahmen aus der nichtveranlagten Steuer auf Gewinne gegenüber dem 2013 um 4,4 % und die Körperschaftssteuern um 0,6 Mrd. € zum Vorjahreszeitraum sanken. Dafür stieg die Umsatzsteuer aus dem Massenkonsum der Arbeitnehmer- und Rentnerhaushalte, weil dort 7/8 der Deutschen leben. Das sind die Fakten vom Vorbild Deutschland. Auch Steuer CDs haben daran nichts aber auch gar nichts geändert.
    Kann es sein, dass Piketty wirklich daran glaubt, dass die EU ihr Wachstum steigern solle bzw. könnte, wenn immer mehr Märkte gesättigt sind? Sollte sinkender Rohstoff- und Energieeinsatz nicht zu sinkendem Wachstum führen? Wohin soll die Wirtschaft zu welchem Zweck wachsen? Können die Menschen von allem immer mehr verbrauchen? Mehr Alkohol, mehr Tabak, mehr andere Rauschmittel, mehr Fette, mehr Zucker, mehr Brot, mehr Fleisch, mehr Wohnungen, mehr Benzin, mehr Strom, mehr Waffen und Raketen, mehr öffentliche Güter usw. usf.? Hat Er nicht ermittelt, dass zuerst die Wachstumsraten sinken bevor das absolute Wachstum zum erliegen kommt? Wenn sich Schwellenstaaten und Industriestaaten in der wissensbasierten Wirtschaft annähern, kann wachsender Wohlstand bei sinkendem Wirtschaftsoutput ökonomisch begründet werden. Man muss nur die sinnlose Verschwendung reduzieren. Was sagt Piketty dazu? Sieht er am Horizont die marktfreie Wirtschaft, in der die Grundbedürfnisse der Menschen nicht mehr vom Menschen selbst, sondern „vom 3 D Drucker“ erledigt werden? Fehlen ihm die Visionen? Andere haben solche Visionen.
    Ein Letztes: Die ganze Litanei von Piketty kann immer nur bezogen auf die Vergangenheit die Resultate post festum erläutern. In die Zukunft geben auch seine Modelle keine Antwort, weil alles immer in einem Zeitpunkt t endet, um gemessen zu werden. wo die Zeit stehen bleibt. In Wirklichkeit läuft die Zeit weiter. Auch die Wirtschaft der Menschheit, oder die Weltwirtschaft, muss im Verlauf betrachtet werden. Wer kennt solche Wirtschaftsmodelle, die alle Märkte, von der Realwirtschaft bis zu Finanzmärkten, mit sämtlichen Marktteilnehmern, Marktakteuren, in der Raum – Zeit – Kontinuität erfassen? Dort gibt es kein angestrebtes Gleichgewicht, was immer darunter verstanden werden will.
    Der Starökonom ist kein Star, sondern ganz gewöhnlich. Selbst daraus können sich wirtschaftliche Veränderungen ergeben, die auch gesellschaftlichen Fortschritt einschließen. In diesem Sinne kann der Rummel um Pikettty positiv wirken. Er muss es aber nicht, wenn er bald in Vergessenheit gerät.

    • Naja
      „Es werden doch schon die Hälfte eines Schülerjahrgangs hochschulreif. Sollen es bald 90 Prozent sein, wie in den USA?“

      Ich denke hier geht es eher um Qualität als um Quantität.

      „Wer will dann noch einfache Arbeit, Koch und Kellner im Restaurant, Pfleger im Krankenhaus, Erzieher in der Vorschule, Bauarbeiter, Busfahrer, Reinigungskraft werden?“

      Würden diese Jobs auf eine bessere finanzielle Grundlage gestellt, würde sich diese Frage erledigen.

      „Meint er wirklich, dass durch steigende Vermögenssteuern solche Investitionen angekurbelt werden könnten? Dann müsste der Staat für Piketty der bessere Investor sein.“

      Eigentlich ist eine höhere Besteuerung notwendig, aber nicht um eventuelle öffentliche Investitionen anzukurbeln sondern ausschliesslich um Staatsschulden zu tilgen. Der Staat zeigt gerade seine Investmentfähigkeiten in diversen Bauvorhaben. Nicht nur dass er dabei Unfähigkeit beweist, es wird bewusst gelogen.

      „…Optimum der Vermögensverteilung…“

      gibt es sicherlich nicht, es gibt nur eine Frage der besseren Verteilung des Vermögens um ALLEN ein menschenwürdiges Dasein zu gewährleisten. Das kann man aber auch nur über Vollbeschäftigung erreichen, dahingehend sollte Vermögen zielgerichtet eingesetzt werden.

    • Verehrter Peter Namour
      „bessere Verteilung des Vermögens, um ALLEN ein menschenwürdiges Dasein zu gewährleisten.“
      Wenn Sie mit ALLEN wirklich allen Menschen dieser Erde meinen, dann dürfte das bei bald 10 Milliarden Menschen nicht so einfach sein. Das Ziel der Vollbeschäftigung der ganzen Menschheit im arbeitsfähigen Alter dürfte, nicht minder schwierig zu lösen sein. Sollten dann noch alle Volkswirtschaften so wettbewerbsfähig werden, wie die deutsche Wirtschaft und ihren Wohlstand mit Exportüberschüssen erzielen wollen, dann dürfte das schier unmöglich sein.
      Stößt der bewunderte Kapitalismus eventuell an seine Grenzen? Kommt noch etwas danach und wie könnte das aussehen? Danach suchen sogenannte pluralistische Ökonomen. Diese meinen, dass in einer begrenzten Welt nichts unendlich wachsen kann. Es ist natürlich nicht leicht, diesen Ökonomen zu erklären, dass auch es auch begrenzt unendliches Wachstum geben kann. Mathematisch geht es um einfache Limesberechnungen. Logarithmisch sind das asymptotische Annäherungen.
      Mag es DAS Optimum der Vermögensverteilung für maximales Wachstum nicht geben, so gibt es doch einen Korridor, einen Bereich, bei dem günstige Wachstumsbedingungen bestehen. Wird so ein Korridor nach jeweiliger Marke verlassen, sinkt das Wachstum und auch der Wohlstand.
      Schon vorhandene Erfahrungswerte lassen diesen Korridor bestimmen. Oligopole mit ihren Oligarchen, Duopole mit minimalem Wettbewerb und Monopole, die auch regional preissetzend sein können, mindern das Wachstum und senken den Wohlstand. Das ist seit 80 Jahren bekannt. Nur in der Wirtschafts- und Finanzpolitik hat sich das bisher nicht herumgesprochen. Welche Interessen standen wohl dagegen?

    • Mit "ALLEN"
      meinte ich das eigentlich eher auf Deutschland und die EU bezogen. Es ist klar dass bei 10 Mrd. Menschen das nicht gewährleistet werden kann. Aber man bekommt es im eigenen Stall nicht in den Griff, wie dann weltweit?
      Man kann nicht erwarten dass plötzlich ALLE in der sog. 3. Welt in Wohlstand leben, aber lebenswerte Verhältnisse sind möglich, davon bin ich überzeugt. Aber das liegt nicht nur an den sog. Wohlstandsnationen, sondern auch und insbesondere an den Menschen in diesen Ländern. Aber leider ist dies eine Endlosspirale. Wer arbeitet schon mit vollem Einsatz für 50 oder 100$ im Monat? Andererseits ist die gebrachte Leistung nicht viel mehr wert.
      Wenn ich aber wieder die Gegenseite sehe, immer mehr Menschen greifen auf die Billligprodukte aus der 3. Welt zurück, Textilien, Eletronik etc. weil sie sich a) nichts besseres leisten können (weil sie wiederum als Billigsklaven in der freien Marktwirtschaft gehandelt werden) und b) man ja auch mit einem entsprechend hohem Einkommen, mit dem man sich teurere Produkte leisten könnte, beim Kauf von Billigprodukten, hergestellt auf den Knochen der Billigsklaven in der 3. Welt, Geld sparen könnte. „Geiz ist geil“. Ich finde das ist eine tolle Gesellschaft, eigentlich nichts mehr als auf Katzenberger Niveau.

    • Piketty ist eine Modeerscheinung...
      Allerdings ist es richtig, dass er eine Debatte anstößt, ob die aktuelle Verteilung der Steuer- und Abgabenlasten noch „gerecht“ und sinnvoll ist und was es bedeuten kann, wenn die Vermögenskonzentration massiv zunimmt.

      Die Hauptsteuerlast liegt auf Arbeitseinkommen von Klein- und Mittelverdienern und auf indirekten Steuern. Die Erbschaftsteuer ist nach wie vor ein Witz und dürfte vom BVerfG wieder als verfassungswidrig kassiert werden. Eine Vermögensteuer mit einem Steuersatz von 1% auf den Verkehrswert und einem Freibetrag von 1 Mio. € je Haushalt würde Mehreinnahmen von ca. 30 Mrd. € jährlich bringen. Die Verjährung von Verlustvorträgen bei der Körperschaft- und Gewerbesteuer nach 10 J würde übrigens ebenfalls 30 Mrd. € für die nächsten 10 Jahre bringen, danach ca. 3 Mrd. €.
      Macht also 600 Mrd. € in den nächsten 10 Jahren.

      Soll Deutschland aufhören zu wachsen? Ich sage: Nein! Die o.g. 600 Mrd. € Mehreinnahmen könnte man zu je 1/3 in Schuldentilgung, Infrastrukturinvestitionen und Sozialleistungsverbesserungen stecken. Man schaue sich Familien mit mehreren Kindern an – haben die alle einen Kindergartenplatz mit langen Öffnungszeiten? Können sich Kinderreiche regelmäßigen Urlaub leisten? Haben Sie genug Geld für eine gesunde Ernährung und Freizeitaktivitäten der Kinder? Was ist mit guten Krankenhaus- oder Pflegeheimplätzen, wie sehen unsere Schulen aus, wie die Hochschulen? Was ist mit der Dunkelziffer der ca. 20 % Rentner, deren Monatsrente unterhalb der Grundsicherung liegt oder die krankheitsbedingt mehr Geld benötigen?

  8. Frankreichs Schulden und Piketty
    Die gigantischen Schulden die der Absolutismus in Frankreich hervorbrachte verursachte der Grössenwahn der Könige und die Steuerbefreiung des Adels und des Klerus. Die Lösung des Schuldenproblems 1789 war ganz einfach: Nichtbedienung der Verbindlichkeiten des bourbonischen Frankreichs nach der Französischen Revolution.
    Die von Piketty genannte Harrod-Domar-Solow-Formel, wonach sich die Relation des eingesetzten Kapitals zum aktuell erzielten Einkommen einer Volkswirtschaft so verhält wie die Sparquote einer Volkswirtschaft geteilt durch die Wachstumsrate dieser Volkswirtschaft ist unter Ökonomen nicht unumstritten. Die Sparquote stellt hier die Veränderungsrate des Kapitalstocks dar, dem Verhältnis einer Bestandsgröße (Kapitalstock) zu einer Stromgröße (Einkommen). Gibt es hier überhaupt einen signifikanten Zusammenhang? HDS behaupten : Ersparnisse sind das Ergebnis von Investitionen. Man fragt nicht warum wann was investiert wird. Daraus kann man folgern, je mehr gespart wird, desto höher ist das Wachstum ???. Welche Rolle spielen Rankings? Arbeit und Kapital sind nicht wie P. behauptet substitutiv, sondern komplementär eingesetzbar. Abgesehen von den falschen Zahlen, ein Neoklassiker mit linken Tendenzen (höhere Besteuerung von Kapital). Neoklassiker sind meist realitätsfremd aber interessant.

  9. ein weiteres Gesetz der Dinge: Ein Hund, der alles bekommt, will morgen noch mehr
    darüber kann man so lange reden und dies bestreiten, bis man den Wolf in ihm erkennt.

  10. Die Forderung nach mehr Mathematik bedeutet nur,
    dass diejenigen, die dies fordern,
    zwar hübsche Modelle bauen können,
    aber das abstrakte Wesen des Kapitals
    nie verstehen wollten oder konnten.

    Das Interview hat mich jedenfalls neugierig auf das Buch gemacht.

    • Ich denke
      wenn man alles in mathematische Modelle steckt bzw. in Statistiken, lässt sich sogar der Honecker Sozialismus positiv rechnen…

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