Fazit – das Wirtschaftsblog

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Die MIT-Connection: Boston gegen die Bundesbank

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Es bestehen geringe Zweifel, dass Mario Draghi am kommenden Donnerstag gegen den Widerstand von Bundesbankpräsident Jens Weidmann eine Mehrheit in der Führung der Europäischen Zentralbank für ein Programm zum Ankauf von Staatsanleihen mobilisieren kann. Ein solcher Beschluss wäre nicht nur eine Genugtuung für Draghi, sondern ein weiterer Höhepunkt – aber vielleicht auch ein Endpunkt – im Siegeszug einer ökonomischen Denkweise, die vor rund 40 Jahren am Massachusetts Institute of Technology, kurz MIT, einer der angesehensten amerikanischen Universitäten, ihren Anfang nahm.

Zwei Professoren, ein Deutscher und ein Mann aus dem Süden Afrikas, stehen am Ausgangspunkt eines beeindruckenden Netzwerks, das sich über die Wissenschaft, über mächtige internationale Institutionen, über bedeutende private Finanzunternehmen und über die wichtigsten Zentralbanken erstreckt und für das in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaften kein Vorbild existiert. Zu diesem Netzwerk gehört unter anderem Mario Draghi, aber auch der Vizechef der Fed Stan Fischer, der ehemalige Vorsitzende der Fed Ben Bernanke, der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds Olivier Blanchard und der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman. Es wird oft behauptet, in der Europäischen Zentralbank stünden sich Vertreter des Nordens und Vertreter des Südens gegenüber. Das Duell der ökonomischen Konzepte sollte anders beschrieben werden: Boston gegen die Bundesbank.

Die Geschichte reicht weit zurück. Vor etwa 40 Jahren wechselten die jungen Ökonomen Rüdiger („Rudi“) Dornbusch und Stanley („Stan“) Fischer von der Universität in Chicago an das nahe Boston gelegene MIT. Dornbusch stammte aus Krefeld und war über Genf in die Vereinigten Staaten gelangt; Fischer kam aus dem Süden Afrikas und hatte in London studiert. Die beiden Männer verband eine persönliche Freundschaft und ein gemeinsames Forschungsprogramm: Sie wollten erarbeiten, wie Veränderungen der Geldpolitik in einer Wirtschaft wirken, in der Löhne oft langfristig durch Verträge festgelegt sind und auch viele Güterpreise nur mit Verzögerungen auf Veränderungen des wirtschaftlichen Umfelds reagieren.

Dornbusch wie Fischer schrieben in einer Zeit, in der pure Marktwirtschaftler aus Chicago und Minnesota die These verbreiteten, Geldpolitik sei ein wirkungsloses und damit überschätztes Politikinstrument, jeweils einen die Fachwelt elektrisierenden Aufsatz. Der größere Coup gelang Fischer. 1) Er zeigte, dass in einer Welt mit eingeschränkt flexiblen Löhnen und Güterpreisen auch unter der Annahme rationaler Erwartungen bei den Menschen eine aktive Geldpolitik helfen kann, eine Wirtschaftskrise zu überwinden. Nach diesem Grundsatz wurde in den vergangenen Jahren in vielen Industrienationen eine im historischen Vergleich beispiellose und bis heute kontrovers diskutierte Geldpolitik betrieben, der sich mittlerweile auch die anfänglich stark von der Bundesbank beeinflusste Europäische Zentralbank angeschlossen hat.

Dornbusch demonstrierte in einem legendären Aufsatz, dass in einer Welt, in der Preise an Finanzmärkten sehr schnell, Preise an Gütermärkten aber langsam reagieren, die Veränderung der Geldpolitik in einem Land den Wechselkurs zeitweise übertrieben stark beeinflussen kann. Auch dies war keine rein akademische Fingerübung: Die heftige Abwertung des Euro gegenüber dem Franken wurde in diesen Tagen vom Chef der Schweizerischen Nationalbank, Thomas Jordan, im Geiste Dornbuschs als ein „Überschießen“ des Wechselkurses über sein gerechtfertigtes Niveau bezeichnet.

Dornbusch und Fischer passten sich hervorragend in die Kultur des MIT ein, das eigentlich eine Technische Hochschule ist, aber seit Jahrzehnten auch eine der besten ökonomischen Fakultäten der Welt beherbergt. 19 Träger des Nobel-Gedenkpreises für Wirtschaftswissenschaften haben bisher am MIT gelehrt. Unter dem prägenden Einfluss des Nobelpreisträgers Paul Samuelson wurden die Ökonomen am MIT auf theoretische Exzellenz getrimmt, aber auch auf die Einflussmöglichkeiten von Ökonomen in der Politik oder der Politikberatung hingewiesen. Wie in anderen führenden Universitäten an der Ostküste hielten viele Ökonomen in Boston grundsätzlich die Marktwirtschaft in Ehren, aber sie sahen in Krisen Handlungsbedarf für den intervenierenden Staat und hier besonders für die Geldpolitik.

Zentral wurde die Vorstellung, dass Geldpolitik besonders wirksam ist, wenn sie die langfristigen Erwartungen der Menschen über die Entwicklung der Wirtschaft – und hier vor allem die Entwicklung des langfristigen, um die Inflationsrate bereinigten Zinses – steuert. Denn wie die Menschen die Zukunft sehen, beeinflusst ihr aktuelles wirtschaftliches Verhalten. Das ist der Grund, warum Vertreter dieser Schule einen so großen Wert auf die längerfristigen Inflationserwartungen legen und auch die EZB-Führung als einen wesentlichen Grund für das Anleihenkaufprogramm den Rückgang der erwarteten Inflation im Euroraum nennt.

Dieses Forschungsprogramm erwies sich als attraktiv: In den siebziger und achtziger Jahren studierten viele später einflussreiche Männer bei Dornbusch und Fischer, aber auch bei anderen Professoren, und atmeten auf diese Weise den Geist des MIT ein. Neben Draghi und Bernanke wurden auch Mervyn King und Charles Bean, beide in der jüngsten Finanzkrise in führenden Positionen in der Bank of England, zu prominenten Geldpolitikern. Doch der Einfluss des MIT in der Geldpolitik reicht viel weiter: So wird die geldpolitische Linie der Fed stark vom ökonomischen Stab der amerikanischen Zentralbank geprägt. Dieser Stabsabteilung stehen sechs Direktoren vor; bis vor kurzem befanden sich darunter vier Absolventen des MIT.

Fischer war einer der Betreuer von Draghis Doktorarbeit, die aus drei inhaltlich getrennten Artikeln besteht. Zwei dieser Artikel behandeln sehr aktuelle Themen: In einem gelangt Draghi auf dem Stand der damaligen Theorie zu dem Schluss, dass die Wirkungen einer Währungsabwertung auf die Konjunktur nicht überschätzt werden sollten. In einem weiteren Beitrag weist der Italiener nach, dass übertrieben kurzfristiger Aktivismus in der Wirtschaftspolitik das langfristige Wirtschaftswachstum nachteilig beeinflussen kann. 2) Diese Erkenntnis mag ein Grund sein, warum Draghi das geplante Programm zu Kauf von Staatsanleihen als Bestandteil einer längerfristigen Strategie der EZB vermarktet.

Vor wenigen Jahren konstatierte Fischer in einem Interview, in der internationalen Geldpolitik hätten sich die am MIT entwickelten Ideen mittlerweile durchgesetzt. Das war zwar in der Tendenz nicht falsch, aber auch etwas übertrieben. Unter dem Einfluss ihres angesehenen Chefökonomen Otmar Issing wehrten die Bundesbank und die EZB die als zu aktivistisch und zu wenig ordnungspolitisch beurteilten Einflüsse aus Boston zunächst zurück, aber ganz ließ sich Kontinentaleuropa nicht von der Expansion der Ideen aus Massachusetts abschotten: Auch der frühere EZB-Vizepräsident Lucas Papademos und der ehemalige Präsident der zyprischen Zentralbank, Athanasios Orphanides, gehörten zur „MIT-Connection“. 5)

Ende der siebziger Jahre brachten Dornbusch und Fischer ein Lehrbuch zur gesamtwirtschaftlichen Analyse („Makroökonomik“) erst auf den amerikanischen und dann auf den internationalen Markt, das ihre Ideen weit über Boston hinaus popularisierte. In Deutschland erreichte das Buch, das auf sehr geschickte Weise Theorie und Praxis verbindet, acht Auflagen. Derweil durchliefen junge Ökonomen ihre Seminare, die später in der Fachwelt berühmt werden sollten, darunter neben Krugman und Blanchard auch Michael Woodford, Larry Summers, Ken Rogoff und Maurice Obstfeld. Die Geldpolitik der Fed ist in den vergangenen Jahren von diesen -und anderen – Ökonomen in der Öffentlichkeit unterstützt worden.

Ab den achtziger Jahren brachten sich Dornbusch und Fischer in die internationale Politikberatung ein; die Epoche war gekennzeichnet durch hohe Inflationsraten rund um den Globus und Schuldenkrisen in Schwellenländern. Dornbusch blieb Professor am MIT, aber reiste viel um die Welt. Fischer gab seine Professur auf und übernahm führende Positionen in der Weltbank und im Internationalen Währungsfonds; danach war er bei der Citigroup und schließlich Chef der israelischen Zentralbank. Zusammen mit vielen ihrer Schülern waren Dornbusch und Fischer  Anhänger des sogenannten „Konsenses von Washington“, der wesentlich von einem anderen MIT-Ökonomen, John Williamson, geprägt wurde. Dieser Konsens verschrieb Wirtschaftspolitik nach dem Grundsatz des Nobelpreisträgers Samuelson: „Gott gab den Ökonomen zwei Augen, damit sie Angebot und Nachfrage betrachten.“

Heute werfen manche deutsche Ökonomen amerikanischen Kollegen vor, sie bevorzugten einseitig eine Politik zur Förderung der Nachfrage durch niedrige Zinsen oder hohe Staatsverschuldung. Richtig ist hingegen, dass der „Konsens von Washington“ in Fällen geringer Wettbewerbsfähigkeit konsequent für Strukturreformen plädiert. Dies tut heute auch Draghi. Richtig ist aber auch, dass amerikanisch geprägte Ökonomen wie Draghi und Krugman in einer Krise gleichzeitig für eine expansive Geldpolitik eintreten. Traditionelle deutsche Ökonomen plädieren demgegenüber nur für Strukturreformen, wollen aber von expansiver Geldpolitik wenig wissen. 3) Das war nicht die Sache Dornbuschs: Der konnte einerseits Strukturreformen aggressiver fordern als der Sachverständigenrat. „Deutschland ist reich, fett und faul“, polterte Dornbusch im Jahre 2001, als Deutschland als „kranker Mann Europas“ galt. Gleichzeitig verspottete Dornbusch, der 2002 verstarb, die Inflationsphobie mancher deutscher Ökonomen.

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise hat die Geldpolitik eine zuvor nicht erreichte Bedeutung gelangt, aber auch ihre theoretischen wie praktischen Grenzen zumindest erreicht und vielleicht überschritten. Fischer, der vor langer Zeit das theoretische Konzept der modernen Geldpolitik beeinflusste, steht im Alter von 71 Jahren als Nummer zwei der Fed wieder oben auf der Bühne. Die Anhänger der Bostoner Schule verweisen auf den erheblichen Beitrag der Geldpolitik zur Stabilisierung von Wirtschaft und Finanzmärkten in den vergangenen Jahren bei sehr niedriger Inflation. Aber die Bilanz ist nicht frei von Passivposten.

Eine alte Kritik lautet, MIT-Ökonomen besäßen zwar schöne theoretische Modelle. Aber ihre Modelle verleiteten sie dazu, Politik zu sehr als einen technischen Prozess zu verstehen und zu wenig als Menschenwerk. Dies zeigt sich etwa in der Vorstellung, eine Zentralbank könne die wirtschaftlichen Erwartungen der Menschen nach Belieben steuern. So haben unter anderem Blanchard und Krugman gefordert, die Geldpolitik solle vorübergehend ihr Inflationsziel von 2 auf 4 Prozent erhöhen. Die Idee ist, dass die Menschen in Erwartung eines schnelleren Kaufkraftschwunds des Geldes ihren aktuellen Konsum erhöhen. Nachdem der Konsum die Wirtschaft belebt hat, solle die Zentralbank ihr Inflationsziel wieder auf 2 Prozent reduzieren.

Reputationsrisiken für die Geldpolitik werden hier ebenso ausgeblendet wie bei der Einführung von Negativzinsen oder bei Rogoffs Idee, zur Erleichterung von Negativzinsen solle das Bargeld abgeschafft werden. Alle diese Vorschläge sind aus theoretischen Modellen ableitbar, aber sie nehmen keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten von Menschen, deren Verhalten die Geldpolitik steuern will. Wenig thematisiert werden auch die Gefahren einer sehr aktiven Geldpolitik für die Unabhängigkeit der Zentralbanken gegenüber Regierungen und Finanzmärkten.

Der Beschluss eines Kaufprogramms für Staatsanleihen durch die EZB wird vielleicht der letzte Triumph der Bostoner sein, deren Macht in der praktischen Geldpolitik erheblich bleibt, aber in der ökonomischen Forschung längst erodiert. Die Fed-Vorsitzende Janet Yellen hat dieser Tage den deutschen Ökonomen Thomas Laubach zum Chefberater ernannt, der seine Doktorarbeit an der ebenfalls renommierten Ostküstenuniversität in Princeton geschrieben hat. Dort befindet sich der Nukleus einer neuen geldpolitischen Schule, die vielleicht einmal ähnlich einflussreich wird wie ihre Vorgänger vom MIT. 4) Wir haben uns in FAZIT mit Arbeiten aus Princeton schon häufig beschäftigt; ein Überblick über einige Positionen findet sich hier.

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1) Fishers Aufsatz gehört zu den ersten grundlegenden Beiträgen, aus denen die derzeit führende makroökonomische Lehre, der sogenannte Neokeynesianismus, entstanden ist. Er kombiniert die mikroökonomische Fundierung der Makroökonomik und die Annahme rationaler Erwartungen mit der Annahme von Friktionen auf den Güter- und Arbeitsmärkten. Wir haben uns in FAZIT mit dieser Lehre zuletzt in einem Interview mit Rüdiger Bachmann befasst.

2) Das ist ein fester Bestandteil dieser Lehre, wie auch Fischer in einem Aufsatz aus dem Jahre 1979 konstatiert: „It is argued that an activist policy that does not respond to minor disturbances, but does respond to actual and prospective major disturbances, would provide a stabilizing force for the economy.“

3) Dieser Befund gilt nicht für die meisten deutschen Ökonomen mit internationaler Erfahrung.  Zum Beispiel: In den vergangenen Jahren haben es drei deutsche Ökonomen, die in ihrer Jugend an einer Hochburg der deutschen Angebotsökonomik, dem Kieler Institut für Weltwirtschaft, studiert haben, zu Chefökonomen großer amerikanischer Banken gebracht: Jan Hatzius (Goldman Sachs), Joachim Fels (Morgan Stanley) und Holger Schmieding (ehemals Bank of America, heute Berenberg). Diese drei Ökonomen vertreten aktuell die MIT-Positionen in der Geldpolitik und befürworten ein Kaufprogramm für Staatsanleihen durch die EZB.

4) Laubach hat seine Doktorarbeit bei Ben Bernanke geschrieben, der eine Art Bindeglied zwischen dem Neokeynesianismus des MIT und der Princeton School darstellt. Die Princeton School legt ein stärkeres Gewicht auf die Rolle von Friktionen an den Finanzmärkten für die Geldpolitik und arbeitet an einer Synthese von Finanztheorie und gesamtwirtschaftlicher Theorie, während in der MIT-Tradition eher Friktionen an Güter- und Arbeitsmärkten eine Rolle spielen.

5) Kritisch gegenüber dem Bostoner Denken blieb auch die in Basel ansässige Bank für Internationalen Zahlungsausgleich.

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11 Lesermeinungen

  1. Preisstabilität versus dual mandate
    Das angelsächsische, von Gerald Braunberger mit dem „MIT“-Label gekennzeichnete Verständnis von Central Banking ist umfassend und nicht zu trennen von der allgemeinen Wirtschafts- und Fiskalpolitik. Die Mandate von Bundesbank und EZB sind dagegen eng auf Erhaltung der Preisstabilität zugeschnitten. In diesen engen Grenzen darf die Zentralbank frei und politisch unabhängig entscheiden. Nur in Bezug auf Erhaltung von Preisstabilität ist Entscheidungskompetenz an sie delegiert und innerhalb eines weit auszulegenden Ermessensspielraum auch weder politisch noch juristisch zu verantworten.
    Schon mit der Ankündigung von „whatever it takes“ Massnahmen im Juli 2012 liess Präsident Draghi die Grenzen des der EZB erteilten Mandates hinter sich und – das ist die Ironie – rettete auf diese Weise das Vertrauen in die Zukunft des Euro. Das Gutachten des EuGH vom 14.1. 2015 zu den blossen Ankündigungen der EZB von 2012, die ja gerade keine konkreten Massnahmen nach sich zogen, konnte der Kernfrage nach dem Umfang des EZB Mandates ausweichen, eben weil die Ankündigungen abstrakt blieben. Jede spezifische Massnahme, welche die EZB – unter gegenüber 2012 vollkommen veränderten Bedingungen – am 22.01 im Hinblick auf angebliche Deflationsrisiken beschliessen sollte, wird daher erstmals einer konkreten Überprüfung dieser Massnahmen nach der Liste von Kriterien ausgesetzt sein, die im EuGH Gutachten ja durchaus aufgeführt sind: Notwendigkeit, Geeignetheit, Verhältnismässigkeit…
    Wie Mario Draghi selber wiederholt gemahnt hat, hätten notwendige, geeignete, verhältnismässige Massnahmen zur Stimulierung von Investitionen und Wachstum, insbesondere Strukturreformen, von den Mitgliedsländern der EU seit Jahren auf den fiskal- und wirtschaftspoltischen Weg gebracht werden sollen und müssen.
    Sie wären kontrovers erstens gewesen, weil sich die Ökonomen nicht auf einen Konsens hätten verständigen können und zweitens, weil sie beim Wahlvolk zumindest teilweise extrem unpopulär gewesen wären. Wahrscheinlich ist aber letzterer Umstand der entscheidende Grund, warum sie bislang weitgehend unterblieben.
    EZB Massnahmen nicht als begleitender und unterstützender Hintergrund der allgemeinen EU Fiskal- und Wirtschaftspolitik, sondern als einziger Ersatz, als Substitut für das Versagen, bzw. Fehlen einer solchen, ist nicht nur unter formaljuristischen Aspekten riskant, sondern vor allem politisch gefährlich, von den unfruchtbaren ökonomischen Kontroversen zwischen Keynesianern und Ordoliberalen ganz abgesehen.

    • "Worum geht es also das ganze?"
      Ja, meine Frage im unteren Beitrag war rhetorisch. Und gerade das meinte ich. Die „Krise“ ist nur ein Vorwand, um Finanz- und Wirtschaftspolitik zu betreiben. Egal, was die EZB macht, wird es als geeignet, erforderlich, angemessen, verhältnismäßig und alternativlos erklärt.

  2. Titel eingeben
    Zunächst einmal danke ich Ihnen, Herrn Braunberger für diese Übersicht. Sie haben die Risiken und Fallstricke der MIT-Schule mit sehr zurückhaltendem Vokabular benannt.

    Doch sehe ich einen Komplex nicht deutlich genug dargelegt :“… unter der Annahme rationaler Erwartungen bei den Menschen …“. Meine Fragen: Wer bestimmt, was Ratio ist? Welche Menschen – in der Überflußgesellschaft oder in den emerging Markets? Inlusive die Menschen im Nahen Osten? Welche Wirtschaftswelt wird hier vorausgesetzt? Globalisierung? Lohnentwicklung in China versus Lohnentwicklung in den USA? Rapide Produktivitätssteigerungen? Überkapazitäten allerorten? Wie statisch oder dynamisch sind die Modelle, mit denen die MIT-Absolventen arbeiten?

    Ungeordnete ad hoc Gedanken meinerseits, die ich in der von mir so geschätzen polemische Art so zusammenfassen möchte: „garbage in garbage out“? Oder: Sind die Inputs so (eng) gewählt, dass das gewünschte Ergebnis zwangsläufig ist? Ich bin nicht der Meinung, dass Geldpolitik ohne Folgen ist, aber ich gehe eher mit R. Lucas. Fischer schreibt selbst: „… monetary policy has the ability to affect the short-run …“. Dazu kann man eigentlich nur sagen: „Ja – und?“

    Zum Begriff Krise: Griechenland scheint seit 2000 Jahren in einer Krise zu sein. Weder der Geldmangel vor dem EURO, noch der riesige Geldstrom nach Einführung des EURO haben an der ja strukturellen Krise etwas geändert.

  3. Wenn es denn so einfach wäre ....
    … warum hat sich dann die SchweizerNationalBank so plötzlich von der EZB abgewandt? Sitzen denn dort andere GeldELITEN? Sind die plötzlich über Nacht hellsichtig geworden? Wenn die These von der MIT-Connection stimmen sollte, dann sind wohl doch viel mehr intelligente Männer in Berlin, Paris oder Rom hinters Licht geführt worden? Sollte ein wirklich gewiefter Finanzminister aus Deutschland wirklich so naiv sein und dem akademischen Heiligenschein aus Amerika mehr Glauben schenken als dem eigenen Geldbeutel? Aber klar doch, Politik wird ja auch nur von Menschen gemacht, da kann man garnicht so banal denken, wie es am Ende tatsächlich ist. Einer hilft dem anderen, eine Hand wäscht die andere … und Geld stinkt nicht. Das trifft wohl ganz besonders für die GeldELITE zu. Was will man dagegen machen? Was kann man dagegen machen? Garnichts …! Leider!

  4. Pingback: Kleine Presseschau vom 19. Januar 2015 | Die Börsenblogger

  5. Es ist noch viel zu tun..
    ..bis endlich 99,9% der Mittel der Welt bei den Auserwählten 0,001% angekommen ist.
    Goldmänner und Zentralbänker, nur mut zu drastischen Schritten, Medien und Politik sind auf Eurer Seite!

  6. Irrelevant
    Welchen ökonomischen Glaubensbekenntnissen ein Staat national folgt, ist die eine Sache. Die Bürger haben dann die Folgen selbst zu tragen. Die andere Sache ist, ob auf multinationaler Ebene eine durch monetären Aktionismus letztlich herbeigeführte Gemeinschaftshaftung für Drittstaaten in Milliarden- bis Billiardengrößenordnung zulässig ist. Und genau das ist sie ungeachtet aller jursitischen und rhetorischen Klimmzüge nicht. Irgendwelche MIT-Dogmen letztlich zur Rechtfertigung demokratisch und vertraglich nicht vorgesehener monetärer Staatsfinanzierung herbeizureden, ist schlicht absurd. Denjenigen, die das auf diese Weise dennoch durchsetzen wollen, gehört gehörig auf die Finger geklopft!
    K Lücke

  7. Unterscheiden sie sich in der Frage, wie man in der Krise reagiert?
    Dann muss man zuerst definieren, was Krise ist. Sind wir zur Zeit in einer Krise, auf die man, z.B. mit Anleihekäufe, reagieren muss? Oder ist die jetzige Lage eher eine Folge der ständigen Reaktion der Zentralbanken auf das Debakel von 2008, das die vorher mit ihrer jahrelangen Geldpolitik ermöglichten? Dass man 2008 reagieren sollte, wird niemand leugnen, da werden sich beide nicht unterscheiden. Dass Geldmärkte nicht funktionieren können, wenn die Zentralbank gegen sie mit der Geldpresse konkurriert, kann eigentlich auch nicht geleugnet werden. Worum geht es also das ganze?

  8. Geldpolitik, wirksam wie Kokain
    die Auswirkung einer lockeren Geldpolitik ist wohl am besten vergleichbar mit der Wirkung von Rauschmitteln. Der Delinquent sieht die Zukunft im Rauschzustand auch rosiger, ob er in diesem Zustand die langfristig besseren Entscheidungen trifft, möchte ich bezweifeln. Keynes hat der Politik leider erfolgreich eingeredet, sie sei verantwortlich für die Manipulation der Wirtschaft. Das mag im kurzfristigen Bereich durchaus möglich, vielleicht richtig sein. Nachdem der gelebte langfristige Keynesianismus eines Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes sich als gefährlicher Unsinn erwiesen hat, müssen jetzt offensichtlich die gleichen schlechten Erfahrungen mit der Pervertierung des Monetarismus gemacht werden. Die wirklichen ökonomischen Probleme eines Landes können dadurch aber zunächst wie im Drogenrausch erfolgreich ausgeblendet werden und die Politik sonnt sich in vermeintlichen Erfolgen. Über den langfristigen ökonomischen Erfolg (s. China) entscheiden aber ausschließlich effiziente Allokation und hohe Produktivität. Das wird auch für die entgrenzte Geldpolitik des Zauberers Draghi gelten, der Entzug wird fürchterlich werden.

  9. Inflation
    Es gibt wohl kaum einen Wert der auf mehr Arten berechnet wird. Das die EZB Deflationsgefahr sieht, ist klar. Denn wenn jemand arbeitslos wird, was in den letzten Jahren EU-weit nicht wenige waren (netto ca. 3 Mio?), kaufen diese sehr schnell die Discountartikel zum halben Preis der vorher gekauften Markenware. Und das wird als Deflation von 50% gewertet, ohne das sich nur ein Preis verändert hätte. Abhilfe kann da nur die Stärkung der Binnenkaufkraft schaffen. Sei es durch direkte Steuererleichterungen für die unteren Gehaltsgruppen, sei es durch Investitionen in die Privatwirtschaft. Statt dessen wird weiter Geld in die Finanzwirtschaft gepumpt, in der irrsinnigen Hoffnung, das die Banken nun doch das Geld zu Investitionen verwenden – nachdem sie es jahrelang nicht gemacht haben. So steigen zumindest die Preise, nur leisten kann die sich bald keiner mehr.

  10. Das Ergebnis
    Was immer die Ziele sein mögen, das Ergebnis ist die Generalhaftung der Bürger, die Beschneidung ihrer Freiheit

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