Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Wo ist eigentlich die Inflation?

| 24 Lesermeinungen

In Deutschland gab es große Aufregung, als im Februar die Inflationsrate 2,2 Prozent erreichte. Der jüngste leichte Anstieg ändert aber nichts daran, dass in den Industrienationen die Inflationsrate seit längerer Zeit ungewöhnlich niedrig ist – vor allem in Anbetracht einer seit Jahren sehr expansiven Geldpolitik. Auch versierte Ökonomen tun sich mit einer Erklärung schwer. Wer löst das „Inflationsrätsel“, wie es David Folkerts-Landau, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, in einem aktuellen Beitrag in der F.A.Z. nennt?

Eine kürzlich auf einer namhaften Konferenz in den Vereinigten Staaten vorgestellte empirische Arbeit stammt von einem Team, in dem sich akademische Ökonomen und Bankökonomen zusammengefunden haben. Sie fragt besonders, inwieweit die von der modernen makroökonomischen Theorie und den in ihrem Geiste argumentierenden Geldpolitikern besonders betonten Einflussfaktoren „Arbeitsmarkt“ und „Inflationserwartungen“ tatsächlich in der Lage waren, die amerikanische Inflationsrate über die vergangenen gut drei Jahrzehnte zu erklären.1) Das provozierende Ergebnis der Untersuchung lautet: Die vermeintlich wichtigen Einflüsse sind wenig bedeutend, unter anderem, weil die Geldpolitik zum Opfer ihres eigenen Erfolgs wird.

 

Die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit sind:

  • Die Inflation der vergangenen drei Jahrzehnte lässt sich durch einen „einfachen und in hohem Maße nachhaltigen Prozess“ erklären, den die Autoren als „lokalen Mittelwert“ bezeichnen. Das heißt, die Inflation folgt einem langfristigen Verlauf, in dem sie sich kaum verändert; daran habe auch die Finanzkrise nichts geändert. Das heißt: Die beste Prognose der künftigen Inflationsrate besteht darin, die vergangene Inflationsrate einfach fortzuschreiben.2) Gegenwärtig sehen die Autoren diesen „lokalen Mittelwert“ für den BIP-Preisdeflator in den Vereinigten Staaten bei rund 1,5 Prozent.
  • Daraus folgt, dass die Fed in ihrer Geldpolitik Veränderungen am Arbeitsmarkt oder Veränderungen der Inflationserwartungen entgegen der Lehrbuchweisheit nicht zu Ernst nehmen sollte. Denn weder der Arbeitsmarkt noch die Inflationserwartungen wirken stark auf den Inflationstrend ein. Die von der Theorie zumindest kurzfristig thematisierte Wechselbeziehung von Arbeitsmarkt und Inflation (Phillips-Kurve) lässt sich nur in einem sehr geringen Maße nachweisen, so dass sie kaum in der Geldpolitik genutzt werden kann.  Damit stünde die moderne Konzeption von Geldpolitik auf einem brüchigen Fundament.
  • Warum versagen die aktuellen Lehrbuchweisheiten, so wie seit langem auch die alte Lehrbuchweisheit versagt, wonach die Inflation in enger Abhängigkeit von der Geldmenge („Quantitätstheorie“) steht? Die Autoren verweisen auf ein Phänomen, das von manchen Ökonomen seit mehreren Jahren bearbeitet wird, aber wohl noch nicht allgemein akzeptiert ist: In einer Welt sehr niedriger Inflation sind die Zusammenhänge zwischen ökonomischen Größen offenbar anders als in einer Welt mit hohen Inflationsraten. Mit anderen Worten: Indem sie in einer Welt mir niedriger Inflation nicht mehr so gut funktioniert, wird die Geldpolitik ein Opfer ihrer Erfolge der vergangenen Jahrzehnte in der Inflationsbekämpfung. Den Autoren geht es auch gar nicht darum, die aktuelle Geldpolitik zu kritisieren, sie wollen statt dessen zu größerer Wirksamkeit beitragen.3)
  • Die Autoren behaupten allerdings nicht, dass Geldpolitik keinen Einfluss auf die Inflationsrate mehr besitzt. Sie behaupten nur, dass die Konzepte der vergangenen Jahrzehnte fragwürdig sind. Beeinflussbar sei die Inflation durchaus, schreiben sie, und verweisen unter anderem auf Änderungen des Wechselkurses oder finanzielle Bedingungen4) wie die Verfügbarkeit von Krediten, die Unternehmen und Haushalte vorfinden. Die genauen Wirkungswege müssten aber noch analysiert werden.

 

Dass Geldpolitik in einem Umfeld sehr niedriger Zinssätze und Inflationsraten auf Widerstände stößt, ist auch Thema einer anderen aktuellen Arbeit aus der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Solche empirischen Untersuchungen sind sehr interessant, aber es ist Vorsicht vor zu weitreichenden Schlussfolgerungen angebracht. So weisen die Autoren der Arbeit aus den Vereinigten Staaten selbst darauf, dass sie in ihrem Untersuchungszeitraum keine Phase hatten, in der der amerikanische Arbeitsmarkt wirklich „heiß gelaufen“ ist. In einem solchen Umfeld könne die Austauschbeziehung zwischen Arbeitsmarkt und Inflation („Phillips-Kurve“) durchaus eine wichtigere Rolle spielen als in den vergangenen Jahren, schreiben sie. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich sowohl triumphale Abgesänge auf die Phillips-Kurve ebenso wie übertriebenes Vertrauen in die Phillips-Kurve als voreilig herausgestellt.

Erwähnenswert ist auch: Wenn die Analyse der Autoren richtig ist und ihre Ergebnisse auf den Euroraum übertragen werden könnten (dies müsste nachgeprüft werden), liegen alle falsch, die hier einen deutlichen und nachhaltigen Anstieg der Inflationsrate in nächster Zeit prophezeien.

 

 


  1. Zur Analyse der Inflation schauen die Autoren nicht auf das Preisniveau für Konsumgüter, wie es die Notenbanken üblicherweise tun, sondern auf das Preisniveau des gesamten Bruttoinlandsprodukts (BIP). Der sogenannte BIP-Deflator kann aus dem Quotienten von nominalem und realem Preisniveau des BIP errechnet werden. Bei diesem Vorgehen schaut man sich nicht nur die Konsumgüterpreise an, sondern Preise aus unterschiedlichen Branche einer Volkswirtschaft. Aus ökonomischer Sicht ist das ein befriedigenderes Vorgehen; in der Praxis kommt man aber vor allem bei sehr langfristigen Untersuchungen in der Regel nicht zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. In der Studie heißt es: „There is a high degree of commonality in inflation variation across measures, especially after accounting for the idiosyncratic movements in food and energy prices.“
  2. „The inflation trend is primarily determined by the history of inflation itself.“
  3. „… it is appropriate to emphasize that our discussions are in the spirit of trying to build on the triumph of modern central banking in delivering inflation that has been both low and stable for the better part of three decades.“
  4. Diese finanziellen Bedingungen („financial conditions“) – es gibt dafür auch spezielle Indizes – sind eine Größe, die man in Analysen von in den Vereinigten Staaten tätigen Finanzmarktökonomen in den vergangenen Jahren häufig findet; bei in Europa tätigen Finanzmarktökonomen sieht man dies seltener.
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24 Lesermeinungen

  1. Inflation:Begriffsbohrungen und humoresk-ernshafte Einfälle
    Wenn das Begriff Konjunktur ebenso „genau “ ein Wirtschaftslage bedeutet
    wie die Verbindung von Gestirne in einem Tierkreiszeichen und sich daraus
    ergebenen Einflüsse oder gerade implizite Erscheinungsbildern wie Inflation oder Deflation ,wie theoretisch gedeutet oder dargestellt spähende durch
    Theorienspalten und beobachtende nur flimmernde Luftspiegelungen,
    ja denn könnte die Wirtschaftsforschung der Kosmogonie untergeordnet sein.
    Dan könnten Börsen und Entstehungsgeschichte ebenbürtig berücksichtigt
    werden,da die Forschungsmethoden ebenso begrenzt wie variabel
    Erkenntnis und Kenntnisse je nach theoretische Beliebtheit oder politisches
    Pragmatismus „zustellen“ und darstellen dürfen.
    Ja dan könnte einer mutmaßen ob das diakritische Zeichen Cedille französisch mehr Verständnis zufügt als das Begriff Inflation zur Verständnis einer Staatswirtschaft in einer sich rasch ändernde Welt ,das heißt politische Verhältniss-Volatilität .
    Die wirtschaftliche „Mächtigkeit“ -Erkundungen sei eine ganz andere als die
    Hochgeschwindigkeitszug der Finanzielle Akteure und ihrer „Abbau“ zum Profit und Macht weltweit.
    Dieser Wirtschaft ist ja tatsächlich ein Kosmos verschieden und abgeschottet der tagtägliche Arbeitswelt und Haushalt .
    Daher die Cedille und wenn sie wollen Inflation als Cedille der Konjunktur.
    Es gibt immer obsolete Begriffe einer vergangenen Zeitalter.

  2. Pingback: Fachleute rätseln: Wo ist eigentlich die Inflation? |

  3. Off-topic???
    „In der von mir verlinkten Arbeit spielt die Technik der Geldentstehung keinerlei Rolle.“

    Das ist wohl wahr; und das ist zugleich das Manko. Die Übergroße Mehrheit scheint doch immer noch an den Geldschöpfungsmultiplikator zu glauben(siehe Holger Zschäpitz) und missversteht die Rolle der Geschäftsbanken in einem 2-stufigen Geldsystem. Zudem spielt es eine Rolle, wofür die Kredite vergeben werden. Produktive Kredite erhöhen das Produktionspotential und wirken somit längerfristig eher disinflationär, während konsumtive Kredite (Griechenland) oder exzessive Immobilienkredite (Spanien, USA, Japan) eher zu kurzfristigen inflationären Blasen mit Crash-Potential führen.

    „Denn weder der Arbeitsmarkt noch die Inflationserwartungen wirken stark auf den Inflationstrend ein.“

    Wie denn auch, bei hoch integrierten Märkten mit nahezu unendlichem Arbeitskräftepotential. Und wenn es im Inland mal eng werden sollte, dann hat Folkert-Landau ja auch die passende Lösung für die 1 % bereit: http://think-beyondtheobvious.com/stelters-lektuere/lasst-sie-kommen-ich-wuerde-fakten-bevorzugen-david-folkerts-landau-vs-daniel-stelter/#comment-15406.

    „Warum versagen die aktuellen Lehrbuchweisheiten, so wie seit langem auch die alte Lehrbuchweisheit versagt, wonach die Inflation in enger Abhängigkeit von der Geldmenge („Quantitätstheorie“) steht?“

    Weil die aktuellen „Lehrbuchweisheiten“ weitgehend auf der naiven Quantitätstheorie 1.0 beruhen mit dem irrigen Konzept der multiplen Geldschöpfung; also genau dem Konzept, das nun durch die Bundesbank hoffentlich endgültig als Mythos entlarvt wurde.

    Auch wenn sich die Zentralbankgeldmenge aufgrund eines Asset-Swaps erhöht hat, so sind die breiten Aggregate M1/M2/M3 doch eher verhalten gewachsen in Relation zur Vorkrisenzeit. Bremsend auf die Inflation wirkt neben dem globalen Angebot an preiswerten Arbeitskräften zudem der Matthäus-Effekt, der auch noch steuerlich befeuert wurde durch die Senkung der Spitzensteuersätze, die Agenda 2010, die privatisierte Altersvorsorge sowie die zahlreichen Ausnahmetatbestände im aktuellen Steuersystem.

    „Indem sie in einer Welt mir niedriger Inflation nicht mehr so gut funktioniert, wird die Geldpolitik ein Opfer ihrer Erfolge der vergangenen Jahrzehnte in der Inflationsbekämpfung.“

    Die Geldpolitik ist doch eher ein Opfer der schwarzen Null sowie der ungenügenden fiskalischen Redistribution aufgrund einer irrigen Trickle-down Theorie, die zugleich in Fundamentalopposition zum 2000-jährigen Matthäus-Effekt steht. It takes two to tango. Richard Koo missversteht in diesem Interview zwar auch den Geldschöpfungsmultiplikator, aber die Rolle der Fiskalpolitik in einer Bilanzrezession sieht er sehr wohl: https://www.fuw.ch/article/die-geldpolitik-ist-voellig-verfehlt/.

    „Beeinflussbar sei die Inflation durchaus, schreiben sie, und verweisen unter anderem auf Änderungen des Wechselkurses oder finanzielle Bedingungen4) wie die Verfügbarkeit von Krediten, die Unternehmen und Haushalte vorfinden. Die genauen Wirkungswege müssten aber noch analysiert werden.“

    Ja, die Änderung des Wechselkurses ist ein wesentlicher Faktor. Dies sieht auch Steve Hanke so: http://macromarketmusings.blogspot.de/2017/03/macro-musings-podcast-steve-hanke.html und ebenso die Riksbank, wenn sie auf Seite 13 schreibt: „The relationship between the krona’s development and inflation is largely dependent on what causes the exchange rate movements. http://www.riksbank.se/Documents/Rapporter/PPR/2017/170427/rap_ppr_170427_eng_v85J33lmn.pdf

    LG Michael Stöcker

  4. Internationale Tag der Pressefreiheit
    herzlichen Glückwunsch am F.A.Z. Journalismus.
    es gibt Widerstandsfähigkeit hier und in der U.S.A. ,insbesondere die NYT und …ja der Radio.
    oder wie Le Canard Enchaîné jeder Woche sagt:La liberté de la presse ne s’use que quand on ne s’en sert pas.

    • Johann Friedrich Cotta [1764-1832]
      dies möchte ich niemanden vorenthalten die die Freiheit,beziehungsweise
      die Pressefreiheit lieb ist:“Wo Preßfreyheit verderblich wurde ,da war die
      Zerstörung schon voran gegangen ,und der gefrässige Schwamm wuchs
      nur aus der Verwesung hervor.“
      Nicht misszuverstehen.
      [Seite 222,Bernhard Fischer’s JOHANN FRIEDRICH COTTA,VERLEGER
      ENTREPRENEUR POLITIKER,Wallstein Verlag,2014]

  5. China und weitere Schwellenländer beeinflussen Inflationsrate der USA
    In etwa 25 Jahren hat sich China von einem quasi-kommunistischen Entwicklungsland zu einer Industriemacht gewandelt, und mit preiswerten Konsumprodukten den Weltmarkt und vor allem die US-amerikanischen Malls überschwemmt. Die Entwicklung der industriellen Produktionskapazität und der Arbeitsmarkt in China sind daher weitaus wichtigere Einflussgrößen für die US-Inflation (Konsumentenpreise) als der US-Arbeitsmarkt.
    Daher waren die beschriebenen Untersuchungen wenig aussagekräftig.

  6. Pingback: Kleine Presseschau vom 2. Mai 2017 | Die Börsenblogger

  7. Keine Inflationsfurcht am Anleihemarkt
    Hier ist ein ergänzender Artikel zum Inflationsthema aus der Perspektive des Anleihemarkts:

    http://www.faz.net/aktuell/finanzen/anleihen-zinsen/am-anleihemarkt-gibt-es-keine-inflationsfurcht-14992421.html

    Gruß
    gb

    • Nachfrage-"Inflation" destabilisiert?
      Heute morgen Notiz genommen einer „Volkskrant“-Artikel von Peter de Waard:“Zijn trackers de nieuwste nucleaire projectielen?“,ja ein etwas
      skurriler Anfang.Heutzutage beliebt.
      Wie auch immer die Hypothese sei das die Anleihen und Aktien Nachfrage im EFT Verhältnis leicht die Finanzielle Märkte asymmetrische Verhältnisse zulegen dürfte…oder,ja eben ein neuer Krise…..!
      Begriffe wie „Spiders „,“Cubes“,“Diamond “ sind mir völlig fremd.
      Brauche etwas Licht und Verständnis in dieser Terminologie – Projectielen.
      Daher dieser Notizen.

    • Ich kann Niederländisch leider nur schlecht lesen, aber der Artikel in „de Volkskrant“ scheint sich mit dem Risiko für die Stabilität der Finanzmärkte zu befassen, das aus der starken Nachfrage nach börsengehandelten Indexfonds (ETF) entsteht. Wir hatten zu diesem Thema mehrere Artikel in der F.A.Z., aber nach meiner Erinnerung noch nicht in FAZIT. Es ist ein interessantes Thema, aber es hat mit der Inflation nicht unmittelbar etwas zu tun.
      Gruß
      gb

    • Ein Kurznachricht:
      Deal Book: A nervous time for banks[NYT,05.02.2017]
      Investment Banks und Consumer Banks „Spaltung“…

    • Inflation
      Da haben sie völlig recht :“nicht unmittelbar“.Eigentlich gar nicht.Danke.
      Die beiden sehr interessante links: BIZ und „Deflating Inflation Expectations “ beanstandenden Zeit,Mühe und Fachkompetenzen der Verfassers und der Leser.So ihr Leser ist damit beschäftigt .

    • Erratum
      beanspruchenden statt beanstandenden.
      es handelt sich ja nicht wie Partei programmatische Inhalte zu beanstanden,dass ist heute tagtäglich zu lesen,insbesondere die französische Wahlkampagnen:EU oder non EU.Krugman’s Idee „natural“
      wirtschaftliche Räume nicht identisch begrenzte nationale Räume .
      Die wieder Aufblühende nationalistische Ressentimentgeladener „Bewegungen “ und Parteien macht die Zukunft ungewisserer denn je.
      Und nicht nur Europäische…

  8. Aktuelle Inflationsdaten
    Hier sind aktuelle Inflationszahlen aus den Vereinigten Staaten:

    https://ftalphaville.ft.com/2017/05/01/2188052/us-inflation-back-to-undershooting-2-per-cent-ahead-of-fomc-meeting/

    Gruß
    gb

  9. Wo ist eigentlich der monetäre Sachverstand?
    Falls Folkerts-Landau auf dem Wissensstand vieler Mainstream Ökonomen und Banker ist (wie z. B. UBS CEO Sergio Ermotti: https://www.youtube.com/watch?v=5m5ifQV4aIg&t=83s), dann wird es wohl für ihn ein ewiges Rätsel bleiben. Der Monatsbericht der Bundesbank von April stellt den Sachverhalt nun endgültig klar: „Die Rolle von Banken, Nichtbanken und Zentralbank im Geldschöpfungsprozess“: https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Veroeffentlichungen/Monatsberichtsaufsaetze/2017/2017_04_geldschoepfungsprozess.pdf?__blob=publicationFile. Kein multiple Geldschöpfung, keine Einlagen die verliehen werden, zwei getrennte Geldkreisläufe. Kurz und gut: Es ist der endgültige Abschied vom simplifizierenden Monetarismus. Damit vollzieht die Bundesbank den letzten Schritt (der erste war 2008) in der korrekten Darstellung der Geldschöpfung und verzichtet nun auch noch auf die Behauptung, dass Banken Finanzintermediäre seien. Wer dies alles verstanden hat, der wundert sich auch nicht mehr, warum die Inflationsapologeten alle falsch lagen/liegen.

    Aber lesen alleine reicht noch nicht, wie man am Beispiel von Anja Ettel und Holger Zschäpitz gut erkennen kann: https://www.welt.de/finanzen/article164119567/Darum-ruettelt-die-Bundesbank-jetzt-an-unserem-Geldsystem.html. Man muss es auch verstehen. Denn dieser Satz spiegelt das alte/falsche Denken wider: „Das bedeutet: Aus einem Euro Zentralbankgeld können die Geschäftsbanken 100 Euro Giralgeld schaffen.“ Nein, das bedeutet es gerade nicht. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wer 100 Euro Giralgeld erzeugt (zuerst erfolgt die Kreditvergabe), der muss sich anschließend einen Euro Zentralbankgeld besorgen (und erst dann schaut man sich nach dem Zentralbankgeld um). Ergänzend noch der Hinweis auf meinen Kommentar zu diesem Thema von vor zwei Jahren: http://blogs.faz.net/fazit/2015/04/17/wenn-ungleichheit-zur-wachstumsbremse-wird-5696/#comment-4469

    LG Michael Stöcker

    • In der von mir verlinkten Arbeit spielt die Technik der Geldentstehung keinerlei Rolle. Sie sind off-topic.
      Gruß
      gb

  10. Ob die hier erwähnte Definition von Inflation richtig ist. sei einmal dahin gestellt
    Inflation kann auch sehr in andere Felder umgeleitet werden: Und da wäre zunächst einmal die Staatsverschuldung. Und niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass eine maßlose Staatsverschuldung folgenlos bleiben könnte. Eine Schuldentilgung kann und wird Kaufkraft binden, die nicht mehr für Wirtschaftswachstum verfügbar ist und somit Arbeitslosigkeit verursacht. Schulden, die nicht für Strukturreformen verwendet werden verschieben nur Arbeitslosigkeit auf einen späteren Zeitpunkt. Ein weiterer Inflationsfaktor wirkt sich auf Börsen aus. Wenn für eine entstandene Kaufkraft keine Warenwerte verfügbar sind, dann wird diese Kaufkraft an anderer Stelle eingesetzt und das können auch Börsen sein. Der Wert der dort zu erwerbenden Titel wird also im Wert steigen und zwar in dem Verhältnis wie Kaufkraft sich zu den verfügbaren Kauftiteln darstellt. Es findet also eine Wertsteigerung statt ohne dass der repräsentierte Titel (z.b. eine Aktie) einen tatsächlich höheren Wert darstellt. Man kann sich leicht ausmalen was passiert, wenn sich die Kaufkraft in „Wohlgefallen“ auflöst.
    Und wer unvoreingenommen das Geschehen beobachtet, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Inflation sehr wohl statt findet, wenn auch nicht in der früher erlebten Form. Sowohl die EZB als auch einige EU-Mitgliedsstaaten verkaufen uns da wohl so etwas wie Illusionen.

    • In dem von mir zitierten Papier werden fünf verschiedene Inflationsdefinitionen behandelt. Das ist nicht gerade wenig. Man kann sich weitere vorstellen, aber die Frage bleibt, ob damit ein großer Erkenntnisgewinn verborgen ist.

      Wenn Staatsschulden getilgt werden sollten, ist damit für den Privatsektor nicht nur eine Belastung verbunden. Mit der Tilgung erhält der Privatsektor auch Geld – eben durch die Tilgungen. Was für Konsumeffekte damit verbunden sind, hängt davon ab, ob die Konsumneigung derjenigen, die für die Tilgung herangezogen werden, eine andere ist als diejenige der Personen, die Tilgungen erhalten. Die ökonomische Literatur ist voll mit Arbeiten zu diesem Thema ebenso wie mit Arbeiten, ob Staatswertpapiere aus der Sicht des Privatsektors überhaupt (Netto-)Vermögen sind, aber es hat nicht unmittelbar etwas mit dem Inflationsthema zu tun.

      Gruß
      gb

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