Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Hayek, Mises und die Notenbanken

| 9 Lesermeinungen

Heutige Vertreter der Österreichischen Schule erzählen, für Konjunkturschwankungen und Krisen wären in erster Linie oder gar alleine die Notenbanken verantwortlich. Die Lektüre der Altmeister zeigt: Früher argumentierte man differenzierter und anspruchsvoller. Eine Spurensuche in ehrwürdiger Literatur.

Die Rolle der Geldpolitik für den Wirtschaftsablauf ist mit der jüngsten Finanzkrise ins Schlaglicht der Öffentlichkeit geraten und seitdem nicht mehr daraus verschwunden. In der Volkswirtschaftslehre wird die Geldpolitik zumeist im Rahmen der Makroökonomik behandelt. Als ein wesentlicher Wegbereiter makroökonomischen Denkens gilt der schwedische Ökonom Knut Wicksell, der zahlreiche ökonomische Schulen inspiriert hat und über sie bis heute nachwirkt. Wir interessieren uns in diesem Beitrag für die Aufnahme der Arbeiten Wicksells durch die beiden wichtigsten Schöpfer der Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Und weil wir eng an Originaltexten vorgehen, enthält dieser Beitrag zahlreiche Zitate.

 

Knut Wicksell (1898)

Wicksells makroökonomisches Hauptwerk ist die im Jahre 1898 in deutscher Sprache erschienene Abhandlung „Geldzins und Güterpreise“. In ihr arbeitet er mit einem Instrument, das man früher als „Zinsspannentheorie“ bezeichnet hat und das auf englische Ökonomen des frühen 19. Jahrhunderts zurückgeht. Betrachtet wird das Verhältnis eines sogenannten natürlichen Zinses und eines Geldzinses. Der natürliche Zins ist jener Zins, bei dem eine Volkswirtschaft ohne Geld ihr Gleichgewicht fände. Er lässt sich in der Praxis nicht beobachten. Der Geldzins ist jener Zins, der von Banken für Unternehmenskredite verlangt wird. Im Gleichgewicht einer Wirtschaft sind die beiden Zinssätze identisch – in der Praxis sind sie es meist nicht.

Wicksell untersucht nun unter anderem, wie in einer Wirtschaft ohne Bargeld, in der Geschäftsbanken Buchgeld durch die Vergabe von Krediten an Unternehmen schaffen können, durch Diskrepanzen von natürlichem Zins und Geldzins das Güterpreisniveau – das ist in alter Diktion die Zinsspanne – in Bewegung kommt. Wie entstehen solche Zinsspannen? Wicksell sieht den natürlichen Zins permanent in Bewegung, getrieben unter anderem durch Produktivitätsfortschritte, die den natürlichen Zins nach oben treiben. Diesen Bewegungen folgt der Geldzins oft nur mit Verzögerung. Warum? Wicksell schreibt:

„Ich begnüge mich, auf einen Umstand hinzuweisen, der, wie allenthalben zugegeben wird, für die tatsächliche Gestaltung der Bankpolitik von entscheidender Bedeutung ist: nämlich die Macht der Gewohnheit, der Routine auf diesem Gebiete. Bei der großen Verantwortlichkeit seiner Stellung, der Unübersehbarkeit der Konsequenzen dieser oder jener Maßregel fällt es gewiss keinem gewissenhaften Bankleiter ein, sich unnötigerweise gewagten Kombinationen und Experimenten hinzugeben… Was insbesondere die Zinspolitik der Banken betrifft, so liegt schon in der Tatsache, dass weder eine einzelne Bank noch die Banken eines einzelnen Landes dieselbe auf eigene Faust…zu regeln vermögen, ein überaus starker Beweggrund zur Konservierung der einmal festgestellten Sätze. „

Wicksell analysiert die Folgen einer solchen Zinsspanne zwischen dem natürlichen Zins und dem Geldzins in einer vollbeschäftigten Wirtschaft. Der jetzt zu niedrige Geldzins veranlasst die Unternehmen, zusätzliche Bankkredite nachzufragen, aber da die Wirtschaft vollbeschäftigt ist, kommt es in erster Linie zu einem steigenden Güterpreisniveau sowie steigenden Nominallöhnen. Diese Prozesse dauern so lange, bis der Geldzins sich wieder dem natürlichen Zins angepasst hat:

„Es würde jedoch folglich jetzt alles ins Gleichgewicht kommen, jedoch auf einem höheren Niveau von Geldpreisen, -löhnen und -renten.“

Wicksell entwickelt aus seinen Betrachtungen zur Zinsspanne keine Konjunkturtheorie; für ihn sind Konjunkturzyklen in erster Linie realwirtschaftlich bedingt. Aber völlig konjunkturneutral sind Veränderungen der Zinsspanne auch nicht. Er sieht aus einer Vergrößerung der Spanne zwischen natürlichen Zins und Geldzins durchaus einen Anreiz, der zu einer Präferenz von Kapitalgütern im Vergleich zu Konsumgütern führen kann. Die Grundidee einer auf Überinvestitionen beruhenden Konjunkturtheorie, wie sie unter anderem die Österreichische Schule später entwickelte, findet sich in einem Zitat wie dem nachfolgenden:

„Eine notwendige Modifikation erfährt freilich dieses Raisonnement durch den Umstand, dass unter solchen Verhältnissen wahrscheinlich zunächst ein größerer als der gewöhnliche Kapitalanteil der Herstellung dauerbarer Güter gewidmet wird. Es kann eine relative Überproduktion in Häusern und dergleichen neben einer relativen Unterproduktion der übrigen Güter entstehen.“

Aber Wicksell ist diesen Weg nicht weiter gegangen; vielmehr hat er die Bedeutung solcher Effekte wieder relativiert.

Fassen wir zusammen:

  • Das wichtigste Ergebnis einer Zinsspanne sind für Wicksell Veränderungen des Güterpreisniveaus und anderer nominaler Größen. Das Preisniveau steht im Mittelpunkt der Analysen.
  • Realwirtschaftliche Effekte der Zinsspanne werden angedeutet, aber nicht ausgearbeitet und in ihrer Bedeutung relativiert. Wicksells Zinsspannentheorie ist keine Konjunkturtheorie.
  • Wicksells Theorie ist ein endogene: Veränderungen der Zinsspanne  das Ergebnis  von Vorgängen in der Wirtschaft: Der natürliche Zins befindet sich permanent in Bewegung und hat die Tendenz, unter anderem als Folge von Produktivitätsgewinnen zu steigen. Das im Vergleich aus Gründen der Gewohnheit träge Verhalten der Geschäftsbanken, den Geldzins zu verändern, erklärt wesentlich die Zinsspanne.

Wicksells Arbeit hat sehr stark nachgewirkt: Als in der Zeit zwischen den Weltkriegen die Konjunkturforschung mächtigen Auftrieb erhielt, wurden unter anderem die drei damals führenden Schulen – die Schwedische Schule, die Österreichische Schule und die Cambridge-Schule (sehr gut beschrieben in einem Buch von David Laidler) – von Wicksell beeinflusst. Die Grundidee, dass durch einen zu niedrigen Geldzins Veränderungen zwischen Kapitalgüter- und Konsumgüterproduktion stattfinden, ist für alle drei Schulen typisch und nicht nur für die Österreichische Schule. Wir betrachten im Nachfolgenden alleine die Wirkung Wicksells auf die Österreicher Mises und Hayek.

 

Ludwig von Mises (1912)

Ludwig von Mises Habilitationsschrift aus dem Jahre 1912 „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ gilt vielen Anhängern der Österreichischen Schule als eines der bedeutendsten Werke der monetären Ökonomik. Allerdings spielt die Entwicklung einer Konjunktur- und Krisentheorie auch nach Mises‘ eigenen Worten in dem Buch nur eine geringe Rolle. In einem mehr als 400 Seiten Werk wird sie nur auf den Seiten 427 bis 436 behandelt. Mises gelangt zu dem Schluss, Wicksells „Verdienst ist jedenfalls, das Problem klar formuliert zu haben“, indem er zwischen einem natürlichen Kapitalzins und einem Geldzins unterscheidet. Aber seinen „höchst beachtenswerten“ Versuch „kann man nicht als gelungen bezeichnen.“

Dabei beschäftigt sich Mises in seinem Buch sehr ausführlich mit dem Thema Preisniveau und er nennt auch einen Einfluss, der über durch Änderungen des Preisniveaus induzierte Änderungen der Einkommens- und Vermögensverteilung den natürlichen Zins beeinflusst: „Ceteris paribus sorgt ein Individuum , das über ein größeres Einkommen verfügt, besser für die Zukunft als ein solches mit geringerem Einkommen, vorausgesetzt, dass sich beide bei der Verwendung ihres Einkommens lediglich von wirtschaftlichen Methoden leiten lassen.“ Diese Wirkung auf den natürlichen Zins sollte aber nicht überschätzt werden: „Für die Mehrzahl der Fälle wird es wohl gelten, dass die Verschiebungen, die sich aus einer Vermehrung des Geldvorrates bei gleichbleibendem Geldbedarf ergeben, zu einer kleinen Senkung… führen; unbedingt notwendig ist diese Folge jedoch nicht.“

Einen weiteren Einfluss auf die Höhe und die Beweglichkeit des natürlichen Zinses übt ein Einfluss aus, den Mises von seinem Lehrer Böhm-Bawerk übernommen hat: Die Elastizität des Konsums. Wenn die Konsumgüter ganz oder zum größten Teil für den Lebensunterhalt der Menschen gebraucht werden – Mises verwendet Böhm-Bawerks Begriff „Subsistenzfonds“ – , kann es selbst bei einer Vergrößerung der Zinsspanne kurzfristig keine starken Verschiebungen von der Konsumgüter- zur Kapitalgüterproduktion geben, weil die Menschen dann verhungern würden.

Seine Konjunktur- und Krisentheorie, die Mises als Fortführung von Überlegungen englischer Ökonomen des 19. Jahrhunderts und von Wicksell betrachtet, geht vereinfacht so:

Eine Vergrößerung der Zinsspanne sorgt dafür, dass kapitalintensive Herstellungen von Investitionsgütern rentabel werden, die es bisher nicht waren – das ist die für die Österreichische Schule typische, berühmte „Verlängerung von Produktionsumwegen“, die durch die Berücksichtigung der Kapitaltheorie Böhm-Bawerks zustande kommt. Unter der Annahme einer vollbeschäftigten Wirtschaft müssen die Arbeitskräfte für die neuen Investitionsgüter durch Lohnerhöhungen aus der Konsumgüterproduktion abgezogen werden. Es kommt zu Preiserhöhungen für Kapitalgüter und wegen der Lohnerhöhungen auch zu Preiserhöhungen von Konsumgütern, die aber geringer bleiben als die Preiserhöhungen der Kapitalgüter. Außerdem reduziert sich die Zinsspanne ein wenig, weil durch die mit den Preiserhöhungen verbundenen Verteilungseffekte der natürliche Zins ein wenig fällt – das reicht aber nicht, um die Zinsspanne auf Null zu bringen. Im Laufe der Zeit steigen die Preise der Konsumgüter dann stärker als die Preise der Kapitalgüter, weil nicht nur die Löhne steigen, sondern auch die Konsumgüterproduktion eingeschränkt werden musste. Nun kommt es zur einer Rückverlagerung von Kapazitäten in die Konsumgüterproduktion und Erhöhungen des Geldzinses durch die Banken: „Das ist der Weg, auf dem sich das durch das Eingreifen der Banken gestörte Gleichgewicht des Darlehensmarktes wieder herstellt.“ (Mises)

Die Banken könnten versuchen, diesen Prozess durch weitere Geldzinssenkungen herauszuzögern, aber der Prozess muss enden, entweder weil weitere Zinssenkungen betriebswirtschaftlich nicht mehr gehen oder weil das Geld wegen hoher Inflation nicht mehr akzeptiert wird. Was bleibt? Ein höheres Preisniveau (wie bei Wicksell) und „krisenhafte Erscheinungen“, weil ein Teil des investierten Kapitals verloren geht: „Es ist nicht angängig, alle Produktivgüter aus jenen Verwendungen, die sich nun auch als unrentabel erweisen, in andere Verwendungsarten überzuführen; ein Teil kann nicht mehr herausgezogen werden und muss daher entweder gänzlich unbenützt oder doch wenigstens weniger wirtschaftlich benützt stehen gelassen werden; in beiden Fällen liegt ein Wertverlust vor.“

Wie erklärt Mises das Verhalten der Banken? Mit ausdrücklichem Verweis auf Wicksell bezeichnet er sie grundsätzlich als konservativ.  Aber wenn „der Aufschwung selbst die Kühlen mitreißt, wird es anders. Wenn der Kapitalzins steigt – das Hauptsymptom der aufsteigenden Konjunktur – dann ertönt von allen Seiten der Ruf nach billigem Geld, und die Banken setzen dieser Forderung nur mehr schwachen Widerstand entgegen. Sie geben nach, wenn auch nur zögernd und nicht in jenem Maße, in dem die kreditbedürftige Menge es wünscht. Dann aber kommt der Punkt, wo sie nicht länger mitgehen wollen….“ Die Politik wird als Einfluss, der die Banken im Aufschwung „mitreißt“, nicht ausdrücklich genannt, aber sie könnte eine Rolle spielen.

Man kann in diesen Darstellungen den Nukleus der bis heute vertretenen Österreichischen Konjunkturtheorie erkennen. Hat man hier aber nun eine umfassende und alles erklärende Konjunkturtheorie, wie heute manche Austrians zu suggerieren scheinen? Ludwig von Mises selbst sah das 1912 überhaupt nicht so. Statt dessen relativierte er die Bedeutung dieser Konjunkturtheorie sehr stark und er verwies ausdrücklich darauf, dass Krisen auch ohne die Geldschöpfung durch Banken zustande kommen können:

„Es ist nicht die Aufgabe dieser Arbeit, eine Theorie der Wirtschaftskrisen zu entwickeln. Nur soweit aus dem Mechanismus des Geld- und Umlaufmittelwesens heraus krisenhafte Erscheinungen entstehen können, wollen wir sie betrachten. Sicher ist, dass der Ursprung der Krisen nicht lediglich hier zu suchen ist, dass ein Missverhältnis zwischen Produktion und Konsumption periodisch auch dann eintreten könnte und müsste, wenn die wirtschaftlichen Güter stets nur um direkten Tausche umgesetzt würden. Die wissenschaftliche Erörterung des Krisenproblems hat schwer darunter gelitten, dass man die einzelnen Krisenarten und ihre Ursachen nicht streng genug gesondert hat. Wir wollen diesen Fehler vermeiden. Unsere knappen Ausführungen sollen lediglich der einen Krisenursache gelten, die wir in der den Banken gebotenen Möglichkeiten erblicken, den durch die Verhältnisse des Kapitalmarktes gegebenen Satz des Kapitalzinses durch Vermehrung ihrer Umlaufsmittelzirkulation zu unterbieten. Es ist wichtig zu beachten, dass es sich hier nur um eine Krisenursache handelt, die neben anderen wirksam ist, vielleicht in der Regel an Bedeutung hinter jenen zurücktritt.“

Fassen wir zusammen:

  • Für von Mises ist das Güterpreisniveau in seiner Arbeit sehr wichtig. Über Veränderungen der Verteilung von Einkommen und Vermögen als Folge von Veränderung  des Preisniveaus sind unter anderem Beeinflussungen des natürlichen Zinses möglich.
  • Von Mises leitet aus Betrachtungen der Zinsspanne eine Konjunktur- und Krisentheorie ab, die aber nicht im Mittelpunkt seiner Analysen steht und deren Bedeutung vom Autor stark relativiert wird.
  • Die aus der Zinsspanne abgeleitete Konjunktur- und Krisentheorie ist eine primär endogene; das Verhalten der Wirtschaftsteilnehmer erklärt sich aus dem wirtschaftlichen Ablauf heraus; starke Einflüsse der Politik auf die Banken werden in dem Abschnitt über die Konjunkturtheorie nicht besonders herausgestellt.

 

Ludwig von Mises (1928)

Sechzehn Jahre können eine lange Zeit sein. Einen Weltkrieg, den Zusammenbruch der Habsburger-Monarchie, politische sowie wirtschaftliche Verwerfungen in Europa und enttäuschte Karrierehoffnungen später – eine Professor an der Wiener Universität blieb ihm versagt – präsentierte sich Mises im Jahre 1928 ungleich radikaler und selbstgewisser als im Jahre 1912. In seiner im Jahre 1928 veröffentlichten Abhandlung „Geldwertstabilisierung und Konjunkturpolitik“ beschreibt er die Abläufe seiner Konjunktur- und Krisentheorie im wesentlichen nicht anders als im Jahre 1912, aber die in der Frage der Einordnung der Theorie und der Verursachung der Krisen hat sich seine Position gewandelt.

Sah er seine Theorie im Jahre 1912 noch nicht als sehr wichtig an, so hat sich diese Einschätzung nun geändert: „Es gibt heute nur noch eine Geldwerttheorie, nämlich die Quantitätstheorie, und nur noch eine Konjunktur- und Krisentheorie, nämlich die von der Currencytheorie ausgehende Zirkulationskredittheorie, die man meist als die monetäre Konjunkturtheorie bezeichnet.“ Und Mises macht deutlich, dass er nach seiner Einschätzung zur (damals) modernen Fassung dieser Theorie wesentlich beigetragen habe.

Warum senken die Banken durch Geldschöpfung immer wieder einmal unter das Niveau des natürlichen Zinses? „Die Antwort hat zu lauten: Weil die herrschende Ideologie des Geschäftsmannes und des Wirtschaftspolitikers in der Ermäßigung des Zinsfußes ein wichtiges Ziel der Wirtschaftspolitik erblickt und weil sie die Erweiterung des Zirkulationskredits als das geeignetste Mittel zur Erreichung dieses Zieles erachtet“, schreibt Mises nun. In diesem Zusammenhang kritisiert Mises die Etablierung des staatlichen Banknotenmonopols:

„Der Bankier und die private Aktienbank wurden durch die privilegierte Notenbank verdrängt, weil die Regierungen aus fiskalischen und aus kreditpolitischen Erwägungen die Erweiterung des Zirkulationskredites begünstigten. Die bevorrechteten Institute konnten nicht nur darum bedenkenlos in der Kreditgewährung vorgehen, weil sie in der Regel das Monopol der Notenausgabe hatten, sondern auch, weil sie darauf rechnen durften, daß die Regierung ihnen im Notfalle zuhilfe kommen werde.“

Folgerichtig sieht er Versuche, Krisen durch Staatseingriffe zu dämpfen, als verwerflich an:

„Jedenfalls aber hat die Übung, zugunsten der durch die Krise notleidend gewordenen Banken und ihrer Kunden zu intervenieren, den Erfolg, dass sie die Kraft ausschaltet, die aus der Wirtschaft heraus gegen die Wiederkehr der Überspannung eines neuen Aufschwungs und der sie notwendig abschließenden Krise wirken kann. Wenn die Banken aus der Krise unversehrt oder nur wenig beschädigt hervorkommen, was soll sie dann abhalten, wieder den Versuch zu beginnen, den Zirkulationskredit zu erweitern und den Leihsatz künstlich zu drücken? Würde man die Krise rücksichtslos ihr Werk der Vernichtung der zahlungsunfähig gewordenen Unternehmungen vollbringen lassen, dann würden in Hinkunft alle Unternehmer mehr Zurückhaltung walten lassen; nicht nur die Banken in der Kreditgewährung, sondern auch die übrigen Geschäftsleute in der Inanspruchnahme von Kredit. Statt dessen billigt die öffentliche Meinung die Hilfe in der Krise, und ermuntert, kaum dass das Ärgste überwunden ist, die Banken zu neuer Expansion des Zirkulationskredits.“

Der Mises, den heutige Austrians verehren, ist in erster Linie der Mises des Jahres 1928, nicht unbedingt der Mises des Jahres 1912, auch wenn er damals seine grundlegende Schrift zum Geldwesen veröffentlicht hatte.

Fassen wir zusammen:

  • Für von Mises von 1928 besitzt das Güterpreisniveau nach wie vor eine erhebliche Bedeutung. Unter anderem werden wie 1912 die Verteilungseffekte betont.
  • Die auf der Zinspanne beruhende Konjunktur- und Krisentheorie wird nunmehr als die einzig richtige Konjunkturerklärung bezeichnet.
  • Die aus der Zinsspanne begleitete Konjunktur- und Krisenerklärung ist nunmehr eine exogene. Ein nachhaltig zu niedriger Geldzins wird als Ergebnis politischen Wollens bezeichnet.

 

Friedrich von Hayek (1929)

Die Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule hat mit Ludwig von Mises‘ Schüler Friedrich von Hayek in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erlebt.  Da unser Thema heute die Entwicklung der Österreichischen Theorie bis zu ihrem Höhepunkt ist, steht im Zentrum unserer Behandlung Friedrich von Hayeks nicht dessen wohl bekannteste konjunkturtheoretische Abhandlung „Preise und Produktion“ aus dem Jahre 1931, auf die wir uns in einem früheren FAZIT-Beitrag bezogen hatten. Wir schauen uns heute Hayeks Studie „Geldtheorie und Konjunkturtheorie“ aus dem Jahre 1929 an, weil sich Hayek in ihrer auch mit den Arbeiten seines Lehrers Ludwig von Mises auseinandersetzt. „Geldtheorie und Konjunkturtheorie“ wurde Mitte der siebziger Jahre nach der Vergabe des Nobelpreises an Hayek in einer zweiten Auflage neu herausgegeben. Kürzlich hat sie im Rahmen der vortrefflichen Hayek-Ausgabe des Verlags Mohr Siebeck einen weiteren Abdruck erfahren.

In der Beschreibung der Konjunktur- und Krisentheorie lehnt sich Hayek zunächst an Mises an: Durch einen im Vergleich zum natürlichen Zins zu niedrigen Geldzins kommt es zur „Verlängerung von Produktionsumwegen“. Es entstehen zu viele Kapitalgüter und es kommt zur Krise, weil die überzähligen Kapitalgüter nicht friktionslos in die Konsumgüterproduktion transferiert werden können, wenn das Pendel umschlägt. Hayek hat aber zwei Probleme mit dem Mises des Jahres 1928.

Der erste ist Mises‘ Festhalten der Bedeutung von Veränderungen des allgemeinen Güterpreisniveaus, während Hayek alleine die Bedeutung der Veränderung von relativen Preisen – den Veränderungen des Verhältnisses von Preisen der Kapitalgüter zu den Preisen der Konsumgüter – betonen möchte.

„Es handelt sich uns nämlich bei der Erklärung der Konjunkturschwankungen aus monetären Ursachen keineswegs darum, jene in erster Linie auf die heute den Hauptgegenstand der Geldtheorie bildenden Geldwert- oder Preisniveauänderungen zurückzuführen.“

Von derartigen Vorstellungen habe sich Mises nur „zum Teil“ freigemacht.

Und zum zweiten findet Hayek die Begründung für das Entstehen einer Zinsspanne durch den Mises des Jahres 1928 sehr unbefriedigend:

„Während in der Analyse der Wirkungen eines vom natürlichen Zinses verschiedenen Geldzinses Mises gegenüber Wicksell zweifellos einen wesentlichen Fortschritt bedeutet, scheint mir seine Erklärung dieser Divergenz weniger gelungen als die Wicksells…“

Der Grund für Hayeks kritische Position gegenüber Mises ist in Hayeks Anspruch zu sehen, eine endogene Konjunktur- und Krisentheorie zur Hand zu haben, die Krisen aus der Wirtschaft heraus erklären kann und nicht auf die Annahme äußerer Einflüsse, im konkreten Falle politischen Fehlverhaltens, angewiesen ist. Eine Einstellung des Typs „Wenn etwas schief läuft in der Wirtschaft, kann nur der Staat schuld sein“ besitzt die Eigenschaft maximaler Simplizität, wird aber nicht notwendigerweise durch Wissenschaftlichkeit geadelt. Wicksell hatte eine endogene Erklärung für die Zinsspanne gegeben und auf Prozesse verwiesen, die innerhalb des Wirtschaftslebens ablaufen. Hayek schließt nicht aus, dass es politische Ursachen für Zinsspannen geben kann, aber sie grundsätzlich darauf zurückzuführen, wie es Mises 1928 tat, geht ihm entschieden zu weit. Im Zuge des säkularen Niedergangs der Österreichischen Konjunkturtheorie im Anschluss an die Arbeiten Hayeks, in dem sich nachlassende Theoriearbeit mit zunehmender weltanschaulicher Radikalisierung und unkritischer Anbetung von Säulenheiligen verbanden, wurde die Vorstellung einer endogenen Erklärung der Konjunktur in den Hintergrund gedrängt. Hayek hält dem entgegen:

„Die monetäre Theorie beraubt sich aber dadurch, dass sie die mit Notwendigkeit im Laufe der Entwicklung eintretenden Diskrepanzen zwischen Geldzins und natürlichem Zins vernachlässigt und die durch künstliche Herabsetzung des Geldzinses geschaffenen in den Vordergrund stellt, einer ihrer stärksten Stützen, die darin besteht, dass der von ihr dargestellte Vorgang unter der bestehenden Kreditorganisation immer wieder eintreten muss, sie also eine unserer Wirtschaft inhärente Tendenz darstellt und dadurch eine im strengsten Sinn des Wortes endogene Krisentheorie bietet… Die Situation, dass der von den Banken geforderte Zins unter dem ’natürlichen‘ Zinssatz liegt, kann nämlich keineswegs nur dadurch entstehen, dass die Banken den Zinsfuß ungebührlich herabsetzen.“

Und weil Hayek die Ansicht vertritt, dass Konjunkturen und Krisen „eine unserer Wirtschaft inhärente Tendenz darstellt“, erhebt er hohe Ansprüche an eine Theorie, die diese Tendenz beschreibt:

„Auch wenn wir nie Konjunkturschwankungen beobachtet hätten oder wenn alle tatsächlich beobachteten Konjunkturschwankungen sich glaubwürdig als Folge von Elementarereignissen erklären ließen, so müsste doch ein konsequentes Durchdenken der Wirkungen, die das besondere Funktionieren unserer bestehenden Kreditorganisation ausübt, zu der Erkenntnis führen, dass es monetär verursachte Schwankungen geben muss.“

Und da „mit Notwendigkeit wiederkehrende Schwankungen der Wirtschaft“ nun einmal zu beobachten sind, kommt Hayek zu dem Schluss,“dass keinerlei praktisch in Frage kommende geldpolitische Maßnahmen denkbar sind, diese Schwankungen gänzlich unterdrücken würden“. Auch diese Erkenntnis scheint in der Zwischenzeit ziemlich unter die Räder gekommen zu sein. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, Hayek wäre der Auffassung, mit einer alleine auf Politikfehler abzielenden Konjunkturerklärung würde sich die Österreichische Konjunkturtheorie unter Wert verkaufen.

Interessant ist auch dieses Zitat:

„Jene Erkenntnis zeigt ferner auch, wie unsinnig es ist, die Frage der Ursachen der Konjunkturschwankungen als Schuldfrage zu formulieren und etwa die Banken als die „Schuldigen“ an den Schwankungen der wirtschaftlichen Entwicklung hinzustellen.“

Für Hayek war – wie wohl für meisten heutigen Ökonomen zumindest aus dem Mainstream – offensichtlich, dass den Notenbanken keine alleinige Verantwortung zugewiesen werden kann: Ihm war sehr wohl bekannt, dass die Notenbank keine vollständige Kontrolle über die umlaufende Geldmenge besitzt: „Nun sind aber die Notenbanken keineswegs der einzige Faktor, der eine Veränderung der Umlaufsmittelmenge herbeiführen kann, sondern sie sind auch, obwohl sie ihrerseits die Tätigkeit der anderen Faktoren in weitem Maße zu beeinflussen oder zu kompensieren vermögen, selbst wieder in weitem Maße von diesen abhängig.“ In diesem Zusammenhang verweist Hayek unter anderem auf die Fähigkeit der Geschäftsbanken, durch die Vergabe von Krediten Buchgeld zu schöpfen. Daran schließt sich eine auch noch aus heutiger Sicht sehr interessante Diskussion der Frage an, in welchem Rahmen Geschäftsbanken aus eigenem wirtschaftlichen Interesse Buchgeld durch Kreditvergabe schaffen können. Hayek schreibt zur noch heute vieldiskutierten Frage, inwieweit die Geschäftsbanken bei ihrer Buchgeldschöpfung durch eine Nachfrage nach Zentralbankgeld (im konkreten Fall Bargeld) beschränkt werden.

Abschließend stellt sich die Frage: Da Hayek Konjunkturschwankungen in einem Geldsystem für normal hält, in dem Banken Geldschöpfung durch Kreditvergabe betreiben, braucht man vielleicht ein anders Geldsystem? Auf diesem Pfad wandeln ja auch manche modernen „Österreicher“.

Auf den Vorschlag, den Banken die Macht der Geldschöpfung durch Kreditvergabe zu nehmen, schreibt Hayek:

„Aber auch wenn wir nur annehmen, dass jene Forderung prinzipiell durchführbar wäre, so muss es doch höchst fraglich erscheinen, ob irgend jemand ihre Durchführung wünschen würde, wenn er sich über ihre Folgen im Klaren ist. Würde doch die Stabilität der Wirtschaft damit erkauft werden, dass der Zins … dauernd höher stünde, als dies sonst der Fall wäre, und dadurch der technische Fortschritt verlangsamt würde, weil die Ausnützung von Erfindungen und der „Herbeiführung neuer Kombinationen“ erschwert und damit ein psychologischer Antrieb für die Entwicklung in Wegfall gebracht würde, dessen Bedeutung nicht nach rein ökonomischen Erwägungen ermessen werden kann. Es ist wohl nicht Zuviel gesagt, wenn man behauptet, dass eine derartige Politik bei dem heutigen Stand er Einsicht des Publikums und der Vertreter der Wissenschaft nicht nur praktisch völlig undurchführbar, sondern auch theoretisch kaum zu rechtfertigen wäre.“

Das ist nicht John Maynard Keynes, das ist Friedrich von Hayek! Und wer es nicht glauben mag, hier ist ein weiteres Hayek-Zitat:

„Indem die Banken  zusätzliche Kredite zur Befriedigung einer verstärkten Kreditnachfrage schaffen, die durch neue Möglichkeiten zur Verbesserung oder Ausdehnung der Produktion verursacht wird, verhindern sie, dass jeder solche Antrieb zur Ausgestaltung des Produktionsapparates so schnell an dem Steigen der Zinssätze ein unüberwindliches Hindernis fände, wie es der Fall sein müsste, wenn sich der Fortschritt nach der Decke des wenig veränderlichen Stromes von Ersparnissen stecken müsste.“

Manchmal hat man den Eindruck, niemand könnte von einer Lektüre der Schriften Friedrich von Hayeks mehr lernen als moderne Austrians.

Fassen wir zusammen:

  • Hayek steht konjunkturtheoretisch einerseits auf den Schultern von Wicksell und Mises, aber er setzt eigene Akzente.
  • Dazu gehört eine Geringschätzung der Bedeutung des allgemeinen Güterpreisniveaus.
  • Hayek strebt nach einer endogenen Konjunkturtheorie und lehnt politische Schuldzuweisungen ab.
  • Hayek stellt 1929 nicht die „Geldsystemfrage“: Das herrschende Geldsystem begründet Konjunkturschwankungen, trägt aber insgesamt zur wirtschaftlicher Dynamik und Fortschritt bei.

 


9 Lesermeinungen

  1. FAZIT‘S „ Findlinge" erweitern Kenntnisse:
    Komplementär dazu ein Paradigma Weber‘s ,dass mit unmissverständlichen
    Bildern einer Perzeptionen Vielfalt herbeiführt,
    mit einer hinreißenden
    Sprache:
    « Si nous prenons successivement pour objet de l’interprétation LE CAPITAL de Karl Marx ,FAUST ,le plafond de la chapelle Sixtine ,les
    CONFESSIONS de Rousseau ,les expériences de sainte Thérèse d’Avila ,de
    Mme Rolland ,de Tolstoi,de Rabelais ,de Marie Bashkirtseff ou le SERMON
    SUR LA MONTAGNE,il en résulte une diversité infinie de prises de position
    « axiologiques » et l’ »interprétation «  de ces objets si différents quant à
    la valeur,possède ,à condition qu’elle en vaille la peine et qu’on s’y applique – ce que nous présupposons ici pour les besoins de la cause-,un seul élément commun,de caractère FORMEL,qui tend par son SENS à nous révéler les différents « points de vue « et »points d’application « 
    POSSIBLES de l’ »évaluation « . »[Etudes Critiques de Logique des Sciences/Études Critiques pour servir à la logique des sciences de la « culture « ,1906,Librarie Plon ,Paris 1965,Übersetzung ausgewählte Essais
    :Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre von Max Weber].

  2. Geldschöpfung - Debatten gestern und heute
    In Hayeks Anhandlung „Geldtheorie und Konjunkturtheorie“ von 1929 finden sich Beobachtungen, die genau so für heutige Debatten über die Geldschöpfung geschrieben sein könnten – wenn man zur wissenschaftlichen Literatur heutige Blogdebatten addieren würde:

    „Über wenige Fragen des Geld- und Bankwesens besteht in der deutschen wissenschaftlichen Literatur eine solche Unklarheit wie über die Möglichkeit und Bedeutung einer Vermehrung der Umlaufsmittel durch die Kreditgewährung der Depositenbanken… Man muss dabei fast sagen, dass an dem Mangel an Übereinstimmung die meisten Vertreter der Möglichkeit der Kreditschaffung mehr Schuld tragen als ihre Gegner, weil jene die an sich richtige These durch Übertreibungen und unrichtige Begründungen diskreditiert haben… Der Hauptgrund der Unklarheiten, die hinsichtlich der Kreditschaffung im Depositengeschäft bestehen, liegt darin, dass man zumeist nicht zwischen den Möglichkeiten, die einer einzelnen Bank gegeben sind, und den für das ganze Banksystem als solches bestehenden Möglichkeiten unterschieden hat.“

    Gruß
    gb

    • Viele Missverständnisse, viele Schuldige
      Ich denke es gibt noch viel mehr „Missverständnisse“ und mehr Schuldige. Viele Probleme entstehen alleine schon aus der Unfähigkeit vieler Beteiligten, zu klaren Definitionen zu gelangen. ( Man nehme nur das Wort „Geldmenge“. Diskutiert ein halben Dutzend gibt es eben so viele Auffassungen, was zur Geldmenge gehört und was nicht. Von den – vermeintlich – zwingenden Auswirkungen einer gestiegenen Geldmenge ganz zu schweigen. ).
      Ein weiterer Quell von „Unklarheit“ ( wobei der Vorwurf etwas sei in einer Gruppe „unklar“ ja schon impliziert, derjenige, der diese Unklarheit anprangert, hätte das abschließende Wissen ) ist sicher die Ideologie, die nicht nur ( unwissende ) Laien befällt, sondern auch vor gestandenen Wissenschaftlern nicht halt macht.
      Wenn ich hier vom Professor schreibe, der seit Jahrzehnten die uneingeschränkte Richtigkeit des Geldschöpfungsmultiplikators „lehrt“ und deshalb nicht in der Lage ist, Fakten anzuerkennen und weiter borniert, ohne sich einen Deut zu bewegen, seine These vertritt, wissen manchen Leser hier wen und welchen „Blog“ ich meine ….

      So gesehen gehört ein gewisser Diskurs immer zur Wissenschaft dazu denke ich. Gute Wissenschaft ist aber in der Lage, über die Zeit einen Fortschritt zu erziehlen und nicht im Diskurs zu verharren.

    • Ich habe letztes Jahr in einem FAZIT-Beitrag gezeigt, dass in der deutschen Lehrbuchliteratur zur Geldtheorie und Geldpolitik schon seit Jahrzehnten der naive Geldschöpfungsmultiplikator á la Phillips nicht mehr als Beschreibung der Realität gelehrt worden ist:

      http://blogs.faz.net/fazit/2017/07/14/das-geldangebot-ist-kein-geheimnis-8892/

      Und schon bei Hayek (1929) findet man eine sehr differenzierte Darstellung.

      Vielem, was zu diesem Thema in den vergangenen Jahren in Blogs beschrieben worden ist, lag offenbar Unkenntnis der – mittlerweile sehr umfangreichen – Literatur zugrunde.

      Gruß
      gb

  3. Zumutung des Unmöglichen
    Das Grundproblem der Ökonomen ist, dass sie die subjektive Seite nicht miteinbeziehen. Das Wirken des Klassenkampfes. Sie haben wohl eine Ahnung davon, insofern sie natürlich wissen, dass die Zinspolitik den „Klassengegner“ befrieden solle, dennoch gleichzeitig die Kapitalinteressen befriedigen, doch können sie das als unlösbarer Gegensatz eben so wenig ausschließen wie die Krisen. Ja, das Wirken des Klassenkampfes ist der subjektive Ausdruck für Zyklen und Krisen. Und das was sie da zu ignorieren suchen, delegieren sie an die Politik. Und da wiederum stoßen sie auf das relative Eigenleben des Politischen, die eigenen Interessen der politischen Kaste. Welchen sie wohl mit Machtmitteln begegnen, um nicht zu sagen: korruptiven, doch auch da wirken sie eben nicht in die gleiche Richtung. Ob der jeweils divergierenden Interessen der Einzelkapitalien. Und daraus ergeben sich die Antinomien in all ihren Theorien, wie er sich in den ständigen Schwankungen selbst innerhalb eines theoretischen Gebäudes, wie eben bei Mises und Hayek, zeigt. Mal marktradikal, mal „quasi-sozialistisch“. Oder manchmal beides gleichzeitig. Wie Trump zeigt, schließen sich Marktradikalismus und Protektionismus nicht aus. Und das wiederum wirkt auf das Klassengeschehen, und zwar relativ unberechenbar. Und damit wieder zurück auf das ökonomische Geschehen selbst. Flöhe hüten scheint leichter. Oder um es mit Rosa Luxemburgs Worten zu sagen: Eigentlich ist der Kapitalismus unmöglich (vgl. http://blog.herold-binsack.eu/2018/01/vom-unmoeglichen-kapital-zum-unmoeglichen-trump/).
    .
    Dennoch treibt er die Verwissenschaftlichung der Ökonomie voran, und damit die Überwindung anonymer Marktkräfte, wenn auch „mit dem Rücken zur Dialektik“ (ich glaube Engels hat das mal so aufgespießt; vgl. auch sein: die Dialektik ist „Wechselwirkung ungleicher Kräfte“, vgl. http://blog.herold-binsack.eu/2016/11/wechselwirkung-ungleicher-kraefte/), wie überhaupt in seinem gesamten Wissenschaftsbetrieb. Und diese Verwissenschaftlichung ist die Basis für die sozialistische Planwirtschaft. Ohne Zweifel auch für den Sozialismus eine schwere Herausforderung, wie wir wissen. Denn gerade das erst durch das Kapital geschaffene ökonomische Denken, erweist sich selbst als stärkstes Phantasma. Die Leute erkennen nicht, oder nur sehr schwer, oder nach schlimmen Krisen, wo das „gute Leben“ dem „ökonomischen“ widerspricht. Ja sie halten das ökonomische Denken für die Grundbedingung des „guten Lebens“. Eine immer kleiner werdende Minderheit, die dieses gute Leben lebt, scheint ihnen als Beweis für die Richtigkeit dieses Denkens zu genügen. Doch in jeder Krise wird dieses Denken selber zur Krise und somit in Frage gestellt. Der Wunsch der Marktradikalen ist das im Keim zu ersticken. Nicht nur die unwirtschaftlichen Unternehmen sollen ausgelöscht werden, sondern auch die „unwirtschaftlichen Gedanken“. Das wiederum stört die Kräfte des Marktes, die davon leben, dass möglichst viele überleben. Ein ebenso unlösbarer Widerspruch, denn Kapitalismus setzt die ständige „Enteignung der Enteigner“ voraus. Der “tendenzielle Fall der Profitrate“, so die marxsche Kritik (vgl. http://blog.herold-binsack.eu/2014/07/marxisten-und-der-tendenzielle-fall-der-profitrate/) erzwingt die immer höhere Konzentration des Kapitals. Und das ist immer auch ein Krieg – Jeder gegen Jeden. Ein totaler.
    .
    Je höher die Kapitalkonzentration, desto näher kommt diese Planwirtschaft und sprengt jede Art von Marktphantasma. Diese Entwicklung ist vorgezeichnet, nämlich angelegt schon in den „notwendigen“ Krisen des Kapitals. Doch ob dieser Sozialismus sich durchsetzt, oder vielleicht doch eine unsägliche Barbarei (wie Marx und Engels das im „Manifest“ notiert haben), denn diese kündet sich in jeder Krise nämlich auch an, und dies mit jeder Krise deutlicher, bleibt einstweilen offen, bzw. zeigt sich vorläufig noch als Stellungskrieg – auch innerhalb der ökonomischen Provenienz. Dort allerdings oft unter verkehrten Vorzeichen, bzw. nicht selten auch unter falscher Flagge. Immer dann, wenn die Konservativen sich als Revolutionäre aufspielen, treten sie unter falscher Flagge auf. Was aber nur bedeuten kann, dass sie die Widersprüche komplett in sich aufnehmen, wie gerade das am Beispiel Mises und Hayek erkennbar. Denn auch ihr Gegensatz ist Ausdruck ihrer theoretischen Inkongruenz. So liegt das Problem doch schon dort, wo eine Theorie entwickelt wird, die nur für einen Teilaspekt eines aber ansonsten unteilbaren Problems gelten soll. Das öffnet doch jeder Fehlinterpretation wie auch falscher Kritik Tür und Tor, ja macht richtige Kritik zu einem Abenteuer. So hat Marx in seiner Kritik der politischen Ökonomie immer darauf beharrt, und das wurde von Engels in den Vorworten zu Band II und III des Kapitals, die er herausgegeben hat, speziell hervorgehoben, dass kein Teil des Ganzen herausgegeben wird, bevor das Ganze erstellt ist. Denn alles hängt von allem ab. Daran gemessen, wären für mich weder Hayek noch Mises Kandidaten für einen Nobelpreis gewesen. Den Hype um sie verstehe ich daher auch nur als Ausdruck größter Verzweiflung, nämlich insofern des Versuchs das „Unmögliche“ (Luxemburg) möglich zu machen. Sowohl die „Austrian Theory“ als auch nun der Machtantritt eines Trump lassen erkennen, wohin das führt, nämlich zur Zumutung des Unmöglichen.

  4. Die heute bekannte Lesart der Austrian Theory geht von etwas anderem aus
    Jedenfalls keineswegs davon, dass Zentralbanken die Konjunkturzyklen per inflatorische Geldpolitik erschaffen oder „erfunden“ haben. Die Austrian Theory stellt ganz im Gegenteil fest, dass die Bust-Phasen der Konjunkturzyklen nicht nur unvermeidlich, sondern sogar notwendig sind, um Fehlentwicklungen schnell zu korrigieren.

    Das ist der entscheidende Unterschied zu den heutigen monetären und keynesianischen Stabilisierungsideologien. Als deren Folge wird angegeben, dass durch die (versuchte) Unterdrückung von Konjunkturzyklen durch konstant inflatorische Geldpolitik und übertriebene Geldversorgung umfangreiche Fehlallokationen erzeugt werden. Unrentable Industrien werden künstlich am Leben erhalten. Auf lange Zeit werden diese Fehlallokationen größer und der ungeeignete Versuch der Vermeidung von Konjunkturzyklen wird sie aller Erwartung nach methodisch verschärfen.

    Das berühmteste Beispiel ist 1929, wo die größte bekannte wirtschaftliche Depression Folge der fehlerhaften Geldpolitik der FED und der späteren zentralplanwirtschafts-ähnlichen Preiskontrollen der Roosevelt-Regierung war. Ironischerweise wurde die FED 1913 mit der Begründung der Vermeidung von Krisen geschaffen. Das Zentralbankmodell war eigentlich 1932 schon gescheitert. Wobei der Fehler der FED damals, jedenfalls nach Friedmans Auswertung eher die zu späte monetäre Lockerung war. Was keine gro0e Rolle spielt, wichtig ist die inkompetente Handhabung der Geldpolitik. Eben das, was Hayek mit Anmaßung von Wissen bezeichnet hatte.

    Aus Sicht der Austrian Theory ist das Ergebnis von staatlichen Eingriffen das Gegenteil von Fortschritt, nämlich eine Zombiewirtschaft mit Nonsens-Geschäftsmodellen. Rothbard hat dazu die berühmte Anekdote zur Stabilisierung der Heuschreckenbekämpfung bekannt gemacht. Wir sehen direkt vergleichbares ganz heute bei der Nullzinspolitik der EZB, deren primäres Ziel es ist, bankrotte Staaten liquide zu halten.

    • „Das berühmteste Beispiel ist 1929, wo die größte bekannte wirtschaftliche Depression Folge der fehlerhaften Geldpolitik der FED und der späteren zentralplanwirtschafts-ähnlichen Preiskontrollen der Roosevelt-Regierung war.“

      Die These, dass die Krise von 1929 das Ergebnis der Fed war, ist mehr als umstritten. Der ausgeprägteste Verfechter dieser These war Murray Rothbard und nach meiner Kenntnis existieren selbst in Kreisen moderner Austrians erhebliche Zweifel, dass Rothbards Umgang mit den Zahlen, sagen wir mal vorsichtig, zu 100 Prozent sachgemäß war. Nach der österreichischen Theorie geht die stärkere Nachfrage nach Kapitalgütern später mit einer Konsumgüterpreisinflation einher. In den Vereinigten Staaten war die durchschnittliche jährliche Güterpreisinflation in den zwanziger Jahren allerdings NULL Prozent. Jetzt kann man argumentieren, dass als Folge von Produktivitätsgewinnen die optimale Inflationsrate aus österreichischer Sicht leicht negativ hätte sein sollen, aber ob eine Diskrepanz zwischen einer tatsächlichen Inflationsrate von Null und einer theoretisch optimalen Inflationsrate von leicht unter Null derartige Verwerfungen erzeugt, dass daraus eine schwere Weltwirtschaftskrise entsteht, ist mehr als fragwürdig. Die Neo-Austrians erzählen viele Geschichten, aber es ist auch nicht schlecht, auf die Zahlen zu schauen.

      Zur EZB und den Zombies. Auch da gibt es sehr unterschiedliche Ansicht, die kürzlich auf einer hochrangigen Konferenz ausgetauscht wurden und über die wir in FAZIT hier berichtet hatten: http://blogs.faz.net/fazit/2018/01/17/die-zombies-bitten-zum-duell-9563/

      Gruß
      gb

    • Wirklich umstritten?
      Danke für Ihre ausführlichen Hinweise.

      Darüber, dass die FED-Geldpolitik der 1929-Periode die Probleme mindestens verschlimmert hat, scheint m.W. aber doch weitgehend Zustimmung zu herrschen. Die relevanteste Untersuchung dazu stammt keineswegs von Austrians, sondern von Milton Friedman und Anna J. Schwartz. EZB-Analytiker meinen dazu: „We subject this model to what is perhaps the toughest possible test. We fit the model to U.S. data from the 1920s and 1930s and ask whether a different monetary policy might have moderated the output collapse experienced in the Great Depression. Our analysis suggests that the answer is “yes.” This is consistent with the hypothesis of Friedman and Schwartz (1963).“
      https://www.ecb.europa.eu/pub/pdf/scpwps/ecbwp326.pdf?36bb1b03bb93b10bd7f1a14c96db004a
      (… auch wenn es ein wenig danach klingt, als würde man den Bock zum Gärtnern befragen. Ca. 90 Jahre später ist es aber wohl nicht mehr aufwändig, schwere Fehler auch so zu nennen.)

      Sie zitieren ganz richtig die Inflationsrate von 0%. Die FED hatte die Discount Rate auf 6% angehoben, was einen Effektivzins in der gleichen Größenordnung bedeutete. Obwohl die Inflationsrate keinerlei Zwang dazu nahelegte. Ganz offensichtlich ist heute das gegenteilige Extrem gängig geworden. Die Schwierigkeit von Wissenschaftlern, Zombie-Investments zu finden, hat womöglich zwei Gründe: Das Auffinden solcher Firmen hängt stark von der Methodik ab. (Erst ein realer Test würde Klarheit bringen.) Ansonsten klang das Ergebnis für mich ein bisschen so wie das vergebliche Suchen von Bäumen im Wald

      Creditreform meint, es gäbe massenhaft Zombies https://www.welt.de/wirtschaft/article129834622/Mehr-als-270-000-Firmen-finanziell-angeschlagen.html
      Auf staatlicher Ebene werden zwecks Erhalt politisch erwünschter Konstrukte wie der Eurozone ganze Zombie-Ökonomien subventioniert. Von Zombiebanken war schon häufiger die Rede, so auch jetzt wieder https://www.nzz.ch/finanzen/die-welt-ist-voll-von-zombie-banken-ld.1328353

  5. Danke für den informativen Artikel
    Gerade das Werk und die Gedanken von Mises, halte ich für unverzichtbar in der heutigen Zeit. Sie sollten nicht vergessen werden. Sicherlich kann man an seinem Konzept des natürlichen Zinses berechtigte Kritik üben. Das schmälert aber nicht den Beitrag den dieser bedeutende Nationalökonom geleistet hat und der aus ideologischen Gründen leider oft negiert wird.

Hinterlasse eine Lesermeinung